BIBER 10_18 Ansicht

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Österreichische Post AG; PZ 18Z041372 P; Biber Verlagsgesellschaft mbH, Museumsplatz 1, E 1.4, 1070 Wien

www.dasbiber.at

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RENDI-WAGNER:

NULL SMS VON KURZ

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SCHWULE

GOTTESMÄNNER

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MIT SCHARF

OKTOBER

2018

WIEN-

WAHL:

MIGRANTEN

PLANEN PARTEI

WIR MACHEN DIE

NEUEN WIENER

DER BIBER BABY BOOM


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WIEN KANN.

© Kletterhalle Wien

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Eine Übersicht der Angebote der drei Wiener Sport & Fun Hallen

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3

minuten

mit

Harry

Mo

Er singt auf Serbisch,

hat angolische Wurzeln,

träumt von einem Duett

mit Ex-Yu-Sängern und

wohnt in Ottakring. Der

junge Sänger Harry Mo über

seine Liebe zur Kultur und

Musik des Balkans.

Von Samira Hartl

Foto: Susanne Einzenberger

BIBER: Wie kommt es zu dem Namen

„Harry Mo“?

HARRY MO: Harry kommt von meinem

österreichischen Vornamen, Harald.

Das Mo stammt aus der Zeit, in der ich

noch gerappt habe. „Mokonzi“ bedeutet

in Angola, wo meine Wurzeln liegen, so

viel wie König. Also wurde aus „Harry

Mokonzi“ eben „Harry Mo“.

Was hat dich dazu bewegt, selbst Balkanmusik

zu machen?

Ich hatte immer viele Freunde aus Ex-

Jugoslawien. Daher die Faszination für

die Sprache und die Kultur. So richtig

motiviert war ich aber, als ich das erste

Mal ein Lied von Mile Kitić gehört habe.

Danach wollte ich unbedingt auch auf

Serbisch singen.

Wieso fasziniert dich die Musik so?

Für mich wäre das Performancesex. Ich

mag den Rhythmus und wie die Men-

schen dazu tanzen. Diese Lebensfreude

und die Stimmung am Balkan. In meinen

Texten geht es hauptsächlich um

Zusammenhalt und positive Vibes. Ich

will damit alle Menschen ansprechen,

egal ob jung oder alt. Ich bekomme

viele positive Rückmeldungen, also

denke ich, es kommt auch gut an.

Bist du schon am Balkan aufgetreten?

Einen wirklichen Auftritt hatte ich

bis jetzt noch nicht. Ich habe einmal

in einem kleinen Café in Kroatien

gesungen. Dort hat mich zwar keiner

gekannt, aber sie haben mich sympathisch

gefunden. Morgen fahre ich mit

meinem Produzenten nach Belgrad für

einen Videodreh.

Du wohnst jetzt in Ottakring. Wie gefällt

es dir in Wien und wo trifft man dich?

Die Großstadt ist einfach cooler als das

Leben am Land. Es kommt mittlerwei-

le öfter vor, dass mich Leute auf der

Ottakringer Straße erkennen und Fotos

mit mir machen wollen. Am ehesten

trifft man mich im Mr. Wood oder wenn

besondere Konzerte sind auch im Club

Village und Tresor.

Wie sehen deine Zukunftspläne aus?

Ich lass alles ein bisschen auf mich

zukommen, es läuft momentan ganz

gut und ich bin prinzipiell eher ein

spontaner Mensch. Ich würde mir auf

jeden Fall mal ein Duett mit einem Ex-

Yu-Sänger wünschen.

Alter: 24

Geburtsort: Güssing, Burgenland

Besonderes: Mit seinem Lied „Afro

Kolo“ wollte der junge Österreicher

mit angolischen Wurzeln die

Kulturen aus Afrika und dem

Balkan verbinden.

/ 3 MINUTEN / 5


5 3 MINUTEN MIT

HARRY MO

Ein Österreicher mit angolischen Wurzeln,

der auf Yugo singt – das ist Harry Mo.

IMAM, PRIESTER, GLÄUBIG, SCHWUL

Dass man Religion und Homosexualität

vereinbaren kann, zeigen uns Jide Macaulay

und Ishmael Sbulele Bahati.

26

10 IVANAS WELT

Frau Magistrat kennt sich mit Finanzamt,

AMS und Krediten aus.

POLITIKA

12 DIE MIGRANTENLISTE 2020

Eine neue Migrantenliste formiert sich und

möchte bei der Wien-Wahl 2020 punkten.

20 INTERVIEW IN ZAHLEN

„Frau Rendi-Wagner, wieviele Menschen

haben Sie geimpft?“

22 „ICH WAR DOCH NOCH

EIN KIND“

Ahsen war 14, als sie gegen ihren Willen ihrem

Großcousin versprochen wurde. Die Geschichte

einer Frau, die zwangsverheiratet wurde.

INHALT

RAMBAZAMBA

26 TREFFEN SICH EIN

SCHWULER PRIESTER UND

EIN SCHWULER IMAM

Und beide Afrikaner finden, dass man

Homosexualität mit ihrer Religion

problemlos vereinbaren kann.

32 BABYBOOM BEI BIBER

Gleich drei Mitglieder unserer Redaktion

haben Nachwuchs bekommen.

TECHNIK

42 AB INS ALL MIT ADAM

Über Raketen, Assassins Creed und den

Google-Geburtstag: Die Technik-Updates des

Monats

KARRIERE

44 MULTITASKING GIBT

ES NICHT

Andrea erklärt euch, wieso das Prinzip „eins

nach dem anderen“ euch in eurer Karriere

mehr weiterbringt.

MIGRANTEN AN DIE MACHT

Der politische Untergrund Wiens brodelt:

Eine neue Migrantenliste formiert sich und

möchte bei der Wien-Wahl 2020 punkten.

12


www.thishumanworld.com

DR. RENDI WAGNER

„Frau Rendi-Wagner, wie

oft haben Sie sich über

Sebastian Kurz geärgert?“

20

46 MEIN BESTER RAT

Walter Ruck verrät, wieso man Energieräuber

meiden sollte.

50 SELBERMACHER: BODY

POSITIVITY FÜR GEMÜSE

Auch für Obst und Gemüse gibt es heutzutage

Beautystandards: Zu krumm, zu klein oder

einfach zu viel? Was im Mist landen würde,

retten die Gründer von „Unverschwendet“.

OKTOBER

2018

LIFE & STYLE

52 #METOO IN DIE FRESSE UND

LEGALES WEED

Aleks lag zu lange in der Sonne und ihre

Hautfarbe trägt nun die Nuance Österreich.

53 MERCDES:

CLASH OF GENERATIONS

Zeig mir dein Insta-Profil, und ich sag dir, wer

du bist! 1 Mutter, 1 Tochter, 1 Mercedes.

KULTUR

56 WERTEVERFALL DURCH

#INSTABEAUTY

Unser Medienkonsum wird seichter: Aus Dokus

werden Schmink-Videos auf Youtube. Damit wir

nicht ganz deppert werden, hat Jelena coole

Ausstellungs-Tipps in Wien für euch parat.

58 THEATER FÜR

BETTELSTUDENTEN

So kommt ihr an 12 Euro-Restkarten für U27

im Wiener Konzerthaus.

29


nov

10 dec

2018

vienna

32

BABYBOOM

BEI BIBER

Delna, Amar und Ivana

sind Eltern geworden:

Über ergonomische

Schnuller, moderne

Balkanväter und darüber,

was eine Jugo-Bobo

Mama ausmacht.

Marko Mestrović, Christoph Liebentritt, COVER: Marko Mestrović

60 „WIE KANNST DU NUR FÜR

DIE KRONE SCHREIBEN?“

Jung, weiblich, migrantisch und Krone-

Redakteurin: Wie geht das?

62 DIE LEIDEN DES

JUNGEN TODOR

Todor steckt in der Zwickmühle: Soll er seinen

bettelnden Landsmännern Geld geben oder

nicht?


Liebe LeserInnen,

„Sorry, komme heute ein bissi später, bin im Baby-Schwimmkurs.“

– solche Mails sind bei uns momentan keine Seltenheit. Bei

Biber ist gerade Baby-Saison: Drei unserer alteingesessenen

Redaktionsmitglieder haben vor Kurzem ihr erstes Kind bekommen.

Also, nicht miteinander, aber es fühlt sich trotzdem so an, als hätten

wir als Redaktion plötzlich einen Mini-Kindergarten. Gespräche über

Babybrei, Schnuller und Tragetücher stehen an der Tagesordnung. Doch

wie es sich wirklich anfühlt, zum ersten Mal Mutter oder Vater zu werden,

erzählen Delna, Ivana und Amar ab Seite 33.

Aber nicht alles ist so Friede, Freude, Eierkuchen wie das biber’sche

Baby-Glück: Im politischen Untergrund Wiens brodelt es. Es entsteht

eine neue Migranten-Liste. Menschen mit Migrationshintergrund fühlen

sich von der österreichischen Politik nicht repräsentiert und bereiten

sich auf die Wien Wahl 2020 vor. Wie sie das anstellen wollen, lest ihr ab

Seite 12.

Doch nicht nur in der Politik geht es in dieser Ausgabe unkonventionell

zu. Auch die Religion erlebt eine kleine Revolution: Treffen sich ein

schwuler Imam aus Kenia und ein schwuler Pastor aus Nigeria in Wien

und reden über Religion. Nein, das ist kein Witz. Wir waren dabei.

Jide Macaulay und Ishmael Sbulele Bahati, beide homosexuelle

Gottesmänner, haben mit uns darüber gesprochen, wie sie ihre Religion

und ihre Sexualität vereinbaren. Das spannende Interview findet ihr ab

Seite 36.

Die Ausgabe ist vollgepackt mit weiteren tollen Geschichten, aber wir

müssen es bei diesem kleinen Teaser belassen. Amar muss jetzt nämlich

nach Hause zum Baby.

Richtigstellung: In der letzten Covergeschichte „Flirtzone-Moschee“ ist

uns ein Fehler unterlaufen. Die Aussage von Monika „Ich habe relativ

schnell eingesehen, dass die Männer in meiner Umgebung nichts für

mich sind, weil sie leider nie auf derselben intellektuellen Ebene waren

und eine Frau am Herd wollten.“ war an die Allgemeinheit der Männer

gerichtet und nicht an die MJÖ (Muslimische Jugend Österreich). Wir

entschuldigen uns bei allen Beteiligten.

Scharfe Bussis,

die Redaktion

IMPRESSUM

MEDIENINHABER:

Biber Verlagsgesellschaft mbH, Quartier 21,

Musuemsplatz 1, E-1.4, 1070 Wien

HERAUSGEBER & CHEFREDAKTEUR:

Simon Kravagna

STV. CHEFREDAKTEUR/IN:

Amar Rajković

Delna Antia (karenziert)

CHEFiNNEN VOM DIENST:

Amar Rajković

Aleksandra Tulej

Melisa Erkurt

CHEFREPORTERINNEN:

Melisa Erkurt

FOTOCHEF:

Marko Mestrović

KOLUMNIST/IN:

Ivana Cucujkić, Todor Ovtcharov

REDAKTION & FOTOGRAFIE:

Emira Abidi, Bilal Albeirouti, Soza

Almohammad, Aadilah Amin,

Adam Bezeczky, Petimat Dadajeva,

Alex Dietrich, Emir Dizdarević, Aida

Duric, Susanne Einzenberger, Nada

El-Azar, Maryam Ghanem Andrea

Grman, Samira Hartl, Nour Khelifi,

Sophie Kirchner, Christoph Liebentritt,

Zoe Opratko, Jelena Pantić-Panić,

Aleksandra Tulej, Sarah Wagner,

Artur Zolkiewicz

ART DIRECTOR: Dieter Auracher

LEKTORAT:

Birgit Hohlbrugger

CORPORATE SOCIAL INNOVATION:

Andrea Grman

BRANDED CONTENT:

Katja Trost

BUSINESS DEVELOPMENT:

Andreas Wiesmüller

GESCHÄFTSFÜHRUNG:

Simon Kravagna

Wilfried Wiesinger

REDAKTIONSHUNDE:

Tito, Casper

KONTAKT: biber Verlagsgesellschaft mbH

Quartier 21, Museumsplatz 1,

E-1.4, 1070 Wien

Tel: +43/1/ 9577528

redaktion@dasbiber.at

marketing@dasbiber.at

abo@dasbiber.at

WEBSITE: www.dasbiber.at

ÖAK GEPRÜFT 1. HJ 2017:

Druckauflage 85.000 Stück

verbreitete Auflage 80.601 Stück

DRUCK: Mediaprint

8 / MIT SCHARF /


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des AMS Wien informieren und beraten dich gerne rund um deine

Ausbildungs- und Berufswahl. Weitere Infos unter www.ams.at/biz

UNIQUE/Grayling

www.ams.at/biz


In Ivanas WELT berichtet die biber-Redakteurin

Ivana Cucujkić über ihr daily life.

IVANAS WELT

FRAGST DU FRAU MAG.ISTRAT!

In jeder Balkan-Familie gibt es sie. Diese eine Person mit akademischem

Titel. Die sich mit allem auskennen muss. Mit Finanzamt, AMS, Krediten.

In meiner Familie bin ich das. Leider.

Mietverträge kündigen, AMS-Anträge ausfüllen, Lebensläufe

verfassen. Das gehört nicht etwa zu meiner

Jobdescription. Das sind Dinge, die ich für meine Verwandten

erledige. Wieso? Weil ich studiert habe. Was?

Egal.

Mit einem Uniabschluss hat man in einer Großfamilie

so ziemlich die Arschkarte gezogen. Meine mittlerweile

verstorbene Oma hatte schon recht, als sie irrtümlich

über mich als „Frau Magistrat“ statt „Frau Magistra“

sprach. So viel Unterschied ist da nicht. Also für meine

Verwandtschaft nicht. Titel verpflichtet, die absolvierte

Studienrichtung ist dabei egal. Ich müsse doch wissen,

welche Unterlagen für die Rot-Weiß-Rot-Karte vorzulegen

sind, wann das Boarding für den Venedig-Flug

beginnt, von wo der nächste Bus nach Serbien fährt

und welche Bank grad die besten Wohnfinanzierungen

anbietet.

DIPLOMIERTE ALLESWISSERIN

Denn ich hab ja studiert! In den Augen meiner Eltern,

Tanten und Cousins qualifiziert mich das somit wohl zur

Lösung der großen Weltprobleme. Voll krass, aber ich

kann als vermeintlich diplomierte Alleswisserin manchmal

auch nicht weiterhelfen. Kenne keinen Griechisch-

Dolmetscher oder die Liste der Notare im 21. Bezirk

auswendig. Voll krass auch das blanke Entsetzen darüber,

dass sie sich um ihren Kram manchmal selber

kümmern müssen.

Als Mag.istrat für alle Fragen rund um alles habe ich mir

mittlerweile so viele Skills angeeignet, dass ich sofort

als Buchhalterin, Bewerbungscoach oder AMS-Referentin

anheuern könnte. Diese familiären Fremderledigungen

nehmen in Arbeitsstunden teilweise Ausmaße

eines Teilzeitjobs an. In den USA gibt es sogar eine

eigene Berufsbezeichnung dafür: den Personal Family

Assistant. Mit meiner lebenslangen Berufserfahrung

könnte ich dort eine steile Karriere hinlegen.

FRAG ALE…IVANA!

Oh, es ist nicht etwa so, dass ich mit einer überirdischen

Begabung im Informationen-in-Erfahrung-Bringen gesegnet

oder im 30-köpfigen Jugo-Clan als einzige der

deutschen Sprache mächtig und mit einem Heim-PC

ausgestattet bin.

Na.

Es ist einfach immer Ivana, die mit diversen Anfragen

zwangsbeglückt wird.

Lange vor Amazons virtueller Sprachassistentin ALE-

XA benutzten meine Verwandten IVANA. Ich bin quasi

der Balkan-Prototyp von Alexa. Vielleicht sollte ich

eine „Frag-Ivana“-App entwickeln für meine Family.

Dann wären meine To-Dos zumindest einigermaßen

übersichtlich und ich könnte zu sowas wie einer Life-

Balance zurückfinden. Denn momentan scheitere ich

kläglich am eigenen Zeitmanagement. Was aktuell mit

einem acht Monate alten Baby eh nicht existiert. Also

verschiebe ich meine persönlichen Angelegenheiten

auf die Nacht: Nahrungsaufnahme, Körperpflege. Und

diesen Text hier. Morgen kein Parteienverkehr! Frau

Mag.istrat out of office.

cucujkic@dasbiber.at

10 / MIT SCHARF /


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AUFSTAND DER

MIGRANTEN

Im politischen Untergrund Wiens brodelt es. Eine neue Migrantenliste

formiert sich und möchte bei der Wien-Wahl 2020 punkten.

Permanentes Islam-Bashing und Migranten als ewige Sündenböcke

in Politik und Medien steigern die Chancen des Projekts.

Von Amar Rajković und Soza Almohammad (Fotos)

Mitarbeit: Emira Abidi, Petimat Dadajeva

Der Speisesaal im türkischen

Restaurant

„Kent“ in der Gudrunstraße,

Wien X, füllt sich

langsam. Hakan Gördü

sitzt an einem Tisch in der Ecke des

Raumes. Über ihm hängt ein Riesenluster

aus 1001 Nacht, ein Ziegelsteinbogen

an der Wand dahinter setzt den 34-jährigen

Austrotürken trotz Randplatz in

den Mittelpunkt. Gördü ist augenscheinlich

unausgeschlafen. „Mein Sohn ist

erst acht Monate alt, da gibt es wenig

Gelegenheiten zu entspannen“, erklärt

er seine Augenringe: „Für die Geschichte

machen wir aber die Fotos an einem

anderen Tag. Das Gesprochene hier ist

sowieso wichtiger als meine Person“.

Das klingt nach Understatement. Dabei

gibt es keinen Grund, auf bescheidenen

Pfaden zu wandern, wenn es nach Gördüs

politischen Ambitionen geht.

SINNESWANDEL

Der Mann mit schlanker Statur, Vollbart

und kurzen, schwarzen Haaren ist kein

unbeschriebenes Blatt in der österreichischen

Öffentlichkeit. Er fiel 2016 durch

seine Twitter-Äußerungen („Geht’s alle

scheißen“) auf, die sich an Erdogans

Gegner richteten und die seinen Rücktritt

als UETD-Stellvertreter zu Folge hatten.

Die „Union Europäisch-Türkischer Demokraten“

gilt als politischer Arm der AKP in

Europa und organisierte unter anderem

den Besuch des türkischen Präsidenten

2014 in der Wiener Albert-Schulz-Halle

und die Demos 2016, auf denen der

gescheiterte Militärputsch bejubelt

wurde. Gördü scheint seit einigen Jahren

wie ausgewechselt, gibt sich mittlerweile

versöhnlich und selbstkritisch. „Die

Türken in Wien haben in den letzten

Jahren dazugelernt, die Politik aus dem

ehemaligen Heimatland nicht hierher

zu importieren. Was wir brauchen sind

Politiker, die mit Minderheiten sympathisieren

und hier den Menschen helfen“,

führt Gördü aus. Sein Interesse gelte

nicht der Türkei, er will das Leben in

Wien verändern und das geht noch

immer am besten mit den Mitteln der

Politik. „Ja, wenn es nach mir geht,

werden wir schon morgen eine breite

Migrantenliste gründen, die sich gegen

Fremdenfeindlichkeit und Sündenbockpolitik

einsetzt“, frohlockt Gördü. Dabei

ist er schon gründungserprobt, wenn

man in die Vergangenheit zurückblickt.

12 / POLITIKA /


Hakan Gördü will mit einer

Migrantenpartei durchstarten

/ POLITIKA / 13


ERSTER VERSUCH 2015

2015 ließ ein Simmeringer Arzt die

Öffentlichkeit aufhorchen. Drei Monate

vor den Wahlen verkündete Türgay Taskiran,

er werde mit einer eigenen Liste

„Gemeinsam für Wien“ (GFW) antreten.

Die von vielen Medien als „Türkenpartei“

titulierte Bewegung

feierte einen kleinen

Erfolg (7.608 Stimmen),

schrammte aber klar

an den 5% vorbei, die

für den Einzug in den

Wiener Landtag vonnöten

gewesen wären. Taskiran

erinnert sich: „Wir hatten

damals zu wenig Zeit,

ein schlagfertiges Team

aufzubauen. Hätten wir

längerfristiger geplant,

wäre auch ein Einzug in

den Landtag realistisch

gewesen“. Gördü, selbst

Mitglied im Team, verließ

nach interner Auseinandersetzung

die Liste. Eine

Reunion mit Taskiran kann

er sich nicht vorstellen,

„dafür sei dieser zu wenig

Politiker“, außerdem wolle

man eine breite Bevölkerungsschicht

erreichen.

Die damalige GFW-Liste

bestand zum größten Teil

aus AKP-nahen Türken.

Gördüs Liste, die noch

keinen Namen trägt, soll

hingegen eine breite

Bürgerrechtsbewegung

sein. Ob da auch Österreicher

erlaubt sind?

„Unser Plenum besteht

aus serbischen, tschetschenischen

Gruppen,

türkischen Bloggern,

österreichischen Aktivisten,

Pakistanis,

Afghanen“, so Gördü. Klingt bunt und

divers. Aber braucht es überhaupt eine

Migrantenliste in Österreich? Und würden

Migranten diese Liste überhaupt wählen

wollen? Ist das nicht ein weiterer Schritt

zur Abschottung?

UNTERWEGS IN

FAVORITEN

Schauplatz Viktor-Adler-Markt. Kaum ein

anderes Grätzl ist so politisch aufgeladen

wie der nach dem ehemaligen Sozialdemokraten

benannte Ort. Auf der einen

Seite eine starke, sichtbare türkische

Community, auf der anderen Seite der

frustrierte, österreichische Arbeiter, der

sein Favoriten nicht wiedererkennt. Kein

Der Koordinator für Integration

in der Bundes-SPÖ,

Ahmed Husagic, steht einer

Migrantenliste in der Politik

kritisch gegenüber.

Der Simmeringer Arzt Turgay

Taskiran scheiterte bei den

letzten Wien-Wahlen 2015 mit

seiner Migrantenliste „Gemeinsam

für Wien“

Der Obmann der Jungen ÖVP

in Wien-Fünfhaus, Muamer

Becirovic, kritisiert den

Umgang seiner eigenen Partei

mit Migranten.

Sieht die österreichische Politik

in der Pflicht: Politberater

Timur Rusen Akșak

Wunder, dass die FPÖ traditionell hier

ihre Fans versammelt, um sie auf die

bevorstehenden Wahlen einzustimmen.

Hamad Khaled, der einen Fleischstand

betreibt, hat Angst vor einer weiteren

Spaltung der Gesellschaft, die seiner

Meinung nach durch Auftritte von FPÖ-

Politikern vorangetrieben wird: „Sehen

Sie rüber, dort stehen dann zwei Reihen

von Polizisten, Hunde, um das Chaos zu

verhindern“, zeigt der Fleischer Richtung

Favoritner Straße, wo die Reden

abgehalten werden. Viele FPÖ-Wähler

seien aggressiv und würden viele seiner

Kunden einschüchtern, klagt Khaled. Ob

er eine reine Migrantenpartei wählen

würde? „Klar, sofort!“, verkündet Khaled,

während er sein Mittagessen

runterschlingt.

Ähnlich sieht das Mosaad

Mohamed. Der 56-Jährige

ist gebürtiger Ägypter

und betreibt ebenfalls

eine halal-Fleischerei am

Markt. Wenn das Programm

der Partei ihm

zusagt, würde er sie sofort

wählen. Ihm sei schließlich

egal, ob das SPÖ, FPÖ

oder eben eine Migrantenpartei

ist. Hauptsache,

seine Anliegen werden

vertreten.

SPÖ AM

BELIEBTESTEN

Bis jetzt waren vor allem

die SPÖ und die Grünen

die beliebtesten Parteien

unter Migranten, obwohl

diese Wählergruppen

traditionell wertekonservativ

eingestellt sind. Der

Soziologe Kenan Güngör

erklärt dieses Paradoxon:

„Der Großteil der Türkischstämmigen

in Österreich

stammt aus wertkonservativen

Verhältnissen,

wählte aber die Parteien,

die den Schutz von Minderheiten

im Fokus hatten“

– Rot und Grün eben.

Dies unterstreicht auch

das Ergebnis der letzten

Wien-Wahlen. Fast die

Hälfte der Menschen mit

Migrationshintergrund wählte die SPÖ,

Grüne kamen auf überproportional viele

Stimmen (16% - zum Vergleich: 11,8%

gesamt), dazwischen schoben sich die

Freiheitlichen mit 24%, laut der Wahlanalyse

von SORA/ISA im Auftrag des

ORF. Das ist mit vielen serbisch- oder

polnischstämmigen Stimmen zu begründen,

die traditionell islamkritisch sind.

Rechtsgerichtete Austrotürken wählten

14 / POLITIKA /



Als

Austrotürke

bist du zu

einem Zustand

der Paria

verdammt.


die FPÖ kaum, weil die Blauen zwar

ebenso nationalistisch geprägt sind, aber

gleichzeitig einen strikt anti-islamischen

und anti-türkischen Kurs fahren, weiß

Güngör: „Das heißt die Parteien, denen

Türkischstämmige ideologisch nahe

stehen, wollen einen nicht und konnten

somit nicht gewählt werden.“

FATALE VERWECHSLUNG

„Gmahde Wiesn“ für die SPÖ also? Die

Rechnung ist nicht so einfach, weiß

Timur Rusen Akșak, Journalist, wohnhaft

in Wien. Er ist ein Kenner der Szene und

attestiert den Roten eine stiefmütterliche

Behandlung ihrer türkischstämmigen

Wähler: „Als Austrotürke bist du zu

einem Zustand der Paria verdammt“,

beschreibt Aksak den Status quo seiner

Landsmänner im Alpenland als Anspielung

auf die rechtlose Kaste in Indien.

Die Regierungsparteien ÖVP/FPÖ kämen

sowieso nicht in Frage, weil sie von

muslimischen ÖsterreicherInnen als klar

islamophob wahrgenommen werden und

selbst liberale Türken damit vergrämen.

So geschehen im Mai, als der jetzige

Klubobmann der FPÖ, Johann Gudenus,

beim Maiaufmarsch der Wiener SPÖ

Kemalisten mit AKP-Anhängern verwechselte

und sie als radikale Islamisten

bezeichnete. „Die Grünen waren lange

Zeit die erste Adresse für Migranten. Das

hat sich insbesondere bei den Austro-

Türken verändert. Ein gutes Beispiel ist

der langjährige, grüne (Ex-)Mandatar

Peter Pilz, der sich nicht nur - für viele

Austro-Türken - einseitig auf das Thema

Islam und Türkei eingeschossen, sondern

auch den Stein mit den illegalen Doppelstaatsbürgerschaften

ins Rollen gebracht

Kopftuchverbote, Moscheen-

Schließungen und der

angebliche „Kulturkampf“

zwischen Abendland und Orient

in Wiener Klassenzimmern: Es

brodelt unter den Muslimen in

Österreich. Die frühere Furcht vor

der FPÖ („Daham statt Islam“)

ist einer großen Wut auf das

„Islambashing“

durch Politik und

Medien gewichen.

kravagna@dasbiber.at

KOMMENTAR VON SIMON KRAVAGNA

Eine reine

Türkenliste wird

nicht reichen

Kurz und

Strache tragen

zur „Islamisierung“

Österreichs

so viel bei

wie Erdogan,

sagen Kenner

der Szene

Kein Wunder, dass

ein neuer Anlauf

für eine Migrantenpartei

von jungen

Muslimen geplant

wird. Eine rein

türkische Liste

wird keinen Erfolg

haben. Das wissen

die Initiatoren. So

ein Projekt muss

breiter aufgestellt

sein. Eine bunte

Migrantenpartei –

inklusive ein paar

„echten“ Österreichern?

Oder doch

lieber gleich eine „Moslem“-

Partei?

Wie zu Beginn der meisten

sozialen Bewegungen sind es

erst einmal die „Studierten“ in

benachteiligten Gruppen, die

vom Polit-Aufstand träumen.

Für den Erfolg des Projekts

wird entscheidend sein, ob die

migrantischen oder muslimischen

Massen mit den politischen

Träumereien ihrer Eliten etwas

anfangen können.

Es wäre eine große Überraschung,

wenn eine Migrantenpartei

(mit muslimischer

Ausrichtung) bei der Wiener

Wahl 2020 den Einzug in den

Gemeinderat schafft. Wenn doch,

dann können sich deren Vertreter

bei ÖVP und FPÖ bedanken. Kenner

der Szene sagen bereits jetzt:

Kurz und Strache tragen durch

ihren Show-Kampf gegen den

„politischen

Islam“ zur

„Islamisierung“

Österreichs

derzeit

zumindest

so viel bei

wie der

türkische

Präsident

Erdogan.

Aber vielleicht

ist das

den Regierungsparteien

sogar

sehr recht.

Immerhin

kostet

jede Migrantenpartei – ob links,

konservativ oder islamisch - vor

allem die Wiener SPÖ Stimmen.

Denn bisher hat die Mehrzahl

der Muslime und Migranten bei

den Sozialdemokraten ihr Kreuz

gemacht. Vielleicht sollte sich die

Wiener SPÖ wieder mal stärker

daran erinnern, dass sie ihre

guten Ergebnisse auch ihren vielen

migrantischen WählerInnen

zu verdanken hatte. Bricht diese

Gruppe bei der kommenden

Wahl weg, dann wird es eng für

das Rote Wien. ●

/ POLITIKA / 15


hatte.“, so Akșak. Die Neos bekommen

noch die meiste Sympathie unter

türkischstämmigen Wählern, wie auch

Gördü bestätigt. „Christoph Wiederkehr

ist ein toller Typ, aber schau dir den Rest

der Partei an, ein weißer Fleck“, begründet

Gördü seine Skepsis gegenüber der

in Magentapink auftretenden Partei. Eine

Tatsache, die ihn noch stärker bekräftigt,

das verkrustete Politsystem neu aufzumischen.

Dabei will sich Gördü keinesfalls

auf die knapp 50.000 (lt. Statistik

Austria) wahlberechtigten Austrotürken

in Wien verlassen, sondern auf alle

Migranten, die Diskriminierungen und

Vorurteilen ausgesetzt sind und keine

„Na, die SPÖ“, sagt die Studentin achselzuckend.

Die beiden angehenden Lehrerinnen

haben eine ähnliche Meinung zur

möglichen Migrantenliste bei den nächsten

Wahlen. „Der schwarze Menschenrechtler

Malcolm X hat mal eine weiße

Frau abgelehnt und das später bereut,

deswegen würde ich mir eine Liste auch

mit autochthonen ÖsterreicherInnen

wünschen“, verteilt Leila gratis Tipps an

die Initiatoren der Migrantenpartei. Aisha

wünscht sich eine Partei mit Inhalten und

fürchtet zugleich eine Ghettobildung.

Trotzdem würde sie die „Liste wählen,

wenn das Programm mit ihrer Vorstellung

übereinstimmt“, verrät uns die

Halb-Amerikanerin, Halb-Burgenländerin.

Ähnlich bunt ist der Familienstammbaum

von John, 20, und Michael, 25. John,

ein griechisch-orthodoxer Araber aus der

Türkei und sein Schwager Michael, ein

Aramäer aus Syrien, sehen ebenfalls ein

politisches Vakuum, das gefüllt werden

muss. „Wenn morgen Wahlen wären,

würde ich eine ungültige Stimme abgeben“,

so Michael. John reiht sich in die

Kritik ein: „Ich verstehe Migranten, die

nicht wählen gehen. Heute wird dir dies

und das versprochen und morgen weiß

keiner mehr was davon“, klagt John,

der selbst Mitglied in der SJÖ war. Beide

wären nicht abgeneigt, eine migrantische

Michael traut der Politik nicht und

würde deswegen weiß wählen,

wäre morgen Wahl.

Zitiert Malcolm X:

Die angehende Volksschullehrerin

Leila

Wäre einer Migrantenliste nicht

abgeneigt - John, ehemaliges

Mitglied der Sozialistischen Jugend.

politische Identitätsfläche mehr finden.

Das sind dann immerhin rund 200.000

Menschen alleine in der Bundeshauptstadt,

wobei da nur die erste Generation

(selber im Ausland geboren) berücksichtigt

wurde und nicht die zweite und

dritte, die sich bekanntlich auch sehr

stark zu ihren Wurzeln zugehörig fühlt.

Reminder: Die Grünen holten mit knapp

100.000 Stimmen rund 12% bei den

letzten Wiener Wahlen.

WEISS WÄHLEN

So auch Leila. Die 21-Jährige ist halb

Ägypterin, halb Wienerin. Sie ist Lehramtsstudentin

an der Pädagogischen

Hochschule in Favoriten. Wir treffen sie

mit ihrer Kollegin Aisha im Diwan in der

Rotenhofgasse. Wen sie bei den letzten

Wahlen gewählt hat, wollen wir wissen:


Würde die

Liste wählen,

wenn das Programm

mit

meiner Vorstellung

übereinstimmt.


16 / POLITIKA /

Liste zu wählen, jedoch mit richtigem

Programm und österreichischen Mitgliedern.

Das betonen sie beide.

ERDOGAN WIE WILDERS

ODER SALVINI

Ahmed Husagić, Integrationsbeauftragter

der Bundes-SPÖ, rechnet einer

reinen Migrantenpartei kaum Chancen

aus. „Ich bin gegen Parteien, die sich

aufgrund von Ethnie oder Religion

zusammensetzen“, so Husagić. Die in

den Communities umstrittene neue Landesgeschäftsführerin

der Wiener SPÖ,

Barbara Novak, nimmt er in Schutz. „Frau

Novak hat sich für ein Kopftuchverbot im

Kindergarten ausgesprochen. Das halte

ich für wichtig, weil Kinder nicht ausgegrenzt

werden dürfen. Und was Erdogan

betrifft: Die SPÖ spricht sich genauso


MIGRANTEN ALLER LÄNDER,

VEREINIGT EUCH:

Ethnisch zusammengestellte Politikparteien sind rar aber nicht

ganz neu: In den 90er Jahren sorgt der geborene Istanbuler

Adnan Dincer mit einer eigenen Liste bei den AK-Wahlen für ein

Novum. „Neue Bewegung für die Zukunft“ erzielte einen Achtungserfolg

und konnte in die Vollversammlung der Vorarlberger

Arbeiterkammer einziehen. Bei den Nationalratswahl letztes Jahr

rutschte die Liste mit 0,1% bundesweit in die

Bedeutungslosigkeit. Einen Schritt weiter ist

die „Denk“-Partei aus den Niederlanden. Die

vorwiegend von türkischen Einwanderern

gegründete Partei besetzt sogar drei Sitze

(2,1% Stimmen) in der Zweiten Kammer des

niederländischen Parlaments. Einer der Gründer,

Tunahan Kuzu, kündigte im Juni an, 2024

auch in Deutschland mit einer Migrantenliste antreten zu wollen.

Die Liste „ALI“ (Alternative-Liste), die bei den Ìnnsbrucker

Gemeinderatswahl im April angetreten ist (2,38%), hat einen

türkischstämmigen Namen und Spitzenkandidaten. Der Ex-Grüne

Mesut Onay sieht die Liste als keine reine Migrantenpartei, sondern

als linkes Bündnis mit Fokus auf soziale Themen.

Gördü im Gespräch mit dem Autor dieser

Geschichte.

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15.11.2018

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Ich verstehe

Migranten, die

nicht wählen

gehen.


Ist über den steigenden Rassismus

in der Gesellschaft besorgt:

Hamad Khaled

Zuerst lesen, dann wählen ist das

Motto der 26jährigen Aisha.

gegen Orban in Ungarn, Salvini in Italien

oder Wilders in Holland aus“, spricht

der geborene Bosnier die zwei wesentlichen

Streitpunkte an, die vor allem

konservativen türkischstämmigen SPÖ-

Wählern ein Dorn im Auge sind. Muamer

Becirović, Obmann der Jungen ÖVP in

Wien Fünfhaus, selbst gläubiger Muslim,

versteht den wachsenden Unmut der vor

allem muslimischen Menschen in Wien.

„Mich sprechen unzählige Migranten an

und erzählen, sie fühlen sich von keiner

Partei vertreten. Sie würden für jedes

Problem verantwortlich gemacht werden

und die ÖVP befeuert das, leider. Das

wird sich auch in Zukunft nicht ändern,

was ein grober Fehler ist“, stimmt der

22-jährige Jungpolitiker ungewohnt forsche

Töne an. In Gegensatz zu Husagić

glaubt er auch an den Erfolg einer

Migrantenpartei: „Sie würden locker in

den Landtag einziehen, wahrscheinlich

sogar in den Nationalrat. Es ist ein verdammt

großes Vakuum entstanden, das

durch die Migrantenliste aufgefüllt werden

würde“, so Becirović. Er hoffe noch

immer, dass möglichst viele Migranten

sich in die Politik trauen.

Tatsächlich sind Menschen mit Migrationshintergrund

in Österreichs Politik

stark unterrepräsentiert. Im Nationalrat

haben gerade sieben von 183 Abgeordneten

einen migrantischen Background,

im Wiener Landtag sind es derer sechs.

Dazu zählen schon der englischstämmige

David Ellensohn (Grüne) und der tsche-

chischstämmige Peko Baxant (SPÖ).

Immerhin stellt die SPÖ mit Saya Ahmed

die Bezirksvorsteherin in Alsergrund.

Der von vielen Muslimen geschätzte

Ex-Kanzler Christian Kern zählt schon zur

Polit-Geschichte.

Zurück im Kent, Wien Favoriten. Gördüs

Arbeitshandy hat während unseres

Gesprächs die ganze Zeit den Tisch

vibrieren lassen. „Ich muss jetzt da dran,

habe ja noch einen normalen Job neben

meiner politischen Aktivität“, so Gördü.

Wie lange noch, das ist noch unklar. „Wir

haben viel dazugelernt, das möchten wir

nicht nur an die Migranten, sondern an

die gesamte Gesellschaft zurückgeben.“

Wenn das nicht schon nach Wahlkampf

klingt. ●

Shisha-Talk: Autor der Geschichte im Gespräch mit jungen Wienern in Favoriten.

Marko Mestrović

18 / POLITIKA /


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Frau Rendi-Wagner,

wie viele Menschen

haben Sie geimpft?

Wie viele Tage

haben Sie

überlegt, ob

Sie die SPÖ

übernehmen

wollen?

Wie viele

Stunden

brauchte Ihr

Mann, um seine

Zustimmung

zu geben?

Seit wie

vielen Monaten

sind Sie

SPÖ-Mitglied?

Interview in Zahlen:

In der Politik wird schon genug

geredet. Biber fragt in Worten, die

neue SPÖ-Chefin Pamela Rendi-

Wagner antwortet in Zahlen.

3

10

19

Von Simon Kravagna, Fotos: Marko Mestrović

Drei Tage hat Pamela Rendi-Wagner überlegt, ob sie

Parteichefin der SPÖ werden will

Zehn mal hat sich die neue SPÖ-Chefin bereits so

richtig über Kanzler Kurz geärgert.

Wie viel sollte

jemand mit

einem Fulltime-

Job brutto

mindestens

verdienen?

Auf einer Skala

von 0 bis

100: Wie viele

Meter links

von der Mitte

stehen Sie?

Wie viele Male

haben Sie sich

richtig über

Sebastian Kurz

geärgert?

Wie hoch

sollte der

Prozentanteil

von Frauen in

der Regierung

sein?

Wie hoch

sollte der

Prozentanteil

von Frauen in

Aufsichtsräten

sein?

1700

49

10

50

50

20 / POLITIKA /


Wie viele

Parteien haben

Sie in ihrem

Leben bisher

gewählt?

Wie oft haben

Sie als neue

Parteichefin

Sebastian

Kurz ein SMS

geschickt?

Wie viele

SMS hat

Sebastian Kurz

Ihnen retour

geschickt?

Wie viele

namhafte

Politiker gehen

Ihnen auf die

Nerven?

Wie viele Euro

verdienen Sie

brutto als SPÖ-

Klubobfrau?

1

1

0

5

15.108

Nach ihrer Kür zur Parteichefin hat sie ihm trotzdem ein nettes

SMS geschrieben …

… leider hat der Kanzler Null SMS zurück geschickt.

Hat er die Nachricht übersehen?

In welchem

Alter haben Sie

am meisten an

sich gezweifelt?

Wie viele

Jahre haben

Sie als Ärztin

gearbeitet?

Wie viele

Impfungen

haben Sie dabei

verabreicht?

In welchem

Bezirk in Wien

haben Sie

Ihre Kindheit

verbracht?

Wann haben

Sie zuletzt

getwittert?

15

8

10.000

10.

25.1.2017

/ POLITIKA / 21


„Ich war doch

noch ein Kind“

Mit 14 wird Ahsen gegen ihren Willen ihrem Großcousin versprochen.

17 Jahre lang ist sie mit einem Mann verheiratet, der sie schlägt und

vergewaltigt. Die Geschichte einer Frau, die zwangsverheiratet wurde.

Text: Melisa Erkurt, Foto: Christoph Liebentritt

Mama stimmt das wirklich?

Mama, ich bin doch noch

ein Kind, ich will zur Schule

gehen, bitte Mama, mach

es rückgängig.“ Ahsen erinnert sich noch

genau an die Worte, mit denen sie ihre

Mutter anflehte. An ihre Angst, ihr Zittern

in der Stimme. „Wenn du nicht ja sagst,

bist du nicht mehr meine Tochter“, sagt

ihre Mutter damals nur und besiegelt

damit Ahsens Schicksal. Ahsen ist zu

dem Zeitpunkt 14 Jahre alt, lebt in der

Türkei und muss gegen ihren Willen ihren

sechs Jahre älteren Großcousin in einer

Stadt in der Provinz Sivas heiraten.

Heute ist Ahsen 53 Jahre alt und

lebt in einem Gemeindebau in Wien. Sie

blickt zurück auf ein Leben voller Gewalt,

Zwang und Angst in ihrer Zwangsehe

mit Mehmet*. Ahsen hat Jahrzehnte

später endlich einen Weg gefunden, mit

ihrem Schicksal umzugehen. Ein Schritt

ist, öffentlich über das zu reden, was ihr

angetan wurde. „Weil das heute noch

immer so vielen Mädchen angetan wird“,

sagt sie. Nur eine Bedingung hat Ahsen:

„Nicht weinen“, sagt Ahsen, „nicht weinen

bei meiner Geschichte“.

Ende der 70er Jahre in einem Dorf in

Anatolien, Ahsens Großcousin Mehmet*

ist damals 20 und arbeitet in Österreich.

Im Heimtaturlaub in der Türkei sieht er

Ahsen, sie gefällt ihm, er sagt seiner

Familie, dass sie eine Verlobung mit ihr

in die Wege leiten soll. Das ist damals in

der ländlichen Türkei durchaus üblich so.

Ahsens Eltern werden daraufhin angesprochen,

sie stimmen zu. „Sie haben

geglaubt, dass sie mir damit ein besseres

Leben in Österreich ermöglichen“, sagt

Ahsen. Auch ihre Brüder und Schwestern

reden auf Ahsen ein. Ihr Bruder droht

ihr mit Gewalt, sollte sie sich weigern,

Mehmet zu heiraten. Schließlich gehe es

um die Familienehre, sie haben Mehmet

ihr Wort gegeben. „Meine Familie war

nicht strenggläubig, das Ganze hat nichts

mit dem Islam zu tun, sondern mit der

Familienehre“, sagt Ahsen. Deshalb

muss es auch ihr Großcousin sein und

auf keinen Fall jemand, der nicht zur

Familie gehört: „Es musste in der Familie

bleiben, einen Fremden hätten sie nie

akzeptiert“, erzählt Ahsen. „Das ist für

dich eine große Chance, du gehst nach

Österreich“, sagt ihr ihre Schwester.

Ahsen möchte glauben, was ihre Familie

ihr sagt.

„DU BIST IM HOCHZEITS-

KLEID GEGANGEN UND

KOMMST ERST IM SARG

WIEDER ZURÜCK“

Sie fängt an, sich ihr Leben schönzureden,

sich mit dem Gedanken an ein

Leben mit Mehmet zu arrangieren. Mit

16 muss sie Mehmet offiziell heiraten,

denn da können ihre Eltern für sie beim

Standesamt unterschreiben, da sie noch

nicht volljährig ist. Sie geht mit Mehmet

nach Österreich. Kurz davor besorgt sie

sich in der Türkei die Pille, sie will auf

keinen Fall schwanger werden, sie ist

ja selber noch ein Kind. Doch in Österreich

verbietet Mehmet ihr die Pille zu

nehmen. Zeitgleich fängt er an, sie zu

schlagen, bei jeder Kleinigkeit rastet er

aus. Mit 17 wird Ahsen mit ihrem ersten

Kind schwanger. Ahsen ist aufgeregt,

irgendwie freut sie sich aber auch auf

das Kind, dann hat sie endlich jemanden,

den sie liebt, dann ist sie endlich nicht

mehr alleine. Doch sie wünscht sich

eine gute Zukunft für sich und das Kind.

„Ich habe mir daraufhin zuhause mithilfe

eines Wörterbuchs Deutsch beigebracht,

ich wollte unabhängig sein“, erzählt

Ahsen. Sie fängt an als Hausbesorgerin

zu arbeiten, das Geld, das sie dafür

bekommt, nimmt Mehmet ihr sofort weg.

Sie wohnen damals in einer 28

Quadratmeter kleinen Wohnung in Wien.

Ahsen verbringt die meiste Zeit alleine

zuhause. „Er ist nach der Arbeit nach

Hause gekommen, hat geduscht und

ist dann ins Gasthaus. Und dann ist er

irgendwann in der Nacht gekommen und

hat mich vergewaltigt“, erzählt sie.

Mehmet holt seine Mutter und seinen

Bruder aus der Türkei in die kleine

Wohnung nach. Ahsen ist 18 und mit

dem zweiten Kind schwanger. Als sie

Bedenken darüber äußert, ob sie zu

sechst genug Platz haben werden,

schlägt Mehmet Ahsen. Er schlägt sie

auch vor seiner Mutter, die zusieht und

das toleriert. Er schlägt sie sogar, als

sie hochschwanger ist. Ahsen fleht ihre

22 / POLITIKA /


POLITIKA / 23


Eltern an, zurückkommen zu dürfen. „Du

bist im Hochzeitskleid gegangen und

kommst erst im Sarg wieder zurück“,

sagt ihr Vater. Das ganze Geld, das

Ahsen verdient, bekommt sie nie zu

Gesicht. Mehmet gibt ihr nichts, sie

muss sich ihre Kleidung umnähen, weil

sie kein Geld für Umstandsmode hat.

Weil Mehmet keine Waschmaschine

kaufen will, muss Ahsen die Kleidung der

ganzen Familie, auch die ihrer Schwiegermutter

und ihres Schwagers mit

der Hand waschen. „Eine Frau hat die

Hausarbeit zu machen, sie braucht keine

Waschmaschine“, sagt Mehmet.

„RETTE DEINE KINDER!“

Immer wieder unterbricht Ahsen ihre

Erzählungen, um sich eine Zigarette

anzuzünden. „Wieso bin ich damals nicht

ins Frauenhaus gegangen?“, sagt sie. Die

Nachbarn sehen Ahsen damals oft mit

blauen Flecken und blutenden Lippen,

keiner sagt etwas. Eines Tages drückt

ihr ihre Nachbarin ein Sparbuch in die

Hand: „Nimm dir eine neue Wohnung, so

kann es nicht weitergehen. Rette deine

Kinder.“ Ahsen hat mittlerweile fünf

Kinder, sie leben alle in der winzigen,

kalten Wohnung. Doch Ahsen schafft

es nicht, die Wohnung alleine mit ihren

Kindern zu beziehen, Mehmet kommt

mit. „Die Kinder haben ihn so geliebt“,

sagt sie. Nach außen hin ist Mehmet

ein sympathischer Mann, ein fröhlicher

Vater. Er kümmert sich zwar wenig um

die Kinder, weil er selten zuhause ist,

doch die Kinder lieben ihren Baba. Vor

ihnen versteckt Ahsen ihre Gefühle,

ihre Angst vor ihrem Mann. Sie schreit

nicht, wenn er sie nachts vergewaltigt,

sie bleibt stumm, wenn er sie schlägt:

„Ich wollte den Kindern nicht ihr Bild von

ihrem Vater zerstören“, sagt sie. Mehmet

schließt auf ihren Namen Verträge ab,

macht Schulden in Ahsens Namen. „Er

hat für alles Geld ausgegeben, nur bei

den Kindern und mir hat er gespart.“

Als er sich weigert, der Tochter Geld zu

geben, damit diese auf einen Schulausflug

mitfahren kann, reicht es Ahsen. Sie

wirft seine Kleidung aus dem Fenster.

Daraufhin taucht er tatsächlich eine

Zeit lang nicht auf. Irgendwann klopft er

wieder an der Tür, die Kinder lassen ihn

rein, sie dachten, die Eltern hätten einen

harmlosen Streit gehabt. „Mama, verzeih

ihm – für mich“, , fleht ihre jüngste

Tochter sie an. „Meine Kinder sind meine

Goldstücke, mein Ein und Alles. Irgendwie

habe ich Mehmet geliebt, ohne ihn

hätte ich diese Kinder nicht“, sagt Ahsen.

Also gibt sie nach.

Doch dann schlägt er erstmals ihren

Sohn. Da reicht Ahsen die Scheidung

ein, sie muss den Kindern ihr Bild von

ihrem Vater nicht zerstören, er hat es

selbst getan – das erkennt sie jetzt. Im

Jahr 2000 ist sie endlich offiziell geschieden.

Doch sie weiß, dass Mehmet sie

nicht einfach so in Ruhe lassen wird. Sie

kann nachts deshalb nicht schlafen, hat

Herzrasen. Sie geht zum Arzt, sagt, dass

es ihr nicht gutgeht: „Mein Gehirn ist

krank, schicken sie mich auf die Baumgartner

Höhe!“ (Anm. d. Red.: sozialmedizinisches

Zentrum in Wien), schreit sie.

Dann wird alles schwarz. Ahsen erinnert

sich nur noch, wie sie aufwacht und

nicht weiß, wo sie ist. „Sie haben zwei

Wochen geschlafen“, sagt ihr der Mann,

der sich im Raum befindet. Er ist Arzt.

Ahsen befindet sich auf der Intensivstation

der Baumgartner Höhe. „Sie hatten

einen Nervenzusammenbruch“, erklärt

der Arzt.

„VERZEIH MIR!“

Da beginnt Ahsen zu verstehen. Das

Herzrasen, die Schlafstörungen – ihre

Psyche konnte schon lange nicht mehr,

jetzt ist auch der Körper an seine Grenzen

gestoßen. „Wenn Sie wieder zu

ihrem Mann zurückgehen, werden Sie

nie gesund“, sagt ihr der Doktor. „Das

können Sie Ihren Kindern nicht antun.“

Ihre Kinder, ihre Goldstücke. Ahsen sucht

das Gespräch mit Mehmet, sagt ihm,

dass er sie in Ruhe lassen muss. Er weint

und steht ein paar Tage später trotzdem

vor ihrer Tür. Ahsen denkt an ihre Kinder,

an die Worte ihres Arztes, dann ruft

sie die Polizei, das hätte sie schon vor

Jahren machen sollen. Laut polizeilichem

Beschluss darf Mehmet sich ihr ab jetzt

nicht weiter als 200 Meter nähern.

Mehmet begreift, wie ernst es seiner Ex-

Frau ist, er taucht unter, niemand weiß,

wo er ist. Gleichzeitig heißt das aber

auch, dass er keine Alimente zahlt. Doch

Ahsen ist das egal, Hauptsache sie und

ihre Kinder haben endlich ihre Ruhe –

nach 17 Jahren Zwangsehe.

Ahsen sagt heute, sie habe mit ihrer

Vergangenheit abgeschlossen, Frieden

gefunden. Sogar ihren Eltern, die sie

mit 14 zwangsverheiratet haben, hat sie

verziehen: „Meine Mutter ist 1997 an

Krebs erkrankt.“ Am Sterbebett richtet

sie ihre letzten Worte an Ahsen: „Verzeih

mir bitte“, fleht sie Ahsen an. „Verzeih

mir.“ Und Ahsen verzeiht ihr. „Ich muss

verzeihen, für mich, sonst könnte ich

nicht weiterleben.“ Zu ihrer restlichen

Familie hat sie trotzdem keinen Kontakt

mehr. Ihre Kraft schöpft sie aus der Religion:

„Früher habe ich gedacht, dass das

mein Schicksal ist, dass ich mit diesem

Mann zusammenbleiben muss. Heute

weiß ich: Allah hat mich erschaffen, nicht

er.“ Ahsen und ihre Kinder waren auch

in psychologischer Betreuung. Ihr ist es

wichtig, dass ihre vier Töchter - ihr Sohn

ist bei einem Unfall ums Leben gekommen

- studieren. Stolz zeigt sie das

Uni-Diplom ihrer ältesten Tochter. „Ich

habe ihnen beigebracht, nein zu sagen,

dass sie sich jederzeit von ihrem Partner

scheiden lassen können, dass das keine

Schande ist und dass Bildung das Wichtigste

ist, das macht unabhängig“, sagt

Ahsen. „Bei der Sponsionsfeier hat meine

Tochter gesagt ‚Das ist für Mama‘“,

erzählt Ahsen stolz. Sie hätte damals

auch gerne die Schule abgeschlossen,

vielleicht sogar wie ihre Töchter studiert.

„Ich war doch noch ein Kind“, sagt

Ahsen und dann weint sie doch. ●

HILFSANGEBOTE BEI

ZWANGS- UND FRÜHHEIRAT

IN ÖSTERREICH:

Orient Express

Beratungs-,Bildungs- und Kulturinitiative

für Frauen

Frauenservicestelle

Tel.: +43 1 72 89 725

Wiener Interventionsstelle

gegen Gewalt in der Familie

Tel.: +43 1 58 53 288

24-Stunden-Frauennotruf

Notrufstelle für Mädchen und

Frauen, die Betroffene von Gewalt

wurden

Tel.: +43 1 71 71 9

Frauenhaus Notruf

Tel.: 05 77 22

24 / POLITIKA /


ereitgestellt

ZWANGSHEIRAT WIRD DURCH

DIE FLÜCHTLINGSWELLE AN

RELEVANZ GEWINNEN

Dr. Monika Potkanski-Palka

untersucht in ihrer Studie „…da

war keine Liebe – Zwangsheirat

und geschlechtsbezogene

Gewalt in Österreich“ Zwangsheirat

in Österreich. Gründe

für Zwangheirat sind laut ihrer

Studienergebnisse u.a. die Aufrechterhaltung

der Familienehre

sowie die Jungfräulichkeit der

weiblichen Familienmitglieder. Die qualitative Studie basiert

auf Interviews mit Expertinnen österreichischer Frauenhäuser

und Schutzeinrichtungen sowie auf Gesprächen mit betroffenen

und bedrohten Frauen.

Aus den Gesprächen mit den Frauen geht hervor, dass die

Eheanbahnung sehr rasch erfolgt. Die Eheschließung wird

im Ausland vollzogen, in den meisten Fällen immigriert der

Ehepartner später nach Österreich. Widersetzt sich ein Mädchen

der Entscheidung zu heiraten, erfährt sie physische und

psychische Gewalt. Österreichische Institutionen fungieren

als wichtige Andockpunkte, wo die Mädchen und Frauen

Hilfe und Informationen erhalten.

Zwangsheirat ist eine Form geschlechtsbezogener Gewalt,

die in kulturellen Kontexten vorkommt, in denen patriarchalische

Sitten und Gebräuche eine starke Verwurzelung finden

und in denen Mädchen und Frauen diskriminiert, unterdrückt

und benachteiligt werden. Eine unter Zwang herbeigeführte

Heirat lässt sich nicht auf religiöse Praktiken zurückführen,

sondern findet ihre Legitimation in tradierten Bräuchen

und Lebensweisen. In Österreich ist Zwangsheirat seit dem

1.1.2016 als eigener Tatbestand festgelegt. Statistiken,

die Einblick darüber geben, wie viele Frauen in Österreich

von Zwangsheirat betroffen sind, gibt es allerdings nicht.

Zwangsheirat wird jedoch in den kommenden Jahren an

Relevanz gewinnen, was u.a. mit den verstärkten Flüchtlingswellen

der vergangenen Jahre aus vorwiegend Syrien und

anderen arabischsprachigen Ländern erklärt werden kann.

Einer der Gründe, nach Österreich zu fliehen, sei die Möglichkeit

der Scheidung vom Ehemann. Frauenrechte und die

Chance, ein freies und selbstbestimmtes Leben in Österreich

führen zu können, unterstützen die Entscheidung zur Flucht.

Die Studie über Zwangsheirat ist aktuell diesen September erschienen.

Dr. Monika Potkanski-Palka ist selbstständige Soziologin. Ihre wissenschaftlichen

Schwerpunkte liegen im Bereich der Familien- und Jugendforschung,

intergenerative Beziehungen, Migration sowie Gender. Mit der

Thematik der Zwangsheirat befasst sie sich seit 2012, hierzu forschte sie

nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch in Indien. Neben

ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit engagiert sie sich für Frauen- und

Menschenrechte.

Kontakt: monika.potkanski@gmail.com

wgkk.at

www.wgkk.at

Die WGKK in den sozialen Medien – wir informieren vielseitig!

Die WGKK ist auf Facebook!

Wir wollen informieren, Service

bieten und spannende Geschichten

aus der Wiener Gebietskrankenkasse

(WGKK) erzählen und freuen uns auf

Ihr „Gefällt mir“!

Wenn Sie Fragen oder Anregungen

haben, schicken Sie uns gerne eine

Nachricht!

https://www.facebook.com/wgkk.at


Jide Macaulay ist offen schwul, Pastor und aus Nigeria.

Ishmael Sbulele Bahati lebt in Kenia, ist Imam und

ebenfalls homosexuell. Beide finden, dass ihre

Sexualität und Religion problemlos vereinbar sind

und auch Wien liberale Gotteshäuser braucht.

Von: Emir Dizdarević, Fotos: Christoph Liebentritt, Mitarbeit: Aleksandra Tulej

„GOTT

VEREHRT

UNS“

BIBER: Wann habt ihr gemerkt, dass ihr schwul seid?

JIDE MACAULAY: Bei mir war es, als ich zwischen sechs

und dreizehn Jahre alt war. Ich war immer eifersüchtig,

wenn ein Junge eine Freundin hatte. Ich wollte dann immer

das Mädchen sein. In meiner Kultur in Nigeria haben wir

kein Wort für schwul, also war es für mich schwierig, meine

Gefühle einzuordnen. Aber es wussten eigentlich immer alle

um mich herum. Ich kann mich erinnern, als ich neun Jahre

alt war und mich meine Großmutter angegriffen hat, ihre

Faust ballte, mir auf die Brust schlug und sagte: „Steh wie

ein Junge“.

ISHMAEL SBULELE BAHATI: Ich weiß es schon mein ganzes

Leben lang.

Wissen deine Eltern, dass du schwul bist, Ishmael?

ISHMAEL SBULELE BAHATI: Ich wurde von anderen geoutet,

aber habe die Chance gleich genützt. Als sie es erfuhren,

wurde ein Familienrat einberufen, wo sie dann über mich

sprachen. Wir haben in meiner Kultur in Kenia auch kein

Wort für schwul und so hieß es nach dem Treffen, ich hätte

mich in eine Frau verwandelt. Ich habe gesagt, dass das so

nicht stimmt und ich Männer statt Frauen liebe. Heute lebe

ich offen schwul, alle wissen es und ich gebe auch Interviews

im Fernsehen, wo ich darüber rede.

Gab es Widerstände durch deine Familie?

ISHMAEL SBULELE BAHATI: Als ich 19 Jahre alt war, sind

zwei meiner Cousins mit drei Mädchen zu mir heim in mein

Zimmer gekommen. Sie haben mich unter Druck gesetzt mit

einem der Mädchen zu schlafen. Und ich habe es gemacht.

Ich hatte davor noch nie mit jemandem Sex. Aber ich wollte

einfach dazugehören und meine Cousins zufriedenstellen.

Leider wurde das Mädchen dann schwanger von mir und

bekam Zwillinge, ein Mädchen und einen Jungen. Ich habe

sie mit den Jahren kennengelernt. Sie haben auch Zeit mit

mir und meinem Freund verbracht. Ich wollte, dass meine

Kinder das von mir erfahren und nicht durch wen anderen.

Wie war das bei dir und deiner Familie, Jide?

JIDE MACAULAY: Ich bin sehr religiös aufgewachsen,

meine Eltern haben sich aber getrennt, als ich 14 Jahre alt

war. Mein Vater ist der Direktor der zweitgrößten theologischen

Universität in Nigeria, der „United by University“. Er

ist extrem konservativ. Von meiner Homosexualität haben

meine Eltern erst erfahren, als ich bereits in London gelebt

habe. Meine Mutter hat es positiv aufgenommen, mein Vater

negativ.

Wie hast du in London mit deiner Homosexualität gelebt?

JIDE MACAULAY: Als ich mit 18 nach London gezogen bin,

habe ich versucht, mein nigerianisches Leben fortzuführen.

Ich habe mit mir gekämpft, ich wollte nicht schwul sein. Ich

habe 40 Tage gefastet und gebetet und zu Gott gesagt:

„Gib mir eine Freundin“. Und nach den 40 Tagen bin ich

26 / RAMBAZAMBA /


Jide Macaulay (links), Pastor

aus Nigeria, Ishmael Sbulele

Bahati (rechts), Imam aus

Kenia, sind beide offen

homosexuell.

/ RAMBAZAMBA / 27


Jide Macaulay: „Ich sehe Gott anders und ich will, dass LGBT-Menschen

Gott als etwas Schönes sehen, das uns in seiner Mitte aufnimmt.“

einem Mädchen in der Kirche begegnet und habe sie einfach

gefragt, ob sie meine Freundin sein möchte. Und sie hat „Ja“

gesagt. Vier Jahre später haben wir geheiratet und einen

Sohn zusammen bekommen. Die Ehe hat wegen meiner

Sexualität aber nicht funktioniert.

Wie hat die Kirchengemeinschaft eure Scheidung aufgenommen?

JIDE MACAULAY: Als ich mich geoutet habe, bin ich von

meiner Gemeinschaft geächtet worden. Ich bin dann zwei

Jahre nicht mehr in die Kirche

gegangen und habe mir in der

Zwischenzeit einen LGBT-Freundeskreis*

aufgebaut. 1996 bin

ich wieder in eine andere Kirche

gegangen. Ich habe den Menschen

in der Kirche nicht erzählt, dass

ich schwul bin, aber auch meinen

schwulen Freunden nichts davon

gesagt, dass ich in die Kirche

gehe. Ich habe mich zwischen zwei

Welten bewegt und war in beiden

unglücklich.

Wie lange ging das gut?

JIDE MACAULAY: Nach vier Jahren

haben die Kirchenbesucher


Ich kann mich erinnern,

als ich neun Jahre alt

war und mich meine

Großmutter angegriffen

hat, ihre Faust ballte,

mir auf die Brust schlug

und sagte: „Steh wie ein

Junge“.


28 / RAMBAZAMBA /

herausgefunden, dass ich schwul bin. Sie haben versucht,

mich zu exorzieren. Das war schmerzhaft. Sie haben mich

kontrolliert, missbraucht, geschlagen. Ich habe mitgemacht,

weil ich gehofft habe, dass ich im Unrecht bin und sie es

besser wissen. Das habe ich sechs Wochen lang mitgemacht,

schließlich hatte ich genug Mut gesammelt und habe

die Kirche verlassen.

Wie war das bei dir und deiner muslimischen Glaubensgemeinschaft,

Ishmael?

ISHMAEL SBULELE BAHATI: Ich

habe mich nicht unwohl mit meiner

Sexualität gefühlt, sondern mehr

mit der Tatsache, dass ich eine

Schande für meine Familie bin. Ich

habe dreimal versucht mich umzubringen,

aber jedes Mal überlebt.

Ich habe mich dann zurückgezogen

und alles gelesen, was ich in die

Hände bekommen habe. Die Bibel,

den Koran, und so weiter.

Wie bist du dann zur Religion

gekommen?

ISHMAEL SBULELE BAHATI: Das

war dann erst 2012. Ich habe

einen Imam kennengelernt, der


#LOYAL

#PERSÖNLICH

#KREATIV

#DIVERSITÄT

#WIRSINDANDERS

Wir könnten Euch jetzt erzählen, was für eine große, tolle Anwaltskanzlei

wir sind und wie oft wir bereits ausgezeichnet wurden – doch damit

wollen wir Euch nicht langweilen.

Wir sind anders. Wir leben Diversität nach innen und nach außen.

Und bei uns haben nicht nur Männer die Hosen an.

Hanita Veljan

Rechtsanwältin und

gebürtige Bosnierin

Ihr habt Fragen an uns?

Kontaktiert uns auf

www.phh.at / veljan@phh.at


tiefreligiös aber auch offen schwul war. Er hatte sogar Kinder.

Ich habe mich einfach in ihm gesehen. In einem Seminar

habe ich dann vom Konzept der „Versöhnung“ gehört, nach

dem du Religion und Sexualität vereinen kannst. Das war

2014 und ein absoluter Wendepunkt für mich. Ich habe dann

bei einem Programm mitgemacht, das drei Monate gedauert

hat. Du musst da wirklich hart an dir arbeiten, an deinem

Glauben arbeiten und den Glauben auch praktizieren. Das

war der Punkt, wo ich das Gefühl hatte, mich selbst gefunden

zu haben.

Wie reagierte das religiöse Umfeld darauf?

ISHMAEL SBULELE BAHATI: 2014

hatte ich angefangen über Religion

und Sexualität zu reden und das

wurde dann gefährlich. Die religiösen

Führer meinten, ich sei ein

„Rebell“. Ein Rebell, in dem Sinne,

dass ich nach meiner Ausbildung

verstand, wie sie denken und das

jetzt gegen sie verwenden konnte.

Wann bist du wieder zum christlichen

Glauben zurück, Jide?

JIDE MACAULAY: Ich hatte Gäste

aus Südafrika bei mir zu Besuch

in London und sie haben mich

immer wieder in eine Kirche eingeladen,

von der sie meinten, sie

sei anders, inklusiver als andere

Kirchen. Das war die Metropolitan

Community Church, die 1986 von

einem schwulen Mann im Jahr

1968 gegründet wurde. Ich habe

dort zwei Jahre lang meine Ausbildung zum Pastor gemacht

und bin dann 2005 nach Nigeria, um die erste Kirche für

LGBT zu gründen – House of Rainbow.

Aber sind Religion und Homosexualität nun miteinander

vereinbar?

JIDE MACAULAY: Ich glaube fest daran, dass Schwulsein

bedeutet, dass Gott uns verehrt. Es ist mir egal, wenn

andere sagen „Gott wird dich bestrafen, Gott wird dich

zurücklassen.“ Ich sehe keinen Gott, der das seiner eigenen

Schöpfung antut. Ich sehe Gott anders und ich will, dass

LGBT Gott als etwas Schönes sehen, das uns in seiner Mitte

aufnimmt. Die Kirche hat uns angelogen, uns unserer Freiheit


Sie haben versucht,

mich zu exorzieren. Das

war schmerzhaft. Sie

haben mich kontrolliert,

missbraucht, geschlagen

und sie waren einfach

bösartig. Ich habe

mitgemacht, weil ich

gehofft habe, dass ich

im Unrecht bin und sie

es besser wissen.


beraubt, uns erniedrigt. Aber Gott macht keine Fehler. Wir

müssen einfach lernen, mit der Vielfalt seiner Schöpfung

umzugehen.

Wie siehst du das, Ishmael?

ISHMAEL SBULELE BAHATI: Mir haben die Geschichten des

Propheten Mohamed geholfen. Da gibt es zum Beispiel die

Geschichte der Mukhannath. Das waren Männer, die in den

Frauenvierteln erlaubt waren, weil sie keine Begierde nach

Frauen hatten und damit keine Gefahr darstellten. Es gibt

auch andere Geschichten, in der eine wütende Masse eine

transsexuelle Frau zum Propheten bringt, die er bestrafen

soll. Er aber sagt, dass er niemanden

bestrafen kann, der zu

Allah betet. Es gibt viele Geschichten,

in denen LGBT auftauchen –

selbst unter besten Freunden des

Propheten.

Glaubt ihr, dass liberale Gotteshäuser

auch in Wien notwendig sind?

JIDE MACAULAY: Ich glaube, dazu

bräuchte es progressive Kräfte, die

hungrig nach Veränderung sind.

Jene LGBT, die Pastoren werden

wollen, müssen sich dafür einsetzen.

Sie müssen das Denken

innerhalb der Religion verändern.

Solche Veränderungen gehen

langsam. Man muss sich mal

vorstellen, dass Christen Hunderte

von Jahren gebraucht haben,

um schwarze Menschen nicht als

Sklaven zu sehen.

ISHMAEL SBULELE BAHATI: Es gibt dazu eine Stelle im

Koran, die ich besonders mag. Am letzten Tag werden

Allahs Engel den Menschen Folgendes fragen: „Wie war die

Welt für dich?“ Und die Menschen werden sagen, dass sie

unterdrückt wurden und deshalb nicht beten konnten. Und

dann wird der Prophet Mohamed sagen: „Ist die Welt, die

Allah geschaffen hat, nicht groß genug, damit du dich in ihr

bewegen kannst?“ Ich interpretiere das so, dass wenn du

keinen Platz in der Mainstream-Religion hast, du nach einem

anderen Ort und neuen Leuten suchen musst. Ich glaube

übrigens auch, dass wir die religiösen Führer zu diesen,

unseren Orten einladen sollten, damit sie verstehen, dass wir

keine Dämonen sind. ●

JIDE MACAULAY:

52, Beruf: Pastor, Gründer von

House of Rainbow, Besonderes:

liebt Reisen und hat schon 39

Länder besucht.

Jide Macaulay und Ishmael Sbulele Bahati wurden von

Afro Rainbow Austria (ARA) im Rahmen der Wienwoche

eingeladen. ARA ist Wiens erste NGO von und für

Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans und Intersexuelle

Menschen aus afrikanischen Ländern, die in Österreich

leben. Mehr Infos zu ARA findet ihr hier:

https://afrorainbow.at/

ISHMAEL SBULELE BAHATI:

42, Beruf: Imam, Kenia,

Besonderes: Lieblingshobby:

Browsen im Internet.

30 / RAMBAZAMBA /


*Beim Kauf eines Kuchens (ausgenommen Cookies und Croissants) in Kombination mit einem Heißgetränk regular oder grande erhältst du eine der oben abgebildeten Tassen gratis. Diese Promotion ist eine Aktion der McDonald’s Werbeges.m.b.H.

Die Tassen werden hierfür von der McDonald’s Werbeges.m.b.H. zur Verfügung gestellt. Solange der Vorrat reicht. In allen teilnehmenden Restaurants mit McCafé. © 2018 McDonald’s.

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UNSER

1.

KIND

Das Leben der biber-Vizechefs

Delna Antia und Amar

Rajkovic, sowie der Chefkolumnistin

Ivana Cucujkic

hat sich seit der Geburt des

ersten Kindes schlagartig

verändert. Drei Geschichten

über ergonomische Schnuller,

Busenobsessionen und Babyphone

als Militärinstrument.

Fotos: Marko Mestrović

32 / RAMBAZAMBA /


Die Ehrfurcht,

mein Busen und ich

Delna Antia-Tatić

Mein Sohn ist 10 Monate alt, er

trägt Schuhgröße 22, besitzt

7 Zähne und gerade besucht

er mit seinem Vater einen „Pikler“-Krabbelkurs.

Mein Sohn ist mein erstes Kind

und ich könnte jede Seite dieses Bibers

mit ihm füllen. Denn es gibt nichts Spannenderes

auf der Welt als ihn. Bloß weiß

ich nicht, ob euch das alles interessiert?

Etwa ob er heute Früh schon gekackt hat

und wie viel, ob er gut gegessen hat und

wie viel und ob ihm eh nicht kalt ist. Oder

zu heiß? Ich könnte euch auch erzählen,

dass er der größte Busenfreund ist

und wir ihn Nuckelkönig nannten, dass

er rasend wütend wird, wenn er etwas

nicht will, aber muss (wie wickeln), und

dass er am allerliebsten an Kinderwagenreifen

lutscht. Zum Geburtstag wünscht

er sich seine eigene Waschmaschine

und in meiner Nase zu bohren beruhigt

ihn. Mein Sohn hat mein Leben (und die

Wohnung) auf den Kopf gestellt und ich

liebe ihn einmal zum Himmel und zurück

bis in die Unendlichkeit. Denn er ist der

süßeste Sohn der Welt.

So, das zu ihm. Nun zu mir. Denn

davon möchte ich erzählen, vom Mamasein.

Es ist nämlich gar nicht so süß wie

gedacht. Wusstet ihr, dass Babys nicht

naturgemäß niedlich im Stubenwagen

schlafen, während Mama rundherum

alles schupft? Ich war überrascht – vor

allem darüber, wie wenig ich schupfe.

(Grenzenlos naiv hatte ich ja geplant,

während meiner Karenz den Doktor zu

machen. LOLLL!) Nun, dafür lerne ich

anderes:

Aufgabe, die es gibt. Was dazu führt,

dass ich in ständiger (Für-)Sorge bin

und tendenziell angespannt. Selbst in

Momenten scheinbarer Pause, etwa

nachts, schrecke ich hoch und kontrolliere:

Zugedeckt, warmer Nacken bzw. eh

kein Fieber – und liegt er überhaupt noch

im Bett? Tagsüber muss ich aufpassen,

dass er nicht stürzt, Finger einklemmt,

in Kabel beißt oder an Heizungsrohren

nuckelt. Zwischendurch natürlich füttern,

hoppern, wickeln und es ist wohl kein

Wunder, dass ich auf die Frage „Wie geht

„Das Mama-Sein ist

gar nicht so süß wie

gedacht“, wundert

sich Delna.

es Dir?“ oft keine Antwort weiß. „Mir?

Ich? Wer soll das bitteschön sein?“

DIE DANKBARKEIT

Mein „Ich“ ist bescheiden geworden.

Als ich etwa das erste Mal wieder auf

dem Bauch einschlief, empfand ich ein

geradezu berauschendes Glücksgefühl.

Nicht nur die Schwangerschaft hatte

mich daran gehindert, auch mein Baby.

Es schlief nämlich selbst am liebsten

auf meinem Bauch, bzw. die ersten acht

Wochen ausschließlich dort. Ähnlich

empfand ich damals tiefe Dankbarkeit,

wenn ich mit geschlossener Tür aufs Klo

gehen konnte oder „ganz normal“ am

Tisch aß und nicht in meiner Sofastillecke

(ich nannte sie Babyknast) gefüttert

werden musste. Überhaupt, essen,

trinken, duschen, all das wird zum

DIE EHRFURCHT

„Das ist unser Sohn, kannst du es

glauben?“. Mein Mann sagt oft diese

Worte, meistens wenn Darian schläft.

Dann schauen wir uns an und kichern

selig berührt vor lauter Ehrfurcht über

unser Wunder des Lebens. Verantwortlich

zu sein, dass ein anderer Mensch

lebt, gut und glücklich, ist die größte

/ RAMBAZAMBA / 33


Wenn Darian sich nicht

mehr einkriegt, dann

spielt die Mami mit den

Halteschlaufen in der Bim,

um ihn zu unterhalten.

Luxusmoment, Haare waschen gleicht

einem Wellnessprogramm. Selbst heute,

Monate später und total erwachsen, ist

jede U-Bahnfahrt, die ich alleine unternehme,

ein Kurzurlaub. Einfach zu sitzen

und ins Handy zu starren, ohne ständig

in Habachtstellung zu sein: Ist er müde,

ist ihm fad, weint er bitte nicht, weil ein

Mann ihn anlächelt...

DIE WURSCHTIGKEIT

Andererseits, soll er doch! Babys weinen

nun mal, sie schreien und brüllen. Mir

wird dann zwar heiß, aber ich habe

einen eingespielten Aktionsmodus:

Ich singe laut das Benjamin Blümchen

Lied, ich spiele enthusiastisch mit den

Halteschlaufen der Wiener Linien (aus

Kinderwagenperspektive wackeln sie

wie tolle Mobiles), ich bugsiere das sich

aufbäumende Kind in die Bauchtrage und

schnaufe wie eine Lokomotive gleichmäßig

wippend „Sch, sch, sch“. Und zur

Not, wenn gar nichts mehr geht, dann

pack ich aus: Brüste raus, kein Problem.

Egal ob in der U-Bahn, beim Chef oder

sonst wo, ich stille überall und in jeder

Lebenssituation. Ob stehend, gehend

oder im Auto: Ich kann jede einzelne ins

Maxi-Cosi halten und andocken. Was

die anderen sagen oder denken: Is mir

wuarscht.

DER BUSEN

Womit wir beim Wichtigsten wären. Dem

Busen. Ich hätte nie gedacht, dass meine

Zwei jemals so eine prominenente Rolle

spielen würden. Mein Busen ist Segen

und Fluch zugleich. Einerseits bietet er

griffbereit Essen, Trinken, Schnuller und

Beruhigungsmittel in einem, andererseits

wird ein Leben ohne ihn (d.h. ohne

Mama) unmöglich. Vor allem nachts.

Seit 10 Monaten wünsche ich mir nichts

mehr als eine Nacht – eine einzige Nacht

Schlaf. Daher und wegen ausartender

körperlicher Defizite will ich abstillen.

Wenn dann Alarm geschlagen wird, kann

endlich auch jemand ohne Busen – wie

der Vater – die Schicht übernehmen. Bis

dahin bin ich dankbar über drei Stunden,

die ich am Stück schlafe. Aber es ist ja

nicht nur der Schlafmangel:

DAS FUNKTIONIEREN

Ich knie auf dem Sofa. Zwischen den

Zähnen klemmt mein T-Shirt. Mit einer

Hand stütze ich mich auf, mit der

anderen massiere ich meine rechte

Brust. Unter mir schreit mein Sohn. Ich

probiere sein Kinn in Richtung des roten

Flecks auf meiner Brust zu positionieren.

Dazu muss ich logisch denken: Wenn

der Fleck innen unten ist, dann muss es

wie herum liegen? Ich hantiere mit dem

schreienden Baby herum. Ich lege es

vertikal, dann horizontal, dann knie ich

mich in die andere Richtung horizontal.

Draußen schneeregnet es. Mein Mann

ist auf Dienstreise. Ich habe Durst, ich

habe Hunger und ich habe Milchstau.

Irgendwann klappt es. Mein Sohn trinkt,

ich massiere den Knoten. Die Milch

fließt und eine Träne tropft. Körperlich

schwach zu sein, fühlt sich mit Baby

schlimmer an als je zuvor. Denn ich muss

doch stark sein, stark wie nie zuvor.

DIE OMA

Nicht nur in solchen Momenten vermisse

ich meine Eltern, ja meine Familie in

Deutschland. Ich wünschte, sie würden

um die Ecke wohnen, wenigstens in

der gleichen Stadt, ich wünschte, ich

könnte anrufen und fragen: Mama, Papa,

könnt ihr kommen? Ich brauche gerade

Beistand oder Milchreis, oder ich muss

zum Frauenarzt. Zwar habe ich eine liebe

Schwiegermutter, die extra aus Wöl-

34 / RAMBAZAMBA /


lersdorf anreist, wenn mein Mann eine

Woche weg ist, aber logischerweise ist

das nicht das Gleiche. Daher lautet meine

oberste Babybekommlektion: Habe

eine Oma in Petto, am besten sogar zwei.

Eine, die dir das Baby abnimmt, damit du

Fußnägel schneiden oder schlummern

kannst, die andere um dir warme Pasta

zu kochen. So haben wir Urlaub gemacht

und es war herrlich. Mein Mann und ich

waren nämlich GEMEINSAM im Wasser

und ich habe ein komplettes Buch gelesen.

Apropos Mann: Über den bin ich am

allerdankbarsten. Sobald er kann, bindet

er sich das Baby um den Bauch, spaziert

los und schenkt mir Pausen.

DIE SEHNSUCHT

Die Ironie ist allerdings: Sobald ich

„endlich“ ohne Baby bin und entspannen

könnte (oder aufräumen), werde ich

unruhig. Dann schaue ich mir Fotos und

Videos von ihm an. Dieses Mamasein

mag unfassbar anstrengend sein, aber

wenn mein Sohn lacht, ist alles vergessen

– sein Glucksen ist das Öl für meine

Muttermaschine. Ich bin selig dankbar,

dass Darian auf der Welt ist. ●

Auch Väter

haben Gefühle

Amar Rajković

WANN KOMMST DU? Eine

Nachricht wie hunderte

scharfe Klingen unter

der Haut. Sie kommt regelmäßig von

meiner Frau, bevorzugt zwischen 16

und 17 Uhr, werktags. Auf den ersten

Blick würde man meinen, ich bin mit

einer Eifersuchtsfurie liiert, doch beim

genaueren Hinkrabbeln erkennt man den

feinen Unterschied. Wir sind seit sechs

Monaten stolze Eltern eines prächtig

gedeihenden Wonneproppens (Ich sag

nur „97 Perzentile“ – das ist der Wert,

der den Wachstum des Babys bestimmt

von 0-100). Dieser kleine Ciabatta hat

nicht nur unseren gemeinsamen Alltag

vollkommen auf den Kopf gestellt, er hat

eines an die Oberfläche hervorgeholt –

die Gemeinheit meiner großen Liebe.

Um mich nach dem Erscheinen

dieses Artikels überhaupt nach Hause

zu trauen, eines vorweg: Die hier

angestimmten Klagelieder in Richtung

Partnerin beruhen keineswegs auf nur

von mir erlebten Alltagssituationen. Weil

Daddysein in meinem Freundeskreis

ziemlich trendy ist, konnte ich mich mit

vier anderen Jungvätern austauschen.

Das Ergebnis: Denen geht es genauso.

Aber wie denn eigentlich?

DIE PRE-BABY-PHASE

Ich bin ich so früh wie möglich aus der

Arbeit abgehauen, um noch ein paar

schöne Momente mit dem Kleinen zu

erleben. Eigentlich bin ich früher raus,

um die Anspannung aus den eigenen

vier Wänden etwas herauszunehmen.

Die ist nämlich so massiv, man könnte

ganze Turnhallen damit füllen.

Entgeltliche Einschaltung

PAPA-KARENZ

EINE ZEIT, DIE NIE

WIEDER KOMMT.

Das erste Mal gibt’s nur einmal – ob es die ersten Schritte sind oder der erste Milchzahn.

Seien Sie auch als Vater mit dabei! Zum Glück haben wir dafür hierzulande

besonders gute Ausgangsbedingungen – vom Kinderbetreuungsgeld über den

Partnerschaftsbonus bis zum Familienzeitbonus. Immer mehr Väter in Österreich

nutzen die Angebote. Mehr Infos unter www.bundeskanzleramt.gv.at


Überforderung oder

doch Glückseligkeit?

Neo-Babo Amar

Meine Frau ist wahrlich der Glücksgriff

meines Lebens. Unsere lange kinderlose

Beziehung war genau das, was

ich immer gesucht habe. Eine humorvolle,

intelligente, attraktive Partnerin mit

riesengroßem Herzen. Dazu teilt sie meine

Leidenschaften Reisen und Essen und

macht mir keine Szene, wenn ich abends

Fußball oder auch NBA-Basketball (Übrigens,

bald ist Saisonbeginn. Freust du

dich, Schatz?) in der Glotze schaue. Und,

sie lacht über meine blöden Witze. Da

wir beide Waagen und damit keine Streitprofis

sind, lief unsere Beziehung bis

zur Geburt des Sohnes wie am Schnürchen.

Harmonie wohin das Auge reicht,

hedonistisches In-den-Tag-Leben, Reisen

in ferne Länder oder „probieren wir doch

den neuen Peruaner aus?“, das waren

die Ingredienzen für unseren perfekten

Liebesmix.

FULL-METAL-MAMA

Damit ist seit der Geburt des „Destroyers“

(O-Ton meine Frau) Schluss. Die

schönste und aufregendste Lebensperiode

wird von dunklen Wolken am

Horizont getrübt. Aus ihnen ergießt sich

ein saurer, bissiger Regen, der mir in

Form von verbalen Watschen Ernüchterung

beschert. Bumm, die Tür knallt zu.

Warum? Weiß ich noch nicht genau, ich

habe ja bis vor fünf Sekunden geschlafen.

Oder die Befehle meiner Frau mitten

in der Nacht, der „Drill-Sergeant“ von

„Full Metal Jacket“ hätte seine wahre

Freude daran. „Kannst du kommen? Der

Kleine hat gekotzt. Ich muss den Teppich

reinigen. Kannst du auf ihn aufpassen?“,

erhallt es aus dem Babyphone, dessen

anderes Ende im Kinderzimmer postiert

ist. Ich komme mir wie beim Bundesheer

vor, nur, dass die Zeit nicht nach sechs

Monaten zu Ende ist.

SIE KANN AUCH GEMEIN

SEIN

Es ist wahrlich eine neue Seite, die ich

an meiner Frau entdecke. Und, ich weiß

schon: Mütter leisten viel mehr als Väter.

Hut ab vor jeder Mama, die angekotzt

und unausgeschlafen durch den Alltag

wandelt und ihre ganze Zeit nur einem

Lebewesen widmet und dabei ihre Interessen

hinten anstellt. 110% jeden Tag,

boah, das muss anstrengend sein. Das

spüre ich am eigenen Leib, wenn ich mal

am Wochenende aufstehen „darf“, um

dem Kleinen das Flaschi zu geben.

Was ich aber nicht in Ordnung finde:

Mich als Mann rechtfertigen zu müssen,

dass ich nicht als Frau auf die Welt

gekommen bin. Diese Unterstellung

schwingt immer mit, wenn mir meine

Liebste erzählt, wie mühsam der

Tag mit dem zahnenden, kackenden

und quengelnden Ungeheuer war. Als

hätte ich den Kleinen mit einem Kauring

bestochen, damit die Mami alle Hände

voll zu tun hat und Daddy sein Wellness-

Programm in der Arbeit abzieht. Weil im

Büro ist es ja super gemütlich und ich bin

dort auch keinen Stresssituationen ausgesetzt.

„Das bisschen Journalismus, jo

mei.“, denkt sich wahrscheinlich meine

Frau, während ihr gerade ein Asozialer

nicht mit dem Kinderwagen in die alte

Straßenbahngarnitur geholfen hat.

Das alles ist übrigens Alltag für tapfere

Mütter rund um den Globus. Aber warum

am eigenen Partner immer auslassen?

Unsere biologischen Rollen sind vor

allem im ersten Lebensjahr sehr klar

definiert. Sie bekommt das Kind und ich

gehe arbeiten, damit das Kind genug

zum Essen hat. So weit, so basic. (Fairerweise

muss man sagen, dass sie mit

ihrem Kinderbetreuungsgeld natürlich

auch sehr viel beisteuert)Im Gegensatz

zu älteren Generationen, bemühe ich

mich, jede einzelne Sekunde mit meinem

Sohn zu verbringen. Jede einzelne

Sekunde meiner Frau im Haushalt zu

helfen. Jede einzelne Sekunde, um diesen

Mini-Menschen kennenzulernen und

seine Babyhaut zu streicheln. Und trotzdem

habe ich das Gefühl, es ist oft nicht

genug. Ich wische den Tisch nach jedem

Essen ab, ich räume das Geschirr in die

Maschine, ich nehme sogar meine Hausschuhe

und platziere sie beim Verlassen

der Wohnung in die dafür vorgesehenen

Laden. Ich nehme den Kleinen immer

wieder mit in den Park, damit die Mama

paar Stunden für sich hat. Ich wickle ihn

vom ersten Tag an, ja, ich schaffe es

sogar manchmal, unseren Sohn in den

Schlaf zu wiegen. Dazu verzichte ich auf

90% meiner ursprünglichen Sozialkontakte

und opfere den Samstag für Kinderpartys,

anstatt für Faulenzen auf der

Couch oder Weintrinken am Naschmarkt.

36 / RAMBAZAMBA /


WINDEL VOLL –

SCHLAFEN LASSEN?

„Solange der Kleine schläft ist alles gut.“,

quittiert meine Frau die Vorwürfe, die ich

gegen sie erhebe. Sie solle doch etwas

bei der Wortwahl aufpassen und doch

bitte ab und zu ein „Danke“ sagen, oder

auch „du bist ein toller Vater.“, entgegne

ich ihr. Ich weiß, die meisten lesenden

Mütter werden mich und diesen Text

belächeln und müde abwinken. Doch

genau darum geht’s! Verständnis, Empathie

für das Gegenüber entwickeln. Wenn

du dich im letzten Jahr grundlegend

verändert hast, dich viel mehr ins Zeug

haust und alles Erdenkliche versuchst,

um deinen Sohn „richtig“ zu erziehen,

hört man mal gerne ein Lob, anerkennende

Worte. Wenn ich hundert Sachen

richtig mache, dann wäre es halt nett

auch mal über kleine Fehler hinwegzusehen.

(Wobei das ist Auslegungsache:

Muss man das Baby mit vollgekackter

Windel mitten in der Nacht aufwecken

oder erst morgens wechseln?)

Meine Frau sagt mir oft, ich soll mir

nicht ins Hemd machen und ihre harschen

Worte nicht auf die Waagschale

legen. Aber, wenn mich jemand ohne

Grund anschreit, find ich das nicht so

toll. Tut ihr das, liebe Mütter? Also, ein

„Danke“, ein „gut gemacht“ hören auch

Papis gerne. Dann könnt ihr uns gerne

weiterhin als Boxsack verwenden, dafür

sind wir doch da. Und jetzt hoffe ich,

dass meine Frau nicht das Schloss ausgewechselt

hat. ●

Tipp an alle

werdenden Papas:

Der Nasensauger

mit Schlauch ist die

beste Erfindung für

verrotzte Babys und

fürsorgliche Väter.

/ RAMBAZAMBA / 37


Von C-Klasse zu Ökotex:

Mit Baby zum Jugo-Bobo

Ivana Cucujkić-Panić

Ja ja, Kinder ändern dein Leben,

sagen sie. Was sich ganz sicher

schon vor der Geburt geändert

hat, war mein Kontostand. Hab ich ihn

früher hie und da mit Cocktailabenden,

Samstagsbrunches oder der regelmäßigen

Ausweitung meiner Schuhkollektion

leicht strapaziert, befindet er sich seit

den Baby-News konstant im Sturzflug.

Anfangs sind wir tatsächlich äußerst

vernünftig und kostenschonend, fast

schon wie zwei verarmte WG-Studis,

an die Besorgungen des Baby-Inventars

herangegangen. Für den Kinderwagen

kalkulierten wir ‚großzügige‘ 600 Euro,

darin wird er immerhin einige Jahre

sitzen, das soll ein ordentliches Gefährt

sein. Im Schlafzimmer machen wir dann

eine Ecke frei, streichen sie pastellgrau

und stellen das Hemnes-Modell von Ikea

auf, das wir mit ein paar ‚Do it yourself‘-

Kniffen zu einem zweckerfüllenden

Wickeltisch umfunktionieren. Das Teil,

in dem der Säugling als Bettverlängerung

neben mir schlafen wird, gibt es

bestimmt fast ungebraucht und günstig

bei Willhaben. Noch ein paar Strampler,

zwei Schnuller, passt. Kein budgetäres

Drama also und an zwei Wochenenden

erledigt. Wie naiv ich war…

MOMZILLA BRICHT AUS

Solche Pläne lesen sich nämlich immer

wie das Script eines Horrorfilms: Es fängt

ganz harmlos, fast langweilig an, plötzlich

und unvermittelt taucht der Kettensägenkiller

auf und alles endet in einem

Blutmassaker.

Ein paar Klicks durch diverse Mom-

Blogs und zwei Babymesse-Besuche

später, erwachte bereits Momzilla in mir.

Hinzu kamen die ersten prä-elterlichen

Schuldgefühle, die uns nach einem wirgeben-Geld-für-uns-selbst-und-nichtfürs-Kind-aus-Moment.

Danach hielt

mich nichts mehr.

Im sechsten Monat schwanger

gönnten wir uns nämlich einen ‚Prä-

Dieser süße Racker

ist für den ominösen

Fleck auf Ivanas

Jeans verantwortlich.

Babyurlaub‘ in Dubai und genossen zehn

Tage lang die vorerst letzten romantischen

Momente in trauter Zweisamkeit.

Wir suhlten uns also im 5-Sterne-

Beachclub unter der arabischen Sonne

und gingen, an unseren 20-Dollar teuren

Virgin-Minze-Cocktails nippend, noch

einmal die asketische Secondhand-

Einkaufsliste für das neue Familienmitglied

durch. Der Widerspruch zwischen

Luxusurlaub und gebrauchtem Beistellbett

konnte nicht größer sein. Von den

Schuldgefühlen übermannt, warfen wir

die Vernunft gemeinsam mit der selbstgebastelten

Wickelkommode in diesem

Moment in den Persischen Golf.

Die Büchse der Babyshopping-Pandora

war geöffnet. Die ‚großzügig‘ veranschlagten

600 Euro für den Kinderwagen

wurden zugunsten eines deutschen

„Stiftung-Warentest-Urteil-sehr-gut“-

Modells in der Luxusausführung verdoppelt.

Zur Wickelkommode gesellte sich

ein zweitüriger Kleiderschrank aus weißlackiertem

Massivholz aus holländischer

Produktion. Diese wanderten aus dem

elterlichen Schlafzimmereckerl ins eigene,

neu gestrichene Kinderzimmer. Das


BEZAHLTE ANZEIGE

SPORTLICHER HERBST IN

DEN WIENER MOTORIKPARKS

Für alle Altersgruppen gibt es spaßige

Stationen zu entdecken.

An den Kletterstationen

wird vor allem

die stabilisierende

Muskulatur trainiert.

Sportbegeisterte kommen im Helmut-

Zilk-Park voll auf ihre Kosten.

PID/Fürthner/Votava/Message/Venetikidis

Dass Bewegung

gesund für Groß

und Klein sei, ist

eine Binsenweisheit.

Aber selten

macht Fitness

so viel Spaß

wie in den zwei

Motorikparks

der Stadt Wien.

Im Favoritner Sonnwendviertel gibt

es ein wahres Bewegungsparadies

für Fitnessbegeisterte und jene,

die es werden wollen. Auf 1.400m²

werden an den zehn Balancier- und

Kletterstationen im Helmut-Zilk-Park

Koordination, Geschicklichkeit und

Ausdauer spielerisch trainiert. Die

Geräte des Motorikparks garantieren

ein abwechslungsreiches Training

und sind für nahezu alle Altersgruppen

und Fitnesslevels geeignet. Für

eine Stärkung zwischendurch steht

das Café Mann zur Verfügung.

KITESURFEN „LIGHT“ IN

DER DONAUSTADT

Vom Balanceakt über schwingende

Hindernisse, über eine

Orientierungs kletterwand, direkt in

das reinste Netzkletter-Paradies und

einen Kraftpavillon. Dies sind neben

einer 110 Meter langen Hürdenstrecke

und einer Trampolinstrecke nur

einige der insgesamt 23 Stationen

im 2,5 Hektar großen Motorikpark

Donaustadt. Ein besonderes Highlight

bildet der Kitesurfsimulator, bei

dem man frei durch die Luft kreisend

wichtige Muskelgruppen stärkt. Wer

lieber festen Boden unter den Füßen

will, kommt auf dem 700 Meter Laufparcours

auf seine Kosten.

Mehr Informationen zu den Motorikparks

der Stadt Wien unter:

http://www.motorikpark-wien.at


Ivanas Sohn Matija

kriegt nur Bio-Essen

von Denns.

Beistellbett brauchte jetzt unbedingt eine

Wippfunktion, der Stillstuhl musste auf

jeden Fall die graue Samtausführung von

der einen Instagram-Influencerin sein.

Beides wurde aus England mit stolzen

Transportkosten nach Wien, Brigittenau

geschifft. Das Kinderzimmer gleicht nun

einem Showroom für namhafte Hersteller

von Babyprodukten aus Nordeuropa.

Das Highlight ist das dänische Designer-

Gitterbettchen mit klimaregulierender

3D-Premium-Matratze und thront auf

einem handgeknüpften „Fair trade“-

Teppich.

OMG, ICH BIN EIN BIO-

BOBO-JUGO

Ich konnte meine zügellosen Babyshoppingtouren

mühelos rechtfertigen; ich bin

die Argumentationskönigin, wenn es um

kostspielige Ausgaben geht. Denn Nachhaltigkeit

und Bio-Zertifizierung haben

nun mal ihren Preis!

Schließlich sind sämtliche Anschaffungen

schadstofffrei, fair, nachhaltig,

ökologisch produziert. Produkteigenschaften,

die mir bei Kaufentscheidungen

vor meinem Leben mit Baby herzlich egal

waren, und die ich gerne übermotivierten

Gutmenschen aus Bobostan überlassen

habe.

Mittlerweile habe ich mich selber zum

peinlichen Jugobobo gewandet. Musikalische

Früherziehung, Urlaub im ayurvedischen

Familienhotel, Holzspielzeug.

Jap, eine Kundenkarte bei ‚Herr und Frau

Klein‘ - DER Pilgerstätte für Hipstereltern

in Wien Neubau, steckt nun ebenfalls

in meiner Geldbörse. Alles Dinge, für

die ich mich früher ernsthaft fremdgeschämt

hätte, gehören heute zu meinem

Leben. Ich beschäftige mich intensiv mit

Themen, die ich vor Baby verschmäht

habe. Bio-Essen zum Beispiel. War

früher alles aus dem Hofer ums Eck gut

genug, pilgern wir heute für 300 Gramm

Süßkartoffeln zum Bio-Supermarkt. Als

übermotivierte Jungeltern bereiten wir

den Babybrei selbst zu, in der eigens

dafür angeschafften 4-in-1-Dampfgar-

Gerätschaft. Leider zeigt Baby derzeit

mehr Begeisterung für den Industriebrei

aus dem Gläschen. Ebenso hat er den

ergonomisch kiefergerechten Schnuller

aus Naturkautschuk um zehn Euro

prompt wieder ausgespuckt.

Beim Kauf von Stramplern wird

auf die ‚Organic-Cotton-Zertifizierung‘

geachtet und Feuchttücher müssen aus

99% Wasser bestehen, ohne Parfüm und

Öle. Aber die bekommen wir sowieso

mitgeliefert im monatlichen Öko-Windel-

Abo aus Deutschland.

BEIM AUTO HÖRT SICH’S

ABER AUF

Bis vor acht Monaten noch fand ich mein

Viertel ziemlich cool, weil urban, multikulturell

und lebendig. Jetzt machen sich

konservative Werte in mir breit, die mich

aus dem Zwanzigsten an den Stadtrand

ziehen lassen, weit weg vom Verkehr

und „all den komischen Leuten“.

Statt der aktuellen Instyle stapeln

sich Ratgeber über mehrsprachige

Erziehung auf dem Wohnzimmertisch.

Ich bin auf Schafmilchprodukte umgestiegen,

‚glutenfrei’ gehört nun auch

zu meinem Wortschatz. Palmölhaltige

Nahrungsmittel verschwanden aus der

Vorratskammer. Ja, selbst mein geliebter

Plazma-Keks, den alle Jugobabys bereits

mit der Flasche genießen durften, steht

auf Na-das-essen-wir-jetzt-aber-nichtmehr-Liste.

Persönliche Opfer bringt so ein Kind

als erstes mit sich. Ich musste - und das

tat echt am meisten weh - die Tatsache

akzeptieren, dass ein Kinderwagen

nicht in den Kofferraum einer Mercedes

C-Klasse passte. Mein Auto musste

schweren Herzens einer neuen Familienkutsche

weichen. Diese sollte aber

bitte stilvoll und schnittig daherkommen.

Die Argumentationskönigin waltete ihres

Amtes. Der Finanzierungsvertrag für den

brandneuen, familienfreundlichen SUV

war schnell unterschrieben. In einen

gebrauchten, schirchen, aber ‚total

praktischen‘ Kombi hätte ich mich nie

gesetzt. So sehr Bobo werd’ ich niemals

sein. ●

40 / RAMBAZAMBA /


Kurz nach dem Schnappschuss brachen die drei Models zusammen und konnten nur mit Babygeschrei geweckt werden.

AUTO

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TECHNIK & MOBIL

Alt+F4 und der Tag gehört dir.

Von Adam Bezeczky

MEINUNG

Der Wettkampf

ums All

Mitte Oktober musste eine russische

Sojus-Raumkapsel notlanden.

Der Wettkampf um das All

geht nach dem Wettrüsten in der

Vergangenheit offenbar wieder

in eine heiße Phase: diesmal sind

die Player aber nicht nur Staaten

und Ideologien, sondern auch

private Unternehmer wie Space X

– die mit ihrer Innovationskraft

die alten Player überstrahlen.

Das Tempo wird sich

noch weiter steigern – und

leider damit auch die Zwischenfälle.

Roskosmos, die

russische Weltraumbehörde,

scheint einer der ersten

Verlierer dieses Wettbewerbs

zu werden. Man

sollte jedoch die Erfinder

von Sputnik und Sojuz und

Mir nicht abschreiben: trotz

Notlandung gehört die Sojuz

zu den verlässlichsten Weltraumfahrzeugen

überhaupt

mit insgesamt mehr als 850

Flügen. Davon kann Space X

nur träumen.

bezeczky@dasbiber.at

Die Assassine

schleichen wieder

SOLAR-

STRASSEN

KOMMEN

WOHL DOCH

NICHT

Solar Roadways wollte

den Energiehunger

der westlichen Welt

mit Solar-Straßen

stillen. Leider erweist

sich das Projekt nicht

genug ausgereift: erste

Versuche aus den USA

zeigen, dass der Gummiabrieb

und Staub die

Stromerzeugung stark

einschränken. Schade!

Müssen die Klimakrise

wohl anderswie lösen...

Einen mörderisch guten

Urlaub verspricht Ubisoft

mit „Assassin‘s Creed:

Odyssey“. Im alten Griechenland

schleichen und

meucheln wir uns durch

den historischen Bürgerkrieg

zwischen Sparta und

Athen - schließlich geht

es um die Vormachtstellung

in der Ägäis. Ganz

nebenbei entdecken wir

als toughe Spartanerin

Kassandra oder als Spartaner

Alexios unsere Familiengeschichte.

Und zu

lernen gibt‘s auch etwas:

in kommenden Museumsmodus

können wir die riesige Spielwelt

erkunden und über das Antike

Griechenland etwas dazulernen.

Pädagogisch wertvoll!

Auto-Tipp

Schon gewusst? Auch mit einem

Neuwagen könnt ihr euer Service

bei einer freien Werkstatt

durchführen lassen. Eure Garantie

bleibt trotzdem erhalten. So spart

ihr Geld und bleibt flexibel.

Google

ist 20

1998 sah die Welt anders aus:

die Gründer von Google tüftelten

in einer Garage an jener

Firma, die heute das Internet

beherrscht. Der Such-, Mail-,

Landkarten- und Mobiltelefongigant

ist inzwischen einer der

Innovationsmotoren der Wirtschaft

und aus dem Leben von

Milliarden von Menschen nicht

wegzudenken. Gratulation!

Marko Mestrović, Ubisoft, Google, bereitgestellt

42 / TECHNIK /


Als verantwortungsvolles Unternehmen erachten wir es als selbstverständlich, einen wichtigen Beitrag

zum Erreichen der Klimaschutzziele zu leisten. Deshalb setzen wir schon heute verstärkt auf CNG

(Compressed Natural Gas) als Kraftstoff. CNG ist derzeit der kostengünstigste Weg, den Schadstoffausstoß

im Straßenverkehr langfristig zu reduzieren. Denn mit Erdgas als Kraftstoff werden bis zu 80 %

weniger Ozon bildende Schadstoffe produziert – und das bei einer Ersparnis von bis zu 50 % pro

Tankfüllung. Grund genug, unser bereits flächendeckendes CNG­Tankstellennetz weiter auszubauen.

Mehr OMV erleben auf: www.omv.com

Die Energie für ein besseres Leben.

/ MIT SCHARF / 43


KARRIERE & KOHLE

Studieren statt Saunieren

Von Andrea Grman

MEINUNG

Eins nach

dem anderen

Multitasking: dieses Gerücht, dass du

gleichzeitig telefonieren, kochen, zwei Mails

schreiben, drei Bücher lesen und nebenbei

noch mit zehn rohen Eiern jonglieren kannst

und dabei super effizient bist.

Ich verrate dir jetzt etwas: Multitasking gibt

es nicht. Und es ist weder effizient noch

erstrebenswert. Dein Gehirn ist nämlich

kein Computer und du kannst nicht einfach

20 Tabs gleichzeitig öffnen wie im Internet

Explorer. Wenn du denkst, dass du vier

Dinge gleichzeitig erledigst, machst du sie

in Wirklichkeit hintereinander und zwingst

dabei dein Gehirn ständig, zwischen den

einzelnen Aufgaben zu switchen. So wechselst

du deine Tätigkeit im Durchschnitt

alle 45 Sekunden. Das erfordert sehr viel

Energie von deinen Gehirnzellen und hält

sie davon ab, sich auf die eigentlichen

Aufgaben zu konzentrieren. Dies wiederum

führt zu mangelnder Konzentration, Fehlern

und Frustration. Und wie gesagt: schneller

bist du dadurch definitiv nicht.

Stattdessen solltest du dir die wichtigsten

Punkte aufschreiben und dazwischen

bewusst Pausen einplanen, in denen du

dich auch mal langweilen kannst. Das

macht dich nämlich nicht nur kreativer,

sondern gibt neue Energie. Also gönn‘ dir

erstmal ein bisschen Langeweile und dann:

Eins nach dem anderen.

grman@dasbiber.at

Veranstaltungstipp

DEINE

KARRIERE

RUFT

Am 24. Oktober findet die Career

Calling, Österreichs größte Karrieremesse,

in der Messe Wien

statt. Zahlreiche Aussteller, Workshops

und Netzwerk-Events öffnen

dir neue Türen und vielleicht

ergibt sich die eine oder andere

Job- Möglichkeit. Alle Infos unter

www.careercalling.at

Gewinnspiel

Wer sich gut fühlen will, muss auch

gut denken. Und das kann man mit

diesem Tagebuch trainieren. Sechs

Minuten am Tag fokussierst du dich

auf den Fortschritt und das Positive

in deinem Leben und schon geht es

dir langfristig besser. Wir verlosen

je ein 6-Minuten-Tagebuch in den

Farben aquarellblau, orchidee und

pfefferbraun. Schreib einfach ein

Mail an grman@dasbiber.at und mit

etwas Glück kannst du es bald selbst

ausprobieren.

3

FRAGEN AN:

ADA-Geschäftsführer

Martin Ledolter

Geschäftsführer der Österr. Entwicklungszusammenarbeit

(ADA)

Was ist das JPO-

Programm??

Mit dem Junior Professional

Officer-Programm

ermöglichen

wir JungakademikerInnen,

einen 6- bis

12-monatigen Einblick

in der Österreichischen

Entwicklungszusammenarbeit

zu gewinnen.

Wir bieten diese

Möglichkeit sowohl

in Wien als auch in

den meisten unserer

Schwerpunktländer an,

sei es in Afrika, Asien

oder Südost- und Osteuropa.

Unsere JPOs

sind dabei aktiv in die

Abwicklung der von

uns geförderten Projekte

und Programme eingebunden.

Was sind die Voraussetzungen?

Das JPO-Programm richtet sich

gezielt an angehende ExpertInnen

für unsere zentralen Arbeitsbereiche

Wasser und

Siedlungshygiene,

ländliche Entwicklung,

Energie, Privatsektorentwicklung,

Bildung

sowie Governance,

Menschenrechte und

Friedensförderung.

Ein abgeschlossenes

Hochschulstudium ist

deshalb Voraussetzung,

um sich für eine

JPO-Stelle zu bewerben.

Hinzu kommt eine

große Leidenschaft

und viel Idealismus für

unsere Sache.

Wann und wo kann ich

mich bewerben??

Die Ausschreibung der

konkret zu besetzenden

Stellen erfolgt

nach Bedarf. Mein Tipp: Unter www.

entwicklung.at kann man sich laufend

über offene Stellen informieren und

auch ein Bild über unsere Tätigkeiten

machen.

Marko Mestrović, ADA/Wilke

44 / KARRIERE /


Entgeltliche Einschaltung des Innenministeriums

Profifußballerin Nina Burger

Bei ihr gehen nicht nur

Verbrecher ins Netz.

Nina Burger ist nicht nur Profifußballerin, sondern auch Polizistin. Interessiert an einem

abwechslungsreichen Job mit Kollegen wie ihr? Bewirb dich. Jetzt.

www.polizeikarriere.com


Selbermacher

Falsche Farbe, zu

krumm, zu klein,

oder einfach zu

viel? Die Geschwister

Diesenreiter

von „Unverschwendet“

retten Obst und

Gemüse, das sonst im

Mist landen würde.

Text: Nada El-Azar, Fotos: Susanne Einzenberger

Wer Geschwister hat, weiß,

dass es mit Brüderchen oder

Schwesterlein nicht immer einfach

ist. Gerade wenn man gemeinsam ein

Unternehmen führt. Aber Cornelia (31) und

Andreas (33) aus Steyr sind ein Herz und

eine Seele: Sie ist gelernte Köchin, Juristin

und Nachhaltigkeitsexpertin, und er hat

das Know-How in Design und Marketing.

Gemeinsam sind sie „Unverschwendet“ und

sorgen seit 2016 dafür, dass tonnenweise

Obst und Gemüse in Chutneys, Marmeladen,

Aufstriche und mehr verarbeitet wird.

Das Geschäft

mit krummen

Dingern

760.000.000 KILO MIST IM JAHR

Ein ausschlaggebendes Ereignis für die

Gründung von „Unverschwendet“ fand

während Cornelias Studiums des nachhaltigen

Produktdesigns in London statt. Im

Praktikum musste sie eine Restmüllanalyse

durchführen. „Vor uns wurde ein Truck mit

1,5 Tonnen Müll ausgeleert. Davon waren

400 Kilo Lebensmittel, die teilweise noch

originalverpackt waren.“ Eine Studie des

WWF ergab, dass in Österreich jährlich

760.000 Tonnen Lebensmittel weggeworfen

werden, 53 Prozent davon in Privathaushalten.

„Es gibt die Diskussion, wer daran

denn schuld ist. Nachhaltigkeit muss aber

weg von dieser Zeigefingermentalität“, weiß

Cornelia. „Stecken die Menschen einmal

in diesem Schuldzyklus drin, machen sie

genervt schnell die Ohren zu.“

„MAN KANN NICHT ALLES RETTEN.“

Ein gutes Netzwerk mit Bäuerinnen und

Bauern sorgt dafür, dass „Unverschwendet“

an die Rohstoffe für die Rettungsprodukte

kommt. „Das sind oft nicht einmal das

46 / KARRIERE /


krumme oder kleine Gemüse, sondern die

beste und frischeste Ware, die einfach

nicht vom Supermarkt gekauft wird“,

erklärt Andreas. Der Markt ist extrem

kundenorientiert und preisaggressiv.

Letztes Jahr gab es 32, heuer nur noch

zehn verschiedene Produkte zum Kauf bei

„Unverschwendet.“ „Wir dachten anfangs,

wir müssen alles retten und möglichst viele

Produkte entwickeln, aber leider wird es

immer Überschüsse geben“, so Cornelia.

Früher haben die Geschwister und

ihr Team alles in der kleinen Küche des

Marktstandes am Schwendermarkt selber

eingekocht. „Mittlerweile haben wir für

jedes hochwertige Produkt einen Produzenten,

der die Herstellung übernimmt.“

Jedenfalls schmeckt’s.

Mehr Informationen unter:

www.unverschwendet.at

oder persönlich:

Schwendermarkt Stand 18

Mariahilfer Straße 196

1150 Wien

Für diese hübschen

Gläschen

muss Andreas die

eine oder andere

Nachtschicht

schieben.

WKO-WIEN HILFT

Im Gründerservice der WKO-

Wien kann man bei einem

Beratungsgespräch alle Fragen

stellen, die die Gründung eines

Unternehmens betreffen. Im

Vorhinein kann man sich auch

schon eigenständig online

informieren. Ob generelle

Tipps zur Selbstständigkeit,

rechtliche Voraussetzungen,

Amtswege oder Finanzierungsund

Förderungsmöglichkeiten:

Auf der Website kommt man

mit wenigen Klicks zu allen

wichtigen Informationen.

wko.at/wien

www.gruenderservice.at

Die Selbermacherw-Serie ist eine

redaktionelle Kooperation von das

biber mit der Wirtschaftskammer

Wien.

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MEIN BESTER RAT

SCHLECHTE RATSCHLÄGE GIBT ES GENUG. FÜR BIBER VERRATEN DAHER TOP-MANAGER, SPITZENPOLITIKER

UND SPITZENSPORTLER JENE ERFAHRUNGEN, DIE SIE IM LEBEN WEITER GEBRACHT HABEN.

DIESMAL: DER WIENER WIRTSCHAFTSKAMMER-PRÄSIDENT

WALTER RUCK

Text: Emira Abidi, Fotos: Daniel Novotny

„Energieräuber meiden“

BIBER: Haben Sie einmal einen guten

Rat bekommen, der Ihnen im Leben

geholfen hat?

WALTER RUCK: Ich glaube, wahrscheinlich

nicht nur einen. Aber es gab keinen,

von dem ich sagen würde, dass gerade

dieser mein Leben entscheidend verändert

hat. Ich denke, Rat bekommt man

permanent, sehr viel gefragt und auch

viel ungefragt.

Sie haben bloß 4 Jahre nach Ihrem

Studienabschluss an der TU die

Geschäftsführung der Baufirma Ihres

Vaters übernommen. Welchen großen

Herausforderungen waren Sie anfangs

ausgesetzt?

Ich habe bereits studienbegleitend gearbeitet

– das würde ich jedem raten und

das machen auch meine Söhne so – und

war relativ rasch mit 24 mit dem Studium

fertig. So jung wird man in einer Leitungsposition

nicht restlos ernst genommen

– zumindest war das zu meiner Zeit

so. Das war die erste große Herausforderung.

Dann kamen die Erwartungen an

mich, den Sohn des Geschäftsführers,

aus dem Unternehmen selbst oder auch

von Kundenseite hinzu. Und diesen muss

man dann schon gerecht werden. Meine

Söhne erleben das jetzt genauso. Die

Messlatte liegt bei ihnen einfach höher

als bei anderen.

Waren Sie sich sicher, dass Sie das

wollen?

Ja, soweit man sich am Beginn eines

Weges sicher sein kann. Zurückerinnernd

war ich mir sicher, dass das mein Weg

ist. Ich bin Techniker mit Leib und Seele,

also hat es mir durchaus Spaß gemacht.

Noch dazu habe ich mich immer mit

meiner Familie gut verstanden, so hat es

noch besser gepasst.

Bereuen Sie gewisse Entscheidungen im

Leben?

Aus meiner Sicht ist es so mit Entscheidungen:

das Schlechte ist, sie nicht zu

treffen. Und dann gibt es natürlich auch

Entscheidungen, die falsch sind. Am

48 / KARRIERE /


Ende des Tages zählt bloß, dass man

mehr gute als schlechte Entscheidungen

getroffen hat. Das Einzige ist vielleicht,

dass ich früh mit meinem Studium fertig

geworden bin und gerne ins Ausland

gegangen wäre, um eine Techniker-

Vision zu realisieren – z.B. eine Staumauer

zu bauen. Ich bin aber grundsätzlich

kein Mensch, der bereut, und ich habe ja

noch Zeit, so etwas nachzuholen. Einer

meiner besten Freunde war drei Monate

in Südamerika und ist auf dem Dach

eines Zuges quer durch den Kontinent

gefahren. Vielleicht werde ich in der

Pension den einen oder anderen Traum

verwirklichen. Die Fahrt auf dem Zugdach

wird es aber wohl nicht.

Wie viel soll man arbeiten? Wo ist die

„gesunde“ Grenze?

Die Grenze ist, was man persönlich aushält

und wie sehr es einem Spaß macht.

Ich habe es für mich einmal getestet und

es war ganz lustig. Damals habe ich mir

eingebildet, ich hätte Kräfte ohne Ende,

habe gegen halb 7 morgens zu arbeiten

begonnen und bis zum nächsten Tag um

3 in der Früh durchgemacht. Nach ein

paar Stunden Schlaf war ich wieder von

9 Uhr morgens bis 2 Uhr am nächsten

Morgen in der Arbeit. Nach zwei Tagen

habe ich mir mein Arbeitsergebnis und

meinen Zigarettenkonsum angesehen

– damals habe ich noch geraucht.

Der Zigarettenkonsum war groß und

der Outcome meiner Leistung eher

gering. Deswegen erscheint es mir total

schwachsinnig, für etwas 3 Stunden aufzuwenden,

wenn ich es im ausgeschlafenen

Zustand in einer halben schaffe.

Fazit: Es ist bei jeder und bei jedem

anders. Aber alle Menschen brauchen

Schlaf, Erholung und Ausgleich.

Wie sollte man mit Personen umgehen,

die einem alles schlechtreden und einen

runterziehen möchten?

Ganz einfach: Energieräuber meiden.

Das betrifft nicht bloß Personen, sondern

auch Situationen. Wenn mir jemand nicht

guttut, dann meide ich ihn/sie.

Welchen Rat würden Sie jungen Menschen

geben, die gerade auf Karrierefindungssuche

sind?

Ich knüpfe nochmal an meiner vorigen

Aussage an: Die schlechteste

Entscheidung ist keine Entscheidung.

Wenn ich mehrere Optionen habe, die

gleich attraktiv sind, und ich verschiebe

die Entscheidung auf morgen, dann

ändert sich der Zustand nicht. Wenn ich

unentschlossen bin, unterhalte ich mich

mit Freunden, denen ich vertraue. Ich

verknüpfe ihre Überlegungen mit meinen

eigenen und gehe dann meinen Weg.

Aus meiner Lebenserfahrung ist somit

die Nicht-Entscheidung schlechter als die

falsche Entscheidung. ●

Wer ist er?

Name: Walter Ruck

Alter: 55

Beruf: Wiener Wirtschaftskammer-

Präsident, Bauunternehmer und

Interessenvertreter

Besonders: Nach seinem Studium des

Bauingenieurwesens übernahm er als

24-Jähriger die Leitung der Baufirma

W. Ruck, die sein Vater gegründet

hat und in der nun auch seine Söhne

mitarbeiten.

/ KARRIERE / 49


HIER

GIBT ES

JOBS MIT

ZUKUNFT

Wo treffen Top-Unternehmen

wie T-Mobile,

Hofer, BMW und Ströck

auf über 7.000 interessierte

Schülerinnen und

Schüler? Beim größten

Lehrlingsevent Österreichs.

Das war der Tag der

Lehre+ 2018.

Mit Spaß an der Sache geht die Lehrausbildung gleich viel leichter von der Hand.

Knapp 17.000 Lehrlinge machen

derzeit eine Ausbildung in Wiener

Betrieben. Und es werden

mehr. Dementsprechend überwältigend

war der Andrang auf den Tag der Lehre+

am 17. Und 18. Oktober. Knapp 50

ausstellende Lehrbetriebe punkteten mit

umfassender Beratung, ausführlichem

Infomaterial und interaktiven Messeständen.

Diese luden die MessebesucherInnen

ein, selbst anzupacken und

handwerkliche Tätigkeiten wie Maurerarbeiten,

Frisurstyling oder Kosmetik

auszuprobieren.

QUAL DER WAHL

In Wien können junge Menschen derzeit

aus 180 Lehrberufen wählen, rund 80

davon waren beim TdL+ vertreten. Bei

solch einer großen Auswahl an Lehrstellen

kann man schon mal den Überblick

verlieren. Bürokauffrau oder doch

lieber KFZ-Technikerin, Konditor oder

Betriebslogistiker? Hier zählt vor allem

der Kontakt mit den Unternehmen. „Wir

wollen verstehen, wie Lehrlinge ticken

und was sie in Bezug auf die Berufswahl

Hier kommt jeder auf seinen Geschmack.

beschäftigt. Ein Event wie der Tag der

Lehre gibt uns die Möglichkeit, mit den

Jugendlichen darüber zu sprechen“, so

Alexandra Pattermann, Lehrlingsbeauftragte

bei T-Mobile. Oft stehen Fragen

im Vordergrund wie „wo finde ich eine

geeignete Lehrstelle?“ oder „hat mein

Traumberuf überhaupt gute Zukunftsaussichten?“

Expertinnen und Experten der

Wirtschaftskammer Wien und des AMS

konnten vor Ort genau auf diese Fragen

eingehen und eine umfassende Beratung

für SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern

bieten.

Präzision und handwerkliches

Können sind gefragt.

GO GLOBAL

Dass es die Möglichkeit gibt, während

der Lehrausbildung ein Auslandspraktikum

zu absolvieren, war für viele

BesucherInnen neu. Dabei waren mehr

als 90% der jungen Menschen mit ihrem

Auslandspraktikum sehr zufrieden, so

Alexandra Enzi von OEAD / Erasmus+.

Mit dem Europass kann man die im

Ausland erworbenen Kompetenzen dann

international verständlich dokumentieren.

Mehr Einblicke vom heurigen TdL+ und

alle Infos zu zukünftigen Veranstaltungen

findet ihr auf www.tag-der-lehre.at ●

Klaus Mitterhauser, Johannes Brunnbauer, bereitgestellt

50 / KARRIERE /


SCHULE &

BERUF

WOHIN MIT 14?

L14

AK BILDUNGS- &

BERUFSINFOMESSE

IM BILDUNGSZENTRUM

DER AK WIEN

Theresianumgasse 16-18, 1040 Wien

7. BIS 10.

NOV. 2018

EINE VERANSTALTUNG DER AK WIEN IN ZUSAMMENARBEIT MIT DEM STADTSCHULRAT FÜR WIEN

MESSE UND FAMILIENPROGRAMM FÜR KINDER UND ELTERN MIT ZAHLREICHEN VORTRÄGEN UND WORKSHOPS

FREITAG, 9.11.2018 14.00 -17.00 UHR & SAMSTAG, 10.11.2018 09.00 -17.00 UHR

www.L14.at

/ MIT SCHARF / 51


LIFE & STYLE

Mache mir die Welt, wie sie

mir gefällt

Aleksandra Tulej

MEINUNG

#metoo

in die Fresse

In der Öffentlichkeit sind sie alle Feministen,

Anti-Rassisten und Weltverbesserer.

Über Kavanaugh auf Twitter

empören, bei der #metoo-Debatte

eifrig nicken, beim Sigi-Maurer-Urteil

den Kopf schütteln, über die Frauenquote

diskutieren. Aber wenn ihr

dann Geschichten über konkrete Situationen

hört, in denen wir – Frauen

aus eurem Umfeld – begrapscht,

eingeschüchtert und einfach grindigst

angemacht wurden, heißt es: „Geh,

du bist doch sonst auch nicht so,

jetzt führ dich nicht so auf.“ Außer,

eine Frau wurde per definitionem

vergewaltigt, weil erst dann ist es

plötzlich der große Aufschrei. Bitte,

nehmt uns verdammt noch mal ernst.

Da hilft der Internet-Aktivismus und

das große Gelaber genau gar nichts.

Viele Männer fragen mich nach der

#metoo-Debatte dann noch deppert,

was man jetzt darf und soll: Das, was

wir Frauen aus eurem unmittelbaren

Umfeld euch nahelegen. Und zuhören.

Ich denke, jetzt habe ich es sogar

für die Weltverbesserer in der letzten

Reihe deutlich genug buchstabiert.

tulej@dasbiber.at

Kräuter-Tipp

AM CBD-HYPE

IST WAS DRAN

Ich war nie der große Kiffer. Meine spärlichen

Erfahrungen mit Marihuana hörten

irgendwo mit dem Ende der Pubertät

auf, aber zehn Jahre später habe ich

doch etwas aus dieser Schiene für mich

entdeckt: Cannabidiol, kurz CBD. CBD ist

ebenso wie THC ein Wirkstoff der Cannabispflanze,

also dem Weed, das wir

alle kennen – aber mit einem entscheidenden

Vorteil: Es wirkt nicht berauschend,

fällt daher nicht unter das Suchtmittelgesetz und wird in Österreich legal

verkauft. Sprich: Es entspannt deinen Körper, berauscht deinen Kopf aber

nicht. Man kriegt es in Form von Tropfen, Sprays und Blüten. Offiziell wird

es als Riechkraut verkauft, wenn es sich aber zufällig in einen – legalen –

Joint verirrt, dürfte es auch ziemlich gut wirken. Habe ich gehört. Im Ernst

jetzt: CBD hilft Epilepsieerkrankten, bei Chemos und chronischen Schmerzen.

Gegen Regelschmerzen hilft es übrigens auch, obwohl ich davor

immer auf oldschool Ibuprofen geschworen habe. Ich kann euch sagen:

Das Kraut kann echt was.

Ich durfte die CBD-Produkte von Magu in 1070 Wien probieren, und mein

favourite sind auf jeden Fall die „Flora“-Blüten. Aber probiert es doch

selbst: www.magu-cbd.com

Was war bis jetzt das

coolste Erlebnis in

deiner DJ-Laufbahn?

Ein besonderes Highlight

war sicher, als

ich ganz am Anfang

meiner Laufbahn

das Warm-Up vor

Fritz Kalkbrenner in

Innsbruck vor mehreren

Tausend Leuten

spielen durfte. Der

Manager von Fritz

Kalkbrenner hat sich

danach sogar noch für

das coole Set bedankt,

das hat mich schon

sehr gepusht.

Findest du, dass Frauen

in der Österreichischen

3

FRAGEN AN:

Anna Ullrich

Wiener DJ-ane

DJ-Szene immer noch

unterrepräsentiert sind?

Es hat sich schon

einiges getan in den

letzten Jahren und

mit unserer Veranstaltungsreihe

Puppenhouse

sprechen

wir auch genau dieses

Thema an. Aber grundsätzlich

kann man

schon sagen, dass es

immer noch weniger

Frauen als Männer gibt.

Wo kann man dich das

nächste Mal auflegen

sehen/hören?

Am 25.10.2018 bei

Andhim in der Pratersauna.

Marko Mestrović, magu, bereitgestellt

52 / LIFESTYLE /


WAS FRAU BEWEGT

Clash of

Generations

Von Delna Antia-Tatić und Julie Brass (Fotos)

Zeig mir dein Insta-Profil und ich sag dir, wer du bist. Und wie alt!

Stimmt diese Logik? Hängt unsere Posting-Persönlichkeit von unserer

Generation ab? 1 Tag, 1 Auto, 1 Thema – und 4 Frauen, die losfahren, den

Kopf freikriegen, ordentlich PS genießen und sich austauschen darüber,

was Frau bewegt. Diesmal: Mutter vs. Tochter auf Social Media.

/ LIFESTYLE / 53


Kein Strandfoto, kein Filter, kein Selfie - die Kriterien stimmen.

Ob es dieses Foto wohl in Carmens exklusiven Insta-Feed schafft?

#qualitätvorlikes #amgleichtmetallräder

Wir Alten checken es langsam. Wer erfolgreich

sein will, im Beruf oder sonst wo, der sollte

sich auf Social Media zum Besten geben.

Bescheidenheit bringt nämlich keine Follower.

Da kann man sich auf den Kopf stellen und an die Stirn greifen,

man kann sich die Haare raufen und die Augen verdrehen,

selbst wegschauen und belächeln, es hilft ja letztlich alles

nichts – irgendwann holt uns die Matrix ein. Seufz.

Außer, man hat 435 PS. Da kann man dem Blödsinn einfach

davonfahren. In 4,4 Sekunden von 0 auf 100. Follower kriegt

man automatisch, nämlich alle, die hinterherschauen. Wir

sitzen zu viert in unserem diamantweißen E-Coupe 53 4MATIC

AMG und reißen die Augen auf. Dieses Auto ist leider geil.

Von Bescheidenheit kann keine Rede sein. Hier hat Luxus die

Gestalt eines Sportwagens – mit Sinn für schönes Herbstwetter.

Das Panoramaglasdach über unseren Köpfen ist so riesig

wie himmlisch. Und das ist unser Ziel auch: Wir fahren los, zum

„Himmel“ von Wien und lassen die Sonne rein.

Auf dem Gürtel holt uns die Realität ein. Stau. Die Mittdreißigerin

im Auto – das bin ich – scrollt resigniert über ihren

Instafeed. „Ich bin jetzt offiziell dabei“, verkünde ich. Das

bedeutet, ich schäme mich nicht mehr vor meinem Mann und

meinen Freundinnen, wenn ich etwas poste, womöglich sogar

ein (schönes) Foto von mir. Diese Hemmung – ich blicke in den

Rückspiegel - liegt sie am Alter, der Generation, dem Charakter

oder daran, dass ich Protestantin bin?

DIE PEINLICHKEIT

Niely lacht. „Vielleicht. Ich bin auch Protestantin und mir ist

es in der Tat peinlich.“ Die 47-Jährige Designerin von Brautkleidern

und Kopfschmuck hat sich letztes Jahr intensiv mit

der Bloggerszene auseinandergesetzt, aus beruflichen Gründen.

Danach war ihr schlecht. Die erfolgreiche Unternehmerin

spürte, dass sie die Präsenz auf Social Media braucht, weil

klassische PR und Magazinwerbung längst nicht mehr so wirkungsvoll

sind. Aber auf Instagram plötzlich einen auf Bloggerin

zu machen, funktionierte auch nicht. „Ich habe Schwierigkeiten,

mich persönlich einzubringen, auch wenn ich glaube,

dass es nützlich wäre. Und ein schönes Produktfoto allein

reicht nicht.“ Also suchte sie Expertenrat, flog nach Portugal

und traf eine ihr über Ecken bekannte Star-Bloggerin. Sie wollte

nicht nur das Medium als Businesstool begreifen, sondern

auch die Mentalität dahinter. „Ich musste eine Bloggerin vor

mir haben, ich musste verstehen, wie sie tickt und ich musste

fragen, ob ihr das nicht peinlich ist.“ Damit meint sie die bloggertypische

Dokumentation von banalen Alltagssituationen:

Kühlschrank öffnen und OMG, sich fragen, was man kochen

soll. Niely schüttelt entgeistert den Kopf. „Nachdem ich mit ihr

gesessen bin, war ich wirklich deprimiert. Ich bin dafür zu alt!“

Ist das Insta-Gen also eine Generationenfrage?

Ich blicke zu Nielys Tochter. Carmen ist 17 Jahre alt. Doch

sie zuckt die Achseln. „Das letzte Foto habe ich vor zwei Monaten

gepostet.“ Carmen betont, dass sie nicht stellvertretend für

eine Generation sprechen kann und dass es ja auch wirklich

tollen „Content“ gibt, aber wie ihre Mutter findet sie Bloggertypisches

oft peinlich. Selfies und Strandfotos – „die womöglich

auch noch bearbeitet sind!“ – oder den Hinweis „Check out

my new post“. Das bewirkt bei ihr das Gegenteil: Sie schaut es

Mehr „Ich“ bitte! Auf ihrem Business-Insta-Channel fällt es Niely

schwer, sich selbst einzubringen. Auf dem Fahrersitz samt AMG-

Lenkrad hingegen gar nicht. Es gibt eben Unterschiede im Leben.

#amgisallaroundme

54 / LIFESTYLE /


Der EQ-Booster

Unser Testwagen:

Mercedes-AMG E 53 4Matic+

Coupe

Da geht noch was: Der EQ Boost

Startergenerator liefert kurzzeitig

zusätzliche 16 kW Leistung sowie

250 Nm Drehmoment und macht

das E-Coupe quasi Rennstrecken

tauglich. Durch die Adern des 53er

Modells pocht AMG-Performance im

Luxusformat:

AMG SPEEDSHIFT TCT

9G-Sportgetriebe / Allradantrieb AMG

Performance 4MATIC+ / AMG RIDE

CONTROL+ Luftfahrwerk /AMG-

Lenkrad in Nappaleder

Leistung: 320 kw / 435 PS, 520 Nm /

Beschleunigung 4,4 s von 0-100 km/h

Sie clashen gar nicht. Im Gegenteil: Ein Herz und eine Seele die beiden. Ego-Blogging finden

Mutter und Tochter meist peinlich, Luxus-Sportwagen dagegen sehr praktisch.

#mutterliebe #automassage #435ps

Dieses Auto wurde im Rahmen

einer Kooperation mit Mercedes zur

Verfügung gestellt.

sich nicht an. Die Schülerin der Graphischen ist sehr selektiv,

wem sie folgt, und sehr exklusiv, wer ihr folgen darf. „Ich poste

fast gar nichts und schon gar nichts Privates.“ Die junge Frau

möchte nicht, dass jemand jetzt oder in Zukunft ihren Namen

eingibt und alles über sie erfährt. Aber das sei nicht unbedingt

typisch für ihre Generation. Sie hat auch Freundinnen, die die

Bestätigung von Männern in den Kanälen suchen.

Bestätigung suchen wir gerade nicht, sondern eine Allee.

Wir sind nämlich da und wollen shooten. Die Männer kommen

von allein, inzwischen der dritte Wagen, der anhält. Hach,

nerv, typisch. Frauen und AMG-Leichtmetallräder, ein ewiges

Klischee. Dabei ist es ein Familienshooting. „Wollt ihr keinen

Mama-Tochter-Blog gründen!?“ Das Potenzial der beiden ist

offensichtlich, geradezu ein Flash of Generations! Die brasilianische

Muttereleganz mit der austro-brasilianischen Matrixtochter,

ich sehe den Kanal schon vor mir. „Nein, zu peinlich“,

Carmen schüttelt den Kopf. Ach ja, die Peinlichkeit. Trotzdem

hat sie zwei Kanäle. Einen privaten für Freunde (und leider nicht

die Mama!) und einen offiziellen als eine Art Portfolio: „Wenn

jemand fragt, was ich so mache, schicke ich mein Insta-Profil.“

DAS ICH AUF INSTA

Die Mama nickt. „Es ist keine Generationenfrage, es ist eine

Frage der Zeit.“ So könnten selbst ihre Bekannten und Freunde,

also Leute in ihrem Alter, nichts mehr tun, ohne es zu posten.

Das nervt Niely ebenso wie die „Egoblogger und ihre Allüren“.

Durch das Braut-Business ist Niely mit vielen in Kontakt und

diagnostiziert ab 10.000 Followern eine Art „Machtgefühl“.

Apropos Allüren und Machtgefühl: Jede Bloggerin hätte eine

wahre Freude an unserem Auto. Man kann nicht nur die Farben

der Interieurbeleuchtung individuell einstellen, sondern auch

die Beduftung (!), man kann sich nach einem anstrengenden

Selfie-Shooting massieren lassen und in Sachen Machtgefühl

muss man bei dem EQ Boost Motor wohl nicht lang reden.

Wir wollen reden, daher setzen wir uns zu Apfelkuchen

mit Kakao hin. „Eigentlich liebe ich Social Media“, gesteht

Mama Niely dabei. „Ich bin eine Ausländerin von der anderen

Seite des Ozeans und noch weiter – es ist meine Brücke zur

Heimat.“ Als Privatperson postet und kommentiert sie leidenschaftlich

gern. Tochter Carmen grinst. „Ich bin ihr Gegenteil!

Die Kommentarfunktion habe ich sogar abgestellt.“ So ist das

eben: Irgendwo ist es auch eine Charaktersache. Die Mama ist

halt der Typ Mensch, der die Pferde im Vorbeigehen begrüßt.

(Brasilianisches Sprichwort)

Wie läuft denn das Geschäft nun durch Social Media? „Ich

verkaufe in der Tat besser, seitdem ich auf Instagram bin.“

Niely hat nach dem ersten Schock drei junge Frauen engagiert,

die ihr bei ihrem Kanal helfen. „Sie pushen mich, dass ich mein

„Ich“ mehr einbringe.“ Aber leicht fällt es ihr nicht. Wie das

Kommentieren auf anderen Kanälen, das sogenannte „Engagement“,

das für die Reichweite eines Insta-Channels so wichtig

ist. „Ich muss vier Wörter schreiben – aber es gibt manchmal

einfach keine vier Wörter, um diesen Blödsinn zu loben!“ Wir

lachen. Dafür fallen uns sofort vier Wörter ein, um unser Engagement

mit dem E-Coupe auszudrücken: Ja, wir wollen ihn.

„Es ist nicht nur Blödsinn!“ Carmen bricht nochmal eine

Lanze für den Zeitgeist: Es hat auch viel Gutes. Trends für ein

bewussteres Leben oder etwa der einst verstaubte Feminismus

erfuhren plötzlich eine ungeahnte Breitenwirkung. Das ist in

der Tat gut.

Wir Alten nicken einsichtig. Die Jugend hat recht. Wollen

wir uns mal nicht wie grantige Wiener Omis geben. Also Massagefunktion

an, Sonnenbrillen rauf und im Sportmodus wieder

runter auf die Erde.●

/ LIFESTYLE / 55


KULTURA NEWS

Verstaubte Museen sind

Schnee von gestern.

Von Jelena Pantić-Panić

Verhüllt, enthüllt

MEINUNG

Schau, schau

Sag mir, was du schaust und ich

sag dir, wer du bist. Aufgewachsen

bin ich wie jedes Neunziger-

Kind mit Disneys Meisterwerken.

Dann sind in meiner Familie Klassiker

wie Mafia-Filme und Rocky

sehr gerne gesehen. Für mich

waren gute Filme immer ernst.

Die Devise lautete: Dramen

sind gute Filme, alles andere ist

Unterhaltung. Und dann kam das

Internet. Mein Medienkonsum

hat sich in den letzten Jahren

wahnsinnig verändert. Er ist

irgendwie seichter geworden.

Der Platz in meinem Kopf, in

dem ich früher über Dokus und

Dramen sinniert habe, ist dank

Social Media nun von Memes

und Beauty-Anleitungen besetzt.

Ich glaube, ich muss mich wieder

meiner Wurzeln besinnen

- es ist wieder Zeit für König der

Löwen und der Pate.

pantic@dasbiber.at

AUF DEN

SPUREN

DER FLUCHT

Flucht auf Europäisch: Seit

Jahrhunderten verbindet Europa

gemeinsame Fluchterfahrungen,

15 Objekte aus fünf mittel- und

südosteuropäischen Museen

geben Einblick. Europas Menschen

teilen Erfahrungen zu Krieg,

Genozid, religiöser und politischer

Verfolgung, existenzieller Not

und ethnischen Konflikten auf

unterschiedliche Art und Weise.

Manche waren gezwungen, ihre

Heimat zu verlassen und anderswo

Schutz zu suchen, manche

finden sich in der Position, diesen

Schutz zu gewähren oder zu verweigern.

“Fluchtspuren” könnt ihr

euch im Wien Museum noch bis

zum 13. Jänner 2019 ansehen.

Wien Museum, Karlsplatz 8, 1040

Wien, Dienstag bis Sonntag &

Feiertag, 10 bis 18 Uhr,

wienmuseum.at

Für die einen ein Stück Stoff, für die anderen

ein Ausdruck religiöser Freiheit oder aber

auch Symbol der Unterdrückung. Kaum ein

Kleidungsstück vermag es die Gemüter so zu

erhitzen wie das Kopftuch. Auch wenn das

Verhüllen der Haare heute hauptsächlich mit

dem Islam in Verbindung gebracht wird, hat

es auch in der christlichen Kultur historisch

gesehen einen Platz. Das Sinnbild des Verschleierns

ist gleich: Ehrbarkeit, Schamhaftigkeit

und Jungfräulichkeit. Die Ausstellung

“Verhüllt, enthüllt” im Weltmuseum zeigt

neue Blicke auf das Kopftuch. Das Kopftuch

bietet buchstäblich viel Stoff für eine intensive

Auseinandersetzung - während Iranerinnen

gegen Kleiderverordnungen lautstark

protestieren, erobert “Modest Fashion” die

westlichen Laufstege. Das Weltmuseum

zeigt 17 eigenständige Positionen

zum Thema Kopftuch, die den Blick

darauf um neue und unerwartete

Aspekte erweitern sollen.

Weltmuseum Wien, Heldenplatz,

1010 Wien, 18. Oktober 2018 bis 26.

Februar 2019, täglich außer Mittwoch

10-18 Uhr, Freitag bis 21 Uhr,

weltmuseumwien.at

Weltmuseum Wien; DIE WURZELN VRŠAC - Robert Hammerstiel © Muzej Vojvodine, Novi Sad; Filmladen Filmverleih

56 / KULTURA /


FILMNEWS

Ein Stück Kolonialgeschichte

Ein westafrikanischer Junge

wird als Kindersklave verkauft

und Angelo getauft

- er wird zum Sinnbild der

christlichen Unterwerfung

mit dem Ziel “Wilde zu Menschen

zu machen”. Angelo

Soliman (gespielt von Makita Samba) geht als berühmter

“Hofmohr” und mythologische Figur im 18. Jahrhundert in

die Wiener Stadtgeschichte ein. Er wird zum Kammerdiener,

als Exponat unter den Reichen herumgereicht, dann Freimaurer

und schließlich nach seinem Ende präpariertes Ausstellungsobjekt.

Nach einer wahren Begebenheit erzählt der

Film ANGELO Kolonialgeschichte sowie geistige und körperliche

Vereinnahmung. Ein Film darüber, wer die Geschichte

schreibt und wen der Schreiber zu Wort kommen und wen

verstummen lässt. Angelo von Markus Schleinzer ist ab 9.11.

in den österreichischen Kinos zu sehen.

Was würdest du

tun?

Stell dir vor, du hast ein

Segelboot. Und du segelst

in deinen Urlaub, um dich

zu erholen. Und jetzt stell

dir vor, du gerätst in einen

Sturm und triffst plötzlich

auf ein überladenes

Flüchtlingsboot. Was tust du? Die Ärztin Rike gerät statt in

den Urlaub in ein moralisches Dilemma - nachdem sich die

Rettung durch Dritte als unwahrscheinlich herausstellt, wird

Rike gezwungen zu handeln. Der Film Styx wird nahezu ohne

Dialoge, dafür bildgewaltig und berührend erzählt. Ab 23.11.

in den Kinos.

Beleidigend

Kann die Streitigkeit über

ein illegal montiertes

Abflussrohr ein ganzes

Land spalten? Toni, Mechaniker,

Christ und gebürtiger

Libanese und Yasser,

Vorarbeiter am Bau und

palästinensischer Flüchtling

geraten wegen einer Nichtigkeit aneinander - schnell

schaukeln sich die Beleidigungen hoch und die Auseinandersetzung

landet vor Gericht. Verletzte Ehre, religiöser Eifer und

Medien mischen sich dazu und ehe man sich versieht, wird

auf den Straßen randaliert. “Der Affront” ist ein Film über die

Traumata eines Landes und seiner Bewohner, die aus der

Vergangenheit heraus bis in die Gegenwart wirken. Ab 19.10.

in den Kinos.


Take a

seat!

12 Euro-

Restkarten für

U27 im Wiener

Konzerthaus

Was ist der häufigste Grund nicht in ein

Konzert zu gehen? Keine Zeit, zu träge

oder, seien wir mal ganz ehrlich, das

Geld? Oft weiß man ja vorher gar nicht,

ob es einem wirklich so richtig gut

gefällt. Und dafür dann viel ausgeben?

Und, jetzt denken wir an die großen

Häuser - die halbwegs bezahlbaren

Karten sind dann auch noch ziemlich

weit weg von der Bühne. Aus all diesen

Gründen hat das Wiener Konzerthaus

letztes Jahr eine Kampagne gestartet:

„Take a seat!“ Für alle nicht ausverkauften

Konzerte vergibt es für alle unter

27-Jährigen Restkarten um 12 Euro an

der Abendkassa. Und die Plätze liegen

immer in den bestmöglichen Kategorien.

Da kann man also schon mal auf

Plätzen ganz vorn landen, die regulär

locker das fünf- bis sechsfache gekostet

hätten.

Cécile McLorin

Salvant wird am

10. November

mit dem Clayton

Hamilton Jazz

Orchestra

auftreten

Das Angebot mit den 12 Euro-Restkarten

gilt für alle Veranstaltungen der

Wiener Konzerthausgesellschaft, bei

denen keine speziellen Kinder- und

Jugendpreise angeführt sind. Die Karten

gibt es ab 30 Minuten vor Veranstaltungsbeginn

an der Abendkassa.

Der israelischen

Pianist Idan

Raichel ist am

28. November mit

dem MoZuluArt

Ensemble zu

sehen.

Igor Ripak, Mark Fitton, Lukas Beck

Dieser Artikel ist eine entgeltliche Schaltung in Form einer Kulturkooperation mit dem Konzerthaus. Die redaktionelle Verantwortung liegt allein bei biber.

58 / KULTURA /


Naturally 7 gastieren am 25. November im Konzerthaus

In den nächsten Wochen könntet ihr euch zum

Beispiel anschauen:

● Ladysmith Black Mambazo am 2. November. Der

berühmteste Chor Afrikas hat schon vor dem Papst,

der englischen Queen und Nelson Mandela bei der

Verleihung des Friedensnobelpreises gesungen;

● Ein „hochromantisches“ Konzert mit den Wiener

Symphonikern mit Chefdirigent Philippe Jordan

und Bariton Thomas Hampson am 6. November;

● Die amerikanische Bluegrass-Band Punch

Brothers am 7. November. Was einst in einem

kleinen Club begann, ist nun auf den Bühnen der

Weltmetropolen zu hören – unbändige Spielfreude

und unglaubliche Virtuosität;

● Die Big-Band Clayton Hamilton Jazz Orchestra mit

der großartigen Sängerin Cécile McLorin Salvant

am 10. November.;

● Die Stimmakrobaten aus New York: Naturally 7 am

25. November. „Die Band ohne Band“ schafft es,

Gitarre, Bass, Schlagzeug und sogar Didgeridoo

so überzeugend nur vokal zu reproduzieren, dass

der Eindruck entsteht, eine Band mit Instrumenten

stehe auf der Bühne. Bestenfalls wird ein wenig

Hall dazu gemischt, auch eine Loopmaschine muss

sein, weil die Sänger oft und gern mit Hip Hop

und House flirten und manch clever arrangierter

Popsong schnell zur Rap-Nummer mutiert;

● Den Weltenbummler und israelischen Pianisten

Idan Raichel am 28. November. Mit MoZuluArt,

einem aus Simbabwe und Oberösterreich

stammenden Ensemble, macht er sich für ein

Miteinander der Kulturen stark.

Alle Konzerte finden sich natürlich auch im Internet:

www.konzerthaus.at

The Art of Song

»A cappella«

02/11/18

Ladysmith Black

Mambazo

25/11/18

Naturally 7

13/12/18

Take 6

Foto: Michiel Hendryckx


WIE KANN

MAN NUR

FÜR DIE

„KRONE“

ARBEITEN?

60 / MIT SCHARF /

Zur Person

Maida Dedagic

absolvierte 2011

die biber-Akademie.

Danach arbeitete sie

als Online-Journalistin

für msn.at, bevor

sie wieder zu biber

zurückkehrte. Seit 2015

ist Maida Redakteurin

der Kronen Zeitung im

Wien-Ressort.

Soza Almohammad


Maida Dedagic ist ehemalige biber-

Journalistin, die seit drei Jahren bei

der „Krone“ arbeitet. Noch heute

wird sie in „linken und progressiven“

Kreisen gefragt, wie sie das nur tun

konnte. Hier schreibt die Journalistin,

warum ihr diese Scheinheiligkeit auf

die Nerven geht.

Ich kann nicht mehr zählen, wie oft mir diese Frage

gestellt wurde. „Du warst doch mal bei Biber. Wie kannst

du jetzt nur für die Krone arbeiten? Du könntest etwas

Sinnvolles machen. Fühlst du dich da nicht dreckig? Wie

hältst du es da nur aus?“. Ich habe nichts gegen die Fragerei.

Aber die Scheinheiligkeit der Fragensteller fasziniert mich

dann doch. Da stehen Menschen vor mir, die sich politisch

dem linken, progressiven, toleranten Lager zuordnen. Sie kritisieren

bei jeder Gelegenheit, dass die Medienlandschaft von

Männern dominiert ist und fordern mehr Frauen und mehr

Migranten in den Leitmedien.

Das Problem ist nur, sie meinen es offenbar überhaupt

nicht so. Ich wäre ja jetzt da. Jung, weiblich, migrantisch,

„Krone“-Redakteurin. Ich schreibe für einen nicht ganz unerheblichen

Teil der Österreicher. Ausgerechnet jene, die das

tagtäglich fordern, finden das aber ganz schlimm. In ihren

Köpfen ist die „Krone“ Mordor und sie selbst freilich Gandalf,

der Weiße. Ich frage jetzt einmal zurück: Wie hält man es

eigentlich mit der Scheinheiligkeit aus?

Die „Krone“ braucht meine Verteidigung gewiss nicht.

Sie ist die meistgelesene Zeitung. Sie schreibt Geschichten,

an denen keiner vorbeikommt. Hier haben einzelne Journalisten

bessere Kontakte als ganze Redaktionen. Auch wenn

man nicht selber jede Meinung vertritt, hat die Meinung ihren

Platz. Wie das in den besten Familien halt so ist. Ich habe

in meinen ersten drei Jahren „Krone“ schon sagenhaft viel

lernen dürfen. Wie ich da arbeiten kann? Ganz wunderbar.

Und sehr gerne.

Die Wahrheit ist: Sachlich macht es überhaupt keinen

Sinn, warum ich oder irgendjemand anderes nicht bei der

„Krone“ arbeiten sollen dürfte. Aber um die Sache geht es

heute den wenigsten. Hauptsache, man findet irgendwo

einen Schnipsel, der die eigene Ideologie unterstützt. Und

man findet schnell etwas, um gegen Rechte oder Linke zu

schreien, um gegen Ausländer oder den Islam zu wettern

oder über die Regierung und die FPÖ-Wähler zu schimpfen.

Jede Ideologie ist schnell bedient, wenn man will. Nur Ideologie

löst keine Probleme. Im Gegenteil. Man macht es sich zu

einfach. Als ich vom Biber zur „Krone“ geholt wurde, sagte

ich, dass ich wahrscheinlich kaum der größte Fan der Zeitung

bin. „Machen Sie es doch besser!“, kam als Antwort zurück.

Vielleicht könnten alle mal wieder ihre Scheuklappen ablegen

und dazu übergehen, es sich zumindest nicht zu einfach zu

machen. ●

/ MIT SCHARF / 61


„Die Leiden des jungen Todor“

Von Todor Ovtcharov

Die Bettelmafia

Bitte Brüderchen, wir sind doch Landsmänner!

Du kannst keinen anderen

Bulgaren im Stich lassen! Gib mir 2-3

Euro, damit ich mir ein Kebabchen kaufen kann,

ich sterbe vor Hunger!”. Dieser Landsmann hat

mich in die Ecke gedrängt. Er spricht mich in

meiner Muttersprache an – und das gibt mir ein

unangenehmes Gefühl. Ich kann doch keinen

Landsmann ohne 2-3 Euro und somit auch ohne

ein “Kebabchen” lassen. Er hat mich erwischt

und ich muss solidarisch sein. Ich weiß, dass er

von mir, falls ich ihn noch einmal treffe, nichts

bekommen wird. Erstens werde ich nicht mehr

so unvorbereitet sein und zweitens sagt Berthold

Brecht in der „Dreigroschenoper“, dass Bettler

höchstens dreimal Mitleid erzeugen können. Und

die Klassiker haben immer recht. Ein Bekannter

von mir meint, dass er immer in guter Gesundheit

ist, weil er jedem Bettler was gibt und sie ihm

immer ein gutes Leben und Gesundheit wünschen.

Ich weiß nicht, ob er recht hat, aber ich

mache es ähnlich wie er. Einer meiner Lieblingsbettler

in Wien ist einer, der immer Heavy Metal

hört und sich mit dem Erbettelten Konzertkarten

für seine Lieblingsbands kauft. Ich habe auch mal

einen Bettler gesehen, der mit einem Schild “Ich

sammle Geld für einen neuen BMW” in der Fußgängerzone

saß. Wo er wohl den alten geparkt

hatte? Ich kenne persönlich einige Bettler, die

sich als Zeitungsverkäufer ausgeben. Sie verdienen

ungefähr 20 Euro am Tag und sind sicherlich

kein Teil von einer organisierten Gruppe. Sie

betrachten sich eher als Kämpfer für die freie

Presse. Ich habe auch einen Bettler gesehen,

der mit dem entwaffnenden Schild “Ich bin eine

dreckige Sau und bin zu faul um zu arbeiten!”

dastand. Das ist so ehrlich, dass man nicht mal

böse auf ihn sein darf. Trotzdem sprechen vor

allem die rechten Parteien immer wieder von der

Bettelmafia, die echte Mafiacapos von Osteuropa

nach Wien bringt. So wie im Kusturica-Film

“The Time of the Gypsies” - nur ganz ohne

Romantik. Ich frage mich, ob Wiener eher Geld

an einen Bettler geben würden, wenn er sie im

Wiener Dialekt anspricht, so wie ich meinem

Landsmann? Eigentlich habe ich auch mal als

Bettler gearbeitet. In einem großen Geschäft für

Baumaterialien habe ich Spenden für die Clown-

Doktoren gesammelt. Als Spendensammler, oder

besser gesagt professioneller Bettler, hatte ich

eine rote Nase an und bettelte die Leute an, ihr

Restgeld an der Kasse in meine Spendendose zu

werfen. Ich lächelte die ganze Zeit und war ganz

sympathisch in meinem Bettlerjob. Viele gaben

mir ein bisschen Geld. Trotzdem wurde ich nach

drei Tagen gefeuert. Von allen Bettlerkollegen

hatte ich am wenigsten erbettelt. Um im Zeitgeist

zu bleiben, muss ich wohl auch aufhören, Bettlern

Geld zu geben. Sogar denjenigen, die mich

auf Bulgarisch ansprechen. Trotzdem mache ich

weiter, denn Politiker haben im Gegensatz zu den

Klassikern nicht immer recht. ●

62 / MIT SCHARF /


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Melina ist Querdenkerin. Das muss sie auch sein. Denn als Logistikerin bei der ÖBB Rail Cargo Group

hat sie es täglich mit komplexen Transportaufträgen zu tun. Geht es doch darum, ganz Europa mit

Asien zu vernetzen. Den Überblick verliert sie zusammen mit ihren Kollegen und Kolleginnen dabei nie.

IMMER IN BEWEGUNG. ÖBB.

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