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Führer Sigwardskirche

Führer Sigwardskirche 4. Auflage

Führer Sigwardskirche 4. Auflage

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Die Sigwardskirche

Wunstorf-Idensen


Sigwardskirche

Idensen


2

Willkommen

Die Kirche in Idensen wurde

1129–1134 von Bischof Sigward

von Minden als Eigen- und

Grabeskirche gebaut.

Nach dem Handbuch der

Deutschen Kunstdenkmäler

von Dehio ist die Kirche „der

bedeutendste sakrale Kleinbau

des 12. Jh. im deutschsprachigen

Raum“. Weiter heißt es „die

Wandmalereien stehen im Einklang

mit der Architektur und

stellen damit zusammen ein

Gesamtkunstwerk von internationalem

Rang dar“.

Eine der Glocken ist die älteste

in Niedersachsen und stammt

aus der Erbauungszeit.

„Sum quod eram,

nec eram quod sum“

„Ich bin, was ich war,

aber ich war nicht,

was ich bin“

(Sigward, von 1120 bis 1140

Bischof von Minden)


Rundgang

Übersicht

Das Bauwerk

Im Fokus: Mittelalterliche

Zahlensymbolik

Kirchenschiff

Im Fokus:

Das Bildprogramm

Die Mandorla

Arche Noah

Taufe

Turmbau zu Babel

Pfingstszene

Sodom und Gomorrah

Jüngstes Gericht

Kapelle im Turm

Glocke aus der Erbauungszeit

5

6

8

10

12

16

18

20

21

22

23

24

25

26

27

Geschichte

Rekonstruktion

28

Bau der Sigwardskirche im 12. Jh. 30

Im Fokus:

Bischof Sigward von Minden 32

Restauration im 19. und 20. Jh. 36

Die Neue Kirche

Übersicht

Der Sigwardsweg

38

40


6

Übersicht

7

Übersicht

Sorgfältig bearbeitete Quadersteine

und klare Formen der

romanischen Baukunst

bestimmen das Äußere

der Kirche.

Schallarkaden

im

Glockengeschoss

Ihre

Grundrissform

entspricht dem eines

nach Osten gerichteten

Kreuzes.

Storchennest,

seit Jahren

bewohnt

Blick in die Apsis mit der

Abbildung Christi als Welten -

richter (Seite 14)

Die Mandorla ist Ausgangspunkt der

mittelalterlichen Bildergeschichte

(ab Seite 18)

Seitenkapelle im Querschiff

Die Bauteile gliedern

sich von West nach

Ost in Westturm,

Langhaus mit

Seitenkapellen

und Apsis.

Blick in den

Innenraum

der Kirche mit

Blickrichtung

zum Altar

(Seite 12)

Die Westfassade – der mächtige

Westturm zählt zu den frühesten

seines Typs (Seite 9)

Eingang

Vierpassfenster

der

Privatkapelle

des Bischofs

von Minden

(Seite 26)

BESONDERS BEACHTEN

• mittelalterliche Malereien

• Grundriss in Kreuzform

• Bischofskapelle im Turm


8 Rundgang

9

Das Bauwerk

Die Kirche ist kreuzförmig als

dreijochige Saalkirche mit kurzen

Querarmen und polygonalem

Chorabschluss angelegt.

Im Westen erhebt sich der fast

quadratische Turm mit Satteldach.

Auffällig ist ein harmonisch

gestaltetes Vierpassfenster in der

südlichen Turmfassade, hinter

dem sich die Privatkapelle des

Bischofs verbirgt.

Das darüber liegende Fenster gehört

zum Zwischengeschoss unterhalb

des Glockengeschosses.

Das Südportal wird von schlanken

Säulen mit Würfelkapitellen

flankiert.

Das halbkreisförmige Tympanon

oberhalb des Türsturzes trug

eine Inschrift des Mindener Bischofs

Sigward, die nicht mehr

lesbar ist:

„Sum quod eram, nec eram

quod sum. Modo dicur utrumque.“

(Sinngemäß: Ich bin,

was ich war, aber ich war nicht,

was ich bin. Beides möge eben

von mir gesagt werden.)

Ein besonderes

Element ist die Chorapsis:

Im Unterschied

zu ihrer äußeren

polygonalen Gestalt

ist die Apsis im Inneren

halbkreisförmig

ausgestaltet


10 Im Fokus

11

Im Fokus: Mittelalterliche Zahlensymbolik

Die mittelalterliche Lebenswelt war angefüllt mit Symbolen, die von

den damaligen Menschen jederzeit gedeutet werden konnten. Dieses

Wissen ging jedoch während der Zeit der Aufklärung verloren.

Bei der Grundrissentwicklung spielten die Zahlen 7, 13 und deren Summe 20 eine

zentrale Rolle. Die Ausgangsform für den Grundriss bildet ein Rechteck, zusammengesetzt

aus 6 Quadraten mit je 20 Ellen Seitenlänge (eine Elle = 46,6 cm)

Eine besondere Symbolik kam

dabei den Zahlen zu, deren Bedeutung

sich auf das Alte und

das Neue Testament zurückführen

lässt.

Man unterschied zwischen

Zahlen, die entweder dem Jenseits

oder dem Diesseits verhaftet

sind. Zur ersten Gruppe

zählten beispielsweise die 3, die

für die Dreieinigkeit von Vater,

Sohn und Heiliger Geist stand,

die 7 und die 13.

In die zweite Gruppe fielen u.a.

die 4 (vier Himmelsrichtungen,

vier Evangelisten, vier Jahreszeiten),

die 6 und die 8. Aus

dieser Zahlensymbolik sowie

den überlieferten Bautraditionen

der Antike entwickelten

die mittelalterlichen Baumeister

einen geometrischen Proportionsschlüssel.

Dieser kam besonders

bei kirchlichen Bauten

zur Anwendung.

Die für die Romanik – und

folglich auch für den Bau der

Sigwardskirche – wichtigsten

geometrischen Formen waren

der Kreis, das Quadrat und das

Dreieck. Aus diesen ergaben

sich durch Kombination das

Sechseck und das Achteck.

Aus diesen Formen bildet sich

ein harmonisch proportionierter

Baukörper.

Das Bogenfeld oberhalb des Nordportals zeigt den Golgathahügel mit dem Kreuz

Christi sowie zwei sechsstrahlige Sterne (Symbole für Sonne und Mond). Der

Fries hat 23 Zacken, denn Sigward war der 23. Bischof von Minden

Eine ungewöhnliche Schmuckform der Romanik ist das Vierpassfenster. Schlicht

und doch formvollendet setzt sich das kleeblatt- oder kreuzförmige Fenster aus

Quadraten und Kreisen zusammen. Die zentrale Raute verkörpert Christus

in der Mandorla als Licht der Welt. Die Vierpasse stehen für die

kosmische Ordnung und symbolisieren die vier Evangelisten


12 Rundgang

13

Kirchenschiff

Im Gegensatz zum schlichten

Äußeren des sakralen Bauwerks

überrascht der Gestaltungsreichtum

im Inneren. Die Sigwardskirche

war der erste vollständig

gewölbte Kirchenbau im damaligen

Herzogtum Sachsen.

Das Westportal führt in das

niedrige Kreuzgewölbe des

Turmunterbaus. Von hier geht

der Blick in das reich gegliederte

Kirchenschiff.

Pfeilervorlagen mit vorgesetzten

Halbsäulen stützen Gurtbögen,

die das Langhaus in drei Joche

unterteilen. Schmale Viertelsäulen

münden in die angedeuteten

Grate eines Kuppelgewölbes.

Kulissenartig schieben sich diese

Wölbgestelle bis zur erhöhten

Chorapsis. Eine Blendarkade

und sechs Säulen aus grünem

Sandstein umschließen die

Bogenfenster und das Halbrund

der Chorapsis.

Die Querarme mit den Nebenapsiden

sind den beiden Aposteln

Petrus (Nordseite) und

Paulus (Südseite) geweiht.

Auf der Innenseite

des Südportals ist die

Eingangstür aus der Erbauungszeit

angebracht.

Kunstvolles, eisernes

Beschlagwerk hält die

Eichenbohlen zusammen.

Eine ähnliche Tür hat die

Kathedrale von Saint-

Pierre de Maguelone in

Südfrankreich


14 Rundgang

15

Auch in den Seitenkapellen befanden sich Altäre; der Altar in der nördlichen

Seitenkapelle war dem heiligen Petrus geweiht

Einzigartig im deutschen

Sprachraum sind die Monumentalfresken

und das Bildprogramm

im Kircheninneren:

In der Deckenwölbung der

Chorapsis thront der Pantokrator,

der Herrscher der Welt,

auf einem Regenbogen.

In den Gewölbeflächen der drei

Joche sind Themen des Alten

Testaments der Heils geschichte

des Neuen Testaments gegenübergestellt.

Nach Westen

schließt das Langhaus mit der

Darstellung des Martyriums der

heiligen Ursula und der elftausend

Jungfrauen ab, welchen die

Kirche geweiht ist.

Die Seitenkapellen sind mit

Szenen der Missions- und Lebensgeschichte

der Apostel Petrus

und Paulus ausgeschmückt.

Zwei Arkadenfenster in der

Westwand weisen auf die Privatkapelle

Bischof Sigwards hin,

die man über eine ausgetretene

Treppe auf der Nordseite erreicht.

Rechts: Blick auf die Westseite des

Lang hauses (gegenüber der auf der

Seite 13 gezeigten Apsis).

Hinter den beiden Fenstern im

Obergeschoss befindet sich

die Turmkapelle (Seite 26)


16

Im Fokus

17

Im Fokus: Das Bildprogramm

Die kunst- und theologiegeschichtliche Bedeutung des

Idenser Bildprogramms ist nicht zu unterschätzen. So geschlossen

und fast vollständig erhalten ist es singulär.

In Idensen kam eine in Farbschichten

aufeinander aufbauende

Mischtechnik aus Secco- und

Freskomalerei zur Anwendung

(Einflüsse der rheinisch-maasländischen

Kunsttechnik und der

Schrift „Schedula diversarum artium“

des Theophilus Presbyter).

Die Farben Ocker, Grün, Blau,

Zinnober und Schwarz wurden

dabei vielfach untereinander

und mit Kalk gemischt und

teilweise feucht aufgetragen.

Blau bildete die Hintergrundfarbe.

Die byzantinischen Ikonen

bekommen so eine einzigartige

Strahlkraft.

Die Architektur des kreuzförmigen

Raumes mit seinen

für die Zeit außergewöhnlichen

Wölbungen trennt mit Gurtbögen

die biblischen Motive

des Hauptschiffes von den Szenen

um Paulus und Petrus der

Seitenannexen und der Christus-

Mandorla in der Apsis.

Heilung des Gelähmten in der nördlichen Petruskapelle: Petrus mit dem Schlüssel

in der Hand hat die Macht, in der Nachfolge Christi Wunder zu vollbringen.

Er erlöst mit den Worten „Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh

umher!“ den vor dem Tempeltor Jerusalems sitzenden, gelähmten Bettler.

Im Tempel sieht man die Bundeslade

Säulen und Gurtbögen teilen und

verbinden den Raum mit naturnahen

Ornamenten und romanischen

Würfelkapitellen.

So fällt der Blick an die Decke der Südkapelle

auf Paulus während der Geißelung

durch Nero – an der Südwand

auf die Vision des Paulus,

die ihn zur Mission trieb

Zielpunkt aller Meditation

ist Christus in der Apsiswölbung.

Einst auf nachtblauem Grund

mit funkelnden Edelsteinen im

Heiligenschein bestückt, strahlt

uns Christus aus der Mandorla

heraus seine Verheißung

ewigen Lebens entgegen


18

Die Mandorla

Mandorla nennt man die Mandelform, die Christus als thronenden

Weltenherrscher umschließt. Sie weist auf das Geheimnis in

Christus. Seine Füße treten aus dem Himmlischen

ins Irdische.

Oberhalb des in Purpur, Gold und Grün

gemalten Bogens flattert ein roter

Mantel. Unterhalb des Glorienscheins

ist das rechte Knie vom

blauen Mantel bedeckt

Bildprogramm

19

Er trägt eine blaue Tunika mit rotem

Besatz. Die Farbe Blau steht hier für

das Was ser, mit dem Gott einst die

Welt rich tete (siehe Noah-Bild),

während die Farbe Rot für das

Feuer steht, mit dem er zukünftig

richten wird (siehe Weltgericht).

Christus segnet

mit drei Fingern

(= Symbol

der Dreifaltigkeit)

seiner

rechten Hand

Waren die Maler hier nur ins

Detail des Tuches verliebt –

oder wollten sie mehr aussagen

und etwa der geist lichen

Dynamik der Macht

Christi Ausdruck

verleihen?

In den kleinen Löchern im

Nimbus befinden sich Reste

von Nagelschäften, die wohl

ursprünglich Fassungen mit

Edelsteinen trugen

„Ich bin das Licht der Welt.

Wer mir nachfolgt, wandelt

nicht in der Finsternis,

son dern wird das Licht des

Lebens haben.“ (Joh 8,12)


20

Bildprogramm

21

Arche Noah

Erstes Joch auf der Südseite

Taufe

Erstes Joch auf der Nordseite

Als dreigeschossiges romanisches Haus mit luftiger Dachkonstruktion ist die Arche

auf der südlichen Gewölbefläche des 1. Jochs dargestellt, nicht als Schiff

Das Mindener Dommauerwerk umrahmt die Szene des Dompatrons Petrus,

der symbolisch zum Täufer Bischof Sigwards und seiner Angehörigen wird

Leider gingen wesentliche Teile

dieses Bildes unwiederbringlich

verloren.

Dass außer einer Taube keine

Tiere zu sehen sind, sondern

nur Angehörige Noahs, darf

wundern. Noch kehrt die Taube

ohne Ölzweig im Schnabel

heim. Die Flut, in der die Gottlosen

umkommen, stellt noch

eine Bedrohung dar.

Doch im Haus der Kirche findet

Gottes ebenbildliche Kreatur

Rettung und Zuflucht.

Der Apostel Petrus segnet mit

drei Fingern seiner erhobenen

rechten Hand und hält in der linken

das Buch mit der Taufformel.

„Ich taufe euch im Namen des

Vaters, des Sohnes und des

Heiligen Geistes.“

In einem achteckigen Becken,

das die Neuschöpfung in

Christus symbolisiert, sitzen

die Täuflinge erwartungs voll.

Sigward, der in ihrer Mitte zu

sehen ist, erhebt seine rechte

Hand zum Bekenntnis seines

Glaubens.

Frauen und Männer blicken gleichermaßen

vertrauensvoll hinaus auf die

Weiten des Wasser. Noah reicht der

Taube seine Hand zum Anflug

Den Rahmen der Taufszene bildet der Mindener Dom zur Zeit Bischof Sigwards

(Foto des Modells siehe Seite 32). In der Mitte des Daches befindet sich ein

damals üblicher Dachreiter


22

Bildprogramm

23

Turmbau zu Babel

Zweites Joch auf der Südseite

Pfingstszene

Zweites Joch auf der Nordseite

Der Turmbau zu Babel

erzählt die Geschichte

vom gescheiterten Versuch

des Menschen, der

Größe Gottes nahe zu

kommen.

Doch der Turm ist noch

un fertig, als Gott die

Sprachen verwirrt

Das Pfingstwunder der Sprachengabe: Die Apostel werden in die Welt gesandt,

das Evangelium in allen Sprachen den Völkern zu verkünden

„Auf, bauen wir uns eine Stadt

und einen Turm mit einer Spitze

bis zum Himmel, und machen

wir uns damit einen Namen,

dann werden wir uns nicht über

die ganze Erde zertreuen.“ So

steht es in der Genesis, im

1. Buch Mose 11,4.

Und sie formten Lehmziegel,

brannten sie und beförderten

sie hinauf.

Doch ihre Gesichter zeigen ihre

Verwirrung an. Sie sind nicht

länger eines Sinnes. Hochmut

kommt vor dem Fall.

Gottes Geist ergießt sich in

Feuerzungen auf die Köpfe der

zwölf Apostel.

Wiederum kommt dem Petrus

mit seiner Schlüsselgewalt eine

herausragende Stellung zu.

Aber auch der ihm zugewandte

Andreas verdient Respekt. Ihre

Hände sprechen eine friedvolle

Sprache. Alle tragen die Heilige

Schrift in ihren Händen.

Ein weiter Rahmen mit zwei

runden Flankierungstürmen

umfängt die Szene.

Ein von Arbeit gekrümmter Mann ist

mit der Mörtelzubereitung beschäftigt

und blickt zur Engelsgestalt


24

Bildprogramm

25

Sodom und Gomorrah

Drittes Joch auf der Südseite

Jüngstes Gericht

Drittes Joch auf der Nordseite

Witterungseinflüsse zerstörten die Szene fast vollständig. Sehr wahrscheinlich wurde

hier die Zerstörung der Stadt Sodom durch Feuer im Alten Testament dargestellt

Wie in der Apsis thront Christus nun beim Weltgericht auf einem Regenbogen.

Mit klarem Antlitz scheidet er die Menschen in Erlöste und Verdammte

Sodom und Gomorrah stehen in

der biblischen Tradition für Orte

des Lebens und Verharrens in

Sünde.

Bei der Vernichtung mit Feuer

(vgl. Noah mit Wasser) wird

aber ein kleiner Rest gerettet.

Lot und seine Familie überleben,

wobei Lots Frau im

Rückblick auf die Zerstörung

zur Salzsäule erstarrt.

Zu erkennen sind leider nur

die Boten, die Lot mit Familie

fortbringen.

An der Seitenwunde und am

vom Engel gehaltenen Kreuz

ist erkennbar, dass es sich um

den gekreuzigten und auferstandenen

Herrn handelt.

In seinen Händen zur Rechten

und zur Linken hält er

Spruchbänder: „Kommt her,

ihr Gesegneten meines Vaters,

ererbt das Reich“ und „Gehet

weg von mir, ihr Verfluchten, in

das ewige Feuer“.

Damit ist ein Bezug zu Sodom

hergestellt.

Im rechten oberen Bildrand sind möglicherweise

die drei göttlichen Boten mit

traurigen Gesichtern zu sehen

Eng aneinander gedrängt wird die Menschengruppe

vom Teufel ins Höllenfeuer

gelockt. Wo stehe ich?


26

Kapelle im Turm

Rundgang

27

In der Privatkapelle konnte Bischof Sigward seine private Andacht halten und

durch die typisch romanischen Doppelarkaden den Gottesdienst verfolgen

Das Vierpassfenster Richtung Süden lässt nicht nur ein besonderes Licht herein –

am Tag der Wintersonnenwende fällt es um 14 Uhr auf das Haupt des Predigers

Zwanzig ausgetretene Stufen

führen nach oben zur Privatkapelle

Bischof Sigwards.

Die Ostwand des rechteckigen

Turmraums ist in drei Nischen

aufgeteilt – die mittlere diente als

Altar. In der Altarplatte ist ein

Grab für Reliquien erkennbar.

Gegenüber dem Altar stand

ein aus Weidenrohr gefertigter

Thron für Bischof Sigward.

Ob der Bischof hier, in diesem

eigenständigen Sakralraum,

tatsächlich heilige Messen gefeiert

hat, ist nicht belegbar.

Anders als das Kirchenschiff

war die heute weiß gekalkte Kapelle

früher nicht mit Fresken

geschmückt, sondern mit rosa

farbenem Gipskalk versehen.

Man vermutet aber eine Darstellung

des Erzengels Michael, dem

die Kapelle geweiht ist, in der

Altarkonche. Weiterhin geht man

von Engeln und Engelschören im

Himmlischen Jerusalem an der

Kapellendecke aus. Obwohl jegliche

Spuren verschwunden sind,

empfinden viele diesen Raum

– gerade wegen seiner Schlichtheit!

– als besonders schön.

Glocke aus der Erbauungszeit

Die mit 57 cm Durchmesser

kleinste der drei Glocken im

Turm ist die älteste Glocke Niedersachsens.

Sie trägt keine Inschrift,

dafür auf zwei Seiten ein

Spiralkreuz aus Schnur zügen.

Der Glockenstuhl aus Eiche

stammt aus dem Jahre 1590.

Noch heute ist diese Glocke

funktionstüchtig – und sie ist

diejenige, die am häufigsten

erklingt: Sie wird beim Läuten

zum Gottesdienst und zum

Viertelstundenton angeschlagen.


28

Geschichte

29

Statt des heutigen Satteldaches

hatte der Turm ursprünglich

ein Zeltdach

Der Wohnturm des Bischofs ist in der Zeichnung in Richtung Osten

verschoben, weil ihn sonst der Kirchturm verdecken würde. Über

eine hölzerne Brücke erreichte der Bischof seine Privatkapelle

Rekonstruktion

Die Rekonstruktion aus der

Bauzeit zeigt die ursprüngliche

Form der Kirche und des damals

vorhandenen Wohnturms.

Die nachgewiesenen Fundamente

lassen vermuten, dass

Bischof Sigward die Anlage

als Eigenkirche und Sommerresidenz

nutzte. Mitte des 15.

Jh. wurde der Turm um ein

Geschoss verkürzt und erhielt

ein Satteldach, das Dach des

Langhauses wurde erst

1670 in der jetzigen

Form erstellt.

Der Durchgang

vom Wohnturm

zur Privatkapelle

wurde später

zugemauert.

Deutlich sind die

ursprünglichen

Maueröffnungen

sowohl außen als

auch im Inneren

des Turms (im

Treppenaufgang)

zu erkennen.

Vierpassfenster der

Kapelle des Bischofs

Das Dach des Langhauses

war ursprünglich

weniger steil und hoch als heute


30

Bau der Sigwardskirche im 12. Jh.

Geschichte

Chronik

1129 Fundamentlegung der Kir che

zwischen 1121 und 1124 Erste

Erwähnung in einer Schenkungsurkunde

1129–1134 In dieser Zeit als Eigenund

Grabeskirche Bischof Sigwards

von Minden errichtet. Die Kirche

wurde der Heiligen Ursula und den

11 000 Jungfrauen am 21. Oktober

1134 geweiht

1133–1140 In sieben Jahren entsteht

die Raumausmalung mit Lasur- und

Temperafarben

31

Die noch vorhandenen Teile der ursprünglichen Wandmalereien im Kircheninneren

lassen uns die Farbenpracht zur Zeit Bischofs Sigwards erahnen

Auf seinem Besitztum Idan -

husen (heute Idensen), das er

von seiner aus hohem sächsischem

Adel stammenden

Mutter geerbt hatte, errichtete

Bischof Sigward von Minden

seine Eigen- und Grabeskirche.

Die Kirche wurde der Heiligen

Ursula und den elftausend

Jungfrauen geweiht. Es wird

angenommen, dass eine Bauhütte

aus Burgund oder Oberitalien

die Kirche errichtete.

Es war die erste vollständig

gewölbte Kirche im damaligen

Herzogtum Sachsen.

Zu den frühen Beispielen dieser

Gewölbearchitektur gehören

auch die Kirche in Berzé-la-

Ville (Burgund 1108) sowie die

von Bischof Sigward geweihte

Stiftskirche in Hochelten am

Niederrhein (1129).

Mit dem Bau des Kaiserdoms

in Königslutter (errichtet von

Kaiser Lothar III. von Süpplinburg)

begann man 1135.

Es könnte sein, dass die Sigwardskirche

als Modell diente

und dass möglicherweise zu

Beginn die gleiche Bauhütte

tätig war.

Breite, doppelte Gurtbögen sitzen auf

Wandpfeilern, die frontal von einer

Halbsäule und beidseitig von Viertelecksäulen

geschmückt werden.

Von diesen Viertelsäulen laufen Grate

aus, die in das Kuppelgewölbe übergehen

und den Raum hinweg von

Pfeiler zu Pfeiler spannen

1140 Beisetzung Bischof Sigwards in

der Kirche. Todestag: 28.04.1140

1390 Beschreibung der Kirche

durch Hermann von Lerbeck in

der Mindener Bischofschronik

um 1500 Übertünchung der

Malereien, was – ohne dass dies

beabsichtigt gewesen wäre – zu

deren Konservierung führte

um 1590 Bauaktivitäten am Dach -

werk und am Turm

1670 Gravierende Änderungen

am Gebäude (Abtragung und Verkauf

des Silberbleidaches, Änderung

der Dachneigung, Neudeckung

mit Sollingplatten). Im Innenraum

Einbau von Emporen im

Langhaus sowie einer Amtsprieche

im Nordquerraum

1703 Ein Wirbelsturm reißt die

Turmspitze um. Dadurch Schäden

am südlichen Dach des Kirchenschiffes.

Dies ist die Ursache

für Schäden an den Gewölbemalereien

der Südseite


32

Geschichte

33

Im Fokus: Sigward von Minden (I)

So dürfte das Siegel unter der Schenkungsurkunde

ausgesehen haben, mit der Sigward

seinen Besitz in Idensen dem Mindener

Domstift übergab.

Es ist rund, hat einen Durchmesser von

7,5 cm und ist das älteste erhaltene Siegel

eines Mindener Bischofs

Sigward war der 23. Bischof

des Bistums Minden. Er übte

sein Amt von 1120 bis 1140 aus,

stammte aus hohem sächsischem

Adel und war mit den

Grafen von Schaumburg-

Holstein verwandt.

Im Knabenalter wurde er der

Mindener Geistlichkeit zur

Erziehung übergeben. Später

wurde er Kanoniker und Propst

des Domstifts zu Minden.

Nachdem er vom Domkapitel

zum Bischof gewählt worden war,

schenkte er seine westlich der

Leine gelegenen Erbgüter und

das Vorwerk Idensen dem Mindener

Bistum (Urkunde Seite 34).

Modell des Mindener Doms zur Zeit Bischof Sigwards (sog. „Eilbert-Dom“)


34

Geschichte

35

Bischof Sigward gehörte zu den

engen Beratern Kaiser Lothars

III., dem Großvater des späteren

Sachsenherzogs Heinrich

der Löwe.

Die Anwesenheit Sigwards bei

Hoftagen ist wenigstens zwölf

Mal bezeugt. An verschiedenen

Im Fokus: Sigward von Minden (II)

Siegel Lothars III. auf einer Urkunde aus dem

Jahre 1131 über die Bestätigung eines Schifffahrtsrechtes

an die Abtei Echternach.

Der Kaiser sitzt auf einem Thron, hält in der

rechten Hand sein Lilienzepter und in der

linken den Reichsapfel

Orten des Heiligen Römischen

Reiches weihte er Altäre und

Kirchen ein.

Auf seinen Wunsch hin wurde

Bischof Sigward 1140 nicht im

Mindener Dom, sondern in

seiner 1134 geweihten Kirche

in Idensen bestattet.

1125 wurde der Sachsenherzog

Lothar von Süpplinburg in

Mainz zum König Lothar III.

gewählt und acht Jahre später

in Rom von Papst Innozenz

zum Kaiser des Heiligen Römischen

Reiches gekrönt.

Durch die Heirat des welfischen

Herzogs Heinrich der

Stolze, Herzog von Bayern, mit

Getrud, der Tochter Kaiser

Lothars, gelang es, einen von

Sachsen bis Bayern reichenden

Machtgürtel zu bilden.

1135 begann Kaiser Lothar III.

von Süpplinburg in Königslutter

den Bau der dreischiffigen

Pfeilerbasilika – als Antwort

auf den salischen Kaiserdom in

Speyer. Er wollte damit in

seinem Stammland Sachsen

einen künstlerischen Akzent

setzen.

Auf der Rückreise von seinem

zweiten Italienfeldzug nach

Apulien starb Kaiser Lothar III.

1137 in Tirol.

Seine Überreste wurden in der

noch unfertigen Abteikirche

St. Peter und Paul in Königslutter

bestattet. Heute zählt der

romanische Kirchenbau zu den

wichtigsten Kulturdenkmälern

in Deutschland.

Die Schenkungsurkunde ist

erhalten; sie liegt im Staatsarchiv

in Münster.

Sie trägt zwar kein Datum,

lässt sich jedoch durch die

beteiligten Zeugen zwischen

1121 und den 30. März 1124

datieren

Am Bau waren Bildhauer aus

Oberitalien beteiligt, vor allem an

der figürlichen Außendekoration der

Chorapsis.

Nicht auszuschließen ist, dass die

Bauhütte der 1134 vollendeten

Sigwardskirche in Idensen 1135 nach

Königslutter weitergezogen ist


36

Restauration im 19. und 20. Jh.

Geschichte

Chronik

1858 Der hannoversche Konsisto

rialbaumeister Conrad Wilhelm

Hase entdeckt die Wand- und Deckenmalereien

im Rahmen seiner

Vorarbeiten für den geplanten Umbau

der Sigwardskirche

1874–1880 Conrad Wilhelm Hase

kämpft gegen die Pläne der Gemeinde,

die romanische Kirche

aus dem 12. Jh. abzureißen und

durch einen Neubau zu ersetzen

37

1934 bringen Steinmetze sechs Fenster wieder in die ursprüngliche Form und

legen das Portal auf der Nordseite frei

Erst Mitte des 19. Jh. erwachte

das Interesse an der Geschichte

der Sigwardskirche, nachdem

Historiker in der von dem Domherrn

Heinrich Tribbe um 1450

verfassten Chronik der Mindener

Bischöfe Hinweise auf die

Ausschmückung der Kirche mit

Malereien gefunden hatten.

Der hannoversche Konsistorialbaumeister

Conrad-Wilhelm

Hase nahm die erste baugeschichtliche

Untersuchung vor.

Unter den um 1500 weiß

getünchten Flächen fand er in

der nördlichen Seitenkapelle

unterhalb des Fensters Spuren

des Bildprogramms. Es handelte

sich hier um ein Stück des

unteren Abschlussornaments.

Erste Freilegungen (Szenen

aus dem Leben Petrus in der

nördlichen Seitenkapelle) in

1889/90 mussten aus Geldmangel

eingestellt werden. Erst

1934/35 wurden die Malereien

vollständig freigelegt und gesichert.

Der Ausbau des gesamten

Kircheninventars, auch der

Orgel, erfolgte auch zu dieser

Zeit. Gleichzeitig wurde die

ursprüngliche Fassade wiederhergestellt.

Konsistorialbaumeister Conrad-Wilhelm

Hase (*2.10.1818, † 28.3.1902)

Der erste der von Hase freigelegten

Friese – unterhalb des Fensters in der

nördlichen Seitenkapelle

1888 C. W. Hase rettet die Sigwardskirche

vor dem Abbruch.

Gegenüber der mittelalterlichen

Kirche wird eine neue Kirche im

neugotischen Stil gebaut

1930–1934 Freilegung und Sicherung

aller Fresken durch Kirchenmaler

A. Wildt, Hannover.

Ausbau aller Inventarstücke, auch

der Orgel

1961–1962 Gesamtkonservierung

der Malereien (Reinigung, Sicherung

und Restaurierung)

1977–1980 Gesamtrenovierung der

Bausubstanz

seit 1987 Mit Bundesmitteln gefördertes

Forschungsprojekt „Schäden

an Wandmalereien und ihre

Ursachen” unter Ko ordinierung des

Instituts für Denkmalpflege Hannover.

1987 Eintragung in das Verzeichnis

der Kulturdenkmale

28. Aug. 2003 Gründung des

„Freundeskreis für die Erhaltung

der Sigwardskirche


38

39

Die Neue Kirche

Die Kirchengemeinde

Idensen-Mesmerode hat mit

der romanischen Sigwardskirche

und der im gotischen

Stil gestalteten Neuen Kirche

zwei Kirchen in der Ortschaft

Idensen, die in Luftlinie von

50 Metern benachbart liegen:

In die Neue Kirche sind die

Gemeinde räume sowie das

Kirchenbüro integriert

Er begann auf Vorträgen in den

Jahren 1882–1884 für den Erhalt

der Sigwardskirche zu werben,

gründete einen Sammelfonds,

veranstaltete eine Lotterie und

beantragte staatliche Mittel, um

die Finanzierung des Neubaus

sicherzustellen.

Der Auftrag zum Bau wurde

April 1887 erteilt. Die Einweihung

der im neugotischen Stil

erbauten Saalkirche aus rotem

Backstein fand am 16. September

1888 statt.

Auf Baurat Hases Initiative konnte

die durch den Neubau überflüssige

„Alte Kirche“ erhalten

werden. Die Neue Kirche

dient heute, nach im Inneren

vorgenommenen Umbauten,

gleichzeitig auch

als Gemeindehaus.

Gottesdienste werden in der

Zeit von Ostern bis Anfang

Oktober wieder in der alten

Sigwardskirche gefeiert, nur

in der kalten Jahreszeit finden

sie in der beheizbaren Neuen

Kirche statt.

Lotterielos

zur

Finanzierung

der

Neuen Kirche

Im Lauf der Jahre wurde die

Sigwardskirche zu klein für die

Kirchengemeinde, zu der die

Ortschaften Idensen, Bokeloh,

Mesme rode, Niengraben und

Idensermoor gehören.

Erste Abrisspläne gab es 1710;

in den nachfolgenden Jahren

gab es mehrere Umbaupläne.

Der letzte, von Baurat Hellner

vorgelegte, aber nicht realisierte

Plan wurde 1866 auf Wunsch

des Kirchenvorstandes von

seinem Nachfolger Baurat Hase

geprüft. In seinem abschließenden

Bericht brandmarkte

dieser die Umbauabsichten als

Vandalismus und schlug den

Neubau einer entsprechend

großen Kirche in unmittelbarer

Nähe vor.

1874 wurde ein neuer Plan zum

Umbau vorgelegt, der von den

Kirchenvorständen ausdrücklich

gewünscht wurde. Einen

Neubau, finanziert durch gesammeltes

Geld, lehnten sie ab.

Hase blieb hartnäckig und

erhielt bei einem Ortstermin

Ende Juni 1877 die Zustimmung

zur Realisierung eines Neubaus.

Sigwardskirche Idensen

An der Sigwardskirche 3

31515 Wunstorf

Tel. 05031 / 25 20

webmaster@sigwardskirche.de

www.sigwardskirche.de

Impressum

Text: Jörn Feustel, Rolf Herrmann,

Jörg Mecke, Anke Orths,

Prof. Wolfhard Winkelmüller

Layout: Philipp Dunkelberg

llustrationen: Jörn Feustel

Fotos: G. Lachmann, Jörg Mecke,

Rolf Herrmann, Rosi Radecke

Verlagsredaktion

Monumente und Menschen UG

(Franz Rappel und Jörn Feustel)

Framheinstraße 6, 22083 Hamburg

Tel.: 040 / 22 69 55 42

www.monumente-und-menschen.de

4. Auflage


40 Die neue Kirche 41

Der Sigwardsweg

Über eine nördliche und südliche

Route führt der 170 km

lange Pilger-Rundweg auf den

Spuren Bischof Sigwards von

Minden zu dessen Eigen- und

Grabeskirche nach Idensen.

Entlang des landschaftlich abwechslungsreichen

Weges durch

Flußauen, Heide, Wälder und

über Höhenzüge der Weser berge

laden 24 „Heilige Orte“ zur

inneren Einkehr ein.

Literatur: „Pilgern im alten

Bistum Minden“; Wolfhard

Winkelmüller, CW Niemeyer

Buchverlage Hameln


Hamburg

Monumente und Menschen – die illustrierten Kirchenführer

Kunst Kultur Spiritualität

Die Christus darstellung

im Altarraum ist Aus gangspunkt

einer mittelalterlichen

Bildergeschichte

Kiel

Hannover

Magdeburg

Berlin

Die Sigwardskirche in Wunstorf, ca. 35 km westlich

von Hannover, ist ein kunstgeschichtliches Juwel:

Köln

Frankfurt

München

Leipzig

Wegen der im Original erhaltenen Ausmalung zählt

die Eigenkirche des Bischof Sigward von Minden aus

dem 12. Jh. zu den bedeutendsten

Sakralbauten der Romanik.

Wir laden Sie ein zu einer spirituellen Reise...

Ergänzend zu diesem Kunstführer steht ein inspirierender

audio-visueller Rundgang durch die Kirche kostenlos für

Ihr Smartphone bereit: www.kirchen-app.de

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