WALLIS Magazin - November 2018

valais

1 Koch Jean-Marc Sartori,

ein Weltlicher, beim Rüeblirüsten.

Hundert Laibe Alpkäse werden

im Winter verspiesen.

2 Beten nach den Regeln des

heiligen Augustinus: Jean-Michel

Lonfat, Frédéric Gaillard,

Raphaël Duchoud, Anne-Marie

Maillard (v. l.) in der Krypta.

3 Steht für ankommende Gäste

parat: eine warme Suppe,

Brot und Wurst.

4 Prior Jean-Michel Lonfat:

«Jeder Gast ist eine Bereicherung

für uns. Wir lernen von allen.»

1

BERGWELT

«Viele Gäste bringen frisches Gemüse,

Obst oder ein paar Baguettes mit», freut

sich der Prior. Vor Ostern fliegt der Helikopter

neue Frischwaren ein.

Die meisten Wintergäste kommen für ein

paar Tage. Um Touren zu machen, Einkehr

zu halten, sich im Lesesaal zu vertiefen.

Oder um sich mit den Geistlichen zu unterhalten,

mit ihnen in der Kirche Gottesdienst

zu feiern oder in der Krypta zu beten.

120 Schlafplätze stehen zur Verfügung:

zwei Schlafsäle mit Kajütenbetten

(Nacht und Frühstück: 32 CHF), sechs

Vierbettzimmer.

Auch nach fast 1000 Jahren sind die

Chorherren auf dem Grossen St. Bernhard

ihrer Berufung treu geblieben – der

Gastfreundschaft. Diakon Frédéric begrüsst

jeden Ankömmling im Gäste-Speisesaal

persönlich. «Wer immer du bist,

welche Religion du hast: Wir heissen

dich herzlich willkommen, mit deinen

Freuden, Problemen und Hoffnungen.»

Um die grosse Gästezahl zu beherbergen,

sind die Chorherren auf Hilfe angewiesen:

Eine Verwalterin, eine Wäscherin,

ein Koch, vier Hilfskräfte packen mit

an. Im Winter 2015 stand auch Timon

Stricker als Zivildienstler im Einsatz.

Schnee schaufeln, Tische decken, eingefrorene

Wasserleitungen reparieren. Das

Religiöse passe gut an diesen Ort, sagt

der 23-Jährige aus Olten SO. «Das Hospiz

ist eine wohltuende Oase. Andererseits

empfand ich die Abgeschiedenheit

auch als beängstigend – trotz Kontakt zur

Aussenwelt durch WLAN.»

Prior Lonfat empfindet die Begegnungen

mit den Gästen als bereichernd. Er

selber gleitet zweimal monatlich runter

ins Tal: Besuch bei der Familie, beim

Arzt. Schnallt er dann wieder seine Ski

an, gilt es vorsichtig zu sein: Die letzten

paar Hundert Meter unterhalb des Hospizes

führen durch die Combe des

Morts – im Winter 2015 starben in dieser

Schlucht vier Tourengänger in einer

Lawine. Geschmeidigkeit sei dem Grossen

St. Bernhard fremd, sagt der Prior.

Überall Fels, Schnee, Eis. «Welch ein

Kontrast zur Zusammengehörigkeit, die

wir hier leben.»

Anne-Marie Maillard freut sich auf den

Winter, «auch wenn er hart sein kann.

Der Lebensrhythmus in unserem Haus

tut gut.» Die Oblatin ist täglich draussen:

Sie misst Schnee, Wind, Temperatur, fotografiert

Lawinen und sendet die Daten

ans Institut für Schnee- und Lawinenforschung

in Davos GR und an die zuständige

Stelle im Kanton Wallis. An windgepeitschten

Tagen entscheidet sie, wer

aus dem Haus darf und wer nicht.

Das Hospiz liege im Herzen der Berge,

sagt Prior Lonfat bei einem Glas Fendant.

Die Anstrengung, das Hospiz aus

eigener Kraft zu erreichen, lohne sich.

«Sie hilft, die innere Aufregung zur Ruhe

zu bringen.» Er freut sich auf die gemeinsame

Weihnachtsfeier mit den Gästen

in der Krypta. Draussen wird meterhoch

Schnee liegen. Und wenn die Nacht klar

ist, funkeln Tausende von Sternen über

den Gipfeln.

Prior Lonfat:

«Hier erlebt

man eine

Schönheit,

die die Seele

berührt,

die einem Gott

näherbringt»

2

18

Weitere Magazine dieses Users