FINE Das Weinmagazin - 04/2018

tretorri

FINE Das Weinmagazin ist in der Welt der großen Weine zu Hause. Hauptthema: Mastroberardino

4| 2018 Deutschland € 15 Österreich € 16,90 Italien € 18,50 Schweiz chf 30,00

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MASTROBERARDINO

DIE GROSSEN TAURASI AUS DER CAMPANIA

Cahors Südtirol Mosel Champagne Priorat

Schwarzer Wein Die Kellerei Das Weingut Nik Weis Die neue Assemblage Celler Vall Llach

und schwarze Trüffel St. Michael-Eppan St. Urbans-Hof der Maison Krug in Porrera


Die besten Weingüter der Welt ...

Das Gute leben.

DAS WEINCABINETT

Als interessierter Weinliebhaber, der Sie aufgrund dieser Lektüre zu sein scheinen,

sollten Sie einmal das WeinCabinett in der Markthalle Braunschweig oder Krefeld

besuchen. Dort lagern Weine und Raritäten von einigen der besten Weingüter

der Welt und unsere Sommeliers freuen sich nur darauf, Sie kompetent und

inspirierend beraten zu können. Genießen Sie handverlesene Weine – gerne auch

zu einem kleinen Imbiss – direkt an unserer Weinbar.

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FINE

DAS WEINMAGAZIN 4|2018

CAHORS 12

CHÂTEAU

DU CÈDRE 18

CHÂTEAU

CHAMBERT 22

CLOS

TRIGUEDINA 26

CHÂTEAU BIAC 32

DER AGLIANICO TAURASI VON MASTROBERARDINO 66

9 FINE EDITORIAL _________________ Thomas Schröder

12 FINE CAHORS ___________________ Malbec: Schwarzer Wein aus dem Cahors

32 FINE BORDEAUX ________________ Château Biac: Das Weingut der Familie Asseily

40 FINE SAUTERNES _______________ Vierhundert Jahre Château Lafaurie-Peyraguey

48 FINE CHAMPAGNE ______________ Die Grande Cuvée Editions der Maison Krug

54 FINE CHAMPAGNE ______________ Wachwechsel bei Dom Pérignon

58 FINE WEIN UND SPEISEN _______ Jürgen Dollase im Restaurant Steirereck in Wien

66 FINE TASTING ___________________ Der Aglianico Taurasi von Mastroberardino

CHÂTEAU

LAFAURIE-PEYRAGUEY 40

ST. MICHAEL-EPPAN 82

DOM PÉRIGNON 54 DIE MAISON KRUG 48

MANINCOR 92

ST. URBANS-HOF 136

CELLER VALL LLACH 76

LIV VINCENDEAU 112

72 FINE DAS GROSSE DUTZEND ___ San Leonardo, Trentino

76 FINE PRIORAT ___________________ Der Celler Vall Llach in Porrera

82 FINE SÜDTIROL _________________ Hans Terzer und die Kellerei St. Michael-Eppan

92 FINE SÜDTIROL _________________ Hand aufs Herz: Die Tenuta Manincor

102 FINE TASTING ___________________ Zehn Jahre danach: Rieslinge von 2008

108 FINE DIE PIGOTT KOLUMNE ____ An der schönen heißen Donau

112 FINE FRAUEN IM WEIN __________ Mit eigenem Kopf: Die Quereinsteigerin Liv Vincendeau

118 FINE VINOTHEKEN ______________ Die K&U Weinhalle in Nürnberg

122 FINE GENIESSEN _______________ Süßes mit Reifem

124 FINE DIE WÜRTZ KOLUMNE ____ Traumweine: Die Großen Gewächse 2017

126 FINE WEIN UND ZEIT ____________ Die erste Saar-Mosel-Weinbaukarte

132 FINE WEINHAMMER _____________ Zeitenwende: Das Weinauktionsjahr 2018

136 FINE MOSEL ____________________ Nik Weis vom St. Urbans-Hof in Leiwen

146 FINE ABGANG___________________ Ralf Frenzel

6 FINE 4 | 2018 INHALT INHALT FINE 4 | 2018 7


A MASTERPIECE

170 YEARS IN THE MAKING

VEREHRTE LESERIN, LIEBER LESER,

Bitte genießen Sie Glenmorangie verantwortungsvoll. www.massvoll-geniessen.de

der große Gott des Weins hat eine durstige Kehle. Er muss trinken, immer mehr und mehr. Seit Jahren kreisen

darum die Suchscheinwerfer des Marktes über Planet Wein und leuchten noch den exotischsten Winkel in

der Hoffnung aus, dort Ressourcen für An-und Ausbau des nun wirklich in aller Welt beliebten und begehrten

Getränks aufzutun. Nicht ohne Erfolg. Zwar sind es dann meist auch Allerweltsweine, die den Handel beflügeln,

aber nach einer Weile bringen Ehrgeiz und Prestigebedürfnis der Winzer Premiumgewächse hervor, die eine

neue Weinregion adeln können.

In den klassischen Anbaugebieten Europas gibt es freilich so gut wie keine nennenswerten Areale mehr,

wo Neupflanzung im großen Stil möglich und sinnvoll wäre. Dafür folgt man einer anderen, eher gegenteiligen

Methode und belebt alte zurückgebliebene oder aufgegebene Rebfelder neu – nicht um hier Massenweine,

sondern Qualitätsprodukte zu erzeugen. Ein sprechendes Beispiel dafür lieferte schon vor Jahrzehnten das

spanische Priorato, dessen hochwertige, aber vollkommen verwilderte Weinterrassen an den Steilhängen der

gebirgigen Landschaft von einer Handvoll wagemutiger Jungwinzer in zäher, zielstrebiger Arbeit zu neuem

Wuchs kultiviert und die daraus gewonnenen Weine zu spektakulärem Erfolg gebracht wurden, der, so bezeugen

es Rainer Schäfer und Marco Grundt mit ihrer Reportage aus Porrera, bis heute strahlend anhält und die einst

darbende Region weltweit zu Ansehen und zu Wohlstand geführt hat.

Ähnliches ließe sich, unter anderen Vorzeichen, etwa von der Region Languedoc-Roussillon in Frankreichs

Süden sagen, deren riesige Rebflächen über lange Phasen nahezu ausschließlich der Volumenerzeugung dienten,

deren Produzenten, wenn ihre eigenen Mengen oder deren Qualität den Markt nicht befriedigen konnten, auch

mal Zuflucht zu Zusätzen etwa von sizilianischen Weinen nahmen, die von Tankschiffen übers Meer angeliefert

wurden. Nicht, dass aus dem Roussillon heute keine sehr preiswerten Weine mehr kämen, aber mit den Jahren ist

auch hier ein Bewusstsein für Terroir und Sortentypizität gewachsen, das den Weinen längst ein eigenes Image,

eine die Appellation viel präziser bestimmende Identität zuteilwerden ließ. Und längst kommen von hier auch

Kreszenzen, die Herzen und Gaumen kritischer Weinfreunde berühren.

Ein spezielles Exempel für solche Reanimation lässt sich derzeit in Südwestfrankreich verfolgen: Im Cahors,

einer kleinen Weinbaulandschaft um das gleichnamige alte Städtchen am Fluss Lot, hat man sich auf die Bedeutung

einer lange vernachlässigten Rebsorte besonnen, die ihren Ursprung hier hat, deren Rang aber längst anderswo,

in Argentinien nämlich, erkannt und zu weltweitem Ruhm geführt wurde. »Malbec – das sind wir«, skandieren

die Winzer des Cahors jetzt selbstbewusst und widmen ihrer autochthonen Varietät so viel Aufmerksamkeit,

dass ihr »schwarzer Wein« langsam wieder zu einem Qualitätslabel aufsteigt. Christian Volbracht und Johannes

Grau haben drei Weinbauern der gerade wiedererwachten Region besucht.

Ob diese Gewächse freilich jemals in den Olymp der großen und raren Weine gelangen und an den Hotspots

des internationalen Wein-Auktionsgeschäfts in London, Hongkong oder New York gehandelt werden, ist

nicht abzusehen. Immerhin, konstatiert Stefan Pegatzy in seiner das Auf und Ab des weltweiten Versteigerungswesens

beobachtenden Kolumne »Weinhammer«, ist Bewegung, gar eine »Zeitenwende« in der Sache auszumachen.

Wer glaubte, die Vorherrschaft bei spektakulären Zuschlägen würde ein für allemal bei den Granden

des Bordelais liegen, muss sich die Augen reiben: Burgund liegt mit schwindelerregenden Erlösen in diesem

Jahr auf Platz Eins. Und unter den Top Ten findet sich, wer hätte das denn geglaubt, erstmals sogar ein Winzer

aus Deutschland mit seinen hinreißenden Weinen.

Wir können also lernen: Hoffnung ist immer! Und wenn dermaleinst vielleicht Weine aus dem Priorat oder

Cahors solche Höhen erklömmen und durch die Kehle des alldurstigen Weingottes rönnen – dann zöge wohl

ein Lächeln über dessen bacchantisches Antlitz.

WWW.GLENMORANGIE.COM

Thomas Schröder

Chefredakteur

EDITORIAL FINE 4 | 2018 9


Exklusives Anbaugebiet Holsthum bei Bitburg im Naturpark Südeifel

FINEAUTOREN

KRISTINE BÄDER Als Winzertochter aus Rhein hessen freut sie sich über die positive Entwicklung dieser Weinregion,

als ehemalige Chefredakteurin des Sommelier Magazins über die der deutschen Weine im Allge meinen.

Darüber hinaus hat die studierte Germanistin eine besondere Beziehung zu den Weinen aus Portugal.

DANIEL DECKERS Die Lage des deutschen Weins ist sein Thema – wenn er nicht gerade als Politik- Redakteur

der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über Gott und die Welt, über Lateinamerika oder Rauschgift zur Feder

greift. An der Hochschule Geisenheim lehrt er Geschichte des Weinbaus und -handels. In seinem Buch »Wein.

Geschichte und Genuss« beleuchtet er durch mehr als dreitausend Jahre die Rolle dieses unschätzbaren Kulturguts

als Spiegel der Zeitläufte.

JÜRGEN DOLLASE Kunst, Musik und Philosophie hat er in Düsseldorf und Köln studiert. Er war Rockmusiker

und Maler. Heute ist er der bei weitem einflussreichste Kritiker der kulinarischen Landschaft in Deutschland und

Europa. Vielbeachtet sind seine Bücher über die Kunst des Speisens; zuletzt erschien der Band »Geschmacksschule«

in der Reihe SZ Gourmet Edition (bei Tre Torri). Sein visionäres Kochbuch »Pur, präzise, sinnlich«

widmet sich der Zukunft des Essens.

TILL EHRLICH Der profilierte Weinkritiker und mehrfach ausgezeichnete Journalist hat sich als Autor von

unabhängigen Weinbüchern, kulinarischen Kolumnen und Essays einen Namen gemacht. Er kann Weine, Berge

und gedeckte Tafeln zum Sprechen bringen.

VERLEGER UND HERAUSGEBER

Ralf Frenzel

ralf.frenzel@fine-magazines.de

CHEFREDAKTEUR

Thomas Schröder

thomas.schroeder@fine-magazines.de

REDAKTION

Carola Hauck

ART DIRECTION

Guido Bittner

MITARBEITER DIESER AUSGABE

Kristine Bäder, Dr. Daniel Deckers,

Jürgen Dollase, Till Ehrlich, Ursula

Heinzelmann, Uwe Kauss, Dr. Stefan

Pegatzky, Stuart Pigott, Rainer Schäfer,

Christian Volbracht, Dirk Würtz

Andreas Dick,

Hopfenbauer für Bitburger

So gut kann

Bier schmecken.

URSULA HEINZELMANN Die Gastronomin und gelernte Sommelière schreibt unter anderem für die

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, für Efflee und Slow Food sowie Bücher zum Thema Essen und

Trinken. Das jüngste Buch, »China – Die Küche des Herrn Wu«, (bei Tre Torri) gibt tiefe Einblicke in die vielfältige

Kochkunst der Chinesen.

UWE KAUSS In Weinkellern kennt er sich aus: Der Autor und Journalist schreibt seit zwanzig Jahren über

Wein, etwa für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und das Internetportal wein-plus.eu. Daneben hat

er sechzehn Sach- und Kindersachbücher, einen Roman und zwei Theaterstücke publiziert.

FOTOGRAFEN

Guido Bittner, Rui Camilo, Johannes

Grau, Marco Grundt, Christof Herdt,

Marc Volk

VERLAG

Tre Torri Verlag GmbH

Sonnenberger Straße 43

65191 Wiesbaden

www.tretorri.de

Geschäftsführer: Ralf Frenzel

STEFAN PEGATZKY Der promovierte Germanist kam 1999 nach Berlin und erlebte hautnah mit, wie sich

die Metropole von der Bier- zur Weinstadt wandelte. Seit einigen Jahren schreibt er regelmäßig über Wein und

Genuss. In der Tre-Torri-Reihe »Beef!« erschien der Band »Raw. Meisterstücke für Männer«, in der »Gourmet

Edition – Kochlegenden« die Bücher zu Hans Haas und Marc Haeberlin.

STUART PIGOTT In der gehobenen Weinwelt ist er ein Begriff. Seit der 1960 in London geborene studierte

Kunsthistoriker und Maler im Wein, im deutschen Wein zumal, sein Lebensthema fand, hat er sich mit unkonventioneller

Betrachtungsweise in die Ränge der weltweit geachteten Autoren und Kritiker geschrieben. Sein

Buch »Planet Riesling« erschien bei Tre Torri.

RAINER SCHÄFER wuchs in Oberschwaben auf und lebt seit zwanzig Jahren in Hamburg, wo er über die

Dinge schreibt, die er am meisten liebt: Wein, gutes Essen und Fußball, stets neugierig auf schillernde Persönlichkeiten,

überraschende Erlebnisse und unbekannte Genüsse. Als Ko-Autor hat er über »100 Länder, 100 Frauen,

100 Räusche« berichtet.

CHRISTIAN VOLBRACHT Der Journalist, Autor und Antiquar schreibt über Wein und Gastronomie, seit er

für die Deutsche Presse-Agentur in Paris gearbeitet hat. Seine besondere Leidenschaft gehört neben Wein und

gutem Kochen den Pilzen und Trüffeln. Er ist Sammler und Inhaber des Buchantiquariats MykoLibri, als Buchautor

ergründete er das Thema »Trüffeln – Mythos und Wirklichkeit« (bei Tre Torri).

DIRK WÜRTZ ist eigentlich Winzer. Seit 2018 ist er in einer Beteiligungsgesellschaft zuständig für die Wein-

Sparte. In seinem Blog schreibt er seit zehn Jahren über alles rund um den Wein. Er hat das erste Live-Wein-TV-

Format im Internet produziert und mit dem Magazin Stern die Video-Weinschule zu zahlreichen Themen gedreht.

Titel-Foto: Mastroberardino, GUIDO BITTNER

10 FINE 4 | 2018 IMPRESSUM

Editorial-Foto: PEKKA NUIKKI

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Judith Völkel

Tre Torri Verlag GmbH

+49 611-57 990

anzeigen@fine-magazines.de

DRUCK

Eversfrank Berlin GmbH

FINE Das Weinmagazin erscheint

vierteljährlich zum Einzelheft-Preis

von € 15,– (D), € 16,90 (A),

CHF 30,– (CH), € 18,50 (I)

VERTRIEB

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sind urheberrechtlich geschützt.

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MALBEC

SCHWARZER WEIN AUS DEM CAHORS

Erneut ist eine uralte Weinbauregion aus dem Dämmerschlaf erwacht. Die Winzer von Cahors

in Südwestfrankreich haben ihre Identität wiederentdeckt: Malbec – das sind wir! Denn die

Signatur-Rebe Argentiniens hat ihren Ursprung in der früheren Provinz Quercy um die mittelalterliche

Stadt Cahors.

Von CHRISTIAN VOLBRACHT

Initiativ: Eine erste Qualitätsoffensive für die

Region des Malbec ging Ende des 20. Jahrhunderts

von Château Lagrézette aus.

Fotos JOHANNES GRAU

C A H O R S

12 FINE 4 | 2018 CAHORS CAHORS FINE 4 | 2018 13


Im blauen Overall steht Pebeyre an einem Metalltisch

und sortiert frische Trüffeln: Ein kleiner Schnitt

mit dem Messerchen zeigt die weiße Maserung der

schwarzen Périgord-Trüffel mit dem lateinichen

Namen Tuber melanosporum. Der Raum ist vom

intensiven Aroma durchdrungen. Die besten und

schönsten Trüffeln werden frisch an Liebhaber und

Restaurants in aller Welt verschickt, die anderen zu

Dosenware verarbeitet.

Für schwarze Edeltrüffeln ist der Februar die

beste Zeit, zu viele werden noch etwas unreif

und auch zu teuer schon im Dezember und zu

Weihnachten gegessen. Am Abend rührt Babette

Pebeyre ihre köstliche Brouillade de Truffes, ein

sahniges Trüffelomelette. »Cahors-Wein mit seinem

kräftigen Tannin passt besonders gut zum etwas

fetten Omelette«, sagt ihr Mann. Dann bereitet er

Truffes sous la Cendre – Trüffeln in der Asche, die in

Speck und Alufolie gewickelt an der Glut des offenen

Kaminfeuers gegart werden. »Schwarze Trüffeln

müssen anders als die weißen aus dem Piemont

immer gegart verzehrt werden«, sagt Pierre-Jean

Peybere. »Es ist einfach dumm, sie roh über Pasta

zu reiben.«

Während es im 20. Jahrhundert mit den Trüffeln

in Frankreich und um Cahors bergab ging, etablierte

sich der Cahors-Wein in der Region – bis er im Jahr

1956 das zweite Desaster erlebte: Starker Frost vernichtete

die Weinberge fast vollständig. Daher sind

heute nur sehr wenige Rebstöcke älter als fünfzig

Jahre. 1971 bekam das Anbaugebiet den Status der

kontrollierten Ursprungsbezeichnung AOC. Seitdem

muss ein Cahors mindestens siebzig Prozent

Malbec enthalten. Der Wein blieb dennoch eine

kleine regionale Spezialität. Mit Ausnahme der

Erzeugnisse einiger weniger Spitzengüter galt er

zu Recht als zu rustikal, zu gerbstoffreich und zu

wenig fruchtig. Ganz anders der leicht zugängliche

Malbec aus Argentinien, dessen Anbaufläche auf

mehr als zwanzigtausend Hektar angewachsen ist.

Eine erste Qualitätsoffensive für die Region

unternahm vor der Jahrtausendwende Alain

Dominique Perrin, der Präsident des Luxuskonzerns

Cartier. Der feinsinnige Gründer der Cartierstiftung

für zeitgenössische Kunst hatte zu Beginn der 1980er

Jahre im Lot das seit einem halben Jahrhundert verlassene

Château Lagrezette erworben, eine im 16.

Jahrhundert erbaute wehrhafte Trutzburg, für die

sich ein paar Jahre zuvor schon das dänische Königspaar

interessiert hatte. Königin Margarethe und ihr

aus Südwestfrankreich stammender und im vergangenen

Februar verstorbener Prinzgemahl Henrik

hatten dann aber doch das noch schöner über dem

Fluss liegende Château de Cayx mit seinen Weinbergen

zu ihrer Frankreich-Residenz erwählt.

Alain Dominique Perrin hatte erst bei der Unterschrift

unter die Kaufurkunde für Château Lagrezette

von seinem Notar erfahren, dass sein schönes Schloss

ehemals auch ein Weingut gewesen war. Er ließ

mit viel Geld nicht nur das Schloss, sondern auch

die Weinberge und Keller restaurieren, wurde zum

Winzer und schuf mit Hilfe des Weinberaters Michel

Rolland in wenigen Jahren einen der besten Cahors-

Weine. Dann schlug er als Präsident des Weinbauverbandes

vor, eine Klassifizierung der Cahors-Weine

bis zum Grand Cru einzuführen. Sein Ansinnen,

schlechte Lagen auf der untersten Terrasse am Fluss

Lot einfach aufzugeben, stieß aber auf so großen

Widerstand bei weniger begüterten Winzern, dass

er 2002 enttäuscht zurücktrat.

Danach zerstritt sich die Winzervereinigung,

und die Preise für ihre Weine stürzten in fünf Jahren

um fünfzig Prozent. Damit kam die Stunde für Jérémy

Arnaud, einen agilen Marketingexperten aus der

Provence, der Politologie, Weinrecht und Weinhandel

studiert hatte. Vor zehn Jahren entwickelte

der heute Dreiundvierzigjährige ein neues Konzept

und eine neue Dynamik für das Cahors. Er lenkte

den Blick der Winzer nach Südamerika und lehrte

sie, nicht neidisch auf den Erfolg des argentinischen

Malbec zu sein, sondern sich daran anzuhängen. Die

neue Strategie – Cahors = Malbec = France – stellte

Cahors als die historische Heimat des Malbec heraus.

Das internationale Ansehen des argentinischen

Malbec war in den 1990er Jahren kräftig

gestiegen. Mit Hilfe von Ratgebern aus

Europa hatte man begonnen, Qualitäts- statt Massenweine

zu erzeugen. Französisch-argentinische

Kooperationen wie die von Château Mouton

Rothschild oder das 1999 begonnene Engagement

von Château Cheval Blanc bei Terrazas de los Andes

machten Furore. Jérémy Arnaud organisierte eine

Argentinien-Reise mit Winzern, Händlern und Lokalpolitikern

aus dem Cahors. In Luján de Cuyo in der

Provinz Mendoza konnte er sie überzeugen, einerseits

auf mehr Qualität und andererseits auf eine internationale

Strategie zu setzen. Als neuer Brandname

stand nun Cahors-Malbec auf den Etiketten. Zu den

Internationalen Malbec-Tagen in Cahors wurden

auch argentinische Winzer und Politiker aus Luján

de Cuyo eingeladen. »The French Malbec« trat beim

World Malbec Day der Argentinier und anderen

großen Weinmessen auf. Schon nach wenigen Jahren

zeigte sich der Erfolg: Die Exporte verdoppelten

sich zwischen 2011 und 2016.

Wir sind auf einer Rundfahrt durch das

malerische Tal des Lot. »Dem südamerikanischen

Sonnenwein, dem Vino del sol, stellen wir den

französischen Vin du sol gegenüber, den Wein des

Bodens und des Terroirs«, sagt Jérémy Arnaud. Er

weiß, dass man in Konkurrenz zum fruchtigen Malbec

aus Argentinien langfristig bei Kennern nur mit

strukturreichen Weinen erfolgreich sein kann. Und

da hat Cahors mit seinem vierzig Kilometer langen

Anbaugebiet am Lot viel zu bieten. Im Tal des Flusses

mit seinen fünfzehn Mäandern, den sanften Ebenen

und karstigen Anhöhen gibt es unzählige Kleinlagen.

Wein wird seit jeher am Flussufer angebaut, neben

Tabak, Getreide, Pfirsichen oder Erdbeeren, dann

auf den langsam aufsteigenden flachen Terrassen,

den steilen Hängen mit zerklüfteten felsigen Einschnitten

und auf dem bewaldeten Hochplateau,

den Causses. »Das ist hier komplexer als das Barolo-

Gebiet«, meint Arnaud.

Von einem Aussichtspunkt blicken wir auf

eine der großen Schleifen des Lot. Unten liegt eine

Kapelle, in der man der Flussschiffer gedachte, die

in früheren Jahrhunderten beim gefährlichen Transport

der Weine ums Leben gekommen sind. Am Ufer

liegen nur noch wenige Weingärten inmitten der

Felder. Dort entstehen einfachere Weine. Auf den

flachen Terrassen, den Steillagen und auf dem Plateau

in zweihundertfünfzig bis dreihundertfünfzig Metern

Höhe gewinnen die Trauben mit wachsendem Kalkgehalt

und Mineralität mehr Intensität und Komplexität.

Wir fahren an alten und an neu gepflanzten Weingärten

vorbei und an einer mit einem bemoosten

Steinwall geschützten Truffère mit älteren Trüffel-

Eichen.

Inzwischen kommen sogar Weinmacher aus

Argentinien ins Tal des Lot zurück. Ein prominentes

Beispiel ist Hervé Joyaux, ein Weinhändler aus

Bordeaux, den ich zum Trüffelomelette in einem

einfachen Landgasthaus treffe. Zu Beginn der 1990er

Jahre hatte er sich in Argentinien engagiert, um dort

als einer der Ersten besonders hochwertige Malbec-

Weine zu erzeugen. 2017 ging er den umgekehrten

Weg und kaufte zusammen mit einem Partner für

seine Handelsgesellschaft drei Weingüter im Cahors.

Und nun, fünfzehn Jahre nach der ersten

Initiative von Alain Dominique Perrin, steht auch

die Klassifizierung der Cahors-Weine wieder auf der

Diametral: Le Pigeonnier, der Spitzenwein von Château

Lagrézette, ist ein reiner Malbec, der hoch gehandelt wird.

Während der schwarze Wein des Cahors aus der Krise

herausgefunden hat, steckt die schwarze Trüffel der Region

mit verschwindend geringen Erträgen mittendrin.

Tagesordnung. Alle Beteiligten sind sich klar darüber,

dass es sehr lange dauern wird, bis die französischen

Weinbehörden solch einen Schritt vollziehen und

sich die besten Gewächse Crus oder Grand Crus

nennen dürfen. Für den Strategen Jérémy Arnaud

und die Spitzenwinzer geht es deshalb vor allem

darum, Qualität und individuelle Stilistik der Weine

weiter auszubauen, auch ohne neue Rangordnung.

Arnaud gibt historische Studien in Auftrag, lässt

Lagen und Terroirs noch intensiver erforschen. »Es

gilt, den Cahors zu einem der großen Terroir-Weine

der Welt zu machen.« Einige Winzer sind diesem

Ziel schon sehr nahe gekommen.

C A H O R S

16 FINE 4 | 2018 CAHORS CAHORS FINE 4 | 2018 17


Jean-Luc Baldès

CLOS

TRIGUEDINA

Im besten Restaurant des Départements Lot, Le Gindreau in Saint-Médard, bereitet

Zwei-Sterne-Koch Pascal Bardet »Perlhuhn-Brust aus Saint-Server, zart nach Belieben

und teuflisch getrüffelt«. Zum Perlhuhn mit der intensiven Trüffelsauce, dem gefüllten

Hals und einem Hühnerlebertörtchen gibt es einen 1999er Cahors Clos Saint Jean

der Familie Jouffreau und den 2007er Probus vom Weingut Triguedina. Da ist sie,

die perfekte Harmonie von schwarzem Wein und schwarzer Trüffel, wie sie sich bei

gereiften Cahors-Weinen einstellt! Der 1999er Clos Saint Jean duftet und schmeckt

nach getrockneten Früchten, Unterholz, Trüffel und Leder. Der 2007er Probus zeigt

eine komplexere Struktur, Aromen von Pflaumen und eine Ahnung von Trüffeln, er

hat reife Tannine und noch einen deutlichen Holzton. Beide Weingüter bewahren

ihre Weine auch zum Altern auf und bieten Jahrgänge bis in die 1970er Jahre an.

Jean-Luc Baldès leitet das Weingut Clos Triguedina in

der siebten Generation; es liegt bei Vire sur Lot, ganz

in der Nähe von Château du Cèdre. Die Temperaturen

sind unter Null Grad gefallen, die Rebhänge, in weiße Eiswatte

gehüllt, leuchten in der Morgensonne. Eine breit geschwungene

Steintreppe führt zu den privaten Räumen des hundertjährigen

zweistöckigen Gutsgebäudes. Nackt steht eine große Akazie

mit ihrer gefurchten Rinde in der Kälte. Im Sommer überschattet

ihr Laub die Terrasse. Die fünfundneunzig Jahre alte

Mutter des Winzers fährt mit ihrem Kleinwagen in die Garage.

1830 pflanzte Vorfahr Etienne Baldès die ersten Reben. Der

Name Triguedina stammt von dem okzitanischen Ausdruck

»me trigo de dina« (Etwa: Ich kann das Essen kaum erwarten).

Denn das Gut war eine Etappe auf der Via Podiensis des Jakobswegs

nach Santiago de Compostela, und die Pilger kamen oft

sehr spät zum Essen. Im Lauf der Zeit dehnte sich der Besitz

C A H O R S

26 FINE 4 | 2018 CAHORS CAHORS FINE 4 | 2018 27


Im Farbverlauf: Von dunkel nach hell, von alt

nach jung präsentieren sich die zu kleinen

Pyramiden aufgebauten Flaschen der verschiedenen

Jahrgänge in der Weinboutique

von Château Lafaurie-Peyraguey.

LEUCHTTURM

DER ELEGANZ

VIERHUNDERT JAHRE CHÂTEAU LAFAURIE-PEYRAGUEY

Die goldenen Weine von Sauternes sind eine Besonderheit: Während andernorts

edelsüße Weine in der Regel die schmale Spitze eines Jahrgangs bilden,

setzt man im Süden des Bordelais jedes Jahr alles auf eine Karte. Kein Wunder,

dass die besten Gewächse rar und teuer sind. Einer der bedeutendsten Erzeuger,

Château Lafaurie-Peyraguey, Premier Cru seit 1855, feiert in diesem Jahr seinen

400. Geburtstag. Dank der Investitionen des Schweizer Unternehmers Silvio

Denz erstrahlt es in ganz besonderem Glanz.

Text STEFAN PEGATZKY

Fotos MARCO GRUNDT

40 FINE 4 | 2018 SAUTERNES SAUTERNES FINE 4 | 2018 41


EXZELLENZ IN SERIE

MIT DEN GRANDE CUVÉE EDITIONS FEIERT DIE MAISON

KRUG DIE INDIVIDUALITÄT IHRER CHAMPAGNER

Von STEFAN PEGATZKY

Fotos: Krug

Vor einhundertdreiundsiebzig Jahren hatte der in Mainz geborene

Johann-Joseph Krug zum ersten Mal seinen Traum in Flaschen gefüllt:

einen Champagner mit größtmöglichem Ausdruck, als Ergebnis

einer Assemblage der besten Weine eines Jahrgangs mit geeigneten

Reserveweinen. Seither entsteht bei Krug jedes Jahr von neuem ein

einzigartiger Champagner mit dem Ziel, der Vollkommenheit nahezukommen.

Allerdings mussten erst mehr als einhundertsiebzig Jahre

verstreichen, bis das Champagnerhaus die Tragweite dieses Konzepts

vollständig begriff. Seit 2016 wird die Grande Cuvée, das Flaggschiff

des Hauses, jedes Jahr mit einer eigenen Editionsnummer versehen.

Ein Workshop in Le Mesnil-sur-Oger gab einen faszinierenden Einblick

in die Entstehung der jüngsten Edition 173.

48 FINE 4 | 2018 CHAMPAGNE CHAMPAGNE FINE 4 | 2018 49


FRAUEN IM WEIN XXXVI

MIT

EIGENEM

KOPF

DIE QUEREINSTEIGERIN LIV VINCENDEAU BRINGT

SCHWUNG IN DIE WEINSZENE VON ANJOU

Von RAINER SCHÄFER

Fotos MARC VOLK

Dass Liv Vincendeau an der Loire Besuch von einem

in Wiesbaden ansässigen Weinmagazin bekommt,

ist für sie etwas Besonderes. Als Liv Hansen wurde

sie zwar in Darmstadt geboren, ihre Kindheit und

Jugend hat sie aber in Igstadt, direkt vor den Toren

Wiesbadens, verbracht. Ihre Augen strahlen, als sie

zurückdenkt an die Tage in diesem »schönen Dörfchen«

und an die nur wenige Kilometer entfernte

hessische Landeshauptstadt, wo ihre Mutter Ulrike

für die Grünen im Stadtparlament saß. Es dauert nicht

lange, bis sich der hessische Dialekt Bahn bricht, den

Liv Vincendeau seit einigen Jahren nur noch selten

spricht. Sie lacht gern, in grünen Gummistiefeln hüpft

sie umher und rudert mit den Armen. Gutgelaunt

erzählt sie, wie es sie nach Rochefort-sur-Loire verschlagen

hat. Ortstermin bei einer ungewöhnlichen

Winzerin, die schon mit wenigen Jahrgängen über

Anjou und Frankreich hinaus für Aufsehen sorgt.

Die Domäne Vincendeau liegt in Les Lombardières, einer

alten Fischersiedlung, die zur Gemeinde Rochefortsur-Loire

zählt. Die Loire fließt direkt an ihrem Wohnzimmer

vorbei. »Was für ein wunderbarer Platz«, schwärmt Liv

Vincendeau, Jahrgang 1975, als ob sie ihr Glück noch immer nicht

fassen könne. Graureiher steigen auf, stoßen kurze kehlige Laute

aus und lassen sich wieder aufs Wasser niedersinken. Ein paar

Boote liegen am Anleger, nach dem warmen Sommer führt die

Loire nicht allzu viel Wasser. »So nah liegt wohl keine andere

Domaine am Fluss«, sagt die Winzerin. Üblicherweise stehen

die Weingüter weiter oben auf den Hügeln, geschützt vor den

Hochwassern, die immer wieder die Ebene überschwemmen.

Wie zuletzt 2016, als die Straße nach Rochefort gesperrt werden

musste und die Bewohner nur mit Booten ihre Häuser verlassen

konnten. Aber Liv Vincendeau lässt sich nicht so schnell bange

machen. Als sie 2013 beschloss, hierher zu ziehen, nahm sie

»dieses Risiko in Kauf«. Und wenn das Wasser steige, müsse

sie ihre Weinfässer eben aus dem Keller nach oben holen. Das

ist typisch für sie: Nur mit ihrer Mischung aus Unbekümmertheit,

Begeisterung und Hartnäckigkeit hat sie es innerhalb von

wenigen Jahren geschaff, ihre Domäne aufzubauen, die auch

von Winzer-Stars der Loire wie Nicolas Joly hoch geschätzt wird.

Dabei war lange Zeit eine Karriere in der Wissenschaft vorgezeichnet

und geplant. Nach dem Abitur zog Liv Vincendeau

1994 nach York, in den Nordosten Englands, um Chemie zu

studieren. »Ich wollte die Welt retten«, erklärt sie, »neue

Technologien entwickeln, um die Umwelt zu schonen.« In

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TRADITIO NALIST MIT

WEITBLICK

DER WINZER NIK WEIS VOM ST. URBANS-HOF IN

LEIWEN AN DER MOSEL UND SEINE VIELEN TALENTE

Von RAINER SCHÄFER

Fotos RUI CAMILO

Die Filme und die Unterwasserwelt von Jacques Cousteau hatten es Nik Weis so angetan,

dass er lange Zeit Meeresbiologe werden wollte. Wenn sich der Abenteurer aus Frankreich

in das geheimnisvolle Dunkel gleiten ließ, wäre er am liebsten mit abgetaucht –

gespannt darauf, was sich da unten erkunden ließe. Daraus wurde nichts, aber die Neugier

und die Lust am Entdecken hat er sich bewahrt. Nik Weis ist ambitionierter Hobbytaucher

und auch als Hubschrauberpilot in einem anderen Element unterwegs: »Ganz

nach unten und ganz nach oben, diese Extreme ziehen mich stark an«, sagt er. Aber der

Siebenundvierzigjährige ist in erster Linie Winzer, kaum einer seiner Generation hat das

Image des Moselweins so geprägt und verändert wie er. Seit mehr als zwanzig Jahren ist

er auf vielen Kontinenten als eloquenter Botschafter des Rieslings unterwegs.

136 FINE 4 | 2018 MOSEL MOSEL FINE 4 | 2018 137


HARALD WOHLFAHRT BRACHTE 25 JAHRE LANG DIE STERNE ÜBER DER SCHWARZWALDSTUBE IN BAIERSBRONN

ZUM LEUCHTEN. KEIN ANDERER DEUTSCHER SPITZENKOCH ERHIELT DIE HÖCHSTAUSZEICHNUNG MIT 3 GUIDE-

MICHELIN-STERNEN ÜBER EINEN SO LANGEN ZEITRAUM WIE ER. EINDRUCKSVOLL ZEIGEN 35 SEINER BERÜHMTES-

TEN REZEPTE DIE VERWANDLUNG VON GRUNDPRODUKTEN IN KULINARISCHE HÖHEPUNKTE. KURZE BEGLEITENDE

ESSAYS VERDEUTLICHEN DIE CHARAKTERISTISCHEN MERKMALE DER WOHLFAHRT’SCHEN KÜCHE. MIT PRÄZISION

UND FEINGEFÜHL BEWEIST DER PERFEKTIONIST HARALD WOHLFAHRT EINMAL MEHR, DASS ER ZU DEN GRÖSSTEN

KÖCHEN UNSERER ZEIT GEHÖRT.

Im St. Urbans-Hof am Rand von Leiwen an der Moselschleife

wird noch in Fudern gerechnet. Weil die

traditionellen Tausend-Liter-Fässer den Charakter der

Lagen am besten unterstreichen, gibt Nik Weis ihnen

den Vorzug beim Ausbau seiner Weine.

der Mosel und Saar, wo seine Mutter Ida aufgewachsen ist.

Gern erinnert er sich an deren Vater, Johann Peter Mertes

in Kanzem, der seinen Wein in Sonntagskleidung und mit

gestärktem Hemdkragen gefüllt habe, »weil es ein Festtag für

ihn war«. Dass der Großvater seinen Beruf mit reichlich Handwerk

und Ethik ausgeübt habe, imponiert ihm. »So verstehe

auch ich meine Arbeit«, sagt Nik Weis, der Traditionalist, der

nach vorn schaut. Mit einer Photovoltaik-Anlage erzeugt er

eigenen Strom, er ist Mitglied bei Fair’n Green, weil er einen

»nachhaltigen Weinbau betreiben und die Umwelt schonen

möchte«. Aber genauso wichtig sei ihm ein

»gerechtes, soziales, gesellschaftliches und

kulturelles Miteinander«.

MIT

ESSAYS ZU

JEDEM REZEPT

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als die Winzer Bohnen anpflanzen mussten, weil die mehr

Geld einbrachten als der Wein. Als er das erzählt, verweist

er auf Karl Marx, der das Elend der Moselwinzer schon 1840

beschrieben hatte.

Gleich als Jungwinzer hatte Nik Weis eine große Krise zu

bestehen, seither hat er oft genug Weitblick bewiesen, seine

Rieslinge kurbelten als Exportschlager auch die Konjunktur der

Moselweine an. Längst hat er sich einen Namen in der internationalen

Weinwelt gemacht. Er ist ein Mann mit Prinzipien,

aufgeschlossen für Neues, hängt aber auch an den Traditionen

Als Winzer hat Nik Weis eine beeindruckende

Entwicklung genommen:

Jahrelang beschränkte er sich aus

Überzeugung darauf, Rieslinge mit meisterhaft

ausbalancierter Restsüße auszubauen.

»Ich war der Meinung, dass die Mosel das

am besten kann«, sagt er. Inzwischen erzeugt

er auch famose trockne Weine, wie das feinnervige

und mineralisch grundierte Große

Gewächs Layet 2017 aus dem Mehringer

Blattenberg. Obwohl er schon einundzwanzig

Ernten eingebracht hat, sei er immer noch

»am Lernen«. Manches Wissen, das er

bei großen Lehrmeistern wie Joe Heitz in

Kalifornien, Léonard Humbrecht im Elsass

oder Wilhelm Haag an der Mosel erworben

hat, habe er erst nach und nach im ganzen

Ausmaß verstanden. Heute weiß er, dass er

auch mal mitten in der Nacht aufstehen muss,

um bei einem restsüßen Riesling die Gärung

zu unterbrechen. »Da können Minuten entscheidend sein«, sagt

Weis, für den die Umwandlung von Most zu Wein mehr ist als

ein chemischer Prozess: Es sei total verrückt, wie aus einem Saft

mit Kohlensäure ein Riesling mit Tiefgang und intellektuellem

Anspruch entsteht. »Wein ist nicht in allen Aspekten erklärbar,

da schwingt auch sehr viel Mystisches mit.« Im Idealfall sei

der Winzer »der verlängerte Arm der Schöpfung. Wenn etwas

richtig Gutes entsteht, geht über ihm der Himmel auf.« Dann

habe er eine Art Wunder vollbracht, gemeinsam mit der Natur.

Deshalb, sagt Nik Weis, liebe er den Beruf des Winzers so.

DIE KOCHLEGENDE

HARALD WOHLFAHRT

244 Seiten | 22,0 × 28,0 cm

Hardcover

€ 39,90 (D) | € 41,10 (A)

ISBN 978-3-96033-048-6

Tre Torri Verlag GmbH | Sonnenberger Straße 43 | 65191 Wiesbaden | info@tretorri.de | www.tretorri.de

142 FINE 4 | 2018 MOSEL


FINEABGANG

WASSER FÜR WEIN

Angeregt durch das zehnjährige Jubiläum der Twin Wineries, einer

Initiative deutscher und israelischer Weingüter zur Förderung des deutschisraelischen

Dialogs, waren wir im Oktober auf Weinreise im Heiligen Land.

Auf der internationalen Weinkarte ist Israel bisher selten in Erscheinung getreten,

doch in der noch jungen Weinszene gibt es jede Menge ambitionierte Projekte:

Man will die Möglichkeiten des Weinmachens ausloten und dem israelischen

Wein ein Gesicht geben.

Für den europäischen Weinbau könnte in nicht allzuferner Zukunft ein weiterer

Aspekt dieser Partnerschaft von Interesse sein. Da in den ariden israelischen

Breiten Landwirtschaft und Weinbau nur unter extrem trocknen und heißen

klimatischen Bedingungen möglich sind, haben Bauern und Winzer inzwischen

einen großen Erfahrungsvorsprung in Sachen Bewässerung, ohne die Weinbau

dort nicht möglich wäre. Dennoch gibt es mittlerweile Winzer, die den Einsatz

von Wasser in den Weinbergen auf ein Minimum reduziert haben und in manchen

Lagen – je nach Standort und Alter der Reben – sogar ganz ohne Bewässerung

auskommen. Schon bei den Junganlagen beginnt die Arbeit, die darauf abzielt,

die Reben widerstandsfähig gegen Trockenheit und Hitze zu machen. Sollten

sich in Deutschland und Europa Wetterextreme wie im Sommer 2018 häufen,

könnten die deutschen Partnerweingüter von der Erfahrung ihrer israelischen

Kollegen in Sachen Weinbergsmanagement profitieren.

Das Weinland Israel ist uns also mehr als einen Blick wert. Den wollen wir

in der kommenden Ausgabe gespannt auf dessen Winzer und ihre Weine richten.

Ralf Frenzel

Herausgeber

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Fotos: A. Nixdorf

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