Berliner Stimme Nr. 8 2018

berlinerstimme

Schwerpunkt Ost-Berlin

Zeitung der Berliner Sozialdemokratie | Nr. 8 · 2018 | 68. Jahrgang

TITELTHEMA

OST-BERLIN

MARLITT KÖHNKE

Spaziergang durch den

jüngsten Bezirk Berlins

THOMAS KRÜGER

Gründe für die politische

Resilienz im Osten

WERNER RATAJCZAK

70 Jahre

für die Demokratie


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2 BERLINER STIMME


Text Michael Müller

Foto Carolin Weinkopf

Die Nachbeben

der Wende

Am 5. Februar 2018 stand die Berliner

Mauer genauso lange nicht mehr, wie

sie unsere Stadt einst geteilt hat. Als

Stadt der Freiheit hat Berlin eine bedeutende

Rolle in der Geschichte der Teilung

und ihrer Überwindung gespielt. Umso

mehr freue ich mich, dass wir mit einem

Einheitsfest voller Geschichtsbewusstsein

und Toleranz ein Zeichen gegen

diejenigen setzen konnten, die bewusst

einen Keil in die Gesellschaft treiben

wollen.

Gerade ist der Jahresbericht der Bundesregierung

zum Stand der Deutschen Einheit

erschienen. Darin heißt es, dass sich

zwar die Lebensverhältnisse zwischen

West und Ost weiter angenähert hätten.

Allerdings liege der Osten beim Lohnniveau

und der Wirtschaftskraft weiter

zurück. Und das obwohl sich seit der

Wiedervereinigung die Wirtschaftsleistung

in Ostdeutschland verdoppelt hat.

Allen Anstrengungen zum Trotz mangelt

es der ostdeutschen Wirtschaft an

großen Konzernzentralen und Exportorientierung.

Die Menschen spüren das.

Dieser ständige Malus ist einer der

Gründe für ihre Unzufriedenheit und

ihre Sorgen.

Wir dürfen die Einheit aber nicht auf

wirtschaftliche Kennziffern beschränken.

Wir müssen unseren Blick auf die unterschiedlichen

Lebensbiografien lenken.

Ihnen mehr Gehör schenken, um die

kollektive Erschütterung zu verstehen,

die viele Menschen nach dem Mauerfall

empfanden und die bis heute nachbebt.

Dazu gehört auch, dafür zu sorgen, dass

sich die Ostdeutschen in Führungspositionen

in Verwaltung, Medien und Wirtschaft

wiederfinden.

In dieser Ausgabe der Berliner Stimme

kommen viele Weggefährten der Wende

zu Wort, wie die einstige Bezirksbürgermeisterin

von Hellersdorf Marlitt Köhnke

oder der ehemalige DDR-Bürgerrechtler

und jetzige Präsident der Bundeszentrale

für politische Bildung Thomas Krüger.

Uns alle eint das Ziel als Sozialdemokratie

schnellstmöglich für gleichwertige Lebensverhältnisse

in Ost und West zu sorgen,

so wie es das Grundgesetz verlangt.

Herzlich

Euer

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BERLINER STIMME

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TITELTHEMA

Ost-Berlin

02 EDITORIAL

Die Nachbeben der Wende

Text Michael Müller

Foto Carolin Weinkopf

06 GASTBEITRAG

Lust machen auf den Osten

Text Iris Spranger

Foto Bahadir Gökmen

08 HELLERSDORF:

UNTERWEGS MIT MARLITT KÖHNKE

Kosten-Leistungs-Rechnung

Text & Foto

Christina Bauermeister

11 MARZAHN:

CLEANTECH INNOVATION CENTER

Antizyklisch

Text Christina Bauermeister

Foto Indielux

Der Gewerbehof an der Saarbrücker

Straße in Pankow ist ein Beispiel für

dauerhaft bezahlbare Mieten in der

Innenstadt.

Mehr auf den Seiten 12-13

Foto: Christina Bauermeister

12 PRENZLAUER BERG:

KAMPF GEGEN VERDRÄNGUNG

Spekulationsfrei leben und arbeiten

Text

Foto

Klaus Mindrup

Christina Bauermeister

14 INTERVIEW MIT

BPB-PRÄSIDENT THOMAS KRÜGER

Gründe für die politische Resilienz

im Osten

Fragen & Foto Christina Bauermeister

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18 LICHTENBERG:

BÜRGER-HAUSHALT

Endlich mal den Haushalt schmeißen

Text

Foto

Kevin Hönicke

Susie Knoll

20 FRIEDRICHSHAIN:

GESCHICHTE EINES BAHNHOFS

Mythos Ostkreuz

Text Sven Heinemann

Foto Timon Henze

4 BERLINER STIMME


AUS DEM LANDESVERBAND

Berliner Stimmen

22

PORTRÄT:

WERNER RATAJCZAK

Ein Leben für die Demokratie

Fragen Ulrich Horb

Fotos Ulrich Horb & Privat

26 TREPTOW-KÖPENICK:

WIEDERAUFERSTEHUNG EINES BEZIRKS

Neue Trojaner

Text Oliver Igel

Fotos Martin Becker &

Wista-Management GmbH

VERMISCHTES

Kultur & Geschichte

28 FOTOSTRECKE:

EINHEITSFEIER

„Nur mit Euch“

Text Christina Bauermeister

Fotos Nico Roicke

30 FLUCHTGESCHICHTEN

ZWISCHEN OST UND WEST

Unter dem Asphaltband der Freiheit

Text & Foto

Ulrich Schulte Döinghaus

IMPRESSUM

Berliner Stimme

Zeitung der Berliner Sozialdemokratie

Herausgeber

SPD Landesverband Berlin,

Landesgeschäftsführerin Anett Seltz (V.i.S.d.P.),

Müllerstraße 163, 13353 Berlin,

Telefon: 030.4692-222, E-Mail: spd@spd.berlin

Webadresse: www.spd.berlin

Redaktion

Christina Bauermeister und Birte Huizing

Telefon: 030.4692-150

E-Mail: redaktion.berlinerstimme@spd.de

Mitarbeit an dieser Ausgabe

Sven Heinemann, Ulrich Horb,

Kevin Hönicke, Oliver Igel, Klaus Mindrup,

Ulrich Schulte Döinghaus, Iris Spranger

Grafik Nico Roicke und Hans Kegel

Foto Titel TIMDAVIDCOLLECTION · stock.adobe.com

Abonnement 29 Euro pro Jahr im Postvertrieb

Abo-Service Telefon: 030.4692-144,

Fax: 030.4692-118, berliner.stimme@spd.de

Druck Häuser KG Buch- und Offsetdruckerei Köln

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Text Iris Spranger

Foto Bahadir Gökmen

Lust machen

auf den Osten

Es liegt an uns, für die Ost-Bezirke einzustehen:

mit mehr sozialem Wohnungsbau, einem guten Quartiersmanagement

und einem offenen Ohr für die Sorgen der Menschen.

Hätte uns früher jemand erzählt, dass der Wohnraum im Osten knapp

wird, wir hätten ungläubig mit dem Kopf geschüttelt. Unsere Probleme

hießen Leerstand und Abriss. Heute sprechen auch wir von dringend

benötigtem Wohnraum. Hier trifft es vor allem die Menschen, die am

meisten unsere Unterstützung brauchen: Etwa die Alleinerziehenden,

die sich das Wohnen in der Mitte Berlins schon lange nicht mehr leisten

können. Das Ergebnis der Gentrifizierung ist bei uns Alltag. Menschen,

die aus dem Zentrum Berlins verdrängt wurden, suchen bei uns ein

Zuhause.

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In meinen Bürgersprechstunden höre ich nun deren Ängste vor Modernisierungen

und steigenden Mietkosten. Viele Menschen bleiben in ihren

Wohnungen, obwohl sich ihre Lebensumstände längst geändert haben.

Es ist doch absurd, dass Menschen aus Angst vor neuen Mietverträgen

in ihren viel zu großen Wohnungen bleiben, während Familien um jeden

Quadratmeter kämpfen. Mit dem Wohnungstauschportal für Mieterinnen

und Mieter der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften haben wir

ein sinnvolles Verteilinstrument geschaffen. Es muss aber auch dringend

in Marzahn-Hellersdorf, Lichtenberg und Treptow-Köpenick gebaut werden.

Wir brauchen mehr sozialen Wohnungsbau!

6 BERLINER STIMME


OBEN

In der Seilbahn über den »Gärten der Welt«: Raed Saleh, SPD-Fraktionsvorsitzender im Berliner Abgeordnetenhaus;

Iris Spranger, Sprecherin für Bauen, Wohnen, Mieten; Tino Schopf, Sprecher für Verkehr (v.l.)

Wichtig ist auch ein Blick in die Quartiere.

Unsere Nachbarschaft verändert

sich. Dank des Quartiersmanagements

können wir diese Prozesse professionell

begleiten. Die Bürgerinnen und Bürger

schätzen deren Arbeit sehr. Sprachförderung

für Kinder, Tauschbörsen für

nachbarschaftliche Hilfe, Lesesalons,

Nachbarschaftsgärten, Sportangebote

und Familienfeste sind wahre Integrationsförderer

und schaffen ein Zuhause.

Ein Abzug dieser Arbeitskräfte würde

ein völlig falsches Signal setzen. Es liegt

an uns, für das Wohl in den Quartieren

zu sorgen, wir dürfen keinen Raum für

negative Stimmungsmache durch andere

erlauben. Wir kümmern uns!

Die Bedürfnisse und Sorgen der Bürgerinnen

und Bürger in den östlichen Bezirken

der Stadt sind auch 28 Jahre nach der

Wiedervereinigung besondere. Es geht

um die Anerkennung von Lebensleistung

sowie um verschärfte soziale Probleme,

wie durchschnittlich mehr Langzeitarbeitslosigkeit.

Wir als SPD dürfen uns

diesen Herausforderungen nicht verschließen.

Hilfe und Stolz auf die Vergan-

genheit müssen Hand in Hand gehen.

Beispielsweise durch die Unterstützung

von Erinnerungsorten wie dem Sportmuseum

in Marzahn, in dem ausdrücklich

die Leistungen ostdeutscher Sportgrößen

gewürdigt werden.

Damit auch zukünftig die Stimmen der

östlichen Randbezirke gehört werden

und eine wahrnehmbare sozialdemokratische

Vertretung erkennbar ist, setzen wir

auf Menschen mit Ostbiografie. Es geht

dabei um Identifikation, aber auch um

Gerechtigkeit. Denn sie sind eine starke

und zuverlässige Stimme für die Bezirke.

Wenn wir den Osten nicht verlieren

wollen, müssen wir zuhören. Und wir

müssen die Sorgen ernst nehmen. Ein

gutes Zuhause ist dabei ein erster wichtiger

Schritt. Aber wir müssen auch Lust

machen auf den Osten, positive Zeichen

setzen, ermuntern zu uns zu kommen:

Leuchtturmprojekte, wie die Seilbahn

in den Gärten der Welt in den ÖPNV zu

integrieren, lassen uns Marzahnerinnen

und Hellersdorfer mit Stolz für den

eigenen Bezirk werben.

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Text Christina Bauermeister

Fotos Christina Bauermeister & Privat

Kosten-Leistungs-

Rechnung

Marlitt Köhnke ist seit 28 Jahren SPD-Kommunalpolitikerin

in Hellersdorf. Ein Spaziergang durch den jüngsten Bezirk Berlins.

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Als Marlitt Köhnke am 25. Mai 1990 zur ersten Bezirksbürgermeisterin

von Hellersdorf nach dem Mauerfall gewählt wurde, war sie eine Bürgermeisterin

ohne Rathaus. Stattdessen saßen sie und ihre Verwaltung

in ganz normalen Wohnungen in den sogenannten Rhin-Towers, zwei

12-geschossige Hochhäuser am U5-Bahnhof Cottbuser Platz. 28 Jahre

später steht sie auf dem Alice-Salomon-Platz, hinter ihr das 1998 fertiggestellte

Rathaus, ein unscheinbarer nüchterner Bürokomplex, der kaum

etwas hermacht.

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Kurz nach der Wende war der Rathausplatz

noch reines Brachland, einzig die

SED-Kreisleitung hatte dort ein kleines

Gebäude. Es war die legendäre „Gummistiefel-Zeit“.

Hellersdorf war im Unterschied

zu Marzahn Anfang der 90er-

Jahre noch eine gigantische Baustelle.

Der Bezirk war die Antwort der DDR

auf die Wohnungsnot in Ost-Berlin.

Der Bezirk – 1986 offiziell aus der Taufe

gehoben – war die Antwort der DDR auf

die riesige Wohnungsnot in Ost-Berlin.

Auch Marlitt Köhnke war 1988 froh,

dass sie aus einer heruntergekommenen

Gründerzeit-Wohnung in Prenzlauer

Berg mit Ofenheizung und der Toilette

im Treppenhaus nach Hellersdorf in eine

Bleibe mit Warmwasser-Anschluss und

Fernheizung umziehen konnte.

Die gebürtige Hönowerin blieb dem

Bezirk treu und blickt heute auf 28 Jahre

in der Kommunalpolitik zurück. Nach

ihrer Zeit von 1990 bis 1992 als Bezirksbürgermeisterin

war sie von 2001 bis 2006

Bezirksstadträtin für Bildung, Kultur und

Sport. In den Jahren dazwischen gehörte

sie jeweils der Bezirksverordnetenversammlung

an. Dort sitzt sie auch heute

noch, als eine von insgesamt elf Mitgliedern

der SPD-Fraktion. 18,3 Prozent

(minus 8 Prozent im Vergleich zu 2011)

bekam die SPD bei den letzten Kommunalwahlen

im Jahr 2016. Die AfD schaffte

es fast aus dem Stand auf 23,2 Prozent.

Stärkste Partei ist nach wie vor die Linke

(26 Prozent), ebenfalls mit einem deutlichen

Aderlass von mehr als 5 Prozent.

Wenn man Marlitt Köhnke nach den

Gründen für diese politische Unwucht

fragt, überlegt sie nicht lange. Im Grunde

genommen ist das im Westen verankerte

Parteiensystem im Osten gar nicht angekommen,

ist sich Köhnke sicher. Seit der

Wende lag die Wahlbeteiligung bei kaum

50 Prozent. „Dieses ewige Protestpotenzial

war schon immer eine tickende Zeitbombe“,

sagt Köhnke in einem nüchternen

und zugleich bedauernden Unterton.

Als SPD vor Ort hätten sie immer geglaubt,

einen Teil dieser Nichtwählerschicht

mobilisieren zu können. In Wahrheit

musste sie sich eingestehen, dass ein

Teil dieser Menschen bekennende Nicht-

Demokraten waren, bei denen die DDR-

Propaganda in den Köpfen noch immer

nachhallte, die lautete: Der demokratische

Kapitalismus des Westens ist ein

System der ständigen Ausbeutung und

des Sozialabbaus, in dem der Mensch auf

Dauer nicht bestehen könne.

Bei einem Kiez-Spaziergang laufen

wir auch durch die Plattenbausiedlung

Hellersdorf-Nord. Der Kiez gehört zu

den Großsiedlungsgebieten mit rund

100.000 Plattenwohnungen, die Mitte

der neunziger Jahre fertiggestellt und in

der Zwischenzeit modernisiert wurden –

samt Wohnumfeldmaßnahmen und

Begrünung. Ähnlich wie zu DDR-Zeiten

ziehen auch jetzt wieder Leute aus der

Innenstadt hier raus, nur aus anderen

Gründen als damals.

Ansonsten ist der Kiez abgehängt vom

wirtschaftlichen Aufwärtstrend der

Hauptstadt. In den unterlegten Geschäften

gibt es eine hohe Händlerfluktuation.

Die deutliche Mehrheit der Familien lebt

hier von Transferleistungen. Tagsüber ist

wenig los auf den Straßen. Nicht weit entfernt

ist eine Gruppe junger Menschen

zu sehen: Schülerinnen und Schüler des

Oberstufenzentrums Gesundheit und

Studierende der Alice-Salomon-Fachhochschule,

die gerade Pause machen. Hier

werden Sozialpädagogen, Erzieherinnen

und Erzieher und Pflegekräfte ausgebildet.

Die Ansiedlung der Hochschule 1998 von

Schöneberg war ein Erfolgsprojekt.

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OBEN

Die Plattenbausiedlung Hellersdorf-Nord im Wandel der Zeit. Der Kiez gehört zu den Großsiedlungsgebieten

mit rund 100.000 Wohnungen, die Mitte der neunziger Jahre fertiggestellt und in der Zwischenzeit modernisiert

wurden – samt Wohnumfeldmaßnahmen und Begrünung.

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Nicht wenige, die in Hellersdorf-Nord

wohnen, sagt Köhnke, hätten die Wende

gar nicht gewollt. Sie waren zufrieden

mit ihrem Leben und vor allem daran

gewöhnt, dass der Staat die Dinge für sie

regelt. Auch Marlitt Köhnkes kritisches

Verhältnis zur DDR hat sich erst im Laufe

der Jahre entwickelt. In ihrer Schülerund

Studentenzeit hatte sie Kontakte zur

Staatssicherheit. Damit geht sie heute

offen um. Diese Kontakte waren es auch,

die sie 1992 zwangen, nach nur zwei Jahren

als Bezirksbürgermeisterin abzutreten.

Köhnke ist darüber nicht verbittert,

auch wenn sie sich danach bis zu ihrem

Renteneintritt im Jahr 2016 von Job zu

Job – mal in der Vermietung, mal als Integrationshelferin

bei einem kommunalen

Träger – durchbeißen musste. Sie war

38 Jahre alt, als die Wende ihre Erwerbsbiografie

durchschnitt. Diese „komplette

kollektive Erschütterung“ führen viele

Ostpolitiker jetzt als einen Grund an,

warum die Ostdeutschen besonders

große Zukunftängste hegen.

Marlitt Köhnke ist 2016 noch mal für die

Bezirksverordnetenversammlung angetreten,

weil ihr der Kontakt zu den Menschen

hier im Kiez so wichtig ist. Und noch

heute erzählen ihr diese Menschen von

den Demütigungen, die für den schnelllebigen

Politikbetrieb längst Vergangenheit

sind, aber für die Menschen hier noch

allgegenwärtig. Gemeint ist die Zeit um

die Jahrtausendwende, als der Senat aufgrund

des demographischen Wandels von

einem schrumpfenden Berlin ausging.

In der Folge wurde die öffentliche Infrastruktur

zurückgebaut. Unter anderem

führte Rot-Rot für die Bezirke sogenannte

Kosten-Leistungs-Rechnungen ein, erklärt

Köhnke. Das bedeutete, dass etwa die Gebäudenutzung

mit in die Schulgesamtkosten

einbezogen wurde. Mit deutlich

schrumpfender Schülerzahl war Hellersdorf

damit immer der teuerste Bezirk.

Die Folgen: Schulen und Kitas mussten

schließen, Personal in der Verwaltung

wurde gestrichen und nicht ausgenutzte

Wohnblöcke wurden abgerissen. Verantwortet

wurde dies von einem rot-rotem

Senat, in den vor allem viele Ost-Berliner

bei seinem Start 2001 noch große Hoffnungen

gesetzt hatten.

Auch Marlitt Köhnke war davon überzeugt,

dass die politische Einheit der Stadt

durch eine Koalition der stärksten Partei

in West-Berlin und der stärksten Partei in

Ost-Berlin ein Stück weit vollendet würde.

Sie wirkt nachdenklich: „Man kann die

Demokratie nur anerkennen, wenn man

merkt, dass sie eine vernünftige Form

des Regierens ist.“ Köhnke teilt eine

Beobachtung, die die Menschen ihr hier

immer öfter schildern: „In der DDR wurden

von oben Dinge entschieden und

durchgesetzt. Jetzt werden Dinge von oben

entschieden und nicht durchgesetzt.“

10 BERLINER STIMME


Text Christina Bauermeister

Foto Indielux

Antizyklisch

Das „CleanTech Innovation Center“ an der Wolfener Straße in Marzahn

repräsentiert ein Stück neues Ost-Berlin

Markus Vietzke fährt morgens gern

mit der S-Bahn zur Arbeit. Ab dem Ostkreuz

braucht er noch etwa 20 Minuten,

um in den Gewerbepark an der Wolfener

Straße in Marzahn zu kommen. 20 Minuten,

in denen er oft in der leeren S-Bahn

ruhig den Laptop aufklappt. Denn statt

gestresst in einem vollen Zug zu sitzen,

ist Vietzke „antizyklisch unterwegs“,

wie er sagt. Er bewegt sich gegen den

Strom, aus der Stadt raus, nicht in die

Stadt hinein.

Seit 2014 ist der Diplomingenieur für

regenerative Energie mit seinem Startup

„Indielux“ in Marzahn ansässig.

Die von ihnen entwickelte Technologie

„ready2plugin“ ermöglicht es erstmals,

stromerzeugende und stromspeichernde

Geräte an Steckdosen anzuschließen.

Damit können auch Stadtbewohner an

der Energiewende teilnehmen.

Die Vorteile eines Co-Working-Spaces

tief im Osten lagen für Vietzke auf der

Hand. „Wir haben hier anders als in der

beengten Innenstadt mehr Werkstattfläche,

Montagemöglichkeiten und Arbeitsräume“.

Das ist für Unternehmen,

die nicht nur im Softwarebereich unterwegs

sind, sondern auch mit Hardware

arbeiten, ein wichtiger Standortvorteil.

OBEN

Co-Working Space tief im Osten:

Das „CleanTech Innovation Center“

in Marzahn

Im „CleanTech Innovation Center“ finden

vorzugsweise Startups aus dem Bereich

der sogenannten sauberen Technologien

Platz. Hier können sie ihren Arbeitsplatz

schon ab 99 Euro netto im Monat anmieten.

Im Preis inbegriffen sind neben

den modernen und hellen Arbeitsplätzen

ein Konferenzraum, eine Werkstatt mit

abschließbaren separaten Ateliers, eine

offene Lounge sowie ein Materiallager.

https://cleantech-innovationcenter.de

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Text Klaus Mindrup

Foto Christina Bauermeister

Spekulationsfrei

leben und arbeiten

Die alten Probleme des Prenzlauer Bergs sind heute die ganz Berlins

Die Geschichte des Ostens ist eine Geschichte des Wandels. Nach der

friedlichen Revolution kam der politische, wirtschaftliche und kulturelle

Wandel. Die DDR-Altbaubestände im Osten Berlins waren oft verfallen,

der Wohnstandard in ihnen niedrig: Kohleöfen, kaum Dämmung, die

Hälfte der Wohnungen hatte weder Bäder noch Innen-WC.

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LINKS

„Die Wende“ kam ab 1990 über ebenjene

Altbaubestände. Die Aufwertung der innerstädtischen

Quartiere war ein hehres

Ziel. 17 Sanierungsgebiete wies der Senat

zwischen 1993 und 1995 im Osten Berlins

aus, 80.000 Altbauwohnungen, 30.000

davon in Prenzlauer Berg, waren betroffen.

Die attraktive Innenstadtlage der

sanierten Altbaubestände erzeugte erheblichen

Marktdruck. Auch weil Rot-Rot

2002 die soziale Wohnraumförderung

strich, stiegen die Preise. Es folgte Verdrängung.

Die betraf nicht nur das Wohnen,

sondern auch Gewerbetreibende.

Stoppschild

gegen Verdrängung

Einige Erfolgsgeschichten im Kampf

gegen Verdrängung habe ich damals und

bis heute aktiv begleitet. Zur Genossenschaft

Bremer Höhe schlossen sich im

Jahr 2.000 Mieterinnen und Mieter zusammen,

die ihre Wohnungen sichern

wollten, nachdem die städtische WiP

die Bestände verkaufen wollte. Ich habe

damals intensiv für den Kauf geworben.

Der Pankower Bundestagsabgeordnete

Klaus Mindrup auf den Dächern des Gewerbehofes

an der Saarbrücker Straße. Fast 60 Firmen

sind heute in der Genossenschaft organisiert.

Mindrup hat sich für die Genossenschaft im

Vorfeld stark gemacht.

Heute liegen die Mieten im Schnitt bei

5,50 Euro (Nettokalt), im Umfeld steigen

sie über 14 Euro. Ein zweites Beispiel ist

der genossenschaftliche Gewerbehof

Saarbrücker Straße eG. Im Jahr 1995

schlossen sich Unternehmen zu einer

Genossenschaft zusammen. Ziel war es,

das heruntergekommene Gelände zu sanieren,

als Gewerbestandort zu erhalten

und langfristig günstige Gewerbemieten

zu sichern. Die Genossenschaft setzte

sich 2003 beim Bieterverfahren durch.

Fast 60 Firmen sind heute in der Genossenschaft

organisiert. Eine Mischung

aus produzierenden Unternehmen, Handwerksgewerbe

sowie Künstlerinnen und

Künstlern. Sie tragen die Genossenschaft

und entscheiden gemeinsam demokratisch.

Interessenkonflikte zwischen

renditeorienterter Vermietung und

Mieterinnen und Mietern werden aufgelöst.

So werden Betriebe und Arbeitsplätze

durch niedrige Mieten langfristig

gesichert.

Genossenschaften sind Modell

für die Zukunft unserer Stadt

Die alten Probleme des Prenzlauer Bergs

sind heute die ganz Berlins: Rasende

Mietpreisentwicklungen. Das Ergebnis

ist das gleiche. Handwerksbetriebe und

produzierendes Gewerbe werden an den

Stadtrand verdrängt. Die Stadt reißt auseinander.

Wir brauchen eine Mischung

und bezahlbare Mieten zum Wohnen

oder für Gewerbe.

Die Lösungen von damals sind die

Lösungen von heute. Liegenschaften

dürfen nicht nach höchstem Marktwert,

sondern nach höchstem Nutzen für die

Stadt vergeben werden. Die Spekulation

mit Boden muss eingedämmt werden.

Wir müssen Genossenschaftsprojekte

besser fördern. Gemeinwohlorientierung

muss über renditeorientierter Eigentumsbildung

stehen. Die Mietenkrise werden

wir nicht nur staatlich lösen, dafür sind

die Aufgaben zu groß. Wir brauchen

auch das Engagement von Privaten, die

sich der Allgemeinheit verpflichtet

haben.

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Fragen & Foto Christina Bauermeister

Illustration Esther Schaarhüls

Gründe für die politische

Resilienz im Osten

Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung

Thomas Krüger über den kulturellen Kolonialismus des Westens,

den ewig gesund gebeteten Transformationsprozess

und den Sinn eines Demokratiefördergesetzes.

Berliner Stimme: Wie besorgt bist du im Moment um die Stabilität des

demokratischen Systems? Einige beschwören den Geist der Weimarer

Republik und erinnern an die ideologischen Grabenkämpfe ab Mitte

der 20er Jahre. Andere wiederum sind überzeugt davon, dass man die

gewachsene gesellschaftliche und kulturelle Liberalität der Bundesrepublik

nicht mehr zurückdrehen kann.

Thomas Krüger: Man muss die gegenwärtige Situation ernst nehmen.

Wenn wir in zwanzig Jahren auf diese Zeit zurückschauen, werden wir

auch von einer Dynamik eines Transformationsprozesses sprechen und

zwar ähnlich wie ihn die Ostdeutschen Anfang der neunziger Jahre erlebt

haben. Das interessante an solchen Prozessen ist, welche Themen

und Erzählungen ausgeblendet und welche stark gemacht werden.

Zurzeit werden durch die sich dramatisch verändernde Medienlandschaft

ganz bestimmte Erzählungen besonders stark gemacht; die von

Anti-Liberalität und einer Kritik an der pluralisierten Gesellschaft, die

sich nur zum Teil in der Bevölkerung widerspiegelt. Das kann eine sich

selbst erfüllende Prophezeiung werden. Ich glaube nicht, dass wir es

mit einer besonders stabilen Situation in unserem Land zu tun haben.

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Tragen daran tatsächlich die Medien die Hauptschuld? Schließlich sind

die keine eigenständigen Akteure. Sie brauchen die Politik als Taktgeber

und Resonanzkammer.

Man überspannt den Bogen, wenn man den Medien eine „Erziehungsaufgabe“

zumisst, die sie von ihrem Selbstverständnis her nie hatten.

Medien informieren darüber, was gerade diskutiert wird. Das heißt aber

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OBEN

Thomas Krüger ist eines der Gründungsmitglieder der Sozialdemokraten in der DDR (SDP). Als Erster Stellvertreter

des Oberbürgermeisters in Ost-Berlin war er 1990 bis 1991 tätig sowie als Stadtrat für Inneres beim Magistrat Berlin

und in der Gemeinsamen Landesregierung. Von 1991 bis 1994 war er Berliner Senator für Jugend und Familie in

Berlin und von 1994 bis 1998 Mitglied des Deutschen Bundestages. Seit 2000 ist er Präsident der Bundeszentrale

für politische Bildung.

immer, dass es Themen gibt, die unter

den Tisch fallen. Ein Beispiel: Einen Pflegenotstand

gab es bereits vor zehn Jahren,

nur wurde damals noch weniger darüber

berichtet. Ich denke, dass Medien nicht

nur ihrer Informationsaufgabe nachkommen

sollten. Es geht darum, im Sinne der

Aufklärung das eigene Selbstverständnis

kritisch zu hinterfragen. Aufmerksamkeitsökonomien

und Ausblendungen

sind aber nicht nur in den Medien, sondern

auch in der Politik relevant. Beide

Seiten müssen sich fragen lassen, ob sie

eigentlich die Gesellschaft abbilden. Das

ist deshalb so schwierig, weil die Gesellschaft

heterogener wird und immer

mehr Themen auf der Agenda landen,

die wir priorisieren müssen.

Manche meinen, die Ursache für die

Politikverdrossenheit der Ostdeutschen

darin gefunden zu haben, dass es in der

DDR nie eine 68er-Bewegung gegeben

hat. Es heißt, was den Ostdeutschen fehle,

sei das Austesten der bürgerlichen Grundrechte.

Mit dieser These bin ich vorsichtig.

Natürlich hatte der Osten auch seine

68er-Geschichte. Nämlich Prag 1968.

Dort wurde die Antwort auf die Frage,

ob es eine Demokratisierung unter den

Bedingungen des real existierenden

Sozialismus geben könnte, militärisch

gegeben. Das hat viele Leute tief geprägt.

Es war in der DDR en vogue, sich aus

Überlebensgründen gegenüber jeglichen

politischen Prozessen abzugrenzen.

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Gleichzeitig wurden subkutan soziale

Beziehungen aufrechterhalten. Man hat

den Eindruck, dass viele dieser „Überlebenstechniken“

auch nach 1990 in den

Köpfen weiter Bestand haben. Und man

darf nicht vergessen: Die ersten Rendezvous

der Ostler mit dem Westen hießen

Massenarbeitslosigkeit, die fehlende

Anerkennung des Berufsabschlusses, die

Rückgabe von Besitz vor Entschädigung

sowie Bürgerinnen und Bürger zweiter

Klasse zu sein. All das hat den alten

Reflex, Politik nicht so nah an sich herankommen

zu lassen, verstärkt und in eine

neue politische Resilienz transformiert.

Sind die Ostdeutschen überhaupt jemals

in dieser tief westdeutsch geprägten

Parteiendemokratie angekommen?

Ein großer Teil der Gesellschaft hat sich

eher verschlossen. Das sieht man an der

sehr geringen Zahl von Parteienmitgliedschaften.

Es gab Anfang der neunziger

Jahre eine große Kontroverse, ob sich die

SPD den SED-Mitgliedern öffnen sollte,

die bis 1961 SPD-Mitglied waren. Ich habe

damals dafür geworben. Doch diese Position

war nicht mehrheitsfähig in der

Ost-SPD. Die Ost-SPD ist aus dem Geist

einer Neugründung entstanden. Um

einen hohen Preis. Die politische Teilhabe

ist im Osten deshalb nicht hinreichend

ausgeprägt. Dabei ist sie das Unterpfand

für demokratische Gesellschaften. Einige

Entscheidungen haben diesen Prozess

zusätzlich verstärkt. Ein Beispiel: Durch

die Gebietsreformen, die vor allem in

Ostdeutschland aufgrund von Abwanderung

durchgeführt wurden, hatten

200.000 Menschen keine kommunalen

Mandate mehr inne. Diese Reformen sind

dem neoliberalen Geist von Einsparungen

gefolgt, nicht dem demokratischen Prinzip

von Teilhabe.

Hätte man den Transformationsprozess

deshalb langsamer gestalten sollen?

Das ließen die damaligen politischen

Gegebenheiten nicht zu. Es gab nur ein

sehr schmales zeitliches Fenster, um die

Deutsche Einheit zu realisieren. Was mir

jedoch fehlt, ist eine reflexive Ebene des

Transformationsprozesses. Da ist alles

immer gesund gebetet worden. Mit dem

Begriff der blühenden Landschaften, mit

der Alternativlosigkeit, mit sozialpolitischen

Maßnahmen. Für meine Begriffe

zieht in den neunziger Jahren ein kultureller

Kolonialismus ein, der den Ostdeutschen

das Gefühl gibt, sie seien Deutsche

zweiter Klasse.

Ist das auch ein Generationenproblem?

Ja, die heute Berufsaktiven sind die vergessene

Generation der Deutschen Einheit.

Es sind mitnichten die Schülerinnen

und Schüler, die zu wenig politische

Bildung haben. Es ist die berufsaktive

Gruppe, die merkt, dass mit der Globalisierung

Veränderungen passieren, die

sie nicht mehr kontrollieren können. Bei

ihnen vollziehen sich Radikalisierungen,

die viel mit den Erfahrungen aus dem

Transformationsprozess Anfang der

neunziger Jahre zu tun haben.

Bundesfamilienministerin Franziska

Giffey hat sich nach den Ereignissen

von Chemnitz dafür ausgesprochen, die

Demokratie und politische Bildung zu

stärken und dafür ein Demokratiefördergesetz

auf den Weg zu bringen. Ist politische

Bildung ein Allround-Problemlöser

gesellschaftlicher Unwuchtdiagnosen?

Hinter dem Demokratiefördergesetz

steckt ein simpler aber richtiger Gedanke:

Die Bemühungen des Bundes, politische

Bildung und Prävention zu fördern, sind

geprägt von Programmen und Projekt-

16 BERLINER STIMME


Schule Raum gegriffen. Der homo politicus

wurde hingegen ausgeblendet. Inzwischen

sind einige Weichenstellungen

wieder korrigiert worden. In Sachsen ist

zum Beispiel der Geschichtsunterricht in

der Oberstufe wieder verpflichtend.

Welche politischen Bildungsangebote

gibt es für die Berufsaktiven?

Wenn Leute von „Pegida“ beim Verfassungsschutz

arbeiten, kann man nur

konstatieren, dass etwas mit den Institutionen

nicht stimmt. Dieses Problem

können nur die Institutionen allein lösen,

aber wir können ihnen dabei helfen.

Wir haben deshalb schon seit längerem

bei uns eine Arbeitsgruppe, die sich

mit politischer Erwachsenenbildung bei

der Polizei oder bei der Bundeswehr

beschäftigt.

förderung. Wenn man so etwas als Aufgabe

wirklich ernst nimmt, kann man

das aber nicht als kurz angelegtes Projekt

tun. Das ist eine Daueraufgabe. Und eine

Daueraufgabe dieser Art kann man auf

der Bundesebene nur durch ein Gesetz

absichern.

Wie sieht es um die politische Bildung

in der Gesellschaft insgesamt aus?

In der politischen Bildung in der Schule

sind große Defizite entstanden. Politik

wird als Schulfach zunehmend von fachfremden

Lehrern unterrichtet. Eine

Ursache dafür sind die Folgen des PISA-

Schocks Anfang der 2000er Jahren. Die

Stärkung der sogenannten MINT-Fächer

ging klar zu Lasten des gesellschaftspolitischen

Bereichs. Der neoliberale

Geist des homo oeconomicus hat in der

Fehlt es nicht auch an den richtigen

Formaten, um bestimmte Zielgruppen

zu erreichen?

Natürlich funktioniert politische Bildung

immer dort am besten, wo die Leute bereits

politisch gebildet sind. Um Zielgruppen

zu erreichen, die nicht so bildungsaffin

sind, arbeiten wir u.a. mit Influencern

im YouTube-Bereich zusammen.

Um Islamismus zu thematisieren und

mit Jugendlichen zu diskutieren, haben

wir etwa eine Beauty-Bloggerin gewonnen,

die selber mit dem Thema sehr

authentisch verbunden ist. Mit ihr haben

wir Videos mit Interviews und Erklärungen

zu wichtigen Begrifflichkeiten des

Islam produziert. Dieses Format wurde

mehr als 700.000 angesehen. Noch wichtiger

ist aber, dass es in den von Fachleuten

moderierten Kommentarspalten

zu interessanten Diskussionen kam.

www.youtube.com/user/bpbtv

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BERLINER STIMME

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Text Kevin Hönicke

Foto Susie Knoll

Illustration Esther Schaarhüls

Endlich mal den

Haushalt schmeißen

In Lichtenberg entscheiden die Bürgerinnen und Bürger

bereits seit 2003 über die Ausgaben in der Kommunalkasse mit.

Über politische Teilhabe als Mittel gegen Politikmüdigkeit.

Bürgerinnen und Bürger stärker in politische Entscheidungen einbinden –

dieses Ziel ist aktueller denn je. Nicht nur alle vier oder fünf Jahre sollen

Menschen ihre Stimmen abgeben können, sondern auch zwischen den

Wahlen mitentscheiden. Der Bezirk Lichtenberg war sich im Jahr 2003

einig: Die Menschen sollen mitbestimmen, wie und vor allem wo Mittel

aus dem Bezirkshaushalt investiert werden sollen. Nicht nur meckern,

sondern konkrete Vorschläge auf den Weg bringen, so der Wunsch der

Kommunalpolitik.

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Vor und nach der Einführung dieses Beteiligungshaushaltes wurde

darüber diskutiert, wie viel haushaltpolitische Kompetenz den

Menschen zugemutet werden kann bzw. welche Kenntnisse

vorausgesetzt werden können. Diese Diskussion verdeutlicht die

Schwierigkeiten von Beteiligungsprozessen. Werden die Hürden

zu hochgelegt, besteht die Gefahr, dass sich Interessierte wieder

abwenden. Werden fachliche Überlegungen jedoch nicht in einem

minimalen Maß berücksichtigt, so führt dies zu Frustration, da Vorschläge

dann oft gar nicht umgesetzt werden können. Das richtige

Maß dazwischen zu finden, bleibt eine Herausforderung. Die Vorschläge,

welche mittlerweile durch den Bürgerhaushalt umgesetzt

wurden, reichen vom Aufstellen von Bänken, der Sanierung von

Parkanlagen oder Skulpturen, dem Anschaffen von weiteren öffentlichen

Toiletten oder Ladestationen für Elektroautos.

18 BERLINER STIMME


LINKS

Kevin Hönicke ist seit 2011 Mitglied

der Bezirksverordnetenversammlung

Lichtenberg und Fraktionsvorsitzender

der dortigen SPD-Fraktion

Zudem ist es wichtig, dass zwischen dem

Einbringen eines Vorschlags und der Umsetzung

möglichst wenig Zeit vergeht.

Bei einer Umsetzungsdauer von mehr

als zwei Jahren wurde das Beteiligungsinstrument

bei den Menschen in Lichtenberg

nicht mehr als nutzbar angesehen.

Daher haben wir in einem großen Beteiligungsworkshop

das Verfahren nach

längeren Anstrengungen verändert. Die

Beteiligungszahlen sind seitdem wieder

gestiegen. Auch verbinden wir den Haushalt

mit Kiezgremien in den Stadtteilen,

damit möglichst viele und nicht nur die

informierten Menschen erreicht werden.

Als Fraktionsvorsitzender der SPD in

Lichtenberg freue ich mich immer wieder,

wie unser Modell zur Beteiligung

auf Interesse von anderen Kommunen,

Bundesländern oder Nationen stößt.

Zugleich freue ich mich auch, dass wir

uns in Lichtenberg immer wieder selbstkritisch

fragen, wie wir den Bürger-Haushalt

verbessern und weiterentwickeln

können. Aktuell überlegen wir intensiv,

wie wir junge Menschen noch stärker

erreichen können. Hierfür haben wir die

Online-Beteiligungsverfahren ausgebaut

und ansprechender gestaltet, aber auch

den Kontakt zu den Schulen vor Ort verbessert.

Mittlerweile können Anträge

zum Bürgerhaushalt einfach online gestellt

werden. Eine weitere Chance besteht

in der Einführung des Schulfaches

Politik ab dem nächsten Schuljahr. Die

allgemeine Beteiligung findet analog

wie auch digital statt. In den Stadtteilzentren

entstehen Anträge im Dialog

oder nach Veranstaltungen. Vielleicht

wäre auch eine App noch eine

Möglichkeit, um zukünftig von

unterwegs besser und schneller

Anträge einzureichen.

Was ich anhand des Haushaltes

für Bürgerinnen und Bürgern

gelernt habe? Es muss nicht

zwangsläufig am Unwillen

der Menschen liegen, wenn

Beteiligungsprozesse in nur

geringem Maße angenommen

werden. Ursache dafür

kann auch ein schlecht gestaltetes

Verfahren sein.

Und: Beteiligung zu gestalten

und zu leben ist nicht immer

leicht, aber immer lohnenswert.

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Text Sven Heinemann

Foto Timon Henze

Mythos Ostkreuz

Vom „Rostkreuz“ zum modernen Nahverkehrsknoten:

Die Geschichte des Bahnhofes Ostkreuz ist ein Teil Deutscher Einheit.

Als ich im Jahr 2000 in den Kiez um den Bahnhof Ostkreuz zog, hieß die

S-Bahn-Station im Volksmund längst nur noch „Rostkreuz“. Aber der alte

Bahnhof mit den beiden Kurven und seinen drei unterschiedlichen Bahnsteigebenen,

auf denen irgendwann die Zeit stehen geblieben war, war

Kult – trotz seines hohen Alters und morbiden Charmes. Zur Jahrtausendwende

war der Bahnhof fast 100 Jahre ohne Verjüngungskur in Betrieb

mit all seinen Ecken und Kanten. Und fast jeder, der am alten Ostkreuz

häufiger aus- oder umgestiegen ist, kann zu dem Bahnhof die eine oder

andere Geschichte erzählen.

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LINKS

Nach der Gründung der Deutschen

Demokratischen Republik wurden die

Kriegsschäden am Ostkreuz bis Anfang

der 1950er-Jahre beseitigt. Und am 15. Mai

1959 verkündet die Berliner Zeitung in

großen Lettern stolz: „Im Siebenjahrplan:

Neues Ostkreuz“. Der erste Bauabschnitt

des geplanten Umbaus soll 1963 in Angriff

genommen werden. Doch die Bagger

und Bauarbeiter rücken nicht an: Stattdessen

wird das Projekt 1963 zu den Akten

gelegt. Anfang der 1970er-Jahre gibt es

neue Umbaupläne für das Ostkreuz. In

drei Bauabschnitten soll der Bahnhof von

1976 bis 1985 für 130 Millionen Mark umgebaut

werden. Doch auch dieses Vorhaben

wird nie begonnen. Auch Umbaupläne

in den Jahren 1984 und 1988 bleiben

ergebnislos.

Erst nach dem Fall der Berliner Mauer

und der Deutschen Einheit und nach der

Fusion von Reichsbahn und Bundesbahn

im Jahr 1994 zur Deutschen Bahn wird

der Umbau des größten Berliner S-Bahnhofs

endlich konkret. Aber erst im Oktober

2006 erlässt das Eisenbahnbundesamt

den 502-seitigen Planfeststellungsbeschluss

für das neue Ostkreuz. Unter

Berücksichtigung des Denkmalschutzes

wird der Bahnhof nun seit elf Jahren zu

einer modernen, leistungsfähigen Station

für den S-Bahn- und Regionalbahn- und

Fernverkehr umgebaut.

Der Friedrichshainer MdA Sven Heinemann

hat zusammen mit dem Eisenbahnfotografen

Burkhard Wollny ein Buch über die Geschichte

des Ostkreuzes geschrieben. Seit 2011 hat er

dafür mehr als 60 Archive durchforscht.

Sven Heinemann/Burkhard Wollny:

Mythos Ostkreuz – Die Geschichte des legendären

Berliner Eisenbahnknotens – 1842 bis heute.

VGB Verlagsgruppe Bahn Fürstenfeldbruck,

272 Seiten, ca. 350 Abbildungen, 39,95 Euro

Seit ihrer Inbetriebnahme 2012 prägt

die neue Ringbahnhalle neben dem alten

Wasserturm von 1911 das Erscheinungsbild

des Bahnhofs Ostkreuz. Und seit

Dezember 2017 ermöglicht das neue

Kreuzungsbauwerk Ostkopf in Form

einer Bogenbrücke zwischen den Bahnhöfen

Ostkreuz und Rummelsburg den

fahrgastfreundlichen Richtungsbetrieb.

Die teuerste Einzelmaßnahme des 500

Millionen Euro teuren Ostkreuz-Umbaus

ist die Südkurve inklusive der Stützbauwerke:

Sie hat 21,4 Millionen Euro gekostet.

Im kommenden Jahr, pünktlich

zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls,

soll der Bahnhof sein Empfangsgebäude

zurückerhalten und damit der

Umbau offiziell abgeschlossen sein.

Auch der Kiez um den Bahnhof Ostkreuz

hat eine rasante Entwicklung genommen:

Nach 15 Jahren intensiver und

erfolgreicher Stadtentwicklungspolitik

wurde die Sanierung des innerstädtischen

Wohnquartiers rund um das Ostkreuz

bereits 2010 abgeschlossen. Rund

92 Millionen Euro öffentlicher Mittel

sind investiert worden. Heute präsentiert

sich das Quartier um den Bahnhof als

attraktives und familienfreundliches

Wohngebiet. Ein Bevölkerungszuwachs

von 22 Prozent seit Beginn der Sanierung

haben den Erfolg der Sanierungskonzepts

bestätigt. Und die SPD setzt sich aktuell

dafür ein, dass der Kiez um das Ostkreuz

zum Milieuschutzgebiet erklärt wird.

Der Bahnhof Ostkreuz ist längst nicht

nur Berlins größter S-Bahnhof, sondern

auch der größte und modernste Nahverkehrsknoten

der Republik: An keinem

anderen Bahnhof in Deutschland halten

täglich mehr Züge (über 1.700!).

Der Mythos Ostkreuz lebt.

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Text Ulrich Horb

Fotos Ulrich Horb & Privat

Ein Leben

für die Demokratie

Er blieb Sozialdemokrat, auch als es seine Partei viele Jahre nicht gab.

Mehr als 70 seiner 90 Lebensjahre ist Werner Ratajczak mit der SPD

verbunden. Das war im Ostteil der Stadt nicht immer einfach.

Es waren die Erfahrungen mit Krieg und Nationalsozialismus, die

Werner Ratajczak prägten. Er war 16, als er im April 1945 an die Front

sollte. Die Großeltern, bei denen er aufgewachsen war, verboten das

kurzerhand, er versteckte sich und überlebte.

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Nach Kriegsende begann er in Friedrichshain eine Lehre als Elektrofacharbeiter.

Und er suchte eine politische Heimat. Im Frühjahr 1946 hatten

sich Teile der SPD unter starkem Druck mit der KPD zur SED vereint.

Die SPD aber gab es nach einer Urabstimmung weiter. Und nur sie kam

für Werner Ratajczak in Frage, als er sich 1947 politisch engagieren wollte.

„Mir war immer völlig klar, dass das System der Sowjetunion genauso

diktatorisch ist wie das des Nationalsozialismus“, sagt Werner Ratajczak.

Der SPD sei es um soziale Gerechtigkeit gegangen, aber eben auch um

Freiheit und Demokratie.

Um von der SPD in Friedrichshain aufgenommen zu werden, musste er

ein Jahr die Veranstaltungen seiner Abteilung besuchen und zwei Bürgen

haben. Am 18. Mai 1948 erhielt er sein Parteibuch, gut einen Monat später

erreichte der Kalte Krieg mit der Blockade West-Berlins seinen ersten

Höhepunkt. Die Stadtverwaltung, in der die SPD seit der Wahl 1946 mit

Abstand stärkste Partei war, wurde gespalten, die SED gab in Ost-Berlin

den Ton an. Als Sozialdemokrat durfte Werner keinen Meister machen,

nicht studieren.

22 BERLINER STIMME


LINKS

Gerhard, genannt:

Werner Ratajczak

mit der Urkunde

zur Verleihung der

Willy-Brandt-Medaille

Die SPD-Abteilung 16 in Friedrichshain

traf sich im Keglerheim in der Sonntagstraße.

40, 50 Mitglieder und Gäste

kamen jeden Monat. Ob die Stasi mit

dabei war, war für Werner Ratajczak

nicht erkennbar. Aber Akten zeugen von

intensiver Beobachtung. Rund 12.000

Seiten stellte die Stasi-Unterlagenbehörde

für Friedrichshain zusammen, als

der SPD-Abgeordnete Sven Heinemann

2013 nachforschte.

Werner Ratajczak war Jungsozialistenbeisitzer.

In Steglitz nahm er an den

Schulungen der Jungsozialisten teil, bei

denen auch die SPD-Geschichte vermittelt

wurde. Für Werner eine wichtige

Grundlage, die er bei jüngeren Mitgliedern

heute manchmal vermisst.

An Wahlen konnte die SPD in Ost-Berlin

nicht teilnehmen. „Und wir wollten

das auch nicht, wir wollten uns an

diesem System nicht beteiligen“, sagt

er. Wahlkampf machte er dennoch:

Die Friedrichshainer unterstützten

Willy Brandt und die Kreuzberger Sozialdemokraten

mit ihrem schillernden

Bürgermeister Willy Kressmann.

1953 heiratete Werner seine Frau Gerda.

Ende der fünfziger Jahre zogen sie in eine

neu erbaute Genossenschaftswohnung

in der Annenstraße, Werner etwas widerwillig,

weil dort viele SED-Mitglieder

Wohnungen bekamen. Als er seine SPD-

Fahne in eine Halterung vor dem Küchenfenster

steckte, ersetzte eine Nachbarin

sie umgehend durch eine rote.

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Zu Funktionärsversammlungen fuhr

man in die Westbezirke. Allerdings versteckte

sich die SPD in Ost-Berlin auch

nicht. Es gab bis 1961 ein SPD-Kreisbüro

in der Krossener Straße 22, der Kreisvorsitzende

Kurt Neubauer war Bundestagsabgeordneter,

entsandt vom West-

Berliner Abgeordnetenhaus. Und gemeinsam

mit der Kreuzberger SPD

fuhren die Friedrichshainer jedes Jahr

mit einem Dampfer der Weißen Flotte

die Spree entlang.

Noch war die Grenze durchlässig, Flugblätter

und Zeitungen holte Werner aus

dem SPD-Büro in der Zietenstraße. 1959

fand er im Westen Arbeit bei Siemens.

Aber die Konflikte verschärften sich. Als

Grenzgänger drohte ihm der Verlust der

Wohnung. 1961 kündigte er bei Siemens

und fing beim VEB Elektroblitz an.

Wegen eines Streits mit einem Volkspolizisten

wurde Werner Ratajczak

zwei Tage vor dem Mauerbau 1961

festgenommen und zu einem halben

Jahr Haft wegen Widerstands gegen

die Staatsgewalt verurteilt.

Ein mit Kurt Neubauers Hilfe geplanter

Umzug in den Westen kam nicht zustande.

Wegen eines Streits mit einem

Volkspolizisten wurde Werner Ratajczak

zwei Tage vor dem Mauerbau 1961 festgenommen

und zu einem halben Jahr

Haft wegen Widerstands gegen die

Staatsgewalt verurteilt. Im Februar 1962

wurde er aus Rummelsburg entlassen.

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LINKS

Dampferfahrt

der Sozialdemokraten

aus Friedrichshain

und Kreuzberg

RECHTS

Parteibuch

von Werner Ratajczak

aus dem Jahr 1948

Die SPD-Mitglieder in Ost-Berlin, 750 allein

in Friedrichshain, wurden im August 1961

vom SPD-Landesvorstand aus ihren Pflichten

entlassen, die Volkspolizei schloss

das SPD-Büro. Seine Meinung konnte

Werner Ratajczak nur noch privat äußern.

Aus den West-Nachrichten erfuhr er im

Herbst 1989 von der Gründung der SDP,

im Briefkasten lag wenig später eine

Einladung zu einem noch konspirativen

Treffen bei den Familien Bassenge und

Regine Hildebrandt.

Werner Ratajczak half beim Wiederaufbau

der SPD in Mitte, er meldete sich im

Kurt-Schumacher-Haus, brachte jüngere

und ältere Sozialdemokraten zusammen.

Damals hätte sich die SPD auch für ehemalige

SED-Mitglieder öffnen sollen,

sagt er.

Einige West-Genossen empfand er damals

als überheblich. Aber es gab auch

viel Unterstützung. Nur die Demokratie

habe er sich anders vorgestellt, sagt

Werner Ratajczak heute. Entschlossener.

„Die SPD ist eine linke Partei. Mit rechts

hat sie nichts zu tun“, sagt er. Noch mit

90 Jahren gehört er als Beisitzer dem

Vorstand der AG 60plus an. Und mit

seinem Projekt der Unterstützung ehemaliger

ukrainischer Zwangsarbeiterinnen,

Opfer des NS-Regimes, hat er eine

Aufgabe gefunden, die er seit vielen

Jahren mit ganzem Herzen wahrnimmt.

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Text Oliver Igel

Foto Martin Becker & Wista-Management GmbH

Neue Trojaner

Aus dem Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden,

wuchsen bei den Ostdeutschen Trotz und Mut.

Die Geschichte einer Wiederauferstehung eines Bezirks.

Die guten „Trojaner“ gab es in Oberschöneweide. „Trojaner“ hießen die

Menschen, die in der DDR-Zeit in dem Transformatorenwerk TRO arbeiteten.

Das Oberschöneweide, das sich ab Ende des 19. Jahrhunderts zu einem

stolzen Standort der Elektroindustrie entwickelt hatte. Hier gründeten die

Rathenaus die AEG. Ein ganzes Jahrhundert sollte diese Erfolgsgeschichte

anhalten. Als zu DDR-Zeiten die Trojaner den Elektro-Rasenmäher „Trolli“

bauten – weil auch etwas für den Konsum der normalen Bevölkerung produziert

werden sollte – wurde die Arbeitsstätte so etwas wie Kult. In den

1990er-Jahren war damit Schluss.

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In Oberschöneweide fielen in diesen Jahren mehr als 30.000 Arbeitsplätze

weg. Dahinter standen Menschen, Familien. Die Luft besserte sich, die

Aussicht nicht. In Adlershof wurde die Akademie der Wissenschaften der

DDR abgewickelt. Anerkannte Wissenschaftler, unpolitisch. Sie wurden

wohl nicht mehr gebraucht. Was macht das mit einem Menschen, der

nun das Gefühl hat, die Vergangenheit war umsonst, alles war sinnlos?

Sich darin hineinzuversetzen, lässt vielleicht ein wenig erahnen, weshalb

die Ostdeutschen ein Stück sensibel auf Fragen von Gerechtigkeit

reagieren.

Viele erinnern sich heute noch an die Anfangszeit in den 1990er-Jahren

in Köpenick und Treptow – die hohe Arbeitslosigkeit, aus der Frust und

Verzweiflung wuchsen. Doch viele ließen sich nicht davon unterbuttern.

Sie haben sich vorgekämpft, indem sie noch einmal auf die Schulbank

zurückkehrten und neue Berufe erlernten oder indem sie in das volle

Risiko gingen und sich selbstständig machten. Aus diesem Gefühl nicht

mehr gebraucht, ja sogar abgewertet zu werden, wuchsen Trotz und Mut.

Der Trotz blieb noch mehrere Jahrzehnte – allein deshalb, weil zu lange

im Osten für die gleiche Arbeit weniger Lohn und Gehalt gezahlt wurde.

Mutige Entscheidungen trafen aber nicht allein Ostdeutsche.

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LINKS

Oliver Igel ist 1978 in Köpenick geboren.

Er ist seit 2011 Bezirksbürgermeister

von Treptow-Köpenick

Dass der Bezirk Treptow-Köpenick mit

Oberschöneweide und Adlershof heute

international als Vorzeigeregion gilt,

haben wir den Menschen zu verdanken,

die dort mit eigenen Firmen für einen

Aufschwung sorgten, aber auch Politik

und Verwaltung, die Entscheidungen trafen:

für die Gründung von Technologieund

Gründerzentren, eines Innovationsparks

sowie der Stadt für Wissenschaft,

Wirtschaft und Medien (Wista Adlershof).

Auf dem Wista-Gelände gibt es heute

mehr als 1.100 Firmen mit über 18.000

Beschäftigten, die Humboldt-Universität,

außeruniversitäre Forschungsinstitute

und eine Reihe weiterer Institutionen.

Diese Stadt ist neu entstanden, hoch modern

und bestens gelegen. Die Unterneh-

men schätzen die Nähe zu Autobahn und

Flughafen, denn auch diese politischen

Entscheidungen belebten den Standort

richtig: Ohne diese Infrastruktur wären

zahlreiche Unternehmen nicht nach

Berlin und Adlershof gekommen.

Und Oberschöneweide? Die 30.000

Industriearbeitsplätze sind nicht wieder

zurückgekehrt. Es haben sich hier aber

mehrere tausend Arbeitsplätze in neuen

Firmen etabliert – und eine Hochschule.

Die Hochschule für Technik und Wirtschaft

hat dem Ort ein neues Gesicht

gegeben. Tausende motivierte Studierende

sind die Unternehmensgründer

von morgen, neue „Trojaner“ vielleicht?

Und sie werden ein besonderes Gefühl

für Gerechtigkeit behalten.

UNTEN Technologiepark Adlershof

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Text Christina Bauermeister

Fotos Nico Roicke

„Nur mit Euch“

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Zum Tag der Deutschen Einheit präsentierte

Berlin unter dem Claim „Nur mit

Euch“ ein großes Bürgerfest rund um

das Brandenburger Tor. Berlin stehe für

die Überzeugung, dass sich eine gute

Zukunft nur miteinander gestalten lasse.

„Die Einheit Deutschlands ist eine einzigartige

Gemeinschaftsleistung aller Menschen

in ganz Deutschland“, sagte der

Regierende Bürgermeister und amtierende

Bundesratspräsident Michael Müller

beim Festakt zum 28. Jahrestag der

Deutschen Einheit. Zudem rief er die

Menschen dazu auf, sich Rechten und

Rassisten entgegenzustellen. „Wir dürfen

nicht zulassen, dass die Minderheit einer

neuen Rechten die Deutungshoheit über

das Erreichte an sich reißt und dabei die

Grundwerte unserer Gesellschaft missachtet.“

Die Mehrheit der Menschen

distanziere sich von Rechtspopulisten

und stehe gegen sie auf, zeigte sich

Müller überzeugt.

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Text & Foto Ulrich Schulte Döinghaus

Unter dem Asphaltband

der Freiheit

Seit einigen Wochen erinnern Tafeln, die im Bereich der Zimmerstraße

angebracht wurden, an die unterirdischen Fluchtgeschichten

zweier Berliner Familien zwischen Ost und West

Man könnte den Straßenzug, der sich von der Axel-Springer-Straße

über die Zimmer- und Niederkirchnerstraße bis zur Stresemannstraße

erstreckt, als das Asphaltband des Freiheitswillens bezeichnen. Die Sehnsucht

nach Freiheit wird dort nämlich an gleich drei Gedenkorten dokumentiert:

In der Mitte, etwa in Höhe der Charlottenstraße, wird an Peter

Fechter erinnert, der am 17. August von Grenzsoldaten erschossen wurde,

als er versuchte die Mauer zu überwinden.

In westlicher Richtung, ungefähr dort, wo früher die Stasi-Ausstellung

war, wird heute mit einer Messingtafel an einen Tunnel erinnert,

durch den drei junge Ostberliner in die Freiheit gelangten. In östlicher

Richtung, ungefähr dort, wo die Axel Springer AG heute neu baut, wird

mit einer ähnlichen Platte an einen weiteren Tunnel erinnert, der die

tragische Flucht einer Frau und ihrer beiden Kinder erzählt.

Die Geschichte ist tragisch, weil beim Fluchtversuch von Rudolf Müller

vor 56 Jahren der 20-jährige DDR-Grenzpolizist Reinhold Huhn zu Tode

kam. Ihn traf ein Schuss aus einer Pistole, die der Tunnelbuddler Müller

bei sich trug. Bis heute ist die tragische Geschichte nicht vollends geklärt.

Im Jahr 2000 verurteilte der Leipziger Bundesgerichtshof Müller zu Mord,

weil er eine Notwehrsituation nicht erkannte und setzte eine einjährige

Freiheitsstrafe zur Bewährung aus – eine umstrittene Entscheidung.

Rudolf Müller kämpft noch immer um seine öffentliche Rehabilitation.

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Als die Mauer durch Berlin gebaut wurde, trennte sie auch die Familie

Müller. Rudolf hatte einen gutbezahlten Job beim Tempelhofer Hüttenwerk,

wo er sich in der IG Metall engagierte. Eine Wohnung in West-

Berlin war organisiert, die Familie sollte aus Weißensee nachziehen.

Die Mauer machte ihnen einen Strich durch ihre Rechnung.

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LINKS

Manfred, Inga und Peter Höer (v.l.)

bei der Einweihung der Gedenktafel

Sommer des Vorjahres in die 18-jährige

Inga aus West-Berlin verliebt, die den

Ostteil der Stadt besuchte. Auch sie fand

sofort Gefallen an dem jungen, fröhlichen

Mann und erwiderte seine Zuneigung.

Schnell gewann Manfred seinen Bruder

Peter und Kumpel Peter Schöpf für den

Plan, einen Fluchttunnel nach West-

Berlin zu graben. Die Startbedingungen

waren gut, denn Manfred Böer arbeitete

als allseits geschätzter und unverdächtiger

Heizer in einem Zweigbetrieb des

Energieversorgers Bewag, dessen Keller

an die Zimmerstraße und damit unmittelbar

an die Schandmauer grenzte.

Aus der anfänglichen Phantasie, einen

heimlichen Fluchtweg zu finden, wurde

schnell die gemeinsame Planung für einen

Fluchttunnel unterhalb der Zimmerstraße.

Das Einstiegsloch im Westen war

im Bereich einer Baubaracke auf dem

Betriebsgelände der Firma Axel Springer,

der Ausstieg sollte in einem Keller auf

der anderen Straßenseite sein. „24 Meter

auf Knien, aber auch 24 Meter bis zur Erfüllung

aller unserer Wünsche”, erinnert

sich Rudolf Müller. Die Flucht gelang –

aber der Grenzsoldat, der die Flucht vereiteln

wollte, starb. Die tödliche Waffe

hatte er sich vor der Flucht beschafft, um

in einer brenzligen Situation die Familie

schützen zu können.

Einen rundum glücklichen Verlauf nahm

die Tunnelflucht von Manfred Höer,

Peter Höer und Peter („Schöpfi“) Schöpf

im Januar 1972. Manfred hatte sich im

Die Böers und Schöppi buddelten wie

besessen, verteilten den Sand und die

Erde auf die benachbarten Kellerräume.

Am Sonntag, 9. Januar, sechs Uhr morgens

endet ihr Tunnel in einem Loch

auf dem Fußweg der Zimmerstraße –

ein paar Stunden später schließen sich

Manfred und Inga in die Arme.

Aus dem Liebespaar wurde bald ein

Ehepaar, das Ende September 2018 noch

einmal seine romantische Abenteuergeschichte

erzählte, an die eine Tafel

an der Zimmerstraße erinnert.

Buchtipp:

Dietmar Arnold, Rudolf Müller: Kein Licht

am Ende des Tunnels. Berlin 1962 –

Die tragische Flucht einer Familie. Edition

Berliner Unterwelten im Ch. Links Verlag,

1. Auflage, September 2018. Preis: 20 Euro

Bodo Müller, Siegrun Scheiter: Der Tunnel

am Checkpoint Charlie: Eine spektakuläre

Flucht 1972. Verlag: Edition Berliner Unterwelten

im Ch. Links Verlag, 1. Auflage,

August 2018. Preis: 20 Euro

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BERLINER STIMME

Zeitung der Berliner Sozialdemokratie | Nr. 1 · 2018 | 68. Jahrgang

PLÄDOYER

Zeit für eine neue

soziale Agenda

INTERVI EW

Lars Klingbeil über die

Erneuerung der SPD

Zeitung der Berliner Sozialdemokratie | Nr. 2 · 2018 | 68. Jahrgang

TITELTH EMA

ERNEUERUNG

R EPORTAGE

Inklusion und Teilhabe:

Lisa lä st nicht locker

TAR I FVERTRÄGE

Gleichberechtigt im Job

#METO O

Sexismus geht uns a le an

Zeitung der Berliner Sozialdemokratie | Nr. 3 · 2018 | 68. Jahrgang

TITELTHEMA

FRAU.

MACHT.

ZUKUNFT.

30 JAH R E QUOTE

Wie hat sie die SPD verändert?

I NTERVIEW

Christian Hoßbach: Neue We le

beim Thema Arbeitszeit

ANALYSE

Zeitung der Berliner Sozialdemokratie | Nr. 4 · 2018 | 68. Jahrgang

Wie kö nen rechte Betriebsräte

verhindert werden?

PORTRÄT

50 Jahre in der SPD:

Klaus Böger

ESSAY

Die SPD und

das Erbe der 68er

INTERVIEW

Wi lkommen in

Retrotopia

Zeitung der Berliner Sozialdemokratie | Nr. 5 · 2018 | 68. Jahrgang

TITE LTH EMA

50 JAHRE 68ER

PORTRÄT

Rudi Uda un die

Geschichte der Kreisfahne

EUROPAWAHL

Unsere Kandidatin

Gabriel Bischo f im Interview

LANDESPARTEITAG

Da sind die

wichtigsten Beschlüsse

TITELTHEMA

EUROPA

VOR 70 JAHREN

Wie die Berlin-Blockade

die Stadt veränderte

ÜBERBLICK

Neues Miteinander –

Berlin baut Bildung

REPORTAGE

Aus dem A ltag einer

Grundschul-Rektorin

Zeitung der Berliner Sozialdemokratie | Nr. 7 · 2018 | 68. Jahrgang

TITELTHEMA

MEINUNG

TITELTHEMA

Peter Strieder:

Verantwortung für Berlin

SAWSAN CHEBLI

Nicht im Zuschauermodus

verharren

BAHNHOFSMISSION

„Die blaue Weste macht

uns alle gleich“

Zeitung der Berliner Sozialdemokratie | Nr. 8 · 2018 | 68. Jahrgang

MARLITT KÖH N KE

VOR 60 JAHREN

Die „Berliner Abendschau“

geht auf Sendung

THOMAS KRÜGER

TITELTHEMA

WERNER RATAJCZAK

70 Jahre

für die Demokratie

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Alle Ausgaben der

BERLINER STIMME,

die Erscheinungstermine

und Schwerpunktthemen

sowie Abo-Hinweise

findest du hier:

www.spd.berlin/

aktuell/publikationen

Zeitung der Berliner Sozialdemokratie | Nr. 6 · 2018 | 68. Jahrgang

BERLINER STIMME

BILDUNG

BÜRGERSCHAFTLICHES

ENGAGEMENT

OST-BERLIN

Spaziergang durch den

jüngsten Bezirk Berlins

Gründe für die politische

Resilienz im Osten

Die nächste Ausgabe

der BERLINER STIMME mit

dem Schwerpunktthema

„Pflege“ erscheint in der

zweiten November-Woche.

16. / 17. November 2018 · Maritim Hotel

Stauffenbergstraße 26 · 10785 Berlin

Alle Infos

und Anträge auf

www.parteitag.

spd.berlin

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