Schweizer Illustrierte: Weltklasse Zuerich 2018

weltklassezuerich25813

Präsentiert von BMW

PRÄSENTIERT VON BMW

August 2018

SUPER-

STARS

DIE TOPSHOTS AM DIESJÄHRIGEN

MEETING IN ZÜRICH

LEA

SPRUNGER

EM-GOLD ALS ERSTE

SCHWEIZERIN– UND

NOCH NICHT AM ZIEL

WELTKLASSE

ZÜRICH

SANDI

MORRIS

EXKLUSIVER BESUCH BEI DER

US-STABSPRINGERIN, DIE DEN

WELTREKORD WILL

Mujinga Kambundji und der Hirnforscher

Schweizer Athleten treffen Spitzenkräfte

aus anderen Disziplinen


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BMW 225xe iPerformance Active Tourer, 1499 cm³, 165 kW (224 PS), 2,3–2,5 l/100 km, 13,4–13,7 kWh/100 km, BÄ 3,8–4,3 l/100 km, 52–57 g CO₂/km

(Durchschnitt aller immatrikulierten Neuwagen in der Schweiz 133 g CO₂/km), CO₂-Emissionen aus der Treibstoff- und/oder der Strombereitstellung 31–32 g CO₂/km,

Energieeffizienzkategorie C–D.


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Sponsor.

Sondern auch

grösster Fan.

SWISS ist stolzer Sponsor und

Partner von Weltklasse Zürich

und Swiss Athletics. Als Airline der

Schweiz unterstützen wir unsere

Sportler mit viel Leidenschaft.

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Made of Switzerland.


EDITORIAL

LUST AUF DAS

FINALE

FEUERWERK

Cover: Fotografie: Christoph Köstlin, Styling: Yvonne Reichmuth, H&M: Jehan Radwan, Assistent: Valeriano DiDomenico, Outfit: Nike

Weltklasse Zürich erscheint als Beilage

der Schweizer Illustrierten

Nr. 34 am 24. August 2018

Redaktion Schweizer Illustrierte SPORT

Flurstrasse 55, Postfach, 8021 Zürich

E-Mail info@schweizer-illustrierte.ch

Leiter Zeitschriften / Leitung Sport

Urs Heller

Textchef Stephan Sutter

Manchmal lügen Zahlen eben

doch. An der Leichtathletik-EM

2016 in Amsterdam gab es für

die Schweiz fünf Medaillen, wovon

zwei goldene. Diesmal, an den Titelkämpfen

in Berlin, waren es «nur» deren vier.

Und doch ist diese EM 2018 ein kräftiges

Indiz dafür, in welche Richtung sich die

Schweizer Leichtathletik bewegt: stetig aufwärts!

Die Qualität der Medaillen ist deutlich

höher einzuschätzen als vor zwei Jahren.

Lea Sprunger macht sich über 400 m Hürden

zur ersten Schweizer EM-Titelträgerin

der Geschichte. Und dominiert in einer der

härtesten Laufdisziplinen überhaupt. Dabei

war ihr Weg zu diesem Triumph oft steinig

(S. 22). Tadesse Abrahams Marathon-Silber

ist gewiss bedeutender als sein Halbmarathon-Gold

von 2016. Fabienne Schlumpf besticht

als Zweite auf der Steeple-Strecke,

und Alex Wilson holt mit Bronze über 200 m

endlich seine Medaille. Womit er beweist,

dass er mehr draufhat als nur grosse Worte

und kesse Sprüche. Selbst Mujinga Kambundjis

drei vierte Plätze sind nur eine kurzfristige

Enttäuschung. Vielmehr machen sie

die Bernerin zur EM-Athletin der Herzen.

Was die vielseitig interessierte Sprinterin

nur noch schneller machen wird (Seite 8).

Die besten Schweizerinnen und Schweizer

und mit ihnen die Crème de la Crème

der Leichtathletik-Welt machen nun dem

Letzigrund ihre Aufwartung. Bei Weltklasse

Zürich, einem der beiden abschliessenden

Höhepunkte der Diamond-League-Saison,

wird am 30. August das finale Höher-weiterschneller-Feuerwerk

des Jahres gezündet.

Die Besetzung? Grandios (Seite 30)! Zu

EM-Goldgewinnern wie Warholm, Röhler,

Asher-Smith oder Guliyev kommen all die

Weltstars aus den USA, aus Jamaika oder

afrikanischen Ländern.

Zusammen mit unserem Heftpartner

BMW wollen wir mit diesem Magazin das

fortsetzen, was Sprunger & Co. in Berlin erfolgreich

begonnen haben: Ihnen Lust auf

ein grosses Leichtathletik-Fest machen.

Viel Spass!

Redaktion Iso Niedermann (Leitung),

Eva Breitenstein, Christian Bürge,

Sarah van Berkel,

Bildredaktion Ulli Glantz (Leitung),

Adam Schwarz

Layout/Produktion Tim Brühlmann

(Leitung), Simona Guarino, Dominic

Koch (Satztechnik)

Korrektorat Alex Hansen

IMPRESSUM

Bildbearbeitung Ringier Redaktions-

Services Verlag Ringier Axel Springer

Schweiz AG, Postfach, 8021 Zürich

Leiter Content- & Marketing-

Partnerschaften Thomas Passen

Vermarktung Admeira SA,

Flurstrasse 55, Postfach, 8021 Zürich,

Tel. +41 58 909 99 62, E-Mail:

salesservices@admeira.ch

Iso Niedermann,

Sportchef Schweizer Illustrierte

Anzeigenpreise und AGB:

www.admeira.ch

Chief Executive Officer Bertrand Jungo

Business Unit Director Print & Digital

Beniamino Esposito

Sales Director Roger Knabenhans

Media Service Print Esther Staub

Produktionsleiter Michael Passen

Druck Swissprinters, 4800 Zofingen

5


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22

Lea Sprunger

Die vielseitige

Karriere der

Hürdenläuferin

gipfelt im

EM-Titel

Weltklasse trifft

Weltklasse

Kambundji, Wanders

und Büchel tauchen in

eine neue Welt ein

Die Stars

Die grössten

Namen von

Weltklasse

Zürich 2018

Muskelspiele

Antriebskraft

und perfekte

Proportionen

bei Mensch

und Maschine

30

WELTKLASSE

ZÜRICH 2018

56

Hoffnungs träger

Sie haben das

Zeug, in Usain

Bolts Fussstapfen

zu treten

64

38

Sandi Morris

Die US-Stabhochspringerin

liebt Schlangen

und jagt den

Weltrekord

60

Timekeeping

Die Leichtathletik

wäre

unmöglich

ohne sie: die

Zeitmessung

28 UBS Kids Cup – der Nachwuchswettkampf

als Sprungbrett

46 Hediger und Joho –

die Direktoren des Zürcher

Meetings im Doppelinterview

50 Die Geschichte – 90 Jahre

Weltklasse Zürich

72 Nenad Mlinarevic –

der Spitzenkoch entwirft neu

Menüs für Crossfitter

78 Autonomes Fahren –

die Zukunft

80 Elektromobilität und

Nachhaltigkeit

82 Retrospektive – Jesse Owens

und das rote Trikot

Foto: Christoph Köstlin, Alexis Berg/Presse Sports, Peter Lueders, zuma press/imago

7


WELTKLASSE TRIFFT WELTKLASSE

weltklasse trifft weltklasse

trifft weltklasse

trifft weltklasse trifft

weltklasse

weltklasse

trifft weltklasse

trifft

weltklasse trifft weltklasse

trifft weltklasse

trifft weltklasse trifft


weltklasse trifft weltklasse

trifft weltklasse

trifft weltklasse trifft

weltklasse trifft weltklasse

trifft weltklasse

trifft weltklasse trifft

weltklasse trifft weltklasse

trifft weltklasse

trifft weltklasse

Was braucht es,

um Weltklasse

zu werden? Drei

Sportler tauchen

bei Treffen mit

Koryphäen

aus anderen

Sparten in

neue Welten

ein – und finden

Parallelen.

9


WELTKLASSE TRIFFT WELTKLASSE

DIE BESTZEIT

ALS KOPFSACHE

Sie ist die schnellste

Frau der Schweiz,

er ist einer der

schnellsten Köpfe

des Landes.

Sprinterin Mujinga

Kambundji

trifft den Neurowissenschaftler

Lutz Jäncke.

Interview Thomas Renggli

Mujinga Kambundji, Lutz Jäncke,

was wissen Sie übereinander?

Kambundji: Ich wusste, dass

Herr Jäncke eine Koryphäe auf dem Gebiet

der Hirnforschung ist. Und im Vorgespräch

hat er mir erzählt, dass er als deutscher Nationalspieler

im Wasserball ebenfalls Spitzensportler

war – aber sonst komme ich relativ

unwissend in dieses Gespräch.

Jäncke: Ich weiss natürlich ein bisschen mehr

– als Sportinteressierter verfolge ich das Geschehen.

Und ich finde es immer faszinierend,

wenn jemand aus einem so kleinen

Land wie der Schweiz in die Weltklasse aufsteigt

– vor allem in einer so globalen Geschichte

wie dem Sprint. Kommt dazu, dass

über 100 und 200 Meter die Grenze wohl

schon fast erreicht ist. Biomechanisch lässt

sich wohl nicht mehr viel herausholen. Und

deshalb glaube ich, dass die Psychologie ein

ganz wichtiges Phänomen ist – eines, das

den Sportlern hilft, sich zu stabilisieren und

die Nervosität abzulegen.

Kambundji: Das finde ich im Sprint eine ganz

spannende Sache. An einem Grossanlass gewinnt

nicht immer die auf dem Papier schnellste

Person, sondern diejenige, die im richtigen

Moment auch mental bereit ist.

Mujinga Kambundji, Sie starteten an der

EM in Berlin als Mitfavoritin – und wurden

dreimal Vierte. War dies Kopfsache?

Kambundji: Ich wusste im Vorfeld, dass es

eng werden würde. Es war mir bewusst, dass

ich nicht selbstverständlich als Zweit- oder

Drittschnellste ins Ziel laufe. Dann befürchtete

ich, dass es nach der Enttäuschung im

100-m-Lauf schwierig werden würde. Aber

als ich vier Tage später zum 200-Meter-Final

startete, war ich mental wieder bereit.

Lutz Jäncke, als Wissenschafter, der quasi

in die Köpfe der Menschen hineinschauen

kann, hätten Sie eine Lösung, um die

fehlenden Hundertstelsekunden nächstes

Mal zu gewinnen?

Jäncke: Ja. Deshalb arbeiten viele Topsportler

auch mit Mentaltrainern zusammen. Ich

weiss dies von Mannschaftssportlern – im

Foto vorherige Seite: Christoph Köstlin; Fotos: (2) Maurice Haas

Jäncke empfängt Kambundji im neuropsychologischen

Institut der Uni

Zürich und zeigt ihr ein Gerät, das durch

Elektroden die Hirnaktivität misst.


MUJINGA KAMBUNDJI

«ICH DACHTE,

MENTALTRAI-

NING BRINGT

NICHTS. ABER

WAS HERR

JÄNCKE SAGT,

IST SEHR

INTERESSANT»

Mujinga Kambundji

Modellathletin

Mujinga Kambundji

hat sich in

der Weltspitze

etabliert. Der

nächste Schritt ist

auch eine Frage

der Psyche.

Foto: Christoph Köstlin

11


WELTKLASSE TRIFFT WELTKLASSE

American Football, im Baseball und im Fussball.

Auch in der Leichtathletik wird dies immer

mehr zum Thema. Frau Kambundji, setzen

Sie ebenfalls auf einen Mentaltrainer?

Kambundji: Nein, bisher nicht.

Klären Sie uns auf. Wie optimieren Sie die

Leistung einer Sportlerin?

Jäncke: Zunächst muss man die Angst vor

dem Misserfolg bewältigen – das ist oft ein

entscheidendes Thema. Die Misserfolgsmeidung

ist eine Motivlage, die sich auch im

Körper niederschlägt. Die andere – bessere

Motivlage – ist die Erfolgssuche. Misserfolgs

mei dung ist Angst, Zurückhaltung

Flucht. Bei der Erfolgssuche dominieren

Freude, Optimismus und das Anstreben

eines Ziels. Das muss man lernen. Man muss

diese Gefühlslagen auseinanderhalten – und

im Wettkampf die Erfolgssuche einschalten.

Mujinga Kambundji, kommt Ihnen das

bekannt vor?

Kambundji: Von mir wurde lange nicht so

viel erwartet. Weil ich meist nicht zu den Favoritinnen

zählte, konnte ich nichts falsch

machen. Wenn man aber zu den Top 3 gehört,

will man nicht Vierte werden. Das

macht einiges aus. Ich versuche aber, nicht

zu viel darüber nachzudenken. Deshalb

arbeitete ich auch nie mit einem Mentaltrainer

zusammen.

Jäncke: Das ist bei vielen Profisportlern ähnlich.

Sie beginnen, weil sie talentiert sind

und Freude am Sport haben. Doch mit dem

Erfolg kommen ganz neue Einflüsse – man

realisiert, dass man populär wird, mit dem

Sport Geld verdienen und sich eine Karriere

aufbauen kann. In diesem Prozess braucht

es Beratung und Unterstützung, damit man

besser damit umgehen und sich voll auf die

Leistung konzentrieren kann.

Die ideale Voraussetzung für einen Wettkampf

ist also, wenn sich der Sportler in

einer Blase bewegt und nichts an sich

herantreten lässt?

Jäncke: Eine Blase, in der man sich frei macht.

Die Bewegungen müssen frei von kognitiven

Gedanken ausgeführt werden. Eine Sprinterin

muss in den Flow kommen. Wenn dies

nicht geschieht, beginnt sie nachzudenken –

das verkrampft und hemmt. Dies ist wie bei

Musikern. Nehmen wir den Pianisten Lang

Lang: Er muss spielen, dann kommen die Bewegungen

wie von allein.

Kambundji: Das kenne ich. Bei meinen besten

Rennen hatte ich eine Art Blackout. Als

ich über die Ziellinie lief, wusste ich nicht,

was passiert war. Sobald nur noch die

Reflexe da sind, erreicht man die optimale

Leistung.

Jäncke: Reine Reflexe sind das nicht. Sie trainieren

ja täglich, Frau Kambundji. Durch

dieses Training haben Sie die ganzen motorischen

Programme erworben. Die müssen

sie mit dem Feuer der Motivation starten –

ohne das Gehirn zu gebrauchen.

Kommen wir zu den Psychospielchen. Wie

wirkte es sich auf die Gegner aus, wenn

beispielsweise Usain Bolt vor dem Rennen

seine Selbstinszenierung aufführte?

Jäncke: Es kann entscheidend sein. Die Gegner

zittern, wenn sie Bolt nur schon sehen.

Kambundji: Ich habe einmal gehört, dass

sich die Rennen schon im Call-Room entscheiden,

wo wir auf den Aufruf zum Start

warten. Da gibt es die unterschiedlichsten

Verhaltensmuster unter den Athletinnen. Ich

gehöre zur nervösen Sorte. Man sieht mir

die Nervosität an. Aber die brauche ich.

Wie kann man die Leistung auf psychologischer

Ebene beeinflussen?

Jäncke: Beispielsweise durch Musik. Sie ist

Moodmanager und Emotionsregulator. Zu

meiner Zeit als Mentalcoach der Eishockeymannschaft

bei Düsseldorf benutzten wir

Musik als Energiespender. Wir stellten riesige

Boxen auf und spielten vor jeder Partie

«We are the Champions».

Frau Kambundji, welche Musik hören Sie?

Dancehall – oder auch die neue afrikanische

Musik mit viel Rhythmus.

Was sagt der Wissenschaftler? Wäre Mujinga

Kambundji mit Heavy Metal noch

schneller?

Jäncke: Entscheidend ist, dass sie sich wohlfühlt

bei der Musik. Sie muss Musik hören,

die sie emotional anspricht.

Dieselbe Wellenlänge. Die Sprinterin

und der Wissenschafter verstehen sich

auf Anhieb. Kommt es gar zu einer

Zusammenarbeit?


MUJINGA KAMBUNDJI

Herr Jäncke, Sie waren früher selber Spitzensportler.

Gibt es etwas, dass Sie aus

jener Zeit in Ihre wissenschaftliche Karriere

mitnehmen konnten?

Jäncke: Ich bin ein sehr leistungsmotivierter

Mensch. Deshalb arbeite ich so viel. Ich habe

gelernt, mich zu disziplinieren. Auch der

Mannschaftsgedanke war wichtig. Ich habe

durch den Sport soziale Kompetenz erlernt.

Kambundji: Ich studiere BWL an der Fachhochschule.

Dies ist für mich vor allem Mittel

zum Zweck – damit ich später ein Diplom

habe. Aber meine Leidenschaft ist dieses

Studium nicht. Momentan kann ich nicht die

gleiche Energie reinstecken wie in den

Sport. Vermutlich ändert sich dies nach meiner

aktiven Karriere.

Jäncke: Das war bei mir exakt gleich. Bis

1980 setzte ich auf den Sport. Beim Rücktritt

war ich 23 Jahre alt. Dann habe ich mich

komplett neu ausgerichtet und mich in die

Wissenschaft hineingekniet.

Frau Kambundji, Herr Jäncke, könnten Sie

sich eine Zusammenarbeit vorstellen?

Kambundji (lacht): Ich war immer der Meinung,

Mentaltraining bringt nichts. Aber

wenn ich Herrn Jäncke zuhöre, muss ich sagen:

Das ist sehr interessant.

Jäncke: Das muss bei Ihnen aus einer inneren

Überzeugung kommen. Wenn dies so

ist, stehe ich zur Verfügung. Sie haben meine

Nummer. •

«BEI MEINEN

BESTEN

RENNEN

HATTE ICH

EINE ART

BLACKOUT.

13

ICH WUSSTE

NICHT, WAS

PASSIERT

WAR»

Mujinga Kambundji

Spezieller Kopfschmuck:

Elektroden

messen

die Hirnaktivität.

So kann die

Wissen schaft

den Impuls zur

sportlichen

Höchst leistung

analysieren.

Fotos: (3) Maurice Haas


WELTKLASSE TRIFFT WELTKLASSE

MIT LUST AN DIE

Foto: Stefan Schlumpf

Selina Büchel, die 800-Meter-Europameisterin in der Halle,

trifft die Spitzenköchin Tanja Grandits. Sie sprechen über

Fleiss, Ansprüche und – natürlich – Essen. Interview Christian Bürge


SELINA BÜCHEL

T

anja Grandits, haben Sie Selina

Büchel schon einmal vor dem

Fernseher verfolgt?

Tanja Grandits: Ich muss zugeben,

nein. Ich schaue nie fern. Aber ich habe gegoogelt

und gesehen, was sie macht. Das ist

beeindruckend. Ich habe Ehrfurcht vor Leuten,

die solche Leistungen mit ihrem Körper

erbringen. Ich selbst mache nur Yoga und

Kung-Fu, eine innere Kampfkunst.

Kamen Sie, Selina Büchel, schon einmal

mit der Spitzenküche in Kontakt?

Selina Büchel: Leider noch nicht. Aber als

Sportlerin ist essen natürlich wichtig. Ich versuche,

mich ausgewogen zu ernähren, habe

auch ein paar Kräuter auf dem Balkon, aber

natürlich nicht einen so tollen Kräutergarten,

wie ihn Tanja hier vor ihrem Restaurant hat.

Sie beide sind in Ihren Metiers Spitze.

War das ein Ziel?

Grandits: Nie. Das war keine bewusste Entscheidung.

Ich wollte nie Spitzenköchin werden.

Ich wollte einfach kochen. Ich bin auch

«IM SPORT

KOMMEN

ZIELE

ZWANGS-

LÄUFIG. UND

ICH SETZTE

MIR HOHE

ZIELE»

Selina Büchel

nicht extrem ehrgeizig, sondern nur glücklich

mit dem, was ich tue. Daraus ergibt sich dann

der Erfolg. Es ging immer um Freude.

Büchel: Zuerst war es bei mir ähnlich. Ich hatte

als Kind nicht das Ziel, an die Weltspitze

zu kommen. Ich gewann Juniorinnen-Wettkämpfe,

zuerst in der Schweiz, dann im

Ausland. Und schliesslich bei den Frauen.

Erst dann kamen die Ziele. Es ist Sport. Zielsetzungen

kommen zwangsläufig. Und ich

setzte mir hohe Ziele.

Was unterscheidet Sie vom Durchschnitt?

Arbeitsethos? Fleiss?

Grandits: Ich mache es einfach gern, darum

verstehe ich es nicht als Fleiss, auch wenn

ich von morgens bis abends unterwegs bin.

Wissen ist bei uns extrem wichtig. Du kannst

nur kreativ sein, wenn du viel weisst. Mein

Küchenchef kennt jede Austerngrösse, jeden

Trüffeltyp. Das handwerkliche Können

ist wichtig. Die Leute sagen immer, ich sei

eine Künstlerin, aber das bin ich nicht. Ich

bin Handwerkerin. Und mein Handwerk

muss ich beherrschen.

Büchel: Ich verstehe es auch nicht als Arbeit.

Fleiss? Vielleicht. Aber das kommt bei mir

völlig natürlich. Ich habe den Drang, mich

zu bewegen und mich zu verbessern.

SPITZE

Spitzenköchin

Tanja Grandits,

von GaultMillau

mit 18 Punkten

bewertet, zeigt

800-Meter-

Hallen europameisterin

Selina

Büchel (r.) ihren

Kräutergarten.

Fotos: (2) Maurice Haas

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© UBS 2018. Alle Rechte vorbehalten.

Es geht um viel

mehr als den Sieg

Grosse Emotionen am UBS Kids Cup erleben.

ubs.com/kidscup

a b


SELINA BÜCHEL

Haben Sie hohe Ansprüche in allen Bereichen

des Lebens?

Grandits: Schönheit ist für mich immer ein

Anspruch. Auch in den Ferien. Wenn ich irgendwo

bin, wo es grauenhaft eingerichtet

ist, geschmacklos, dann könnte ich mich gar

nie erholen. Es kann auch schlicht und simpel

sein, aber geschmackvoll. Dasselbe

beim Essen. Natürlich gehe ich bei Kollegen

essen, die höchsten Ansprüchen genügen.

Aber auch in einfache Restaurants. Es muss

einfach gut und frisch sein, ehrlich gekocht.

Es ist nur nicht zum Aushalten, wenn jemand

etwas kochen will, das er eigentlich nicht

kann. Oder wenn es Convenience Food ist.

Da habe ich extrem Mühe.

Büchel: Ich führe ein eher einfaches Leben,

habe keine grossen Ansprüche. Weil mein

Alltag nicht wie normale Arbeit ist. Ein Trainingslager

ist für mich ein wenig wie Ferien.

Wie gross ist Ihr Pensum?

Büchel: In Stunden nicht extrem viel. Dafür

habe ich keine Wochenenden. Ich trainiere

jeden Tag. Nur habe ich zwischen Morgenund

Nachmittagstraining eben Zeit für mich

Grandits: Mein Tag beginnt um 5.30 Uhr. Ich

frühstücke mit der Tochter. Die eigentliche

Arbeit – die sich nie so anfühlt – beginnt nach

acht. Ich bin bis 14 Uhr in der Küche. Dann

habe ich Zimmerstunde, arbeite an meinem

Kochbuch, schreibe Rezepte. Ab 18 Uhr geht

es bis 23 Uhr weiter. Dann gehe ich noch ins

Büro, erledige E-Mails. Die Nacht ist kurz,

aber ich brauche wenig Schlaf.

Lasten die Erwartungen auf Ihnen?

Grandits: Nein. Es ist nie anstrengend. Ich

bin auch nicht der Typ für eine Anstrengung.

Natürlich sind Erwartungen da. Aber mir

macht es Spass, sie zu erfüllen. Ich mache mir

nie Gedanken, dass etwas nicht funktionieren

könnte. Ich mache das, wovon ich überzeugt

bin. Wir werden ja jeden Tag besser.

Büchel: Druck von aussen kenne ich nicht.

Weil es mich nicht kümmert. Aber ich habe

«ICH

MACHE MIR

NIE GEDAN-

KEN, OB

ETWAS

NICHT

FUNKTIO-

NIEREN

KÖNNTE»

Tanja Grandits

eigene Erwartungen. Dann spüre ich Nervosität.

Und die fördert bei mir die Leistung.

Kommt der Antrieb auch über die Anerkennung?

Büchel: Ich kenne Sportler, die nur die

Medaillen sehen und die Resonanz, die das

auslöst. Mir ist das Feedback der Trainer und

meines Umfelds wichtig. Das treibt mich an.

Grandits: Nein. Die Lust ist immer da. Spätes

tens wenn ich unten in der Küche bei

den Leuten bin. Wenn sie lachen, das Radio

läuft, Geschichten erzählt werden. Dann

freuen wir uns, als Team etwas zu schaffen.

Das Team ist mir sehr wichtig. Ich kann nichts

allein. Mir ist auch wichtig, dass sich die Leute

neben mir entwickeln können. Ich bin

nicht die Königin auf der Sänfte. Ich will

die Wertschätzung ihnen gegenüber auch

nach aussen tragen. Nur wenn sie motiviert

sind, läuft es auch. Ich habe als junge Frau

in Küchen gearbeitet, wo der Umgangston

unglaublich rau war. Viele waren verängstigt.

So kann man keine gute Leistung abrufen.

Was die Anerkennung betrifft: Natürlich

freut mich das. Wir können das geniessen.

Das Gefühl wird nie alt. Ich mache ja

auch keinen Wein und baue keine Häuser.

Am nächsten Tag ist alles wieder frisch und

beginnt von Neuem. •

Fotos: (2) Maurice Haas

Tanja Grandits, 48,

sagt über Selina

Büchel, 27: «Ich habe

grosse Ehrfurcht vor

Leuten, die mit ihrem

Körper solche Leistungen

erbringen.»

17


WELTKLASSE TRIFFT WELTKLASSE

Julien Wanders

hält den Schweizer

Rekord im

Halbmarathon

und belegt

an der EM 2018

die Plätze 7

(10 000 m) und 8

(5000 m).

«SCHLAFEN,

ESSEN,

TRAINIEREN

UND WIEDER

VON VORN –

DAS IST

MEIN LEBEN»

Julien Wanders

Foto: Simon Habegger

18


JULIEN WANDERS

Nigel Kennedy hat

einen Auftritt in

St. Moritz, Julien

Wanders bereitet

sich auf einen vor.

Die beiden verstehen

sich auf

Anhieb.

AUSDAUERND ZUM

MEISTERSTÜCK

Musterschüler trifft Enfant terrible. Doch im Gespräch

entdecken Spitzenläufer Julien Wanders und Star-Geiger

Nigel Kennedy viele Gemeinsamkeiten. Text Sarah van Berkel

Der Genfer Julien

Wanders lebt und

trainiert das halbe

Jahr in Iten, Kenia,

und fühlt sich mittlerweile

im Land

der Läufer heimisch.

St. Moritz, 24. Juli, 19.30 Uhr. Beide

sehen aus, als kämen sie direkt aus

dem Gym: Sneakers, Trainerhosen,

Shirt, Stoffjacke. Beim einen, Spitzenläufer

Julien Wanders, 22, ist die Annahme

fast richtig: Er war an diesem Tag des

Trainingslagers bereits vier Stunden aktiv.

Meditieren, Fitness und vor allem laufen,

laufen, laufen. Der andere, der 61-jährige

Star-Geiger Nigel Kennedy, kommt wohl

eher direkt aus dem Bett. Das Vorabend-

Konzert im Hallenbad oder zumindest die

Party danach soll etwas länger gedauert haben.

Der Brite nippt an seinem Früchtetee,

alkoholfrei, wie er mehrmals betont, als er

zum Soundcheck des Konzerts am Festival

da Jazz im Dracula Club auftaucht. Die perfekt

gegelte Irokesen-Frisur und der sportliche

Look mit Aston-Villa-Shirt und Laufschuhen

sind sein Markenzeichen.

Kennedy ist gut gelaunt, klatscht mit jedem

ab, der im Club herumsteht. Mit einem

klassischen Interview ist es schwierig, Kenne-

dy gilt nicht zu unrecht als Enfant terrible der

klassischen Musik. Als Julien Wanders, der

das halbe Jahr in Kenia lebt und trainiert, zugegen

ist, nimmt er sich jedoch Zeit. «Wie

viel trainierst du denn? Fünf-, sechsmal die

Woche?», fragt Kennedy. «Siebenmal», antwortet

Wanders. «Wow! Das ist ja wie bei

uns, never ending work!» Schon in den ersten

Sätzen wird klar, dass den Spitzensportler

und den Spitzenmusiker mehr verbindet

als das Outfit. Beide sind vielseitig: Kennedy

bewegt sich als Crossover-Künstler mühelos

zwischen Klassik und Jazz, Wanders brilliert

auf der Bahn und in Strassenrennen – wie mit

dem Schweizer Rekord im Halb marathon.

Wanders ist mit Musik aufgewachsen,

seine Mutter ist in Genf Violinistin des Orchestre

de Suisse Romande, sein Vater, jetzt

Gymilehrer, spielte früher Cello. Auch Wanders

nimmt von 6 bis 16 Jahren Cello-Unterricht.

«Aber ich übte immer weniger, weil mir

der Sport wichtiger war. Da hatten meine Eltern

nicht so Freude.» Den Resultaten nach

Fotos: Simon Habegger, Thomas Gmür

19


WELTKLASSE TRIFFT WELTKLASSE

zu urteilen ist die Entscheidung für den

Sport die richtige. Auch Kennedy trat in die

Fussstapfen seiner Eltern – sein Vater ist

Cellist, seine Mutter Klavierlehrerin. Im Gegensatz

zu Wanders blieb er der Szene treu.

Seine 1989 veröffentlichte Einspielung von

Vivaldis «Vier Jahreszeiten» ist ein Meilenstein

der Musikgeschichte: Es ist das bis anhin

meistverkaufte Klassikalbum. Und auch

heute, mit 61 Jahren, ist er noch immer ein

gefragter Entertainer. Sein Erfolgsgeheimnis?

«Üben, üben, üben. Ich glaube, 99 Prozent

meines Erfolgs ist Fleiss, ein Prozent Talent»,

sagt Kennedy, der früher acht bis zehn

und heute noch täglich drei Stunden solo

übt. Zusätzlich schreibt und komponiert er

Songs, spielt mit seiner Band. «Deswegen

sagt mir die Arbeit mit grossen Orchestern

nicht mehr so zu. Ich will nicht nur in einem

vorgegebenen Zeitfenster üben und dann

nach Hause gehen, sondern so lange, bis ich

zufrieden bin. Das kann auch einmal bis tief

in die Nacht hinein dauern.» Wanders hingegen

hält sich genau an einen durch seinen

Trainer vorgegebenen Plan. Doch

punkto Arbeitsmoral ist er mit Kennedy

einig: «Vielleicht habe ich schon ein wenig

Talent, aber das ist nicht die Hauptsache.

Ich bin ein Perfektionist. Wenn ich ein Ziel

erreicht habe, will ich gleich das nächste

schaffen», sagt er. Motivationsprobleme

kennt er nicht.

21.20 Uhr. Das Konzert beginnt. In intimem

Rahmen, die Zuschauer sitzen zum

Teil auf dem Boden, so nahe, dass sie die

Füsse auf die Bühne strecken. Als Nigel Kennedy

loslegt und über die Bühne wirbelt,

wird klar, warum sein funktionales Outfit

passt: Er beweist Ausdauer, schwitzt in den

zweieinhalb Stunden wohl fast so sehr wie

Julien Wanders während seinen Läufen.

Manchmal stampft er wild den Rhythmus.

Seine Füsse werden es ihm danken, dass

er die gedämpften Turnschuhe trägt. Er

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Fotos: ZVG, Alamy, BMW

20


JULIEN WANDERS

«ICH

GLAUBE,

99 PROZENT

MEINES

ERFOLGS

IST FLEISS,

1 PROZENT

TALENT»

Nigel Kennedy

Am Festival da Jazz im Dracula Club in St. Moritz kommen

die Zuschauer dem Geigenvirtuosen Kennedy ganz nah.

wickelt das Publikum nicht nur mit seinen

Klängen, sondern auch mit Sprüchen über

seine Hassliebe zum Fussball um den Finger.

So, dass ihm die Fans auch Verspätung

und Fluch-Tiraden verzeihen. Der Geigenvirtuose

geniesst den Applaus des Publikums,

freut sich sichtlich, wenn ihm ein guter

Übergang oder eine Improvisation gelingt:

Er schreit «yesss!», klatscht mit seiner Band

und der ersten Reihe Fans ab.

Julien Wanders ist zu dieser Zeit schon

lange im Bett. «Schlafen, essen, trainieren

und wieder von vorn. Das ist mein Leben.»

Damit alles perfekt passt, wenn der Läufer

das nächste Mal das Stadion betritt. «Dann

bin ich voll konzentriert, in meinem Element.

Ich höre keine einzelnen Dinge oder sehe

einzelne Personen, aber ich versuche, die

Energie des Publikums aufzusaugen und

mich von ihr tragen zu lassen.» Genau

wie Nigel Kennedy, einfach auf einer

anderen Bühne. •

Foto: Simon Habegger

Gemeinsam glücklich an der Weltklasse.

Als Sponsor von Weltklasse laden wir Sie ein, aufregende

Momente zu erleben. Gemeinsam ist alles möglich.

Folgen Sie uns!

Gemeinsam glücklich.


Lea Sprunger am Rande ihres

Trainingslagers in Belek, Türkei. Als

ehemalige Sprinterin verfügt sie

über eine gute Grundschnelligkeit.

22


LEA SPRUNGER

Lea Sprunger ist

die erste Schweizer

Europameisterin in

der Leichtathletik.

Auf dem Weg zur

Spitze haben sie

Rückschläge nur

schneller gemacht.

AUF DIE

HARTE

TOUR

23


LEA SPRUNGER

«AUS DER

KOMFORT-

ZONE RAUS-

ZUGEHEN,

IST DAS,

WAS AM

MEISTEN

SPASS

MACHT»


Sprunger hat die

Qual der Wahl:

Sie kann über

200 Meter,

400 Meter flach

oder Hürden an

Europas Spitze

laufen.

Text Eva Breitenstein

Fotos Christoph Köstlin

Nach den Rückschlägen

musste

Lea Sprunger in

sich gehen – und

fand Unterstützung

bei einer

Mentaltrainerin.

Styling: Yvonne Reichmuth; alle Kleider und Schuhe von Adidas

Fast wären sie nicht reingekommen

in den Berliner Club, Lea Sprunger

und ihre 20 Personen grosse Entourage.

Die Goldmedaille hilft hier

nichts, erst die Versicherung, man würde

auch für eine Lounge zahlen und konsumieren.

Ein paar Flaschen? Kein Problem, wenn

man ohnehin gekommen ist, um zu feiern:

den Europameistertitel von Lea, den ersten

einer Schweizer Leichtathletin. «Ich war total

müde, aber habe die ganze Nacht getanzt»,

sagt die Siegerin im Rückblick.

Sprunger ist nur mit dem Ziel Gold in die

deutsche Hauptstadt gereist. Im Gepäck

die schnellste Zeit des Jahres in Europa – sogar

ohne bisher ein perfektes Rennen gezeigt

zu haben. Im Final läuft die 28-Jährige

vor 45000 Zuschauern im Olympiastadion

ungefährdet ihrem Sieg entgegen, reisst im

Ziel die Augen auf und schreit in den Nachthimmel

hinaus. Auch Tränen gibts bei der

Siegerehrung tags darauf, als sie sieht, dass

neben dem Rest der Familie überraschend

noch Bruder Ralph eingeflogen ist, um bei

der Medaillenübergabe seiner kleinen

Schwester dabei zu sein.

Als Lea Sprunger auf die Saison 2015 hin

zu den 400 Meter Hürden wechselt, ist sie

angekommen. Nach Jahren im Siebenkampf

und als Sprinterin hat sie ihre Bestimmung

in einer der härtesten Disziplinen der

Leichtathletik gefunden. Die Erfolge kommen

rasch, mit ihren langen Beinen drückt

die 1,83 Meter grosse Westschweizerin ihre

Bestzeit bald auf europäisches Spitzen-

niveau, holt in ihrer zweiten Saison

EM-Bronze. Ganz so direkt geht der Weg

aber nicht weiter. Es folgen schwierige Momente,

ohne die sie heute aber nicht Europameisterin

wäre, wie sie selbst sagt.

Nicht die Disziplin selbst bringt sie ins

Straucheln – im Gegenteil, die Herausforderung

der Bahnrunde liebt sie. «Dort musst

du am meisten an die Grenzen gehen, aus

der Komfortzone raus», sagt sie. Dann,

wenns richtig wehtut, entscheidet sich, wer

das Leiden am besten wegstecken kann.

«Und das ist das, was am meisten Spass

macht. Klingt komisch, ist aber tatsächlich

so.» Dabei hilft ihr Motto: Nicht zu viel denken,

ruhig bleiben, einfach machen. Den Rat

gaben ihr die Eltern auf den Weg, als sie in

Gingins, nahe Nyon VD, aufwächst.

Doch nach den ersten Erfolgen muss sie

nicht nur körperlich leiden. Mit grossen

Hoffnungen reist sie im August 2016 an die

Olympischen Spiele in Rio – und scheitert

im Vorlauf. Als Weltbeste des Jahres reist sie

im März 2017 an die Hallen-EM in Belgrad –

und bricht als Führende im Final derart sein,

dass es einem beim Zuschauen wehtut.

«Das waren harte Schläge auf den Kopf.»

Nicht zu viel denken, einfach machen? Das

funktioniert nicht mehr. Beide Male fällt die

auf der Bahn äusserst leidensfähige, aber

auch sensible Waadtländerin in ein Loch.

Nach den Olympischen Spielen dauert es

Wochen, bis sie sich erholt hat, die nächste

Chance, es besser zu machen, ist Monate

entfernt. Und nach dem Einbruch in Belgrad

25


LEA SPRUNGER

hinterfragt sie sich und fragt ihren Trainer in

den Wochen danach bei harten Trainings

manchmal: «Warum mache ich das?», oder:

«Bin ich für diesen Sport gemacht?»

Für Sprunger, die schon bei kleineren

körperlichen Beschwerden und einer Woche

Zwangspause in eigenen Worten «mental

extrem negativ» sein kann, sind die Enttäuschungen

schwer zu verarbeiten. Zum

ersten Mal in ihrer Sportkarriere arbeitet sie

mit einer Mentaltrainerin zusammen, nach

Belgrad geht sie gar zu einer Sitzung mit

einer Hypnosetherapeutin. Sie habe ihr gezeigt,

wo das Problem liege. Eine sehr persönliche

Erfahrung, auf die sie nicht näher

eingehen möchte.

Der ungewöhnliche Weg ist für sie der

richtige. Im Sommer nach dem Einbruch in

der Hallensaison kann Sprunger voll überzeugen:

An den Weltmeisterschaften in

London wird sie ohne optimalen Lauf Fünfte,

nähert sich der 54-Sekunden-Marke,

überzeugt, sie in den Beinen zu haben. Mitt-

lerweile ist es kein Schock mehr, dass von

ihr Finalteilnahmen und Medaillen auf internationaler

Ebene erwartet werden. Mit diesem

Selbstbewusstsein tritt sie in Berlin auf.

Erstaunlicher als der Erfolg in der Disziplin,

die so gut zu ihr passt: Sprunger zählt

nicht nur über die 400 Meter Hürden zur

Spitze Europas. Daneben ist sie vor der EM

auch über 400 Meter flach die Nummer 1.

Und in den vergangenen beiden Jahren war

sie die Dritt- respektive Viertschnellste des

Jahres über 200 Meter und hält, noch vor

Mujinga Kambundji, dort den Schweizer Rekord.

Obwohl sie die Disziplin nur noch für

Schnelligkeitstests bestreitet. Sprunger

denkt über einen Doppelstart an der EM

nach, entscheidet sich aber dagegen: Bei

einer fordernden Disziplin wie über die

Bahnrunde kann man sich schnell verzetteln

und zu viel Energie in den vier Rennen vor

den Finals liegen lassen. Die Entscheidung,

dass sie in Berlin über die Hürden laufen

würde, fällt schliesslich ihr Herz. Es ist ihre

Disziplin. Die sie liebt. Die sie herausfordert,

ihre Komfortzone zu verlassen. Und die sie

mittlerweile optimal auf die Bahn bringt, da

sie alle Hürden ausserhalb der Bahn gemeistert

hat.

Nach dem Sieg sagt sie, sie wisse nicht,

ob sie ohne Medaille vielleicht aufgehört

hätte. Das ist nun kein Thema mehr. Nun will

sie mehr. Es geht nicht mehr um Riesensprünge,

sondern um Details. Bis zu den

Olympischen Spielen in Tokio 2020 möchte

Sprunger ihre Karriere noch weiterführen.

Und strebt auch dort eine Medaille an.

Die wäre noch bedeutender als das erste

weibliche EM-Gold: In der Geschichte der

Olympischen Spiele der Neuzeit gab es erst

acht Schweizer Leichtathletik-Medaillen, mit

Ausnahme von Markus Ryffel 1984 (Silber

5000 m) und Werner Günthör 1988 (Bronze

Kugelstossen) alle in der ersten Hälfte des

20. Jahrhunderts. Frauen waren auch hier

keine darunter. Lea Sprunger, einmal mehr

Pionierin? •

26


Sprunger ist eine

eher introvertierte

Person.

Erst mit den

Erfahrungen der

letzten Jahre

kann sie heute so

selbstbewusst

auftreten.

MITTLER-

WEILE IST

ES IST KEIN

SCHOCK

MEHR, DASS

VON IHR

MEDAILLEN

ERWARTET

WERDEN

Nach EM-Gold

geht der Blick

nach vorn: Bis zu

den Olympischen

Spielen 2020

in Tokio will

Sprunger ihre

Karriere sicher

weiterführen.

27


UBS KIDS CUP

KIDS ALS

KÜNFTIGE

STARS

So erfolgreich

wie heute war der

Schweizer Leichtathletik-Nachwuchs

noch nie. Talente

wie Ruckstuhl oder

Agnou brillierten

einst beim UBS

Kids Cup – heute

gewinnen sie Titel.

Text: Eva Breitenstein

28

Stellen Sie sich vor, Sie hätten das

Zeug zum Topsprinter – bloss finden

Sie es nie heraus. Die Gefahr

der verpassten Leichtathletik-Karriere

wird hierzulande immer kleiner. Mit dem

UBS Kids Cup wurde vom Verband und von

Weltklasse Zürich ein Nachwuchswettkampf

aufgebaut, bei dem allein im vergangenen

Jahr 160 000 Kinder bis 15 Jahre mitgemacht

haben. Wer dabei auffällt und noch nicht in

einem Leichtathletik-Verein ist, wird kontaktiert.

Das war bei Géraldine Ruckstuhl nicht

nötig. Sie ist schon in einem Verein, als der

UBS Kids Cup auf der Basis des Erdgas

Athletic Cup 2011 entsteht. «Aber es war immer

das Highlight des Jahres», schwärmt

Ruckstuhl, die zweimal Gesamtsiegerin war.

Der Final wird im Stadion Letzigrund ausgetragen,

bloss zwei Tage nach Weltklasse Zürich,

komplett mit Kamera begleitet und mit

Vorstellung der Athleten. «Wir fühlten uns

jeweils wie die Stars.»

Zwei Jahre nach ihrer letzten Teilnahme

klettert die Luzernerin 2015 auf das Podest

einer wesentlich grösseren Bühne: Sie wird

Siebenkampf-Weltmeisterin bei der U18.

Mittlerweile 20-jährig, hält sie den Schweizer

Rekord und überzeugte im vergangenen

Jahr als 11. der Elite-WM.

Ruckstuhl ist eines der Gesichter der

«UBS Kids Cup Generation», jenen Athletinnen

und Athleten, die im Zuge des Ausbaus

der Nachwuchs-Förderung an die Spitze

gekommen sind. Swiss Athletics wollte die

Heim-Europameisterschaften 2014 in Zürich

nicht nur als einmaligen Event verstanden

wissen, sondern auch als Auslöser, nachhaltig

Ambitionen im Nachwuchs zu schüren

und eine starke Breite aufzubauen. «Die EM

spielte für mich eine grosse Rolle», erinnert

sich Ruckstuhl. «Ich war als Zuschauerin da

und sagte mir: An einem solchen Wettkampf

will ich auch einmal starten.»

Sie ist nicht die Einzige ihrer Generation,

die im Nachwuchs Medaillen sammelte

und vor dem Schritt steht, die Elite aufzumischen.

Da ist Caroline Agnou, Europameisterin

der U20 und U23 im Siebenkampf.

Da ist Hürdensprinter Jason Joseph, U20-

Europameister und bereits Schweizer Rekordhalter.

Da ist Angelica Moser, Stabhochspringerin,

Jugend-Olympiasiegerin

und U20-Weltmeisterin. Und Yasmin Giger,

U20-Europameisterin über 400 Meter Hür-


Caroline Agnou und Yasmin Giger mit Nachwuchs-Athleten in Tenero.

Jason Joseph

Fotos: UBS, freshfocus, (2) Keystone

den und gleich dreifache frühere Gewinnerin

des UBS Kids Cup.

Was ihnen allen gemein ist: Sie sind mit

dem Selbstverständnis aufgewachsen, dass

Schweizer Athletinnen und Athleten an

der internationalen Spitze keine Ausnahmeerscheinung

sein müssen. Zuletzt vertraten

38 Athletinnen und Athleten die Schweiz an

der U18-EM, 22 waren es an der U20-WM;

sie brachten sechs Medaillen heim.

Dass die Zahl nicht wieder sinkt, dafür

soll unter anderem der UBS Kids Cup sorgen.

Über 900 Anlässe pro Jahr finden statt,

die meisten im Rahmen von Schulsporttagen.

Das Konzept ist simpel: Der Wettkampf

besteht aus den drei Basisbewegungen

Laufen, Springen und Werfen, also Sprint,

Weitsprung und Ballwurf. Die Punkte werden

summiert, wobei sich die Besten für die

Kantonalfinals und danach für den grossen

Final im Letzigrund qualifizieren. «Ich lief

vorher noch nie in so einem grossen Stadion»,

erinnert sich Joseph an seine erste Teilnahme

am Final. Sein Verein, der LC Therwil,

hat mittlerweile eine Warteliste für

Schnuppertrainings. Das ist keine Seltenheit

mehr. Die Leichtathletik fasziniert wieder. •

Angelica Moser

Géraldine Ruckstuhl


Wird bei Weltklasse

Zürich nicht im normalen

Stadion antreten:

Renaud Lavillenie und

seine Stabhochsprung-

Kollegen starten am

Tag davor in der Halle

des Hauptbahnhofs.

30


DIE BESTEN IM LETZIGRUND

DIE

FAVORITEN

Sie sind die Stars bei Weltklasse Zürich 2018. Im Final

der Diamond League gehts um EM-Revanchen,

Diamanten und den letzten Sieg der Saison. Wir

stellen die Menschen hinter den grössten Namen vor.

Texte: Sarah van Berkel, Eva Breitenstein, Christian Bürge

Foto: Alexis Berg/Presse Sports

31


CASTER SEMENYA

27| Südafrika

400 m / 800 m

Fotos: Jodie Bieber, Nike, Alexis Berg/Presse Sports

Die Südafrikanerin aus dem Dorf Ga-Masehlong

macht seit ihrem Durchbruch als

Weltmeisterin an der WM 2009 nicht nur

mit Super-Zeiten Schlagzeilen. Die zweifache

Olympiasiegerin und dreifache

Weltmeisterin über 800 m hat dreimal

mehr Testosteron im Blut als die meisten

Frauen. Damit hat die 27-Jährige eine Debatte

um Hyperan drogenismus und Intersexualität

im Sport ausgelöst. «Ich bin als

Frau aufgewachsen, das muss ich doch

nicht erklären. Ich bin eine Frau», sagt Semenya.

Der Leichtathletikweltverband

IAAF versucht damals, das Problem so zu

regeln: Frauen mit zu viel Testosteron

müssen sich einer Hormonbehandlung

unterziehen, um an Rennen zu starten. Die

Regel wird 2015 jedoch vor dem Internationalen

Sportschiedsgericht TAS angefochten

und vorläufig ausgesetzt, bis die

IAAF mit Studien den Vorteil eines erhöhten

Testosteron-Spiegels beweisen kann.

Diese Studie ist nun da und die neue Regel,

die Semenya – ohne Hormonbehandlung

– ausschliessen würde, wird wohl ab

November in Kraft treten. Ob fair oder

nicht – bis dann heisst es: Jetzt oder vielleicht

nie mehr für Caster Semenya.

32


DIE BESTEN IM LETZIGRUND

RENAUD LAVILLENIE

31 | Frankreich

Stabhochsprung

Ursprünglich wurde er als zu klein und

zu schmächtig befunden, um richtig

grosse Erfolge als Stabhochspringer feiern

zu können. Diese Zeiten sind längst

vorbei: Mit 6,16 Metern springt der Franzose

2014 so hoch wie nie ein Mensch zuvor.

Olympiagold und -silber, acht WM-

Medaillen indoor und outdoor sowie 37

Siege an Diamond-League-Meetings später

mischt der introvertierte Vater einer

einjährigen Tochter immer noch vorn mit,

obwohl er diese Saison immer wieder unter

Knieproblemen leidet.

In Zürich dürfen Lavillenie und seine Mitstreiter

am Tag vor dem Weltklasse-Meeting

im Hauptbahnhof antreten. Ungewöhnliche

Orte zum Springen ist sich der

31-Jährige gewohnt: Selbst im eigenen

Garten steht eine Anlage, die er allerdings

eher zum Plausch mit Freunden – auch Frau

und Bruder sind Stabhochspringer –

braucht als fürs Training. Nach seiner Disziplin

ist er süchtig, «es gibt keinen Moment,

in dem ich genug davon habe, nie!»

Kein Wunder: Bereits als wenige Tage altes

Baby nahm sein Vater ihn ins Stadion mit.

MARIYA LASITSKENE

25 | Russland

Hochsprung

Als Mariya Kutschina übersprang sie

vor drei Jahren 2,05 Meter und wurde

in Peking Weltmeisterin. Von Olympia

in Rio wurde die 180-cm-Frau zusammen

mit dem gesamten russischen

Leicht athletik-Team ausgeschlossen.

Ein Jahr später gehts für die Hochspringerin

nach der Hochzeit mit dem

russischen Sportreporter Vladas Lasitskas

und dem neuen Nachnamen Lasitskene

erfolgreich weiter. Ab sofort darf

die Russin unter neutraler Flagge starten

und holt in London WM-Gold.

Auch an die Schweiz hat sie gute Erinnerungen:

An der Athletissima in Lausanne

springt sie vergangenes Jahr

ihre bisherige persönliche Rekordhöhe

von 2,06 m. Im Juli dieses Jahres geht

für die Dominatorin eine unglaubliche

Serie zu Ende: Nach 45 Siegen hintereinander

muss sie sich am Diamond-

League-Meeting in Rabat, Marokko,

geschlagen geben. In Zürich will die

25-Jährige Revanche. An der EM in

Berlin holt sie zwar den Titel, ist danach

aber stinksauer – sie wollte mehr zeigen

als die 2 Meter, die danach auf

dem Resultatblatt standen.

33


DIE BESTEN IM LETZIGRUND

KARSTEN WARHOLM

22 | Norwegen

400 m Hürden

An der letztjährigen WM in London ist

er der Shootingstar. Der 22-Jährige

aus Norwegen wird Weltmeister über

400 m Hürden – obwohl er etwas mehr

als ein Jahr zuvor noch Zehnkämpfer

gewesen ist. Sein schier grenzenloser

Jubel, mit aufgerissenen Augen und

den Händen an seinen Mund gekrallt,

wird mit dem Vergleich mit Munchs

Gemälde «Der Schrei» zum Internet-

Hit. Warholm, der in Oslo Wirtschaft

studiert, dort mit drei Freunden in einer

WG lebt, gefällts. Er gilt ohnehin

als Spassvogel, der sich auf den sozialen

Medien auch mal mit Blümchen-

Outfit, halbnacktem Hinterteil, pinkem

Herzchen-Schwimmring oder in

der Badewanne zeigt. Anlässlich Weltklasse

Zürich 2017 sagte er: «Skifahren

kann ich nicht, doch beim Après-

Ski bin ich dabei!» Seine Lockerheit

soll aber nicht über seine Arbeitsmoral

hinwegtäuschen: Seine Disziplin

gilt als eine der trainingsintensivsten.

Und seit neustem ist er auch über

400 m flach erfolgreich, wo ein noch

grösserer Konkurrenzkampf herrscht.

An der EM in Berlin triumphiert er

über die Hürden – bei der flachen

Bahnrunde fehlt ihm im Final dann

aber die Energie.

PROGRAMM WELTKLASSE ZÜRICH 2018

29. August 2018

19:30 Stabhochsprung Männer

im Hauptbahnhof

30. August 2018

18:30 Dreisprung Frauen

18:35 Hochsprung Frauen

19:10 Speerwerfen Frauen

19:10 Stabhochsprung Frauen

19:32 3000 m Frauen/Männer

Verfolgungsrennen Rollstuhl

19:45 Kugelstossen Männer

20:04 400 m Männer

20:13 800 m Frauen

20:24 3000 m Steeple Männer

20:40 100 m Frauen

20:45 Weitsprung Männer

20:50 1500 m Männer

20:55 Speerwurf Männer

21:02 400 m Hürden Frauen

21:11 200 m Männer

21:20 5000 m Frauen

21:44 400 m Hürden Männer

21:54 4 x 100 m Staffel

Frauen Zürich Trophy

22:05 Diamond Race Siegerehrung

22:10 Schlussfeier mit «Pegasus»

RAMIL GULIYEV

28 | Türkei

Sprint

Als Ramil Guliyev am 10. August

2017 in London als Erster die Ziellinie

des 200-Meter-Laufs kreuzt, ist

das eine der grössten Überraschungen

der Weltmeisterschaften. Allerdings

läuft der 28-Jährige seit seinen

Juniorenzeiten im Schatten der ganz

grossen Namen, aber doch konstant

vorn mit. In der Kategorie U20 ist Guliyev

hinter Bolt gar der zweitschnellste

Mann der Geschichte über

200 Meter – 20,04 Sekunden lief der

Sohn eines Leichtathletiktrainers damals

über 200 Meter (Bolt: 19,93).

Die ersten Medaillen holt Guliyev für

sein Geburtsland Aserbaidschan.

Nachdem er in seiner Heimat aber

nicht genügend Unterstützung erhält,

schaut er sich nach einem Nationenwechsel

um. Russland zögert,

Katar will ihn, doch Guliyev entscheidet

sich für die Türkei, wo er ein gutes

Angebot hat und sich wohlfühlt.

«Ich spüre keinen Unterschied zwischen

den Ländern, Sprache und Kultur

sind dieselben.» Nun ist er also

der erste männliche türkische Weltmeister

in der Leichtathletik – und hat

in Berlin eben auch den EM-Titel abgeholt

sowie die 4x100-Meter-Staffel

zu Silber geführt.

34


DINA ASHER-SMITH

22 | England

Sprint

Sie ist erst zarte 22 Jahre alt, startet aber

bereits durch. Die Londonerin stiehlt in

den Sprintdisziplinen an der EM in Berlin

allen die Show. Zuerst gewinnt sie die

100 Meter in britischer Rekordzeit von

10,85 Sekunden, vier Tage später unterbietet

sie auch über die 200-Meter-Distanz

mit 21,89 s die bisherige britische

Bestmarke. Nach diesem zweiten persönlichen

Sieg fliegt sie auch als Abschlussläuferin

der 4 x 100-Meter-Staffel

allen davon. Sie beginnt die Träume umzusetzen,

die sie schon früh hatte. Als sie

im Alter von acht Jahren gefragt wird,

was sie einmal werden will, sagt sie:

«Eine Olympiasiegerin.» Nahe an dieses

Ziel kommt sie zwar schon 2016, als sie

in Rio mit der Sprint-Staffel die Bronzemedaille

gewinnt, aber in zwei Jahren ist

ihr in Tokio noch viel mehr zuzutrauen.

Nebenbei hat Asher-Smith noch ein Geschichtsstudium

erfolgreich abgeschlossen.

Zu Dafne Schippers muss die 1,64

Meter grosse Sprinterin immer noch aufschauen.

Diese ist 15 Zentimeter grösser.

Aber als Sprinterin hat sie die Holländerin

in Berlin dreimal hinter sich gelassen.

Fotos: Martin Slottemo Lyngstad, Koray Birand/Blaublut-Edition.com, Kate Martin/Contour by Getty Images

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DIE BESTEN IM LETZIGRUND

Fotos: Wolfgang Wilde für BUNTE, Marc de Groot für Vogue, Imago

THOMAS RÖHLER

26 | Deutschland

Speerwurf

Deutschland ist eine Speerwurf-Nation –

und Thomas Röhler gehört zu den Allerbesten.

Der 26-Jährige ist Olympiasieger,

Europameister und träumt gar vom

100-Meter-Wurf – gemeinsam mit seinen

Rivalen aus dem eigenen Land, Weltmeister

Johannes Vetter, 25, und Überflieger

Andreas Hofmann, 26. Die drei

sind neben den grössten Konkurrenten

aber auch gute Kollegen: «Wir sind auch

ausserhalb des Wettkampfes Freunde,

können auch über Gott und die Welt reden

und nicht nur übers Speerwerfen»,

sagt Hofmann. Und Vetter ergänzt: «Wir

helfen uns auch beim Wettkampf. Haben

wir da technische Mängel, können wir die

gegenseitig mit ein paar kleinen Gesten

oder ein paar Worten beheben.» An der

Heim-EM in Berlin triumphiert Röhler vor

Hofmann, Vetter spürt seine Verletzungspause.

Doch die Zukunft verspricht Spektakel:

Röhler und Vetter sind so nahe am

22-jährigen Weltrekord (98,48 m) wie niemand

zuvor. Fliegen die Speere auch im

Letzigrund über die 90-Meter-Marke, wie

sie es gemeinsam schon 17 Mal geschafft

haben?


DAFNE SCHIPPERS

26 | Niederlande

Sprint

Die Niederländerin aus Utrecht startete

ausgerechnet in Zürich eine zweite Karriere.

Nachdem sie als Siebenkämpferin

WM-Dritte war (2013), setzte sie ab 2014

auf die Sprintdisziplinen. Mit durchschlagendem

Erfolg. An der EM im Zürcher

Letzigrund gewinnt sie erst als Zehnte

der EM-Geschichte das Double über 100

Meter und 200 Meter. 2015 holt sie an

der WM Gold über 200 Meter, gewinnt

über dieselbe Distanz Silber an Olympia

in Rio und gewinnt 2017 in London erneut

Gold. Bei der EM 2018 in Berlin gibt

es für die 26-Jährige zuletzt Bronze über

100 Meter und Silber über 200 Meter.

Nach dem muskelbepackten Blitz mit

dem kantigen Gesicht ist in Utrecht nicht

nur eine Strasse benannt, es wurde auch

eine Dafne-Schippers-Brücke gebaut –

inklusive einer halben Bahnrunde als

Auf- und Abfahrt für die Velofahrer und

Fussgänger. Fast alles ist bei ihr Familienangelegenheit.

Der Vater, ein Physiotherapeut,

und die Mutter, eine Lehrerin,

reisen, wenn immer es geht, mit, die

Schwester schreibt mit ihr einen Food-

Blog, und der Bruder ist ihr Manager.

GENZEBE DIBABA

27 | Äthiopien

1500 m

Die Dibabas sind ziemlich sicher die

schnellste Familie der Welt: Sechs Olympiamedaillen,

15 WM-Medaillen und unzählige

andere Erfolge teilen die ältesten

drei von sieben Geschwistern unter sich

auf: Ejegayehu, 36, Tirunesh, 33, und

Genzebe, 27. Tirunesh ist eine der erfolgreichsten

Läuferinnen der Geschichte

und sorgt nach dominanten Jahren auf

der Bahn nun im Marathon für Furore.

Die kleinere Schwester Genzebe hingegen

möchte im Stadion noch mehr: In

der Halle hat sie schon mehrere Weltrekorde

auf verschiedenen Strecken geschafft,

draussen hält sie die Bestmarke

über 1500 Meter seit 2015. Bei Weltklasse

Zürich tritt sie über 5000 Meter an. In

ihrer Heimat Äthiopien sind die Schwestern,

die auf dem Land in einer Rundhütte

ohne Elektrizität aufgewachsen sind,

längst Stars, und sogar Lauflegende Haile

Gebrselassie sagt über seine Landsfrauen:

«Es gibt ein paar Läuferfamilien

– aber keine wie die Dibabas.»

37


FURCHTLOSE

FLIEGERIN

Sie ist die einzige

aktive Stabhochspringerin,

die fünf

Meter gemeistert

hat. Nun liebäugelt

Reptilien-Liebhaberin

Sandi Morris

aus den USA mit

dem Weltrekord.

38


SANDI MORRIS

Trainingspause für

Sandi Morris in

der Bud Walton

Arena in Fayetteville,

Arkansas,

USA. Auch nachdem

sie ihr

Studium beendet

hatte, blieb sie

ihrem College-Trainer

treu und lebt

nach wie vor hier.

39


SANDI MORRIS

5.0

Text Jürgen Kalwa

Fotos Peter Lueders

Sie wohnt schon ein paar Jahre nicht

mehr in dem Haus, in dem sie aufgewachsen

ist. Sandi Morris liess

das Anwesen in Greenville, South

Carolina, hinter sich, als sie die Highschool

beendete und an die Uni ging. Nach ihrem

Auszug verkauften die Eltern das alte Haus.

Die neuen Eigentümer bewahren allerdings

auf eine besondere Weise den Geist der

Vergangenheit und ein bisschen moderne

Heldenverehrung. Sie vermieten die Immobilie

mit Hilfe der Internet-Plattform Airbnb

und werben unter anderem damit, dass in

diesen vier Wänden einst niemand anderes

als Sandi Morris lebte: Amerikas beste Stab-

hochspringerin, Silbermedaillengewinnerin

bei Olympia in Rio, Zweite bei den Weltmeisterschaften

im vergangenen Jahr in

London, Hallenweltmeisterin 2018 und die

einzige Frau neben der zurückgetretenen

Jelena Isinbajewa, die je die magische Marke

von 5 Metern überwunden hat. Damit ist

die 26-Jährige nur noch 6 Zentimeter und

damit weniger als eine Handbreit vom Weltrekord

entfernt, den die Russin Isinbajewa

am 28. August 2009 bei Weltklasse Zürich

aufgestellt hatte.

Als Sandi Morris von South Carolina nach

Arkansas zog, blieben neben ihren Eltern

auch Menschen wie ihr damaliger Trainer zu-

rück, der schon früh ahnte, dass in dem

schlaksigen, blonden Mädchen etwas ganz

Besonderes steckte. «Sie war gross, sie war

schnell, sehr athletisch und sehr hartnäckig»,

erinnert sich Rusty Shelly, der aus

dem Talent das Potenzial herauskitzelte.

Auf dem Weg immer weiter und ganz

nach oben reisen kleinere und grössere Reminiszenzen

mit. Was man erkennt, wenn

man Morris in ihrem neuen Heim besucht –

einem grossen, einstöckigen Haus mit Platz

für eine ganze Familie am Rand der Universitätsstadt

Fayetteville im Bundesstaat

Arkansas. Hier lebt sie allein, aber umgeben

von Indizien für eine erfolgreiche Karriere.

Morris im eigenen

Garten mit zwei

ihrer drei Schlangen.

Die Königspython

heisst

«Fang», benannt

nach einem Hund

aus den Harry-

Potter-Romanen.


0

Ihre persönliche

Bestleitung liegt

bei 5,00 Metern

«SCHLANGEN

SIND PER-

FEKTE HAUS-

TIERE FÜR

JEMANDEN,

DER VIEL

UNTERWEGS

IST»

Sandi Morris ist

mit ihrem Hund

Rango im himmelblauen

Jeep

unterwegs. Zu

Hause in Fayetteville

sammelt sie

ihre Startnummern

und Trophäen

– unter

anderem Olympia-Silber

und

Hallen-WM-Gold.

Allein für ihre Medaillen und Auszeichnungen,

die sie im Laufe ihrer Karriere gewonnen

hat, und den abgelegten Schuhen,

die sie bei wichtigen Wettkämpfen trug,

braucht sie ein eigenes Zimmer. Nur das

kostbarste Stück – das Silber von Rio – befindet

sich in einem Safe. Sicher ist sicher.

Nostalgie und der Stolz auf das Erreichte

erzählen allerdings nicht einmal die Hälfte

der Geschichte. Denn sie strebt im wahrsten

Sinne des Wortes nach Höherem: nach

einem festen Platz auf der Landkarte des

internationalen Sports. Als im Juni bei den

amerikanischen Meisterschaften jemand sie

nach den knielangen Socken und dem Stirnband

in knalligem Rosa fragte, konterte sie

mit der kessen Feststellung: «Ich möchte

aus dem Weltall gesehen werden.»

Auch wenn das nicht gelingen wird: Ihre

wachsende Popularität sorgt zumindest

dafür, dass die 26-Jährige auch so wahrgenommen

wird. Und zwar weltweit. Bei

ihrem nächsten Auftritt bei der grossen

Leichtathletik-Party im Letzigrund gehört

sie denn auch zu den herausragenden Figuren,

nachdem sie unlängst mit 4,95 Meter

die aktuelle Jahresweltbestleistung aufstellte.

Und anschliessend bei den aufgelegten

5,07 Meter nur knapp scheiterte.

Als sie uns vor ein paar Wochen zum Fototermin

empfängt – bestens gelaunt, offen,

gesprächig und voller Energie – dürfen wir

hautnah erleben, welche Accessoires zu ihrem

Athletenleben gehören und bei ihren

vielen Reisen notgedrungen zu Hause bleiben:

Nicht nur die Gitarre, auf der sich die

begabte Sängerin und Komponistin eigener

Songs im Folk-Country-Stil in entspannten

Momenten begleitet. Sondern vor allem die

vielen Haustiere. Sie besitzt drei grosse

Schlangen, darunter die über einen Meter

lange Königspython «Fang», die sie nach

einem Hund aus den Harry-Potter-Romanen

benannt hat, den Italienischen Windspiel-

Rüden «Rango», einen Mini-Papagei und

eine Echse.

Einen solchen Haushalt zu organisieren,

ist nicht leicht, verrät sie. Immerhin lassen

sich die (ungefährlichen) Schlangen leicht

versorgen. Sie sind «die perfekten Haus-

41


Als Kind übt

Sandi Morris viele

verschiedene

Sportarten aus.

Die Leichtathletik

war dann perfekt,

um ihre Energie

zu kanalisieren.

SANDI MORRIS


«ICH HABE

DIE KONZEN-

TRATIONS-

SPANNE EINES

STREIFEN-

HÖRNCHENS»

43


SANDI MORRIS

tiere für jemanden, der viel unterwegs ist»,

sagt sie: Sie müssen nur alle zwei Wochen

gefüttert werden. Woher kommt die ungewöhnliche

Faszination für Reptilien? «Die

hatte ich schon als kleines Mädchen», verrät

Morris. Spinnen und andere Insekten interessierten

sie, später kamen die Schlangen

dazu. Der exzentrische Sinn für Spielzeug,

das anderen Angst macht, ist geblieben und

erklärt vielleicht ganz nebenbei, weshalb sie

in einer sportlichen Disziplin landete, die ein

Sammelbecken für Sonderlinge ist. Morris

weiss zumindest so viel: «Du musst ziemlich

verrückt sein, wenn du, so schnell du kannst,

mit diesem riesigen Stab losrennst und dich

dann in die Luft schwingst.»

Im Sommer verbringt sie sehr viel Zeit

in Europa. Und kann nur selten ihren Lebensgefährten

treffen: den 34-jährigen

Weitspringer Tyrone Smith aus Bermuda,

der in Houston als Audi-Verkäufer seinen

Lebensunterhalt verdient.

Die Phase voller lukrativer Tingelei begann

2015, als Morris ihr Studium im Fach

Fernsehjournalismus abgeschlossen hatte

und sich nicht länger an die strengen Amateurregeln

des US-Collegesports halten

musste, nach denen sie kein Geld verdienen

darf. Sie erhält einen Vertrag mit Nike und

sitzt wenig später im Flugzeug, um bei den

Profis anzutreten. Die erste Kostprobe auf

das neue Leben erhält sie in Paris. «Da waren

etwa 50 000 Zuschauer im Stadion, was

ziemlich überwältigend war», erinnert sie

sich. Damals entdeckt sie allerdings, dass

man als Amerikaner im Ausland bei jedem

«DER

SCHLÜSSEL

ZUM ERFOLG

IST SELBST­

BEWUSSTSEIN.

DU MUSST

AN DICH

GLAUBEN»

Fayetteville ist die

selbsternannte

«Welthauptstadt

der Leichtathletik».

Hierher kam Morris,

um an der Uni

Fernsehjournalismus

zu studieren und

im Sport weiterzukommen.


SANDY MORRIS

Geboren 8. Juli 1992 ,

USA, Sternzeichen Krebs

Erfolge Olympia-Silber

2016 in Rio, WM-Silber

2017 in London, Weltmeisterin

indoor 2018 in

Birmingham, fünf Siege

Diamond League; mit 5 m

zweitbeste Stabhochspringerin

der Geschichte

Auftritt in ein kurioses Problem hineinrennt.

Die USA sind das letzte Land, das noch in

Fuss und Zoll misst und nicht auf das met rische

Einheitensystem umgestellt hat. Also

kommt sie in Schwierigkeiten, sobald sie die

Daten für die Markierungen bei ihrem explosiven

Anlauf vergisst: Die Massbänder in

Europa zeigen keine Feet und Inches an. Als

methodisch präzise Athletin findet sie eine

Lösung: Sie notiert sich vor jedem Wettkampf

die Angaben in Metern und Zentimetern

mit einem Stift auf den Rücken ihrer linken

Hand. Sicher ist sicher.

Acht Sekunden vergehen zwischen dem

ersten Schritt beim Anlauf mit dem Sportgerät

aus kohlefaserverstärktem Kunststoff

in der Hand und der Landung auf der dicken

weichen Matte. Eine Phase, in der manches

schieflaufen kann. So zieht sie sich in den

Monaten vor den Spielen von Rio einen

Bruch des Handgelenks zu, als bei einem

Wettkampf in Ostrava während eines

Sprungs der Stab bricht.

Rechtzeitig zur Qualifikation des amerikanischen

Teams ist sie wieder einsatzbereit

und lernt etwas dazu: «Das war zwar stressig,

aber ich wusste, dass ich es packen

kann. Was der Schlüssel zum Erfolg im Sport

ist: totales Selbstbewusstsein. Du musst

einfach an dich glauben.»

Diese innere Sicherheit, gepaart mit einer

ungestümen Courage, hat die Tochter

eines Zehnkämpfers und einer Fünfkämpferin

schon als kleines Mädchen. Ihre Energie

lässt sich praktischerweise in die Leichtathletik

kanalisieren, wo sie sich zunächst auf

die 100 Meter Hürden verlegt und nebenbei

Schulrekorde in weiteren Disziplinen

aufstellt: etwa im Sprint und im Weitsprung.

Sie spielt obendrein Volleyball und geniesst

die Bewunderung von Sportlehrern, die in

Sandi Morris ein Multitalent sehen, das in

allem gut ist, wofür sie sich interessiert. «Ich

bin ein Freigeist und habe die Konzentrationsspanne

eines Streifenhörnchens. Leichtathletik

war genau das Richtige. Denn es war

simpel: Du läufst los, rennst so schnell wie

möglich bis zur Ziel linie und bist dann auch

schon durch. Das war perfekt.»

Das erklärt allerdings nur einen Teil der

Entwicklung. Denn Stabhochsprung ist

komplex und verlangt die Arbeit an vielen

Facetten: Kraft, Geschwindigkeit und Körperkoordination.

Ein weiteres Element lässt

sich jedoch nicht antrainieren. Etwas, was

ihre Schwester Crissie schon früh an Sandi

entdeckt: «Sie war furchtlos und wild. Diese

Furchtlosigkeit macht sie zu einer guten

Stabhochspringerin.» Aber auch, dass sie im

entscheidenden Moment den Kopf abschalten

kann und wie auf Autopilot losläuft und

einen Sprung als pures Gefühl erlebt, in

dem Wissen, dass die eigentliche Arbeit im

Training stattgefunden hat.

Ihre Art des Umgangs mit dem Publikum

und den Medien sorgt für einen zusätzlichen

Effekt: Sandi Morris, 1,73 Meter gross, lange

blonde Haare, ist zu einer attraktiven

Botschafterin der amerikanischen Leichtathletikszene

geworden. Nun arbeitet ihr

alter Uni-Trainer Bryan Compton mit ihr am

nächsten Ziel – eine Weltrekordhöhe von

5,10 Meter oder gar mehr. «Da ist noch viel

drin», prophezeit er. Dazu muss Morris allerdings

demnächst auf einen etwas längeren

Stab umsatteln. Statt des 4,45-m-Katapults

braucht sie eines von 4,60 Meter Länge. Das

bedeutet für die Gefühls-Athletin, sich erst

an die grössere Flexibilität des Stabes und

das etwas andere Timing des Sprungs heranzutasten.

Mitten im Wettkampf lassen

sich solche Umstellungen nicht bewerkstelligen.

Auch so etwas will gut vorbereitet

sein. Sicher ist sicher. •

45


AUS DEN K

Interview: Eva Breitenstein

Fotos: Simon Habegger

Klein und dünn, gross und dünn,

muskelbepackt, sehnig, austrainiert

oder massig: Kaum eine

Sportart vereint so vielfältige

Sportlertypen wie die Leichtathletik. Bei

Weltklasse Zürich treffen sich alle an einem

Abend, in einem Stadion, leben in einem

Hotel. 18 Disziplinen, gegen 200 Athletinnen

und Athleten – und damit 200 Extrawünsche?

Nein, sagen Andreas Hediger, 52,

und Christoph Joho, 52, seit 2015 Co-Direktoren

des Meetings, es sei wie bei einem

normalen Schnitt durch die Gesellschaft:

«Da gibt es Normalere und Exzentrischere.»

Hediger ist seit 1991 dabei, Joho seit 1997.

Viele Anekdoten bleiben für immer in den

Katakomben des Letzigrunds – andere darf

man durchaus teilen.

Andreas Hediger, Christoph Joho, sind

die erfolgreichsten Athleten auch die anspruchsvollsten?

Andreas Hediger: In der Tendenz kann man

das so sagen. Mit der Berühmtheit steigt

auch der Anspruch, mitunter berechtigt. Jeder

will etwas von dir. Ein Olympiasieger

oder Weltmeister bekommt bei uns ein Einzelzimmer,

während Läufer Nummer acht

oder neun sich das Zimmer teilen. Der gute

Athlet darf seinen Trainer oder Physio mitbringen,

der Durchschnittsathlet nicht. Es

gibt also Objektives und dann Dinge, die

charaktereigen sind. Es gibt Superstars, die

völlig easy sind und teilweise mit uns befreundet,

und andere, die tatsächlich ihre

eigene Welt haben.

Wer denn zum Beispiel?

Christoph Joho: In den Achtzigerjahren war

es King Carl, Carl Lewis. Er kam, breitete die

Arme aus – und da war er. Er wollte nicht

im Athletenhotel übernachten, sondern im

Fünfsternehaus Savoy am Paradeplatz. Das


WELTKLASSE – ANEKDOTEN

ATAKOMBEN

Sie kennen die Spleens und Sonderwünsche

der Topstars wie Usain Bolt

seit Jahrzehnten: Die Meeting-Co-

Direktoren Christoph Joho und Andreas

Hediger über Zelte und Zöpfchen.

Bereit fürs grosse

Leichtathletik-Fest:

Christoph Joho (l.)

und Andreas Hediger,

Co-Direktoren

von Weltklasse

Zürich, auf den

Rängen des Letzigrund-Stadions.

47


«CARL LEWIS

WAR DER

KING, UND

SO GAB ER

SICH AUCH –

AUF UND

NEBEN DEM

PLATZ»

Lächeln im Gesicht. Schon vor dem Rennen,

das er dann ja knapp gewann. Da sieht man

ganz grosse Unterschiede.

Hediger: Es gibt auch Grosse, die Freunde

von uns geworden sind. Christian Taylor beispielsweise,

Emma Coburn, Jenny Simpson.

Hatte Usain Bolt keine anderen Spezialwünsche,

etwa wie Lewis beim Hotel?

Hediger: Bolt ist ein riesiger Fussball-Fan.

Unser Vorgänger Patrick Magyar organisierte

für ihn einen Ausflug an den Fifa-Hauptsitz

inklusive einem Treffen mit Sepp Blatter.

Generell versuchen wir, allen Athleten

ihre Wünsche zu erfüllen, wir wollen auch in

diesem Bereich Weltklasse sein.

Joho: Die grössten Extrawünsche kommen

übrigens meist nicht von den Athleten, sondern

von den Showacts, die am Ende des

Meetings zwei Lieder spielen.

Was gehört zu den alltäglicheren Wünschen,

die heute geäussert werden?

Hediger: Vor allem sportspezifische Dinge,

wie Eisbäder, eine Regenerationsmassnahme,

die in verschiedenen Nationen weit verbreitet

ist. Wir stellen Eispacks zur Verfüwar

wichtig. Auch seine Entourage nahm er

immer mit. Er war der King, und so gab er

sich auch, auf und neben dem Platz (lacht).

Anders war Usain Bolt. Ein Supershowman.

Wenn er aber zum Beispiel im Auto sass,

hatte er die Kopfhörer auf und machte dann

zu. So habe ich ihn ein paarmal erlebt. Nicht

der Showman, nicht wie ein hyperaktives

Kind. Er zog sich wirklich in seine Welt zurück.

Das ist oft so bei den Grossen. Wenn

sie einen Termin wahrnehmen, sind sie sehr

präsent, aber danach ziehen sie sich zurück.

Also keine grosse Diva?

Wenn Athletinnen oder Athleten schwierig

oder zickig scheinen, hat es oft damit zu tun,

dass es eher Menschen sind, von denen alle

etwas wollen. Wenn sie etwas seltsam reagieren,

ist es oft ein Selbstschutz.

Wer sind die ganz entspannten Superstars,

die Sie angesprochen haben?

Zum Beispiel Mo Farah im vergangenen

Jahr, als er das letzte Bahnrennen seiner

Karriere in Zürich lief. Er war zugänglich,

strahlte eine freudige Energie aus. Er hat mit

allen gesprochen, immer mit einem riesigen

48


WELTKLASSE – ANEKDOTEN

Der Letzigrund

ist seit 90 Jahren

das Zuhause des

Meetings, damals

noch das «Internationale».

Schon viele Jahre

bevor sie Direktoren

wurden

bei Weltklasse

Zürich dabei:

Andreas Hediger

(l.) als Technischer

Direktor,

Christoph Joho

als Verantwortlicher

Marketing/

Sponsoring.

gung und schauen, dass jene Athleten ein Zimmer

mit Badewanne bekommen. Es gibt Langstreckenläufer,

die mit ihrem Höhenzelt unterwegs

sind. In dieser Druckkammer schlafen sie

dann. Das macht aber einen Riesenlärm, und

wenn du mit einem solchen Athleten ein Zimmer

teilen musst, ist das problematisch.

Joho: Shelley-Ann Fraser wollte einmal dringend

ihre Frisur hinkriegen, sie trug damals

Afro-Zöpfe. Da kannst du ja nicht zu einem

normalen Coiffeur, sondern brauchst jemanden,

der diese Zopftechnik beherrscht. Wir

wurden an der Langstrasse fündig. Der Fahrer

brachte sie hin, und sie kam sechs Stunden

später glücklich zurück. Auch sehr gefragt ist

der Shuttleservice während der ganzen

Nacht. Für viele Disziplinen sind wir das letzte

Meeting der Saison. Das heisst, dass unsere

Shuttles die ganze Nacht über im Einsatz

sind – um die Athleten aus dem Ausgang abzuholen

oder sie um fünf Uhr früh bereits auf

den Flughafen zu bringen.

Wie feiern denn die Athleten?

Joho: Der Grossteil geht heute ins Mascotte,

dort läuft am Donnerstag R’n’B. Auch Usain

Bolt war Stammgast. Es ist aber keine geschlossene

Gesellschaft. Bei der Eröffnung

des neuen Letzigrundes haben wir einmal

eine eigene Party im Sponsorenzelt mit Band

angeboten. Bis die Athleten gegessen und

sich aufgetakelt hatten, war fast Mitternacht.

Fünf Minuten nach Mitternacht stand bereits

die Polizei da und drohte, den Stecker zu ziehen.

Bis viertel vor eins konnten wir es hinauszögern,

danach mussten wir die Sportler an

eine andere Party bringen.

Wer feiert denn besonders gut?

Joho: Früher hatten wir am Tag vor dem Meeting

das Kugelstossen im Hauptbahnhof. Als

die Kugelstösserinnen fertig waren und bei

den Männern zuschauten, wollten Sie auf den

Saisonabschluss anstossen. Wir hatten aber

nur alkoholfreie Getränke. Also kauften wir einen

Stock tiefer ein paar Bier, die aber ziemlich

zügig getrunken waren. Also gingen wir

nochmals und holten eine zweite Runde. Als

die Männer fertig waren, tranken sie den Rest.

Das war ein witziger Anblick, als später beim

Hotel diese Hünen aus dem Bus stiegen und

es ziemlich lustig hatten. Sie haben den

Saisonabschluss wohlverdient genossen.

Wollen die Athleten ein Freizeitprogramm

geboten bekommen?

Hediger: In den seltensten Fällen. Die meisten

sind schon so lange unterwegs, dass

sie nur noch heim wollen.

Joho: Früher haben wir ein Freizeitprogramm

auf die Beine gestellt. Zum Beispiel

eine Chocolate-&-Cheese-Tour oder eine

Sightseeing-Tramfahrt durch Zürich. Jedoch

war die Beteiligung jeweils sehr gering.

Einmal waren wir auf dem Üetliberg. Oben

muss man von der Station etwa zehn Minuten

bergauf laufen, und da ging das grosse

Jammern los. Die Langstreckler wollten

nicht laufen, weil es kein Training war, und

die Sprinter wollen in ihrer Freizeit sowieso

kaum einen Schritt machen. Die Athleten

haben ihren Fokus auf dem bevorstehenden

Wettkampf und versuchen, möglichst

keine zusätzliche Energie zu verbrauchen.

Wie sieht es beim Essen aus?

Hediger: Unser Buffet ist wie ein Schlaraffenland,

wir achten darauf, dass es alles

hat und die Saucen separat sind. Dennoch

haben viele ihr Vor-Wettkampfessen dabei,

zum Beispiel eine spezielle Art Quinoa, das

sie dann genau zu dieser Zeit essen und im

Tupperware dabeihaben.

Welche kuriosen Eigenheiten haben die

Stars?

Der Sprinter Kim Collins zum Beispiel reist

immer mit seiner eigenen megascharfen

Sauce, die er nach einem Rezept seiner

Grossmutter macht. Eine Chili-homemade-

Pepper-Sauce. Die tut er auf alles, immer hat

er sein Glas dabei. Das ist sein Glücksbringer.

Es muss im Mund brennen, dann ist gut,

dann wirst du nicht krank. Wir probierten

sie, das kannst du nicht essen, so scharf!

Hediger: Andere bringen Dinge mit, bei

denen man sich fragt: Weshalb reist du

damit um die Welt? Ein aktuelles Beispiel

ist Karsten Warholm, der Weltmeister über

400 m Hürden. Er nimmt eigene kleine zusammenfaltbare

Trainingshürden mit sowie

sein Luftsofa, worauf er sitzen und liegen

kann. •

49


MEETINGS-HISTORY

REKORD-

VERDÄCHTIG

Weltrekorde,

Schweizer Sternstunden,

Momente für

die Ewigkeit: Im

Zürcher Letzigrund

wird seit 90 Jahren

Sport-Geschichte

geschrieben. Die

Erfolgsstory von

Weltklasse Zürich

ist noch lange nicht

zu Ende.

Text Peter A. Frei

50


Mit letztem Einsatz

schüttelt André

Bucher 2000 seine

Konkur renten auf

den finalen Metern

über 800 m ab.

Foto: Erwin Zueger/RDB

51


MEETINGS-HISTORY

Hauchdünn

gewinnt Mo

Farah 2017 den

5000-m-Lauf.

Nach diesem

Sieg bei Weltklasse

Zürich

beendet der

Brite seine

Bahn-Karriere.

Juli 2017. Das Letzigrund-Stadion

kocht – das Publikum weiss: Es hat

gerade einen historischen Moment

erlebt. Der 34-jährige Brite Mo Farah,

sechsfacher Weltmeister und vierfacher

Olympiasieger, hat im 5000-m-Rennen einen

Endspurt hingelegt, wie er in einem Mittelstreckenrennen

selten zu sehen ist. Er gewinnt

mit hauchdünnem Vorsprung von vier

Hundertstelsekunden vor Paul Chelimo

(USA) und Muktar Edris (ETH). Was diesen

Moment des Leichtathletikmeetings Weltklasse

Zürich noch spezieller macht: Mo Farah

schliesst mit dem Triumph seine eindrückliche

Bahnkarriere ab. Seither konzentriert

er sich auf den Marathon.

Mo Farahs Karriere-Endspurt ist einer

von vielen Höhepunkten in der 90-jährigen

Geschichte von Weltklasse Zürich.

Der 5000-m-Lauf am Ende des Diamond-

League-Finals ist ein typisches Highlight der

Neuzeit. Früher waren es die Weltrekorde,

welche die Massen im Letzigrund und am

Bildschirm in Wallung versetzten. Inzwischen

sind die Rekordmarken derart in die

Höhe geschnellt, viele wohl auch mit Doping-Unterstützung,

dass Weltrekorde zur

Ausnahme geworden sind. An die Stelle der

Rekorde sind die spannenden Zweikämpfe

getreten.

Insgesamt gab es zwischen 1959 und 2009

in Zürich 25 Weltrekorde. Die ersten beiden

– an einem Tag – schafft der 22-jährige Kölner

Student Martin Lauer über 110 und

200 m Hürden. Damals wird noch von Hand

und in Zehntelsekunden gestoppt. Und nur

10 852 Zuschauer sehen im Letzigrund zu.

Ein Jahr später werden Armin Hary

und der Letzigrund als erste 100-m-Weltrekordträger

in 10,0 s registriert. Auch dank

dem deutschen Sportjournalisten Gustav

Schwenk. Der 23-jährige Europameister

Hary liegt mit seinem Verband im Clinch und

erhält erst kurz vor dem Meeting

die Startfreigabe. Harys Siegerzeit von 10,0

wird mit Beifallsstürmen quittiert, doch dann

wird das Rennen annulliert. Der Ersatzstarter

hat in der Aufregung vergessen, wegen

Fehlstarts zurückzuschiessen. Dann tritt

Schwenk in Aktion, macht Hary darauf aufmerksam,

dass er eine Wiederholung verlangen

könne. Hary findet in Landsmann Jürgen

Schüttler und dem Schweizer Heinz Müller

die dafür notwendigen zwei Gegner. 35

Minuten später bleiben die Uhren bei 10,0,

10,0 und 10,1 stehen – die neue Bestzeit beträgt

10,0! Vier Amerikaner (alle zuvor 10,1)

sind damit als Weltrekordhalter entthront.

«Ich war überzeugt, ein zweites Mal 10,0 laufen

zu können», sagt Hary. «Nach Martin Lau-

Fotos: Walter Bieri/Keystone, Blicksport/RDB (2),

Sepp Schmid/Walter Scheiwiler-Archiv/Keystone

52


1984

Oben: Die US-

Sportler dominieren

in den Achtzigerjahren

die

Leichtathletik. So

auch Evelyn

Ashford, die mit

10,76 über 100 m

1984 einen Weltrekord

aufstellt.

Rechts: Der

Schweizer Markus

Ryffel wird

1978 Zweiter

über 5000 Meter.

Ganz rechts: Der

Deutsche Armin

Hary rennt im

zweiten Versuch

zum Weltrekord

über 100 m:

10,0 s! Der erste

Versuch wurde

annulliert.

ers Rekordläufen im Jahr zuvor wusste ich:

Hier oder nie läufst du Weltrekord.» Seither

steht der Zürcher Letzigrund im Ruf der «Piste

magique», der magischen Piste.

Zu den zahlreichen Publikumslieblingen,

die Jahr für Jahr in Zürich gefeiert werden,

gehört vor bald 40 Jahren Sebastian Coe,

mehrfacher Olympiasieger und Weltrekordler

auf den Mittelstrecken, von der Queen

zum Lord ernannt, OK-Chef von Olympia

2012 in London und heute Präsident des

Leichtathletik-Weltverbandes IAAF. Der

elegante Läufer gewinnt fünf Mal in Zürich

und verbessert 1979 den Weltrekord über

1500 m (3:32,03) und 1981 jenen auf der Meilenstrecke

(3:48,53). Die 1500 m werden für

Coe ab Streckenhälfte zum Solo rennen im

Wind – getragen vom Publikum. Coe, heute

Ehrenmitglied des Vereins für Grossveranstaltungen

des LCZ, betont: «Zürich ist das

Meeting des Jahres, das Ereignis der Saison.»

Zum damaligen Meetingdirektor Res

Brügger und seiner Familie bestehen noch

heute freundschaftliche Bande.

Der letzte Weltrekord bei Weltklasse Zürich

fällt 2009. Die damals 27-jährige russische

Stab-Überfliegerin Jelena Isinbajewa

stellt mit 5,06 m ihren bereits 27. Weltrekord

auf. Es ist die Revanche für ihre Niederlage

mit drei Nullern an der WM in Berlin.

Neben Isinbajewa prägen noch zwei

Frauen das Meeting: Maria Mutola aus Mozambique

triumphiert 1993 bis 2004 zwölf(!)

Mal über 800 m, und die jamaikanische

Sprinterin Merlene Ottey schreibt sich bei

15 Starts mehrfach als Siegerin über 100

und 200 m ins Goldene Buch ein.

Bei den Männern hinterlassen in Zürich

die Superstars Jesse Owens (USA), Mo Farah

(GBR), Paavo Nurmi (FIN), Carl Lewis

(USA), Haile Gebrselassie (ETH) und Usain

Bolt (JAM) markante Spuren. 1928 gelingt

es, den damals 31-jährigen neunmaligen

Olympiasieger Paavo Nurmi aus Finnland an

den Start zu bringen. Nurmi hält zu diesem

Zeitpunkt alle Weltrekorde von 1 Meile bis

10 000 m. Der legendäre Finne lässt sich

auch im Letzigrund den Sieg nicht nehmen.

53


Fotos: Benjamin Soland und Walter L. Keller für Blicksport/

RDB, Hans Rauchensteiner, Jamie McDonald/Getty Images

Jamaikas Usain

Bolt geniesst die

Nähe zum Publikum

in der Fankurve.

Er hält bis

heute den Meetingrekord

über

200 Meter.

Nach einem Brand der Letzigrund-Tribüne

1928 geht es mit den internationalen

Meetings 1935 weiter: Es folgt eine Serie

von Amerikaner-Meetings, mit sieben US-

Olympiasiegern im Jahr 1952. Die US-Athleten

sind damals das Mass aller Dinge; von

den Schweizern kann lediglich der Bieler

Sprinter Paul Hänni, Olympiavierter 1936

über 100 m, einigermassen mithalten.

Ein Amerikaner ist es auch, der in den

Achtzigern die Weltleichtathletik prägt. Carl

Lewis, neunfacher Olympiasieger und achtmaliger

Weltmeister, siegt auch in Zürich

acht Mal. Und er läuft zweimal Weltrekord –

einmal solo, einmal in der Staffel. 1988 besiegt

er in 9,93 Sekunden seinen kanadischen

Rivalen Ben Johnson, der später wegen

Dopingmissbrauchs als Olympiasieger

disqualifiziert wird. Die 9,93 werden rückwirkend

zum Weltrekord. Drei Jahre später ist

er am 4 x 100-m-Rekord der USA beteiligt.

Ebenfalls zwei Weltrekorde – von 26! –

schafft der überaus bescheiden auftretende

Äthiopier Haile Gebrselasssie in Zürich.

1995, erst 24 Jahre alt, und 1997 elektrisiert

er das Stadion während 12,5 Runden und

senkt den 5000-m-Weltrekord auf 12:44,39

und 12:41,96. «Der Mann mit dem grossen

Herzen» schwebt scheinbar federleicht über

die Bahn, danach plagen ihn jedoch tagelang

Schmerzen in Beinen und Füssen.

Die grössten Begeisterungsstürme der

Fans aber löste er aus: Jamaicas Jahrtausend-Athlet

Usain Bolt, der an der WM von

London 2017 mit 31 Jahren seine Karriere

beendet, wird auf der ganzen Welt wie ein

Popstar gefeiert – auch in Zürich. 2008

kommt er als dreifacher Olympiasieger und

gewinnt die 100 m in 9,83. 2009 ist er noch

schneller: 9,81. Und 2012 läuft er über 200 m

in 19,66 den aktuellen Meeting-Rekord. Jedesmal

geniesst er das Bad in der kreischenden

Fan-Menge.

Der Letzigrund – seit den Siebzigern fast

immer voll besetzt – ist stets noch schneller

ausverkauft, und die TV-Quoten sind entsprechend

hoch, wenn ein Schweizer in die

Weltspitze läuft. Das Kugelstossen entwickelte

sich in den Achtziger- und Neunzigerjahren

dank Werner Günthör zu einem nationalen

Hype. Der dreifache Weltmeister gewinnt

1986 als 25-Jähriger bei Weltklasse Zürich

und lässt bis 1993 fünf weitere Siege folgen.

Sieben Jahre später lässt der nächste

Schweizer das Publikum ausflippen: André

Bucher schüttelt auf der Zielgeraden des

800-m-Rennens seine hochklassigen afrikanischen

Konkurrenten ab und siegt. Ein Jahr

2012

54


MEETINGS-HISTORY

Rechts: Heute

IAAF-Präsident,

früher Spitzenläufer

und Letzi-

Liebling: Sebastian

Coe auf der

Ehrenrunde.

Ganz rechts:

Stab-Superstar

Jelena Isinbajewa

jubelt über ihren

Weltrekord im

Letzigrund am

Meeting 2009.

Unten: Carl

Lewis (l.) und Ben

Johnson liefern

sich ein heisses

Duell. Johnson

wird später

wegen Dopings

gesperrt, Lewis’

Zeit von 1988

wird zum

Weltrekord.

später wird er in Zürich seinem Renommée

als frischgebackener Weltmeister von Edmonton

gerecht und hält die Konkurrenz

von der Spitze aus in Schach.

Der letzte Schweizer Sieger im Weltklasse-Hauptprogramm

ist Medizinstudent und

Europameister Kariem Hussein. Er gewinnt

2015 die 400 m Hürden in 49,16. Dieses

Kunststück kann er heuer nicht wiederholen,

er muss verletzungsbedingt pausieren.

Trotzdem ist die Schweizer Leichtathletik

mit zahlreichen Spitzenathleten in verschiedenen

Disziplinen heute auf einem nie zuvor

gekannten Niveau. Auch dank dem Zürcher

Meeting, welches in voller Blüte steht.

Das wiederum ist Res Brügger zu verdanken.

Der heute 91-jährige frühere Kugelstösser

übernimmt Ende der 60er-Jahre die

Meeting-Leitung. 1983 gründet er gegen internen

Widerstand den Verein für Grossveranstaltungen

(VfG) des LC Zürich. Dadurch

kann das Meeting professioneller und beweglicher

organisiert werden, und die gesamte

Schweizer Leichtathletik profitierte

davon: Bis zu Brüggers Rücktritt fliessen aus

dem Meeting-Gewinn zwölf Millionen Franken

in die LCZ-Kassen.

Brüggers Nachfolger Hansjörg Wirz, Patrick

Magyar und die derzeitigen Co-Direktoren

Andreas Hediger und Christoph Joho

sind weiterhin erfolgreich. Das Kugelstos sen

und nun das Stabspringen am Vorabend im

Zürcher Hauptbahnhof sind ein Hit. Pro Jahr

investiert Weltklasse Zürich rund 600 00

Franken in die Schweizer Leichtathletik, in

Athletinnen und Athleten sowie in Trainer.

Das Meeting-Budget, bei der ersten Austragung

noch bei 43 968 Franken, liegt inzwischen

bei neun Millionen. Und man ist für die

Zukunft gerüstet: Weltklasse Zürich betreibt

die erfolgreichste Nachwuchsplattform, den

UBS Kids Cup mit jährlich über 160 000 Teilnehmenden

zwischen 7 und 15 Jahren. Für

den Leichtathletik-Nachwuchs und begeisterte

Familien ist damit gesorgt. Weltklasse

Zürich – bis heute ein Stern am internationalen

Meeting-Himmel und ein Volltreffer für

die Schweizer Leichtathletik. •


FUTURE STARS

DIE BOLTS

DER

ZUKUNFT

Nach dem Rücktritt von

Usain Bolt fehlt der Welt-

Leichtathletik die

Galionsfigur. Wer tritt in

seine Fussstapfen?

In den Startlöchern stehen

die US-Hürden-Talente

Sydney McLaughlin und

Rai Benjamin, Stabspringer

Armand Duplantis,

Mittelstreckenläufer Jakob

Ingebrigtsen und das

kubanische Sprungwunder

Juan Miguel Echevarria.

Text: Carl Schönenberger

Sydney McLaughlin

56


Jakob Ingebrigtsen

Fotos: Luke Sharrett für B/R Magazin, USA (links), Belga/Imago Sportfoto

57


FUTURE STARS

«FÜR MEINE

MUTTER WILL

ICH DIE

NEUN METER

KNACKEN UND

Foto: (10) Instagram

WEITSPRUNG-

GESCHICHTE

SCHREIBEN»

Juan Miguel Echevarria

Leichtathletik-WM 2017 in London.

Als Schlussläufer von Jamaikas

4 x 100-m-Staffel liegt er 50 Meter

vor dem Ziel des Queen Elizabeth

Stadium mit schmerzverzerrtem Gesicht auf

der Bahn. Usain St. Leo Bolt, der Extraterrestrische,

der Jamaikablitz, der Wunderläufer,

stirbt den Heldentod. Zehn Jahre

lang hat er dominiert und Weltrekorde

ausserhalb des Vorstellungsbereichs realisiert.

Bolts Abgang von der Sportbühne

endet als Drama.

Seither dümpelt die olympische Hauptsportart

wie ein Schiff auf hoher See ohne

Kapitän. Ohne Segel. Ohne Motor. Ohne

Galionsfigur. Denn auch Südafrikas Wayde

van Niekerk, den Bolt selber als seinen

Nachfolger sieht, fehlt diese Saison. Der

26-jährige Ausnahme-Sprinter, der 100 m

in 9,94 Sekunden und die 400 m in unglaublichen

43,03 (Weltrekord) schafft,

wird 2017 mit einem Kreuzbandriss aus

der Wettkampfszene gerissen. Nun müssen

neue Helden her. Wer könnte es sein, der

die Massen in die Stadien lockt, der den

Sendern das Geld für TV-Rechte wert ist,

der Sponsoren Millionen aus der Tasche

zieht? Vielleicht eine Frau?

Um den Namen des 19-jährigen US-Teenies

Sydney McLaughlin kommt man nicht

herum. Das 1,75 m grosse Girlie aus New

Brunswick, New Jersey, verzückt mit seinem

Lachen. Auch ihre Familiengeschichte

spricht für sie: Vater Willie war 1984 bei den

US-Olympic Trials 400-m-Halbfinalist, Mutter

Mary im Highschool-Alter eine starke

Läuferin. Der ältere Bruder Taylor gewann

2016 bei der U20-WM Silber über 400 m

Hürden. Auch Sydney hat schon früh Grenzen

gesprengt. Über 400 m Hürden ist sie

2016 bei Olympia in Rio als 17-Jährige

dabei, heuer führt sie mit 52,75 Sekunden

bereits die Liste der Weltbesten an. Im Diamond-League-Zirkus

taucht McLaughlin

noch nicht auf. Denn wegen einer US-Regelung

dürfen Highschool-Athleten mit ihrem

Sport kein Geld verdienen. Seit kurzem

hat Sydney nun den Abschluss im Sack und

kann 2019 den Sturm auf den Welt-Leichtathletik-Thron

in Angriff nehmen.

Wie bei McLaughlin liegt auch bei Stabhochspringer

Armand Duplantis, 18, das

Talent in den Genen. Papa Greg war Stabspringer

und ist heute sein Technik-Trainer,

Mama Helena, ehemalige Mehrkämpferin,

ist für sein Fitnesstraining zuständig. Doch

eigentlich ist der Filius Autodidakt, studiert

stundenlang die Technik der Konkurrenz

und versucht, sie auf der Sprunganlage im

eigenen Garten zu übertrumpfen. Mit Erfolg:

Der US-schwedische Doppelbürger,

der für Schweden startet, holt mit 6,05 m

EM-Gold – nur Legende Sergej Bubka ist je

höher gesprungen. Duplantis, der Künstler

der Lüfte, als Bolt-Nachfolger?

Auch ein Amerikaner könnte in die Fussstapfen

eines einstigen Superstars treten:

Vor über 30 Jahren war Ed Moses als

400-m-Hürdler die Hauptattraktion in den

Stadien, nun ist Rai Benjamin, 21, auf dem

Weg dorthin. Zufall oder Bestimmung? Mit

47,02 Sekunden hat Benjamin heuer die

gleiche Zeit geschafft, die neun Jahre für

Moses’ Weltrekord stand. Doch Benjamin

kann mehr. Mit 19,99 ist er auch die 200 m

unter 20 Sekunden gesprintet. «Eine derart

grosse Grundschnelligkeit hatte noch nie

ein Langhürdler», sagt er selbstbewusst.

Vor Kevin Youngs Weltrekord von 46,78 hat

er keine Angst. «Nächstes Jahr mache ich

mich auf die Jagd.» Er freut sich, wie

McLaughlin nach abgeschlossener Highschool

nun Profisportler werden zu können.

«It’s funny to make money», sagt er bei

Athletissima in Lausanne.

Jung, frisch und selbstbewusst ist auch

Juan Miguel Echevarria, 20-jähriges Weitsprung-Talent.

«Die Zukunft gehört mir»,

sagt der Youngster. Kuba gilt als Schmiede

von Sprungfedern. Landsmann Javier Sotomayor

hält mit 2,45 m noch immer den

Hochsprung-Weltrekord, und Ivan Pedrosos

Weitsprungsätze jenseits der 8,50er-

Marke sind legendär. Ebendieser Ivan Pedroso,

heute 45-jährig, bringt nun das neue

Juwel zum Glänzen: Echavarria kratzt mit

regulären 8,68 m und windbegünstigten

8,83 m an der noch nie übersprungenen

9-Meter-Marke. Vor kurzem verlor er seine

Mutter. Das macht ihn sportlich noch hungriger.

«Für sie will ich Weitsprung-Geschichte

schreiben. Für sie werde ich immer

für Kuba springen. Bei der WM 2019 oder

Olympia will ich die 9 Meter knacken.»

Auch in Norwegen steht ein neuer Star

in den Startlöchern. Nach den Langstrecklerinnen

Grete Waitz und Ingrid Kristiansen,

die in den 80er-Jahren die Welt-Leichtathletik

mit ihren Rekorden verzückten, beginnt

mit Jakob Ingebrigtsen ein neues

Nordlicht zu strahlen: Erst 17 Jahre alt,

rennt der Jüngste eines Brüder-Trios – vom

Vater trainiert – mit 3:31,18 Minuten bereits

in die Weltspitze und wird über 1500 m und

5000 m Europameister. Über die längere

Strecke mit neuem Junioren-Europarekord.

Der «rasende Jakob» ist eine Ausnahmeerscheinung

– auch als einer der einzigen

hellhäutigen Athleten unter der Mittelstreckenschar

aus Kenia und Äthiopien.

Mit diesen Hoffnungsträgern dürfte es

nicht mehr lange dauern, bis das Leichtathletik-Schiff

wieder unter einem Kapitän und

mit starkem Antrieb auf Kurs ist. •

58


2

2

1

3

4

5

1

1 Sydney McLaughlin

überzeugt

als Hürden-Athletin

und als Model.

2 Rai Benjamin alias

«King Ben», wie

er sich selber nennt,

cool in Startpose

und mit seinem

Vater bei seiner

Abschlussfeier.

3 Armand Duplantis

hebt im Sport

ab – dank seiner

Freundin Anna

Claire bleibt er

dennoch bodenständig.

4 Naturbursche

Jakob Ingebrigtsen

wagt sich mit

Freundin Elisabeth

aufs Glatteis.

5 Ob im Stadion

oder in der Freizeit

– Juan Miguel

Echevarria ist stets

zum Posieren

aufgelegt.

4 3

5

59


BIG DATA IM

LETZIGRUND

Ohne sie wäre Sport wie Suppe

ohne Salz. Die Zeitmessung entfacht

Emotionen. Alle Läufe, Sprünge und

Würfe im Letzigrund stoppt, misst

und wertet Omega Timing aus. Mit

unglaublicher Präzision.

Text Markus Köchli

Illustration Uwe Stettler

Auf den Startblöcken wird

mittels Sensoren 4000 Mal

pro Sekunde der Druck

gemessen. Wer innerhalb

von 100 Millisekunden nach

dem Startschuss den Druck

auf den Block erhöht, wird

des Fehlstarts überführt und

disqualifiziert.

60


TIMEKEEPING

Das Prozedere ist stets das gleiche.

Werden Rekorde gelaufen, geworfen

oder gesprungen, folgt

der sofortige Sprint zur Anzeigetafel.

Denn Bestleistungen wollen verewigt

sein. So wie am 13. Juli 2018 an den Schweizer

Leichtathletik-Meisterschaften in Zofingen.

Sprintstar Mujinga Kambundji macht

keine Ausnahme. 10,95 s vermeldet die

Elektronik von Timekeeper Omega – Kambundji

hat kurz zuvor den Schweizer Frauenrekord

über 100 Meter erstmals unter

die 11-Sekunden-Marke gedrückt. Ihr Bild

mit der Anzeige besitzt für die schnellste

Schweizerin Symbol- und Erinnerungswert.

Weit über ihre Aktivkarriere hinaus. Für Zeitnehmer

Omega hingegen ist die Kurzinfo

«Swiss NR 10,95», die Festschreibung des

Landesrekordes, sportlicher Alltag. Und

dies bereits seit 1932 und den Olympischen

Sommerspielen von Los Angeles. Was vor

86 Jahren mit ein paar wenigen Stopp uhren

aus Biel begann, ist heute ein Hightech-Verbund

aktuellster Technologien der Datenerfassung

und -auswertung.

Geblieben ist die wichtigste Zielsetzung.

«In erster Linie erbringen wir unseren

Service für die Athletinnen und Athleten.

Sie sind unsere wichtigsten Kunden.

Sie verdienen es, dass ihre Leistungen

korrekt ermittelt und weitergegeben

werden», fasst Alain Zobrist, CEO von

Swiss Timing, dem Zeitmesserspezialisten

in den Händen der Swatch Group, (siehe

Kasten), den Auftrag zusammen. Gefragt

ist höchste Präzision. Zobrist: «Fehler dür-

fen keine passieren.» Technisch schon gar

nicht. Die Systeme verfügen deshalb über

Back-ups, die wichtigsten über eine

mehrfache Redundanz. Ein Stromausfall

kann der Zeitmessung nichts anhaben,

auf Gewittereinflüsse sind die Anlagen getestet.

Das gilt ebenfalls für Weltklasse Zürich,

das Heimspiel der Zeit- und Weitenmesser

aus Corgémont im Berner Jura. Die Aufträge

sind die gleichen wie an den wei teren

13 diesjährigen Diamond-League-Meetings

des Internationalen Leichtathletik-

Verbandes IAAF. Zusätzliche Lösungen

verlangt das Letzigrund-Meeting nicht.

16 Wettbewerbe (plus die nationalen Rahmenrennen)

liessen sich, selbst in einem

straff geregelten Regieablauf innerhalb von

61


«DIE ZEITEN

KÖNNEN

HEUTE AUF

EINE

MILLIONSTEL-

SEKUNDE

GENAU

BESTIMMT

WERDEN»

vier Stunden, mit der Erfahrung des eingesetzten

Teams und Materials problemlos

bewältigen, heisst es bei Omega Timing.

21 Techniker stellt die Uhrenmarke in Zürich,

ein Mehrfaches an involvierten Funktionären

der Veranstalter. Omega erfasst die

Zeiten und Weiten, ausgewertet und als bestätigte

Resultate freigegeben werden sie

durch offizielle Schiedsrichter der involvierten

Leichtathletikverbände. Das gilt etwa

für Entscheide, die auf dem Zielfilm basieren.

Omega Timing liefert verzugslos die

Bilder, gezogen werden die roten Linien,

die letztlich für die Platzierung entscheidend

sind, durch Funktionäre.

Der Materialaufwand für Weltklasse

Zürich hält sich mit ein paar Lastwagenladungen

Zeitnahme-, Mess- und Anzeige-

systemen, Startschuss-Apparaturen, Startblöcken,

Transpondern, Windmessern, Video-

und Digitalkameras, Scannern, ultraschnel

len Computern sowie 10 Kilometer

Kabel in Grenzen. Installiert werden die Einrichtungen

in zwei Tagen, der dritte dient

dem Austesten und der Kalibrierung der

Systeme. Ein Vergleich mit den Olympischen

Winterspielen in Pyeongchang im

Februar dieses Jahres zeigt andere Dimensionen:

Dort mussten in zwei Wochen bei 98

verschiedenen Wettkämpfen 650 000 Zielund

Zwischenzeiten, Rankings, Entfernungen

und Punktestände ermittelt und weitergegeben

werden. Der Aufwand war entsprechend

gross: 330 Tonnen Material liess

Omega nach Südkorea fliegen. 330 offizielle

Zeitmesser und 350 freiwillige Helfer

Die Scan-O-Vision-Fotofinish-

Kamera Myria ist auf der

Ziellinie in einem 5 Millimeter

breiten Schlitz montiert.

Sie schiesst 10 000 Bilder

pro Sekunde (l.). Omega liefert

den Zielfilm, mit dessen

Hilfe die Schiedsrichter die

roten Linien ziehen und so

die engen Entscheidungen

auflösen können (u.).

62


TIMEKEEPING

standen für die Schweizer Uhrenmarke im

Einsatz.

Omega, der Komplettanbieter der integrierten

Zeitmessung, ist den Erfordernissen

der Verbände meist einen Schritt voraus.

Auf 1 Millionstel (Nanosekunde) genau

können Zeiten heute bestimmt werden.

Die gültigen Reglemente der Leichtathletik

verlangen nach wie vor lediglich Hundertstelsekunden.

Bei den mit empfindlichen

Sensoren ausgerüsteten Startblöcken, einer

Innovation von Omega, erfassen Sensoren

4000 Mal pro Sekunde den Druck des

Fusses des Athleten auf die Stütze. Wer

innerhalb von 100 Millisekunden nach

dem Startschuss den Druck auf den Block

erhöht, wird des Fehlstarts überführt und

disqualifiziert. Und auf der Höhe des Zielstrichs,

für die Messsysteme ein schmaler

Schlitz von lediglich 5 Millimeter Breite,

erfasst die Scan-O-Vision-Fotofinish-Kamera

Myria den Einlauf. Dabei schiesst sie

bis zu 10 000 digitale Bilder – pro Sekunde.

Anhand dieser Bilder lassen sich in kürzester

Zeit nach dem Zieleinlauf Rangierung

und gelaufene Zeiten verifizieren. Selbst im

Zentimeterbereich. Tote Rennen gibt es

fast keine mehr.

Scan O Vision Myria steht im Letzigrund

im Einsatz. Das System ist mittlerweile State

of the Art. Eine Neuheit serviert Omega

Timing an Weltklasse Zürich hingegen dem

TV-Zuschauer. Am Bildschirm lassen sich

erstmals bei Laufwettbewerben Positionen

und Verschiebungen jedes einzelnen Athleten

einblenden.

Die Spitzentechnologie in der Zeitmessung

wird sich künftig vermehrt auf zusätzliche

biometrische (Herzfrequenz, Blutdruck

und vieles mehr) sowie biomechanische

Daten (Verhalten der Muskeln usw.)

der Athleten zwischen Start und Ziel konzentrieren.

Das interessiert primär Athleten

wie Trainer. Weil sie die wichtigsten Kunden

der Zeitmessung sind.

Eines hingegen bleibt in der Leichtathletik

wie seit deren Geburtsstunde traditionell:

Die letzte Runde eines Laufes länger

als 400 Meter wird weiterhin manuell mit

der Glocke eingeläutet. Wie auch im Radsport.

Omega Timing liess deshalb bei einem

befreundeten Glockengiesser in La

Chaux-de-Fonds allein für die Sommerspiele

in Rio 21 Glocken giessen. Eines der

bronzenen Erinnerungsstücke wird auch in

den Letzigrund mitgenommen. •

Mujinga Kambundji feiert an der SM den

Schweizer Rekord über 100 Meter – Omega

zeigt die Hundertstel, misst aber gar die

Nanosekunde.

OMEGA BEI OLYMPIA,

RADO IM TENNIS

Präzision Um die 500 Events

jährlich betreuen die Profi-

Zeitmesser aus Corgémont.

Swiss Timing, Tochtergesellschaft

des weltgrössten

Uhrenkonzerns Swatch, ist

Leader in der Zeit- und Weitenerfassung

sowie Datenauswertung

im professionellen

Sport. 420 Beschäftigte (180

von ihnen allein in der Forschung

und Entwicklung),

meist Ingenieure und Techniker,

stehen rund um den Globus

im Einsatz für den Sport.

Im Swatch-Imperium, das 8

Millarden Franken Umsatz

macht, teilen sich die Marken

ihre Kompetenzen und

Einsatzgebiete auf.

Omega Olympische Sommer-

und Winterspiele,

Olympische Jugendspiele,

Leichtathletik, Schwimmen,

Bob, Segeln, Golf

Longines Commonwealth

Games, Ski, Reiten, Turnen,

Bogenschiessen

Tissot Sommer- und Winteruniversiade,

Asian Games,

Rad, Fechten, Eishockey,

Motorrad, Rugby, Basketball,

Tischtennis

Blancpain Autorennsport

(GT2-Series)

Rado Tennis

Certina Autorennsport

(Rally), Motorrad

Swatch Beach-Volleyball,

Drohnenrennen

Foto: Keystone

63


MUSKELSP

Die Kombination zieht einen in

den Bann: Antriebskraft, perfekte

Proportionen, ökonomischer

Fortbewegungsstil. Bei Mensch

wie bei Maschine. Der BMW i8

Roadster tritt zum optischen

Vergleich an.

Fotos: Cyrill Matter

64


MENSCH VS. MASCHINE

IELE

65

Ökonomie ist bei der

schnellen Fortbewegung

zentral. Wie beim Sprinter,

so auch beim BMW i8

Roadster: Karosserie und

Antrieb wurden unter

energie sparenden Gesichtspunkten

entworfen.


MENSCH VS. MASCHINE

Styling: vorherige Doppelseite: kurze Sporthose von H&M, Schuhe von On; diese Seite: Anzughose von Strellson bei Globus; Lackjacke: Strellson vintage bei Opia

67

Sixpack und

Kühlerhaube:

Eine stabile und

muskulöse Frontpartie

zieht bei

Mensch und

Fahrzeug die

Blicke auf sich.


Die kräftige

Flanke ist eine

Symbiose aus

Form und

Funktion, die nur

eine Richtung

kennt: vorwärts.

68


MENSCH VS. MASCHINE

Lederhandschmuck: YVY, Hose: Hugo Boss

69


BMW i8 ROADSTER

MOTOR Benzin-Hybrid 374 PS

0 BIS 100 KM/H 4,6 s

SPITZE 250 km/h

NORMVERBRAUCH 2,1 l/100 km

CO2-AUSSTOSS 46 g/km

ENERGIEEFFIZIENZ D

BEIM HÄNDLER ab sofort

PREIS ab CHF 177 900.–


MENSCH VS. MASCHINE

Sportleggins: H&M, Kette: Felix Doll bei Opia; Styling: Yvonne Reichmuth; Haare und Make Up: Jehan Radwan; Fotoassistenz: Luca Franzoni; Produktion: Ulli Glantz; Fotohalle Schlieren,ZH

71

Schmucke Rückansicht:

Beim

BMW i8 Roadster

ist sie so perfekt

proportioniert

wie beim Sportler.

Einen Kofferraum

hat der

allerdings nicht.


Menü für Sportler:

Nenad Mlinarevics

Kreationen für

«Nosh Pots», eine

Erfindung der

Crossfit-Szene.

72


NENAD MLINAREVIC

DER BEWEGTE

UNTERNEHMER

Vom Küchenchef zum sportlichen

Start-up-Unternehmer: Warum Nenad

Mlinarevic heute unter anderem

Menüs für die Crossfit-Szene entwirft.

Text David Schnapp

Fotos Thomas Buchwalder

73


Gesund essen mit

wenig Zeitaufwand:

In Mlinarevics

«Häppchentopf»

aus der

Firma Nosh Pots

finden sich nur

frische Zutaten.

Fast 20 Jahre hat der heute 37-jährige

Nenad Mlinarevic in der Küche

verbracht, hat im In- und Ausland,

in kleinen Restaurants und grossen

Hotels gearbeitet und wurde mit viel Talent

und noch mehr Fleiss und Wille einer der

besten Köche der Schweiz: 18 Punkte im

GaultMillau, dazu 2016 der Titel «Koch des

Jahres» und zwei Michelin-Sterne waren äussere

Zeichen des Erfolgs. «Aber es kam der

Moment, als ich mich verändern und von

den Zwängen befreien wollte, die man als

angestellter Koch immer hat», erzählt Mlinarevic

bei einem leichten Abendessen im

Zürcher Industriequartier Kreis 5. Der

Schweizer mit serbischen Wurzeln wagte im

vergangenen Jahr den Schritt in die Selbständigkeit,

gründete eine eigene Firma

und kochte ab da nicht nur für ein Restaurant,

sondern für viele.

Für Globus konzipierte Mlinarevic ein Tatar-Restaurant,

er lancierte mit zwei Partnern

ein Pop-up in Zürich, das so erfolgreich

war, dass daraus gleich die Übernahme

der Traditionsbeiz «Bauernschänke» mit

ihrer mehr als 100-jährigen Geschichte im

74


NENAD MLINAREVIC

Körperlich in

Topform: Der

sportliche Koch

Mlinarevic mit

dem BMW X4

xDrive30i auf

dem Weg ins

Cross fit-Training

im Zürcher Industriequartier.

«ICH ESSE

GESUND, OHNE

MICH EINEM

DIÄTWAHN ZU

UNTERWERFEN»

Durchgetaktet:

Die Agenda des

Spitzenkochs und

Unternehmers ist

gedrängt. Das

Pendeln zwischen

seinen Arbeitsorten

und den

Trainingseinheiten

verlangt

hohe Mobilität.

Niederdorf wurde. Und für die exklusive

Hotelkette Oetker Collection erstellte der

Koch das Konzept für ein neues Restaurant

mit moderner Bistroküche in Baden-Baden.

«Ich bin immer noch gern in der Hitze des

Gefechts, ab und zu fehlt es mir sogar richtig,

dann stehe ich einen Samstagabend

mit den Kollegen in der ‹Bauernschänke›»,

erzählt Mlinarevic.

Trotzdem ist er vom Koch zum Start-up-

Unternehmer geworden, der in erster Linie

Ideen und Konzepte formuliert, die Umsetzung

überwacht, aber nicht mehr täglich

Fleisch pariert und Gemüse rüstet. Das neueste

Engagement des kulinarischen Jungunternehmers,

der fast täglich Sport macht,

liegt bei der Firma Nosh-Pots.

Das vom ehemaligen KMU-Manager Ralf

Schmitz gegründete Start-up liefert auf Bestellung

bis morgens 8.00 Uhr noch gleichentags

zum Lunch gesunde Mahlzeiten,

die – in ästhetische Gläser verpackt – ins

Büro geliefert oder an ausgewählten Standorten

ausgehändigt werden. Zurzeit ist

Zürich der Hauptmarkt, Verkaufsstellen gibt

es aber bereits in Basel oder Zug.

Entstanden ist Nosh-Pots (Englisch «to

nosh», einen Snack essen) aus der so genannten

Crossfit-Szene, wo Schmitz und

Mlinarevic sich kennengelernt haben. Vor

rund vier Jahren hat Nenad Mlinarevic

selbst begonnen, mehr Sport zu machen.

«Und natürlich schaue ich darauf, was ich

esse, ohne mich dabei einem Diätwahnsinn

zu unterwerfen», sagt er. Schon als Kind

habe er sich viel bewegt und Eishockey oder

Basketball gespielt. Im Laufe der harten

Küchenjahre sei die Bewegung aber, bedingt

durch die Umstände, immer weniger

geworden, so Mlinarevic. Für Nosh-Pots

entwirft er nun eigene Menüs, zum Beispiel

eine Poké-Bowl mit Thunfisch, Pinienkernen,

Kefen, Mozarella und einem Pesto-Dressing

oder ein vegetarisches Ceviche.

Wie am Herd stellt sich Mlinarevic also

auch beim Sport den härtesten Herausforderungen.

Crossfit gilt als eine Art ultimativer

Härtetest unter Freizeitsportlern.

Statt in schicken Fitnesscentern trainiert

man in urbanen Kellern oder kleinen Hallen.

In Städten wie Zürich schiessen Crossfit-

Center aus dem Boden wie Sprinter aus

den Startblöcken. Statt an Kraftmaschinen,

mit Hanteln oder auf Laufbändern trainiert

man etwa mit Seilen und dem eigenen

Körpergewicht. Geschicklichkeit, Kraft und

Ausdauer werden gleichzeitig und intensiv

gefordert.

«Als ich angefangen habe, intensiv zu

trainieren, wollte ich mich auch körperlich

verändern, Gewicht verlieren und fitter werden»,

sagt Mlinarevic. Und wenn er etwas

mache, dann richtig. Er begann zuerst, mit

einem Personal Trainer zu arbeiten. Nach

einigen Jahren am Vierwaldstättersee zog

Mlinarevic vor zwei Jahren zurück nach Zürich,

der Hauptstadt der Crossfitter. Bald

erwachte das Interesse für die neue Fitness-

Disziplin, die einem viel abverlangt, «aber

auch viel gibt», wie der Koch findet.

Trotz aller beruflicher und persönlicher

Veränderungen hat sich das zentrale Prinzip

in Nenad Mlinarevics Verständnis vom

Essen – ob als Koch oder als Jungunternehmer

– nicht verändert: Was er macht,

muss gut schmecken, egal ob das gesundes

Essen für sportliche Leute ist oder ein Lunch

für die Gäste seiner Beiz. •

75


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BMW DIESELMOTOR

MIT DEM MODERNEN

DIESEL IN DIE ZUKUNFT

Die Geschichte des

Dieselmotors ist jene

eines oft unterschätzten

Antriebskonzepts.

Dessen Entwicklungspotenzial

längst nicht

ausgeschöpft ist.

Als vor 35 Jahren der erste BMW

mit Dieselmotor auf den Markt

kam, hielt man das Fahrzeug für

unschlagbar wirtschaftlich und

innovativ – und das war es auch, zumindest

zu seiner Zeit. Der BMW 524td hatte einen

Reihensechszylinder-Motor unter der Haube,

der aus 2,4 Litern Hubraum 115 PS mobili

sierte. Nicht viel aus heutiger Sicht, doch

damals begeisterten sich Tester der Fachzeitschriften

für «die kontinuierliche Kraftent

faltung und das für Diesel-Verhältnisse

herzerfrischende Temperament».

Der Verbrauch des damals schnellsten

Serien-Diesel-PW lag bei 7,1 Litern auf 100

km. Heute benötigt ein BMW 116d für die

entsprechende Leistung nur drei Zylinder –

und im aktuellen Testverfahren fast drei Liter

weniger Diesel für 100 Kilometer. Auch

die Unterschiede bei den Fahrleistungen

sind signifikant: In 10,5 Sekunden beschleunigt

der moderne Turbomotor den BMW

116d von 0 auf 100 km/h, beim Diesel-Pionier

mit dem «herzerfrischenden Temperament»

waren es noch knapp 13 Sekunden.

Das Beispiel verdeutlicht, wie innerhalb

weniger Jahre verbreitete Vorstellungen,

was technisch möglich und erwünscht ist,

von der Entwicklung über den Haufen geworfen

werden. Heute gilt der Dieselmotor

vielen als technischer Dinosaurier, der ins

Museum gehört. Doch das ist ebenso vorschnell,

wie es 1983 der Eindruck von Fachautoren

war, mit dem BMW 524td wäre das

Temperament des Dieselmotors auf einem

finalen Maximum angekommen.

Nach dem Dieselskandal dauerte es nur

wenige Monate, bis die manipulierte Arbeitsweise

der Dieselantriebe einzelner

Hersteller per Software-Update korrigiert

werden konnte. Und beinahe wöchentlich

kommen neue Diesel-Modelle auf den

Markt, die den neuesten und strengsten

Emissionsvorschriften genügen.

Das Potenzial des Dieselmotors ist noch

lange nicht ausgeschöpft. Und es wird dringend

benötigt, um die strengen Vorgaben

des Gesetzgebers zu erfüllen. Der BMW-

77

Vorstandsvorsitzende Harald Krüger: «Zur

Mobilität der Zukunft gehört definitiv auch

der moderne Diesel-Antrieb. Moderne Diesel

emittieren weniger CO 2 als vergleichbare

Benziner. Sie sind wichtig, um die CO 2 -

Ziele zu erreichen.» Das bestätigt die deutsche

Wissenschaftliche Gesellschaft für

Kraftfahrzeug- und Motorentechnik: Schadstoffemissionen

werden «in Zukunft kein

Argument gegen den Diesel- oder Benzinmotor

sein», stellten 27 führende Motorenforscher

im vergangenen Jahr fest.

Schon jetzt gehören Dieselmotoren von

BMW zu den saubersten der Welt. Der Weg

dorthin: unermüdliche Forschung. Bei BMW

geschieht das im österreichischen Motorenwerk

Steyr. Dort wurde ab 1987 die weltweit

erste elektronische Direkteinspritzung für

Dieselmotoren gebaut – ein Meilenstein im

Hinblick auf Effizienz und Sauberkeit. Rund

zehn Jahre später folgte ein Sechszylinder

mit neuartiger Common-Rail-Direkteinspritzung,

der bis zu 184 PS abgab – zu seiner

Zeit der weltweit stärkste Diesel antrieb

für einen Pkw. Kurz darauf errang BMW erstmals

mit einem Diesel-Modell den Sieg

beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring!

Nun ging es Schlag auf Schlag:

zweite Generation der Common-Rail-Einspritzung

und bald darauf die dritte, Vierventil-Technik,

Stufenaufladung mit zwei,

drei und sogar vier Turboladern, Oxidationskatalysator,

Partikelfilter, Stickoxid-Speicherkat,

AdBlue-Einspritzung.

Weitere Potenziale bietet vor allem die

Feinabstimmung – zum Beispiel erhöhter

Einspritzdruck, noch präzisere Abstimmung

von Ladeluftkühlung sowie Ventil- und Turbolader-Steuerung.

Ein weiterer Schritt wird

die Vorbehandlung des Kraftstoffes sein:

Diesel wird chemisch so aufbereitet, dass

bei der Verbrennung Schadstoffe gar nicht

erst entstehen.

Denkbar also, dass in wenigen Jahren

der modernste Diesel aller Zeiten auf den

Markt kommt. Aller Zeiten? Natürlich nicht –

sondern wieder einmal nur so lange, bis

die Entwicklung weitergeht. •


AUTOMATISIERTES FAHREN

DIGITALE

PFERDE

In Zukunft finden Autos ohne menschlichen

Lenker ans Ziel. Warum autonomes Fahren mehr

bedeutet als technischer Fortschritt.

Autonomes Fahren gab es schon

zu Kaisers Zeiten: Altgediente

Droschkengäule kannten vor

150 Jahren ihre Touren auswendig

– schlief der müde Kutscher abends auf

dem Nachhauseweg ein, trotteten sie brav

zum heimischen Stall, ganz ohne Peitsche

oder Zügel. Die Verkehrsmittel der Zukunft

können das auch und noch viel mehr.

Bereits in wenigen Jahren wird Ihre Kutsche

Sie zuverlässig überall hin bringen,

auch mitten in der Nacht und bei schlechtem

Wetter. Ein überaus reizvolles Szenario:

Sie beginnen Ihre Ferienreise nicht mit

Schlangestehen vor dem Check-in oder mit

Kofferschleppen auf dem Bahnperron, sondern

mit Beine-Ausstrecken. Abends nach

der Arbeit ins Auto einsteigen, die Sitze per

Knopfdruck in Schlafliegen verwandeln, als

Ziel nur «irgendwo am Mittelmeer» flüstern

und die Augen schliessen.

Ihre digitalen Pferdchen kennen den

Weg und bringen Sie im Schlaf hin. Wenn unterwegs

Stau die Fahrt verlangsamt, kein

Problem: Dank Car-to-Car-Kommunikation

sind alle Fahrzeuge bestens vernetzt, warnen

sich gegenseitig und setzen das Tempo

recht zeitig herunter, damit Sie nicht durch

heftiges Bremsen aufgeschreckt werden.

Vom heutigen Zustand scheint diese Luxus-Zukunft

Lichtjahre entfernt – doch die

Autoindustrie ist näher dran, als man im ersten

Augenblick glauben mag.

Seit langem ist der Weg zum autonomen

Fahren – also dem Zustand, in dem niemand

an Bord mehr auf den Verkehr achtgeben

muss und das Auto selbstständig den Weg

zum Ziel findet – klar definiert: Das Fünf-Stufen-Modell

(Grafik rechte Seite) zeigt, dass

unsere Reise in die Zukunft schon längst

begonnen hat.

Vor 20 Jahren waren wir noch – wie schon

unsere Ur-Ur-Grosseltern auf dem Kutschbock

– auf Stufe 0. Die bedeutet: null Entlastung,

null Unterstützung, aber Verantwortung

und Arbeit zu hundert Prozent beim Fahrer.

Denn selbst mit besonders aufmerksamen

Pferden vor sich hatte stets der Kutscher

die Zügel in der Hand. Diese Verantwortung

wird jenen Menschen, die gern selbst fahren,

auch in Zukunft niemand nehmen.

Aber schlaue Pferde ergeben ihren Sinn.

Schon heute wissen wir ABS, ESP, Tempomat

und Einparkhilfe zu schätzen – intelligente

Helfer, die uns Überwachungs-Arbeit

abnehmen, damit die Fahrt entspannter

und komfortabler wird. Hinzu kommen

Spurhalteassistent, Verkehrszeichenerkennung,

Totwinkelwarner. Arbeiten die Systeme

vernetzt und in Kooperation miteinander,

sind wir vom autonomen Fahrzeug nicht

mehr weit entfernt.

Der technische Fortschritt verläuft buchstäblich

rasant. Wann werden erste Personenwagen

autonom auf unseren Strassen

fahren? Darüber sind sich Wissenschaftler

noch nicht ganz einig. Zu technischen Problemen,

die noch zu lösen sind, kommen

rechtliche Fragen, die geregelt sein müssen,

bevor die digitalen Pferde angeschirrt sein

werden. Die meisten Experten denken, dass

es in 15 Jahren so weit sein wird. •

Foto: BMW

78


Wissenschaftler schätzen, dass Autos in etwa 15 Jahren autonom fahren.

Für die Auto-Insassen heisst das: Zurücklehnen, entspannen, die Landschaft geniessen.

ÜBERSICHT ZUR ENTWICKLUNG DES AUTOMATISIERTEN FAHRENS

LEVEL 0

SEIT 1886

NICHT ASSISTIERT

LEVEL 1

SEIT 2000

ASSISTIERT

LEVEL 2

SEIT 2013

TEILAUTOMATSIERT

LEVEL 3

AB 2021

HOCHAUTOMATSIERT

LEVEL 4

NACH 2021

VOLLAUTOMATSIERT

LEVEL 5

NACH 2025

AUTONOM

Fahrer Füsse weg Hände temp. weg Augen weg Aufmerksamkeit weg

Beifahrer

DER MENSCH

✚ Der Mensch bringt viele Kompetenzen mit

Erfahrung, Flexibilität, Antizipation, Empathie, Intuition

Aber er hat seine Grenzen

Reaktionszeit, Wahrnehmung, Konzentration, Ausdauer, Emotionen

✔ Erwartungen an den Fahrer

Aufmerksamkeit, Verantwortung, Vorausschau, Ausdauer, Konzentration

Der Fahrer wünscht sich zunehmend

Fahrspass, Autonomie, Sicherheit, intuitive Bedienung,

Entlastung, Entspannung, Zeit

DIE TECHNIK

✚ Die Technik bringt viele Kompetenzen mit

Schnelligkeit, Multisensorik, Stabilität, Multitasking, Präzision

Aber sie hat ihre Grenzen

Starrheit, Reaktion, Aktualität, Künstlichkeit

✔ Erwartungen an die Technik

Sicherheit, Umsicht, Fahrassistenz, Entlastung, ausgereifte Lösungen

Die Technik bietet zunehmend

Sicherheit, automatisierte Funktionen, Unterstützung,

Entlastung, Entspannung, Entertainment

79


ELEKTROMOBILITÄT & NACHHALTIGKEIT

WEGWEISENDER

DAUERLÄUFER

Schon beim olympischen Marathon 1972 in München

starteten Elektroautos von BMW. Heute führt

der BMW i3 das Feld der Langstreckenläufer an.

Es war ein Einsatz mit grossem Symbolgehalt:

Beim olympischen Marathon

in München starteten 1972

zwei BMW-Fahrzeuge. Als nach

dem Startschuss Hunderte von Athleten aus

aller Welt zu den legendären 42,195 Kilometern

aufbrachen, setzten sich auch die beiden

Versuchsträger in Bewegung – emissionsfrei

und geräuschlos: Elektroantrieb

prädestinierte die in leuchtendem Orange

lackierten Zweitürer auf Basis des populären

Mittelklasse-Modells BMW 1602 als Begleitund

Filmfahrzeuge für das Sportereignis.

Gewaltige Bleibatterie-Blöcke in ihren Motorräumen

ermöglichten schon damals eine

Reichweite von 60 Kilometern. Für ein Serienmodell

war die in den Versuchsfahrzeu-

gen eingesetzte Technologie zwar noch

nicht attraktiv, als Basis für weitere Forschungs-

und Entwicklungsprojekte war der

Olympia-Einsatz dagegen sehr wohl geeignet.

Seitdem hat der technologische Fortschritt

die Elektromobilität massgeblich

vor angebracht, zäh und unaufhaltsam wie

ein Marathonläufer: Rund 45 Jahre später

baut die BMW Group mit dem BMW i3 das

populärste deutsche Elektroauto. Und wieder

ist das lokal emissionsfrei angetriebene

Fahrzeug zuverlässiger Begleiter des Spitzensports.

Der BMW i3 wird regelmässig als

Führungsfahrzeug bei Marathon-Rennen in

Berlin, Hamburg oder München eingesetzt.

Mit bis zu 200 Kilometer Reichweite im

Alltagsverkehr hat auch er sich zu einem

Ausdauerathleten entwickelt. Ein spurtstarker

Sportler ist er obendrein: Als BMW

i3s mit 135 kW/184 PS starkem E-Motor

sprintet er in nur 6,9 Sekunden aus dem

Stand auf Tempo 100, sein Spitzentempo

liegt – elektronisch begrenzt – bei 150 km/h.

Als Hochvoltbatterien dienen Lithium-

Ionen-Akkus, die mehr speichern, weniger

wiegen, länger die Ladung halten und dank

elektronischer Überwachung mehr Ladezyklen

vertragen. Die Karosserie des BMW i3

besteht nicht mehr aus Stahlblech, sondern

aus dem Werkstoff der Zukunft: Carbon.

Wie werden Elektroautos im nächsten

Entwicklungsschritt aussehen? Die Erfahrung

der vergangenen 45 Jahre weckt

grosse Erwartungen. •

VORFAHRER

Früher wie heute: Elektroautos

von BMW sind die

idealen Marathon-Begleiter.

Heute wird der lokal

emissionsfrei angetriebene

BMW i3 regelmässig als

Führungsfahrzeug bei

Marathon-Rennen in Berlin,

Hamburg oder München

eingesetzt.

Fotos: (7) BMW


KUNSTWERKE

Die Designs der BMW-i-

Modelle erzählen eine einzigartige

Geschichte. Das

Zusammenspiel aus den

Materialen Karbon, Kenaf,

Leder und Eukalyptusholz

ist stilvoll, nachhaltig und

bietet grösstmögliche

Schadstofffreiheit.

Kenaf

DESIGN, DAS

GESCHICHTEN

ERZÄHLT

PET

Eukalyptusholz

Rindsleder

Elektrifizierte Automobile von BMW i zeigen,

dass Nachhaltigkeit und Stil gut zusammenpassen.

W

ie sieht eigentlich Nachhaltigkeit

aus? Während jetzt

die eine an Bio-Lebensmittel

denkt, mag ein anderer vielleicht

Naturvölker auf fremden Kontinenten

vor Augen haben. Jeder Mensch verbindet

mit dem wichtigen Begriff eine andere Assoziation.

BMW i hat dem Prinzip der Nachhaltigkeit

ein besonderes, einprägsames

Gesicht verliehen. Das Design des rein

elektrischen BMW i3 und des Plug-in-Hybrid-Sportwagens

erzählt spannende Geschichten

und öffnet den Blick für die Komplexität

von nachhaltigem Denken und

Wirtschaften. Und das gilt nicht allein für

die individuelle Formensprache der Karosserie

aus leichtem Karbon, sondern auch für

viele Details. Ein Beispiel sind die Kenaf-Fasern,

aus der die Türverkleidungen und die

Abdeckung der Instrumententafel bestehen.

Das nachwachsende Rohmaterial ist

anders als konventionelle Plastikverkleidungen

frei von Erdölprodukten, es fühlt

sich angenehm an und entsteht in Handarbeit:

In Bangladesch ernten Landarbeiter

die Kenaf-Pflanzen, trennen die Fasern vom

Holz und sortieren sie individuell nach Qualitätsgrad.

BMW i hat für die asiatischen

Bauern und ihre Produkte Standards durchgesetzt,

die grösstmögliche Schadstofffreiheit

und soziale Sicherung garantieren. Und

so geht es weiter: Neben Recycling-Materialien

wie Polyethylenterephthalat (PET)

aus eingeschmolzenen Kunststoffflaschen

findet Eukalyptusholz Verwendung, das aus

nachhaltigem Plantagenanbau stammt und

nicht von Übersee, sondern aus Spanien

und Portugal importiert wird.

Die Hölzer werden als Instrumententafel

zum Schmuckstück des Interieurs. Die Stabilität

des Materials ist so hoch, dass eine

dünne Lackschicht genügt, um es vor UV-

Strahlung zu schützen. Ein weiteres Design-

Statement, das sowohl Stil als auch Nachhaltigkeit

ausdrückt, stellt das Leder im

Innenraum dar: Die Rinderhäute werden

umweltschonend mit einem Extrakt von Olivenlaub

gegerbt. So erzählen die verwendeten

Materialien Geschichten von Nachhaltigkeit

– und kreieren ganz nebenbei ein

stilistisches Gesamtbild, das durch seine

Einzigartigkeit beeindruckt. •

81


JESSE OWENS

REKORDJAGD

IM ROTEN TRIKOT

Jesse Owens war einer der grössten Leichtathleten

der Geschichte. Und hatte im roten Trikot

einen Tag, den niemand mehr haben wird.

Fotos: Bettmann Archive/Getty Images

Text: Christian Bürge

Die Welt kennt ihn vor allem von

den Schwarzweiss-Aufnahmen,

die ihn an den Olympischen

Spielen 1936 in Berlin zeigen.

Wie er unter den Augen von Adolf Hitler

über 100 Meter, 200 Meter, 4 x 100 Meter

und im Weitsprung vier Goldmedaillen

gewinnt.

Im Vergleich dazu wird wenig bis nichts

über eine noch viel bemerkenswertere

Leistung gesprochen, die Jesse Owens ein

Jahr zuvor gelingt. Im Mai 1935 schafft der

Student, der für die Ohio State University

beim traditionellen Meeting in Ann Arbor

antritt, Sagenhaftes. In nur 45 Minuten

egalisiert er den Weltrekord über 100 Yard

und setzt dann eigene Weltrekorde im

Weitsprung, über den 220-Yard-Sprint und

über die 220-Yard-Hürdendistanz.

Das ist umso bemerkenswerter, als

Owens zu Beginn des Tages noch nicht

weiss, ob er überhaupt einen einzigen

Wettkampf bestreiten kann. Denn fünf

Tage zuvor fällt er bei einer Keilerei in

seiner Studentenverbindung die Treppe

hinunter und verletzt sich am unteren

Rücken. Er schmerzt ihn auch noch beim

Aufwärmen. Doch dann gibt es kein Halten

mehr. Um 15.15 Uhr läuft er die 100

Yard (91,44 Meter) in 9,4 Sekunden, um

15.25 Uhr verbessert er den Weitsprung-

Weltrekord bei seinem einzigen Versuch

um 15 Zen timeter auf 8,13 Meter. Mit dieser

Weite wäre er noch bei den Olympischen

Spielen 2008 Siebter geworden.

Neun Minuten später, um 15.34 Uhr,

bricht er den Weltrekord über 220 Yard

(201 Meter) in 20,3 Sekunden – drei Zehntel

schneller als die bisherige Bestmarke.

Der Rekord wird auch als 200-Meter-Weltrekord

anerkannt. Um 16 Uhr schliesslich

Owens 1936 im

Randall‘s Island

Stadium von New

York (r.). Eines

seiner roten Ohio-

Shirts wurde 2010

für 54 000 Dollar

versteigert.

unter bietet er über die 220-Yard-Hürden-

Strecke (201 Meter) mit 22,6 Sekunden als

erster Läufer die 23-Sekunden-Marke.

Auch hier wird ihm der Rekord über die

200 Meter Hürden zuerkannt.

Die 5000 Zuschauer sind darob aus

dem Häuschen, der bedrängte Owens

muss die Garderobe schliesslich über

das Fenster verlassen. Der Humorist Will

Rogers sagt über Owens’ Leistung an diesem

Tag: «Mister Owens brach praktisch

alle Welt rekorde an diesem Tag. Möglicher

weise mit der Ausnahme von Stiefelwerfen

und Fahnenmast-Sitzen.» •

82


SEINE PARADEDISZIPLIN:

SCHNELLSTARTS.

DER MINI COUNTRYMAN PLUG-IN-HYBRID MIT ALL4.

MINI Cooper S E Countryman ALL4, Normverbrauch: 2,4 l/100 km + 13,4 kWh/100 km, CO 2 -Emissionen: 55 g/km (Durchschnitt aller in der Schweiz verkauften Neuwagen: 133 g CO 2 /km),

CO 2 -Emissionen aus der Treibstoff- und/oder der Strombereitstellung: 31 g/km, Benzinäquivalent: 3,9 l/100 km, Energieeffizienzkategorie: C.


MASTER CHRONOMETER:

STANDARDS ERHÖHEN

Hinter der Eleganz jedes Master Chronometer

Zeitmessers stehen Prüfverfahren auf

höchstem Niveau: 8 Tests in 10 Tagen,

für herausragende Präzision und

Antimagnetresistenz. Wir haben unsere

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