Winterzauber_Leseprobe

nadineskonetzki

Zwölf zauberhafte Kurzgeschichten bringen euch in winterliche Welten, die so vielfältig sind wie die Schneeflocken am Himmel. Findet euer ganz eigenes Winterwunder, trefft auf mythische Geschöpfe und erlebt magische Abenteuer. Schließt mit uns unwahrscheinliche Freundschaften und begegnet im Winter der Liebe eures Lebens. Trauert gemeinsam mit uns, wenn sie zerbricht. Das Schicksal und höhere Mächte warten nur darauf, euch zu verzaubern!
Eine Anthologie voll märchenhafter und magischer Geschichten!

Winterzauber

Hrsg. Pia Euteneuer


Besuchen Sie uns im Internet:

www.zeilengold-verlag.de

Nadine Skonetzki

Blütenhang 19

78333 Stockach

info@zeilengold-verlag.de

1. Auflage

Copyright © Zeilengold Verlag, Stockach 2018

Buchcoverdesign: Christin Gießel, www.giessel-design.de

Satz & Illustration: saje design, www.saje-design.de

Lektorat: Pia Euteneuer, www.wortgewand13.de

Korrektorat: Lillith Korn, www.helfeelfe.de

Druck: bookpress, 1-408 Olstzyn (Polen)

ISBN Print: 978-3-946955-17-7

ISBN E-Book: 978-3-946955-79-5

Alle Rechte vorbehalten.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.dnb.de abrufbar.


Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Liebe Magiesuchende!

Es freut mich sehr, Euch die zweite Anthologie vom Zeilengold-Verlag

präsentieren zu dürfen. Auch dieses Jahr

haben unsere 12 Autorinnen ihr Bestes gegeben, um Euch

für eine Weile in eine Welt voller Zauber und winterlicher

Gefühle zu entführen.

Als ich im Hochsommer relativ spontan die Koordination

für diese Anthologie übernahm, hätten meine Gedanken

vom Winter nicht entfernter sein können. Genauso

erging es vermutlich unseren Autorinnen, die dennoch

jedes Gefühl von Hitze, Baden, Sonnenschein aus ihren

Köpfen ausgesperrt haben und wundervolle Welten aus

Kälte, Schnee und Eis erschaffen haben. Dieses Jahr werden

die Zeilengoldler übrigens von einigen Kolleginnen

aus der Märchenspinnerei unterstützt. Ihr könnt Euch also

auf eine bunte Mischung freuen, denn wir haben für Euch

tragische, humorvolle, düstere, aufbauende und märchenhafte

Geschichten ausgewählt. Ich kann Euch versichern,

dass jede dieser Kurzgeschichten auch einen Funken Magie

enthält, der – wenn draußen die Stürme toben, es tagelang

schneit und die Sonne nur eine entfernte Erinnerung ist –

Eure Herzen hoffentlich wärmen wird!

Weil eine Anthologie niemals nur das Werk eines Einzelnen

ist, möchte ich kurz Danke sagen. Vielen Dank an

all die Schriftstellerinnen, die die Seiten mit ihrer Magie


und ihrer Liebe gefüllt haben. Danke auch an die beiden

Designerinnen und die Korrektorin. Ohne Euch wäre dieses

Buch nie entstanden. Und selbstverständlich ein großes

Dankeschön an meine zauberhafte Verlegerin Nadine,

die mir die Leitung für diese Sammlung vertrauensvoll in

die Hände gelegt hat. Ich hoffe, du bist mit dem Ergebnis

ebenso glücklich, wie ich es bin!

Nun jedoch genug der Vorworte und Vorhang auf für

unseren Winterzauber!

Viel Spaß und magische Lesestunden!

Pia


Inhalt

CHRISTIN THOMAS

Ein stilles Winterwunder ............................................ 9

SABRINA SCHUH

Marzipan vs. Weihnachten ....................................... 47

NEY SCEATCHER

Winternachtstraum ................................................... 67

JANNA RUTH

Versprochen ..............................................................103

BETTINA AUER

Das vergessene Kind .................................................123

LILLITH KORN

Schnee von gestern ................................................... 149

KAT RUPIN

Märchen ..................................................................... 173

KATHERINA USHACHOV

Entzug ........................................................................ 215


NICOLE OBERMEIER

Die Nacht der besonderen Wünsche ...................... 225

RABEA BLUE

Lebenswert ................................................................ 265

LILYAN C. WOOD

Sternenschwester ..................................................... 289

MARIELLA HEYD

Der Rubel des Schicksals ......................................... 331


Ein stilles

Winterwunder

CHRISTIN THOMAS


LONDON, 1871

IN DEN STRASSEN Londons lag Schnee. Er war zu einem

schmutzigen Brei zertrampelt worden, nur auf den Dächern

und Bäumen zeigte er sich weiß und prachtvoll.

Polly warf einen Blick auf ihre nassen Schnürstiefel, durch

deren Leder Kälte drang. Fröstelnd rieb sie sich die Arme

und richtete den Kragen ihres Mantels auf. Weder ihr Hut

noch ihr Schal boten allzu viel Schutz vor dem Wind.

Ihre Mutter hatte ihr geraten, eine Droschke zu nehmen,

doch Polly hatte nicht auf sie gehört. Stattdessen

hatte sie die Eisblumen bewundert, die sich an der Glasscheibe

gebildet hatten, und sich im Anblick der von Frost

geküssten Landschaft verloren. Während ihr Rücken vom

Kaminfeuer gewärmt wurde, blieb ihr Gesicht kalt und ihr

Atem beschlug das Fenster. Der Winter, für dessen Schönheit

während einer Fahrt keinerlei Zeit blieb, besaß etwas

äußerst Romantisches. Polly war der Auffassung, dass es

das Beste wäre, die wenigen Straßen bis zu ihrem Bruder

zu laufen und sich dieser zauberhaft winterlichen Atmosphäre

hinzugeben.

Nun stand sie schlotternd auf dem spiegelglatten Gehweg

und wurde sich bewusst, dass die Realität ganz anders

aussah als ihre malerischen Vorstellungen. Sie ließ sich

jedes Jahr aufs Neue von der herrlichen Aussicht täuschen,

ehe die Kälte sie früher oder später an ihren Irrtum erinnerte.

Ihre Gedanken klammerten sich an die zu erwar-

10


tende Wärme im Hause ihres Bruders und die Tasse Tee,

die er ihr ganz sicher anbieten würde. Der Weg war nicht

mehr weit und sie war zu stolz, um ihre Meinung so kurz

vor dem Ziel zu ändern. Sie würde Haltung bewahren und

sich ihr Befinden nicht ansehen lassen.

Bibbernd bog sie in eine belebte Straße ab, in der sich

einige Geschäfte aneinanderreihten. Ihre Aufmerksamkeit

richtete sich auf die Backwaren, die im Schaufenster

der Bäckerei auslagen. Ein paar Meter weiter gab es edle

Stoffe und Kleider zu bewundern. Der Inhaber grüßte sie

mit einem freundlichen Lächeln, als er ihr Vorbeigehen

bemerkte. Mr Bradford war ein guter Bekannter von Polly.

Schließlich gehörte die gesamte Familie Browne der privilegierten

Oberschicht an und zählte zu seinen treusten

Kunden. Polly lächelte wohlerzogen zurück und tat es

immer noch, wobei sie bereits einige Schritte weitergegangen

war.

Ihr Weg führte an einer Gasse entlang, aus der sie ein

klagendes Geräusch vernahm. Aufmerksam horchte sie

auf, blieb stehen und schaute in die Dunkelheit.

»Hallo?«, fragte sie. Polly hielt die Luft an, sah sich prüfend

auf der Straße um und reckte ihren Kopf nach vorn. Sie

hörte nach wie vor das Schluchzen, das irgendjemand im

Schatten von sich gab. Für einen Moment dachte sie darüber

nach, es gut sein zu lassen. Im Grunde ging es sie nichts an,

wenn jemand weinte, und doch rührte sie sich nicht. Trotz

ihres anerzogenen Anstands keimte Neugierde in ihr auf.

11


»Hallo?«, wiederholte sie. Das Geräusch erstarb und

wurde stattdessen von raschelndem Stoff abgelöst. Sie

schlich an einigen Holzkisten vorbei und entdeckte dahinter

ein Mädchen, das mit angezogenen Beinen auf dem

Boden kauerte. Es lehnte mit dem Rücken an der Mauer

eines Hauses. Das Gesicht war blass, die Nase rot und die

blaugefärbten Lippen öffneten sich erschrocken.

»Schon gut«, flüsterte Polly, nachdem das Mädchen

abwehrend die Hände hob. »Ich tue dir nichts.«

An der verschlissenen Kleidung und dem verfilzten,

dunklen Haar erkannte Polly, dass das Kind aus den Arbeitervierteln

stammen musste. Es trug nur ein dünnes Kleid,

das vom matschigen Schnee durchnässt war.

»Dir ist sicher kalt.« Polly zog sich ihren Schal aus und

hielt ihn der Kleinen entgegen.

Aus großen dunkelbraunen Augen betrachtete das Kind

das Kleidungsstück, als würde es einen Geist ansehen.

»Du brauchst dich nicht zu fürchten«, sagte Polly mit

sanfter Stimme, um sie nicht zu verschrecken. »Ich helfe

dir damit, in Ordnung?« Vorsichtig ging sie in die Knie, näherte

sich dem Kind und legte ihm den Schal um den Hals.

Mit zitternden Fingern berührte die Kleine den warmen

Stoff und vergrub anschließend ihr Gesicht darin.

»Wie bist du nur hierhergekommen?«, wollte Polly wissen,

doch das Kind sagte kein Wort. Auf der Straße eilten

Männer und Frauen vorbei. Keiner von ihnen schenkte

dem dunklen Gässchen Beachtung. Wer weiß, wie lange

12


das Kind bereits mutterseelenallein in dieser Kälte saß.

Polly biss sich auf die Unterlippe. »Hör zu, ich hole dir geschwind

etwas zu essen und trockene Kleidung. Du musst

bis dahin hierbleiben, einverstanden?«

Sie erwartete wenigstens eine bestätigende Geste, aber

das Kind sah sie weiterhin nur stumm an.

»Na schön«, schnaubte Polly und erhob sich. Fürsorglich

schälte sie sich aus ihrem Mantel und ließ diesen in

den Schoß des Mädchens sinken.

»Zieh dir erst mal den Mantel über und lauf bloß nicht

weg.« Sie deutete dem Kind mit ausgestreckten Fingern, an

Ort und Stelle zu bleiben, ehe sie ihr Kleid anhob und zum

Gehweg zurückkehrte.

Auf dem Weg zur Backstube überschlugen sich ihre

Gedanken regelrecht. Der Bäckermeister würde sich bestimmt

wundern, dass Polly etwas kaufte, obwohl die

Einkäufe ihrer Familie stets in aller Früh erledigt wurden.

Noch dazu ohne Schal und Mantel, was bei einem solchen

Wetter vollkommen unangemessen war. Die strengen Benimmregeln

ihrer Erziehung sahen eine ordentliche Garderobe

vor. Ebenso anständige Manieren, Zurückhaltung

und Ehrlichkeit. Also all das, was Polly im Begriff war

aufzugeben. Nervös strich sie sich über die langen Ärmel

und atmete durch, ehe sie die Bäckerei betrat.

Als das Glöckchen über ihrem Kopf erklang, trat der

junge Mr Cox aus dem Lager und stellte sich hinter die

Theke. Pollys Anspannung fiel von ihr ab. Der Sohn des

13


Bäckermeisters war nur ein paar Jahre älter und obgleich

er keineswegs ihrem Stand entsprach, hegte er allem Anschein

nach dennoch Hoffnung. Wann immer sie einander

begegneten, versuchte er, sich von seiner besten Seite zu

zeigen.

Ein unscheinbares Lächeln spielte um seine Mundwinkel.

»Guten Tag, Miss Browne.« Die Wangen des jungen

Mannes erröteten und er fuhr sich durch sein strubbeliges

Haar. Dabei fielen ihm einige dunkle Strähnen auf die

Stirn, was seinem Aussehen etwas Ungezwungenes verlieh.

»Guten Tag, Mr Cox«, entgegnete ihm Polly und schritt

näher an den Ladentisch. Ihr Blick wanderte über die gebackenen

Köstlichkeiten. Der Duft von frischem Brot stieg

ihr in die Nase und die wohltuende Temperatur des Ofens

wärmte sie sogleich etwas auf.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte der Bäckersohn,

woraufhin sie ihm erneut ihre Aufmerksamkeit schenkte.

Seine braunen Augen blinzelten sie interessiert an.

»Ich benötige lediglich einen halben Laib Weizenbrot.«

Sie glaubte, in seinem Gesicht einen Funken Verwunderung

zu erkennen, jedoch währte dieser Eindruck nicht

lang. Er nahm eines der Brote und schnitt es in zwei Hälften.

»Wie geht es Ihrer Familie?«

»Sehr gut, vielen Dank.«

»Das freut mich zu hören«, meinte er, legte eines der

beiden Stücke zurück in die Auslage und begann, das an-

14


dere einzupacken. »Es war schon lange nicht mehr so kalt

wie heute. Hoffentlich erkälten Sie sich nicht.«

Polly dachte an das arme Kind, das weiterhin dem zornigen

Winter ausgesetzt war und sicher darauf hoffte, dass

sie zu ihm zurückkehrte. »Ja, das ist wahr, aber machen Sie

sich meinetwegen keine Gedanken.«

»Das tue ich aber, Miss Browne. Mir liegt viel an Ihrem

Wohlergehen.«

Polly fühlte sich geschmeichelt, obgleich sie wusste,

dass ihre Mutter Mr Cox nicht für geeignet hielt. Dennoch

war er ein ansehnlicher Mann. Sicherlich war ihm seine

Wirkung auf Frauen bewusst und doch verstand er sich

darin, niemals überheblich oder gar aufdringlich zu wirken.

»Das ist nett von Ihnen, allerdings sind Ihre Sorgen unbegründet.«

Polly schaute auf das eingepackte Brot hinab.

»Eigentlich ist es nicht meine Art, Sie auf Ihre Garderobe

anzusprechen, jedoch sah ich Sie erst vor wenigen

Minuten, mit Mantel und Schal bekleidet, die Straße hinaufgehen.

Also bitte entschuldigen Sie meine Neugier,

aber ich finde es überaus wundersam, dass Sie bei diesem

Wetter alles bis auf Ihren Hut ablegten.« Er sah Polly mit

großen Augen an.

»Ich möchte doch bitten! Ihre Wissbegierde ist äußerst

unangebracht.«

Der junge Mann hob die Hände. »Ich wollte Ihnen keinesfalls

zu nahe treten.«

15

Weitere Magazine dieses Users