die Wolkentänzerin

christel.siry

ein Märchen von Christel Siry

Einen Tag im Leben der Wolkentänzerin

Wieder einmal lag sie auf einer diesen dicken weißen Wolken, ließ sich mit ihr vom Wind sanft treiben und schaute mit

Lächeln auf die Erde. Zu dieser Uhrzeit machte ihr das besonders viel Freude. Die großen Menschen - sie heißen

Erwachsene, das hatte Julian ihr einmal erklärt - laufen dann immer so aufgeregt herum. Mütter ziehen ihre Kinder hinter

sich her, weil diese nicht so schnell mitkommen, wie es nötig scheint. Männer und Frauen hasten durch die Straßen, Autos

hupen und wenn diese stehen bleiben, dann riecht es auf einmal nicht mehr gut, nein es stinkt zum Himmel. Dies bewegt

sie dann dazu, ihren Platz zu verlassen und sich ein paar Wolken weiter in die unendliche Weiche fallen zu lassen. Die

Körper dieser Menschen waren größer als die der anderen Menschen, waren sie deshalb Erwachsene? Überhaupt, es gab

so viele verschiedene Menschen, ganz schwindelig wurde ihr jedes Mal wenn sie darüber nachdachte.

Es gab auch andere Menschen, diese nannte man Kinder, da mochte sie oft nicht aufhören zu schauen. Einige gingen am

Morgen schwatzend und lärmend in größeren oder kleineren Gruppen durch die Straßen, bis sie in einem großen Gebäude

verschwanden und es auf einen Schlag ruhig wurde. Was war das wohl für ein Gebäude? Nach dem Mittag hatte die

Wolkentänzerin dann wieder ihren Spaß. Sie schaute den kleinen Menschen beim Spielen zu. Einen besonderen

Zeitvertreib gönnte sie sich, wenn das Spiel „Verstecken“ angesagt war. Immer wieder erlag sie der Versuchung und schob

eine dunkle Wolke über das Kind, das sich nicht so gut versteckt hatte, denn sie wollte nicht, dass es zu schnell gefunden

wurde. Sie lachte über ihren Schabernack und freute sich, da sie mitspielte, auch wenn es keiner merkte. Dann war ihr

nicht ganz so langweilig. Gerade jetzt zu dieser Zeit fand Julian und auch die anderen Engel keine freie Minute um mit ihr

zu spielen. Alle waren mit den Vorbereitungen auf das Erdenfest beschäftigt, dass die Menschen, ja wie nannten sie es

denn noch einmal…? Sie feierten es jedes Jahr zur selben Zeit und jedes Jahr hatte Julian keine Zeit für sie.

Ja-und das war auch jedes Jahr so!

Musste das denn immer so sein, wie es immer schon war?

Was würde denn geschehen, wenn der Engel Julian anstatt an dieser Flöte zu arbeiten, mit ihr Wolkenweitsprung spielen

würde? So viele Flöten waren bereits fertig gestellt und wunderschön verpackt standen sie zum verschenken bereit.


„Ach was“, entfuhr es ihr – „ich frage ihn jetzt einfach mal.“ Rasch stand sie auf, nahm Anlauf und sprang auf die nächste

Wolke, auf die nächste und die nächste. Dieses Spiel liebte sie so sehr, dass sie es am liebsten den ganzen Tag lang spielen

würde. Ganz toll fand sie es, wenn sie bis zu den Knien versank im watteweichen Etwas.

„Julian!“ rief sie, “Julian wo steckst du? Bist du vielleicht hinter der großen blau-grauen Wolkenbank?“ Plötzlich tauchte

ein Kopf kurz aus der rötlichen Wolke auf. „Hier bin ich“, rief Julian mit etwas Ungeduld in der Stimme. „Was gibt es denn

Wolkentänzerin?“

„Hast du Lust Wolkenweitsprung mit mir zu machen?

„Lust schon!

„Dann komm, ich springe zuerst.“

„Halt“, rief Julian leicht genervt, „ich kann jetzt nicht und weißt du nicht ganz genau, was für eine besondere Zeit jetzt ist?

Ich arbeite gerade an einer Konzertflöte für eine Spielerin mit dem absoluten Gehör, da muss einfach jeder Ton mehr als

rein sein und zum Erdenfest soll sie diese Flöte unter dem Baum vorfinden.“

„Zu was?“

„Na, zu dem Fest das die Menschen Weihnachten nennen.“

„Für mich sieht die Flöte fertig aus, gut vielleicht noch ein wenig Glanz oder so.“

„Ich glaube du verstehst nicht, um was es mir geht. Ich möchte die Töne so klar herausarbeiten, dass wenn sie spielt, die

Töne engelgleich durch den Raum schweben, die Menschen die Augen schließen und sich in den Himmel hineinträumen.

Dass ihre Seelen sich fort tragen lassen in himmlische Sphären und aller Ärger, Streit und Stress sich auflösen, wie…….“

„Wie meine dunklen Wolken nach einem Gewitter, wenn der Wind sie weggeblasen hat?“

„Genau, das hast du sehr schön gesagt, Wolkentänzerin.“

Still neigte sich der Engel Julian wieder über seine Arbeit.

„Julian?“

„Ja?“

„Kann ich auch irgendetwas machen?“

„Ich habe keine Ahnung, was möchtest du denn machen?“

„Gute Frage, was kann ich denn machen?“


Julian antwortete mit einem breiten Lachen: „Auf jeden Fall nicht so gut und weit springen, du weißt –ich gewinne

immer!“

„Ich glaube das ist so, weil du schummelst!“

„Nein, das mache ich nie, das wäre total unfair und ich hätte keine Freude mehr daran Erster zu sein.“

„Doch - ich glaube du benutzt deine Flügel, nur so ein klein wenig und deshalb gewinnst du immer.“

„Du weißt selbst dass es nicht stimmt, was du da sagst.“

„Hm… ich stelle es mir manchmal so vor, dann fällt es mir leichter immer die Nummer Zwei zu sein.“

„Genug jetzt, wolltest du nicht irgendetwas machen?“

„Jaa, und was bitte?“

„Hilf doch Angel beim Sterne anzünden.“

„Puh, das habe ich schon einmal gemacht, er hat wirklich viel Arbeit.“

„Wolltest du helfen oder nicht?“

„Ich gehe ja schon… - Julian?“

„Was ist denn noch?“

„Heute ist Vollmond, gehst du mit mir zum Abendflug?“

„Ja, du Nervensäge, wenn ich dann jetzt bitte weiter machen kann, dann kann ich nachher auch mit dir gehen.“

„Versprichst du es mir?“

„Ja, ich verspreche es dir.“

„Bis dann!“ und weg war die Wolkentänzerin. Sie rannte los und stellte fest, es war höchste Zeit, die Sterne anzuzünden.

Dick, rund und gelb stand der Mond bereits am Himmel. Gerne würde sie heute ein paar Sterne mehr um den Mond

herum anzünden, das fänd sie besonders schön wenn sie mit Julian auf der Abendwolke daran vorbei segeln würde.


Pfuhh, sie konnte es nicht lassen, sie blies ihre Wangen dick auf und ließ ein paar kleine Wolken vor

den Mond segeln. Es waren leichte Schleierwolken, denn sie wusste sehr genau, dass die Menschen dem Mond sehr

zugetan waren. Auch hatten Menschen schon den Mond bereist, den Fußabdruck des Besuchers konnte man noch sehen…

Sie hatte häufig beobachtet, dass große und kleine Menschen staunend, verträumt und sehnend zu ihm hoch schauten.

Man hatte ihr erzählt, dass es Lieder und Gedichte über den Mond gibt, Kinder lernten diese bereits in der Schule. Es gab

auch eine ganz besondere Art von Menschen, sie gingen eng umschlungen, sahen gemeinsam nach oben, schauten sich

dann an und die Wolkentänzerin hatte den Eindruck, dass der Glanz des Mondes nun auf ihren Gesichtern lag, und ihre

Augen aussahen wie die Sterne am Himmel.

Sie stob noch zwei kleine Wolken vor den Mond, nur so zum Spaß, schließlich wollte sie nicht ganz unbemerkt bleiben.

Plötzlich blieb sie wie angewurzelt - wenn man das bei Wolken überhaupt sagen kann - stehen.

Sie ließ sich auf den nächsten Wolkenberg fallen, stützte ihre Arme auf die Knie und legte den Kopf in die offenen Hände.

Die Stirn leicht in Falten gelegt, stellte sie die Frage laut in die Nacht hinein: „Kennt man mich denn überhaupt auf der

Erde?“ Keine Antwort kam zu ihr. Sie überlegte weiter, die Engel ja, die waren den Menschen bekannt, das war klar. Julian

erzählte ihr ab und zu, dass es Bilder und Statuen in großen Kathedralen und kleinen Kirchen gibt. Auch hatte er ihr gesagt,

dass die Menschen die Engel Boten Gottes nennen. Julian, ein Bote Gottes, das machte mächtig Eindruck auf sie.

Was aber war mit ihr? Was zum Himmel war denn mit ihr? Eine Traurigkeit wollte sich gerade breit machen, da bemerkte

sie, dass sie noch immer da saß und nachdachte und dabei völlig Angel vergessen hatte! Sie nahm den Kopf aus den

Händen, schaute hoch und dann sah sie Angel schon winkend auf sie zukommen. Er war spät dran und völlig außer Atem

als er bei ihr ankam. „Wolkentänzerin“, bat er „kannst du nicht ein paar dicke Wolken über den Himmel jagen? Es wäre

sehr hilfreich für mich, dann bemerken die Menschen nicht, dass ich verspätet die Sterne anzünde.“ Das schlechte

Gewissen machte sich bei der Wolkentänzerin bemerkbar, sie hatte Angel doch längst helfen wollen. Kein zweites Mal ließ


sie sich nun bitten, pustete und pustete bis die Wolken über den Himmel zogen. Von der Erde aus war nun nicht mehr zu

sehen, ob die Sterne leuchteten oder nicht.

Dankbar sah Angel sie an. „Jeden Abend das Gleiche“, sagte er, „im Winter muss ich einfach eher mit der Arbeit beginnen,

jedoch geschieht es so oft, dass der Abend einfach schon vor mir da ist.“ Die Wolkentänzerin nickte zustimmend. „Ja“,

bestätigte sie, „es ist gefährlich im Winter, ich denke auch nicht immer daran und schon ziehen die dunklen Wolken zum

Westen und decken die Erde zu. Ist dir schon einmal aufgefallen wie still es auf Erden wird, wenn sich die Dunkelheit

ausbreitet?“ fragte sie Angel ganz beiläufig.

„Ja“ bestätigt Angel, „es kann einem ganz feierlich werden, gerade jetzt zu dieser Zeit, wo sie in der Vorbereitung des

Erdenfestes sind.“

„Es heißt Weihnachten.“ sagte sie, jedoch mehr zu sich selbst.

Das wiederum kannte Angel nicht an ihr, sie war eher etwas vorlaut und erst recht, wenn sie etwas ganz sicher wusste, so

wie vorhin mit Weihnachten, dann konnte sie es in aller Deutlichkeit regelrecht heraus posaunen. Er wusste wovon er

sprach.

Ganz vorsichtig schaut Angel sie an, ja was sah er denn da? Tränen!

„Was ist denn geschehen?“ fragt Angel unsicher.

„Nichts!“

„Nichts? Wegen Nichts weinst du?“

„ Ja, schon; eigentlich wegen nichts“ antwortete die Wolkentänzerin.

„ Ich bitte dich, erkläre es mir.“

„ Ich frage mich, kennt man mich auf der Erde?“

„Das verstehe ich nicht“, erwiderte Angel irritiert.

„Du und Julian, ihr seid für die Menschen Boten Gottes, also euch kennt man.“

„Nein, weder Julian noch mich kennt man auf Erden. Engel im Allgemeinen, jedoch weder Julian noch mich persönlich. Das

wäre ja noch schöner. Wieso kommst du auf die Idee, dass die Menschen uns kennen?“

„Na, von euch gibt es Bilder, frag Julian.“


„Ach das meinst du!“ Lächelnd legte Angel einen Arm um sie. „Die Menschen machen sich ein Bild von uns und glaube mir,

wir sehen nicht so aus, wie sie es sich vorstellen.“

„Nicht?“ Mit staunendem Gesicht sah die Wolkentänzerin zu Angel. „Weshalb machen sie sich denn ein Bild von Engeln?“

Angel dachte eine Weile nach. „Ich glaube die Menschen machen sich von allem ein Bild, sie sind einfach so. Vielleicht hilft

ihnen das, alles besser einzusortieren. Ja, ich glaube, genau so ist es. Jetzt aber los, bitte hilf mir ganz schnell einhundert

Sterne anzuzünden, ja?“

„Klar, ich habe Julian doch versprochen dir zu helfen.“

„Wieso Julian?“

„Das ist eine lange Geschichte, ich erzähle sie dir ein anderes Mal. Lass uns nun schnell Sterne anzünden.“

Nun haben Patty und Klara lange auf der Wiese gelegen. Stundenlang haben sie in den Himmel geschaut und sich die

schönsten Wolkenbilder gemalt. Sie haben viel miteinander gelacht. Nur dass Patty nicht glauben wollte, dass Klara eine

Wolkentänzerin gesehen hat, das ärgert Klara ein kleines bisschen. Sie hat die Wolkentänzerin ganz genau gesehen und

weiß auch, dass sie gesehen wurde. Gab es da nicht ein Winken? Ach, es ist ihr egal. Sie hat sie gesehen. Basta.

Auch unsere Wolkentänzerin hat Klara gesehen, nun wissen beide umeinander und die Frage, ob man sie auf Erden kennt,

die ist wohl beantwortet.

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