Balancer Nr. 74, 4/2018

BALANCEKommunikation

Der „Balancer“ berichtet als Fach- und Vereinszeitschrift über die Aktivitäten von BALANCE, bekennt sich zu dessen Leitbild und Grundsätzen und thematisiert besonders relevante Themen und Ereignisse, die Menschen mit Behinderungen betreffen. Der „Balancer“ folgt inhaltlich dem Bekenntnis des Art. 7 der Bundesverfassung, nach welchem es ein Grundrecht aller Menschen ist, gleichberechtigt und ohne Diskriminierung zu leben.
Inklusive Redaktion

Als Grundvoraussetzung für eine zukünftige inklusive Gesellschaft werden Selbstbestimmung und Selbsttätigkeit der BALANCE-KlientInnen unterstützt. Gemäß diesem Anspruch setzt sich das Redaktionsteam des „Balancers“ zu gleichen Teilen aus BewohnerInnen, Tagesstruktur-TeilnehmerInnen und MitarbeiterInnen zusammen.

Zeitschrift von BALANCE | Verein BALANCE – Leben ohne Barrieren | Ausgabe Nr. 74 | 4/2018, Jahrgang 21

Thema

Unsichtbare Behinderungen

Interview

Eine größere Offenheit in Richtung

Anderssein – Interview mit Kuno

Gruber von Specialisterne

Kunst

Netzwerkkabel mit Server –

Kunstinstallation von Barbara Plak


2 EDITORIAL

BALANCER 74, 4/2018

Editorial

Von Helga Hiebl

Inhalt

Vorgestellt

03 Martina Eder

Reizüberflutung oder Reizarmut? Wie leben wir mit unseren

Sinnen, wie viele nutzen wir und können wir nutzen? Was passiert,

wenn uns die Sinne im Stich lassen? Und was ist, wenn

uns unsere Wahrnehmungen zu viel werden? In dieser Ausgabe

widmen wir uns dem Thema „Unsichtbare Behinderungen“.

Ob mit autistischer Wahrnehmung, gehörlos, Multiple Sklerose,

psychisch krank oder einfach nur übermüdet, in vielen dieser

Fälle ist das, was uns Menschen behindert, von außen nicht

wahrnehmbar. Wo entsteht diese „Behinderung“? Andrej Rubarth

geht dieser Frage nach, indem er sich auf die Interaktion,

das Miteinander, die Begegnung zwischen Menschen fokussiert.

Das 2017 neu gestartete Angebot TAGS ELFPlus ist für die

Zielgruppe Menschen mit autistischer Wahrnehmung entwickelt

worden. Christian Zuckerstätter hat mit den Mitarbeiter-

Innen und TeilnehmerInnen gesprochen. Specialisterne ist nicht

nur ein besonderes Wort, sondern auch eine Organisation, die

AutistInnen mit besonderen Fähigkeiten an Unternehmen vermittelt.

Jürgen Plank und David Galko haben nachgeforscht und

dazu den Geschäftsführer Kuno Gruber interviewt.

Warum Mahatma Gandhi im Oktober ein Thema war, was

Afrika mit Wien zu tun hat und warum die neue Rallye nicht

Paris–Dakar, sondern besser Wien–Bregenz heißen sollte, erfahren

Sie ebenfalls in dieser Ausgabe. Im Namen der Redaktion

wünsche ich angenehme Lesestunden!

BALANCE Intern

04 15 Jahre Tagesstruktur-Standort

Fuchsenfeld wurde gefeiert ...

BALANCE International

06 Lernreise HAMBURG–WIEN

BALANCE Pinnwand

08 E-Wheels-Tour

09 Auf der Donaustädter Wiesn

09 Afrika-Tage: Ägypten-Feeling auf der Donauinsel

10 Weihnachten und das Neue Alte Jahr in der

Ukraine!

11 Mein YouTube-Projekt

BALANCE Kunst

12 „Netzwerkkabel mit Server“ Barbara Plak

Thema

15 Unsichtbare Behinderung – unsichtbare Barrieren

18 Fit für Sensibilisierungstrainings

Impulstanz

20 Future clinic for critical care – ein

IMPULSTANZ-Workshop

Barrierefreiheit

24 Technologie ermöglicht barrierefreie

Kulturerfahrung

Das Cover zeigt ein Werk des Künstlers Friedrich Ettenauer,

geboren am 03.07.1956 in St. Pölten und seit 2003 Künstler

bei bildBalance im Atelier Maria Ponsee

Auszug aus Ausstellungsbeteiligungen der letzten Jahre: Kulturhaus

alter Pfarrhof, St. Andrä-Wördern; Ausstellungsbrücke, St. Pölten;

Galerie im Rathaus, St. Pölten; art room würth, Bö heimkirchen;

Universität für angewandte Kunst, Wien; Hipphalle, Gmunden.

Als Themen für seine Bilder sucht Ettenauer immer Bereiche,

die ihn persönlich betreffen oder interessieren. Im Falle des Bildes

„Ringe in blau-gelb“ ist es der Bezug zu Niederösterreich, der ihn

dazu inspiriert hat und bei den „Margeritenblumen“ ist der Bezug,

dass er ein großer Naturfreund ist und er sich über jede Pflanze

sehr freuen kann.

Friedrich Ettenauer: „Als Künstler braucht man Freude, Mut

und Interesse am Malen, sonst macht es keinen Sinn ins Atelier zu

kommen – und wenn man beständig den Ehrgeiz dafür hat und

dranbleibt, dann kommt man auch auf ein Zeitschriften-Cover.“

Politik

25 Erhöhte Familienbeihilfe

Gewaltfreiheit

26 Der 2. Oktober war Internationaler Tag der

Gewaltfreiheit

Inklusive Arbeitswelt

26 Der „DisAbility Confidence Day“

BALANCE Tagesstruktur

29 Die TAGS ELFPlus

Interbalance

32 Eine größere Offenheit in Richtung Anderssein

Kommentar

34 Essen in den Öffis

35 Impressum

Veranstaltungen

Foto: A. Berger


BALANCER 74, 4/2018

VORGESTELLT 3

1 Ein guter Tag bei BALANCE beginnt mit …

… Kaffee und Kipferl und bisschen small talk

2 Welche Barrieren hast du in deinem Leben schon beseitigt?

Weniger beseitigt, mehr integriert

3 Rollentausch: Was würdest du von einer Betreuerin in der Tagesstruktur

erwarten?

Genug Freiheit, damit ich tun kann was ich möchte und

auf die Art und Weise wie ich es möchte, unterstützt werde,

wertschätzender Umgang und Humor

4 Die Tagesstruktur-Fuchsenfeld Papiergruppe ist besonders, weil ...

… wir ein eingespieltes Team sind

… wir das alte Handwerk des „Papierschöpfens“ für

uns entdeckt haben und damit auch neue Produkte

entwickeln

13 Fragen an:

Martina Eder

Aufgewachsen in OÖ, mit 18 Jahren

nach Wien übersiedelt. Neben

der künstlerischen Ausbildung/

Arbeit war Martina Eder auch in der

Hauskrankenpflege beschäftigt.

Im Rahmen der Kunsttherapieausbildung

absolvierte sie vor ca. acht

Jahren ein Praktikum bei BALANCE.

Nachdem sie fast alle Werkstätten-

Gruppen kennen gelernt hatte, ist

sie schließlich in der Papiergruppe

gelandet, macht Einzelbetreuungen

und ist irgendwie auch zur „Hausgrafikerin“

geworden.

Im Vorjahr begann Martina Eder mit

der Fortbildung „ALL AUTISMUS“

Die Abkürzung ALL bedeutet Autisten

Lesen Lernen. Es geht darum,

den Menschen mit autistischer

Wahrnehmung mit der Gesamtheit

seines Verhaltens zu erfassen,

um dann den Orientierungsbedarf

einer Person optimal zu ermitteln,

bevor Interventionen durchgeführt

werden.

5 Aktivitäten lieber drinnen oder draußen?

Sowohl als auch.

6 Dinner im Dunkeln ist …

… vielleicht eine interessante Erfahrung, ich bevorzuge

ein Dinner, das ich auch sehen darf, die Augen „essen mit“

7 Wahrnehmen kann man am besten mit …

… allen Sinnen

8 Ich sehe was das du nicht siehst und das ist …

… vielleicht sogar Dasselbe, das ich nur „anders“ sehe.

9 Lieblingsgefühl?

Immer gerade das Gefühl, das mir besonders gut tut

Lieblingsfarbe?

Möchte mich nicht festlegen, variiert je nach Jahreszeit,

Tagesverfassung und Laune

10 Lieblingsgeräusch?

Hab ich keines, aber ich freue mich immer wieder, wenn

ich in der Früh in meinen 24 Jahre alten Ford Fiesta einsteige

und beim Umdrehen des Schlüssels das Startgeräusch

höre.

10 Lieblingsoberfläche?

Wenn ich darauf schlafen soll, angenehm weich und

warm und wenn ich an geschöpftes Papier denke, bevorzuge

ich eine Oberfläche mit zarter Struktur …

11 Lieblingsduft?

Jasmin, Sandelholz, Limette, Flieder, Rose … die Liste wäre

endlos.

12 Essen in den Öffis, ja oder nein?

Leberkäse und Kebab NEIN, Schokolade JA

Foto: M. Eder privat

13 Was ich sonst noch unbedingt loswerden möchte …

Momentan nichts, danke!


15 Jahre

Tagesstruktur-Standort

Fuchsenfeld wurde gefeiert ...

Bildtexte von Cornelia Renoldner

4 INTERN

BALANCER 74, 4/2018

... mit Willkommenstrunk mit oder ohne Alkohol

... mit Zeigen und Verkaufen von

Handwerksprodukten

... und diesmal

auch durch

Martin Nehmeth/

Leitung Fuchsenfeld/Gitarre

und Felix Hemmelmayer/Koch

Fuchsenfeld/

Keyboard

... mit herzlicher Begrüßung durch den gewählten

Vertreter der NutzerInnen David Galko, der darauf

hinwies, dass die NutzerInnen gefragt werden,

wenn in der TAGS Fuchsenfeld etwas entschieden

wird. ... mit Gesang vom Fuchsenfeld-Chor unterstützt

durch die MusikerInnen Mary Broadcast und

Jimy Dolezal

Doris Kallinger und

Martin Nemeth, die

beiden Leitungen

erinnerten an Meilensteine

auf dem Weg

dieser TAGS-Projekte

und Veranstaltungen,

z. B. die Erarbeitung

und Präsentation des

Mitsprachekatalogs.

Und Martin Nemeth

begrüßte extra und mit

Freude Frau und Herrn

Kopper, frühere Obfrau

und Vorstandsmitglied

und überhaupt MitbegründerInnen

des

Vereins BALANCE, die

immer noch neugierig

sind, was läuft bei

BALANCE.

Die nächsten Jubiläumsmusiken

kamen von Christophe Schuh mit

seiner Violine und Andrea Ernst,

die ihr Lieblings-Beatles-Lied mit

Gitarrenbegleitung sang ... das

ging wirklich zu Herzen!

Foto: BALANCE-Archiv


BALANCER 74, 4/2018 INTERN 5

Genug Energie

für alle, um

gemeinsam mit

Happy Birthday

die Geburtstagstorte

herbei zu

singen, natürlich

„Eigenbau“ des

Küchenteams ...

Auch Marion Ondricek/Geschäftsführerin und Cornelia

Renoldner/Fachstelle Beschäftigung waren eingeladen,

das Fuchsenfeld zu feiern. Das taten sie gern ...

Marion Ondricek betonte, dass die Tagesstruktur Fuchsenfeld

die Einrichtung mit den meisten NutzerInnen

bei BALANCE ist und dass die Leitung hier wie in keiner

anderen Einrichtung nicht in zwei, sondern in vier

guten Händen liegt. Cornelia Renoldner hob hervor,

wieviel sich hier geändert hat seit den Anfängen des

Standorts. Marion Ondricek berichtete von Rückmeldungen

weit oder weniger weit gereister BesucherInnen,

denen aufgefallen ist, dass die NutzerInnen hier

etwas zu sagen haben und gehört werden.

Damit wurde auch zum Buffet geladen – keine

Fotos von den legendären Fuchsenfeld-Brötchen,

weil sie sofort umlagert waren ...

Aber ein Foto von den ehrenamtlichen Helfern an

der Bar – mit Dankeschön!

Damit war endlich genug

frontal gesprochen und Iris

Kopera konnte ihre Gesangsstimme

erheben für einen

kräftigen teils improvisierten

Song mit Begleitung der

MusikerInnen – so zeigte sich

die Band HALTESTELLE „as its

best“ und ließ die Stimmung

im Saal steigen.

Ein wunderbarer Abend

von Christian Zuckerstätter

Hoffentlich hat sich niemand

von den Gästen die

Fotostrecken und Videos

entgehen lassen, die in

den Arbeitsräumen zu

sehen waren ... hier die

Beispiele aus der Papierwerkstatt

... da wurden

Geschichten von zum

Teil langjährigen Tagesstruktur-TeilnehmerInnen

erzählt, spannend und

berührend, manche

überraschen und machen

nachdenklich ... wie wir

vertrauen können, dass

jedeR etwas zu geben hat

und wieviel Energie diese

TeilnehmerInnen aufbringen,

um das zu tun ...

Ich konnte es den Leuten vom Gesicht ablesen: als ich erzählte,

wohin ich am Abend gehe, dachten sie: „Oje, du Armer!“.

Ein Fest bei einer Behindertenorganisation schien

ihnen eindeutig eine Kontradiktion zu sein. Das ist es natürlich

an sich nicht, und bei BALANCE schon gar nicht! Natürlich

haben wir nicht bis in der Früh durchgetanzt, aber

es war ein wunderbarer, entspannter Abend im Kreis aller

FuchsenfelderInnen und der vielen lieben Leute, die sich

in ihrem nahen Umfeld „angesiedelt“ haben. Noch dazu

aufs Beste versorgt, sprich verwöhnt, von der hauseigenen

Küche.

Ich bin jetzt schon seit drei Jahren nicht mehr am Fuchsenfeld

in Betreuung. Aber es ist immer wieder eine große

Freude für mich, hinzukommen und zu spüren, wie nah mir

jedeR einzelne NutzerIn und jedeR einzelne BetreuerIn ist.

Das war für mich an diesem Abend wieder ganz deutlich zu

spüren und ich habe es vorbehaltlos genossen! Ein ganz toller

Abend! (core/chriz)


6 INTERNATIONAL

BALANCER 74, 4/2018

Lernreise

HAMBURG–WIEN

Vom 7. bis 9. August 2018 war eine Gruppe von 17 NutzerInnen

und MitarbeiterInnen der Organisation Leben mit

Behinderung Hamburg (LmBH) auf einer Lernreise in Wien.

Von Cornelia Renoldner

Der Plan zu dieser Reise war beim AIREA-

Workshop im Oktober 2017 gefasst worden.

BALANCE ist mit LmBH (Leben mit Behinderung)

seit dem EU-Projekt „Neue Wege zur Inklusion“ ganz

gut bekannt. Ihr erklärtes Vorhaben war, während dieses

Bildungsurlaubes zu erkunden, wie es um die Umsetzung

der vor zehn Jahren unterzeichneten UN-Konvention über

die Rechte von Menschen mit Behinderung steht, v. a. um

Wahlmöglichkeiten, Selbstbestimmung und Teilhabechancen.

Bei BALANCE wollten sie Wohnmöglichkeiten für

Menschen mit Behinderung und Tagesstruktur kennenlernen

und sich mit den NutzerInnen über konkrete Formen

von Mitsprache und Selbstbestimmung austauschen.

mit der Verbindung. Schneller als man denkt, war der August

da. Und da waren sie dann, die Gäste – eine ziemlich

große bunte Truppe. Am Nachmittag konnten sie sich mit

BewohnerInnen zweier WGs austauschen. Danke an die

Wohngemeinschaften Böckh und Gold, die bereit waren,

so viele Gäste in ihr Gehäuse zu lassen – dann gab es ja

rege Gespräche.

Im Jänner dieses Jahres meldete dann Céline, die Projektverantwortliche

aus Hamburg (siehe Interview im Balancer

Nr.1/2015), dass LmBH eine Förderung für ihre Lernreise

bewilligt wurde, dass die Reisegruppe zusammengestellt

und die Reise geplant wird.

Nun musste auch BALANCE beginnen mit Planen und

Vorbereiten. Für die Leitungen und bald die Tagesstruktur-NutzerInnen

und MitarbeiterInnen war klar, das sollte

nicht einfach ein nettes touristisches Zusammentreffen

werden, sondern ein persönliches Kennenlernen, Neues

erfahren und gemeinsam feststellen, was es schon gibt

und was noch fehlt an Teilhabemöglichkeiten für Menschen,

die mit Behinderung leben, und es soll weitergehen

Einen guten Teil des zweiten Tages verbrachten die HamburgerInnen

dann verteilt in den drei Wiener Tagesstruktur-Standorten.

Sie waren vorher übers Programm informiert

und konnten so auswählen, welchen Standort sie

kennenlernen wollten.

An allen drei Standorten gab es ausführliche Gespräche

über die Mitsprachepraxis und Selbstbestimmung. Am

Tagesstruktur-Standort ELF wurde erstmal ein Crashkurs

in österreichischem Deutsch absolviert, um die Sprachbarriere

abzubauen. Dann ging es zur Sache Mitbestimmung

– Selbstbestimmung. Da wurde der Alltag in Wien

und Hamburg verglichen. Die „ELFer“ waren erstaunt über

die genauen Nachfragen – die Hamburger beeindruckt

vom Video der „ELFer“ von ihrem Workshop zum Streitschlichten,

bei dem NutzerInnen und MitarbeiterInnen mit

Unterstützung des SCHRITTE-Teams sich gemeinsam mit

dem Thema STREIT auseinandergesetzt hatten. Wie immer

waren auch hier die informellen Gespräche wichtig, z. B.

beim gemeinsamen Mittagessen – diesmal selbstgekocht,

natürlich österreichische Küche – Strudel.

Foto: BALANCE-Archiv


BALANCER 74, 4/2018 INTERNATIONAL 7

Besprechen, was man essen will und dann einkaufen gehen

und zusammen kochen – einmal pro Woche im ELFer

praktiziert, das fanden die HamburgerInnen gut, haben

sie am nächsten Tag berichtet.

Diese persönlichen Eindrücke entsprechend dem eigenen

Interesse – bei jeder TeilnehmerIn etwas Spezielles – und

waren offenbar der große Gewinn! Diese Vergleiche mit

dem eigenen vertrauten Alltag. Da war noch nicht die Rede

davon, dass die NutzerInnen der Werkstätten in Hamburg

einen Arbeitsvertrag haben und selbst sozialversichert

sind – im Gegensatz zu den WienerInnen.

Ein anderer Teilnehmer der Hamburger Lernreise

meinte, dass ihn beeindruckt hat, „wie da alle zusammenarbeiten

in so viel verschiedenen Bereichen“.

Weil die BALANCE-Zentrale nebenan ist, kam die Geschäftsführerin

Marion Ondricek auf ein Wiedersehen

und einen Pausenschwatz vorbei. Sie hatte ja beim AIREA-

Workshop im letzten Jahr bereits einige SelbstvertreterInnen

kennengelernt.

In der Tagesstruktur SoHo zeigten die SoHo-Leute IH-

REN Film, um sich vorzustellen. Die NutzerInnen hatten

mit Unterstützung geplant, was in dem Film gezeigt und

gesagt werden sollte. Nach diesem Skript war dann der

Film von einem Profi-Filmer umgesetzt worden. Schließlich

waren die Hamburger Gäste eingeladen auf einen

Gang durchs Grätzel, der wie der Film im Bad an der alten

Donau endete – ein genau passender Ort für solch einen

heißen Tag und für persönliches Kennenlernen und austauschen.

Die Gäste am Tagesstruktur-Standort Fuchsenfeld wurden

im Speisesaal willkommen geheißen und begrüßt, sodass

alle dabei sein konnten. Da wurde auch vom Mitspracheteam

und dem Mitsprachecafé erzählt und gefragt, wie

das in Hamburg läuft. Damit der Austausch leichter geht,

gab es drei Gruppen für die Gespräche. Aber die eigentlichen

Geschichten kamen dann beim Rundgang zur Sprache

in den Arbeitsräumen: „die haben richtig gut gezeichnet

... und haben tolle Stifte“ erzählte am nächsten Tag

eine Hamburgerin, nach ihren Eindrücken gefragt.

Für alle Hamburger UND Wiener Fußballfans war dann

das Highlight der Besuch und eine Backstage-Führung im

Allianz- (ehemals Hanappi-) Stadion. Der Mann, der die

Gruppe herumführte und alles erklärte, sodass alle folgen

konnten, hat übrigens gerade viel mit BALANCE zu tun. Genauer

mit BADANU (BALANCE Datenbank NutzerInnen) –

er ist in seinem hauptamtlichen Job Mitarbeiter bei Care

Center, der Firma, die unsere Datenbank entwickelt hat.

Natürlich war dann doch noch ein bisschen Tourismus-

Wien am Wegesrand mitzunehmen. Und wer nach dem

Tag noch Kondition hatte, war dabei beim abendlichen

Treffen in der Kantine des Museumsquartiers ... Jedenfalls

aber beim Workshop am nächsten Tag ... Das war das Thema.

Nicht mehr und nicht weniger wollen Menschen mit

Behinderungen. Und die UN-Konvention über die Rechte

von Menschen mit Behinderungen deklariert genau das

als Menschenrecht. Was das für jedE heißt, wurde in kleineren

Gruppen besprochen, weil es ziemlich persönlich ist.

Und was einer alles dazu einfällt, wurde in dieser Struktur

festgehalten:

Was ich mache, wo ich dabei sein möchte

Was mich (be-)hindert, das zu tun

Wie es wäre, wenn es keine Barrieren gäbe

Ideen ... was wir tun können

Es wurden sehr konkrete Wünsche notiert und viele Ideen

– daraus können Aktionspläne werden. Wäre gut, in

einem Jahr zu schauen, ob und was sich für einzelne Personen

geändert hat.

Das ist nun also eine Frage für uns bei BALANCE – Wie

schaffen wir es, eine Lernreise nach Hamburg auf den Weg

zu bringen?


8 PINNWAND

KÖRPERBILDER

BALANCER 74, 4/2018

Pinn

wand.

„Mit Gänsehaut“ –

E-Wheels-Tour erfolgreich

beendet

Harry Großmayer, der am 16. August 2018 mit seinem Elektro-

Rollstuhl von Wien nach Bregenz gestartet war, ist fast genau

ein Monat später, am 15. September, erschöpft aber glücklich am

Zielort Bregenz angekommen.

„Irgendwie kann ich es noch nicht wirklich glauben, dass ich es

geschafft habe und was ich da erreicht habe. Das braucht noch ein

paar Tage. Eins kann ich aber schon sagen, ich hatte Gänsehaut“,

so Harry Großmayer nach der Zieleinfahrt. Der Rathausmitarbeiter

begann sein bisher größtes Abenteuer in Beisein von Medien, Fans

und seinem Unterstützungs-Team, sowie dem Bürgermeister von

Zellerndorf.

Viele aufregende und schöne Eindrücke

und neue FreundInnen

Bei den vielen Eindrücken auf seiner Tour gab es einige Highlights

wie eine Schifffahrt auf dem Mondsee, den Besuch der Fundstätte

der Venus von Willendorf und das Hotel Mariandl, Drehort des bekannten

Filmklassikers Anfang der 60er Jahre.

Und nicht zu vergessen das Sieben-Gänge-Menü im Penzinghof

sowie ein Mittagessen mit „bäriger“ Aussicht in Schnifis in der

Bergstation auf einer Höhe von 1.334 Metern! Was diese Tour aber

noch so besonders machte, waren die vielen Begegnungen mit

großartigen Menschen, von denen einige nun neue FreundInnen

geworden sind.

„Ich kann sagen, Österreich ist ein sehr schönes Land mit seinen

Seen, Bergen, Wäldern und Wiesen und ich wurde überall

herzlich empfangen“, beschreibt H. Großmayer seine Eindrücke

von Land und Leuten.

Für dieses Vorhaben hatte er sich ein Jahr lang vorbereitet und

viele UnterstützerInnen, SponsorInnen und SpenderInnen gewonnen

und ein ganzes Team zusammengebracht, an das er sich auch

spontan nach Beendigung seiner Tour wandte: „Ich möchte mich

bei meinem gesamten Tour-Team sehr herzlich bedanken, ohne sie

wäre dies nicht zustande gekommen.“ (heh)

Fotos: H. Großmayer privat


BALANCER 74, 4/2018 PINNWAND 9

Auf der

Donaustädter

Wiesn

Von Gitti Wallner mit Unterstützung von

Michael Chlup

Das Donaustädter Wiesnfest findet alljährlich statt,

2017 widmeten die Veranstalter die Spenden und einen

Teil der Einnahmen dem Tagesstruktur-Standort

SoHo für Sozialraumaktivitäten, außerdem gab es

Freikarten, viele Tagesstruktur-TeilnehmerInnen waren

damals begeistert und waren auch heuer wieder

dort.

Ich finde es sehr nett, dass der Veranstalter Rudi

Pulling uns auch dieses Jahr Freikarten zur Verfügung

gestellt hat. Brigitte B. (Leiterin der Tagesstruktur

SoHo) informierte ihn im Vorfeld, wie viele Leute

daran Interesse hätten, damit wusste er genau, wie

viele Karten er an der Abendkasse hinterlegen sollte.

Außer mir waren Jürgen, Romana, Ricardo und viele

Begleitungen dort. Auch meine AssistentInnen waren

sehr begeistert. Ich habe es sehr schön gefunden,

weil ich dort viele Leute vom letzten Jahr getroffen

habe, die sich auch über unser Wiedersehen gefreut

haben. Ich brauche das Wiesnfest, jedes Jahr ist es für

mich eine vergnügliche, feuchtfröhliche Aktion. Ich

freue mich schon aufs nächste Jahr!

Afrika-Tage:

Ägypten-

Feeling auf der

Donauinsel

Von Pia Wolf

Bereits zum 15. Mal fanden auf der Wiener Donauinsel die

Afrika-Tage statt. Ein Fest mit afrikanischem Esprit, viel

Musik, Tanz, internationalen Künstlern und einem bunten

Basar. Ebenso konnte man in Vorträgen, Lesungen und an

Infoständen erfahren, dass der afrikanische Kontinent mit

vielen Problemen zu kämpfen hat. Ich war am 20. August mit

meinem Betreuer Michael vor Ort.

Es war wirklich ein sehr schöner Tag und ich habe viel gesehen

und erlebt. Zu Beginn durften wir einen traditionellen

Strohtanz aus dem Senegal bewundern, später eine Bauchtänzerin

am „Kairo-Platz“. Sofort habe ich mich wieder an meine

Erlebnisse in Ägypten zurückversetzt gefühlt. Die orientalischen

Rhythmen und Klänge, auch die Verkaufsstände waren

fast so zahlreich wie damals, als ich mit 18 Jahren dort war. Was

aber komplett gefehlt hat, war der Straßenverkehr. Wer noch

nie im Land der Pharaonen unterwegs war, kann sich das in

etwa so vorstellen: die Westautobahn voll mit Autos, fast kein

Stau und Linksverkehr. Einziger Unterschied ist, dass ich damals

auch Kinder hinter dem Lenkrad gesehen habe. Ich persönlich

finde, das ist nicht so optimal. Kinder dürfen meiner

Meinung nach nicht hinter das Steuer, besonders nicht in Kairo,

einer der größten Städte der Welt.

Aber zurück zum Festival: Einige schöne und coole Sachen

musste ich natürlich auch kaufen, wie den Hammer von Thor

(der eigentlich gar nichts mit Afrika zu tun hat), ein Bild, das

meine Lieblingstiere – Pferde – zeigt und einen Amethysten

(Halbedelstein in violetter Farbe).

Beim Sahara-Zelt habe ich mich dann sogar an ein traditionelles

Musikinstrument, die Buschtrommel, herangewagt. Michael

und ich haben außerdem Sambosas (afrikanische Teigtaschen)

probiert, mir war es ein bisschen zu heiß. Da waren kühle

Getränke eher angesagt, Erfrischungsgetränke – besonders

Cola – flossen in Strömen.

Ein Tag mit vielen neuen Eindrücke und alten Erinnerungen

ging zu Ende, ein riesiger Kontinent präsentierte sich und seine

Vielfalt auf einem kleinen Stückchen Insel in Wien.

Fotos: BALANCE / H.Hiebl


10 PINNWAND

KÖRPERBILDER BALANCER 74, 4/2018

Weihnachten und das

Neue Alte Jahr in der

Ukraine!

Von Krystyna Granyevska, Nutzerin der Tagesstruktur SoHo. Krystyna Granyevska

wurde in der Ukraine geboren und verbrachte dort neun Lebensjahre.

Es gibt den Gregorianischen Kalender und den Julianischen

Kalender, unser ukrainisches Weihnachten

wird nach dem Julianischen Kalender berechnet,

das bedeutet, dass in der Ukraine die Bescherung

am 1. Jänner in der Früh stattfindet, die

Geschenke bringt nicht das Christkind, sondern Väterchen

Frost und Schneeflöckchen (Дед Морόз

и Снегỳрочка, das spricht man in etwa so aus: Ded

Moroz i snigúratschka). Bei uns in der Ukraine wird

Weihnachten (Рождествό, sprich: rozhdestvo) dann

am 6. und 7. Jänner gefeiert. Eine nahrhafte, süße

Speise wird zubereitet, die als Symbol der Weihnacht

aus Reis oder aus Weizen besteht, der gekocht und

mit Honig oder Kompott zubereitet wird. Diese Speise

heißt Kutja (кутья).

Dann gibt es noch einen Tag, der heißt „Altes Neujahr“

(Стáрый Нόвый год, sprich: staryy novyy

god). In Russland entstand diese Tradition der Feier

des alten neuen Jahres nach der Einführung des

gregorianischen Kalenders im Jahr 1918. Die Tradition

des Alten Neuen Jahres hat in Russland damit

zu tun, dass die russisch-orthodoxe Kirche all ihre

kirchlichen Feste nach wie vor nach dem Julianischen

Kalender feiert. Das Alte Neue Jahr ist daher ein zusätzliches

Fest, ein Geschenk des Kalenderwechsels.

Wegen der Abweichung in den Kalendern feiern die

Russen also zwei Neujahrsfeste, eines nach dem alten

und eines nach dem neuen Kalender. So kann jeder

in der Nacht vom 13. auf den 14. Januar sein Lieblingsfest

nachfeiern. Für viele Gläubige hat das Alte

Neue Jahr eine besondere Bedeutung, weil sie erst

nach Ende der weihnachtlichen Fastenzeit so richtig

feiern dürfen. Die russisch-orthodoxe Kirche feiert

zusätzlich am ersten Jänner das Fest der Beschneidung

des Herrn und die Erinnerung an Basilius den

Großen.


BALANCER 74, 4/2018

PINNWAND

11

Mein

YouTube-

Projekt

Von Pia Wolf

Endlich hat mein Bezugsbetreuer mit mir ein von langer

Hand geplantes Projekt in Angriff genommen. Nämlich

einige Videos für meinen YouTube-Kanal zu drehen. Wir

suchten uns einen ruhigen, inspirierenden Ort (Türkenschanzpark),

an welchem wir unsere Ideen sammeln konnten.

Wir haben uns auf ein einmonatiges Videoprojekt geeinigt.

Es sollte pro Woche ein selbstgestaltetes Video auf meinen

YouTube-Kanal hochgeladen werden, welches unsere

Wochenaktivitäten zeigt, z. B.: Nordic Walking in der Praterallee

und am Wilhelminenberg, Graffitis fotografieren am

Donaukanal, Besuch des Afrika-Festivals auf der Donauinsel.

Foto: P. Wolf privat

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Besuch im

Kunsthistorischen Museum, wo wir in die ägyptische, römische

und griechische Kultur eintauchen konnten. Nicht zu

vergessen das „Rapideum“, ein Ort, der Fußball und Mensch

verbindet. Einer der letzten Ausflüge, die wir gemacht haben,

hat mich meinen Idolen, den „Lochis“, nähergebracht.

Im Rahmen ihrer „Selfietour“ machten sie in der SCS Vösendorf

halt. Ich habe ein paar wirklich sehr coole Selfies mit ihnen

machen dürfen. Ein großes Dankeschön an Heiko und

Roman Lochmann.

Zu meinen Hauptaufgaben während des Projekts zählten:

in der Rolle als Hauptdarstellerin im Video auftreten,

das Schneiden der Videos und die Musikauswahl. Das

gesamte Projekt war sehr zeitaufwändig. Besonders das

Schneiden der Videos wollte mir am Anfang nicht so leicht

von der Hand gehen. Mittlerweile kann ich das wirklich sehr

gut. Die Musikauswahl hat mir großen Spaß gemacht, weil

ich meine Lieblingslieder selbst aussuchen durfte. Ich habe

Pokémon-Lieder, Yu-Gi-Oh und Lochi-Songs ausgewählt. Das

war mir eine Herzensangelegenheit!

Besonders schwer fiel mir, vor laufender Kamera laut und

deutlich zu sprechen. Wir haben daher hin und wieder mehrere

Anläufe gebraucht. Manchmal ist mir der Geduldsfaden

gerissen, weil ich mir gedacht habe: „Wieso mach ich mich

zum Vollidioten der Nation!?“

Bei den Computertätigkeiten ist mir die Geduld auch

manchmal abhandengekommen. Dies möchte ich in Zukunft

besser in den Griff bekommen – das wird ein Übungsfeld.

Ich habe durch das Projekt viele Erfahrungen sammeln

können. Es ist wahr, dass man sagt, ein Blick sagt mehr als

tausend Worte. Ich habe mit diesem Projekt einen Blick auf

mein Innerstes, meinen, wie die Ägypter sagen, geheimen

Namen, preisgegeben. Und zwar für die Menschen da draußen.

Ich habe gelernt, die Stimme laut erklingen zu lassen.

Außerdem habe ich gelernt, Videos zu schneiden. Das hat

mir wirklich sehr viel Spaß gemacht. Ich will das auch weiterhin

für mich nutzen.

Die Videos kann man auf dem Youtube-Kanal Ash Ketchum

ansehen.


12 Kunst

KÖRPERBILDER BALANCER 74, 4/2018

Foto: BALANCE Archiv


BALANCER 74, 4/2018 Kunst 13


14 kunst KÖRPERBILDER BALANCER 74, 4/2018

„Netzwerkkabel mit

Server“

Interview mit BARBARA PLAK zu ihrer Installation

Von Katja Bacetti

Wie lange hast du an deiner Installation gearbeitet?

„Ich habe seit Jahresanfang 2018, also etwa ein halbes

Jahr lang, an meiner Installation gearbeitet – ich

habe Kabel aufgehängt, umgehängt, beschriftet und

einen Server aus Karton gestaltet; dafür habe ich viele

alte Kabel zusammengesammelt und mir zu allen

Anlässen neue Kabel schenken lassen. Manchmal

war mir wichtig, die Kabel zu öffnen, um die bunten

Drähte innen sichtbar zu machen. Und ich habe teilweise

die Kabel so lange umgehängt, bis es für mich

gepasst hat und ich mich nicht mehr über sie ärgern

musste.“

Wie bist du auf die Idee zu dieser Installation

gekommen?

„Warum ich diese Installation gemacht habe: Ich

habe im Internet viele beeindruckende Bilder von wilden

„Kabelsalaten“ gesehen und habe dadurch Lust

bekommen, selbst so etwas bei mir im kleinen Atelierraum

zu machen.“

Was hast du beim Sommerfest für Reaktionen

auf deine Installation bekommen?

„Beim heurigen Sommerfest in Maria Ponsee war

meine Installation fertig und bereit, um gezeigt zu

werden – während des Festes war ich die meiste Zeit

im kleinen Atelierraum (nur für Essens- und Trinkpausen

war ich draußen), da so viele Leute gekommen

sind, um meine Kabelinstallation zu sehen; sie haben

mich alle gefragt, woher ich die Idee hatte, wie

ich das Ganze gemacht habe und wie lange ich dafür

gebraucht habe. Ich habe mich sehr darüber gefreut,

dass es so gut gegangen ist und so viele interessiert

waren, auch weil ich sehr nervös vor diesem Tag war.“

Und wie geht es jetzt künstlerisch weiter, Barbara?

„Mit dem Abhängen der Kabel habe ich sehr bald

nach dem Sommerfest begonnen, was viel Arbeit war

und was mir natürlich auch leidgetan hat, aber ich

wollte wieder Platz für etwas Neues haben! Und ich

habe danach auch sofort mit einer neuen Installation

begonnen …“


Thema

BALANCER 74, 4/2018 UNSICHTBARE BEHINDERUNGEN

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Behinderung


Barrieren

In diesem Artikel soll es darum gehen, wie wir unsichtbare Behinderung mit

unserem Verhalten in die Welt bringen, wie wir sie herstellen und wieviel es

braucht, um diese Behinderungen wieder rückgängig zu machen.

Von Andrej Rubarth

Die Inklusionsforschung richtet seit einiger Zeit ihren Blick auf ein Problem in

der Gesellschaft, das nicht gleich offensichtlich ist. Aber es betrifft viele

Menschen. Es sind unsichtbare Behinderungen. Wir alle kennen sichtbare Behinderungen,

wenn eine Person zum Beispiel einen Rollstuhl benötigt oder eine Prothese

braucht.

Seit dem Bestehen der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen

ist international anerkannt, dass Behinderung keine Eigenschaft

einer Person ist, sondern dass Behinderung in der Gesellschaft von uns Mitmenschen

erzeugt wird. Dass Begegnungen, Regeln, Gesetze und Institutionen so gestaltet

werden, dass für Personen mit Beeinträchtigungen die Teilhabe am gesellschaftlichen

Leben erschwert, also behindert wird.

EIN LANG BEKANNTES PROBLEM

Es kann passieren, dass eine Person mit sichtbarer Behinderung nicht die Begegnungen

mit Anderen erfährt, die sonst üblich sind. Weil ihre Mitmenschen nur

dieses eine Merkmal sehen. Wodurch alle anderen Eigenschaften der Person und

alle anderen Ansprüche der Person an uns, die sich daraus ergeben, gebrochen

werden, wie Erving Goffman schreibt. Die Person hat dann ein Stigma, das heißt,

sie ist in unerwünschter Weise anders, als wir angenommen haben. Wir geben

daraufhin der Person keine reale Chance der Teilhabe mit uns, wir diskreditieren

sie.

Da ist sie schon, die erste Annahme. Die Annahme, die Person müsse überwiegend

so sein wie die Mehrheit, als die wir uns fühlen. Wir handeln auf der

Grundlage dessen, was wir wissen, wie wir beurteilen oder welche Annahme wir

von etwas haben. Und ständig verwechseln wir das miteinander. Tief verwurzel-


Thema

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KÖRPERBILDER UNSICHTBARE BEHINDERUNGEN

BALANCER 74, 4/2018

te, innere Annahmen sind sehr oft der Ursprung unserer

Handlungen. Im Alltagsleben wurzeln sie viel

weniger in Wissen, als wir glauben, sondern eher in

einem Knäuel aus vielen Erfahrungen, Bedürfnissen

und Informationen. Jede Person entscheidet an dieser

Stelle, ob sie sich einer anderen Person zuwendet

oder sich abwendet, wegschaut. Jede Person entscheidet

an dieser Stelle, ob sie in Beziehung treten

möchte oder nicht. Wir können einen Bekannten

fragen: „Wie geht‘s?“, weil es üblich ist, freundlich

zu sein, um dann schnell weiter zu gehen.

Wenn wir sichtbare Behinderungen als Makel

der Person sehen, wenden wir uns ab. Daraus entsteht

soziale Behinderung für die Person, die wir

herstellen. Es wird die soziale Erfahrung von Grenze,

von Ablehnung erzeugt. Eine Personengruppe

wird an den Rand gedrängt von jenen Menschen,

die annehmen, dass sie in der Mitte der Mehrheitsgesellschaft

sind. Bis Personen mit annähernd gleichen

Makeln nur noch unter sich sind. Was sozial

erfahren wird, ist die Behinderung der Teilhabe für

die Person. Medizin und Politik sind gerade wieder

dabei, eine Form von Behinderung massiv zu diskreditieren,

nämlich Trisomie 21. Sie tun das, indem die

Möglichkeit erst erforscht wurde und nun offensiv

beworben wird, die genetische Abweichung sehr

früh zu erkennen und dann den Fötus gefahrlos für

die Mutter abtreiben zu können. Schlimmer können

die mit uns lebenden Menschen mit Trisomie 21

nicht diskreditiert werden.

ICH HABE WAS, WAS DU NICHT SIEHST

Es gibt in unserem menschlichen Sozialkosmos auch

viele unsichtbare Behinderungen, die nicht gleich

offensichtlich sind. Und die gerade dadurch, dass sie

für die Mitmenschen im Alltag unsichtbar bleiben,

zu Diskreditierungen führen. Die Reihe könnte

wahllos so beginnen: Epilepsie, HIV, psychische Erkrankungen

wie Zwangsstörung oder Schizophrenie,

Autismus, Aphasie, Multiple Sklerose, Borderline,

ADHS, Demenz und und und. Wenn man erstmal

anfängt, wird die Reihe endlos. Vor allem auch,

wenn chronische Erkrankungen einbezogen werden.

Es gibt ca. 30.000 diagnostizierbare Krankheiten.

Davon sind 5.000 sogenannte seltene Krankheiten,

die fünf von 10.000 Menschen betreffen. „Disabled

World“ hat in den USA erkundet, dass 10 Prozent der

BürgerInnen ein Gesundheitsproblem haben, das

als unsichtbare Behinderung eingestuft wird. Wenn

das ungefähr auch für Österreich zutrifft, dann sind

das 870.000 Personen. Fast alle Menschen mit chronischer

Erkrankung (96 Prozent!) leben damit, dass

ihnen ihr Gesundheitsproblem äußerlich nicht angesehen

wird.

Viele Menschen mit chronischen Erkrankungen

verstehen sich in diesem Zusammenhang nicht als

Menschen mit Behinderungen. Sie wollen sich nicht

so verstehen. Sie haben Angst vor der Vorverurteilung,

vor dem Stigma. Vor dem An-den-Rand-gedrängt-werden.

Das passiert bei unsichtbaren Behinderungen

über die Annahmen, welche die Menschen

der Mitte haben, wie andere Menschen sein

sollten. Es ist ein Markt der Erwartungen, auf dem

verhandelt wird, wer was wert ist. Wieviel Geld, wieviel

Aufmerksamkeit, wieviel Zeit, wieviel Mühe.

DER KAMPF UM DIE MITTE

Menschen mit chronischer Erkrankung verwenden

viel Energie darauf, den Erwartungen der Mehrheit

zu entsprechen. Beispiele aus der umfangreichen

Menge von außen unsichtbaren Symptomen sind:

das Gedächtnis funktioniert nicht, Bewegungsschmerzen,

Atemnot, geringe Mobilität aus eigener

Kraft, Schlaflosigkeit, Ängste, Beklemmungen, Erschöpfung

und vieles andere mehr. Sie verwenden

viel Energie darauf, mit dabei sein zu dürfen. Denn

schnell trifft die Keule des Urteils: Du kannst mehr,

reiß dich zusammen, lass dich nicht gehen, du bist

schwach, faul, du simulierst.

Wenn eine Person dann auf soziale Hilfeleistungen

angewiesen ist, wenn sich die finanziellen Teilhabemöglichkeiten

verringern, dann werden soziale

Behinderungen durch das Sozial-System als hart

und ungerecht erlebt. Aber auch die Mitmenschen

reproduzieren dieses System der Begrenzung und

Ausgrenzung aktiv mit. Kontakte werden weniger,

Menschen schauen weg, Beziehungen verlieren sich

nach und nach. Die Menschen ziehen Grenzen und

schichten Barrieren auf. Die Menschen, die diese Abgrenzung

und Ausgrenzung erleben, erfahren die

Behinderung schmerzlich als Abwertung. Sie kämpfen

erst, werden vielleicht zornig, um dann doch aus

Hilflosigkeit zu resignieren und sich dahin zurückzuziehen,

wohin die Menschen der Mitte sie haben

wollen, ins private, selbstverschuldete oder schicksalhafte

Unglück.

Um das Beispiel der Epilepsie zu nehmen. Die

Forschung weist darauf hin, dass die Lebensqualität

von Menschen mit Epilepsie nicht nur von der

Schwere der Erkrankung bestimmt wird, sondern

auch dadurch, welche Einstellung andere Menschen

zu Epilepsiekranken haben. Ob sie zum Beispiel

Epilepsie für eine „Geisteskrankheit“ halten (kein

Scherz) oder für eine ansteckende Krankheit. Eine

österreichische Studie, in der zwischen 2010 und

2011 insgesamt 396 Menschen, die sich in einer HIV-

Therapie befinden, befragt wurden, kommt zum

Ergebnis, dass der wichtigste die Lebensqualität

beeinträchtigende Aspekt die Angst ist, dass andere

Menschen sie stigmatisieren, wenn sie von der Infektion

erfahren. Die Angst vor sozialem und beruflichem

Ausschluss und vor unwürdiger Behandlung.

Es könnte schlüssig sein, diese Aussagen auf andere

Krankheiten zu übertragen.

DIE LEBENSWELT DER BETREUUNG

In der Welt der Betreuung wird die Grenze sehr

stark gezogen. Behindertenhilfe als Dienstleistung

unterstützt derzeit noch zu sehr die Tendenz, dass

Menschen mit Behinderung und Menschen ohne


Thema

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Behinderung sich kaum in Beziehung begegnen. Sie

berühren sich nicht, sie leben nebeneinander. Sie erleben

sich nicht. Menschen mit Behinderung in Betreuung

leben unter Menschen mit Behinderung in

Betreuung. Dadurch können sich innere Annahmen

nicht verändern. Die Meinungen geraten nicht in

Bewegung. Erfahrungen wären wichtig, aber die

werden nicht gemacht. Die Behindertenhilfe trägt

immer noch zu sehr dazu bei, die Lebenswelten auseinander

zu halten. Die Menschen, die nicht in Betreuung

leben, vertrauen darauf, dass es den betreuten

Menschen in deren Welt gut geht und sie

sich – Annahme – nicht darum kümmern müssen,

dass es sie nicht berühren muss. Sie haben sich, die

Glücklichen, noch nicht selbst die Frage stellen müssen,

ob sie so leben wollen würden.

BRÜCKEN BAUEN

Um diese Behinderungen zwischen den Lebenswelten

öffnen zu können, müssen Versuche gestartet

werden, die aus beiden Welten kommen. Es müssten

Brücken gebaut werden. Kontakte zu ermöglichen

zwischen Menschen und Gruppen, die zwar

Tür an Tür, Haus an Haus, in einer Gemeinde ihren

Alltag verbringen, aber in abgegrenzten Lebenswelten.

Sich zu treffen und im Erleben miteinander Unsicherheiten

und Vorurteile in der Gemeinde abzubauen,

in der Öffentlichkeit. IngenieurInnen und

ArchitektInnen wissen, es gibt hunderte Arten und

Formen von Brücken. Es kommt auf die Landschaft

an und auf Bedürfnisse. Das ließe sich auch auf die

soziale Welt übertragen. Man muss ins Gespräch

kommen können, die Landschaft und das andere

Ufer genauer erkunden. Dann kann jedeR ausprobieren,

wofür eine Brücke gut sein könnte. Durchs

Tun entsteht sie. Das Baumaterial ist Respekt, aufeinander

zugehen, willkommen heißen, etwas finden,

das gemeinsam interessiert oder an beiden Ufern

hilft. Brücken helfen auch dabei, neue Räume zu betreten

und Anschlüsse zu ermöglichen.

BrückenbauerInnen brauchen für Veränderungsprozesse

viel Mut, Geduld und Kreativität, weil

zwischen Anspruch und Wirklichkeit oft noch einmal

Welten liegen. JedeR hat seine eigenen Annahmen,

warum der persönliche Start dafür so schwer

oder so leicht fällt. Die Politik muss helfen, dass sich

die Orte in der Welt der nichtbehinderten, der nichtbetreuten

Personen öffnen. Zum Beispiel Orte mit

Freizeit- und Kulturangeboten, oder Orte der Bildung

und des Wohnens.

EIN BRÜCKENPROJEKT

Ein dreijähriges Projekt in Baden-Württemberg in

Deutschland hat 2017 viele Erkenntnisse gebracht.

Von einer Stiftung finanziert, wurde im ganzen

Bundesland einiges versucht. Daraus entstand ein

Konzept: InklusionsbegleiterInnen erkunden und

unterstützen Kontakte. Sie sorgen dafür, dass alle

Beteiligten in den neuen gemeinsamen Räumen darauf

vertrauen können: der Person mit Behinderung

geht es hier und jetzt gut. InklusionbegleiterInnen

unterstützen, dass alle Beteiligten gemeinsam lernen

können. InklusionsbotschafterInnen sind Menschen

mit Behinderung, mit sichtbarer und mit unsichtbarer.

Sie machen an öffentlichen Orten und

auf den verschiedensten Veranstaltungen auf ihre

Situation aufmerksam. Sie machen sich sichtbar für

ihre Mitmenschen. InklusionslotsInnen streben als

ExpertInnen in eigener Sache Kontakte mit PolitikerInnen

an. Sie wollen Einfluss auf die Gemeindepolitik

nehmen. Sie entwickeln Peer-Counseling und

bauen ein Netz von Beratungsstellen auf. All diese

Menschen mussten gefunden werden. Es gehören

natürlich auch die UnterstützerInnen dazu, die im

Leben der Person den Alltag und die Träume und

Wünsche unterstützen. Wie man sieht, ist es ein

miteinander verflochtenes Netz, das gut unterstützt

werden muss. Daraus ergibt sich auch eine wichtige

Bedingung für das Gelingen. Die Gemeinden müssen

freie und kommunale Organisationen darin unterstützen,

Koordinationsstellen für Brückenbau

einzurichten. Dort werden all die BegleiterInnen,

BotschafterInnen und LotsInnen geschult, begleitet,

eingesetzt. Es gibt also Wege. Die Energie und der

Aufwand für den Brückenbau muss ja gar nicht größer

sein als die Energie und der Aufwand für das

Auseinanderhalten der Lebenswelten. Die Welt der

Menschen mit Betreuung und die Welt der Menschen

ohne Betreuung.

Es geht also nicht darum, herauszufinden, ob

eine Person eventuell eine unsichtbare Behinderung

hat und sich dann irgendwie extra richtig zu

verhalten. Sondern es geht darum, dass wir keine

Grenzen schaffen in unseren Begegnungen. Dass

wir uns gegenseitig respektieren und aufeinander

zugehen. Eine Annahme zu entwickeln: dass jede

und jeder etwas hat und tun kann, was unsere Welt

bereichern kann. Und dass es willkommen ist, das zu

suchen und miteinander zu tun. Zu verstehen, dass

wir die Welt miteinander teilen, so oder anders. Ist

es ein gutes Gefühl, unsere eine Welt zu teilen, indem

wir andere darin nicht sehen wollen? Oder ist

es ein gutes Gefühl, darauf vertrauen zu können,

dass ich immer dazugehören werde, auch wenn

mein Körper oder mein Denken oder mein Fühlen

nicht zufriedenstellend „funktionieren“? Wenn ich

weiter mittendrin sein kann.

QUELLEN:

Die Broschüre: Inklusionsbegleiter bauen Brücken,

Baden-Württemberg, 2017 (mit wissenschaftlicher

Begleitforschung)

https://www.bwstiftung.de/uploads/tx_news/Inklusionsbegleiter_final_webopt.pdf

Erving Goffman: Stigma (1967)


18

Thema

KÖRPERBILDER SENSIBILISIERUNG

BALANCER 74, 4/2018

FIT FÜR

SENSIBILISIERUNGS-

TRAININGS

Eine höchst interessante Veranstaltung zur Vorbereitung

von Menschen mit Behinderung für

Firmentrainings

Von Christian Zuckerstätter

Als ich die Einladung zur Veranstaltung „Fit für

Sensibilisierungstrainings“ mit dem Absender

ÖZIV erhielt, mutmaßte ich, dass es sich dabei wohl

um den Österreichischen Zivilingenieur-Verband handeln

würde. In meinem Mail, in dem ich mein Interesse

bekundete, fragte ich auch gleich nach, ob ich mit

meiner Vermutung richtigläge und schrieb dazu, dass

ich es sehr erfreulich finde, dass sie dem Thema Behinderung

so große Aufmerksamkeit widmen. In der Antwort

des ÖZIV wurde ich aber eines Besseren belehrt:

ÖZIV steht für Österreichweite Zukunftsorientierte

Interessensvertretung von und für Menschen mit Behinderung

und setzt sich gezielt und intensiv mit dem

Themenbereich Behinderung auseinander. Dafür haben

sie sich jedenfalls für einen erfreulich offenen

und auch positiven Namen entschieden.

Wenngleich in der breiten Öffentlichkeit nicht

wirklich bekannt, besteht der ÖZIV bereits seit dem

Jahr 1962. Er ist sowohl eine der ältesten, als auch mit

rund 22.000 Mitgliedern eine der größten Behindertenorganisationen

Österreichs. Die Mission des ÖZIV

ist es, folgenden Zielen zu folgen: eine Gesellschaft

ohne Barrieren, eine Gesellschaft, an der alle teilhaben

können. In der ÖZIV-Vision einer inklusiven Gesellschaft

leben Menschen in all ihrer Vielfalt zusammen

und sehen Unterschiede als Bereicherung. Das

soll auch, worauf ich später nochmal zurückkommen

werde, ein wichtiger Grundsatz des Sensibilisierungstrainings

sein.

EIN TRAINING FÜR TRAINERINNEN

Es war keine Schulung im herkömmlichen Sinn, sondern

eigentlich genau das Gegenteil davon. Wir –

mehr als zwanzig Frauen und Männer mit den

unterschiedlichsten Behinderungen – wurden von Anbeginn

an als ExpertInnen angesprochen. Für mich

eine höchst ungewohnte Anrede, aber das sind wir

wirklich: ExpertInnen für Sensibilisierungstrainings

in Firmen, die Menschen mit Behinderung anstellen

(wollen). Das Training lief gänzlich unerwartet ab. Wir

hörten nicht: „Ihr habt es so und so und so zu machen“,

sondern genau umgekehrt. Wir wurden gefragt, wie

wir es machen wollen, wie wir es angehen wollen. Die

Ideen von unserer Seite kamen ohne Zögern, viele hatten

spontane Einfälle. Es war ein höchst konstruktives

Hin und Her – hier die Ratschläge der Fachleute von

ÖZIV, da die ersten Assoziationen von uns ExpertInnen.

Es fühlte sich großartig an ... und es war auch

großartig.

Das Klima war von Anbeginn an ein sehr gelöstes,

ungezwungenes und offenes. Wir ExpertInnen waren

einander schnell sehr nahe und – das war das Besondere

– es gab kein „dort die TrainerInnen und hier wir“,

sondern wir waren alle zusammen ein Team, das gemeinsam

ein Ziel verfolgte. Und das Ziel war, dem Titel

der Veranstaltung gerecht zu werden und gemeinsam

fit für Sensibilisierungstrainings zu werden. Und dafür,

das zeigte sich schnell, waren wir von Anbeginn an

auf einem sehr guten Weg.

„LAISSER FAIRE“-STRATEGIE ALS

ERFOLGSREZEPT

Dadurch, dass alle sehr unkompliziert und mit vorbehaltloser

Bereitschaft den vorgeschlagenen Pfad

einschlugen, ergab sich ein konstruktiver Prozess, bei

dem alle ihre Bausteine lieferten und so das errichtete

Gebäude schnell in die Höhe wachsen ließen. Dabei

wirkten alle reibungslos zusammen. In unserem Kreis

waren höchst unterschiedliche Formen von Behinderungen

zu finden – ein Mann mit Sehbehinderung,

einige RollstuhlfahrerInnen und viele andere. Die

krassesten „Gegenpole“ bildeten wohl Max und ich.

Max ist als kleiner Junge im letzten Moment vor dem

Ertrinken gerettet worden und ist seither in seiner Beweglichkeit

eingeschränkt und beim Sprechen kaum

verständlich. Er ist dadurch bei jeder Form der Kommunikation

auf die Unterstützung seiner Betreuerin

angewiesen.


Thema

BALANCER 74, 4/2018 SENSIBILISIERUNG

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Gruppenfoto der TeilnehmerInnen

des Sensibilisierungstrainings

Foto: ÖZIV

Ich hingegen bin ein Paradebeispiel für „Menschen

mit unsichtbarer Behinderung“. Von uns war in letzter

Zeit in den Medien viel die Rede, nachdem eine Engländerin

mit dieser Form von Behinderung angezeigt

wurde, weil sie einen Behindertenparkplatz benutzt

hat. Sie setzte sich zur Wehr und bekam recht! Gut,

dass wir, wenn auch auf diese Weise, ins öffentliche

Bewusstsein vorgedrungen sind, denn Menschen mit

unsichtbarer Behinderung machen, da bin ich mir sicher,

mehr als 50 Prozent der Menschen mit Behinderung

aus.

Aber die Unterschiede trennten uns nicht, sondern

im Gegenteil, sie verbanden uns. Menschen mit Behinderung

leben eben in einer eigenen Gedankenwelt.

Wir sind offener und – man kann es ruhig so nennen –

geistig flexibler. Und dadurch, dass wir selbst anders

sind als die sogenannte Norm, ist auch unsere Bereitschaft,

das „Anderssein“ von Mitmenschen zu akzeptieren,

viel größer.

DER ABLAUF DES SEMINARS

Am ersten Tag lernten wir Ablauf und Inhalte des Sensibilisierungstrainings

kennen. Das Grundprinzip jedes

Trainings ist die direkte und aktive Einbindung der

ExpertInnen. Diese vermitteln im Training ihr persönliches

Bild von Behinderung, ihre Gefühle und ihre Erfahrungen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist auch die

verwendete Sprache, das Wording.

Am zweiten Tag gingen wir einen Schritt weiter in

die Tiefe. Dazu war es vorerst einmal wichtig, dass die

ExpertInnen einander besser kennenlernten. Das ging

völlig problemlos vonstatten, denn Menschen mit Behinderung

haben deutlich weniger Berührungsängste

als „normale“ Menschen. Auch die Vermittlung der

Aufgaben der ExpertInnen ging mehr in die Tiefe – wie

stelle ich mich als ExpertIn vor, wie bringe ich mich als

ExpertIn ein?

Als wir aufgerufen wurden, unsere Ideen, unsere

Gedanken vorzubringen, warf ich ein, dass es nicht

im Vordergrund stehen sollte, den „richtigen Umgang

mit Behinderten“ zu vermitteln. Erst im Nachhinein

kam mir die Assoziation, dass wir mit dieser Art der

Rhetorik allzu leicht in die Haustier-Ecke geraten. So

in der Art von: „Tipps und Tricks für den richtigen Umgang

mit Ihrem neuen Goldhamster“. Das ist natürlich

unbedingt zu vermeiden! Vielmehr sollten wir uns das

Ziel setzen, stets zu betonen, dass die gemeinsame Arbeit

von Menschen mit und ohne Behinderung große

Vorteile für alle Beteiligten bringt!

Menschen mit Behinderung bringen in der Regel

Eigenschaften mit sich wie Ruhe, Langsamkeit, Ausgeglichenheit,

um nur einige Beispiele zu nennen.

Im Wesentlichen sind es jedenfalls Eigenschaften, die

viel zur Verbesserung des Arbeitsklimas beitragen

können. Dies ist bestimmt für die meisten Menschen

ein völlig neuer Aspekt. Daher scheint es mir ein sehr

wichtiger Punkt zu sein, den es im Rahmen des Sensibilisierungstrainings

zu vermitteln gilt!

Das große Ziel ist es somit, dass die MitarbeiterInnen

der betreuten Firmen erkennen: „Ihr seid anders,

aber das gefällt uns. Versucht nicht, euch an uns anzupassen

– bleibt, wie ihr seid. Ihr ergänzt uns und wir

sind ein gutes Team!“ Diese Denkweise kam beim Seminar

auch darin gut zum Ausdruck, dass – ich habe

es noch gar nicht erwähnt – viele der teilnehmenden

ÖZIV-MitarbeiterInnen selbst Menschen mit Behinderung

waren. Es waren summa summarum zwei großartige

Tage, an denen alle TeilnehmerInnen viel dazugelernt

haben. Vielen herzlichen Dank an die ÖZIV.


20 IMPULSTANZ

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BALANCER 74, 4/2018

IMPULSTANZ

21

FUTURE CLINIC FOR CRITICAL CARE – EIN IMPULSTANZ-WORKSHOP

Der Workshop

entführte mich

für eine Woche

in ein anderes

Universum.

Von Christian Zuckerstätter

Als ich das Mail mit der Mitteilung erhielt, von IMPULSTANZ sei in

der Redaktion die Einladung eingelangt, einE RedakteurIn könne kostenlos

am Workshop „future clinic for critical care“ teilnehmen, fühlte ich mich

gleich angesprochen und sagte zu. Erst später versuchte ich, mich schlau

zu machen, worum es bei diesem Workshop ging. Auf der IMPULSTANZ-

Homepage stand zu lesen: Future clinic for critical care ist ein Forum für

das Weltenmachen und ein anderer sozialer Raum für Fantasterei und Realismus,

der sich mit der oftmals unguten Fürsorge-Politik beschäftigt ... offen

für alle Levels an Erfahrungen und Fähigkeiten ist dies ein Ort an dem

wir gemeinsam nicht reinpassen wollen ...

Foto: E. Egermann

Ich konnte mir darunter nichts Konkretes vorstellen, versuchte auch gar

nicht, mir irgendwelche Erwartungshaltungen im Kopf zurechtzulegen

und dachte bloß: „Na, da bin ich aber gespannt, was da abgeht“. In den Wochen,

die bis zum Workshop vergingen, dachte ich nur gelegentlich daran –

und auf einmal war er da. Und er begann damit, dass ich – leider typisch

für mich – um mehr als eine halbe Stunde zu spät kam. Das lag vor allem

daran, dass ich es völlig unterschätzt hatte, wie lange es dauern würde, bis

ich mich am Gelände – das IMPULSTANZ-Festival fand in der weitläufigen

Anlage des Arsenals statt – zurechtfinden und erst den Weg zum Festival

und dann zur richtigen Halle finden würde.


22 IMPULSTANZ

BALANCER 74, 4/2018

Das Suchen und erst recht

das Finden hat sich jedenfalls

mehr als gelohnt.

Als ich ankam,

war die Gruppe bereits

bei der ersten

Performance, dem Circle

Dance. Der Beginn,

der aller Wahrscheinlichkeit

nach aus einer

Vorstellungsrunde und

einer kurzen Einführung

bestanden hatte, ist mir leider

entgangen. Aber Eva und Jeremy

machten keinerlei Aufhebens

und führten und fügten mich wortlos in

die tanzende Gruppe ein. Im Nu war ich Teil der Gruppe

und gehörte dazu.

In der Folge offenbarte sich mir bald, dass der Workshop

ein Wechselspiel zwischen Tanz-Elementen einerseits und

Gesprächsrunden andererseits – mal in großer Runde,

mal im kleinen Kreis – sein würde. An den ersten beiden

Tagen kamen für meinen Geschmack die Tanz-Elemente

zu kurz, was vor allem daran lag, dass – ich habe es bis

jetzt gar nicht erwähnt – Englisch die Sprache war, in der

wir uns bei diesem Workshop verständigten. Das lag vor

allem daran, dass Jeremy US-Amerikaner und viele der

TeilnehmerInnen englischsprachig, oder zumindest nicht

deutschsprachig waren.

Ja, und mein Englisch, von dem ich nur selten Gebrauch

mache, ist seit der Mittelschulzeit (Gymnasialzeit)

ziemlich verstaubt und vor allem vom Vokabular her nicht

mehr up to date. Eine Teilnehmerin, die mir offensichtlich

vom Gesicht ablesen konnte, wie sehr ich mich abmühte,

dem Gesagten zu folgen, stand mir immer wieder bei und

flüsterte mir simultan Übersetzungen zu. Das war ganz,

ganz lieb und sehr hilfreich! Trotzdem war mir natürlich

der Tanz als Sprache um einiges lieber. Bevor ich mich jetzt

dem Workshop im Einzelnen widme, möchte ich gerne ein

paar Worte über die Beteiligten schreiben.

LAUTER SEHR INTERESSANTE MENSCHEN:

EVA, JEREMY UND JEDER EINZELNE DER

GRUPPE

Der Workshop wurde von Eva Egermann und Jeremy Wade

geleitet, zwei höchst unterschiedlichen Persönlichkeiten,

die ich in der Folge gerne kurz vorstellen möchte:

Eva Egermann ist Künstlerin aus Österreich. In ihren stets

auf Recherche basierenden Arbeiten beschäftigt sie sich

mit „widerständigen Praktiken“, sozialen Bewegungen

und Popkulturen, die mit Devianz, Krankheit und Behinderung

zu tun haben. Ihre Arbeit wurde 2015 mit dem Theodor-Körner-Preis

für Wissenschaft und Kunst und 2016 mit

einer Anerkennung im Rahmen des Outstanding Artist

Awards in der Kategorie Interdisziplinarität ausgezeichnet.

Jeremy Wade ist Perfor mance schaffender und Performer

aus Amerika. Sein Weg führte ihn über zahlreiche Stationen,

wie etwa die School for New Dance Development in

Amsterdam, wo er auch seinen Abschluss machte. 2006 erhielt

er einen Bessie Award für sein Stück „Glory“ im Dance

Theatre Workshop in New York City. Jetzt lebt er in Berlin

und arbeitet eng mit dem Hebbel Theater zusammen.

Trotz ihrer höchst unterschiedlichen Lebenswege und Methoden

verbanden die beiden wichtige Eigenschaften – sie

leiteten den Workshop souverän und unprätentiös. Wenngleich

sie ihre Vorstellungen einbrachten und die Handlung

immer wieder in von ihnen vorgesehene Bahnen

lenkten, blieb viel Platz für spontane Ideen der TeilnehmerInnen.

Nicht nur das – diese Spontaneität wurde von

ihnen sogar gesucht und herausgefordert. Wie sich zeigte,

ein sehr offensiver und erfolgversprechender Zugang!

Die TeilnehmerInnen des Workshops bildeten eine

bunte und sympathische Runde, gleichermaßen inhomogen

wie harmonisch. Was uns alle miteinander verband,

war, dass jedeR ihren ganz persönlichen Grund hatte, zu

einem Workshop wie diesem zu kommen. Über diese

Gründe wurde die ganze Woche über – wenn nicht in der

ersten halben Stunde, die ich ja leider versäumt habe –

kein Wort gesprochen. Und es fehlte auch in keiner Weise.

In Summe waren wir im Schnitt etwa 30 Leute. Die

TeilnehmerInnen waren, wie zumeist bei Anlässen wie diesem,

überwiegend weiblich. Die Besetzung wechselte von

Tag zu Tag. Einige kamen, „schnupperten“ einen Tag und

kamen nicht wieder. Über zwanzig Personen waren aber

jeden Tag dabei. Ein wichtiger „Sockel“, auf dem Tag für

Tag weiter aufgebaut werden konnte! Darüber hinaus war

es eine sehr interessante Dynamik, dass jedeR Einzelne, die

dazukam, das Gefüge spürbar veränderte.

DER CIRCLE DANCE ALS WICHTIGES

ELEMENT

Wie schon erwähnt, war der erste Bestandteil des Workshops,

den ich kennenlernte, der Circle Dance. Im Grunde

bewegte sich bei diesem Tanz jedeR, so wie sie es wollte,

frei improvisiert. Es gab nur folgende „Regeln“: jedeR bewegte

sich dabei im Kreis, alle in die gleiche Richtung –

der Radius des Kreises, den man zog, konnte frei gewählt

werden – im Laufe eines Tanzes wurde der Radius laufend

beliebig variiert. Und jetzt das wichtigste: je kleiner die

Kreise, die man zog, wurden, je näher man also dem Mittelpunkt

kam, umso langsamer wurden die Bewegungen,

je größer die Kreise – mit zunehmender Entfernung vom

Mittelpunkt – hingegen wurden, umso schneller wurden

die Bewegungen.

Ganz außen also liefen die Leute, so schnell sie konnten,

auch die RollstuhlfahrerInnen rasten dahin, nahe dem

Mittelpunkt aber kamen die Leute fast zum Stillstand. So

kam eine sehr starke und verbindende Dynamik zustande.

JedeR war Teil des Organismus, der ohne verbale Verständigung

funktionierte. Dieser Tanz wurde immer wieder als

Übergang zwischen verschiedenen Teilen des Workshops

eingesetzt und bildete auch an jedem Tag den Abschluss.

Ich genoss den Circle Dance sehr, er war ein in großem Ausmaß

verbindendes Element, bei dem man rundum in gelöste,

lachende Gesichter sah!


BALANCER 74, 4/2018 IMPULSTANZ

23

GESPRÄCHS- UND DISKUSSIONSRUNDEN

Die Gesprächs- und Diskussionsrunden waren ein ganz

wichtiges Element des Workshops. Sie waren gewissermaßen

der Gegenpol zu den Tänzen. Während man beim Tanzen

abheben konnte, holten einen die Gespräche wieder

zurück auf den Boden. Sie erdeten uns. Eine sehr interessante

und konstruktive Dualität.

Die Themen der Gespräche und Diskussionen lassen

sich in zwei Gruppen zusammenfassen – zum einen ging

es um das Motto des Workshops – verschiedene Aspekte

des Themenbereichs „Fürsorge“ in Vergangenheit, Gegenwart

und Zukunft sowie persönliche Erfahrungen damit.

Zum anderen waren auch persönliche „Geschichten“ einzelner

TeilnehmerInnen ein großes Thema.

Für mich waren die Diskussionen aufgrund der Sprache

eine sehr große Herausforderung. In den großen Runden

war ich durchwegs in passiver Rolle. Ich beobachtete

und lauschte, soweit ich dazu imstande

war. Sobald wir uns hingegen auf

kleinere Runden aufteilten, nahm

ich – meist dank der Unterstützung

einzelner „HelferInnen“ – eine aktivere

Rolle ein. Die Diskussionsrunden

machten mir von Tag

zu Tag mehr Spaß, ich „wuchs

hinein“.

... UND WEITERE

TÄNZE

Der Circle Dance war nicht das

einzige getanzte Element des

Workshops. Am vorletzten Tag zum

Beispiel tanzen wir frei improvisiert

paarweise. Dabei führte eine Person die

andere ohne Berührung, nur durch Bewegungen,

mit denen die Führung angedeutet wurde. Als

sehr stark empfand ich einen Gruppentanz, bei dem sich

die Hände aller berührten, oder zumindest so nahe wie

möglich zueinander geführt wurden. Dies ergab ein starkes,

pulsierendes Zentrum und eine tolle, sehr intensive

Dynamik.

Nachdem ich erzählt hatte, dass ich Qi Gong und Dao

Tanz mache, hatte Jeremy am letzten Tag spontan die Idee,

während eines Gruppentanzes einzuwerfen: „And now,

Christian will lead us with Dao Dance ...“. Ich war kurz baff,

fühlte mich aber gleich pudelwohl in der neuen Rolle. Ich

fand gar keine Gelegenheit, zu erklären, dass ich am Beginn

die Elemente zeige und in der Folge sich jeder aus den

Elementen seinen Tanz frei improvisiert zusammenstellen

sollte. Das war aber gar nicht notwendig – es war eine starke

Dynamik in der Gruppe, die uns ohne Worte genau

dorthin führte, wo ich hinwollte. Das war wunderschön

und machte großen Spaß. Ich denke, nicht nur mir.

Auch zwei RollstuhlfahrerInnen lieferten eine spontan

improvisierte Tanzeinlage, die uns alle sehr beeindruckte.

Die beiden „Rolli“-FahrerInnen Christine und Franz waren

mit völlig unterschiedlichen Geräten unterwegs. Franz mit

Die TeilnehmerInnen

des Workshops bildeten

eine bunte und

sympathische Runde,

gleichermaßen

inhomogen wie

harmonisch.

einem althergebrachten, händisch betriebenen Rolli und

Christine mit einem hochmodernen elektrisch betriebenen.

Und genau in dieser Polarität bestand der große Reiz

ihrer Darbietung. Franz, der mit jedem Kubikzentimeter

seines Rollis bestens vertraut ist, bestach durch geradezu

artistische Einlagen. Christine wiederum spielte die technischen

Finessen ihres Rollis beeindruckend aus. Muskelkraft

und Geschicklichkeit hier, die gekonnte Steuerung

eines technischen Meisterwerks da – eine wunderbare

Vorführung!!

Am letzten Tag überraschte uns Jeremy, indem er uns

ein Video vorführte, in dem er bei einer Therapie-Sitzung

zu sehen ist. Im Verlauf der Sitzung bricht er mehr und

mehr in Tränen aus und wandelt sich zum sprichwörtlichen

„kleinen Häufchen Elend“. Ich verstand wiederum

nur sehr wenig vom Text, aber der optische Eindruck war

sehr stark. Wir waren alle sehr ergriffen und es war danach

lange Zeit außerordentlich still im Saal.

Es war ein außerordentlich starkes Geben

und Nehmen von jeder und jedem

einzelnen Beteiligten. Wie schon erwähnt,

wusste ich sehr wenig bis

gar nichts von den anderen. Oder

besser gesagt, ich wusste nichts

von ihrer Vergangenheit. Von ihrer

Gegenwart wusste oder vielmehr

spürte ich hingegen sehr

viel. Insgesamt war der Workshop

eine wunderbare Gelegenheit,

interessante, nicht der Norm

entsprechende Menschen kennenzulernen

und gemeinsam mit ihnen

intensive, bewusstseinserweiternde

Momente zu erleben. Ich fühlte mich jeden

Tag aufs Neue sehr stark zum Workshop

oder vielmehr zur Gruppe hingezogen. Am letzten

Tag war ich sogar pünktlich dort! Es waren sehr intensive,

aufregend schöne und lange fünf Tage. Als plötzlich der

Abschied unmittelbar bevorstand, nahm ich eine sehr innige

und warme Verbindung mit jeder und jedem Einzelnen

wahr. Schön!

Ich hoffe jetzt sehr, dass beim nächstjährigen

IMPULSTANZ-Festival gewissermaßen eine

Fortsetzung dieses Workshops stattfindet.

Den lasse ich mir dann ganz bestimmt

nicht entgehen. Und wünsche

mir auch, dann möglichst viele

Leute vom heurigen Workshop

wiederzusehen!

Ein Satz, der mir auf der

IMPULSTANZ-Homepage so gut

gefiel, ist jetzt genau der passende

Schlussstrich unter diesen

Artikel: „Wir tanzen den

Tanz, den wir tanzen, genauso

wie wir ihn tanzen.“


24 BARRIEREFREIHEIT

BALANCER 74, 4/2018

ARCHES setzt sich aus den englischen

Wörtern: Accessible Resources For Cultural

Heritage Eco Systems zusammen, auf Deutsch

heißt das: Barrierefreie Informationsträger

zur Vermittlung kulturellen Erbes. Das Projekt

wird von der EU im Rahmen der Initiative

Horizon 2020, einem Programm für Forschung

und Innovation, finanziert und läuft von

2014–2019.

Kunst

für alle –

Technologie ermöglicht

barrierefreie Kulturerfahrung

Foto: VRVis

VRVis ist Österreichs führende Forschungseinrichtung

auf dem Gebiet von

Visual Computing und betreibt mit seinen

über 70 Mitar beiterInnen in Zusammenarbeit

mit Industrieunternehmen und Universitäten

innovative Forschungs- und Entwicklungsprojekte.

EIN WIENER FORSCHUNGSINSTITUT WIRD

KOORDINATOR DES EU-PROJEKTS ARCHES,

WELCHES MEHR INKLUSION IN DER KUNST

MÖGLICH MACHEN WILL

Das Wiener Forschungsinstitut VRVis (Zentrum für Virtual Reality

und Visualisierung) will mittels Technologie Menschen mit

Seh-, Gehör- und kognitiver Beeinträchtigung die Teilhabe am

kulturellen Geschehen ermöglichen und erleichtern. Anfang Oktober

übernahm das Unternehmen die KoordinatorInnenrolle

des EU-Projekts ARCHES, an welchem 13 namhafte Kultur- und

Technologie-PartnerInnen aus ganz Europa mitarbeiten, darunter

auch das Kunsthistorische Museum Wien.

DESIGN FOR ALL

ARCHES beschäftigt sich mit Wahrnehmung, Erkennung, Erinnerung

und Verständigung. Mit Hilfe modernster Anwendungssoftware,

Webseiten, Apps, Videospielen und mehr werden neue

multisensorische Technologien entwickelt. Ziel des Projektes AR-

CHES ist es, mittels Technologie und inklusivem Design („Design

for all“) im Museumskontext neue Erfahrungsmöglichkeiten für

Menschen mit Behinderungen anzubieten.

KUNSTWERKE MULTIMEDIAL BEGREIFEN

Gemälde zum Begreifen, also betastbare 3D-Drucke in Form von

Reliefs machen Kunstwerke für Menschen mit Sehbehinderungen

erfahrbar und verleihen eine zusätzliche Dimension, von

der alle BesucherInnen profitieren. Die Reliefs, welche auch auf

einen Computer übertragen werden, können aber noch mehr.

Fährt man mit der Hand über einen bestimmten Teil des Bildes,

kann man sich Informationen zu dem Bild durchlesen oder anhören.

Ein gestengesteuerter Multimedia-Guide reagiert auf

einen Fingerzeig und man kann damit Informationen über das

Ausstellungsstück als Audiodatei, als Text zum Lesen oder in Gebärdensprachevideos

abrufen. Zum besseren Verstehen werden

auch Animationen und Soundeffekte eingesetzt, die besonders

bei Kindern sehr beliebt sind.

SPANIEN, ENGLAND, ÖSTERREICH

Das länderübergreifende Projekt, welches im Rahmen der EU-

Initiative Horizon 2020, einem Programm für Forschung und

Innovation, finanziert wird, läuft noch bis September 2019, erste

konkrete Umsetzungen sollten dann bereits in sechs großen

Museen in Spanien, England und Österreich im Einsatz sein.

www.arches-project.eu

Foto: VRVis


BALANCER 74, 4/2018 POLITIK 25

Erhöhte

Familienbeihilfe:

Husch-Pfusch-

Gesetzgebung

Behindertenorganisationen und Behindertenanwaltschaft

appellierten Anfang Oktober

vergeblich an die Abgeordneten, die

geplanten gesetzlichen Änderungen doch

mit Einbezug von ExpertInnen vorzubereiten.

Nach erster Sichtung des Initiativantrags

war nämlich sofort klar: eine massive

Verschlechterung für Menschen mit Behinderungen

war zu befürchten. Der Appell

war vergebens, die Regierung hat nun am

9. Oktober die Gesetzesänderung beschlossen,

die Menschen mit Behinderungen in

Unterstützten Wohnformen die erhöhte

Familienbeihilfe streicht. Von Helga Hiebl

Als heuer plötzlich vielen Menschen mit Behinderungen

die Leistung „Erhöhte Familienbeihilfe“ gestrichen

wurden, war die Verunsicherung und der Schrecken groß.

Familienministerin Juliane Bogner-Strauß (ÖVP) versprach

aber eine rasche Reparatur des Gesetzes. Am 9. Oktober

sollte diese nun im Parlament beschlossen werden. Doch

VertreterInnen von Behindertenorganisationen, SelbstvertreterInnen

und der Behindertenanwalt sowie die Länderkonferenzen

der Ombudsstellen warnten im Vorfeld nach

einer ersten Sichtung des Initiativantrages. Diese „Reparatur“

könnte in Wahrheit noch mehr Schaden anrichten.

Die Warnungen verhallten ungehört, die Regierung beschloss

am 9. Oktober 2018 die Gesetzesänderung. „Ohne

Diskussion streicht diese Bundesregierung Menschen mit

Behinderung die Grundlage für ein selbstbestimmtes und

eigenständiges Leben. Man nimmt von Menschen, die ohnehin

nicht auf die Butterseite des Lebens gefallen sind“,

kritisierte Birgit Sandler, Behindertensprecherin der SPÖ.

ES TRIFFT MENSCHEN IN UNTERSTÜTZTEN

WOHNFORMEN

Die Tatsache, dass Menschen mit Behinderungen für den

Bezug der Familienbeihilfe eine eigenständige Haushaltsführung

nachweisen müssen – was für Vollwaisen nicht

zutrifft – erscheint sachlich ungerechtfertigt und würde

bei wörtlicher Interpretation dazu führen, dass Personen

(mit einer erheblichen Behinderung), die sich im Unterstützten

Wohnen befinden, unabhängig davon, ob sie

selbst zu den Kosten beitragen, keinen Anspruch auf Familienbeihilfe

hätten.

58 PROZENT DER MINDESTSICHERUNGSBE-

ZIEHERINNEN SIND MENSCHEN MIT

BEHINDERUNG ODER CHRONISCHEN

ERKRANKUNGEN

Die Ausweitung der Regelung auf BezieherInnen der bedarfsorientierten

Mindestsicherung stellt eine weitere

Verschlechterung und Kürzung im Vergleich zur zuvor

geltenden Rechtslage dar. Die am Dienstag vom Familienausschuss

im Nationalrat abgesegnete Novelle, die rückwirkend

ab Januar 2016 gelten soll, nimmt Behinderte in

Betreuungseinrichtungen und jene, die bedarfsorientierte

Mindestsicherung beziehen, ausdrücklich vom Anspruch

auf Familienbeihilfe aus. Und zwar mit der Begründung,

dass „in diesen Fällen der Mindestunterhalt des Kindes

bereits vollständig durch Mittel der öffentlichen Hand sichergestellt

ist“.

Die staatlichen Leistungen decken dann nur mehr die

Grundversorgung, für Kleidung, Medikamente oder Therapien

müssen die Betroffenen selbst aufkommen. Der Gesetzestext

spiegelt in keiner Weise die realen Bedarfe,

denn Menschen mit Behinderungen benötigen gerade für

ein selbstbestimmtes Leben Unterstützung im ausreichenden

Ausmaß, z. B. im teilbetreuten Wohnen.

RÜCKWIRKENDE FORDERUNGEN STOSSEN

MENSCHEN IN ARMUT

Da das Gesetz rückwirkend gelten soll, fürchten KritikerInnen

außerdem, dass ausgezahlte Beihilfen zurückgefordert

werden. Solche rückwirkenden Forderungen könnten

viele Menschen mit Behinderungen endgültig in manifeste

Armut stoßen, eine selbstständige Lebensweise wäre

mit dieser Regelung für viele gar nicht mehr möglich.

„Österreichs Regierung will tausende Menschen mit Beeinträchtigung

in Armut stürzen“, fürchtet auch Martin

Ladstätter vom Selbstvertretungszentrum Bizeps.

ÜBERHASTETE REPARATUR

Am 24. Oktober traf man sich dann noch einmal im Parlament

um das Gesetz zu reparieren, diesmal aber richtig,

versprachen die RegierungsvertreterInnen, die Opposition

sieht das kritisch: So befürchteten Birgit Silvia Sandler,

Christian Kovacevic und Melanie Erasim (alle SPÖ), dass einige

tausend Personen von Rückzahlungen betroffen sein

werden und es darüber hinaus zu weiteren Verschlechterungen

kommen werde. Man hätte gleich das Gespräch

mit den Behindertenverbänden suchen sollen, merkte Kovacevic

kritisch an, deren Einwände seien aber nicht entsprechend

berücksichtigt worden.


26 GEWALTFREIHEIT

BALANCER 74, 4/2018

Auge um Auge

macht

die ganze Welt blind

Der 2. Oktober war Internationaler Tag der Gewaltfreiheit

Von Helga Hiebl

Jedes Jahr wird am Geburtstag der Ikone

des gewaltfreien Widerstands Mahatma

Gandhi der internationale Tag der Gewaltfreiheit

begangen. Der seit 2007 von der Generalversammlung

der Vereinten Nationen

eingeführte und beschlossene Tag stand

heuer ganz im Zeichen des Themas Einfluss

von Technologie auf den Weltfrieden.

Während die digitalen Technologien wie das Internet Zugang

zu Informationen, Wissen, Toleranz und zweifellos zum

Verständnis und zur Akzeptanz anderer Kulturen beigetragen

haben, gibt es auf der anderen Seite mit der gleichen

Technologie die Verbreitung von Fake-News, Hetze, Hass

und Intoleranz.

Als Hauptredner bei der Gedenkfeier der Vereinten Nationen

in New York war heuer der Technologie-Gigant Gianpiero Lotito,

Gründer und Geschäftsführer der europäischen Suchplattform

FacilityLive, des höchstdotierten Technologieunternehmens

Italiens, eingeladen. Digitale Technologien

könnten zum Weltfrieden beitragen, paradoxerweise aber

auch das Gegenteil bewirken, meinte Lotito eingangs in seiner

vielbeachteten Rede.

ALGORITHMEN MANIPULIEREN MENSCHEN

Die Technik müsse dringend wieder verstärkt den Menschen

in den Mittelpunkt rücken, denn Maschinen sollten dem

Menschen dienen, nicht ihn bestimmen. Er warnte außerdem

eindringlich vor einer algorithmischen Gesellschaft, in

der Maschinen entscheiden und bestimmen, was gut für

das persönliche Leben sei. Solche Technologien würden dem

friedlichen Zusammenleben schaden. Brisanz erhält diese

Aussage, da weltweit immer häufiger Wahlen und Meinungen

in sozialen Netzwerken beeinflusst und in Folge ganze

Gesellschaften gespalten werden, indem die Algorithmen

die eigenen Meinungen und Ängste realitätsverzerrend verstärken,

extreme Standpunkte fördern und vermehrt an die

sichtbare Daten-Oberfläche schwemmen.

Andererseits können digitale Kommunikationstechnologien

wie noch nie zuvor Menschen über Grenzen und Nationalitäten

hinweg verbinden. Für Gianpiero Lotito ist die

Kombination von Technologie und Frieden enorm wichtig, er

sehe es als Mission, an einer menschlicheren und inklusiveren

Gesellschaft mitzuarbeiten.

Vorsicht sei laut Lotito auch beim Transferieren des gesamten

Wissens der Menschheit in die digitale Welt geboten,

denn niemand wisse genau, wie dauerhaft Wissen mit

dieser Technologie aufbewahrt werden könne.

Und abseits der Technologie? Können wir eine Welt erschaffen,

in der wir in Frieden zusammenleben können? UN-

Generalsekretär António Guterres richtete den Blick wieder

zurück auf den Menschen und rief die politischen Führer der

Welt dazu auf, der Weisheit und der bis heute gültigen Vision

Mahatma Gandhis zu folgen. Er könne nur hoffen, dass

alle politisch Verantwortlichen in der Welt ihre Ziele lieber

mit Dialog und gewaltfreien Mitteln, einer starken Verpflichtung

zur Wahrheit und dem Wohlergehen der Menschen

zu erreichen versuchen. Mahatma Gandhis Worte gelten

mehr denn je: „Aug um Aug – und die ganz Welt wird

blind sein.“


BALANCER 74, 4/2018

INKLUSIVE ARBEITSWELT

27

Der

„DisAbility

Confidence Day“

Die Tagung zum Thema Barrierefreiheit und Inklusion in der Wirtschaft

Von Christian Zuckerstätter

Angeregte Podiumsdiskussion am DisAbility Confidence Day 2018 (vlnr): Marcel Haraszti, REWE-Bereichsvorstand; Dorothee Ritz, General Manager von

Microsoft Österreich; Gerhard Popp, Sektionschef für Digitalisierung, Innovation und e-Government im Bundesministerium für Digitalisierung und

Wirtschaftsstandort; Valerie Hackl, Mitglied des Vorstandes der ÖBB-Personenverkehr AG; Bettina Glatz-Kremsner, Vorstandsdirektorin der Österreichischen

Lotterien; Moderatorin Ingrid Thurnher

Foto: myAbility

Bereits zum dritten Mal veranstaltete myAbility heuer

den DisAbility Confidence Day. myAbility ist eine innovative,

soziale Unternehmensberatung, die Unternehmen

hilft, die Potenziale von Menschen mit Behinderung als

KundInnen und MitarbeiterInnen zu nutzen. Ziel des Confidence

Day ist es, zu zeigen, dass einige führende Unternehmen

in Österreich bereits die Vorreiterrolle in Sachen

Barrierefreiheit und Inklusion innehaben. Einige der bei

der Veranstaltung vertretenen Unternehmen zählen zu

den Referenzkunden von myAbility. Das Podium war prominent

besetzt: Bettina Glatz-Kremsner, Vorstandsdirektorin

der Österreichischen Lotterien, Valerie Hackl, Mitglied

des Vorstands der ÖBB-Personenverkehr AG, Dorothee Ritz,

General Managerin von Microsoft Österreich, Martin Graf,

Vorstandsdirektor der Energie Steiermark, Marcel Haraszti,

REWE-Bereichsvorstand, Georg Pölzl, CEO der Post AG,

Gerhard Popp, Sektionschef für Digitalisierung, Innovation

und e-Government im Ministerium für Digitalisierung

und Wirtschaftsstandort, Robert Zadrazil, Vorstandsvorsitzender

der UniCredit Bank Austria und zu guter Letzt die

Moderatorin Ingrid Thurnherr. Der Veranstaltungssaal im

„Studio 44“ im dritten Wiener Gemeindebezirk war voll

besetzt mit rund 300 Gästen.


28

INKLUSIVE ARBEITSWELT

BALANCER 74, 4/2018

INKLUSION IST DER SCHLÜSSEL ZUM

WOHLSTAND DER GESELLSCHAFT

Voll und ganz wohlfühlen kann man sich nur in einer Gesellschaft,

in der sich wirklich ALLE wohlfühlen! Für mich

brachte es Valerie Hackl vom Vorstand der ÖBB-Personenverkehr

AG am besten auf den Punkt. Sie legte dar, dass

Barrierefreiheit nicht nur für Menschen mit Behinderung

ein Thema ist: „Für rund 10 Prozent der Bevölkerung ist

Barrierefreiheit Voraussetzung für ihre Mobilität. Gleichzeitig

profitieren aber 100 Prozent der Reisenden davon

– Menschen mit Behinderung genauso wie Eltern mit

Kleinkindern, Schulkinder, ältere Menschen, Reisende mit

Gepäck ...“ Und auch alle anderen in der einen oder anderen

Art und Weise. Reisen wird, ebenso wie alle anderen

Bereiche des Lebens, durch Barrierefreiheit für alle Menschen

angenehmer, bequemer und attraktiver.

Das Besondere am DisAbility Confidence Day war und

ist, dass nicht Zielformulierungen, Zukunftsszenarien und

Forderungen präsentiert werden, sondern konkrete, angewandte

Beispiele aus der Praxis. Dass SpitzenvertreterInnen

großer Unternehmen die Präsentationen persönlich

vornehmen, macht deutlich, dass dem Themenbereich

Barrierefreiheit und Inklusion in ihren Unternehmen ein

großer Stellenwert zukommt. Sie stellen vor, was es in ihren

Betrieben schon alles gibt und wie es in der Praxis

wunderbar funktioniert.

SENSATIONELLE PRÄSENTATION EINER

NEUEN ERFINDUNG

Ohne Zweifel war die Präsentation der Robo-Hose „Exoskelett“

ein Höhepunkt der Veranstaltung. Mit dem Exoskelett

können – unglaublich aber wahr – nicht gehfähige

Menschen wieder gehen. Ob das Exoskelett computergesteuert

ist oder durch Impulse, die von den Beinen der „BenutzerIn“

ausgehen, gesteuert wird, habe ich nicht mitbekommen.

Das ist aber letztendlich gar nicht so wichtig. Die

technische Entwicklung geht heute bereits in so hohem

Tempo vor sich, dass Erfindungen von heute bereits morgen

wieder weiterentwickelt werden.

Die Robo-Hose ist etwas überdimensioniert, sodass

die TrägerIn der Hose die anderen Menschen um etwa einen

Kopf überragt. Aber es ist – wie vorhin ausgeführt –

bestimmt nur eine Frage kurzer Zeit, bis „Robo-Hosen-TrägerInnen“

nicht mehr als solche identifizierbar sein werden.

Präsentiert wurde die Robo-Hose von Gregor Demblin,

Veranstalter und Gründer von myAbility. Gregor ist Rollstuhlfahrer

und stolzierte jetzt plötzlich mit breitem Lächeln

aufrechten Gangs den Mittelgang des Veranstaltungssaals

auf und ab. Ein bleibender Eindruck!

DER DISABILITY CONFIDENCE DAY SETZT

MASSSTÄBE

Unglaublich, wie gut es den VeranstalterInnen gelang,

innerhalb weniger Stunden eine Fülle an Eindrücken und

konkreten Informationen sowohl kurzweilig wie auch

gänzlich unprätentiös zu vermitteln. Und das, wie schon

erwähnt, direkt aus den Mündern derer, die es am besten

wissen – die SpitzenmanagerInnen führender österreichischer

wie auch internationaler Großbetriebe (mit Sitz

in Österreich), die Barrierefreiheit und Inklusion bereits

praktizieren. Und das noch dazu mit einer repräsentativen

Bandbreite, die ihresgleichen sucht: die Bahn, die Post,

ein Energie-Betrieb auf Landesebene, eine Großbank, ein

Großbetrieb im Lebensmittel-Sektor, ein Glücksspiel-Betrieb

und – last but not least – ein internationaler Riese

am EDV-Sektor.

VIELFALT BRINGT VORTEILE

Es ist wahrlich beispielgebend, wie myAbility es schafft,

im Bereich Barrierefreiheit und Inklusion Unternehmen

eine Plattform zu geben, ihre Wege und Ziele zu zeigen

und über ihre Erfahrungen zu berichten. Und die angewandte

Inklusion ist, das wurde deutlich, zum Nutzen aller

Beteiligten. Klarerweise in erster Linie zum Nutzen von

Menschen mit Behinderungen. Aber auch zum Nutzen der

Betriebe und ihrer MitarbeiterInnen. Denn die Beschäftigung

von Menschen mit Behinderung bringt viele Vorteile

mit sich. Studien deuten darauf hin, dass Diversität in

der Arbeitswelt, also die Zusammenarbeit von Menschen

mit unterschiedlichsten Fähigkeiten, eine neue Qualität in

den Arbeitsprozess und in Teams bringt: unterschiedliche

Köpfe finden schnellere und bessere Lösungen, weil sie aus

verschiedenen Kontexten kommen und anders gelernt haben,

zu denken und zu arbeiten. Dadurch lernen die MitarbeiterInnen

im Job auch viel voneinander und ergänzen

sich zu einem flexiblen und agilen Team. Außerdem fördern

die nötige Toleranz und der respektvolle Umgang ein

angenehmes Arbeitsklima und somit nebenbei auch die

ArbeitgeberInnenattraktivität.

Meiner persönlichen Erfahrung nach haben viele

Menschen mit Behinderung sowie Teams, die MitarbeiterInnen

mit Behinderung inkludieren ihren eigenen Zugang

zur Arbeit: sie haben weniger Stress, mehr Zeit und innere

Ruhe. Sie wirken zufriedener mit sich und ihrem Leben.

Von all dem können alle Beschäftigten stark profitieren.

SCHEUKLAPPEN FALLEN LASSEN

Vor dem Hintergrund der beeindruckenden, in den vorhergehenden

Stunden gelieferten Beispiele formulierte Dorothee

Ritz von Microsoft Österreich treffend: „In Anbetracht

des drohenden Fachkräftemangels sollen Unternehmen

endlich ihre Scheuklappen fallen lassen, aus bestehenden

Best-Practice-Beispielen lernen und Vorurteile nachhaltig

abbauen.“ Eine Veranstaltung wie der DisAbility Confidence

Day kann als höchst effektive Drehscheibe gesehen

werden – hier werden Ideen von Spitzenkräften, die in großen

Privatbetrieben wie auch in öffentlichen Betrieben an

den Schalthebeln sitzen unter ihresgleichen weitergegeben.

Und jeder dieser Wirtschaftsbetriebe ist oder wird

wiederum zum Verteiler dieser Ideen, dieses Wissens an

die große Zahl der KonsumentInnen bzw. NutzerInnen. Ein

großartiges Konzept! Herzlichen Dank und weiterhin viel

Erfolg, myAbility!


BALANCER 74, 4/2018

TAGESSTRUKTUR

29

BALANCE

hat eine neue Tagesstruktur –

die TAGS ELFPlus

Hinter dieser Abkürzung

steckt eine gänzlich neue Aufgabe,

der sich BALANCE stellt.

Von Christian Zuckerstätter

Einleitend gleich der Kern vorweg: Hauptcharakteristikum

der TAGS ELFPlus ist, dass alle

NutzerInnen Menschen mit autistischer Wahrnehmung

sind. Die damit zusammenhängende

Besonderheit der Wahrnehmung und

Wahrnehmungsverarbeitung hat den TeilnehmerInnen

schon in ihrer Schulzeit größte

Schwierigkeiten bereitet – sie hatten in dieser

Zeit bereits Assistenz. Die sechs Personen

konnten nach dem Abschluss ihrer Regelschulpflicht

in keiner bestehenden Tagesstruktur

Aufnahme finden. Deshalb hat der Fonds Soziales

Wien für diese TeilnehmerInnen einen

Sondertagsatz – zunächst für dieses Jahr – zur

Verfügung gestellt, sodass sie nun in der neuen

Tagesstruktur jeweils durchgehend von

einer MitarbeiterIn unterstützt werden können.

Es zeigt sich: mit diesem Tagesstruktur-

Angebot stellt sich BALANCE einer gänzlich

neuen Herausforderung.


Nachgeschlagen bei Wikipedia, findet sich folgende Definition:

Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung,

die sich in drei Bereichen zeigt: A – Probleme im sozialen

Umgang, B – Auffälligkeiten bei der sprachlichen und

nicht-sprachlichen Kommunikation und C – eingeschränkte

Interessen mit stereotypen, sich wiederholenden Verhaltensweisen.

Eine Definition, der ich mich – als medizinischer

Laie – ganz und gar nicht anschließen kann! Für mich

waren alle NutzerInnen auffällig kommunikativ, mitteilungsbedürftig

und wissbegierig. So kam ich vor lauter

Fragen, die sie mir stellten, nur schwer dazu, meine Fragen

an sie zu richten. Es war für mich insgesamt ein sehr spannender,

aufregender und interessanter Dialog, wie ich ihn

zuvor noch mit keiner Gruppe geführt hatte. Dies lag vor

allem daran, dass zumeist die NutzerInnen das Gespräch

führten und nicht die BetreuerInnen.

Apropos BetreuerInnen: da bin ich gleich bei einer

weiteren Besonderheit der TAGS ELFPlus. Hier gibt es nicht

verschiedene Gruppen oder Werkstätten. Hier ist jedeR

NutzerIn quasi eine Gruppe für sich. Das spiegelt sich auch

im zahlenmäßigen Verhältnis der NutzerInnen zu den BetreuerInnen

wider. Grundsätzlich hat jedeR NutzerIn ihre

persönliche Betreuung. Die BetreuerInnen wechseln einander

aber ab. So hat jedeR NutzerIn zwei bis vier

ver schiedene BetreuerInnen, die einander tageweise abwechseln.

Insgesamt sind in der neuen Tagesstruktur zehn

MitarbeiterInnen (großteils teilzeit-) beschäftigt. In der

TAGS ELFPlus betreuen somit zehn MitarbeiterInnen sechs

NutzerInnen! Das ist Ausdruck des extrem hohen Unterstützungsbedarfs,

den der Autismus für diese NutzerInnen

mit sich bringt.

FAKTEN UND WESEN DER TAGS ELFPLUS

Die TAGS ELFPlus besteht seit Jänner dieses Jahres. Wie

schon ihr Name sagt, gehört sie zum Standort TAGS ELF.

Seit Anfang März kann sie aber einen eigenen Standort in

der Marchettigasse im 6. Wiener Gemeindebezirk nutzen.

Dort verfügen die NutzerInnen über einen Werk-Raum,

in dem jedeR ihren eigenen Platz hat und einen großen

Raum, den sie in Zukunft mit einem anderen Verein teilen

werden. Es ist von großer Bedeutung für die NutzerInnen

mit autistischer Wahrnehmung, dass jedeR ihren eigenen

Tisch hat, ihren eigenen „NutzerInnen-Bereich“. Ein begrünter

Innenhof wertet den Standort zusätzlich auf.

Das zentrale und wichtigste Faktum der TAGS ELFPlus

wurde schon vorweggenommen. Es ist das 1:1-Betreuungsverhältnis,

eine wahre Besonderheit. Die NutzerInnen sind

zwischen 15 und 30 Jahre alt und stellen, jedeR für sich, die

BetreuerInnen vor ganz persönliche, spezielle Aufgaben.

Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie, wie in der Definition

eingangs schon angeklungen, in der Kommunikation und

im sozialen Verhalten, in der „Interaktion“, beeinträchtigt

Fotos: TAGS ELFPlus


BALANCER 74, 4/2018 TAGESSTRUKTUR 31

sind. Eine wissenschaftliche Definition formuliert es so:

„sie stecken im Störungsfeld“. Deshalb ist auch das Angebot

für jedeN NutzerIn individuell abgestimmt, sehr personenzentriert.

Im Wesentlichen ist das Ziel der Unterstützung,

sie bei der Bewältigung ihrer täglichen Aufgaben zu

unterstützen. Dabei wird erkundet, welche Interessen, Fähigkeiten

und Neigungen die TeilnehmerInnen haben und

wie sie diese nutzen können, um mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten.

Denn die Tagesstruktur in dieser

Form soll nicht Endstation sein!

Das Hauptproblem, mit dem die NutzerInnen, unterstützt

durch ihre BetreuerInnen, fertig werden müssen, ist

die Überforderung. Nimmt sie überhand, können mitunter

aggressive Verhaltensweisen eine Folge davon sein. Probleme

tauchen bei Menschen mit autistischer Wahrnehmung

auch dadurch auf, dass sie die Welt anders wahrnehmen

als andere Menschen. Dass sie sich sehr schwer

damit tun, sich in andere hineinzuversetzen und dass ihnen

die Fähigkeit fehlt, bestimmte Sachen einfach „auszublenden“

und somit unterschiedlich zu bewerten. Das mag

alles nicht nach gravierenden Problemen klingen. Es sind

aber durchwegs Verhaltenszüge, die den Nicht-Autisten

das Leben und vor allem das Zusammenleben in hohem

Maße erleichtern!

ROUTINE, EINE SANFTE, UNSICHTBARE

STRUKTUR

Ein Ziel in der Unterstützungsarbeit der TAGS ELFPlus ist

es, nach Gemeinsamkeiten zu suchen, eine gemeinsame

Linie für alle zu finden, eine große Herausforderung, da

die NutzerInnen sooo unterschiedlich sind! Die angestrebte

Richtung ist, eine passende Struktur zu entwickeln. Eine

sanfte, unsichtbare Struktur im Sinne von Routine, die

Halt gibt, aber nicht einschränkt. Ein weiteres Ziel ist, Anschlussmöglichkeiten

für die NutzerInnen zu finden. Wesentlicher

Punkt dabei: nicht nur innerhalb des Systems,

sondern auch darüber hinaus, dabei knüpft man an den

individuellen Fähigkeiten einzelner NutzerInnen an, wie

zum Beispiel: Korrektur lesen, Übersetzungen, Kontakt

zu einem Hund, Klavier spielen, schminken und vieles

mehr. Für jede dieser Fähigkeiten gilt es, geeignete Einsatzmöglichkeiten

zu finden. Ein Beispiel: Schminken bei

Volksfesten ... Geplant ist auch, im Sinne der Suche nach

Gemeinsamkeiten zwischen den NutzerInnen den Versuch

zu unternehmen, dass einE BetreuerIn zwei NutzerInnen

betreut. Das ist alles der Stand nach drei Monaten TAGS

ELFPlus am eigenen Standort. Es werden sich im Laufe der

kommenden Monate/Jahre bestimmt neue Aufgaben und

neue Herausforderungen stellen. Denn die TAGS ELFPlus

ist ein reges, höchst lebendiges und aufregendes neues

Betätigungsfeld, dem sich BALANCE widmet und mit Sicherheit

auch in Zukunft widmen wird!


32

interbalance

BALANCER 74, 4/2018

Eine

größere Offenheit

in Richtung

Anderssein

Kuno Gruber von Specialisterne bringt

Menschen aus dem Autismus-Spektrum,

die spezielle Fähigkeiten haben, mit

Unternehmen zusammen.

Interview: David Galko, Jürgen Plank

Was ist Specialisterne?

Kuno Gruber: Specialisterne ist ein dänisches Wort und heißt

‚die Spezialisten’. Thorkil Sonne, der Gründer von Specialisterne

hat diesen Verein in Dänemark gegründet, weil sein

Sohn den Asberger-Autismus hat und er sich gedacht hat,

er könnte aus den Fähigkeiten, die Asberger-AutistInnen

haben, eine berufliche Orientierung machen. Das war die

Grundidee, seither ist Specialisterne in Form eines Franchise-

Systems weltweit in 12 Ländern vertreten.

Welches Ziel habt ihr euch in Österreich gesetzt?

In Österreich haben wir uns zum Ziel gesetzt, 1.000 Jobs für

Menschen im Autismus-Spektrum zu schaffen. Wobei wir

die folgenden Ansätze verfolgen: wir haben auf der einen

Seite eine AMS-Bildungsmaßnahme, die Talenteschmiede

heißt und 12 Wochen lang dauert. In diesem Zeitraum werden

vom AMS zugebuchte Asberger-AutistInnen für den ersten

Arbeitsmarkt bereitgemacht. Außerdem versuchen wir

die AutistInnen, die zu uns kommen, außerhalb des AMS zu

begleiten und in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen.

Vorstellungsgespräch moderieren: Wie stellt ihr diese

Verknüpfung zum ersten Arbeitsmarkt her?

Grundsätzlich haben wir den Ansatz, dass wir bei Großveranstaltungen

auf Unternehmen zugehen, ihnen unsere Philosophie

erklären, ihnen die Stärken von Menschen im Autismus-Spektrum

klarmachen und ihnen zu vermitteln versuchen,

diese Stärken firmentechnisch umzusetzen. Wenn uns

das gelingt, treten wir in einen Prozess ein: d. h., wir laden die

Firmen zu uns ein, auch unsere KandidatInnen, und moderieren

quasi ein Vorstellungsgespräch. Dann vereinbaren wir

einen Schnuppertag, an dem sowohl die KandidatIn als auch

die Firma sich ein genaues Bild machen können.

Wie geht es dann weiter?

Wenn der Schnuppertag funktioniert und von der Firma das

Okay kommt, haben wir danach eine Art Probezeit. Die kann

vom AMS genehmigt werden, dann können sich die KandidatInnen

beweisen und wenn diese Phase funktioniert, gibt

es zwei Möglichkeiten: entweder stellen wir die Leute dann

im Rahmen einer Arbeitskräfteüberlassung bei uns an und

sie werden den Firmen überlassen, oder sie werden direkt

von den Firmen angestellt. Insgesamt ist die Arbeitskräfteüberlassung

das am häufigsten gewählte System.

Begleitet ihr auch die MitarbeiterInnen in den Firmen,

in denen Menschen mit Asberger-Autismus zu arbeiten

beginnen?

Wir bieten einen zwei bis drei Stunden langen Workshop an,

in dem die Teams in den Firmen über Asberger-Autismus genau

informiert werden und in dem ein Team-Building stattfindet,

das dann in Coaching übergeht.

Zu welchen Arbeitsplätzen vermittelt ihr Menschen mit

Autismus?

Wir sind an den Stärken orientiert. Wir versuchen im Rahmen

unseres Prozesses die Stärken von jedem einzelnen

herauszufinden. Da gibt es auch Unterschiede, manche sind

eher Zahlen- andere visuell orientiert. Davon hängt dann ab,

wohin sie sich mehr hingezogen fühlen. Ob mehr zu IT-Tätigkeiten,

die datenbezogen sind oder ob zu IT-Tätigkeiten, die

mehr in Richtung Qualitätssicherung gehen.

Liegt ein Schwerpunkt im Bereich IT?

Wir haben IT als vorrangiges Gebiet gewählt, weil es in der

IT nicht so sehr um abgeschlossene Ausbildungen geht, son-

Foto: specialisterne


BALANCER 74, 4/2018 interbalance 33

dern es geht mehr darum, was ich beherrsche. Und es geht

auch darum, wie schnell ich in ein neues Thema einsteigen

kann und drinnen bin. Dazu eignen sich unsere KandidatInnen

hervorragend, weil sie binnen kürzester Zeit in einem

Thema drinnen sind und Wissen aufnehmen können.

Jobs herausfiltern: Und wie findet ihr für die KlientInnen

die Arbeitsplätze?

Wir machen auch eine Art job finding, wir fokussieren nicht

nur auf ausgeschriebene Jobs, sondern versuchen, die Firma

kennen zu lernen und versuchen dann spezifische Jobs herauszufiltern,

die für unsere KlientInnen passend sind.

Wenn Sie Kontakt mit Firmen haben: welche Missverständnisse

gibt es denn in Bezug auf AutistInnen?

Das große Missverständnis der Firmen ist immer, dass sie

denken, wenn ich eine so genannte ‚normale‘ Jobanfrage

stelle und über eine Personalabteilung jemanden vermittelt

bekomme, funktioniere alles einwandfrei. Alles, was außerhalb

dieser normalen Bewerbungs- und Anstellungsmethode

ist, sei eben ein Sonderfall und Sonderfälle ergeben

Probleme. JedeR, die Verstärkung für ihr Team braucht, will

möglichst wenig Konfrontationen und will möglichst wenig

ändern, um eben den Prozess gleichlaufend nur zu verstärken.

Es wird leider von vielen automatisch angenommen:

wenn ich Menschen mit Autismus nehme, gibt es mehr Probleme,

vor allem, weil sie speziell am Anfang weniger kommunizieren.

Und um diese Probleme auszuschalten, fange

ich erst gar nicht mit einer AutistIn als ArbeitnehmerIn an.

Es braucht also im positiven Sinn den Mut, das einfach auszuprobieren.

Risiko ist eigentlich keines dahinter, denn wenn

es in der Probezeit nicht funktioniert, kommt auch für die

Firmen nichts Negatives heraus. Selbst eine Probezeit ist für

unsere KandidatInnen positiv, weil sie dadurch für ein oder

zwei Monate wieder eine Arbeitspraxis gehabt haben.

Wir sprechen selbst vom Rain-Man-Effekt, weil der Film

für uns eher negative Auswirkungen hat. Denn Sie müssen

sehen, dass bei „Rain Man“ zwei Aspekte herausgearbeitet

werden: zum einen eben diese Inselbegabung, die aber

nur bei sehr wenigen Leuten gegeben ist. Diese Inselbegabung

begeistert die Leute, die finden sie fantastisch. Aber

die Schwierigkeiten, die im Film gezeigt werden, dass er

orientierungslos ist oder dass er sehr stur ist, blieben mehr

hängen und überdecken das Bild der AutistIn mit einem negativen

Verhalten. Das ist für uns also in diesem Sinne kein

Werbefilm.

Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft in Bezug auf

Ihr Arbeitsfeld?

Auf Seite der Firmen würde ich mir mehr Kooperationen

wünschen, damit man dieses fachtechnische Know-how

gemeinsam mit dem Know-how in Bezug auf Autismus

nutzen kann, um spezielle Kräfte auszubilden. Wir können

das nicht alleine, weil uns die finanziellen Mittel fehlen.

Zweitens würde ich mir grundsätzlich von der Gesellschaft

eine größere Offenheit in Richtung Anderssein wünschen.

Für jeden, der von einer gewissen Norm abweicht. Diese

Norm ist ja nur eine gedachte und konstruierte Norm. Jeder

Mensch ist anders und hat andere Stärken und Schwächen.

Ich wünsche mir, dass man mehr verinnerlicht: was kann ich

gut. Dadurch steigert man auch die Achtsamkeit gegenüber

anderen Menschen.

Welche Ausbildungen bietet ihr an?

Wir sind ein kleiner Verein und sind nur fünf Personen und

können selbst keine Ausbildungen anbieten. Wir bieten nur

die Talenteschmiede an, die zum Teil vom AMS definiert und

finanziert wird. Wir bieten im Rahmen einer Kooperation

mit der Firma Nagarro die Ausbildung zur ISTQB-TesterIn

(Anm.: ISTQB = International Software Testing Qualifications

Board), zur Software-TesterIn an.

Was macht einE Software-TesterIn genau?

Das ist sehr firmenspezifisch: sie überprüft die Software,

automatisiert teilweise die Software. Es kann auch ein Testen

von Geräten sein, von Programmteilen oder von fertigen

Programmen in ihrem Ablauf. Oder immer wieder wiederholte

Tests von Webanwendungen: ob sie zuverlässig sind

und software-ergonomisch stimmen. Das ist ein weites Feld,

im Grunde ist es eine gesteigerte Form von Qualitätssicherung.

Dazu eignen sich Menschen mit Asberger-Autismus

gut, weil sie eben akribisch genau sind.

Rain-Man-Effekt: Es gab ja den Film „Rain Man“ mit

Dustin Hoffman, der Autismus ins Zentrum gerückt hat.

Was hat dieser Film in Bezug auf das Image von Autismus

gemacht?

Zur Person

Ursprünglich kommt Kuno Gruber aus dem Bereich

IT (Informationstechnologie). Vor sechs Jahren hat

er eine Ausbildung zum psychosozialen Berater absolviert.

Seit 2013 ist er bei Specialisterne, heute

auch Teil der Geschäftsleitung und kümmert sich

um die Bereiche Coaching, IT und die Beziehungen

zu den Firmen, mit denen Specialisterne kooperiert.

http://at.specialisterne.com


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Kommentar

BALANCER 74, 4/2018

Pro

von Christian Zuckerstätter

Essen in den

Öffis

Mein Pro bezieht sich insbesondere auf die Zeit, als ich

jeden Wochentag vormittags mit der U-Bahn unterwegs

zur BALANCE-Tagesstruktur Fuchsenfeld in Meidling

war. Wegen der vielen Medikamente, die ich einnehmen

musste, fiel mir das Aufstehen extrem schwer und es war

die reine Illusion, vor dem Weggehen zu Hause zu frühstücken.

Mein später Morgen bestand daraus, mich aus

dem Bett zu räkeln, zu duschen, Zähne zu putzen und die

Sachen für den neuen Tag in den Rucksack zu packen. Am

Weg zur nahen U-Bahn-Station kaufte ich mir beim Bäcker

eine Mehlspeise, vorwiegend eine Topfengolatsche.

Dies war mein Frühstück, das ich Tag für Tag am Weg

zum Fuchsenfeld verzehrte – in der U-Bahn ...

Das war für mich völlig normal und ich hatte nie das

Gefühl, dass sich Andere dadurch gestört fühlen, dass ich

esse. Außerdem entwickelte sich bei mir mit der Zeit eine

höhere Sensibilität, was das Bröselmachen betraf und

ich formte das Sackerl vom Bäcker zu einer Art Tüte, in

der ich die herabfallenden Krümel auffing. Ich machte

dabei insgesamt keinerlei negative Erfahrungen mit anderen

Fahrgästen und genoss mein tägliches Frühstück

in der U-Bahn sehr.

So wie mir damals, geht es mit Sicherheit auch vielen

Anderen, die aus Zeitmangel das Frühstück oder andere

Mahlzeiten in der U-Bahn oder anderen öffentlichen

Verkehrsmitteln zu sich nehmen. Ich bin es seit jeher

gewohnt, dass Fahrgäste in meiner näheren Umgebung

essen – Wurstsemmeln, diverse Weckerln, Mehlspeisen

und Ähnliches. Und ich kann und will nicht verstehen,

wieso ich daran Anstoß nehmen sollte. Provokante

Frage: stört es irgendjemanden, wenn ein Kleinkind

im Kinderwagen an seiner Biskotte knabbert?

Ein eigenes Kapitel sind natürlich stark riechende,

um nicht zu schreiben „stinkende“ Lebensmittel, aus denen

mitunter noch Käse und/oder diverse Flüssigkeiten

tropfen. Die gehen auch für mich an die Grenzen des Erträglichen,

wenn nicht weit darüber hinaus. Und ich

habe volles Verständnis für die aktuelle Plakatkampagne

der Wiener Verkehrsbetriebe, in der die betreffenden Lebensmittel

ironisch als Kriminalfälle dargestellt werden.

Aber ich bin eben sehr stark fürs Differenzieren, damit

sich nicht unzählige Menschen in ihren Gewohnheiten

einschränken müssen!

Contra

Von Helga Hiebl

Ja, sicher, es gibt Schlimmeres. Geruchsbelästigungen

sind auch durch ein Essensverbot bestimmt nicht ausgeschlossen,

aber ist man gleich eine puritanische SpaßverderberIn,

wenn man es nicht mag, wenn am Boden

die Bierlacken einen klebrigen Film hinterlassen, die

Sitze vollgebröselt sind und man seine Garderobe vor

den fetttriefenden überhängenden Pizzastücken, dem

tropfenden Ketchup oder der langsam abrutschenden

Eiskugel aus dem Stanitzl retten muss? – Besonders bei

kurvigen Strecken eine oft akrobatische Übung. Ist man

gleich eine biedere VerbotspolizistIn, wenn man neben

den ohnehin oft nicht so angenehmen olfaktorischen Erlebnissen

die Geruchs-Mischung aus Kebab, Bier, Energy

Drink oder Coffee to Go eher entbehrlich findet?

Ist es wirklich so, dass man in einer Zeitspanne von

durchschnittlich 30 Minuten, die man in Öffis verbringt,

unbedingt essen und trinken muss? In vielen Städten der

Welt ist Essen selbstverständlich in den Öffis nicht erlaubt,

auch in Wien ist das in manchen Buslinien schon

heute der Fall. Und sind die Fahrgäste alle verhungert

oder verdurstet? Ja, klar, es gibt Schlimmeres und sicher

bräuchte man keine Verbote, wenn man darauf hoffen

könnte, dass die Leute generell etwas rücksichtsvoller

wären, ja eh. Ist aber nicht so, da hilft nur ein generelles

Verbot, das zum Glück bereits Wirkung zeigt.


BALANCER 74, 4/2018

Veranstaltungen

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Impressum

Medieninhaber, Herausgeber, Verleger:

Verein BALANCE – Leben ohne Barrieren, 1130 Wien,

Hochheimgasse 1,

T 01/8048733-8105, F DW 8050

E-Mail: h.hiebl@balance.at

Internet: www.balance.at

Chefredaktion: Mag. Helga Hiebl

Redaktion: David Galko (daga), Mag. Jürgen Plank (jpl),

Cornelia Renoldner (core), Mag. Andrej Rubarth (anru), Andreas

Tettinger (ante) und Brigitte Wallner, (giwa) Pia Wolf (piwo),

Christian Zuckerstätter (chriz)

Versand: Tagesstruktur-Standort ELF

Grafische Gestaltung: Frau Ober

Redaktionsadresse: Zeitschrift Balancer, Hochheimgasse 1, 1130

Wien,

T 01/804 87 33-8105,

E-Mail: h.hiebl@balance.at

Erscheinungsweise: 1/4-jährlich

Erscheinungsort: Wien

Offenlegung nach § 25 Mediengesetz: Eigentümer: BALANCE,

gemeinnütziger, überparteilicher, nicht-konfessioneller Verein.

Vorstand: OSR, Dir. Rudolf Wögerer, Obmann; MinRat Mag.

Rotraut Kopper, Obmann Stellevrtreterin; Marianne Kühtreiber,

Obmann Stellvertreterin; Dr. Karl Katary, Schriftführer; Irmtraut

Vaclavic, Schriftführer Stellvertreterin; Gertrud Bartsch,

Kassierin; SenRat DI Harald Haschke, Kassierin Stellvertreter;

Dipl.-Vw. Herbert Kopper; Leo Josef Neudhart; SD Edeltraut

Frank-Häusler; Susanne Pisek; Dr. Wilhelm Holubetz, Irene

Pautsch

Geschäftsführung: Marion Ondricek,

Veranstaltungen

Adventmarkt Fuchsenfeld

Produktverkauf, Punsch, Kekse

Termin: Mittwoch, 28. November 2018, 15:00-20:00

Ort: Fockygasse 52, 1120 Wien

Adventzauber am Sonnenhof

Snacks – Punsch – Kinderecke

Termin: Donnerstag, 13. Dezember 2018, 15:00-20:00

Ort: Viktor-Kaplan Straße 6-8, 1220 Wien

Viele schöne nachhaltige Handwerksprodukte und

Accessoires aus Holz, Keramik, Papier, Textil, dazu Punsch

und Snacks, Kinderecke und Informationen zum

Standort.

BALANCE Design Produkte – Hannanaht – genähte Loops

und Babyhosen – Bio Imkerei madebybees –

verschiedene Honigsorten – Frysanja – Zier- und

Schmuckgegenstände – Bregahof – Waldweihrauch und

Bioprodukte – Craft Beer – made by biewo brewery -

Handgemachte Ohrringe – made by Nina – Genähte

Armstulpen und Schals – made by Nadja –

Kinderbücher – geschrieben von Caudia Ertl

Blattlinie: Der „Balancer“ berichtet als Fach- und

Vereinszeitschrift über die Aktivitäten von BALANCE, bekennt

sich zu dessen Leitbild und Grundsätzen und thematisiert

besonders relevante Themen und Ereignisse, die Menschen

mit Behinderungen betreffen. Der „Balancer“ folgt

inhaltlich dem Bekenntnis des Art. 7 der Bundesverfassung,

nach welchem es ein Grundrecht aller Menschen ist,

gleichberechtigt und ohne Diskriminierung zu leben.

Inklusive Redaktion: Als Grundvoraussetzung für eine zukünftige

inklusive Gesellschaft werden Selbstbestimmung und

Selbsttätigkeit der BALANCE-KlientInnen unterstützt. Gemäß

diesem Anspruch setzt sich das Redaktionsteam des „Balancers“

zu gleichen Teilen aus BewohnerInnen, Tagesstruktur-

TeilnehmerInnen und MitarbeiterInnen zusammen.

Ausstellung bildBalance Atelier

MaPo

Im Rahmen des VerZaubermarkt im Rathaus

Zwentendorf

Termin: Samstag, 1. Dezember 2018, 15:00-19:00

Ort: Rathausplatz 4, 3435 Zwentendorf an der

Donau


BALANCE Design und Handwerk

BALANCE Design und Handwerk

Upcycling

Kalenderbuch

Ein Kalender ist immer ein gutes

Geschenk gegen Jahresende. Diese hier

werden in der Upcycling Werkstatt am

Tagesstruktur-Standort Fuchsenfeld

in unterschiedlichen Größen

gefertigt. Für den Einband wird

recyceltes Material verwendet

und die weitere Gestaltung

erfolgt nach Ideen der

NutzerInnen.

Schneidbrett aus massivem Kirschholz:

Schneidbrett aus massivem Kirschholz:

In dieser Ausgabe präsentieren wir Ihnen ein Produkt aus unserer Holzwerkstätte.

Schneidbrett aus massivem Kirschholz aus einem Stück gefertigt. Ein Produkt für die Ewigkeit.

Wir In dieser freuen Ausgabe uns schon präsentieren auf Ihren Besuch wir Ihnen in einer Produkt unserer aus Werkstätten.

unserer Holzwerkstätte.

Schneidbrett aus massivem Kirschholz aus einem Stück gefertigt. Ein Produkt für die Ewigkeit.

Wir freuen uns schon auf Ihren Besuch in einer unserer Werkstätten.

zu beziehen im WERKVERKAUF: MO-DO 8.30-15.30 Uhr FR 8.30-12.00 Uhr

SoHo Laden

Fuchsenfeld

zu beziehen im WERKVERKAUF: MO-DO 8.30-15.30 Uhr FR 8.30-12.00 Uhr

Viktor Kaplan Str. 6-8 Fockygasse 52

1220

SoHo

Wien

Laden

Fuchsenfeld

1120 Wien

01/209

Viktor Kaplan

37 31

Str. 6-8 Fockygasse

01/ 817 93 44-13

52

1220 Wien

1120 Wien

01/209 37 31

01/ 817 93 44-13

www.balance.at

www.balance.at

Verein BALANCE – Leben ohne Barrieren

Hochheimgasse 1, 1130 Wien

Bankverbindung Spendenkonto:

Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien AG

UID: ATU38152717

BIC RLNWATWW, IBAN AT96 3200 0000 0747 9868

Spenden an BALANCE sind absetzbar: SO 1481

Österreichische Post AG /

Sponsoring.Post

GZ: 08Z037718S

Nr. 74/2018, Jahrgang 21

Verlagspostamt 1130 Wien

Erscheinungsort Wien

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