Empfehlungskatalog 2018

WortReich

Ein Katalog voller kleiner Perlen und großer Schätze.

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Liebe Kundinnen und Kunden,

Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen - Erwachsenen, damit sie aufwachen.

Dieses Zitat stammt von dem Schriftsteller Jorge Bucay, dessen Bücher voller Weisheit und

Wahrheit sind. Und auch mit diesem Ausspruch hat er unserer Meinung den Nagel auf den Kopf

getroffen. Literatur vermag so viel. Sie beruhigt uns, berührt uns und rüttelt uns auf. Manch

ein Buch beschert uns schlaflose Nächte, das andere lässt uns angenehm träumen. Für uns

ist gute Literatur vor allem ein Augenöffner. Wir blicken in andere Leben, lernen verschiedene

Schicksale kennen und werden somit reicher. Bücher lesen erweitert die Empathie und hilft,

viele Dinge zu verstehen. All die Bücher in diesem Katalog haben uns im vergangenen Jahr

einzigartige Momente geschenkt, die uns verändert haben. Wir wünschen uns und Ihnen, dass

Ihnen das gleiche widerfährt. Tauchen Sie ein in fremde Welten und einzigartige Geschichten.

Lassen Sie sich trösten, aufrütteln, gefangen nehmen und beschenken. Wir wünschen Ihnen

viele besondere Leseerlebnisse. Vor allem aber wünschen wir Ihnen, dass Sie wach bleiben.

In Zeiten wie diesen brauchen wir aufmerksame Menschen mit Weitblick.

Und denken Sie immer daran: Bücher erreichen Stellen, da kommt der Fernseher gar nicht hin.

Herzlichst, Ihr WortReich-Team

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Ein Buch wie ein Familienalbum

Im letzten Jahr war Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky mein absolutes Lieblingsbuch,

und ich konnte viele von Ihnen ebenfalls für diesen wundervollen Roman begeistern. In den letzten

Monaten habe ich verzweifelt nach einem Buch gesucht, das mich ähnlich tief berührt und hatte die

Hoffnung schon fast aufgegeben. Doch dann kam Dörte Hansen mit ihrem neuen Buch Mittagsstunde

um die Ecke. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich Ihren Erfolgsroman Altes Land nicht gelesen habe, so dass

ich überhaupt keine Vergleiche zum Debüt ziehen kann. Was ich aber sagen kann, ist, dass Mittagsstunde

für mich eine bezaubernde Geschichte mit liebenswert-skurrilen Persönlichkeiten bietet, und somit ein

Roman ganz nach meinem Geschmack ist. Erzählt wird die Geschichte des fiktiven nordfriesischen Dorfes

Brinkebüll, das -ähnlich wie viele reale Dörfer- mit den Entwicklungen der Neuzeit zu kämpfen hat. Bäume

werden gefällt, Straßen geteert und der letzte Tante-Emma-Laden ist auch schon lange geschlossen.

Einzig die Kneipe Dorfkrug hält sich noch. Wir begleiten Ingwer Feddersen, der Brinkebüll für das Studium

verlassen hat und nun als Hochschullehrer für Archäologie in Kiel arbeitet. Nun kehrt er in das Heimatdorf

zurück, um seine Großeltern, den Gastwirt Sönke und seine Frau Ella zu pflegen. Ingwer nimmt sich dafür

ein Sabbatjahr, was für ihn auch die Flucht aus seinem wenig zufriedenstellenden Leben bedeutet. Durch

Ingwers Augen blicken wir auf das siechende Brinkebüll, seine Bewohner und all die großen und kleinen

Schicksale, die untrennbar mit dem Dorf verbunden sind. Ich habe jeden einzelnen Brinkebüller tief in mein

Herz geschlossen. Dörte Hansen schreibt in einer unvergleichbaren Mischung aus warmer Melancholie

und leisem Witz. Mittagsstunde ist ein großes Geschenk. (Penguin, 22,-€)

-Dennis Witton-

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Zum Abtauchen schön

Diese zwei Bücher sind die perfekten Begleiter für Regentage. Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden

ist eine philosophisch-nachdenkliche Geschichte, die rund um die Frage vom gelungenen Leben kreist. Aus

heiterem Himmel erfährt ein junger Briefträger, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Vermeintliche Hilfe

ist in Sicht: Als er nach Hause kommt, erwartet ihn der Teufel mitsamt einem Angebot: Der Briefträger

kann sein Leben verlängern, wenn er im Gegenzug einwilligt, dass jeden Tag eine andere Sache von der

Welt verschwindet. Der Briefträger lässt sich auf dieses Geschäft ein. An Tag 1 verschwinden alle Telefone.

Am zweiten Tag die Filme, am dritten alle Uhren. Als am vierten Tag alle Katzen verschwinden sollen,

gebietet der Briefträger dem Teufel Einhalt. Und macht etwas völlig Überraschendes. Genki Kawamura

hat einen warmherzigen Roman geschrieben, der die Seele streichelt. (Bertelsmann, 18,-€)

Auch Willems letzte Reise von Jan Steinbach ist ein zu Herzen gehender Roman. Willem ist ein seit vielen

Jahren verwitweter Kleinbauer aus Ostfriesland. Zu seinen Kindern hat er keinen bis wenig Kontakt. Seine

Tochter Marion hat sich gerade von ihrem Mann getrennt und ist nun mit der Erziehung ihres Sohnes Finn

vollkommen überfordert. Deswegen bringt sie den achtjährigen zu Willem, in der Hoffnung, dass dieser

sich vielleicht als guter Opa erweist. Finn begeistert sich für den alten Traktor des Opas und sie beginnen

mit der Restauration des alten Fahrzeugs. Gemeinsamen fassen die beiden den Plan, mit dem fertig

restaurierten Lanz in das Werk zu fahren, in dem er hergestellt wurde. Eine niederschmetternde

Diagnose sorgt allerdings dafür, dass Willem früher als erwartet aufbricht. Dieses Buch ist ein wahrer

Schatz. Jan Steinbach erzählt vom großen Schweigen, der Chance auf Versöhnung und neuen Abenteuern.

Ein wohltuendes Buch. (Ruetten&Loening, 14,-€)

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Madonna, Marlboro Menthol und Mauke

Reisen Sie mit Tausend deutsche Diskotheken in die 80er und steigen Sie tief ein in diese skurrile Geschichte.

Alles beginnt mit einem anonymen Erpresseranruf. Dieser gilt dem Bundesbahnmanager Mauke, der in

ein paar undurchsichtige Machenschaften verwickelt ist. Alles, was er über den Anruf sagen kann ist,

dass dieser aus einer Großraumdiskothek kam, in der zum Zeitpunkt des Telefonats Madonnas Lied

White Heat aus dem Album True Blue lief. Mauke kontaktiert seinen alten Bekannten Frankie, der sich

nun um die Identifizierung des Anrufers kümmern soll. Da Frankie nichts Besseres zu tun hat, er steht

sowieso kurz vor dem Bankrott, nimmt er den Auftrag an und klappert nun die Diskotheken Münchens

in seinem zucchinigrünen Opel Admiral ab, um den Täter aufzuspüren. Da er dort nicht fündig wird,

erweitert er die Suche, bis er schließlich in der gesamten BRD unterwegs ist. Unterstützt wird er dabei

von dem ewigen Philosophie-Studenten Jens Wetterstein und diversen Frauenbekanntschaften in

Frankfurt, Düsseldorf und München. Autor Michel Decar lässt uns die Zeit der Dauerwellen und

Neonfarben nochmal hautnah miterleben. Wir begegnen einem Deutschland, das noch durch eine

Mauer geteilt war, in der Diskotheken noch verraucht waren und Tennis zur beliebtesten Sportart der

Deutschen avancierte. Aber auch die Paranoia war weit verbreitet. Ständig hatte man Angst vor der DDR,

den Russen, dem Geheimdienst oder anderen potentiellen Feinden der Bundesrepublik. Michel Decar

entführt uns tief in dieses zerrissene Land, in dem man sich zu jeder Sekunde vor dem Auseinanderbrechen

des Bekannten fürchtete. Tausend Deutsche Diskotheken macht Spaß, Angst und Laune.

(Ullstein fünf, 20,-€)

-Dennis Witton-

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Familiengeschichte mit Sogwirkung

Die Jahre der Leichtigkeit ist das erste Buch einer fünfbändigen Familienchronik. Im Zentrum steht die

Familie Cazalet, die der oberen Mittelschicht angehört. Jeden Sommer trifft sie im Elternhaus in Sussex

zusammen, um dort die Sommerfrische am Meer zu genießen. Auch in den Sommern 1937 und 1938

füllt sich das Haus mit den drei Cazalet-Söhnen, ihren Ehefrauen und Kindern. Die einzige Tochter ist

unverheiratet und lebt mit den Eltern zusammen vor Ort. Die unbeschwerten Sommertage sind angefüllt

mit dem privaten Glück und den Nöten der Erwachsenen, mit der Ungeduld einer Jugend, die darauf

brennt in das Abenteuer Leben einzutreten und mit Kindern, die ihre Freiheit genießen.

Im gesamten ersten Band werden die einzelnen Familienmitglieder umfassend beschrieben und in

zahlreichen Dialogen wird ihnen Raum gegeben sich selbst zu präsentieren. So werden dem Leser

Geheimnisse offenbart, die den Cazalets untereinander verborgen bleiben. Es gelingt Elizabeth Jane

Howard die Figuren und ihre Charaktere dem Leser so nahe zu bringen, dass sich beim Lesen eine

gewisse Sogwirkung einstellt. Man möchte wissen wie es mit ihnen und den heimlichen Geliebten, den

ungewollten Schwangerschaften, den Seitensprüngen und all den Zukunftsplänen und -ängsten weitergeht.

Überschattet und beeinflusst werden die privaten Angelegenheiten von den politischen Entwicklungen.

Ende der 30er Jahre wächst die Wahrscheinlichkeit in Europa, dass es zu einem weiteren Krieg kommen

wird. Diese Mischung aus privaten und politischen Turbulenzen macht extrem neugierig auf den

Fortgang der Ereignisse im Hause Cazalet. (dtv, 16,90€)

-Ute Büttner-

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Ein Mädchen zwischen zwei Familien

Als Dreizehnjährige kannte ich meine andere Mutter nicht mehr.

So beginnt die Geschichte 1975 in einem kleinen italienischen Dorf in den Abruzzen, in der ein junges

Mädchen nur mit einem Koffer und einem Sack voll Schuhen bei einer ihr unbekannten Familie

abgegeben wird. Als Grund wird genannt, dass ihre echten Eltern sie wiederhaben wollen. Im Dorf

nennen sie alle Arminuta die Zurückgekommene. Warum ist sie hier? Wieso wollte man sie nicht mehr?

Die andere Familie lebt ein karges Leben in Armut, das Essen ist knapp, der Ton ist schroff. Die

Zurückgekommene teilt sich ein Zimmer mit der kleinen Schwester und den großen Brüdern. Arminuta

ist eine ausgezeichnete Schülerin, der alle Wege offenstehen könnten. Wir erleben die Zerrissenheit und

Trauer, die Arminuta umgeben. Gleichzeitig nähert sie sich ihrer Schwester, dem Bruder und sogar der

Mutter an. Eine ungewöhnliche Familiengeschichte über Zugehörigkeit und Verantwortung, Verstrickungen

und Mutterliebe und davon, was es bedeutet, den eigenen Platz im Leben zu finden.

Donatella di Pietrantonio schreit sich mit diesem Buch in die Herzen der Leser. Man ist berührt von der

Geschichte dieses Mädchens, das auf der Suche nach seinem Platz in der Welt ist. Dabei ist die

Geschichte niemals schwer, weil sich Arminuta von der neuen Situation nicht unterkriegen lässt. Sie stellt

sich ihrem Schicksal und versucht, ihr neues Leben aktiv zu gestalten.

Ich habe selten so etwas zugleich Trauriges wie auch Schönes gelesen. Meine absolute Leseempfehlung

in diesem Jahr! (Kunstmann, 20,-€)

-Nadine Gladbach-

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Reise in die Abgründe der Seele

Würde man nur die äußere Handlung von Dunkelgrün fast schwarz von Mareike Fallwickl erzählen, zöge

eine junge Familie von der Stadt aufs Land. Auf einem Spielplatz lernt die Mutter eine andere junge Frau

kennen und ihre Söhne Raffael und Moritz freunden sich an. Sie gehen gemeinsam in den Kindergarten

und später in die Schule. Vor dem Abitur gesellt sich Johanna zu dem Freundesduo. Moritz verliebt sich

in sie und als Johanna schwanger wird, verzichtet er auf sein Kunststudium. Johanna verliert das Kind

und verlässt Moritz und den Ort, so wie vorher bereits Raffael. Irgendwann übernimmt Moritz den

Betrieb seines Onkels, lernt ein Mädchen kennen und steht kurz davor, Vater zu werden, als plötzlich

erst Raffael und später auch Johanna bei ihm vor der Tür stehen. Aber darum geht es nur in zweiter Linie

in diesem Roman, die zentrale Rolle spielen die Gefühle und Empfindungen von drei Personen, die über

sich Auskunft geben: Marie, die Mutter, Moritz und Johanna. Der mit den intensivsten Empfindungen ist

Moritz, ein Synästhetiker. Menschen, Gegenstände und Situationen werden von ihm farblich, auch

geschmacklich und akustisch wahrgenommen. Als er Raffael kennenlernt, nimmt er ihn als grün wahr. Er

ist in dieser Freundschaft von Anfang an der aktive Part. Bereits zu Beginn ihrer Freundschaft nutzt

Raffael Moritz aus und manipuliert ihn. Marie hat das Wesen des Freundes schnell erkannt, aber ihr

gelingt es nicht ihren Sohn vor ihm zu schützen. Dieser Roman bietet ein äußerst intensives Leseerlebnis,

denn der Leser ist ganz nah dran an den Figuren, ihren Hoffnungen, Sehnsüchten, Ängsten und

Abgründen. Ein raffiniert gemachter Psychothriller ohne Blut und Ermittler.

(Frankfurter Verlagsanstalt, 24,-€)

-Ute Büttner-

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Faszinierende Familien- und Landesgeschichte

Bei meiner ersten Buchvorstellung in diesem Jahr geht es - wie kann es anders sein - um eine wunderbare

italienische Autorin, die mit Ihrem dritten Buch eine Meisterleistung vollbracht hat. Francesca Melandri.

Wer für Italien, Land und Leute etwas übrig hat, sollte dieses Buch unbedingt lesen; hoch aktuell trifft es

exakt den Ton der Zeit. Zehn Jahre hat die Autorin für dieses Buch recherchiert, ist sogar nach Äthiopien

gereist und traf vor Ort Zeitzeugen, die heute noch Italienisch sprechen.

Zunächst ist dieser Roman eine Familiengeschichte, eine Geschichte über Italien und über Kolonialismus.

Als Ilaria eines Tages ihr Haus betreten will, sitz dort ein junger Afrikaner auf der Türschwelle und sagt:

'Dein Vater ist mein Großvater'. Er behauptet, er sei ihr Neffe, der Sohn eines Bruders, von dem Ilaria nichts

wusste. In seinem Ausweis steht der Name Shimeta Letmgeta Attilaprofeti. Der Unbekannte spricht nahezu

perfekt Italienisch und sagt: Attilio Profeti weiß, wer ich bin, frag ihn, er ist mein Großvater. Nur: Attilio Profeti

ist 95 Jahre alt und dement. Ilaria recherchiert über ihren Vater und rollt damit die Kolonialgeschichte

Italiens auf. Man lernt die Familie Profeti kennen, das Bigamistenleben des Vaters, der drei Familien

hatte: eine in Afrika und zwei in Italien.

In diesem Buch erfährt man unglaublich viel über das Gesamtbild der italienischen Geschichte! Man liest

einen großen italienischen Familienroman, der es an Aktualität nicht fehlen lässt. Schier unglaublich wird

eine Familiengeschichte über drei Generationen erzählt, ein schonungsloses Portrait der italienischen

Gesellschaft im 20.Jahrhundert. Ich empfehle das Buch sehr, sehr gerne. Genauso geht es anscheinend

vielen anderen Buchhändler*innen in Deutschland, denn Alle, außer mir wurde zum diesjährigen

Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhändler*innen gewählt. (Wagenbach, 26,-€) -Susanne Millowitsch-

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Hinter der Fassade brennt es

Celeste Ng hat einen Gesellschaftsroman geschrieben, der in den 90er Jahren in einer Kleinstadt, im

Mittleren Westen Amerikas spielt. Dieser Ort kommt dem Ideal eines amerikanischen Gemeinwesens

ziemlich nahe. Die Bewohner kommen überwiegend aus der weißen wohlhabenden Mittelschicht, alle

Familien sind intakt, die Häuser gepflegt und man kümmert sich umeinander. In diese Idylle zieht eines

Tages die alleinerziehende Fotografin Mia mit ihrer Tochter Pearl. Vermietet wird ihnen ihre Wohnung

von der mehrfachen Familienmutter Elena Richardson, die als Reporterin für die Lokalzeitung arbeitet.

Am intensivsten sind die Verbindungen, die die beiden Töchter mit der Familie der jeweils anderen

eingehen. Pearl fühlt sich wohl zwischen den Geschwistern Richardson, die im Familienhaus auf dem

Sofa lümmeln und fern sehen und Izzy Richardson, nicht ganz so wohlgeraten wie ihre anderen drei

Geschwister, fühlt sich wohl bei Mia in ihrer improvisierten Wohnungseinrichtung. Die Attraktivität, die

das jeweils andere Leben auf ihre Töchter ausübt, lässt die Mütter über ihre Kinder, ihr Verhältnis zu

ihren Töchtern und letztendlich über sich selbst nachdenken. Diese Selbstüberprüfung führt zu kleinen

Veränderungen mit weitreichenden Folgen. Kleine Feuer überall startet mit einem Paukenschlag und

aus der Rückschau wird im Folgenden auf diese Anfangsszene hinerzählt, so dass sie auch die Endszene

des Buches bildet. Die Autorin erzählt vom Aufeinandertreffen dieser ungleichen Familien und von

dessen Folgen mit einem feinen Sinn für das Seelenleben ihrer Figuren und einem Gespür für die kleinen

Risse, die die glatte Oberfläche dieser weißen amerikanischen Mittelstandsgesellschaft durchziehen.

Für Leser, die leise, subtile Handlungsverläufe zu schätzen wissen. (dtv, 22,-€)

-Ute Büttner-

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Wind, Wellen und Witz

Die Glücksreisenden ist die Fortsetzung zu Sybil Volks großartigem Buch Wintergäste, ein Familienroman

wie gemacht für diese Zeit des Jahres. Der Tod von Inge Boysen sorgt dafür, dass alle restlichen Familienmitglieder

kurz vor Jahreswechsel auf die Heimatinsel hoch im Norden kommen. Doch schnell stellt sich

heraus, dass Inge nur scheintot war und immer noch lebt. Die Freude ist groß, doch bevor alle wieder

erleichtert abreisen können, schneidet ein Unwetter die Insel vom Rest der Welt ab. Die zuvor gelöste

Stimmung kippt mehr und mehr, denn jedes Familienmitglied hat sein eigenes Päckchen zu tragen, von

dem niemand sonst erfahren soll. (dtv, 10,95€)

Doch hier geht es um Die Glücksreisenden, die Fortsetzung. Ein Familienroman, bei dem einem die

Meeresbrise um die Ohren weht. Im Haus Tide steht ein großes Fest an: Inge Boysen wird 80 und ihre

Enkelin Inka 18. Zeitgleich hat sich der Komet Fortune angekündigt. Manche Bewohner der Insel

befürchten, dass das Ende der Welt nun gekommen ist, doch Inge pfeift auf die Warnungen. Neben den

üblichen Verdächtigen treffen sowohl geladene als auch ungeladene Gäste im Haus hinter dem Deich

ein - und jeder ist auf der Suche nach seinem persönlichen Glück.

Die Atmosphäre in diesem Buch ist der Autorin großartig gelungen, denn es kommt richtiges Nordsee-

Feeling auf. Man kann die See förmlich riechen und hört den Kluntje in der Teetasse knacken. Allzu viel

zu der Story möchte ich Ihnen nicht verraten, um Ihnen den Spaß nicht zu nehmen. Doch was ich

versprechen kann ist ein Buch, wie es das Leben selbst nicht anders schreiben würde: voller Witz und

Leichtherzigkeit und zugleich mit einem Tiefgang, der nachdenklich stimmt und mich persönlich immer

mal wieder hat innehalten lassen. Wirklich großartig! (dtv, 15,90€)

-Philipp Buir-

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Der Junge, den niemand haben wollte

Gerade 16 Jahre alt ist Catherine Goggin, als ihr Leben eine dramatische Wende nimmt. Sie ist schwanger,

damit ist ihr Schicksal im ländlichen Irland der 40er Jahre besiegelt. In einem mittelalterlich anmutenden

Schauprozess zerrt sie der Priester, selbst heimlicher Vater zweier Kinder, an den Haaren aus der voll

besetzten Kirche. Eine Stunde wird ihr bis zur Abreise gewährt. Ihren Sohn bringt die Verstoßene in

Dublin zur Welt. Wenige Tage später wird das Kind von Nonnen zu wohlhabenden Adoptiveltern

gebracht. Dort ist Cyril Avery, wie er nun heißt, zwar materiell bestens versorgt, aber doch eher geduldet

als geliebt. Auf dem katholischen Jungeninternat, auf das seine Adoptiveltern ihn schicken lernt er Julian

kennen und findet Halt in dieser Freundschaft. Doch auch diese Geborgenheit bröckelt als Cyril merkt,

daß er mehr für Julian empfindet als im erzkonservativen Irland sein darf. Einsam und verzweifelt verlässt

er schließlich Irland.

Wir begleiten Cyril durch siebzig Jahre Leben, mit allen Höhen und Tiefen, die man sich vorstellen kann.

Es geht um Emanzipation, Homophobie, Liebe, Tod, Freundschaft, Familie und Heimat. Eingeteilt in

Sieben-Jahres-Abschnitte folgen wir dem jungen (und später älteren) Mann durch seine Entwicklung und

beobachten dabei auch, wie sich die Welt verändert hat. Bevor man sich versieht, hat man über 700

Seiten gelesen und ist um eine wunderbare Geschichte reicher.

John Boyne, der auch das Buch Der Junge im gestreiften Pyjama geschrieben hat, schafft es wieder mal

mich zu packen und mein Herz zu berühren. Ich war fassungslos und entsetzt ob der Ungerechtigkeiten

des Lebens und konnte doch auch herzhaft lachen. Ein wunderbar tragikomisches Lesevergnügen das

viel zu schnell zu Ende war. (Piper, 26,-€)

-Michael Schnorrenberger-

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Deutsche Geschicht(en)

Momentan häufen sich Romane, die im Deutschland des 20. Jahrhunderts spielen. Wir haben für Sie die

rausgesucht, die uns am meisten beeindruckt haben. Franziska Hauser beleuchtet in Die Gewitterschwimmerin

die Geschichte der Familie Hirsch aus zwei Erzählperspektiven. Die eine erzählt die Chronik der Familie und

beginnt 1889. Die andere wird aus der Sicht der Puppenspielerin Tamara Hirsch erzählt, dieser beginnt in

der Gegenwart und wird rückwärts erzählt. Im letzten Drittel prallen die beiden Handlungsläufe aufeinander.

Die Geschichte der Familie Hirsch ist ein Panorama der Verfolgung und der Gewalt. Schleichend nähert man

sich als Leser dem Geheimnis um Tamara und ihrer Schwester Dasha. Die Gewitterschwimmerin ist ein

packender Roman über Familie, Schweigen und Ausbruch. Ein starkes Stück Literatur, das nicht umsonst

auf der Nominierungsliste für den Deutschen Buchpreis gestanden hat. (Eichborn, 22,-€)

Nicht minder fesselnd ist Wenn Martha tanzt von Tom Saller. Die Geschichte beginnt in der Jetztzeit.

Thomas Wetzlaff reist nach New York, um das Notizbuch seiner Urgroßmutter Martha bei Sotheby's

versteigern zu lassen. Es enthält bislang unbekannte Skizzen und Zeichnungen von Feininger, Klee,

Kandinsky und anderen Bauhaus-Künstlern. Martha hat als Studentin das Bauhaus und seine prägenden

Persönlichkeiten erlebt. Martha wird im Jahr 1900 geboren, ihr Vater bildet Unterhaltungs-Musiker aus.

1919 geht die junge Frau an die neue Kunstschule Bauhaus in Weimar und lernt dort die Liebe und die

Kunst kennen. Wenn Martha tanzt ist ein fulminanter Roman, der den Leser in die Welt des Bauhauses

entführt. Bestens geeignet für Kunst- und Musikliebhaber. (List, 20,-€)

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Geschichten und Gefühle in sepia

Wer auf der Suche nach schönen Büchern ist, die von ungewöhnlichen und besonderen Frauenschicksalen

erzählen, dem möchten wir all diese wunderbaren Romane ans Herz legen. Jedes einzelne Buch befasst

sich mit dem Leben einer Frau, die die Welt der Kunst und der Mode auf ihre Weise geprägt hat. Treffen

Sie auf Eva Gouel, Adele Bloch-Bauer, Lucia Joyce und Coco Chanel und spüren Sie ihren Geschichten

nach. Viele der Romane spielen in Paris, die Dame in Gold bildet mit Wien eine Ausnahme, und die Seiten

verströmen die Atmosphäre dieser wundervollen Stadt, in der sich die großen Gefühle zu treffen scheinen.

Jedes einzelne Buch schenkt ein paar schöne Stunden in einer vergangenen Zeit. Es fällt uns schwer, Ihnen

nur ein Buch aus dieser wunderbaren, losen Reihe zu empfehlen, aber ganz besonders hervorheben

möchten wir Die Dame in Gold von Valérie Trierweiler. Die Autorin erzählt die berührende Geschichte

von Adele Bloch-Bauer, die den berühmten Maler Gustav Klimt geliebt und geprägt hat. Es ist eine

Geschichte rund um Verlust, Hoffnung, Liebe und Kunst. Lernen Sie die goldene Adele mit diesem Buch

kennen und erfahren Sie, welches Schicksal sich hinter einem der bekanntesten Bilder der

Kunstgeschichte verbirgt. Aber auch mit jedem anderen Buch sind Sie gut beraten, bietet ihnen doch

jedes einzelne einen spannenden Einblick in die Kunst- und Mode- und Literaturwelt. Nach jedem

einzelnen Roman wächst die Gewissheit, dass es oft die Frauen hinter den Männern waren, die deren

und damit auch unsere Geschichte entscheidend geprägt haben.

(Aufbau, je 12,99€)

-Michael Schnorrenberger-

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Ein wahrhaft sinnlicher Roman

Dieser Roman, der sich wie ein Märchen liest, wird all Ihre Sinne ansprechen. Didier Decoin mischt

geschickt verschiedene Zutaten zusammen und entführt uns in eine Welt der Gerüche und der Fantasie.

Es ist die Geschichte von Miyuki, einer jungen japanischen Frau, deren Ehemann, der Fischer Katsuro, im

Fluss ertrunken ist. Katsuro hatte ein besonderes Verhältnis zu den Karpfen, die er stets mit der Hand

gefangen hatte. Die Fische waren von solch besonderer Schönheit, dass der Fischer zum Hoflieferanten

des Kaisers ernannt wurde. Miyuki ist die einzige, die diese Arbeit fortführen kann, und so macht sie sich

eines Tages mit zwei Reusen auf ihren Schultern auf den Weg zum Ministerium der Gärten und Teiche,

um die kostbaren Tiere an den dortigen Direktor zu übergeben. Ihre Reise führt sie durch Wälder und

Berge, durch Stürme und Erdbeben. Am Hof angekommen denkt Miyuki, sie habe das Schlimmste

überstanden, aber das steht ihr noch bevor.

Didier Decoin entwirft ein schillerndes Panorama des 12. Jahrhunderts in Japan. Er erzählt von Liebe,

Sinnlichkeit, Verlangen und Hingabe. Vor allem sind es aber die Düfte und Gerüche, denen er sich in

seiner Erzählung mit besonderer Hingabe widmet. Als Leser wird man entführt in eine Zeit, in der der

Shintoismus die Gesellschaft geprägt hat. Alle Wesen, jeder Baum und jede Pflanze sind beseelt und Teil

des Göttlichen. So mischen sich in diesem Roman Fantastisches und allzu Reales, Erotik und Ekel,

Gerüche und Geister. Man glaubt, jeden Baum, jede Frucht und auch den Eiter und den Schmutz mit der

eigenen Nase zu riechen. In dieses Buch kann man sich fallenlassen wie in ein warmes Bad. Bezaubernde

Literatur, wie es sie selten gibt. (Klett-Cotta, 22,-€)

-Dennis Witton-

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Schonungslose Reise in die Psyche eines Mannes

Juli Zeh müssen wir Ihnen sehr wahrscheinlich nicht mehr vorstellen. Ihre letzten Bücher Unterleuten und

Leere Herzen haben viele Leser*innen gefunden und wurden von der Presse gefeiert. Vollkommen zu

Recht, wie wir finden. Neujahr ist aber für uns das eine unter ihren vielen Büchern, das am meisten unter

die Haut geht. Es wird niemanden, der es liest, unberührt zurücklassen. In Neujahr erzählt Juli Zeh die

Geschichte von Henning, einem mit sich hadernden Familienvater. Mit Frau und Kindern macht er zwischen

Weihnachten und Neujahr Urlaub auf Lanzarote, und wird dort mit den tiefsten Geheimnissen seiner

eigenen Seele konfrontiert. Das erste Kapitel beschreibt, wie Henning den beschwerlichen Weg in das

Bergdorf Fermés mit dem Fahrrad auf sich nimmt. Man spürt die angespannten Muskeln, den schneller

werdenden Atem und die Erschöpfung. Das herannahende Unheil ahnt man dabei nur vage. Genauso

wie Henning selbst wird man als Leser von der vollen Wucht der Geschichte gepackt, wenn man Fermés

erreicht hat. Neujahr ist eine Geschichte, die viele Aspekte in sich vereint. Sie erzählt vom Mannsein in der

heutigen Zeit, von der steten Überforderung, ein anständiges Leben zu führen und von den Geistern der

Vergangenheit, die sich zwar manchmal lange verstecken uns aber irgendwann doch heimsuchen.

Meisterhaft schafft es Juli Zeh, all diese Themen in einem konzentrierten Roman zu verknüpfen und den

Leser damit förmlich durch die Geschichte zu jagen. Genau daran zeigt sich unserer Meinung aber, wozu

großartige Literatur imstande ist. Wenn Sie übrigens eine Bebilderung des Romans möchten, sprechen

Sie mal die Chefs an. Während Ihres letzten Lanzarote-Urlaubs sind die beiden auf den Spuren des Romans

gewandelt, und können Ihnen diverse Fotos und Videos davon zeigen. (Luchterhand, 22,-€)

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Was heißt es, Frau zu sein?

Diese beiden Bücher sind sehr unterschiedlich und haben doch einiges gemeinsam: Sie entführen uns in die

Seele der Frauen, von denen die jeweiligen Romane handeln. Nina George erzählt in Die Schönheit der Nacht

von zwei Frauen. Auf der einen Seite ist da die Verhaltensbiologin Claire. Sie ist verheiratet, hat einen

erwachsenen Sohn und lebt in geordneten Verhältnissen. Genau diese lassen Claire immer häufiger über

Ausbruch nachdenken. Die Ehe ist eingefahren, beide haben Affären und das Feuer ist erloschen. Zum

anderen ist da die junge Julie, die sich in das Leben stürzen will wie in ein wildes Meer und die von einer

tiefen Sehnsucht erfüllt ist. Das Zusammentreffen dieser beiden Frauen ändert das Leben aller Beteiligten.

Nina George erzählt sprachgewaltig von den Kräften, die uns im Leben treiben und von den Orten in unserer

Seele, die darauf warten, entzündet zu werden. Ein Buch wie ein Tag am Atlantik. (Knaur, 18,99€)

Der Zopf von Laetitia Columbani macht uns gleich mit drei Frauen bekannt: Smita aus Indien, Giulia aus

Sizilien und Sarah aus Kanada. Smita ist eine Unberührbare, die die öffentlichen Toiletten reinigen muss.

Giulia versucht in Italien verzweifelt, die Perückenfabrik ihres Vaters vor dem Bankrott zu retten. Sarahs

Karriere als Anwältin verläuft in halbwegs ruhigen Bahnen, bis sich eines Tages alles ändert. Was diese

drei Frauen verbindet, müssen Sie sich selber erlesen. So viel möchten wir Ihnen verraten: Der Zopf ist

ein kunstvoll geflochtener Roman über das Frausein in verschiedenen Kulturen und über den Mut, dem

Schicksal zu trotzen. Laetitia Columbani schafft es, die Lebenswege dieser drei Frauen so wunderbar

miteinander zu verknüpfen, dass man diesen Roman immer wieder lesen und verschenken möchte. Der

Zopf mach Mut, informiert, unterhält und sorgt für ein paar wundervolle Lesestunden. (S.Fischer, 20,-€)

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Ein Buch wie eine warme Decke

Was für ein Titel! Was für ein Buch! Der Titel bezieht sich auf ein Gemälde, das zum großen Geheimnis und

zum Zentrum der Geschichte wird. Es ist das letzte Bild des Künstlers Finn Weiss, der viel zu jung an HIV

gestorben ist. Das Bild ist ein Doppelportrait seiner beiden Nichten Greta und June. Letztere kann den

Tod des geliebten Onkels nur schwer verkraften, stand ihr doch niemand sonst so nah wie er. June entzieht

sich der Außenwelt und gibt sich ganz den Erinnerungen an ihren Onkel hin. Bei der Beerdigung des

Onkels wird sie auf einen Mann aufmerksam, den sie noch nie zuvor gesehen hat, und der vom Rest der

Familie argwöhnisch beobachtet wird. Sie hört, wie davon geredet wird, dass dieser Toby Finns Mörder ist.

Als dieser auch noch versucht, mit ihr in Kontakt zu treten, ist June hin- und hergerissen zwischen Neugier,

Angst und Hass. Schließlich trifft sie sich heimlich mit Toby, und erfährt, dass sie nicht die einzige ist, die

um Finn trauert.

Angesiedelt im New York der 1980er Jahre erzählt Sag den Wölfen, ich bin zu Hause von den vielen

Gesichtern der Liebe und der Trauer. Es ist aber auch ein Buch über die Kraft der Erinnerung. Leise und

zauberhaft erzählt Carol Rifka Brunt von June und ihrer Suche nach dem, was von einem Leben bleibt.

Indem sich Toby und June von Finn erzählen, lassen sie ihn wieder lebendig werden und geben sich so die

Möglichkeit, ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen. Und nicht nur das Leben der beiden ändert sich durch ihre

Begegnung. Auch die anderen Familienmitglieder wandeln sich. Dieses Buch hat mich gefangengenommen,

weil es eine so große Wärme hat. Für mich die perfekte Lektüre für kalte Tage, an denen man etwas

braucht, das einem guttut. (Eisele, 22,-€)

-Dennis Witton-

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Lecker Limonade

Er ist der Erfinder des ersten künstlichen Mineralwassers und der Limonade. Jacob Schweppeus. In

Der Limonadenmann erzählt Günther Thömmes die Geschichte dieses Mannes, der im ausgehenden

18.Jahrhundert im hessischen Witzenhausen auf die Welt kommt und so gar nicht in seine bäuerlichhugenottische

Familie passen will. Von Hessen aus führt ihn sein Weg nach Genf, Indien und London.

Immer wieder begegnet er dabei seiner großen Liebe, Johanna Isabella Eleonore Freiin von Poppy, die

er aus den unterschiedlichsten Gründen aber niemals heiraten wird. Günther Thömmes erzählt die

Geschichte des vergessenen Limonadenerfinders fesselnd und packend. Flankiert von den Geschehnissen

des späten 18. und beginnenden 19.Jahrhunderts folgt man Jacob Schweppeus auf seiner Reise und ist

nach der Lektüre schlauer als zuvor. Der Limonadenmann ist ein historischer Roman, der Fakten und ein

bisschen Fiktion geschickt miteinander verwebt. Der Ton ist mitunter heiter und leicht, wird im Laufe der

Geschichte aber auch immer mal wieder ernsthafter. Als Leser erfährt man vieles über die Entstehung

des Bitter Lemon und seine medizinische Anwendung. Mit diesem Wissen kann man fortan immer

glänzen, wenn irgendwo eine Limonadenflasche geöffnet wird. Als Braumeister kennt sich der Autor

Günther Thömmes natürlich auch bestens mit der herstellung prickelnder Geränke aus. Mit der

Kombination aus Information, interessanten Hintergründen, einer Liebesgeschichte und einem Schuss

Witz wird der Limonadenmann zum idealen Roman für Menschen, die gerne auf intelligente Art und

Weise unterhalten werden. Am besten genießen Sie zur Lektüre natürlich mindestens ein Glas

Sodawasser oder gleich Bitter Lemon. (Gmeiner, 15,-€)

-Dennis Witton-

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Hochspannung auf Hoher See

Bewahren Sie Ruhe Ein unheimlich spannender Roman, der es versteht, mit unseren Ängsten zu spielen.

Liv und Nora sind Cousinen. Gemeinsam mit ihren Partnern planen sie eine Reise auf einem Kreuzfahrtschiff

von Los Angeles nach Südamerika. Ihre Kinder Penny, Sebastian, Marcus und June sind mit dabei. Nora

erhofft sich auf der Fahrt auch, den Tod ihrer Mutter etwas besser verarbeiten zu können. Bei einem

Ausflug an Land, in Ecuador, passiert das Schlimmste, was sich Eltern vorstellen können. Nachdem der

Wagen ihres Tourguides eine Panne hat, verbringen die Familien den Tag am einsamen Strand. In einem

Moment der Unachtsamkeit sind die Kinder plötzlich verschwunden. Dieses Buch ist höchst dramatisch

und trifft einen wunden Punkt, den viele Menschen eher unberührt lassen möchten. Ein kurzer Moment

Sorglosigkeit reicht aus, das Leben komplett auf den Kopf zu stellen. Der Leser kann nun zwei

Erzählstränge parallel verfolgen. Während die Kinder, die eigentlich nur nach Hause wollen, ihres Lebens

bald nicht mehr sicher sind, diskutieren die Elternpaare die Schuldfrage.

Maile Meloy schafft es an dieser Stelle wunderbar, die Hilflosigkeit der Eltern darzustellen und schon

bald stellen sie ihre Beziehung, ihr ganzes Leben und die eigene Person infrage. Als Leser fühlt man sich,

als wäre man mitten im Geschehen. Durch die intensive und authentische Erzählweise leidet man sowohl

mit den Kindern als auch mit den Eltern mit, kann das Buch aber trotzdem nicht aus der Hand legen. Ein

voller Erfolg und für mich eine Leseempfehlung für alle, in deren Büchern Spannung nicht fehlen darf.

(Kein&Aber, 23,-€)

-Philipp Buir-

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Erziehung und Beziehung

Süddeutschland in den 80er Jahren: Annamaria ist verzweifelt. Sie ist Waise, ihre Pflegemutter hat sich

gerade aus dem Staub gemacht und sie ist schwanger von ihrem Lehrer. Bei einem geplanten Treffen in

der Fastnacht kommt es zu einer Verwechslung und Annamaria wird vergewaltigt. Doch keiner glaubt

ihren Worten. Völlig allein gelassen kommt es ihr daher wie ein Traum vor, dass die glückliche Familie

Annamaria aufnehmen will. Die angesehene Kindertherapeutin Liane und ihr Mann, ein Arzt, leben mit

ihren Kindern in einem großen Anwesen in das sie die junge Schwangere einladen. Was wie der Himmel

auf Erden für Annamaria scheint, beginnt nach und nach zum Alptraum zu werden. Die gütige Liane

entpuppt sich als kontrollierende Übermutter, die keine Abweichungen duldet und dafür drastische

Maßnahmen einsetzt.

Als ich mit dem Nachtfräuleinspiel begonnen hab, habe ich irgendwas zwischen Schmonzette und

Familiendrama erwartet und bin völlig überrascht worden. Es geht um Macht und Manipulation, echte

und gespielte Liebe, Schein und Sein. Der Roman liest sich wie ein Krimi, der viel zwischen den Zeilen

spielt. Spannend bis zur letzten Seite. Auch die anderen Bücher von Anja Jonuleit sind lesenswert. Jede

Geschichte widmet sich einem Frauenschicksal, das eng mit der deutschen Geschichte verbunden ist.

Besonders Rabenfrauen ist ein fesselnder Roman, den man so schnell nicht aus der Hand legen kann.

(dtv, 15,90€)

-Simone Klibingat-

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Dunkle Magie und subtiler Horror

Vorab: in Lovecraft Country geht es um Übernatürliches, dem Menschen Unbegreifliches. Wer damit kein

Problem hat, der wird an diesem Buch eine Menge Freude haben. Die USA in den 1950er Jahren. Atticus

Turner ist ein schwarzer Veteran des Koreakriegs und muss nach seinem Einsatz feststellen, dass sein

Vater, Montrose, verschwunden ist. Laut Atticus' Onkel, dem Herausgeber des Safe Travel Negro Guides,

(eine Notwendigkeit, denn Schwarze konnten damals nicht unbehelligt reisen) wurde Montrose zuletzt an

der Seite eines außerordentlich wohlhabenden weißen Mannes gesehen. Trotz eines Briefes, in dem sein

Vater ihn bittet, ihm nicht zu folgen, macht Atticus sich mit seinem Onkel und einer alten Freundin auf die

Suche nach Montrose Turner. Schon bald stellt sich heraus, dass Montrose und sein Begleiter sich irgendwo

in Neu-England aufhalten. Ein Landstrich, an dem viele der Horror-Geschichten von H.P. Lovecraft spielen

und außerdem eine Hochburg des Rassismus mit scharfen Rassengesetzen. Als die drei Reisenden in

einer Stadt namens Ardham endlich Atticus' Vater finden, stellen Sie fest, dass ein alter Geheimbund die

Kontrolle über die Gemeinde hat und Atticus Teil eines uralten, düsteren Rituals sein soll...

Kenner der Werke Lovecrafts werden in Lovecraft Country immer wieder kleine Anspielungen auf den

Großmeister des Horrors finden. Und doch schafft Matt Ruff es, eine eigene Geschichte zu erzählen, die

das Buch zu einem wahren Pageturner machen. Nach und nach werden mehr Mitglieder der Familie

Turner in den Mittelpunkt gerückt und in einen Schlag gegen den mysteriösen Geheimbund

eingebunden. Für Freunde des Skurrilen ein absolutes Muss. (Hanser, 24,-€)

-Philipp Buir-

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Drei Türen, drei Welten, eine Geschichte

Markus Heitz gehört zu den bekanntesten Fantasy- und Thriller-Autoren Deutschlands. Mit Doors hat der

einfallsreiche Schreiber gleich drei neue Welten erschaffen, die durch eine geheimnisvolle und fantastische

Rahmenhandlung miteinander verbunden sind. Der wohlhabende Walter van Dam rekrutiert ein Team

aus sechs unterschiedlichen Personen, damit diese nach seiner vermissten Tochter suchen. Was sich nach

einer einfachen Aufgabe anhört, wird zunehmend zu einem lebensgefährlichen Unterfangen. Als der

Trupp dann im Höhlensystem auf einen Raum mit drei unterschiedlichen Türen trifft, fängt das Abenteuer

erst richtig an. Eigentlich sollten wir sagen: Fangen die Abenteuer erst richtig an; denn die Türen führen

in drei unterschiedliche Welten, die es zu entdecken und überstehen gilt. Jeder dieser Welten ist ein

separates Buch gewidmet.

Doors ? – Kolonie führt in die Mitte der 40er Jahre, allerdings mit einer anderen Ausgangssituation. Nazi-

Deutschland hat schon vor vielen Jahren kapituliert und die USA herrschen wie Kolonialherren über das

Land und Europa.

Doors ! – Blutfeld katapultiert das Team und den Leser in das frühe Mittelalter, aber auch hier handelt

es sich um eine alternative Realität. Hier sind nämlich nicht alleine die Männer die Mächtigen.

Doors X – Dämmerung schließlich wirft den Trupp in die eigene Albtraumlandschaft. Hier wird das Team

von den eigenen Dämonen verfolgt und muss um das eigene Überleben kämpfen.

Jedes Buch ist ein in sich abgeschlossener Mystery-Thriller, der in einer unglaublich detailliert gebauten

Welt spielt. Sie können die Bücher in jeder beliebigen Reihenfolge lesen, aber seien Sie gewarnt: Dieses

Abenteuer könnte Sie zumindest um den Schlaf bringen. (Knaur, je 9,99€)

-Dennis Witton-

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Stalins Vorkoster

Irgendetwas an diesem Buch hat es mir angetan. Ob es die skurrilen Charaktere, seine durch und durch

russische Art, die leisen Momente zwischendurch, oder das genial gestaltete Cover ist, Guten Morgen,

Genosse Elefant von Christopher Wilson ist einer meiner absoluten Favoriten. Juri Zipit ist zwölfeinhalb

Jahre alt und wohnt mit seinem Vater direkt am Zoo. Seit er als Kind unter eine Pferdekutsche geraten

ist, hat er oft Probleme mit dem Denken. Manchmal geraten seine Gedanken eben durcheinander und

Juri muss sie erst wieder ordnen. Sein Vater ist Professor für Veterinärmedizin und Juri hilft ihm bei der

Arbeit im Zoo. Alles läuft gut, bis die beiden eines Nachts plötzlich vom KGB abgeholt und in einen Wagen

verfrachtet werden. Der Grund? Geheim, streng vertraulich. Nach einer langen Fahrt aufs Land treffen

sie auf einer Datscha ein, wo Juris Vater direkt abgeführt wird. Juri bleibt alleine zurück, ohne eine Ahnung

was mit ihm passieren soll, trifft allerdings einen älteren Mann, den er bisher nur von Plakaten kannte:

den großen Onkel der Sowjetunion, Josef Stalin. Dieser findet Gefallen an Juri und stellt ihn prompt als

persönlichen Vorkoster ein. Denn aus irgendeinem Grund vertrauen sich die Leute Juri gerne an und

erzählen ihm ihre tiefsten Geheimnisse. Juri geistert durch das Haus, immer auf der Suche nach seinem

Vater, doch niemand scheint ihm sagen zu können, wo er ist. Dafür schnappt er allerlei Verschwörungen

und Geheimnisse unter den Angestellten und Stalins Vertrauten auf. Darunter das wichtigste von allen:

der große Onkel ist krank, todkrank, aber niemand außerhalb seines engsten Kreises darf davon erfahren.

Ganz klammheimlich beginnt sich die Geschichte, die uns Juri, zunächst aus der naiven Sicht eines Kindes,

erzählt, drastisch zu verschlimmern. Trotzdem hat dieses Buch einen zärtlichen, manchmal herzzerreißenden

Ton, den man einfach mögen muss. (Kiepenheuer&Witsch, 19,-€)

-Philipp Buir-

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Was wäre wenn?!

Was wäre wenn die Nazis Computer gehabt hätten? Wenn es damals schon das Internet und Handys

gegeben hätte? Dieses Gedankenexperiment hat sich Andreas Eschbach vorgenommen und einen

ebenso spannenden wie beklemmenden Thriller geschrieben. Im Jahre 1942 ist der zweite Weltkrieg im

vollen Gang. Die Bevölkerung leidet an der Lebensmittelknappheit und von der Ostfront kommen auch

mehr schlechte Nachrichten als gute. Im Nationalen Sicherheits-Amt in Weimar ist die Verunsicherung

groß. In diesem Relikt aus der Kaiserzeit fürchtet man die Schließung und sucht händeringend nach

Möglichkeiten den Herren aus Berlin die Wichtigkeit der Behörde zu beweisen, denn im NSA laufen alle

Fäden zusammen: jedes Telefongespräch, jede Elektropost, jeder Einkauf mit der elektronischen

Geldkarte wird hier erfasst. Programmstrickerinnen wie die junge Helene entwickeln Programme, wie

sich Daten für die Nazis nutzen lassen. Wer kauft mehr Lebensmittel als er benötigt? Welche Käufe lassen

auf Verstecke von Juden deuten? Blauäugig und pflichtbewusst hilft Helene so das Versteck der Familie

Frank in Amsterdam zu finden, die weiße Rose zu enttarnen und weitere Verstecke zu finden. Erst als sie

sich in einen Deserteur verliebt, beginnt sie ihre Arbeit zu hinterfragen und die Programme zu sabotieren.

Dabei muss sie ständig Angst haben, von ihrem völlig skrupellosen Vorgesetzten Lettke entdeckt zu werden,

der das System für seine eigenen Zwecke einsetzt. Es ist ein fürchterliches Bild, dass Eschbach da zeichnet.

Die totale Überwachung im totalitären System gipfelt in der totalen Kontrolle. Nicht unbedingt ein leichtes

Lesevergnügen, aber ein sehr spannendes, das lange nachwirkt und uns selbst zum Nachdenken bringt

wie viel wir von uns preisgeben. (Lübbe, 22,90€)

-Simone Klibingat-

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Eiskalt und rau

Ein Roman, hart wie ein Sturm im ewigen Eis. Das Walfangschiff Volunteer macht sich auf zu einer letzten

Expedition, die dem verzweifelten Kapitän Ruhm, Ehre und vor allem Geld bringen soll. Als Schiffsarzt

mit an Bord ist Patrick Sumner, der versucht seine Vergangenheit und seinen zweifelhaften Ruf durch Opium

zu vergessen. Die Volunteer sticht in See und die Crew ist guter Dinge - bis die Leiche eines Schiffsjungen

gefunden wird. Als Sumner den Toten untersucht, fällt ihm auf, dass er vergewaltigt wurde und unter der

Mannschaft macht sich Misstrauen breit. Denn was sie nicht wissen ist, dass sie sich ein Monster in

Menschengestalt an Bord geholt haben. Henry Drax ist Harpunier und völlig gewissenlos. Er folgt blind

seinen Instinkten und schreckt dabei vor nichts zurück. Sumner, der die Ermittlungen aufnimmt, braucht

nicht lange, um Drax als Verdächtigen ins Visier zu nehmen, doch bevor die Situation eskalieren kann, bleibt

die Volunteer im Packeis stecken. Die erhoffte Unterstützung bleibt aus und was als Walfangexpedition

begann, entwickelt sich zu einer Jagd auf einen gefährlichen Mörder und einem Kampf ums nackte

Überleben im ewigen Eis.

Nordwasser von Ian McGuire beschönigt nichts und verzichtet auf ausschweifende Sätze. Dieses Buch

erinnert sehr an die alten Abenteuerromane und zeichnet ein unangenehmes, aber authentisches Bild

des Walfangs im 19. Jahrhundert. Und genau das macht seinen Charme aus. Alles fühlt sich echt an; man

hat das Gefühl, mit an Bord der Volunteer zu stehen, während einem die eiskalte Luft in die Haut beißt

und sich das Polarmeer schön, aber gefährlich um einen herum ausbreitet. Man fürchtet zusammen mit

der Crew ums Überleben und hofft auf Rettung. Ob vergebens oder nicht? Finden Sie es heraus.

(mare, 22,-€)

-Philipp Buir-

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Zwischen Schweigen und Aufschrei

Schnallen Sie sich an! Vox wird sie schütteln und rütteln. Christina Dalcher exerziert in ihrem Roman

folgendes Gedankenspiel durch: Was wäre, wenn eine christlich-fundamentalistische Bewegung in den

USA so viel Zuspruch bekäme, dass sie den regierenden Präsidenten stellen könnten. Was wäre weiterhin,

wenn diese Bewegung der Reinen ein Idealbild von Männern und Frauen hätte, dass man mit rückwärtsgewandt

nur unzureichend beschreiben würde? Was wäre, wenn dies schlussendlich dazu führte, dass

Frauen nur noch dem Mann dienende Wesen wären, die nicht mehr als 100 Wörter am Tag sprechen

dürften? Haben Sie schon eine Gänsehaut? Ich hatte sie mehrmals beim Lesen. Vox ist eines dieser Bücher,

deren Handlung einem immer wieder vor Augen führt, dass es nur einiger falscher Propheten bedarf,

damit sich eine Gesellschaft in eine fatale Richtung entwickelt. Erzählt wird das Leben der Linguistin Jean

McClellan. Ihr Ehemann Patrick ist wissenschaftlicher Berater der Präsidenten und somit Teil des Systems,

das Frauen unterdrückt und auch foltert. Wenn nämlich die 100 Wort Grenze überschritten ist, setzt es

Stromschläge. Jean und Patrick haben vier gemeinsame Kinder; drei Jungen, von denen einer große

Begeisterung für die Bewegung der Reinen entwickelt und eine Tochter, die sich an eine Zeit vor dem

strengen Regime nicht mehr erinnern kann. Eines Tages bietet sich Jean eine unglaubliche Chance: Der

Bruder des Präsidenten ist verunglückt, und sie soll in ihrer Funktion als Linguistin einem Team zuarbeiten,

das an einem Mittel zur Genesung des Patienten forscht. Im Gegenzug wird sie von dem Wortzählerarmband

erlöst, das über die Einhaltung der 100 Wörter pro Tag wacht. Vox ist die konsequente

Weiterentwicklung der #metoo Debatte und führt auf eine erschreckende Art vor Augen, wie schnell aus

ein paar Fanatikern ein Regime der Unterdrückung werden kann. (S.Fischer, 20,-€) -Dennis Witton-

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An diesem Thriller bleiben Sie kleben

Eigentlich bin ich überhaupt keine Krimileserin, doch Opfer von Pierre Lemaitre konnte ich nicht mehr

aus der Hand legen. Bei einem brutalen Überfall wird eine unbeteiligte Frau beinahe getötet und schwer

verletzt in ein Krankenhaus eingeliefert. Doch einer der Verbrecher ist hinter ihr her. Trotz Polizeischutz

kommt er der Frau gefährlich nah. Was niemand ahnt, ausgerechnet diese Frau ist die Freundin eines

Kommissars, der sich des Falles annimmt. Obwohl sein Enthusiasmus verdächtig erscheint, spinnt der

Kommissar ein Lügennetz, das seine wahren Beweggründe verdecken soll. Er will die Frau retten, bringt

damit aber seine Karriere in Gefahr. Der Killer scheint ihm aber immer einen Schritt voraus zu sein.

Mittlerweile hat die Frau den Täter identifiziert. Die Jagd hat begonnen. Wird der Kommissar seine

Freundin retten können? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Der Autor schafft es von der ersten Zeile an, einen Spannungsbogen aufzubauen und zu halten. Die

trockene, detaillierte Schilderung des brutalen Überfalls und die beobachtende Erzählweise fesseln den

Leser, der zugleich abgestoßen aber auch von der Kälte des Mörders angezogen wird. Gesteigert wird

dieses voyeuristische Prickeln durch die Ich-Perspektive des Mörders. Das Buch zieht den Leser somit als

"Mitwisser" oder sogar "Mittäter" in den Strudel der Geschehnisse, die sich langsam auflösen und das

perfide Spiel des Täters offenbaren. Aus dem einfachen Überfall wird ein raffinierter Krimi, der den

Kommissar zum gehetzten Jäger macht. Die nüchterne Beobachtungsgabe des Autors lässt den Leser an

den Seiten "kleben" und macht es unmöglich, das Buch aus den Händen zu legen, bevor man nicht den

Schluss des Dramas miterlebt hat. Ein Thriller der Extraklasse!!! (Tropen, 14,95€) -Susanne Millowitsch-

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Ein neuer Stern am Krimihimmel!

Romy Fölck und ihre Krimis rund um die Ermittler Frida Paulsen und Bjarne Haverkorn sind momentan

noch ein absoluter Geheimtipp, den sich Liebhaber der Spannungsliteratur nicht durch die Lappen gehen

lassen sollten. Frida Paulsen ist eine junge Polizistin, die nach vier Jahren auf Streife ein Studium an der

Hamburger Polizeiakademie begonnen hat. Nun steht sie kurz vor ihrem Abschluss, nach dem sie gerne zur

Kriminalpolizei wechseln möchte. Ihrer Heimat in den Elbmarschen ist sie, so lange sie konnte,

ferngeblieben, was sich durch einen Anruf ihrer Mutter schlagartig ändert. Fridas Mutter erzählt, dass ihr

Vater nach einem Anschlag im Koma liegt. Mit vielen schlechten Erinnerungen im Gepäck macht sich die

junge Frau auf dem Weg zum elterlichen Obsthof, den sie seit so vielen Jahren gemieden hat. In der alten

Heimat – die den Namen nicht verdient hat - trifft sie auch Kriminalkommissar Haverkorn wieder. Die letzte

Begegnung mit ihm liegt fast zwanzig Jahre zurück. Bjarne Haverkorn hat damals nach dem Mörder von

Fridas Freundin Marit gefahndet, ohne den Fall zu einem Abschluss bringen zu können. Kaum ist Frida

wieder da, wird sie auch schon von den Geistern der Vergangenheit eingeholt. Denn Frida kennt Marits

Mörder, hat dieses Wissen aber über all die Jahre für sich behalten.

Romy Fölck schreibt Kriminalliteratur, wie man sie sonst nur aus Skandinavien kennt. Die Geschichten

sind düster und die Fälle schockierend. Die Ermittler kämpfen mit ihren persönlichen Dämonen und

scheitern oft am eigenen Leben. Totenweg und Bluthaus sind Regionalkrimis im besten Sinne, die einem

beim Lesen die ein oder andere Gänsehaut bescheren. Romy Fölck zeigt eindrücklich, dass deutsche

Kriminalliteratur sich nicht hinter den großen Schweden verstecken muss. Auch die norddeutsche

Landschaft kann gruselig und zum Fürchten sein. (Lübbe, je 20,-€)

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Wenn Freiheit zur Gefahr wird

Ich lese viele Thriller und Krimis und eigentlich dachte ich, ich sei abgehärtet und kenne schon alles aus

diesem Genre. Dieses Buch hat mich eines anderen belehrt. Zwischendurch war ich mir manchmal nicht

sicher, ob ich überhaupt weiterlesen soll. So dunkel der Wald von Michaela Kastel ist unglaublich

beklemmend, atmosphärisch und aufwühlend doch gleichzeitig irre spannend und kaum aus der Hand

zu legen. Diese Geschichte geht tief unter die Haut, lässt einen bangen und fürchten und hat mich

vollkommen vereinnahmt. Der Roman handelt von Ronja und Yannik, beide sind Anfang 20. Vor Jahren

wurden sie entführt und leben seither in völliger Abgeschiedenheit in einer Hütte im Wald mit ihrem

Peiniger und weiteren jüngeren Kindern. Eines Tages gerät die Situation außer Kontrolle, und die

langersehnte Freiheit ist tatsächlich zum Greifen nahe. Doch die lange Zeit in Gefangenschaft zeigt ihre

Wirkung und frei zu sein erscheint plötzlich so bedrohlich. Die Gruppe ist zerrissen von Furcht und

Zuversicht. Können sie sich aus ihrem Gefängnis befreien? Ich möchte an dieser Stelle dem Inhalt nicht

mehr vorwegnehmen.

Liebe Thrillerfans, lesen Sie selbst und gehen Sie auf eine Reise in eine Welt voller Angst und Hoffnung!!!

(Emons, 18,-€)

-Nadine Gladbach-

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Falsche Fährten und Irrwege

Da ist er wieder: Dennis Lehane - der Lieblingskrimiautor von der, die eigentlich keine Krimis liest.

An einem Dienstag im Mai, im Alter von sechsunddreißig Jahren, erschoss Rachel ihren Mann.

So beginnt Der Abgrund in dir. Doch wie kam es dazu, dass Rachel ihren Mann erschoss? Lehane nimmt

uns mit in Rachels Kindheit. Sie wächst ohne Vater auf, ihre Mutter hat vor langer Zeit einen sehr

erfolgreichen Beziehungsratgeber geschrieben, an dessen Erfolg sie nie wieder anknüpfen konnte. Die

Beziehung zur eigenen Tochter ist schwierig. Rachel lebt ständig in dem Gefühl, der Mutter nicht zu

genügen. Zudem erpresst die Mutter sie emotional, indem sie Rachel immer neue Fristen und Ziele setzt,

wann sie endlich die Identität des Vaters preisgibt. Doch dazu kommt es nicht mehr, die Mutter stirbt

bei einem Autounfall und Rachel macht sich mithilfe des Privatdetektiv Brian Delacroix erfolglos auf die

Suche. Jahre später ist Rachel zerbrochen unter den Erfahrungen, die sie als Reporterin nach den

Erdbeben auf Haiti gemacht hat. Als sie Brian wiederbegegnet, verlieben sie sich und Rachel scheint zum

ersten Mal ein glückliches Leben zu führen. Doch Brian ist nicht derjenige, für den Rachel ihn hält.

Der neue Roman von Dennis Lehane ist ein etwas untypischer Krimi. Man weiß am Anfang gar nicht in

welche Richtung es geht. Rachels Geschichte ist sehr gut geschrieben, aber Dennis Lehane lässt den Leser

lange im Dunkeln und legt falsche Fährten. Dann allerdings geht es Schlag auf Schlag und wir verfolgen

atemlos wie Rachel ums Überleben kämpft. (Diogenes, 25,-€)

-Simone Klibingat-

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Wo wohnt das Böse?

Ich habe schon viele Thriller und Horrorromane gelesen. Mit den Jahren haben sich bei mir Ermüdungserscheinungen

eingestellt, weil es für mich kaum noch Überraschungen gab. Das hat sich mit Wo der Teufel

ruht von Craig Russel schlagartig geändert. Vorweg sei gesagt: Dieses Buch ist nichts für Sie, wenn Sie

rasante Action erwarten. Wenn Sie es aber zu schätzen wissen, wie ein Autor eine Geschichte nach und

nach aufbaut, die immer bedrohlicher und beängstigender wird, ist dieser Roman perfekt für Sie geeignet.

Craig Russel komponiert einen Roman, in dem sich Aberglaube und Psychologie mischen. Für lange Zeit

weiß man als Leser nicht, ob der Fortgang der Geschichte im Realen bleibt oder ins Übernatürlich abdriftet.

Tschechoslowakei, 1935: Europa steht an der Schwelle zu einem verheerenden Krieg, Juden, Sinti und Roma

müssen um ihr Leben fürchten. Der Prager Psychologe Viktor Korások ist ein junger und engagierter

Mann, der bei C.G. Jung gelernt hat und davon überzeugt ist, dass tief im Unterbewusstsein der Menschen

der Teufelsaspekt wohnt, der, je nach Ausprägung, für kriminelle Handlungen und grausame Taten

verantwortlich ist. Mit einer von ihm entwickelten Methode soll er eine Stelle in der Irrenanstalt Hrad

Orlů antreten. Dort sind die sechs schlimmsten Mörder der damaligen Zeit untergebracht. Während

Viktor in den einzelnen Therapiesitzungen tief in den Abgrund blickt, hält ein Serienmörder die Prager

Gesellschaft in Atem. Nach dem Vorbild von Jack the Ripper schlachtet der Lederschürze genannte Täter

Frauen grausam ab. Als Viktor von den grausamen Morden erfährt, beschleicht ihn ein düsterer Verdacht.

Craig Russel verwebt geschickt die realen Geschehnisse der damaligen Zeit mit einer Geschichte um die

dunkle Seite der menschlichen Seele. 544 Seiten Gänsehaut und Grusel sind garantiert.

(Ruetten und Loening, 16,99€)

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Düster, abgründig und fesselnd

Krokodilwächter von Katrine Engberg ist der Auftakt einer neuen dänischen Krimireihe und führt uns

nach Kopenhagen. Studentin Julie wird in ihrer Wohnung brutal ermordet und regelrecht verstümmelt.

Ins Visier der Ermittler rückt schnell Julies Vermieterin Esther, die erst vor kurzem ihre Leidenschaft für

das Schreiben entdeckte und ebendiesen Mord als ihr erstes Manuskript verfasste. Doch auch wenn die

ältere Dame mit dem Opfer unter einem Dach gewohnt hat und ein infrage kommendes Motiv schnell

gefunden wird, wäre Esther wirklich körperlich dazu in der Lage, einen solch brutalen Mord zu begehen?

Nach und nach werden weitere Personen als mögliche Täter verdächtigt, neben Esther ist da noch ihr

Gesangslehrer und Freund Kristoffer. Im Laufe der Ermittlungen lernen wir noch eine Gruppe von Literaten

kennen, die sich mit Esther, auf einer nur der Gruppe zugänglichen, Internetseite über Manuskripte und

Romanideen austauschen können. Doch es scheint, als hätte noch jemand anders Zugang zu dieser Seite.

Es geschehen weitere unglaubliche Wendungen, die Anette Werner und Jeppe Korner ihre Arbeit und

die Aufklärung des Falles schwer machen. Zumal Jeppe noch die Trennung von seiner Frau und starke

Rückenschmerzen, die ihn in eine Schmerzmittelabhängigkeit treiben, in den Knochen steckt.

Dieses Debüt ist anders, aber doch irgendwie typisch skandinavisch. Ich habe den ersten Fall um die

beiden Ermittler geradezu verschlungen und freue mich schon auf weitere spannende Fälle.

(Diogenes, 22,-)

-Nadine Gladbach-

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Ein Rabbi ermittelt

Wir finden Krimis ganz besonders gut, wenn sie etwas über unsere Gesellschaft erzählen. In den Büchern

rund um Rabbi Klein erlebt man hautnah mit, wie jüdisches Leben in der Schweiz heutzutage aussieht.

Mittlerweile gibt es schon fünf Fälle, in die der jüdische Schriftgelehrte mehr oder minder per Zufall

gerät. Für Rabbi Klein ist seine Tätigkeit innerhalb der jüdischen Gemeinde eine Berufung, der er mit

Stolz und Freude nachkommt. In seinem ersten Fall, Kains Opfer, wird er von der Kommissarin Bänziger

konsultiert, die ihn um Übersetzungen aus dem Hebräischen bittet. Bei den Schriftstücken handelt es

sich um Emails. Diese stammen von dem ermordeten Gemeindemitglied Nachum Berger, der gleichzeitig

auch ein Freund des Rabbiners war. Der Inhalt der Emails bringt Klein dazu, auf eigene Faust zu ermitteln

und die Kommissarin auf eine falsche Fährte zu locken. Bei der Vorbereitung der Rede zur Trauerfeier

des Ermordeten geht dem sympathisch unorthodoxen Rabbi schließlich ein Licht auf und er macht sich

an die Aufklärung des Falls.

Der Autor Alfred Bodenheimer weiß, wovon er spricht. Er ist 1965 in Basel geboren, erhielt eine

traditionelle jüdische Ausbildung und betrieb Talmudstudien in Israel und den USA. In Basel studierte er

Germanistik und Geschichte und promovierte 1993 mit einer Arbeit über die Emigration von Else Lasker-

Schüler nach Palästina. In seinen Krimis rund um den Zürcher Rabbiner schafft Bodenheimer es, jüdisches

Leben der Gegenwart mit einer spannenden Krimihandlung zu verbinden. Dabei geht es niemals um grobe

und unnötige Gewalt. Diese Krimis sind bestens geeignet für Freunde einer logischen und authentischen

Handlung, die fesselt und informiert. (Nagel&Kimche, 18,90€)

-Michael Schnorrenberger-

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Eine runde Geschichte, die Spaß macht

Willowdean, genannt Dumplin‘, ist 16 Jahre alt und dick. Sie lebt in einer amerikanischen Kleinstadt, hat

schon seit Kindertagen ihre beste Freundin Ellen und jobbt nebenher in einem Fastfood-Restaurant. Sie

hat ein festes soziales Umfeld und geht selbstbewusst mit ihrer Körperfülle um. Vom Außenseitertum ist

sie weit entfernt. Trotzdem gibt es Dinge, die sie verunsichern. Ellen steht kurz davor das erste Mal mit

ihrem Freund zu schlafen. Dieser Erfahrungsvorsprung wird zu einem Knick in der Freundschaft führen.

Willowdean selbst fühlt sich zu einem Arbeitskollegen hingezogen und diese Anziehung scheint auf

Gegenseitigkeit zu beruhen. Dass sie ihrer besten Freundin davon nichts erzählt führt zu einem

schleichenden Vertrauensverlust, und einem Bruch. Und dann beginnen auch noch die Vorbereitungen

für den alljährlichen Schönheitswettbewerb, dessen Vorsitz Dumplins Mutter innehat, die selbst vor

Jahren als Gewinnerin aus diesem Wettbewerb hervorgegangen ist.

Wie Willowdean im Folgenden mit ihren Verunsicherungen auf unterschiedlichen Ebenen klar kommt,

wie sie ungewollt zu einer Integrationsfigur für eine Gruppe krasser Außenseiterinnen in ihrer Klasse

wird, das erzählt dieser Roman leicht und locker. Es werden wesentliche Punkte in einem Teenagerleben

berührt: Freundschaft erste sexuelle Erfahrung, und Aussehen. Der Roman kommt dabei ohne das

Heraufbeschwören existenzieller Dramen aus. Dumplin‘ steht, mal mehr und mal weniger, zu ihrer Figur

und mit ihrem vorhandenen Selbstbewusstsein wirkt sie sogar motivierend auf andere, an den Rand

gedrängte Mitschüler. Das alles erzählt Julie Murphy flüssig und locker und bereitet dem Leser eine

erfrischende Lektüre. (FJB, 18,99€)

-Ute Büttner-

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Selbstbewusstsein in Buchform (nicht nur) für junge Leserinnen

Erwachsenwerden ist nicht einfach. Die Suche nach der eigenen Identität, nach verlässlichen

Freundschaften und nach dem eigenen Weg stellt Jugendliche vor große Herausforderungen. Von all

diesen Hürden erzählen diese beiden Bücher. Aber auch von Mädchen, die ihre Stimme erheben.

Beginnen wir mit Moxie von Jennifer Mathieu. Moxie ist im Englischen ein anderes Wort für Courage, und

darüber verfügt die junge Vivian glücklicherweise. Sie hat nämlich genug von Jungs, die ihr im Unterricht

über den Mund fahren und Mädchen generell lieber in der Küche als im Klassenraum sehen. Vor allem

hat sie aber die Nase voll von Lehrern, die nichts gegen die täglichen Belästigungen unternehmen. Inspiriert

von der Lebensgeschichte ihrer eigenen Mutter, verfasst Vivian einen Flyer, in dem sie alle Mädchen der

Schule dazu aufruft, sich zu solidarisieren. Was als kleine Aktion beginnt, führt zu Freundschaften jenseits

von sozialem Status und Herkunft und führt zu einer Revolution der Mädchen. (Arctis, 16,-€)

Was ist schon normal?, das erste Buch aus der Spinster Girls Reihe kreist ebenfalls um die Themen Rollenzwänge

und Diskriminierung. Die Autorin Holly Bourne bringt aber noch einen weiteren Aspekt in diese

mitreißende Geschichte hinein. Evie leidet an einer Zwangsstörung, die sie aber dank guter medikamentöser

Einstellung im Griff zu haben scheint. Auf dem College lernt sie Amber und Lottie kennen und aus den drei

Freundinnen wird schon bald ein unschlagbares Team, das sich den Stürmen des Lebens stellt. Jedes Buch

über die Spinster Girls widmet sich einer der drei Freundinnen. Holly Bourne erzählt leichtfüßig und doch

tiefgründig darüber, was es heißt in der heutigen Welt ein Mädchen zu sein. (dtv, 10,95€)

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Vielleicht das beste Jugendbuch des Jahres

Bei manchen Büchern stimmt einfach alles: Die Gestaltung, der Inhalt und die Sprache. Wicker King ist

ein solches Werk, dem man ganz viele Leser wünscht. Die spannende Geschichte mit einer unfassbaren

Sogwirkung beginnt mit einem Brand in einer Lagerhalle. Am Schauplatz findet man zwei Siebzehnjährige,

von denen der eine schwere Brandwunden hat. Beide Jungen werden in die Psychiatrie eingeliefert.

Diese Situation bildet sowohl den Anfang als auch das Ende der Geschichte. Als Leser weiß man, dass es

auf diesen verheerenden Brand hinauslaufen wird und möchte unbedingt wissen, wie es dazu kommen

konnte. Kayla Ancrum erzählt die Geschichte der beiden Freunde August und Jake. Diese ist von einer

unbeschreiblichen Tiefe und absolutem Vertrauen geprägt, dass man sie fast schon als symbiotisch

bezeichnen könnte. Beide werden von ihren Eltern vernachlässigt und haben sich in ihrer Beziehung

zueinander feste Rolle geschaffen. August kümmert sich um Jack und folgt diesem blind überall hin.

Schon in ihrer Kindheit haben die beiden sich ihre Phantasiewelt geschaffen, in der Jake der Wicker King

und August sein dienender Untertan ist. Doch genau diese Phantasiewelt ist es, die nun ihren Platz

fordert und für die beiden Heranwachsenden und ihre Freundschaft zu einer ernsthaften Gefahr wird.

Jake verliert sich immer weiter in dieser dunklen Welt und August versucht alles, um seinem Freund zu

helfen. Dabei ist er bereit, alles auf sich zu nehmen, was ihm dafür nötig scheint. Und so, wie die Seiten

des Bucher immer dunkler werden, verfinstert sich auch die Geschichte zunehmend. Kayla Ancrum

erzählt von geistigen Erkrankungen, von toxischen Beziehungen und von tiefen Gefühlen. Wicker King

lässt einem mitunter die Haare zu Berge stehen, sorgt im nächsten Moment für Tränen und zeigt einem

auf jeder Seite, was gute Geschichten mit uns machen. (dtv, 16,95€)

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Unfall, Notfall, Glücksfall

Was, wenn das Internet plötzlich kaputt ist? Nichts geht mehr. Und was, wenn vielleicht deine eigene Oma

schuld daran ist? Tiffany hat Ferien und ihre Großeltern passen auf sie und ihre beiden Geschwister auf.

Alle sind im Internet, ob am Handy oder PC und keiner redet großartig mit dem anderen, bis plötzlich

Oma ruft: Es geht nicht mehr. Und tatsächlich, niemand kommt mehr ins Internet. Und nicht nur im Haus,

sondern überall, auf der ganzen Welt ist das Internet kaputt. Tiffanys Eltern können nicht weiterarbeiten

und kommen früher nach Hause. Zumindest die Mutter, denn der Vater findet ohne Navi den Weg nicht

mehr und braucht viel länger als sonst. Und dann sitzen alle rum und wissen gar nicht, was sie jetzt mit der

ganzen Zeit anfangen sollen. Bis Papa seine Gitarre vom Dachboden holt und es richtig gemütlich wird.

Jedes Mal, wenn Marc-Uwe Kling ein neues Buch veröffentlicht, muss ich es einfach lesen, das stand für

mich nach seiner Känguru Trilogie fest. Gerade sind übrigens die Känguru Apokryphen (Ullstein, 9,-€)

erschienen, die in Sachen Witz und Absurdität ihren Vorgängern in nichts nachstehen. Dass es sich bei

diesem Buch um ein Kinderbuch handelt, stört nicht, denn der Mann weiß einfach was er tut. In diesem

Buch zeigt er, wie abhängig wir uns vom Internet gemacht haben und wie überfordert wir mit uns selbst

sind, wenn es mal ausfällt. Natürlich wird hier stark überspitzt und trotzdem denkt man noch eine Weile

über das Gelesene nach. Es lohnt sich, das Internet für eine Weile zu vergessen, wenn man dafür ein

derart herzliches und komisches Buch lesen kann, das eine wichtige Botschaft vertritt. Der Tag, an dem

die Oma das Internet kaputt gemacht hat ist bestens geeignet für Kinder und Erwachsene ab 8 Jahren.

(Carlsen, 12,-€)

-Philipp Buir-

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Es fängt mit einer herben Enttäuschung an

Nein, es ist nicht Liebe auf den ersten Blick, es ist eine große Enttäuschung, als am Fabeltag, den jedes Kind

an seinem zehnten Geburtstag feiert, Emmi nicht das so sehr ersehnte Einhorn bekommt, sondern ein

kleines rosa Schwein mit einem lächerlichen Horn auf der Stirn, ein Einschwein. So sehr hatte sich Emmi

ein Einhorn, das beliebteste Fabelwesen der Schule, gewünscht und gehofft, dass sich dadurch ihre

schwierige Stellung im Klassenverband schlagartig verbessern würde und nun das: weder zart und grazil,

noch vornehm. Einschwein liebt Emmi sofort, aber bis auch Emmi Einschwein als das beste Fabeltier

erkennt, das sie haben kann, vergeht einige Zeit, in der Emmi und Einschwein versuchen aus Einschwein

ein Einhorn zu machen, Farbe, Perücke, Korsett, Gang, sie lassen nichts unversucht. Als die Verkleidung

perfekt ist, droht ihnen größte Gefahr: Herr Bockel versucht Emmi Einhorn Einschwein zu stehlen und zu

seinem eigenen Fabelwesen zu machen. Da hat Herr Bockel aber die Rechnung ohne den engen

Zusammenhalt von Emmi und Einschwein gemacht, so leicht sind die beiden nicht mehr zu trennen.

Eine magische, abenteuerliche Geschichte, in der es um Familie, Freundschaft, Konflikte und

Selbstbewusstsein geht, warmherzig und mit Witz erzählt. Der zweite Teil ist im Oktober erschienen und

ist genauso turbulent, witzig und fantastisch wie sein Vorgänger.

Emmi und Einschwein von Anna Böhm ist die perfekte Lektüre für junge Leser*innen ab 8 Jahren, die es

gerne zauberhaft und lustig mögen. (Oetinger, 13,-€)

-Ute Büttner-

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Coole Typen - Zwei Bücher für ganz normale Jungs

Mit diesen beiden Büchern wird einem garantiert nicht langweilig. Sabine Zett erzählt in Collins

geheimer Channel, von Collin Duhm, der fest davon überzeugt ist, der coolste und bestaussehende Typ

der Schule zu sein. Zu seinem Leidwesen hat das aber außer ihm noch keiner gemerkt, und so überlegt

er sich einen Plan, der ihn endlich zum Star machen soll. Mit der Unterstützung seines besten Kumpels

Jo-Jo eröffnet er seinen eigenen Youtube-Channel. Um nicht aus den falschen Gründen zum

Gesprächsthema zu werden, beschließt Collin, vorerst anonym zu bleiben. Doch die Katastrophen

bahnen sich bereits an. Collins geheimer Channel ist ein witziger Roman, der mit vielen Illustrationen

von Zapf angereichert ist. Hier haben auch Wenigleser eine Menge Spaß. (Loewe, 9,95€)

Kid Normal, so sehen Helden aus! von Greg James und Chris Smith ist zwar ein wenig textreicher, macht

aber mindestens genausoviel Freude. Murph ist ein ganz normaler Junger, der an einer Superheldenschule

eigentlich nichts verloren hat. Dass er dort landet, hat er nur seiner Mutter zu verdanken, die sich beim

Anmeldungsgespräch ein wenig missverständlich ausgedrückt hat. Nun sitzt er also inmitten von

Mitschüler*innen, die das Wetter kontrollieren, fliegen oder Pferde aus dem Nichts erscheinen lassen

können. Aber nur, weil man keine Superkräfte hat, heißt das nicht, dass man nicht die Welt retten kann.

Als ein Bösewicht, halb Mann, halb Wespe, alle Kinder der Schule unter seine Kontrolle bringt, liegt es an

Murph, zum Helden zu werden. In Kombination mit den Illustrationen wird die Geschichte von Kid Normal

zu einem perfekten Abenteuer für junge Leser*innen. Die Handlung ist gewürzt mit vielen schrägen

Ideen und originellen Einfällen, so dass es neben viel Action auch eine Menge zu lachen gibt. Am Ende

steht die Botschaft, dass es keiner besonderen Kräfte bedarf, um ein Superheld zu sein. (Arena, 15,-€)

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Unsere beiden Bilderbuch-Lieblinge

Der Lesewolf

Der Wolf hat schlechte Laune, weil er von Stimmen und lautem Gelächter geweckt wurde. Als er nachsieht,

woher die Geräusche kommen, entdeckt er einen Vater, der mit seiner Tochter auf einer Parkbank sitzt

und ihr ein Buch vorliest. Sofort lauscht der Wolf gebannt der Geschichte und ist umso enttäuschter, als

der Vater mittendrin abbricht. Was für ein Glück, dass diesem beim Weggehen das Buch aus der Tasche

fällt. Doch leider kann der Wolf nicht lesen, und muss nun ein Tier finden, das ihm die Geschichte

vorlesen kann. Die meisten Waldbewohner flüchten vor ihm, aber ein tapferer und gutmütiger Hase

erklärt sich schließlich bereit, dem Wolf zu helfen. Doch was als Nächstes kommt, überrascht wirklich

alle Tiere des Waldes. Bénédicte Carboneil und Michael Derullieux haben ein witziges und fesselndes

Buch über den Zauber von Geschichten geschrieben. Ein großer Spaß für Groß und Klein! (Midas, 15,-€)

Ich wünsch mir einen Freund

Ein Buch von Amy Hest und Jenni Desmond über Nachbarn, die zu Freunden werden. Häschen und Hund

haben jeweils ein sehr schönes Haus, in dem jeder für sich gerne lebt. Die Grundstücke sind nur durch

einen Zaun voneinander getrennt. Jeden Morgen und jeden Abend schauen die beiden heimlich über

den Zaun, um zu sehen, was der Nachbar so macht, aber keiner von beiden spricht den anderen an. In einer

sternenklaren Nacht sprechen beide einen leisen Wunsch für den Nachbarn aus und dann geschieht ein

Wunder. Ein warmherziges Bilderbuch über das Geschenk der Freundschaft, Kekse und Kakao.

(Annette Betz, 14,95€)

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Freundschaft im Galopp

Pferdebücher gibt es wie Sand am Meer, aber die Bücher rund um Bulli & Lina sind wahrhaft einzigartig.

Frauke Scheunemann und Antje Szillat erzählen so witzig und spannend von diesem Duo auf sechs Beinen,

dass es ein großer Lesespaß ist. Dabei soll man am Anfang nicht meinen, dass aus dem jungen Mädchen und

dem ehemaligen Rennpony überhaupt ein Gespann werden soll. Lina kann Pferde nämlich nicht ausstehen.

Das Leben auf dem Dorf findet sie doof und würde viel lieber auf der Künstlerakademie sein, um dort ihrer

wahren Begabung nachzugehen. Bulli -eigentlich heißt er Lord Royal Bullheimer- hingegen ist ein äußerst

vornehmes Pony, das Kinder nicht leiden kann. Dafür hat er durchaus gute Gründe. Außerdem hält er sich

als ehemaliges Turnierpony für zu gut für die Kinderbespaßung. Als er jedoch Lina erblickt, ist er sich sicher,

dass dieses Mädchen für ihn und seinen Rücken geschaffen wurde. Bullis aufdringliche Annäherungsversuche

führen allerdings nicht dazu, dass Lina Pferde im Allgemeinen und Bulli im Speziellen in irgendeiner Form

sympathischer findet. Doch dann geschehen Dinge, die ein gutes Team und Spürsinn erfordern. Gemeinsam

machen sich die beiden auf, das Geheimnis der verschwundenen Koikarpfen von Linas Onkel zu lüften.

Endlich mal ein Buch jenseits von Reiterhof-Idylle und 08/15 Pferdegeschichten. Sowohl Lina als auch Bulli

sind pikante Persönlichkeiten, die man erst nach und nach ins Herz schließt. Bis dahin hat man allerdings

schon viel gelacht und jede Menge Spaß gehabt. Im zweiten Buch geht es für die beiden genauso

abenteuerlich weiter. Auch hier kombinieren die beiden Autorinnen geschickt Freundschaftsgeschichte

und Kinderkrimi. Bulli und Lina sind bestens für Pferdemädchen geeignet, aber auch für jene, die das

Glück der Erde erstmal nicht auf den Rücken der Rösser suchen. Wir sind begeistert und hoffen, dass

noch einige Bände folgen werden. (Loewe, 12,95€)

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Unsere Weihnachtsempfehlung

Es gibt bereits viele Varianten der Weihnachtgeschichte. Das letzte Schaf gehört zu den besten. Einer

Herde grasender Schafe erscheint der Engel der Verkündung und übermittelt die frohe Botschaft. Leider

hat keins der Schafe sie verstanden. Nachdem eine Ziege sie aufgeklärt hat, macht sich die Herde ganz

allein ohne Hirten, die sind auf und davon, auf den Weg in die Stadt. So unterschiedlich die einzelnen

Schafe auch sind, sie bilden eine Herde und wissen instinktiv, dass sie zusammenbleiben müssen. Jedes

der wolligen Tiere ist unverwechselbar und einzigartig. Es gibt das Schaf mit dem Seitenscheitel, das

Schaf mit der Zahnspange und viele mehr. Die Reise der Tiere wird ein schwieriges Unterfangen, weil

eins stets abhandenkommt und wiedergefunden werden muss. Als es auch gelingt dem letzten Schaf,

das sich immer von den anderen abgrenzt und nicht dazugehören will, ein starkes Gefühl des Getragen

seins durch die Herde zu vermitteln, ist es völlig egal, dass sie durch all die Verzögerungen den Futtertrog,

der als Krippe gedient hat, leider nur noch leer vorfinden.

Das letzte Schaf ist ein großes Lesevergnügen (nicht nur) im Advent und der Weihnachtszeit. Wie schon

bei An der Arche um Acht schafft es Ulrich Hub, ein altbekanntes Thema mit einer unglaublich lustigen

Geschichte zu verknüpfen. Dabei geht er niemals respektlos mit der Vorlage um, sondern erweitert diese

einfach um eine neue Perspektive. So locker, leicht und witzig und dabei äußerst tiefgründig erzählt und

so liebevoll illustriert, ist das letzte Schaf ein wahres Lesevergnügen für Jung und Alt. (Carlsen, 13,-€)

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Tel Aviv erkochen und erleben

Kennen Sie NENI? So heißen mittlerweile acht Restaurants in Europa. Gründerin ist die Küchenvirtuosin

Haya Molcho. Der Name setzt sich aus den vier Initialen Ihrer Söhne Nuriel, Elior, Nadiv und Ilan

zusammen. Jeder von ihnen trägt seinen eigenen Teil zum Erfolg des Unternehmens bei. Dabei spielt

gemeinsam gelebte Esskultur in der Familie Molcho seit jeher eine wichtige Rolle. Gegessen wurde

immer in großer Runde, gemeinsam mit Freunden und Verwandten. Das Kochen ist für die Familie

Molcho die Sehnsucht nach Zuhause und dementsprechend nehmen die Gerichte des NENI einen mit

auf eine Reise durch fernöstliche Geschmackswelten. Nun gibt es für alle Tel Aviv Fans endlich das

passende Kochbuch, mit dem sich der eigene Tisch schnell in eine opulente Tafel verwandeln lässt. Dazu

gibt es Geschichten aus der Heimat der Autorin. Die NENI-Rezepte, ergänzt durch Speisen von lokalen

Gastronomen und Genießern, spiegeln den besonderen Geist der vielfältigen Küche Tel Avivs wider.

Gekocht wurde mit regionalen Zutaten und in Erinnerung an den Geschmack von Hayas Kindheit: Sabick-

Sandwich, grünes Shakshuka, Lamm mit Feigen und Trauben, Kaktusfrucht-Sorbet u.v.m. Was einst aus

der ganzen Welt in die Stadt gebracht wurde, findet nun den Weg in ihre Küche. Reisen Sie mit Haya

Molcho und ihren Söhnen nach Tel Aviv, laden Sie Freunde und Familie ein und genießen Sie gemeinsam

die vielfältigen Aromen dieser pulsierenden Metropole, in der sich so viele Kulturen mischen.

Angereichert mit vielen spannenden Geschichten und stimmungsvollen Bildern, ist dieses Buch so viel

mehr als einfach nur eine schnöde Rezeptsammlung. Es ist wie ein Kurzurlaub für alle Sinne! Wir

wünschen Ihnen gute Reise und guten Appetit. (Brandstätter, 35,-€)

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Der Gin des Lebens

Gin ist das absolute Trend-Getränk. Nach wie vor werden immer mehr, immer ausgefallenere Gin-Drinks

kreiert. Doch auch der Klassiker Gin-Tonic fließt in Strömen. Und dementsprechend schießen unzählige

Gin-Manufakturen aus dem Boden. Den Überblick zu behalten fällt schwer. Genau aus diesem Grund

möchte ich Ihnen den Gin-Atlas von Aaron Knoll empfehlen. Dieses Buch nimmt Sie an die Hand und

begleitet Sie durch das weite Feld der unzähligen Gin-Destillerien. Angefangen mit der Geschichte des

Gins erhalten Sie allerhand Informationen zu diesem alten und doch brandneuen Getränk. Was macht

einen guten Gin aus - was einen schlechten? Welches Tonic nehme ich am besten, um es mit meinem

Lieblings-Gin zu mixen? Und was gibt es abseits des Klassikers Gin-Tonic an Cocktails zu entdecken? All das

und noch mehr verrät Ihnen der Gin-Atlas mit einer detaillierten Übersicht zu Gins aus aller Welt. Über

200 Seiten vermitteln einen umfassenden Einblick in die Welt des hochgeistigen Wacholdergetränks,

machen Lust auf mehr und vermitteln vielfältiges Wissen, mit dem man auf jeder Party auftrumpfen

kann. Lange Rede, kurzer Gin: Dieser Atlas ist das ideale Geschenk für Ginteressierte, die sich erstmals in

dieses Terrain vorwagen, aber auch für Gin-Kenner, um ihr Wissen noch zu erweitern. Oder einfach ein

großartiges Buch für Sie selbst. (Gräfe&Unzer, 29,99€)

Passend dazu empfehlen wir den köstlich-komischen Krimi Abmurksen und Gin trinken von Jürgen Ehlers.

Bei den abendlichen Ginrunden überlegt sich ein Trupp von unterbeschäftigten Auftragsmördern, wie man

endlich wieder auf einen grünen Zweig kommen kann. Dazu müssen Sie als erstes den King of Crime aus

dem Altenheim befreien. Jede Menge Situationskomik und schwarzer Humor machen diesen Episodenkrimi

zu einem wahrhaften Genuss (nicht nur) für Ginfreunde. (KBV, 10,95€)

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Wir sind auch Spielkinder

Unserer Herzen schlagen nicht nur für gute Geschichten, sondern auch für Spiele aller Art. Egal, ob es

sich um Taktik-, Kommunikations-, Party- oder Rollenspiele handelt: Wir stellen Ihnen gerne unsere

persönlichen Lieblinge für alle Altersklassen vor. Vor allem Philipp Buir und Dennis Witton stehen Ihnen

gerne Rede und Antwort, wenn es um das perfekte Spiel geht. Philipp Buir empfiehlt momentan

besonders gerne Sau Mau Mau. (Ravensburger, 25,95€) Ergänzt wird das klassische Kartenspiel bei dieser

Variante durch eine Rennstrecke, über die vier Säue gejagt werden, auf deren Abschneiden man wetten

muss. So wird aus dem altbekannten Spiel ein turbulenter Spaß für Jung und Alt.

Dennis Witton begeistert sich momentan für das Spiel wordz (moses, 14,95€), bei dem es darum geht,

innerhalb von 60 Sekunden Wörter zu bilden, die mit den auf den Würfeln angezeigten Anfangsbuchstaben

beginnen. Ein Spiel für alle, die es gerne kreativ mögen. Zu unser aller Lieblinge gehören die

Spiele Impact (Ravensburger, 19,99€), Woodlands (Ravensburger, 36,99€), The mind (NSV, 9,95€) und Azul

(Pegasus, 39,95€). Außerdem hat jeder von uns seine eigenen Favoriten, die wir Ihnen jederzeit gerne

vorstellen. Wenn Sie mal ein Spiel in unserem Wohnzimmer ausprobieren möchten, können Sie das

natürlich auch gerne machen. Dort sammeln wir all die Spiele, die wir besonders gerne mögen.

Damit wird das WortReich auch zum ewigen Jungbrunnen, denn „der Mensch hört nicht auf zu spielen,

weil er alt wird. Er wird alt, weil er aufhört zu spielen.“ (Sir Oliver Wendell Holmes)

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Mit Witz und Verstand gegen Hass & Rechtschreibfehler

Das Internet ist eine düstere Gegend. In den sogenannten sozialen Netzwerken tummeln sich Extremisten

jedweder Couleur, Shitstorms gegen Prominente und Institutionen mehren sich und schlecht gelaunte

Menschen verstecken sich hinter der Anonymität des Bildschirms und werfen blind mit Hetzte um sich.

Besonders das Thema Migration lässt immer mehr dubiose Gestalten aus ihren Löchern kriechen. Diese

reagieren auf jede Zeitungsmeldung, jeden Post der Tagesschau und jede Meldung über geflüchtete

Menschen gleich: Mit einem Mix aus Hass, schlechter Allgemeinbildung und fragwürdiger Rechtschreibung.

Wie gut, dass es die HoGeSatzbau gibt! Die selbsternannten Hooligans melden sich zu Wort, wenn sich im

Internet die Gewalt mehrt und greift ein. Nun gibt es endlich die Möglichkeit, den Hooligans offline

beizustehen und gemeinsam gegen Populismus, Meinungsmache, Fakenews und die Verrohung der

Gesellschaft einzustehen. Das Meisterwerk Triumph des Wissens ist eine satirische Abrechnung mit den

Strammdeutschen, die eine Kultur verteidigen wollen, die sie selber anscheinend niemals kennengelernt

haben. Wenn Patrioten mit Beyspoolschlegern die Befölkerung gegen linkes Komponistenpack, Kanagen

oder Cindies und Romas aufhetzen, dann sollte das Discotierholz in die Hand genommen werden, um

diese enkelerregende Entwicklung auf hohem Nivo zu korrigieren.

Triumph des Wissens bietet politische Bildung auf humorvolle Weise und schafft es, den Leser zum

Nachdenken anzuregen. Mitunter bleibt einem bei der Lektüre schon mal das Lachen im Halse stecken,

aber gerade das ist ja ein Verdienst der Autoren. Darüberhinaus regt das Buch die Kreativität und den

Geist an, wenn es darum geht, kryptische Ausdrücke zu entziffern oder den wirren Ausführungen

mancher Rechtsaußenspieler zu folgen. Ein Buch für Menschen mit Haltung! (Kunstmann, 14,-€)

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Wissenswertes in bunten Bildern

Manche Dinge versteht man besser, wenn man sie in Bildern erzählt bekommt. Das gilt für Kinder

genauso wie für Erwachsene. Die Comicbibliothek des Wissens aus dem Verlagshaus Jacoby&Stuart

nimmt diese Tatsache als Ausgangspunkt, um interessierten Lesern verschiedene Dinge näherzubringen.

Ganz egal, ob es sich dabei um den Konflikt zwischen Israel und Palästina, das Universum, die Bienen

oder künstliche Intelligenz handelt. Durch die bunten Bilder und die ergänzenden Texte beginnt man

schnell, komplexe Sachverhalte zu verstehen. In kongenialer Zusammenarbeit nehmen sich immer ein

Illustrator und ein Texter eines Themas an und verfassen einen rund neunzigseitigen Comic, der durch

einführende Erklärungen und Glossare ergänzt wird.

Wir empfehlen diese Bücher jeder (Schul-)Bibliothek, denn wenn es um nachhaltige Wissensvermittlung

geht spielt die Comicbibliothek in der ersten Liga mit. Deswegen geben wir auch keine Altersempfehlung

ab, denn die einzelnen Bände der Reihe eignen sich sowohl für wissbegierige Schüler als auch

Erwachsene, die sich den jeweiligen Themen mal von einer anderen Seite nähern wollen. Nach jedem

einzelnen Buch ist man ein wenig schlauer, kennt Begriffe wie Emergenz, weiß alles über die

Funktionsweise von Filterblasen und erfährt, warum eine symbiotische Lebensweise zwischen Menschen

und Bienen überlebenswichtig für uns alle ist. Spätestens hier merkt man, dass Lernen gar nicht

anstrengend und langweilig sein muss. Alles, was man braucht, sind ein paar gute Zeichnungen, informative

und unterhaltsame Texte und einen Verlag, der sich etwas traut. Sie merken, wir sind große Fans der Reihe.

Vielleicht sind Sie es auch bald. Werfen Sie mal einen Blick in eines der Bücher. (je 14,-€)

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Das neue Jahr fängt gut an – Ein Ausblick

Halten Sie sich den 11.01.2019 frei. An diesem Tag erscheint das neue Buch von Takis Würger das Sie

unbedingt lesen sollten. Mit der Club (Kein&Aber, 12,-€) hat sich der Journalist und Autor bereits eine

große Fangemeinde erschrieben und wird diese mit Sicherheit mit Stella (Hanser, 22,-€) noch vergrößern.

Allzu viel können und wollen wir Ihnen an dieser Stelle nicht über den Inhalt verraten. Nur soviel: Dieses

Buch packt Sie, versetzt Ihnen einige gezielte Hiebe, lässt Sie atemlos werden und treibt Sie zwischen

leiser Hoffnung und absoluter Fassungslosigkeit hin und her. Angesiedelt im Berlin des dritten Reiches

präsentiert Takis Würger eine Geschichte, die auf Tatsachen beruht und die unbedingt erzählt werden

musste. Wir sind ihm dankbar, dass er das getan hat.

Außerdem sollten Sie sich unbedingt für den 14.02.2019 nichts vornehmen. An diesem Tag besucht uns

der Autor Volker Kutscher, um sein neues Werk Marlow vorzustellen. (Piper, 24,-€) Es ist der siebte Krimi

aus der Gereon Rath Reihe und genauso grandios wie seine Vorgänger. Der erste Teil wurde ja bereits

erfolgreich als Babylon Berlin verfilmt. An diesem Abend wird Volker Kutscher bestimmt viel zu den

Büchern und zu der Serie erzählen zu haben. Wir rechnen mit einem vollen Haus, sichern Sie sich also

Ihre Eintrittskarten rechtzeitig! Sollten Sie die Reihe noch nicht kennen, empfehlen wir Ihnen gerne den

ersten Teil Der nasse Fisch. (Kiepenheuer&Witsch, 12,-€) Folgen Sie dem Kölner Kommissar Gereon Rath in

die Weimarer Republik und in ein Berlin, in dem die Leute auf dem Vulkan tanzten. Packend, informativ

und unterhaltsam. Was kann man von guter Literatur mehr erwarten?

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Veranstaltungen und Aktionen in der Vorweihnachtszeit und im neuen Jahr

Empfehlungsabend am 21.11.2018 um 19:30 Uhr in Horrem

Wir stellen Ihnen unsere persönlichen Lieblingsbücher vor. Dazu gibt es wärmende Getränke und Plätzchen.

Eintritt: 2,-€ (gehen als Spende an eine wohltätige Organisation)

Der Nikolaus kommt

Am 05. Dezember können uns Kinder ihre geputzten Schuhe vorbeibringen, um diese in der Nacht vom

Nikolaus füllen zu lassen. Am 06. Dezember stehen die Schuhe dann gefüllt bereit, um wieder abgeholt

zu werden. Wir freuen uns auf viele Schuhe!

Der WortReich Adventskalender

Jeden Tag wartet eine andere Überraschung. Wenn der Wecker klingelt und Sie stehen in diesem

Moment an der Kasse, dürfen Sie das Geschenk mit nach Hause nehmen.

Der lange WortReich-Samstag

Am 22.12.2018 sind wir in Horrem bis 20:00 Uhr und in Königsdorf bis 16:00 Uhr für Sie da. Um Ihnen

den vierten Advent zu versüßen gibt es Kaffee, Plätzchen und ein paar kleine Überraschungen.

Die WortReich Tauschbörse in Horrem

Am 05.01.2019 zwischen 14:00 und 16:00 Uhr können Sie doppelte oder ungeliebte Weihnachtsgeschenke

mitbringen und mit anderen Menschen tauschen. So macht das ein oder andere Geschenk mit Sicherheit

doch noch jemanden glücklich.

Dieser Katalog ist mit allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung bedarf der schriftlichen Zustimmung. Alle Rechte vorbehalten. Die

im Katalog genannten Preise und bibliographischen Angaben sind sorgfältig überprüft. Irrtum bleibt aber vorbehalten. Die €-Preise gelten für Deutschland.

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