Wirtschaft und Menschenrechte - Jahrbuch Global Compact Deutschland 2018

macondogroup

Arbeitsbedingungen, moderne Sklaverei, Einhaltung der Menschenrechte, aber auch Automatisierung, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz – das sind zentrale Stichworte für die Arbeitswelt von morgen. Wie begegnen Unternehmen diesen Herausforderungen? Wie übernehmen sie Verantwortung für Menschenrechte und Umwelt in einer ökonomisierten und globalisierten Welt? Welchen Beitrag leisten die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) bei der Umsetzung?

Diesen Fragen geht das aktuelle Jahrbuch "Global Compact Deutschland 2018" nach. Die Publikation lässt zentrale Akteure aus Wirtschaft, Politik, Forschung und Zivilgesellschaft zu Wort kommen. Darüber hinaus zeigen 25 deutsche Global Compact-Mitgliedsunternehmen in ihren Good Practice-Beispielen, mit welchen Maßnahmen sie zur Erreichung der SDGs beitragen.

Wirtschaft und

Menschenrechte

JAHRBUCH 2018


Herausgegeben

mit freundlicher

Unterstützung durch:

GrönwoldtPartner

SUSTAINABLE BUSINESS CONSULTING

Im Folgenden wird aus Gründen der sprachlichen Vereinfachung bei einigen Texten nur die männliche Form

verwendet. Es sind jedoch stets Personen männlichen und weiblichen Geschlechts gleichermaßen gemeint.


ZITAT

To put people first was my slogan when I ran

for Prime Minister of Portugal more than two

decades ago, but it was also the slogan of my

opponent, and in these two decades I’ve seen this slogan

everywhere, every time. The problem is that for a number

of people in our societies, they do not feel they’re being

put first but they feel they’re being considered last.

H.E. António Guterres, UN Secretary-General,

Rede auf dem G20-Gipfel in Buenos Aires

(November 2018)

Indeed, the combination of globalization and technological change that generated enormous wealth

and reduced extreme poverty has also dramatically increased the inequality within our societies and

at the same time, left people, sectors and regions behind, generating the kind of frustrations that

make many people mistrust their political establishment or international organizations like mine.

We need indeed to work together for a fair globalization, and allow me two brief notes: firstly, we

need to be much more effective in reducing inequality in our societies because the trend will be for

inequality to keep on growing. This means a more effective combination, a mix of policies – fiscal

policy, monetary policy, jobs policy, policies in the social safety net – in order to make sure that we

are really able to reduce inequalities against the trend that will push inequality to grow.

Second, we need to be much better prepared for the impact of the Fourth Industrial Revolution led

by artificial intelligence in our societies. The next two decades will see a massive creation of jobs and

massive destruction of jobs, but they will be very different and it will not be obvious how to move

people from one side to another. Some ideas are really clear. We need a much bigger investment in

education and skills, but not education and skills to learn things but to learn how to learn things,

and there is still a lot to be reformed in our educational systems to reach that. On the other hand,

we need to consider a different relation between work, leisure and other occupations. The nature

of work will change, and in some societies you might need a new generation of safety nets. [...]

We need a fair globalization and I think we have a blueprint for that, the Agenda 2030, the

Sustainable Development Goals.

globalcompact Deutschland 2018

3


INHALT

6

3

Zitat:

H.E. António Guterres, UN Secretary-General

Wirtschaft und

Menschenrechte

Wirtschaft und Menschenrechte

8

Die Achtung der Menschenrechte durch Unternehmen –

Verantwortung, Umsetzung und Ausblick

Von Philipp Bleckmann

12

Neue rechtliche Entwicklungen im Bereich Wirtschaft

und Menschenrechte

Von Isabel Daum

17

Ruggie im Realitätscheck:

Wie groß ist die Gefahr einer Klagewelle?

Von Priv.-Doz. Dr. Birgit Spiesshofer M.C.J.

20

Moderne Sklaverei und Arbeitsausbeutung – auch für

deutsche Unternehmen ein wichtiges Thema

Von Laura Curtze

23

Publikationen

24

28

Menschenrechte im Supermarkt

Von Prof. Dr.-Ing. Evi Hartmann

Unternehmen und Menschenrechte: Monitoring startet

SDG Tools & News

84

Digitalisierung

Digitalisierung

86

91

Nachhaltige Digitalisierung und die Rolle

unternehmerischer Verantwortung

Von Dr. Marian Feist

Künstliche Intelligenz für humanitäre Hilfe

104

New Spaces for Collective Impact, Beyond Buying and

Selling

By Raymond Saner and Lichia Yiu

92

Total Societal Impact – Der überfällige

Paradigmenwechsel

109

„Es bedarf einer gemeinsamen Haltung, wie wir das Maß

der Dinge in Zukunft bestimmen“

Ein Standpunkt von Karl-Heinz Land

Ein Standpunkt von Saori Dubourg

96

Große Veränderungen geben den Blick auf wichtige

Fragen frei

110

Automatisierung, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz:

Mensch versus Maschine?

101

Von Dr. Elmer Lenzen

Bedingungsloses Grundeinkommen

115

Deutschland noch nicht in der algorithmischen Welt

angekommen

102

Deutsche wünschen sich von Unternehmen eine klare

politische Haltung

116

Mit Künstlicher Intelligenz an die Weltspitze – die

Beispiele China und Deutschland

Im Gespräch mit Susanne Marell

Ein Standpunkt von Lars Jaeger


Good Practice

32

ALDI

ALDI geht auf Verpackungsmission: Offensive gegen

Plastikabfälle

58

HOCHBAHN

Nachhaltig die Mobilität in der Smart City Hamburg

gestalten

34

36

38

40

42

44

46

48

BASF

Digitalisierung – Chancen für Nachhaltigkeit

Bayer

Innovation braucht Transparenz und Vertrauen

Bosch

Internationales Gesellschaftsengagement

Boxon

Intelligente Verpackungskonzepte für mehr

Nachhaltigkeit

CEWE

CEWE: Wo Qualität auf Verantwortung trifft

Daimler

Mobilität in „Smart Cities“

DAW

DAW: Ausgezeichneter Klimaschutz

Deutsche Telekom

Menschenrechtliche Sorgfaltspflicht bei der Deutschen

Telekom

60

62

64

66

68

70

72

74

iPoint-systems

Wie die Blockchain Menschenrechtsverstößen auf

die Spur kommt

ista

„Verantwortung muss man lernen“

Löning

Unternehmen und Menschenrechte – Wieviel

Sklavenarbeit steckt in der Tomate?

Lufthansa Group

Die Umwelt fest im Blick

Lyreco Deutschland

Auszeichnung für umweltfreundlichen Bürobedarf

macondo publishing

Global Goals Forum 2019

MAN

MAN hilft helfen

Mazars

SDGs: Schöne neue (Unternehmens)Welt?

50

E.ON

Smart trifft Power: Das neue Energiesystem für die Stadt

76

Merck

Bei Merck stimmt die (grüne) Chemie

52

Evonik

Evonik macht Lachse zu Vegetariern

78

Symrise

Kleine Ideen, große Effekte

54

EY

EY übernimmt wichtige Rolle im Austausch zwischen

Wirtschaft und Politik

80

TÜV Rheinland

Kollegin Roboter: Sichere Interaktion von Mensch

und Maschine im Arbeitsalltag

56

Grönwoldt & Partner

Vom Buzzword zum Bizword: Sustainability als Chance.

82

Weidmüller

Das neue Arbeiten in nachhaltigen Gebäuden


AGENDA

6 globalcompact Deutschland 2018


MENSCHENRECHTE

Wirtschaft und

Menschenrechte

Menschenrechte zielen darauf ab, die Würde und die Freiheit der Menschen

zu schützen. Sie sind mit dem Anspruch verbunden, für alle Menschen

gleichermaßen und weltweit zu gelten. Die ersten sechs Prinzipien des

UN Global Compact zielen daher auf die Achtung der Menschenrechte und

die Umsetzung von Arbeitsnormen ab. Die Achtung der Menschenrechte

ist eine wesentliche Voraussetzung für die gesellschaftliche Akzeptanz der

Geschäftstätigkeit und für die Begrenzung imagebezogener, betrieblicher,

finanzieller und rechtlicher Risiken. Unser Schwerpunktthema beleuchtet

Perspektiven, Konfliktlinien und Stolpersteine.

globalcompact Deutschland 2018

7


AGENDA

Die Achtung der

Menschenrechte

durch Unternehmen

Verantwortung, Umsetzung und Ausblick

Von Philipp Bleckmann, Deutsches Global Compact Netzwerk

Unternehmen haben durch ihr Handeln stets Auswirkungen

auf die Menschenrechte. Diese Auswirkungen können sowohl

positiv als auch negativ sein. Zum einen schaffen Unternehmen

Arbeitsplätze und tragen durch ihre wirtschaftlichen

Aktivitäten zum Wohlstandsgewinn bei. Andererseits geraten

Menschenrechte oftmals auch durch Vorkommnisse in

den Fokus, bei denen das Handeln einzelner Unternehmen

negative Auswirkungen auf die Rechte Dritter hat. Sprich:

Menschenrechte werden verletzt. Solche Fälle werden zunehmend

auch durch Medien aufgegriffen, was für wachsende

Aufmerksamkeit in der Bevölkerung sorgt.

Im Juni 2017 veröffentlichten die NGOs Germanwatch und

Misereor eine Studie zu Menschenrechtsverletzungen deutscher

Unternehmen in der Energiewirtschaft, die auf ein

breites Medienecho stieß. Darin werfen die Autoren den

Unternehmen vor, die Menschenrechte nicht ausreichend

zu achten – und zwar insbesondere in ihren Lieferketten im

Ausland. Die Vorwürfe, die sich an namhafte Unternehmen

richten, reichen von illegalen Umsiedlungen über massive

negative Gesundheitsauswirkungen bis zur Beeinträchtigung

der Rechte indigener Bevölkerungsgruppen.

Im Kontext der Elektromobilität finden sich ähnlich prominente

Anschuldigungen in einer aktuellen Kampagne von Amnesty International.

Deutschen Automobilbauern sowie internationalen

Unternehmen der Elektronikbranche wird darin vorgeworfen,

in ihren Lieferketten nicht die nötige Sorgfalt walten zu lassen.

Vor allem in der Region der Großen Seen im Kongo führe dies

zu massiven negativen Auswirkungen. Recherchen im Jahr 2018

mit dem Fokus auf moderne Sklaverei und Ausbeutung bei den

Arbeitsbedingungen im Anbau von Tomaten, Erdbeeren und

ähnlichen Produkten in Spanien sowie in Italien zeigen, dass

auch hier Menschenrechtsverstöße vorliegen; oftmals gehörten

Geflüchtete und illegal Beschäftigte zu den Leidtragenden der

teils bandenmäßig organisierten Vergehen.

8 globalcompact Deutschland 2018


MENSCHENRECHTE

Globalisierter Handel geht oft einher mit der Konzentration

von Macht in den Händen einiger weniger. In den meisten

Fällen sind das Großkonzerne aus Europa oder den USA. Somit

ist das Vorrecht des Staates als zentraler und mächtigster

Akteur in vielen Konstellationen fraglich – vor allem, da

seine Zuständigkeit an Landesgrenzen haltmacht, die Aktivitäten

der Unternehmen hingegen nicht. Zudem erleben wir

durch ein hochkompliziertes Geflecht aus Tochterfirmen, die

juristisch als unabhängige Rechtspersönlichkeiten gefasst

werden und nicht für einander haften, eine Situation unklarer

Verantwortung. Dies betrifft sowohl die Schaffung von

Tochterfirmen in Produktionsländern, für die aufgrund von

Haftungsbeschränkungen im Binnenleben der Unternehmen

die Muttergesellschaft bei Verstößen nicht haftet, als auch den

Fall komplizierter und verzweigter Lieferketten. Der Konzern

lagert den Großteil der Produktionsschritte an Zulieferer aus,

für die er rechtlich keine Verantwortung hat. Kurzum: Staaten

können Unternehmensaktivitäten sehr viel schwieriger

regulieren als früher.

Zeitgleich zu den international verlaufenden Liberalisierungsprozessen

sehen wir sowohl in Entwicklungs- und

Schwellenländern als auch in den Industrieländern enorme

Privatisierungstendenzen: Aspekte der Gesellschaft, die bislang

unter die staatliche Pflicht zum Schutz, der Förderung und der

Gewährleistung von Menschenrechten gefallen sind, werden

nun privatwirtschaftlich organisiert. Die bisher für Staaten

geltenden Regeln reichen in diesen „new private spheres“

zum Schutz der Menschenrechte dann oftmals nicht mehr aus.

Zu guter Letzt operieren Unternehmen häufig in Ländern mit

schwacher Staatlichkeit, die aus verschiedenen Gründen den

Schutz der Menschenrechte nicht gewährleisten: Korruption,

mangelnde Kapazitäten oder Anreize für die Regierung, mit

möglichst geringen Standards bewusst hohe Direktinvestitionen

anzulocken, seien hier genannt.

Lösungsansätze

Drei Fragen rücken hierbei in den Blickpunkt: Warum kommt

es zu solchen negativen Auswirkungen in den Wertschöpfungsketten?

Wie reagiert die internationale Staatengemeinschaft

auf diese Herausforderung? Und schließlich: Was sind

die konkreten Anforderungen an Unternehmen, um ihre

Geschäftstätigkeiten inklusive Lieferketten fair und sozial

nachhaltig zu gestalten?

Ausgangslage

Die Entwicklung der internationalen Wirtschaft in den letzten

Jahren ist geprägt von massiven Verschiebungen, auf die hier

unter den Stichworten Globalisierung, Privatisierung und

mangelnde Staatlichkeit eingegangen wird. 2016 waren von

den 100 größten „Economies“ nur noch 31 Staaten – aber

69 Unternehmen.

Aus diesen schwierigen Rahmenbedingungen ergeben sich

für den Umgang mit negativen Auswirkungen auf die Menschenrechte

große Herausforderungen. Dies wird deutlich

beim Versuch, die Frage zu beantworten, wer etwa für die

Geschehnisse bei einem Fabrikeinsturz oder einem Großbrand

die Verantwortung trägt:

• Ist es die Regierung des Landes, die keine effektiven Kontrollen

durchsetzt?

• Ist es der Bauunternehmer, der sich aus Kostengründen

gezwungen sieht, am Rande der legalen Bauschriften zu

agieren?

• Liegt die Verantwortung beim lokalen Fabrikbesitzer, der

kein Interesse an gesteigerter Arbeitssicherheit hat?

• Welcher Teil der Verantwortung ist für den europäischen

Großkunden anzusetzen, dessen Einkaufspraxis vor allem

auf den Preis als entscheidendes Kriterium fokussiert?

• Und inwieweit ist am Ende gar der Verbraucher zu nennen,

der trotz aller gesellschaftlicher Bekenntnisse zu mehr

Nachhaltigkeit nicht mehr als ein paar Euro für ein T-Shirt

ausgeben möchte oder kann? >>

globalcompact Deutschland 2018

9


AGENDA

Der aktuell einflussreichste und umfangreichste Versuch,

eine Antwort auf diese Fragen zu formulieren, sind die

UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte. Die

2011 vom UN-Menschenrechtsrat einstimmig verabschiedeten

Leitprinzipien wurden im Anschluss von einer Vielzahl weiterer

Initiativen, Rahmenwerke, Staaten und Unternehmen

übernommen und entfalten dadurch ihre Wirkung, ohne von

sich aus eine rechtliche Verbindlichkeit zu bedingen. John

Ruggie, einer der Autoren der UN-Leitprinzipien, bezeichnet

dies als die „normative Kraft“ der Leitprinzipien.

Drei Säulen bilden den Kern dieser Leitprinzipien

In Säule 1 (Schutz der Menschenrechte) wird die bekannte

Pflicht der Staaten zum Schutz der Menschenrechte ausgeführt.

Staaten sind die primären Adressaten, die die Menschenrechte

und Grundfreiheiten zu achten, zu schützen und zu gewährleisten

haben.

In Säule 2 (Achtung der Menschenrechte) wird die Verantwortung

von Wirtschaftsunternehmen als spezialisierten Organen

der Gesellschaft zur Achtung der Menschenrechte festgelegt.

Sie haben die Verantwortung, in ihrem operativen Handeln

nicht nur geltendem Recht Folge zu leisten, sondern darüber

hinaus die Menschenrechte zu achten. Dies gilt insbesondere

dann, wenn der Staat, in dem sie operieren, nicht willens oder

nicht in der Lage ist, seiner Pflicht zum Schutz der Menschenrechte

nachzukommen. Das Unternehmen muss in diesem

Fall dann trotzdem von sich aus seiner Verantwortung zur

Achtung der Menschenrechte nachkommen. Das heißt, dass die

Unternehmen „vermeiden sollen, die Menschenrechte Anderer

zu beeinträchtigen und dass sie nachteiligen menschenrechtlichen

Auswirkungen, an denen sie beteiligt sind, begegnen

sollen“. Kernaufgabe der Unternehmen ist die Einführung

und Umsetzung von Prozessen menschenrechtlicher Sorgfalt,

die im folgenden Kapitel vorgestellt werden.

Abschließend regeln die Leitprinzipien in Säule 3 (Zugang zu

Abhilfe) den Fall, dass es bei der Ausübung der Schutzpflicht

oder der Achtungsverantwortung dennoch zu negativen Auswirkungen

auf die Menschenrechte Dritter kommt. In einem

solchen Fall haben sowohl Staaten als auch Unternehmen die

Pflicht und die Verantwortung, angemessene und wirksame

Abhilfemaßnahmen zu entwickeln.

Anforderungen an Unternehmen

Von besonderem Interesse sind an dieser Stelle die in den

Leitprinzipien formulierten Anforderungen an Unternehmen,

der Achtung der Menschenrechte nachzukommen. Die Leitprinzipen

operationalisieren diese Verantwortung: Sie fordern

in Leitprinzip 15 die Umsetzung von Prozessen menschenrechtlicher

Sorgfalt, um „die Auswirkungen auf die Menschenrechte

zu ermitteln, zu verhüten und zu mildern sowie Rechenschaft

darüber abzulegen, wie sie diesen begegnen“.

Zur Achtung der Menschenrechte zusätzlich erforderlich

ist darüber hinaus die Entwicklung einer Grundsatzerklärung

sowie die Einrichtung von Maßnahmen zur Wiedergutmachung.

Streng genommen sind diese beiden Elemente somit

dem eigentlichen Due Diligence Prozess vor- und nachgeschaltet

und werden auch in den anschließenden vertiefenden

Erläuterungen (ab Leitprinzip 16) so vorgestellt. In der Praxis

werden sie meist als integraler Bestandteil des Prozesses verstanden

und nicht getrennt von den übrigen Maßnahmen

von Due Diligence behandelt. Dieses Verständnis findet sich

beispielsweise auch im Nationalen Aktionsplan Wirtschaft

und Menschenrechte der Bundesregierung wieder.

Die überwiegend als Teil unternehmerischer Sorgfaltspflicht

verstandenen Elemente sind somit:

• Entwicklung einer Grundsatzerklärung zur Achtung der

Menschenrechte

• Ermittlung der tatsächlichen und potenziellen Auswirkungen

auf die Menschenrechte

• Maßnahmen zur Abwendung potenziell negativer Auswirkungen

und Wirksamkeitskontrolle

• Berichterstattung

• Wiedergutmachung

Besondere Bedeutung kommt in den Leitprinzipien dem Begriff

„menschenrechtliche Risiken“ zu. Dieser geht mit einem

Perspektivwechsel einher: Explizit fordern die Leitprinzipien,

dass „Risiken“ als das Risiko für die Rechte Dritter (sprich

negativ betroffener Gruppen) zu verstehen und entsprechend

in den Fokus zu nehmen sind. Eine Ermittlung der Risiken,

die für das Unternehmen selbst bestehen (etwa Reputation),

ist nicht ausreichend und entspricht nicht den Anforderungen

der Leitprinzipien, auch wenn sich die Risiken für betroffene

Dritte und die Risiken für das Unternehmen oft ähneln.

Ein maßgebliches Umdenken aufseiten der Unternehmen

erfordert die Umsetzung von Sorgfaltspflichten darüber hinaus

im Umgang mit und der Konsultation von Stakeholdern.

Grundsätzlich ist die Einbeziehung Dritter in allen Elementen

der Sorgfaltspflicht angeraten. Ein Unternehmen wird alleine

niemals genug über seine potenziellen und tatsächlichen

Auswirkungen wissen und ist stets darauf angewiesen, die

Perspektive von Dritten einzuholen. Damit sind im Sinne

der Leitprinzipien aber nicht primär die Personengruppen

gemeint, die üblicherweise unter dem Begriff „Stakeholder“

firmieren: Shareholder, Unternehmenspartner oder politische

Akteure. Vielmehr sind Stakeholder im Sinne der Leitprinzipien

die Gruppen oder Personen, die potenziell von negativen

Auswirkungen betroffen sein können. Darunter fallen

üblicherweise Arbeitnehmer und betroffene Personen im

Umfeld, insbesondere indigene Völker, Frauen, nationale,

ethnische, religiöse oder sprachliche Minderheiten sowie

Kinder, Menschen mit Behinderungen und Wanderarbeiter.

Die Anliegen dieser Gruppen sind von den Unternehmen

einzuholen, wobei „sprachliche und anderweitige denkbare

10 globalcompact Deutschland 2018


MENSCHENRECHTE

Hindernisse für einen effektiven Austausch berücksichtigt“

werden müssen.

Inhaltlicher Referenzrahmen der Durchführung menschenrechtlicher

Sorgfalt sind laut Leitprinzip 12 „alle international

anerkannten Menschenrechte“. Konkret bedeutet dies

„mindestens die Menschenrechte, die in der Internationalen

Menschenrechtscharta ausgedrückt sind sowie die in der

Erklärung der Internationalen Arbeitsorganisation über die

grundlegenden Prinzipien und Rechte bei der Arbeit genannten

zu verstehen sind“.

Der Nationale Aktionsplan

Die EU sowie der UN-Menschenrechtsrat haben die Staatengemeinschaft

ab 2012 aufgefordert, die Anforderungen

der UN-Leitprinzipien in Nationalen Aktionsplänen für die

jeweiligen Länder zu konkretisieren. Im 2016 verabschiedeten

„Deutschen Nationalen Aktionsplan“ (kurz: NAP) äußert die

Bundesregierung die Erwartung, dass alle Unternehmen die

Menschenrechte achten. Diese Erwartung gilt grundsätzlich

unabhängig von der Größe des Unternehmens, auch wenn

die konkrete Ausgestaltung der Achtungsverantwortung in

der Praxis von der Art und Größe des Unternehmens, seiner

Position in internationalen Lieferketten und weiteren Faktoren

abhängig ist. Der Achtung der Menschenrechte kommen Unternehmen

laut Nationalem Aktionsplan nach, indem sie Prozesse

menschenrechtlicher Sorgfalt einführen und umsetzen. Diese

aus den UN-Leitprinzipien bekannten Prozesse formulierte die

Bundesregierung im Nationalen Aktionsplan aus und nimmt

dazu auch ausdrücklich Bezug zu den UN-Leitprinzipien.

Unternehmen sind aufgefordert, die bereits oben genannten

Elemente menschenrechtlicher Sorgfalt umzusetzen. Für

Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern formuliert die

Bundesregierung außerdem eine Zielvorgabe: Bis 2020 sollen 50

Prozent all dieser Unternehmen diese Elemente in ihre Unternehmensprozesse

integriert haben. Sollte diese Zielmarke

nicht erreicht werden, so wird die Bundesregierung „weitergehende

Maßnahmen, bis hin zu Verbindlichkeit“ prüfen.

Im Koalitionsvertrag vom 14. März 2018 gehen CDU/CSU und

SPD sogar noch weiter: „Wir setzen uns für eine konsequente

Umsetzung des Nationalen Aktionsplans Wirtschaft und

Menschenrechte (NAP) ein, einschließlich des öffentlichen

Beschaffungswesens. Falls die wirksame und umfassende

Überprüfung des NAP 2020 zu dem Ergebnis kommt, dass

die freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmen nicht

ausreicht, werden wir national gesetzlich tätig und uns für

eine EU-weite Regelung einsetzen.“

Fazit

Viele Unternehmen haben sich zur Umsetzung der UN-Leitprinzipien

bekannt und gehen die Herausforderungen der

menschenrechtlichen Sorgfalt proaktiv an. Dafür finden Unternehmen

in Deutschland mehrere Unterstützungsangebote.

Als Eingangstor fungiert etwa der NAP Helpdesk der Agentur

für Wirtschaft und Entwicklung, der konkrete Fragen zum

Nationalen Aktionsplan beantwortet. Das Deutsche Global

Compact Netzwerk bietet mit seiner Plattform MR-Sorgfalt.de

eine Anlaufstelle für Anfänger und Fortgeschrittene sowie

mit dem „Fit für den NAP“-Qualifizierungsprogramm auch

eine Hilfestellung bei der schrittweisen Umsetzung der Sorgfaltsprozesse.

Oftmals stellt sich jedoch auch bei den engagierten Unternehmen

die Frage nach der internationalen Kohärenz der Ansätze:

Wenn sich die oben beschriebenen Herausforderungen vor

allem auch aus der Globalisierung und grenzüberschreitendem

Handel ergeben, sollten dann nicht auch die Lösungen international

sein? Mit den UN-Leitprinzipien ist dazu ein erster

Schritt getan, doch wäre ein koordiniertes Vorgehen auf EU-

Ebene (zum Beispiel ein europäischer Aktionsplan Wirtschaft

& Menschenrechte) oder gar eine Verlagerung auf UN-Ebene

(siehe die Diskussion zum UN-Treaty) zur Erreichung eines

„Level Playing Field“ ein sicherlich denkbarer nächster Schritt.

globalcompact Deutschland 2018

11


AGENDA

Neue rechtliche

Entwicklungen

im Bereich

Wirtschaft und

Menschenrechte

Von Isabel Daum

Infolge globaler Wirtschaftsverflechtungen entziehen sich

unternehmerische Aktivitäten oftmals dem Zugriff nationaler

Regelungen, insbesondere entlang transnationaler

Wertschöpfungsketten und Produktionsprozessen. Unternehmensaktivitäten

können jedoch neben positiven – wie

im vorherigen Artikel beispielhaft dargestellt – durchaus

negative Auswirkungen auf Menschenrechte haben. So wird

regelmäßig über Arbeitsrechtsverletzungen in Textil- oder

Nahrungsmittel-Lieferketten, Zwangsumsiedlungen infolge

von Staudammprojekten oder Umweltverschmutzungen durch

Aktivitäten der mineralgewinnenden Industrien oder der Textilindustrie

berichtet, die zu Gesundheitsschädigungen und

Verlust der Existenzgrundlage der lokalen Bevölkerung führen.

Aufgrund rechtlicher Hürden gelingt den Opfern derartiger

Menschenrechtsverletzungen jedoch nur in Ausnahmefällen

der Zugang zu entsprechenden Rechtsmitteln und Wiedergutmachungsmechanismen.

Neben der Frage nach der Haftung des

Mutterkonzerns für ausländische Tochtergesellschaften oder

des internationalen Einkäufers für dessen Zulieferer sind dabei

insbesondere prozessuale Voraussetzungen für den Zugang zu

Rechtsschutz und Abhilfe der Betroffenen im Herkunftsstaat

des Unternehmens problematisch, wie die Zuständigkeit der

Gerichte, Prozesskostenhilfe, Anwendung des ausländischen

Rechts sowie die Beweisbeschaffung.

1. Internationale Ebene

Vereinte Nationen

Seit den 1970-er Jahren gibt es daher auf UN-Ebene immer

wieder Versuche, Menschenrechtsregeln für transnational

agierende Unternehmen zu formulieren. Bisher haben diese

Prozesse lediglich rechtlich unverbindliche Standards

zur freiwilligen Selbstverpflichtung von Unternehmen hervorgebracht.

Auch die in diesem Band bereits erwähnten

UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte sind –

wenn auch inzwischen akzeptierter Standard zur Betrachtung

unternehmerischer Achtungsverantwortung – als Resolution

des UN-Menschenrechtsrats nicht rechtsverbindlich und sehen

ferner keine Sanktionen bei Verstößen menschenrechtlicher

Sorgfaltspflichten vor.

Nach jahrzehntelangen Forderungen diverser Staaten des

globalen Südens sowie zivilgesellschaftlicher Verbände, diese

Regelungslücke zu schließen, gibt es seit 2014 erstmals einen

zwischenstaatlichen Prozess zur Ausarbeitung eines völkerrechtlichen

Abkommens zu Wirtschaft und Menschenrechten

(„Binding Treaty“). Im Juni 2014 hat der UN-Menschenrechtsrat

die von Ecuador und Südafrika initiierte Resolution 26/9

12 globalcompact Deutschland 2018


MENSCHENRECHTE

angenommen, die eine zwischenstaatliche

Arbeitsgruppe mit dem Mandat der

Ausarbeitung eines solchen Instruments

einsetzte. Bisher haben drei Verhandlungsrunden

der Arbeitsgruppe stattgefunden.

Basierend auf den ersten beiden

Sitzungen in 2015 und 2016 legte der

ecuadorianische Vorsitz der Arbeitsgruppe

ein Papier mit möglichen Elementen

für den Entwurf eines internationalen

rechtsverbindlichen Instruments („Elements“)

als Diskussionsgrundlage für

die dritte Sitzung im Oktober 2017 vor.

Die Anzahl der teilnehmenden UN-Mitgliedstaaten

hat sich bei der dritten Sitzung

nochmals wesentlich erhöht. Nach

Abschluss der dritten Sitzung einigten

sich die Mitglieder darauf, den Prozess

zu einem verbindlichen Abkommen

fortzuführen. Damit trat der Prozess

2018 in eine entscheidende Verhandlungsphase.

Im Juli 2018 legte Ecuador

schließlich einen ersten Vertragsentwurf

(„Zero Draft“) vor, der Gegenstand der

Diskussionen der vierten Arbeitstagung

vom 15. bis 19. Oktober 2018 in Genf

war. Schwerpunkte des Entwurfs sind

eindeutig die Regelungen zum Zugang zu

Abhilfe für Betroffene und die justizielle

Zusammenarbeit bzw. internationale

Kooperation zukünftiger Vertragsstaaten.

Der erste Vertragsentwurf eines UN-Abkommens

zu Wirtschaft und Menschenrechten

enthält – anders als das vorherige

Elemente-Dokument – keine direkten

Verpflichtungen für Unternehmen mehr.

Er verpflichtet hingegen die Vertragsstaaten,

gewisse Aspekte der menschenrechtlichen

Sorgfaltspflicht für Unternehmen

auch hinsichtlich deren Auslandsgeschäfte

im nationalen Recht festzuschreiben.

Die darin genannten Elemente gleichen

größtenteils den Anforderungen aus

den UN-Leitprinzipien, wenngleich sie

sich bisher nicht vollständig mit diesen

decken und insbesondere das Erfordernis

der Etablierung unternehmensinterner

Beschwerdemechanismen fehlt.

Auf die im Elemente-Dokument vorgeschlagene

Vorrangklausel der internationalen

Menschenrechtsverträge vor

Handels- und Investitionsabkommen

wurde ebenfalls verzichtet. Stattdessen

enthält der Entwurf Vorschriften dazu,

dass Bestimmungen in zukünftigen

Investitions- und Handelsabkommen

dem UN-Abkommen zu Wirtschaft und

Menschenrechten nicht widersprechen

dürfen und bisherige Investitionsabkommen

so ausgelegt werden sollen, dass

sie die Pflichten aus dem Abkommen

möglichst wenig einschränken.

Auch von dem im Elemente-Papier noch

enthaltenen, überaus umstrittenen Vorschlag

der Schaffung eines internationalen

Menschenrechtsgerichtshofes ist

keine Rede mehr.

Ein problematischer Aspekt bleibt

jedoch auch weiterhin die Beschränkung

des persönlichen Anwendungsbereichs

auf transnationale Unternehmen. Auch

wenn besonders in diesem Bereich eine

Regelungslücke zu konstatieren ist, wirft

der Ausschluss rein national tätiger

Unternehmen rechtliche Probleme auf,

insbesondere da lokale Unternehmen

Menschenrechte in gleichem Maße verletzen

können und es in diesen Fällen

somit zu einer Schlechterstellung von

Betroffenen kommen kann. Daher fordern

sowohl NGOs als auch Unternehmen

eine Anwendung der materiellen

Vorschriften sowohl auf transnationale

als auch national tätige Unternehmen.

Insgesamt zeigt sich, dass der Prozess

erfolgversprechender als bisherige Versuche

auf UN-Ebene ist, jedoch hängt die

Wirksamkeit eines zukünftigen Vertrages

auch von einer breiten Ratifikation ab.

Europäische Union

Das Europäische Parlament hat sich deutlich

für ein verbindliches UN-Abkommen

zu Wirtschaft und Menschenrechten

ausgesprochen und seit Beginn des Prozesses

wiederholt in Entschließungen

die Kommission und die Mitgliedstaaten

aufgefordert, sich konstruktiv an den

Verhandlungen zu beteiligen. Auch im

deutschen Bundestag war der UN-Treaty-

Prozess in den letzten Jahren wiederholt

Thema von Anträgen verschiedener

Fraktionen.

Zudem hat die Europäische Union im

Mai 2017 eine Verordnung verabschiedet,

die Sorgfaltspflichten in der Lieferkette

für Importeure bestimmter Minerale

und Erze (Zinn, Tantal, Wolfram >>

globalcompact Deutschland 2018

13


AGENDA

Frankreich

In Frankreich wurde im Februar 2017 das „Loi relative

au devoir de vigilance des sociétés mères et des entreprises“

verabschiedet, welches erstmals menschenrechtliche

Sorgfaltspflichten für große Unternehmen

umfassend in nationales Recht umsetzt. Erfasst werden

von den neuen Vorschriften im französischen Handelsgesetzbuch

Unternehmen mit Sitz in Frankreich und

mindestens 5.000 Mitarbeitern bzw. Mitarbeiterinnen

(auch direkter und indirekter Tochtergesellschaften in

Frankreich) sowie Unternehmen mit Sitz im Ausland,

die in Frankreich aktiv sind und 10.000 Angestellte

haben. In einem „Sorgfaltspflichtenplan“ (plan de

vigilance) müssen Unternehmen ökologische und menschenrechtliche

Risiken – einschließlich der Risiken

der von ihnen kontrollierten Tochtergesellschaften

sowie Subunternehmen bzw. Zulieferer – adressieren.

Dieser Sorgfaltsplan muss neben einer Risikoanalyse,

einem Verfahren der regelmäßigen Überprüfung, angemessenen

Gegenmaßnahmen zur Vermeidung und

Milderung von Menschenrechtsverletzungen sowie

einem Warnsystem zur Aufnahme von Beschwerden

auch ein Verfahren zur Überprüfung getroffener Maßnahmen

beinhalten.

Niederlande

Auch die Niederlande stehen kurz vor der Einführung

eines Gesetzes zur Sorgfaltspflicht von Unternehmen in

Bezug auf Kinderarbeit. Demnach sollen Unternehmen

Maßnahmen ergreifen, um Kinderarbeit in ihren Produktionsketten

zu erkennen und zu verhindern, und müssen

zudem über diese Maßnahmen berichten. Das Gesetz

sieht auch einen Sanktionsmechanismus vor. Im Februar

2017 hat das Parlament das Gesetz angenommen, 2020

tritt es in Kraft.

Italien

Italien kündigte in seinem 2016 verabschiedeten Nationalen

Aktionsplan an, eine legislative Reform zur Einführung

einer Sorgfaltspflicht zu prüfen und ein bestehendes

Gesetz (Legislative Decree N. 231/2001), welches 2001

erstmals die direkte strafrechtliche Verantwortlichkeit

von Unternehmen für bestimmte Menschenrechtsverletzungen

im italienischen Recht etablierte, gegebenenfalls

entsprechend zu erweitern.

Schweiz

Auch in der Schweiz zeichnet sich aufgrund der 2016

eingereichten „Konzernverantwortungsinitiative“ eine

ähnliche Entwicklung ab. Die Initiative will ebenfalls

eine Sorgfaltsprüfungspflicht im nationalen Recht

einführen. Als Anwendungsbereich sieht sie jedoch nur

Unternehmen mit Sitz in der Schweiz vor. Der Bundesrat

hat dem Parlament 2017 die Ablehnung der Initiative

ohne Gegenvorschlag empfohlen. Die ständerätliche

Kommission für Rechtsfragen hat sich jedoch für einen

indirekten Gegenvorschlag ausgesprochen. Im Mai 2018

legte die Kommission für Rechtsfragen des Nationalrates

schließlich einen indirekten Gegenentwurf im Rahmen

der Aktienrechtsrevision vor. Dieser wurde im Juni

2018 vom Nationalrat angenommen und wird nun im

Ständerat beraten. Da er einen Kompromiss darstellt,

fallen im aktuellen Gegenvorschlag nur noch Konzerne

unter die Regelung, welche zwei der folgenden drei

Kriterien erfüllen: 1.) Bilanzsumme von 40 Millionen

Franken; 2.) Umsatzerlös von 80 Millionen Franken;

3.) 500 Vollzeitstellen im Jahresdurchschnitt. Auch

hinsichtlich der Haftung enthält der Gegenvorschlag im

Vergleich zur Initiative Einschränkungen. So greift die

Regelung im Gegenvorschlag nur bei Schäden an Leib,

Leben oder Eigentum und auch nur bei Verfehlungen

von Tochtergesellschaften, nicht jedoch bei Verfehlungen

von Lieferanten. Würde die Revision ohne Referendum

in Kraft treten, könnte die neue Regelung bereits 2020

angewendet werden.

Deutschland

Während im europäischen Ausland neue Gesetze zur

menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht von Unternehmen

erlassen werden, steht in Deutschland bisher keine

entsprechende Initiative des Gesetzgebers an. Diese

Möglichkeit wird jedoch – wie bereits im vorherigen

Artikel erwähnt – explizit im Nationalen Aktionsplan

Wirtschaft und Menschenrechte der Bundesregierung

für den Fall unzureichender Ergebnisse des Monitoringverfahrens

2018-2020 zur Umsetzung der menschenrechtlichen

Sorgfaltspflicht durch mindestens

50 Prozent der deutschen Unternehmen mit über 500

Beschäftigten erwogen.

14 globalcompact Deutschland 2018


MENSCHENRECHTE

1977 • USA Foreign Corrupt Practice Act (FCPA)

1998 • USA FCPA überarbeitet

2006 • UK Companies Act

2010 • USA Dodd-Frank Act; UK Bribery Act

2011 • UN-Leitprinzipien werden verabschiedet

2012 • Kalifornisches Gesetz zu Transparenz in

Lieferketten

• 2013 Nationaler Aktionsplan (NAP)

Vereinigtes Königreich der Niederlande

• UK Companies Act wird erweitert

2014 • NAP Finnland, Dänemark, Spanien

• Indien: CSR Gesetz

• EU: CSR-Richtlinie

• ILO-Übereinkommen gegen Zwangsarbeit

2015 • Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs)

• NAP Litauen, Schweden, Norwegen,

Kolumbien

• EU Konfliktmineralien Regulierung

• UK Modern Slavery Act

2016 • NAP Schweiz, Italien, USA, Deutschland,

Frankreich

2017 • Frankreich: Gesetz über unternehmerische

Sorgfaltspflicht

und Gold) aus Konflikt- und Hochrisikogebieten

einführt. Sie ist bereits in Kraft

getreten, entfaltet aber erst nach einer

Übergangszeit ab dem 1. Januar 2021

für alle EU-Importeure der genannten

Mineralien Geltung.

2. Nationale Ebene

Gesetzgebung

Auch auf nationaler Ebene kommt es

vermehrt zur gesetzlichen Verankerung

menschenrechtlicher Unternehmensverantwortung.

Dies geschieht oftmals

als Umsetzung der Anforderungen aus

den UN-Leitprinzipien in Form von

Nationalen Aktionsplänen. Diese erfolgt

jedoch auf nationaler Ebene sehr unterschiedlich.

21 Staaten haben bereits

einen Nationalen Aktionsplan Wirtschaft

und Menschenrechte veröffentlicht,

weitere 11 Staaten entwickeln diesen

aktuell noch. Auch um eine Konfrontation

mit verschiedenartig nationalen

Anforderungen zu vermeiden, wäre das

internationale Abkommen, welches

Staaten verpflichtet, unternehmerische

Sorgfaltspflichten auch hinsichtlich von

Auslandsgeschäften im nationalen Recht

verbindlich zu regeln, und konkrete

Vorgaben dazu macht, für Unternehmen

vorteilhaft.

Neben der inzwischen vielen bereits

bekannten Section 1502 des USA Dodd-

Frank Act zu Konfliktminieralien von

2010, die eine Sorgfaltsprüfung und

Berichtspflicht vorschreibt, dem California

Transparency in Supply Chains

Act zur Bekämpfung von Sklaverei und

Menschenhandel in der Lieferkette von

2012 sowie dem UK Modern Slavery Act

von 2015, der eine Berichtspflicht ohne

explizite Sorgfaltsprüfung enthält, gab es

in diesem Bereich in den letzten Jahren

zahlreiche weitere Entwicklungen auf

nationaler Ebene, auf die im Folgenden

detaillierter eingegangen werden soll.

• Bevorstehende Ereignisse: Konzernverantwortungsinitiative

(CH), Sorgfaltspflicht

gegen Kinderarbeit (NL)

Rechtsprechung

Beachtenswert sind darüber hinaus

relevante gerichtliche Entscheidungen

auf nationaler Ebene, die ebenfalls zur

Konkretisierung der menschen-

• NAP: Australien, Argentinien, Belgien,

Mexiko, Myanmar ... >>

globalcompact Deutschland 2018

15


AGENDA

rechtlichen Verantwortung von Unternehmen

beitragen. Während Verfahren

gegen international tätige Unternehmen

wegen Menschenrechtsverletzungen

im Ausland, insbesondere im angelsächsischen

Rechtsraum und vor allem

den USA, zum festen Bestandteil der

juristischen Aufarbeitung geworden sind,

stehen Auseinandersetzungen über den

Beitrag des Zivil- und Strafrechts zur

Verhinderung und Aufarbeitung derartiger

Menschenrechtsverletzungen

in Deutschland noch am Anfang. In

Juristische

Streitpunkte

Eine der umstrittensten Fragen

war bisher, ob Wirtschaftsunternehmen

selbst an Menschenrechte

gebunden sind und daher diese

durch Tun oder Unterlassen verletzen

können. Umstritten ist dies,

da das Völkerrecht traditionell nur

Menschenrechtsverpflichtungen

für Staaten als Völkerrechtssubjekte

begründet. Ein Rechtssubjekt

wird als Träger von Rechten und

Pflichten definiert. Zwar werden

international tätigen Unternehmen

unter multi- und bilateralen

Investitions- und Handelsabkommen

weitreichende und einklagbare

Rechte u.a. zur Inländerbehandlung,

Meistbegünstigung, Entschädigung

bei Enteignung eingeräumt, jedoch

werden in diesen Abkommen bisher

keine verbindlichen Forderungen zur

Beachtung menschenrechtlicher

Sorgfaltspflichten formuliert. Auch

sonst kennt das Völkerrecht – außer

vereinzelt im Bereich der zivilrechtlichen

Haftung für Umweltschäden

und der strafrechtlichen Verantwortlichkeit

für einzelne wirtschaftsbezogene

transnationale Tatbestände

wie Korruption oder Drogenhandel

– kaum Pflichten für Unternehmen.

Und selbst diese Verträge

richten sich an Staaten und schaffen

somit lediglich indirekt völkerrechtliche

Pflichten für Unternehmen.

der Praxis bestehen dafür wie eingangs

erwähnt zahlreiche Hürden. Zwar kennt

das deutsche Strafrecht – anders als die

meisten europäischen Staaten – bislang

keine Straf barkeit von Unternehmen.

Doch auch hier gibt es neue Entwicklungen,

spätestens seit das Land Nordrhein-

Westfalen 2013 einen Gesetzesvorschlag

zur Einführung der strafrechtlichen Verantwortlichkeit

von Unternehmen und

sonstigen Verbänden veröffentlichte,

welcher in den Bundesrat eingebracht

werden sollte.

Auch die Wissenschaft wendet sich vermehrt

dem Thema zu. So stellte die

Forschungsgruppe Verbandstrafrecht

der Universität Köln im Dezember 2017

ihren Entwurf eines „Verbandssanktionengesetzes“

vor, der jedoch eine

Beschränkung des räumlichen Anwendungsbereichs

auf Zuwiderhandlungen

im Inland vorsieht. Im Koalitionsvertrag

der aktuellen Bundesregierung ist ferner

eine Neuregelung des Sanktionsrechts

für Unternehmen beabsichtigt.

ÜBER DIE AUTORIN

Verfahren vor deutschen Gerichten zu

Menschenrechtsverletzungen durch unternehmerisches

Handeln sind folglich

auf zivilrechtliche Ansprüche beschränkt.

Der Nationale Aktionsplan für Wirtschaft

und Menschenrechte geht auf die Möglichkeit

zivilrechtlichen Rechtsschutzes

ein, wenn auch nur punktuell.

In diesem Zusammenhang gibt es ein in

dieser Form neuartiges und nennenswertes

Zivilverfahren: Seit 2015 muss sich

der Textildiscounter KiK vor dem Landgericht

Dortmund wegen mangelnder

Brandschutzvorkehrungen einer Fabrik

des pakistanischen Subunternehmens Ali

Enterprises verantworten. 2012 kam es in

dieser Fabrik zu einem schweren Brand

mit 260 Toten und 32 Verletzen. Das

Verfahren beschäftigt sich mit einer Schadensersatzklage

eines pakistanischen

Überlebenden und dreier Angehöriger

verstorbener Arbeiter des Brandes. 2016

hat das Gericht in Dortmund seine Zuständigkeit

für den Fall erklärt und den

Betroffenen Prozesskostenhilfe gewährt.

In dem Verfahren muss nun geklärt

werden, ob KiK als Auftraggeber (70 Prozent

Direktabnahme) für die Missstände

in der Fabrik verantwortlich gemacht

werden kann. Besonders ist dabei, dass

infolge der Regeln des internationalen

Privatrechts nach pakistanischem Recht

(common law) verhandelt wird, da das

schädigende Ereignis in Pakistan eingetreten

ist. Das Verfahren ist noch anhängig,

die Hauptverhandlung dazu fand

Ende November 2018 statt.

Isabel Daum ist Völkerrechtlerin. Nach einem Bachelorstudium

der Internationalen Beziehungen hat sie im Master Völkerrecht

am Graduate Institute (IHEID) in Genf und der Harvard Law

School studiert. Ihre Masterarbeit schrieb sie über Optionen für

einen zukünftigen Vertrag zu Wirtschaft und Menschenrechten.

Als Analystin einer Ratingagentur für Nachhaltigkeit bewertete

sie zuletzt unter anderem die Menschenrechtsperformance internationaler

Unternehmen.

16 globalcompact Deutschland 2018


MENSCHENRECHTE

Ruggie im

Realitätscheck

Wie groß ist die Gefahr einer Klagewelle?

Von Priv.-Doz. Dr. Birgit Spiesshofer M.C.J., New York University

1. Einführung

CSR und Nachhaltigkeit waren bislang Themen, für die sich

die Rechtsabteilungen der Unternehmen im Regelfall wenig

interessierten – was häufig nicht ungelegen kam, wurde

juristische „Bedenkenträgerei“ doch als eher störend und

hinderlich auf dem Weg zu einer frei gestaltbaren, nachhaltigen

und sozialen Weltwirtschaftsordnung angesehen. Dies

fängt an sich zu ändern – und sollte sich ändern, da die in

der Vergangenheit meist ausgeblendeten juristischen Implikationen

sich zunehmend in Klagewellen unterschiedlichster

Provenienz und Strategie manifestieren, die Unternehmen

nicht zuletzt bei der Ausgestaltung und Umsetzung von CSR-

Vorgaben berücksichtigen sollten.

UN Global Compact und andere internationale CSR-Normen

wie die UN Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte

(UNLP), die OECD Leitsätze für multinationale Unternehmen

und ISO 26000 haben ein Ziel: Unternehmen über Compliance

mit nationalem Recht hinaus in die Pflicht zu nehmen. Ihrer

durch die Globalisierung gestiegenen Macht soll eine Erweiterung

und Intensivierung ihrer Verantwortung entsprechen.

Ihre Aktivitäten und Auswirkungen sind grenzüberschreitend

und können daher durch nationale Gesetzgeber nur noch

begrenzt geregelt werden. Also sollen sie selbst in verstärktem

Maße für ihren transnationalen Einfluss- und Auswirkungsbereich,

insbesondere auch ihre Konzernunternehmen und

Wertschöpfungsketten, verantwortlich sein.

Verantwortung kann indessen vieles bedeuten, von Trainings

über Policies, deren Implementierung und CSR-Reporting bis

zu harter rechtlicher Haftung. Die Einhaltung der CSR-Normen

wird den Unternehmen mit der Begründung nahegebracht,

dass dies risiko- und damit haftungsminimierend sei. Dies

ist allerdings nur die eine Seite der Medaille. Nicht oder allenfalls

im Kleingedruckten wie bei den Reportingstandards

der Global Reporting Initiative wird thematisiert, dass die

Umsetzung dieser internationalen Leitlinien, so sehr sie

dem guten Zweck dienlich ist, auch Haftung begründen oder

erweitern kann. Dies äußert sich beispielsweise in Klagen

wegen Verletzung von Menschenrechten und Umweltschutz

(auch) gegen Auftraggeber und Muttergesellschaften vor deren

Heimatgerichten. Unter der Überschrift „Climate Litigation“

hat sich eine Vielzahl von Strategien entwickelt, die Unternehmen

für negative Klimaauswirkungen in die Pflicht zu

nehmen versuchen. Zunehmend werden auch Klagen von

Investoren und Shareholdern gegen Unternehmen angestrengt,

um Nachhaltigkeitsziele durchzusetzen. Im Folgenden sollen

einige dieser Klagestrategien beleuchtet werden.

2. CSR – Haftung zwischen Skylla und Charybdis

CSR-Normen wie die UNLP und die OECD Leitsätze können in

vielfacher Hinsicht Grund zum Klagen geben. Werden beispielsweise

die UNLP mehr oder weniger wörtlich in Allgemeine

Geschäftsbedingungen von Lieferverträgen übernommen,

können die entsprechenden Klauseln nach deutschem >>

globalcompact Deutschland 2018

17


AGENDA

AGB-Recht nichtig sein. Verpflichten sich

Unternehmen in ihren veröffentlichten

Human Rights Policies zur „Einhaltung“

der UNLP, kann dies eine Steilvorlage

für eine Haftungsklage sein: Wird mehr

versprochen, als (sicher) eingehalten

werden kann, kann eine Haftung wegen

unlauteren Wettbewerbs drohen. Enthält

die Policy entsprechend der Forderung

der UNLP ein „Commitment“,

dass das Unternehmen weder „negative

Auswirkungen“ auf die Menschenrechte

„verursacht“ noch (im weitesten Sinne)

dazu „beiträgt“ oder damit durch seine

Produkte oder Geschäftspartner „direkt

verbunden“ ist, so stellt sich die Frage,

ob dies bei einer Vielzahl von Geschäftspartnern

und differenzierten transnationalen

Lieferketten überhaupt eingelöst

werden kann. Im Regelfall wird schon

die dafür notwendige rechtliche oder

faktische Möglichkeit der Durchsteuerung

bis zum Rohstofferzeuger nicht

gegeben sein. Hinzu kommt, dass die

Verantwortungskonzeption der UNLP

programmatisch weit ist und bis heute

nicht geklärt ist, was die „Respektierung

aller international anerkannter Menschenrechte

konkret bedeuten soll. Eine

derartige öffentliche Selbstverpflichtung

zur Einhaltung von CSR-Normen wurde

im Übrigen in einem kanadischen Fall

(Choc vs. HudBay Minerals Inc.) als mögliche

Haftungsgrundlage für Geschädigte

angesehen.

Unternehmen navigieren zwischen Skylla

und Charybdis: Kommen sie den von

CSR-Normen geforderten Sorgfaltspflichten

nicht nach, dann sollen sie deliktisch,

vor den OECD Nationalen Kontaktstellen

oder in den „Courts of public opinion“

verantwortlich gemacht werden können.

Kommen sie ihnen durch intensive

Durchsteuerung im Konzern oder in

der Wertschöpfungskette nach, zeigt

eine in jüngerer Zeit zunehmende Zahl

von Gerichtsverfahren, dass sie dadurch

die Tür zu den tiefen Taschen der Muttergesellschaft

oder des Auftraggebers

und zu Klagen vor Gerichten in deren

Heimatländern öffnen.

Ein Beispiel ist der vor dem Landgericht

Dortmund verhandelte KiK-Fall, in dem

die Kläger argumentieren, dass KiK für

einen Brand bei dem Zulieferer Ali Enterprises

und für die dadurch verursachten

Schäden bei dessen Mitarbeitern mit

verantwortlich sein soll, weil der Zulieferer

trotz rechtlicher Selbständigkeit

wie eine Abteilung von KiK anzusehen

sei. Gestützt wird dies im Wesentlichen

darauf, dass

• KiK Ali Enterprises verpflichtet hatte,

ihren Code of Conduct zu unterzeichnen,

• KiK Audits hat durchführen lassen und

von Ali Enterprises verlangte, dass sie

die gefundenen Defizite beseitigen,

• Ali Enterprises hauptsächlich für KiK

produzierte.

Aus diesen an sich wünschenswerten

und von CSR-Normen geforderten Maßnahmen

haben die Kläger eine haftungsbegründende

Kontrolle von KiK abgeleitet.

Das ist kein isolierter Einzelfall.

Britische Gerichte haben in jüngerer

Zeit in einigen Entscheidungen zur

Sorgfaltspflicht (und damit Haftung)

von Muttergesellschaften gegenüber

Personen, für deren Schäden an sich

Tochtergesellschaften verantwortlich

waren, eine ähnliche Argumentation

entwickelt. In Chandler vs. Cape PLC

wurde die Muttergesellschaft für

Asbestose bei Mitarbeitern der Tochtergesellschaft

haftbar gemacht. In Lungowe

vs. Vedanta Resources PLC, in dem es

um Umweltverschmutzung durch ein

Tochterunternehmen ging, wurde aus

vollmundigen Nachhaltigkeitsberichten,

die die Überwachung des Umweltschutzes

im Gesamtkonzern durch die Muttergesellschaft

hervorhoben, sowie von ihr

gruppenweit durchgeführten Trainings

und einer erheblichen Einflussnahme

auf das Management der Tochtergesellschaft

eine Sorgfaltspflicht gegenüber

den von der Tochtergesellschaft Geschädigten

abgeleitet, die eine eigene Haftung

der Muttergesellschaft begründen kann.

In zwei weiteren Entscheidungen (Okpabi

vs. Royal Dutch Shell PLC und AAA

vs. Unilever PLC & Unilever Tea Kenya

Ltd.) wurde zwar eine Sorgfaltspflicht im

Ergebnis abgelehnt, jedoch wurden die

haftungsbegründenden Faktoren genau

untersucht, insbesondere die Konzernstruktur,

die konzernweiten CSR Policies,

ihre Umsetzung und Durchsetzung und

inwieweit daraus eine Kontrolle abgeleitet

werden kann. Konzernweit geltende

Leitlinien allein sollen nicht ausreichen,

um Kontrolle zu begründen. Vielmehr

soll es für die Haftung der Muttergesellschaft

darauf ankommen, dass sie sie

auch steuernd durchsetzt. Genau das ist

jedoch der Sinn und Zweck vieler konzernübergreifender

Divisionsstrukturen

und Compliancemanagement-Systeme

und im Übrigen von CSR-Normen gefordert.

Für Unternehmen ist es daher eine Gratwanderung,

wie sie im Gesamtkonzern

und in der Lieferkette Nachhaltigkeitsvorgaben

verankern und durchsetzen,

ohne zugleich eine maßgebliche Kontrolle

zu begründen und damit den „Haftungsdurchgriff“

auf Muttergesellschaft

oder Auftraggeber zu eröffnen.

3. Climate Litigation

Für besondere Aufmerksamkeit sorgte

jüngst die Zivilklage eines peruanischen

Bauern gegen RWE, die damit begründet

wird, dass RWE als Großemittent zum

Klimawandel beitrage und dadurch die

Andengletscher schmelzen. Dies lasse einen

See anschwellen und gefährde einen

Staudamm, bei dessen Bruch der Kläger

Schaden nehmen würde. Verlangt wird,

dass sich RWE an Schutzmaßnahmen in

Peru beteiligt. Die Klage wurde zugelassen

und Beweisaufnahme angeordnet.

Was zunächst esoterisch anmutet, hat

das Potenzial zum Dammbruch. „Climate

Litigation“ wird zunehmend und

auf breiter Front zur Durchsetzung von

Klimaschutzzielen eingesetzt. Dieser

Trend manifestiert sich in einer Reihe

jüngerer Gerichtsentscheidungen, die

die Dimension und das Potenzial des

Themas und die unterschiedlichen Klagestrategien

illustrieren. Klagegegner sind

sowohl Staaten als auch Unternehmen.

Die Strategie wird in vielen Fällen auf ein

„greening of human rights“ gestützt, d.h.

aus Menschenrechten werden Sorgfaltsund

Schutzverpflichtungen abgeleitet.

Bereits 2007 gab der U.S. Supreme Court

in Massachusetts vs. Environmental Protection

Agency einer Klage des Staates

Massachusetts statt, der verlangte, dass

die amerikanische Umweltbehörde

strengere Abgasvorschriften für Kraft-

18 globalcompact Deutschland 2018


MENSCHENRECHTE

fahrzeuge erlassen solle. Die Abgase trügen zur globalen

Klimaerwärmung bei, dadurch steige der Meeresspiegel und

dies gefährde die Küsten des Staates.

In der Urgenda-Entscheidung wurde die niederländische

Regierung jüngst verurteilt, das nationale Ziel zur Reduktion

von Treibhausgas-Emissionen (für 2020 gegenüber 1990) von

17 auf 25 Prozent zu erhöhen, gestützt auf eine klimarechtliche

Sorgfalts- und Schutzpflicht des Staates, die insbesondere

aus der Europäischen Menschenrechtskonvention abgeleitet

wurde. In eine ähnliche Richtung gehen die Klage eines brandenburgischen

Bauern gegen die deutsche Bundesregierung

auf Einhaltung der für 2020 zugesagten Klimaschutzziele und

die gleichgerichteten Klagen europäischer Bürger gegen die

Europäische Union. Unter „Climate Litigation“ fallen auch

die Klagen der Deutschen Umwelthilfe auf Verschärfung der

Luftreinhaltepläne für eine Reihe von Kommunen, gerichtet

insbesondere auf die Einführung von Dieselfahrverboten.

Auch wenn diese Klagen primär gegen den Staat gerichtet

sind, können sie, wie die Dieselfahrverbote zeigen, massive

Auswirkungen auf Unternehmen haben. Es ist zudem damit zu

rechnen, dass Energieversorger und Investoren, die beispielsweise

in Kohle investieren, mit einer auf menschenrechtliche

Sorgfaltspflichten gestützten Argumentation, abgeleitet aus

CSR-Normen und ihren eigenen Selbstverpflichtungen, verklagt

werden.

Eine Reihe von Kindern klagen, unterstützt von der NGO Our

Children‘s Trust, vor US-amerikanischen Gerichten auf Klimaschutzmaßnahmen

seitens staatlicher Stellen. Sie verlangen

intergenerationelle Gerechtigkeit; sie seien in ihren zukünftigen

Lebensgrundlagen bei Verfehlung des Zwei-Grad-Ziels

weit mehr gefährdet als die gegenwärtige Generation. In eine

ähnliche Richtung ging die (erfolgreiche) Klage junger Kolumbianer

gegen die kolumbianische Regierung, zum Schutz ihrer

Lebensgrundlagen die Abholzung des Regenwaldes zu stoppen,

gestützt auf ihre konstitutionellen Rechte auf Gesundheit,

Ernährung, Wasser und eine gesunde Umwelt. Das Oberste

Gericht gab der Klage statt. Es erkannte – ein juristisches

Novum – die Amazonas-Region als Träger von Rechten an,

die der Staat schützen müsse. Die Nationalregierung wurde

aufgefordert, einen „intergenerational pact for the life of the

Colombian Amazon“ auszuarbeiten. Es forderte staatliche

Stellen auf allen Ebenen auf, innerhalb bestimmter Fristen

Aktionspläne zu erstellen, um, wie von Kolumbien im Rahmen

des Paris Agreement zugesagt, die Abholzung des Regenwaldes

bis 2020 komplett zu stoppen.

falsche Angaben in Veröffentlichungen zu Klimaauswirkungen.

Client Earth hat als aktivistischer Shareholder einen

polnischen Energieversorger verklagt mit der Begründung, der

Bau eines geplanten Kohlekraftwerks sei weder ökonomisch

noch ökologisch sinnvoll.

„Climate Litigation“ ist eine international orchestrierte Strategie,

die die rechtlichen Möglichkeiten der jeweiligen nationalen

Systeme (beispielsweise Verbandsklagen, class actions) nutzt,

um Klimaschutz gegenüber staatlichen Instanzen und Unternehmen

durchzusetzen. Unabhängig von den Erfolgsaussichten

der Klagen ist ein strategischer Zweck, auf breiter Front

Aufmerksamkeit und öffentlichen Druck zu erzeugen, um

damit politische Ziele wie den Kohleausstieg durchzusetzen.

4. Ausblick

Die vorstehend kurz skizzierten Fälle zeigen das breite

Spektrum an Klägern und Klagestrategien und die sprunghafte

Zunahme an Gerichtsverfahren. Hinzu kommen die

sich immer größerer Beliebtheit erfreuenden Verfahren vor

den OECD Nationalen Kontaktstellen, die in vielen Ländern

gerichtsähnlich ausgestaltet sind. In der Planung befindet sich

zudem ein Projekt, Schiedsgerichtsverfahren für Streitigkeiten

über die Einhaltung von CSR-Normen zu öffnen. Es ist zu

erwarten, dass diese Möglichkeiten zunehmend genutzt und

die Klagestrategien weiter diversifiziert werden.

ÜBER DIE AUTORIN

Dr. Birgit Spiesshofer M.C.J. (NYU) ist Rechtsanwältin bei Dentons

und Privatdozentin an der Universität Bremen. Sie ist Vorsitzende

des Ausschusses CSR und Compliance des Deutschen Anwaltvereins,

Mitglied u.a. der CSR and Anti-Corruption Commission der

International Chamber of Commerce.

New York geht in mehrfacher Hinsicht gegen große Öl- und

Gaskonzerne vor. Milliardenschwere Pensionsfonds der Stadt

und des Staates New York ziehen sich zum einen im Rahmen

einer Divestmentstrategie aus Investitionen in diesen

Konzernen zurück. Zudem verklagen New York und andere

Städte sie mit dem Ziel, sie an den Schutzmaßnahmen gegen

Klimawandelfolgen finanziell zu beteiligen.

Jüngst wurde zudem eine Klage gegen Exxon eingereicht,

gestützt auf Betrug von Investoren durch irreführende und

globalcompact Deutschland 2018

19


AGENDA

Moderne

Sklaverei und

Arbeitsausbeutung

auch für deutsche

Unternehmen ein

wichtiges Thema

Seit einigen Jahren ist moderne Sklaverei

verstärkt in den Fokus gerückt – des Gesetzgebers,

der Zivilgesellschaft, aber auch der

Wirtschaft. Doch was genau ist moderne

Sklaverei? Wie entsteht sie? Wer sind die

Betroffenen? Und wieso sollten sich deutsche

Unternehmen mit der Thematik befassen?

Diese und weitere Fragen beleuchtet das

Deutsche Global Compact Netzwerk (DGCN)

in einer neuen Studie. Laura Curtze, Senior

Consultant bei der durchführenden Beratung

Ergon Associates, gibt einen ersten Überblick.

20 globalcompact Deutschland 2018


MENSCHENRECHTE

Von Laura Curtze

Was ist moderne Sklaverei?

Bulgarische Erntehelfer in Großbritannien, denen nach Eintreffen

die Pässe von ihrem Arbeitgeber abgenommen werden

und die durch Unterzeichnen eines Vertrages, den sie nicht

verstehen, in ein Arbeitsverhältnis einwilligen, in dem sie

nicht einmal die Hälfe des geltenden Mindestlohns erhalten.

Arbeiterinnen in einer Textilfabrik in Indien, die unbezahlt

Extraschichten ableisten müssen, auch an Ruhetagen, oder

sie verlieren ihren Job und damit die Lebensgrundlage ihrer

Familie. Junge Männer aus Bangladesch, die sich Tausende

Dollar für die Vermittlung eines Jobs auf einer Baustelle in

Singapur geliehen haben und deren Familien von den Geldgebern

bedroht werden, nachdem die Lohn- und somit auch

die Kreditrückzahlungen ausblieben.

Diese Beispiele zeigen: Situationen unfreiwilliger und ausbeuterischer

Arbeit können überall vorkommen. Das ist nichts

Neues. Was allerdings neu ist, sind die Mittel des Zwangs, das

Profil der Täter und auch das der Opfer. An dieser Stelle setzt

die neue Studie des DGCN an: Moderne Sklaven liegen nicht

in Ketten, sie sind nicht das Eigentum ihres Arbeitgebers. Viele

erhalten Lohn, sind oftmals sogar sozialversichert. Aber sie

gelangen durch Täuschung oder Nötigung in eine Situation, in

denen ihnen unter Androhung von Strafe oder Gewalt Arbeit

abverlangt wird und aus der sie sich nicht einfach so wieder

befreien können. Immer häufiger sind es die wirtschaftliche

Not und die Suche nach besseren Einkommensmöglichkeiten,

die Menschen in die Arme und in die Abhängigkeit von skrupellosen

Vermittlern und Arbeitgebern treiben.

Warum sich deutsche Unternehmen mit Risiken

moderner Sklaverei auseinandersetzen sollten

Moderne Sklaverei, verstanden als extreme Form der Arbeitsausbeutung,

stellt einen drastischen Einschnitt in die

Menschenrechte der betroffenen Personen dar. Niemand

sollte unter Androhung von Gewalt zur Arbeit gezwungen

werden. Dieses grundlegende Prinzip ist im internationalen

wie im nationalen Recht fest verankert und somit auch für

privatwirtschaftliche Akteure nicht nur moralisch, sondern

auch rechtlich handlungsleitend. Doch auch darüber hinaus

gibt es gute Gründe für deutsche Unternehmen, sich proaktiv

mit Risiken moderner Sklaverei auseinanderzusetzen. >>

globalcompact Deutschland 2018

21


AGENDA

Dazu zählen die Abwendung potenziell gravierender Reputationsschäden

und die Stärkung des eigenen Risikomanagements.

Viele deutsche Unternehmen sind außerdem unter dem

britischen Modern Slavery Act oder dem CSR-Richtlinien-

Umsetzungsgesetz berichtspflichtig, ähnliche Gesetze sind

derzeit u.a. in Australien in Planung und zeugen von wachsenden

Transparenzanforderungen. Die menschenrechtliche

Performance eines Unternehmens rückt auch für Investoren

und Geldgeber verstärkt in den Fokus.

Risiken beschränken sich nicht auf die Lieferkette

Die spezifischen Risiken moderner Sklaverei sind dabei von

Land zu Land und von Branche zu Branche unterschiedlich.

Generell besteht vor allem dort ein erhöhtes Risiko, wo wirtschaftliche,

soziale und gesellschaftliche Rahmenbedingungen

wie Armut, Ungleichheit, politische Instabilität, strukturelle

Diskriminierung oder Krisen und Konflikte Menschen

verwundbar gegenüber Ausbeutung machen. Überregional

lässt sich beispielsweise beobachten, dass Arbeitsmigranten,

Flüchtlinge und Binnenvertriebene besonders häufig Opfer

moderner Sklaverei werden. Das bestätigen auch die jüngsten

Schätzungen zu Opferzahlen der Internationalen Arbeitsorganisation

(ILO). Oftmals strukturell benachteiligt, ist es ihnen

aufgrund ihrer besonderen Situation (keine Kenntnisse der

Landessprache, kein soziales Netzwerk, hohe Abhängigkeit

vom Arbeitgeber usw.) kaum möglich, ihre Rechte einzufordern

und Hilfe zu suchen. Die Erfahrung zeigt außerdem, dass ein

besonders hohes Risiko moderner Sklaverei und Ausbeutung

in arbeitsintensiven, niedrigqualifizierten Aktivitäten besteht,

in denen Arbeitskräfte schnell und einfach ausgewechselt

werden können.

Viele Unternehmen betrachten moderne Sklaverei in erster

Linie als ein ihre Lieferketten und Auslandsgeschäfte betreffendes

Phänomen. Doch die Studie zeigt: Wer sucht, der

findet – auch in Deutschland und oftmals näher am eigenen

Unternehmen als geglaubt. Denn gerade im Inland rücken auch

Dienstleistungen wie Reinigung, Logistik oder Entsorgung in

den Fokus. In seinem jüngsten Lagebild zum Menschenhandel

in Deutschland weist das Bundeskriminalamt auf einen

starken Anstieg der Fallzahlen im Bereich Menschenhandel

zum Zweck der Arbeitsausbeutung hin. Zu den besonders

betroffenen Wirtschaftszweigen gehören Baugewerbe, Landwirtschaft,

fleischverarbeitende Industrie, Gastronomie und

Gebäudereinigung, doch auch bei Automobilzulieferern oder

im Speditionswesen wurden in den vergangenen Jahren Fälle

von Ausbeutung publik. Beinahe ausnahmslos handelt es sich

bei den Opfern um ausländische Staatsbürger, vornehmlich

aus ost- und südosteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten.

Ganzheitliche Konzepte entwickeln und Transparenz

herstellen

Konzepte zur Bekämpfung moderner Sklaverei sollten dort

ansetzen, wo Risiken entstehen. Die Studie bietet Unternehmen

wertvolle Hilfestellungen für die Ermittlung und

Bewertung von Risiken. Neben einer fundierten Risikoanalyse

und Ursachenforschung erfordert die Entwicklung wirksamer

Präventionsstrategien dabei auch die vermehrte Herstellung

von Transparenz: Mit wem arbeiten wir zusammen? Von wem

kaufen wir? Wer beschäftigt die Bauarbeiter, die aktuell unseren

Firmensitz renovieren? Zu welchen Konditionen? Wie

steht es um die Kapazität unserer Geschäftspartner, ihrerseits

Risiken moderner Sklaverei zu erkennen und zu vermeiden?

Bei alldem sollte nicht vergessen werden, dass moderne

Sklaverei ein Extrem auf einem Kontinuum der Ausbeutung

darstellt. Schlechte Arbeitsbedingungen an sich stellen nicht

automatisch auch moderne Sklaverei dar. Gleichzeitig können

sie aber, gerade in Kombination mit anderen Faktoren,

zu Risiken moderner Sklaverei beitragen. Im Interesse eines

effektiven Risikomanagements sollten Unternehmen solche

Faktoren deswegen frühzeitig in den Blick nehmen, tragfähige

Sorgfaltspflichtsprozesse entwickeln und gemeinsam mit

Partnern an Lösungen arbeiten, anstatt zu warten, bis es zu

schwerwiegenderen Verstößen kommt.

Mehr Infos:

Die Studie „Moderne Sklaverei und Arbeitsausbeutung

– welche Relevanz für deutsche Unternehmen?“, herausgegeben

vom DGCN und entwickelt von Ergon Associates,

wurde Ende 2018 veröffentlicht. Sie geht der Frage nach,

was moderne Sklaverei eigentlich ist, wie Risiken entstehen

und weshalb auch deutsche Unternehmen sich mit der

Thematik auseinandersetzen sollten. Neben Informationen

zu den Anforderungen verschiedener normativer und

rechtlicher Rahmenwerke, wie dem britischen Modern

Slavery Act, enthält sie auch Orientierungshilfen für Unternehmen,

die einen proaktiven Ansatz zum Umgang mit

Risiken moderner Sklaverei entwickeln möchten. Fallstudien

veranschaulichen am Beispiel einzelner Unternehmen aus

verschiedenen Branchen, wie praktische Maßnahmen und

Sorgfaltspflichtsprozesse zur Bekämpfung von moderner

Sklaverei und Arbeitsausbeutung aussehen können.

22 globalcompact Deutschland 2018


Publikationen

Moderne Sklaverei und Arbeitsausbeutung

Herausforderungen und Lösungsansätze

für deutsche Unternehmen

Herausgeber: Deutsches Global Compact Netzwerk, November 2018

besonders in den Blick genommen.

• Das dritte Kapitel widmet sich Fragen der Umsetzung und

erörtert praktische Handlungsansätze für Unternehmen zum

Auf bau effektiver Sorgfaltspflichtsprozesse.

• Im vierten Kapitel werden Erfahrungen aus der Unternehmenspraxis

im Rahmen von vier Fallstudien vertieft.

Diese Studie geht der Frage auf den Grund, was moderne

Sklaverei eigentlich ist, wie sie entsteht, warum das Thema

auch für deutsche Unternehmen von Bedeu- tung ist und was

Unternehmen tun können, um Risiken moderner Sklaverei

und Arbeitsausbeutung im Zusammenhang mit ihren eigenen

Aktivitäten und Liefer- ketten wirksam zu bekämpfen. Insofern

richtet sie sich an interessierte Akteure aus Wirtschaft, Politik

und Zivilgesellschaft, die sich auf praktische Weise mit diesen

Fragestellungen auseinandersetzen möchten.

Die Studie gliedert sich in vier Kapitel:

• Im ersten Kapitel werden grundlegende Fragen zum Thema

moderne Sklaverei beantwortet und auf die Bedeutung der

Thematik für deutsche Unternehmen eingegangen.

• Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit der Prävalenz von

Risiken moderner Sklaverei in der Praxis. Dabei werden

Risiken in vier Schwerpunktsektoren (Automobilbranche,

Hotelgewerbe, Lebensmittelbranche und Textilindustrie)

Zuhören lohnt sich. Menschenrechtliches

Beschwerde management verstehen und

umsetzen

Herausgeber: Deutsches Global Compact Netzwerk, Oktober 2018

Dieser Leitfaden soll deutschen Unternehmen, auch kleineren

und mittleren, mit praxisnahen Anleitungen dabei helfen,

die Herausforderung anzugehen, effektive menschenrechtliche

Beschwerdemechanismen zu gestalten. Mit Beispielen

aus der Unternehmenspraxis wird illustriert, dass von Ihrem

Unternehmen keine vermeintlich perfekte One-Size-Fits-All-

Lösung erwartet wird. Vielmehr geht es darum, verschiedene

angemessene Zugangswege zu haben, über die potenziell von

Ihrem Unternehmenshandeln Betroffene mit Ihnen in Kontakt

treten können. Wie dieses „Ökosystem von Beschwerdemechanismen“

aussehen kann, wird von Ihrer individuellen

Unternehmensstruktur und Ihrem Risikoprofil abhängen.

Nach der Lektüre dieses Leitfadens kennen Sie:

• die Anforderungen der deutschen Bundesregierung und

einschlägiger internationaler Rahmenwerke;

• Methoden, mit denen Sie prüfen können, ob Ihr derzeitiger

Ansatz den Anforderungen an menschenrechtliche Beschwerdemechanismen

genügt;

• die Bausteine eines menschenrechtlichen Beschwerdemechanismus;

• Ansätze, Ihr „Ökosystem“ für menschenrechtliche Beschwerdemechanismen

zu verstehen und zu verbessern;

• praxisnahe Unternehmensbeispiele;

• Argumente, um im Unternehmen Überzeugungsarbeit

leisten zu können.

Die Anleitungen in diesem Leitfaden werden Ihnen dabei

helfen, einen Zugang zum Thema Beschwerdemechanismen

zu entwickeln, der den Anforderungen des NAP und der UN

Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte (UNLP)

entspricht.

globalcompact Deutschland 2018

23


AGENDA

MENSCHENRECHTE

IM SUPERMARKT

24 globalcompact Deutschland 2018


MENSCHENRECHTE

Von Prof. Dr.-Ing. Evi Hartmann

Wir lieben unser Smartphone! Aber dass für das Kobalt im

Smartphone afrikanische Kinder in Blutminen ausgebeutet

werden? Das wollen wir nicht. Wie können wir das verhindern?

Was wir im Supermarkt, im Onlineshop

oder beim Discounter aus dem Regal greifen,

soll keine Menschenrechte verletzen.

Ein globales Instrument zum Schutz der

Menschenrechte im Supermarktregal

stellen auf höchster internationaler Ebene

seit 2011 die United Nations Guiding

Principles on Business and Human Rights

(UNGPs) dar. Auf 42 Seiten beschreiben

sie, was die Menschen und ihre unveräußerlichen

Rechte in Liefernetzwerken

schützen soll. Wie sie das tun, hat System.

Due Diligence der Menschenrechte:

Die Systematik

Nach diesem System durchläuft jedes

Unternehmen, das uns Kunden „saubere“

Ware verkaufen möchte, in der Regel vier

Schritte. In einem ersten Schritt definiert

es mit seinen Lieferanten vertragliche

Mindestanforderungen, zum Beispiel:

keine Pestizidbomber-Flüge, während

die Arbeiter in der Bananen- oder Baumwollplantage

arbeiten! Oder eben: Keine

Kinder in der Mine!

In einem zweiten Schritt werden die

Risiken für die Menschenrechte identifiziert,

analysiert und priorisiert: Welche

Materialen werden im Endprodukt verbaut?

Welche davon sind riskant? Wird

zum Beispiel wie in Handys, Tablets oder

Akkus Kobalt verbaut, springt das Risiko

der Blutminen geradezu ins Auge. Jedes

Risiko wird priorisiert: Muss es vorrangig

behandelt werden? Zum Beispiel

Kinderarbeit und Nichteinhaltung von

Mindestlöhnen: Beide Risiken müssen

unbedingt vermieden werden. Doch bei

ihrer Bekämpfung hat bei begrenzten

Ressourcen an Zeit, Geld und Arbeitskraft

sicher das Risiko der Kinderarbeit

Vorrang.

In einem dritten Schritt wird dann

regelmäßig die Einhaltung der im ersten

Schritt vereinbarten Mindestanforderungen

überprüft. Also ob wie vereinbart

wirklich an jeder zweiten Säule

der Werkshalle ein Feuerlöscher hängt.

Oder ob tatsächlich keine Kinder durch

jene Minenschächte kriechen, die für

Erwachsene einfach zu schmal sind.

Im vierten Schritt legen die Unternehmen

konkrete Maßnahmen zur Vermeidung

von Menschenrechtsverletzungen

fest. Eine relativ sanfte Maßnahme

ist zum Beispiel die Lieferanten-Rüge:

„Bitte haltet euch an die Vereinbarung!“

Schärfer wirkt die Drohung: „Macht das

endlich, sonst kriegt ihr keine Aufträge

mehr von uns!“ Beliebt und wirksam sind

auch unterstützende Maßnahmen: „Ihr

bekommt eine Prämie, sobald an jeder

zweiten Säule ein Feuerlöscher hängt!“

Soweit die Theorie. Wie sieht es in der

Praxis aus?

Blick in die Praxis: Fehler und

Tipps

Manchmal wird in der Öffentlichkeit, im

Internet oder der Politik die Forderung

laut: „Hersteller müssen ihre Lieferanten

besser kontrollieren!“ Wie bitte?

Große Unternehmen haben oft mehrere

Zehntausend Lieferanten. Würden sie

alle kontrollieren, müssten sie, salopp

gesprochen, mehr Mitarbeiter für die

Kontrolle einstellen als für die Herstellung

ihrer Produkte. Deshalb wird in der

Praxis das Kaskaden-Modell praktiziert:

Der Hersteller kontrolliert seine direkten

Lieferanten, die direkten Lieferanten

kontrollieren ihrerseits ihre direkten

Lieferanten – bis alle Stufen der Kaskade

mitmachen. Im Modell.

>>

globalcompact Deutschland 2018

25


AGENDA

In der Realität wird das „Wasser“ von Stufe zu Stufe der

Kaskade immer weniger. Der Handy-Hersteller zum Beispiel

sagt zum Lieferanten seiner direkten Vorprodukte: „Bitte kein

Blut-Kobalt!“ Der Lieferant fordert das von seinem Lieferanten,

dieser wiederum gibt es weiter an seinen Kobalt-Händler, der

es seinem Großhändler aufträgt, welcher das Kobalt vom

afrikanischen Staatsunternehmen bezieht, das ein Problem

hat: Es bekommt aus unterschiedlichen Minen sowohl sauberes

wie auch blutiges Kobalt. Doch wie viel wovon woher

stammt, lässt sich nach Anlieferung und gegebenenfalls unter

Einwirkung der regional üblichen Korruption und politischen

Einflussnahme kaum feststellen. Also wird alles Kobalt als

„sauber“ deklariert und die Kaskade hochgeschickt: Das blutige

Kobalt und mit ihm die Menschenrechtsverletzung wird im

Handy verbaut. Und wir telefonieren damit.

Diesem Fehler begegnet aktuell zum Beispiel Apple mit der

Strategie, den Mittelsmann zu umgehen: Apple will sein Kobalt

direkt von der Mine beziehen, in die es dann auch im Idealfall

direkt hineinschauen kann. Die Kaskade wird verkürzt: kurze

Kaskade, gute Kontrolle. Man braucht noch nicht einmal zu

warten, bis der Fehler passiert ist. Man kann und sollte das

schon vorher machen.

Und wenn man schon vorher weiß, dass Regeln verletzt

werden?

Eine britische Studie deckte auf: 71 Prozent der Unternehmen

glauben, dass es wahrscheinlich ist, dass Menschenrechtsverletzungen

zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihrem komplexen

Lieferantennetzwerk stattfinden. Man kann in den meisten

Gütern unserer modernen, globalen Wirtschaft also davon

ausgehen, dass irgendwo in der Supply Chain Zwangsarbeit

oder eklatante Sicherheitsverstöße oder andere Missstände

versteckt sind.

Beispiel E-Mobilität. E-Autos brauchen Lithium-Ionen-Akkus,

die wiederum Kobalt benötigen. Bei einem Smartphone sind das

noch ca. zehn Gramm. Bei einem Auto dagegen fünf bis zehn

Kilogramm. Kobalt stammt zu 60 Prozent aus der Demokratischen

Republik Kongo mit ihren zwar nicht durchgängigen, aber

allgemein bekannten Menschenrechtsverstößen wie Zwangsund

Kinderarbeit und unwürdigen Arbeitsbedingungen. Wer

also Kobalt bezieht – und beim zu erwartenden E-Auto-Boom

werden das Zehntausende von Tonnen sein – der kann fest

davon ausgehen, dass Menschen dafür bluten müssen. Und

nicht im übertragenen Sinne. Es sei denn,

• man bezieht, wie erwähnt, direkt aus der Mine und kontrolliert

sie als Hersteller selber.

• Man kauft ausschließlich bei zertifizierten Minen mit einem

glaubwürdigen, keinem Marketing-Zertifikat.

• Man lässt die Mine von dritter,

unabhängiger Seite zertifizieren

und auditieren – also

nicht unbedingt von den

eigenen Mitarbeitern des

Herstellers.

Diese Maßnahmen erscheinen

simpel, haben

es aber in sich:

Seit 2016 hat sich

der Kobalt-Preis vervierfacht.

Die Sicherstellung

der Beschaffung

aus sauberen

Minen ist dabei

natürlich besonders

teuer. Das

gilt auch für andere

saubere Materialien. Wenn

bei den herrschenden Preiskämpfen

auf den Endverbraucher-Märkten

sich ein Hersteller also

zu dem Bezug und der Sicherstellung

von sauberen Materialien entschließt,

bezahlt er im Sinne des Wortes teuer dafür.

Und sollte dafür gelobt werden. Tut die Politik das? Die

Presse, das Internet? Tun wir das? Nein, wir bestrafen den

Hersteller im Gegenteil sogar noch, indem wir den Kauf

verweigern, wenn das saubere Produkt auch nur einige Cent

teurer ist als das Konkurrenzprodukt, für das Menschen bluten.

Umso dringender sollte die Politik den Einsatz von sauberen

Vorprodukten gesetzlich vorantreiben. Umso dringender

sollten wir Konsumenten uns im Internet kundig machen, an

welchen unserer Einkäufe Blut klebt. Und umso dringender

sollten Unternehmen selber darauf achten und nicht auf den

nächsten Shitstorm warten, der sie weitaus mehr kosten kann

als die Wahrung der Menschenrechte.

Was tun bei Asymmetrie im Markt?

Was können wir Kunden schon gegen die großen Konzerne

ausrichten? Die sind doch viel mächtiger als wir! Sie wissen auch

mehr als wir. Wobei gerade diese Informations-Asymmetrie

in den letzten Jahren radikal abgenommen hat: dem Internet

sei Dank. Schon 20 Minuten lockerer Google-Recherche sagen

jedem Nutzer mehr über jede Supply Chain als 20 Jahre Konsum

von TV-Werbespots. Das gilt auch für die Macht-Asymmetrie.

Gerade einige Handy-Hersteller erlebten in den letzten Jahren

so heftige Shitstorms nach eklatanten Verletzungen der

Menschenrechte bei ihren Lieferanten, dass in der Folge zwar

keine Arbeiterparadiese entstanden, sich aber vieles stark

26 globalcompact Deutschland 2018


MENSCHENRECHTE

verbessert hat. David kann

sehr wohl etwas gegen Goliath

ausrichten. Wenn er

den Hintern hochkriegt.

Das ist das Problem.

Dieses Problem illustriert

ein zugegebenermaßen

krasses Beispiel aus

Kalifornien. Dort sind

Unternehmen durch

die des „California

Transparency in

Supply Chains

Acts“ gesetzlich

verpflichtet, darüber

zu berichten,

was sie für

die Einhaltung der

Menschenrechte in ihrer

Lieferkette tun. Wer nicht

veröffentlicht, wird bestraft.

Also kommen viele Unternehmen

der gesetzlichen Publikationspflicht nach,

indem sie sinngemäß folgende Meldung veröffentlichen:

„Was die Menschenrechte angeht, so unternehmen

wir nichts“. Kein Scherz! Was schon schlimm genug ist.

Aufrichtigkeit danken. Wir sollten ihm eine zweite Chance

geben und ihm eher vertrauen als einem Mitbewerber, der zwar

auch Leichen im Keller hat, aber gerissen genug ist, diese in aller

Stille zu beerdigen oder weiter zu verschweigen. Wir sollten

das vor allem bei Produkten praktizieren, bei deren Rohstoffen

und Vorprodukten das Risiko einer Menschenrechtsverletzung

überwältigend groß ist. Wir sollten etwas für unsere Zeit recht

Absurdes tun: Wir sollten beginnen, Ehrlichkeit, Transparenz

und Aufrichtigkeit nicht nur zu fordern, sondern auch zu

belohnen. Gemacht wird, was belohnt wird.

Es kommt noch schlimmer: Nichts passiert nach der Veröffentlichung.

Kein Umsatzeinbruch, kein Shitstorm, keine

öffentliche Entrüstung. Der Endkunde kauft einfach munter

weiter. Wir sind (mehrheitlich) nicht besser als die Rechtsbrecher,

die wir mit unserem Verhalten decken.

Wie ehrlich darf ein Unternehmen sein?

Angenommen, ein Unternehmen findet nach reiflicher Recherche

heraus, dass der Lieferant eines Lieferanten eines

Lieferanten die Menschenrechte verletzt. Soll das Unternehmen

das publik machen mit der gleichzeitigen Ankündigung, den

Missstand umgehend zu beheben? Und die übliche, reflexhafte

Politik-, Medien- und Internet-Empörungshysterie über sich

ergehen lassen, die immer nur den Missstand geißelt und völlig

übersieht, dass dieser erst entdeckt werden muss, bevor er

behoben werden kann? Anders gefragt: Wer ist schon ehrlich,

wenn Ehrlichkeit bestraft wird? Warum wohl sind sämtliche

Wirtschaftsskandale der letzten Zeit erst nach Jahren an die

Öffentlichkeit gedrungen?

ÜBER DIE AUTORIN

Prof. Dr.-Ing. Evi Hartmann ist Inhaberin des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre,

insbesondere Supply Chain Management,

an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Wenn ein Unternehmen so ehrlich ist, Verletzungen der

Menschenrechte in seiner Lieferkette öffentlich zu machen

und nachvollziehbare Besserung anzukündigen, sollten wir

Hysterie und Häme zügeln und dem Unternehmen für seine

globalcompact Deutschland 2018

27


AGENDA

SDG Tools & News

Unternehmen und Menschenrechte:

Monitoring startet

Ende 2016 wurde der „Nationale Aktionsplan zur Umsetzung

der VN (Vereinte Nationen)-Leitprinzipien für Wirtschaft

und Menschenrechte (2016-2020)“ (NAP) im Bundeskabinett

verabschiedet. Der NAP sieht ein Monitoringverfahren zur

Überprüfung des Umsetzungsstandes menschenrechtlicher

Sorgfaltsprüfungen in deutschen Unternehmen vor. Mit der

Durchführung dieses Monitorings hat das Auswärtige Amt

nun EY in Zusammenarbeit mit einem Konsortium bestehend

aus Adelphi, der Systain Consulting und focusright beauftragt.

Die Bundesregierung definiert mit dem NAP die Verantwortung

von deutschen Unternehmen für die Achtung der Menschenrechte.

Dabei formuliert sie ihre Erwartung bezüglich

der Einhaltung der menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht für

Unternehmen und die Achtung der Menschenrechte entlang

unternehmerischer Liefer- und Wertschöpfungsketten.

Die Überprüfung des Umsetzungsstandes hinsichtlich der in

Kapitel III des NAP beschriebenen Elemente menschenrechtlicher

Sorgfalt durch Unternehmen erfolgt durch eine ab 2018

jährlich durchzuführende Erhebung. Anhand des Monitorings

wird nach wissenschaftlichen Standards überprüft, ob im Jahr

2020 mindestens 50 Prozent aller in Deutschland ansässigen

Unternehmen mit über 500 sozialversicherungspflichtigen

Beschäftigten die Erwartungen der Bundesregierung in Bezug

auf die unternehmerische Sorgfaltspflicht erfüllen.

In der ersten Phase des Projektes werden Hintergrundgespräche

mit Unternehmen geführt, wofür das Konsortium noch

Unternehmen sucht, die sich dafür bereit erklären. Unternehmen,

die Interesse daran haben, können sich unter der

E-Mail-Adresse nap.monitoring@de.ey.com melden.

Bundestags-Petitionsausschuss zu NAP

Der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages setzt sich

für eine konsequente Umsetzung des Nationalen Aktionsplans

Wirtschaft und Menschenrechte 2016-2020 (NAP) ein, der sich

an den Leitprinzipien der Vereinten Nationen für Wirtschaft

und Menschenrechte orientiert. In der Sitzung im November

2018 beschlossen die Abgeordneten daher, eine dahingehende

Petition dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie

als Material zu überweisen.

Mit der Petition wird gefordert, dass der Vertrieb durch international

tätige Unternehmen in Deutschland reguliert wird

und Unternehmen, welche aktiv Menschenrechte verletzen

oder im Ausland nicht gemäß deutscher Arbeitsschutzbestimmungen

produzieren, sanktioniert werden. Zur Begründung

ihres Anliegens verweisen die Petenten auf die durch einen

großen Mineralölkonzern am Nigerdelta zu verantwortenden

Trinkwasserverunreinigungen. Zudem würden Milizen finanziert,

die „mit gewaltiger Schlagkraft die Gebiete enteignen und

für die Konzerne annektieren“ würden. Andere Unternehmen

ließen im Ausland – wie etwa in Bangladesch – produzieren,

weil dort Kinderarbeit nicht verboten sei und die Unfallverhütung

nicht dem deutschen Standard entspräche. Es sei nicht

nachvollziehbar, dass die Bundesregierung dagegen nichts

unternehme, heißt es in der Petition.

Wie der Ausschuss in der Begründung zu seiner Beschlussempfehlung

schreibt, setzt sich aber die Bundesregierung in

verschiedener Weise dafür ein, „dass die Nachhaltigkeit in den

Lieferketten verbessert wird“. So unterstützt die Bundesregierung

der Vorlage zufolge die von der EU-Kommission verfolgte

wertegeleitete Handels- und Investitionspolitik. Dazu zählten

insbesondere auch die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsund

Menschenrechtsaspekten. Darüber hinaus unterstütze

die Bundesregierung die OECD-Leitsätze für Multinationale

Unternehmen.

Ein wichtiges Instrument, um einen Beitrag für die nachhaltige

Gestaltung der Globalisierung zu leisten, sei auch der NAP,

schreibt der Petitionsausschuss. „Die Bundesregierung erwartet

von allen Unternehmen, den im NAP beschriebenen Prozess

der unternehmerischen Sorgfalt mit Bezug auf die Achtung der

Menschenrechte in einer ihrer Größe, Branche und Position

in der Liefer- und Wertschöpfungskette angemessenen Weise

einzuführen“, heißt es in der Vorlage. Die Abgeordneten verweisen

in diesem Zusammenhang auf den Koalitionsvertrag

28 globalcompact Deutschland 2018


MENSCHENRECHTE

von CDU, CSU und SPD, in dem es heißt: „Falls die wirksame

und umfassende Überprüfung des NAP 2020 zu dem Ergebnis

kommt, dass die freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmen

nicht ausreicht, werden wir national tätig werden und

uns für eine EU-weite Regelung einsetzen.“ Dies wird durch

den Petitionsausschuss „ausdrücklich begrüßt“. Die Petition,

so schreiben die Abgeordneten, sollte in die Überprüfung des

NAP 2020 einbezogen werden.

Mazars und Shift veröffentlichen Prüfungsrichtlinie für

Menschenrechte

Da Unternehmen zunehmend für ihren weitreichenden Einfluss

auf die Gesellschaft verantwortlich gemacht werden, haben

Mazars und Shift jetzt eine umfassende Prüfungsrichtlinie für

Menschenrechte veröffentlicht. Diese gibt Unternehmen zum

ersten Mal in der Geschichte eine Orientierung darüber, wie sie

ihre Informationen über die Einhaltung von Menschenrechten

im Einklang mit internationalen Standards bereitstellen.

Die neue Prüfungsrichtlinie, die die internationale Wirtschaftsprüfungs-

und Beratungsgesellschaft Mazars zusammen mit der

führenden gemeinnützigen Vereinigung für Menschenrechte,

Shift, über mehrere Jahre hinweg entwickelt hat, unterstützt

das UN Guiding Principles Reporting Framework aus dem

Jahr 2015. Dieses ist der weltweit einzige Berichtsrahmen

für Unternehmen, die sich umfassend an den international

gültigen UN Guiding Principles on Business and Human Rights

orientieren. Die neue Richtlinie unterstützt die interne Revision

von Unternehmen dabei, die Geschäftstätigkeit im Einklang

mit der Einhaltung von Menschenrechten zu gewährleisten.

Zugleich unterstützt sie externe Prüfungsunternehmen bei

der Überwachung der Berichterstattung zur Einhaltung der

Menschenrechte.

„Derartige Anforderungen verleihen Interner Revision und

externer Prüfung heute größere Bedeutung als je zuvor“, sagt

Kai Beckmann, Director Compliance, Risk & Responsibility

bei Roever Broenner Susat Mazars in Deutschland. „Umso

wichtiger ist die nachhaltige Unterstützung der Einführung

der neuen Prüfungsrichtlinie zur Einhaltung der Menschenrechte

durch die Global and Chartered Institutes of Internal

Auditors. Als professionelle Berater können wir die Frage der

Menschenrechte nicht länger umgehen, sondern müssen sie

effektiv in unsere beruflichen Fähigkeiten integrieren. Der

neue Standard trägt dazu bei, diesen Anspruch umzusetzen.“

Caroline Rees, Präsidentin von Shift, erläutert: „Diese Prüfungsrichtlinien

tragen dazu bei, dass die Arbeit fachkundiger

Prüfer bei der Förderung von Arbeitnehmern, Gemeinden und

anderen Interessengruppen, die von der Geschäftstätigkeit eines

Unternehmens betroffen sind, eine wertvolle Rolle spielt und

für das Unternehmen mittel- und langfristig Mehrwert schafft“.

Nützliche Links

Human Rights Due Diligence Infoportal

Das Human Rights Due Diligence Portal unterstützt Sie

beim Management menschrechtlicher Sorgfaltspflichten.

Die Website steht Ihnen in deutscher und englischer

Sprache zur Verfügung.

mr-sorgfalt.de

NAP Helpdesk

Mit dem Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte

hat die Bundesregierung die Einrichtung

des NAP Helpdesk Wirtschaft und Menschenrechte als

Angebot für Unternehmen vorgesehen, um Unternehmen

und Verbände bei der Umsetzung der Vorgaben aus

dem NAP, insbesondere hinsichtlich der Kernelemente

menschenrechtlicher Sorgfalt, zu unterstützen. Der NAP

Helpdesk wurde im Oktober 2017 eröffnet und steht allen

Unternehmen und Verbänden zur Verfügung.

wirtschaft-entwicklung.de/nachhaltigkeit/

UN Global Compact Human Rights Capacity

Diagnostic

This section helps you explore how your company tracks

and monitors the effectiveness of its human rights due

diligence activities and how it communicates publicly

about its approach and results.

https://bit.ly/2RWbJ1N

OECD Nationale Kontaktstelle

Die OECD-Leitsätze sehen vor, dass alle Mitgliedsstaaten

und Teilnehmerländer Nationale Kontaktstellen (NKS)

einrichten. Die NKS haben die Aufgabe, die Leitsätze bekannt

zu machen, über deren Inhalte zu informieren und

die Einhaltung der Leitsätze zu fördern. Zudem fungiert

die NKS als Beschwerdestelle. Jeder, der ein berechtigtes

Interesse hat, kann dort eine Beschwerde wegen möglicher

Verletzungen der Leitsätze durch ein Unternehmen

einreichen.

www.oecd-nks.de

globalcompact Deutschland 2018

29


GOOD PRACTICE

Good Practice

Für die redaktionellen Beiträge dieser Rubrik sind ausschließlich die Unternehmen und ihre Autoren selbst verantwortlich.

32

ALDI

34

BASF

36

Bayer

38

Bosch

40

Boxon

42

CEWE

44

Daimler

46

DAW

48

Deutsche Telekom

50

E.ON

52

Evonik

54

EY

56

Grönwoldt & Partner

30 globalcompact Deutschland 2018


58

HOCHBAHN

60

iPoint-systems

62

ista

64

Löning

66

Lufthansa Group

68

Lyreco Deutschland

70

macondo publishing

72

MAN

74

Mazars

76

Merck

78

Symrise

80

TÜV Rheinland

82

Weidmüller

globalcompact Deutschland 2018

31


GOOD PRACTICE

ALDI geht auf Verpackungsmission:

Offensive gegen

Plastikabfälle

Allein in Europa fallen jedes Jahr rund 25 Millionen Tonnen Plastikabfälle an. Vieles davon

verschmutzt die Ozeane: Fast 90 Prozent aller Strandabfälle bestehen aus Plastik. Eine wichtige

Zukunftsaufgabe für den Handel ist es, Verpackungsabfälle zu reduzieren und Verpackungen

nachhaltiger zu gestalten. Die Discounter ALDI Nord und ALDI SÜD gehen hierbei mit gutem

Beispiel voran: Mit der „ALDI Verpackungsmission“ wollen sie ihre Produktverpackungen

deutlich reduzieren und nachhaltig verbessern.

Von Serra Schlesinger, Leiterin Unternehmenskommunikation ALDI Nord, und Kirsten Geß, Leiterin Unternehmenskommunikation ALDI SÜD

Wohin mit dem Plastikmüll? Diese Frage

beschäftigt seit Anfang 2018 auch

die Europäische Kommission intensiv.

Mit ihrer Plastikstrategie will sie bis

2030 alle Kunststoffverpackungen auf

dem EU-Markt recyclingfähig machen.

Bislang liegt dieser Anteil bei weniger

als 30 Prozent. „Wenn wir nicht die Art

und Weise ändern, wie wir Kunststoffe

herstellen und verwenden, wird 2050 in

unseren Ozeanen mehr Plastik schwimmen

als Fische“, warnt Kommissions-

Vizepräsident Frans Timmermans. „Die

einzige langfristige Lösung besteht darin,

Kunststoffabfälle zu reduzieren, indem

wir sie verstärkt recyceln und wiederverwenden.“

Auf dem Weg zu weniger Plastik

Im Umgang mit ihren Verpackungen

verfolgen die Unternehmensgruppen

ALDI Nord und ALDI SÜD eine klare

Strategie: „Verpackungen stellen eine

große Herausforderung für die Umwelt

dar. Deswegen setzen wir uns bereits

seit vielen Jahren überall im Unternehmen

dafür ein, Verpackungsmaterial

zu reduzieren“, so Philipp Skorning,

Group Buying Director bei ALDI SÜD,

verantwortlich für Qualitätswesen &

Corporate Responsibility.

Wie bedeutend das Thema ist, zeigt

der alltägliche Einkauf im Supermarkt,

bei dem uns viele verschiedene Verpackungen

begegnen. Gänzlich darauf zu

verzichten, ist allerdings keine Lösung:

Verpackungen gewährleisten den Schutz

der Produkte vor äußeren Einflüssen,

erhalten ihre Qualität und verlängern

die Haltbarkeit.

So prüfen die beiden Discounter stetig,

wie viel Verpackungsmaterial bei

ihren Produkten notwendig ist. Dafür

entwickelten sie sogar ein eigenes Bewertungssystem:

„Um unsere Verpackungen

recyclingfähiger zu gestalten, bewerten

wir gemeinsam mit unseren Lieferanten

und Fachexperten alle Eigenmarken-

Verpackungen. Wir prüfen systematisch,

inwiefern sie sich nachhaltiger gestalten

lassen, um unsere anspruchsvollen

Verpackungsziele zu erreichen“, erklärt

Rayk Mende, Geschäftsführer Corporate

Responsibility bei ALDI Nord.

Erfolgreiches Engagement

„Wir haben gemeinsam schon viel erreicht.

In den letzten fünf Jahren haben

wir rund zehn Prozent an Verpackungsmenge

bei unseren Eigenmarkenprodukten

eingespart“, so Philipp Skorning.

„Obst und Gemüse transportieren wir

überwiegend in Mehrwegkisten. So haben

wir in 2017 zusammen mehr als

120 Millionen Pappkartons eingespart

und konnten damit rund 50.000 Tonnen

Treibhausgas-Emissionen vermeiden.“

Auch in puncto Recycling hat sich einiges

getan. Die Recyclingrate für in den

Filialen und Logistikzentren anfallendes

Papier, Pappe, Kartonagen und Kunst-

32 globalcompact Deutschland 2018


stofffolien beträgt bei ALDI Nord und

ALDI SÜD seit 2014 nahezu 100 Prozent.

Bei beiden Discountern erhalten Kunden

seit Oktober 2017 eine neue, langlebige

Mehrwegtragetasche aus mindestens 80

Prozent Rezyklat, die mit dem Blauen

Engel zertifiziert ist. Die Tasche ist zu

100 Prozent recyclingfähig und wird in

einem geschlossenen Materialkreislauf in

Deutschland hergestellt, was wiederum

Treibhausgase einspart.

Verpackungsstrategie: Vermeiden.

Wiederverwenden. Recyceln.

Diese Erfolge im Kampf gegen Verpackungsabfälle

sind für die beiden Handelshäuser

ein Ansporn, diesen Weg gemeinsam

weiter zu gehen. 2018 starteten

sie das Gemeinschaftsprojekt „Die ALDI

Verpackungsmission: Vermeiden. Wiederverwenden.

Recyceln“. Darin verabschiedeten

sie eine Verpackungsstrategie

mit konkreten Zielen und Maßnahmen.

Insgesamt soll bis zum Jahr 2025 der

Materialeinsatz aller Eigenmarken-Verpackungen

– relativ zum Umsatz – um

30 Prozent reduziert werden. Zusätzlich

sollen alle Eigenmarken-Verpackungen

bis 2022 recyclingfähig sein. „Die Steigerung

der Recyclingfähigkeit hat auf

unserer Agenda bereits höchste Priorität.

Mit der Strategie und der konkreten

Zielsetzung setzen wir unser Engagement

gegen Verpackungsabfall nun noch

konsequenter fort“, erklärt Rayk Mende.

Weniger Verpackung, anderes

Material

und eine zusätzliche Umverpackung ist

nicht nötig.

Auch im Hinblick auf die Materialien haben

sich die beiden Unternehmensgruppen

Gedanken gemacht. So stellten sie

sukzessive bei Tiefkühl-Fischprodukten

den Einsatz von Garschalen aus Aluminium

auf die ökologischeren Pappschalen

um. Zudem konnten sie bei ihren Getränkeflaschen

sowohl bei den Verschlussdeckeln

als auch bei der Flasche selbst

Material reduzieren. Positiver Nebeneffekt:

Durch geringeres Gewicht beim

Transport der Getränkeflaschen werden

weniger Treibhausgas-Emissionen in die

Umwelt ausgestoßen.

Mehrweg statt Einweg

ALDI Nord und ALDI SÜD sind die ersten

großen Lebensmittelhändler in Deutschland,

die seit Ende 2018 komplett auf Einwegtragetaschen

aus Plastik und Papier

verzichten. Was viele nicht wissen: Auch

die Produktion einer Papiertragetasche

ist in Sachen Nachhaltigkeit nicht viel

umweltverträglicher als die einer Plastiktüte.

Seit Ende 2018 bieten ALDI Nord

und ALDI SÜD ausschließlich Tragetaschen

nach dem „Mehrwegprinzip“ an.

„2019 wird die klassische ALDI Tüte endgültig

in die Geschichte

eingehen“, betonen

die beiden Unternehmensgruppen.

Nicht nur bei ihren Tragetaschen reduzieren

die Discounter Einwegkunststoffe:

Ein wichtiger Baustein der Verpackungsmission

ist es, Einwegplastik-Artikel wie

Partygeschirr oder Strohhalme systematisch

auf nachhaltige Materialen umzustellen

oder durch Mehrwegvarianten

zu ersetzen.

Mit ihren ambitionierten Zielen unterstützen

die beiden Lebensmittelkonzerne

ausdrücklich die Europäische Kommission.

„Mit der Zielsetzung, dass 100

Prozent unserer Verpackungen bis 2022

recyclingfähig werden sollen, fördern

wir den wichtigen Ausbau der Kreislaufwirtschaft

in Deutschland“, betonen sie.

„Damit liegen wir sogar zeitlich noch

deutlich vor den angestrebten

Plänen der EU-

Kommission.“

Obst und Gemüse steht dabei besonders

im Fokus. Die Discounter planen die

Verpackungsmenge – unter Berücksichtigung

der Produktqualität und der

Lebensmittelverluste – größtmöglich

zu reduzieren. Gleichzeitig ist geplant,

das Angebot an unverpacktem Obst und

Gemüse stetig auszubauen. ALDI SÜD

testet im Bereich Bio-Obst und -Gemüse

außerdem das sogenannte „Natural

Branding“. Mithilfe eines Laserverfahrens

erhalten Bio-Gurken oder -Avocados

eine Kennzeichnung auf der Schale. Diese

zeigt den Kunden, dass es sich um

ein Produkt in Bio-Qualität handelt. So

sind alle wichtigen Informationen direkt

auf dem Lebensmittel zu erkennen

globalcompact Deutschland 2018

Die ALDI Verpackungsmission

Vermeiden.

Wiederverwenden.

Recyceln.

33


GOOD PRACTICE

Digitalisierung – Chancen

für Nachhaltigkeit

Chemie ist eine Zukunftsbranche – mit innovativen und nachhaltigen Lösungen für ihre

Kunden in allen Industrien. Die Digitalisierung eröffnet Chancen in Forschung und Entwicklung,

in der Produktion und der gesamten Wertschöpfungskette. Durch die Nutzung von digitalen

Technologien und Daten steigern wir die Effizienz und Effektivität unserer Prozesse. So

sparen wir Ressourcen – Energie, Rohstoffe und Zeit – und helfen auch unseren Kunden,

ihre Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.

Von Frithjof Netzer, Senior Vice President, Head of Project BASF 4.0, und Dirk Voeste, Vice President, Head of Sustainability Strategy, BASF

Eine dynamische lnnovationskultur

Indem wir die Möglichkeiten der Digitalisierung

voll ausschöpfen, stärken wir

unsere Innovationskraft. Die Verarbeitung

großer Datenmengen hilft bei der

Entwicklung neuer und nachhaltiger

Lösungen. Der digitale Ansatz bei BASF

verbindet virtuelle Modellierung und

Computersimulation mit physischen

Experimenten im Labor. Simulationen

helfen bei der Ausarbeitung von Experimenten

und erleichtern Vorhersagen,

während Experimente messbare Ergebnisse

liefern und die Computermodelle

auswerten. Dadurch gewinnen wir ein

besseres Verständnis chemischer Produkte

und Prozesse. In unseren Forschungsund

Entwicklungsaktivitäten werden wir

schneller und unser Angebot können wir

besser auf die spezifischen Kundenanforderungen

einstellen.

Supercomputer

Ein wichtiges Instrument unserer digitalen

Innovationskraft ist der Supercomputer

„Quriosity“, den wir im Oktober 2017

in Ludwigshafen in Betrieb genommen

haben. Mit einer Rechenleistung von

1,75 Petaflops (1 Petaflops entspricht

einer Billiarde Rechenoperationen pro

Sekunde) bietet der neue Computer eine

etwa zehnmal höhere Rechenleistung

als bisher bei BASF insgesamt für wissenschaftliches

Rechnen zur Verfügung

stand. Insgesamt verging etwas über

ein Jahr von den ersten internen Planungsgesprächen

bis zum Start der ersten

Rechnungen.

Mit Quriosity ist die Berechnung sehr viel

komplexerer Modelle möglich, bei denen

deutlich mehr Parameter variiert werden

können. Insgesamt wird so nicht nur eine

signifikant kürzere Entwicklungsdauer

möglich, sondern es können auch bislang

verborgene Zusammenhänge erkannt

und genutzt werden.

Ein Anwendungsbeispiel unseres neuen

Supercomputers sind molekulare Simulationen

von Tensid-Formulierungen.

Tenside sind ein wesentlicher Bestandteil

vieler Produkte des täglichen Lebens wie

zum Beispiel Wasch- und Reinigungsmittel

oder Hautcremes. Tenside beeinflussen

zum Beispiel, wie stark ein Waschmittel

schäumt oder wie gut sich eine Creme

auf der Haut verteilen lässt. Selbst in sehr

niedrigen Konzentrationen können Tenside

Strukturen bilden, die die Leistung

eines Produktes wesentlich beeinflussen.

Dank der enormen Rechenleistung von

Quriosity können wir nun Tensidsysteme

genau studieren und damit die

Forschungs- und Entwicklungsteams

dabei unterstützen, in kürzerer Zeit neue,

nachhaltigere Formulierungen für Waschund

Reinigungsmittel sowie für Körperpflegeprodukte

zu entwickeln, die dann

den sparsameren Einsatz ermöglichen.

Smart Manufacturing

Durch den Einsatz von digitalen Technologien

und die verstärkte Nutzung

von Daten erhöhen wir außerdem die

Effektivität unserer Anlagen und die

Effizienz unserer Produktionsprozesse.

Mit mobilen Endgeräten haben wir

Zugang zu relevanten Informationen

für unsere tägliche Arbeit. Digital vernetzte

Produktionsprozesse verhindern

34 globalcompact Deutschland 2018


z.B. ungeplante Anlagenstillstände. So

vermeiden wir Ineffizienzen und Emissionen,

die bei ungeplanten Abstellungen

entstehen können. Die Verknüpfung von

Produktions- und Geschäftsprozessen

ermöglicht uns außerdem, schneller und

besser Entscheidungen zu treffen und

Ressourcen besser zu nutzen.

Beispielsweise geht es bei der Anwendung

„Predictive Maintenance“ um die

Vorhersage des Funktionszustands von

kritischen Anlagenteilen und Komponenten

wie zum Beispiel Verdichter oder

Wärmetauschern. Mit Hilfe von Sensoren

werden Live-Daten über Betriebszustände

ermittelt und mit einer speziellen

Analyse-Software – unter Einbeziehung

historischer Prozessdaten – modelliert

und ausgewertet. Unser Ziel: die Vorhersage

des optimalen Zeitpunkts für

Instandhaltungsmaßnahmen. So können

wir ungeplante Reparaturen und Ausfälle

reduzieren, Anlagenteile länger nutzen

und die Abstimmung von Instandhaltungs-

und Produktionsprozessen optimieren.

Im Steamcracker, in dem viele

wichtige chemische Grundbausteine für

die weitere Produktion bei BASF entstehen,

erfassen mehrere Tausend Sensoren

rund um die Uhr Prozessdaten wie etwa

Druck und Temperatur: Diese werden mit

einer Analyse-Software ausgewertet, um

den optimalen Zeitpunkt für Wartungsmaßnahmen

vorherzusagen.

Geschäftsmodelle für das digitale

Zeitalter

Neue Technologien und Daten helfen

uns dabei, unseren Zugang zu Märkten

und die Zusammenarbeit mit Kunden zu

verändern. Wir schaffen neue digitale

Angebote und erschließen neue Kundengruppen.

Derzeit haben wir 50 innovative

digitale Geschäftsmodelle entwickelt.

Beispielsweise können wir unsere Kunden

im Gaswäschegeschäft mit der Online

Plattform OASE connect unterstützen.

Durch diesen verbesserten Service bieten

wir unseren Kunden Zugriff auf wichtige

Informationen in Echtzeit. Zu den Funktionalitäten

gehört unter anderem eine

Software, die unseren Kunden hilft, die

optimale Einstellung für ihre Anlage zu

finden und diese entsprechend zu steuern,

so dass Energieaufwand und Emissionen

zurück gehen.

Ein weiteres Beispiel für den Einsatz

digitaler Technologien in der Wertschöpfungskette

kommt aus der Tierhaltung.

Das Ziel ist, Emissionen in Landwirtschaft

und Tierhaltung zu reduzieren. Auch

Verbraucher und Regulierungsbehörden

setzen zunehmend klar definierte Nachhaltigkeitskriterien.

BASF Corporation

und das irische Technologie-Unternehmen

arc-net setzen sich beispielsweise

gemeinsam dafür ein, dass die Wertschöpfungskette

in der Tierhaltung diesen

Anforderungen gerecht werden kann.

Sie erfassen und analysieren mithilfe

der Blockchain-Technologie gemeinsam

Nachhaltigkeitsparameter in der Tierhaltung

entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Die BASF-Software AgBalance

Livestock untersucht die Auswirkungen

aller Eingangs- und Ausgangsgrößen der

Produktion tierischer Proteine – und

das über die gesamte Wertschöpfungskette

hinweg: von Futtermitteln und

der Mischfutterproduktion über die

Tierhaltung und Düngewirtschaft bis

hin zur Schlachtung. Durch die Kombination

von AgBalance Livestock und

der Blockchain-Technologie von arc-net

lassen sich wertvolle Informationen zur

Nachhaltigkeit sowie nachprüf bare Daten

zur Herkunft von Fleisch, Milch und

Eiern gewinnen. Diese Informationen

ergeben einen ökologischen Fußabdruck

und ermöglichen lückenlose Transparenz

und Nachverfolgbarkeit über die gesamte

Wertschöpfungskette hinweg. So wären

Verbraucher in Zukunft in der Lage, fundierte

Entscheidungen in Hinblick auf

ihren Fleischkonsum zu treffen, indem

sie den QR-Code auf der Verpackung

scannen, der Informationen über Produktherkunft

und Umweltbilanz liefert.

Ausblick

Chancen für die Digitalisierung finden

sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Durch den gezielten Einsatz digitaler

Technologien und Modelle werden

wir in Zukunft noch schneller nachhaltige

Lösungen entwickeln, unsere Produktion

sicherer, effizienter und ressourcenschonender

gestalten sowie transparenter mit

unseren Kunden kommunizieren.

globalcompact Deutschland 2018

35


GOOD PRACTICE

Innovation braucht

Transparenz und Vertrauen

Wir leben in einer Zeit des Misstrauens, in der Fakten immer weniger gelten und politische

Debatten zunehmend von Behauptungen, Bildern und Emotionen getrieben werden. Umfragen

zeigen: Das Vertrauen der Menschen in gesellschaftliche Institutionen schwindet. In Deutschland

zum Beispiel vertrauen nach dem „Global Trust Report 2017“ des GfK Vereins nur noch 18

Prozent den politischen Parteien, 30 Prozent den großen Unternehmen und 45 Prozent den

Medien. Aber wenn kein Vertrauen herrscht und nichts mit Gewissheit gilt, worauf gründen wir

dann unsere Entscheidungen? Misstrauen ist keine Basis für die Gestaltung der Zukunft.

Von Kemal Malik, verantwortlich für Innovation im Vorstand von Bayer

Dabei schürt nichts so sehr das Misstrauen,

als wenn die Menschen das

Gefühl haben, dass ihnen Informationen

ohne ersichtlichen Grund vorenthalten

werden. Bayer hat daher Ende

2017 damit begonnen, den Zugang zu

sicherheitsrelevanten Informationen

aus dem Pflanzenschutz-Bereich zu

ermöglichen – und hat damit in Sachen

Transparenz eine Vorreiterrolle

in der Branche übernommen. Unter

https://cropscience-transparency.bayer.

com sind Zusammenfassungen von Testergebnissen

und Bewertungen zum

Download verfügbar. Infographiken

und Videos sollen helfen, die wissenschaftlichen

Informationen besser zu

verstehen und einzuordnen. Seit Februar

2018 können zudem umfassende

und detaillierte sicherheitsrelevante

Studienberichte angefragt werden, sofern

sie nicht für kommerzielle Zwecke

verwendet werden.

Eine Brücke zur interessierten

Öffentlichkeit

Übrigens hat sich Bayer auch im Pharma-

Bereich schon seit Jahren dazu verpflichtet,

Informationen über klinische Studien

– inklusive einer Zusammenfassung

der Ergebnisse – öffentlich zur Verfügung

zu stellen. Die Daten sind über

den „Bayer Trial Finder“ auf der Homepage

unserer Division Pharmaceuticals

www.pharma.bayer.com sowie unter

www.ClinicalTrials.gov und www.clinicaltrialsregister.eu

zugänglich. Darüber

hinaus können Forscher und Ärzte noch

detailliertere Informationen auf Nachfrage

von uns erhalten. Dadurch wollen

wir dem häufig zu hörenden Vorwurf

begegnen, Pharma-Studien würden nur

öffentlich, wenn die Ergebnisse für die

Unternehmen vorteilhaft sind.

Diese Aktivitäten zeigen, wie wichtig uns

Transparenz ist. Damit wollen wir Fachleuten,

engagierten Bürgern und anderen

Interessenten die Möglichkeit geben, sich

auf der Grundlage wissenschaftlicher

Informationen eine eigene Meinung zu

bilden. So bauen wir eine Brücke zwischen

der interessierten Öffentlichkeit

und unseren eigenen Wissenschaftlern.

Sicher, es gibt auch Grenzen für Transparenz.

Bei klinischen Studien müssen

sensible Patientendaten geschützt bleiben.

Und wir müssen natürlich auch

sicherstellen, dass bestimmtes geistiges

Eigentum nicht in die Hände von

Wettbewerbern fällt – unser gesamtes

Geschäftsmodell als innovatives Unternehmen

hängt davon ab. Aber wir

arbeiten daran, die richtige Balance zwischen

größtmöglicher Transparenz und

notwendiger Vertraulichkeit zu finden.

Innovationen sind essentiell für

unsere Zukunftsfähigkeit

Leider wissen die wenigsten Menschen,

mit welcher Sorgfalt heute in der Erforschung

und Entwicklung von Medikamenten

und Pflanzenschutzprodukten

gearbeitet wird. Diese Sorgfalt spiegelt

sich in einem enormen Aufwand an Zeit

und Geld wider. So kostet die Entwicklung

eines neuen Medikaments heute

durchschnittlich mehr als eine Milliarde

Euro und kann zwölf bis fünfzehn Jahre

dauern.

Im Pflanzenschutzbereich sieht es ähnlich

aus. Hier kommt von mehr als

100.000 Prüfsubstanzen am Ende nur

eine auf den Markt – nach durchschnittlich

10 bis 14 Jahren und 1.200 Registrierungsstudien,

die erforderlich sind,

bis ein neuer chemischer Wirkstoff die

Zulassung erhält. Die Forschungs- und

36 globalcompact Deutschland 2018


Entwicklungskosten betragen hier im

Schnitt rund 250 Millionen Euro.

Ist dieser ungeheure Aufwand gerechtfertigt?

Davon sind wir bei Bayer überzeugt!

Dass die Menschen heute gesünder sind

und länger leben als je zuvor, das haben

Oben links:

Bayer-Mitarbeiter Nguyen Thi Ngoc Anh und

Bui Van Kip (v.l.) überprüfen Reispflanzen

gemeinsam mit Landwirt Huynh Duy Chinh im

Ort Nhon Thanh Trung, Vietnam.

Oben rechts:

Forscherin Laura Schouten untersucht im

Labor Maiskolben auf Nematoden-Befall.

Unten:

Julin Tong testet Formulierungen des

Aspirin-Wirkstoffes Acetylsalicylsäure in

einem Forschungslabor in den USA.

wir neben einer verbesserten öffentlichen

Gesunheit insbesondere in den

Bereichen sauberes Trinkwasser und

Wohnverhältnisse vor allem den vielen

Fortschritten zu verdanken, die durch

das Zusammenspiel von Wissenschaft

und Unternehmertum entstanden sind.

Und das wird auch der Weg der Zukunft

sein, denn es gibt immer noch reichlich

zu tun.

Beispielsweise haben wir für einen erheblichen

Teil der rund 30.000 bekannten

Krankheiten noch immer keine zufriedenstellenden

Therapien. Hinzu kommt,

dass bestimmte Krankheiten wie Krebs

oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen immer

häufiger auftreten, was primär daran

liegt, dass die Menschen älter werden.

Und in zahlreichen ärmeren Ländern

leidet rund eine Milliarde Menschen

unter den sogenannten „Vernachlässigten

Tropenkrankheiten“ – wie der Chagas-

Krankheit, dem Dengue-Fieber oder der

Flussblindheit.

Zugleich leben immer mehr Menschen

auf der Erde, deren Ernährung gesichert

werden muss – im Jahr 2050 werden es

voraussichtlich fast zehn Milliarden sein.

Experten schätzen, dass die Nachfrage

nach Agrarprodukten bis zur Jahrhundertmitte

um 50 Prozent zunehmen

wird. Da es für die Erschließung landwirtschaftlich

nutzbarer Flächen kaum

noch Spielraum gibt, ohne Regenwälder

oder andere wichtige Naturflächen zu

gefährden, muss unser Ernährungssystem

also wesentlich produktiver werden.

Es muss aber auch nachhaltiger werden,

weil wir derzeit nicht schonend genug

mit natürlichen Ressourcen umgehen.

Das sind nur einige Beispiele für die

Herausforderungen der Zukunft. Einen

umfassenden Überblick geben die 17

Ziele für eine nachhaltige Entwicklung,

das Kernstück der Agenda 2030 der Vereinten

Nationen, zu denen sich Bayer

ausdrücklich bekennt. Insbesondere zum

Ziel 2 – auf globaler Ebene den Hunger

zu beenden, Ernährungssicherheit und

bessere Ernährung sowie eine nachhaltige

Landwirtschaft voranzubringen –

und zum Ziel 3 – für alle Menschen ein

gesundes Leben sicherzustellen – wollen

wir substantielle Beiträge leisten.

Wenn die Menschheit diese Ziele erreichen

will, brauchen wir weiteren

Fortschritt und müssen die Chancen

nutzen, die neue Technologien bieten.

Dafür brauchen wir wieder einen gesellschaftlichen

Konsens, dass Innovation

gut und nützlich sein kann. Aber ein

solcher Konsens kann nur auf der Grundlage

eines offenen, aufrichtigen und

sachlichen Dialogs entstehen. Nur wenn

wir miteinander reden, können wir die

Gräben überbrücken, die sich zwischen

den politischen Lagern und zwischen

den „Filterblasen“ im Internet auftun.

Hier schließt sich der Kreis, denn ein

solcher Dialog braucht Vertrauen. Unser

Eintreten für Transparenz soll dazu einen

Beitrag leisten: Als ein Schritt, damit

wieder Vertrauen entstehen kann, und

als Investition in die Zukunftsfähigkeit

unserer Gesellschaft.

globalcompact Deutschland 2018

37


GOOD PRACTICE

Internationales

Gesellschaftsengagement

Die Bosch-Gruppe besitzt in vier verschiedenen Ländern Unternehmensstiftungen. In diesen

Stiftungen werden die Aktivitäten zum gesellschaftlichen Engagement gebündelt und koordiniert.

Unter dem Blickwinkel von Corporate Citizenship, interkulturellem Management und den

Sustainable Development Goals wird die Integration von CSR ist in den verschiedenen Ländern

mit ihren variierenden Kulturen durch die Stiftungen vorangetrieben. Im Rahmen der Umsetzung

des SDG-Konzeptes haben sich die Bosch-Stiftungen auf die Prinzipien der nachhaltigen

Entwicklung konzentriert und ihre Aktivitäten darauf abgestellt.

Von Bernhard Schwager, Leiter Geschäftsstelle Nachhaltigkeit, Bosch

Das soziale Engagement war und ist bis

heute ein integraler Bestandteil der Unternehmenskultur.

Dieser zentrale Aspekt

wird auch von den Bosch-Unternehmensstiftungen

weltweit bei den Aktivitäten

beachtet. Lokal die individuellen Bedürfnisse

zu befriedigen und die gemeinsame

Sache in den Vordergrund zu stellen, dies

lag auch schon immer Robert Bosch am

Herzen. Seine bemerkenswerte Vision war

äußerst zukunftsweisend. Etwa 50 Jahre

nach seinem Tod erscheinen gesellschaftliche

Themen dringlicher denn je. Dies

äußert sich auch in den Worten von Dr.

Volkmar Denner, CEO der Bosch-Gruppe:

„Ich bin überzeugt, dass die Wirtschaft

ganz wesentlich helfen kann, gesellschaftliche

Herausforderungen zu lösen.“

Zu den vorgenannten Stiftungen des

Unternehmens gehören die Bosch India

Foundation, das Bosch China Charity

Center, das brasilianische Instituto Robert

Bosch und der nordamerikanische Bosch

Community Fund. Die Stiftungen greifen

soziale Probleme auf und befassen sich

mit vielfältigen sozialen, ökologischen

und wirtschaftlichen Problemen.

Bildung gehört zum Schwerpunkt der

Aktivitäten in Indien.

38 globalcompact Deutschland 2018


Bosch India Foundation

Das gesellschaftliche Engagement von

Bosch in Indien vollzog sich im Jahr

1950 mit Gründung einer Stiftung. Bis

heute fokussiert sie auf ein gutes Leben

und eine solide Existenzgrundlage

durch verbesserte Bildung und technisches

Verständnis. Bisher konnten

bereits über 100 Projekte unterstützt

werden. Die jährliche Fördersumme

liegt bei knapp einer Million Euro. Die

Stiftungsarbeit konzentriert sich speziell

auf die wirtschaftliche, soziale und politische

Stärkung von Frauen in Dörfern.

Beispielsweise wurden in Jaipur Selbsthilfegruppen

gegründet, um Frauen

und jüngere Menschen zu ermutigen,

selbst aktiv zum Fortschritt von Familie

und Gesellschaft beizutragen. Politische

Bildung und die dazugehörige Rückenstärkung

von Frauen ist der Stiftung ein

besonderes Anliegen. Frauen werden

dazu ermutigt, sich zu öffnen und in den

Dörfern einen aktiven Part politischer

Arbeit zu übernehmen, um so zu politischen

Führungspersonen zu werden.

Darüber hinaus arbeitet die indische

Organisation an einem ganzheitlichen

Ansatz zur Bekämpfung von Armut, die

häufig die Ursache weiterer Probleme ist.

Der Schwerpunkt der Arbeiten liegt dabei

auf Bildung, Gesundheit und Hygiene.

Bosch China Charity Center

In China sieht sich Bosch nicht nur verpflichtet,

führende Technologien zur

Förderung des sozialen Fortschritts anzubieten,

sondern auch die öffentliche

Wohlfahrt im ganzen Land zu fördern.

Aus diesem Grund veranlasste Bosch den

Start des Bosch China Charity Centers

(BCCC) und zugehöriger Sozialprojekte.

Seit der Gründung im Jahr 2011 widmet

sich das BCCC den Themen von

Bildungsförderung und Armutsbekämpfung

in China durch langfristige und

nachhaltige Förderprojekte. Das Bosch

China Charity Center unterstützt Infrastrukturen

wie Campusgebäude, Kantinen

oder Solarheizungen und fördert

Bildungsprojekte wie Stipendien für

Studenten, Ausbildungen für Lehrer,

Vorschulerziehung oder Dorfkindergärten.

Mittlerweile hat das Bosch China

Charity Center über 1.500 Freiwillige in

zwölf Städten landesweit zur Mitarbeit


Ich bin überzeugt, dass die

Wirtschaft ganz wesentlich

helfen kann, gesellschaftliche

Herausforderungen zu lösen.

Dr. Volkmar Denner, Vorsitzender der

Geschäftsführung, Robert Bosch GmbH

motivieren können. Jährlich werden auf

diese Weise rund 2,5 Millionen Euro als

Fördermittel an Wohlfahrtsorganisationen

vergeben. Durch die Gewährung

von Stipendien, der Förderung gemeinnütziger

Projekte und mit Beiträgen zu

Gemeindediensten, an denen sich die

Bosch-Freiwilligenteams beteiligen, trägt

das BCCC aktiv zur gesellschaftlichen

Entwicklung in China bei.

Instituto Robert Bosch – Brasilien

Soziale Fragestellungen waren für Bosch

auch in Brasilien ein wichtiges Anliegen.

1971 wurde daher ein gemeinnütziger

Verein gegründet, der dann 2004 in

das Instituto Robert Bosch überführt

wurde. Hier wird das Sozialengagement

gebündelt und vorzugsweise Aus- und

Weiterbildungsprojekte an den vier brasilianischen

Fertigungs-Standorten des

Unternehmens gefördert. Im Sinne des

Firmengründers hilft die Organisation

gezielt Kindern und Jugendlichen aus

sozial schwierigen Verhältnissen. Zusammen

mit der Stadtverwaltung in

Curitiba werden verschiedene Kurse für

mehr als 500 junge Menschen angeboten,

von denen etwa 70 Prozent im Anschluss

eine qualifizierte Beschäftigung finden.

Ein anderes Projekt zur Unterstützung

bedürftiger Familien ist die Errichtung

von Solarheizungssystemen, um Energiekosten

zu senken. Die Stiftung spendete

solche Systeme für rund 20.000 Häuser.

Andere Aktivitäten zielen darauf die Gesundheit

zu verbessern und die Jugendkriminalität,

die Säuglingssterblichkeit

sowie die Arbeitslosigkeit zu reduzieren.

Insgesamt werden Sozialprojekte mit

einem Betrag von 1,0 Millionen Euro

pro Jahr gefördert.

Das Instituto Robert Bosch arbeitet unter

anderem auch eng mit der Hilfsorganisation

Primavera – Hilfe für Kinder in Not

e.V. zusammen, einem Verein, der vor

über 25 Jahren von Bosch-Mitarbeitern

gegründet worden ist. Auf diese Weise

schließt das Institut auch die freiwillige

Unterstützung von Mitarbeitern des

Unternehmens in der jeweiligen Region

mit ein.

Bosch Community Fund – USA

Im Jahr 2011 wurde der Bosch Community

Fund (BCF) als gemeinnützige

Stiftung in den USA gegründet. Kurz

darauf startete die Projektarbeit mit der

Mission zum gesellschaftlichen Engagement.

Anfangs vergab der BCF rund 1,5

Millionen US-Dollar an Organisationen in

den USA. Seit 2013 liegt das Fördervolumen

bei drei Millionen US-Dollar jährlich.

Die Stiftung unterstützt damit über 22

Gemeinden in den vereinigten Staaten

und hat Partnerschaften mit über 30

höheren Bildungseinrichtungen. Gezielt

werden Gemeinden unterstützt, um die

Bedingungen für Bildung, Gesundheit

und Wohlbefinden zu verbessern, die

Treibhausgasemissionen auf ein Minimum

zu reduzieren und saubere Energie

vermehrt zu nutzen.

globalcompact Deutschland 2018

39


GOOD PRACTICE

Intelligente Verpackungskonzepte

für mehr

Nachhaltigkeit

Täglich werden mehr Produkte rund um den Globus geschickt als je zuvor. Die Masse an

benötigtem Verpackungsmaterial wächst und mit ihr die globale Herausforderung, Ressourcen

zu schonen und Emissionen zu reduzieren. Während gerade die Kunststoffverpackung einen

großen Beitrag zum Produktschutz und zum Recyclingaufkommen leistet, gerät diese dennoch

weltweit in der Öffentlichkeit unter Druck. Die Boxon GmbH, Teil der schwedischen Boxon Group,

schafft Lösungen, die die Umweltbelastung von Verpackungen minimieren.

Von Jasmin Westphal, Marketing & Communication, Boxon

Als die schwedische Boxon AB 1932 als

Ramlösa Lådfabrik gegründet wurde,

beschränkte sich die Produktion noch auf

Holzkisten für den Lebensmittelsektor.

Seither hat sich die Gruppe zu einem

weltweit agierenden Unternehmen entwickelt,

das Industrie, Handel und Logistik

mit intelligenten Verpackungskonzepten

versorgt. Mit maßgeschneiderten

Produkten für den Automotive-Sektor,

Traceability und Labelling Systemen, der

Einbindung von Augmented Reality und

Industry 4.0 steht Boxon im Jahr 2018

für Fortschritt und Innovation.

Im Rahmen seines Versprechens „Adding

value beyond the box“ bietet der

Packagingspezialist innovative Mehrwertservices,

die intelligente Verpackungskonzepte

individuell komplettieren.

Dazu gehört auch, Lösungen

zu schaffen, die Nachhaltigkeit in die

Beschaffung- und Produktionsprozesse

der Kunden integrieren: Mit eigenen

Programmen und individuell für die Kunden

entwickelten Konzepten unterstützt

Boxon Unternehmen dabei, die eigenen

Klimaziele zu erreichen.

So wurden etwa 2018 für einen großen

Fashion Onlineshop Versandtaschen aus

Bio Plastics entwickelt.

Die Motivation für die Förderung von

mehr Nachhaltigkeit im Verpackungssektor

liegt in der besonderen Rolle des

Produkts. Verpackungen nehmen als

fester Bestandteil nahezu jeder Wertschöpfungskette

eine Schlüsselrolle im

Recyclingkreislauf und der Emissionsreduzierung

ein. Hier verbergen sich enorme

Optimierungschancen für nachhaltig

orientierte Unternehmen: Mit dem 2018

ins Leben gerufenen CO 2

-Kompensationsprogramm

hat Boxon nun eine Lösung

geschaffen, über die Unternehmen mit

dem Erwerb von klimaneutralen Big

Bags nachhaltige Verpackungen direkt

in ihre Wertschöpfungskette integrieren.

Weniger Umweltbelastung durch

klimaneutrale Big Bags

Big Bags werden insbesondere am Anfang

vieler Lieferketten eingesetzt, wenn

Produktkomponenten in großen Volumen

befördert werden. Sie werden aus

sortenreinem Polypropylen hergestellt,

ein Kunststoff, der sehr gut recycelt werden

kann.

Aufgrund technischer Entwicklung verwendet

Boxon bei der Big Bag-Produktion

heute deutlich weniger Rohstoff als noch

vor einigen Jahren. 2018 macht der Big

Bag im Durchschnitt rund 0,1 Prozent

des Gesamtgewichts der abgefüllten Produkte

aus und ist damit jeder anderen

Verpackung überlegen. Optimierte Produktionsprozesse

und der Einsatz von

Solarenergie tragen zudem zu einem

reduzierten CO 2

-Fußabdruck bei. Boxon

produziert Big Bags außerdem als Mehrweg-Verpackung

und unterstützt seine

Kunden bei der Durchführung von Umlaufsystemen.

Am Ende des Lebenszyklus

sorgen Sammel- und Recyclingverfahren

dafür, dass die Big Bags als sortenreine

Verpackung effizient recycelt werden.

Um den CO 2

-Fußabdruck weiter zu reduzieren,

hat Boxon im Frühjahr 2018

die Spezialisten der Schweizer Non-Profit

Organisation MyClimate an Bord geholt.

Im Rahmen der Kooperation ist eine detaillierte

CO 2

-Bilanz für die Produktgruppe

40 globalcompact Deutschland 2018


das Unternehmen bestätigt. Die auf diese

Weise klimaneutral gewordenen Big Bags

werden optional mit einem entsprechenden

Label bedruckt. So kommunizieren

Unternehmen die Klimaneutralität der

Verpackung an ihre eigenen Kunden

weiter und tragen das Thema Nachhaltigkeit

in den Markt.

Die Verpackung der Zukunft ist

intelligent und nachhaltig

Solarenergie für Bildung & Jobs in Tansania

Um die errechneten CO 2

Emissionen zu kompensieren, unterstützt Boxon die

Implementierung innovativer Solarpanels in ländlichen Gebieten Tansanias. Die

Solarenergie ersetzt Dieselgeneratoren und Kerosin als Stromlieferanten und

kommt einkommensschwachen Familien sowie kleinen Unternehmen zu Gute.

Neben der Reduzierung von 10.000 t CO 2

pro Jahr, schafft der Wegfall der

schädlichen Brennstoffe unmittelbare soziale und wirtschaftliche Auswirkungen

für die lokale Bevölkerung:

• 400 000 Menschen leben mit besserer Luft. Risiken für Verbrennungen,

Atemwegs- und Augenerkrankungen werden minimiert

• Haushalte, Schulen und kleine Unternehmen können zu jeder Tageszeit mit

Energie versorgt werden, wodurch die Produktivität gesteigert wird

• Junge Menschen werden lokal in der Solarinstallation ausgebildet

• neue Arbeitsplätze werden geschaffen.

Das Gold Standard Projekt wurde von den Vereinten Nationen sowie mit dem

Greentec und dem Ashden Award 2017 ausgezeichnet.

Während die Verpackung der Zukunft

neben dem Schutz des Produkts viele

weitere Funktionen übernimmt und

dabei immer intelligenter wird, muss

sie gleichzeitig nachhaltig und ressourcenschonend

sein. Boxons Zielsetzung

liegt in diesem Zusammenhang klar

darin, Innovation und Nachhaltigkeit in

intelligenten Lösungen zusammenzuführen.

Die Integration neuer Technologien

in die Verpackung offenbart Chancen,

Transparenz für nachhaltige Produkte

zu stärken. Neben verbesserter digitaler

Ortung und Traceability, werden Kunden

in der Lage sein, Informationen zum

Zustand des Produkts, zu Nährwerten

und dem ökologischen Fußabdruck jederzeit

abzurufen.

Nachhaltigkeit bedeutet für Boxon außerdem

seit jeher, Verantwortung für

die Menschen in den Produktionsstätten

in Europa und Asien zu übernehmen.

Das wird sich auch in Zukunft nicht

ändern. Über Schulungsprogramme und

strenge Auditverfahren (z.B. TfS), die von

unabhängigen Unternehmen an den

Produktionsstandorten durchgeführt

werden, sorgt Boxon für die Einhaltung

von globalen Standards im Bereich

Menschenrechte oder Business Ethics.

Big Bags entstanden. Mit Hilfe einer

Lebenszyklusanalyse (LCA) wurden alle

Treibhausgasemissionen evaluiert, die im

Laufe der unterschiedlichen Lebensphasen

eines Big Bags anfallen. Dazu zählen

Energieverbrauch, Rohstoffe, Materialien,

Ausschuss, Betriebsabfälle, Verpackung,

Distribution, Entsorgung und Recycling.

Auf Grundlage dieser Berechnung wendet

Boxon das Prinzip der CO 2

Kompensation

an: Dabei werden unvermeidbare CO 2

-

Emissionen und CO 2

-Äquivalente an

anderer Stelle kompensiert. Basierend

auf dem Gewicht der Big Bags wird ein

Kompensationsbeitrag errechnet, der

direkt in ein Klimaschutzprogramm in

Tansania fließt, durch das die entsprechende

Menge CO 2

eingespart wird.

Kunden bekommen so die Möglichkeit,

sich aktiv für den Klimaschutz zu engagieren

und erhalten ein offizielles

Zertifikat von MyClimate, das die Teilnahme

am Kompensationsprogramm

und die kompensierte Menge CO 2

durch

2018 hat Boxon das Ecovadis Goldsiegel

für seine CSR-Aktivitäten erhalten und

wird sich auch zukünftig für die Umsetzung

der Agenda 2030 einsetzen. Eine

übergreifende Aufgabe der Industrie ist

dabei ohne Zweifel, das Bewusstsein für

Nachhaltigkeit über den Bereich von

CSR-Management hinaus zu schärfen

und auf allen Ebenen, wie Einkauf, Produktdesign,

Supplier Management und

Sales zu integrieren. Boxon wird daher

auch zukünftig verstärkt den Dialog

zwischen Mitarbeitern, Stakeholdern

und Geschäftspartnern fördern.

globalcompact Deutschland 2018

41


GOOD PRACTICE

CEWE: Wo Qualität auf

Verantwortung trifft

CEWE ist der führende Fotodienstleister und Technologieführer im Fotofinishing in Europa.

Seit der Firmengründung vor über 50 Jahren gehen Qualitätsanspruch und Verantwortung

gegenüber der Umwelt, den Mitarbeitern, Kunden, Lieferanten und Aktionären Hand in Hand.

So druckt CEWE nicht nur alle Markenprodukte komplett klimaneutral, sondern wägt in allen

Bereichen sorgsam ab, was mit welchen Mitteln zu wessen Wohl geschieht und welche

Auswirkungen dies auf morgen hat.

Von Alf Meyer, Bereichsleiter Zentraleinkauf &Materialwirtschaft, CEWE

Nachhaltigkeit und Verantwortung

sind zwei eng miteinander verbundene

Begriffe. Sie spielen in sämtlichen Unternehmensbereichen

von CEWE eine

große Rolle. Seit Jahrzehnten liegt das

Bestreben darin, ethische Prinzipien und

ökonomisches Handeln zu wahren. Dies

gelingt mithilfe der Mitarbeiter, die sehr

respektvoll und wertschätzend für das

Unternehmen und für die Kunden da sind.

Nach wie vor orientiert sich CEWE am

Leitbild des „ehrbaren Kaufmanns“. Verantwortungsvolles

Handeln im Sinne

von Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, Langfristigkeit,

Anstand, Integrität, Vertrauen

und Fleiß sind Werte, die gelebt werden.

Das Unternehmen handelt reflektierend

und vorausschauend und hat dabei die

Bedürfnisse der Kunden, Geschäftspartner,

Mitarbeiter und der Gesellschaft fest im

Blick – wohl wissend, dass die wichtigste

Währung Vertrauen und ein tadelloser

Ruf sind. Nachhaltiges Verhalten trägt

auch auf verschiedene Weise zum ökonomischen

Erfolg bei. Der Wirkungsmechanismus

von nachhaltigem Verhalten zu

ökonomischem Erfolg kann aus Einkaufsund

Materiallogistiksicht beispielsweise

folgende Ausprägungen haben:

• Lieferzuverlässigkeit zu erhöhen, indem

nachhaltige Unternehmen als Lieferanten

gewählt werden. Das sichert

eine dauerhafte Lieferfähigkeit auf gewünschtem

Qualitätsniveau, dadurch

zufriedene Kunden und am Ende nachhaltigen

Produktabsatz.

• Kosten zu senken durch den Verzicht

auf Materialien mit langen Transportwegen.

Dies verbessert zudem unseren

Carbon Footprint.

• Umwelt zu schonen durch den gezielten

Einsatz von nachhaltig bewirtschafteten

Materialien (FSC) oder recycelter Rohstoffe

im Bereich Verpackung.

Lieferantenmanagement

Nachhaltigkeit ist eine gesamtgesellschaftliche

Aufgabe und ein entscheidender

Faktor zum Erfolg. Aus diesem

Grund stellt CEWE auch in Bezug auf

Nachhaltigkeit hohe Anforderungen an

seine Lieferanten. Gemeinsam werden

im Beschaffungsprozess neben niedrigen

Kosten, ausgewiesener Prozesskompetenz,

langfristiger und stetiger Qualitätssicherung

auch ökologische und soziale

Aspekte berücksichtigt. Neben dem Einsatz

von neuen Materialien und Pro-

Qualitätscheck der eingesetzten Papiere.

42 globalcompact Deutschland 2018


dukten konnten auch Produktions- und

Prozessoptimierungen mit bestehenden

und neuen Lieferanten umgesetzt werden.

Im Bereich der Produktveredelung

wurden neue Digitaldruckpapiere und

Produktionstechnologien zur Erweiterung

des Produktsortiments und zur

Qualitätsverbesserung implementiert.

Transparente Zusammenarbeit

Das partnerschaftliche Verhältnis zu

den Lieferanten zeichnet sich durch

Offenheit, Transparenz und Ehrlichkeit

aus, um eine nachhaltige Zusammenarbeit

zu gewährleisten. Um ein besseres

Verständnis für die Bedeutung und

teilweise auch den Umsetzungsgrad der

vielfältigen Nachhaltigkeitsthemen entlang

der Lieferkette zu erhalten, wurde

in den letzten drei Jahren eine Lieferantenbefragung

mithilfe eines Nachhaltigkeitsfragebogens

durchgeführt.

Dabei werden insbesondere Aspekte zur

ökologischen, sozialen und gesellschaftlichen

Nachhaltigkeit thematisiert. Über

die vielfältigen Fragestellungen ergeben

sich interessante Einblicke in die Nachhaltigkeitsaktivitäten

der Lieferanten.

Lieferantenbeispiel:

Einer der Digitaldruckpapierproduzenten

von CEWE ist die UPM Nordland

Papier. Ökologische Gesichtspunkte

spielten bei der Entscheidung über eine

Zusammenarbeit eine große Rolle. CEWE

setzt grundsätzlich im Fotofinishing

nur Papiere aus verantwortungsvoll bewirtschafteten

Wäldern für die gesamte

Produktpalette ein. Alle europäischen

Papiere sind bereits seit Jahren FSC zertifiziert.

UPM fördert eine gute forstwirtschaftliche

Praxis und stellt sicher, dass

die Herkunft des verarbeiteten Holzes

vollständig kontrolliert wird.

Nachhaltige Lieferketten

In der Lieferkette werden die direkten

Lieferanten für Produktionsmaterial

betrachtet. Werden kritische Materialien

durch einen Händler beschafft, so kann

auch dessen Vorlieferant mitbetrachtet

und geprüft werden.

Als kritisches Material werden insbesondere

Produkte mit hohen Anforderungen

Schneekugelproduktion für CEWE in China

im Bereich Produktsicherheit und Produktqualität

eingestuft. Bei Lieferanten,

die gemäß den Amfori BSCI-Richtlinien

in als kritisch eingestuften Regionen

ansässig sind, überzeugt sich CEWE auch

persönlich


von den Bedingungen vor Ort.

So werden auch regelmäßig eigene Lieferantenaudits

mit den Themenbereichen

Qualität, Produktsicherheit und Social

Compliance (Verbot der Kinderarbeit,

hohe Arbeitssicherheit, aktiver Gesundheitsschutz)

bei bestehenden Lieferanten

und Vorlieferanten, beispielsweise in

Asien, durchgeführt.

Unsere regelmäßigen Audits bei

unseren Lieferanten, aber auch bei

deren Vorlieferanten in Asien sind

durch eine hohe Transparenz und

Offenheit geprägt. Ohne erkennbare

Einschränkungen werden Arbeitsbedingungen

und Produktionsprozesse

vom Wareneingang bis zum

Versand oder auch der Abfallentsorgung

gezeigt. Man ist ehrlich

interessiert an der Bewertung und

nimmt Kritik wertschätzend auf. Ich

habe schon oft erlebt, dass gerade

Verbesserungen im Bereich des

Arbeitsschutzes schon beim nächsten

Besuch erkennbar waren. Es

sind häufig die „Selbstverständlichkeiten“

wie das Tragen von Schutzhandschuhen

und der freie Zugang

zu Fluchtwegen, die durch eine

geänderte Sensibilität des lokalen

Managements für solche Themen zu

positiven Veränderungen führen.

Alf Meyer, Bereichsleiter Zentraleinkauf &

Materialwirtschaft

Lokaler Einkauf

CEWE stellt seine innovativen Produkte

in 12 Fertigungsstandorten in sechs

europäischen Ländern her. Diese

Produktionsstandorte werden zu über

90 Prozent mit Material von europäischen

Lieferanten versorgt. Dort, wo es möglich

ist, arbeitet CEWE mit lokalen Lieferanten.

Als lokale Beschaffung werden gelieferte

Produktionsmaterialien gewertet, deren

Lieferanten aus demselben Land stammen.

Im Jahr 2017 konnten bereits 54 Prozent

des Materials lokal beschafft werden.

Ziel ist es, auch zukünftig vermehrt Lieferanten

im lokalen Umfeld zu suchen,

um die wirtschaftliche Unterstützung

der Regionen im Umfeld der Produktionsstandorte

zu gewährleisten und

die CO 2

-Emissionen in der Lieferlogistik

zu verringern. Um der Verpflichtung

nachzukommen, Risiken langfristig zu

managen und zu minimieren, wird für

Produktionsmaterial stets eine Zwei- oder

Mehrlieferantenstrategie angestrebt.

Bedeutung der Nachhaltigkeit in

Zukunft

Bereits heute wird deutlich, dass das

Thema Nachhaltigkeit auch in der Beschaffung

sehr vielschichtig ist: Vom

Risikomanagement, dem Local Sourcing

über die Verwendung von umweltschonendem

Material, der nachhaltigen

Energiebeschaffung bis zur Compliance

ist Nachhaltigkeit stets präsent. Dabei

ist eine partnerschaftliche und stabile

Lieferantenbasis besonders wichtig, um

sich auch im Bereich einer nachhaltigen

Supply Chain weiterentwickeln zu

können.

globalcompact Deutschland 2018

43


GOOD PRACTICE

Mobilität in „Smart Cities“

Staus, Lärmbelästigung und eine hohe Umweltbelastung – insbesondere Großstädte müssen

sich aktuell vielen Herausforderungen stellen. Dazu nimmt die Digitalisierung enormen Einfluss

darauf, wie wir uns fortbewegen wollen. Mobilität soll sofort und jederzeit, also „on-demand“,

verfügbar sein und zu den eigenen Bedürfnissen passen. Gleichzeitig muss Mobilität vernetzt

und nachhaltig sein. Mit seinem Portfolio an Mobilitätsdiensten trägt Daimler schon heute dazu

bei, dass Städte ihren Personenverkehr intelligenter, flexibler, vernetzter und damit zukunftsfähiger

gestalten können.

Von Stephan Unger, Finanzvorstand Daimler Financial Services

Großstädte bieten viele Jobs, zahlreiche

Freizeitangebote und eine gute Infrastruktur.

Bis 2050 sollen laut den

Vereinten Nationen zwei Drittel der

Weltbevölkerung in Städten leben. Die

Folge: immer mehr Menschen zieht es

in Großstädte. Doch nicht nur Ballungsgebiete,

sondern auch die Automobilindustrie

befindet sich derzeit im Wandel.

Mobilität wird zunehmend als Service

konsumiert. Gefragt sind deswegen intelligente

und vernetzte Verkehrslösungen.

Das Konzept der „Smart Cities“ soll die

Lebensqualität der Stadtbewohner mit

einer Reihe digitaler Lösungen erhöhen.

In punkto Mobilität liegt der Fokus auf

einer Verbesserung der Verkehrslage

und Emissionen und auf der Verringerung

von Unfällen. Mobilitätsangebote

wie Carsharing, Mitfahrdienste oder

Smartphone-Apps können die städtische

Fortbewegung auf vielfache Weise zukunftsfähiger

machen. Sie tragen zum

Umweltschutz bei und verhelfen der

Elektromobilität zum Durchbruch.

Weniger Treibhausgase, mehr Komfort

So kann Carsharing zu einem geringeren

CO 2

-Austoß führen, da hier ältere Autos

durch neuere Fuhrparks mit niedrigeren

Emissionen ersetzt werden. Das belegt

eine Studie der Universität Berkeley in

Kalifornien. Die Wissenschaftler untersuchten

drei Jahre lang, wie sich Mobilitätssysteme

wie beispielsweise Daimlers

car2go in den kanadischen Metropolen

Calgary und Vancouver sowie den amerikanischen

Städten Seattle, San Diego

und Washington D.C. auf den urbanen

Verkehr und die Umweltbelastung auswirken.

Insgesamt nahm die Belastung

durch Treibhausgase in den fünf Metropolen

nach Berechnungen der Forscher

dadurch um bis zu 7.700 Tonnen pro

Jahr ab. Jedes Carsharing-Fahrzeug ersetzt

zudem im Schnitt sechs bis acht

private Fahrzeuge. Dabei verschwinden

vor allem alte Autos von den Straßen.

Doch auch Komfort und Einfachheit

stehen beim Carsharing weit oben. Es

bietet alle Vorteile eines Autos ohne es zu

besitzen: Parken, Tanken oder Aufladen

und Versicherung – alles inklusive. Abgerechnet

wird die Nutzung pro Minute.

Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs

Der öffentliche Personennahverkehr rundet

das Angebot an umweltfreundlichen

Transportarten ab. Noch sicherer wird

dieser mit dem Mercedes Benz Future Bus,

Daimlers halbautomatisiertem Stadtbus

mit CityPilot. Das Besondere: Den eingebauten

Kameras und Radarsystemen

entgeht nichts und der Fahrer wird entlastet.

Der ruhige und vorausschauende

Fahrstil verringert zudem die Abnutzung

inklusive einem geringeren Kraftstoffverbrauch

und weniger Emissionen.

Dennoch bleiben Lücken. Bus und Bahn

fahren zu bestimmten Uhrzeiten unregel-

44 globalcompact Deutschland 2018


mäßiger, die Strecken sind klar definiert.

Carsharing oder Taxifahrten stärken und

ergänzen den öffentlichen Nahverkehr.

Insbesondere für einkommensschwache

Gruppen waren Taxifahrten in der

Vergangenheit kaum erschwinglich. Mit

sogenannten Ride-Pooling-Lösungen wie

mytaximatch oder moovel on demand

können die Fahrten und ihre Kosten

inzwischen ebenfalls geteilt werden.

Auch die Anzahl der Fahrzeuge auf den

Straßen kann so verringert werden.

Fortbewegung nach Bedarf

Das Mobilitätsangebot verändert sich,

genauso wie unsere Ansprüche. Vor

allem jüngere Menschen legen Wert

auf Flexibilität. Manchmal ist das Auto

die beste Lösung, um von A nach B zu

kommen, ein anderes Mal ist es die

U-Bahn. Abhängig ist das von vielen

Faktoren: Zu welcher Tageszeit bin ich

unterwegs? Ist gerade Stau in der Stadt?

Habe ich Gepäck? Wie ist das Wetter?

Gefragt sind durchdachte und vernetzte

Anwendungen.

Multimodale Plattformen helfen dabei,

den besten und schnellsten Weg zu

finden. Die Daimler-App moovel zeigt

passende Angebote des öffentlichen Nahverkehrs,

von mytaxi, car2go, Nextbike

und der Deutschen Bahn. Die gewählte

Route inklusive aller genutzten Transportmittel

wird am Ende über die App

bezahlt.

Pilotprojekt für automatisiertes

Fahren

Daimler investiert außerdem intensiv in

autonomes Fahren und entsprechende

Flottenprojekte. 2019 wird in Kooperation

mit Bosch auf ausgewählten

Strecken im kalifornischen San José

ein Shuttle-Service mit automatisierten

Fahrzeugen getestet. Mit der Technologie

kann die Zeit im Fahrzeug bestmöglich

genutzt werden und Menschen ohne

Führerschein bekommen eine neue

Möglichkeit mobil zu sein.

Das Pilotprojekt soll zudem zeigen, dass

Mobilitätsservices wie Carsharing, Taxidienste

und multimodale Plattformen

intelligent verbunden und gesteuert werden

können. Das Fahrzeug kommt zum

Fahrer, nicht der Fahrer zum Fahrzeug.

Innerhalb eines festgelegten Stadtgebiets

werden sich Nutzer per Smartphone

bequem ein Carsharing-Auto oder einen

Wagen ordern können.

Selbstlernende IT-Infrastruktur

Einen Schritt weiter geht Daimlers Vision

„Urbanetic“. Dabei handelt es sich um

ein Mobilitätskonzept, das konsequent

auf die tatsächlichen Bedarfe sowie Effizienz

und Nachhaltigkeit ausgelegt ist.

Herzstück ist ein autonom fahrendes,

elektrisch betriebenes Chassis, das je

nach Einsatz unterschiedlich ausgerüstet

werden kann. Frühmorgens und

am späteren Nachmittag im Berufsverkehr

kann die Flotte verstärkt mit dem

People-Mover-Modul bestückt werden.

In anderen Zeiten wird das System mit

Cargo-Modul mehrheitlich für den Warentransport

genutzt.

Das Fahrzeug ist darüber hinaus in eine

intelligente, selbstlernende IT-Infrastruktur

integriert. Sie analysiert in Echtzeit,

welche Art von Transportsystem gerade

benötigt wird und passt die Routen permanent

an.

Die Herausforderungen

Eine smarte Stadt besteht allerdings

nicht allein aus flexiblen Verkehrslösungen.

Es umfasst ebenso intelligente

Wohn- und Energiekonzepte, das Verwaltungswesen

und noch viele weitere

Bereiche. Die Vernetzung aller Systeme

erfordert unter anderem stabile Datennetze,

Ladeinfrastrukturen oder alternative

Energien. Darüber hinaus muss

definiert werden, welche Daten zu erfassen,

zu analysieren, zu schützen und

zu speichern sind oder wie Smart City

Projekte insgesamt gemanagt werden

sollen. Der Investitionsbedarf ist hoch,

aber sinnvoll.

Daimler ist von der Idee der „Smart Cities“

überzeugt und gestaltet sie aktiv mit.

Mit seinen Mobilitätsdiensten leistet

der Konzern nicht nur einen wertvollen

Beitrag zu einem durchdachten und

komfortablen Städtekonzept, sondern

unterstützt gleichzeitig die Umsetzung

der UN-Nachhaltigkeitsziele. Der Erfolg

des Wandels hängt jedoch nicht nur von

der Automobilindustrie ab. Gefragt sind

alle Akteure – Politik, Wirtschaft und

Bürger.

globalcompact Deutschland 2018

45


GOOD PRACTICE

DAW: Ausgezeichneter

Klimaschutz

Die DAW SE legt traditionell großen Wert auf die Umweltfreundlichkeit und Langlebigkeit von

Produkten. Dazu gehört auch eine konsistente Klimaschutzstrategie. Für ihre nachhaltige

Geschäfts- und Produktphilosophie erhielt DAW zahlreiche Auszeichnungen und platzierte sich

unter die Top 3 des Deutschen Nachhaltigkeitspreises 2018.

Von Bettina Klump-Bickert, Head of Sustainability,

DAW

Der Klimawandel stellt für Unternehmen

weltweit eine der größten Herausforderungen

dar. Das gilt insbesondere für die

Bau- und Immobilienbranche, die für

über ein Drittel der weltweiten Treibhausgasemissionen

(ausgewiesen als

CO 2

-Equivalente) verantwortlich ist. Die

Folgen, die der steigende CO 2

-Ausstoß

und die damit verbundene Erderwärmung

haben, bekommen wir bereits

heute zu spüren. Um die wachsenden

Risiken für kommende Generationen zu

begrenzen, hat sich die internationale

Staatengemeinschaft bei der Klimakonferenz

2015 in Paris auf das „Zwei-Grad-

Ziel“ geeinigt. Auch die im selben Jahr beschlossene

„Agenda 2030 für nachhaltige

Entwicklung“ der Vereinten Nationen

greift die Bekämpfung des Klimawandels

und seiner Auswirkungen als eines

von 17 Zielen (Sustainable Development

Goals, SDGs) auf.

Seitdem haben sich viele Unternehmen

auf den Weg gemacht, diese Ziele in

konkrete Maßnahmen zu übersetzen.

Dazu zählt auch die DAW: Als Familienunternehmen

in fünfter Generation

fühlen wir uns einer nachhaltigen Entwicklung

besonders verpflichtet. Als

drittgrößter Produzent von Baufarben in

Europa möchten wir dazu beitragen, den

Klimaschutz beim Bauen und Wohnen

voranzutreiben. Denn der Schutz des

Klimas mit Verwirklichung des Zwei-

Grad-Ziels sehen wir als eine der größten

Herausforderungen unserer Zeit, die die

DAW ambitioniert begleiten möchte.

Leindotter in Blüte

Hanfanbau für Wärmedämmung

Produkte für den Klimaschutz

Die Sicherheit und das Wohlergehen

von Mensch und Natur sind für die DAW

kein neues Thema. Das gilt auf Seiten der

Produkte wie auch seitens der Produktion.

So setzt die „Capa Geo“-Produktlinie

bewusst auf erneuerbare, biogene Stoffe

und spart beispielsweise im 12,5 Liter

Gebinde IndekoGeo drei Liter fossile

Rohstoffe ein. Mit Holzveredelungsprodukten

auf Basis Leindotter trägt

die DAW mit dazu bei, die biologische

Vielfalt zu stärken. Positive Schlagzeilen

macht seit Jahren auch die Hanfdämmung.

Sie besteht aus dem natürlichen

Rohstoffen Hanf, der bereits während

des Wachstums CO 2

bindet.

Klimastrategie erfolgreich

implementiert

Neben den Produkten zahlt auch das

interne Energiemanagement auf die

Klimaschutzstrategie des Unternehmens

ein. 2013 war die DAW das erste Unternehmen

der Branche, das sich im Bereich

Energiemanagement nach ISO 50001 zertifizieren

ließ. Durch Maßnahmen wie

die Einführung einer Gebäudeleittechnik,

46 globalcompact Deutschland 2018


die Installation von Wärmerückgewinnungsanlagen

sowie die konsequente

Umstellung auf LED-Beleuchtung konnte

die DAW innerhalb von vier Jahren 18

Prozent Energie einsparen. Ziel ist es,

den Energieverbrauch für die Produktionsstandorte

in Deutschland bis 2025

um weitere 15 Prozent im Vergleich zu

2015 verringern.

Ein weiterer Meilenstein in Sachen

CO 2

-Reduktion und Klimaschutz war

in 2017 die Klimaneutralstellung der

Produktion und Verwaltung an den

deutschen Standorten. Dabei wurde die

Stromversorgung auf Ökostrom umgestellt

und nicht vermeidbare Emissionen

wie für das Heizen, über den Kauf von

Emissionszertifikaten nach dem „Gold

Standard“ ausgeglichen.

Für ihre nachhaltige Unternehmensausrichtung

erhielt die DAW zahlreiche

Auszeichnungen:

Deutscher Nachhaltigkeitspreis 2018

Hier erreichte die DAW die Top 3 Platzierung

in der Kategorie „Mittelgroße

Unternehmen“. Die Jury begründete die

Platzierung wie folgt: „Die DAW zeigt als

Innovationstreiber vorbildlich, wie Nachhaltigkeit

als Ziel das unternehmerische

Handeln bestimmt und mit einem breiten

Angebot ökologischer Produkte auch

seine Kunden zum Umdenken bewegt.“

Neben der Produktentwicklung würdigte

der Preis auch die klimaneutrale Produktion

an den deutschen Standorten, die

stetige Reduzierung der Emissionen sowie

das Engagement für Mitarbeiter und

Gesellschaft, mit denen die DAW einen

Beitrag für ein nachhaltiges Wirtschaften

leistet. „Die Platzierung unter den Top 3

des Deutschen Nachhaltigkeitspreises ist

für uns als Familienunternehmen eine

große Freude und gleichzeitig Ansporn,

weiterhin positive Beiträge zur Wirtschaftlichkeit,

zum Umweltschutz und

für das Wohlbefinden der Menschen zu

leisten“, so Dr. Ralf Murjahn, geschäftsführender

Direktor (CEO).

Innovation als Wettbewerbsvorteil

mit dem Rating „A“ ausgezeichnet. Unternehmen

mit dieser Auszeichnung setzen

Maßstäbe, sagte der wissenschaftliche

Leiter der Studie, Prof. Dr. Nikolaus Franke

von der Wirtschaftsuniversität Wien.

Besonders überzeugen konnte die DAW

u.a. mit der Organisation ihrer Prozesse,

dem Innovationsklima und den Innovationserfolgen.

„Unsere Innovationskraft

zählt jetzt erwiesenermaßen zum Besten,

was der deutsche Mittelstand zu bieten

hat. Das stärkt unsere Glaubwürdigkeit

und schafft Vertrauen bei Mitarbeitern,

Partnern und natürlich Kunden“, so Dr.

Christoph Hahner, geschäftsführender

Direktor F&E / Innovation.

DAW zählt zu den Top-Arbeitgebern

in Deutschland

Als Voraussetzung für jegliche Form von

Innovation sieht die DAW eine gelebte

Innovationskultur, die das gesamte Unternehmen

einschließt. Deshalb bietet

das Unternehmen seinen Mitarbeitern

vielfältige Möglichkeiten, sich mit ihren

Ideen einzubringen und sich weiterzuentwickeln.

Dieses Engagement für ihre

Beschäftigten spiegelt sich auch in der

Platzierung der DAW in einem aktuellen

Ranking wider, das Focus-Business in

Zusammenarbeit mit Xing und kununu.

com durchgeführte. Demnach zählt die

DAW zu den 1.000 beliebtesten Arbeitgebern

des Landes.

Responsible Care-Wettbewerb

Hier wurde die DAW mit dem ersten

Platz für das Projekt „Nachhaltigkeitsdatenblatt“

(NDP) und für die Beteiligung

an dem Projekt „PEF“ (Product-Environmental-Footprint)

der europäischen

Kommission ausgezeichnet. Das NDP

wurde von der DAW im Jahr 2012 zur

Fachmesse „Farbe – Ausbau & Fassade“

präsentiert und ist inzwischen zum Branchenstandard

geworden. Es erleichtert

Planern und Fachhandwerkern die Suche

nach produktspezifischen Informationen,

die für die bekanntesten Gebäude-

Zertifizierungssysteme DGNB, LEED und

BREEAM benötigt werden. Mit dem PEF

hat die DAW gemeinsam mit weiteren

Partnern einen neuen Standard für die

Berechnung und verbraucherfreundliche

Kommunikation von Umwelteinwirkungen

von Farben und Lacken über den

Lebenszyklus entwickelt.

Neue DAW Firmenzentrale Ober-Ramstadt

Im Rahmen des Wettbewerbs „TOP 100“

wurde die DAW als eine der innovativsten

Firmen des deutschen Mittelstands

Von links: Dr. Christoph Hahner, Karin Laberenz, Bettina Klump-Bickert, Björn Schön

globalcompact Deutschland 2018

47


GOOD PRACTICE

Menschenrechtliche

Sorgfaltspflicht bei der

Deutschen Telekom

Gesellschaftliche Unternehmensverantwortung kann nur gemeinsam mit den Mitarbeitern

eines Unternehmens gelingen. Von besonderer Bedeutung ist dabei das Commitment der

Unternehmensführung. Im Alltag muss CSR aber auch gelebt werden. Das erfordert neben

Vorbildern auch das nötige Wissen.

Von Melanie Kubin-Hardewig, Group Sustainability

Management, Deutsche Telekom

Mitarbeiter müssen zu den wichtigsten

Themen geschult und sensibilisiert

werden. Jedem Mitarbeiter sollte klar

sein, welchen Beitrag er zur Reduzierung

des Carbon Footprint leisten kann,

und er sollte erkennen können, wenn

grundlegende Menschenrechte in seiner

unmittelbaren Umgebung oder in seinem

Tätigkeitsbereich gefährdet sind. Für die

Deutsche Telekom ist die Einbindung der

Mitarbeiter essentieller Bestandteil des

Nachhaltigkeitsengagements. „Wir sind

auf den ersten Blick vielleicht kein ‚klassisch

grünes‘ Unternehmen“, sagte Timotheus

Höttges, Vorstandsvorsitzender der

Deutschen Telekom, bei der Verleihung

des Deutschen Nachhaltigkeitspreises

2017. „Aber wir nehmen Nachhaltigkeit

sehr ernst.“

Im Rahmen ihrer Nachhaltigkeitsberichterstattung

ermittelt die Deutsche

Telekom mit einem eigenen KPI die

Befürwortung der Mitarbeiter zum CR-

Engagement. Die letzten veröffentlichten

Zahlen aus dem Jahr 2015 zeigen mit

78 Prozent hohe Zustimmungswerte,

sowohl für die Bewertung als auch für

die persönliche Identifikation mit dem

CR-Engagement.

Zudem wird im jährlich abgefragten

und veröffentlichten Sozialbericht die

Einhaltung des „Menschenrechtskodex

& Soziale Grundsätze“ überprüft. 121

vollkonsolidierte Gesellschaften aus dem

gesamten Konzern haben für den aktuellen

Bericht über das Geschäftsjahr 2017

die vollständige Einhaltung gemeldet.

Basis für die Menschenrechtspolitik der

Deutschen Telekom sind die UN-Leitprinzipien

für Wirtschaft und Menschenrechte

aus dem Jahr 2011. Sie bilden die

Grundlage für die im „Menschenrechtskodex

& Soziale Grundsätze“ verankerte

Sorgfaltspflicht sowie den für Lieferanten

spezifischen Supplier Code of Conduct.

Die CSR Richtlinie (CSR RUG) und der Nationale

Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte

(NAP) sind neue rechtliche

Anforderungen, die eine Auseinandersetzung

mit dem Thema Menschenrechte

erforderlich machen, hinzu kommen

die Erwartungen unterschiedlicher Stakeholder.

Um das Thema aber in die Unternehmenskultur

zu integrieren, ist die Einbindung

der Mitarbeiter unerlässlich. Zur

Förderung von Sensibilität und Bewusstsein

für menschenrechtliche Risiken und

Verstöße wurde deshalb ein spezielles

Training für alle Mitarbeiter konzipiert.

Damit schult die Deutsche Telekom weltweit

alle 216.000 Mitarbeiter zum Themenbereich

Menschenrechte. „Wir haben

im Januar mit dem weltweiten Rollout

begonnen“, sagt Yvonne Hommes, die

im Konzern für die interne Einhaltung

der Menschenrechte zuständig ist.

Das als E-Learning angelegte Trainingsprogramm

steht konzernweit zur Verfügung.

Man habe sich bewusst für ein

breites Bildungsangebot entschieden, an

dem alle Mitarbeiter teilnehmen können,

erläutert Hommes. Kulturelle Besonderheiten

und nationale Gesetzgebungen

werden dabei berücksichtigt. „Grundsätzlich

gilt unser Menschenrechtskodex

& Soziale Grundsätze aber weltweit“, so

Yvonne Hommes weiter.

Seit einigen Jahren untersucht das Team

neben den lang etablierten formalen

Audits in der Lieferkette auch gezielt die

Situation in den eigenen lokalen Einheiten

der DTAG rund um den Globus. Mit

den vorhandenen Prozessen und den

Ergebnissen war man in Bonn weitestgehend

zufrieden. Gemeinsam erarbeitete

Maßnahmenpläne und deren Umsetzung

sorgen für stetige Verbesserung. „Dabei

fiel uns allerdings auch auf, dass der

Begriff der „Menschenrechte“ als solches

48 globalcompact Deutschland 2018


Beispiele aus dem E-Learning-Programm

Menschenrechte“: Mit einfachen Inhalten

sollen die Mitarbeiter für menschenrechtliche

Risiken sensibilisiert werden.

Szenario 1 Information

Hier geht es um die folgenden

Menschenrechtsanliegen:

• Arbeitsbedingungen

• Recht auf Privatleben

• Mögliche Diskriminierung aufgrund

des Geschlechts

Unsere Konzernrichtlinie zu Employee

Relations befasst sich mit den wichtigsten

Elementen der Personalpolitik der Deutschen

Telekom. Eines davon ist ein gesundes

Gleichgewicht zwischen Beruf und

Privatleben.

Andere Personenkreise, deren

Menschenrechte möglicherweise betroffen

sein könnten

Die Aktivitäten eines Unternehmens können

sich nicht nur auf die Menschenrechte seiner

Mitarbeiter auswirken.

Kunden, Kommunen und Arbeiter in

Lieferketten können ebenfalls betroffen sein.

In den Kästen links finden Sie Beispiele für

negative Auswirkungen auf die

Menschenrechte anderer Personenkreise.

Probleme ansprechen

Wenn Sie Bedenken oder Fragen hinsichtlich

Ihrer eigenen Menschenrechte oder der

Menschenrechte anderer Personen im

System der Deutschen Telekom haben,

sollten Sie sich an Ihren direkten

Vorgesetzten wenden und/oder eine E-Mail

an die Kontaktstelle für Menschenrechte

senden: humanrights@telekom.de.

Die Adresse finden Sie im Bereich

Menschenrechte der DT-Website.

Sie können auch mit dem Hinweisgeberportal

„Tell me!“ Kontakt aufnehmen.

von Mitarbeitern aber auch Führungskräften

häufig nur mit Missständen in

fernen Ländern in Asien oder Afrika in

Verbindung gebracht wird“, erinnert sich

Yvonne Hommes. „Ziel muss es sein, die

Achtung der Menschenrechte in die Unternehmenskultur

zu integrieren und nicht

nur als Thema im Einkauf zu begreifen“,

führt sie weiter aus. „Jeder Mitarbeiter

sollte verstehen, welchen Einfluß und

welche Verantwortung die Deutsche

Telekom insgesamt hat“, so Hommes,

„aber auch was Menschenrechte für die

unmittelbare Umgebung bedeuten, und

was zu tun ist, um diese einzuhalten.“

Im Nachgang entstand daher die Idee,

das Thema Menschenrechte für die gesamte

Belegschaft aufzubereiten. Ziel ist

die Sensibilisierung aller Mitarbeiter zu

Menschenrechtsthemen, vor allem auch

in ihrer unmittelbaren Umgebung und

ihrem Tätigkeitsbereich.

Das E-Learning führt anhand von Szenarien

um Diskriminierung, Arbeitszeitbelastung

bis hin zur sexuellen Belästigung

am Arbeitsplatz in das Thema ein.

Regelmäßige flankierende interne Kommunikationskampagnen

zum Thema

Menschenrechte sorgen für eine rege

Teilnahme. Hommes: „Den tatsächlichen

Erfolg können wir Ende des Jahres auswerten

und dann eventuell notwendige

Anpassungen vornehmen.“

Neben dem Erkennen von Risiken sollen

die Mitarbeiter auch lernen, wie sie sich

verhalten können, wenn ihnen Verstöße

begegnen. „Dafür haben wir ein spezielles

Postfach eingerichtet“, so Yvonne

Hommes. Dort eingehende Anliegen

werden zunächst einem Plausibilitätstest

unterzogen und dann mit den geeigneten

Ansprechpartnern und Fachabteilungen

bearbeitet. Hommes: „Jeder Mitarbeiter

kann sich sicher sein, dass wir sein

Anliegen bis zu einer abschließenden

Klärung bearbeiten werden.“

globalcompact Deutschland 2018

49


GOOD PRACTICE

Smart trifft Power:

Das neue Energiesystem

für die Stadt

Gemeinsam Energie nutzen,

die Umwelt schonen und

Kosten sparen. E.ON will mit

seiner neuen Technologie

ectogrid das urbane

Wärme-, Kälte- und Stromnetz

revolutionieren. Die

Innovation ermöglicht den

Kunden, gegenseitig Wärmeund

Kälteenergie ihrer

Gebäude zu nutzen. Dadurch

sinkt der Bedarf an benötigter

Energie erheblich. ectogrid

ist ein Beitrag, die Urbanisierung

der Zukunft nachhaltig

zu gestalten und den Klimawandel

zu bekämpfen.

Von Helen Carlström, Senior Innovation Manager

bei ectogrid, E.ON

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung

lebt heute in Städten. Tendenz steigend.

Im urbanen Alltag wird viel Energie

benötigt. Die stammt oft aus der Verbrennung

fossiler Rohstoffe. Deshalb

verursachen Städte heute 70 Prozent

der globalen Treibhausgase und sind zu

einem wichtigen Klimafaktor geworden.

Neue Energielösungen müssen genau

dieses Problem aufgreifen, um die urbane

Umweltverschmutzung zu reduzieren

und den Menschen ein gesundes Leben

in der Stadt zu bieten. „Unsere Energiesysteme

sind so konzipiert, dass sie jeweils

nur eine Funktion zur selben Zeit erfüllen

können. Durch einen integrierten Ansatz

ist es aber möglich, ein viel effizienteres

Energiesystem zu entwickeln“, sagt Dr.

Per Rosén, der ectogrid erfunden hat.

„Ein Gebäude, das Energie zum Heizen

benötigt, produziert gleichzeitig einen

kalten Energiestrom und umgekehrt.

ectogrid verbindet diese thermischen

Energieströme und hilft den Nutzern

gegenseitig voneinander zu profitieren.“

Das Ergebnis: Durch das gemeinsame

Nutzen thermischer Energie reduzieren

sich die Umweltauswirkungen beider

Gebäude und ihre Energiekosten sinken.

Eine intelligente Energielösung für

die Stadt

ectogrid ist für moderne Städte konzipiert

und wurde von schwedischen

Fernwärme-Spezialisten und Experten

für Wärmepumpen entwickelt. Die

Smart Grid Technologie sorgt für die

Interaktion im Netz. Dabei nutzt das

Energiesystem jene thermalen Energieströme,

die in modernen Städten täglich

durch unser Handeln entstehen.

Mit Hilfe eines hocheffizienten kalten

Nahwärmenetzes verbindet es verschiedene

Häuser innerhalb einer Stadt oder

eines Quartiers, sammelt überschüssige

Wärmeenergie und gleicht diese selbständig

zwischen den Gebäuden aus. Auch

eine gesamte Stadt kann theoretisch in

das Energiesystem integriert werden.

Das smarte Cloudsystem nutzt darüber

hinaus Algorithmen und Datenanalysen

über Verbraucherverhalten, Jahreszeiten,

Wetter oder Energiepreise, um die Energieverteilung

und -speicherung optimal

zu steuern.

Die im Netz verbundenen Häuser verwenden

Wärmepumpen und Kältemaschinen,

die je nach Bedarf der Gebäude

genutzt werden: Die Abwärme der Kälteanlagen

dient zum Heizen und die

Abkälte der Wärmepumpen zum Kühlen.

In Verbindung mit Verteilnetzen und

Speichern im Erdreich entsteht eine Art

thermische Batterie, die den Kälte- und

Wärmebedarf der angeschlossenen Gebäude

intelligent ausbalanciert. Da das

System mit derselben niedrigen Temperatur

arbeitet wie seine Umgebung, geht

kaum Energie bei der Verteilung nach

außen verloren. Es benötigt nur dann

externe Energie, wenn das Potenzial der

thermischen Energieströme erschöpft

ist. Entstehen Energieüberschüsse oder

wird der Strom dringend für andere

Zwecke benötigt – etwa zum Aufladen

elektrischer Fahrzeuge – passt ectogrid

50 globalcompact Deutschland 2018


selbständig die Systemtemperatur an

den Bedarf an. ectogrid kann außerdem

als hybride Lösung in bestehende

Energiesysteme wie Erdgasnetze oder

Fernwärme integriert werden: „Durch

ectogrid ist es möglich, sowohl die

Verschmutzung als auch den Energieverbrauch

in Städten drastisch zu senken.

Damit bekämpfen wir den Klimawandel

und transformieren gleichzeitig den

urbanen Energiemarkt“, erklärt Fredrik

Rosenqvist, Head of Innovation, E.ON

Sweden, und Miterfinder des neuen

Energiesystems.

Leuchtturmprojekt in Schweden

Von diesem Anspruch waren auch die

Betreiber des Medicon Village in Lund

begeistert. Hier wird das erste ectogrid

der Welt installiert. Über 1.600 Menschen

in 120 Organisationen arbeiten in

dem schwedischen Wissenschaftspark.

Innovation und Forschung im Bereich

Life Science ist ihr tägliches Geschäft.

Jeder erwirtschaftete Überschuss wird

in weitere Forschungs- und Innovationsvorhaben

reinvestiert. Das gilt auch

für das Geld, das die Betreiber durch

die neue Lösung von E.ON einsparen.

Bis 2020 dauern die unterschiedlichen

Konstruktionsphasen im Medicon

Village; insgesamt soll das Energiesystem

zwölf Gebäude integrieren: „Für uns und

unsere Mieter ist es wichtig, dass der ökologische

Fußabdruck unserer Tätigkeiten

so niedrig wie möglich ist. ectogrid ist

eine Innovation, die das widerspiegelt,

was wir sein wollen – ein nachhaltiger

und innovativer Forschungs- und Wissenschaftspark“,

sagt Mats Leifland, CEO

von Medicon Village.

SDGs im Fokus

Die Energiebranche nachhaltig umzugestalten,

ist das erklärte Ziel von E.ON.

Im Sommer 2017 hat E.ON sich in seinem

aktuellen Commitment zur guten

Unternehmensführung ausdrücklich zu

den Nachhaltigen Entwicklungszielen

der Vereinten Nationen bekannt. Dabei

fokussiert sich das Unternehmen im

Wesentlichen auf SDG 7 „Bezahlbare und

saubere Energie“, SDG 13 „Maßnahmen

zum Klimaschutz“ und SDG 11 „Nachhaltige

Städte und Gemeinden“. „Die

UN-Ziele für Nachhaltigkeit sind mir und

meinen Kollegen im E.ON-Vorstand ein

persönliches Anliegen. Verantwortung

für unsere Kunden und Mitarbeiter, für

Umwelt und Klima sowie die Gesellschaft

steht immer schon im Mittelpunkt

unserer Unternehmensführung“, sagt

Leonhard Birnbaum, E.ON-Vorstand für

Nachhaltigkeit. „Unser Geschäft soll das

Leben der Menschen verbessern. Als

Energieunternehmen können wir insbesondere

zu einer Verbesserung von

Umwelt- und Klimaschutz beitragen.“

Energielösungen

für Morgen

ectogrid ist ein Beispiel dafür, wie

E.ON die Energiewelt der Zukunft

innovativ mitgestaltet. Dabei stehen

die Ansprüche der Kunden im

Fokus der Unternehmensstrategie.

Lohnt es sich, Energie selbst zu

erzeugen? Wie kann man Strom

einsparen oder speichern? „Unsere

Kunden denken heute schon an

Morgen und Übermorgen. Um

ihnen bestmögliche Lösungen

anbieten zu können, setzen wir uns

kontinuierlich mit Megatrends und

technologischen Entwicklungen

auseinander“, sagt Dr. Johannes

Teyssen, CEO von E.ON. „Schon

lange geht es nicht mehr um

einzelne Schlüsseltechnologien,

sondern um die intelligente

Kombination von Software, Strom,

Wärme und Mobilität zu einem

digitalen Ecosystem.“

globalcompact Deutschland 2018

51


GOOD PRACTICE

Evonik macht Lachse zu

Vegetariern

Die heutige Weltbevölkerung verzehrt Fisch in nie gekanntem Ausmaß. Als lebenswichtige

Quelle von Nährstoffen spielt dieser eine sehr wichtige Rolle in der Ernährung besonders

ärmerer Teile der Bevölkerung. Diese menschliche Abhängigkeit von Fisch belastet aber die

Wildfischbestände erheblich. Betroffen sind nicht nur das Gleichgewicht des Lebens in den

Ozeanen, sondern auch das soziale und wirtschaftliche Wohlergehen von Millionen Menschen,

deren Lebensunterhalt vom Fisch abhängen.

Von Hannelore Gantzer und Dr. Detlef Männig,

Corporate Responsibility, Evonik

Weltweit steigende Nachfrage nach

Fischprodukten

Die Menschen essen immer mehr Fisch

und Krustentiere. Fischprodukte gelten

als eiweißreich und gesund: Wer statt

rotem Fleisch öfter Fisch isst, verbessert

seine Gesundheit und verringert die

Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen

sowie Krebs. Rund 171 Millionen

Tonnen Fisch wurden 2016 weltweit

produziert, schätzt die Welternährungsorganisation

FAO. Und der Bedarf steigt:

Um eine wachsende Weltbevölkerung

zu ernähren, werden bis 2030 weitere

30 Millionen Tonnen benötigt.

Die Überfischung der Meere und ein seit

den 1980er Jahren stagnierender Wildfischfang

erfordern es, den zusätzlichen

Bedarf aus Aquakulturen zu decken, so

die FAO. Bereits heute entfallen darauf

fast 50 Prozent der globalen Fischproduktion,

Tendenz steigend.

Eine besondere Herausforderung in der

Aquakultur bleibt die Fütterung: In der

Fischzucht werden jährlich rund 16 Millionen

Tonnen Fischmehl und Fischöl aus

Wildfang eingesetzt. Das verschärft die

Situation für die überfischten Bestände

zusätzlich. Und genau da kommen die

Wissenschaftler von Evonik ins Spiel. Sie

ersetzen das aus Wildfang gewonnene

Fischmehl und Fischöl durch ökologisch

bessere Alternativen.

Evonik für nachhaltige Aquakultur

Als weltweit führender Anbieter von

Aminosäuren und Aminosäurederivaten

für die moderne Tierernährung ist

Evonik stolz auf den Beitrag, den das

Unternehmen zu verbesserter Umweltverträglichkeit

und Erhaltung der Biodiversität

leistet. Was sich so einfach

anhört, ist in Wirklichkeit ziemlich

kniffelig. Denn viele Fische und Krustentiere

sind zunächst einmal Fleisch- oder

Allesfresser. Essenzielle Aminosäuren,

die sie für ihr Wachstum zwingend

benötigen, beziehen sie größtenteils aus

tierischen Proteinquellen. Eine Umstellung

auf Soja oder andere pflanzliche

Eiweiße allein wäre keine Lösung. Die

Tiere könnten ihre Nahrung nicht optimal

verwerten, müssten insgesamt

mehr Eiweiß aufnehmen und würden

entsprechend mehr Abbauprodukte

ungenutzt ausscheiden. So würden Futterressourcen

verschwendet und das

Wasser zusätzlich belastet (Widerspruch

zu Subziel 14.1).

In Regionen, in denen Aquakultur nach

dem neusten Stand der Technik betrieben

wird, können Umweltbelastungen

– wie der Einsatz von Antibiotika oder

die Überdüngung des Wassers durch

Futterreste und Kot – deutlich verringert

werden. Dazu leisten gezielte Impfungen

ebenso einen Beitrag wie verbessertes

Futter oder effizientere Fütterungsmethoden.

52 globalcompact Deutschland 2018


Aminosäuren und Aminosäurederivate,

die Evonik speziell für die Fischzucht

entwickelt hat, machen es möglich,

künftig weitgehend auf den Einsatz

von Fischmehl oder -öl zu verzichten.

Mit MetAMINO® und DL-Methionine for

Aquaculture TM bietet Evonik Proteinquellen

insbesondere für Salmoniden (Lachse,

Forellen) an. Durch die gezielte Zugabe

werden vegetarische Futterquellen so

verbessert, dass diese Tiere auch die

pflanzlichen Eiweiße optimal nutzen

können. Erfolgsbeispiel Lachs: 2008

mussten dessen Futter noch rund 40

Prozent Fischmehl beigemischt werden,

was die Erreichung des Subziels 14.4 erschwert.

Heute sind es durchschnittlich

nur noch 10 bis 15 Prozent.

Nachhaltige Ernährung von

Garnelen

Über die Zeit hat Evonik seine Forschungsarbeit

von den Salmoniden auf

die nachhaltige Zucht von Garnelen

und Krustentieren ausgeweitet. Die

Herausforderung dabei: Diese haben

ein völlig anderes Fressverhalten und

Verdauungssystem als Fische. Während

der Raubfisch Lachs sein Futter

schnappt, sobald es in das Wasser eintritt,

fressen Garnelen sehr langsam am

Gewässergrund. Stark wasserlösliche

Komponenten werden deshalb aus dem

Futterpellet ausgewaschen, bevor sie

von der Garnele aufgenommen werden

können (Widerspruch zu Subziel 14.1).

Außerdem muss das Methionin genau

dann zur Verfügung stehen, wenn die

in der Proteinverdauung freigesetzten

Aminosäuren anfallen.

Evonik ist es gelungen, diese Anforderung

der richtigen Mengen zum richtigen

Zeitpunkt zu knacken. Dazu kommt ein

schwer wasserlösliches Dipeptid zum Einsatz,

das aus zwei Methioninmolekülen

besteht. Dieses muss im Organismus der

Garnele zunächst aufgespalten werden,

wodurch das Methionin zusammen mit

anderen Verdauungsprodukten für die

Proteinsynthese genutzt wird. Der Einsatz

des Dipeptids AQUAVI® Met-Met hat

neben dem niedrigeren Verbrauch an

Fischmehl weitere Vorteile: Er senkt die

Futterkosten und trägt zu verbesserter

Wasserreinheit bei. Ergebnis sind gesündere

Garnelen und geringere Umweltbelastungen.

Die erste Produktionsanlage

für AQUAVI® Met-Met ging im Jahr 2016

am Evonik-Standort Antwerpen (Belgien)

in Betrieb.

Biotechnologische Herstellung von

Fischfutter schont marine Rohstoffe

Ein weiterer Schritt der Evonik-Forscher

war es, den Einsatz von Fischöl im Futter

vollständig zu ersetzen, mit Fokus auf die

Omega-3-Fettsäuren EPA (Eicosapentaensäure)

und DHA (Docosahexaensäure).

Dazu brachten Evonik und die niederländische

DSM ihre sich ergänzenden

Kompetenzen in eine Entwicklungspartnerschaft

ein. DSM hat große Erfahrung

in der Kultivierung mariner Organismen

und im Bereich der Biotechnologie, Evonik

in der industriellen Produktion von

Aminosäuren in großvolumigen Fermentationsprozessen.

In dieser Partnerschaft werden Omega-

3-Fettsäuren auf nachhaltige Weise biotechnologisch

produziert – mit Hilfe

von Meeresalgen (siehe Bild oben Mitte).

Konkret: 1 kg des Algenöls ersetzt bis

zu 60 kg Wildfang. Das ermöglicht es,

die wachsenden Mengen in der Zucht

einzulösen, ohne dadurch Fischbestände

und Artenvielfalt der Meere zusätzlich

zu gefährden (Subziel 14.4).

Die Herstellung der algenbasierten Omega-3-Fettsäuren

haben DSM und Evonik

in dem neuen Unternehmen Veramaris

V.O.F. gebündelt. An dem Joint Venture,

das seinen Sitz auf dem DSM Biotech Campus

in Delft (Niederlande) hat, sind beide

Partner zu jeweils 50 Prozent beteiligt.

Der Bau einer ersten Produktionsanlage

am Standort Blair (Nebraska, USA) hat

bereits begonnen und kommt planmäßig

voran. Das Investment liegt bei rund 200

Millionen US-$. Kommerzielle Mengen des

Algenöls werden von 2019 an erhältlich

sein. Die jährliche Produktionskapazität

soll anfangs etwa 15 Prozent der aktuellen

Jahresnachfrage nach EPA und DHA in

der gesamten Lachszuchtindustrie decken.

Auf diese Weise leistet Veramaris einen

nachhaltigen Beitrag, die Lücke zwischen

Angebot und Nachfrage nach Omega-

3-Fettsäuren zu schließen.

globalcompact Deutschland 2018

53


GOOD PRACTICE

EY übernimmt wichtige Rolle

im Austausch zwischen

Wirtschaft und Politik

Die Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen sollen politischen

Akteuren und Unternehmen als Orientierungshilfe im Dickicht der Herausforderungen des

21. Jahrhunderts dienen. Doch wie lassen sich die unterschiedlichen Welten von Regierungen

und Privatwirtschaft zusammenbringen? Dafür braucht es glaubwürdige Mittler, die beide

Sichtweisen kennen und als Moderatoren der Transformation agieren. Nur so lassen sich

tragfähige Lösungen mit dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung erarbeiten. EY begleitet

den Austausch zwischen Staat und Wirtschaft an vielen Stellen.

Von Nadine Braun und Enno Wiesner, Climate Change and Sustainability Services, EY

Nachhaltige Entwicklung ist in aller

Munde. Die im Jahr 2015 von den Vereinten

Nationen verabschiedeten SDG

geben mit ihren 17 Zielen und 107 Zielvorgaben

klare Leitlinien. Darin sind

globale Herausforderungen wie der Klimawandel

und die Verweigerung von

Menschenrechten dargelegt und mit

Handlungsbestimmungen hinterlegt.

Die Vereinten Nationen verweisen in den

Umsetzungs-Maßnahmen der SDG ausdrücklich

auf die Verantwortung sowohl

der internationalen Regierungen als auch

der Unternehmen und zivilgesellschaftlichen

Gruppen. Alle diese Akteure sollen

im Rahmen der Globalen Partnerschaft

ihre Ressourcen mobilisieren.

Der kollaborative Ansatz zwischen Staaten

und Unternehmen ist vielversprechend

und mittlerweile Element vieler

bedeutender Transformationsprozesse.

So verweist der Klimaschutzplan 2050

der Bundesregierung, der die Beschlüsse

der Pariser UN-Klimakonferenz umsetzt,

auf die Bedeutung eines breiten gesellschaftlichen

Diskurses. Im Bereich der

Menschenrechte begleiten verschiedene

Stakeholder des nationalen Forums für

Corporate Social Responsibility (CSR) die

Umsetzung der UN Guiding Principles

for Business and Human Rights im Nationalen

Aktionsplan Wirtschaft und

Menschenrechte (NAP). Unterschiedliche

Dialogformen dienen dazu, die politischen

Zielvorstellungen von Regierungen

mit der Realität und den Herausforderungen

von Unternehmen in Einklang

zu bringen.

An der Schnittstelle zwischen

öffentlichem und privatem Sektor

Das globale Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsunternehmen

EY begreift sich

als aktiver Gestalter von nachhaltiger

Entwicklung. Mit seinem Service-Bereich

Public Sector unterstützt es überall auf

der Welt Regierungen und staatliche Institutionen

dabei, Herausforderungen wie

die Digitalisierung, das Public Management

oder die Evaluierung von gesetzlichen

Maßnahmen zu bewältigen. Die

Teams aus dem Bereich Climate Change

and Sustainability Services (CCaSS) bringen

ihre Expertise und Projekterfahrung

ein in die Felder CSR-Strategie, Klimaschutz

und Lieferkettenstandards.

Auf der Basis seiner gebündelten Kompetenzen

übernimmt EY die Rolle eines

Vermittlers und Ideengebers, der den

Austausch zwischen Staat und Wirtschaft

begleitet. Die zahlreichen Netzwerke helfen

dabei, die SDG im Spannungsfeld der

unterschiedlichen Interessen konkret zu

gestalten. Dies zeigen nicht zuletzt zwei

Projektbeispiele von EY Deutschland.

Lösungen für Klimaschutz und

Menschenrechte

Deutschland kann seine Klimaziele nur

erreichen, wenn Unternehmen innovative

Lösungen zur Reduzierung der

Treibhausgas-Emission entwickeln. Vom

Bundesumweltministerium bekam EY

gemeinsam mit den Konsortialpartnern

Wuppertal Institut und Ecologic Institut

den Auftrag, für die deutsche Wirtschaft

ein Forum zum Klimaschutz zu konzipieren

und einzurichten. Dieses sollte

54 globalcompact Deutschland 2018


Nicole Richter, Partnerin bei EY und zuständig für Climate Change and

Sustainability Services in Deutschland, Österreich und der Schweiz …

… zu Ansätzen eines wirksamen Klimaschutzes

„Klimaschutz bedeutet heutzutage nicht mehr nur die Einhaltung von Gesetzen,

sondern steht für Innovation, Leistungsfähigkeit und Zukunftsorientierung. Daher

sollten sich Unternehmen über die mittel- bis langfristigen Auswirkungen von

Klimarisiken und -chancen auf ihre Geschäftsentwicklung im Klaren sein und

basierend darauf unternehmensindividuelle Strategien mit bestimmbaren Zielen

formulieren.“

… zu Herausforderungen von Unternehmen im Bereich der Menschenrechte

„Wir sehen, dass sich der Druck von Kunden, Investoren und Gesetzgebern gegenüber Unternehmen verstärkt,

menschenrechtliche Sorgfaltspflichten in ihren Geschäftsprozessen zu verankern. Gleichzeitig ist die Berücksichtigung

von Menschenrechten gerade in der Lieferkette vielfach eine wesentliche Grundlage der erfolgreichen Platzierung

von Unternehmen und ihren Produkten am Markt. Wichtig ist, dass Unternehmen menschenrechtliche Sorgfalt in ihre

bestehenden Prozesse und Systeme integrieren.“

den Anforderungen des Ministeriums

genügen und gleichzeitig attraktiv für

Unternehmen sein.

Entstanden ist das Dialogforum „Wirtschaft

macht Klimaschutz“, das im März

2018 die Arbeit in themenspezifischen

Arbeitsgruppen aufnahm. Derzeit zählt

das Forum mehr als 200 angemeldete

Unternehmensvertreter*innen aus über

100 verschiedenen Unternehmen. Seine

Arbeitsgruppen treffen sich alle drei bis

vier Monate und entwickeln sukzessive

Projekte und Maßnahmen zu Themen wie

„Unternehmensbezogene Klimaschutzziele“

oder „Klimafreundliche Lieferkette“.

So entstehen praxisnahe Konzepte für

eine klimaschonende Wirtschaft. Politik

und Unternehmen werden damit betriebswirtschaftliche

und technologische Pfade

zur Erreichung der Klimaziele aufgezeigt.

Auch die Verantwortung von Unternehmen

bei der Einhaltung menschenrechtlicher

Sorgfaltspflichten wird seit

Längerem diskutiert. EY erhielt gemeinsam

mit systain, focusright und adelphi

den Auftrag, die Umsetzung der im

NAP beschriebenen fünf Kernelemente

menschenrechtlicher Sorgfaltspflicht

im Rahmen eines wissenschaftlichen

Monitorings zu überprüfen. Das Ziel

der Bundesregierung: Mindestens 50

Prozent der Unternehmen mit mehr

als 500 Mitarbeiter*innen sollen diese

Kernelemente umsetzen.

Ein weiterer Bestandteil des Projekts

ist die Organisation von Multi-Stakeholder-Foren,

in denen die Ergebnisse

des Monitorings diskutiert werden.

Wichtiger Stakeholder ist die Arbeitsgruppe

Wirtschaft und Menschenrechte

Weitere Informationen:

www.wirtschaft-macht-klimaschutz.de

www.auswaertiges-amt.de

(Suche nach NAP)

des Nationalen CSR-Forums. Ihr gehören

Vertreter*innen gesellschaftlicher

Gruppen von Unternehmen über Gewerkschaften

bis zu Nichtregierungsorganisationen

an.

Mit seiner Kenntnis internationaler

Menschenrechtsstandards und unternehmerischer

Herausforderungen kann

das Projektteam zwischen den mitunter

konträren Positionen der vielen Stakeholder

vermitteln und auf diese Weise

den politischen Austausch konstruktiv

begleiten. Die Ergebnisse des Monitorings

unterstützen die politischen Diskussionen

ebenso wie die Vorbereitungen

von Entscheidungen über mögliche

regulatorische Maßnahmen. Vor dem

Hintergrund der kontroversen Positionen

kommt es vor allem darauf an, dass

Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit

des Projektteams gewährleistet sind.

Sowohl der Klimaschutz als auch die

Verbesserung der Menschenrechtslage

sind wichtige Punkte auf der Liste der

UN-Ziele zur nachhaltigen Entwicklung.

Auf die politischen Absichtserklärungen

müssen nun Taten aller gesellschaftlichen

Akteure folgen. Konstruktive

Dialoge zwischen Staat und Wirtschaft

zeichnen sich dadurch aus, dass sie innovative

Ansätze aufzeigen und notwendige

Maßnahmen nicht aufschieben.

globalcompact Deutschland 2018

55


GOOD PRACTICE

Vom Buzzword zum Bizword:

Sustainability als Chance.

Es ist Zeit, unternehmerische Nachhaltigkeit nicht als Worthülse oder notwendiges Übel zu

begreifen. Sondern echte Chancen darin zu erkennen. Für Unternehmen, für die Gesellschaft

und für die Umwelt.

Von Sven Grönwoldt und Robert Mattheis,

Grönwoldt & Partner

Vor einem halben Jahrhundert kamen

die ersten Supermärkte in den USA und

Europa in Mode – und mit Ihnen die

praktische Plastiktüte. Heute treiben

fünf gigantische Plastikstaaten auf den

Weltmeeren: riesige Strudel aus Plastiktüten

und Kunststoff, Fischernetzen und

Benzinkanistern – jeder einzelne mindestens

doppelt so groß wie die Bundesrepublik

Deutschland. Eine unvorstellbar

große Fläche.

In rund einem Jahrzehnt, genauer: bis

zum Jahr 2030, sollen nach Vorstellung

der UN die Ziele für nachhaltige Entwicklung,

darunter auch die Bewahrung und

nachhaltige Nutzung der Ozeane, Meere

und Meeresressourcen, umgesetzt werden.

Die Verfügbarkeit und nachhaltige

Bewirtschaftung von Wasser sowie die

Gewährleistung von Sanitäranlagen für

alle Menschen stehen ebenfalls auf der

Agenda. Angesicht der unberechenbaren

Chemie-Cocktails, die sich mittlerweile

in unseren Kläranlagen zusammenbrauen,

eine weitere sportliche Herausforderung.

Mit Fug und Recht darf man sagen:

Es besteht Handlungsbedarf.

Es besteht immenser

Handlungsbedarf!

Zu den Highlights im Leben eines CR-

Beraters gehören Kunden wie Gebr. Heinemann.

Für das hanseatische Duty-Free-

Unternehmen ist Handlungsbedarf nicht

etwas, worüber man bloß spricht; es ist

etwas, dem man entspricht. Deshalb

unternahmen die Verantwortlichen

bei Gebr. Heinemann mehr, als nur ein

GrönwoldtPartner

SUSTAINABLE BUSINESS CONSULTING

Bewusstsein für nachhaltige Entwicklungsziele

zu wecken. Sie starteten ihre

Aktivität direkt aus dem Kerngeschäft

heraus und gaben den Kunden Aufklärungsmaterial

an die Hand, indem sie

ihnen etwas eben gerade nicht in die

Hand gaben: nämlich eine Plastiktüte.

Durch diesen Verzicht wurde jede Tragetasche

aus Kunststoff automatisch zu

einem Kommunikationsmedium mit

einer klaren Botschaft: „Plastiktüte? Nein

danke!“ Hinter jede einzelne Plastiktüte

war damit ein gefettetes, beinahe schepperndes

Ausrufezeichen gesetzt. Eine

Aktion von ebenso hohem Symbol- wie

Praxiswert.

Über ein regional begrenztes Pilotprojekt

wurde die Praxistauglichkeit des

Ansatzes ausgetestet. An den deutschen

und österreichischen Standorten von

Gebr. Heinemann geben die Mitarbeiter

Einwegtüten mittlerweile nur noch

kostenpflichtig ab. Überdies können die

Kunden gegen einen Aufpreis und als

ökologisch verträglichere Alternative

eine hochwertige Mehrwegtüte erstehen.

Die Kunden in den Shops nahmen die

Initiative mit ebenso viel Engagement

an, wie die Verantwortlichen bei Gebr.

Heinemann sie ins Leben gerufen haben.

Bereits im ersten Jahr konnten die Mehrwegtüten

einen deutlichen Mehrabsatz

verzeichnen, während die Plastiktütenausgabe

um 70 Prozent von rund 8,8

Millionen in 2016 auf 2,5 Millionen Stück

in 2017 zurückging. Doch der Umwelt

hilft das Projekt nicht nur in Form von

eingesparten Einwegtüten. Es macht uns

stolz, dass Gebr. Heinemann auf unseren

Vorschlag einging, eine Kooperation mit

OceanCare einzugehen. Damit kommt

ein Großteil der Erlöse den Projekten

der Meeresschutzorganisation zu Gute.

Für uns ist dieser Case ein Paradebeispiel

dafür, wie CR sinnvoll, aber eben auch

ganz konkret betrieben werden kann. Ein

schön geschriebener, sinnlich gestalteter

Report ist eine tolle Sache. Für uns ist

seine Erstellung das Sahnehäubchen

auf einem gut erledigten Job. Aber: Er

bleibt am Ende bloße Papierverschwendung,

wenn das Thema CR nicht sauber

im Management implementiert und

vom Kunden ganzheitlich gelebt wird!

Was sich in unserer Praxis ganz oft gezeigt

hat: CR ist Chefsache. Bei Gebr.

Heinemann sind die Inhaber der alten

hanseatischen Kaufmannstradition von

Bürgersinn und Gemeinwohl verbunden.

Sie haben die Vorstellungen mitgetragen,

welche die hausinternen Kommunikations-

und CR-Profis in Abstimmung mit

uns erarbeitet haben.

CR ist Chefsache.

Auch die Chefs anderer Unternehmen

greifen unsere Impulse immer öfter mit

großem Verständnis und echter Begeisterung

auf. Unser Vorschlag beispielsweise,

im Rahmen einer internen Stakeholder-

Befragung ein Cluster zu den SDGs einzu-

56 globalcompact Deutschland 2018


auen, gefiel der Geschäftsleitung beim

kommunalen Wasserversorger ZVME in

Thüringen sofort, denn indem wir bei

der Befragung der Führungskräfte und

Abteilungsleiter speziell Bezug auf die

SDGs #6, #9 und #11 nahmen, konnten

wir einen direkten Zusammenhang

zum Geschäftsmodell herstellen: Was

wissen die Führungskräfte bereits über

die SDGs? Wie werden die SDGs angenommen?

Was ist die jeweilige Haltung

zu den SDGs? Zweifelsohne haben diese

Fragen bei einigen Führungskräften

eine gewisse Irritation ausgelöst; ebenso

sicher haben wir bei ihnen aber auch

eine Sensibilisierung für die besagten

Ziele und die potenziellen Maßnahmen

des kommunalen Wasserversorgers betrieben.

Das sind natürlich kleine Schritte. Jedoch:

Auch mit kleinen Schritten erreicht

man wichtige Etappen, wenn man zielstrebig

und beharrlich ist. Unser Credo

in dieser Sache ist sehr pragmatisch,

dabei aber auch sehr idealistisch. Es

lässt sich so zusammenfassen: „Ehrlich

nach innen, nach außen glaubwürdig!“

Knapper können wir unseren CR-Ansatz

bei Grönwoldt & Partner nicht auf den

Punkt bringen.

Ehrlich nach innen, nach außen

glaubwürdig.

Wenn wir unsere Kunden beim Auf- und

Ausbau ihrer CR-Managementstrukturen

beraten, müssen wir als erstes natürlich

die jeweiligen Voraussetzungen in den

Blick nehmen: Wie sieht das Geschäftsmodell

des Kunden aus, mit welchen

Markterfordernissen haben wir es zu

tun und, last but not least: Wie ist der

interne CR-Entwicklungsstand? Dem

schließt sich die Ermittlung von Stärken,

Schwächen, Chancen und Risiken innerhalb

des Unternehmens an sowie eine

Analyse der sozialen und ökologischen

Auswirkungen des Kerngeschäfts und

der vor- und nachgelagerten Prozesse

in der Wertschöpfung.

Im nächsten Schritt gehen wir dazu über,

die geeigneten Tools für ein maximal

effizientes CR-Datenmanagement und

-Controlling zu implementieren. Wir

leisten Unterstützung beim Auf- und

Ausbau von Managementsystemen, wie

Umwelt-, Lieferketten-, Compliance- und

Gesundheitsmanagement. Auch was

den Auf bau resp. den Ausbau der CR-

Kommunikationsstrategie anbelangt,

unterstützen wir den Kunden mit Rat

und Tat. Dieses ist eine sensible Phase.

Wenn das Fundament für die zukünftige

Arbeit liegt, muss man sorgfältig

und mit großer Umsicht vorangehen.

Lieber im Vorfeld konzentriert und nach

innen ehrlich agieren, als auf dysfunktionale

Strukturen zu setzen. Das bringt

dem CR-Management und der externen

Kommunikation mittel- und langfristig

mehr Nutzen.

Ein weiteres zentrales Element für eine erfolgreiche

CR-Strategie, die auch nach außen

positive Resultate bringt, ist schließlich

der Dialog mit den Stakeholdern.

Ohne offene Kommunikation mit den

relevanten Anspruchsgruppen gleicht die

CR-Arbeit einem Blindflug. Wer hingegen

auf wiederkehrenden Austausch setzt,

versteht nachhaltiges Wirtschaften als

Chance für den eigenen Business-Case,

die Gesellschaft und die Umwelt.

www.groenwoldt-partner.de

CR-Management.

Entwicklung von Nachhaltigkeitsstrategien

passend zum

Geschäftsmodell; organisatorischer

Auf- und Ausbau des CR-/

Nachhaltigkeitsmanagements.

• Wesentlichkeits- /

Materialitätsanlayse

• Stakeholder-Management

• Lieferkettenmanagement

• Umweltmanagement

• Reporting-Software / effizientes

Datenmanagement (internes

Reporting)

• Sustainability Balanced Scorecards

CR-Kommunikation.

Entwicklung und Umsetzung von

Konzepten, die nachhaltige

Unternehmensleistungen sichtbar

machen. Kommunikation wird dabei

als strategische Säule und integraler

Bestandteil des CR-Managements

verstanden.

• Inhaltliche und gestalterische

Konzeption

• Projektmanagement

• Textredaktion / Storytelling / Grafik /

Produktion

• Berichtsstandards (GRI, DNK, ISO

26000 etc.)

Sven Grönwoldt

gründete 2014 die Beratungsgesellschaft

Grönwoldt & Partner

(ehemals 5fN). Das Team berät

Unternehmen beim Auf- und Ausbau

ihres Nachhaltigkeitsmanagements

und bei ihrer CR-/CSR-/Nachhaltigkeitskommunikation.

Am Standort Hamburg bieten

Grönwoldt & Partner darüber

hinaus regelmäßig Seminare und

Workshops zu den wichtigsten

Berichtsstandards (GRI, DNK etc.)

sowie zu aktuellen Trends im

Nachhaltigkeitsmanagement.

globalcompact Deutschland 2018

57


GOOD PRACTICE

NacHHaltig die Mobilität

in der Smart City Hamburg

gestalten

Hamburg zählt nicht ohne Grund zu den lebenswertesten Städten der Welt. Unsere Aufgabe ist

es, dass dies auch so bleibt und die Lebensqualität steigt. 25 Prozent des CO 2

-Fußabdrucks in

Hamburg lassen sich allerdings bereits heute auf das Mobilitätsverhalten zurückführen. Und

Hamburg wächst: Bis 2035 werden voraussichtlich 2 Millionen Menschen in Hamburg leben.

Mit unserer Unternehmensmission und dem Beitritt zum UN Global Compact unterstreicht die

HOCHBAHN die Bedeutung des Themas Nachhaltigkeit als strategischen Orientierungsrahmen

sowie ihr Selbstverständnis, für ihre Kunden, Mitarbeiter und die Stadt Hamburg Mehrwerte zu

schaffen. Unser Motto: Die Mobilität von morgen schon heute zukunftsfähig und im Einklang mit

Mensch und Umwelt gestalten.

Von Dr. Christian Priemer, Referatsleiter Nachhaltigkeitsmanagement, und Janina Heel, Referentin Nachhaltigkeitsmanagement, HOCHBAHN

Mit rund 5.000 Mitarbeiterinnen

und Mitarbeitern bewegen wir für

unsere täglich 1,2 Millionen Kunden

viel und bilden das Rückgrat der

Mobilität in Hamburg. Rund 2

Milliarden Kilometer legen unsere

Kunden im Jahr mit unseren

U-Bahnen und Bussen zurück.

Unsere Mission: Wir organisieren

die nachhaltige Mobilität in der

Smart City Hamburg.

58 globalcompact Deutschland 2018


NacHHaltig, Digital, Vernetzt.

Hamburg ist unterwegs. Die Hansestadt

boomt und zieht immer mehr Menschen

an. Menschen, die auch mehr denn je

bewegt werden wollen. Angetrieben

durch die Digitalisierung und den Druck,

Schadstoffe in unserer Luft zu vermeiden,

erlebt die Mobilität den stärksten Wandel

seit Erfindung des Automobils. Es gilt,

heute intelligente und effiziente Wege

für morgen zu finden. Die HOCHBAHN

will die neuen Chancen der Digitalisierung

für die nachhaltige Mobilität nutzen

und Hamburg voranbringen.

Mit dem renommierten Weltkongress

für intelligente Verkehrssysteme (ITS)

wird Hamburg in 2021 das Schaufenster

für intelligente und nachhaltige

Mobilitätlösungen sein. An der Seite

der Stadt Hamburg ist die HOCHBAHN

Innovationstreiber für zukünftige Mobilitätsvielfalt

und verantwortet das zentrale

Projekt-Management-Office aller

ITS-Projekte.

The HEAT is on

Längst haben wir uns auf den Weg gemacht:

Mit dem Projekt HEAT erforschen

wir den Einsatz von autonomen

Kleinbussen im ÖPNV. Wir werden ab

Februar 2019 bis Ende 2021 unter realen

Bedingungen auf den Straßen der Hafen-

City testen, ob autonome Fahrzeuge in

Deutschland mit bis zu 50 km/h unterwegs

sein können– als ganz normaler

Verkehrsteilnehmer: ein in Deutschland

bislang einmaliges Forschungsprojekt.

Auch, wenn sich heute noch nicht sagen

lässt, wann es einmal üblich sein wird,

ein autonomes Fahrzeug im ÖPNV zu

nutzen: Beim Auf bruch Richtung Zukunft

sind wir seit über 100 Jahren als

Pioniere für Hamburg am Start. Um

Chancen zu erkennen, Fragen zu beantworten

und am Puls der Zeit zu sein.

Smart verbunden

Flexibel, planbar, verfügbar und vielfältig

– das sind die Wünsche unserer Kunden.

Mit smarten Sharingkonzepten schaffen

wir Anreize, auf ein eigenes Auto zu

verzichten: Switchh vereint künftig in

einer App Auskunft, Ticketing und den

direkten Zugriff auf vielfältige Mobilitätsangebote

in Hamburg wie Carsharing,

Bikesharing und bald Ridesharing.

Neben der virtuellen Plattform haben wir

bereits an 15 zentralen U- und S-Bahn-

Haltestellen switchh Mobilitätspunkte

realisiert, an denen der klassische ÖPNV

und die neuen Mobilitätsangebote punktuell

zur Sharing Mobility gebündelt

werden.

In einer nächsten Stufe geht es nun von

den großen Schnellbahn-Haltestellen

in die Quartiere. Die ersten Stellplätze

direkt in den Quartieren gibt es bereits

und bis zu 100 weitere sollen stadtweit

folgen.

Nächster Halt: Wohlfühloase

Zudem planen wir Hamburgs erste automatisiert

fahrende U-Bahn-Linie, die

U5. Für die neue U-Bahn-Linie gilt: „Der

Zukunft entgegen – Nachhaltigkeit als

visuelles Leitmotiv“. Biodynamisches

Licht, angepasst an unseren Tages-

rhythmus oder die Decke als Blätterdach

sind neben Naturelementen nur

zwei der vielen Gestaltungselemente,

um unseren Kunden Nachhaltigkeit

zu vermitteln. Denn: Die Verwendung

neuester Technologien wird in allen

Bereichen der neuen Haltestellen Vorbild

in Sachen Nutzerfreundlichkeit,

Raumklima, Umweltfreundlichkeit und

Wirtschaftlichkeit sein.

Bus ohne Bass und unsere neue

Powerbank

Der Umstieg von Diesel- auf Elektrobusse

beginnt jetzt. Es ist die große Revolution

für Hamburgs Nahverkehr und wird die

Stadt nachhaltig verändern.

Ab Anfang der 2030er Jahre werden auf

unseren Straßen ausschließlich emissionsfreie

und geräuscharme Busse unterwegs

sein. Schon Ende 2018 werden

die ersten Busse zu uns kommen. Im

Rahmen von zukünftigen E-Bus-Beschaffungen

werden die Themen Menschenrechte

und Umweltschutz noch stärker

in den Fokus rücken.

Null Emission braucht 100 Prozent Ladekraft

– deshalb stellen wir die komplette

Infrastruktur auf Ladetechnik

und ausreichende Stromversorgung –

selbstverständlich 100% Ökostrom –

um. Ein Grüngürtel außen, begrünte

Schallschutzwände davor und grasgrün

bepflanzte Carportdächer oben drauf –

so wird Hamburgs erster rein elektrischer

Busbetriebshof in Alsterdorf aussehen.

Rund 600 Busfahrerinnen und Busfahrer

gehen künftig mit unseren „Klimaschützern“

von hier aus auf Tour.

Übrigens, bereits seit 2017 bietet die

HOCHBAHN zusammen mit der Dekra

Geflüchteten neue Perspektiven und

bildet sie als Busfahrer aus.

globalcompact Deutschland 2018

59


GOOD PRACTICE

Wie die Blockchain

Menschenrechtsverstößen

auf die Spur kommt

Elektronische Produkte bestehen aus Tausenden Komponenten. Deren Herkunft lässt sich

oftmals nur schwer zurückverfolgen. Problematisch wird dies, wenn gesetzliche Vorschriften

eingehalten werden müssen, wie etwa bei Konfliktmineralien. Das Softwarehaus

iPoint-systems hat dafür jetzt ein Blockchain-Projekt gestartet, das von der Mine bis zum

Endprodukt die gesamte Lieferkette digital nachverfolgbar macht.

Von Dr. Katie Böhme, Head of Corporate

Communications, iPoint-systems

Gesetzliche Bestimmungen wie die EU-

Richtlinie zur CSR-Berichterstattung,

der UK Modern Slavery Act oder die

Konfliktmineralien-Regelungen der USA

und EU rücken Menschenrechtsbelange

in den Mittelpunkt. Für Unternehmen

und ihre Lieferketten steht viel auf dem

Spiel. Die finanziellen Risiken sind erheblich,

und es kann schnell zu einem

Imageschaden kommen.

Solche potenziellen Menschenrechtsverletzungen

zu vermeiden, ist das Ziel

eines Blockchain-basierten Systems zur

Rückverfolgung bestimmter Rohstoffe

aus Konflikt- und Hochrisikogebieten.

Mit Mitteln der Europäischen Partnerschaft

für Verantwortliche Mineralien

(EPRM) untersucht iPoint zusammen mit

Upstream-Partnern, ob Konfliktmineralien

über die gesamte Lieferkette, also

von der Mine bis zum fertigen Produkt,

rückverfolgbar gemacht werden können.

Dazu werden Transaktionen in der

Produktions- und Lieferkette verifiziert

und kryptographisch verschlüsselt.

Wer sind die Initiatoren?

„iPoint war schon immer von der Frage getrieben,

wie wir modernste Technologien

nutzen können, um globale Lieferketten

nachhaltig zu verbessern. Dieses Projekt

wird unsere langjährige Erfahrung in der

nachgelagerten Lieferkette mit der lokalen

Expertise unserer Upstream-Partner

verbinden“, sagt Jörg Walden, CEO und

Gründer von iPoint-systems.

Die EPRM ist eine Multi-Stakeholder-

Initiative, die gegründet wurde, um

bessere soziale und wirtschaftliche Bedingungen

für Minenarbeiter und lokale

Bergbau-Gemeinschaften zu schaffen.

Im Fokus stehen hierbei vor allem verantwortungsvolle

Bergbaupraktiken in

Konflikt- und Hochrisikogebieten. Zu den

EPRM-Mitgliedern zählen unter anderem

Technologiefirmen wie Apple, Fairphone,

HP und Intel.

Worum geht es in dem Projekt?

Ziel des unter dem Titel „SustainBlock“

laufenden Projekts ist die Überprüfung

und Bewertung der Rohstoffliefer-

kette von sogenannten Konfliktrohstoffen,

zu denen Zinn, Tantal, Wolfram, deren

Erze und Gold (auch 3TG abgekürzt) und

neuerdings auch Kobalt gezählt werden.

Im konkreten Projekt geht es zunächst

um ein solches Mineral aus Minen der

Großen-Seen-Region in Afrika. Die jeweilige

Auditierung und Überprüfung

erfolgt dabei schon ganz am Anfang der

Lieferkette, nämlich beim Schürfen. Ein

Partner und Auditor vor Ort setzt hierfür

ein auf Markierungen und Scans basierendes

Rückverfolgungssystem ein, das den

späteren Datenabgleich zulässt. Ziel ist

es, „schwarzen Schafen“ und unethischen

Quellen den Marktzugang zu erschweren.

„Indem unsere Lösung die komplette

Rückverfolgbarkeit der Rohstoffe von

Anfang bis Ende erfasst“, erläutert der

Projektleiter Sebastian Galindo, „kann sie

auch einen Betrag dazu leisten, ethisch

unbedenkliche, nachhaltige Praktiken

und Verhaltensweisen entlang der Wertschöpfungsketten

zu unterstützen.“ Das

Projekt läuft noch bis Mai 2019.

Warum ist die Blockchain wichtig?

Da die Blockchain-Technologie sicherstellt,

dass einmal verifizierte Daten

nicht mehr geändert oder manipuliert

werden können, werden die Systeme

künftig nicht mehr die Daten kontrollieren,

sondern nur noch nutzen. Die

60 globalcompact Deutschland 2018


Kontrolle liegt dann viel mehr in der DNA

des jeweiligen Produkts, erklärt iPoint-

Geschäftsführer Jörg Walden. Das hat

Folgen für die Abläufe in Unternehmen:

Derzeit gibt es viele Fachabteilungen

mit ihren Experten. Im Rahmen von

Compliance und Due Diligence fällt

ihnen die Aufgabe zu, die jeweiligen

Lieferantenangaben zu validieren und

gegebenenfalls extern verifizieren zu

lassen. Diese Aufgabe könnte in Zukunft

in wesentlichen Teilen entfallen. Wenn

nämlich, wie beim SustainBlock-Projekt,

gleich zu Beginn der Nachweis des Minerals

erfolgt, dann wird diese Information

im gesamten Folgeprozess mittels der

Blockchain „mitgenommen“.

„Es bietet für Transaktionen, Prozesse und

Partner in der Lieferkette eine gemeinsam

genutzte, abgesicherte, für beide Seiten

vertrauenswürdige, unveränderbare

Aufzeichnung von Informationsflüssen“,

erklärt Walden. Das ist in kritischen

Situationen, etwa bei Rückrufen, ein

entscheidendes Plus. Und es ist auch

wichtig für die Frage: Wem gehören die

Daten und wer haftet bei Klagen?

Warum nützt die Blockchain gerade

bei Individuallösungen?

Und ein weiterer Punkt kommt hinzu:

Wir leben in einer Zeit, in der die Individualisierung

von Produkten und

Produkteigenschaften immer weiter zunehmen,

in der Kunden immer stärker

maßgeschneiderte Lösungen fordern.

Hierzu Walden: „Wir reden hier von

der Massenproduktion für die Mengeneinheit

‚Eins‘. Dafür bedarf es extrem

flexibler Lieferketten.“ Unternehmen

wären jedoch komplett überfordert, die

Herkunft der einzelnen Bestandteile

jedes Produkts entlang der Lieferkette

händisch zurückzuverfolgen und nachzuweisen.

An dieser Stelle bekommt die

Blockchain hochperfomante Alltagstauglichkeit.

Die entsprechenden Daten

liegen nämlich von jedem Bestandteil vor,

und so lassen sich über entsprechende

Programme relativ schnell Attribute

wie REACH- oder RoHS-Konformität,

Menschenrechtsaspekte oder auch der

jeweilige CO 2

-Fußabdruck ermitteln.

Legt Blockchain ungewollt

Betriebsgeheimnisse offen?

In der Praxis gibt es aber neben den technischen

Hürden auch noch eine Vielzahl

an offenen Fragen zu Vertraulichkeit,

Urheberrechtsfragen und Betriebsgeheimnissen.

So ist vielen Produzenten

und Zulieferern nicht daran gelegen,

alle ihre Geschäftsverbindungen, ihre

Lieferantenstruktur und alle Produktbestandteile

komplett offenzulegen. Tatsächlich

ist die Gefahr von Nachahmern

nicht zu unterschätzen. Auch könnten

Abnehmer und große Konzerne diese

Informationen nutzen, um ihre Lieferanten

preislich weiter unter Druck zu

setzen. Walden erläutert diesen kritischen

Punkt: „Nachverfolgbarkeit in der

gesamten Lieferkette kann nur durch

ein Umfeld von Vertrauen geschaffen

werden. Das SustainBlock-System nimmt

diesen Aspekt sehr ernst und unterbindet

die Sichtbarkeit der Lieferkette bei gleichzeitiger

kryptographisch abgesicherter

Nachverfolgbarkeit.“

Zukunft nachhaltiger Lieferketten?

Das SustainBlock-System demonstriert

damit die komplette Nachverfolgbarkeit

von Rohstoffen von der Mine bis zum

finalen Produzenten und ermöglicht

den Unternehmen, ihren Kunden diese

Informationen zur Verfügung zu stellen.

Das SustainBlock-Projekt prüft die

Aufnahme von weiteren Lieferketten,

z.B. Gold aus Südamerika und weiteren

Teilen Afrikas. „SustainBlock ist offen

für weitere Akteure und Rohstoffe. Die

Möglichkeiten dieser neuen Technologie

soll dazu beitragen globale Wertschöpfungsketten

fairer und nachhaltiger zu

gestalten“, erklärt Jörg Walden. „Wir

haben kürzlich ein Blockchain-Startup

namens ‚CircularTree‘ mit Büros in Berlin

und Melbourne mitbegründet, denn

wir sind der Ansicht, dass Blockchain

sich als wichtige Technologie in diesem

Bereich durchsetzen wird“, so Walden.

Erfahren Sie mehr unter: www.sustainblock.org

globalcompact Deutschland 2018

61


GOOD PRACTICE

„Verantwortung muss

man lernen“

Wie begeistern wir Kinder und Jugendliche für die Themen Klimaschutz, Energieeffizienz und

Nachhaltigkeit? Diese Frage stellte sich auch der Immobiliendienstleister ista und rief 2017 das

Projekt „ista macht Schule“ ins Leben. Die Idee dahinter: Transparenz über Energieverbräuche

in den Schulen schaffen und die Themen Umwelt- und Klimaschutz auf den Stundenplan

bringen. ista verzeichnet mit der Initiative messbare Erfolge – zunächst in Essen und jetzt

auch bundesweit.

Von Katharina Kemler, Junior Specialist Corporate Communications, ista

Essen, Stockholm, Hamburg und Bristol

– diese Städte ernannte die Europäische

Kommission in den letzten Jahren zur

„Grünen Hauptstadt Europas“. Mit diesem

Titel zeichnet sie Städte aus, die nachweislich

hohe Umweltstandards erreicht

haben und die weitere Verbesserung des

Umweltschutzes sowie eine nachhaltige

Entwicklung verfolgen. 2017 freute sich

die Ruhrgebietsmetropole Essen über

diesen Titel.

Als damaliger Hauptsponsor rief der

Immobiliendienstleister ista das Projekt

„ista macht Schule“ ins Leben: „Schulen

sind oftmals eine ‚Black Box’ für

Energieverbräuche. Durch viele junge

Nutzer und viel Bewegung innerhalb

der Gebäude ist ein Bewusstsein für

energieeffizientes Handeln besonders

wichtig“, wissen die Verantwortlichen

von ista.

Thomas Zinnöcker, CEO von ista, betont:

„Ziel des Projektes ist es, nicht nur die

technischen Voraussetzungen für ein

transparentes Energiemanagement in

den Schulen zu schaffen, sondern durch

begleitende Unterrichtseinheiten die

Schülerinnen und Schüler für das Thema

zu begeistern.“

Deshalb erhielten fünf weiterführende

Essener Schulen moderne Technologie

zum Messen von Energieverbräuchen.

Mithilfe eines Infoscreens konnten

Schüler die tagesaktuellen Verbräuche

einsehen. Dabei stellte ista nicht nur

die Ausrüstung zur Verfügung, sondern

vermittelte zusätzlich das nötige Knowhow

an die Kinder und Jugendlichen.

Ende September 2018 präsentierten die

Oberstufenschüler des Gymnasiums

Essen-Überruhr die Ergebnisse ihrer

Projektarbeit: „Die Auswertungen der

Messergebnisse zeigen, dass mit einfachen

Maßnahmen in Zukunft bis zu

20 Prozent Kosten und CO 2

eingespart

werden können“, erklärte ista Mitarbeiter

Werner Monschau, der die Schüler

während des Schuljahres begleitete.

„Dazu gehören beispielsweise Temperaturabsenkungen

am Wochenende und

in den Ferien sowie die Möglichkeit der

Heizungsregulierung durch Thermostatventile.“

Mit Begeisterung und Engagement

zum Erfolg

Das freiwillige Engagement der Mitarbeiter

(Corporate Volunteering) ist eine

wichtige Säule des Projekts. 2017 waren

bereits mehrere ista Mitarbeiter in Essener

Schulen im Einsatz. Sie unterstützten

nicht nur die Oberstufenschüler bei

der Projektarbeit, sondern weckten mit

spielerischen Workshops auch das Interesse

der jüngeren Schüler. Ein Highlight

war der Besuch im Mädchengymnasium

Borbeck. Das Ziel: Als „Energiedetektive“

sollten die Mädchen lernen, wie sie im

Alltag Energieverschwender aufspüren

und Energie sparen können.

So sahen die Schülerinnen zum Beispiel

anhand einer Wärmebildkamera, wie viel

Energie ein Wasserkocher an die Umgebung

abgibt oder sie konnten mit einem

Verbrauchsmessgerät verfolgen, wie viel

Energie ein Fernseher im Standby-Modus

benötigt. Dabei räumte ista auch mit

dem Vorurteil auf, junge Mädchen seien

schwer für die sogenannten MINT-Fächer,

wie Technik oder Naturwissenschaft,

zu begeistern. „Schon nach ein paar

Einstiegsfragen merke ich: Die Schülerinnen

sind auf Zack und ich bin wirklich

tief beeindruckt, wie viel sie über den

Klimawandel wissen und wie groß das

Interesse für Umwelt- und Klimaschutz

ist“, erzählt Heike Bordin-Knappmann,

Senior Managerin Learning & Development

bei ista, die sich an diesem Tag

freiwillig im Mädchengymnasium engagierte

und ihren Schreibtisch gegen

ein Klassenzimmer eintauschte. „Damit

sich zukünftig tatsächlich etwas ändert,

zeigen wir den Energiedetektiven, wie

die neu installierte Messtechnik beim

Energiesparen helfen kann und wie sie

62 globalcompact Deutschland 2018


die Heizkörper über die Thermostatventile

optimal regulieren können.“

Jugendliche konzipieren KlimaKiste

Ein wichtiger Meilenstein im Projekt „ista

macht Schule“ ist die Entwicklung der

„KlimaKiste“. Darin enthalten sind Messgeräte,

die energetische Schwachstellen

im Schulgebäude aufdecken helfen,

und Lernmaterialien, um eigene Klimaschutzkonzepte

für ihre Schule umzusetzen.

Das Besondere: Die Inhalte der

KlimaKiste wurden im November 2017

von Schülern der Gesamtschule Holsterhausen

in einem Kreativworkshop

zusammengestellt. Damit entspricht sie

den Bedürnissen junger Menschen. Ein

Highlight der Kiste, das für die Schüler

unbedingt in die Kiste gehörte, ist die

Solarlampe „Little Sun“: Diese wird bereits

weltweit von Menschen genutzt,

die in Regionen ohne funktionierendes

Stromnetz leben.

Die KlimaKiste ist Teil einer bundesweiten

Bildungsinitiative, die ista

2018 mit dem gemeinnützigen Verein

BildungsCent e.V. ins Leben rief. Schulen

in ganz Deutschland konnten sich

seit Juni für eine der 100 Kisten bewerben,

die im vergangenen Mai von

zwei Schülerinnen der Gesamtschule

Holsterhausen im Rahmen der Berliner

Energietage erstmalig präsentiert wurde.

„Wir freuen uns, dass die jungen Essener

ihre KlimaKiste auf den Berliner Energietagen

einer breiten Öffentlichkeit

präsentieren“, betonte Silke Ramelow,

Vorstandsvorsitzende des BildungsCent

e.V. damals. „Wir hoffen, dass die Initiative

dadurch weiter an Schwung gewinnt

und sich noch mehr Schulen in ganz

Deutschland dem Projekt anschließen.“

Am Rande der Veranstaltung wurde auch

Bundesumweltministerin Svenja Schulze

auf die KlimaKiste aufmerksam und

zeigte sich begeistert vom Engagement

der Schüler. Die bundesweite Resonanz

auf die Kiste war sehr positiv: Innerhalb

kürzester Zeit waren alle 100 Exemplare

für Schulen reserviert.

Seit Oktober 2018 befindet sich „ista

macht Schule“ in einer neuen Projektphase.

Unter dem Titel „KlimaHelden“

startete ista mit dem Crowdfunding-

Anbieter startnext einen Wettbewerb

für mehr Klimaschutz in der Schule.

Bei diesem „KlimaContest“ entwickeln

Schüler Ideen für nachhaltige Projekte

an ihrer Schule und präsentieren diese

auf der Plattform. So sollen Unterstützer

zur Finanzierung der jeweiligen Projekte

gefunden werden.

Beitrag zu den UN

Nachhaltigkeitszielen

Mit den Sustainable Development Goals

der Vereinten Nationen (SDGs) wurden

konkrete Entwicklungsziele formuliert,

zu deren Erreichung Unternehmen beisteuern

sollen.

Auch ista verpflichtet sich dazu: „Wir

wollen unseren Beitrag leisten, damit

die nachfolgenden Generationen mindestens

die gleichen Chancen und Zukunftsperspektiven

haben, die uns heute

zur Verfügung stehen“, heißt es dazu

im aktuellen Nachhaltigkeitsbericht

des Konzerns. „Es ist Teil unserer nachhaltigen

Unternehmensausrichtung,

die Umsetzung der SDGs der Vereinten

Nationen zu unterstützen.“ Mit seinem

Projekt „ista macht Schule“ sensibilisiert

das Unternehmen junge Menschen für

einen bewussten Umgang mit Energie

und fördert damit die Bildung für

nachhaltige Entwicklung. So unterstützt

man besonders die Ziele 4 (Hochwertige

Bildung), 7 (Bezahlbare und saubere

Energie) und 13 (Maßnahmen zum Klimaschutz).

globalcompact Deutschland 2018

63


GOOD PRACTICE

Unternehmen und Menschenrechte

– Wieviel Sklavenarbeit

steckt in der Tomate?

Jeder Deutsche konsumiert durchschnittlich 1,25 kg Obst pro Woche. Mehr als 35 Prozent davon

kamen im Jahr 2016 aus Spanien und Italien. Deutschland ist damit der zweitgrößte Absatzmarkt

für diese beiden Länder. Spanisches und italienisches Obst und Gemüse findet sich in fast

allen großen deutschen Supermärkten.

Von Markus Löning, Managing Director, und Laura Much, New Business Development, Löning

In den letzten zwölf Monaten häufen

sich ernstzunehmende Berichte, dass in

der spanischen und italienischen Landwirtschaft

Menschen teilweise unter

schlimmsten Bedingungen arbeiten. Viele

von ihnen sind als Migrant*innen mit

unsicherem Aufenthaltsstatus extremer

Not ausgesetzt. Sie sind deshalb häufig

bereit, Arbeitsbedingungen zu akzeptieren,

die weit hinter den gesetzlichen

Standards zurückbleiben.

Bis die Tomate im Supermarkt liegt, sind

zudem außer dem Anbaubetrieb Unternehmen

verschiedenster Branchen

involviert: von Zuliefererbetrieben,

Transport- und Bauunternehmen bis

zu Verarbeitung und Handel. Durch

die Vielzahl der beteiligten Firmen ist

oft schwer nachzuvollziehen, wie gut

Gesetze und damit auch die Menschenrechte

geachtet werden.

Wirtschaftliche Tätigkeit ist in der globalisierten

Welt branchenübergreifend,

eng verflochten und hat direkte sowie indirekte

Auswirkungen auf die Lebensbedingungen

und die Rechte von Menschen

weltweit. Daher nehmen die Vereinten

Nationen in ihrer Agenda 2030, den

Sustainable Development Goals (SDGs),

auch die Unternehmen mit in die Pflicht.

Denn praktisch alle diese globalen Ziele

haben einen Menschenrechtsbezug

und sehr viele werden von Firmen mit

beeinflusst.

Löning – Human Rights and Responsible

Business berät Unternehmen dabei,

die Menschenrechte im Kontext der

SDGs und anderer internationaler und

nationaler Rahmenwerke zu achten.

Wir bewerten bestehende strategische

Prozesse, führen Risikoanalysen durch

und identifizieren Lücken. Auf bauend

auf dieser Analyse versteht sich unser

Team als Lotse beim Auf bau von Menschenrechts-Due

Diligence Prozessen.

Was ist eine Menschenrechts-Due

Diligence? Gibt es einen branchenübergreifenden

Ansatz, und wie können Unternehmen

nationale und internationale

rechtliche und andere Anforderungen

erfüllen?

Menschenrechts-Due Diligence

Seit der Verabschiedung der UN Leitprinzipien

für Wirtschaft und Menschenrechte

(UNGP) in 2011 sind Unternehmen

dazu aufgefordert, in allen Geschäftsprozessen

ihrer menschenrechtlichen

64 globalcompact Deutschland 2018


Sorgfaltspflicht nachzukommen. Sie

sind dafür verantwortlich, die Menschenrechte

entlang ihrer Geschäftstätigkeiten

zu achten, auch dort, wo der Staat dies

nicht tut. Hierfür müssen Unternehmen

die negativen Auswirkungen, die durch

ihre Geschäftstätigkeiten, Produkte und

Dienstleistungen entstehen (könnten),

kontinuierlich analysieren und bei

Verletzungen geeignete Abhilfemaßnahmen

schaffen. Dies gilt auch für

indirekte Menschenrechtsverletzungen,

die beispielsweise tiefer in der Lieferkette,

etwa durch Geschäftspartner, verursacht

werden. Dieser Prozess wird als Menschenrechts-Due

Diligence bezeichnet.

5 Phasen zur Menschenrechts-

Due Diligence – 5 Schritte zum

nachhaltigen Erfolg

Die Betrachtung menschenrechtlicher

Auswirkungen ist eine kontinuierliche

und strategische Aufgabe. Menschenrechtliche

Sorgfaltsprozesse bringen,

wie andere Nachhaltigkeitsprozesse

auch, spezielle Herausforderungen mit

sich. Gleichzeitig variieren gesetzlichen

Vorgaben und Berichtsanforderungen

zwischen verschiedenen Märkten.

Markus Löning

Um dem gerecht zu werden, haben wir

für den Auf bau einer strategischen

Menschenrechts-Due Diligence ein Fünf-

Phasen-Modell entwickelt: Wir analysieren,

wo Unternehmen in Bezug auf

Menschenrechte stehen. Gemeinsam mit

unseren Kunden entwickeln wir Strategien,

Ziele und Maßnahmen und begleiten

die Umsetzung. In einem weiteren Schritt

wird das Innovationspotenzial eines Unternehmens

aus den Erkenntnissen dieses

Prozesses nutzbar gemacht

um Abläufe und Produkte

zu verbessern. Unser

Fünf-Phasen-Modell

führt zum Auf bau

von internen Kompetenzen,

um den

Menschenrechts-

Due Diligence

Prozess kontinuierlich

anzupassen

und

zu verbessern.

Dadurch können

Unternehmen

die positiven

Auswirkungen ihrer

Geschäftstätigkeiten

auf die Menschenrechte

erhöhen. Gleichzeitig

erfüllen sie die Berichtsanforderungen

von Gesetzgebern,

Kunden oder Finanzinstitutionen.

1. Analyse – Was muss Ihr

Unternehmen in Bezug auf die

Menschenrechte erfüllen?

Wir schauen uns den regulatorischen

Kontext genauso an, wie das Wettbewerbsumfeld

und relevante gesellschaftliche

Erwartungen. Gleichzeitig analysieren

wir inwieweit bestehende Prozesse

diese Anforderung bereits erfüllen.

2. Strategie- & Maßnahmenentwicklung

– Was wollen Sie

erreichen?

Auf Basis der Analyse wird eine Strategie

zur Reduzierung der menschenrechtlichen

Risiken entwickelt. Wir helfen Ihnen,

Handlungsfeldern so zu priorisieren

und so zu bearbeiten, dass die Risiken

Schritt für Schritt reduziert werden.

3. Umsetzung – Implementierung

von Prozessen

Wir wissen, dass es schwer sein kann, in

einer Organisation neue Themen und

Prozesse einzuführen. Wir haben anhand

unserer Erfahrung spezielle Tools

entwickelt, um diese Hürden leichter zu

bewältigen und die verschiedenen Maßnahmen

und Prozesse einer Menschenrechts-Due

Diligence zu implementieren.

4. Innovation – Menschenrechts-

Performance und wirtschaftlicher

Erfolg

Bei Entwicklung und Umsetzung einer

Menschenrechts-Due Diligence entsteht

neues Wissen über Geschäftsmodelle

und -prozesse. Mithilfe von Design-

Thinking-Prozessen helfen wir Ihnen,

das Innovationspotenzial dieses Wissens

zu nutzen.

5. Monitoring – Zukunft

gestalten, Erfolgskontrolle und

kontinuierliche Verbesserung

Eine effektive und effiziente Menschenrechts-Due

Diligence braucht ein systematisches

Monitoring. Zur Beurteilung

und Verbesserung von Prozessen helfen

wir, eine Datenerhebung und -bewertung

zu etablieren.

Gelebte Verantwortung ist die

strategische Basis des Erfolgs

Genau wie die Einhaltung von Umweltstandards

ist mittlerweile die Achtung

der Menschenrechte aus einer zukunftsweisenden

Unternehmensstrategie nicht

mehr wegzudenken. Löning – Human

Rights & Responsible Business hilft Unternehmen,

ihre Werte auch in diesem

schwierigen Bereich zu leben.

globalcompact Deutschland 2018

65


GOOD PRACTICE

Die Umwelt fest im Blick

Verantwortungsvoll und nachhaltig wirtschaften – dieser Anspruch ist für die Lufthansa Group

Basis der Geschäftstätigkeit und tagtägliche Maßgabe. Ein besonderes Anliegen ist es, dem

wachsenden Mobilitätsbedarf mit umweltverträglichen Produkten zu begegnen und die

ökologischen Auswirkungen des Fliegens zu begrenzen.

Von Lufthansa Group Communications

Der Luftverkehr ist im globalen Maßstab

ein Wachstumssektor und wird noch

auf unbestimmte Zeit fossile Treibstoffe

benötigen. Zu den wesentlichen Auswirkungen

der Flugbetriebe der Lufthansa

Group zählen daher vor allem Klimaeffekte

infolge der CO 2

-Emissionen, denn

durch die Verbrennung einer Tonne

Flugkerosin entstehen 3,15 Tonnen CO 2

.

Derzeit machen die CO 2

-Emissionen des

globalen Luftverkehrs gemäß der Internationalen

Energieagentur (IEA) etwa 2,7

Prozent aller von Menschen verursachten

CO 2

-Emissionen aus (Quelle: IEA 2017,

Daten für 2015). Aufgrund des absehbar

weiter steigenden Bedarfs an Mobilität

werden der Luftverkehr und damit einhergehend

die Emissionen auch künftig

zunehmen.

Die Luftfahrtbranche hat hierauf reagiert

und sich 2009 weltweit auf die folgenden

Ziele verständigt, an denen die Lufthansa

Group maßgeblich mitgewirkt hat;

1. Die Treibstoffeffizienz soll bis 2020

pro Jahr um 1,5 Prozent gesteigert

werden.

2. Ab 2020 soll das Wachstum des Luftverkehrs

CO 2

-neutral erfolgen.

3. Bis 2050 sollen die Netto-CO 2

-Emissionen

der Luftfahrt gegenüber dem Jahr

2005 um 50 Prozent sinken.

Vier Säulen für den Klimaschutz

Um die ökologischen Auswirkungen

des Fliegens zu begrenzen, verfolgt die

Luftfahrtbranche eine Vier-Säulen-Strategie,

die verschiedene umweltrelevante

Maßnahmen bündelt. Diese reichen

vom technischen Fortschritt über eine

verbesserte Infrastruktur und operative

Maßnahmen bis hin zu ökonomischen

Instrumenten. Die Vier-Säulen-Strategie

ist auch Grundlage für die Treibstoffeffizienz-Aktivitäten

der Lufthansa Group.

Zudem orientiert sich der Konzern im

Bereich der Klima- und Umweltverantwortung

an den Umweltprinzipien des

UN Global Compact und den Sustainable

Development Goals der Vereinten

Nationen.

66 globalcompact Deutschland 2018


Den größten Beitrag zur umweltverträglichen

Gestaltung heutiger und künftiger

Mobilität leisten die kontinuierlichen

Investitionen in eine effiziente Konzernflotte.

Diese umfasst aktuell mehr als

750 Flugzeuge – eine moderne, und

wettbewerbsfähige Flotte, die viele verschiedene

Marktsegmente abdeckt.

Flottenmanagement: Umweltaspekte

spielen wichtige Rolle

Die Lufthansa Group ist ein Vorreiter

bei der Einführung neuer, umweltfreundlicher

Technologien, wie zuletzt

mit dem Airbus A350-900, der weltweit

zu den modernsten und effizientesten

Langstreckenflugzeugen zählt. Flottenentscheidungen

folgen zunächst primär

wirtschaftlichen Kriterien. Denn nur eine

nachhaltig wirtschaftlich zu betreibende

Flotte ist aus unternehmerischer Sicht

vertretbar. Darüber hinaus muss das

Flugzeug sicher und sehr zuverlässig fliegen,

die hohen Kundenerwartungen an

das Bordprodukt erfüllen und zu den anderen

Flugzeugen der Konzernflotte passen.

Auch Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekte

spielen eine wichtige Rolle –

nur besonders umweltfreundliche Flugzeuge

betrachtet die Lufthansa Group als

nachhaltige Investition. Daher stehen

die Flottenexperten kontinuierlich im

Austausch mit den Flugzeug- und Triebwerksherstellern

bezüglich aktueller

Technologie- und Produktentwicklungen.

So können die Anforderungen an die

Nachhaltigkeit neuer Flugzeugprogramme

frühzeitig eingebracht werden. Die

Lufthansa Group hat aktuell 205 Flugzeuge

zu einem Listenwert von rund 30

Milliarden Euro mit Auslieferungsdaten

bis 2025 fest bestellt (Stand: 01.10.2018).

Optimierung der Bestandsflotte

Neben der kontinuierlichen Investition

in moderne Flugzeuge setzt die Lufthansa

Group auch auf die Optimierung ihrer

Bestandsflotte. Hierzu gehören zum Beispiel

Optimierungen an den Triebwerken

zur Verringerung des Treibstoffverbrauchs,

lärmmindernde Maßnahmen,

wie Wirbelgeneratoren am Airbus A320

oder auch spezielle Verkleidungen an

den Triebwerkseinlässen.

Auch die vielfältigen operativen Maßnahmen

zur Verbesserung der Treibstoffeffizienz

als Teil der Vier-Säulen-

Strategie sind ein wichtiger Baustein

im Bestreben, die Umweltauswirkungen

des Flugbetriebs zu begrenzen. Der Fokus

der Effizienzprogramme liegt dabei

auf Maßnahmen zur Flugstreckenoptimierung

und -verkürzung. Denn jede

eingesparte Flugmeile bedeutet weniger

Treibstoffverbrauch, weniger Emissionen

und zudem eine kürzere Flugzeit.

Wenn die Lufthansa Group ein Flugzeug

aus ihrer Flotte ausmustert, wird es entweder

verkauft und bei einer anderen

Airline weiter betrieben – oder recycelt.

Von einem Jumbo-Jet können zum Beispiel

mehr als 90 Prozent der Bauteile

aufbereitet und wiederverwertet werden.

Die Komponenten werden sorgfältig

geprüft, repariert sowie zertifiziert und

dann dem Komponenten-Pool zugeführt.

Nach Abschluss der Arbeiten ist in der

Regel nur noch die Flugzeughülle übrig,

die dann als Altmetall recycelt wird.

CO 2

-neutral fliegen

Fluggäste der Lufthansa Group Airlines

fliegen dank moderner Flugzeuge und

Fuel-Efficiency-Programme bereits besonders

treibstoffeffizient: 2017 benötigten

die Flugzeuge der Passagierflotten

durchschnittlich nur 3,68 Liter Kerosin,

um einen Fluggast 100 Kilometer weit

zu transportieren (2016: 3,85 l / 100 pkm).

Dies entspricht einer Verbesserung um

4,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Darüber hinaus bietet der Konzern

seinen Kunden in weiten Teilen die

Möglichkeit, die durch die Flugreise

unvermeidbar entstehenden CO 2

-

Emissionen mit einer Spende auszugleichen

und so einen persönlichen Beitrag

zum Klimaschutz leisten. Die Spenden

fließen in zertifizierte Projekte von Partner-Klimaschutzorganisationen,

die bei

der Auswahl und Umsetzung höchste

Standards anlegen und sicherstellen,

dass neben der CO 2

-Reduktion auch ein

positiver Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung

geleistet wird.

Vier Säulen für den Klimaschutz

1. Technischer Fortschritt

2. Verbesserte Infrastruktur

3. Operative Maßnahmen

4. Ökonomische Instrumente

Neuerungen bei Flugzeugund

Triebwerkstechnologien

Alternative Kraftstoffe

Bessere Nutzung der Lufträume

Dem Bedarf angepasste

Flughafenstrukturen

Effiziente Flugzeuggrößen

Optimale Flugrouten

und -geschwindigkeiten

Optimierte Prozesse

am Boden

Ein globales, sinnvoll ausgestattetes,

marktbasiertes

System zur Emissionsminderung

als Ergänzung zu den drei

anderen Säulen

globalcompact Deutschland 2018

67


GOOD PRACTICE

Auszeichnung für

umweltfreundlichen

Bürobedarf

Lyreco ist DER Ansprechpartner für Büro- und Arbeitsplatzlösungen für Geschäftskunden.

Die Hauptverwaltung sowie das Logistikzentrum befinden sich in Barsinghausen bei Hannover.

Von Olaf Dubbert, Quality, Security & Sustainability Manager, Lyreco

Mit einem Umsatz von rund zwei

Milliarden Euro und mehr als 9.000

Mitarbeitern in 42 Ländern gehört der

europäische Marktführer Lyreco auch

international zu den führenden Anbietern

für Bürobedarf im B2B-Bereich. In

Deutschland zählt das Familienunternehmen

zudem zu den am schnellsten

wachsenden in seiner Branche.

Das unternehmerische Handeln Lyrecos

basiert auf den vier Werten Leidenschaft,

Respekt, Perfektion und Agilität. Zu den

Besonderheiten des 1926 von der Familie

Gaspard gegründeten Unternehmens

zählt das Augenmerk, das auf nachhaltige

Entwicklung gelegt wird. So erhielt

Lyreco bereits 2003 als erster großer

Bürobedarfshändler die Zertifizierung ISO

14001 (Umwelt) sowie ISO 9001 (Qualität).

Durch die Unterzeichnung des „Global

Compact“, einer Initiative der Vereinten

Nationen, im Jahr 2004 trägt Lyreco dazu

bei, die Vision einer nachhaltigeren und

gerechten Weltwirtschaft zu verwirklichen.

Kernpunkte des „Global Compact

sind die Stärkung von Menschenrechten,

die Einhaltung von Arbeitsstandards, die

Korruptionsbekämpfung sowie der Umweltschutz.

Im jährlich erscheinenden

Nachhaltigkeitsbericht und auf der Internetseite

www.eco.lyreco.de werden sämtliche

Aktionen und weltweit umgesetzte

Maßnahmen dokumentiert.

Wettbewerb „Nachhaltigster Kunde“

Im Jahr 2012 lobte Lyreco Deutschland

erstmalig einen Umwelt-Pokal aus, um

seine umweltfreundlichsten Kunden zu

würdigen. Damals nahmen 21 Kunden

teil und seitdem ist die Anzahl stetig

gestiegen, so dass in den Kategorien

heute mehr als 50 Teilnehmer zu verzeichnen

sind.

Damit dieser Wettbewerb so fair wie

möglich abläuft, werden eine Vielzahl

von Kriterien durch eine Scorecard berücksichtigt.

Dies umfasst den Anteil an

den vom Kunden gekauften grünen Produkten,

den Anteil erhaltener papierloser

Dokumente (Webshop und EDI) sowie das

Liefer- und Bestellverhalten. Die Scorecard

dient dem Kunden zur Einschätzung,

ob er mit seinem Einkaufsverhalten

gute Ergebnisse (hohe Punktzahlen) oder

schlechte Ergebnisse (niedrige Punktzahlen)

erzielt. Dies wird durch eine

Bewertung angezeigt, so dass der Kunde

auf einen Blick seine Positionierung in

Bezug auf seine teilnehmenden Mitbewerber

(anonymisiert) sehen kann. Wir

zeichnen in 2 Kategorien jeweils die

3 Gewinner aus. In manchen Jahren

sind wir in der glücklichen Lage, den

zusätzlichen Sonderpreis „Green Tree“

für besondere Leuchtturm-Leistungen

in bestimmten Bewertungskategorien

zu verleihen.

Alle Gewinner des Nachhaltigkeitspreises

werden ausgezeichnet. Die Gewinner

erhalten einen Umwelt-Pokal aus dem

Naturmaterial Holz in Form einer Kugel.

Die Preisträger in den Kategorien „Green

Tree“ erhalten einen hölzernen Umwelt-

Pokal in Form eines Baumes.

68 globalcompact Deutschland 2018


Nach welchen Kriterien wird

gewertet?

Die Bewertung des Wettbewerbs wird

in einzelne Kategorien aufgeteilt. In

diesen Kategorien wird bewertet, wie

„grün“ das Einkaufsmanagement des jeweiligen

Kunden ist. Zuerst wird geprüft,

wie viele grüne Produkte der Kunde in

seinem Sortiment hat. Anschließend

wird ausgewertet, wie viele von diesen

Produkten auch gekauft werden.

Mit diesen beiden Kategorien kann der

Kunde schon einige Punkte sammeln,

die bei der finalen Auswertung von

Vorteil sind! Im nächsten Schritt wird

die Entwicklung des Einkaufmanagements

analysiert. Als Grundlage dient

hier die Entwicklung vom ersten bis

zum vierten Quartal. Nach der Auswertung

des Sortiments wird geprüft,

wie nachhaltig Bestellprozess und

Rechnungsversand sind. Hier wird bewertet,

ob der Kunde den papierlosen

Rechnungsversand nutzt und ob er die

Bestellungen per EDI oder Webshop

einspielt. Zuletzt wird das Liefer- und

Bestellverhalten des Kunden analysiert.

Die Kriterien in dieser Kategorie sind

z. B. der Durchschnittsauftragswert, die

durchschnittlichen Positionen pro Auftrag

und die Lieferhäufigkeit pro Woche.

Was sind die

Teilnahmebedingungen?

Firmen können sich über ihren Lyreco

Außendienstmitarbeiter anmelden. Der

Anmeldeschluss ist der 31. Dezember

des Jahres. Bewertet wird der Zeitraum

vom 1. Januar bis zum 31. Dezember

des laufenden Jahres.

Entscheiden Sie sich

für besonders umweltfreundliche

Produkte, die nachvollziehbar

bewertet wurden und als solche

klar erkennbar sind.

Kaufen Sie Ihre Produkte

bei einem Lieferanten, der Ihnen

eine hohe Warenverfügbarkeit und

einen hohen Lieferservice

garantiert. So vermeiden Sie

häufige Nachlieferungen.

Bestellen

Sie online statt per

Telefon oder Fax.

GRÜNER

EINKAUFEN –

WIE GEHT DAS

EIGENTLICH?

Ordern Sie bei

einem Lieferanten,

der Ihnen ein umfangreiches

Produktsortiment bietet. So

reduzieren Sie die Anzahl der

Lieferungen, den Verpackungsaufwand

und die Anzahl Ihrer Eingangsrechnungen.

+

Kombinieren

Sie Ihre Bestellungen, um die

Anzahl der Lieferungen und

Verpackungsmaterial zu

reduzieren.

Ganze Verpackungseinheiten

statt kleinerer Mengen

zu bestellen spart

Verpackungsmaterial.

Die Gewinner werden in 2 Ligen ermittelt,

abhängig vom Umsatz. Darüber

hinaus kann ein Sonderpreis vergeben

werden. Ein zusätzlicher Nutzen kann

aus der detaillierten Benchmark-Auswertung

gezogen werden. Die Gewinner

werden von Lyreco bekannt gegeben

und bei einer Lyreco-Veranstaltung feierlich

prämiert.

Produkte mit Umweltkennzeichen

Unser breitgefächertes Sortiment an

umweltfreundlichen Produkten ist die

beste Wahl, wenn bei der Bestellung

von Büromaterial lieber auf grüne Alternativen

gesetzt werden soll. Dank

des Umweltkennzeichens können diese

Produkte schnell erkannt werden. Die

Vergabe der Kennzeichnung basiert auf

ISO 14021 / ISO 14024. Unsere maßgeschneiderte

und einzigartige Methode

ist von der Zertifizierungsgesellschaft

SGS geprüft.

Lyreco bei der Verleihung der Umwelt-Pokale.

globalcompact Deutschland 2018

69


1 Global Goals Yearbook 2018

3 Global Goals 2 Yearbook 2018

Global Goals Yearbook 2018

GOOD PRACTICE

Global Goals Forum 2019

Wir brauchen dringend das Engagement des Privatsektors, um die Agenda 2030 für nachhaltige

Entwicklung zu erreichen. Dafür müssen Partnerschaften neu gedacht und vor allem

Bedürfnisse und Abläufe von Unternehmen stärker berücksichtigt werden. So entstehen

gemeinsame Verantwortung, nachhaltige Geschäftsmöglichkeiten und funktionierende Gesellschaften.

Wie dieser Kurs angelegt sein muss, darüber diskutieren Entscheider aus Politik,

Wirtschaft und Zivilgesellschaft auf dem 1. Global Goals Forum am 10. Oktober 2019 in Berlin.

Von Dr. Elmer Lenzen, macondo publishing

Unternehmer müssen heutzutage schnell

und flexibel sein. Agilität ist gefragt –

sowohl mental als auch geschäftlich.

Sätze wie „Wir haben das immer so

gemacht!“ oder „Das ist doch nur eine

Modeerscheinung!“ haben keinen Platz

in Vorstandsetagen.

Doch woran können Unternehmen sich

angesichts eines weltwirtschaftlich, ökologisch

und vor allem politisch instabilen

Umfelds orientieren? Genau diesen

Fragen geht das Global Goals Forum

nach. Die international ausgerichtete

Konferenz bietet eine Plattform zur

Stärkung des Dialogs zwischen dem öffentlichen

und privaten Sektor mit Blick

auf die Agenda 2030 für nachhaltige

Entwicklung.

Vor dem Hintergrund eines disruptiven,

globalen Umfelds mangelt es oftmals

nicht an Tools, Instrumenten und Optionen.

Es mangelt eher an Verständnis

und Verständigung über den Kurs. Und

es wird oft nicht in einer Sprache gesprochen:

Politik und Wirtschaft verwenden

andere Codes, Partnerschaften sind deshalb

oft aufgesetzt und wenig nachhaltig.

Besser statt mehr

Das Global Goals Forum bietet hier Orientierung,

Übersetzung und Klarheit.

Hochkarätige Diskussionsplattformen

helfen, eine nachhaltige Zukunft besser

einzuordnen, über den Rand zu schauen

und Querdenker zu Wort kommen zu

lassen. Das Global Goals Forum liefert

so Inspiration, Diskussionsstoff und Argumente.

Das Ergebnis: klarere Perspektiven

und bessere Einblicke.

Einen zentralen Stellenwert nimmt

das Thema Partnerschaften ein. Nur

gemeinsam mit der Wirtschaft wird es

gelingen, die UN-Entwicklungsziele bis

2030 umzusetzen. Dafür müssen viele

neue Partnerschaften entstehen, bestehende

Formen deutlich verbessert und

der Dialog und Austausch angestoßen

werden.

• Background information

• Solutions and

recommendations

• Argumentation

aid

Expert

Papers

Expert Paper

Expert Paper

Expert Paper

THE

GLOBAL GOALS

FORUM

• Conference

• Workshops

• Bilaterals

• Networking

Public

sector

Private

sector

• Knowledge

exchange

• Networking

• Out-of-the-box thinking

• Nudging initiatives

Thematic

Roundtables

Civil

society

GLOBAL GOALS

YEARBOOK

• Agenda-setting

• Multistakeholder dialogue

• Worldwide

reception

• Good practice

collection

70 globalcompact Deutschland 2018


OCTOBER 10, 2019, BERLIN

Neben dem großen Podium und Auditorium

bietet eine Messe- und Ausstellungsfläche

von rd. 1.000 Quadratmetern Platz

dafür, Ideen und nachhaltige Produkte

zu präsentieren sowie zum Netzwerken

und Partnerschaften knüpfen. Eine eigene

VIP-Lounge lädt zu Hintergrundgesprächen

und sogenannten „Bilaterals“

in angenehmer Atmosphäre ein.

Zielgruppe

Das Global Goals Forum richtet sich

an Entscheiderinnen und Entscheider,

Vordenker und Persönlichkeiten.

Eingeladen sind insbesondere Unternehmensvertreter

– aus den Nachhaltigkeitsabteilungen,

ihre Vorstände und

Aufsichtsräte. Aus der Politik sind vor

allem gewählte Abgeordnete, Vertreter

der Organisationen der Vereinten

Nationen sowie Mitarbeiter aus Stabsstellen

von Ministerien, Behörden und

Verwaltungen angesprochen. Von Seiten

der Zivilgesellschaft wendet sich das

Global Goals Forum an die Vertreter von

Nichtregierungsorganisationen sowie

Bilder oben: Veranstaltungsort ist die

Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen

Telekom in Berlin.

Grafik unten links: Bei der Umsetzung

der Global Goals setzen wir auf einen

ganzheitlichen Ansatz – dem Global

Goals Forum und Global Goals Yearbook

kommen dabei als jeweilige Flaggschiffe

eine besondere Bedeutung zu. Begleitet

und vor allem vorbereitet wird dies durch

themenbezogene Gesprächsrunden im

Vorfeld und daraus abgeleitete Expert Papers.

Diese fließen sowohl in den Konferenz- als

auch politischen Diskurs ein.

an Lehrende der Hochschulen. Aber

auch die interessierte Öffentlichkeit ist

eingebunden – deshalb werden große

Teile des Forums über Streaming im

Internet verbreitet.

Partner

Initiator und Schirmherr des Global

Goals Forums ist die macondo foundation.

Die gemeinnützige Gesellschaft

setzt sich für Nachhaltigkeitsbelange und

insbesondere die UN-Entwicklungsziele

ein. Bei der inhaltlichen Ausarbeitung

der Konferenz und des dazugehörigen

Global Goals Yearbooks wird die Foundation

von einem Beirat unterstützt. Dieser

besteht aus hochrangigen Vertretern

der UN-Organisationen UNEP, UNICEF,

UNOPS, UNSSC sowie des WBCSD, CDP

und Club of Rome.

Unsere Methodik

Die Agenda 2030 gilt in allen Ländern der

Welt – ob nun in Entwicklungsländern,

Schwellenländern oder entwickelten Ländern:

Jeder von uns muss einen Beitrag

leisten, damit nachhaltige Entwicklung

gelingt. Im Mittelpunkt der Agenda steht

ein ehrgeiziger Katalog von 17 Zielen für

nachhaltige Entwicklung (SDGs).

Unsere Methodik geht gezielt darauf ein.

Die UN benutzen als weitere Kategorisierung

hier den Begriff der „5 Ps“: Diese

stehen in ihrer englischen Bezeichnung

für die Dimensionen Mensch, Planet,

Wohlstand, Frieden und Partnerschaft

(siehe UN-Dokument „A/RES/70/1 –

Transformation unserer Welt: die Agenda

für nachhaltige Entwicklung von 2030“.)

Die 17 SDGs berücksichtigen erstmals

alle drei bekannten Dimensionen der

Nachhaltigkeit – sozial, ökologisch

und wirtschaftlich – gleichermaßen.

Zugleich gehen sie mit den Kategorien

Frieden und Partnerschaft darüber

hinaus und zeigen Formen und Zweck

nachhaltigen Handelns auf.

Der Blick auf Nachhaltigkeitsthemen

durch die Linse der 5 Ps eröffnet neue,

spannende Sichtweisen auf Lösung und

Szenarien: Etwa eine nachhaltige Veränderung

der Rahmenbedingungen, ein

neues Verständnis der Wirtschaft und

der Wertschöpfung. Er spiegelt aber auch

ein neues Verständnis von sozialer Verantwortung

und Teilhabe wider. Ein auf

den 5 Ps basierender Geschäftsansatz

erfordert beispielsweise ein Überdenken

der Beziehungen zwischen Staat, Wirtschaftssystem

und Zivilgesellschaft. Die

5 Ps können uns auch helfen, eine weitere

Lücke zu schließen: Partizipation,

Transparenz und Inklusivität sind von

grundlegender Bedeutung für eine nachhaltige

Entwicklung. Wenn diese Prinzipien

nämlich konsequent angewandt

werden, sind sie eine sinnvolle Alternative

zu herkömmlichen Top-down-Modellen,

bei denen Experten von oben herab

Nachhaltigkeit durchkonjugieren. Das

scheitert in der Praxis dann oft am Widerstand

der Zwischenebenen. Gefordert

sind deshalb horizontale und vertikale

Integration von Managementmodellen

und Kompetenz im Management von

Multistakeholder-Dialogen.

Menschen, Planet, Wohlstand, Frieden

und Partnerschaft sind deshalb ein ausgezeichneter

Rahmen für die unternehmerische

Auseinandersetzung mit den

Global Goals, für die Präsentation des

Erreichten (z.B. im Global Goals Yearbook)

und als thematischer Kompass

auf dem internationalen Global Goals

Forum.

Mehr Informationen unter: globalgoals-forum.org

globalcompact Deutschland 2018

71


GOOD PRACTICE

MAN hilft helfen

Wer sich ehrenamtlich engagieren will, hat oft die Qual der Wahl. Die Anzahl der

Organisationen und Projekte, die Unterstützung brauchen, ist hoch. Mit der Plattform

„Helfen macht Freude“ unterstützt MAN das freiwillige Mitarbeiterengagement und schafft

zugleich Orientierung.

Von Peter Attin, Senior Vice President Coporate Responsibility, MAN

Für die MAN-Gruppe gehört Engagement

für Menschen und Umwelt zum

Selbstverständnis. Schon seit vielen Jahren

engagiert sich das Unternehmen in

unterschiedlichen Projekten auf nationaler

und internationaler Ebene. Dem

freiwilligen Engagement der Mitarbeiter

kommt dabei eine besondere Rolle zu:

Damit bekommt die Übernahme gesellschaftlicher

Verantwortung nicht nur ein,

sondern gleich viele Gesichter.

Plattform „Helfen macht Freude“

Für die meisten ist es aber mitunter nicht

so einfach, das richtige Ehrenamt für

sich zu finden. Die Auswahl an möglichen

Projekten und Organisationen ist

groß, die Orientierung fällt oft schwer.

Deswegen hat MAN das Programm

„Helfen macht Freude“ ins Leben gerufen,

das im Kulturveränderungsprogramm

„MAN Change“ entstanden ist. Das Ziel

ist es, den Mitarbeitern eine Plattform

zu bieten, über die sie sich sozial und

ehrenamtlich engagieren können. Im

Intranet des Münchener Unternehmens

können sich die Angestellten über verschiedene

Projekte informieren und sich

dort auch direkt darauf bewerben.

Gemeinsam mit verschiedenen Trägerorganisationen,

wie beispielsweise dem

Kinderschutzbund, setzt MAN die ehren-

Peter Attin erläutert die die Plattform

„Helfen macht Freude“.

72 globalcompact Deutschland 2018


amtlichen Projekte auf und entwickelt

außerdem ständig neue Maßnahmen.

Der Fokus liegt dabei auf den Bereichen

Bildung und Unterstützung sozial

Benachteiligter. Das ist dem Unternehmen

besonders wichtig: MAN betrachtet

Bildung als Grundlage der Armutsbekämpfung

und damit auch für jede Art

sozialer Partizipation.

„Helfen macht Freude“ informiert aber

nicht nur über aktuelle und geplante

Projekte, Interessierte finden dort auch

Erfahrungsberichte von bereits abgeschlossenen

Aktionen. Die positiven

Stimmen der freiwilligen Helfer von

MAN motivieren zusätzlich. Bei den

Mitarbeitern kommt das gut an: „Viele

sind dankbar dafür, dass wir sie so bei

ehrenamtlichen Tätigkeiten unterstützen

und ihnen damit gleichzeitig eine

Orientierung im Bereich des sozialen

Engagements bieten“, weiß Susanne

Gunreben, eine der Mitgründerinnen

des Programms.

Viele Stunden freiwilliges Engagement

Ein Herzensprojekt der Münchener ist

die Kooperation mit dem SOS-Kinderdorf

e.V. Schon seit zehn Jahren ist MAN

sowohl national als auch international

engagiert. Neben der Unterstützung von

Bildungsprojekten und Spenden für Nothilfemaßnahmen

ist das Engagement der

Mitarbeiter ein wichtiger Eckpfeiler der

Zusammenarbeit. Mehrere hundert Stunden

ehrenamtlicher Arbeit leisten die

Freiwilligen pro Jahr für SOS-Kinderdorf.

Allein 2017 kamen etwa 420 Freiwilligenstunden

zusammen. Die Tätigkeiten

sind dabei ganz unterschiedlich: So übernehmen

die MAN-Mitarbeiter beispielsweise

Bildungspatenschaften für von SOS-

Kinderdorf betreute Kinder und Jugendliche

in Deutschland. Einmal in der Woche

treffen sie sich mit sozial benachteiligten

Schülern, um ihnen beim Lernen zu

helfen. Auch der Nachwuchs von MAN

bringt sich ehrenamtlich ein. Jedes Jahr

helfen die Azubis in Salzgitter beim Aufund

Abbau des Weihnachtsdorfs im SOS-

Mütterzentrum. In festlicher Umgebung

können die Kinder dort dann mit ihren

Müttern basteln, werkeln und backen.

Unterstützung Benachteiligter

Eine besondere Aktion fand 2017 in der

SOS-Jugendwohngruppe in Landsberg

statt. Hier leben einige unbegleitete,

jugendliche Flüchtlinge. Gemeinsam

mit den Mitarbeitern von MAN mauerten

die Jugendlichen einen Ziegel-Grill.

Bei gemütlichem Beisammensein und

leckerem Essen wurde dieser auch gleich

eingeweiht. An der Aktion hatten alle

ihren Spaß: „Für uns war es toll zu erleben,

wie schön es ist zu helfen und

wie gut es tut, dafür ein Lächeln oder

auch eine Umarmung geschenkt zu bekommen“,

heißt es in dem zugehörigen

Erfahrungsbericht auf der MAN-internen

Plattform „Helfen macht Freude“. Auch

nach dem gemeinsamen Bau des Grills

brach der Kontakt nicht ab. So besuchten

die Jugendlichen das Unternehmen

in München und bekamen dort eine

Werksführung. Außerdem sind noch

weitere Projekte in Planung.

Wer Kindern und Jugendlichen lieber

anderweitig helfen will, kann sich für das

Mentoring-Programm von MAN melden.

Gemeinsam mit dem Dominik-Brunner-

Haus der Johanniter in Ramersdorf ist das

Projekt im September 2018 mit sieben

Jugendlichen aus schwierigen sozialen

Verhältnissen gestartet. Diese besuchen

unterschiedliche Schulformen und haben

individuelle Bereiche, in denen sie

sich Unterstützung wünschen. So helfen

die MAN-Mitarbeiter in regelmäßigen

Treffen beispielsweise bei der Suche

nach einem geeigneten Ausbildungsoder

Studienplatz. Bevor das Programm

startete, wurde zudem ein Matching

vorgenommen, sodass sich passende

Mentee-Mentor-Paare zusammenfinden

konnten.

Das Hauptengagement der Münchener

liegt zwar im Bereich der Bildung. Daneben

gibt es auch zahlreiche ökologische

Projekte, in denen sich die Mitarbeiter

engagieren können. So zum Beispiel

die Wiedervernässung im Hoch- und

Niedermoor Unterhaching oder die Renaturierung

im Perlacher Forst.

Grenzen überwinden

Die Plattform „Helfen macht Freude“

sensibilisiert die Mitarbeiter von MAN für

gesellschaftliche, soziale und ökologische

Themen. Freiwilliges gesellschaftliches

Engagement hat aber auch weitere Vorteile

für das Unternehmen. Denn ein

Ehrenamt überwindet Grenzen: Nicht

nur Angestellte, sondern auch Vorgesetzte

und Vorstandsmitglieder sind aktiv

mit dabei. Hand in Hand engagieren sie

sich gemeinsam. Zum Teil melden sich

sogar komplette Abteilungen für solch

eine ehrenamtliche Tätigkeit. So sind

über das gesellschaftliche Engagement

die Projekte auch ausgesprochen gute

Team-Building-Maßnahmen – innerhalb

von Bereichen und Abteilungen aber

auch über Fachbereiche und Hierarchien

hinweg.

Die Übernahme von sozialer und gesellschaftlicher

Verantwortung der Münchener

bleibt auch in der Öffentlichkeit

nicht unbemerkt. Im Dezember 2018

wurde die MAN-Gruppe von der Stadt

München als ausgezeichnetes Unternehmen

im Bereich Corporate Social

Responsibility geehrt. Und das insbesondere

für das freiwillige Mitarbeiterengagement,

die Integration von Flüchtlingen

und für die langjährige Kooperation mit

SOS-Kinderdorf.

Ökologisches Projekt im Perlacher Forst

globalcompact Deutschland 2018

73


GOOD PRACTICE

SDGs: Schöne neue

(Unternehmens)Welt?

Im Jahr 2015 wurden von den Vereinten Nationen die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung

(SDGs, Sustainable Development Goals) verabschiedet. Damit wurde vielen Regierungen,

Regulierungsbehörden und Unternehmen die dringende Notwendigkeit klar, mehr für den Schutz

zukünftiger Generationen zu tun. Seitdem sind einige Jahre vergangen. Wo stehen wir jetzt und

wie reagieren die Unternehmen auf diese „schöne neue Welt“?

Von Kai Michael Beckmann, Director Governance, Risk & Compliance, Mazars

Seit der Einführung der SDGs lässt sich

feststellen, dass sich auch Unternehmen

intensiver mit den Auswirkungen ihrer

Geschäftstätigkeit auf gesellschaftliche Belange

beschäftigt haben. Betrachtet man

die globalen Zahlen des Global Compact

der Vereinten Nationen, so berichten

heute insgesamt 8.996 Unternehmen

über eigene Aktivitäten zur Förderung

menschenwürdiger Arbeit (SDG 8). Damit

ist die Achtung der Menschenrechte

unter den 17 Zielen dasjenige, zu denen

die meisten Unternehmen Stellung beziehen.

Weniger als die Hälfte informieren

dagegen über Aktivitäten, die Nachhaltigkeit

in Städten und Gemeinden fördern

(N=4.344, SDG 11).

Was hält die Unternehmen zurück?

Sind es die fehlenden globalen oder

nationalen Rahmenbedingungen?

Selbstverständlich ist es die Rolle von

Regierungen, Vorschriften zu erlassen,

um eine nachhaltigere Gesellschaft zu

fördern. Unternehmen werden jedoch

zunehmend ihre Verantwortung für

ein verantwortungsbewusstes Handeln

eigenständig wahrnehmen müssen, weil

eine kritischer werdende Abnehmerseite

transparente Lieferketten und die Einhaltung

von Menschenrechten fordern

werden. Gleichzeitig müssen Unternehmen

als ökonomisch handelnde Subjekte

notwendigerweise Preis und Qualität in

Übereinstimmung bringen.

Die Kernfrage ist deshalb vielmehr, wie

können Unternehmer Gewinnorientierung

auf der einen und gesellschaftliche

Verantwortung auf der anderen Seite in

eine gute Balance bringen? Vielen Unternehmen

scheint der direkte Bezug von

Umwelt, Sozial- und Governance-Aspekten

zur wirtschaftlichen Situation ihres

Unternehmens noch nicht klar genug zu

sein. Das gilt insbesondere im Hinblick

auf damit einhergehende Risiken, die

langfristig wirkende, finanzielle Schäden

verursachen können. Nachhaltig

agierende Unternehmen, die CSR in ihre

Unternehmenssteuerung integriert haben

und diese Aspekte gezielt managen,

können sich im Durchschnitt erfolgreicher

entwickeln als ihre Wettbewerber.

Mazars hat zusammen mit Shift, der führenden

gemeinnützigen Organisation der

UN Guiding Principles on Business and

Human Rights („die UNGPs“), den UNGP

Reporting Framework entwickelt. Diese

Initiative wurde als Multi-Stakeholder-

Projekt durchgeführt, mit über 200 verschiedenen

beteiligten Organisationen,

darunter Regierungen, Regulierungsbehörden,

multinationale Unternehmen,

zivilgesellschaftliche Akteure und Berater.

Aus diesen Gesprächen ging ein einheitliches

Thema hervor: verantwortungsbewusstes

Handeln sowie der Respekt vor

Mensch und Umwelt muss in die gesamte

Organisation bzw. in das gesamte Geschäftsmodell

integriert werden.

Für Unternehmen stellt sich zunächst

die Frage, wie und in welchen Bereichen

sie den Prozess beginnen und wie sie

diesen umsetzen sollen. Im UNGP Reporting

Framework ist hierzu festgelegt,

dass Unternehmen im ersten Schritt

die Risiken in den Fokus rücken sollen,

die durch die eigene Geschäftstätigkeit

schwerwiegende negative Auswirkungen

auf Mensch und Umwelt haben sowie

deren Kontrolle. Ist eine Organisation

beispielsweise in der Fertigungsindustrie

74 globalcompact Deutschland 2018


tätig, dann ist der Mangel an einem existenzsichernden

Lohn ein Schlüsselrisiko,

das mit SDG 1 – „Keine Armut“ nicht

in Einklang steht. Ein Unternehmen im

produzierenden Gewerbe hingegen sieht

sich dem Risiko von verschmutztem

Wasser oder Wasserknappheit gegenüber,

das mit der SDG 6 – „Sauberes Wasser

und Hygiene“ – nicht übereinstimmt.

Wenn sich Unternehmen mit den SDGs

auseinandersetzen und diese umsetzen

möchten, sollten sie tatsächliche Veränderungen

erwirken und nicht nur ihr

bisheriges Vorgehen neu beschreiben

sowie ihr Reporting anpassen. Eine solche

Praxis verfehlt die Ziele der SDGs.

Die Auswirkungen der Regulierung

Auch die staatliche Regulierung könnte

künftig noch eine größere Rolle spielen.

Der Gesetzgeber könnte beispielweise

Unternehmen dazu verpflichten, nicht

nur die Ergebnisse nachhaltigen Handelns

darzulegen, sondern auch den Weg

und die einzelnen Schritte dahin. Durchschnittlich

80 Prozent des Marktwerts

von Aktiengesellschaften bestehen aus

immateriellen Vermögenswerten. Deshalb

könnte es ein Weg sein, auch diese

nichtfinanziellen Informationen analog

zum Finanzbericht unabhängig und

pflichtgemäß prüfen zu lassen. Was die

Wirksamkeit der Regulierung anbetrifft,

so lässt sich erfahrungsbasiert feststellen,

dass sich immer mehr Unternehmen mit

ihren Schwachstellen auseinandersetzen

und von Unternehmen wie Mazars bei

der Entwicklung und Umsetzung ihrer

CSR-Strategien unterstützen lassen.

Dazu gehören Themen wie die Identifikation

von tatsächlichen und potenziellen

wesentlichen Auswirkungen auf Mensch

und Umwelt; die Art und Weise, wie Risikobereiche

identifiziert wurden und ob

diese analysiert, bewertet und beobachtet

werden. Unsere Beobachtung ist, dass

sich CSR von einer reinen „Compliance-

Übung“ hin zu einer Erwartung entwickelt,

mit diesem Thema auch positive

Effekte in Bezug auf das eigene Rating zu

erzielen (z.B. Performance-Indikatoren

und -Indizes). Dies ermöglicht es Unternehmen,

die Effektivität ihrer Prozesse

besser zu verstehen, diese zu steuern und

Kai Michael Beckmann ist Director bei

der Wirtschaftsprüfungs- und

Steuerberatungsgesellschaft Mazars in

Hamburg und leitet dort den Bereich CSR.

ihre Leistung zu verfolgen, was ihnen

das Vertrauen gibt, CSR in ihre breitere

Geschäftsstrategie zu integrieren.

SDGs zur Wertschöpfung nutzen

Abschließend ist zu sagen, dass es mit

zunehmender Regulierung und Sensibilisierung

der Verbraucher, einer Fülle

von freiwilligen Hinweisen und den

SDGs es nur eine Richtung auch für die

Unternehmen gibt. Je früher sie beginnen,

Nachhaltigkeit ernster zu nehmen

und sie in die eigene Kultur sowie das

Geschäftsmodell zu integrieren, desto

größer sind die Chancen auf eine längerfristige

Rentabilität.

globalcompact Deutschland 2018

75


GOOD PRACTICE

Bei Merck

stimmt die

(grüne) Chemie

Die UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) sind noch längst nicht

erreicht, und bei ihrer Umsetzung stehen auch Unternehmen in

der Verantwortung. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Das

Wissenschafts- und Technologieunternehmen Merck setzt mit

dem Programm für „Grüne Chemie“ beim Umwelt- und Klimaschutz

an und hilft damit gleichzeitig seinen Kunden, ihren

Beitrag zu den SDGs zu leisten.

Von Jeffrey Whitford, Head of Corporate Responsibility and Branding for Life Science, Merck

Merck hat sich zum Ziel gesetzt, nachhaltigere

Produkte zu entwickeln, deren

ökologischer Fußabdruck möglichst gering

ist. Die Umwelt soll weniger belastet,

Ressourcen geschont werden. Ein

Eckpfeiler für die Realisierung dieser

Nachhaltigkeitsstrategie ist unter anderem

die Entwicklung und Produktion

„grünerer“ Alternativen zu herkömmlichen

Chemikalien im Unternehmensbereich

Life Science.

Veränderte Kundenansprüche

Damit arbeitet Merck intensiv an SDG

12 (Nachhaltiger Konsum/nachhaltige

Produktion) und kommt zugleich

veränderten Kundenansprüchen nach.

Für die Kunden wird es nämlich immer

wichtiger, Produkte nutzen zu können,

die nachhaltiger, weniger giftig und

ungefährlicher für Mensch und Umwelt

sind. Gleichzeitig sollen die Produkte

genauso wirksam sein und idealerweise

gleichviel kosten. Durch diese neuen

Ansprüche entwickelt sich nicht nur

das Verständnis für chemische Zusammenhänge

stetig weiter. Es entsteht auch

Raum für Innovationen. Im Rahmen der

„Grünen Chemie“ setzt Merck diese Strategie

in der Produktentwicklung und der

Produktion um und hat dabei auch die

konkrete Nutzung der Produkte im Blick.

Vernetzte Produktentwicklung

Die Experten des Darmstädter Unternehmens

stehen hierbei schon während

der Entwicklungsphase von neuen Produkten

in ständigem Kontakt mit den

Kunden. Da diese aus den unterschiedlichsten

Bereichen, wie der pharmazeutischen

oder chemischen Forschung

stammen, haben sie auch individuelle

Ziele und Bedürfnisse. Dank des globalen

Netzwerks von Wissenschaftlern

mit langjähriger Erfahrung im Bereich

der Grünen Chemie kann Merck diese

Ansprüche erfüllen.

Ein aktuelles Beispiel ist die Arbeit an

einer Innovation für die Textilindustrie.

Das neue Produkt soll dazu beitragen,

die Nutzung einer problematischen Chemikalie,

die bisher zur Behandlung von

Stoffen und Textilien verwendet wird,

künftig zu vermeiden. Außerdem reduziert

sich dadurch das entstehende

Abwasser und der Anwendungsprozess

wird sicherer. Die umweltfreundlichere

Alternative ist dabei genauso leistungsstark

wie das vorherige Produkt. Bei der

Entwicklung von diesen Alternativen

wenden die Wissenschaftler von Merck

die Prinzipen der Grünen Chemie von

Paul T. Anastas und John C. Warner an.

Nachhaltige Produktion dank Re-

Engineering

Mit seinem Re-Engineering-Programm

überprüft das Unternehmen außerdem,

wie nachhaltig der Herstellungsprozess

76 globalcompact Deutschland 2018


von Chemikalien ist. Die Mitarbeiter

untersuchen die Funktionsweisen von

chemischen Reaktionen und versuchen

das gleiche Ergebnis auf effizientere

Weise zu erreichen. So zum Beispiel

bei der Herstellung von Beta-Amylase.

Merck gewinnt dieses Enzym aus Süßkartoffeln.

Bei dem ursprünglichen Herstellungsprozess

wurden große Mengen

an Rohmaterialien, Lösungsmitteln und

Energie benötigt.

Zwei findige Wissenschaftler suchten

daher nach einer anderen Herangehensweise.

Daraus entstand schließlich

ein neuer und nachhaltigerer Ansatz

zur Produktion von Beta-Amylase: Lösungsmittel

werden gar nicht mehr

benötigt, der ganze Prozess findet nun

auf Wasserbasis statt. Das Produkt ist

zudem um 15 Prozent reiner als die

vorherige Version.

Wie kann man Grüne Chemie

bewerten?

Um zu prüfen, wie nachhaltig die grüneren

Produkte wirklich sind, entwickelte

Merck das Analyse-Tool DOZN: „Bei

der Bewertung der allgemeinen Nachhaltigkeit

biobasierter Produkte ist es

wichtig, konkurrierende Ressourcen und

die Effizienz des Herstellungsprozesses

zu berücksichtigen“, sagt Dr. Jane Murray,

Head of Green Chemistry for Life Science

bei Merck. Anhand der zwölf Prinzipien

der Grünen Chemie bewertet das

Online-Tool, wie Produkte in den Hauptkategorien

„verbesserte Ressourcennutzung“,

„effizienter Energieeinsatz“ und

„minimierte Gefahren für Mensch und

Umwelt“ abschneiden. Für jedes einzelne

der zwölf Prinzipien der Grünen Chemie

berechnet DOZN einen Ergebniswert.

Zusammengenommen ergeben diese

einzelnen Werte dann einen konsolidierten

„grünen“ Gesamtwert. In die

Evaluation fließt eine Vielzahl an Daten

ein, unter anderem aus dem global harmonisierten

System zur Einstufung und

Kennzeichnung von Chemikalien (GHS).

So lassen sich die Produkte einfacher

vergleichen. 2017 wurde das von einem

unabhängigen Beratungsunternehmen

validierte Tool veröffentlicht. Außerdem

ist DOZN 2.0 in Arbeit, das den Kunden

ermöglichen wird, auch ihre eigenen

Prozesse zu bewerten und ihnen helfen

soll, den ökologischen Einfluss ihrer

Entwicklungen besser zu verstehen.

Grüne Lösung Cyrene

Merck hat in seinem Life-Science-Geschäft

ein Produktportfolio von über

300.000 Produkten. Weil die Kunden sich

zunehmend nachhaltigere Alternativen

für die bereits vorhandenen Stoffe wünschen,

arbeitet das Unternehmen stetig

an der Entwicklung neuer Substanzen.

Mittlerweile gibt es über 750 solcher

grüner Alternativen, wie beispielsweise

das Lösungsmittel „Cyrene“. 2017

erhielt es die Auszeichnung „European

Bio-Based Chemical Innovation oft the

Year“. Cyrene basiert auf Abfallzellulose

und wird in nur zwei Schritten hergestellt.

Der Herstellungsprozess ist nahezu

energieneutral und spart Wasser. Dieses

umweltverträgliche Lösungsmittel ist

damit eine nachhaltigere Alternative

zu Substanzen wie Dimethylformamid

(DMF), das als reproduktionstoxisch eingestuft

ist. Dr. Murray erklärt: „Produkte

wie Cyrene basieren auf natürlichen

Ressourcen. Sie sind umweltverträglicher,

leichter biologisch abbaubar und

einfacher zu recyceln.“

Grüne Chemie für den

wissenschaftlichen Nachwuchs

Will man solche umweltfreundlichen

Alternativen weiter voranbringen, muss

man bereits im wissenschaftlichen Diskurs

ansetzen. Im Sinne einer ganzheitlichen

nachhaltigen Entwicklung

engagiert sich Merck dafür, dass die

Prinzipien der Grünen Chemie stärker

in die Lehrpläne von Studierenden integriert

werden. Gemeinsam mit den

Non-Profit-Organisationen „Beyond

Benign“ und „My Green Lab“ hat das

Unternehmen einen Leitfaden für Experimente

in organischen Chemielaboren

entwickelt. Dieser beschreibt, welche

Alternativen man in zehn klassischen

Versuchen der organischen Chemie nutzen

kann. Das Ziel: Gefährliche Stoffe

und auch Abfall sollen in Laborkursen

reduziert werden.

Der 2018 herausgekommene Leitfaden

enthält außerdem didaktische Materialien,

die die Lehrkräfte individuell auf

ihre Bedürfnisse anpassen können. In

den ersten sechs Monaten seit Veröffentlichung

wurde er schon über 400 Mal

über eine Website abgerufen.

globalcompact Deutschland 2018

77


GOOD PRACTICE

Kleine Ideen, große Effekte

Symrise und die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen

Von Christina Witter, Press and Media Relations,

und Friedrich-Wilhelm Micus, Sustainability Communications, Symrise

Als weltweit tätiges Unternehmen sieht

sich Symrise in der Verantwortung, aktiv

zu den nachhaltigen Entwicklungszielen,

den Sustainable Development Goals

(SDGs), der Vereinten Nationen beizutragen.

Um für sich die potenziellen

Handlungsfelder innerhalb der SDGs

zu definieren und die Einflussmöglichkeiten

zu bewerten,

führte das Unternehmen

zahlreiche

Wesentlichkeitsanalysen durch. Danach

wurden die Themen gewichtet und den

jeweiligen SDGs zugeordnet. Die folgende

Grafik visualisiert, zu welchen Zielen

Symrise mit verantwortungsvoller Geschäftspraxis

schwerpunktmäßig einen

Beitrag leisten kann.

Klimaziele vorzeitig erreicht

Symrise nimmt seine Verantwortung

ernst und erfüllt mit seinem nachhaltigen

und zugleich wirtschaftlichen

Handeln die Erwartungen von Kunden

und Verbrauchern. Zahlreiche Auszeichnungen,

Audits und Zertifikate belegen

das ebenso wie die integrierte Nachhaltigkeitsstrategie

des Konzerns. Sie baut

auf vier Säulen und diese tragen maßgeblich

zur Zielerreichung der SDGs bei.

So will Symrise seinen CO 2

-Fußabdruck

nachhaltig reduzieren, seine Innovationskraft

steigern, die nachhaltige

Rohstoff beschaffung

sicherstellen und der Verantwortung

gegenüber allen

Stakeholdern entlang

der Wertschöpfungskette

gerecht werden.

Das Engagement

von Symrise lässt

sich an vielen weiteren

Stellen belegen.

So wurde die

Klimastrategie als

erstes Unternehmen

der Branche

(und als weltweit

61. Unternehmen)

von der „Science

Based Targets Initiative“

genehmigt. Ziel

der Vereinigung ist es,

den Klimaschutz voranzutreiben

und gleichzeitig

besser bewertbar zu

machen. Die ehrgeizigen

Klimaziele für das Jahr 2020

hat Symrise bereits 2016 erreicht.

Das Carbon Disclosure Project (CDP)

bescheinigte, dass das Unternehmen

in den Kategorien Klima, Wasser und

Wald auf weltweit führendem Niveau

78 globalcompact Deutschland 2018


agiert. Das Unternehmen zählt zu den

Top 25 in der Welt, wenn es darum geht,

Treibhausgas-Emissionen zu reduzieren,

verantwortungsvoll mit der Ressource

Wasser umzugehen und den Schutz des

Waldes in den eigenen Produktionsstätten

und entlang der Lieferketten voranzutreiben.

Zudem bewertete der britische

Nachhaltigkeitsindex FTSE4Good Symrise

erneut gut und die DQS CFS GmbH, die

Deutsche Gesellschaft für Nachhaltigkeit,

zertifizierte den Konzern wiederholt als

„grünes Unternehmen“.

Hinter diesen Siegeln und Zertifikaten

stecken viele große und kleine Initiativen

rund um den Globus. Im Folgenden zeigen

drei Beispiele aus der Symrise Welt,

wie diese zum großen Ganzen beitragen.

Nachhaltige Menthol-Frische

Synthetisch produziertes Menthol zählt

zu den Hauptprodukten von Symrise.

Rund 500 Kunden beziehen den Rohstoff

und setzen das biologisch abbaubare

Material in Zahnpasta und Mundwasser,

in Pharmaprodukten oder in sprühgetrockneter

Form in Süßigkeiten oder

Kaugummis ein. Gewonnen wird es in

einem komplexen Prozess. Der naturidentische

Aromastoff bietet, verglichen mit

natürlichem Menthol, viele Vorteile: Er

ist reiner, Angebot und Preise schwanken

weniger, die Produktion ist unabhängiger

von Ernten oder Klimaeinflüssen. Und

er ist nachhaltiger: Um den Weltbedarf

mit Menthol aus Minzpflanzen zu decken,

wäre der Flächenbedarf immens.

Außerdem müssten riesige Mengen an

Dünger, Wasser und Energie eingesetzt

werden, um die Pflanzen aufzuziehen

und zu verarbeiten.

Um das synthetische Menthol noch nachhaltiger

produzieren zu können, hat

Symrise in den vergangenen Jahren die

Produktion in Holzminden modernisiert

und ausgebaut. Ein Erweiterungs- und

Modernisierungsprojekt läuft auch in

den USA. Es bringt die Verfahrensschritte

auf den neuesten Stand und macht die

Prozesse deutlich effizienter. Gleichzeitig

spart Symrise mit der neuen Anlage dank

geschlossener Mentholkreisläufe Energie.

Und umweltfreundlicher ist die neue

Technologie auch in anderer Hinsicht:

Die Herstellung erfolgt abwasserfrei und

eine Wärmerückgewinnungstechnik wird

eingesetzt, um bei minimalem Energiebedarf

Kälte für die Produktion zu erzeugen.

Strom aus eigener Kraft

Mit einer Millioneninvestition wird Symrise

den CO 2

-Ausstoß im Stammwerk

Holzminden um rund 31.000 Tonnen

jährlich reduzieren. Der erste Schritt mit

dem Bau des hocheffizienten Kraftwerks

auf Basis der Kraftwärmekopplung wurde

mit der Inbetriebnahme im November

2016 vollzogen, wo schweres Heizöl

durch den emissionsärmeren Brennstoff

Erdgas ersetzt wurde. Im Jahr 2019 installiert

Symrise einen weiteren Kessel, der

Energie aus Reststoffen erzeugt, die bei

der Produktion anfallen. Heizöl soll in

Zukunft nur noch verbrannt werden, um

Spitzen abzufedern. Außerdem erweitert

das Unternehmen die bestehende Abfallkonditionierungsanlage

um zusätzliche

Lagerkapazität, wo die Abfälle gesammelt

werden. Der Grund: Im Sommer

laufen die Kessel deutlich weniger, weil

weniger Energie für Dampferzeugung

benötigt wird. Ein Nebeneffekt: Mit dem

Sammeln der Reststoffe fallen auch weniger

Transporte und damit weniger

CO 2

-Emissionen an.

Damit das System perfekt und möglichst

nachhaltig läuft, kümmert sich ein Team

Tag und Nacht um die Anlage, die rund

um die Uhr für Energie sorgt. Das Kraftwerk

produziert pro Jahr etwa 40 Mio.

Kilowattstunden Strom, aus der Abwärme

entstehen 80.000 Tonnen Dampf. Dafür

müssen Druckluft, Stickstoff und Kälte

zur Verfügung stehen und die Ab- und

Zuluft geregelt werden.

Wasser-Stopp

Aromen werden oft sprühgetrocknet,

damit Kunden sie möglichst einfach verarbeiten

können. Die Produkte behalten

auf diese Weise gleichzeitig länger ihren

Geschmack oder geben diesen erst nach

einiger Zeit frei. Dazu werden in mehr

als zehn Symrise Standorten die flüssigen

Aromenkompositionen zusammen

mit Trägerstoffen in Wasser emulgiert

und unter hohem Druck durch Düsen in

die Sprühtrocknungskammer gebracht,

wo sie unter großer Hitze in kurzer

Zeit zu kleinsten Kügelchen verkapselt

werden.

Die Technologie wendet das Unternehmen

seit Jahrzehnten an. In Singapur

testet Symrise derzeit geringere Wassermengen

für das Verfahren. Das Prinzip

ist ganz einfach: Je weniger Wasser bei

der Trocknung im Produkt vorhanden

ist, umso weniger Wärme muss bei der

Verarbeitung eingesetzt werden, um das

Wasser zu verdampfen.

Die verfahrenstechnische Optimierung

stammt aus einem Projekt in Holzminden.

Ursprünglich bestanden die Aromenlösungen

aus 60 Prozent Wasser.

Über mehrere Versuche haben die Experten

für viele Rezepturen das Wasser in

der Mischung schon um 5 bis 10 Prozent

reduziert, das so bei der Sprühtrocknung

nicht mehr verdampfen muss.

Bei mehreren Hundert Produkten hat

das Prinzip funktioniert. Symrise spart

Wasser, Strom und Dampf – und die

Herstellungszeit verringert sich. Eine

weitere nachhaltige Änderung sorgt

ebenfalls für mehr Effizienz. Mit einer

Wärmerückgewinnung wird das Kondensat,

das beider Sprühtrocknung anfällt,

genutzt, um bei anderen Prozessen als

Wärmequelle zu dienen: Effizienzsteigerung

auf allen Ebenen.

Fazit

Symrise ist sich bewusst, dass es als Unternehmen

Verantwortung trägt: für die

profitable Verwendung des anvertrauten

Kapitals, für die effiziente Nutzung

und zugleich Bewahrung natürlicher

Ressourcen, für das Wohlergehen seiner

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

sowie für gesellschaftliche Belange. Mit

anderen Worten: Verantwortliches Wirtschaften

und geschäftlicher Erfolg gehen

für Symrise Hand in Hand.

globalcompact Deutschland 2018

79


GOOD PRACTICE

Kollegin Roboter: Sichere

Interaktion von Mensch und

Maschine im Arbeitsalltag

Sie bewegen sich schnell, präzise, fast geräuschlos in der Halle. Mehrere große, metallene

Arme, die in immer gleichem Tempo die immer gleiche Bewegung ausführen. Was futuristisch

anmutet, ist in immer mehr Fabriken Realität: der Einsatz von Robotern im Fertigungsprozess.

Vor allem in Deutschland, das im weltweiten Vergleich auf Platz drei beim Einsatz der automatisierten

Helfer liegt. Neben sozialen Fragen spielen auch Sicherheitsfragen in der Interaktion von

Mensch und Maschine eine bedeutende Rolle. Durch entsprechende Gefährdungsbeurteilungen

begleitet TÜV Rheinland seine Kunden in eine arbeitsunfallfreie Zukunft.

Von Susanne Dunschen und Jörg Meyer zu

Altenschildesche, TÜV Rheinland

Ob bei der Montage von schweren Autoteilen

oder dem Sortieren schwerer Pakete:

Roboter unterstützen Arbeitnehmer

immer öfter bei kraftintensiven Tätigkeiten

im Betrieb. Bei der Automatisierung

der Produktion gehört Deutschland zu

den führenden Nationen: Nach Angaben

der International Federation of Robotics

waren im Jahr 2016 hierzulande 309

Roboter pro 10.000 Industriebeschäftigten

im Einsatz. Damit liegt Deutschland

weltweit auf Platz drei nach Korea und

Singapur. Wie Mensch und Maschine

zusammenarbeiten, hat sich in den vergangenen

Jahren deutlich verändert:

Immer öfter sind Mensch und Roboter bei

modernen Fertigungsabläufen Hand in

Hand tätig. Die Industrie verspricht sich

dadurch Effizienz- und Produktionssteigerungen,

während unter Angestellten

von Industrieunternehmen die Sorge

lauter wird, wie – und ob – sich ihre

Arbeitsplätze in der Zukunft gestalten

werden.

In einem nachhaltigen Zusammenspiel

von Mensch und Maschine ersetzt die Maschine

den Menschen nicht als Arbeitskraft,

sondern unterstützt ihn sinnvoll,

beispielsweise durch die Übernahme

von körperlich besonders schweren oder

gefährlichen Aufgaben. So bleibt dem

Menschen mehr Zeit und Kraft für sei-

80 globalcompact Deutschland 2018


ne wesentliche Arbeit. Aber nicht nur

Fragen der Arbeitszeitgestaltung spielen

eine wichtige Rolle, auch die Frage nach

der Arbeitsplatzgestaltung ist essentiell

in der Diskussion über die Arbeit der

Zukunft: Wie muss die Interaktion zwischen

Mensch und Maschine aussehen,

damit zu jeder Zeit ein für den Menschen

sicheres und entlastendes Arbeitsumfeld

gewährleistet ist? Diese Frage greift TÜV

Rheinland auf und bietet Gefährdungsbeurteilungen

bei der Zusammenarbeit

mit Robotern an.

Neue Sicherheitsfragen durch

die Arbeit mit kollaborierenden

Robotern

Bei roboterunterstützen Fertigungsprozessen

agiert der Mensch unmittelbar mit

der Maschine, ohne räumliche Trennung

durch einen Schutzzaun oder andere

Sicherheitsbarrieren. „Kollaborierende

Roboter sind nicht durch Schutzgitter

vom Menschen getrennt. Daher müssen

andere Schutzmaßnahmen für die

Sicherheit der Beschäftigten sorgen. Der

erste Schritt dabei ist die genaue Analyse

der Aufgaben, die der Roboter übernehmen

soll und wie er mit dem Menschen

zusammenarbeitet. Auf dieser Grundlage

erstellen wir eine entsprechende Gefährdungsbeurteilung

für den jeweiligen

Arbeitsplatz“, betont Andreas Kaulen, der

als Experte für Arbeitssicherheit bei TÜV

Rheinland Unternehmen verschiedener

Branchen berät.

Mensch und Maschine ergänzen sich

Aus der engen Interaktion zwischen

Mensch und Maschine ergeben sich deutliche

Vorteile: Mit ihrem konstanten

Leistungsvermögen, beispielsweise, wenn

Werkstücke bei Klebevorgängen zusammengedrückt

werden müssen, und ihrer

Kraft beim Heben und Halten von Teilen

entlasten Roboter die Beschäftigten effektiv.

Darüber hinaus übernehmen sie

monotone Tätigkeiten, die immer genau

gleich ausgeführt werden müssen. Die

Beschäftigten können sich somit auf die

Arbeiten konzentrieren, bei denen der

Mensch den Maschinen überlegen ist:

Aufgaben, die feinmotorische Fingerfertigkeit

erfordern, oder solche, bei denen

Flexibilität und Urteilsvermögen erforderlich

sind. Oftmals tragen Pilotprojekte

in einzelnen Abteilungen maßgeblich

dazu bei, die Akzeptanz der Roboter bei

den Beschäftigten zu verbessern.

Körperliche Belastungen lassen sich allerdings

auch durch den Einsatz von

Robotern nicht gänzlich vermeiden. Intelligente

Unterstützung bei Arbeiten,

die beispielsweise in ungünstiger oder

belastender Körperhaltung durchgeführt

werden müssen, trägt dann zur Sicherheit

und Gesundheit der Mitarbeiter bei.

Dazu kommen neben den assistierenden

Robotern auch sogenannte Exoskelette

zum Einsatz. Oftmals übernehmen

Roboter und Drohnen ferner Arbeiten,

bei denen Menschen gesundheitlichen

Risiken durch Gefahrstoffe ausgesetzt

wären. „Aus Sicht der Arbeitssicherheit

ist der Einsatz moderner Technologien

bei Tätigkeiten wie der Tankreinigung

oder der Wartung von Kanalschächten

ein großer Vorteil: Die Mitarbeiter können

die technischen Helfer fernsteuern

und die Arbeiten ausführen, ohne sich

selbst in Gefahr zu begeben“, so Kaulen.

Intelligente Sicherheitstechnik

Möglich wird die direkte Zusammenarbeit

mit Robotern durch den Einsatz

intelligenter Sicherheitsvorkehrungen.

Sensoren und Kameras sorgen dafür, dass

die Maschinen Menschen in ihrem Umfeld

wahrnehmen. Die Bewegungsgeschwindigkeit

der Roboter und die eingesetzte

Kraft werden dann der Arbeitssituation

angepasst. Kommt es zur Lösung einer Arbeitsaufgabe,

beispielsweise zum Kontakt

zwischen Mensch und Maschine, wird

die Kraft des Roboters so weit reduziert,

dass die Arbeitnehmer nicht zu Schaden

kommen können. „Neben diesen technischen

Sicherheitsvorkehrungen sind

Unterweisungen der Mitarbeiter zum

Umgang mit kollaborierenden Robotern

wichtig. Oftmals sind es einfache Dinge,

wie das Freihalten von Fahrwegen, die

maßgeblich dazu beitragen, dass die Zusammenarbeit

reibungslos funktioniert“,

so Kaulen.

Eine weitere wichtige Voraussetzung für

sicheres Arbeiten mit einem Roboter ist

die Umgebung des Arbeitsplatzes. Gute

Beleuchtung und ein geringer Lärmpegel

beispielsweise gewährleisten, dass der Mitarbeiter

die Maschine optimal wahrnimmt

und auf sie reagieren kann. Auch sollte

der Arbeitsbereich nur für eine geringe

Anzahl an Personen zugelassen sein, um

Ablenkungen zu vermeiden. Auch solche

grundlegenden Festlegungen tragen dazu

bei, die Vorteile der modernen Technologien

sicher und effizient zu nutzen.

globalcompact Deutschland 2018

81


GOOD PRACTICE

Das neue Arbeiten in

nachhaltigen Gebäuden

Als Familienunternehmen ist sich Weidmüller seiner Verantwortung gegenüber der Umwelt

und den nachfolgenden Generationen bewusst. Neben der Hebung von Einsparpotentialen in

den eigenen Produktionsprozessen wird dies vor allem bei der Infrastruktur der Gebäude und

Querschnittstechnologien sichtbar. Hier setzt das Familienunternehmen aus Detmold

konsequent auf Nachhaltigkeit – sichtbar wird dies bei dem Bau und der Einrichtung des

neuen Kunden- und Technologiecenters. Denn Energieeffizienz beginnt weit vor der Steckdose.

Von Carsten Nagel, Manager External

Communication, Weidmüller Gruppe

Energie- und Ressourceneffizienz sind bei

Weidmüller nicht dem aktuellen Zeitgeist

geschuldet, sondern seit vier Jahrzehnten

gelebte Praxis: „Die große Verpflichtung

und Verantwortung gegenüber den zukünftigen

Generationen ist groß“, so

Helene Derksen-Riesen, Leiterin des internationalen

Gebäudemanagements bei

Weidmüller. „Deswegen legen wir schon

jetzt den Grundstein für eine nachhaltige

Zukunft. Sowohl in unserem unternehmerischen

Handeln als auch bei der Planung

und Umsetzung neuer Gebäude.“ Beim

Bau des neuen Kunden- und Technologiecenters

in Detmold stand daher von

Anfang an die Aspekte Energieeffizienz

und nachhaltige Energiegewinnung im

Fokus. Nach ungefähr zwei Jahren Bauzeit

wird das neue Gebäude Anfang 2019 fertiggestellt

und eröffnet. Auf etwa 11.500

Quadratmetern Nutzfläche arbeiten zukünftig

ungefähr 450 Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter. Investitionen in ein

Geothermiefeld, in eine Photovoltaikanlage

auf dem Dach sowie in innovative

Technik zum Einsparen von Energie im

Inneren des Gebäudes verdeutlichen den

hohen Stellenwert von Nachhaltigkeit

und Energieeffizienz bei der Errichtung.

„Mit mehr als 200 Bohrungen und knapp

9.000 Bohrmetern ist das Feld aktuell eines

der größten in Deutschland“, berichtet

Derksen-Riesen. Die Geothermie zählt

zu den regenativen Energien. Hierbei

wird die in der Erdkruste gespeicherte

Energie genutzt. Da das Gebäude mit

Geothermie geheizt und auch überwiegend

gekühlt wird, ist die Energiebilanz

ausgeglichen. Das heißt, es wird so viel

Energie eingebracht, wie entnommen.

Eine Investition, die sehr nachhaltig ist,

sich aber langfristig auszahlt.

82 globalcompact Deutschland 2018


Nachhaltiges Energiekonzept und

angenehme Arbeitsatmosphäre

durch moderne Technik

Das Geothermiefeld ist im Sinne eines

ganzheitlichen Konzepts mit der Temperaturregelung

über eine Heizkühldecke

im Gebäudeinneren verbunden. 100

Prozent der Wärme und 70 Prozent der

Kälte, die über die Heizkühldecke in

das Gebäude eingespeist werden, werden

über das Geothermiefeld erzeugt.

Und auch die Heizkühldecke selbst ist

auf Energieeffizienz ausgerichtet. Im

Gegensatz zu klassischen Heizsystemen,

die durch eine hohe Vorlauftemperatur

oft Verluste verzeichnen, erweist sich die

im gesamten Gebäude verbaute Decke

als äußerst energieeffizient. Zusätzlich

ist es möglich jede Zone individuell anzusteuern,

wodurch sich maßgebliche

Energieeinsparungen ergeben. „Neben

den Energieeinsparungen entsteht durch

die Heizkühldecke kaum Zugluft, wodurch

sich für unsere Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter ein ganz neuer Wohlfühlfaktor

ergibt“, erläutert Derksen-

Riesen. Auch die Beleuchtung trägt zu

einer angenehmen Arbeitsatmosphäre

bei. Durch den hohen Glasanteil des Gebäudes

können die Mitarbeiterinnen und

Mitarbeiter während ihrer Arbeitszeit das

Tageslicht genießen. Sollte es allerdings

doch zu dunkel werden, ist das Gebäude

mit LED-Beleuchtung ausgestattet, die

mit einem Präsenzmelder verbunden

ist. So wird sichergestellt, dass nur dort

Licht brennt, wo Personen anwesend

sind. Zusätzlich sind Helligkeitssensoren

verbaut – wird es zu hell, schließen

sich die Jalousien automatisch, wird es

dunkler, öffnen sie sich wieder. Auch

starken Wind erfassen die Sensoren an

der Außenseite des Gebäudes und regeln

die Jalousien entsprechend.

Innovatives Besprechungsraumkonzept

und Break-Out-Zonen

im Fokus

Doch nicht nur bei der Planung des

Gebäudes wurde der Fokus auf Nachhaltigkeit

gelegt. Unter dem Stichpunkt

New Work wurden die gesamten Bürosowie

Besprechungsräume geplant. Der

Verzicht auf Einzelbüros und die Auslegung

der Teambüros nach einem Multi-

Space-Konzept soll die Zusammenarbeit

innerhalb der Abteilung fördern.

Eine kurze Auszeit können sich die

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in

den Break-Out-Zonen gönnen, die mit

Sesseln und Sofas sowie Zeitschriften

und Playstations ausgestattet sind. „Hier

können sich unsere Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter zurückziehen und den

Kopf freibekommen, um im Anschluss

effizient weiterarbeiten zu können“, so

Derksen-Riesen. Ein weiterer Entspannungsort

ist auch die Terrasse, die sich

vor der Kantine erstreckt und einen Blick

auf freie Felder ermöglicht.

Auch die Besprechungsräume wurden

so konzipiert, dass sie sich der neuen

Arbeitsweise anpassen. Gemeinsam mit

den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern

aus den entsprechenden Abteilungen

wurden diese auf deren Bedürfnisse

zugeschnitten. So entstanden sechs verschiedene

Besprechungsraumkonzepte,

die an verschiedenen Stellen im Gebäude

zu finden sind. Hinzu kommen noch die

zentralen Besprechungsräume, auf die

die Abteilungen keinen Einfluss hatten.

Jeder Besprechungsraum ist mit CO 2

-Fühlern

ausgestattet, die die Frischluftzufuhr

steuern und so dafür sorgen, dass jede

Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter mit

einem klaren Kopf an Besprechungen

teilnehmen kann.

Hinzu kommen schallabsorbierende

Materialien, die im gesamten Gebäude

verbaut sind. Sie bieten eine optimale

Geräuschkulisse und ermöglichen den

Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, konzentriert

an Projekten zu arbeiten.

E-Mobilität mitgedacht

Auch für die Besucher wird ein nachhaltiges

Erlebnis in dem neuen Kunden-

und Technologiecenter geboten.

Im Eingangsbereich werden ihnen Ladestationen

für Elektroautos zur Verfügung

gestellt, sodass sie nach ihrem

Besuch mit einem vollen „Tank“ direkt

durchstarten können. Aber auch für

die Mitarbeiter gibt es Ladestationen in

der Tiefgarage. „Derzeit haben wir nur

einzelne Plätze für Elektroautos vorgesehen.

Wir können diese aber flexibel

bis auf 20 Plätze erweitern,“ erklärt

Derksen-Riesen. Sportliche Mitarbeiter

und Mitarbeiterinnen, die mit dem E-

Bike zur Arbeit kommen, können ihren

Fahrrad-Akku während der Arbeitszeit

an den extra dafür vorgesehenen Ladestationen

laden.

globalcompact Deutschland 2018

83


AGENDA

84 globalcompact Deutschland 2018


DIGITALISIERUNG

Digitalisierung

Digitalisierung, Robotertechnik, Künstliche Intelligenz: Der technische Fortschritt

krempelt die Arbeitswelt derzeit kräftig um. Schon heute arbeiten Roboter,

Computer und Co. an vielen Stellen schneller, präziser, günstiger als Menschen.

Die Digitalisierung ist aber kein Selbstzweck, sagte jüngst Bundeskanzlerin

Merkel beim Digital-Gipfel in Nürnberg. Auch im 70. Jahr der sozialen Marktwirtschaft

sei sie davon überzeugt, dass die digitale Wirtschaft und das Zeitalter der

Digitalisierung dem Menschen zu dienen haben und nicht umgekehrt.

Was bedeutet das also für die Zukunft der Arbeit und für das Zusammenwirken

von Mensch und Maschine? Und wie stellen wir sicher, dass unternehmerische

Verantwortung auch in Bits und Bytes Eingang findet?

globalcompact Deutschland 2018

85


AGENDA

Nachhaltige Digitalisierung

und die Rolle unternehmerischer

Verantwortung

Von Dr. Marian Feist

Die Digitalisierung und ihre wirtschaftliche Bedeutung sind in

den letzten Jahren breit diskutiert worden. Angeheizt durch

die Berichterstattung über Themen wie Kryptowährungen oder

Deep Learning ist ein Hype entstanden, der auf den ersten Blick

die schon seit Jahrzehnten voranschreitende gesellschaftliche

Durchdringung digitaler Technik zu verkennen scheint. In

der Tat ist aber derzeit eine neue Welle der Digitalisierung

zu beobachten. Insbesondere die jüngsten Fortschritte in der

Entwicklung künstlicher Intelligenz sowie der gestiegene

Verbreitungsgrad mobiler Internetgeräte verändern die Bedeutung

digitaler Technik für gesellschaftliches Zusammenleben

– wenn auch nicht überall auf der Welt auf gleiche Weise und

in gleichem Maße. Auch wenn die technischen Grundlagen seit

langem bestehen, zeichnen sich aus gesellschaftlicher Sicht

daher neue Herausforderungen ab. Dieser Beitrag skizziert

die damit verbundenen Chancen und Risiken für nachhaltige

Entwicklung und die Rolle unternehmerischer Verantwortung.

Chancen und Gefahren für nachhaltige Entwicklung

Einerseits bietet Digitalisierung große Chancen für die

Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft. Viele

Umweltprobleme lassen sich dank digitaler Technik besser

bewältigen. So ist die klimagerechte Transformation der

Energie- und Mobilitätssysteme ohne digitale Koordination

kaum vorstellbar. Elektronische Kommunikation und

Virtualisierung versprechen, die Wirtschaft ein Stück weit

zu entmaterialisieren. Physische Gebrauchsgüter werden

dank Sharing Economy zur über das Internet organisierten

Dienstleistung. Monitoring und Vernetzung ermöglichen es,

die ökologischen Folgen wirtschaftlichen Handelns besser zu

erfassen. Solche Potenziale verdeutlichen die zahlreichen

Anknüpfungspunkte zu den Zielen für nachhaltige Entwicklung

(SDGs) wie etwa zum Klimaschutz oder zur Bewahrung

der Ökosysteme.

86 globalcompact Deutschland 2018


DIGITALISIERUNG

Digitalisierung

und

Agenda 2030

Eine nachhaltigere Welt durch Digitalisierung

ist andererseits allerdings

kein Selbstläufer. Es besteht nicht

nur die Gefahr, viele Chancen zu

verpassen, wenn die politischen Rahmenbedingungen

nicht gesetzt werden.

Darüber hinaus kann Digitalisierung

existierende gesellschaftliche

Problemlagen auch verstärken. Die

digitale Wirtschaft operiert keineswegs

losgelöst von der materiellen

Welt. Die Umweltimplikationen von

Elektroschrott und der Energiebedarf

von Rechenzentren sind weithin

bekannt. Ebenso ergeben sich Risiken

hinsichtlich Ungleichheit – sowohl

innerhalb als auch zwischen

Gesellschaften. Die Sharing Economy

beispielsweise bedeutet Komfort und

Flexibilität für die einen und birgt

die Gefahr von Verdrängung und

prekären Beschäftigungsverhältnissen

für die anderen.

Auch international gesehen verläuft Digitalisierung unter

ungleichen Voraussetzungen. Einerseits ergeben sich auch

hier Chancen für inklusive wirtschaftliche Entwicklung und

Armutsbekämpfung, etwa durch effizientere Landwirtschaft

oder die virtuelle Integration bislang benachteiligter Regionen

in globale Wertschöpfungsketten. Andererseits besteht eine

digitale Kluft (digital divide) bezüglich des Zugangs zu Internet-

und Kommunikationstechnologien, der Voraussetzung

für die Entfaltung dieser Potenziale ist. Die Voraussetzungen

für diesen Zugang liegen wiederum in nicht-digitaler Infrastruktur

und Institutionen – insbesondere Elektrizität und

Bildung, beides selbst SDGs. Solche analogen Lücken dürfen

nicht außer Acht gelassen werden, damit die Abhängigkeit

von privatwirtschaftlicher Bereitstellung der grundlegenden

Infrastruktur nicht zur einzigen Alternative dazu wird, in

der digitalen Entwicklung nicht ins Hintertreffen zu geraten.

All dies sind keine grundsätzlich neuen Probleme. Es ist jedoch

wichtig zu betonen, dass Digitalisierung nicht nur Chancen

zur Lösung solcher Problemlagen bietet, sondern sie auch

verschieben oder verstärken kann. Zur verantwortungsvollen

und nachhaltigen Digitalisierung gehört es aus Sicht von

Unternehmen darum, nicht nur öffentlichkeitswirksam zur

Verwirklichung der einzelnen Chancen beizutragen, sondern

auch in der strategischen Ausrichtung wie im Alltagsgeschäft

die Risiken angemessen zu berücksichtigen.

Unternehmerische Verantwortung im digitalen Zeitalter

Ein Hindernis für die nachhaltige Gestaltung der Digitalisierung

ist das Primat ökonomischen Kalküls, das ihr viel von

ihrer Dynamik verleiht. Natürlich ist es Unternehmen nicht

vorzuwerfen, dass sie unternehmerisch denken. Sie tragen

aber als Treiber technischer Innovation sowie als Akteure mit

hoher Ausstattung an Ressourcen und Wissen eine besondere

Verantwortung.

Diese unternehmerische Verantwortung erstreckt sich über

die materiellen Auswirkungen der Digitalisierung hinaus. Sie

betrifft unmittelbar den Kern dessen, was die aktuelle Welle

der Digitalisierung aus unternehmerischer Sicht ausmacht:

automatisierte, algorithmische Entscheidungsfindung und

Big Data. Selbstlernende KI findet Korrelationen in immensen

Datenmengen, die dem Menschen verborgen blieben. Das eröffnet

neue Erkenntnispotenziale für die Wissenschaft genauso wie

Möglichkeiten für die wirtschaftliche Nutzung – von gezielter

Werbung über computergestützte Personalanwerbung bis hin

zu Controlling – die jedoch keineswegs folgenlos bleibt.

Digitale Technik entwickelt sich nicht unabhängig von sozialen

Akteuren. Sie wird von ihnen geschaffen und gestaltet, aber

sie wirkt auch auf sie zurück. Filterblasen und Echokammern

gefährden soziale Kohäsion. Algorithmisch gewonnene Entscheidungsempfehlungen

helfen, sich in der Fülle verfügbarer

Angebote und Informationen zu orientieren. Aber sie prägen

gleichzeitig die Wahrnehmung auf kaum mehr nachvollziehbare

Weise. Die Eigendynamiken der Digitalisierung

beeinflussen so langfristig das Wesen menschlichen Denkens

und Entscheidens. Der Einzelfall mag harmlos wirken, in der

Summe sind die Auswirkungen enorm.

Der entscheidende Punkt ist in diesem Zusammenhang, dass

es die digitalisierten Wertschöpfungsprozesse in Unternehmen

selbst sind, die unreflektiert zu großen Problemen führen können.

Hindernisse für die Transformation zur Nachhaltigkeit sind

nicht nur Nebenprodukte wirtschaftlichen Handelns, sondern

liegen auch im digitalen wirtschaftlichen Handeln selbst. Auch

wenn und gerade weil künftige Entwicklungspfade nicht vollends

abzusehen sind, ist es wichtig, heute schon die regulativen,

institutionellen und normativen Rahmenbedingungen für

nachhaltige Digitalisierung zu schaffen. Für verantwortungsvolle

Unternehmen im digitalen Zeitalter bedeutet das, die

Entscheidungsfreiheit von Individuen zu achten und keine

Pfadabhängigkeiten zu generieren. Datensparsamkeit, explizites

Einverständnis zu Datenerhebung oder offene Schnittstellen und

Formate sollten Selbstverständlichkeiten sein, die die Freiheit

und Vielfalt digitaler Chancenwahrnehmung bewahren. >>

globalcompact Deutschland 2018

87


AGENDA

Ein holistisches Verständnis in einer polyzentrischen

Verantwortungsstruktur

Vor welche Herausforderungen uns die Digitalisierung in

naher Zukunft stellt, ist stark vom Erfolg der gesellschaftlichen

Gestaltung heute abhängig. Im ungünstigsten Falle werden

existierende Problemlagen verschleppt. Auch die weitere

technische Entwicklung selbst ist schwer abzusehen und

schreitet schneller voran, als sich regulative und institutionelle

Gefüge anpassen können. Welche technischen Durchbrüche,

Sackgassen und neuen Nutzungsmuster gibt es in der Zukunft,

die noch unabsehbare Entwicklungspfade eröffnen? Diese

Unsicherheit erschwert – gepaart mit dem politischen Einfluss

großer Technologiekonzerne – die angemessene Governance

von Digitalisierung als Alternative zum amerikanischen Laissez

faire und chinesischem Autoritarismus. Die nachhaltige

Gestaltung der Digitalisierung ist nur im Zusammenspiel aller

beteiligten Akteursgruppen zu bewältigen. Umso bedeutsamer

ist es, dass auch Unternehmen ihre Rolle in dieser polyzentrischen

Verantwortungsstruktur wahrnehmen.

Vor diesem Hintergrund sollte Digitalisierung in Unternehmen

als Querschnittsthema verstanden werden. In einigen Bereichen

ist man sich der tiefgreifenden Umbrüche durch Digitalisierung

sehr bewusst. Ein Beispiel dafür ist die zunehmende Automatisierung

von menschlicher Arbeit – inklusive der Substitution

geistiger Arbeit durch Algorithmen. Über alle Themengebiete

hinweg wird Digitalisierung als Megatrend jedoch noch nicht

in der ausreichenden Tiefe wahrgenommen. Auch der Klimawandel

wurde anfangs hauptsächlich als umweltpolitisches

Problem verstanden. Heute ist er jedoch ein Querschnittsthema,

dessen wirtschaftliche und soziale Dimensionen überall

Berücksichtigung finden. Verantwortungsvolle Unternehmen

bedenken heute die Auswirkungen ihrer Tätigkeiten >>

Einschätzung der Problemlösungskompetenz von Technik in Deutschland

Durch (Wissenschaft und)* Technik lässt sich jedes Problem lösen.

1,0

0,2

12,5

68,0

74,0

51,1

73,5

34,1

20,0

14,0

14,0

11,0

11,0

14,6

2001**

2005

2010

2017 TechnikRadar

Angaben in Prozent

(volle) Zustimmung Ambivalenz (volle) Ablehnung

Weiß nicht

Eigene Darstellung auf Basis der TechnikRadar-Befragung 2017; N = 2.002,

sowie der Spezial-Eurobarometer 154 (2001), 224 (2005) und 340 (2010)

*Item im Eurobarometer: „Science and Technology will sort out any problem“ / „[…] can solve all problems.“

**Im Bericht des Spezial-Eurobarometers 154 (2001) wird keine „Ambivalenz“-Kategorie angegeben.

88 globalcompact Deutschland 2018


DIGITALISIERUNG

Einstellungen der Befragten zum technischen Wandel im Allgemeinen

Den technischen Fortschritt kann niemand aufhalten. (N = 2002)

64,9 24,5 7,9 1,5 1,2

Der Erhalt einer intakten Umwelt macht es erforderlich, dass wir alle unseren Konsum einschränken. (N = 1997)

41,1 29,6 23,9 2,8 2,6

Je weiter sich die Technik entwickelt, desto mehr Zwänge wirken auf den Menschen. (N = 1991)

23,5 36,7 33,3 4,2 2,3

Die technische Entwicklung wird dazu führen, dass nachfolgende Generationen eine höhere Lebensqualität

haben werden. (N = 1984)

17,0 32,9 36,4 9,0 4,7

Durch Technik entstehen langfristig mehr Probleme als gelöst werden. (N = 1980)

11,9 23,6 39,6 16,0 8,9

Dem technischen Fortschritt dürfen keine Grenzen gesetzt werden. (N = 1988)

10,3 17,8 33,7 17,6 20,6

Die technische Entwicklung wird uns helfen, zentrale Probleme der Menschheit wie Hunger, Armut oder

Klimawandel zu lösen. (N = 1998)

9,4 23,5 40,4 13,9 12,8

Ich finde es schick, jeweils die neuesten technischen Geräte zu nutzen. (N = 1998)

5,7 12,3 27,8 22,3 31,9

Alle Probleme lassen sich durch den Einsatz von Technik lösen. (N = 1993)

3,8 10,9 34,2 24,3 26,8

Angaben in Prozent

Stimme voll und ganz zu Stimme eher zu Ambivalent

Stimme eher nicht zu

Stimme gar nicht zu

globalcompact Deutschland 2018

89


AGENDA

auf Treibhausgasemissionen und Resilienz.

Das Bewusstsein für die gesellschaftlichen

Implikationen der Digitalisierung hat noch

nicht den gleichen Durchdringungsgrad

erreicht. Über einzelne Schaufensterprojekte

hinaus sollten Unternehmen Nachhaltigkeit

als Kernelement ihres digitalen Handelns

verankern.

Digitalisierung ist grenzüberschreitend.

Effektiv kann die Gestaltung von Digitalisierung

darum nur sein, wenn sie im Rahmen

multilateraler Zusammenarbeit geschieht.

Es mag noch wie Zukunftsmusik klingen,

dass in internationalen Organisationen über

verantwortlichen Umgang mit Daten und künstlicher Intelligenz

nicht nur unter Informatikern und Ethikern, sondern auf

diplomatischer Ebene debattiert wird. Aber auch hier bietet

sich der Vergleich zum Klimawandel an, der ebenfalls erst zum

Gegenstand internationaler Politik werden musste. Als Treiber

und Gestalter der Digitalisierung kommt Unternehmen eine

besondere Verantwortung zu, sich in internationalen Initiativen

und Netzen wie dem UN Global Compact zu engagieren.

Zuletzt darf auch insbesondere die kritische Reflexion der

Digitalisierung gesellschaftlichen Zusammenlebens nicht außer

Acht gelassen werden. Der richtige Umgang mit den Fragen,

die automatisierte Entscheidungsfindung auswirft, mag nicht

nur in der Weiterentwicklung oder Einschränkung künstlicher

Intelligenz bestehen, sondern ebenso in der deliberativ gewonnenen

Entscheidung, bestimmte Fragen prinzipiell keinem

automatisierten Entscheidungsfindungsprozess zu überlassen.

Fazit

„Künstliche Intelligenz bietet

ungeahnte Möglichkeiten,

Hunger und Armut auszuradieren

und den Verfall der

Natur aufzuhalten.“

Chaesub Lee, Direktor für Standardisierung bei der Internationalen Fernmeldeunion (ITU)

Auch die Industrialisierung war eine tiefgreifende Transformation

von Wirtschaft und Gesellschaft, die zu Wohlstand

geführt hat, aber auch zu Machtkonzentration, Ungleichheit,

Ausbeutung und Umweltverschmutzung. Es hat viele Jahrzehnte

gedauert, bis diese verwerflichen gesellschaftlichen

Auswirkungen durch Sozialgesetzgebung, Umweltschutz

usw. zu einem gewissen Grad eingehegt werden konnten.

Andere Probleme, insbesondere der Klimawandel, stellen

die Menschheit noch heute vor große Herausforderungen.

Die aktuelle Welle der Digitalisierung verheißt eine ähnlich

tiefgreifende Transformation. Wiederum ist die Wirtschaft

der zentrale Treiber und wiederum sind die Auswirkungen

über alle Gesellschaftsbereiche hinweg zu spüren. Allerdings

besteht dieses Mal die Chance, schon während des Transformationsprozesses

über Fehlentwicklungen nachzudenken

und gestaltend einzugreifen. Digitalisierung ist keine

Naturgewalt. Sie mag Eigendynamiken entwickeln, aber ist

letztlich das Produkt menschlichen Handelns. Darum ist es

auch möglich, sie für die Agenda 2030 dienstbar zu machen.

Durch die Digitalisierung ergeben sich große Chancen für

nachhaltige Entwicklung. Diese Chancen verwirklichen sich

jedoch nicht automatisch. Darüber hinaus ergeben sich große

Risiken, wenn wirtschaftliche Digitalisierung die mit ihr

einhergehenden gesellschaftlichen Fragen nicht angemessen

berücksichtigt. Digitalisierung braucht Gestaltung, damit sie zur

Verbesserung der Lebensbedingungen der ärmsten 40 Prozent

der Weltbevölkerung und somit zur Agenda 2030 beiträgt. Als

zentrale Akteure der Digitalisierung kommt Unternehmen

dabei eine besondere Verantwortung zu.

ÜBER DEN AUTOR

Dr. Marian Feist ist Politikwissenschaftler an der Universität der

Vereinten Nationen. Mit dem Wissenschaftlichen Beirat Globale

Umweltveränderungen arbeitet er an einem Gutachten über

nachhaltige Digitalisierung.

90 globalcompact Deutschland 2018


DIGITALISIERUNG

Künstliche Intelligenz für humanitäre Hilfe

Die Vereinten Nationen wollen im Kampf gegen Hunger in Zukunft enger mit den Technologiekonzernen

kooperieren. Deren KI-Systeme sollen helfen, Hungersnöte leichter vorherzusagen,

Armut einzugrenzen und Gesundheit zu verbessern.

Die Vereinten Nationen schätzen, dass weltweit rund elf

Prozent der Menschen an Hunger leiden. Das entspricht etwa

800 Millionen Menschen. Nach einer aktuellen Hochrechnung

leben 124 Millionen von ihnen in Regionen, die von akuter

Hungersnot bedroht sind. Ursachen dafür sind verschiedene

Faktoren: bewaffnete Konflikte, Klimaextreme wie Fluten,

Dürren und Stürme sowie ökonomische oder politische Krisen.

Die Folgen sind immer katastrophal: Gesellschaftliche Strukturen

brechen zusammen, Elend geht mit Gewalt einher, die

Sterberate steigt um 60 Prozent. Am schlimmsten betroffen

sind Kinder: Deren körperliche und geistige Fehlentwicklung

nimmt zu. Studien zeigen, dass Kinder, die während einer

Hungersnot geboren werden, im Schnitt ein Jahr weniger zur

Schule gehen. Hungersnöte sind also kein temporäres Problem,

sondern haben noch Jahrzehnte später Auswirkungen

auf die Überlebenden.

Eine Studie der Weltbank zeigt, dass ein frühzeitiges Eingreifen

nicht nur die Kosten um etwa ein Drittel senkt, sondern

in einigen Fällen Hungersnöte komplett verhindert. Warum

passiert das aber so selten? Die Antwort ist einfach: Es fehlt

an Daten zum Prognostizieren der Ereignisse, und Frühwarnsysteme

sind meist langsam: Zwischen einer ersten Warnung

und dem Eintreffen der Hilfen vergehen oft Monate – da ist

die Katastrophe schon längst eingetreten.

Gegen diesen Mangel an Daten hat sich nun eine neue Koalition

zusammengefunden: Die UN, Weltbank und das internationale

Komitee vom Roten Kreuz beteiligen sich an der Initiative

„Famine Action Mechanism“ (FAM) von Microsoft, Google und

Amazon. „Die Analyse großer Datenmengen ist schon ein

wichtiger Bestandteil vorhandener Frühwarnsysteme – mit

KI-Unterstützung sollen sie effizienter werden. So könnten

erste Warnungen schneller und zuverlässiger ausgegeben

werden“, schreibt Maximilian Schreiner vom KI-Magazin

Vrodo. „Die Analysen sollen außerdem helfen, die Wurzeln

der Hungersnöte zu identifizieren, sodass zukünftige Krisen

vermieden werden können.“

Mit Satellitenbildern Armut bestimmen

Auch das UN-Kinderhilfswerk UNICEF setzt auf KI in einem

Projekt in Kenia: Das dortige Unternehmen Kimetrica hat eine

Software entwickelt, die anhand von computergesteuerter

Gesichtserkennung auf Fotos den Grad der Unterernährung

bei Kleinkindern ermittelt. „Es wurde schon erfolgreich mit

Erwachsenen getestet, jetzt füttern wir das Modell mit Körpermessungen

aus Kenia und Fotos, um es richtig zu trainieren“,

sagt die Kimetrica-Direktorin Anita Shah gegenüber der dpa.

Auch andere Regionen erfahren die Auswertung von sogenanntem

„Big Data“ für Entwicklungszwecke: Im Irak etwa

werden Satellitenbilder auch dahingehend ausgewertet, den

Grad der Armut zu bestimmen. Dafür wird digital vermessen,

wie viele Orte elektrisches Licht haben, aus welchem Material

Dächer sind oder ob in den Siedlungen auch Tiere gehalten

werden. „Das Tolle an künstlicher Intelligenz ist, dass man

der Maschine nicht sagen muss, was genau sie analysieren

soll“, sagt Naroa Zurutuza, Datenwissenschaftlerin in UNICEFs

Innovationswerkstatt, gegenüber der dpa. „Das Computerprogramm

findet, wenn es mit genügend Daten gefüttert

wird, von selbst Zusammenhänge heraus.“

Bill Gates' „Global Goods Fund

Auf Computerprogramme setzt auch immer stärker die Bill

Gates Foundation. Ein eigens eingerichteter „Global Goods

Fund“ finanziert innovative Firmen und sogenannte „Intellectual

Ventures“ im Themenfeld Gesundheit. Maurizio

Vecchione, Leiter von „Global Goods Fund“, sagt: „In Entwicklungsländern

fehlen Ärzte und Spezialisten. Wir haben

uns gefragt: Kann man Entscheidungshilfen entwickeln, die

Spezialisten ersetzen können? Und die Antwort lautet: ja.“

Anders als bei den Themen Armut oder Hunger sind Entwicklungen

in der digitalen Medizin nicht auf Entwicklungsländer

beschränkt. Ein auf künstlicher Intelligenz basierender

Computer kann Daten von Patienten überall auf der Welt

verarbeiten. Es existieren bereits Ultraschallgeräte, die an

ein Handy angeschlossen werden können, Smart Watches

messen schon heute viele Vitalwerte. Diagnoseprogramme

liegen bei Versuchen öfter richtig als Fachärzte. „Natürlich ist

Maschinenlernen nicht so simpel, dass man jede Menge Daten

ins Smartphone lädt und es dann eine Lösung ausspuckt“,

sagt Vecchione gegenüber der dpa.

Dennoch ist man beim „Global Goods Fund“ überzeugt, dass

Computerprogramme die Gesundheitsversorgung in Entwicklungsländern

deutlich verbessern können – der Fonds

vergibt dort die entsprechenden Lizenzen umsonst, reichere

Patienten müssen zahlen.

globalcompact Deutschland 2018

91


Standpunkt

Total Societal

Impact –

Der überfällige

Paradigmenwechsel

ÜBER DEN AUTOR

Karl-Heinz Land ist ein deutscher Investor,

Redner und Autor zu Themen der digitalen

Transformation. In seinem neuen Buch „Erde

5.0 – Die Zukunft provozieren“ hält Land ein

leidenschaftliches Plädoyer für den technologischen

Fortschritt und den digitalen Planeten.

Sein Credo: Lassen Sie uns die Chancen der

Digitalisierung beherzt ergreifen und eine „Infrastruktur des

Wohlstands“ für alle auf bauen.

“The business of business is business.“ Dieses populäre Zitat

wird dem US-Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger

Milton Friedman (1912 - 2006) zugeschrieben. Noch heute dient

der Spruch vielen Unternehmen als Alibi, wenn sie möglichst

frei von gesellschaftlichen und sozialen Verpflichtungen ihren

Geschäften nachgehen möchten. Eigentlich ist jedoch seit

Anfang der 1970er Jahre klar, dass sich die Verfechter eines

radikalen Marktliberalismus auf dem Holzweg befinden. Denn

1972 veröffentlichte der „Club of Rome“ seine wegweisende

Studie „Die Grenzen des Wachstums“, die aufzeigte: Wir steuern

in eine existenzbedrohende Krise aufgrund ungebremster

Umweltzerstörung, grenzenloser Ausbeutung unwiederbringlicher

Ressourcen und des Bevölkerungswachstums. Genau

das erleben wir heute: Die Menschheit lebt weit über ihre

Verhältnisse und verbraucht deutlich mehr Ressourcen als

der Planet erneuern kann. Schon jetzt bräuchten wir einen

zweiten Planeten, wenn alle Menschen ernährt werden und

die Konsumgewohnheiten beibehalten oder noch gesteigert

werden sollen. Wir Deutschen pflegen einen Lebensstil, der

eigentlich drei Planeten erfordert. Die US-Amerikaner produzieren,

reisen und konsumieren ohne Weiteres, als gäbe es

fünf Erden. Die Weltbevölkerung wächst rasant; und die neuen

Mittelschichten in den Entwicklungs- und Schwellenländern

lassen einen weiteren Zuwachs von Produktion und Konsum

erwarten. Gleichzeitig sind Politik und Wirtschaft entweder

unfähig oder unwillig, den Klimawandel, die Flüchtlingsbewegungen

und die Ungleichheit zu bewältigen – von Kriegen,

ethnischen und religiösen Konflikten ganz zu schweigen.

Das Phänomen lässt sich selbstverständlich herunterbrechen

auf die Verantwortung eines jeden Menschen wie auf den

Verhaltenskodex vieler Unternehmer.

92 globalcompact Deutschland 2018


Im Visier der Öffentlichkeit

Vielen Unternehmern – und auch ihren

Angestellten – fällt es nach wie vor

schwer, sozial und ökologisch Verantwortung

zu übernehmen – ja, sie überhaupt

anzuerkennen. Einer internationalen

Studie der Unternehmensberatung

Deloitte zufolge sehen es nur 57 Prozent

der Mitarbeiter und 53 Prozent der

Manager als eine der drei wichtigsten

Aufgaben eines Unternehmens an, Produkte

und Services auf den Markt zu

bringen, die einen positiven Einfluss

auf die Gesellschaft haben.

Fakt ist aber, dass sich die Rolle der

Unternehmen im gesellschaftlichen

Bewusstsein verändert und kritisch verfolgt

wird. Ich sag‘ nur: RWE und der

Hambacher Forst, Bayer und Glyphosat,

Nestlé und die gefährliche Absenkung

des Grundwasserspiegels. Solche Themen

und der öffentliche Protest bis hin zu

Boykottaufrufen sind ein Indiz dafür,

dass wir uns in einer Welt bewegen, in

der eben alles mit allem zusammenhängt

– Klimawandel und Hunger, Wertschöpfung

und Armut, Konsum und Ressourcenverbrauch,

wirtschaftlicher Erfolg

und tiefe soziale Instabilität. Kurzum:

Der Druck auf die Unternehmen wird

sich zunehmend erhöhen. Je größer

die Probleme werden und sie öffentlich

wahrgenommen werden, umso stärker

wird der Erfolg von Unternehmen künftig

daran gemessen werden, welchen

gesellschaftlichen Beitrag sie tatsächlich

leisten. Wohlgemerkt: Unter diesem

Beitrag sind nicht nur Maßnahmen zu

verstehen, mit denen Unternehmen außerhalb

ihres Geschäftsmodells Gutes

tun, etwa in Form von Corporate Social

Responsibility (CSR)-Aktivitäten oder

einer Stiftung, die sie gründen. Vielmehr

wird es darum gehen, im Kerngeschäft

selbst einen möglichst hohen „Total Societal

Impact“ (TSI) zu erzeugen.

Was ist unter dem TSI zu verstehen?

Der TSI ist ein Konzept, das die Unternehmensberatung

Boston Consulting

Group (BCG) im Jahr 2017 vorgestellt hat.

Die intendierte und „umfassende Auswirkung

auf die Gesellschaft“ entsteht,

sobald ein Unternehmen gesellschaftlich

relevante Themen direkt mit seinen

Produkten und Services adressiert. Dazu

gehören etwa Angebote, die die Gesundheitsversorgung

oder die Pflegesituation

der Menschen konkret und nachweislich

verbessern, die besonders nachhaltig

und gesund sind. Ethische Richtlinien

eines Unternehmens sollten darüber

hinaus in Einklang mit den Werten einer

Gesellschaft stehen. Der TSI zeigt sich in

der Qualität der Arbeitsplätze, in seinen

gelebten Führungsprinzipien, in der

Behandlung der Daten, im schonenden

Umgang mit Ressourcen, in Transparenz

und fairer Preisgestaltung.

Zwingende Neuausrichtung

aufgrund Digitalisierung

Dass Unternehmen in Zukunft unter

Zugzwang stehen werden, eine neue

Existenzberechtigung zu finden, hängt

auch mit der Digitalisierung zusammen:

Der technologische Fortschritt und die

Digitalisierung verändern die Spielregeln

auf den Märkten, die sozialen Gefüge

der Gesellschaften, die Art und Weise,

wie wir leben, arbeiten und kon- >>

globalcompact Deutschland 2018

93


Standpunkt

sumieren. In allen Branchen ist derzeit die gleiche, rasante

Entwicklung zu beobachten: Was digitalisiert werden kann,

wird digitalisiert. Was vernetzt werden kann, wird vernetzt.

Was automatisiert werden kann, wird automatisiert.

Etwa seit 2010 gleitet die Wirtschaft von der vierten in die

fünfte industrielle Revolution. Cyberphysische Systeme und

das Internet der Dinge (IoT) setzen sich durch. Im „Internet

der Dinge“ werden Künstliche Intelligenz und Blockchain,

Big Data und Sensorik, Logistik und 3D-Druck so intelligent

zusammenspielen, dass ganze Wirtschaftszweige komplett

digitalisiert und automatisiert werden. Angetrieben durch

das exponentielle Leistungswachstum der IT entstehen ebenso

intelligente und wie autonome Technologiekomplexe, die sich

völlig selbstständig optimieren und weiterentwickeln. Der

Mensch spielt in diesen Prozessen keine Rolle mehr.

Eine Welt ohne menschliche Arbeit

Die Entwicklung lässt sich in drei Trends ablesen, die das

Geschehen global zunehmend bestimmen, aber leider weitgehend

übersehen werden:

1. Disintermediation: Wenn jeder mit jedem kommunizieren

und Geschäftsbeziehungen aufnehmen kann, werden die

Intermediäre, die Mittelsmänner, überflüssig – Großhändler

zum Beispiel, aber auch Banken. Insbesondere die Blockchain

als Protokoll des Vertrauens wird direkte Geschäfte

und Transaktionen („Peer-to-Peer“) fördern.

2. Disaggregation: Produkte werden in ihre Bestandteile zerlegt

und als Services neu verpackt. Der Kunde von morgen

kauft kein Auto mehr, sondern Mobilität, ein Service, der

von verschiedenen Anbietern gemeinsam erbracht wird.

Er interessiert sich auch nicht mehr für ein Smartphone,

sondern für bessere Kommunikation. Er bucht primär kein

Hotel, sondern Erholung und Erlebnisse. Er ordert keine

Finanzprodukte, sondern finanzielle Sicherheit. Diese

Leistungen werden nicht mehr von einem Unternehmen erbracht,

sondern von einem Netzwerk, das modulare, perfekt

auf den Kunden zugeschnittene Serviceangebote generiert.

3. Dematerialisierung: Immer mehr physische Produkte verwandeln

sich in Software und Apps. Smartphones vereinen heute

Services, die früher eine ganze Kofferraumladung voller

Geräte erfordert hätten. Ganze Wertschöpfungsketten lösen

sich in diesem Prozess auf. Fabriken, Maschinen, Arbeitsplätze

werden nicht mehr benötigt. „Lights-out factories“, in

denen kein Mensch mehr arbeitet, gibt es schon seit langem.

Im Bankensektor schließen derzeit tausende von Filialen.

Der Trend zum autonomen Fahren, zur E-Mobility und zu

vernetzten Mobilitätssystemen gefährdet zigtausende Jobs

in der Automobilindustrie. Zudem übernehmen Künstliche

Intelligenzen (KIs) und Roboter überall dort die Arbeit von

Menschen, wo Zahlen im Fokus stehen, Routineprozesse

ablaufen, Daten analysiert und Muster erkannt werden.

Diese Trends machen auch nicht vor den Toren des Maschinenbaus

halt. Denn entwickelt sich der 3D-Druck weiter wie

bisher, werden deutlich weniger Drucker für wechselnde

Aufträge programmiert werden. Sie sind, im Gegensatz zu den

meisten traditionellen Maschinen, multifunktional. Damit

brechen schwere Zeiten für eine der deutschen Kernindustrien

an – und erst recht für ihre Beschäftigten.

Überspitzt formuliert: Es droht eine Welt ohne Arbeit. Zwar

wird über die einschlägigen Studien zur Zukunft der Arbeit

kontrovers diskutiert. Aber Staat, Wirtschaft und Gesellschaft

sollten sich darauf einstellen, dass nahezu die Hälfte

der Jobs in den Industrieländern in den nächsten 15 bis 20

Jahren verlorengehen werden. Und auch in den Entwicklungsländern

entstehen per saldo keine neuen Arbeitsplätze. Ganz

im Gegenteil. Bisher exportierten die Industrieländer billige

Arbeit. Jetzt exportieren sie Arbeitslosigkeit. Die Jobs, die

westliche Unternehmen in die „Sweat Shops“ in Fernost und

Afrika ausgelagert haben, kommen zurück. Allerdings übernehmen

hierzulande Roboter, die zu geringen Grenzkosten

produzieren, die Arbeit.

94 globalcompact Deutschland 2018


TSI mit ökonomischem Mehrwert

Was sich für Unternehmen womöglich

verführerisch anhören könnte – steigende

Produktivität, Personalkosten, die

gegen Null gehen, denn die Anschaffungskosten

der Roboter sind nach ein paar

Jahren abgeschrieben – hat in Wahrheit

auch für sie einen gewaltigen Pferdefuß.

Denn es wird – ohne konkrete Zukunftsvisionen

– noch mehr Ungleichheit,

Hunger und Armut geben, vor allem in

den Entwicklungs- und Schwellenländern.

Es wird mehr gesellschaftliche Instabilität

geben. Und auch weniger kaufkräftige

Kunden.

Wollen Firmen weder ihre Kunden und

Märkte verlieren noch die Unterstützung

von Politik und Gesellschaft, dann müssen

sie Produkte und Services liefern, die

– entlang der gesamten Supply Chain –

nicht nur sozial- und umweltverträglich

sind, sondern konkret dazu beitragen, gesellschaftliche

und ökologische Probleme

zu lösen. Das Spannende daran ist: „Total

Societal Impact“ und unternehmerischer

Erfolg gehen Hand in Hand. Investoren

bewerten in diesem umfassenden Sinn

verantwortungsvoll ausgerichtete Unternehmen

schon heute deutlich positiver

als den Durchschnitt – um bis zu

19 Prozent. Auch die Gewinnmargen

dieser Unternehmen liegen 12,4 Prozent

über dem Durchschnitt. Das heißt: Es

zahlt sich auch ökonomisch aus, sein

Kerngeschäft auf den Total Societal Impact

auszurichten.

>>

globalcompact Deutschland 2018

95


AGENDA

2

Digitalisierung

verändert

unseren

Arbeitsalltag

Große

Veränderungen

geben den Blick

auf wichtige

Fragen frei

Unter den Stichworten Digitalisierung,

Automatisierung und Künstliche Intelligenz

werden die Arbeitswelten der Zukunft neu

vermessen. Schon heute arbeiten Roboter,

Computer und Co. an vielen Stellen schneller,

präziser und günstiger als Menschen.

Ein Grund zur Sorge?

Von Dr. Elmer Lenzen

96 globalcompact Deutschland 2018


DIGITALISIERUNG

Für Richard David Precht, der beim

Treffen des Deutschen Global Compact

Netzwerks im Oktober 2018 die Key-Note

übernahm, eher Grund zum Nachdenken.

Erst ein fundamentaler Umbruch,

wie etwa jetzt durch die Digitalisierung,

gibt die Perspektive auf wichtige Fragen

frei, so Precht bei bei seinem Vortrag auf

der Herbst-Teilnehmerkonferenz des

Deutschen Global Compact Netzwerkes.

Die Digitalisierung bedroht alles, was

wir kennen. Davon ist der TV-bekannte

Philosoph überzeugt. Radikale Änderungen

liegen vor uns, gar der Sprung in

eine neue Epoche. Die erste industrielle

Revolution, so Precht, verbesserte die Lebensbedingungen

der meisten Menschen,

brachte uns Demokratie und Wohlstand.

„Der große Unterschied besteht darin“,

so Precht im ARD-Kulturmagazin „ttt -

titel, thesen, temperamente“, „dass in

der ersten industriellen Revolution die

körperliche Leistung des Menschen durch

Maschinen ersetzt wurde. Was jetzt im

Second Machine Age passiert, ist, dass

die Intelligenzleistung ersetzt wird. Die

Folge wird sein, dass in vielen algorithmisierbaren

Berufen – bei Versicherungen,

bei Banken, bei Steuerberatern, bei Justiziaren

in Firmen – eine massenhafte

Arbeitslosigkeit eintreten wird, wie sie

die Bundesrepublik seit ihrer Gründung

nicht erlebt hat.“

Ganz ähnlich argumentierte auch Reiner

Hoffmann, Vorsitzender des Deutschen

Gewerkschaftsbundes (DGB), in seiner

Keynote „Arbeit der Zukunft – Chancen

und Risiken“ auf der DGCN-Teilnehmerkonferenz

im April. Konträr zu früheren

Debatten ist die Frage heute nicht mehr,

so Hoffmann, ob durch eine Technologisierung

Arbeitsplätze verloren gehen.

Vielmehr sei ungewiss, wo sie verloren

gingen und ob es gelänge, Transformationsprozesse

so zu gestalten, dass neue

Arbeitsfelder mit guten Arbeitsbedingungen

entstehen. >>

globalcompact Deutschland 2018

97


AGENDA

Die Beschäftigungszahlen im großindustriellen

Sektor sinken, während sie in anderen steigen.

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

Anteil der Gesamtbeschäftigung in den

Vereinigten Staaten, 1850-2015

Handel (Einzel- / Großhandel)

Bau

Transportwesen

Landwirtschaft

Produktion

Hausarbeit*

Bergbau

Professionelle Dienstleistungen

Haushaltsdienste

Geschäfts- / Reparaturdienste

Telekommunikation

Gesundheit/Pflege

Unterhaltung

Ausbildung/Erziehung

Regierung

In Deutschland stehen laut einem Szenario

des McKinsey Global Institute (MGI)

knapp 25 Prozent der Jobs auf der Kippe.

Tritt das Szenario ein, müssten bis 2030

rund acht Prozent der Beschäftigten auf

einen anderen Beruf umsatteln. Das

wären drei Millionen Menschen. Eine

Studie des Zentrums für Europäische

Wirtschaftsforschung (ZEW) kam 2015

zu deutlich höheren Zahlen. Demnach

arbeiten 42 Prozent der Deutschen in

Berufen mit einer hohen Automatisierungswahrscheinlichkeit.

Geht uns also

die Arbeit aus?

Hierauf gibt es keine klare Antwort, aber

zwei Prognosen: Laut der einen werden

durch die Digitalisierung neue Arbeitsfelder

entstehen. Die andere Theorie geht

von einer grundsätzlichen Verknappung

der Ressource Arbeit aus. Die Vertreter

der These von neuen Jobs beziehen sich

auf die Kompensationstheorie. Diese sagt,

dass die Verbilligung bestimmter Güter

durch die technische Entwicklung eine

Mehrnachfrage nach anderen Gütern

auslöst und so zur Wiedereinstellung

der durch Maschineneinsatz und Rationalisierung

frei gewordenen Arbeitskräfte

führt.

0

Finanzdienstleistungen

Ethik der Digitalisierung

1850 1900 50 2000 15

Angesichts dieser Entwicklungen fordert

*Anstieg der Erwerbstätigkeit von 1850 auf 1860 aufgrund von Veränderungen

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

eine „Ethik der Digitalisierung“.

wie unbezahlte Arbeit (Sklaverei).

Auf dem Bundeskongress des DGB im

Mai 2018 sagte unser Staatsoberhaupt:

Quelle:

„Der technologische Wandel hat das Potenzial,

IPUMS USA 2017; US Bureau of Labor Statistics; Groningen Growth and Development Centre 10-Sector

die Fliehkräfte, die in unserer

Database; Moody’s; IMPLAN; US Bureau of Labor Statistics; FRED; McKinsey Global Institute analysis Gesellschaft angelegt sind, noch zu verstärken.

Die Beschleunigung ist spürbar.

Die Wellen des technischen Fortschritts

erreichen uns in immer kürzeren Abständen.

Geht uns die Arbeit aus?

Die Digitalisierung ist eine dieser Wellen, und sie

wirkt tief in alle Lebensbereiche hinein.“

Was heißt das konkret? Das heißt, dass wir in eine Welt kommen,

in der ein erheblicher Teil von Arbeit, die vorher von

sozialversicherungspflichtig arbeitenden Menschen erledigt

wurde, von intelligenten Maschinen erledigt wird.

Damit lenkt Steinmeier den Blick auf einen zentralen Punkt,

der in einer technischen Debatte oftmals zu kurz kommt: die

gesellschafts- und ordnungspolitischen Folgen von Wandel.

98 globalcompact Deutschland 2018


DIGITALISIERUNG

Steinmeier nimmt die Prognosen ernst, die vor einer Polarisierung

der Arbeitswelt warnen. Während die Löhne, Honorare

und Gewinnbeteiligungen bei den Hochqualifizierten und den

Hochflexiblen steigen, besteht die Gefahr, dass für weniger

qualifizierte und weniger mobile Menschen am Ende weniger

Arbeit bleibt. Wenn dieses Szenario eintritt, bleibt die Konsequenz

nicht auf den Arbeitsmarkt beschränkt, sondern dann

wird Zusammenhalt brüchig, und soziale Sorgen verwandeln

sich in politischen Protest. Kurz gesagt: Gerechtigkeits- und

Verteilungsfragen werden vermutlich an Brisanz gewinnen.

Das bleibt nicht ohne Folgen bei der Verteilung des Wohlstands.

Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

(DIW) driften die Einkommen hierzulande seit der

Wiedervereinigung spürbar auseinander: Die zehn Prozent mit

dem höchsten Einkommen erwirtschaften demnach heute

fast genauso viel wie die mittleren 40 Prozent. Für Unternehmensstrategien

heißt das: Sie müssen sich entweder für das

Luxussegment entscheiden, charakterisiert durch hohe Margen,

aber auch durch kostenintensive Ansprüche der Kundschaft

an Individualisierung und Service. Oder sie gehen in den

Massenmarkt, in dem die Gewinnspannen niedriger sind und

Kosteneffizienz entscheidet.“ Im oberen Segment bestehe

die Gefahr einer Überschätzung der Wachstumschancen, im

unteren könne es zu einer dauerhaften Abschmelzung der

Preise bis hin zur Deflation kommen.

Neue Ideen der sozialen Sicherung

Bundespräsident Steinmeier auf seiner Rede vor dem DGB-

Kongress: „Wir müssen Digitalisierung so gestalten, dass

sie Arbeit aufwertet und nicht ersetzt. Von Beginn an hat

technologisch-mechanischer Fortschritt eines getan: Er hat

dem Menschen Arbeit abgenommen – oft anstrengende und

gefährliche Arbeit übrigens – und Menschen haben andere

Tätigkeiten übernommen. Vor der Industrialisierung, so sagten

mir Arbeitsforscher, bestand Arbeit zu 95 Prozent aus physischer

und zu fünf Prozent aus kognitiver Tätigkeit. Das Verhältnis

hat sich schon gewaltig verschoben. Und Digitalisierung und

Automatisierung werden es vermutlich vollends umkehren.

Was das für das Bild der Arbeit in Zukunft bedeutet, haben

wir noch nicht in allen Dimensionen erfasst.“

Konjunktur erhält das Thema durch die Debatte um bedingungsloses

Grundeinkommen oder „Grundsicherung“, wie es

der Bundesvorsitzende der Grünen Robert Habeck nennt. Am

bedingungslosen Grundeinkommen scheiden sich die Geister.

Befürworter glauben, dass es Arbeitnehmer motiviert und ihnen

neue Freiheiten ermöglicht. Für die anderen ist es eine utopische

Idee, die nicht bezahlbar sei und falsche Anreize setze. >>

Mehr Druck durch digitale Konkurrenz

Unternehmen, die heute zu den digitalen Vorreitern gehören,

sehen vor allem die Kunden und neue Wettbewerber als

wichtigste Treiber für die Digitalisierung.

So antworten die digitalen Vorreiter

6 %

4 %

Was treibt die Digitalisierung?

Fast ein Drittel aller Unternehmen aus Maschinenbau,

Automobil- und Elektroindustrie erwarten

stärkeren Wettbewerb durch branchenfremde neue

digitale Konkurrenz und IT-Unternehmen in ihrer

Industrie.

Woher erwarten Unternehmen den

stärksten Druck?

Digitale Wettbewerber,

IT-Unternehmen

29 %

37 %

49 %

Wettbewerb durch

bestehende Konkurrenten

Regulatorische

Anforderungen

Wettbewerber aus der

Automobilbranche

4%

Kundenverhalten und

-anforderungen

Neue Markteintritte und Wettbewerber

aus neuen Industrien

Andere Angaben

Keine Angabe

14 % 8 %

Quelle: Ändern oder untergehen – eine Begegnung mit der Wertschöpfung

von morgen (A.T. Kearney).

globalcompact Deutschland 2018

99


AGENDA

Arbeitsselbstständigkeit und -intensität der Arbeitnehmerinnen und

Arbeitnehmer und die Häufigkeit der Nutzung von IKT

Index der Arbeitsselbstständigkeit

85

80

75

70

65

60

55

50

45

Telearbeit

Gelegentliche

Mobilität

Geringe IKT-Nutzung

Hohe Mobilität

Telearbeit

Immer in den Räumlichkeiten

des Arbeitgebers

Gelegentliche

Mobilität

Immer in den Räumlichkeiten

des Arbeitgebers

Hohe Mobilität

Hohe IKT-Nutzung

40

20 25 30 35 40 45

Index der Arbeitsintensität

Quelle: Working anytime, anywhere: The effects on the world of work (ILO-Eurofound, 2017).

Für Richard David Precht geht es bei Fragen zur Zukunft der

Arbeit aber nicht nur um Verteilungsgerechtigkeit, sondern

auch um Sinnhaftigkeit. In einem Interview im Kulturmagazin

„ttt“ sagte er: „Die Menschen fühlen sich völlig alleingelassen

bei der Frage: Wie sieht das Leben in 20 Jahren aus?

Es gibt überhaupt keine politische Erzählung darüber, es

gibt nur technische Erzählungen. Wir müssen ein positives

Menschenbild dagegensetzen. Wir müssen aus einer Welt

rauskommen, in der wir Menschen für defizitäre Computer

oder schlecht arbeitende Roboter halten.“

ZUR PERSON

Dr. Elmer Lenzen ist Geschäftsführer der macondo publishing

GmbH und Herausgeber der Global Compact Jahrbücher.

Elmer Lenzens Themenschwerpunkte sind Wirtschaftspolitik

und Nachhaltigkeit. So lehrte er darüber hinaus u. a. an der

Universität Münster und ist auch als Referent und Moderator tätig.

100 globalcompact Deutschland 2018


DIGITALISIERUNG

Bedingungsloses

Grundeinkommen

Kenia:

Bekämpfung der Armut durch Grundeinkommen

Viele Dörfer in Kenia gehören zu den ärmsten Regionen

Afrikas. Für eine wirkungsvolle Armutsbekämpfung

setzt sich die amerikanische Organisation „GiveDirectly“

ein. Mit einem monatlichen Grundeinkommen unterstützt

sie bereits einzelne Dörfer. Die Menschen dort

sind nicht mehr auf Tagesjobs angewiesen und können

ihren eigentlichen Berufen nachgehen. Investitionen

in Ackerland oder Viehzucht sind ebenfalls möglich.

In 2018 beginnt ein Zwölf-Jahres-Projekt, in dem die

Auswirkungen eines Grundeinkommens auf Beschäftigung,

Bildung und Gesundheit erforscht werden sollen.

Mehr als 21.000 Menschen in Kenia werden Zahlungen

erhalten. Dabei sind sie der Organisation keine Rechenschaft

über ihre Ausgaben schuldig. Give-Directly ist

überzeugt, dass die Empfänger am besten wissen, wie

sie das Geld sinnvoll verwenden.

Finnland:

Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt

In 2017 hat in Finnland ein Projekt für das bedingungslose

Grundeinkommen begonnen. Rund 2.000

Arbeitslose wurden vom Sozialversicherungsinstitut

Kela ausgelost und erhalten monatlich 560 Euro. Die

Testpersonen sollen so ermutigt werden, Arbeit in Teilzeit

oder mit niedriger Bezahlung anzunehmen. Was

auf den ersten Blick sinnvoll erscheint, ist gleichzeitig

ein großer Kritikpunkt. Die Regierung kann Bürokratie

abbauen und Kosten einsparen, während Arbeitslose

schlecht bezahlte Jobs annehmen müssen. Doch die

Erfahrungen der Testpersonen sind meist positiv. Einige

orientieren sich beruflich neu, andere fühlen sich bei

der Jobsuche nicht unter Druck gesetzt. Eine Zwischenbilanz

zogen die Verantwortlichen bislang nicht. Das

soll erst Ende 2018 mit dem Abschluss des Projekts

erfolgen. Doch eine Fortsetzung oder gar Ausweitung

über den Pilotprojektstatus ist mehr als ungewiss: So

sagte die Chefin der Kela-Rechtsabteilung, Marjukka

Turunen, gegenüber dem österreichischen Standard,

der Ansatz sei eine „sehr negative Form, den Ball an

die Arbeitslosen weiterzuspielen“. Turunen weiter:

„Wir versuchen, das Gute aus dem Experiment und

dem darin enthaltenen Mechanismus herauszuholen

und in die Reform einzubringen.“

Schweiz:

Grundeinkommen immer noch Top-Thema

Im Juni 2016 hat die Schweiz über ein bedingungsloses

Grundeinkommen abgestimmt. Mit 76,9 Prozent wurde

es mehrheitlich abgelehnt. Knapp zwei Jahre später

gehen jedoch 69 Prozent der Schweizer davon aus, dass

es noch eine weitere Abstimmung geben wird – das

Thema ist also noch nicht vom Tisch. Die Initiative

„Dein Grundeinkommen“ plant derzeit einen Versuch

mit mehreren hundert Personen. Über zwei Jahre hinweg

sollen sie ein Grundeinkommen erhalten. Die

Filmemacherin Rebecca Panian rief im Januar 2018 zu

einem weiteren Experiment auf: In einem Schweizer

Dorf will sie testen, wie sich ein Grundeinkommen

auf zwischenmenschliches Verhalten und den lokalen

Wirtschaftskreislauf auswirkt. Darüber will sie einen

Dokumentarfilm drehen. „Mir ist bewusst, dass es nach

einem irren Vorhaben klingen mag. Ich bin aber davon

überzeugt, dass das Experiment finanziert werden kann,

wenn sich ein Dorf meldet“, verspricht Panian.

Deutschland:

Die Liebe zum Job neu entdecken

Bei der deutschen Initiative „Mein Grundeinkommen“

erhalten „Lotterie-Gewinner“ für den Zeitraum von einem

Jahr eine monatliche Zahlung von 1.000 Euro. Per

Crowdfunding sammelt die Initiative das Geld. Sobald

12.000 Euro zusammengekommen sind, werden sie an

eine Person, die sich zuvor darauf beworben hat, verlost.

Michael Bohmeyer startete das Projekt 2014 – seitdem

haben 150 Menschen ein Jahresgrundeinkommen erhalten.

Doch wie wirkt sich das aus? Die Gewinner erhalten

finanzielle Sicherheit. Außerdem berichten sie, dass

sie ihren Job neu lieben gelernt haben, produktiver

geworden sind und weniger Stress haben. Die Veränderungen

bemerkt auch Bohmeyer: „Nach einem Jahr

Grundeinkommen stehen selbstbewusste, reflektierte

und gesunde Menschen vor mir, die umsichtig mit

anderen umgehen. Die Gemeinschaft hat ihnen einen

Vertrauensvorschuss ausgezahlt und sie haben ihn in

Selbstvertrauen umgewandelt.“

globalcompact Deutschland 2018

101


Standpunkt

Deutsche

wünschen

sich von

Unternehmen

eine klare

politische

Haltung

ÜBER DIE EXPERTIN

Susanne Marell ist Geschäftsführerin bei der

Agentur JP Kom und dort verantwortlich für

die Bereiche Human Resources und Neugeschäft.

Marell kommt von Edelman.ergo. Dort hat sie in

den vergangenen sechs Jahren als Deutschland-

CEO die Transformation zu einem integrierten

Kommunikationsanbieter vorangetrieben. Davor

war Marell u. a. Vice President Corporate Brand Management

bei BASF und Vice President Corporate Communications bei dem

Spezialchemieunternehmen Cognis.

Im Gespräch mit Susanne Marell,

Expertin für Reputation und Medien

Unsere Gesellschaft beruht auf geteilten Werten und Vertrauen. Bei beidem

gibt es sichtbare Risse. Sie beschäftigen sich beruflich mit dem Thema

Reputation. Wie sieht die Entwicklung hierzulande und weltweit aus?

Digitalisierung, Globalisierung, Migration, Klimaschutz und

demografischer Wandel sind die zentralen Stichworte unserer

Gegenwart. Weltweit verschieben sich politische Machtverhältnisse,

wir sehen eine Polarisierung der Gesellschaft in

sozialen und kulturellen Themen. All dies führt zu einer

hohen Verunsicherung, Menschen haben das Gefühl, die

Kontrolle über ihr eigenes Leben zu verlieren und fühlen

sich abgehängt. Die Folge sind erhebliche Vertrauensverluste

in systemrelevante Institutionen wie z.B. Politik, Wirtschaft,

Medien und auch NGOs. Trump, Brexit, das Erstarken von

populistischen Parteien – überall auf der Welt sehen wir

die Folgen.

Vertrauensstudien zeigen, dass gerade in den letzten 12 bis

18 Monaten in der Mehrheit der befragten Länder signifikante

Vertrauensverluste in öffentliche Institutionen zu

verzeichnen sind. Deutschland wies in den vergangenen

Jahren im weltweiten Vergleich eher stabile Vertrauenswerte

in Wirtschaft, Politik, Medien und NGOs auf, wenn auch auf

niedrigerem Niveau als andere Länder wie z.B. die Niederlande,

Kanada oder Hongkong. Angesichts der aktuellen Debatten

in Deutschland um Migration, Rechtspopulismus und auch

Koalitionsmüdigkeit kann man davon ausgehen, dass diese

Werte aktuell im Sinkflug sind.

Woher kommt der Vertrauensverlust?

Die beschriebenen gesellschaftlichen Veränderungen sind

ein wesentlicher Treiber des Vertrauensverlustes. Verstärkt

wird dies durch das weltweite Phänomen Fake News. Fake

News im eigentlichen Sinne gibt es zwar schon so lange, wie

es Menschen auf dieser Erde gibt, aber durch die Digitalisierung

und Technologien wie Social Bots und Co. scheinen die

Möglichkeiten und Ausmaße unbegrenzt: Beeinflussung von

Wahlen, gezielte Verleumdungskampagnen, Hate Speech

– jeden Tag gibt es neue Beispiele. Fake News wirken wie

Brandbeschleuniger und treiben Vertrauenswerte noch

weiter nach unten: Wem kann ich überhaupt noch glauben?

102 globalcompact Deutschland 2018


Woran erkenne ich Fake News? Wer wird von wem bezahlt,

um Falschmeldungen in die Welt zu setzen?

Reden wir über die Treiber! „Klassische“ Medien spielen bei der Meinungsbildung

eine immer geringere Rolle. Was heizt so etwas an?

Digitalisierung und Globalisierung haben die Meinungsbildungsprozesse

in den letzten Jahren komplett verändert.

Suchmaschinen, Social-Media-Kanäle, News-Apps, Influencer

und auch Marken generieren Inhalte, nehmen Stellung, beeinflussen

Erwartungen und Meinungen. Klassische Medien

haben ihre Vormachtstellung verloren. Mehr denn je bewegt

sich jeder in seiner eigenen kommunikativen Filterblase und

orientiert sich zumeist daran, was die eigene Meinung bestätigt.

Abweichende Meinungen werden tendenziell ignoriert.

Zudem manifestiert sich der Eindruck, dass die etablierte

Presse in Deutschland nicht das gesamte Meinungsspektrum

widerspiegelt, sondern zumeist linksliberale Positionen

vertritt. Gabor Steingart schreibt dazu treffend: „Wir schreiben

aus der Altbauwohnung mit Stuckdecke über die im

Plattenbau mit Graffiti – oft herablassend und belehrend,

zuweilen mitleidslos.“

Vielerorts entsteht auch Politik- und Elitenverdrossenheit. Haben sich

die Gruppen auseinandergelebt?

Eindeutig ja. Politik- und Elitenverdrossenheit ist in der

Mitte der Bevölkerung angekommen. Die spürbare Polarisierung

der Gesellschaft findet in sozialen, kulturellen und

digitalen Dimensionen statt. Es ist ja auch Fakt, dass sehr

unterschiedlich am Wachstum partizipiert wurde. Jemand,

der zum Beispiel zwei Jobs braucht, um die Grundversorgung

der Familie sicherzustellen, muss sich zwangsläufig als Verlierer

von Globalisierung und Digitalisierung fühlen. Über

Jahrzehnte stand die Mitte der deutschen Bevölkerung für

Stabilität und Zukunftsoptimismus. Das ist jetzt vorbei – sehr

deutlich ablesbar auch an den hohen Wählerabgängen der

sogenannten Volksparteien. Die Gesellschaft ist gespalten –

in vermeintliche Gewinner und Verlierer.

Wem kann man denn heutzutage noch vertrauen? Wenn traditionelle

Vertrauenspersonen im Sinkflug sind, müssen ja andere aufsteigen …

In verschiedenen Studien konnte man über Jahre beobachten,

dass „Personen wie du und ich“, also Familie, Freunde

und gute Bekannte, gerade in Deutschland hohes Vertrauen

genießen, wenn es um Meinungsbildung und Konsumentscheidungen

geht. Deutlich vor Experten aus Wissenschaft

und Wirtschaft. CEOs, Aufsichtsräte und politische Vertreter

waren zumeist am unteren Ende der Vertrauensskala zu finden.

Getriggert durch die hohe Verunsicherung und durch

das Phänomen Fake News kommt es jetzt zu einer Umkehr.

Man sucht regelrecht wieder nach Fachleuten, die komplexe

Themen und Entwicklungen einordnen und erläutern

können. Die Gruppe der Experten wies 2018 die höchsten

Vertrauenszugewinne aus.

Die Wirtschaft wird von vielen Menschen als wichtigster Akteur bei

Innovationsfragen angesehen und auch als Change Agent bei gesellschaftlichem

Wandel. Müssen CEOs unsere postfaktische Welt retten?

Auf jeden Fall wird der deutschen Wirtschaft und damit den

CEOs zugetraut, dass sie Lösungen für gesellschaftspolitische

Themen vorantreiben können. Jeder dritte Deutsche wünscht

sich von Unternehmen eine klare politische Haltung in

der Öffentlichkeit [Studie von JP I KOM & Civey, September

2018, Anm. d. Red.]. Vor allem Deutsche zwischen 18 und

49 Jahren befürworten dies. Insgesamt ist die Gesellschaft zu

dieser Frage allerdings gespalten, und die Einstellung dazu

ist in erster Linie durch die politische Haltung definiert:

Personen, die sich politisch der SPD, den Grünen und den

Linken zuordnen, sind eher für politisch aktive Unternehmen,

CDU- und FDP-Wähler sprechen sich für neutrale Haltungen

aus und fast 80 Prozent der AfD-Wähler lehnen es sogar ab.

Dabei ist das Aktionsfeld für Unternehmen natürlich riesig:

von Integrationsmaßnahmen für Zuwanderer über eine

klare Positionierung im Rahmen der öffentlichen Debatte

um Rechtspopulismus bis hin zur Mitgestaltung eines

zukunftsfähigen Konzeptes der Sozialen Marktwirtschaft.

Allein schon im wirtschaftlichen Interesse der Unternehmen

ist gesellschaftspolitisches Handeln gefragt. Steigende technologische

Effizienz bedeutet auch sinkende Kaufkraft für

verschiedene Bevölkerungsgruppen. Und wer kauft zukünftig

dann die Produkte und Leistungen der Unternehmen?

Die Erwartungen an die Wirtschaft sind riesig – Unternehmen sollen

den Klimawandel stoppen, die wachsende Weltbevölkerung in Lohn

und Brot bringen, nur Gutes produzieren und überall da einspringen,

wo der Staat versagt oder fehlt. An so einem Erwartungshorizont kann

man doch nur scheitern, oder?

Die Erwartungshaltung scheint enorm; und die Wirtschaft

kann natürlich nicht alle Probleme des 21. Jahrhunderts allein

lösen. Ein effizientes und zugleich kreatives Zusammenspiel

von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und NGOs ist erforderlich.

Mir ist bewusst, dass sich das anhört wie die Quadratur

des Kreises. Aus Wirtschaftssicht würde ich aber zunächst

einmal das Positive hinter der hohen Erwartungshaltung

sehen, nämlich das Vertrauen in die Gestaltungskraft und

den -willen von Unternehmen in Deutschland.

globalcompact Deutschland 2018

103


AGENDA

3

Kooperation

statt

Konkurrenz

New Spaces for

Collective Impact,

Beyond Buying

and Selling

Raymond Saner and Lichia Yiu argue that,

despite worrying times, initiatives such as the

Sustainable Development Goals, responsible

business conduct, and business diplomacy

management can provide a winning formula

for shared prosperity.

We easily get overwhelmed today by bad news that ranges

from terrorist attacks and desperate mass migration to deepseated

corruption in business and politics. It is easy to begin

feeling powerless, hopeless, and helpless. Consequently, we are

tempted to become cynical about our political and economic

systems and their leadership.

Although it is true that we are witnessing a worrisome state

of affairs, we should also focus our attention on good news.

There are a good number of promising developments that

we should include in our assessment of world affairs. These

new developments also require innovative responses from

the corporate world to step up to the challenge and make the

world a better place.

GLOBAL TREND 1: Sustainable Development Goals

After two years of intense and difficult negotiations, 193 countries

signed up to the Sustainable Development Goals (SDG)

in September 2015 in New York. World leaders pledged their

commitment to the 17 SDGs – including ending extreme

poverty, fixing climate change, and fighting inequality and

injustice – in a bid to attain an equitable, more prosperous, and

sustainable world for all. The SGDs are intended to stimulate

sustainable and equitable growth during the next 15 years in

areas of critical importance. They are based on an integrated

development approach consisting of three interconnected

dimensions (economic, social, and environmental sustainability).

In order to achieve these goals, structural economic

transformation is needed in order to support the transition

to a green and sustainable economy.

According to the Council of the European Union, this framework

should “consist of a single set of clear goals, which are

ambitious, evidence-based, achievable, action-oriented, limited

in number, and easy to communicate, with measurable targets

and indicators which are both qualitative and quantitative and

which should be reviewed and monitored to ensure transparency

and accountability.” To turn these ambitious goals into

reality by 2030, countries need to work together to build the

practical tools that enable them to opt for a multidimensional

approach to the challenges and opportunities spurred by this

commitment. This means simultaneously targeting multiple

policy objectives (sustainability, equity, growth, and well-being

as a whole); taking a cross-cutting and integrative view rather

than using sector-based lenses to analyze competing challenges

and their drivers; and considering compatibilities and

complementarities between different policy options.

As one of the crucial pillars of modern society, business is

expected to do its part in implementing this transformative

104 globalcompact Deutschland 2018


DIGITALISIERUNG

agenda. The process of arriving at the 2030 Agenda for Sustainable

Development was led by UN Member States with

broad participation from civil society stakeholders. It was a

unique undertaking of intense bargaining and determination

by hundreds of parties – governments, business, and civil

society – from all over the world. Of particular importance

for business is SDG 17 and its subordinate targets 17.16 and

17.17, which state:

17.16 Enhance the global partnership for sustainable development,

complemented by multi-stakeholder partnerships that mobilize and

share knowledge, expertise, technology and financial resources, to

support the achievement of the SDGs in all countries, in particular

developing countries.

17.17 Encourage and promote effective public, public-private and

civil society partnerships, building on the experience and resourcing

strategies of partnerships.

BUSINESS DIPLOMACY MANAGE-

MENT AREAS OF ACTIVITY

• Participating in cross-sectoral social interactions with

local and international NGOs and CSOs (including CSR

projects, the UN Global Compact, and public–private–

social partnerships)

• The joining of state and non-state actors in international

negotiations to ensure the successful inclusion of defensive

and offensive business objectives (such as freetrade

agreements, regional trade agreements, bilateral

investment agreements, and multilateral environmental

agreements)

• Influencing standard-setting organizations to ensure

inclusion of a multinational’s core business activities, including

patents and intellectual property, labor standards,

OECD Guidelines, and OECD tax and financial accounting

requirements

• Building non-business social networks for engagement

and outreach

• Internal briefing on the public perception of the corporate

image and demands for benefits-sharing

As a partner in achieving these SDGs, companies – large or

small, transnational or local – are invited to develop collaborative

relationships with non-business stakeholders embedded

in the same spatial system to achieve collective impact and

sustainability of the local structure. Business diplomacy is

the management function that liaises between the strategic

objectives of the company and the social and environmental

demands of the community. A new space for such collective

impact, beyond buying and selling, needs to be co-created by

effective intervention through business diplomacy.

GLOBAL TREND 2: Responsible business conduct

Many enterprises in industrialized countries have embraced

corporate social responsibility (CSR) since the late 1990s.

Besides pledging their commitments through the UN Global

Compact or other alliances, companies have implemented

many projects to help their fellow citizens improve their

precarious circumstances, particularly those communities and

people suffering from handicaps of all sorts, or who are in

disadvantaged positions not of their own choosing (e.g., ethnic

or religious minorities, women being discriminated against,

or children suffering from poverty and learning disabilities).

Many CSR projects are very laudable and have achieved their

stated objectives. However, even the best CSR projects might be

scrapped for short-term gains (cost-cutting to increase profits,

for example). What is needed is a corporate environment that

encourages sustained good business behavior, discourages opportunistic

short-cuts, and reinforces good corporate citizenship.

Such an environment has been created through the OECD

Guidelines on responsible business conduct, which are the

first intergovernmental instrument to hold enterprises to account

for their overall management decisions. The Guidelines

integrate the second pillar of the UN framework on business

and human rights into their business code of responsible

conduct. The OECD Guidelines are also the first to adopt the

UN Guiding Principles’ concept of risk-based due >>

globalcompact Deutschland 2018

105


AGENDA

erspektiven Die Perspektiven werden kurzfristiger werden kurzfristiger

ktische Bedeutung Die praktische des Langzeitdenkens Bedeutung des nimmt Langzeitdenkens nimmt

ab. Die Strategiezyklen rasant ab. Die haben Strategiezyklen sich in den vergangenen

haben sich in den vergangenen

ahren um 42 zehn Prozent Jahren verkürzt. um 42 Prozent verkürzt.

von Strategiezyklen Dauer von heute Strategiezyklen heute

Nur die Minderheit Nur die hat Minderheit einen fertigen hat einen Planfertigen

Zwar erwarten vier Fünftel Zwar erwarten aller Unternehmen vier Fünftel starke aller Unternehmen starke

Umwälzungen, aber Umwälzungen, nur eine kleine Minderheit aber nur eine von kleine knapp Minderheit von knapp

vier Prozent der Unternehmen vier Prozent aus der Maschinenbau, Unternehmen Automobil- aus Maschinenbau, Automo

und Elektroindustrie und hat bereits Elektroindustrie einen fertig hat ausgearbeiteten bereits einen fertig Plan ausgearbeitet

für die digitale Zukunft. für die digitale Zukunft.

Wie gut sind Sie auf Wie Wandel gut sind vorbereitet? Sie auf Wandel vorbereitet?

länger als

5 Jahre

6 %

länger als

5 Jahre

6 %

4 %

Sehr gut

4 %

Sehr gut

51 %

51 %

Gut

ind adhoc oder

kürzer als 5

Jahre

94 %

Sind adhoc oder

kürzer als 5

Jahre

94 %

1 %

24 %

Kaum, gar nicht 1 %

Weniger 24 % gut

Kaum, gar nicht

Weniger gut

onalkostenanteil Personalkostenanteil sinkt weiter sinkt weiter

pffaktor „menschliche Schrumpffaktor Arbeitskraft“: „menschliche Der Anteil Arbeitskraft“: der Der Anteil der

alkosten an Personalkosten den Gesamtkosten an den hat sich Gesamtkosten in vielen hat sich in vielen

en signifikant Branchen reduziert. signifikant reduziert.

Der große Siegeszug Der große des Siegeszug 3D-Druckers des 3D-Drucker

Immer günstiger, immer Immer vielfältiger, günstiger, immer verbreiteter: vielfältiger, immer verbreiteter:

Additive Fertigungstechnologien Additive Fertigungstechnologien – wie z. B. 3D-Druck – werden wie z. B. 3D-Druck – we

sich unaufhaltsam durchsetzen. sich unaufhaltsam durchsetzen.

alkostenanteil Personalkostenanteil gestern / heute gestern / heute

Vor 10 Jahren Heute Vor 10 Jahren Heute

etallerzeugnisse Metallerzeugnisse

29 % 2229 %% 22 %

aschinenbau Maschinenbau 16 % 1016 % % 10 %

lektrische

usrüstung

Elektrische

Ausrüstung 18 % 1518 % % 15 %

raftwagen und

raftwagenteile

Kraftwagen und

Kraftwagenteile 14 % 1214 % % 12 %

Kostenentwicklung Kostenentwicklung und Verbreitung und Verbreitung

Kostenindex

Anzahl der

Technologien

Kostenindex

Anzahl der

Installierte Technologien Basis

2010

2020

100 % 2010

53 % 2020

5100 %

153 %

23.000 5

2.500 15000

2030 28 % 2030 3028 % 100.000.000 30

Installiert

23.0

2.500

100.000

st vor abnehmender

Angst vor abnehmender

bewerbsfähigkeit Wettbewerbsfähigkeit

isse Zukunft: Ungewisse Die Entwicklungen Zukunft: Die beunruhigen, Entwicklungen beunruhigen,

en traditionellen unter Unternehmen den traditionellen schauen Unternehmen selbst schauen selbst

italen Vorreiter die skeptisch digitalen Vorreiter voraus. skeptisch voraus.

Große Veränderungen, Große Veränderungen, großer großer

Widerstand? Widerstand?

Die meisten Unternehmen Die meisten erwarten Unternehmen tiefgreifende erwarten Veränderungen tiefgreifende Verände

und rechnen vor allem – und mit rechnen verstärktem vor allem Widerstand mit verstärktem der Widerstand der

Beschäftigten gegen Beschäftigten den Wandel. gegen den Wandel.

e Marktposition Welche erwarten Marktposition Sie für sich? erwarten Sie für sich?

7 % 37 % 12 10 12 % 10 %

en, dass sie ihren glauben, dass sie ihren

glauben, dass sie

ttbewerbsvorteilWettbewerbsvorteil

den Wandel

rlieren werden verlieren werden

möglicherweise

nicht überstehen

glauben, dass sie

sie Marktführer

den Wandel

möglicherweise

bleiben

nicht überstehen

glauben, dass

sie Marktführer

bleiben

Wer rechnet

mit starken

Veränderungen?

80 %

der

Unternehmen

Quelle: Ändern oder untergehen – eine Begegnung mit der Wertschöpfung

von morgen (A.T. Kearney).

Wer rechnet

Wo mit erwarten starken

Sie Veränderungen?

Probleme?

Wo erwarten

Sie Probleme?

Widerstand

47 Mitarbeiter

47 %

38 Prozesse /

Systeme

38 %

80 %

18 % Kunden 18 % Kunden

der

16 Unternehmen

% Lieferanten16 % Lieferanten

Prozesse /

Systeme

5 % Qualifikation der 5 % Mitarbeiter Qualifikation der Mitarbeiter

Wider

Mitarb

106 globalcompact Deutschland 2018


DIGITALISIERUNG

diligence for human rights impacts and extend it to all major

areas of business ethics, according to Professor John G. Ruggie,

Special Representative of the UN Secretary-General for Business

and Human Rights.

In addition, the OECD Guidelines are the most comprehensive

set of government-backed recommendations on responsible

business conduct in existence today. The governments that

adhere to these Guidelines aim to encourage the positive contributions

that multinationals can make toward sustainable

development and to minimize the difficulties their operations

may produce.

Multinational enterprises operating in or from compliant

countries need to comply with this set of recommendations

on responsible business conduct. Representatives of business,

trade unions, and nongovernmental organizations participate

in this process through the OECD Business Industry and

Advisory Committee, the OECD Trade Union Advisory Committee,

and OECD Watch. In other words, the Guidelines are

implemented by the signatory governments with support

from the representatives of three main stakeholders in the

economy and society, namely, governments, business associations,

and labor unions.

The Guidelines are part of the 1976 OECD Declaration on International

Investment and Multinational Enterprises, a policy

commitment from compliant governments to provide an open

and transparent environment for international investment, as

well as an environment to encourage positive contributions

from multinationals to further economic and social progress.

The Guidelines aim at balancing an open investment climate

coupled with responsible conduct by enterprises.

Compliant countries are obliged to set up National Contact

Points to further the effectiveness of the Guidelines by undertaking

promotional activities, handling inquiries, and

providing mediation and conciliation platforms for resolving

issues. This makes the Guidelines the only international

corporate responsibility instrument with a built-in grievance

mechanism. 34 OECD countries and 12 non-OECD countries

now subscribe to the Guidelines, and more are planning to join

and align their enterprises with basic sustainable principles

of good corporate conduct.

Like the SDGs, the OECD Guidelines are non-binding and

voluntary, but they carry the power of conviction and scope,

which makes them uniquely important for the future of our

economies and societies.

GLOBAL TREND 3: Business diplomacy management

Implementing the 17 SDGs and the 11 articles of the OECD

Guidelines cannot be achieved through a “business as usual”

approach. How to implement such broad and deep commitments

requires the ability to engage external counterparts

constructively and – equally importantly – the ability to

convince actors within enterprises to agree to implement such

a code of conduct and form partnerships with non-business

counterparts.

Business diplomats are best qualified to meet these complex

and important business challenges and relationships and to

nurture a business culture that supports, leads, and inspires

multinationals to orient their business policies and activities

toward an overall balance of diverse business objectives,

while at the same time respecting codes of conduct such as

the OECD Guidelines and contributing – to the best of their

abilities – toward helping society achieve the SDGs, particularly

SDG 17. These objectives and obligations are sometimes in

opposition with each other, and at other times they coalesce

toward achieving a sustained business that is based on publicly

agreed criteria of good conduct.

Multinational enterprises have to ensure a delicate balance

between wealth creation and social engagement – in other

words, moving from “business as usual” to “business with

ethics,” and from being a corporate “raider” to becoming

a corporate “resident.” This is the operational space within

which business diplomats can play an important strategic role

in establishing a collaborative relationship with the communities

where multinational operations are being conducted.

Business diplomats will need to help their multinationals to

navigate between defending their legitimate interests while

also helping them to address the legitimate concerns of nonbusiness

stakeholders. Discovering how to facilitate this new

model of conducting international business that is based on a

form of social contract will be crucial for social sustainability,

and eventually for the bottom line. However, this needs to be

designed and implemented without jeopardizing the multinationals’

business fundamentals or disregarding the equally

legitimate expectations of a return on investment. This balancing

act requires a new set of competences that are normally

not part of the toolbox of a traditional business executive.

Business diplomacy management (BDM) pertains to the strategic

management of interfaces between an enterprise and its

external non-business counterparts (NGOs, CSOs, international

organizations, and national and local governments) that have

an impact on its reputational capital and license to operate.

BDM functions to strengthen an enterprise’s ability to shape

and influence its operational environment and to foster an

internal narrative supportive of constructive interchange with

that environment. BDM is particularly suited to deal with the

compliance and also complaints concerning the OECD Guideline.

The General Policies are the core guiding principles of

the Guidelines and are listed in the box.

In total, there are 17 General Policies that multinationals should

take fully into account in the countries in which they operate

and in the areas where they should consider the views of other

stakeholders. Of the 17 General Polices, there are 15 “should”

(mandatory) and 2 “encouraged” (optional) policies. Seen from

the BDM perspective, 11 of the 17 policies fall very much

within the domain of business diplomacy competence. >>

globalcompact Deutschland 2018

107


AGENDA

Standpunkt

Conclusion

As noted above, the world is facing a multitude of challenges

that, at times, look bleak and difficult to overcome by conventional

means. There is indeed a need for new thinking and

new solutions. The SDGs and the OECD Guidelines offer a great

opportunity for the business community to overcome the current

impasses and crises through socioeconomic innovations.

In order to grasp these opportunities, business needs support

from “business diplomats” to transcend narrow mindsets

and old paradigms. To meet the sustainability challenges

facing mankind, the production of goods and services needs

to become sustainable. With its competence in organization

and management, business can aim higher to become the

catalyst and partner in making our societies more equitable,

inclusive, participatory, and caring. This is possible if a designated

actor within the corporation focuses on mitigating

conflicting priorities and imperatives while bringing internal

and external stakeholders to the table to find novel solutions

and approaches to conduct business and foster partnerships.

This is possible if we fully support the SDGs, stick to the

OECD Guidelines, and use business diplomacy to reach out

to non-business stakeholders – the democratic majority and

potential consumers.

ÜBER DIE AUTORIN

Saori Dubourg ist Mitglied des Vorstands der

BASF SE, verantwortlich für die Bereiche Agricultural

Solutions, Construction Chemicals und Bioscience

Research sowie die Region Europa.

ABOUT THE AUTHORS

Raymond Saner is Titular professor at Basle University (Economics

Department) and teaches at Sciences Po, Paris (Master in Public

Affairs), and at Luneburg University (Sustainability Management).

He was Chair of the Advisory Council to the Board of Governors

of the Academy of Management. His current research focuses on

the Sustainable Development Goals, public-private and civil society

partnerships, and public governance.

Lichia Yiu is President of the Centre for Socio-Eco-Nomic Development

in Geneva, a research and development NGO founded in 1993.

She was a member of the Executive Committee of the Management

Education and Development Division, Academy of Management.

Her current research focuses on monitoring the 2030 Agenda for

Sustainable Development, ROI on human capital development,

and institutional learning and diffusion.

108 globalcompact Deutschland 2018


„Es bedarf einer

gemeinsamen Haltung,

wie wir das Maß der Dinge

in Zukunft bestimmen.“

Transformation, digital wie auch

politisch, bestimmt unsere Zeit. Für

Saori Dubourg aus dem BASF-Vorstand

heißt das: mehr Dialog, mehr Kooperation,

aber auch mehr Optimismus.

Wir dokumentieren einen Auszug ihrer

wichtigsten Positionen.

Saori Dubourg, Vorstandsmitglied der

BASF SE und Managerin des Jahres

2017, bestätigte in ihrer Keynote bei

der Teilnehmerkonferenz des DGCN

die Notwendigkeit einer grundlegenden

Transformation. Aus ihrer Sicht

sind dabei Lösungsorientierung und

Optimismus genauso wichtig wie eine

smarte Ressourcennutzung als Treiber

neuer Geschäftsmodelle. Es geht nicht

um die Frage: „Wie können wir mehr

erreichen?“, sondern vielmehr darum

zu fragen: „Wie können wir es cleverer

machen?“

„Ich glaube, einer der Hauptunterschiede

der heutigen Digitalisierung

im Vergleich zur ersten industriellen

Revolution Anfang des 19. Jahrhunderts

ist, dass wir es diesmal mit einer

Exponentialfunktion vieler Aspekte zu

tun haben. Exponentiell ist das Wachstum

der Daten und auch des Wissens.

Exponentiell sind zugleich auch die verschiedenen

politischen Entwicklungen,

die daran gekoppelt sind. Wir erleben

eine Transformation, die einzigartig

ist in der Menschheits-geschichte: Zum

ersten Mal wird eine Intelligenz entstehen,

die in einigen Bereichen die

menschliche Intelligenz übersteigen

könnte. Was heißt das für Arbeit, für

Interaktion, für die Mensch-Maschine-

Kommunikation?“

Der Wandel werde dabei von einer neuen

Werteorientierung statt der bisherigen

Volumenorientierung gekennzeichnet.

Saori Dubourg betonte die fundamentalen

Veränderungen durch Klimawandel

und Digitalisierung und die Notwendigkeit

des Hinterfragens von bestehenden

Wirtschaftsmodellen.

Sie nannte den Value-to-Society-Ansatz

der BASF, der sich der Frage widmet, wie

betriebswirtschaftliche Ziele neu gedacht

und soziale und ökologische Werte berücksichtigt

werden. Abschließend wies

sie auf die Bedeutung des Dialogs und

der Multi-Stakeholder-Zusammenarbeit

hin.

„Im Kern ist die Herausforderung der

Digitalisierung, insbesondere für die

Wirtschaft, die Frage, wie wir es schaffen,

eine vernünftige Mensch-Maschine-Kollaboration

zu entwickeln. John

Maynard Keynes hat einmal gesagt: Die

Schwierigkeit liegt nicht so sehr darin,

neue Ideen zu entwickeln, sondern sich

von alten Ideen zu befreien. Was heißt

das jetzt angesichts der tektonischen

Verschiebungen, die wir in diesen Zeiten

erleben? Wir müssen hinterfragen,

ob der Denkrahmen, an den wir uns

gewöhnt haben, eigentlich noch der

richtige ist. Reicht das, um damit unsere

Zukunft zu gestalten?

Ein neuer Denkrahmen muss die Leistung

eines Unternehmens ganzheitlich

erfassen: Welche Werte schaffen

wir über den Profit hinaus? Welche

Auswirkungen – welche Kosten und

welchen Nutzen – hat unser Handeln

auf Mensch, Gesellschaft und Umwelt?

Wir bei der BASF haben vor vier Jahren

begonnen, darüber nachzudenken, wie

eine Gewinn-und-Verlust-Rechnung oder

Bilanz diese Aspekte aufgreifen kann.

Das Ergebnis ist, dass BASF entlang der

Wertschöpfungskette jährlich einen

ökonomischen Wert von 60 Milliarden

Euro sowie einen sozialen Wert von

70 Milliarden Euro erwirtschaften kann.

Demgegenüber stehen 30 Milliarden

Euro Kosten für die Umwelt. BASF alleine

erwirtschaftet also mehr sozialen Wert

als Profit. Ein Job bei BASF generiert fünf

Jobs in nachgelagerten Industrien.“

globalcompact Deutschland 2018

109


AGENDA

4

Mensch

vs.

Maschine?

Automatisierung,

Digitalisierung,

Künstliche Intelligenz:

Mensch versus

Maschine?

Der technische Fortschritt krempelt die Arbeitswelt derzeit

kräftig um. Schon heute arbeiten Roboter, Computer und Co.

an vielen Stellen schneller, präziser, günstiger als

Menschen. Nehmen sie uns die Arbeitsplätze weg?

Wer Antworten auf diese Frage sucht, trifft auf zwei Lager:

Die Pessimisten auf der einen Seite, die einen Generalangriff

auf Jobs und Löhne befürchten, der Gering- und Hochqualifizierte

gleichermaßen trifft. Auf der anderen Seite stehen

die Optimisten. Sie argumentieren, dass sich die Angst vor

technischem Fortschritt in der Geschichte stets als übertrieben

erwiesen hat. Einig sind sich beide Lager allerdings darin,

dass die Arbeitswelt derzeit enorme Verwerfungen durchlebt.

400 Millionen Vollzeitstellen in Gefahr?

Das McKinsey Global Institute (MGI) ist dem in einer großen

Studie nachgegangen. Schon 2030 könnten demnach 15 Prozent

der heute üblichen Tätigkeiten in verschiedenen Berufen

durch Automatisierung ersetzt werden. Weltweit entspräche

das 400 Millionen Vollzeitstellen. Entwicklungsländer seien

dabei weniger stark betroffen als Industrieländer, wo das

hohe Lohnniveau starke Anreize zur Automatisierung biete.

In Deutschland stehen im MGI-Durchschnittsszenario knapp

25 Prozent der Jobs auf der Kippe. Tritt das Szenario ein, müssten

bis 2030 rund acht Prozent der Beschäftigten auf einen

anderen Beruf umsatteln. Das wären drei Millionen Menschen.

Eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung

kam 2015 zu deutlich höheren Zahlen. Demnach arbeiten

42 Prozent der Deutschen in Berufen mit einer hohen Automatisierungswahrscheinlichkeit.

110 globalcompact Deutschland 2018


DIGITALISIERUNG

Das MGI geht zwar davon aus, dass sich nur fünf Prozent aller

Jobs komplett automatisieren lassen. Doch bei 60 Prozent aller

Berufe könnten mindestens 30 Prozent der Tätigkeiten durch

Roboter, Computer und lernende Systeme übernommen werden.

Je weniger vorhersehbar und kreativer eine Tätigkeit ist,

desto geringer schätzt das MGI ihr Potenzial zur technischen

Automatisierung ein. Doch selbst hochqualifizierte Beschäftigte

dürften deren Auswirkungen zu spüren bekommen, sogar

Unternehmensvorstände. Ein Viertel ihrer täglichen Arbeit

könne automatisiert werden, so die Denkfabrik, vor allem

Analyse- und Planungsaufgaben.

Jobbilanz mittelfristig positiv

Geht uns also die Arbeit aus? Das MGI erwartet das nicht. In

Deutschland entstünden genügend Jobs, um die Verluste zu

kompensieren. Auch weltweit wäre die Bilanz unter bestimmten

Voraussetzungen positiv. Behält das MGI mit seinem Durchschnittsszenario

Recht, könnten bis 2030 global 390 bis 590

Millionen neue Stellen entstehen – deutlich mehr als wegfallen.

Treiber hinter diesem Jobwachstum sind laut MGI vor allem

die Sektoren Pflege, Gesundheit und Technologie, außerdem

Investitionen in Infrastruktur und erneuerbare Energie. Vor

allem schaffe die Automatisierung mehr Wohlstand, gerade

in den Schwellenländern. Weltweit sollen so alleine über 300

Millionen neue Arbeitsplätze entstehen – und neue Märkte,

von denen auch Deutschland profitiere.

Das MGI verweist zudem auf die Geschichte: Der Einsatz

bahnbrechender neuer Technologien habe den Arbeitsmarkt

immer erschüttert, jedoch auf lange Sicht viele neue Jobs

geschaffen. Für das Jahr 2030 erwartet das Institut, dass acht

bis neun Prozent der Arbeit in Berufen nachgefragt wird, die

es zuvor nicht gab.

Beschäftigte fühlen sich Digitalisierung gewachsen – noch

Doch wenn Automatisierung und Digitalisierung selbst vor

Vorstandsetagen nicht halt machen, müsste das normal qualifizierte

Arbeitnehmer aufschrecken. In Deutschland ist das

bislang nicht der Fall, wie die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

Ernst & Young herausgefunden hat. Noch sagen 84 Prozent

der Beschäftigten, dass sie sich den Veränderungen durch

die Digitalisierung immer oder meistens gewachsen fühlen.

Heißt aber auch: 16 Prozent fühlen das selten oder nie. Das

liegt mit daran, dass die Einführung vieler digitaler Helfer das

Arbeitsleben in der Praxis eher schwieriger als leichter gemacht

hat, und zwar in allen Branchen: 28 Prozent meinen, dass sich

ihre Arbeitsbelastung durch die Digitalisierung erhöht hat, nur

13 Prozent berichten von einer geringeren Belastung. Zudem

sind die Arbeitsprozesse oft eher komplizierter geworden, wie

36 Prozent der Befragten angeben. Nur 26 Prozent erfreuen

sich an einfacheren Prozessen.

KI: nächste Automatisierungswelle rollt an

Wenn neue Automatisierungstechnologien in immer mehr

Unternehmen Einzug halten, dürfte der Anteil derer >>

Kahlschlag in der

Kommunikationstechnik

Der Digitalverband BITKOM schätzt,

dass in der Kommunikationstechnik

seit Mitte der 1990er-Jahre

90 Prozent der Arbeitsplätze weggefallen

sind – durch die Digitalisierung.

Eine solche Entwicklung

drohe nun Banken, Versicherungen,

der Chemie- und Pharmabranche.

Wie viele neue Jobs entstehen, weil

Software entwickelt und Maschinen

beaufsichtigt werden müssen,

lässt sich nach Angaben des Verbands

noch nicht beziffern.

KI birgt große

Effizienzpotenziale

Ein Versprechen der KI sind spürbare

Kostensenkungen für

Unternehmen: So könnten mit KI

optimierte Lieferketten die Lagerhaltungskosten

um die Hälfte senken,

durch exaktere Abverkaufsprognosen

etwa. Nutzten Unternehmen

KI für vorausschauende

Wartungsarbeiten („predictive

maintenance“), soll dies die Leistung

einer Anlage um 20 Prozent

steigern. In Geschäftsbereichen

wie der IT könne KI 30 Prozent der

Tätigkeiten übernehmen.

Quelle: McKinsey & Company.

Neue Allianzen

formieren sich

Im Zuge der Digitalisierung und

reifender KI öffnen sich inzwischen

auch Großkonzerne für neue Partner.

Etwa der Volkswagenkonzern,

der Anfang vergangenen

Jahres eine Kooperation für hochautomatisiertes

Fahren mit dem

Chip-Produzenten Nvidia bekannt

gab. Ziel ist die Entwicklung eines

mit KI ausgerüsteten Copiloten.

globalcompact Deutschland 2018

111


AGENDA

steigen, die sich damit überfordert fühlen oder darüber sorgen.

Dazu beitragen dürften Fortschritte auf dem Gebiet der Künstlichen

Intelligenz und die mit ihr vermutlich einhergehende

nächste Automatisierungswelle, die weitere Jobs überflüssig

machen und viele Stellenprofile verändern könnte.

Weltweit könnten bis zu 375 Millionen

Arbeitnehmer ihre Berufe wechseln

Anzahl der Arbeitskräfte, die ihre derzeitigen Berufe

wechseln, um eine andere Arbeit zu finden, 2016–30

Befragt man die Deutschen als Privatpersonen, wie der Digitalverband

BITKOM dies Ende 2017 tat, stehen sie der KI dennoch

aufgeschlossen gegenüber. 81 Prozent glauben, dass dank KI in

der Industrie körperlich belastende Tätigkeiten auf Maschinen

übertragen werden können. Jeweils zwei Drittel sind der Meinung,

dass sie in der Forschung die Innovationskraft steigert

und mit darüber entscheidet, ob deutsche Unternehmen auch

künftig weltweit erfolgreich sind.

16–54

Vereinigte Staaten

11–27

Japan

17–64

Industrienationen

Volkswirtschaftlich sind die mit der KI verbundenen Hoffnungen

ebenfalls riesig: Die Unternehmensberater von McKinsey

& Company haben errechnet, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt

mit KI im Jahr 2030 um 160 Milliarden Euro

höher ausfallen könnte als ohne. Auch betriebswirtschaftlich

verspreche sie Vorteile. Sie gebe Mitarbeitern die Möglichkeit,

sich ständig wiederholende oder gefährliche Arbeiten an Computer

und Roboter abzugeben und sich auf wertschöpfende

Aufgaben zu konzentrieren.

166 Millionen

(bis zu 32 %)

12–102

59 Millionen

(bis zu 46 %)

195 Millionen

(bis zu 33 %)

10–72

Viele Unternehmen lassen Beschäftigte allein

3–12

Auf dem Arbeitsmarkt werden die Auswirkungen dieser Automatisierungswellen

deutlich spürbar sein. Immerhin jedem

sechsten Beschäftigten in Deutschland macht das Angst. Sie

bangen um ihren Job. Und sieben von zehn Beschäftigten gehen

davon aus, dass sich der eigene Aufgabenbereich durch die

Digitalisierung zukünftig wandeln wird. Jeder Dritte rechnet

sogar mit erheblichen Änderungen, wie die Wirtschaftsprüfer

von Ernst & Young herausgefunden haben.

Der Anpassungsdruck auf die Beschäftigten ist hoch. Brechen

ihre Jobs durch die weiter zunehmende Digitalisierung und

Automatisierung weg, wird es für sie immer wichtiger, sich

fort- und weiterzubilden: um sich gegen den Austausch durch

einen Roboter oder Algorithmus zu wappnen und um sich für

die in vielen Berufen immer schneller ändernden Jobprofile

fit zu halten.

China

757 Millionen

(bis zu 13 %)

75–375

Deutschland

37 Millionen

(bis zu 33 %)

Entwicklungsländer

767 Millionen

(bis zu 9 %)

Arbeitsplatzverlust

durch

Automatisierung

Arbeitsplatzverlust

aus

anderem

Grund

„Vogel-Strauß-Haltung“

Zu entsprechenden Fort- und Weiterbildungen haben allerdings

längst nicht alle Zugang. Im öffentlichen Dienst in Deutschland

sind es immerhin schon zwei von drei Beschäftigten. Ausgerechnet

die von Wettbewerb geprägte freie Wirtschaft hinkt

nach: Dort erhalten lediglich 52 Prozent der Beschäftigten

entsprechende Angebote, so Ernst & Young.

Diese „Vogel-Strauß-Haltung“ der Unternehmen ist umso

verwunderlicher, als viele von ihnen bereits Existenzängste

durch Digitalisierung und Automatisierung plagen. Laut einer

Studie der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group

(BCG) sind bis zu acht Millionen Jobs durch die Digitalisierung

Global

2.661 Millionen

(bis zu 14 %)

Quelle: IPUMS USA

2017; US Bureau of

Labor Statistics.

112 globalcompact Deutschland 2018


DIGITALISIERUNG

Die Auswirkungen der Automatisierung variieren je

nach Einkommensniveau, Bevölkerungsstruktur und

Industriestruktur eines Landes.

Prozentsatz der

aktuellen Arbeitsaktivitäten,

die

durch Automatisierung

ersetzt werden

27

26

25

24

23

22

21

20

19

18

17

Russland

Südkorea

Tschechische Rep.

Polen

Türkei

Italien

Kanada

Griechenland

Japan

Österreich

Spanien

Niederlande

Deutschland

Frankreich

Schweiz

Großbritannien

Schweden

Australien

Vereinigte Staaten

Norwegen

gefährdet. Dass neue Wettbewerber aus

der Internet- und IT-Branche ihren Markt

aufmischen, berichten 57 Prozent in

einer Befragung.

Hoffnung auf neue Geschäfte

Trotz dieser empfundenen Bedrohungen

sehen 86 Prozent der Unternehmen in

der Digitalisierung eher Chancen als

Risiken. Doch gezielt in die Entwicklung

digitaler Geschäftsmodelle investieren

will 2018 nur jedes fünfte der von BIT-

KOM befragten Unternehmen. Folgt man

dem McKinsey Global Institute, ist das

ein Fehler: Denn der Nutzen automatisierter

Arbeitsabläufe – mehr Output,

Qualität, Verlässlichkeit – übersteige

die für ihre Einführung anfallenden

Kosten typischerweise um den Faktor

drei bis zehn.

Steigender Anpassungsdruck auf

Unternehmensorganisation

Um ein zunehmend automatisiertes

Unternehmen zum Erfolg zu führen,

muss sich indes auch das Unternehmen

selbst anpassen. Wie bei anderen technologischen

„Revolutionen“ entfaltet

sich deren möglicher Nutzen erst, wenn

Prozesse und Abläufe auf die neuen

Möglichkeiten eingestellt sind.

16

15

14

13

12

11

10

9

Brasilien

China

Die oft hierarchischen Organisationsstrukturen

in der (deutschen) Industrie

sind dazu derzeit nur bedingt in der

Lage, warnt unter anderem der Zukunftsrat

der Bayerischen Wirtschaft. Um in

einem künftig sich noch rasanter verändernden

Marktumfeld mit häufigen

Produktinnovationen mithalten zu können,

müssten Hierarchien eingerissen

und die verschiedenen Kompetenzen

der Mitarbeiter besser vernetzt werden.

Verfügbares Wissen, etwa im Hinblick

auf Ideen für innovative Produkte und

Dienstleistungen, werde heute noch zu

oft nicht geteilt.

8

7

0

Quelle: World Bank; Oxford Economics; McKinsey

Global Institute analysis.

10.000 BSP pro Kopf

100.000

MGI: Wohlfahrtsverluste sind

vermeidbar

Der Wandel, den die Arbeitswelt durchlebt,

hat die Kraft einer Naturgewalt.

Aber er bleibt gestaltbar, meint das

McKinsey Global Institute. Gelinge

es Politik und Unternehmen, >>

globalcompact Deutschland 2018

113


AGENDA

Jobs der Zukunft: Einige Berufe werden wichtiger, andere unwichtiger und es

werden sich neue entwickeln

?

Nicht

kalkulierbare

körperliche

Arbeit

Kundenkontakt

Kalkulierbare

körperliche

Arbeit

Bürokräfte Fachkräfte Pflegepersonal

Bauunternehmer

Manager

und

Führungskräfte

Pädagogen Technik-Profis Kreative

Industrieländer

Entwicklungsländer

Nachfrage nach neuen Kompetenzen

Anwendung von Fachwissen

Austausch mit Stakeholdern

Personalführung

Nicht kalkulierbare körperliche Arbeit

Datenverarbeitung

Datensammlung

Kalkulierbare körperliche Arbeit


+

Dringlichkeiten für politische Entscheidungsträger

und Führungskräfte

Wirtschaftswachstum

► Aktualisierung der Kompetenzen

► unsicherer Arbeitsmarkt

► Unterstützung während des Übergangs

Quelle: U.S. Bureau of Labor Statistics; McKinsey Global Institute analysis.

Menschen, die ihre Arbeit an Digitalisierung, KI und Automatisierung

verloren haben, binnen eines Jahres wieder in

Lohn und Brot zu bringen, seien keine Wohlfahrtsverluste

zu erwarten. Dauere es dagegen Jahre, seien sinkende Einkommen

und volkswirtschaftliche Probleme wahrscheinlich.

Was ist zu tun? Das MGI sieht vier Schlüsselbereiche, die Länder

wie Deutschland anpacken müssten. Sie sollten – erstens –

ein robustes Wirtschaftswachstum erhalten, um neue Jobs zu

schaffen. Zweitens das Angebot an Fort- und Weiterbildungen

ausbauen, um Arbeitskräfte zu qualifizieren. Drittens für

mehr Durchlässigkeit im Arbeitsmarkt sorgen. Und viertens

über neue Einkommens- und Anpassungsunterstützungen

nachdenken: etwa über einen gesetzlichen Mindestlohn, ein

Grundeinkommen oder über an das Wirtschaftswachstum

gekoppelte Lohnsteigerungen.

Marshallplan für die digitale Arbeitswelt

Wegducken könnten sich Politik und Unternehmen vor diesen

Herausforderungen ebenso wenig wie die Arbeitnehmer. Versuche,

die Dynamik von Automatisierung und Digitalisierung

zu bremsen oder aufzuhalten, erachtet die Denkfabrik als

Fehler. Allerdings sei auch die Anpassung an diese Dynamik

nicht einfach zu stemmen: In vielen Ländern erfordere sie

Initiativen in der Größenordnung des Marshallplans. Mit dem

wurde bekanntlich das nach dem Zweiten Weltkrieg völlig verwüstete

Europa wirtschaftlich wieder auf die Beine gebracht.

Augmented Reality:

Instandhaltung auf

Knopfdruck

Maschinen brauchen Wartung. Oft

müssen dafür erst Spezialisten

anrücken, Kosten entstehen,

die Maschinen erwirtschaften

kein Geld. Abhilfe verspricht die

Augmented Reality. Mit ihrer Hilfe

können auch geringer Qualifizierte

die Wartung durchführen, ohne

Fachkenntnisse – die werden

ihnen über Tablets oder Datenbrillen

im Wortsinne vor die Augen

geführt.

Die Erweiterung der realen Welt

durch virtuelle Informationen

eröffnet zahllose weitere Möglichkeiten

in Forschung, Produktion

oder Logistik, etwa für Effizienzsteigerungen

bei der Kommissionierung

im Lager.

114 globalcompact Deutschland 2018


DIGITALISIERUNG

Deutschland noch nicht in der algorithmischen Welt angekommen

Nur ein geringer Teil der Menschen in

Deutschland weiß, wo Algorithmen eingesetzt

werden und wie wirkmächtig sie sind. Die

meisten Deutschen sind noch unentschlossen

über Chancen und Risiken von Algorithmen,

doch sie spüren ein Unbehagen. Um die

Menschen auf die algorithmische Gesellschaft

vorzubereiten, braucht es eine breite öffentliche

Debatte, mehr Kompetenzen bei den

Bürgern und eine aktive staatliche Kontrolle.

Partnersuche, Online-Shopping, Job-Bewerbung – Algorithmen

sind längst in unserem Alltag angekommen. Doch nur zehn

Prozent aller in Deutschland lebenden Menschen haben eine

genaue Vorstellung davon, was Algorithmen sind und wie sie

funktionieren. Allenfalls hinter Dating-Apps wie Tinder oder

individuell zugeschnittener Werbung im Internet vermuten

etwa 50 Prozent der Menschen in Deutschland algorithmischen

Einfluss. Dass künstliche Intelligenz auch bei der Vorauswahl

von Job-Bewerbern eingesetzt wird, weiß hingegen nur ein

Drittel. Den meisten fehlt folglich eine Vorstellung davon,

welche Bedeutung Algorithmen mittlerweile für ihr Leben

haben. Zu diesen Ergebnissen kommt eine repräsentative

Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag

der Bertelsmann Stiftung.

Die Unwissenheit über die Anwendungsfelder von Algorithmen

führt allerdings nicht dazu, dass Menschen eine grundsätzlich

negative Haltung zu Algorithmen haben. Deren praktischer

Nutzen – etwa als präzises und zeitsparendes Hilfsmittel –

wird von der Hälfte der Befragten erkannt. Besonders positiv

werden Algorithmen von denjenigen gesehen, die allgemein

eine optimistische Einstellung zu technischem Fortschritt haben.

Auch Menschen, die eine ungefähre Vorstellung über die

Funktionsweise von Algorithmen haben, sehen sie in einem

besseren Licht. Männer erkennen eher die Chancen als Frauen.

Das Alter und formale Bildungsniveau spielen hingegen keine

Rolle. Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, ordnet

ein: „Algorithmen bestimmen zunehmend über unser Leben.

In Deutschland fehlt es an grundsätzlichem Wissen über den

digitalen Wandel. Wir müssen dringend lernen, die Chancen

und Risiken von Algorithmen richtig abzuwägen.“

Viele ziehen menschliche Entscheidungen

algorithmischen vor

46 Prozent aller Befragten haben keine festgelegte Haltung

zu Algorithmen. Eine gesellschaftliche Meinungsbildung ist

noch nicht abgeschlossen. „Algorithmen und künstliche Intelligenz“,

so Dräger, „sind bislang kaum Teil der öffentlichen

Debatte. Sie können zu mehr Chancengerechtigkeit führen,

allerdings auch zu mehr Diskriminierung. Wir müssen jetzt

darüber diskutieren, wie wir Algorithmen in den Dienst der

Gesellschaft stellen können.“

In der Umfrage wird ein großes Unbehagen deutlich, gerade

wenn Maschinen komplett losgelöst vom Menschen entscheiden.

73 Prozent der Befragten unterstützen sogar ein Verbot

von sogenannten vollautomatisierten Entscheidungen, die

nur von Software und ohne direkte menschliche Beteiligung

getroffen werden. Die meisten ziehen es also vor, wenn ein

Mensch statt einer Maschine über sie entscheidet – obwohl sie

wissen, dass dies häufig weniger objektiv ist. Die Ablehnung

vollautomatisierter Entscheidungen bezieht sich bemerkenswerter

Weise nicht nur auf besonders intime Lebensbereiche,

wie etwa im Gesundheits- oder Gerichtswesen, sondern umfasst

sogar einfache Themen wie die Rechtschreibprüfung in

Textverarbeitungsprogrammen. „Wenn Vertrauen in Technik

fehlt, verkennen viele die Chancen von Algorithmen“, so

Dräger. Viele Menschen schreckten vielmehr vor dem Gefühl

zurück, einer algorithmischen Entscheidung ausgeliefert zu

sein – egal wie trivial sie sei.

In der Umfrage wird deutlich, dass dieses Unbehagen auch

bei denjenigen vorhält, die mehr über Algorithmen wissen.

Zwar sieht diese Gruppe mehr Chancen in algorithmischer

Entscheidungsfindung (42 Prozent) als die Gesamtbevölkerung

(31 Prozent). Gleichzeitig haben diese Befragten aber auch für

die Risiken ein geschärftes Bewusstsein (53 Prozent im Vergleich

zu 47 Prozent aller Befragten). Viele Menschen befürchten

etwa, dass Programmierer zu viel Macht über das Leben von

Menschen erhalten und Algorithmen manipulierbar sind. Es

besteht unabhängig vom Bildungsniveau oder Einkommen der

Wunsch nach einer engmaschigeren Kontrolle. Unter dem Strich

denken nur 13 Prozent der Menschen in Deutschland, dass

Algorithmen gerechtere Entscheidungen treffen als Menschen.

Kompetenzaufbau auf allen Ebenen nötig

Für Dräger steht fest, dass auf allen Ebenen Kenntnisse im

Umgang mit Algorithmen fehlen. „Jeder Bürger braucht

Digitalkompetenz, denn wir alle sind regelmäßig und direkt

von algorithmischer Entscheidungsfindung betroffen.“ Zudem

würde eine verstärkte öffentliche Auseinandersetzung über

die Chancen und Risiken von Algorithmen helfen, den Einsatz

von Algorithmen besser im Sinne der Bürger zu gestalten. Er

bemängelt, dass auf staatlicher Ebene die Digitalisierung nur

langsam vorankommt und der Einsatz hilfreicher Algorithmen

kaum stattfindet. „Der Staat sollte sich in den Fahrersitz

setzen und Vorbild in der Anwendung und Förderung kluger,

teilhabeförderlicher Algorithmen werden. Es ist auch eine

staatliche Aufgabe, zu überprüfen, ob Algorithmen im Sinne

der Menschen gestaltet werden, und die Bürger über deren

Einsatz zu informieren.“ Ansonsten sei es langfristig schwierig,

das nötige Vertrauen der Menschen in den unaufhaltsamen

technologischen Fortschritt aufzubauen.

globalcompact Deutschland 2018

115


Standpunkt

Mit Künstlicher

Intelligenz an

die Weltspitze –

die Beispiele

China und

Deutschland

ÜBER DEN AUTOR

Lars Jaeger hat Physik, Mathematik, Philosophie

und Geschichte studiert und mehrere

Jahre in der Quantenphysik sowie Chaostheorie

geforscht. Er lebt in der Nähe von Zürich, wo

er – als umtriebiger Querdenker – zwei eigene

Unternehmen aufgebaut hat, die institutionelle

Finanzanleger beraten, und zugleich regelmäßige

Blogs zum Thema Wissenschaft und Zeitgeschehen unterhält.

Überdies unterrichtet er unter anderem an der European

Business School im Rheingau. Die Begeisterung für die Naturwissenschaften

und die Philosophie hat ihn nie losgelassen. Sein

Denken und Schreiben kreist immer wieder um die Einflüsse der

Naturwissenschaften auf unser Denken und Leben. Im August

2018 ist sein neuestes Buch „Die zweite Quantenrevolution“ bei

Springer erschienen.

Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ ist mehr als 60 Jahre alt (er

wurde 1956 von John McCarthy auf einer Konferenz in Dartmouth

geprägt). Aber erst in den letzten fünf bis zehn Jahren

hat sich dieses Feld zu einer zukünftigen Schlüsseltechnologie

mit immer mächtigerem Einfluss auf unser Leben entwickelt.

Dabei geht es immer mehr auch um Aufgaben, die bisher der

menschlichen Kognition vorbehalten waren: Muster erkennen,

Ereignisse, deren Eintreffen durch Unsicherheit getrübt sind,

vorhersagen und Entscheidungen unter komplexen Bedingungen

treffen. KI-Algorithmen können zunehmend die Welt

um uns herum wahrnehmen und interpretieren. KI-Forscher

behaupten sogar, dass sie schon bald zu Emotionen, Mitgefühl

und echter Kreativität fähig sein werden. Doch ungeachtet,

ob sie eines Tages diese spezifisch menschlichen Fähigkeiten

haben werden, erkennen können KI-Systeme diese bei uns

Menschen schon heute. Das Lesen von Emotionen aus einem

menschlichen Gesichtsausdruck ist für eine entsprechende

KI unterdessen sogar einfacher als für Menschen. Und bei

Schachturnieren, bei denen Computer nicht zugelassen sind,

gelten besonders ungewöhnliche und kreative Züge als ein

Indiz dafür, dass jemand schummelt und heimlich auf einen

Computer zurückgreift.

Was hat diese Technologie, die vor 15 Jahren noch als Spielwiese

für Freaks galt, plötzlich so derart mächtig werden lassen?

Es war die Entwicklung eines speziellen Ansatzes, der alles

verändert hat. Dieser wird als „Deep Learning“ bezeichnet und

beschreibt eine vom menschlichen Gehirn inspirierte Architektur

von künstlichen Neuronen und ihren Verbindungen

untereinander. Wie der Name vermuten lässt, können diese

Netzwerke sehr viele Neuronenschichten tief sein und noch

weit mehr Parameter enthalten. Diese neuronalen Netze werden

auf riesige Mengen markierter Daten „trainiert“. Danach

nutzen sie das, was sie „gelernt“ haben, d.h. wie sie auf der

116 globalcompact Deutschland 2018


Basis der Lerndaten ihre vielen verschiedenen

Parameter eingestellt haben, um

subtile Muster in anderen Datenbergen

zu erkennen. So brauchte es neben dem

neuen Struktur-Paradigma des Deep

Learning noch etwas Zweites, um die

KI zu erwecken: gewaltige Datenberge.

Genau diese wurden mit der immer weiteren

Verlagerung unsere Aktivitäten in

die Online-Welt verfügbar: Die großen

amerikanischen Internetfirmen Google,

Facebook und Microsoft, aber zunehmend

auch ihre chinesischen Pendants

Baidu, Tencent und Alibaba sammeln,

speichern und nutzen die vielen Daten

über unser Verhalten, unsere Vorlieben

und unsere Intentionen, die wir so

bereitwillig zur Verfügung stellen. Mit

der Kombination aus Rechenpower und

Datenbergen wurde die KI in kürzester

Zeit immer besser darin, Sprachen und

Texte zu verstehen, Gesichter zu erkennen,

Schach und Go zu spielen, MRI

Bilder und Hautgewebe nach bösen Tumorzellen

zu untersuchen oder auch die

Wahrscheinlichkeit eines Kreditausfalls

oder Kreditkartenbetrugs einzuschätzen.

All dies bedeutet aber auch, dass sich der

Schwerpunkt der KI-Entwicklung in den

letzten zwei bis drei Jahren dramatisch

verändert hat, von Projekten in Spitzenforschungslaboren

in spezialisierten

Instituten (inkl. jener bei Google, IBM

oder Facebook) zu Anwendungen in

der realen Welt mit realen Daten. Wie

schnell die Entwicklung der KI-Forschung

verläuft, zeigt die weitere Entwicklung

der KI von AlphaGo. Nur 18 Monate

nach AlphaGos spektakulärem Sieg über

den besten menschlichen Spieler hatte

Google bereits eine neue Version einer

Go spielenden Künstlichen Intelligenz

geschaffen. AlphaGo Zero brauchte

nun gar nicht mehr mit alten Spielen

gefüttert zu werden, um seine Spielstärke

zu erreichen. Wie der bekannte

Dr. B. aus Stefan Zweigs Schachnovelle

ließen ihn seine Entwickler nur noch

gegen sich selbst spielen und so lernen.

Bereits nach drei Tagen und 4,9 Millionen

Partien hatte AlphaGo Zero eine

Fertigkeit im Go-Spiel erreicht, die ihn

seinen noch auf realen Partien ausgebildeten

Vorgänger und Bezwinger des

Weltmeisters AlphaGo in 100 Spielen

mit 100 zu Null besiegen ließ. Nicht

weniger beeindruckend war AlphaGo

Zeros Performance im Schachspiel. Er

gewann in 100 Partien gegen den bis dahin

weltbesten Schachcomputer, der mit

Millionen von historischen Schachpartien

und der jahrhundertealten Erfahrung

schachspielender Menschen gefüttert

worden war und eine Rechenleistung

von 70 Millionen Stellungen pro Sekunde

besaß, 28 Mal und spielte 72 Partien Remis

(verlor also kein einziges Mal). Das

Erstaunliche dabei: Er hatte das Schachspielen

nur vier Stunden zuvor erlernt,

indem er, ausgestattet ausschließlich

mit den Regeln, vier Stunden gegen sich

selbst spielte und dabei seine neuronalen

Verbindungen optimierte, ohne dass

ihm jemals irgendwelche Eröffnungen

oder Spielstrategien vorgesetzt worden

waren. Dazu konnte er „nur“ 80.000

Stellungen pro Sekunde bewerten. In

nur vier Stunden vom Anfänger zur

unschlagbaren, besten Schachmaschine

der Welt! Eine KI wie AlphaGo Zero ist

so mächtig, weil sie „nicht mehr durch

die Grenzen des menschlichen Wissens

beschränkt“ sei, sagt einer der Erschaffer

von AlphaGo und AlphaGo Zero, Demis

Hassabis. Diesen Satz muss man sich mal

auf der Zunge zergehen lassen.

Diese Entwicklungen wiederum führen

eine noch ganz andere Konsequenz nach

sich: War bisher die USA mit ihren führenden

KI-Forschungsinstituten und Software-Firmen

unangefochtener Anführer

der KI-Revolution, so ist in den letzten

zwei Jahren China mit seinem immens

großen Markt von über einer Milliarde

Menschen, seinen immensen und vollständig

ungeschützten Datenmengen,

die Internetbenutzer dort hinterlassen,

und seinen hartnäckigen und aggressiven

Unternehmern sehr schnell zu einer

KI-Supermacht herangewachsen, >>

globalcompact Deutschland 2018

117


Standpunkt

wie es der Unternehmer und einflussreiche Investor Kai-Fu

Lee in seinem neuen Buch „AI Superpowers. China, Silicon

Valley, and the new World Order“ eindrucksvoll beschreibt.

Hier erweist sich gerade eine Begebenheit, die uns in Europa

die Haare zu Berge stehen lässt, als einer der größten Wettbewerbsvorteile:

das komplette Fehlen jeglichen Datenschutzes.

Wird schon in den USA dieses Thema sehr kleingeschrieben,

so sehen die Chinesen zum Thema „persönlicher Datenschutz“

nicht einmal den geringsten Diskussionsbedarf. Im Gegenteil:

Der freie Zugang der chinesischen Internetfirmen zu den

persönlichen Daten ihrer Kunden wird als größter Vorteil

von Baidu und Tencent im globalen Wettbewerb um die

Führerschaft in Sachen KI gepriesen. Tatsächlich wurde KI

von der kommunistischen Regierungspartei Chinas im Juli

2017 als eines der wichtigsten Wachstumsgebiete erkannt

und seitdem massiv gefördert. Insbesondere der überlegene

Sieg von AlphaGo über den Weltmeister im Go, dem Nationalspiel

Chinas, hat die politische Führung in China zum

Thema KI aufgeweckt. Von KI-Experten wird dieser Moment

bereits als Chinas „Sputnik-Schock“ bezeichnet. Der Staat

begann, die chinesische Wirtschaft geradezu mit Geldern für

KI-Entwicklungen zu überfluten. So stellte die Stadt Beijing

unlängst 2,1 Milliarden US-Dollar zur Verfügung, um in den

Außenbezirken der Stadt einen KI-Industriepark zu bauen,

Shanghai und 17 andere chinesische Städte haben ähnliche

Ambitionen, die Stadt Tianjin hat sogar angekündigt, einen

16 Milliarden US-Dollar-Fonds aufzusetzen (100 Milliarden

Yuan), um in lokale KI-Firmen und -Institutionen zu investieren.

Dazu kommen umfangreiche Investitionsprogramme, um KI-

Ingenieure und -Experten auszubilden, staatliche Zuschüsse

für KI-Unternehmer und steuerliche Vorteile für die Firmen.

Das zieht auch immer signifikantere private Investitionen nach

sich: Das Gesamtvolumen chinesischer Investments (privat und

staatlich) in KI und Robotik beträgt bereits schätzungsweise

300 Milliarden US-Dollar. Insbesondere in den letzten Monaten

hat China mehr Investmentkapital in KI aufgebracht als die

USA. Mit diesem neuen KI-Ökosystem, einer Mischung aus

der Fülle staatlicher Gelder, dem Auf bau einer intelligenten

Infrastruktur, massiven Investitionen in die KI-Forschung

und den weltweit ambitioniertesten Unternehmern ist der

Aufstieg Chinas zur KI-Supermacht kaum mehr aufzuhalten.

Man vergleiche dies mit der Initiative der deutschen Bundesregierung,

wie sie kürzlich in ihrer Publikation „Strategie

Künstliche Intelligenz“ festgehalten wurde und auf dem

Digital-Gipfel zum Schwerpunkt KI am 4. Dezember verabschiedet

wurde. Die Bedeutung von KI für unsere Zukunft

haben die deutschen Politiker nun auch erkannt. Der Bericht

erfasst klar, dass Deutschland und Europa beim Thema KI ins

Hintertreffen geraten sind. Ob diese Einsicht, vergleichbar

mit der der chinesischen Führung nach der menschlichen

Niederlage im Go, mit der Performance der deutschen Fußballnationalmannschaft

im Jahr 2018 zu tun hat, ist nicht

bekannt. Doch das Ziel ist hochgesteckt: Die Kanzlerin will

Deutschland in Sachen Künstliche Intelligenz zum „weltweiten

Spitzenreiter“ machen. Und dafür ist sie bereit, Geld in die

118 globalcompact Deutschland 2018


Hand zu nehmen: 500 Millionen Euro

pro Jahr. Im Vergleich zu den chinesischen

Geldern ist dies allerdings ein

Taschengeld. Dabei hat Deutschland in

Sachen KI einiges aufzuholen: Deutsche

Forscher sind mit Tagungsbeiträgen bei

großen internationalen Fachkonferenzen

kaum zu sehen. Diese werden dominiert

von den amerikanischen Firmen Google,

Microsoft und Facebook sowie zunehmend

auch von chinesischen Wissenschaftlern

und Ingenieuren, auch wenn

sich diese noch etwas zurückhalten (wollen

sie doch vielleicht ihre Ergebnisse

lieber noch für sich behalten). Und das

lassen sich diese Firmen auch einiges

kosten: Die Einstiegsgehälter für ausgebildete

KI-Experten liegen zwischen

300.000 und 500.000 US-Dollar!

Um in maschinellem Lernen und KI

schnell Fortschritte zu machen, braucht

es drei Dinge: 1. eine enorme Rechenleistung;

2. große Datenmengen und

3. Innovationen, also KI-Experten. Auf

allen drei Ebenen hinken Deutschland

und Europa stark hinter den USA und

China her. Das wird sich mit drei Milliarden

Euro in fünf Jahren kaum ändern.

Mit einem Taschengeld vom Nachzügler

zum „weltweiten Spitzenreiter“ zu werden,

entspricht reinem Wunschdenken.

Da braucht es schon einen fundamentaleren

Wandel. Wo die Deutschen allerdings

schon wesentlich weiter sind,

ist beim Bewusstsein, dass es auch eine

Diskussion um die verantwortungsvolle

Gestaltung der KI-Technologie braucht.

So entstand die neue KI-Strategie für

Deutschland, wie in dem Strategiepapier

betont wird, „in einem umfassenden

demokratischen Prozess“. Man

will „Rahmenbedingungen für die ethische

Anwendung Künstlicher Intelligenz

schaffen“ und „gesellschaftliche Dialoge

zu den Chancen und Auswirkungen

künstlicher Intelligenz fördern“. Das

ist sehr löblich, finden sich doch Sätze

wie diese kaum in den entsprechenden

Willensbekundungen chinesischer oder

amerikanischer Herkunft. Doch sind dies

mehr als hehre Worte? Man spricht von

einer „menschenzentrierten Entwicklung

und Nutzung von KI-Anwendungen“,

vom Ziel eines „hohen Niveaus an IT-

Sicherheit, damit Manipulation, Missbrauch

und Risiken für die öffentliche

Sicherheit dieser sensitiven Technologie

bestmöglich verhindert werden“. Das

klingt doch eher nach politischer Besänftigung

und Einlullerei. Hier fehlt

der Mut zur klaren Aussage. So mancher

echter KI-Experte scheut vor solchen

nicht zurück. Der KI-Pionier Stuart

Russel zeichnet das drastische Bild von

uns Menschen in einem Auto, welches

auf eine Klippe zufährt und wir dabei

hoffen, dass der Benzintank leer ist, bevor

wir in den Abgrund stürzen. Wie Elon

Musk behauptet auch Russel, dass KI für

den Menschen so gefährlich werden kann

wie Nuklearwaffen. Experten betteln

teils förmlich um staatliche Rahmengesetze

und Regulierungen. Dahinter

steckt ihre ernste Sorge, dass politische

Entscheidungsträger die technologischen

Entwicklungen verschlafen, sie nicht

ernst genug nehmen oder, wie in den

allermeisten Fällen, sie überhaupt nicht

verstehen.

So verdeutlicht auch der neueste Bericht

der Bundesregierung auf geradezu exemplarische

Weise ein altes Dilemma: Der

wissenschaftlich-technologische Fortschritt

besitzt unterdessen eine derart

rasante und komplexe Entwicklungsdynamik,

dass er sich dem Vorstellungsund

Gestaltungsraum der allermeisten

politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsträger

entzieht. Und mit einem

solchen Tröpfeln von Taschengeld

auf eine zukünftige Schlüsseltechnologie

werden Deutschland und Europa bald

gar nicht mehr in der ersten Liga spielen.

Dann kann man auch beim Ausspielen

der Meisterschaft nicht mehr mitreden.

Das wäre sehr bedauerlich, denn ein

derartig wichtiges Spielfeld komplett

den amerikanischen Kapitalisten oder

chinesischen Kommunisten zu überlassen,

könnte sich als fatal erweisen.

globalcompact Deutschland 2018

119


AGENDA

Global Compact Netzwerk Deutschland

Im Deutschen Global Compact Netzwerk (DGCN) versammeln

sich die deutschen Unterzeichner des UN Global Compact: Derzeit

sind dies rund 400 Unternehmen – von DAX-Konzernen

über Mittelständler bis hin zu kleinen Spezialisten – und

knapp 60 Organisationen aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft

und dem öffentlichen Sektor. Im Netzwerk können sie sich

über alle Themen der unternehmerischen Verantwortung

informieren, Ideen austauschen und gemeinsam an praxisorientierten

Lösungen arbeiten.

Das DGCN entstand auf Initiative deutscher Unternehmen

im Jahr 2000 als eine der ersten nationalen Plattformen. Als

offizielles lokales Netzwerk sind seine Aufgaben und Pflichten

in einem Memorandum of Understanding mit dem UN Global

Compact definiert: Nur solange es diese erfüllt, darf es sich als

Deutsches Global Compact Netzwerk bezeichnen.

Organisationsstruktur

Die Organe des DGCN sind die Teilnehmerversammlung, der

Lenkungskreis, die Geschäftsstelle („Focal Point“) und die Stiftung

Deutsches Global Compact Netzwerk. Der Lenkungskreis

steuert die Aktivitäten des Netzwerks strategisch und orientiert

sich dabei sowohl am Meinungsbild der Teilnehmer als auch

an Impulsen aus dem New Yorker Büro. Die Geschäftsstelle

kümmert sich um die Umsetzung der strategischen Ziele. Sie

wird im Auftrag und in Abstimmung mit dem Bundesministerium

für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

(BMZ) und dem Auswärtigen Amt (AA) von der Deutschen

Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH

getragen.

Die Arbeit des Netzwerks wird durch Zuschüsse der Bundesregierung

und mit einem wachsenden Anteil aus Mitteln

der Stiftung DGCN finanziert. Die Stiftung wurde 2009 von

DGCN-Unternehmen ins Leben gerufen, damit diese sich auch

finanziell an den Aktivitäten des Netzwerks beteiligen können.

Lenkungskreis

Der Lenkungskreis bestimmt die strategische und inhaltliche

Ausrichtung des DGCN. Er wird von den Teilnehmern gewählt,

setzt sich aus Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft

zusammen und arbeitet nach dem Konsensprinzip.

Bei Entscheidungen orientiert er sich

am Meinungsbild der Teilnehmer. In

Abstimmung mit dem Stiftungsbeirat

hat er zudem ein Mitspracherecht bei

der Verwendung der Stiftungsgelder.

Stiftung

Unterstützung

DGCN

Geschäftsstelle

(@ GIZ)

Arbeitsprogramm

Informationen

Teilnehmerbetreuung

Strategie

DGCN Stiftung

Mittelverwendung

DGCN

Lenkungskreis

Spenden

Gemäß den neuen Teilnahmebedingungen

für Unternehmen des UN Global

Compact müssen Unternehmen mit einem

Jahresumsatz von über 50 Millionen

US Dollar einen finanziellen Beitrag an

die Foundation for the Global Compact

in New York leisten. Mehr Informationen

dazu finden Sie hier: globalcompact.de

Ansprechpartner

Marcel Engel

Leiter Geschäftsstelle

Thorsten Pinkepank, BASF SE

Vorsitzender des Lenkungskreises

Wahl

Deutsche Teilnehmer des UN Global Compact

Angelika Pohlenz

Stiftungsbeirat

120 globalcompact Deutschland 2018


IMPRESSUM

Verlag:

macondo publishing GmbH

Dahlweg 87

48153 Münster

Tel.: +49 (0) 251 – 200782-0

Fax: +49 (0) 251 – 200782-22

Mail: info@macondo.de

URL: www.macondo.de

USt-Id-Nr.: DE 292 662 536

Chefredakteur:

Dr. Elmer Lenzen

Redaktion:

Sonja Scheferling, Milena Knoop,

Julia Arendt, Elena Köhn

Bildredaktion:

Marion Lenzen

Gantzer, Kirsten Geß, Sven Grönwoldt,

Prof. Dr.-Ing. Evi Hartmann, Janina Heel,

Lars Jaeger, Katharina Kemler, Bettina

Klump-Bickert, Melanie Kubin-Hardewig,

Karl-Heinz Land, Dr. Elmer Lenzen, Markus

Löning, Dr. Detlef Männig, Kemal Malik,

Susanne Marell, Robert Mattheis, Alf Meyer,

Jörg Meyer, Friedrich-Wilhel