CAMPULS Ausgabe 1 Wintersemester 18/19

seezeit

WS 2018/19

Ausgabe

Eins

08

BETTELN IN DER

EINKAUFSMEILE: ÜBER

DEN KOMPLIZIERTEN

UMGANG MIT

DER AUFKLAFFENDEN

UNGLEICHHEIT

von Seezeit

17 28

DURCHSTARTEN:

WIE ES IST, NACH DEM

STUDIUM EIN

UNTERNEHMEN

ZU GRÜNDEN

DAS HÖREN VIRTUOSEN:

PHILHARMONIKER_

INNEN SPRECHEN

ÜBER IHR VERHÄLTNIS

ZUR MUSIK

— EIN FEATURE

— EIN PORTRAIT

— EIN INTERVIEW

Von Studierenden für alle:

Einpacken, liebhaben, weitersagen

Wieder mit Kreuzworträtsel – Seite 24

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Marina Filipczyk

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Infos und Neuigkeiten

Seezeit Service Center:

Uni Konstanz, Ebene A5

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Website:

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Instagram:

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L i e b e zunächst einmal möchte ich alle Erstsemester_innen ganz herzlich an Uni, HTWG

und ganz allgemein in Konstanz willkommen heißen. Ich bin mir sicher, ihr werdet

eure Entscheidung für eine Hochschule am Bodensee nicht bereuen. Allein weil

Leserinnen es hier so ein verflucht gutes Studi-Magazin gibt. „Eigenlob stinkt!“, sagt ihr?

und Leser,

Dann will ich euch mit ein paar guten Argumenten überzeugen. In dieser Ausgabe

erwartet euch ein großes Feature über das Betteln in der Fußgängerzone, gegen

das die Konstanzer Stadtverwaltung neuerdings mit Schildern vorgeht. Wer

sind die Menschen, die auf der Straße um

LIEBE STUDIERENDE, auch ein scheinbar unendlicher Sommer wie der

2018 geht irgendwann mal zu Ende. Ich hoffe,

Almosen bitten? Und warum befasst sich

die Stadtverwaltung mit dem „aggressiven

KONSTANZERINNEN

Sie konnten ihn genießen und starten jetzt gut

Betteln“? Fabian Vugrin und Charlotte

UND KONSTANZER, erholt und wie wir mit jeder Menge Energie in Kurz gehen in ihrem Feature diesen Fragen

ein neues Wintersemester. Im Namen von Seezeit möchte ich alle

nach.

Erstsemester und alle „fortgeschrittenen“ Studierenden ganz herzlich

in Konstanz willkommen heißen.

Wir haben die vorlesungsfreie Zeit – außer für eine kleine Verschnaufpause

– auch genutzt, um unsere Angebote weiter zu verbessern.

Unsere Wohnanlage Petershauser Straße haben wir in den

vergangenen Monaten saniert und konnten pünktlich zum Semesterstart

alle 50 neu renovierten Zimmer an interessierte Studierende

vergeben. Es macht uns stolz, mit diesen und weiteren rund 2.300

günstigen Zimmern für Studierende den Druck auf dem Wohnungsmarkt

hier in Konstanz zumindest etwas zu reduzieren. Eine zweite

Baustelle ist noch in vollem Gange: Was sich derzeit im Europahaus

tut, lesen Sie auf Seite 23. Auch in unseren Mensen, Cafeterien und

Cafés sind wir immer dabei, unser Angebot weiterzuentwickeln.

Dabei legen wir großen Wert auf Nachhaltigkeit und freuen uns sehr,

dass wir eine Lösung gefunden haben, die umweltschädlichen Einweg-Pappbecher

aus dem CampusCafé zu verbannen. Damit Sie künftig

trotzdem nicht auf Ihren Kaffee-to-go verzichten müssen, beteiligen

wir uns an dem deutschlandweiten Mehrwegbecher-Pfandsystem

RECUP. Die ersten paar Getränke können Sie sich übrigens ganz

einfach refinanzieren: Wenn Sie noch kein EasyLoad haben und sich

bis Ende November anmelden, schenken wir Ihnen 5 Euro und buchen

das Guthaben direkt auf Ihre Chipkarte. Für die weitere Finanzierung

Ihres Studiums sollten Sie unbedingt rechtzeitig einen BAföG-Antrag

stellen. Warum das eine gute Idee ist, erfahren Sie auf Seite 21.

Wenn Sie noch andere gute Ideen haben – zum Beispiel wie wir uns

weiter verbessern können –, kommen Sie jederzeit gerne auf uns zu.

Und wenn Sie wissen wollen, was es Neues gibt, abonnieren Sie uns

doch auf Facebook und Instagram und schauen Sie auf unserer Website

unter seezeit.com vorbei. Egal ob persönlich oder online, ob in der

Mensa, in der Wohnanlage, im Kinderhaus, in unseren Beratungsstellen,

bei Kulturveranstaltungen oder im Seezeit Service Center: Wir

freuen uns auf einen lebendigen Austausch und auf ein tolles neues

Semester mit Ihnen!

Ihr Helmut Baumgartl

Geschäftsführer Seezeit Studierendenwerk Bodensee

In der Statistik präsentieren wir euch

dieses Mal Kulturinitiativen und Events

in Konstanz und Kreuzlingen. Professor

Stefan Hauser gewährt euch einen Blick

in den Elfenbeinturm, unsere neue Rektorin

Prof. Kerstin Krieglstein steht Nico

Talenta bei einem Campusspaziergang

Rede und Antwort und Eva Eß fragt beim

studentischen Start-Up nemms nach, wie

es ist, nach dem Studium ein Unternehmen

zu gründen. Darüber hinaus streiten

sich Theresa Gielnik und Janina Käppel

über Wohl und Wehe eines studentischen

Lieblingshobbys: das Seriengucken.

Nicolai Eckert hört mit einem Musiker der

Südwestdeutschen Philharmoniker dessen

Lieblingsalbum, und in Anbetracht

der durch Mesut Özil angestoßenen

#MeTwo-Debatte gibt uns eine Betroffene

Auskunft über ihre Erfahrungen mit

alltäglicher Diskriminierung. Und es gibt

noch weitaus mehr zu entdecken in diesem

prall gefüllten Heft – und natürlich

bei Campuls Online.

Zu guter Letzt möchte ich noch zwei Personalwechsel

bekanntgeben. Unsere

stellvertretende Chefredakteurin und

maßgebliche Initiatorin von Campuls Online

Julia Kohushölter verlässt die Redaktion.

Im Namen der Redaktion sage ich an

dieser Stelle noch einmal: Danke für deinen

unermüdlichen Einsatz! Julias Posten

übernimmt Nico Talenta. Als Chefredakteur

werde ich nur noch die beiden Ausgaben

dieses Semesters betreuen. Meine

Nachfolgerin wird Lea Luttenberger, die

bereits in dieser Ausgabe die hochheilige

Kolumnistenfackel von mir übernommen

hat.

03

Und jetzt wünsche ich viel Spaß bei der Lektüre und allen Erstis einen tollen

Start an der HTWG und der Uni Konstanz

im Namen der ganzen Campuls-Redaktion

Euer Marc-Julien Heinsch

EDITORIAL


Redaktion

& Impressum

Nicolai Eckert

Fotograf & Redakteur

Eva Eß

Redakteurin

Manuel Fleig

Fotograf, Layout & Grafik

Theresa Gielnik

Redakteurin

Vivien Götz

Redakteurin

Marc-Julien Heinsch

Chefredakteur

Ema Jerkovic

Redakteurin

Janina Käppel

Redakteurin

04

Charlotte Kurz

Redakteurin

Lea Luttenberger

Redakteurin

Mario Naegele

Layout & Grafik

Pia Sautter

Redakteurin

Leonie Thiel

Redakteurin

Nico Talenta

stellv. Chefredakteur

Fabian Vugrin

Redakteur

Svenja Wulff

Lektorat

Herausgeber

Seezeit

Studierendenwerk

Bodensee

Jochen Mink

Kontakt

Seezeit

Studierendenwerk Bodensee

Universitätsstraße 10

78464 Konstanz

campuls@seezeit.com

www.seezeit.com/campuls

Facebook

Campuls Online

Seezeit

Studierendenwerk

Bodensee

Chefredakteur V.I.S.d.P

Marc-Julien Heinsch

Anzeigen

Marina Filipczyk

marina.filipczyk@ seezeit.com

Layout & Grafik

Mario Naegele & Manuel Fleig

Thema dieser Ausgabe

Diskriminierung und Toleranz

Schrift

Prophet Medium,

Suisse, Sang Bleu,

Monument

Druck

Druckerei Fabian GmbH

AUSGABE EINS


INHALT

03 14 24

Editorial

Helmut Baumgartl

Marc-Julien Heinsch

Hochschulleben

Blick in den Elfenbeinturm

Stefan R. Hauser – Archäologie

Marc-Julien Heinsch

Kreuzworträtsel

Lea Luttenberger

04 15 25

Redaktion & Impressum

Hochschulleben

Eine neue Rektorin

für die Universität Konstanz

Nico Talenta

Pro und Contra

Seriengucken

Theresa Gielnik & Janina Käppel

06 17 26

Sonstiges

Die Statistik:

Kulturelle Initiativen in Konstanz

Theresa Gielnik

Hochschulleben

Von der Hochschule zum Start-up

Eva Eß

Kultur

Porträt: Die Bibliothek

im Suso-Gymnasium

Vivien Götz

07 20 28

05

Politik

Einem - ismus auf der Spur

Brutalismus

Nicolai Eckert & Manuel Fleig

Seezeit

RECUP im Campus-Café

Charlotte Kurz

Kultur

Ein Gespräch mit Philharmoniker_Innen

über Musik

Nicolai Eckert

08 21 30

Politik

Stadt-Kampagne gegen aktives Betteln

Reaktionen und Betroffene

Fabian Vugrin & Charlotte Kurz

Seezeit

Bafög-Antrag

Ema Jerkovic

Kolumne

Lea Luttenberger

12 23 31

Politik

Positiver Rassismus

ein Essay

Theresa Gielnik

Seezeit

Renovierung im Europahaus

Fabian Vugrin

Seezeit-Infos

WINTERSEMESTER 2018/19


Text Theresa Gielnik

Illustration Mario Naegele

DIE STATISTIK:

KULTURELLE INITIATIVEN IN KONSTANZ

01

Museen

04

Stadtführungen

Rosgartenmuseum — 53 962

Wessenberg-Galerie — 14 521

Naturmuseum

(mit Kooperation SeaLife)

— 142 402

Hus-Museum — 17 649

Archäologisches Landesmuseum

— 26 972

ausgwählte Besucherzahlen 2017

bei zehn Museen gesamt

gebuchte Stadtführungen oder

Reiseleitungen — 1 676

Davon öffentliche Führungen

— 594

Teilnehmer — 7 282

Stand Ende August 2018

Führungen der Marketing und Tourismus

GmbH Konstanz (weitere Führungen von

Leistungsträgern)

02

Theater und

Schauspielbühnen

05

Vereine

06

aufgeführte Stücke Theater

Konstanz in der Spielzeit 17/18: 933

Besucher_Innen_ 105 731

bei elf Theater und Bühnen gesamt

Kunst/Kultur — 29

Chöre und Orchester — 56

Brauchtum — 66

Interkulturelle Vereine — 33

Quelle: Kulturbüro

03

Kinos

06

Musik

Zebra Kino

Plätze: 99

Besucher/innen: 12 326

CineStar

Plätze: 1 439

Besucher/innen: 388 107

bei zwei Kinos gesamt

Besucherzahlen 2017

Philharmonie Konstanz

gespielte Konzerte 2018 — 69

(auswärtigen Gastkonzerten 105)

Besucher/innen — 75 971 bei

63 Konzerten im Jahr

Kulturladen e.V.

gespielte Konzerte — 30

Besucher/innen — 21 600 bei

84 gespielten Konzerten

gespielte Konzerte 2018

Besucherzahlen 2016/17

SONSTIGES


Text Nicolai Eckert & Manuel Fleig

Illustration Manuel Fleig

Einem -ismus auf der Spur:

BRUTALISMUS

Der Begriff Brutalismus beschreibt keineswegs aggressives

Verhalten eines Individuums gegenüber Dritten. Er

ist weder Bezeichnung für eine Jugendsprache, die gerne

„Brutal!“ anstelle von „Sehr gut!“ oder „Klasse!“ setzt, noch

eine Bezeichnung für eine Staatsform, in der das rücksichtsloseste

Mitglied den Ton angibt. Der in akademischen Kreisen

beliebte Suffix -ismus hat sich hier eine sehr ungewöhnliche

Basis ausgesucht. „Brutal“ kommt vom lateinischen

„brutus“, was übersetzt „schwerfällig“, „roh“ oder auch

„stumpfsinnig“ bedeutet. Caesars sogenannter Ziehsohn,

Marcus Iunius Brutus, hatte daher einen wenig schmeichelhaften

Namen.

Ob sein Verhalten gegenüber Caesar schlussendlich

unser heutiges Verständnis von „brutal“ geprägt hat, sei dahingestellt,

sicher ist, dass Brutalismus auch nichts mit den

Römern, Caesar oder seinem Mord zu tun hat. Wobei, sehr

weit gedacht, durchaus eine Verbindung des Alten Roms

zum Begriff Brutalismus hergestellt werden kann. Was von

der römischen Antike bleibt, sind viele Texte unterschiedlicher

Gattungen, zahlreiche Kunstgegenstände und die Ruinen

einst glorreicher Tempel, Arenen, Theater und Privathäuser.

Doch auch erstaunlich gut erhaltene Gebäude

sind heute noch zu finden. Eines davon, das Pantheon in

Rom, wurde ca. 27 bis 25 v. Chr. als eines der ersten Gebäude

überhaupt unter anderem mit einem revolutionären Baustoff

errichtet: Beton.

Der eigentliche Siegeszug dieses Materials begann

jedoch erst im letzten Jahrhundert. Zwar kam Beton auch

schon früher zum Einsatz, allerdings hielt er sich, unter

Stuck, Putz und Ornat lediglich als Mittel zum Zweck gebraucht,

versteckt. Schade eigentlich, birgt roher Beton, auf

Französisch auch „béton brut“ genannt, doch so viele Gestaltungsmöglichkeiten!

Mit dieser Erkenntnis entstand in

den 1950er Jahren ein neuer Architekturstil, der ungeniert

mit rohem Beton arbeitete: der sogenannte Brutalismus.

In den 1990er Jahren schlussendlich in Verruf geraten,

erlebt der Stil derzeit eine Renaissance, die sogar über

die Architektur hinausgeht. Besonders im Grafikdesign hat

der Brutalismus in den letzten Jahren eine kontroverse Rolle

eingenommen: Von vielen Gestaltern wegen seines schlichten,

rohen und funktionalen Stils gefeiert, muss der grafische

Brutalismus auch ordentlich Kritik einstecken. Wenn

die drastische Reduktion auf wesentliche (grafische) Elemente

bis an seine Grenzen getrieben wird, entsteht natürlich

absolute Klarheit und Orientierung. Ästhetik, Menschlichkeit

und Sympathie bleiben dabei oft auf der Strecke. Er

wird sogar häufig – zu Unrecht – mit „Antidesign“ gleichgesetzt.

Antidesign setzt aber bewusst auf Stilmittel, die als

unästhetisch gelten. Davon ist der Brutalismus weit entfernt.

Nichtsdestotrotz liegt der Brutalismus absolut im

Trend, ist aber natürlich kein Freifahrtschein, Gestaltungsregeln

mit aller Gewalt zu brechen. Bewusst und intelligent eingesetzt,

entstehen mit Hilfe des Brutalismus funktionale und

ansprechende Gebäude, Druckprodukte, Apps und sogar

Webseiten. Es gilt, wie so oft: Die Dosis macht das Gift.

07


Text Fabian Vugrin & Charlotte Kurz

Fotos Charlotte Kurz

Plakate vs.

Pappbecher

08

Seit Mai 2018 fährt die

Stadt eine Kampagne

gegen aktives und aufdringliches

Betteln mithilfe

von Aufstellern und

Plakaten. Betroffene berichten,

Kritiker und

Gegner formieren sich.

Bei einem Spaziergang durch die Altstadt an einem normalen

Werktag fällt auf: Ob an der Marktstätte, in den kleinen Gässchen oder

am Bahnhofsplatz, ein paar Menschen sitzen immer am Straßenrand.

Meist sitzen sie in gebeugter Haltung, auf einem Stück Pappkarton

oder auf einer Decke. Manchmal haben sie einen Hund an ihrer Seite,

immer steht ein kleiner Pappbecher direkt vor ihnen. Sie sitzen am

Rande der Straße und am Rande der Gesellschaft. Passant_innen laufen

oft vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen, manchmal erhalten

sie mitleidvolle Blicke und ab und zu verirrt sich eine Münze in den

Becher. Vor allem im Sommer, wenn die Stadt vor lauter Touristen

brummt und summt, sind viele Bettler_innen an fast jeder Straßenecke

zu sehen. Doch Konstanzer Bettler_innen sind nicht nur im Sommer

ein beobachtbares Phänomen. Mike, der seit 15 Jahren „Platte macht“,

also draußen unter freiem Himmel schläft, erklärt: „Im Winter wird

auch gebettelt und Leute geben mehr Geld, wenn es kalt ist, weil sie

größeres Mitleid empfinden.“

Nun hat die Situation des Bettelns, um es in den Worten des

Oberbürgermeisters Ulrich Burchardt zu sagen, „[…] bei uns in Konstanz

ein Ausmaß angenommen, dass wir so nicht hinnehmen können.“

Eine Kampagne gegen das sogenannte aktive Betteln folgte im Mai

2018. Dabei gehe es nicht um das – weiterhin erlaubte – stille Betteln,

POLITIK


Plakate vs. Pappbecher

sondern „überwiegend um organisierte Formen der aktiven Ansprache,

die auch die Grenze zur Belästigung überschreitet“, so Burchardt auf

der Homepage der Stadt Konstanz.

Begleiterscheinung der Kampagne war vor allem das Auftauchen

städtischer Plakate in Bussen, Hotels und in der Innenstadt. Die

zweisprachig verfassten Flyer und Plakate sollen erklären, welche Formen

des Bettelns verboten und welche erlaubt sind.

Verboten ist – gemäß des 2015 erlassenen § 14 der Umweltschutz-

und Polizeiverordnung der Stadt Konstanz – aufdringliches

Verhalten von Bettler_innen. Das bedeutet: Verfolgen, aufdringliches

Ansprechen und In-den-Weg-Legen beziehungsweise diesen versperren.

Wenn eine Spende also quasi erpresst wird. Ebenfalls verboten ist

Betteln mit Minderjährigen und das Vortäuschen von Krankheiten oder

Behinderungen. Das „stille Demutsbetteln“ ist weiterhin erlaubt.

Maßnahmen

Gemeinsam mit der Polizei forciert die Stadt Konstanz eine

Reihe von Maßnahmen, die das „aggressive“ Betteln unterbinden sollen.

Es soll verstärkte Kontrollen in der Innenstadt geben. Durch damit

einhergehende Maßnahmen wie Platzverweise oder Bußgelder soll die

öffentliche Ordnung wiederhergestellt werden. Allein 48 Bußgelder

wurden dieses Jahr bis September von der Stadt Konstanz verhängt.

Außerdem räumt die Polizei mithilfe des städtischen Ordnungsdienstes

Lager, die den Bettlern als Unterkunft dienen. Mit vorheriger

Ankündigung wurden 2018 bereits fünf Lager geräumt.

Reaktionen der Kirche

Keine. Die Kampagne der Stadt wurde mit Vertretern der Kirche

besprochen. Diese unterstützen das Vorgehen der Stadt.

Reaktionen der Bevölkerung

Die Wahrnehmung der Passanten zur Situation des Bettelns in

der Innenstadt und der Kampagne ist unterschiedlich.

Nadine und Isabell Bühler aus Freiburg seien nicht viele Bettler_

innen aufgefallen: „In Freiburg gibt es viel mehr Bettler, die einen ansprechen

oder antippen.“ Auf der anderen Seite hat Horst Hölz das

Gefühl, dass es sehr viele Bettler_innen in Konstanz gibt. „Zwar werde

ich nur selten aggressiv angesprochen, Geld gebe ich jedoch nie, denn

die Bettler sind meist Teil von organisierten Bettelbanden“, vermutet

Hölz, der in der Stadtverwaltung Ravensburg arbeitet.

Erika, die in Konstanz geboren wurde und zeitlebens im Paradies

wohnt, hatte das Betteln bis vor ein paar Wochen als lästig und

störend empfunden. Seit einigen Wochen, so die Rentnerin, seien Bett-

ler_innen nicht mehr so aufdringlich und zahlreich

an jeder Straßenecke zu sehen. Dies sei

eventuell auf die Kampagne zurückzuführen.

Gezielt gegen die Kampagne wurden unter

anderem einige Sticker-Aktionen durchgeführt

und Botschaften auf den Plakaten hinterlassen.

Zudem möchte die Linke Liste Konstanz (LLK)

parlamentarisch gegen die Kampagne vorgehen

und im Gemeinderat einen Antrag stellen. Hauptziel

sei – mit realistischem Blick auf die Besetzung

des Gemeinderates –, das Thema weiter in

die Öffentlichkeit zu rücken. Außerdem gibt es

verschiedene Facebook-Seiten, wie zum Beispiel

die „Aktion gegen den ungestörten Altstadtbummel“,

die sich gegen die Kampagne der Stadt positionieren.

Bereits Ende Juni verurteilten anonyme

Kritiker unter dem Namen „Initiative Konstanzer

Bürger, für das beste Konstanz, das es geben kann“

(kurz: IKBFDBKDEGK) Oberbürgermeister

Burchardt und das Vorgehen der Stadt. Mittelhilfe

von Flyern kritisierte die Initiative die von ihnen

als „Schmutzkampagne gegen Menschen in Not“

bezeichnete Plakatoffensive der Stadt.

Rechtliche Lage

Auch ein juristisches Vorgehen sei schwierig,

da es hierfür einen Betroffenen, sprich eine

Klägerin oder einen Kläger bräuchte, so der ehemalige

Bundestagskandidat der Linken, künftiger

Kandidat bei den Kommunalwahlen und Volljurist

Simon Pschorr.

Grundsätzlich gilt aber, dass die Polizei

immer nur dann handeln darf, wenn eine konkrete

Gefahr besteht. Bei stillem Betteln fehlt es an

diesem polizeilichen Schutzgut. Wie im Infokasten

erläutert wird, ist dies nur etwa bei Bettelbetrug

(§ 263 I StGB) oder Nötigung (§ 240 I StGB)

gegeben. Beide Straftatbestände sind beim stillen

Betteln nur in Ausnahmefällen verwirklicht.

Ein weit verbreitetes Vorurteil ist ebenfalls,

dass bereits die Zugehörigkeit zu einer Bande das

09


POLITIK


Plakate vs. Pappbecher

10

Betteln kriminalisiert. Bettler_innen, die einer organisierten

Bande angehören, machen sich allein hierdurch aber nicht

strafbar. Lediglich eine Strafbarkeit des Hintermannes komme

in Frage, sobald dieser die Bettler_innen erpresst oder

im Wege des Menschenhandels ausnutzt, so Pschorr. Bestimmen

die Bedürftigen beispielsweise, in aller Einverständnis,

eine Person, die regelmäßig das gespendete Geld

einsammelt, um es vor Beschlagnahmungen durch den kommunalen

Ordnungsdienst (KOD) oder die Polizei zu schützen,

so ist das nicht strafbar.

Ermittlungen der Polizei

in Konstanz dokumentieren,

dass es sich häufig um

organisierte Bettelbanden

handele, lässt das Pressebüro

der Stadt wissen. Ein Indiz

dafür sei „[d]ie Überweisung

von Bettelgeldern nach Rumänien

und der Slowakei per

Western Union“, erklärt Anja

Risse, Amtsleiterin des Bürgeramtes,

in der Beantwortung

einer Anfrage der LLK.

Genauere Angaben hierüber

könne die Polizei aus ermittlungstaktischen

Gründen

allerdings nicht machen.

Ebenfalls informiert

die Homepage der Stadt

Konstanz über das Verbot des

gewerbsmäßigen Bettelns.

Der öffentliche Raum würde

hierbei „vorwiegend zur systematischen

Einnahmeerzielung

genutzt“. Simon Pschorr

widerspricht: „Die Stadt

stützt sich hierbei nicht auf

saubere juristische Terminologie.“

Jedes Betteln ist dauerhaft

und strukturiert auf

die Sicherung des Lebensunterhalts

der betroffenen Person gerichtet. Per definitionem

ist damit jedes Betteln gewerbsmäßig. Und wie bereits erläutert,

ist Betteln im Allgemeinen nicht verboten.

Die Stadt stützt sich in ihrem Vorgehen bei der Bettelkampagne

zuallererst auf die von ihr erlassene Polizeiverordnung.

Und so wie es bei Handlungen der Polizei einer

konkreten Gefahr bedarf (s.o.), benötigt eine Polizeiverordnung

eine abstrakte Gefahr. Das heißt, durch häufige Vorkommnisse

einzelner konkreter Gefahren kann die Polizei

von einer größeren allgemeineren Gefahr ausgehen. Ob diese

Gefahr durch das „aggressive“ Betteln gegeben ist, bleibt

– aus juristischer Sicht – vorerst fraglich.

Wer hilft und was sagen

die Betroffenen?

Eine Frage, die sich bei dem Thema immer wieder

stellt: Warum müssen Menschen trotz staatlicher Sicherungsprogramme

und sozialer Projekte in einer reichen

Stadt wie Konstanz betteln gehen?

Bettler_innen sind bedürftige Menschen, die oft

wohnungslos sind und von Arbeitslosengeld I oder II leben.

Die meisten bekommen Arbeitslosengeld II, auch Hartz IV

genannt. Alleinstehende haben damit 416 Euro monatlich

Info

Der Paragraph zur „Bettlerei und Landstreicherei“

wurde 1974 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen.

Heute stellt das Betteln in Deutschland keinen

Straftatbestand dar und kann damit strafrechtlich

nicht verfolgt werden. Ein Straftatbestand liegt nur

vor, sofern das Betteln einen anderen Straftatbestand

erfüllt – zum Beispiel den des Betruges (§ 263 I

StGB) oder der Nötigung (§ 240 I StGB). Dazu zählt

beispielsweise die Vortäuschung einer Erkrankung

wie Blindheit oder ein besonders aufdringliches

Vorgehen der bettelnden Person. Dies ist jedoch

äußerst selten der Fall, wie der wissenschaftliche

Dienst des Bundestages bereits 2016 im Sachstand

„Regelungen zu Bettelei“ schreibt.

Außerdem hält der Sachstand fest: „Kommunale

Verordnungen, welche das Betteln im öffentlichen

Raum im Sinne straßenrechtlicher Vorschriften unter

Erlaubnisvorbehalt stellen oder als polizei- und

ordnungsrechtliche Maßnahme generell verbieten

wollen, hielten einer rechtlichen Überprüfung nicht

stand, sodass Betteln im öffentlichen Raum grundsätzlich

auch nicht auf andere Weise verboten

werden kann.“

zur Verfügung. Mit Betteln verdienen sich einige ein Zubrot.

Manche Bettler_innen kommen aus dem Ausland, viele

stammen aus Rumänien. „Alle Menschen aus den EU-Ländern

haben Anspruch auf Arbeitslosengeld I, unter der Bedingung,

dass sie ein Jahr gearbeitet haben“, erklärt Gero

Lauterer von der Fachberatung der AGJ Wohnungslosenhilfe

im Landkreis Konstanz. Sein Chef, Jörg Fröhlich, sieht eine

Verbindung zwischen Wohnungslosigkeit und Betteln. „Viele

Wohnungslose betteln, aber es gibt auch einige Bettler_innen,

die zwar eine Wohnung, aber nur sehr wenig Geld zur

Verfügung haben“, erklärt

Fröhlich, Leiter der Tagesstätte

für wohnungslose oder

von Wohnungslosigkeit bedrohte

Menschen. Verschärft

wird das Thema Wohnungslosigkeit

durch das Problem

des angespannten und überteuerten

Wohnungsmarktes

in Konstanz.

Laut Fröhlich gibt es

zwei Hilfesysteme, die greifen,

wenn jemand obdachlos

wird und nicht weiß, wo er in

der nächsten Nacht schlafen

kann. Auf der einen Seite ist

die Stadt Konstanz verpflichtet,

allen Bedürftigen ein

Dach über dem Kopf zu bieten.

Bei dieser Verpflichtung

existieren aber keine genauen

Vorgaben, außer dass sanitäre

Anlagen vorhanden

und die Räume beheizt sein

müssen. Von einer Notübernachtung

in Form eines

Mehrbettzimmers bis hin zu

fast normalen Wohnungen

gibt es hier unterschiedliche

Modelle.

Auf der anderen Seite

gibt es das Hilfesystem Wohnungslosenhilfe, zu der auch die

AGJ Wohnungslosenhilfe im Landkreis Konstanz gehört.

Hier muss ein Hilfebedarf in Form von besonderen sozialen

Schwierigkeiten nach §§ 67 bis 69 Sozialgesetzbuch XII vorliegen.

„Sozialarbeiter kommen bei dieser Form mit ins

POLITIK


Plakate vs. Pappbecher

Gero Lauterer

Jörg Fröhlich

Spiel und versuchen gemeinsam mit den Betroffenen das

Ziel zu erreichen, ein selbstständiges Leben zu ermöglichen“,

erklärt Fröhlich. Dies bedeutet, dass Bedürftige Hilfe auch

annehmen und sich auf einen Hilfeplan einigen müssen.

„Viele möchten aber keine Hilfe annehmen und werden weitergeleitet

an die Stadt“, sagt Fröhlich.

An seinem Arbeitsplatz, am Lutherplatz 6, stehen die

Türen von morgens bis abends für alle bedürftigen und wohnungslosen

Personen offen. Morgens gibt es Brötchen vom

Vortag, mittags ein warmes Mittagessen für zwei Euro. Betroffene

können duschen, Wäsche waschen, die Kleiderkammer

aufsuchen und sich zurückziehen. Zweimal pro Woche

ist eine Krankenschwester im Haus. Dort wird auch das Arbeitslosengeld

in Form von Tages- oder Wochensätzen ausbezahlt.

Einige Personen, die regelmäßig die Tagesstätte am

Lutherplatz aufsuchen, gehen betteln.

„Ich habe geregelte Arbeitszeiten“, erklärt Dirk und

meint damit, dass er sich zu seinen eigenen festgelegten

Zeiten auf die Straße setzt und etwas dazuverdient. Der gebürtige

Hannoveraner ist als Jugendlicher von Zuhause abgehauen,

hat lange Zeit in Berlin auf der Straße und in besetzten

Häusern gelebt und ist Mitte der 1990er Jahre in den

Süden gezogen, erst nach Freiburg und dann nach Konstanz.

Seit 2006 „macht er Platte“ in Konstanz.

Dirk ist mit Mike befreundet, sie schlafen am gleichen

Ort und sind sozusagen Nachbarn. Mike kann sich

nach der langen Zeit unter freiem Himmel kein anderes

Leben vorstellen. Der gelernte Diplombauingenieur hat sich

bewusst für diese Lebensform entschieden. „Nächstes Jahr

reise ich mit dem Fahrrad weiter Richtung Norden“,

schwärmt er. Hündin Sandy ist immer dabei. Ehrenamtlich

arbeitet Mike in der AGJ am Lutherplatz und betteln geht er

jeden Tag. Den Tagesablauf strukturiert er selbst: „Heute

morgen habe ich 3 Stunden gebettelt, jetzt bin ich hier am

Lutherplatz und unterstütze meine Kollegen, und nachher

habe ich einen Zahnarzttermin“, erklärt Mike.

Was die beiden zu der Kampagne sagen? „Die Kampagne

der Stadt ist insgesamt eine komische Angelegenheit“,

meint Dirk. Das Problem sei vor allem, dass die Stadt und

die Polizei alle Menschen, die auf der Straße leben und betteln,

in eine Schublade steckten und nicht unterschieden,

mit welchen Hintergründen sie dorthin gekommen sind.

Mike schnaubt: „Die Kampagne ist ein Witz, die Jungs sind

immer noch da.“ Mit „Jungs“ meint Mike die als aggressiv

geltenden Bettler, die Passanten bedrängen und ihre Behinderungen

zur Schau stellen. Laut Mike gäbe es überall organisierte

Banden, oft seien es aber keine kriminellen Strukturen,

sondern Familiensippen, die eng zusammenarbeiten.

Mit den Behörden haben die beiden keine Probleme.

„Wenn man sich still an den Straßenrand setzt und höflich

bleibt, dann lassen uns die Polizisten in Ruhe“, erklärt Dirk.

„Wie man in den Wald schreit, so schreit es auch zurück“,

ergänzt er. Problematisch ist aber, dass die beiden vor den

Ämtern verheimlichen müssen, dass sie durch das Betteln

einen geringen Zuverdienst haben. „Das Amt könnte eventuell

mein Arbeitslosengeld kürzen, da das Betteln als Einnahme

gesehen wird“, erklärt Mike.

Ob die Kampagne der Stadt Konstanz gegen aktives

Betteln Früchte trägt und aufdringliches Betteln langfristig

abnimmt, wird sich vermutlich erst in der Zukunft zeigen.

Klar ist, dass sich die Situation der Betroffenen besonders

im Hinblick auf die Wohnungsknappheit nicht verbessern

wird, da ist sich auch Jörg Fröhlich sicher. Vor allem in dieser

Gewissheit stellt sich die Frage, ob die Kampagne der

Stadt nicht am eigentlichen Problem vorbeigeht. Denn Betroffene

leben meist am Existenzminimum, sind oft nicht in

soziale Netzwerke eingebunden und handeln so aus der Not

heraus. Vorhandene Ressourcen und finanzielle Mittel könnten

hier eingesetzt werden, um die Notwendigkeit des Bettelns

von Grund auf abzuschaffen.

11

POLITIK


Text Theresa Gielnik

Illustration Mario Naegele

POSITIVER RASSISMUS?

— EIN ESSAY

12

Was ist positiver Rassismus? Oder besser gefragt:

Was kann an Rassismus positiv sein?

Die Antwort auf die zweite Frage ist sehr einfach:

Rein gar nichts. Die Begrifflichkeit „positiver

Rassismus“ oder zumindest der Umstand,

der damit beschrieben werden soll, ist da schon

viel komplexer.

Ein Beispiel dazu:

Meine Oma sagte einmal ganz begeistert zu

mir: „Ha, dei‘ Freundin schwätzt ja sogar schwäbisch!“

(zu Hochdeutsch: Erstaunlich, dass deine

Freundin den schwäbischen Dialekt beherrscht!)

Sie flüsterte es leise mit leuchtenden Augen, sie

war richtig stolz. An und für sich ist das ja eine

Aussage, die nett ist und die von meiner Oma

auch so gemeint war. Als ich entgegnete, was

daran so besonders sei, da sie doch auch Schwäbin

ist, stieß ich bei meiner Oma auf Unverständnis.

Denn meine Oma war nicht aufgrund

des Umstandes erstaunt, dass eine junge Frau

den schwäbischen Dialekt beherrschte, der in

ihrer Heimatregion gesprochen wird. Sie war

erstaunt darüber, weil Zozan* nicht ‚deutsch‘

aussieht – zumindest für meine Oma – und

trotzdem ‚Schwäbisch schwätza ko‘. Zozan ist

Deutsche, ihre Eltern aber sind aus Kurdistan

nach Deutschland emigriert.

Meine Oma ist kein Einzelfall – ich denke

viele kennen solche Situationen. Denn positiver

Rassismus ist ein absolutes Alltagsphänomen.

Was also ist positiver Rassismus? Ich (Mitte

20, weiß, weiblich) würde sagen, dass jemand

positiv rassistisch ist, wenn er oder sie eine Fähigkeit,

eine Eigenschaft oder das Handeln einer

Person ihres Aussehens wegen als besonders positiv

hervorhebt. Denn die Hautfarbe lässt

scheinbar auf eine andere Herkunft schließen,

auf eine andere Ethnie, die von der Person als

weniger privilegiert, oder vor allem als ‚anders‘,

erachtet wird. Aufgrund dieser exotisierten Haltung

und Denke über „die fremde Kultur“ werden

diese Vorurteile überschrieben und in einer

oftmals positiv gemeinten Aussage reproduziert.

Das kann sich dann in zwei Formen zeigen: Einmal

ist es erstaunlich, wenn die Person entgegen

dieser Erwartung handelt. Erinnern wir uns an

das Beispiel mit meiner Oma und meiner Freundin

Zozan. Ein anderes Mal wird die Person genau

wegen ihrer Hautfarbe und damit einhergehender

‚genetischer Vorteile‘ hervorgehoben.

Beispiele dazu wären: Beyoncé kann gut tanzen,

„weil sie den Rhythmus ja schon im Blut hat“.

Usain Bolt ist deswegen ein solch guter Sprinter,

„weil Schwarze ja auch einfach schnell rennen

können“. Und natürlich ist der wohl intelligenteste

Mensch Terence Chi-Shen Tao mit einem

IQ von 230 Chinese. Die Liste der Vorurteile gegenüber

‚fremder Ethnien‘ könnte endlos so weiter

gehen.

Linda, 25, Studentin an der Uni Konstanz,

kennt viele solcher Alltagssituationen:

„Am besten ist eigentlich immer der Spruch:

‚Und woher kommst du?‘ – ‚Aus Singen.‘ – ‚Jaaaaa,

aber woher ursprünglich?‘ Das ist immer super

nervig. Oder wenn ich sage, dass ich studiere,

sind die Leute auch manchmal irritiert. Ebenso

höre ich öfter, dass ich ja nicht aussehen würde,

als ob ich Abitur hätte. Viele Leute verorten

mich im ersten Moment nicht in einem universitären

Rahmen und sind dann immer sehr erstaunt.

Aber das ist ja auch kein Wunder, die

deutsche Wissenschaft ist vornehmlich weiß und

dazu männlich. Es gibt aber auch viele andere

Situationen“, erzählt Linda weiter. „Zum Beispiel

wurde ich auf einer Party auch mal angesprochen,

warum mein Po nicht so groß ist. ‚Er

ist zu flach dafür, dass du so dunkel bist‘, hieß es

dann. Damals, so mit 17, habe ich das nicht richtig

verstanden, ich habe den Fehler an mir gesucht

und dachte, irgendwas ist nicht okay an

mir. Erst später habe ich verstanden und reflektieren

können, dass das eine sehr rassistische

Äußerung war, in der irgendwelche Vorurteile

auf mich überschrieben wurden. Ich sehe das als

große Lücke in der Aufklärungsarbeit, die eigentlich

an Schulen gemacht werden sollte. Rassismus,

speziell Alltagsrassismus, ist ein sehr

komplexes Thema und sollte unbedingt früh angesprochen

werden, damit man lernt, wie man

damit umgehen kann. In der Erwachsenenbildung

oder vor allem an der Universität gibt es

dann mehrere Möglichkeiten, aber das ist meiner

Meinung nach zu spät. Und dabei ist es egal,

ob man betroffen ist oder nicht. Denn ich merke

einfach, wie unreflektiert viele mit diesem Thema

umgehen und sich rassistischer Äußerungen

nicht bewusst sind. Genau dadurch entsteht dieser

Alltagsrassismus, der bei vielen Begegnungen,

die ich mit Menschen ohne ähnliche Erfahrungen

mache, mitschwingt.

Mir ist einfach das Verständnis dafür sehr

POLITIK


wichtig, dass es keine Menschenrassen gibt. Ich

habe nichts im Blut, das mich anders macht. Deswegen

finde ich den Begriff ‚race‘ sehr stark, weil

es vielmehr eine politische Kategorie ist. Ein Äquivalent

im Deutschen gibt es nicht, das Wort ‚Rasse‘

hat eine völlig andere Konnotation.“

Frida*, 28, Angestellte, problematisiert die Begrifflichkeit

‚Positiver Rassismus‘.

„Meiner Auffassung nach gibt es weder positiven

noch negativen Rassismus. Rassismus liegt von der

Sache her eine hierarchische Aufteilung zugrunde.

Und diese kann weder positive noch negative Ausformungen

annehmen.

Positiver Rassismus und die Idee, dass man aufgrund

einer Rassenzuteilung besser behandelt werden

kann, hat nichts mit guter/positiver Zuschreibung

zu tun. Hier bestätigt sich nur der

systemische Ansatz von Rassismus. Deshalb finde

ich den Begriff ‚positiver Rassismus‘ sehr irreführend,

da er auch eine Bestätigung der zugrundeliegenden

Diskriminierung impliziert. Eine solche

Bevorteilung findet meiner Erfahrung nach meistens

in öffentlichen Räumen und Situationen statt,

sodass die großzügige Geste auch sofort durch

Dritte wahrgenommen werden kann. Das reicht

von Privatpersonen bis hin zu Arbeitgebern. Beispielsweise

habe ich oft das Gefühl, dass People of

Color nicht nur ihrer Leistung oder persönlicher

Kompetenzen wegen eingestellt werden, sondern

weil sie eben das Image verbessern. Sie dienen als

Aushängeschild für kulturelle Öffnung im Unternehmen

– oftmals unabhängig von tatsächlichen

Bemühungen durch den Arbeitgeber. Die können

dann eine Message, die nach außen transportiert

werden soll, besser rüberbringen. So kann gezeigt

werden, wie 'woke' und aufgeklärt man ist, da man

Unterschiede ja irgendwie auch nicht wahrnimmt

und gleichzeitig die eigene Entscheidung doch darauf

basiert – natürlich nur im positiven Sinne.“

POSITIVER RASSISMUS UND

DIE IDEE, DASS MAN

AUFGRUND EINER

RASSENZUTEILUNG BESSER

WAS KANN AN RASSISMUS

POSITIV SEIN?

DIE ANTWORT AUF DIE

ZWEITE FRAGE IST SEHR

EINFACH:

REIN GAR NICHTS!

Rassismus im Alltag muss sichtbar gemacht

werden, damit man ihm entgegenwirken kann.

Dafür ist es nötig, eine Sensibilität für diese

Themen zu entwickeln und das geht nur durch

Aufklärung und Reflexion der eigenen Position.

Es muss einen Austausch geben, der nicht in einem

„Heutzutage darf man ja nichts mehr sagen“

resigniert. Menschen ohne Vorurteile zu begegnen,

ist schwer; im Grunde ist niemand frei von

ihnen. Genau deswegen ist es aber wichtig, zu

merken, wann Rassismen am Werk sind. Es gibt

viele Möglichkeiten, sich darüber zu informieren.

Auch wenn diese Formulierung durch die häufige

Verwendung und die Moralpeitscherei beinahe

zu einer Phrase mutiert ist, bleibt sie essenziell:

Check your privilege!

13

BEHANDELT WERDEN KANN,

*Name wurde auf Wunsch der Interviewten

von der Redaktion geändert

HAT NICHTS MIT

GUTER/POSITIVER

ZUSCHREIBUNG ZU TUN

POLITIK


Protokoll Marc-Julien Heinsch

EIN BLICK IN DEN ELFENBEINTURM

Stefan R. Hauser — Archäolgie

„Viele denken bei Archäologie an den

sprichwörtlichen Elfenbeinturm. Ich glaube, dass

kaum ein Fach den Menschen und dem Wandel

ihrer Lebensumstände mehr zugewandt ist als

die Archäologie. Dabei ist unser Fach unglaublich

abwechslungsreich und weit gefächert. Wenn

wir versuchen, aus materieller Kultur die Lebensund

Denkweise vergangener Gesellschaften zu

rekonstruieren, so ist das eine hochkomplexe Angelegenheit.

Dafür nutzen Archäolog_innen ein

breites Methoden- und Theoriespektrum aus den

Natur-, Sozial- und Kulturwissenschaften. Und

wir arbeiten nicht nur selbst methodisch vielfältig,

sondern stets interdisziplinär, zum Beispiel mit

Botanik, Zoologie und Architektur.

Die Wahrnehmung des Faches ist natürlich

geprägt durch die reizvollen Ruinen im Mittelmeerraum

und die steten Neuentdeckungen bei

Ausgrabungen. Die Tatsache, dass man gute

Chancen hat, mit dem Spaten auf Überreste

vergangener Zeiten zu stoßen, macht deutlich,

dass wir in einem Kontinuum leben. Außerhalb

der Denkmalpflege arbeiten Archäolog_innen

aber vor allem an der Aufarbeitung von

Grabungsergebnissen am Schreibtisch.

Archäologie ist Geschichtsschreibung, die

von der materiellen Kultur her argumentiert.

Geschichtsschreibung gibt uns Einblick in Problemstellungen

vergangener Zeiten und deren

Lösungsversuche, aber keine konkreten Handlungsanweisungen.

Dennoch können wir nur so

besser verstehen, wie es zur heutigen Welt und

unseren Denkweisen gekommen ist. Just

hier besteht auch eine stete Wechselwirkung

zwischen der Selbstverortung und unseren

Bildern der Vergangenheit.

Ich selber beschäftige mich vor allem mit

der Geschichte und Kultur des Arsakidenreichs.

Schon während meines Studiums

wunderte ich mich, dass die althistorische

Fachliteratur die Arsakidendynastie und ihr

sogenanntes Partherreich als von nomadischen

Lebensformen bestimmt und in sich

als schwach und zerstritten darstellte, obwohl

keine Dynastie im orientalischen Raum so

lange herrschte. Zudem zeigten die archäologischen

Quellen, dass die Arsakiden das

bis dahin größte Bewässerungssystem der

Antike erschaffen hatten. Diesen eklatanten

Widerspruch von archäologischem Befund

und geschichtlicher Deutung habe ich dann

jahrelang kleinteilig erforscht. Von den Arsakiden

als Nomaden zu sprechen, ist einfach

hanebüchener Blödsinn. Diese Herrscher

lebten jahrhundertelang in städtischen Agglomerationen

von mindestens einer halben

Million Einwohnern. Und selbst ihr angeblich

nomadischer Ursprung ist vermutlich nur ein

römischer Topos. Bis sich diese Erkenntnisse

durchsetzen und die Forschung vom Kopf

auf die Füße gestellt ist, braucht es allerdings

seine Zeit. Das gilt auch für den antiken Fernhandel

zwischen China, Indien, Babylonien

und dem Mittelmeer, dem wir in meinem

Grabungsprojekt im Südirak, in der ehemals

wichtigsten Hafenstadt der Arsakiden, nachgehen.

Auch bezüglich früher Globalisierung ist

wissenschaftliche Einigkeit nicht unbedingt der

Normalfall. Es kommt darauf an, im Wettstreit

der historischen Argumentationen diejenige zu

finden, die am meisten überzeugt. Und hier wird

materielle Kultur immer wichtiger.“

Video-Doku

zu einer

Ausgrabung

Hausers:

Zur Person:

Stefan R. Hauser ist Professor für Archäologie der

altmediterranen Kulturen und ihrer Beziehungen zur

vorderasiatisch-ägyptischen Welt an der Universität

Konstanz. Der 55-Jährige kam in seiner wissenschaftlichen

Laufbahn über Stationen in Berlin, Washington,

New York und Halle 2009 an den Bodensee. Hausers

Forschungsgebiete sind vielfältig, so beschäftige er

sich u.a. mit der Orientalismus genannten kulturellen

Mythenbildung im 19. und 20. Jahrhundert und forschte

zur Oasenstadt Palmyra in Syrien, deren Ruinen

2015 von der Terrororganisation ‚Islamischer Staat‘

eingenommen und schwer beschädigt wurden. Hauser

entdeckte außerdem die größten Belagerungsanlagen

der Antike im heutigen Irak.

HOCHSCHULLEBEN

ZGH 0088/45 · 09/16 · Foto: peterheck.de

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AOK Baden-Württemberg


Text Nico Talenta

Fotos Manuel Fleig

SPAZIERGANG DURCH DIE UNIVERSITÄT

WAS IHR ÜBER UNSERE NEUE REKTORIN

WISSEN SOLLTET

Bei einem Spaziergang durch die Universität hatte Campuls

die Möglichkeit, Kerstin Krieglstein näher kennenzulernen.

Dazu trafen wir sie zunächst in ihrem Büro, bevor es bei unserem

gemeinsamen Gang durch die Uni von der Bibliothek über das

Foyer und den Uni-Zoo bis nach Draußen ging. Prof. Dr. Kerstin

Krieglstein machte einen sehr offenen ersten Eindruck und hatte

nicht das geringste Problem, unsere Fragen zu beantworten

und Bilder von sich machen zu lassen. Vom Start der Bewerbung

über ihre Motivation für das Amt als Rektorin bis hin zu ihren

ersten Tagen an der Universität in Konstanz berichtete sie über

ihren Weg.

Campuls: Frau Krieglstein, welche Eindrücke hatten Sie an

Ihrem ersten Tag an der Universität Konstanz und während der

öffentlichen Anhörung im Audimax?

„Als ich der Einladung der Findungskommission an einem sonnigen

Samstag gefolgt bin, wurde ich dort sehr freundlich empfangen.

Alle Gespräche waren offen und herzlich. Die öffentliche Anhörung

im Audimax war dagegen sehr adrenalingeladen. Eine

ungewohnte Umgebung und viele fremde Menschen – es fühlte sich

ein wenig so an, als hätte ich das erste Mal eine Vorlesung gehalten.

Trotzdem war es diese ungewohnte Situation auf jeden Fall wert,

denn ohne sie hätte ich nicht mein Bestes geben können. Die Gespräche

und Blicke der Zuhörer nach der Anhörung haben mich

durch das positive Feedback, das ich bekommen habe, sehr glücklich

gestimmt.“

Es begann alles mit der Ausschreibung für die Position als

Rektor_in an der Universität Konstanz. Das Angebot war verlockend

für Prof. Dr. Kerstin Krieglstein und durch die nicht vorhandene

Wiederkandidatur des Amtsvorgängers vielversprechend.

Langjährige Erfahrungen in der akademischen Selbstverwaltung

steigerten die Neugier von Krieglstein, sich auf die Ausschreibung

zu melden. Der Wunsch, Forschung und Entwicklung eigenhändig

weiter anzustoßen und voranbringen zu können,

wuchs bereits über viele Jahre. Eigene Ideen in eine noch junge

Universität miteinzubringen und mehr Freiheitsgrade zu besitzen

als in den bisherigen Positionen – das waren die Motivationen

von Frau Krieglstein. Aus der Dekanfunktion zur Rektorfunktion.

Das heißt nicht, dass es in Freiburg Probleme oder

Feindseligkeiten gab. Im Gegenteil, es lief sehr gut. Allerdings

war das Angebot, an einer so herausragenden Universität wie

Konstanz Wünsche und Änderungen durchzusetzen, größer als

die Verbundenheit zu Freiburg. In einer Traditionsuniversität,

wie es sie in den meisten Großstädten bereits seit mehreren

hundert Jahren gibt, sind die Voraussetzungen, etwas Neues und

Unbekanntes durchzusetzen, anders. Getreu dem Motto: Never

change a running system. Die Bewerbung auf das Amt in Konstanz

erfolgte also aus der glücklichen Gelegenheit heraus und

war zudem Krieglsteins einzige Bewerbung auf eine Rektor_innen-Stelle.

Am 3. Juli erfolgten dann die Wahl und die Bekanntgabe

als neue Rektorin.

Gibt es Besonderheiten an der Universität Konstanz gegenüber

anderen Universitäten?

„Das Miteinander. Man könnte sagen: Die gelebte Reform der

Reformuniversität, die das gemeinsame Vorangehen ermöglicht

und weiterführt. Dass der Gründungsgedanke über so viele Jahre

erhalten bleibt und nicht untergeht, ist alles andere als selbstverständlich.“

Auch wenn sich Krieglstein durch ihre Fächerwahl der Forschung

in den Naturwissenschaften versprochen hat, sieht sie

eine Universität nie nur als Monokultur von Wissenschaften.

Glücklicherweise ist ein vielschichtiges Fächerspektrum an fast

allen deutschen Universitäten gegeben. Selbst die Medizin ist

eng mit den Geisteswissenschaften verbunden. Es würde wohl

kaum eine Naturwissenschaft in ihrer Gesamtheit aufgehen,

wenn nicht Geisteswissenschaften miteinfließen würden. Laut

Krieglstein ist ein Campus, der kompakt ist und durch seine

Größe und das Zusammenleben schon fast ein eigenes Dorf bildet,

für diese wissenschaftlichen Verknüpfungen sehr praktisch.

15

HOCHSCHULLEBEN


Auf unserem Spaziergang wurde genau das spürbar. Die kurzen

Wege am Campus in Konstanz lassen einen jeden Bereich

schnell zu Fuß erreichen, sodass auch wir nicht eilen mussten,

um in der für das Gespräch vorgesehenen Zeit einige Plätze zu

besuchen. Konstanz charakterisiert sich zusätzlich durch die

hohe fachliche Qualität, die Krieglstein als „enormen Gewinn“

betitelt. Das Thema Lehre liegt Kerstin Krieglstein sehr am Herzen.

Es ist wichtig, in diesem Bereich auf einem hohen Niveau

zu bleiben, da die Studierenden ihr Wissen nach dem Studium in

die Welt hinaustragen und als Art ‚Botschafter‘ eine sehr wichtige

Gruppe der Gesellschaft sind. Durch die Lage am See ist außerdem

nicht nur für das Bildungsangebot gesorgt. Auch für die

Freizeit gibt es außerhalb der Universität zahlreiche Freizeitaktivitäten.

Was sind Ihre Ziele für die Zukunft?

„Hier möchte ich kurzfristige und langfristige Ziele unterscheiden.

Kurzfristig steht selbstverständlich der positive Erfolg im

Wettbewerb um die Exzellenzinitiative auf der Liste. Langfristiges

Ziel ist, dass die Universität Konstanz Wissenschaft auf höchstem

Niveau weiterführt und durch die Forschung auch dafür sorgt,

Fortschritte für die Gesellschaft zu erlangen. Ein Augenmerk von

meiner Seite aus liegt auf der Entwicklung der Datenwissenschaften

– Big Data als Grundlage für Forschung und Lehre. Dafür

müssen diese Datenwissenschaften selbstverständlich erst stärkeren

Einzug in die Universitäten halten, um sie später in die Schulen

und in die Gesellschaft zu bringen. Ich kann mir gut vorstellen,

dass es diesen Bereich als Studienangebot geben könnte. Allerdings

ist dieses Gebiet für die Gesellschaft so fundamental, dass schon

vor dem Studium alle Menschen bewusst und kompetent damit

umgehen können sollten. Die Datenwissenschaften können an einer

Universität nichts ersetzen, doch vielleicht alles verbessern.“

Prof. Dr. Kerstin Krieglstein wurde am 23. Juli 1963 in Erlangen

geboren und studierte ab 1982 Chemie an der Philipps-Universität

Marburg, Pharmazie an der Ludwigs-Maximilians-Universität

München und Pharmakologie an der Justus-Liebig-Universität

Gießen. Später wurde sie mit einer Dissertation über die Struktur

von Tetanustoxin und Botulinum A-Toxin promoviert. 1997 habilitierte

sich Krieglstein für das Fach Anatomie und Zellbiologie in

Heidelberg. Nach ihrer Professur für Anatomie an der Universität

des Saarlandes folgten

weitere Professuren in Göttingen

und Freiburg, bis sie

schließlich im Jahr 2014

hauptamtliche Dekanin an

der Medizinischen Fakultät

der Universität Freiburg

wurde. Zum 1. August 2018

übernahm Krieglstein das

Amt der Rektorin an der

Universität Konstanz und

folgt somit Ulrich Rüdiger,

der als Rektor an die RWTH

Aachen wechselte.

Natürlich mit Tettnanger Naturhopfen.

HOCHSCHULLEBEN

Hier sind wir zu Hause.

Das Bier vom See.

www.ruppaner.de


Text Eva Eß

Fotos Manuel Fleig

nemms

VON DER HOCHSCHULE

ZUM START-UP

Es ist ein warmer Sommerabend, die Füße sind im

kühlen Sand vergraben und auf dem Tisch stehen erfrischende

Getränke. Eine Gruppe junger Erwachsener hat

sich kreisförmig mit ihren Liegestühlen angeordnet. Einige

von ihnen lehnen entspannt zurück und lauschen dem

repetitiven Beat der Technomusik, die in angenehmer

Lautstärke im Hintergrund spielt. Andere stecken aufgeregt

ihre Köpfe zusammen und diskutieren über mögliche Geschäftsideen

für den anstehenden Wettbewerb „Digitale

Stadt“ des Branchenverbands Bitkom, zu deren Teilnahme

die Stadt Konstanz angeregt hat.

So oder so ähnlich könnte das Zusammentreffen vor

etwa zwei Jahren in der Strandbar am HTWG-Campus ausgesehen

haben, als die Idee für das Start-up Nemms entstand.

Mit von der Partie waren Anna Pfeifer, Moritz

Simsch und Valentin Uhrmeister. Das Trio bildet inzwischen

ein eingespieltes Team und verbringt die meiste Zeit

zusammen in ihrem Büro im Technologiezentrum Konstanz.

Das vierte Mitglied der Gruppe, der zottelige Rüde

Vento, freut sich, dass er am Arbeitsplatz dabei sein darf.

➞ „Du lernst in einem Start-up unfassbar viel, was du so in einem Job nicht lernst.“

Valentin Uhrmeister, Moritz Simsch & Anna Pfeifer mit Vento

17

Im Juni 2018 startete die App ihren Testlauf in Konstanz,

und die letzten Wochen haben gezeigt, dass die Idee

der Start-up Gründer auf große Zustimmung stößt. Über 75

Einzelhandelsgeschäfte haben bereits ein Nutzerkonto erstellt.

„Uns gefällt es in Konstanz, und hier irgendetwas

aufzubauen, das die Stadt mitentwickelt, ist schon sehr

cool“, schwärmt Anna. Die Stadt am Bodensee biete einen

super Nährboden für das Start-up, da es ein familiäres

Netzwerk gebe und die Nähe zur Schweiz ein Vorteil für

die Investorensuche sei, ergänzt Moritz. Doch der Start in

die Unternehmensgründung lief nicht von Anfang an glatt.

In einer Vorab-Prüfung wurde den dreien mitgeteilt, dass

ihre Idee keine Förderung erhalten wird, weil es sich nur

beschränkt um eine technische Innovation handle. Zusammen

mit der Gründerinitiative Kilometer 1 von HTWG und

Universität Konstanz haben die Unternehmensgründer ihre

Idee überarbeitet und ein genaueres Profil entworfen.

Das Trio kann sich seit Februar 2018 voll und ganz

auf ihr Projekt konzentrieren. Sie haben alle ihre feste Arbeitsstelle

aufgegeben und erhalten seitdem für ein Jahr

festes Einkommen durch das Gründerstipendium Exist.

Die Jungunternehmer dürfen die Infrastruktur der Hochschule

nutzen, bekommen einen Arbeitsplatz gestellt und

werden von Dr. Markus Eiglsperger als Mentor unterstützt.

Der Professor für Webtechnologien und Mobile Anwendungen

in der Fakultät Informatik trifft sich regelmäßig

mit dem Team, erteilt Ratschläge und beantwortet Fragen.


HOCHSCHULLEBEN


➞ „DORT ZU ARBEITEN, WO WIR LEBEN, UND DAS EIN STÜCK WEI T BESSER ZU MACHEN, IST UNSERE GRUNDMOTIVATION“

EXISTENZGRÜNDUNG: NEMMS

18

HOCHSCHULLEBEN


EXISTENZGRÜNDUNG: NEMMS

Zusätzlich dient er als Schnittstelle zwischen den Jungunternehmern

und dem Förderprogramm Exist. Nach Auslauf

des Jahres benötigt das Trio eine Folgefinanzierung, die es

entweder durch die Unterstützung neuer Investoren oder

die Aufnahme eines eigenen Kredits erhält. Erst dann wird

sich zeigen, ob Nemms eine Zukunft hat oder nicht.

Wer den Schritt der eigenen Existenzgründung wagen

möchte, der muss vor allem Neugierde und Interesse

mitbringen, da sind sich die drei Unternehmensgründer

einig. „Und das Team muss stimmen“, fügt Moritz hinzu. Es

sei möglich, ein Start-Up neben dem Studium zu gründen,

aber es bringe auch Vorteile, wenn man bereits Berufserfahrungen

hat. Valentin absolvierte beispielsweise ein duales

Studium zum Bachelor in Onlinemedien und blieb anschließend

festangestellt als Software-Entwickler im

Betrieb. Anna arbeitete nach ihrem Masterstudium freiberuflich

als Business Designerin und erlangte später durch

ihre Arbeit als Beraterin für digitale Produkte bei Namics

AG das nötige Know-how im Bereich E-Commerce und

Web Content Management. Moritz ergänzt die Gruppe

durch sein abgeschlossenes Studium an der HTWG sowie

durch die Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter und

Referent des Präsidenten mit wichtigem Wissen über die

Hochschulwelt in Konstanz.

In kleinen Schritten wachsen die drei an ihren Aufgaben

als Geschäftsführende. „Du lernst in einem Start-up

unfassbar viel, was du so in einem Job nicht lernst“, findet

Moritz. Schließlich müsse man alles selber machen und es

gäbe niemanden, der einem die Entscheidungen abnimmt.

„Erst machst du ein paar Fehler, aber das ist wichtig, denn

nur dann kannst du dich verbessern“, ergänzt Valentin. Für

die Gründung eines Start-ups sei es vor allem wichtig, dass

man mit möglichst vielen Menschen über seine Idee spricht

und keine Angst hat, dass jemand die Idee klaut. Von der

Reaktion „Das gibt es doch schon“ dürfe man sich nicht

abschrecken lassen, denn das zeigt nur, dass es einen

Markt gibt und Bedarf für das Produkt besteht. An der Stelle

müsse man mit seiner eigenen Idee herausstechen und

die Arbeit optimieren. „Dort zu arbeiten, wo wir leben, und

das ein Stück weit besser zu machen, ist unsere Grundmotivation“,

erklärt Anna.

Ab Anfang November soll auch in Karlsruhe und

Aachen „genemmst“ werden und bis Ende 2018 stehen zwei

weitere Städte in Norddeutschland auf dem Plan. „Wir haben

viele Visionen“, sagt Anna. „Unser Ziel ist es, dass

‚nemmsen‘ irgendwann im Duden steht.“ Erst einmal genießen

die drei Start-up-Gründer jedoch die Freiheiten, die

ihnen durch das Gründerstipendium Exist ermöglicht werden.

Nicht zu wissen, was in den kommenden Monaten

passiert, mache gerade den Reiz der Selbstständigkeit aus,

findet Anna.

Neben einem hohen Maß an Eigenständigkeit ist

mit der beruflichen Selbstständigkeit auch eine große Verantwortung

verbunden. Sollte es mit Nemms nicht klappen,

werden die drei Jungunternehmer aber wohl keine Schwierigkeiten

haben, eine Festanstellung in der Arbeitswelt zu

finden. Die ersten Hürden hat das Start-up bereits überstanden,

und mit dem Ehrgeiz und dem Engagement, das

das Team mitbringt, stehen die Chancen gut, dass bald in

immer mehr Städten „genemmst“ werden kann.

19

Gründerstipendium Exist

Das Förderprogramm ist Teil des Bundesministeriums für Wirtschaft und

Energie und unterstützt innovative Gründungsvorhaben, die erfolgreiche

Aussichten in der Wirtschaft versprechen. Gefördert werden Studierende,

Hochschulabsolvent_innen sowie wissenschaftliche Mitarbeiter_innen aus

Hochschulen oder außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Die maximale

Dauer der Unterstützung beträgt ein Jahr.

Nemms

Die App kann per PC, Tablet oder Smartphone genutzt werden und ermöglicht

Konsument_innen bequemes Shoppen, ohne auf die persönliche Produktberatung

der lokalen Händler_innen verzichten zu müssen. In der Suchleiste kann

eine formlose Anfrage gestellt werden, die an geeignete Händler_innen

weitergeleitet wird. Wenn es passende Angebote gibt, kann im Chat über

genauere Details gesprochen werden. Das Ziel ist es, die „genemmsten“

Produkte anschließend per Fahrradkurier an den gewünschten Ort zu liefern.

HOCHSCHULLEBEN


Text Charlotte Kurz

KEINE PAPPBECHER MEHR IM CAMPUS-CAFÉ

Die RECUP Mehrwegbecher

Seezeit reduziert den Bechermüll:

Im CampusCafé an der Uni

gibt es keine Einwegbecher mehr.

Stattdessen setzt das Studierendenwerk

auf das Mehrwegbecher-Pfandsystem

RECUP. Auch

in den Mensen und Cafeterien

gewinnen Nachhaltigkeit, Regionalität

und Bio-Produkte immer

mehr an Bedeutung.

„In der Tasse oder im RECUP?“ – diese Frage stellen die Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter im CampusCafé seit Ende Juli mehrere hundert

Mal am Tag. Denn die Pappbecher sind seitdem komplett aus dem

Café verschwunden. Wer seinen Kaffee mitnehmen möchte, bekommt

für einen Euro Pfand jetzt einen RECUP. Die Becher bestehen

aus Polypropylen (PP), einem zu 100 Prozent recyclebaren Kunststoff.

Den passenden Mehrwegdeckel kann man sich für 1,30 Euro direkt

dazukaufen. Der Becher kann deutschlandweit bei allen RECUP-Partnern

zurückgegeben werden. Auch in Konstanz gibt es zahlreiche

Cafés und Bäckereien, die sich bereits am RECUP-System beteiligen

(alle Partner online unter recup.de oder in der RECUP-App). Mit dem

neuen Mehrwegbechersystem möchte Seezeit den Bechermüll deutlich

reduzieren. Mehr als 100 000 Pappbecher wurden 2017 allein an

der Uni Konstanz verbraucht, ein Großteil davon im CampusCafé.

20

Bereits seit Anfang 2017 bietet das Studierendenwerk mit dem Seezeit KeepCup eine

eigene Edition an Mehrwegbechern für 5 Euro inklusive erstem Heißgetränk zum Kauf

an. „Wir haben 3 000 KeepCups bestellt und mittlerweile größtenteils verkauft, aber wir

sind enttäuscht, dass dieses System nicht stärker nachgefragt wurde“, erläutert Marco

Abe, Leiter der Hochschulgastronomie. Deshalb hat sich Seezeit jetzt dazu entschieden,

im CampusCafé gar keine Einwegbecher mehr anzubieten. An der HTWG und bei den

SB-Maschinen ist die Umstellung von Einweg auf Mehrweg hingegen nicht so einfach: „Es

fehlt bei Konzepten wie dem RECUP bisher noch ein automatisches Ausgabe- und Rückgabesystem“,

erklärt Julia Hanauer, zuständig für die Kommunikation in der Hochschulgastronomie

bei Seezeit. „Aktuell werden die Mehrwegbecher im CampusCafé von den

Mitarbeiter_innen ausgegeben und wieder zurückgenommen. An den SB-Kaffeeautomaten

müssen wir derzeit leider immer noch Pappbecher anbieten, da die Pfandeinnahme und

-ausgabe noch nicht gelöst ist.“

Nicht nur bei den To-Go-Bechern achtet Seezeit immer mehr auf Nachhaltigkeit. Das

Studierendenwerk hat sich seit einigen Jahren der Aufgabe verschrieben, bis zu 4 000

Essen am Tag nachhaltig und fair zu gestalten. Anfangs lag der Schwerpunkt vor allem auf

einer besseren Tierhaltung, seit 2015 werden viele weitere Themen diskutiert und umgesetzt.

„Wir sind bestrebt, Schritt für Schritt besser zu werden“, erklärt Abe. Bei zahlreichen

Produkten achtet Seezeit bereits auf Bio-Qualität. Beispielsweise verwenden die Mensen

bei selbst zubereiteten Komponenten mit Rindfleisch ausschließlich Bio-Produkte. Pute,

Schwein und Hühnchen stammen aus regionaler und verantwortungsvoller Tierzucht, der

Fisch aus nachhaltiger Fischerei. Seit diesem Jahr verwendet Seezeit in den Mensen kein

Palmöl mehr, sondern nur noch Rapsöl aus Europa. In der Mensa

Gießberg gibt es außerdem jeden Tag ein frisch zubereitetes Bio-Essen

aus 100 Prozent biologischen Zutaten. Auch der Kaffee ist überall

Bio – und zudem fair gehandelt. Cappuccino & Co. werden ausschließlich

mit Bio-Milch zubereitet.

In den großen Mensaküchen planen die Teams vorausschauend und

können während der Mittagszeit flexibel auf die Nachfrage reagieren,

um möglichst wenig Speisereste zu produzieren. Gibt es doch einmal

zu viel, kann die Überproduktion häufig wiederverwendet werden,

wenn sie noch nicht in der Ausgabe war und das Produkt sich dafür

eignet. Essensreste aus der Ausgabe und von den Tellern sowie Altfett

gibt das Studierendenwerk zur Weiterverarbeitung an ein regionales

Biogasunternehmen ab. Um den Verpackungsmüll weiter zu reduzieren,

möchte Seezeit zudem in naher Zukunft auch selbst zubereitete

Produkte zum Mitnehmen umweltfreundlicher verpacken.

SEEZEIT


Text Ema Jerkovic

7 GRÜNDE FÜR EINEN BAFÖG ANTRAG

01 Geschenktes Geld

Die Hälfte des monatlichen BAföG-Einkommens bekommt

ihr quasi „geschenkt“. Nur die andere Hälfte ist ein

Darlehen. Und wie sagt das schwäbische Sprichwort so schön:

Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul! Da

also nur die Hälfte des BAföG-Anspruches zurückgezahlt

werden muss, wäre es unklug, keinen Antrag zu stellen.

02 Grenze der Verschludung

Die Regelstudienzeit für einen Bachelor und Master

liegt in Summe meist bei 10 Semestern. Bei einem

BAföG-Höchstsatz von 735 Euro monatlich macht das insgesamt

44 100 Euro. Zwar muss generell nur die Hälfte zurückgezahlt

werden, trotzdem wäre das mit 22 050 Euro noch

ein ziemlicher Berg. Doch hier greift die Mindestgrenze der

Verschuldung. Diese beträgt 10 000 Euro, völlig unabhängig

davon, ob während des Studiums insgesamt mehr BAföG

bezogen wurde. Somit bekommen viele Studierende noch

mehr als nur die Hälfte des BAföGs vom Staat geschenkt.

03 Keine Zinsen

Viele private Studienkredite verlangen Zinsen und der

Schuldenberg wächst noch unnötig weiter. Nicht so beim

BAföG, dieses Darlehen ist zinsfrei. Damit bleibt die zurückzuzahlende

Summe nach dem Abschluss überschaubar.

04 Rückzahlung erst nach 5 Jahren

Zahlreiche Hochschulabsolvent_innen steigen mit einem

niedrigeren Gehalt in das Berufsleben ein. Um diese zu

entlasten, beginnt die Pflicht der Rückzahlung erst 5 Jahre

nach der Förderungshöchstdauer. Und falls dann noch immer

zu wenig Geld verdient wird, kann die Zahlung auf Antrag

weiter pausiert werden. Natürlich ist es jedoch immer

auch möglich, schon früher mit dem Abzahlen zu beginnen.

Formloser BAföG-Antrag

Ab wann Sie BAföG bekommen, hängt auch vom Eingangsdatum

Ihres Antrags ab. Um die Frist zu wahren, genügt im

ersten Schritt dieser formlose BAföG-Antrag. Damit wir Ihren

Antrag auch bearbeiten können, reichen Sie die vollständigen

Formulare und Belege so schnell wie möglich nach.

Bitte füllen Sie alle Felder in Druckbuchstaben aus, trennen Sie

den Antrag ab und schicken, faxen oder bringen Sie ihn uns so

schnell wie möglich vorbei (s. Rückseite).

Hiermit beantrage ich formlos die Bewilligung von

Leistungen nach dem BAföG:

Name

Herr

Frau

Vorname

21

05 Mehr Zeit für das Studium

Viele Studierende arbeiten neben dem Studium, um

sich dieses zu finanzieren. Oft leidet jedoch die akademische

Arbeit darunter. So zeigte eine Studie des Bundesministeriums

für Bildung und Forschung aus dem Jahr 2008, dass

jeder fünfte Studienabbrecher wegen Finanzierungsproblemen

das Studium schmiss. Diese schafften es nicht, Studium

und Job zu vereinen. BAföG-Bezieher können da entspannt

bleiben und sich besser auf ihr Studium konzentrieren. Einer

Arbeit nachgehen, um zum Beispiel Praxiserfahrung zu sammeln,

ist trotzdem erlaubt. Bei einem Lohn bis zu 450 Euro

im Monat verringert sich die Fördersumme dabei nicht.

Geburtsdatum

Straße, Hausnummer

E-Mail-Adresse (freiwillig)

Geburtsort

PLZ, Ort

Telefon (freiwillig)

06 Antrag lohnt sich oft

Laut der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks

beziehen nur rund 30 Prozent der Studierenden BAföG.

Dabei wird jedoch vermutet, dass viel mehr Studierende förderfähig

wären. Unsicherheit sollte also nicht davon abhalten,

einen Antrag einzureichen. Oft bekommen Antragsteller

eher kleinere Beträge, doch schon 100 Euro können im Alltag

helfen. Wer BAföG erhält – egal wie viel – kann sich außerdem

vom Rundfunkbeitrag (GEZ) befreien lassen.

07 Rabatte bei der Rückzahlung

Wer sein Darlehen vorzeitig zurückzahlen kann, kann

einen Nachlass bekommen. Der Nachlass richtet sich nach

der Höhe der Darlehensschuld. Den höchstmöglichen

Nachlass gibt es, wenn der gesamte Betrag noch vor der

Fälligkeit der ersten Rate gezahlt wird.

*hier ausschneiden

Hochschule

Studienfach

Studienbeginn (tt.mm.jjjj)

angestrebter Abschluss

Ich habe die BAföG-Formulare bereits oder

werde das pdf (online) mit Ausfüllhilfe nutzen.

Bitte schicken Sie mir die nötigen Formulare zu.

Datum Unterschrift(en) *

* Wenn Sie das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, ist zusätzlich zu

Ihrer auch die Unterschrift Ihres gesetzlichen Vertreters erforderlich.


das Europahaus im Paradies

Rückseite gut leserlich ausgefüllt?

Unterschrift nicht vergessen?

Dann nichts wie weg damit:

• Per Post: Antrag in einen Fenster-Briefumschlag

stecken, ausreichend frankieren und an das Seezeit

BAföG-Amt schicken

• Persönlich: Gerne können Sie den Antrag zu den jeweiligen

Öffnungszeiten direkt im BAföG-Amt oder in den

Seezeit Service Centern in Konstanz und Weingarten

abgeben oder ihn in die dortigen Briefkästen werfen.

• Per Fax an die Nummer +49 7531 - 88 7299

die alte Küche

Datenschutzhinweis: Für manche der von Seezeit Studierendenwerk

Bodensee angebotenen Leistungen ist die Erhebung

von personenbezogenen Daten unumgänglich. Der

Schutz Ihrer persönlichen Angaben ist uns dabei ebenso

wichtig wie ein transparentes Verfahren zur Datenerhebung

und -verarbeitung. Nähere Informationen finden Sie online in

unserer Datenschutzerklärung:

seezeit.com/datenschutzerklaerung

Seezeit Studierendenwerk Bodensee

Amt für Ausbildungsförderung

Gustav-Schwab-Straße 5

78467 Konstanz

*hier ausschneiden

die neu renovierte Küche


Text Fabian Vugrin

Fotos Fabian Vugrin

Das beliebte Europahaus steckt mitten in der Renovierungsphase.

Nach mehr als zwei Jahrzehnten wird das Wohnheim des Studierendenwerks

Seezeit auf den neusten Stand gebracht – und das vor

allem zur Freude der Bewohner.

NEUE KÜCHE, NEUES GLÜCK!

Europahaus

1993 öffneten sich zum ersten

Mal die Pforten. Seitdem bietet

das Europahaus im Stadtteil

Paradies Generationen von

Studierenden ein Dach über

dem Kopf.

Und nun, 25 Jahre später und zur

Freude der Bewohnerinnen und

Bewohner, werden die WGs des am

Konstanzer Schänzle gelegenen Studierendenwohnheims

renoviert. In den

vergangenen drei Jahren hat Seezeit

bereits unter anderem die Fassade

und die Klingelanlage erneuert sowie

Tische und Stühle ausgetauscht. Auf

den sechs Stockwerken finden sich

insgesamt 59 Wohngemeinschaften,

davon 35 Vierer-WGs und 24 Zweier-WGs.

Summa summarum 188

glückliche

Studierende.

Gemeinsam mit Hausmeister

Stephan Jug, Laura Matthäus

vom Mieterservice und den Service-Team-Kolleginnen

Miriam Bathe

und Anna Isele hat Michael Freitag,

Projektleiter und Bautechniker

bei Seezeit, einen Bauplan für die

Renovierungsarbeiten erstellt. Demnach

ziehen alle Wohngemeinschaften

in drei bis vier Wochenzyklen einmalig

in jeweils bereits erneuerte

Wohnungen um. So wird auch sichergestellt,

dass die Bewohner jederzeit

einen Wohnplatz haben.

Renoviert werden die Gemeinschaftsräume.

Also Küchen, Flure,

Toiletten und teilweise die Bäder.

Dabei werden Wände frisch gestrichen,

Böden verlegt und neue Einbauküchen

inklusive Elektrogeräten

installiert. Außerdem tauscht Seezeit

die Lampen aus, bringt in den Abstellkammern

Einbauregale an und

erneuert die Türdichtungen zu den

Zimmern. Auch renovierungsbedürftige

Zimmer werden einer Generalüberholung

unterzogen. Zusätzlich

werden die Studierenden in den

renovierten WGs „free wifi“ alias

eduroam vorfinden. Die Renovierung

hat im März dieses Jahres begonnen

und wird – aller Voraussicht nach – im

Frühjahr 2019 beendet sein.

Zufrieden mit den erneuerten Zimmern

sind neben Stephan Jug auch

die Bewohner. Allen voran Jonathan

Wellnitz. Der studierende Maschinenbauer

wohnt seit vergangenem Wintersemester

im Europahaus und ist

über seine Entscheidung sehr glücklich.

Gerade weil bis zum Einzug die

zukünftigen Mitbewohner unbekannt

seien, sähe man dem Einzug mit Spannung

entgegen. „Wie sich dann herausstellte,

sind meine Mitbewohner

ziemlich cool drauf und ich komme

super mit denen aus“, freut sich Jonathan.

Der HTWGler ist mittlerweile in

eine der renovierten WGs gezogen. Er

findet sein neues Zuhause „deutlich

besser, viel heller und gemütlicher“.

Am besten gefällt Jonathan gerade

das Zusammenwürfeln von verschiedenen,

einander fremden Menschen

– wodurch eine coole Mischung entstehe.

Und außerdem, findet der 23-Jährige,

sei der Hausmeister „lässig drauf“.

Und auch dieser findet die

Renovierung alles andere als unnötig.

„Es war nun an der Zeit, etwas Neues

entstehen zu lassen und die WGs

wohnlicher, moderner und energieeffizienter

zu gestalten“, so Jug. Durch

neue LED-Leuchten, Induktionsherde

und effizientere Kühlschränke kann

künftig Strom eingespart werden.

Am Ende des Tages ist das Wichtigste,

dass sich die Studierenden

wohlfühlen. Und mit Beachvolleyballfeldern,

einem Skatepark, der

Schänzle-Sporthalle und großer

Grünfläche wird das Europahaus nach

der Renovierung dem Namen seines

Stadtteils mehr denn je gerecht.

SEEZEIT


Kreuzworträtsel

10 15 30 16 4 18 4 32

1

24

Bis zum 7.1.19 Lösung einschicken und 3x2 Gutscheine fürs Zebrakino gewinnen.

Kreuzworträtsel von Lea Luttenberger (Lea.luttenberger@uni-konstanz.de)

2

10

3

4

11

13 14

15

16

18

21

25

17

22

28 29

30

31

19

26

5

20

6

7 8 9

12

23 24

32

27

→ 2 Dies hier, wenn es fertig ist 10 Gegenteil von Kontra

11 a plant having a permanently woody main stem or trunk,

ordinarily growing to a considerable height, and usually

developing branches at some distance from the ground 12

Hier zogen zehn zahme Ziegen zehn Zentner Zucker hin

13 Ist es Zufall, dass dieses Wort bei der Nummer 13

steht?14 Nicht für die Schule, sondern für das Leben können

wir hier lernen und Bücher ausleihen 15 Schlimmer

Traum, nicht nur im Schwabenland 16 umgedrehter Gruß 17

„Nicht Herbst“ auf Englisch 18 Achteckig, rot, mit weißen

Lettern drauf 20 Was ist der Unterschied zwischen Marmelade

und Konfitüre, und was ist dann das hier noch? 21

französischer Artikel 22 Lokal im Berliner Fernsehturm 25

Ein Palindrom 26 tausendfaches einer Maßeinheit 27 Im

Zentrum von Bonn 28 Gesamtheit der besten aus einer

Gruppe 30 Quijote oder Giovanni 31 Gerechter Tausch von

Gütern 32 Kurzform eines unbestimmten Artikels

↓ 1 Kurzform „Turbine“ 2 Cooper-Test um den Sportplatz 3

Gegenteil von „weiter links“4 griechisches Präfix: „Volk,

Volksstamm“ 5 temporal agierendes Gespenst 6 Defekt im

Internet 7 Der Zauberer von hier lebt in einer Smaragdenstadt

8 Purzelbaum, Spule, Bedeutung oder Figur im Schauspiel?

9 essbare, braune Schweizer Berglandschaft 15

schlangenähnlicher Fisch 19 Öffentlichkeitsarbeit 22 malte

Uhren 23 Veralteter Begriff für den Bodensee, nach ihm ist

auch ein Platz in Konstanz benannt 24 Die ersten zwei

Wörter der Europahymne ergeben verdreht diesen Pol 26

Ein Großer, der durch den Austausch eines Vokals noch

männlicher wird 29 nicht koschere Verstärkung von Adjektiven

SEEZEIT


„In seiner Freizeit

sitzt man nur noch zuhause

und suchtet Fernsehserien. Tiefsinnige

Gespräche und ein Austausch über das Weltgeschehen

finden jetzt nicht mehr statt, man trifft sich jetzt zu Netflix ‘n‘

Chill. Gemeinsames Binge-Watching. Und weil der soziale Kontakt

und die zwischenmenschliche Kommunikation ja verkümmert,

muss man sich weiterhin berieseln lassen, um das Gefühl

der Einsamkeit zu verdrängen. Mit Büchern oder einem guten

Film war das ja ganz was anderes.“

Text Theresa Gielnik (Pro), Janina Käppel (Contra)

Illustration Mario Naegele

Pro und Contra: Seriengucken

DAS GELABER

KOMMT MIR ZU DEN

OHREN RAUS.

Der Ruf des ‚Fernsehens‘ war schon

immer etwas schwierig, die Kulturpessimisten

verteufelten das Massenmedium

bereits in den 50ern als große Verdummungsmaschine

der Menschheit. Ganz schlimm dabei waren die Fernsehserien,

welche die immergleichen anspruchslosen Narrative stupide

wiederholten. Dummheit in Serienproduktion also. Das wurde

dann so langsam besser, bis Twin Peaks, The Wire und The Sopranos

das ‚Qualitätsfernsehen‘ in den 90er Jahren einläuteten.

Ab da ging es langsam bergauf mit dem Ruf von Fernsehserien.

Das Fernsehen hat sich weiterentwickelt (wie es jedem Medium

so eigen ist) und hat neue Formen wie Online-Streaming-Portale

hervorgebracht. Jetzt machen Netflix, Amazon Prime, Sky Go

und so weiter den Content.

Warum ich Fernsehserien gut finde? TV-Serien sind spezifische

Formate, es wird anders erzählt. Mir persönlich sagt das sehr

zu, da ich länger an den Geschichten und deren Figuren teilhabe.

Ich genieße es, sie nicht nur für die Dauer von circa 90 Minuten

kennenzulernen. Die Geschichten können ausgiebiger und komplexer

erzählt werden, ich fühle mich anders involviert. Natürlich

liegt der Fernsehserie auch was daran, weitergeschaut zu

werden. Sie ist wie so vieles Produkt einer ökonomischen

Maschinerie, das konsumiert werden soll. Dafür benutzt die

Fernsehserie Cliffhanger und verschiedene Intros, um den

Bruch von Folge zu Folge zu überbrücken. Zugegebenermaßen

ist es dadurch manchmal schwierig, eine Serien-Staffel (na ja,

oder

mehrere) nicht am Stück durchzusuchten. Ich finde das aber

ehrlich gesagt gar nicht so schlimm, regnerische Sonntage verbringe

ich sehr gerne so. Auch mit Freunden. Und dann reden wir

auch darüber, fiebern gemeinsam aufgeregt mit oder erläutern,

was jetzt nicht so gelungen ist.

Als ‚passiv‘ oder ‚unproduktiv‘ kann ich das Serien-Schauen

nicht betrachten – im Gegenteil. Erstaunlich, welche fiktiven

Welten einfach nur von Fans beispielsweise auf diversen Blogs

geschaffen werden. Und das ist lange nicht der einzige Output

der Fan-Fiction. Weiter gibt es unzählige Apps, die dazu einladen,

die Serienwelt noch genauer zu entdecken. Das nennt man

auch Transmedia Storytelling. Genauso setzen sich viele Fernsehserien

mit aktuellen und komplexen Themen auseinander.

Wer kann da noch darauf beharren, dass Fernsehserien passive

und verblödete Zuschauer fordern?

Serien –

die schaue ich nicht gerne. Meine

Meinung, sehr kurz zusammengefasst.

Menschen, die mich kennen, würden das sofort als Provokation enttarnen.

Niemals, so gerne wie sie Serien guckt!

Da haben sie natürlich Recht. Es stimmt aber trotzdem.

Warum ich nicht gerne Serien schaue, obwohl ich sie gerne schaue?

Ganz einfach: Wer Serien guckt, hat kein Leben mehr! Zumindest geht

es mir und allen anderen ohne Selbstdisziplin so. Habe ich erst einmal

eine Serie entdeckt, die mir wirklich gefällt, dann kann ich mich absolut

nicht mehr davon losreißen, Cliffhanger sei Dank. Es muss nicht einmal

um Mord und Totschlag gehen, gute Charaktere reichen völlig, um mich

nächtelang an den Bildschirm zu fesseln.

Dieses Suchtpotential liegt an der Machart der Serie. Egal wie spannend

die Handlung ist, bei einem Film ist es nach zwei bis drei Stunden

automatisch vorbei. Vielleicht gibt es noch eine Fortsetzung, vielleicht

noch eine weitere. Aber spätestens hier ist dann Schluss. Bei einer Serie

nicht. Hier hört es nach der ersten Folge nicht auf. Es gibt gleich eine

ganze Staffel. Und plötzlich nimmt es kein Ende mehr, wbis nicht alle

acht Staffeln durch sind.

Das wahre Problem ist aber tatsächlich nicht die Serie an sich, denn

Serien sind nichts Neues. Was wirklich Probleme schafft ist die ständige

Verfügbarkeit. Früher musste man eine ganze Woche warten, ehe die

neue Folge der Lieblingsserie im Fernsehen lief. Heute geht man einfach

auf Maxdome oder Netflix, et voilà, man kann die komplette Serie am

Stück durchschauen. Das Erlebnis der einzelnen Folgen tritt in den Hintergrund,

bis man sozusagen statt von Folge zu Folge nur noch von Staffel

zu Staffel schaut. Das alles ging natürlich auch schon früher, aber wer

hatte schon das Geld, sich immer die zugehörige DVD-Box zu kaufen?

Zeit für seine sozialen Kontakte hat man seitdem deutlich weniger. Statt

langen gemütlichen Abenden in der WG will jeder lieber noch schnell

zwei, drei Folgen seiner aktuellen Serie gucken. Das kann man natürlich

auch zusammen, aber was kriegt man dabei schon von seinen Freunden

mit? Bis es irgendwann sogar überhandnimmt und man sich mehr

darauf freut, die Leute aus der Serie zu sehen als seine eigenen Freunde.

Zitat meiner Mitbewohnerin.

Aber nicht nur auf das Miteinander wirkt sich das übermäßige Seriengucken

aus, auch auf die übrige Freizeitgestaltung. Vor allem der Buchhandel

ist betroffen. Video-on-Demand-Anbieter sind der Grund, weshalb

Bücher mittlerweile so wenig verkauft werden, wie dieses Frühjahr auf

der Leipziger Buchmesse festgestellt wurde. Bei mir, einer bekennenden

Leseratte in meiner Jugend, ist das ganz genauso: Früher habe ich

gelesen, heute habe ich einen Netflix-Account.

Alles gute Gründe, mit dem Serienschauen aufzuhören? Ja, natürlich!

Mehr Zeit für Lesen, Sport und Kuchen backen. Aber hält man das

wirklich aus? Schließlich gibt es trotz alledem einfach Serien, die sich

zu schauen tatsächlich lohnen. Wie wäre es also einfach mit dem Ende

von Binge-Watching? Mehr Zeit für mich und die Chance, das Gefühl der

einzelnen Folgen wieder richtig auskosten zu können.

25

KULTUR


Text Vivien Götz

Fotos Manuel Fleig

LEDERNE SCHÄTZE

UND TINTENSCHWARZE

ZEITZEUGEN

Arnd Rummler

26

Konstanz ist keine Großstadt, daran ist nicht zu

rütteln. Nach ein paar Semestern stellt sich langsam aber

sicerh das Gefühl ein, alles gesehen zu haben. „Jetzt gibt es

keine Überraschungen mehr“, denkt man. Meistens sind es

dann aber genau solche Momente, in denen Konstanz alle

vermeintlich so alten Hasen ganz nonchalant eines Besseren

belehrt. Man geht um eine Ecke oder öffnet eine neue

Tür – und ist plötzlich sprachlos.

In diesem Fall handelt es sich um eine feuerfeste

Sicherheitstür. Dahinter empfängt einen Dämmerlicht, der

Geruch von Leder und eine letzte Ahnung Weihrauch. Und

Bücher, hunderte Bücher in Regalen und in Kisten und in

allen erdenklichen Zuständen. „Ich sage hier gerne: Willkommen

in Hogwarts“, verkündet Arnd Rummler stolz. Er

ist Lehrer für Geschichte, Deutsch und Ethik am Konstanzer

Heinrich-Suso-Gymnasium. Das „Suso“ kann auf über

vier Jahrhunderte Schulgeschichte zurückblicken. Sein

heutiges Schulgebäude liegt halb versteckt hinter alten

Bäumen oberhalb der Seestraße, gegenüber des Krankenhauses.

Als Bibliothekar ist Arnd Rummler neben dem

KULTUR


Die Bibliothek des Heinrich-Suso-Gymnasiums

Unterricht gleichzeitig für die historische Schulbibliothek

zuständig und sichtlich stolz auf „seinen“ Bücherschatz.

Die älteste Schulbibliothek in Konstanz umfasst gut 35 000

Bücher, darunter mittelalterliche Handschriften und früheste

Drucke, aber auch Dokumente aus der NS-Zeit. Die

wertvollsten Bücher werden in Safes und feuerfesten

Schränken aufbewahrt. Rummler präsentiert sie begeistert,

aber vorsichtig; nur mit Baumwollhandschuhen dürfen die

empfindlichen Pergamentseiten angefasst werden.

Gegründet wurde die Bibliothek 1604, im Anschluss

an ein Jesuiten-Kolleg. Ziel war es damals, die Konstanzer

Bevölkerung nach der Reformation wieder mehr zum Katholizismus

zu erziehen. Nach ihrer Gründung wuchs die

Bibliothek durch Schenkungen und die Zusammenlegung

ehemaliger Konstanzer Klosterbibliotheken erheblich. Mit

der Vertreibung der Jesuiten aus dem Schuldienst und aus

der Stadt gingen allerdings zahlreiche wertvolle Werke

verloren. Auch bei Antiquaren und Universitäten weckten

die Bestände immer wieder Begehrlichkeiten. Es ist wohl

dem Kampf und Einsatz der Konstanzer Rektoren und

Bibliothekare zu verdanken, dass die Bibliothek mit der

Zeit nicht in alle Winde zerstreut wurde. Die Bücherverbrennungen

der Nationalsozialisten forderten ebenfalls

ihre Opfer. Erst 2002 kommt die Bibliothek so richtig zur

Ruhe. Der damalige Lehrer und Bibliothekar Ulrich Zeller

konnte endlich durchsetzen, dass die Bibliothek unter

Denkmalschutz gestellt wurde.

Aufgrund ihrer Geschichte setzen sich die Bestände

zu einem Großteil aus klassischen, religiösen und wissenschaftlichen

Werken zusammen. Der Hauch von Weihrauch,

der die Bücher noch immer umgibt, erinnert vor

allem an ihr ehemaliges Dasein in Klosterbibliotheken.

„Diese Bibliothek steckt voller Schätze, die wir erstmal

wiederentdecken müssen“, meint Arnd Rummler. Er hat

den Posten als Bibliothekar erst vor wenigen Jahren von

seinem verstorbenen Vorgänger übernommen und ist immer

noch damit beschäftigt, sich mit den umfassenden

Beständen vertraut zu machen. Angesichts der engstehenden,

teilweise deckenhohen Regale ist das kaum verwunderlich.

Die Arbeit sei sehr zeitintensiv, sagt Rummler. Er

kümmert sich nicht nur um die Pflege und Restauration der

ältesten Werke, sondern betreut auch die Anfragen von

Wissenschaftlern aus der ganzen Welt und gibt Führungen

– parallel zu seiner Lehrtätigkeit. Die Arbeit als Bibliothekar

wird mit einer Stunde pro Monat vergolten, was in

keinem Verhältnis zum Arbeitsaufwand stehe. „Trotzdem

ist diese Arbeit ein absolutes Privileg“, meint er. Schon

während seines Geschichtsstudiums hat sich Rummler mit

Germanistik, Mittelalterforschung und Museumsarbeit

beschäftigt. Der Posten sei ihm dann nach dem Tod seines

Vorgängers mehr oder weniger zwangsläufig in den Schoß

gefallen.

Der Bibliothekssaal, der 1911 zusammen mit dem

heutigen Gebäude des Heinrich-Suso-Gymnasiums gebaut

wurde, umfasst drei Stockwerke. Das Klima hinter den

dicken Mauern sei trocken und konstant, ideal um alte

Bücher aufzubewahren, so Rummler. Im Erdgeschoss stehen

schlichte, schwer beladene Holzregale: Sie beherbergen

alles, vom lateinischen Schulbuch in Leinen bis zur

Goethe-Gesamtausgabe in rotem Leder. Im zweiten Stock

werden ausgefallenere Werke aufbewahrt, die mehr Platz

brauchen. Darunter auch der „Hortus Eystettendis“, ein

Pflanzenatlas, der so groß und schwer ist, dass Rummler

ihn nur mit einiger Mühe aus dem Regal heben kann. Der

Fürstbischof von Eichstädt hatte das „botanische Prachtwerk“

1613 in Auftrag gegeben. Er ließ darin sämtliche der

rund 1 000 Pflanzen seines Gartens mit kunstvollen Zeichnungen

katalogisieren.

Im Keller befindet sich das Archiv. „Hier lagert alles,

was nicht mehr zur klassischen Schulbibliothek gehört“,

erzählt Rummler. Neben Schülerlisten, die bis ins 18. Jahrhundert

zurückreichen, werden hier auch sämtliche alte

Klassenbücher aufbewahrt. Die ältesten stammen aus der

Kaiserzeit. Vor allem Klassenbücher aus der NS-Zeit seien

interessant. Viele Dokumente aus dieser Zeit seien vernichtet

worden, an die Klassenbücher hätte aber niemand gedacht.

„Man kann mit den Klassenbüchern viel nachweisen“,

sagt Rummler. Unzählige jüdische Schüler seien

einfach aus den Klassenlisten verschwunden. Auch die

Dokumentation des Unterrichts sei aufschlussreich.

Wissenschaftler aus der ganzen Welt kommen nach

Konstanz, um die besonderen Bestände der Suso-Bibliothek

für ihre Forschung zu nutzten. Ein Wissenschaftler

aus Japan sein einmal extra angereist, um sich den Namen

Martin Heideggers in den alten Klassenlisten zeigen zu

lassen. „Er war richtig außer sich“, erinnert sich Rummler

schmunzelnd. Den Austausch mit Forschern aus der ganzen

Welt schätze er an seiner Arbeit mit am meisten, sagt der

Pädagoge. Aber auch die Besuche von ehemaligen Schülern

seien immer etwas Besonderes: „Wenn ich Führungen für

Ehemalige gebe, das ist immer schön. Früher duften Schüler

die Bibliothek nicht betreten und dieser Ort hatte etwas

Verbotenes und Geheimnisvolles. Das Aha ist groß, wenn

sie den Raum jetzt zum ersten Mal von innen sehen.“

27

KULTUR


Text Nicolai Eckert

Fotos Manuel Fleig

„Kritisches Hören

lässt sich nicht

vermeiden“

Ein Gespräch über das Musikhören

28

Uns alle begleitet sie im Alltag:

die Musik. Für Berufsmusiker_innen ist

sie jedoch mehr als nur das: Sie ist zum

Lebensinhalt, zur Profession geworden.

Wie aber hören sie selbst Musik, wo und

mit welchen Ohren nehmen sie sie

wahr? Campuls hat mit zwei Berufsmusikern

gesprochen, die derzeit an der

Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz

beschäftigt sind, und ihnen genau

diese Fragen gestellt. Wir sprechen mit

Anja Brandt, 50 Jahre alt und bereits

seit 23 Jahren in Konstanz als Musikerin

tätig, und Valentin Erny, 28 Jahre alt, der

seit dieser Spielzeit Mitglied im Ensemble

ist. Beide spielen sie die Trompete.

Das Interview findet im Probegebäude

der Sudwestdeutschen Philharmonie Konstanz, im alten

Rathaus, einem tatsächlich alten Gebäude aus dem Jahre

1484, statt. Die hohen Decken, der Stuck und die stark verzierten

hölzernen Treppengeländer strahlen noch ein wenig Erhabenheit

aus. Die beiden Trompeter haben einen Bluetoothlautsprecher

und ihre Handys mitgebracht, um damit ihre

Musik vorzustellen.

Campuls: Wie hört eine Berufsmusikerin oder ein

Berufsmusiker denn Musik? An der Anlage, auf CD oder

Schallplatte, oder tut es auch ein Handy mit kleinen Knopfkopfhörern

und Spotify?

Anja Brandt: Also ich höre so gut wie gar keine Musik.

Ich habe ständig die Musik im Ohr, die wir gerade spielen,

oder das Stück, das ich gerade übe. Aber nebenbei höre ich

wenig Musik. Einfach berieseln lassen kann ich mich nicht.

Valentin Erny: Bei mir ist das eigentlich anders herum.

Ich lasse mich gerne berieseln, aber eben nicht mit klassischer

Musik. Oft höre ich Musik im Auto, einfach weil ich

viel Auto fahre. Manchmal kommt es vor, dass ich mich als

Vorbereitung auf die Proben in etwas einhören muss und

das höre ich dann auch sehr bewusst. Aber im Alltag lasse

ich mich gerne mit Musik aus den 70ern oder 80ern berieseln,

doch da achte ich dann nicht darauf, wie das gespielt

ist oder was das ist.

C: Als professionelle Musiker,

könnt ihr da überhaupt unkritisch und

unbefangen Musik hören?

Erny: Also bei klassischer Musik

geht das tatsächlich überhaupt

nicht mehr. Ich kann mich schwer jetzt

einfach in ein Konzert setzen und mich

dem so hingeben wie das ein normaler

Konzertbesucher macht. Natürlich

habe ich da Stellschrauben, durch die

ich erkenne, was da so passiert.

Brandt: Vor allem wenn man die

Musik kennt und sie vielleicht selbst

schon einige Male gespielt hat, dann

hört man das nicht unbedarft. Ich frage

mich beim Hören: Habe ich das selbst

schon einmal anders gespielt und gefällt

mir das so, wie es gemacht wird?

Erny: Der Ansatz ist einfach ein anderer, wenn wir

Musik hören. Kritisches Hören lässt sich nicht vermeiden.

In den seltensten Fällen klappt das dann mal, wenn irgendetwas

so sensationell gut oder berührend ist, dann kommt

man raus aus dieser Schiene und hört einfach nur zu. So etwas

ist wirklich ein ‚Wow-Erlebnis‘.

C: Ihr sprecht hier von guter Musik aus eurer Perspektive:

Ist denn Musik vor allem dann wirkungsvoll, wenn

sie es schafft, den Hörer jenseits von perfektem Spiel und

Präzision zu berühren?

Beide (mit Nachdruck): Ja!

Erny: Das ist der Sinn dahinter.

Brandt: Es geht wirklich gar nicht darum, dass etwas

perfekt gespielt ist. Einmal habe ich ein Konzert eines Kollegen

besucht und dort eine unglaubliche Energie verspürt.

Und das hat mich sehr fasziniert. Auf das kommt es an, nicht

dass jeder Ton unbedingt immer am richtigen Platz ist.

C: Wenn ihr mit dem Orchester Musik macht, probt

oder Aufführungen habt, wieviel Musikhören ist da noch dabei

und wie viele Anteile sind Arbeit?

Brandt: Für mich ist Musizieren auch kein Job im

herkömmlichen Sinne. Ich habe da viel Spaß dabei und gehe

auch noch nach den vielen Jahren wirklich gerne zur Arbeit.

Wenn mir etwas nicht so liegt, ist Musikmachen einfach

KULTUR


Ein Gespräch über das Musikhören

Valentin Erny & Anja Brandt

eine Aufgabe, aber auch die möchte ich so gut erledigen

wie es nur geht.

Erny: Es kommt natürlich auch sehr stark

darauf an, was gespielt wird. Es kommt vor, dass

wir etwas spielen, das mir überhaupt nicht gefällt.

Jeder hat da seine eigenen Präferenzen. Und wenn

etwas gespielt wird, das meinen Geschmack trifft,

dann ist das ein Hörgenuss, auch während der Arbeit.

C: Außerhalb eures Berufes, welche Musik

hört ihr da? Welche Musik kann euch ebenfalls

einen solchen Hörgenuss bieten?

Erny: Ich merke, dass ich einen sehr

sprunghaften Musikgeschmack habe. Da höre ich

alle möglichen Sachen, 70er, 80er, wie gesagt,

deutschen Hip-Hop, lauter so Zeug. Was jetzt gerade

sehr bei mir angesagt ist: Samy Deluxe hat

vor Kurzem ein Unplugged-Album herausgebracht.

Mich spricht diese MTV-Unplugged Reihe

sehr an, weil man gut hören kann, was die

wirklich draufhaben. Tote Hosen Unplugged

habe ich früher gerne gehört. Da differenziere ich

wirklich, höre zu und frage mich: ‚Was passiert

da?‘ Das ist für mich purer Musikgenuss. Und das

jetzt mit deutschem Hip-Hop und Samy Deluxe.

Da sind ganz viele Stücke dabei, die einen großen

Aktualitätsbezug haben – sehr sozialkritisch auch.

Deshalb finde ich dieses Album besonders cool.

Valentin Erny sucht auf Spotify nach einem

Lied, das er auf dem mitgebrachten Bluetoothlautsprecher

vorspielen kann. Er entscheidet

sich für „Zurück zu Wir“, Track 10 auf dem Album

„SamTV Unplugged“ und hört aufmerksam mit.

Der kleine Bluetoothlautsprecher ist nicht für solche

Musik geeignet. Die Beats schnarren und die

Höhen stechen stark ins Ohr. Doch der Text ist

gut verständlich. Nach einer Minute und 20 Sekunden stoppt er die

Wiedergabe …

Erny: Es ist sensationell, wie er rappt! Guter Text, wie bei allen

seinen Liedern, da kann man gut zuhören. Dieser Ansatz taugt mir irgendwie.

Auch das neue Album „Fünf Sterne deluxe“ ist klasse. Die

Beats mag ich und die Texte auch. Hip-Hop habe ich als Jugendlicher

viel gehört und das kommt jetzt langsam wieder, natürlich auf einem

ganz lockeren Level. So viel fahre ich dann auch nicht Auto. (Er lacht.)

Aber wenn ich in meiner Freizeit Musik gerne höre, dann sowas. Das

taugt mir dann.

C: Und Sie, Frau Brandt? Was sagen Sie zu solcher Musik? Können

Sie damit etwas anfangen?

Brandt: Na ja, ich schalte da relativ schnell ab.

(Stille.)

C: Warum? Ist Ihnen das zu eintönig, zu simpel oder nicht melodiös

genug?

Brandt: Sprechgesang an sich liegt mir nicht so. Es ist mir zu

eintönig könnte man sagen, ja.

C: Sie haben gesagt, dass Sie privat kaum Musik hören. Wenn

doch, was wird dann aufgelegt und in welchem Kontext findet das

dann statt?

Brandt: Eigentlich nur, wenn ich unterwegs bin, kurz mal im

Auto oder beim Zugfahren mit Kopfhörern. Ich höre sonst sehr gerne

Bach. Er hat auch eines meiner Lieblingsstücke komponiert – das ist

ohne Trompete.

Erny: Was? Wie kann das sein? (Er lacht.)

Brandt: Das ist generell bei mir so. Inzwischen höre ich sehr

wenig Trompetenmusik. Ich glaube, ich bin einfach satt.

Erny: Wenn ich Musik höre, die mich und mein Instrument direkt

betrifft, dann mache ich das, um etwas zu lernen oder um mich

inspirieren zu lassen. Und da ist dann ein Arbeitsgedanke dahinter.

Brandt: Ja, genau! Das trifft es gut.

Derweil hat Anja Brandt ihr Smartphone mit dem Bluetoothlautsprecher

gekoppelt und startet nun eine Aufnahme des ersten Satzes

von Johann Sebastian Bachs Konzert für drei Violinen in D-Dur

BWV 1064R (Bach-Werke-Verzeichnis). Die Komposition ist typisch

für Bach, direkt wiedererkennbar und sehr eingängig. Sofort fällt die

tragende Basslinie auf, auch Basso continuo oder Generalbass genannt,

auf der die lebhafte Melodie der Streicher leicht zu springen scheint.

Brandt: Dabei bekomme ich immer gute Laune! Das ist einfach

unglaublich federnd – sehr inspirierende Musik für mich. Aber das

liegt an Bach generell, finde ich. (Sie stoppt die Wiedergabe ebenfalls

nach einer guten Minute.)

C: Spielen Sie in diesem Falle lieber Bach als beispielsweise romantische

Komponisten?

Brandt: Nein, das kann man so nicht sagen.

C: Herr Erny, Sie sagten vorhin, Sie würden „Fünf Sterne deluxe“

hören: Im Sommer 2017 spielte Ihr Orchester zusammen mit Tobi

Tobsen von „Fünf Sterne deluxe“ und seinem Projekt „moonbootica“ …

Erny: Das war leider vor meiner Zeit! Da müssen Sie meine Kollegin

fragen.

Brandt: Ja das war wirklich toll! Bei so etwas mitzuspielen,

macht mir wahnsinnig Spaß. Auch wenn ich das so nicht hören würde

in meiner Freizeit.

Erny: Klar, solche Projekte sind momentan sehr angesagt und

eine neue Art und Weise für klassische Musik, sich zu präsentieren. Es

funktioniert auch immer gut und kommt super an!

C: Noch eine abschließende Frage: Gibt es etwas, das Sie Studierenden

aus Konstanz mitteilen wollen?

Erny: Sie sollen auf jeden Fall herkommen und ihre Freikarten

abstauben!

Brandt: Ja, wir freuen uns über jeden Besucher.

C: Vielen Dank für das Gespräch!

29

KULTUR


Text Lea Luttenberger

Illustration Mario Naegele

VON MEINEN SCHLÜPFERN

SIND DIE SCHLEIFEN

ABGESCHNITTEN

30

Wie viel möchte ich von mir preisgeben? Diese

Frage stellt sich mir regelmäßig. Das fängt

schon bei dem weißen T-Shirt an, durch das

mein BH durchschimmert. Geht es die Welt

etwas an, dass er schwarz, geblümt oder

rüschig ist? Oder dass ich gar keine BHs

trage? Nicht unbedingt. Stört es mich, wenn

die Welt das weiß? Auch nicht unbedingt.

Aber manchmal stört es die Welt. Fast noch

schlimmer ist es, wenn sich durch meine

Leggins die Umrisse meines Schlüpfers abzeichnen.

Nicht dass jemand weiß, dass ich

Unterwäsche trage … Menschen, die peinlich

berührt mit den Augen rollen und lieber

aus dem Fenster sehen. Natürlich nicht ohne

durch ihr genervtes Räuspern zu signalisieren,

dass sie das jetzt aber nicht in Ordnung finden

und ich mich besser schämen und mir etwas

Vernünftiges zum Anziehen kaufen sollte.

Ich freue mich sehr darüber, jetzt die Kolumnen schreiben

zu dürfen. Diese Freude geht einher mit der großen Frage,

worum es in meinem ersten Text gehen soll. Augenscheinlich

habe ich dabei die unbegrenzte Auswahl. Eine Kolumne

bietet mir Freiheiten wie das Schreiben in der Ich-Form

und Raum für eigene Gedanken. Die Pressefreiheit erlaubt

mir, über jedes beliebige Thema meine Meinung kundzutun.

Trotzdem habe ich das Gefühl, dass es bei meiner

Kolumnen-Themenwahl eine Grenze gibt.

Vor Kurzem habe ich einen Text über eine Trans*-Selbsthilfegruppe

geschrieben. Ich wurde gebeten, im Artikel

keine Namen zu veröffentlichen. „Über manche Dinge ist es

taktisch unklug zu schreiben“, sagte mir eine Freundin, die

Depressionen hat. „Zum Beispiel über die eigene Depression“,

ergänzte sie. Als sei das Leben ein Spiel, bei dem ich

taktisch klug handeln muss, um am Ende möglichst hoch zu

gewinnen. Deshalb darf ich dann meinen Mitspieler_innen

nicht zeigen, welche Karten ich auf der Hand habe, vor allem,

wenn es „schlechte“ Karten sind. Sonst spielt niemand

mehr mit mir. Logisch, wer möchte sich schon mit unbequemen

Themen auseinandersetzen.

Ich habe das Gefühl, dass es bei meiner Themenwahl eine

Grenze gibt, psychische Störungen und Unterwäsche sind

zum Beispiel auf jeden Fall raus. Denn das sind Themen, die

allenfalls einmal durchschimmern, wo der Blick dann aber ganz schnell

wieder abgewendet wird. Ist das dann eine persönliche Grenze? Oder

nicht vielmehr eine gesellschaftliche Mauer, die um Dinge errichtet wurde,

die stigmatisiert und nicht akzeptiert sind? In meinem Psychologiestudium habe

ich gelernt, dass Konfrontation bei Angststörungen oftmals eine sehr wirksame

Therapie ist. Nichts verschwindet dadurch, dass es totgeschwiegen oder ignoriert wird.

Damit werden nur die Menschen mit der Verantwortung allein gelassen, die persönlich betroffen

sind. Dazu zählt dann vor allem auch die Verantwortung, sich anonym zu halten. Ich bin mir bewusst,

dass aus einem Schuss vor den Bug einer verschlafenen Gesellschaft auch schnell ein Schuss ins

eigene Bein werden kann. Unbequeme Themen und Schüsse, die auf diese aufmerksam machen

wollen, werden an den Mauern abgefälscht und dann zum Stigma für den Autor oder die Autorin. Ein

Teufelskreis. Und leider gibt es da einen Unterschied zwischen Unterwäsche und Kolumnen. Meine

Kleidung ändert sich spätestens im Winter. Über meine übergroßen Wollpullis ohne Ausschnitt

beschweren sich dann höchstens ein paar Stilikonen, meine Unterwäsche ist dann nicht mehr sichtbar.

Was ich in einer Kolumne über mich preisgebe, bleibt aber und kann jederzeit gegen mich verwendet

werden. Dennoch denke ich, ist es keine Lösung, „Tabu“ zu spielen und zu vermeiden, die

Dinge zu benennen, die als verboten auf der Karte stehen. Den Mund aufzumachen, ist aber nicht die

Verantwortung von Einzelpersonen. Ich denke, es ist unter anderem eine Aufgabe und Möglichkeit

des Journalismus, die noch bestehenden Grenzen immer mehr auszuweiten.

KOLUMNE


BAföG-Amt

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78467 Konstanz

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