Blick ins Tiroler Trachtenbuch 2018

kraftplatzl

DIE

TRACHTEN

TIROLS


Alle Rechte vorbehalten

© 2018 Berenkamp

www.berenkamp.at

ISBN 978-3-85093-369-8

Druck und Binderei: Longo AG, Bozen

Gefördert von

Herausgeber: Tiroler Landestrachtenverband

www.landestrachtenverband.at

Wissenschaftliche Texterstellung: Dr. Andrea Aschauer

Fotos: Brigitte & Gerhard Watzek und andere (siehe Bildnachweis)

Zur besseren Lesbarkeit werden in diesem Buch personenbezogene Bezeichnungen, die sich zugleich auf Frauen und Männer

beziehen, generell nur in der männlichen Form angeführt, also z. B. „Leser" statt „LesererInnen" oder „Leserinnen und Leser“.

Dies ist in der deutschen Sprache üblich und bringt keinesfalls eine Geschlechterdiskriminierung oder eine Verletzung

des Gleichheitsgrundsatzes zum Ausdruck.

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in

der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.


DIE

TRACHTEN

TIROLS


INHALTSVERZEICHNIS

7 Vorwort: Landeshauptmann Günther Platter

8 Vorwort: Kulturlandesrätin Dr. Beate Palfrader

9 Vorwort: Landestrachtenverbandsobmann Oswald Gredler

10 Einführende Gedanken: Dr. Andrea Aschauer

12 Kleidung – Mode – Tracht

13 Die Tracht in Tirol

18 Allgemeines zur Tiroler Frauentracht

29 Allgemeines zur Tiroler Männertracht

35 Gedanken zur Tracht: Bischof MMag. Hermann Glettler

AUSSERFERN

37 Lechtal

53 Tannheimer Tal

59 Geschichte eines Tannheimer Schalks

61 Reutte und Umgebung

67 Eine neue Tracht für Zwischentoren

68 Trachtenvereine und die Tracht

78 Die Bedeutung der Tracht in der Arbeitsgemeinschaft Volkstanz Tirol:

Ing. Kaspar Schreder

79 Tracht im Museum: Anna Engl M. A.

OBERINNTAL

85 Oberes Oberinntal mit Paznaun- und Stanzertal

91 Pitztal

95 Ötztal

104 Musikkapellen und die Tracht

109 Tracht in der Tiroler Blasmusik: Mag. Elmar Juen

110 Schützenkompanien und die Tracht

115 Schützen und Tracht: Mjr. Mag. Fritz Tiefenthaler

116 Mythos Tracht: Dr. Gunter Bakay

INNSBRUCK & INNSBRUCK LAND

121 Seefelder Plateau

127 Luitascher Tracht

131 Innsbruck und Umgebung

137 Stubaital

143 Wipptal

149 Rum

155 Mils bei Hall in Tirol

163 Oberes Unterinntal

169 Bürgerkleid und Bürgertracht

177 Tracht als gelebte Tradition: Mag. a Christine Oppitz-Plörer

178 Die Speckbacher Tracht

181 Tracht als Identität: Franz Hitzl

4


182 Landsturmgruppen und die Tracht

188 Trachtenerneuerung: Dr. Reinhard Bodner

UNTERINNTAL

195 Achental

201 Zillertal

207 Brandenberg

213 Alpbachtal

223 Radfeld

229 Wildschönau

233 Unteres Unterinntal

241 Das Kasettl

251 Gedanken einer Unterinntalerin zur Tracht: Katharina Wurzer

252 Dirndl und Trachtenanzug

257 Auf Tuchfühlung mit der Tiroler Tradition: Josef Margreiter

258 Aus Kleidung wird Kostüm: Dr. Sandra Hupfauf

OSTTIROL

261 Matrei in Osttirol

267 Kals

273 Defereggental

283 Iseltal

287 Lienz

297 Lesachtal

301 Pustertal

311 Osttirol allgemeine Frauen- und Männertracht

314 Das Bäurische Gewand

325 Gedanken zur Tracht: ÖR Josef Geisler

326 Werktagstrachten

333 Überbekleidung zur Tracht

346 Die Trachtenschneiderei: Maßband, Nadel und Faden

348 Die Stoffe zur Tracht: Loden und Leinen, Seide und Samt

354 Die Kopfbedeckung zur Tracht: Fazzelhaube, Stotzen und Scheibenhut

361 Die Haartracht: Knoten, Zopf und Gretelfrisur

362 Das Kunsthandwerk zur Tracht: Sticken, Klöppeln und Häkeln

370 Schmuck und Beiwerk zur Tracht: Brosche, Flor und Pompadour

376 Die Lederhose zur Tracht: Bockleder und Teufelshaut

379 Der Ranzen zur Tracht: Messing, Zinn und Federkiel

382 Der Strumpf zur Tracht: Model, Riedel und Lofel

384 Der Schuh zur Tracht: Leisten, Leder und Ahle

387 Trachtenpflege

388 Glossar

391 Bildnachweis

392 Bibliographie

397 Dank

5


INNSBRUCK

UND UMGEBUNG

Die erneuerte Tracht gehört in die heutige Zeit

und ist nur dann Tracht, wenn sie oft und gern getragen wird.

Griseldis Krassnig

„Bauer und Bäurin bey Innsbruck“, kolorierte Radierung,

1835, Johann Georg Schaedler (1777–1866)

Die Innsbrucker trugen früher wie alle Städter ein Bürgerkleid

beziehungsweise eine Bürgertracht. Die Kleidung

unterschied sich von jener auf dem Land meist

durch die Verwendung feinerer Stoffe und teureren Zubehörs.

Zudem gingen Bürger und Bürgerinnen durch

verstärkte Kontakte mit Reisenden und Händlern eher

„mit der Mode“ als die bäuerliche Bevölkerung. Ein

Vergleich der Aufzeichnungen von Kleidungsstücken in

bäuerlichen und bürgerlichen Verlassenschaften macht

dies deutlich. Auf einigen Darstellungen von Innsbrucker

Bürgerinnen aus dem 19. Jahrhundert ähnelt ihre

Kleidung dem heutigen Kasettl. Die in dunklen Tönen

gehaltenen Kleider sind tief ausgeschnitten, das Dekolleté

ist mit einem reich gefalteten hellen Tuch bedeckt,

Passe oder Rüschen zieren den Ausschnitt an den Kanten.

Die helle Schürze fehlt auch bei der Bürgertracht

nicht. Es finden sich obendrein Innsbrucker Bürgerinnen,

die sich in einer Schalktracht oder in Blusenkleidern

abbilden ließen. Die bäuerliche Bevölkerung rund

um Innsbruck trug unter anderem die Wipptaler Tracht,

wie dies 1835 der deutsche Maler Johann Georg Schaedler

festgehalten hat.

131


132


Innsbruck & Umgebung

Heute tragen die Frauen in der Landeshauptstadt und

deren näheren Umgebung, im unteren Oberinntal bis

Imst sowie auf dem Mieminger Plateau die erneuerte

Innsbrucker Tracht, mitunter auch „Untere Oberinntaler

Tracht“ genannt. Die Bandführung mit dem breiten

Trachtenband waagrecht unter dem spitzen Rückenausschnitt

und drei doppelten, senkrecht angebrachten,

abgenähten roten Samtbändern ist der Ötztaler Tracht

entlehnt. Das Trachtenband ist bei der Innsbrucker

Tracht wein- bzw. rostrot, ebenso das Schnürband. Mieder

und Brustlatz bestehen aus schwarzem, in eher seltenen

Fällen aus braunem, blauem oder grünem Wolloder

Seidenstoff mit handgesticktem oder eingewebtem

Blumenmuster. Für die Latzbestickung werden vorwiegend

Tulpen-, Granatapfel-, Nelken- oder Sonnenblumenmotive

gewählt. Die Schürze ist in Blau gehalten mit

vielen Variationsmöglichkeiten, von hell bis dunkel, Seide

bis Wolle, glatt bis in sich gemustert.

Die Innsbrucker Tracht gibt es außerdem in geknöpfter

Form mit rotem Trachten- oder Seidenbandbesatz oder

roten Passepoilierungen an den Kanten. Die Passepoil-

Tracht kann weiters in geschnürter Form mit gesticktem

und mit Goldborte verziertem Latz angefertigt werden.

Die vertikalen Samtbänder am Rückenteil finden sich

größtenteils bei allen Varianten.

133


134

Der Wollrock ist mit einem roten Kittelblech nach innen besetzt, das schmal vorstößt.


135

Innsbruck & Umgebung


ZILLERTAL

Es geit kålte Wåssar,

es geit kålte Brünn,

es geit schiane Diandlan

an Zillachtål inn.

„Angsangl“ (Gstanzl) aus dem Zillertal

Der Frauenhut zum Zillertaler Röckl ist etwas zierlicher als der Männerhut, aus feinem Material gearbeitet, mit schwarzer Kordel,

Goldquasten und einer am Hinterkopf befestigten Masche aus schwarzem Seidenband.

Das Zillertal hat für die Tiroler Tracht allgemein wohl besondere

Bedeutung. Vor allem durch die Konzertreisen

der Zillertaler Musik- und Sängergruppen im 19. Jahrhundert

wurde die Zillertaler Tracht in ganz Europa

bekannt. Sie entsprach den romantischen Vorstellungen

der adeligen und bürgerlichen Gesellschaft, was den Erfolg

der Sänger zudem steigerte.

Die wohl am meisten getragene Tracht im Zillertal ist

das Röckl, die Festtracht der Frauen. Sie ähnelt dem

Kasettl vor allem durch den tiefen viereckigen Miederausschnitt

mit schmaler Passe, verziert mit Posamenten

oder Stickereiborten. Mieder und Ärmel des

Röckls sind jedoch aus Samt gefertigt, im Unterschied

zum seitlich geschlossenen Kasettl an der Vorderseite

durch einfache Hafteln (Häkchen) verschlossen. Im Ausschnitt

liegt das weiße oder farbig zur Schürze passende,

gleichmäßig gefältelte Seidentuch. Die Seidenschürze

zum Röckl kann man aus Pastellfarben in möglichst

kleiner Musterung wählen.

Viele Zillertalerinnen ziehen zu festlichen Anlässen

die Sonntagstracht an. Mieder und Latz dieser Tracht

bestehen aus rotem Wollbrokat oder Loden. Armund

runder Rückenausschnitt sind mit einem breiten

schwarzen, an den Achseln unterbrochenen Besatz aus

201


202

Zillertaler Sonntagstracht


Zillertal

Die Latz- und Rückenstickerei kann aus unterschiedlichen überlieferten Mustervorlagen gewählt werden.

Die Hand- oder Maschinenstickerei lässt bei jüngeren Arbeiten das heute breite Angebot an farbigen

Garnen erkennen.

Wollstoff oder feinem Loden besetzt. Latz, Vorderkanten

und der restliche Armausschnitt werden schwarz

passepoiliert. Die Miederrückseite ist durch schwarze

oder rote Bogennähte in drei Abschnitte unterteilt und

wie der leicht nach oben geschwungene Latz mit Blütenoder

Lebensbaummotiven bestickt. Das Schnürband ist

rot, die handgezogene Schürze aus Wollstoff blau. Der

schwarze Seidenflor mit silbernem Ring schmückt den

Hals. Einige Frauen tragen über die Schulter ein blaues

Seidentuch mit kurzen Fransen. Der in Stehfalten gezogene

Kittel aus Wollstoff wird mit rotem Kittelblech belegt,

das schmal vorstößt.

203


Zillertaler Hut mit dem charakteristisch geschwungenen Gupf, der leicht nach unten gebogenen breiten Krempe und den zwei nach

vorn hängenden Goldquasten.

Die abgebildeten Schuhe stammen von einem Mitglied der „Rainer-Sänger“, die sich in den 1950er-Jahren in der Nachfolge der Original

Rainer-Sänger aus dem Zillertal gegründet haben und sich in besonderer Weise dem Liedgut und der Kleidung der ursprünglichen Sängergruppe

verpflichtet fühlten. Die Kleidung für ihre Auftritte ließen sie nach historischen Aufnahmen der Original Sänger anfertigen.

Die Österreichische Post präsentierte in der Briefmarkenserie

„Klassische Trachten“ 2015 die alte Tuxer Alltagstracht.

Die Frauentracht besteht aus dem geschnürten

dunklen Mieder mit langärmeliger Leinenbluse, dem

hoch an der Taille angesetzten Rock mit Kittelblech nach

außen und der blauen Schürze aus Wollstoff. Die Alltagstracht

der Männer setzt sich aus der hellgrauen Tuxer

Lodenjoppe, dem weißen Stehkragenhemd mit Seidenflor,

dem wollenen Brustfleck mit Leibgurt und der

Kniebundhose aus grobem Leinen zusammen. Überraschend

ist, dass die Briefmarke mit der alten Tuxer

Tracht nicht nur Philatelisten interessierte – seit ihrem

Erscheinen erlebt die Tuxer Alltagstracht offensichtlich

eine Renaissance und wird in Tux wieder gern getragen.

204


Zillertal

Die Festtracht der Zillertaler Männer ist vor allem

durch den „Tuxer“ (Joppe, Janker) typisiert. Es gibt

wohl nur wenige Zillertaler, die diese hellgraue Lodenjoppe

aus der gewalkten Wolle des Tuxer Steinschafs

mit schwarzen Wollborteneinfassungen und schwarzen

breiten Ärmelstulpen aus Samt nicht in ihrem Kleiderschrank

haben. Drei Ziernähte charakterisieren den Zillertaler

Janker – zwei Ziersteppnähte schließen eng an

die Wollborte und den Ärmelsamtbesatz, die dritte

Ziernaht wird mit größerem Abstand genäht. In die

Schulter- und teilweise in die Rückennaht ist ein Passepoil

aus grünem Loden eingenäht. Zwei schwarze Knöpfe

und mit grüner Seide umnähte Knopflöcher schließen

den Ärmelschlitz. Gefüttert wird der Tuxer original mit

Matratzengradl aus Baumwolldamast.

Vor allem Schützen und Musikanten sowie Mitglieder

von Traditionsvereinen tragen dazu die lederne Kniebundhose

oder eine Kniehose aus Fustian (Teufelshaut

genannt). Den roten Brustfleck mit eingearbeiteter Brusttasche

besetzen vom Halsausschnitt zur Brust je eine glänzende

grüne, silberne und goldene Borte. Seitliche Knöpfe

schließen den Brustfleck, die roten Träger sind auf der

Rückseite gekreuzt. Den schwarzen Flor legen die Männer

um den Stehkragen des Trachtenhemds, binden ihn zu

einem Krawattenknoten und stecken ihn einseitig in den

linken Armausschnitt des Brustflecks. Der Federkielranzen,

weiße Kniestrümpfe mit Modeln und schwarze Trachtenschuhe,

die über die Knöchel reichen, vervollständigen

diese Festtracht.

Die Sonntagstracht der Zillertaler, „Kleine Tracht“ genannt,

besteht aus der langen schwarzen Hose mit Bügelfalte,

der schwarzen Weste mit schwarzen Knöpfen,

dem weißen Kragenhemd mit schwarzer Krawatte und

dem niederen dunkelgrauen schmalkrempigen Filzhut

mit schwarzem oder grünem Hutband, weißer Feder mit

Flaum und Blumen. Selbstverständlich fehlen auch bei

dieser Tracht weder der gestickte Ranzen – ein Blickfang

an der dunklen Kleidung – noch der Zillertaler Tuxer.

205


BOCKLEDER

UND TEUFELSHAUT

DIE LEDERHOSE ZUR TRACHT

Geschlechter kommen, Geschlechter vergeh’n –

hirschlederne Reithosen bleiben besteh’n!

Börries von Münchhausen (1874–1945), deutscher Schriftsteller und Lyriker

Säckler werden die „Lederhosen-Schneider“ genannt,

die jedoch nicht nur für das Schneidern der Ledernen

zuständig sind, sondern ebenso für deren Bestickung,

was in Tirol aber eine eher nebensächliche Rolle spielt.

Hirsch, Gams und Reh liefern das beste Rohmaterial für

eine Trachten-Lederhose. Früher trugen nur Jäger oder

betuchte Bauern dieses feine Leder. Einfachere Leute waren

auf Bock- oder Schafleder bzw. lederähnliche Stoffe,

wie Fustian oder Teufelshaut (Velvet), angewiesen. Eine

Lederhose besteht aus ca. 50 Teilen. Bei der Schnittauflegung

hat der Säckler Naturfehler, unterschiedliche Färbungen

und Stärken der Häute zu berücksichtigen und

außerordentlich strapazierte Stellen mit Futterleder zu

verstärken. Die gesamte Fertigungszeit einer Lederhose

beträgt ohne Stickerei 25 bis 50 Stunden. Das hat natürlich

seinen Preis, doch: Einmal erworben, hält eine Lederhose

bei guter Pflege das ganze Leben.

Früher war die Unterscheidung zwischen Säckler und

Schneider wesentlich. Im Gegensatz zu den Säcklern

brachten die Schneider ihre Nähte nach innen an

(„Schneiderart“). Die Säckler wiederum durften die

einzelnen Lederteile nur nach außen zusammennähen,

sodass die hellen Lederkanten als Erkennungsmerkmal

sichtbar blieben („Säcklerart“). Heute verweist diese

376


Oben: Zur Tracht werden kurze Lederhosen oder Kniebundhosen getragen.

Bilder links: Schneidernaht. Bilder rechts: Säcklernaht

Säcklernaht auf eine händisch gut verarbeitete Lederhose.

Auch an den Stickereien einer Lederhose kann man

Handarbeit von Maschinenfertigung unterscheiden.

Sticht eine Stickmaschine das Leder komplett durch, wird

bei der Handarbeit nur angestochen und der Faden innerhalb

des Leders geführt, wodurch sich die Stickerei

reliefartig abhebt. Lederhosen gibt es aufgrund ihrer

Strapazierfähigkeit vor allem im alpinen Bereich schon

seit Jahrhunderten. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts

setzte ein allgemeiner Wandel in der Art der Kleidung

ein. So manche Lederhose wurde durch eine lange,

dunkle Stoffhose, vorwiegend aus Loden, ersetzt. Ab

1900 kam es schließlich zu einer Renaissance der Lederhose.

Vorbild war nicht zuletzt Kaiser Franz Joseph I.,

der sich bei seinen Aufenthalten in Bad Ischl oder bei

Jagdausflügen gern in Lederhose zeigte.

377


Die Tiroler Lederhose unterscheidet sich von jenen anderer

Regionen vor allem durch die vorwiegend vertikal

verlaufende „Arschnaht“ (am Gesäß vom Bund zum

Schritt). In Bayern oder im Salzburger Raum weisen die

Lederhosen eine sogenannte „Teller- oder Sattlernaht“

auf, die in einem Bogen über das Gesäß verläuft. Kurze

Lederhosen werden nur selten mit einer Tellernaht

versehen. Stickereien fehlen an den Tiroler Lederhosen

häufig oder sind nur am Hosenlatz oder seitlich an den

Hosenbeinen zu finden. Die Hosenträger zur Lederhose

können ebenfalls aus Leder sein, in Tirol bestehen sie jedoch

vorwiegend aus Borten in Rot oder Grün.

378


MESSING, ZINN UND

FEDERKIEL

DER RANZEN ZUR TRACHT

Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in euren Gürtel.

Mt 10, 9

Das Grundgerüst eines Ranzens zur Tracht fertigte früher

ein Riemer, den es als eigenen Handwerksberuf nicht

mehr gibt. Heute ist dafür der Sattler zuständig.

Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts finden sich vorwiegend

Metallstiftranzen mit Ornamenten aus kleinen Messing-,

Kupfer- oder Zinnnägeln. Um 1800 verschwand

diese Technik der Ranzenverzierung fast vollständig

und wurde durch die Bestickung der Riemen mit farbigen

Lederbändern oder Federkielen abgelöst. Heute gibt

es wieder einige wenige Kunsthandwerker, die sich der

schon beinahe ausgestorbenen Herstellung von Metallstiftranzen

zuwenden. Die kleinen Nägel werden mit einer

Pinzette in die über eine Schablone vorgestochenen

Muster ins Leder gesteckt, anschließend an der Rückseite

umgedrückt und fixiert. Im 21. Jahrhundert sieht

man am häufigsten Ranzen mit Federkielstickerei. Als

Grundmaterial zum Besticken eignet sich besonders das

geschmeidige Ziegenleder. Das Stickmaterial stammt aus

den Oberschwanzfedern eines Pfaus, die sich aufgrund

ihrer Länge und Robustheit anbieten. Die Vorbereitung

der Federkiele stellt eine äußerst schwierige Arbeit dar,

müssen die Kielstreifen nach dem Zuschneiden doch

gleichmäßig breit und elastisch sein. Ein Kiel ergibt sechs

bis acht „Stickfäden“. Vor der Arbeit wird das Muster mit

weißer Tusche auf das Leder gezeichnet, danach mit einer

flachen Ahle einzeln vorgestochen und schließlich

mit den Kielen Stich für Stich bestickt.

379

379


Die größte Zier der Männertracht war und ist der verzierte

Bauchgurt (Ranzen), dessen Ursprung allerdings

weniger Schmuck- als vielmehr Schutzfunktion hatte.

Auf Reisen galt es, Geld und Reisepapiere möglichst sicher,

also am besten direkt am Körper zu transportieren.

Zu jener Zeit wurden nur Riemengurte ohne Schild getragen,

die man auch als „Geldkatze“ bezeichnete. Der

Name leitet sich aus dem häufig dafür verwendeten Material

ab: einem Katzenbalg. Verzierendes Beiwerk zur

Tracht blieb der Ranzen gleichwohl ohne seine ehemalige

Bestimmung des Schutzes wertvoller Habseligkeiten.

Nach Zeit und Region unterschiedlich sind Form und

Muster der Ranzen. Der in Nord- und Osttirol verbreitete

Schild- oder Blattranzen besteht aus dem Schild

(„Blattl“) und dem Gurt. Die Fatsche oder Binde, der

gerade, über die gesamte Länge bestickte Ranzen, ist

vorwiegend in Südtirol zu finden.

Die Ornamente der Verzierungen spielen eine große Rolle.

Beliebte Muster sind Wappen, Lebensbäume, christliche

Symbole, Initialen oder Symboltiere wie Hirsch oder

Adler. Berufssymbole (Amboss oder Zimmermannswerkzeug)

sowie die Lyra bei Musikanten werden ebenfalls

gern aufgestickt. Häufig steht die Jahrzahl der Herstellung

auf dem Ranzen. Einige Tiroler Männer tragen

beeindruckende alte Gurte, die bereits ihre Urgroßväter

fertigen ließen.

380


381

Weitere Magazine dieses Users