Keiner-glaubt-an-uns-Leseprobe

janamareike

Keiner


Über die Autorin:

Liebe, Drama und ganz viel GeEühl: So lautet das Roman-Rezept von

Jana von Bergner. Vor ihrer Zeit als Autorin arbeitete sie jahrelang

als Journalistin Eür einen großen deutschen Zeitungsverlag, doch das

ErHnden ihrer eigenen Geschichten bringt ihr deutlich mehr Spaß.

Mit ihrem ebenfalls bücherbegeisterten Sohn und ihrer Hündin lebt

sie nördlich von Hamburg.

Mehr Informationen gibt es hier:

www.janavonbergner.com

www.facebook.com/janavonbergner

www.lovelybooks.de/autor/Jana-von-Bergner

Impressum:

von Bergner, Jana: Keiner glaubt an uns

. Auage,

© Jana von Bergner – alle Rechte vorbehalten

c/o

Papyrus Autoren-Club

R.O.M- Logicware GmbH

Pe-enkoferstr. 0-

12 Berlin

Lektorat: Nicola J. West

Coverdesign: Catrin Sommer / www.rausch-gold.com

Coverabbildung: Tree Vongvitavat /shu-erstock

Die Autorin weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene

externe Links nur bis zum Zeitpunkt der Buchverö?entlichung

eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat die

Autorin keinerlei Einuss. Eine HaBung der Autorin ist daher ausgeschlossen.

Dieses Buch wurde mit Hilfe der SoBware PagePlusXD erstellt. Diese

Publikation ist bei der Deutschen Nationalbibliothek hinterlegt.

©


Jana von Bergner

KEINER


1


KAPITEL 1

Pia

D

ie Morgensonne Hel schräg durchs Fenster und

zeichnete Lichtecke auf den Küchenblock aus

Echt-Beton. Pia riss die Kühlschranktür auf, gri? wahllos

nach dem vordersten Joghurtbecher und Hschte einen

Lö?el aus der Schublade. Ausgerechnet Mango. Was Eür

ein Pech! Aber sie schmeckte ohnehin kaum etwas. Das

Blech Apfelstreuselkuchen, sorgEältig abgedeckt mit

Klarsichtfolie und gespickt mit kleinen Kerzen, trieb sie

zu Rekordgeschwindigkeit an. Ho?entlich tauchten

Tante Yvonne und Onkel Jörg nicht auf, bevor sie verschwunden

war.

Sie spülte den Becher aus und warf ihn in den gelben

Sack. Der DuB nach frisch gebackenem Kuchen brachte

ihren Magen zum Knurren, dem ein Joghurt nicht

genügte. Im Vorbeigehen Hschte sie eine Birne aus der

silbernen Obstschale und verstaute sie in einer Tasche

ihres Blaumanns. Darin raschelte Papier. Die meisten

ihrer Briefe bewahrte sie in einem Schuhkarton unter

ihrem Be- auf, aber einen oder zwei trug sie immer am

Körper, um ein Stück von Tom bei sich zu haben.

Allein der Gedanke an seine grünen Augen und den

warmen Klang seiner Stimme zauberte ein Lächeln auf

ihr Gesicht. Ob die Post schon da war? Die Chancen

standen, um sieben Uhr morgens, eher schlecht. Aber

manchmal kam ein anderer BrieBräger, der die Route in

I


umgekehrter Reihenfolge absolvierte. Dann könnte

Toms Brief bereits im Kasten liegen. Denn wenn sie sich

im Leben auf etwas verlassen konnte, dann darauf, dass

er ihr jeden Tag schrieb.

In ihrem Bauch a-erte es und wie von selbst strich

sie mit dem ZeigeHnger über das Pinsel-Ta-oo auf ihrem

linken Unterarm. Noch ein Tag, dann ha-e das Warten

endlich ein Ende.

Schri-e im Flur und die leise Stimme von Tante

Yvonne schreckten sie auf. Ihr Herzschlag beschleunigte

sich. Sie würde also doch nicht so einfach davonkommen.

»Guten Morgen.« Yvonnes schmales Gesicht tauchte

im Türrahmen auf. Trotz der frühen Stunde glänzten ihre

Lippen makellos rot und ihr blondes Haar war zu einem

ordentlichen Knoten hochgesteckt. »Herzlichen Glückwunsch!«

»Alles Gute zum Geburtstag!« Onkel Jörg, dessen

Haut nach unzähligen Mallorca-Urlauben verwi-ert

wirkte, versuchte, ihr ein in blaues Papier gewickeltes

Geschenk zu überreichen.

Pia wich nach hinten aus und stieß mit dem Rücken

schmerzhaB gegen einen Küchenschrank. »Ich habe

euch doch gesagt, ich will nicht feiern.«

»Das hier ist keine Feier.« Yvonnes Mundwinkel

bogen sich nach unten. »Wir wissen, dass dir nicht

danach zumute ist …« Ihr Blick schweiBe zu dem Päckchen

in Jörgs Hand. »… und dass du Konsum ablehnst.

Aber mach es wenigstens auf.«

Sie sollte es tun. Sich ausnahmsweise mal normal

verhalten, ansta- andere zu verletzen. Schließlich

konnten die beiden nichts daEür, wie schmerzlich sie ihre

Eltern in diesem Moment vermisste. Und ihre Geschwister,

die sie aus freien Stücken verlassen ha-e. Eine Entscheidung,

die sie zutiefst bereute.

0


»Danke.« Zögernd nahm sie das Geschenk entgegen.

Letztes Jahr ha-e Pa ihr zum Achtzehnten ein geblümtes

Sommerkleid gekauB, damit sie nicht immer dieses »deprimierende

Schwarz« trug. Sie ha-e es ihm vor die Füße

geworfen und später an ihre Schwester Emma weitergereicht.

Seinen Gesichtsausdruck würde sie nie vergessen.

Das Päckchen Eühlte sich gla- und schwer an. Vermutlich

enthielt es ein Buch. Ho?entlich kein weiteres Lehrbuch

über Kfz-Mechatronik. Tante Yvonne ha-e ihr zu

dem Sema schon mehr gekauB, als sie jemals lesen würde.

Yvonnes Wangen röteten sich. »Es gibt einen besonderen

Anlass. Einen Grund zu großer Freude.«

Das klang beunruhigend. Pia riss das Papier auf und

legte ein Cover mit einem Baby frei, das zahnlos lächelte.

Der Titel lautete Babys erstes Jahr. Ihr Misstrauen verstärkte

sich. »Ihr habt das wegen Emma ausgesucht, oder?«

Ihre jüngere Schwester war im sechsten Monat

schwanger, allerdings rechnete Pia nicht damit, häuHger

als Babysi-er einzuspringen.

Jörg schü-elte den Kopf. Er lächelte. »Wir haben

einen Anruf bekommen. So, wie es aussieht, werden wir

Pegeeltern.«

»Glückwunsch.« Ein bi-erer Geschmack breitete

sich auf ihrer Zunge aus. Falls Yvonne und Jörg das Kind

adoptieren durBen, wären sie endlich am Ziel ihrer Wünsche.

Und Pia, die verwaiste Nichte, würde das Familienglück

nur stören. »Wann ist es soweit?«

»Schon in ein paar Tagen.« Yvonne strahlte über das

ganze Gesicht. »Ich hä-e mir nicht träumen lassen, dass

es so schnell klappt.« Sie klatschte in die Hände. »Es gibt

noch viel zu tun. Wir müssen eine Babyaussta-ung

kaufen und … Wäre es Eür dich in Ordnung, wenn ich

heute nach der Arbeit zu BabyOne fahre? Uns fehlen

noch ein Be- und eine Wickelkommode.«

2


So Hng es also an. Pia wickelte die Folie vom Kuchenblech.

»Macht euch keine Gedanken. Ich nehme den hier

einfach nachher mit zu Hanna, Mika und Mark. Sie

werden sich freuen.«

Ho?entlich, denn, soweit es Hanna betraf, war sie

sich nicht sicher. So ganz ha-e ihre ältere Schwester ihr

noch immer nicht verziehen, dass Mark ihretwegen

schwer verletzt worden war. Womöglich ließ der Riss

zwischen ihnen sich nie wieder ki-en und sie war bei

Mas Schwester und deren Mann besser aufgehoben als

bei dem, was von ihrer Familie übriggeblieben war.

Pia angelte ein Messer aus der Besteckschublade.

Nachdem es ihr ohnehin misslungen war, Yvonne aus dem

Weg zu gehen, konnte sie zumindest ihren hungrigen

Magen besänBigen, bevor sie zur Werksta- fuhr und sich

ihren Mit-Azubis stellte. »Möchtet ihr auch ein Stück?«

»Bi-e lass ihn ganz.« Yvonnes sorgEältig manikürte

Hand legte sich auf ihre. »Den habe ich Eür deine Kollegen

gebacken.«

»Meine Kollegen?« Ihr stockte der Atem.

»Du musst doch etwas ausgeben.« Yvonne zog die

Folie zurück über den verlockend duBenden Kuchen.

»Sie haben bestimmt ein Geschenk Eür dich. Da wäre es

unangenehm, wenn du mit leeren Händen kommst.«

»So sind die nicht.« Ihr Mund Eühlte sich trocken an

und sie lehnte sich schwer gegen den Tresen. Falls sie

Glück ha-e, wusste in der Firma niemand über ihren

Geburtstag Bescheid.

Onkel Jörg runzelte die Stirn.

Sie zwang sich zu einem halbherzigen Lächeln. »Das

Kuchenblech passt ohnehin nicht auf meinen Gepäckträger.

Tut mir leid.«

»Deswegen werde ich dich fahren«, verkündete er

und gri? nach dem Table-.


Der Blaumann schien auf einmal einen Zentner zu

wiegen und ihre Schultern sackten nach vorn. Nichts

wollte sie weniger als mit ihren Kollegen Geburtstag zu

feiern. Aber sie durBe nicht schon wieder rebellieren,

das war sie ihren Verwandten schuldig. »Wenn ihr unbedingt

darauf besteht.«

»Natürlich.« Yvonne lächelte ihr perfektes Zahnpasta-Werbe-Lächeln.

»Es ist nur zu deinem Besten. So

Hndest du leichter Anschluss.«

Innerlich rollte Pia mit den Augen. Ihre Tante ha-e

nicht die geringste Ahnung.

~ ~ ~

TOM

Unter seiner Atemschutzmaske sammelte sich der Schweiß.

Tom wischte sich mit dem Ärmel seines Overalls über die

Stirn und sprühte das Lackspray in einer gleichmäßigen

Schicht auf den Heizkörper. Der beißende Geruch reizte

seine Augen und brannte in den Nasenlöchern. Morgen war

das alles hier vorbei. Aber was kam danach?

Er trat einen Schri- zurück und begutachtete seine

Arbeit. Daran gab es nichts zu beanstanden. Neben ihm

arbeiteten zehn weitere Männer in der Werkhalle. Neun von

ihnen trugen Overalls wie er selbst, ein älterer Mann mit

Schnurrbart die blaue Uniform der Justizvollzugsbeamten.

Gemächlich schri- dieser auf ihn zu. Weder ha-e er

eine Wa?e noch Handschellen bei sich. Das kleine Funkgerät

an seinem Gürtel genügte, um notfalls Verstärkung zu

rufen. Bisher ha-e er davon noch nie Gebrauch gemacht.

»Letzter Tag heute.« Sein Vorgesetzter nickte ihm zu.

»Aufgeregt?«

D


Tom zog die Maske vom Mund. »Ein bisschen.« Fünf

Jahre ha-e er die Tage gezählt. Aber nun, da es endlich

so weit war, Eühlte sich die Aussicht auf Freiheit beängstigend

an. »Die Welt da draußen wartet nicht gerade auf

einen wie mich.«

Der Malermeister verengte die Augen. »Red dir das

nicht ein. Du bist einer von den Guten. Ich muss es

wissen, hab dich schließlich ausgebildet.« Sein Blick

schweiBe über den Heizkörper. »Vom Lackieren verstehst

du was. Wenn du keinen Mist baust, kannst du es

draußen scha?en. Viel Glück dabei!«

»Danke.« Halb erwartete er einen Schulterklopfer,

aber hier drinnen berührte ihn niemand. Sein Chef

nickte ihm noch einmal zum Abschied zu und

schlenderte dann weiter zu einem Azubi im ersten Lehrjahr,

der eine Tür abschleifen sollte.

Benommen ließ Tom den Blick durch die Werkhalle

schweifen. Die Geräusche von Schleifmaschinen

mischten sich mit den Stimmen seiner Kollegen und dem

Klappern von Eimern. Der Geruch frischer Farbe

waberte durch die LuB.

Dieser Ort war sein GeEängnis, aber er bot ihm auch

Sicherheit. Ab morgen würde ihn nichts mehr schützen,

falls er erneut die Kontrolle verlor.

~ ~ ~

PIA

Liebe Pia,

herzlichen Glückwunsch zu deinem !". Geburtstag!

Ich wünschte, heute wäre schon morgen und ich könnte

bei dir sein. Du schreibst, dass du mit deinen Geschwistern


und Mark feierst. Euch allen viel Spaß! Was wird es zu

essen geben?

Mir 1ällt gerade auf, dass ich gar nicht weiß, was du gern

isst. Das kommt mir merkwürdig vor, weil wir uns so viele

Dinge anvertrauen, die wir sonst niemandem erzählen. Aber

ich habe keine Ahnung, ob du lieber Schokoladenkuchen oder

Erdbeertorte magst. Oder welche Blumen du schön 2ndest.

Menschen, die sich lieben, sollten so etwas voneinander

wissen. Findest du nicht auch?

Ich kann es kaum erwarten, dich endlich richtig kennenzulernen

und all die Kleinigkeiten über dich in Erfahrung

zu bringen. Ich ho6e, dir geht es umgekehrt genauso.

Dass ich Vegetarier bin, habe ich ja o9 genug erwähnt.

Und meine Vorliebe 1ür Schokolade kennst du ebenfalls.

Aber so vieles andere weißt du nicht und ein Teil von mir

1ürchtet sich davor, dass du etwas entdeckst, das deine

Meinung über mich ändern wird.

Das Allerschlimmste weißt du zwar, wenn auch nicht

im Detail, aber ich habe dir doch einiges verschwiegen, um

meine Chancen bei dir nicht zu ruinieren. Ho6entlich war

das kein Fehler.

Wenn ich dir morgen als freier Mann gegenübertrete,

1ängt 1ür uns beide ein neues Kapitel an. Ich kann sie kaum

erwarten, die Zukun9 mit dir.

In Liebe

Dein Tom

Vorsichtig faltete Pia den Brief zusammen und schob ihn

zurück in den Umschlag. Toms Zeilen lösten ein sehnsuchtsvolles

Ziehen in ihrem Magen aus. Sie wollte weder

Geschenke noch Kuchen, sie wollte ihn. Doch wann nahm

das Leben je auf ihre Wünsche Rücksicht?

Sta- seiner Stimme lauschte sie dem Gluckern der

alten Ka?eemaschine in der kleinen Werksta-küche. Das


moderne Hightech-Gerät im Showroom, das Milch aufschäumte,

war nur Eür Kunden gedacht. Auf dem wackeligen

Küchentisch, dessen Beine durch Verkaufsprospekte

stabilisiert wurden, schni- sie den Kuchen in schiefe

Stücke. Warum nur ha-e Yvonne ihr das eingebrockt?

»Rieche ich etwa Kuchen?« Lukas trat zur Tür herein

und schnupperte übertrieben. Er war ein Jahr jünger als

sie, befand sich aber schon im zweiten Ausbildungsjahr

und Eührte sich oB auf, als wäre er der Meister.

Ihm folgte sein Kumpel Vincent, der dri-e Azubi.

Während Lukas klein und schmächtig war, spannte Vincents

Hemd über dem Bauch und den breiten Schultern.

Seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. »Ich

wusste doch, dass Frauen Eür was gut sind.«

Lukas nickte. »In der Küche wirkt Pinkie ganz kompetent.

Passt auch besser zu ihr als die Hebebühne.«

Wie immer schürte der verhasste Spitzname ihre

Wut. Sie stach mit dem langen Messer so heBig auf den

Apfelkuchen ein, dass einige Obststücke vom Blech

rutschten und mit einem Platschen auf den Fliesen landeten.

»Habt ihr nichts Sinnvolles zu tun?«

Lukas zuckte mit den Schultern. »Der Meister sagt,

wir sollen dir zur Hand gehen.«

»Eine Frau darf schließlich nicht schwer tragen.«

Verächtlich gli- Vincents Blick von ihrem pinkfarbenen

Pferdeschwanz über den ölverschmierten Overall bis zu

den mit Stahlkappen verstärkten Sicherheitsschuhen.

»Wobei. Wie eine richtige Frau siehst du nicht aus. Kaum

Busen, keine Schminke und abgebrochene Fingernägel.

Wärst du ein Auto, würde ich sagen, der Lack ist ab.«

Ihre Wangen erhitzten sich. Diese Idioten konnten es

nicht lassen. Seitdem sie Vincents Bruder den Ausbildungsplatz

vor der Nase weggeschnappt ha-e, versuchten die

beiden, sie wegzuekeln. Aber es würde ihnen nicht gelingen.


Pia drückte Vincent das Kuchenblech in die Hand.

»Halt mal fest.« Wild fuchtelte sie mit dem Messer herum.

»Ho?entlich rutscht mir die Hand nicht aus, wenn ich den

Kuchen schneide. Bin ja nur eine Frau, die mit Werkzeug

nicht umgehen kann. Aber ein starker Mann wie du verträgt

sicher einen Kratzer.« Kess zwinkerte sie ihm zu.

»Das wagst du nicht.« Vincent erblasste und knallte

das Blech mit lautem Scheppern auf den Küchentisch.

Hastig gri? er nach der Kanne, obwohl der Ka?ee noch

nicht durchgelaufen war.

Nur mit Mühe unterdrückte sie ein Grinsen.

»Lassen wir die Verrückte, die versteht echt keinen

Spaß.« Lukas stapelte abgestoßene Teller, Tassen und

Besteck auf ein Table- und trug es nach draußen, wobei

er sie nicht aus den Augen ließ.

Sein Freund folgte ihm. An der Tür drehte Vincent

sich noch einmal zu ihr um und verzog das Gesicht. »Du

denkst, du bist was Besonderes, nicht? So unangepasst mit

deinem komischen Haar und in einem Männerberuf. Aber

ich we-e, du überstehst nicht mal das erste Jahr. Wenn

mein Bruder im Herbst hier anEängt, bist du längst weg.«

»Ach echt? Hat er immer noch keine andere Stelle

gefunden?« Ihr Tonfall klang spö-isch, auch wenn ihr

Herz wild klopBe. Vor Typen wie Vincent und Lukas

durBe sie keine Schwäche zeigen, sonst wäre sie verloren.

Die Tür zur Küche knallte und sie seufzte erleichtert

auf. Wie von selbst berührte ihre Hand den Umschlag in

ihrer Tasche. Wenn ihr Geburtstag doch endlich vorbei

wäre.

~ ~ ~

»Auf dich!« Hanna ergri? ein Sektglas von Pas altem

Esstisch und prostete Pia zu.

V


Der Ort ihrer Kindheit Eühlte sich zugleich vertraut

und seltsam fremd an. Die Möbel standen noch am

üblichen Platz, auch wenn das Hamburger Abendbla>

nicht länger zereddert auf dem Couchtisch lag, wo Pa

es stets nach der Lektüre abgelegt ha-e. Doch der

Geruch im Wohnzimmer ha-e sich verändert, wurde

nun von dem holzigen ABershave dominiert, das Hannas

Partner Mark benutzte.

Seine muskulöse Gestalt und die Form seiner graublauen

Augen erinnerten sie schmerzhaB an Tom.

Freundlich lächelnd ließ Mark sein langstieliges Glas

gegen ihres klirren. Auch Emmas Verlobter Julian prostete

ihr mit Sekt zu, während Emma und der neunjährige

Mika Mineralwasser tranken.

Pia zwang sich zu einem Lächeln und nahm einen

Schluck. Das bi-ere Prickeln auf der Zunge passte zu

ihrer Stimmung. Weit mehr als die bemüht fröhlichen

Gesichter ihrer Familie – oder dem, was davon noch

übrig war.

Nach Mas Krebstod vor acht Jahren ha-e ihre heile

Welt deutliche Risse bekommen, aber erst im vergangenen

Frühling war sie endgültig zerbrochen. Nie würde

sie den Tag vergessen, an dem Mark in seiner Polizeiuniform

im Wohnzimmer gestanden und ihnen erklärt ha-e,

dass Hanna, Emma, Mika und sie selbst nun Waisen

waren.

Pias Blick schweiBe zu Pas verwaistem Relax-Sessel

neben der Ledercouch. Heute vor einem Jahr ha-e er

noch gelebt und sie ha-e sich wegen dieses blöden

Blümchenkleids aufgeregt. Weil Pa sie als Punkerin nicht

akzeptierte und immer versuchte, aus ihr ein richtiges

Mädchen zu machen.

Inzwischen schien ihr Zorn von damals bedeutungslos.

Wenn sie doch nur durch die Zeit reisen und den Riss

1


zwischen ihnen ki-en könnte, bevor Pas stressiger Job

und sein schwaches Herz ihn umbrachten.

»Happy Birthday!« Emma lächelte sie an. Auch

wenn sich über ihrem Minirock eine Babykugel wölbte,

wirkte die Siebzehnjährige mit den langen schlanken

Beinen und den rotblonden Locken, die ihr o?en über die

Schulter Helen, schön wie ein Model. Ihr würden Typen

wie Lukas und Vincent keine blöden Sprüche an den

Kopf werfen, sondern sie höchstens heimlich anschmachten.

Natürlich ohne jede Chance, denn Julian legte

beschützend einen Arm um Emmas Taille. Kaum vorstellbar,

dass er noch vor einem Jahr ihr Lehrer gewesen war.

Aber die Liebe nahm manchmal seltsame Wege.

Hastig wandte Pia sich ab, nur um Mark und Hanna

dabei zuzusehen, wie sie einen zärtlichen Kuss tauschten,

während Mika die Augen verdrehte. Ein Jahr nach Pas

Tod ha-e er Hanna und Mark längst als seine Ersatzeltern

akzeptiert.

Der Stich in ihrer Brust war bestimmt keine Eifersucht,

denn ihre Schwestern ha-en sich ihr Glück hart

erkämpB.

Dennoch sollte heute Abend auch an ihrer Seite

jemand sitzen. Groß und kräBig. Mit aschengrünen

Augen, einer markanten Nase und einem pechschwarzen

Pferdeschwanz, der an die Piraten aus alten Abenteuer-

Hlmen erinnerte.

»Alles in Ordnung mit dir?« Hanna musterte sie

besorgt. »Du siehst mitgenommen aus.« Unter ihren

Augen lagen dunkle Scha-en. Das Medizinstudium und

die Verantwortung Eür Mika forderten ihren Tribut.

»Klar.« Pia nahm einen Schluck Sekt und stellte ihr

Glas etwas zu schwungvoll auf dem Esstisch ab. »Ich

habe mich nur gefragt, ob ich wieder hier einziehen

kann.«

I


Um den Esstisch wurde es totenstill. Hanna und

Mark starrten sie entgeistert an. Freudige Überraschung

sah anders aus.

»Tante Yvonne und Onkel Jörg werden jetzt wohl

doch schneller Adoptiveltern als gedacht und da möchte

ich ihnen nicht im Weg stehen.«

Hannas Augen verengten sich. »Hat Yvonne dich

etwa gebeten zu gehen?«

Mark legte ihr eine Hand auf den Arm. Die Geste

wirkte beiläuHg und doch beschützend. Pia schluckte.

Wie sich das wohl anEühlte? Auf diese Art ha-e sie noch

niemand berührt.

»Nein, das würde sie nie tun.« Auch wenn Yvonne

sich in vieles einmischte und manchmal nervte, verdiente

sie Hannas Missbilligung nicht. Schließlich ha-e

sie Pia bei sich aufgenommen, als die Spannungen zwischen

ihr und Hanna nach Pas Tod zu groß geworden

waren. »Aber sie und Jörg gründen eine Familie und ich

… Es war doch immer nur als Übergangslösung gedacht,

bis ich auf eigenen Beinen stehe.«

Was nicht der Fall war. Sie verdiente achthundertEünfzig

Euro im Monat – zu wenig, selbst Eür ein

WG-Zimmer in schlechter Lage.

Emma trat auf sie zu und strich sich eine rotblonde

Strähne aus der Stirn. »Du kannst mein altes Zimmer

haben. Es wird höchste Zeit, dass ich meinen restlichen

Kram abhole.«

»Wir mussten nur erst zwei neue Kleiderschränke

aufstellen.« Julian lächelte sie liebevoll an. »Von den

Schuhregalen ganz zu schweigen.«

»Das geht nicht.« Marks Stimme klang gepresst.

»Wir brauchen den Raum Eür Tom. Tut mir leid.«

»Tom zieht hier ein?« Die Vorstellung schien absurd,

beängstigend und wunderbar zugleich.

0


»Ich habe mit seinem Bewährungshelfer gesprochen.

Es erscheint uns beiden sicherer, wenn er hier mit familiärem

Anschluss wohnt, ansta- allein auf sich gestellt.

Unser Vater hä-e zwar auch Platz, aber …« Auf Marks

Stirn erschien eine Falte. »Du weißt, das geht nicht.«

»Natürlich nicht.« Plötzlich angewidert, schob sie

das halb volle Sektglas von sich weg.

SanB berührte Hanna sie an der Schulter. Wie konnte

der Blick aus ihren schokoladenbraunen Augen nur so

warm und mitEühlend sein, nach allem, was Pia ihr

angetan ha-e? »Es ist ja nur vorübergehend. Mark

besorgt Tom so schnell wie möglich einen Job in einer

anderen Stadt und dann kannst du wieder hier einziehen.«

»In einer anderen Stadt? Wieso?« Der Druck auf

ihrer Brust, der sie schon durch den ganzen Tag begleitete,

verstärkte sich zu einem schmerzhaBen Stechen.

Weshalb ha-e niemand sie eingeweiht? »Was sagt denn

Tom dazu?«

Mark zuckte mit den Schultern. »Wir haben noch

nicht darüber gesprochen. Aber er wird schon einsehen,

dass es das Beste ist.«

»Du kannst bei mir einziehen.« Mika lächelte breit

und entblößte dabei seine Zahnlücke. »Da ist noch jede

Menge Platz Eür ’ne Matratze.«

»Danke.« Es war rührend, dass er sein Reich mit ihr

teilen wollte, nachdem er erst vor einem knappen Jahr in

den Genuss eines eigenen Zimmers gekommen war.

»Aber das kann ich unmöglich annehmen.«

»Sie hat recht.« Hanna zwinkerte ihm zu. »Aus

eigener leidvoller Erfahrung muss ich dich warnen, dass

ihr Musikgeschmack sehr gewöhnungsbedürBig ist.«

Normalerweise hä-e Pia ihre Punkmusik schon aus

Prinzip verteidigt. Sta-dessen starrte sie Mark an, dessen

Augen seinen Schmerz widerspiegelten. »Warum, Mark?

2


Wieso schickst du deinen eigenen Bruder weg? Hat er

nicht schon genug durchgemacht?« Sie selbst war zumindest

aus freien Stücken gegangen und an manchen Tagen

konnte sie sich beinahe einreden, dass diese Entscheidung

richtig gewesen war.

»Genau deswegen.« Ernst sah er sie an und sein

Blick bewirkte, dass Gänsehaut ihre Arme überzog.

»Wenn er bleibt, Eängt alles wieder von vorn an

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