Fokus Worms

UNIKATMagazin

IM FOKUS.

Schon vor 5000 Jahren wussten Menschen das Wormser

Klima zu schätzen. Der Name ist keltischen Ursprungs.

»Borbetomagus« bezieht sich auf eine Quelle. Im

latinisierten Wortteil »magus« steckt die Bedeutung »Feld,

Wiese«. Ergibt zusammen »Quellenfeld«. Germanische

Siedler machten daraus »Warmazfeld«, » Warmazia« oder

»Wormazia«. Letzteres hat im Namen des bekannten Fußballvereins

überlebt. »Warmaisa« heißt es auf Hebräisch.

Und wenn ein Wormser irgendwo auf der Welt gefragt

wird, woher er kommt, lautet die Antwort selbstverständlich:

»City of Worms – Stadt der Lindwürmer«!

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Im Mittelalter war Worms eine Metropole (um 1500 etwa 6.000 Einwohner!) und Tagungsort kaiserlicher Reichstage. Auf dem

berühmten Reichstag von 1521 weigerte sich Martin Luther vor Kaiser Karl V., seine Thesen zu widerrufen. Berühmt wurde die

mittelalterliche jüdische Gelehrsamkeit etwa eines Raschi, weswegen Worms bis heute in Israel als »Klein Jerusalem« gekannt wird.

Judengasse, Synagoge, Ritualbad Mikwe und der älteste jüdische Friedhof Europas, der Heilige Sand, sind noch zu sehen. Derzeit

bemüht sich die Stadt, gemeinsam mit Mainz und Speyer um eine Anerkennung der Relikte jüdischen Lebens als UNESCO-Weltkulturerbe.

Eine, wenn auch sehr späte, Anerkennung des lebenswichtigen Wirkens der Juden, die immer wieder vernichtender

Verfolgung ausgesetzt waren.

Nach dem Niederbrennen der Stadt durch die Soldaten des französischen Sonnenkönigs Ludwigs XIV. im Jahr 1689 verlor sie einen

Großteil ihrer Einwohner. Kein Stein blieb auf dem anderen. Überlebende hausten noch jahrelang in Kellern. Bis ins 19. Jahrhundert

blieb die alte Reichsstadt ein Dorf mit etwa 3.000 Einwohnern. Mit der Gründung dreier Lederfabriken im 19. Jahrhundert

erlebte Worms eine kometenhafte Renaissance. Um 1900 zählte es schon wieder 40.000 Einwohner. Auf diese Epoche blickt man

gerne zurück wegen der außergewöhnlichen Sozialleistungen für die Arbeiterfamilien und wegen der originellen Prachtbauten im

historistischen »Nibelungenstil«, die Worms heute so mittelalterlich aussehen lassen. Prägend sind die Nibelungenbrücke, die

Ernst-Ludwig- und die Nibelungenschule sowie der Wasserturm.

Diese durch die Gewinne aus der Lederindustrie finanzierte Renaissance ließ auch das Interesse am Nibelungenlied wieder

aufflammen, das ja in Worms spielt. Und so definiert sich das moderne Worms über die Kulturprofile Mittelalter, Nibelungen, Luther,

jüdische Gelehrsamkeit und Weinregion.

Als Stadt, durch die immer wieder Menschen aus aller Herren Länder kamen und miteinander auskommen mussten, versteht sich

Worms, die größte »Metropole« im demokratisch gesinnten Rheinhessen, als Ort, wo gerne debattiert wird. Die französische

Revolution, die napoleonischen Kriege und die 1848er-Freiheitsbewegung begünstigten dies. Rheinhessen selbst ist mit seinen gut

200 Jahren noch relativ jung und dennoch eine Region, die für sich eine gewisse ‚aufmüpfige‘ Mentalität und sprachliche Eigenheit

reklamiert. So lehnten es die Wormser im 17. Jahrhundert ab, dass Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz seine Residenz und einen Teil

der Universität von Heidelberg nach Worms verlegen wollte. Als freie Reichsstadt wollte man keinen Landesfürsten in den eigenen

Mauern haben.

Die dunkelste Seite der deutschen Geschichte machte auch vor Worms nicht Halt. Auch hier wurden die restlichen 300 von

einstmals 1.000 Juden im Alter zwischen 2 und 88 Jahren deportiert, was kaum jemand überlebte. Auch hier brannte die Synagoge.

Der Feuersturm zweier Bombardierungen tötete 1945 Hunderte Einwohner und machte ein Drittel von ihnen obdachlos. Der Dom

brannte aus, blieb aber stehen. Der rasche Wiederaufbau brachte die obligatorischen Bausünden der Nachkriegszeit mit sich.

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TOURISMUS ERWACHT

Der Kaiserdom, die drei romanischen Klöster

sowie das Barockschlösschen der Lederbarone

von Heyl gehören neben dem jüdischen Worms

zum Pflichtprogramm für Touristen. Sehenswert

sind auch mehrere Teile der staufischen Stadtmauer

und das moderne Nibelungenmuseum, das

die Rezeptionsgeschichte des Nibelungenstoffs

museumspädagogisch aufbereitet. Wer etwas

mehr Zeit mitbringt, wird einen Abstecher zum

Empire-Schloss Herrnsheim samt Englischem

Park oder zum Rheinufer für die Kulinarik und einen

kleinen Verdauungsspaziergang anschließen.

In Worms nicht auf die Nibelungen zu stoßen,

ist schon ein Kunststück. Neben einschlägigen

Straßennamen und der unübersehbaren Gastronomie

grüßt eine Hagenstatue die Schiffe am

Rhein. In der ganzen Stadt zeugen bunt bemalte

Drachen vom Nibelungenfieber der Bürger.

Selbst der Weihnachtsmarkt ist mittlerweile

ein nibelungischer, und zu den gut zwei Wochen

andauernden Nibelungen-Festspielen gibt es

sowieso kein Entrinnen mehr vor dem Lied von

Liebe und Rache.

FESTIVAL(HAUPT)STADT?

Kult sind außer den Festspielen das schon fast

30-jährige Jazz& Joy-Festival auf fünf Plätzen

rund um den Dom sowie das Backfischfest, größtes

Weinfest am Rhein, mit seinen alten und neu

erfundenen Bräuchen der Fischerzunft. Diese

ist übrigens wirklich die älteste in Deutschland.

Ein modernes Theaterhaus und jedes Jahr neu

ins Leben gerufene, kleinere Festivals legen

zumindest die Vermutung nahe, dass Worms weit

und breit eine der höchsten Festivaldichten pro

Einwohner hat. Das Museum der Stadt im Kloster

Andreasstift rüstet sich noch um für eine große

Lutherausstellung im Jahr 2021.

Zur Kultur gehört auch ein von drei Traditionsvereinen

auf rheinisch-satirische Art gelebter

Karneval. Und natürlich der Sport. Der erwähnte

Fußballverein Wormatia lässt die Emotionen

ebenso hoch schlagen wie die Erfolge des

Tischtennisvereins TV 1863 Leiselheim, des VfH

für den Hallenradsport, der der HSG Worms im

Handball, des Rugby – oder des Schwimmclubs

Poseidon. Viele prominente Gäste haben Worms

besucht: Joe Cocker, Al die Meola und jüngst

Terence Hill, um nur einige zu nennen. Doch es

bleibt noch ein Stück Weges zu gehen.

LIEBE ZUM DOM

Mehr als alles andere in ihrer Stadt lieben die

Wormser ihren Dom. Das konnte man zuletzt

verfolgen, als ihm dieses Jahr zum tausendsten

Geburtstag fünf neue Glocken gestiftet wurden,

die per Kran hochgezogen wurden. Es gab

Geleitzüge auf Fahrrädern, Ausflüge von Schulen

und Kindergärten; Jung und Alt fanden sich ein,

um bei diesem historischen Ereignis dabei zu

sein: wahre Gänsehaut-Momente.

Wo man in Worms gräbt, kommt Geschichte

heraus. Der Dom wird ständig restauriert, was

immer wieder Erstaunliches zutage fördert:

Wasserspeier, ein Bärenpaar aus Sandstein, Verewigungen

der Baumeister oder das waghalsig zu

erklimmende Dachgestühl, wo jahrhundertelang

Tauben und Turmfalken hausten. Nicht zu jedermanns

Freude, aber stilistisch ohne Bruch ragt

ein neues Gemeindehaus nur fünf Meter vom

Dom entfernt auf, bei dessen Fundierungsarbeiten

ein vergessenes Taufbecken freigelegt

wurde. Derzeit versprechen die Konservierungsarbeiten

an der Mikwe Aufschluss darüber, wie

im Mittelalter in die Erde hinein gebaut wurde.

WIRTSCHAFT, KULINARIK UND BRAIN POWER AUSBAUFÄHIG

Die 19 Stadtteile, 13 davon eingemeindete, früher selbstständige Orte, leben ihre Diversität zur Freude aller Einwohner

aus mit eigener Kerwe- und Winzertradition. Das Wetter wird immer mediterraner, behauptet die Wetterbeobachtung

– so auch der Wein. Die »Liebfrauenmilch« ist bekannt. Mit 1.564 ha Rebfläche ist Worms die drittgrößte Weinbaugemeinde

in Rheinland-Pfalz und die größte in Rheinhessen. Bedeutende Wirtschaftszweige verteilen sich auf die

chemische Industrie, Kunststoffherstellung, Metallerzeugung, Kfz-Teile, Schmierstoffe, Maschinenbau und Kieswerke.

An der Hochschule studieren knapp 4.000 Studenten Informatik, Touristik oder Wirtschaftswissenschaften. Vor allem

diese Brain Power müsste die Stadt noch heben. Jüngst führte die App »schaz« zu großem Anklang beim Publikum, eine

in Kooperation mit der Hochschule entwickelte Suche nach Nibelungenschätzen mit Virtual-Reality-Elementen. »Man

kann sich Worms auch schön saufen« war lange in der studentischen Taberna zu lesen. Auf die Stadt wartet nun nach

der schaz-Suche diejenige nach »schönerem Gesöff« für die unterforderte Brain Power. Darauf kann man eigentlich

nur mit einem Rheinhessen-Riesling anstoßen. Und was die Frage nach der typischen Kulinarik angeht - oft vorschnell

mit »Weck, Woscht und Woi« beantwortet – steht ebenfalls noch eine Entdeckungsreise bevor.

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Was denkst du

über…

Worms?

Ich bin gerne Wormserin und froh

hier zu leben. Unsere Stadt hat mehr

zu bieten als viele denken. Wir haben

eine spannende Geschichte, sowie

viele kulturell anspruchsvolle Veranstaltungen.

- ANDREA NAGEL / 37 / VERKÄUFERIN

Man kann nicht sagen, dass früher alles besser

war. Die Stadt hat sich weiterentwickelt,

es gibt viele interessante Angebote – doch

viele interessieren sich nicht dafür. Deshalb

ist es auch für die Verantwortlichen nicht

einfach. Die Jugend muss mehr einbezogen

werden. Denn Worms ist eine tolle Stadt!

- ARTHUR KELLER / 81 / PENSIONÄR

Ein Ort zum Wohlfühlen, die

Menschen sind sehr freundlich

und man hat einige Freizeitmöglichkeiten.

Ich gehe sehr gerne

mit meinem Hund an den Rhein

und in den Tierpark. Ich komme

sicher wieder mal nach Worms

zurück!

Mir fehlt es an modernen Restaurants

und generell an interessanten Spots

zum Ausgehen.

Ich war bereits öfters in Worms und habe mich

immer sehr wohl hier gefühlt. Die Innenstadt

hat sicher noch einiges Potenzial. Ich komme

immer wieder gerne nach Worms.

- ALEXANDRA KAMP / 51 / SCHAUSPIELERIN

- JIMI BLUE OCHSENKNECHT / 26 / SCHAUSPIELER

- VERONIKA WATZ / 20 / STUDENTIN

Die Stadt verbinde ich mit vielen tollen

Erlebnissen. Ich habe hier vor über 50

Jahren meine Frau kennengelernt. Ich

verfolge aus den USA noch immer die

Entwicklung der Stadt und komme solange

es mir möglich ist, gerne in die »alte Heimat«

zurück, um Familie und Freunde zu

treffen. Den Wormser Dialekt kann ich

noch immer. (lacht).

Ich bin heute das erste Mal in Worms,

mir gefällt die Stadt gut! Die Innenstadt

könnte ein wenig interessanter sein. Aber

die Menschen sind sehr freundlich und

zuvorkommend.

- DIRK UNGER/48/LEHRER

Ich bin vor kurzem der Liebe wegen

nach Worms gezogen. Noch kann ich

nicht viel über die Stadt sagen. Aber

bislang fühle ich mich sehr wohl.

Die Menschen sind aufgeschlossen

und hier ist viel besseres Wetter als in

Hamburg.

- JANIS BERGMANN/30/SOCIAL MEDIA BERATER

- GLEN HANEY / 74 / CLEVELAND (USA)

Worms ist ein Ort, wo ich mich sicher

fühle, ich fahre viel mit dem Fahrrad

und gehe gerne in den Pfrimmpark

mit meinem Sohn.

Ich würde mir wünschen, dass Worms

mehr aus seinem Möglichkeiten machen

würde. Meine Freunde und ich gehen

eigentlich gar nicht aus in Worms. Wenn

wir shoppen, relaxen, feiern, essen gehen

oder auch nur einen Kaffee trinken gehen

wollen, gehen wir immer nach Mannheim,

Heidelberg oder Mainz. Es gibt einfach zu

wenige interessante Locations in Worms.

- STEFANIE KLING / 27 / BANKKAUFFRAU

- PHELINE ROGGAN / 37 / SCHAUSPIELERIN

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