Leipzig-Krimi «Nebel der Erinnerung« XXL-Leseprobe

AutorAxelStarke

Matthias Rabe entdeckt eine Leiche im Kulkwitzer See. Rasch finden die Ermittler um Hauptkommissarin Cornelia Sommer und ihren Partner Holger Andersson heraus, dass es sich bei dem Toten um den einstigen Oberst Reinhard von der Leipziger Bezirksbehörde des Ministeriums für Staatssicherheit handelt. Was hat der unbeliebte Kriminaldirektor, dem ein Verhältnis mit der Witwe nachgesagt wird, zu verbergen? Welche Rolle spielt Matthias’ Freundin Elfi und warum kann er sich selbst an einige Dinge nicht erinnern? Eine undurchsichtige Geschichte beginnt, deren Ursprung bis in die ehemalige DDR zurückreicht. +++ E-Book bei Amazon, Taschenbuch, 252 Seiten, bei allen Onlinehändlern und im Buchhandel bestellbar +++

Axel Starke

Nebel

Der Erinnerung

Kriminalroman


. .

. XXL-Leseprobe .

Deutsche Erstausgabe Juni 2018

Copyright: © Axel Starke, Leipzig

autoraxelstarke.blogspot.com

Alle Rechte, einschließlich die der vollständigen oder

teilweisen Kopie in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Lektorat: Sandra Schmidt, www.text-theke.com

Korrektorat & Buchsatz & Leseprobe: Petra Schmidt, www.lektorat-ps.com

Covergestaltung: H.-S. Damaschke, www.sheep-black.com

Coverbilder: pixabay

Verlag & Druck: epubli – ein Unternehmen der

Neopubli GmbH, Köpenicker Str. 154a, 10997 Berlin

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar.


Prolog

Es war unnatürlich still und der Himmel färbte sich

metallisch grau. Die Luft war frisch und die Tage wurden

schnell kürzer. Vom See her blies ein eisiger Wind,

der nach Herbst und Regen roch.

Am gegenüberliegenden Ufer lag zäher Dunst über

dem Wald, der auf den See hinabwaberte. Das Grau

schien die Wipfel der alten Bäume zu berühren – ein

groteskes Bild.

Er stand am Ufer des Kulkwitzer Sees und hatte

keinen Schimmer, wie er in aller Herrgottsfrühe an

diesen Ort gelangt war. Es war Sonntag, und die meisten

Menschen lagen noch schlafend in ihren Betten.

Es gab keinen hinreichenden Grund, in dieser morgendlichen

Frische einen Spaziergang zu machen, zumal

es noch dunkel war.

Ein Halbwüchsiger in ausgefransten Jeans und einem

zerschlissenen, blass-blauen Pullover, der möglicherweise

auch grau gewesen sein könnte, lief grußlos

an Matthias vorüber. In seinem Schlepptau tänzelte

ein Hund undefinierbarer Rasse. Beide schienen ihn

nicht zu bemerken. Es war wohl wirklich noch zu früh

am Tag, denn außer ihm und dem seltsamen Pärchen

konnte Matthias keine Menschenseele in der Dämmerung

ausmachen.

Unschlüssig setzte er sich in Bewegung, er fröstelte

und instinktiv zog er den Kragen seines Mantels hoch.

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Der eisige Wind trieb ihm den Geruch faulenden

Laubs in die Nase. Wie ferngesteuert setzte er seinen

Weg zum Göhrenzer Strand fort. Wobei die Bezeichnung

Strand eher unzutreffend und irreführend war.

Denn statt Sand befanden sich dort nur Kiesel und

kleines Geröll, das schmerzhaft in die Füße piekste,

wenn man ohne Schuhwerk darüber lief.

Auf der anderen Seite des Sees folgte er einem

schlammigen Pfad. Er führte ihn inmitten eines Wäldchens

direkt zu einer Lichtung, die er bereits aus der

Ferne wahrgenommen hatte.

Matthias trat aus dem Wald heraus, als urplötzlich

blendende Helligkeit seine empfindlichen Augen traf.

War inzwischen wirklich so viel Zeit vergangen, dass

die Sonne ihre wärmenden Strahlen durch den Dunst

drücken konnte? Oder hatte er nur getrödelt, sodass

ihm jegliches Zeitgefühl abhandengekommen war? Einerlei.

Er war irgendwie an diesen Platz gelangt, dem

etwas Magisches anhaftete.

Im Zentrum der Waldlichtung stand malerisch

ein einzelner Baum, eine Rotbuche vermutlich, den

er anfangs in seiner Schönheit nicht bemerkt hatte.

Während sich seine Augen zögerlich an das Tageslicht

gewöhnten, stieg er umständlich über hohe Gräser

hinweg, hin zu dem Laubbaum. Mit seinen Armen

umschlang Matthias dessen Stamm, als wolle er ihn

herzen, und lehnte sich danach entkräftet an ihn.

Er schaute ins Halbrund und fühlte die erstaunliche

Stille, die nur von einem sachten Luftzug durchzogen

wurde. Die Wipfel der umstehenden Pappeln bewegten

sich dabei elegant im Takt. Die wenigen Geräusche in

seiner Umgebung rührten von einzelnen, zaghaft zur

Erde sinkenden Blättern. Deren Farbenreichtum, von

gelben über hellbraune bis hin zu roten Tönen, hatte etwas

Tröstliches und war großartig anzuschauen. Von allen

Jahreszeiten war ihm der goldene Herbst die liebste.

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Ab und zu konnte er nun das melancholische Piepsen

einiger Vögel wahrnehmen, die den späten Herbst

besangen. Das farbenreiche Laubwerk im Gehölz

stand im scharfen Gegensatz zu seinen Gefühlen.

Trotz der langsam wärmenden Sonnenstrahlen

kroch vom Boden eine Feuchte an seinen Beinen hoch,

die in ihm ein unangenehmes Schaudern erzeugte.

Ihm wurde es unbehaglich. Höchste Zeit, seinen zuvor

eingeschlagenen Weg fortzusetzen.

Matthias überwand also noch mal die hohen Gräser,

um den Pfad zu erreichen, der ihn hergeführt hatte.

Dabei drang er immer tiefer in den Wald ein. Wie

im Rausch hastete er unbeirrt weiter.

Er lief zwischen Sträuchern und Bäumen hindurch

und fand sich irgendwann am Ufer des Sees wieder,

auf den er hinunterblickte. Grau und träge erstreckte

er sich vor ihm, vom Morgennebel verhangen, der

wie eine Decke über dem Wasser lag. Matthias schaute

von einem baum- und sträucherfreien Standort auf das

dunkle Gewässer hinab. Es war der gleiche Platz, den

er von der anderen Seite als kahlen Fleck hatte ausmachen

können. Der Boden unter seinen Füßen war

glitschig und matschig, an manchen Stellen auch glatt

und rutschig. Obwohl Matthias keinen entsprechenden

Geruch wahrnahm, tippte er auf Lehm.

Wie er inmitten der üppigen Vegetation, deren

Laub sich am Ufer allmählich von Mattgrün bis Braun

und Orange verfärbte, ausgerechnet an diese unwirtliche

Stelle geraten war, entzog sich seiner Kenntnis.

Sein Unterbewusstsein musste wohl die treibende

Kraft gewesen sein.

Dankbar sog sein unterkühlter Körper die Wärme

der weiter aufsteigenden Sonne auf. Über den Feldern

auf der Gegenseite hing Bodennebel, während die

Sonne schon hoch stand. Der Tag konnte noch nicht

alt sein. Unschlüssig sah er sich um, aber keine Wan-

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derer oder Jogger waren zu entdecken. Matthias war

offenbar allein im Wald.

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*

In jungen Jahren war er eine lebende Legende gewesen

‒ als Musiker und als Liebhaber. In letztgenannter

Kategorie trug er den schwarzen Gürtel horizontaler

Kampfkunst. Groupies zogen mit von einem Ort zum

anderen, um sich die Show anzusehen, tanzten mit irgendeinem

armen Kerl und anschließend vögelten sie

Matthias. Sie wollten Spaß und er verschaffte ihnen

das Vergnügen. Danach empfahlen sie ihn weiter. Damals

kam er sich noch nicht ausgenutzt vor.

Seine Gedanken schweiften zu Elfi – mal wieder.

Gestern Morgen hatte er nicht mutterseelenallein in

diesem verdammten Wald gestanden, sondern die

schlafende Frau neben sich betrachtet.

Ihre glatten nackten Schenkel waren unter der

verrutschten Bettdecke zu sehen. Er beugte sich über

sie und atmete das süßliche Aroma ihrer nach Weiblichkeit

duftenden warmen Haut ein. Besorgt stellte

Matthias fest, dass er inzwischen alle Grenzen seines

Selbstschutzes überschritten hatte.

Er begehrte diese Frau oder glaubte es zumindest. Er

teilte mit ihr die intimsten Geheimnisse. Sie kannte seine

Ängste, die ihn bis in die dunkelsten Träume verfolgten.

Ihre Heimlichkeiten schlossen das Wissen um besagte

Ängste, ihre Vorlieben und Abneigungen mit ein, die

nötig waren, ihre sexuellen Begierden zu wecken.

Matthias wusste, wie sehr es sie erregte, wenn seine

Handflächen behutsam über ihre harten Brustwarzen

rieben, während seine Zunge mit ihrer Klitoris spielte.

Genussvoll erinnerte er sich an die Liebeskünste,

mit denen Elfi ihm die größtmögliche Lust zu verschaffen

wusste.


I

Noch immer in Gedanken versunken senkte er seinen

Blick erneut hinab auf die dunkle Wasseroberfläche –

und erstarrte.

Etwas schwamm in der Nähe des Ufers unter ihm.

Es sah aus wie ein schlafender Mensch. Aufgedunsen

und in seltsamer Haltung trieb das Ding auf ihn zu. Er

konnte nicht glauben, was er sah. Als es ihm bewusst

wurde, jagte ein Schauer seinen Rücken hinab. Er hatte

bisher nur einmal einen Ertrunkenen gesehen, als

er noch ein Kind gewesen war. Damals war aus der

Pleiße eine Frau geborgen worden, deren Körper, vom

Phenol dreckig lila aufgedunsen und zerstört, einen

gruseligen Anblick geboten hatte. Das hatte gereicht,

um ihm heute klarzumachen, was Wasser von außen

und Verwesung von innen dem menschlichen Fleisch

antun können.

Mechanisch griff Matthias in die Manteltasche, um

sein Handy zu suchen. Er wählte die 110, mit der eine

sofortige Verbindung zustande kam, obwohl er inmitten

einer Gegend stand, in der ein Empfang unmöglich

schien.

Stotternd äußerte er sein Anliegen, wo er sich ungefähr

befand und warum polizeiliche Hilfe notwendig

sei. Die Stimme am anderen Ende der Leitung bat ihn

ruhig und besonnen, verfügbar zu bleiben, bis die Kollegen

vor Ort seien. Nachdem die Verbindung abge-

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ochen war, hatte er unklare Vorstellungen darüber,

wie bezeichnete Kollegen sich durch den Wald vorarbeiten

wollten. Rasch an jener Stelle zu sein, wo er die

Polizei gespannt und nervös erwarten sollte, erschien

Matthias unmöglich.

Plötzlich ergriff ihn ein mulmiges Gefühl, da seine

Hose und die Schuhe durchnässt waren, was er erst in

diesem Moment als störend empfand. Der Tau hatte

die Wiese in einen Zustand versetzt, der einer Sumpflandschaft

glich. In seiner gedanklichen Selbstzerfleischung

hatte er das nicht früher wahrgenommen.

Das traurige Ergebnis stand nun fröstelnd am Wasser

und sah auf eine unter ihm treibende Männerleiche

herab.

Es war kaum zu glauben, aber die Polizei schaffte

es tatsächlich, 15 Minuten nach seinem Anruf am

beschriebenen Standort zu sein. Das lag vermutlich

daran, dass sie nicht aus Leipzig, sondern aus Markranstädt

kamen. Die andere Seite des Sees, auf der

er sich nun befand, lag auf der Kulkwitzer Flur, einem

Ortsteil von Markranstädt, womit auch die Wasserleiche

automatisch zum Hoheitsgebiet der Polizeidirektion

Westsachsen gehörte.

Die Dienststelle der Leipziger Polizeidirektion

gehörte nachweislich nicht zu den schnellsten und

tauchte auch manchmal bei erkennbar prekären Einsätzen

erst sehr viel später am Ort des Geschehens auf.

Oft sogar erst dann, wenn alle zu sichernden Spuren

unkenntlich gemacht waren. Insofern konnte es der

Sache nur dienlich sein. Außerdem hätte Matthias

dann vermutlich länger in diesem Gebiet zugebracht,

als er es unter den Umständen für wünschenswert

hielt. Und nebenbei hätte er sich wahrscheinlich noch

eine deftige Erkältung eingefangen.

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II

Eine hübsche Mittvierzigerin in schicken geländetauglichen

Klamotten steuerte zielstrebig auf ihn zu. In

ihrem Tross folgten einige Polizisten in Uniform sowie

ein älterer Herr mit einem Köfferchen in der Hand.

Ihre Fahrzeuge waren weder zu sehen noch hatte

Matthias deren Ankunft hören können, was ihm sehr

merkwürdig vorkam. Als hätten sie ganz in der Nähe

nur darauf gewartet, endlich gerufen zu werden.

Als die junge Frau direkt vor Matthias stand, erschien

sie ihm doch nicht mehr so jung, wie er es aus

der Entfernung betrachtet erwartet hatte. Er schätzte

sie jetzt auf Ende vierzig, Anfang fünfzig, Lachfalten

im Gesicht. Sie hatte einen makellos hellen Teint,

kurze blonde Haare und dank Fitnessstudio eine perfekte

Figur. Ihr Gesicht war braun gebrannt und auf

der Nase hatte sie winzige Sommersprossen, die sie

interessant machten. Aber am auffälligsten waren ihre

Augen. Ozeanblau und durchdringend sah sie einen

direkt an, im vollen Wissen um die Wirkung, die sie

damit erzielte. Eine Mitarbeiterin der Polizei hatte

Matthias sich irgendwie anders vorgestellt, jedenfalls

nicht so hübsch. Sie reichte ihm ihre Hand zum Gruß

und stellte sich als Hauptkommissarin Cornelia Sommer

von der Kripo aus Leipzig vor.

Wieso Kripo Leipzig?, fragte sich Matthias. Und

noch dazu schnell zur Stelle? Bevor er ihr seinen Na-

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men nannte, schaute er irritiert an der attraktiven Frau

hinab, die ihm in ihrer tadellosen Kleidung in dieser

Umgebung irreal vorkam.

Die Kommissarin bemerkte seinen fragenden Blick

und schien sich dafür entschuldigen zu wollen, dass

sie an einer Feier mit Kollegen aus Markranstädt teilgenommen

hatte, zu der sie eingeladen gewesen war.

Aus Gefälligkeit half sie vertretungsweise einmal aus,

wie sie ihm beiläufig sagte.

Personalmangel und seine Alternativen. Die sich

im Dienst befindlichen Kollegen vom Revier in Markranstädt

könnten nun mal nicht an zwei Tatorten

gleichzeitig sein. Also übernahm Hauptkommissarin

Sommer die Vertretung für diesen Tatort, falls es sich

überhaupt um einen solchen handeln sollte.

Schicke blaue Jeans und ein schwarzes Top unter

einer wärmenden, graublauen Fließjacke betonten ihre

üppigen Formen, von deren Anblick sich Matthias

kaum lösen konnte. Ihr festes Schuhwerk, blaue Stiefeletten

mit flachen Absätzen, war für diesen Untergrund

wie geschaffen und passte optimal zur Kleidung

der Kommissarin.

Ausführlich, so weit das überhaupt möglich war,

klärte Matthias sie darüber auf, wie er den treibenden

Körper im Wasser entdeckt hatte. Währenddessen versuchte

Cornelia Sommer über ihr Mobiltelefon, Taucher

der hiesigen Feuerwehr anzufordern, die sich der

Wasserleiche annehmen sollten.

Normalerweise waren Hobbytaucher in diesem Teil

des Sees anzutreffen, aber an diesem Sonntag schien

alles anders, nicht einer war zu sehen.

Die Polizisten sicherten inzwischen die Fundstelle

ab und hofften, in der Umgebung auf brauchbare Spuren

zu stoßen. Cornelia Sommer notierte sich indes

die Fakten zu seinen Beobachtungen in ein kleines

Notizbuch. Zwischendurch stellte sie ihm immer wie-

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der Fragen, die er ihr aber nicht zu beantworten wusste

– etwa ob er den Leichnam erkannte oder ihn je zuvor

gesehen hatte. Beides war nicht der Fall.

Die Leiche schwamm auf dem Wasser, also konnte

er bestenfalls Vermutungen anstellen. Aus ihrer sachlichen

Fragestellung konnte die Kommissarin bis dahin

keine Details verwerten, da zuerst die Leiche untersucht

werden musste. Um Spekulationen vorzubeugen,

sollte geklärt werden, ob es sich hierbei um einen

Unfall handelte, einen Fall von Suizid oder gar einen

Mord.

Cornelia Sommer überreichte Matthias ihre Karte

und bat ihn, sich bei ihr zu melden, falls ihm noch

etwas Wichtiges einfallen sollte, das zur Aufklärung

des Falles beitragen könne. Seine Daten, Festnetz- und

Handynummer hatte sie sich notiert. Von nun an

kümmerte sie sich um die Leiche und entließ ihn mit

einem warmen, festen Händedruck. Ein verbindliches

Lächeln auf den wohlgeformten Lippen, das eine Frage

zu stellen schien, diente wohl einzig dazu, Matthias

zu verunsichern.

„Herr Rabe, Sie finden mich in der Polizeidirektion

Dimitroffstraße. Sollten Sie in der Nähe sein, schauen

Sie einfach mal rein. Wir können dann ein Protokoll

anfertigen, damit unsere Unterlagen vollständig sind,

wenn wir den Fall der Polizei in Markranstädt übergeben!“

Wie ein geprügelter Hund verdrückte er sich und

hatte dabei ein miserables Gefühl in der Magengegend.

Bei der Verabschiedung hatte ihn die Polizistin

mit seltsamem Blick gemustert, den er aber nicht zu

deuten vermochte und der alles ausdrücken konnte:

Bestimmt werden wir uns wiedersehen, unter welchen

Umständen auch immer.

Auf demselben Weg, von dem er glaubte, hergekommen

zu sein, lief Matthias wieder zurück. Unter-

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wegs traf er auf die Feuerwehr und ihre Taucher, die

ihn misstrauisch musterten, als träfe ihn die Schuld an

ihrem verkorksten Sonntag.

Schnellstens wollte er diesen Ort verlassen, der ihn

an diesem Morgen nur Scherereien gebracht hatte.

Zielstrebig begab er sich in die Richtung seiner vertrauten

Wohngegend.

Inzwischen war es beinahe Mittag geworden und

viele Menschen gingen spazieren, allein oder in Begleitung.

Sie kümmerten sich nur um sich selbst.

Als er wieder an seinem Ausgangspunkt angelangt

war, von dem aus Matthias die Tour zur anderen Seite

des Sees begonnen hatte, sah er noch einmal zurück

und konnte erkennen, wie der leblose Körper von den

Tauchern aus dem Wasser gezogen wurde. Staunend

nahmen die Menschen auf seiner Uferseite die Szenerie

zur Kenntnis und begannen zu diskutieren, was

sich dort wohl abgespielt haben konnte. Die vielen Polizisten

und ihre gerufenen Anweisungen wurden ihm

zuwider. Das alles passierte ausgerechnet an einem

Ort, den er auch heute sehr gemocht hätte, wären die

Umstände andere gewesen. Rasch zog er sich zurück,

er wollte alleine sein.

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III

Heftige Stöße gegen seine Wohnungstür, die sich wie

Schläge in seinem Kopf anfühlten, weckten Matthias.

Die Klingel funktioniert wohl mal wieder nicht, dachte

er noch im Halbschlaf, während er sich fluchend aufraffte,

den Platz unter seiner warmen Decke zu verlassen.

„Komm ja schon!“, rief er von seinem Bett aus, bevor

er aufstand, um die Tür zu öffnen.

„Sie sind nicht zu mir in die Dienststelle gekommen!“,

sagte sie, während er schlaftrunken in das Gesicht

der Kommissarin blickte.

Sie trug eine Bluse aus champagnerfarbenem Satinstoff,

der sich eng an ihre Haut schmiegte und eine

von einer Gänsehaut überzogene Schulter entblößte.

Ihre braune Lederjacke hatte sie sich unter den Arm

geklemmt, ein Zeichen dafür, dass es draußen wärmer

zu sein schien als um diese Jahreszeit üblich.

„Kommen Sie rein, ich wollte gerade Kaffee kochen.

Darf ich Ihnen auch einen anbieten?“

Sie nickte und setzte sich auf die Eckbank in der

Küche. Sie sah sich in seiner bescheidenen Wohnung

um und konnte sich eine abschätzige Bemerkung nicht

verkneifen:

„Wer hat heutzutage einzelne Stühle in seiner Wohnung

stehen?“

„Mehr Leute, als Sie denken“, erwiderte er. „Solche,

die gerade geschieden sind, eine Pechsträhne

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haben oder ein einsames Leben in einer Einzimmerwohnung

im Südwesten der Stadt beginnen müssen.

Wobei manche dieser Buden so winzig sind, dass nur

ein Stuhl reinpasst, der Platz vielleicht noch für einen

Schreibtisch reicht, der zugleich als Esstisch herhalten

muss.“

„Okay“, sagte sie. „Das klingt plausibel; ich wollte

Ihnen nicht zu nahetreten.“

Tatsächlich herrschte in der Wohnung die für einen

geschiedenen Mann in fortgeschrittenem Alter

charakteristische sterile Atmosphäre. Ein alter Flachbildfernseher,

ein Bett und ein Sessel mit Fußteil.

Nachdem Matthias das Kaffeepulver eingefüllt und

die Maschine mit Wasser aufgefüllt hatte, fragte er sie,

welchen Tag sie denn hätten.

„Mittwoch, warum?“ Ihre Arme lagen auf den

Tisch gestützt vor ihr.

Er zuckte mit den Schultern, um auszudrücken,

dass es ihm eigentlich egal war, welchen Tag sie hätten.

„Was haben Sie inzwischen über die Wasserleiche

rausgekriegt?“, fragte er, um etwas zu sagen und die

unangenehme Situation zu überspielen.

„Wir stochern noch im Dunkeln. Wir wissen aber,

dass der Fundort nicht der Tatort ist und der Mann

aus Connewitz stammt – ein gewisser Herr Reinhard,

wie sich herausstellte. Haben Sie diesen Namen schon

einmal gehört?“, fragte sie, während ihn ihre großen

blauen Augen fixierten.

Inzwischen war der Kaffee durchgelaufen. Matthias

goss ihre Pötte voll, derweil sie die Milchdose öffnete.

„Herr Rabe, oder darf ich Matthias zu Ihnen sagen?

Sie sind irgendwie blass … Was haben Sie?“

„Mir brummt der Schädel“, erklärte er im Stehen,

unter ständigem Pusten seinen Kaffee schlürfend. Unterdessen

arbeitete sein Hirn fieberhaft, um in irgendeinem

verborgenen Winkel eine plausible Erklärung

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dafür zu finden, dass ihm der Name des Mannes nicht

unbekannt sei.

„Ist da etwas, das Sie mir nicht sagen wollen?“,

fragte sie plötzlich. „Der Mann wurde umgebracht.

Er ist nicht ertrunken, sonst wäre er blau!“ Tatsächlich

nimmt die Haut von Ertrunkenen, auch wenn sie nur

kurz im Wasser lagen, eine grässlich blaue Färbung an,

wie Matthias wusste. „Sie kannten ihn!“, legte sie emotionslos

nach.

„Wollen Sie mir etwa einen Toten anhängen?“

*

Die Ereignisse des letzten Sonntags hatten seine Nerven

angespannt und sein Hirn schneller arbeiten lassen.

Und doch war er nicht dahintergekommen, woher

er den Mann im Wasser zu kennen glaubte. Das

sagte er ihr aber vorsichtshalber nicht, sonst wäre er

womöglich noch ein Tatverdächtiger gewesen. Die

waren ja immer schnell dabei, jemanden im Visier zu

haben, wenn ihnen die Argumente ausgingen und sie

auf der Stelle traten. Also schwieg Matthias.

Doch jetzt, wo sie ihn mit dem Fall in Verbindung

brachte, musste er sich der Tatsache stellen, dass er den

Mann kannte. Zumindest aus früheren Erzählungen

seines Vaters und aus der ehemals schönen Gegend,

in der er gewohnt hatte. Dort hatte Reinhard jeden

Montag am Wartehäuschen der Straßenbahn gestanden,

eine Mappe unter dem Arm getragen und war

vermutlich auf dem Weg zu einem konspirativen Treffen

gewesen.

Er war einst im verschwundenen Land, welches

sich als DDR bezeichnete, ein hochrangiger Stasioffizier

gewesen, der seinem Vater seinerzeit arg zugesetzt

hatte. Einzelheiten hatte sein Vater ihm aber aus Sicherheitsgründen,

wie er sich ausdrückte, nicht nen-

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nen wollen. In seiner Stellung als Chef der psychiatrischen

Klinik in der Karl-Tauchnitz-Straße trug er die

Verantwortung für seine Mitarbeiter und Patienten.

Oberst Reinhard interessierte sich derweil zunehmend

für gewisse Bürger, die in der Öffentlichkeit

Leipzigs einen Namen hatten und in deren Vergangenheit

er nach eventuellen Vergehen suchte, die da

wären: Fehltritte mit jugendlichen Gespielinnen,

unbedachte Äußerungen über die ignorante Parteiführung

des Landes, seiner Mangelwirtschaft oder gar

Witze, die über jene allmächtigen Staatsschützer gemacht

wurden, die man im Volksmund vereinfacht als

„Horch und Guck“ charakterisierte.

Auf seinen Vater wurden die Häscher aus der

„Runden Ecke“ – wie sie von der Bevölkerung abfällig

bezeichnet wurde und bei der es sich um die Bezirksverwaltung

des Ministeriums für Staatssicherheit, MfS

handelte – erst richtig aufmerksam, als drei seiner Kollegen

von einer Dienstreise nach Kuba nicht mehr zurückkehrten.

Sie waren im Golf vor Florida von Bord

der MS Völkerfreundschaft ins Meer gesprungen, wo sie

von einer Jacht, die sich rein zufällig dort in der Nähe

zu befinden schien, aufgelesen und nach den USA verschifft

wurden.

Von alldem hätte sein Vater wohl damals kaum

Informationen erhalten, wäre nicht ein Kamerateam

des US-Fernsehens an Ort und Stelle gewesen, um die

Flucht zu dokumentieren.

Von da an hatte sein Vater Reinhard beständig in

seiner Klinik. Nicht als Patient, sondern als Spion, der

ihn dafür verantwortlich machen wollte, dass er die

Reise der Flüchtigen unterstützt hatte! So misstrauisch

konnten wohl nur verquer denkende Stasileute sein.

Mehr erfuhr Matthias nicht. Sein Vater verschanzte

sich, den drängenden Fragen seines Sohnes ausweichend,

hinter seiner ärztlichen Schweigepflicht.

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Heute, mehr als zwanzig Jahre sind seit der Zerschlagung

der DDR vergangen, wurde er mit dieser

alten Geschichte erneut konfrontiert, während sein

Vater vor vielen Jahren verstorben war. Das machte

ihm Angst.

Irgendein benachteiligter oder vom totalitären System

eines so genannten real existierenden Sozialismus

für dessen Zwecke benutzter Mensch musste sich seine

späte Rache an Oberst Reinhard aufgespart haben. Im

Nachhinein hatte er oder sie sich für all die üblen Taten

gerächt, die dieser Fanatiker im Namen seiner Firma,

die Hitlers Gestapo in nichts nachstand, zu verantworten

hatte. Solchen Typen sollte nichts erspart bleiben!

Jahrelang friedlich lebende Bürger bespitzelt zu haben,

die in ihrem Leben beeinträchtigt und manipuliert

wurden. So einer hat das Schlimmste verdient, sinnierte

Matthias, behielt es aber für sich.

*

„Warum suchen Sie mich eigentlich allein auf, Sie haben

doch sicher einen Partner?“, fragte er unsicher, nur

um etwas zu sagen.

Cornelia Sommer hielt ihren Kaffeepott mit beiden

Händen umfasst und trank in kleinen Schlucken,

während sie abwesend wirkte.

„Darf ich mir eine Zigarette anzünden oder muss

ich dazu auf den Balkon gehen?“

Matthias nickte in Richtung Balkon.

Sie erhob sich und ging hinaus. Er füllte Kaffee

nach, während sie gierig den warmen Rauch ihrer Zigarette

tief in ihre Lungen sog. Eine schöne Frau, die

einen schlimmen Beruf ausübte, bei dem sie mit all der

nutzlosen Masse, dem Müll der Straße sowie den gescheiterten

Existenzen ihren Lebensunterhalt bestritt.

Und doch schien sie dabei ihren Humor nicht verloren

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zu haben. Seine Gedanken wurden unterbrochen, als

sie zurückkehrte und wieder auf der Eckbank Platz

nahm.

„Eigentlich wohnen Sie in einer ruhigen Gegend!

Den ganzen Tag Sonne, wenn sie mal scheint, dazu

eine gewisse Anonymität zu Ihren Nachbarn“, sagte sie

etwas wehmütig.

Er nickte und setzte sich auf seinen Stuhl ihr gegenüber.

Kurzzeitig sahen sie sich schweigsam in die

Augen.

Cornelia Sommer trank ihren Kaffee aus und stand

auf, um zu gehen. Auf seinen fragenden Blick reagierte

sie etwas ungehalten:

„Ich komme wieder, lassen Sie sich bis dahin eine

Erklärung einfallen, mit der ich auch etwas anfangen

kann! Oder wäre es Ihnen lieber, meine Dienststelle

mit einer Vorladung von innen kennenzulernen?“

Matthias schüttelte den Kopf und gab ihr zu verstehen,

dass ihr Besuch ihm stets willkommen sei.

Mit einem schelmischen Lächeln bedankte sie sich

für den Kaffee und lief rasch die Treppe hinab, von

wo aus sie sich verabschiedete, nicht ohne ihren Duft

nach unaufdringlicher Frische in seiner Bude zu hinterlassen.

Weiber, dachte er, sie sind ausnahmslos gesegnet

mit der Gabe der Zwietracht, setzen sich nach der

flüchtigsten Begegnung im Kopf jedes Mannes fest,

um zu entzweien und zu herrschen. In diesem Augenblick

wurde ihm bewusst, dass er unter die Dusche

gehen sollte.

Er lehnte noch am Türrahmen und versuchte, seine

Gedanken zu ordnen, als Cornelia Sommer längst das

Haus verlassen hatte. Jetzt bemerkte er auch, dass ihm

fast die Blase platzte.

Beim ersten Blick in den Spiegel sah er sich mit einem

Monster konfrontiert, das ihm entfernt bekannt

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vorkam. Angewidert wandte er sich ab und drehte die

Dusche auf. Während das heiße Wasser an seinem Nacken

herunterlief, versuchte er sich den Schmutz, die

Gemeinheit und alles Hässliche von der Haut zu spülen,

das sich in den letzten Tagen angesammelt hatte.

Auf einmal trübte sich sein Blick und er merkte,

dass er weinte. Es war wohl eine Mischung aus Enttäuschung,

Wut und Ohnmacht, die seinen Tränen freien

Lauf ließ. Matthias weinte um Elfi und um sich selbst

und all die Fehler, die er gemacht hatte, sowie um geplatzte

Träume und Hoffnungen!

Tränen sind ein Vorwand verzweifelter Kinder oder

unverstandener Ehefrauen und außerdem vergeblich.

Niemals möchte ich wieder weinen und niemand soll

mich je wieder verletzen können, schlussfolgerte er, als

er den Wasserhahn wieder zudrehte.

+++ Ende der Leseprobe +++

Wie diese undurchsichtige Geschichte weitergeht und

welches Ende sie nimmt, erfahren Sie hier:

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