Leseprobe Magazin Frank&Frei 07/2018
Magazin für Politik, Wirtschaft und Lebensstil
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Nr. <strong>07</strong><br />
INTERVIEWS<br />
mit Karin Kneissl,<br />
Roger Köppel &<br />
Thilo Sarrazin<br />
MAGAZIN FÜR POLITIK, WIRTSCHAFT UND LEBENSSTIL<br />
Wohin steuert<br />
die EU?<br />
A, D: € 8,50<br />
KARIN<br />
KNEISSL<br />
ROGER<br />
KÖPPEL<br />
THILO<br />
SARRAZIN<br />
ANDREAS<br />
UNTERBERGER<br />
Wir müssen Russland als<br />
Partner im Nahen Osten und<br />
damit auch als Partner in<br />
Migrationsfragen begreifen<br />
In Deutschland<br />
herrscht ein<br />
fürchterlicher<br />
Moralismus<br />
Die herrschende<br />
Medienklasse muss<br />
ihr Versagen<br />
selbst beurteilen<br />
Europa droht in eine<br />
lange Phase der<br />
Stagnation und des<br />
Abstiegs überzugehen
Foto: ©Fotolia/Iakov Filimonov<br />
EDITORIAL<br />
EDITORIAL<br />
Kinder<br />
Gesund<br />
Bewegen<br />
Die Weltgesundheitsorganisation<br />
(WHO) empfiehlt:<br />
Kinder und Jugendliche sollten täglich<br />
mindestens 60 Minuten aktiv sein!<br />
Eine Initiative<br />
des Sportministers<br />
ENTGELTLICHE EINSCHALTUNG DES BMÖDS<br />
Studienergebnisse zeigen: Nur 40 % der 11-17-jährigen Schülerinnen und Schüler in<br />
Österreich gelingt es, diese WHO-Empfehlung an zumindest 5 Tagen der Woche einzuhalten.<br />
Nur 28,5 % der Kinder sind mindestens 7 Stunden in der Woche körperlich aktiv.<br />
Bewegung wirkt: Mehr Bewegung trägt dazu bei, gesundheitliche Risiken zu verringern und<br />
fördert gleichzeitig die Konzentration für schulische Leistungen.<br />
Die gezielte Zusammenarbeit von Kindergarten, Schule und Sport ist der wichtigste Ansatz<br />
für mehr Bewegung im Alltag von Kindern und Jugendlichen.<br />
Daher forciert der Sportminister die Bemühungen der Initiative „Kinder gesund bewegen“.<br />
3 Frank&<strong>Frei</strong> <strong>07</strong> / 18 Frank&<strong>Frei</strong> <strong>07</strong> / 18<br />
4
EDITORIAL<br />
EDITORIAL<br />
Die Heuchler<br />
und die<br />
Pressefreiheit<br />
William Turner (1775 - 1851): „The Fighting Temeraire<br />
tugged to her last Berth to be broken up“ (1838).<br />
Die (3.) HMS Temeraire spielte beim Sieg der Briten in<br />
der Schlacht von Trafalgar eine bedeutende Rolle.<br />
1838 wird sie über die Themse nach Southwark<br />
zum Abwracken geschleppt.<br />
Werner Reichel, Chefredakteur<br />
Eine Mission der UNO soll feststellen,<br />
ob in Österreich die Menschenrechte<br />
eingehalten werden.<br />
Seit Monaten fürchten Opposition und<br />
viele Medien um die Sicherheit unseres<br />
Landes. Grund dafür ist der BVT-Skandal,<br />
von dem keiner so genau weiß, was<br />
der Skandal ist. Die Österreicher müssen<br />
seit 1. September dank der 12-Stunden-Regelung<br />
für einen Hungerlohn 60<br />
Stunden pro Woche schuften und unsere<br />
Schulkinder werden demnächst wieder<br />
mit Noten drangsaliert.<br />
ken Meinungsjournalismus nicht der<br />
richtige Ausdruck ist. Informationen<br />
werden zumeist mit der „richtigen“<br />
Meinung und Deutung verbreitet.<br />
Dass man sich so weit aus dem Fenster<br />
lehnt, hat damit zu tun, dass die Opposition<br />
ein Totalausfall ist. Vor allem<br />
der ORF muss die Aufgaben der dahinsiechenden<br />
Oppositionsparteien übernehmen<br />
und SPÖ, NEOS, Grüne und<br />
die Pilze vor dem politischen Suizid bewahren.<br />
Deshalb wird Joy Pamela Rendi-Wagner<br />
gehypt, als hätte sie tatsächlich<br />
politisches Talent, als wäre sie eine<br />
Zukunftshoffnung. Das glaubt auch<br />
beim ORF, Kurier oder Falter kaum jemand,<br />
aber was bleibt ihnen anderes<br />
übrig. Allerdings schaffen es auch die<br />
linken Medien nicht, aus einem lahmen<br />
Gaul ein Rennpferd zu machen, wie der<br />
schnelle Aufstieg und jähe Absturz von<br />
Christian Kern gezeigt haben.<br />
Die heimischen Medienmacher sehnen<br />
sich gemeinsam mit der Opposition<br />
nach der guten alten Zeit zurück, als<br />
Österreich politisch berechen- und<br />
überschaubar war, als die SPÖ jahrzehntelang<br />
den Kanzler stellte und<br />
sich mit der Alt-ÖVP die Macht und das<br />
Land teilte, und die Grünen die gesellschaftspolitische<br />
Marschrichtung vorgaben.<br />
Diese Zeiten sind und bleiben<br />
trotz aller medialer Reanimationsversuche<br />
Vergangenheit. Gott sei Dank.<br />
Einer der letzten großen Aufreger in<br />
Seit die SPÖ nicht mehr den Bundeskanzler<br />
stellt, versinkt Österreich im<br />
Chaos, alles geht den Bach hinunter.<br />
Ein Jammer. Wer sich primär über die<br />
großen heimischen Medien informiert,<br />
bekommt dieses Bild vermittelt. Tag<br />
für Tag. Vor allem der ORF und Medien<br />
wie Der Standard, News, Profil, Falter<br />
oder Kurier haben, seit die türkisblaue<br />
Koalition regiert, eine düstere mediale<br />
Parallelwelt geschaffen, die von Nazis,<br />
Rechtspopulisten, Kapitalisten, Rassisten,<br />
Burschenschaftern, Neoliberalen,<br />
Homophoben, Sexisten und anderen<br />
fiesen Kreaturen bevölkert wird. Ein<br />
linkes Gruselkabinett, eine Welt, die<br />
nur noch wenig Berührungspunkte<br />
mit der Realität und den Alltagserfahrungen<br />
der meisten Österreicher hat.<br />
Man berichtet konsequent an den Interessen<br />
der Bürger vorbei, von denen<br />
bekanntlich rund 60 Prozent ÖVP und<br />
FPÖ gewählt haben. Wobei „berichten“<br />
angesichts des vorherrschenden lindieser<br />
Inszenierung war eine E-Mail<br />
aus dem Innenministerium. Opposition<br />
und linke Medien verkündeten<br />
den Anfang vom Ende der Presseund<br />
Meinungsfreiheit in Österreich.<br />
Was stand so Schreckliches in dieser<br />
internen Mitteilung? Ein Mitarbeiter<br />
des Innenministeriums empfahl den<br />
Landespolizeidirektionen, den Kontakt<br />
mit Medien, die die Polizeiarbeit permanent<br />
in ein schlechtes Licht rücken<br />
würden, auf das „nötigste (rechtlich<br />
vorgesehene) Maß zu beschränken und<br />
ihnen nicht noch Zuckerl (…) zu ermöglichen“.<br />
Was ist daran bedenklich?<br />
Wie kann man daraus das Ende der<br />
Pressefreiheit ableiten, wo sogar explizit<br />
darauf hingewiesen wird, sich<br />
gesetzestreu zu verhalten. Reichen die<br />
bestehenden Gesetze nicht aus? Wo<br />
also liegt das Problem? Oder glaubt jemand<br />
ernsthaft, dass die rotgrüne Stadt<br />
Wien Andreas Mölzers Wochenzeitung<br />
Zur Zeit genauso mit Infos versorgt wie<br />
den linken Falter? Darüber kann der gelernte<br />
Sozi nur lachen. SPÖ und Grüne<br />
sowie alle Landesregierungen, Ämter<br />
und Institutionen, wo sie noch etwas zu<br />
sagen haben, versorgen selbstredend<br />
linke Medien mit „Zuckerln“, während<br />
Journalisten, die ihnen neutral bis kritisch<br />
gegenüberstehen, mehr oder weniger<br />
ignoriert werden.<br />
Wer sich gegenüber Linken freundlich<br />
und kooperativ verhält, wurde und<br />
wird mit Insider- und Vorabinformatio-<br />
nen, Exklusivinterviews, Pressereisen,<br />
und was es sonst so an Goodies für<br />
Journalisten gibt, versorgt. Eine Hand<br />
wäscht die andere. Man fürchtet nicht<br />
um die Pressefreiheit, sondern um seine<br />
Privilegien, um seine bevorzugte<br />
Behandlung.<br />
Als Journalist, der sich keinen politisch<br />
korrekten Maulkorb verpassen lässt,<br />
weiß ich, wovon ich schreibe. Im Gegensatz<br />
zu meinen linken Kollegen erwarte<br />
ich mir keine Zuckerl, schlichte<br />
Informationen, kurze Interviews oder<br />
sachliche Antworten reichen vollkommen<br />
aus. Doch selbst diese bekommt<br />
man als nichtlinkes journalistisches<br />
„Schmuddelkind“ nur ab und an.<br />
Ein Beispiel: Für die Frank&<strong>Frei</strong>-Aufgabe<br />
zur Nationalratswahl 2017 hätten<br />
auch die beiden Spitzenkandidaten<br />
von SPÖ und Grünen interviewt werden<br />
sollen. Die SPÖ ignorierte unser<br />
<strong>Magazin</strong> völlig, und seitens der Grünen<br />
hieß es, dass man in Frank&<strong>Frei</strong><br />
nicht vorkommen wolle! Man gibt<br />
nicht nur keine Interviews, man will<br />
nicht einmal, dass ungenehme Medien<br />
über die Grünen überhaupt berichten.<br />
Nur eines von unzähligen Beispielen.<br />
In Deutschland ist die Situation nicht<br />
viel besser. Eine der wichtigsten Aufgaben<br />
der deutschen Medien scheint<br />
der Kampf gegen rechts zu sein. Jeden<br />
Tag kämpfen Journalisten von ihren<br />
Schreibtischen aus gegen alle, die politisch<br />
rechts von Angela Merkel stehen.<br />
Das sind, da Merkel ideologisch mittlerweile<br />
zwischen Grünen, SPD und<br />
der SED-Nachfolgepartei Die Linke herumgondelt,<br />
mehrere Millionen.<br />
Weil man sich trotzdem schwertut,<br />
daraus einen furchteinflößenden Nazi-Popanz<br />
zu basteln, muss man sich,<br />
wie zuletzt in Chemnitz, damit behelfen,<br />
Menschenjagden auf Ausländer<br />
einfach frei zu erfinden. So wie auch<br />
in Österreich hat man eine düstere mediale<br />
Parallelwelt erschaffen. Da man<br />
nach wie vor über die Meinungs- und<br />
Deutungshoheit verfügt, kann man<br />
solche Fake-News-Geschichten selbst<br />
dann aufrechterhalten, wenn, wie im<br />
Fall Chemnitz, herauskommt, dass es<br />
diese Jagden so nie gegeben hat.<br />
Nur in ihrer Parallelwelt, wo sie ausschließlich<br />
gegen Schimären kämpfen,<br />
sind diese Journalisten mutig. Wie sie<br />
sich verhalten, wenn sie realen und<br />
gefährlichen Feinden von Demokratie<br />
und Pressefreiheit gegenüberstehen,<br />
hat uns der Besuch des türkischen<br />
Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in<br />
Deutschland drastisch vor Augen geführt.<br />
Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz<br />
von Erdogan und Merkel<br />
streift sich der türkisch-deutsche<br />
Journalist Ertugrul Yigit ein T-Shirt<br />
mit einem Schriftzug über. „Pressefreiheit<br />
für Journalisten in der Türkei“<br />
steht drauf. Yigit lebt seit 35 Jahren in<br />
Hamburg und gilt als Kritiker des türkischen<br />
Präsidenten.<br />
Zwei Ordner packen den Journalisten<br />
und führen ihn ab. In Deutschland, nicht<br />
in der Türkei, wohlgemerkt. Erdogan<br />
lacht, als er die Szene beobachtet, Merkel<br />
lächelt. Anfangs. Dann dreht sie sich<br />
weg, es scheint ihr kurz zu dämmern,<br />
worüber sie da gerade schmunzelt.<br />
Und was machen die vielen anwesenden<br />
deutschen Journalisten? Nichts.<br />
Niemand tut etwas, wenn ein kritischer<br />
und mutiger Kollege abgeführt wird.<br />
Wehret den Anfängen? Kein Protest,<br />
kein Boykott. Ein Journalist mit etwas<br />
Anstand hätte zumindest die Pressekonferenz<br />
aus Protest verlassen müssen.<br />
Selbst das passierte nicht. Wenn<br />
es ernst wird, trennt sich die Spreu<br />
vom Weizen.<br />
Um die Presse- und Meinungsfreiheit<br />
in Deutschland und Österreich muss<br />
man sich tatsächlich Sorgen machen.<br />
Das liegt aber nicht so sehr an Innenminister<br />
Kickl oder an deutschen<br />
Rechtspopulisten, sondern am Personal,<br />
das die Redaktionen und die Chefetagen<br />
der Medien bevölkert.<br />
Schwerpunkt dieser Ausgabe von<br />
Frank&<strong>Frei</strong> ist die europäische Union<br />
und deren Zukunft. Das wunderbare<br />
Gemälde von William Turner, das unser<br />
Cover ziert, soll übrigens nicht als<br />
Antwort auf die Frage „Wohin steuert<br />
die EU?“, verstanden werden, sondern<br />
als eine von mehreren Möglichkeiten,<br />
als eine Mahnung.<br />
5 6<br />
Frank&<strong>Frei</strong> <strong>07</strong> / 18 Frank&<strong>Frei</strong> <strong>07</strong> / 18
INHALT<br />
INHALT<br />
Rubriken<br />
Gesellschaft<br />
Debatte<br />
4<br />
EDITORIAL<br />
Die Heuchler und die Pressefreiheit<br />
78<br />
STEFAN BEIG im Gespräch mit THILO SARRAZIN<br />
„Dazu bedarf es keines Planes“<br />
104<br />
CHRISTIAN FREILINGER<br />
Das Visionsvakuum der EU<br />
Politik<br />
86<br />
JÜRGEN POCK<br />
Überdosis Moral<br />
110<br />
PETER ZU STOLBERG<br />
Kultur und Stellenwert von<br />
Preisverleihungen<br />
8<br />
ANDREAS UNTERBERGER<br />
Von Europa träumen<br />
16<br />
FABIO WITZELING<br />
Wozu EU?<br />
20<br />
MICHAEL BRÜCKNER<br />
Skandinavien: Kalte Schulter für die EU<br />
28<br />
WERNER REICHEL im Gespräch mit KARIN KNEISSL<br />
„Helfen ist für mich keine politische und diplomatische Kategorie“<br />
38<br />
JÜRGEN POCK<br />
Der rote Ikarus<br />
44<br />
STEFAN BEIG im Gespräch mit ROGER KÖPPEL<br />
„Die jetzige EU ist eine intellektuelle Fehlkonstruktion“<br />
Lebensstil<br />
50<br />
GEORG ZAKRAJSEK<br />
Die Europäische Union: Es hat sich ausgeglüht<br />
90<br />
VINOPHILIAS WELT<br />
In DAC Veritas?<br />
54<br />
WERNER REICHEL<br />
Der deutschen Willkommenswahn<br />
95<br />
MAGDALENA STROBL<br />
Der Holzschnitt für eine Welt, wie sie nicht gefällt<br />
Wirtschaft<br />
100<br />
ANDREAS TÖGEL<br />
Die staatsfreie Privatrechtsgesellschaft wird Realität<br />
Schlusspunkt<br />
64<br />
ANDREAS TÖGEL<br />
Das Wesen von Wirtschaftskrisen<br />
101<br />
MAGDALENA STROBL<br />
Betreutes und gefangenes Denken<br />
116<br />
AUTOREN<br />
72<br />
MICHAEL HÖRL<br />
Großbritannien: EFTA oder NAFTA<br />
118<br />
IMPRESSUM<br />
6 7<br />
Frank&<strong>Frei</strong> <strong>07</strong> / 18 Frank&<strong>Frei</strong> <strong>07</strong> / 18
POLITIK<br />
POLITIK<br />
VON<br />
EUROPA<br />
TRÄUMEN<br />
Auf der Weltbühne nur noch Statist, innerlich zerstritten, die großen Probleme allesamt ungelöst, in der<br />
Plattformökonomie bedeutungslos: Es sieht nicht gut aus für Europa. Ein gute Zukunft ist trotz allem<br />
möglich. Ein Plädoyer für Europa.<br />
ANDREAS UNTERBERGER<br />
Foto: shutterstock
POLITIK<br />
POLITIK<br />
In Europa ist in den letzten Jahren<br />
so viel schiefgegangen, dass der<br />
Name des Kontinents vom großen<br />
und geliebten Ideal zu einem Unwort<br />
geworden ist. Jedoch, gerade wenn<br />
man all das Negative in Europa offen<br />
kritisiert und ändern will, sollte man<br />
sich zugleich auch die Großartigkeit<br />
Europas bewusst machen – und darauf<br />
eine neue Zukunft unseres Kontinents<br />
aufbauen. Dieser Kontinent<br />
hat freilich nur dann Zukunft, wenn<br />
die vielen Errungenschaften, die alle<br />
Europäer verbinden, durch ein ebenso<br />
starkes und emotionales Bekenntnis<br />
zur Bedeutung und Individualität der<br />
europäischen Nationen in der Waage<br />
gehalten werden.<br />
Da sie in unser aller Bewusstsein in<br />
den letzten Jahren ohnedies so sehr<br />
im Vordergrund gestanden sind, seien<br />
die negativen Entwicklungen Europas<br />
hier nur kurz aufgezählt: Sie sind zwar<br />
alle ernst zu nehmen – sie sollten aber<br />
eben nicht dazu führen, Europa mit<br />
dem Bad auszugießen:<br />
Brüssel, Berlin und Paris sind mit der Völkerwanderung heillos überfordert<br />
•Erstmals seit Jahrzehnten gibt es wieder<br />
gewaltsame Gebietseroberungen<br />
durch eine Großmacht;<br />
•Großbritannien scheidet aus der EU<br />
aus, was den schwersten Rückschlag<br />
der Integration darstellt;<br />
•Millionen Drittweltbürger kommen<br />
in einer neuen Völkerwanderung völlig<br />
ungerufen nach Europa;<br />
•große Teile der EU-Führung und des<br />
größten europäischen Landes reagieren<br />
völlig hilflos auf diese Völkerwanderung;<br />
•der Anteil der Muslime nimmt mit<br />
allen negativen Folgeerscheinungen<br />
einer Islamisierung und Zerstörung<br />
der europäischen Identität dramatisch<br />
zu;<br />
•die Meinungsfreiheit wird durch Political<br />
Correctness und Genderismus<br />
immer mehr zur Gefahr, bis hin zu<br />
einer totalitären Meinungsdiktatur;<br />
•Europas Unis sind irrelevant geworden;<br />
•die EU-Instanzen entfremden zunehmend<br />
die Bürger durch einen<br />
unerträglichen Wust von Überregulierungen;<br />
•die diversen Euro-Rettungsaktionen<br />
(Griechenland) haben das Prinzip Eigenverantwortung<br />
immer mehr durch<br />
Verantwortungslosigkeit ersetzt;<br />
•eine abenteuerliche Nullzinspolitik<br />
hat die Sparer massiv zugunsten der<br />
disziplinlos wirtschaftenden Staaten<br />
enteignet.<br />
Damit sind nur die übelsten Entwicklungen<br />
der allerletzten Jahre genannt.<br />
Erweitert man den zeitlichen Beobachtungsraum,<br />
muss man auch hinzufügen,<br />
dass die weitaus schlimmsten<br />
und mörderischsten Totalitarismen<br />
und Kriege der letzten 150 Jahre alle<br />
ihre Wurzeln in Europa hatten: Kommunismus,<br />
Nationalsozialismus und<br />
Weltkriege.<br />
Konrad Zuse: Der deutsche Ingenieur<br />
baute den ersten funktionstüchtigen<br />
Computer. Fast alle herausragenden<br />
Entwicklungen und Erfindungen kommen<br />
aus Europa bzw. Nordamerika.<br />
Quelle: Wikipedia<br />
Quelle: Ggia/Wikipedia<br />
Und dennoch: Europa ist zusammen<br />
mit dem nach wie vor eng mit ihm<br />
verbundenen Nordamerika auch für<br />
die großartigsten Entwicklungen der<br />
Menschheitsgeschichte verantwortlich.<br />
Die fast ausschließlich von dort ausgehenden<br />
zentralen Grundlagen Wissenschaft,<br />
Medizin, Technik und globale<br />
Marktwirtschaft haben:<br />
•das reale und gesunde Lebensalter<br />
der Menschen verdoppelt;<br />
•Hunger und Massenelend global fast<br />
ausgerottet;<br />
•Wohlstand auf einem einst unvorstellbarem<br />
Niveau geschaffen;<br />
•in den letzten 70 Jahren zu einem<br />
dramatischen und historisch noch<br />
nie dagewesenen Rückgang der Toten<br />
durch Kriege und Katastrophen geführt;<br />
•die Bevölkerungen von einer ganz<br />
überwiegend agrarischen Subsistenzwirtschaft<br />
über die Wohlstandsvermehrung<br />
durch die Industrialisierung<br />
zu einer überwiegend<br />
städtischen Dienstleistungsgesellschaft<br />
geführt und<br />
•sind gerade buchstäblich dabei, dass<br />
Lahme wieder gehen können.<br />
Warum wurzeln all diese sensationellen<br />
Entwicklungen des letzten halben<br />
Jahrtausends gerade in dem durch<br />
Bodenschätze und Klima nicht gerade<br />
begünstigten Europa? Sie tun dies in<br />
hohem Ausmaß gerade deshalb, weil<br />
sich die Menschen hier nie auf die Natur<br />
verlassen konnten, sondern nur auf<br />
die eigenen Anstrengungen.<br />
Genauso wichtig waren aber auch die<br />
geistigen Grundlagen, auf denen Europa<br />
aufbaute:<br />
1. Auf der griechisch-römischen Antike<br />
mit ihren ungeheuerlichen Fortschritten<br />
in Sachen Staatenbildung,<br />
Rechtssystem, Philosophie, Literatur,<br />
Sprache. Diese Antike ist dann – was<br />
eine eminent wichtige Warnung darstellen<br />
sollte! – in der ersten Völkerwanderung<br />
mit der Folge einer<br />
fast tausendjährigen Verdunkelung<br />
Europas untergegangen.<br />
2. Auf der christlich-jüdischen Religion<br />
mit der Überwindung der Vielgötterei,<br />
mit der Betonung von nationalem<br />
Zusammenhalt (Altes Testament)<br />
und der Nächsten- (nicht Fernsten-!)<br />
Liebe sowie der unveräußerlichen<br />
Menschenwürde jedes Einzelnen<br />
(Neues Testament).<br />
3. Und auf der aus diesen beiden Wurzeln<br />
heraus zum Teil dialektisch entstandenen<br />
Aufklärung mit der Betonung<br />
von Vernunft und <strong>Frei</strong>heit.<br />
Die Sorge wächst, dass die größte Erfolgsgeschichte<br />
der Menschheit nun zu<br />
Ende geht, wie die oben aufgelisteten<br />
negativen Entwicklungen indizieren.<br />
Europa droht nun in eine lange Phase<br />
der Stagnation und des Abstiegs überzugehen.<br />
Niemand kann das ausschließen. Aber<br />
die Zukunft ist nicht vorausbestimmt<br />
und unabwendbar. Sie ist offen, sie ist<br />
gestaltbar und ihre Gestaltung hängt<br />
einzig und allein von uns Europäern<br />
ab. Es gibt keine automatische Fortschreibung<br />
des Negativen, aber eben<br />
auch nicht des Positiven.<br />
Daher sollten wir uns vor allem mit der<br />
spannenden Herausforderung befassen,<br />
was an Positivem aus dieser Vergangenheit<br />
mitgenommen, was ausgebaut<br />
und weiterentwickelt werden soll.<br />
Dabei müssen <strong>Frei</strong>heit, Menschenwürde,<br />
Vernunft, Recht zweifellos die zentralen<br />
und unverzichtbaren Grundlagen<br />
bilden. Alle vier Begriffe sind schon in<br />
den genannten Wurzeln zu finden gewesen<br />
und haben sich seither als beste<br />
Grundlage menschlichen Zusammenlebens<br />
erwiesen. Dabei ist jeder einzelne<br />
dieser unverzichtbaren Begriffe intensiv<br />
in all seinen Facetten, Details und<br />
Bedeutungen zu entwickeln:<br />
•So etwa die besondere Rolle einer<br />
echten Meinungsfreiheit als Grundlage<br />
jeder anderen <strong>Frei</strong>heit, gerade weil<br />
sie jetzt immer mehr geknebelt wird.<br />
•So etwa die Bedeutung eines funktionierenden<br />
Rechtssystems, das durchaus<br />
konsequent gegen jede Form der<br />
Gewalt und Gewaltandrohung vorzugehen<br />
imstande ist, gerade weil manche<br />
Recht und Ordnung nicht mehr<br />
als zentrales Fundament ansehen<br />
wollen.<br />
Aber in der Folge sollen jene Dinge im<br />
Vordergrund stehen, die über diese<br />
Grundlagen hinausgehen, die je-<br />
5 Frank&<strong>Frei</strong> <strong>07</strong> / 18<br />
Frank&<strong>Frei</strong> <strong>07</strong> / 18<br />
6
POLITIK<br />
Ungarn als Feindbild Brüssels, weil es auf das Recht auf Heimat pocht<br />
doch für eine gute Zukunft Europas<br />
genauso unverzichtbar sind.<br />
Pluralismus und Vielfalt nationaler<br />
Identitäten: Der Kontinent braucht<br />
für ein gutes Überleben die richtige<br />
Mitte zwischen überregulierendem<br />
Zentralismus auf der einen Seite und<br />
Zerfall in einander bekämpfende Einheiten<br />
auf der anderen. Nation, Identität<br />
und Heimat sind absolut unverzichtbare<br />
geistige Kräfte, die man den<br />
Menschen Europas keinesfalls rauben<br />
sollte, will man nicht, dass sich die<br />
Europäer in einer überschießenden,<br />
aber verständlichen Reaktion von jeder<br />
europäischen Gemeinsamkeit abwenden.<br />
Für diese Zukunft ist es das<br />
weitaus Beste, wenn diese Nationen<br />
miteinander in einem geordneten,<br />
friedlichen und freundschaftlichen<br />
Wettbewerb stehen. Nationen haben<br />
sich immer wieder als entscheidende<br />
Kraftquellen menschlicher Leistungen<br />
und von Idealismus erwiesen. So haben<br />
weder Nationalsozialismus noch<br />
Kommunismus mit ihren imperialistischen<br />
Reichskonstruktionen trotz totalitärem<br />
Terror die Kraft der nationalen<br />
Identitäten der unterjochten Völker<br />
überwinden können.<br />
Recht auf Heimat: Das bedeutet, dass<br />
jede Nation selbst zu hundert Prozent<br />
bestimmen kann, wer dort lebt, und<br />
wie man dort lebt.<br />
Foto: iStock<br />
Gemeinsamkeit, überall dort, wo<br />
sie notwendig und sinnvoll ist –<br />
aber nur dort: Das bedeutet das Ziel<br />
eines gemeinsamen Europas für den<br />
völlig freien Austausch von Waren und<br />
Dienstleistungen, von Wissenschaft<br />
und Kapital. Für einen Binnenmarkt,<br />
der auf das Notwendige reduziert ist<br />
und von den Bürgern akzeptiert wird,<br />
kommen prinzipiell auch nichteuropäische<br />
Staaten in Frage. Er ist samt<br />
einer zugehörigen effektiven Schiedsgerichtsbarkeit<br />
zweifellos die beste Basis<br />
für die Entwicklung von Wohlstand<br />
und Frieden. Selbst in der EU besteht<br />
für einen solchen Binnenmarkt noch<br />
gewaltiger Handlungs- und Ausbaubedarf,<br />
wenn man etwa an den trotz tausender<br />
EU-Regeln nach wie vor völlig<br />
fragmentierten Bahn- und Straßenverkehr<br />
denkt, obwohl Verkehr doch überhaupt<br />
die wichtigste grenzüberschreitende<br />
Aktivität ist.<br />
<strong>Frei</strong>e Marktwirtschaft quer durch<br />
Europa: Die hat quer durch Geschichte<br />
und Kontinente so eindeutig ihre<br />
Überlegenheit und Nutzen für den allgemeinen<br />
Wohlstand bewiesen, dass<br />
keine Zukunft ohne sie funktionieren<br />
kann.<br />
Selbstbestimmungsrecht: Ein ideales<br />
Europa kennt das volle Recht jeder<br />
Region auf Selbstbestimmung,<br />
auf geordnete und frei wählbare<br />
7 Frank&<strong>Frei</strong> <strong>07</strong> / 18<br />
Frank&<strong>Frei</strong> <strong>07</strong> / 18<br />
8
POLITIK<br />
NEU bei<br />
POLITIK<br />
Recht auf Heimat bedeutet, dass jede Nation<br />
selbst zu hundert Prozent bestimmen kann, wer<br />
dort lebt, und wie man dort lebt.<br />
124 Seiten<br />
€ 14, 90<br />
€ 10,99 eBook<br />
ISBN: 978-3-9032360-9-7<br />
„Die einzige Gewissheit, die man in dieser Zeit des Wandels und<br />
der damit verbundenen Zeitenwende haben kann, ist, auf sich<br />
selbst und seine eigene Entwicklung und Fähigkeiten zu setzen.“<br />
Im Buchhandel oder direkt bei www.verlagfrankundfrei.at<br />
Sezession aus dem bisherigen<br />
Staatsverband. Natürlich soll das Sezessionsrecht<br />
nicht mit Gewalt durchgesetzt<br />
werden, sondern nur durch<br />
Überzeugungsarbeit, wie etwa bei der<br />
Slowakei. Aber das Recht auf Selbstbestimmung<br />
und Anerkennung jeder<br />
Sezession muss prinzipiell zu einem<br />
zentralen Rechtsgut Europas werden.<br />
Gerade die Einbettung in die skizzierten<br />
Strukturen eines Binnenmarktes<br />
sollte im Übrigen die derzeit mit diesem<br />
Fragen verbundenen Ängste und<br />
Aversionen mildern. Und die atavistischen<br />
Reflexe wie „nationale Ehre<br />
und Größe“, die der Selbstbestimmung<br />
sonst entgegenstehen, sind Unsinn. Es<br />
hat ja beispielsweise auch kein Österreicher<br />
weniger Ehre und Wert, weil<br />
er heute in einem Kleinstaat lebt und<br />
nicht mehr wie seine Vorfahren in einem<br />
Reich. So sind auch die Menschen<br />
beispielsweise in Luxemburg oder<br />
Liechtenstein keineswegs unglücklicher,<br />
weil ihre staatliche Gemeinschaft<br />
nur wenige Menschen umfasst. Ganz<br />
im Gegenteil.<br />
Direkte Demokratie: Anstelle des<br />
einstigen aristokratischen Feudalismus<br />
und jenes der heutigen Funktionärs-Eliten<br />
braucht ein gut funktionierendes<br />
Europa eine echte direkte<br />
Demokratie, wie sie schon heute etwa<br />
die Schweiz mit brillanten Ergebnissen<br />
praktiziert.<br />
Sicherheit: Ein Europa mit Zukunft<br />
braucht gemeinsame militärische Sicherheitsstrukturen.<br />
Diese sind vor<br />
allem gegen Bedrohungen von außen<br />
wichtig (wie etwa auch zur Durchsetzung<br />
von Abschiebungen illegaler<br />
Migranten dorthin, woher sie gekommen<br />
sind), aber auch gegen Unruhestifter<br />
im Inneren.<br />
Steuern: Deren Höhe sollte keinesfalls<br />
vereinheitlicht werden, aber<br />
sehr wohl sollte die Systematik ihrer<br />
Berechnungsgrundlagen europaweit<br />
gleich werden. Nur so entsteht echter<br />
Wettbewerbsdruck auf die Staaten,<br />
sparsam zu sein.<br />
Eigenverantwortung: Europa kann<br />
nur überleben, wenn seine Bürger und<br />
Staaten wieder das Prinzip Eigenverantwortung<br />
lernen und leben. Wenn<br />
Europa hingegen weiterhin vor allem<br />
im Transfer von Verantwortung und<br />
von Konsequenzen eigener Verantwortungslosigkeit<br />
besteht, wird es nicht<br />
überleben.<br />
Sprache: Bei aller kulturellen Vielfalt<br />
und Bedeutung von Heimat und nationaler<br />
Identität braucht ein gemeinsam<br />
florierendes Europa „der Vaterländer“<br />
auch eine allen gemeinsame Zweitsprache.<br />
Das war früher Latein und<br />
kann heute realistischerweise nur das<br />
Englische sein.<br />
Familie: Wenn Europa sein demographisches<br />
Problem nicht löst, also wenn<br />
es bei der viel zu geringen Kinderzahl<br />
in praktisch allen Ländern bleibt, wird<br />
der Kontinent keinesfalls eine Zukunft<br />
haben, selbst wenn sich alle anderen<br />
Aspekte positiv entwickeln würden.<br />
Das ist das größte, aber auch das einzige<br />
soziale und gesellschaftspolitische<br />
Problem mit gesamteuropäischer Bedeutung.<br />
Wenn Europas Zukunft auf all diesen<br />
Pfeilern aufbaut, wird sie eine gute<br />
sein. Deshalb sollten wir für diesen<br />
Traum kämpfen. Zugleich muss Europa<br />
auf die Diktatur nebuloser europäischer<br />
„Werte“ verzichten, die zum<br />
totalitären Instrument in der Hand der<br />
Mächtigen zu werden drohen.<br />
PS: Manche werden nun einwerfen,<br />
dass hier wichtige Bereiche vergessen<br />
worden sind, wie vor allem der ganze<br />
Sozialbereich (Pensionen, Gesundheit,<br />
Wohlfahrtsleistungen) und die Kultur.<br />
Aber in Wahrheit gibt es absolut keinen<br />
Grund, hier etwas zu vereinheitlichen.<br />
Im Gegenteil, hier ist Vielfalt und<br />
Wettbewerb belebend und geradezu<br />
zwingend.<br />
PPS: Ausgeklammert wurde der Themenkomplex<br />
Umwelt. Hier gibt es<br />
zum einen vieles, wo eine zentralistische<br />
Regulierung völlig überflüssig<br />
ist (Naturschutzgebiete usw.). Bei den<br />
in den letzten Jahren zum obersten<br />
EU-Dogma erhobenen übernationalen<br />
Themen (also vor allem bei der politisch<br />
verordneten Theorie eines menschengemachten<br />
Global-Warming) ist<br />
zuvor ein seriöser Dialog auf gleicher<br />
Augenhöhe zwischen allen relevanten<br />
Wissenschaftlern nötig – ohne dass<br />
schon vorher die Politik, die grünen<br />
NGOs und die UNO das Ergebnis vorgeben<br />
würden.<br />
PPPS: Diese Europa-Skizzen sind ein<br />
eindeutiges Gegenkonzept zu den<br />
Ideen des französischen Präsidenten<br />
Emmanuel Macron, der noch mehr<br />
zentralisieren will, der sowohl einen<br />
gemeinsamen Euro-Haushalt wie eine<br />
europäischen Finanzminister verlangt.<br />
Macrons Ideen haben eindeutig nur einen<br />
Zweck: den verschuldeten Ländern<br />
Europas wie Frankreich und Italien ein<br />
weiteres Schuldenmachen auf Kosten<br />
der anderen zu ermöglichen.<br />
9 10<br />
Frank&<strong>Frei</strong> <strong>07</strong> / 18 Frank&<strong>Frei</strong> <strong>07</strong> / 18
POLITIK<br />
POLITIK<br />
Christoph<br />
Braunschweig<br />
W OZUEU?<br />
POLITISCHER<br />
ABERGLAUBE<br />
UND SEINE<br />
EUROPÄISCHE<br />
LÖSUNG<br />
Das Projekt EU steckt in einer Sackgasse. Immer mehr Bruch- und<br />
Frontlinien drohen, die Union zu zerreißen. Ein mit den großen Krisen<br />
überfordertes Brüssel reagiert auf politische Gegen- und Erneuerungsbewegungen,<br />
wie die aufstrebenden rechtspopulistischen Parteien<br />
oder die widerspenstigen Osteuropäer, zunehmend hysterisch und hält<br />
unbeirrt an ihrem von Hypermoral getragenen politischen Kurs fest.<br />
FABIO WITZELING<br />
Foto: Shutterstock
POLITIK<br />
POLITIK<br />
genauem Hinsehen erweist sich diese<br />
nun im Abwehrkampf befindliche konsensuelle<br />
Ordnung als Verfallszustand<br />
der Demokratie und eine Aufhebung<br />
des Politischen an sich.<br />
EU-Kommissionspräsident<br />
Jean-Claude Juncker:<br />
Hysterische Reaktionen<br />
auf alle von der EU-Linie<br />
abweichenden Meinungen<br />
und Bewegungen<br />
Woraus zieht die Europäische<br />
Union ihre Legitimation?<br />
Das ist eine Frage,<br />
die sich bereits mehrere Generationen<br />
von Europäern stellen. Geantwortet<br />
wird meist mit dem Bild der EU als<br />
erfolgreichstes Friedensprojekt, der<br />
Reisefreiheit oder dem umstrittenen<br />
Argument der ökonomischen Vorteile.<br />
Plausibel scheint auch die Annahme,<br />
dass man als großer Staatenbund in<br />
einer globalisierten Welt mehr Einfluss<br />
und Macht besitzt als die einzelnen<br />
Mitgliedsstaaten für sich. Und bei anstehenden<br />
Problemlagen - sei es in der<br />
Finanzkrise von 2008 oder der Migrationskrise<br />
seit 2015 - ist die Forderung<br />
nach „europäischen Lösungen“ bereits<br />
zu einer inflationär gebrauchten Phrase<br />
im Politsprech etablierter Parteien<br />
geworden.<br />
Doch gerade diese Krisenerscheinungen<br />
sind es, die die Legitimationsfrage<br />
verstärkt aufkommen lassen. Die Einwanderungswelle<br />
seit 2015 hat den<br />
Bürgern gezeigt, dass es im Ernstfall die<br />
Nationalstaaten sind, die Handlungsfähigkeit<br />
beweisen. Durch regionale Abkommen<br />
zum Grenzschutz - und später<br />
strengere Gesetzgebungen in einigen<br />
Einzelstaaten - konnte der Zustrom<br />
zumindest graduell eingedämmt werden.<br />
Die EU zeigt sich in dieser Frage<br />
bis heute als lethargischer Koloss, der<br />
von internen kulturellen und ideologischen<br />
Mentalitätskonflikten gelähmt<br />
ist: Während sich die politische Klasse<br />
Westeuropas mehrheitlich auf Kosten<br />
der eigenen Bevölkerung der universalistischen<br />
Willkommenskultur verpflichtet<br />
sah, verweigerten sich die östlichen<br />
Länder dieser als aufoktroyiert<br />
empfundenen Tugendherrschaft. Und<br />
die ideologische Polarisierung ging<br />
und geht in dieser Frage so weit, dass<br />
nicht einmal über die Realität Einigkeit<br />
herrscht. Wechselseitig bezichtigt man<br />
einander der Lüge, Fake News und des<br />
Verharrens in der eigenen realitätsfernen<br />
„Filterblase“. Bekommen wir nun<br />
Menschen geschenkt, die wertvoller<br />
sind als Gold und vor Tod und Verderben<br />
flüchten, oder werden wir von<br />
Horden kulturfremder Wirtschaftsmigranten<br />
überschwemmt, unter die sich<br />
ein erheblicher Teil an Terroristen, Vergewaltigern<br />
und Sozialschmarotzern<br />
gemischt hat? Wie die bisherige Entwicklung<br />
zeigt, liegt die Wahrheit halt<br />
nicht immer ganz in der Mitte.<br />
Während man sich also auf EU-Ebene<br />
solcherlei Diskussionen lieferte - bei<br />
Ob unter Moskau<br />
oder Brüssel:<br />
Ungarn pocht auf seine<br />
Eigenständigkeit<br />
und Identität<br />
denen aufgrund eines arroganten<br />
Moralismus keinerlei Lösung in Sicht<br />
schien -, handelten einige Nationalstaaten<br />
auf eigene Faust. Und der Erfolg<br />
sogenannter populistischer Bewegungen<br />
ließ die Unzufriedenheit mit einer<br />
dysfunktionalen Bürokratie und die<br />
wachsende Verachtung für weltfremde<br />
Heilsprediger in Politik, Medien und<br />
Kultur offenbar werden. Ungläubig<br />
und schockiert sehen sich diese nun<br />
überall von „Hass und Hetze“ umgeben.<br />
Die Schuld wurde wahlweise<br />
politischen Krankheiten wie einem<br />
untergründig schwelenden Rassismus,<br />
Populismus, nationalem Egoismus<br />
oder gar russischen Hackern und ihren<br />
Fake-Accounts zugeschrieben. Selbstkritik<br />
scheint für unsere kritischen<br />
Intellektuellen ein Fremdwort zu sein.<br />
Die positiv Gesinnten unter ihnen bescheiden<br />
sich mit der Standardfloskel<br />
„Politikverdrossenheit“ als Erklärung<br />
für den sogenannten Rechtsruck.<br />
Das mag auch stimmen, wenn man das<br />
bisherige technokratische Reagieren<br />
einer großkoalitionären Einheitsfront<br />
auf anstehende Problemlagen vor dem<br />
Hintergrund einer unhinterfragbaren<br />
linksliberalen Metaideologie als<br />
„Politik“ bezeichnen möchte. Doch bei<br />
Foto: Shutterstock<br />
Foto: youtube.com<br />
In der historischen Perspektive zeigt<br />
sich in den vergangenen Jahrzehnten<br />
eine extreme Angleichung der politischen<br />
Profile der etablierten Parteien,<br />
deren Diversität vormals immer für<br />
die Möglichkeit wirklicher politischer<br />
Alternativen bürgte und nicht nur ein<br />
bloßes Austauschen der agierenden<br />
Köpfe bedeutete. Eine ausreichende<br />
Unterscheidbarkeit der staatstragenden<br />
Parteien muss als demokratiepolitisch<br />
essenziell betrachtet werden. Ist<br />
diese nicht gewährleistet, verliert das<br />
demokratische Gesamtgefüge an Legitimation<br />
und die Bürger wenden sich<br />
entweder davon ab (die „Reichsbürgerbewegung“<br />
bzw. Staatsverweigerer<br />
sind das symptomatische Endstadium<br />
dieser Entwicklung) oder sie sammeln<br />
sich an den Extremen des politischen<br />
Spektrums. Vor allem dann, wenn das<br />
vorherrschende Establishment nicht<br />
mehr nur pragmatisch auf anstehende<br />
Problemlagen reagiert, was zumindest<br />
eine effektive Technokratie wäre, sondern<br />
aufgrund der als Selbstverständlichkeit<br />
wirkenden universalistischen<br />
Metaideologie nun komplett an der Realität<br />
und den Bedürfnissen der Bürger<br />
vorbeiregiert und damit deren Sicherheit<br />
und Lebensgrundlagen gefährdet.<br />
In diesem Verfallsprozess, der in den<br />
Augen des politisch-medialen Komplexes<br />
immer noch eine Bewegung<br />
des Fortschrittes darstellt, wirkte die<br />
Europäische Union immer als treibende<br />
Kraft. Man denke nur an die hysterischen<br />
Reaktionen vieler EU-Bürokraten<br />
auf Tendenzen einer von ihrer Linie<br />
abweichenden Politik, vor allem in<br />
Osteuropa aber nun auch vermehrt in<br />
den westlichen Staaten. Diese gipfelten<br />
beispielsweise in der hypermoralisch<br />
motivierten Schelte Viktor Orbáns für<br />
das Einhalten von Gesetzen und den<br />
Schutz nicht nur der ungarischen Bevölkerung.<br />
Für die EU-Elite stellt das<br />
jedoch kein Paradoxon dar, denn für<br />
sie sind nationale Souveränität oder<br />
generell ein Zusammengehörigkeitsgefühl,<br />
das sich nicht auf die ganze Welt<br />
erstreckt, archaische Werte, die längst<br />
überwunden sein sollten; Überbleibsel<br />
aus einer barbarischen Vergangenheit,<br />
die dem Utopia des Mischmaschs und<br />
der Vereinheitlichung im Wege stehen.<br />
Der deutsche Schriftsteller Michael<br />
Klonovsky brachte diese Denkweise<br />
auf den Punkt: „Man erkennt den politischen<br />
Glaubensirren daran, dass er,<br />
während er sich auf der Titanic einschifft,<br />
der Überzeugung ist, auf der<br />
Santa Maria zu sitzen.“<br />
Die beschriebenen Entwicklungen zusammen<br />
mit dem Brexit und den nun<br />
europaweit starken Wahlergebnissen<br />
für sogenannte Rechtspopulisten machen<br />
klar, dass die hier angerissene<br />
systemimmanente Leitideologie der<br />
EU nicht das Nonplusultra der politischen<br />
Vernunft ist, sondern ein universalistisch<br />
und moralistisch unterfütterter<br />
Aberglauben, der verhindert,<br />
dass reale Problemlagen erkannt und<br />
gelöst werden können. Die 2019 anstehende<br />
Wahl zum Europäischen Parlament<br />
wird wohl dessen Unzulänglichkeiten<br />
noch stärker ins Licht rücken,<br />
und die nicht hintergehbaren anthropologischen<br />
Gesetzmäßigkeiten der<br />
Loyalitätsbindung könnten sich stärker<br />
als je zuvor an den Wahlurnen niederschlagen.<br />
Dann sollte auch in verschlafensten<br />
Brüsseler Büros das große<br />
Aufwachen beginnen. Dem politischen<br />
Aberglauben könnte dann vollends der<br />
Boden der Legitimation entzogen und<br />
die Weichen für eine neue Aufklärung<br />
gestellt werden. Eine wahrhaft europäische<br />
Lösung.<br />
BUCHTIPP<br />
Daniel Witzeling &<br />
Fabio Witzeling<br />
Wenn der Wind sich dreht<br />
Zeitfenster in eine neue politische<br />
Ära<br />
Verlag Frank&<strong>Frei</strong>, <strong>2018</strong><br />
124 Seiten, € 14,90/eBook €10,99<br />
ISBN: 978-3-903236-09-7<br />
13 14<br />
Frank&<strong>Frei</strong> <strong>07</strong> / 18 Frank&<strong>Frei</strong> <strong>07</strong> / 18