Berliner Kurier 29.09.2018

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BERLINER KURIER, Sonnabend, 29. September 2018

Die Tanzszenen aus dem „Moka Efti“ wurden im Kino Delphi gedreht.

Der irreTanz in

einer wilden Zeit.

Berlin befindet

sich im Frühjahr

1929 in Aufruhr.

Wirtschaft und

Kultur,Politik

und Unterwelt –

alles befindet

sich in radikalem

Wandel.

Fotos: dpa

Von

TORSTENWAHL

Auf Sky feierte die Serie

„Babylon Berlin“ vor

knapp einem Jahr Premiere,

es war der Auftakt eines

Siegeszuges. An diesem Sonntag

nun laufen anstelle des Tatorts

die ersten drei Folge der

Kriminalgeschichte in der

ARD, die hier erstmals eine Kooperation

mit einem Bezahl-

Kanal eingegangen ist. Die Frage,

wie das große Publikum die

außergewöhnliche Serie annimmt,

ist spannender als das

übliche Täterrätsel im „Tatort“.

Viel kann man mit der Serie

„Babylon Berlin“ nicht falsch

machen. Die Zuschauerzahlen

übertrafen alle Erwartungen,

„Babylon Berlin“ zog in

Deutschland mehr als „Games

of Thrones“. Die Serie gewann

sämtliche einheimischen Filmpreise

und rief weltweit Interesse

hervor, wurde in mehr als

einhundert Länder verkauft.

Jetzt muss sich „Babylon Berlin“

bei einem seiner Hauptfinanziers

beweisen, dem Gebührenzahler.

Um die 12 Millionen

Euro soll die ARD zum

Gesamtbudget von knapp 40

Millionen Euro beigesteuert

haben. Das klingt viel, liegt aber

bei 1,5 Millionen Euro pro Doppelfolge

nur knapp über dem

Budget eines gleichlangen

„Tatorts“ –und hat so viel mehr

zu bieten. Ob Schauwert,

Schauspielerleistungen oder

Spannungsbogen: „Babylon

Berlin“ übertrifft alles, was das

deutsche Fernsehen sonst so

zeigt. Das ist nicht nur ein Genuss,

sondern zunächst eine

Herausforderung. Wer die

überschaubaren „Tatorte“ gewohnt

ist, wird gesteigerte

Konzentrationsleistungen aufbieten

müssen. Denn nach den

ersten drei Folgen hat der Zuschauer

zwar eine unüberschaubare

Schar von Figuren

gesehen –und weiß aber noch

lange nicht, wie sie einzuordnen

sind. Gangster und Kommissare

tragen ähnlich gediegene

Garderobe und setzen gleichermaßen

auf Gewalt. Die politische

undsoziale Situation in

Berlin wirkt fragil und spannungsgeladen.

Nur langsam schälen sich in

diesem babylonischen Gewirr

zwei Kriminalfälle heraus: Ein

aus der Sowjetunion kommender

Zug mit einem Waggon voller

Goldbarren wird sowohl

von deutschen Militärs, einer

trotzkistischen Gruppe und

Stalins Geheimdienst erwartet.

Der aus Köln stammende Kommissar

Gereon Rath (Volker

Bruch), kämpft mehr mit sich

selbst und seiner Morphium-

Abhängigkeit als mit seinem

Fall im Porno-Gewerbe. Den

nachhaltigsten Eindruck des

Auftaktabends hinterlassen die

Tanzszenen aus dem „Moka Ef-

ti“. Hier tummelt sich auch die

Sympathieträgerin der Serie:

Die ehrgeizige Stenotypistin

Charly Ritter (Liv Lisa Fries),

die sich abends in den Kellern

des Vergnügungstempels verkauft,

um die Familie durchzubringen.

Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter

Volker Bruch als Gereon Rath –

Mordermittler am Alexanderplatz

Die ARD-Sender, vor allem der

RBB, haben sich einiges einfallen

lassen, um die Ausstrahlung

zu unterstützen. Zum „crossmedialen

Medien-Event“ gehören

eine Radio-Hörspielreihe,

eine ARD-Dokumentation, eine

Podcast-Serie sowie eine interaktive

Karte, die Drehorte und

Schauplätze erklärt – durchweg

spannend und informativ.

Die interaktive Karte, die der

RBB im Netz anbietet, zeigt

nicht nur, wo die Szenen aus

dem „Moka Efti“ gedreht wurden,

nämlich im früheren

Stummfilmkino „Delphi“ in

Weißensee, sondern verbindet

30 Drehorte mit Filmausschnitten,

informiert über die Architektur

der Schauplätze. „Babylon

Berlin“ rekonstruiert das

Berlin der späten 20er Jahre ja

nicht historisch exakt, sondern

nimmt sich viele Freiheiten. So

laufen die Figuren oft über den

Alex –obwohl das „Berolina-

Haus im Hintergrund anno

1929 noch gar nicht stand. Das

Rote Rathaus verwandelt sich

in das einstige Polizeipräsidium

–die „Rote Burg“, die dort

stand, wo heute das „Alexa

steht. Die politische und historische

Einordnung von „Babylon

Berlin“ stammt von Volker

Heise, der in der ARD-Doku

„1929 –Das Jahr Babylon“ und

in einer Podcast-Reihe im RBB

danach fragt, wie aktuell das

Jahr 1929 heute ist. So war Berlin

1929 eine boomende Vier-

Millionen-Stadt mit 40 Tageszeitungen,

was Heise unter

dem Schlagwort „Jedem seine

Wahrheit“ mit den aktuellen

Filterblasen im Internet vergleicht.

In der Doku wie im Podcast

verkörpern vier Schauspieler

aus „Babylon Berlin“ – Fritzi

Haberlandt, Leonie Benesch,

Peter Kurth und Anton von Lucke

–einen Reigen von historischen

Figuren, aus deren Tagebuch-Aufzeichnungen

das Jahr

rekonstruiert wird.

Während die Doku auf die

zeitgenössischen Bilder bauen

kann, sucht Volker Heise im

Podcast als Reporter damalige

Orte im heutigen Berlin, besucht

die Pathologie in Moabit,

ein Obdachlosenheim, eine

Schwangerenberatung. Dabei

gibt es Momente, in denen einem

das Jahr 1929 näher

kommt, als einem lieb ist: Ein

Börsencrash wie im Oktober

1929 ist jederzeit denkbar, die

Probleme mit Drogen und Obdachlosen

sind nicht verschwunden,

ärmere Menschen,

werden wie damals an den

Stadtrand gedrängt und eine

kleine, unterschätzte rechtsextreme

Partei schafft es mit Provokationen

in die Medien.

Autor Volker Kutscher ist

längst im Berlin Mitte der 30er

Jahre angekommen: Sein siebter

Gereon-Rath-Roman erscheint

Anfang November. Die

ersten beiden Staffeln basieren

allein auf dem ersten Buch,

demnächst beginnen die Dreharbeiten

zur dritten Staffel mit

zehn weiteren Folgen.

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