FOCUS 38-2018 - Inner Circle

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POLITIK

GESELLSCHAFT

Der Bundesminister

Gerd Müller, 63 (CSU), sitzt seit

2013 als Bundesminister für

wirtschaftliche Zusammenarbeit

und Entwicklung in

Angela Merkels Kabinett

FOCUS Inner Circle

Frank Schätzing,

Herr Minister, werden die

Frauen Afrika retten?

FOCUS lud Bestsellerautor Frank Schätzing und

Entwicklungsminister Gerd Müller auf die Bühne der König Galerie

in Berlin ein. Ein Gespräch über Afrika, die Chancen künstlicher

Intelligenz und Deutschlands Verantwortung für die Welt

Galerie und Kunst

Der Schriftsteller

Der Kölner Frank Schätzing, 61, zählt

zu den erfolgreichsten Buchautoren

Deutschlands. Sein Roman

„Der Schwarm“ wurde mit 4,5 Millionen

verkauften Exemplaren zum Weltbestseller.

Das ZDF will die Geschichte

2019 als Serie verfilmen

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Galerist Johann König nutzt die

ehemalige St.-Agnes-Kirche

in Kreuzberg als Ausstellungsraum.

Gerade zeigt er dort

Installationen der Künstlerin

Alicja Kwade

37

Foto: Jens Oellermann/Hubert Burda Media


POLITIK

GESELLSCHAFT

„Mein Ansatz ist es, nicht auf Afrika herabzuschauen“ Gerd Müller (CSU)

P

olitik ist der Stoff, aus dem

seine Thriller gemacht sind.

Mit „Der Schwarm“, einer

Geschichte über die katastrophalen

Folgen des Klimawandels,

begeisterte Frank

Schätzing Millionen Leser.

Sein neuer Bestseller heißt „Die Tyrannei

des Schmetterlings“ und dürfte mindestens

einen potenziellen Leser in den Reihen

der Bundesregierung finden. Schließlich

dreht sich Schätzings neues Werk um

die Chancen und Risiken von künstlicher

Intelligenz (KI) und die Zukunft Afrikas.

Diese ist eines der zentralen Anliegen von

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller

(CSU). Bei der Diskussion

in der Berliner König Galerie

zeigte sich, dass den Autor

aus dem Rheinland und den

CSU-Mann aus dem Allgäu

noch etwas anderes verbindet:

ein optimistischer Blick

auf die Welt von morgen.

In dieser Woche jähren

sich die Terroranschläge

auf das World Trade Center.

Wie sehr spüren wir heute

noch die Nachwirkungen

dieses Schicksalstags?

Müller: Der Irakkrieg als

eine Folge des 11. Septembers

erzeugt immer noch dramatische

Nachwirkungen in

Form von IS-Terror, Bürgerkriegen

und Flüchtlingsströmen.

Schauen Sie nach Syrien.

In Idlib bahnt sich derzeit

eine der größten humanitären Katastrophen

unserer Zeit an.

Schätzing: 9/11 wird noch lange nachwirken.

Die Traumata sind unbewältigt,

die Art des Terrors, die damals entstand,

die Folgen der amerikanischen Intervention

im Irak, all das wird uns die nächsten

100 bis 150 Jahre begleiten. Kurzfristige

militärische oder humanistische Aktionen

werden daran nichts ändern.

Müssen wir uns auf mehr oder weniger

Fluchtbewegungen weltweit einstellen?

Müller: Im Augenblick sind rund 70

Millionen Menschen weltweit auf der

Flucht. Entwicklungsländer nehmen 90

Prozent aller Flüchtlinge auf. Der Großteil

kommt also gar nicht nach Europa.

In Deutschland sprechen wir zu Recht

über die großen Herausforderungen der

Flüchtlingskrise für unseren Staat. Dabei

sollten wir aber immer auch die Relationen

sehen. Entscheidend ist: Wir müssen

unseren Einsatz in den Herkunfts- und

Krisenländern noch wesentlich verstärken.

Dazu brauchen wir auch eine viel

breitere internationale Solidarität. Denn

nur fünf Länder der Welt leisten derzeit

90 Prozent der humanitären Hilfe.

Ihre Partei, die CSU, will die Grenzen

eher schließen als öffnen . . .

Müller: Natürlich dürfen nicht Schlepper

bestimmen, wer nach Europa

kommt. Wir sind für eine Obergrenze,

fordern europäische Solidarität in der

Flüchtlingsfrage ein. Für mich ist zentral,

Debatte über die großen Themen unserer Zeit Frank Schätzing und

Gerd Müller im Gespräch mit FOCUS-Chefredakteur Robert Schneider

den Menschen vor Ort eine Perspektive

zu geben. Ich plane zum Beispiel

eine Ausbildungsinitiative insbesondere

für Nordafrika. Dazu müsste mein Etat

gestärkt werden. Aber mit dem derzeitigen

Haushaltsansatz 2019 werde ich

dringende Programme nicht finanzieren

können.

Sollte Deutschland mehr Geld

in Afrika investieren?

Müller: Europa und Deutschland müssen

Afrika als Jahrhundertaufgabe begreifen.

Daher begrüße ich den Vorschlag von

Kommissionspräsident Juncker für nachhaltige

Investitionen und Arbeitsplätze

in Afrika. Die EU will aber nur 5,5 Milliarden

Euro pro Jahr bereitstellen. Um

das einzuordnen: China hat erst kürzlich

eine 60-Milliarden-Dollar-Investitionsof-

fensive angekündigt. Dies ist ein Weckruf

für Europa und unsere Wirtschaft. In

den nächsten zehn Jahren wird auf dem

afrikanischen Kontinent mehr gebaut als

in den letzten 100 Jahren in Europa. Da

sollten wir dabei sein.

Schätzing: Man muss diesen Teil der

Welt endlich ernst nehmen, statt ihn

weiter auszubeuten. Was China in Afrika

betreibt, ist letztlich nichts anderes

als eine neue Form des Kolonialismus.

Sie bauen Schulen, Straßen,

Krankenhäuser, aber vorrangig, um an

die Bodenschätze zu kommen. Davon

profitieren größtenteils Eliten. Unsere

Aufgabe muss die einer nachhaltigen

Entwicklung für alle Afrikaner

sein.

Müssen wir unsere

Lebensweise ändern,

um Afrika zu helfen?

Müller: In Ghana habe ich

die größte Elektronikschrotthalde

Afrikas besucht. 10 000

Kinder arbeiten dort inmitten

giftiger Dämpfe und bauen

unsere Computer und Mikrowellenherde

auseinander,

um zu überleben. Sie kennen

nichts anderes als unseren

Wohlstandsmüll. Wir beuten

Ressourcen aus, leben unseren

Wohlstand und schicken

den Müll dann zurück. Das

ist skandalös.

Wie weit sind Sie im Kampf

für Regeln und Gesetze?

Müller: Das Wichtigste ist

fairer Handel. Damit schaffen

wir viel größere Entwicklungssprünge

als mit öffentlichen Geldern. Es ist

nicht nur der Kaffee – an ihm kann man

aber die Wertschöpfung gut nachvollziehen:

Auf ein Kilo Kaffee, das wir für

acht bis zehn Euro kaufen, entfallen 2,19

Euro Steuer. Für die Bohnen bekommen

die Arbeiter nur 50 Cent. Das muss sich

ändern. Darum habe ich Finanzminister

Olaf Scholz an seinen Vorschlag von vor

zwei Jahren erinnert, die Kaffeesteuer

für fairen Kaffee abzuschaffen.

Afrikas Frauen sind der Schlüssel zum

Erfolg, haben Sie gesagt, Herr Minister.

Wie meinen Sie das genau?

Müller: Jeder der in den Kontinent

gereist ist, sieht das. Wer steht draußen

auf den Äckern? Wer kümmert sich um

die Kinder? Wer hält die Familien

Fotos: Christian Klant, Jens Oellermann/beide Hubert Burda Media, Markus C. Hurek

Globaler Blick: Entwicklungsminister

Gerd Müller und

Bestsellerautor Frank

Schätzing sehen in künstlicher

Intelligenz Chancen für eine

bessere Welt

Die Botschafterin Liechtensteins, Isabel Frommelt-

Gottschald, neben ihrem Ehemann (l.) und dem Geschäftsführer

von BurdaNews, Burkhard Graßmann

Ernst und fokussiert:

Arzt und

Comedian Eckart

von Hirschhausen

Im Auditorium der

König Galerie: Architekt

Stephan Braunfels

Treffpunkt FOCUS

Der Bundestagsabgeordnete

Christoph Ploß

(CDU) und Rechtsanwalt

Sven Jacob (r.)

Wie sieht die Welt von morgen aus? Darüber debattierten

Frank Schätzing, Gerd Müller und Gäste aus Politik, Wirtschaft und

Kultur beim FOCUS Inner Circle

Beim Selfie erwischt: ZDF-

Sportmoderatorin Annika

Zimmermann (l.) und

Journalistin Katie Gallus

Filmproduzent

Wolf Bauer neben

der Designerin

Jette Joop und ihrem

Lebensgefährten

Alexander Kinzler (r.)

Frank Schätzing

und der Galerist

Johann König (r.)

Berliner Zusammenarbeit:

Badr Abdelatty,

Botschafter Ägyptens,

und Maria Flachsbarth,

Parlamentarische

Staatssekretärin

im Entwicklungsministerium

Banker und Extremsegler Jochen Werne mit dem Chef des

„Hotel de Rome“ in Berlin, Gordon Debus (r.)

ZDF-Moderator Tim

Niedernolte (l.) und

Martin Zimmermann, Vorstand

Renault Deutschland

Journalistin und

„Bunte“-Ex-Chefredakteurin

Beate Wedekind

im Gespräch

Gut gelaunt:

Sebastian

Doedens

(FOCUS) mit

Birgit Homburger

(FDP)

Der Eigentümer des „Estrel“-Hotels

in Berlin, Ekkehard Streletzki, mit Gattin

Sigrid und der Ärztin Anke Höwing

Musikproduzent Sebastian

Schwarz (Tiefschwarz)

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POLITIK

„Wir müssen lernen, mit und von der Digitalisierung zu leben“ Frank Schätzing

GESELLSCHAFT

Dieser Text

zeigt evtl. Probleme

beim

Text an

zusammen? Das sind die Frauen. Wenn

die Frauen Afrikas jetzt einen viel stärkeren

Zugang zu Bildung und Eigentum

erhalten, dann wird der Kontinent in vielen

Bereichen erblühen. Deshalb setze ich

ganz stark auf Afrikas Frauen.

Schätzing: Geschlechtergleichheit erfordert

vor allem eine Reformierung von

Religion. Aller Religionen! Die Wurzel

des Übels der Unterdrückung der Frauen

liegt in den großen monotheistischen

Religionen. Deren Weltbilder gilt es zu

überwinden, um vollständige Gleichheit

herzustellen.

Welches Bild haben Sie eigentlich im

Kopf, wenn Sie an Afrika denken?

Müller: Offenheit, Vielfalt

und Freude der Menschen.

Schätzing: Ich muss zugeben,

ich war noch nicht in

Afrika. Kürzlich sah ich einen

Bericht über Menschen aus

Ghana, die in ärmlichsten

Verhältnissen leben. Dennoch

strahlen sie einen Optimismus

aus, der uns hier

beschämen sollte. Vielen

Deutschen scheint nicht klar

zu sein, dass sie an einem der

sichersten und wohlhabendsten

Orte der Welt leben.

Sind Digitalisierungsthemen

für Sie auch Entwicklungshilfethemen,

Herr Minister?

Müller: Absolut. Ich werde

im neuen Digitalkabinett

der Bundesregierung einen

Ansatz für E-Learning in

Afrika vorschlagen. Mit Digitalprogrammen

können wir selbst in entlegensten

Dörfern des Kontinents Bildung

und Wissen vermitteln.

Wie stark liegt Afrika bei der

Digitalisierung zurück?

Müller: Zu meinem Erstaunen hatte ich

in Burkina Faso einen besseren Empfang

als kürzlich im Berliner Umland. In Kenia

ist es auch kein Problem, beim Taxifahrer

elektronisch zu bezahlen. Und in Ruanda

wird derzeit mit unserer Unterstützung

ein intelligentes Carsharing-System eingeführt.

Die Afrikaner sind besser vernetzt,

als wir denken. Mein Ansatz ist

es, nicht auf Afrika herabzuschauen. In

mancher Hinsicht sind wir das Entwicklungsland.

Herr Schätzing, in Ihrem Buch

erklären Sie, wie KI helfen kann,

die großen Armutsprobleme,

etwa in Afrika, zu lösen. Wie

soll das funktionieren?

Schätzing: Es gibt etliche Ideen. Ein Beispiel:

Die Landwirtschaft Afrikas leidet

stark unter Schädlingen. Über KI-Programme

lassen sich Schwärme genmanipulierter

Insekten steuern, die das Heer

der Schädlinge wie eine fünfte Kolonne

unterwandern und zum Beispiel deren

Fortpflanzung verhindern. Man hat so

etwas mit Mittelmeerfruchtfliegen getestet,

und es hat funktioniert. Grundsätzlich

ist es wichtig, dass Afrika digitalisiert

wird, damit jeder dort von der Ressource

Internet profitiert.

Kunstvolles Ambiente Mit den Objekten ihrer Ausstellung „Entitas“

stellt Künstlerin Alicja Kwade die Frage: Woraus ist die Welt gemacht?

Die Pointe in Ihrem Buch ist: Der Mensch

entwickelt eine superintelligente

Maschine, die die Welt verbessern soll,

doch die KI kommt zu dem Schluss,

dass der Mensch das größte Übel auf

der Welt sei, und attackiert ihn. Haben

Sie Angst vor KI, oder sehen Sie eher

die Vorteile dieser Innovation?

Schätzing: Die Chancen sind gewaltig,

die Risiken ebenso. Das Problem: Wir

haben mit der Digitalisierung, speziell

mit KI, eine Technologie in Gang gesetzt,

der wir psychologisch hinterherhinken.

Das setzt Ängste frei. De facto hat technologischer

Fortschritt immer Arbeitsplätze

gekostet, aber auch jedes Mal neue

geschaffen. Wir müssen lernen, mit und

von der Digitalisierung zu leben.

Was bereitet Ihnen trotzdem Sorgen?

Schätzing: Der Missbrauch. KI ist das

ideale Instrument zur Überwachung. Es

gibt keine politische Nation auf dieser

Welt, in deren Händen ich diese Technologie

alleinig sehen möchte – und ebenso

wenig in den Händen von Monopolisten.

Aber genau das ist gerade der Fall.

Was kann die Politik tun, um den Menschen

vor der Maschine zu schützen?

Müller: Wir können viele Dinge nicht

durch Maschinen und Computer ersetzen.

Nehmen wir ein ganz konkretes Beispiel

für KI, das selbstfahrende Auto. Es

fährt auf der Straße und muss plötzlich

ausweichen. Links steht ein älterer Herr,

und rechts läuft ein Kind auf die Straße.

Wohin steuert das Auto? Da

stoßen wir auf ethische und

moralische Probleme, die große

Gefahren bergen.

Schätzing: Natürlich werden

auch Computer nie frei

von Fehlern sein, aber sie

werden bedeutend weniger

Fehler machen als Menschen.

Sie sind weder neue

Götter noch Dämonen, sondern

Helfer, um unser Leben

zu verbessern.

Nennen Sie uns einen Grund,

warum wir heute Nacht mit

Blick auf die Welt mit guten

Gefühlen schlafen können?

Müller: Vor 200 Jahren lebten

nur etwa eine Milliarde

Menschen auf der Welt. 95

Prozent davon in Hunger

und Armut. Heute können

wir knapp sieben Milliarden

Menschen ernähren. Aber die Zahl der

Hungernden steigt erstmals seit Jahren

wieder. Deswegen dürfen wir uns nicht

zufrieden geben. Das christliche Grundprinzip

muss weiterhin gelten: Der Starke

hilft den Schwachen, zu Hause und unter

den Staaten. Und deshalb haben wir, das

starke Deutschland, Verantwortung, zu

helfen und Humanität in der Welt zu leben.

Schätzing: Technologie hat unser Leben

meist verbessert. Nehmen Sie den medizinischen

Fortschritt der letzten 100

Jahre. Schauen Sie, was KI heute in der

Krankenpflege, in der Diagnostik und

Therapeutik zu leisten imstande ist. Das

sind positive Entwicklungen. Außerdem,

wer schlecht schläft, hat miese Laune.

Und mit mieser Laune kann man keine

bessere Welt erschaffen.

n

Foto: Jens Oellermann/Hubert Burda Media

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