Heimat-Rundblick 127

Druckerpresse

Regionalmagazin für Kultur und Geschichte

Winter 2018

Einzelpreis € 4,50

4/2018 Û·31. Jahrgang

ISSN 2191-4257 Nr. 127

RUNDBLICK

AUS DER REGION HAMME, WÜMME, WESER

GESCHICHTE Û KULTUR Û·NATUR

I N H A L T

unter anderem:

4Erinnerungen an das ehemalige Wigmodiheim

4Ein Bremer Bürgermeister verstirbt

4...und sonst kommst du nach Ellen!

4Die geflüchtete Madonna

4Reiche Bremer im Jahre 1917

4Die Klosterochsenzug-Vase

4Die Klosterkirche St. Marien

4Ein beschädigtes Epitaph

I N H A L T


Erinnerungen an das ehemalige

Wigmodiheim in Lesumbrok

Fast jeder Bewohner unseres Ortsamtsbereiches,

der einen Blick über die Lesum

nach Lesumbrok hinüberwirft, kennt die

Namen Flathmann, Murken, den Spiegelhof

und am Ende von Mittelsbüren die

Moorlosen Kirche und das Gasthaus gleichen

Namens. Kaum zu glauben, dass die

Lesumbroker Landstraße, die von Bremen-

Burg bis zum Beginn der Niederbürener

Landstraße reicht, mit ihren 7,9 Kilometern

die längste Straße in Bremen ist.

Wigmodiheim in Lesumbrok

Es mag noch ältere Einheimische geben,

die sich daran erinnern, dass im Haus Nr.

117 an der Lesumbroker Landstraße sich

einst ein bremisch-niedersächsisches Heimatmuseum

befunden hat, das den

Namen „Wigmodiheim" trug. Der sogenannte

Wigmodigau war ein Gebiet auf

dem rechten Weserufer, das etwa von Verden

bis Bremerhaven reichte und aus der

Zeit der sächsischen Gaueinteilung

stammte. Die fränkischen Kriegszüge und

der sich ausbreitende karolingische Herrschaftsbereich

spielten dabei eine Rolle.

Die „Bremer Volkszeitung" schrieb am

13. März 1931 in einem Aufsatz von Dr.

Pestler, dass das Wigmodiheim in Lesumbrok

als „Veilchen, das im Verborgen

blüht", anzusehen ist und er die allgemeine

Aufmerksamkeit auf diese bäuerlich-kulturgeschichtliche

Sammlung lenken

möchte.

Zunächst ist man erstaunt, dass ausgerechnet

im Archiv der Bremer Böttcherstraße

- das sich genau hinter dem von

außen sichtbaren Glockenspiel befindet -

Unterlagen über das Lesumbroker Wigmodiheim

deponiert sind. Doch dann erkennt

man in den vorhandenen Schriftsätzen,

dass sich kein Geringerer als der Bremer

Kaffeekaufmann und Kunstmäzen Ludwig

Roselius für dieses kleine Museum interessiert

und um den Ankauf bemüht hat.

Zur Vorgeschichte sei angemerkt, dass

der damalige Besitzer, Willi Meyer aus Bremen-Burg,

im Jahre 1922 das von dem

Bauherrn Lindemann 1763 errichtete Haus

erworben hat. In aller Stille schuf Meyer ein

beachtliches Museum mit einer umfangreichen

Sammlung, von der Alwin Lonke

sagte: „Das trauliche Haus am Deich hat

viele Heimatfreunde als Besucher

angelockt und manch festliche Stunden

wurden hier mit Freunden verbracht."

Doch im Vordergrund stand stets die Heimatpflege,

die Bewahrung des Brauchtums

und die Präsentation der geschichtsträchtigen

Exponate wie Trachten, Geschirr,

Truhen sowie Waffen und Geräte

der Walfänger. Willi Meyer starb 1931,

doch schon am 11. Oktober 1923 schrieb

Ludwig Roselius an seine Vertrauten, Ernst

Müller-Scheeßel und Heinz Puvogel, dass

er beabsichtige, die Sammlung von Willi

Meyer zu kaufen und den Preis in Dollar zu

bezahlen. Weiter regte er an, dass Eduard

Scotland in seinem Auftrag sich bemühen

möge, unter Mitberatung von Willi Meyer

auch das Fischhaus zu erwerben, wobei er

Ehemaliges Einladungsplakat zum Besuch

des Wigmodiheimes

Zeichnungen von März 1931 in der Bremer Volkszeitung

4 RUNDBLICK Frühjahr 2018


Nun mag man über einige schriftliche

Äußerungen ein Fragezeichen setzen und

doch wird deutlich, wie sehr Ludwig Roselius

die Bedeutung und den heimatkundlichen

Wert des damaligen Wigmodiheimes

eingeschätzt hat.

In der Bremer Volkszeitung vom 13.

März 1931 wird daran erinnert, dass der

Vater des Gründers dieses Heimatmuseums

einer der letzten „Grolanners", d. h.

Grönlandfahrer, aus unserer Gegend war.

Daher mag es verständlich sein, dass die

Abteilung mit Illustrationen, Waffen und

Geräten der Walfänger mit besonderer

Aufmerksamkeit und Interesse der Öffentlichkeit

präsentiert wurde. Weiter ist in

dem Zeitungsbericht zu lesen, dass das

Wigmodiheim, welches in dem Besitz des

Generalkonsuls Ludwig Roselius übergegangen

ist, wochentags von 15 Uhr bis 18

Uhr und sonntags von 15 Uhr bis 17 Uhr

gegen ein bescheidenes Eintrittsgeld

geöffnet ist.

Am 23. September 1955 schrieb Dr.

Werner Kloos vom Bremer Fockemuseum

an den Direktor der Bremer Böttcherstraße,

Heinz Puvogel, dass seines Wissens

das Wigmodiheim i. J. 1952 an eine Flüchtlingsfamilie

verkauft worden ist. Noch

befänden sich in dem Haus bäuerliche Altertümer,

nachdem der wertvollste Teil

bereits in die Böttcherstraße gebracht worden

ist. Der Restbestand, Herdgeräte, Fliesen,

bäuerliche Möbel und eiserne Herdplatten,

alles in hervorragender Qualität,

sollten nach Auskunft des jetzigen Bewohners

spätestens am 1. April 1954 abgeholt

werden. Dabei bittet Werner Kloos, diese

Gegenstände dem Bremer Fockemuseum

zu überlassen, denn die Sammlung bäuerlicher

Kunst in dem Böttcherstraße-

Museum des Ludwig Roselius sei - Dank

der vom Wigmodiheim übernommenen

Dinge - umfangreicher und von besserem

Niveau als die eigenen Bestände im Fockemuseum.

Schon am 29. September 1955 antwortete

Heinz Puvogel dem Dr. Werner Kloos,

dass die restlichen Gegenstände des ehemaligen

Wigmodiheims in Lesumbrok mit

seiner Zustimmung dem Bremer Fockemuseum

überlassen werden können und

zwecks Abholung man sich mit den jetzigen

Bewohnern in Verbindung setzen

möge. - Damit war der Schlussstrich des

ehemaligen Wigmodiheimes gesetzt.

Zeichnungen von März 1931 in der Bremer Volkszeitung

Meyer als Fachmann ersten Ranges

bezeichnete. Dennoch müsse mit Meyer

um die Zugabe weiterer Stücke verhandelt

werden, denn der Preis von 500 Dollar sei

doch sehr hoch. Wörtlich schrieb Kunstmäzen

Ludwig Roselius: „Was ich will, ist

das Zusammenarbeiten des Architekten

mit der Forschung und Wissenschaft. Vereinigung

von Geschichte unserer Heimat

mit wirtschaftlichen Zwecken von heute,

das ist es. Ein offenes Haus allein ist wichtig.

Nirgends findet man es in Bremen.

Hoetgers Haus in Worpswede in angemessener

Form in die Böttcherstraße gebracht,

das ist das, was ich mir denke. Scotland

muß mit Meyer Hoetger besuchen, - dann

ergibt sich das Wigmodiheim in der Böttcherstraße

von selbst. Freie Balken, alte

Holzverzierungen und alte Kacheln aus

guter Zeit, das muß den Eindruck geben."

Mit dem angesprochenen Fischhaus

mag die Gerätesammlung der Grönlandfahrer

gemeint sein und über den Preis des

Inventars tauchen dann noch weitere

Schriftsätze auf. So schreibt Dr. Alexander

Josef Bertholt am 15. Oktober 1927 im

Auftrag von Willi Meyer an Ludwig Roselius,

dass vom Verkauf das Biedermeierzimmer

ausgenommen bleibt. Weiter

heißt es, dass der Kaufpreis für sämtliche

durch den Vertrag veräußerten Gegenstände

in einer jährlichen Rente von 2000

Reichsmark besteht und in monatlichen

Teilbeträgen am 10. eines jeden Monats

nachträglich zu zahlen ist. Unentgeltliche

Nutzung der verkauften Gegenstände und

der benutzten Wohnräume wurden vertraglich

eingefordert. Auf neun Seiten wurden

die Sammlungsgegenstände aufgeführt.

RUNDBLICK Winter 2018

Lassen wir noch einmal die Bremer

Volkszeitung vom 13. März 1931 zu Wort

kommen, in der es in dem betreffenden

Bericht abschließend heißt: „In der Fülle

des Sehenswerten, was die Sammlung

dem Besucher bietet, dürfte das Wigmodiheim

manches Heimatmuseum in unserer

näheren Umgebung übertreffen. Die

Gemeinde Lesumbrok möge es Herrn

Meyer danken, dass er ein so reichhaltiges

und anregendes Museum mit unermüdlichem

Fleiß zusammengebracht hat."

Wir mögen diese Entwicklung bedauern

oder nicht und selbst wenn wir im Fockemuseum

und auch im Roselius-Museum in

der Böttcherstraße Zeugen aus dem ehemaligen

Wigmodiheim wiedersehen, so ist

es doch erstaunlich, wie sehr sich beide

Kultureinrichtungen um den Nachlass des

hiesigen Heimatmuseums bemüht haben.

Benutzte Literatur/Quellen :

- Archiv der Böttcherstraße

- Eigenes Zeitungsarchiv

Wilfried Hoins;

Werderland und umzu,

Hrsg. Heimatland- und

Verschönerungsverein

Bremen-Lesum e.V., 1998

Text und Fotos:

Rudolf Matzner

So sieht das ehemalige Wigmodiheim heute

aus

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Die Klosterochsenzug-Vase in den

Bremer Wallanlagen

Täglich gehen zahlreiche große und

kleine Füße über die Herdentorsbrücke

und etliche Passanten bleiben an der Westseite

der Brücke stehen und fotografieren

unsere schöne Wallmühle, die auf der ehemaligen

Giesshausbastion steht. Die Menschen,

die dort fotografieren, sind in der

Regel Touristen und man merkt ihnen an,

dass sie es nicht so eilig haben wie die Einheimischen,

die an den Auswärtigen vorbei

hetzen, um zum Arbeitsplatz zu gelangen

oder es sind auch Menschen, die in

der Bremer Innenstadt ihr Geld loswerden

wollen.

Unser Blick jedoch richtet sich auf die

gegenüberliegende Straßen- und Brückenseite

und in wenigen Schritten stehen wir

vor der großen Marmorvase in den Wallanlagen.

Seit dem Jahre 1856 steht die im

klassizistischen Stil von Carl Steinhäuser

angefertigte Vase dort, deren eingemeißelte

Bildnisse an den Klosterochsenzug

der Franziskaner-Mönche erinnern.

‘n beten

wat op Platt

Redensarten unserer

engeren Heimat

Aanwäten Lüde – aanwäten Spillwark.

Fett swummt baben, un wenn`t von`n

Ossen is.

Een Buur is`n Beest, twee Buurn sünd

dree Beester.

Bi allens is wat un bi wat is noch wat.

Wenn`t Unglück sien schall, kann

man`n Finger in de Näs afbreken.

Beter wat as gar nix.

`t geiht narns maller to as in de Welt.

Not lehrt Bodderkoken äten.

(aus „Plattdüütsche Lüde – gistern un

hüde“, 1952)

Peter Richter

Die Klosterochsenzug-Vase aus anderer Sicht

Die Abbildungen lassen Frauen mit

unbekleideten Kindern erkennen und auch

der Bremer Schlüssel ist darauf zu sehen.

Ob die Bremer Spaziergänger sich jemals

Gedanken gemacht haben über die

Motive und den Sinn der in Stein gehauenen

Figuren ? - Ich weiß es nicht, denn

häufig ist man ja so sehr in Eile, ohne die

Nebensächlichkeiten am Rand wahrzunehmen.

Im Winter ist die große Marmorvase

mit einer Holzummantelung versehen,

damit die nasskalte Witterung keine

Schäden anrichten kann.

Also: die Klosterochsenzug-Vase steht in

Verbindung mit dem Johanniskloster, der

Reformation und letztlich auch mit einem

Teil unserer Stadtgeschichte. Die im Johanniskloster

im Bremer Schnoor-Viertel

lebenden Mönche gehörten zum Bettelorden

der Franziskaner. Der aus der Provinz

Brabant stammende Mönch Heinrich von

Zütphen nahm 1521 während einer

Augustinerversammlung Kontakt mit Martin

Luther auf und ein Jahr später hielt er in

der Bremer St. Ansgari-Kirche die erste

evangelische Predigt. Damit begann in

Bremen die Reformation.

Die Zeiten des Umbruchs brachten allerdings

auch Zweifel und Unsicherheiten mit

sich, bis man sich mehrheitlich vom katholischen

Glauben abwandte. Als Folge wurden

die drei Klöster, das Paulskloster der

Benediktiner, das Katharinenkloster der

Dominikaner und auch das Johanniskloster

der Franziskaner geschlossen. Den Domi-

Fotos: R. Matzner

nikanern und auch den Franziskanern

wurde lediglich erlaubt, ab 1531 ihre

Krankenabteilungen weiter zu führen.

Den Franziskanern wurde 1551 auferlegt,

einen Teil ihrer Einkünfte an das

Gymnasium abzuführen. Auf Bitten der

Klosterbrüder gestattete der Rat der Stadt,

dass ab 1630 die Franziskaner eine Sammlung

von Geldspenden zu Gunsten des

Klosterkrankenhauses durchführen dürften.

Daraus entwickelte sich nun weitergehend

der Brauch, jährlich zur Freimarktzeit

zwei fette Ochsen durch die Stadt zu

führen, die mit Bändern und Kränzen

geschmückt waren und die Tage später

geschlachtet, geteilt und deren Fleisch

verlost wurde.

Der letzte Klosterochsenzug wurde

1871 durchgeführt und die letzte Verlosung

wurde i. J. 1896 abgehalten.

Den Mönchen kann man nachsagen,

dass sie damit eine soziale Aufgabe übernommen

haben. - So berichtete der Weser

Kurier, dass die Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung

"Alten Eichen" zum 386. Mal

eine Kälberverlosung durchführen wird,

deren Erlös den Kindern zur Weihnachtsfeier

eine Hilfe sein soll.

Damit hätte die Tradition des Klosterochsenzuges

eine schöne Fortsetzung

erfahren.

R. Matzner

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RUNDBLICK Winter 2018


Die Klosterkirche St. Marien in Osterholz 1764 (II)

und die Anlage eines neuen Begräbnishofes

Durch die Darstellung des Kircheninneren,

wo Findorff mit klappbaren Auflegern

gearbeitet hat, sind die Zeichnungen

nicht immer leicht zu lesen. Deshalb hier

eine kurze Ergänzung, zumal eine Zeichnung

im Text (HRB 125, S. 21 – 24)

unberücksichtigt geblieben ist.

Zum Obergeschoss (Ausgangssituation)

gehören nur die jetzt geklappten

Teile mit dem einen Amts-Stuhl (d) sowie

Gestühl sind der zweite Beamten-Stuhl (e)

sowie zwei Priechen (g) vorgesehen. Das

Gestühl auf beiden Emporen ist so ausgerichtet,

dass man einen guten Blick auf

den neu postierten Altar haben sollte.

Der Kirchhof

Planung für das Obergeschoss. NLA Stade, Karten Neu Nr. 00872

In früheren Zeiten hatten die Besucher

die Kirche von Westen her, zwischen

Nord- und Südturm, betreten. Die Verlagerung

des Eingangs auf die Nordseite

dürfte nicht ohne Konflikte vonstatten

gegangen zu sein, denn nördlich der Kirche

nahm der Kirchhof den gesamten

freien Raum ein. Er diente als Begräbnisstätte

für die Bewohner von Osterholz. Es

ist eine umfangreiche Namensliste der

Familien, die 1706 hier ihre Grabstätten

besaßen, überliefert. 17) Der Bereich scheint

vollständig ausgelastet zu sein; ob die

nachträgliche Eintragung „500 Plätze“

zutreffend ist, kann nicht bestätigt werden.

Jedenfalls ist eine Wegeführung hin

zur Kirche bzw. zum Gotts-Haus nicht eingetragen.

Und jetzt sollte noch ein Teil für

Eingang und Treppenhaus geopfert werden.

Freie Kapazitäten gab es insofern nicht

mehr, sodass – wie für den Kirchenumbau

bereits angeführt – die Zunahme der Einwohnerzahl

von Osterholz durch neue

Ansiedlungen eine neue Herausforderung

auch für die Begräbnisstellen darstellte.

Deshalb schrieb Findorff auch in seinem

„Pro-Memoria“, dass für die bereits ansässigen

Bewohner des Rübe- und Kurtzen

Kamps sowie die, die sich auf dem Heidkamp

noch ansiedeln sollen, „ein besonderer

Orth zu Begräbnis Plätze ihnen

mit dem zweiten Beamten-Stuhl (e) und

der Orgel (h). Der dahinter liegende

Bereich oberhalb der heutigen Eingangshalle

ist ungenutzt gewesen, wie der

Zeichnung und den Vorschlägen zur Neugestaltung

zu entnehmen ist.

Für das Obergeschoss (Planung) gilt

ebenfalls das oben Gesagte. Nur die

geklappten Aufleger sind relevant; sie

betreffen die West- und die Nordseite. Eine

Empore war auf der Westseite bereits vorhanden,

diese wird sogar noch zurückgenommen.

Dafür wird der Bereich oberhalb

der heutigen Eingangshalle genutzt. Vorgesehen

ist der Bereich für Orgel (h) und

Gestühl, wobei die Orgel „bey solcher

Gelegenheit auf 20 Fues in den hinter ihr

befindlichen leeren Raum zurückgesetzet“

werden solle. Leer war dieser Raum allerdings

nicht immer; es handelte sich hierbei

um die Nonnenempore, auf der sich zu

klösterlichen Zeiten die Nonnen versammelten,

um – vor Blicken aus dem Kirchenschiff

geschützt – von hier aus am

Gottesdienst teilzunehmen.

Neu ist eine Empore, die sich über das

gesamte Nordschiff erstreckt und durch

eine von außen in das Gebäude führende

Treppe erschlossen wird; dort, wo sich vorher

ein Fenster befand. Neben weiterem

Plan vom Kirchhofe zu Osterholtz. NLA Stade, Karten Neu Nr. 13064

RUNDBLICK Winter 2018

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angewiesen werde; maaßen es dem hiesigen

Kirchhoff an genugsamen Grabstellen

für die alten Einwohner bereits fehlet.“ 18)

Ausweisung eines

neuen Friedhofs

Hierfür schlägt Findorff selbst vor, einen

Platz zu wählen, der noch nahe beim

Flecken gelegen ist und auf einer Fläche

von 36 – 40 Quadratruten Raum für 70 –

80 Begräbnisplätze bieten solle. „Der

bequemste Ort hiezu, ist meines Erachtens,

zwischen denen Osterholtzischen

Gärtens und dem Gehöltze rechter Hand

des Steinweges so nach Scharmbeck

gehet.“ Weiterhin regt er an, den Friedhof

zu umgeben mit einer 3 Fueß hohen Einfriedung

aus gesprengten Feldsteinen,

„worauf eine lebendige Hecke von jungen

Heinbüchen gepflanzet werden kann.“

Im Kostenanschlag kommt er bei 80

Grabstellen auf Gesamtkosten von gut 180

Reichsthalern, wobei allein zwei Drittel der

Kosten für die Steine der Umfassungsmauer

veranschlagt werden und 26 Rthl.

für deren Auffüllung mit Erde. Ca. 20 Rthl.

werden vorgesehen für ein Tor, bestehend

aus zwei eichenen Thorweg Ständern,

einem Thorweg und zwei starken eisernen

Hängen.

Umsetzung der Planungen

Bis Anfang 1766 war dann offensichtlich

nicht viel geschehen. Im März des Jahres

jedenfalls reichten die Bewohner des Rübekamps

und Kurtzen Kamps eine Petition

ein, in der sie um Zuweisung von Kirchenständen

in der Kirche bitten. Nachdrücklich

wird darüber hinaus auf den Bedarf an

Begräbnisplätzen hingewiesen und um

Erfüllung des Ansinnens gebeten mit dem

Argument, dass die neuen Anbauern

bereits bei der Sanierung des Kirchendaches

Mithilfe geleistet hätten. 19)

Unterstützung erhalten die Neusiedler

durch den Osterholzer Oberamtmann

Conrad Friedrich Meiners, der mit Schreiben

vom 2. April 1766 nach Hannover die

Notwendigkeit eines neuen Friedhofs

unterstreicht und sich hinsichtlich Ausführung

und Kosten auf den Plan Findorffs

vom Dez. 1764 bezieht. Auch wegen des

Anbaus auf dem Heidkamp mit den dort

geplanten 32 Feuerstellen am im Bau

befindlichen Hafen sei das Vorhaben

dringlicher denn je.

Dies hat offensichtlich überzeugt, denn

bereits mit Schreiben vom 16. April wird

der Friedhof – wie geplant – bewilligt mit

dem o. g. Kostenrahmen.

Ausführung und

Abrechnung

8

Plan von dem neuen Begräbnishof. NLA Stade, Karten Neu Nr. 01219

Damit konnte nun auf dem vorgesehenen

Ort mit der Realisierung begonnen

werden, wobei das Amt Osterholz im

Namen der Herrschaft in Hannover als

Bauherr fungierte. Und hierbei zeigte sich,

dass C. F. Meiners die Ausführung nicht

nur in seiner Funktion als Oberamtmann

leitete, sondern durchaus auch private

Interessen verfolgte. Unter Ausnutzung

seines Einflusses modifizierte er die Anlage,

indem er für sich und seine Familie eine

herausgehobene Form der Bestattung und

des Andenkens wählte.

Der Friedhof ist schematisch in vier Felder

aufgeteilt; die einzelnen Grabplätze

haben eine Größe von etwa 8 x 13 Fuß;

damit sollte auf jeder Stelle genügend

Raum für vier Gräber sein.

Der Zugang ist von Süden her und führt

zu einer rechtwinkligen Kapelle mit rückwärtigem

rechteckigem Anbau. Diese

Kapelle – evtl. als eine Art Mausoleum

gedacht – ist von C. F. Meiners auf eigene

Rechnung erbaut worden; er selbst

bezeichnet den Bau als Pavillon. Auch die

benachbart gelegenen Grabstellen Nr. 46,

47, 58 und 59 hat er sich reservieren lassen.

Der Bau des Pavillons ist sorgfältig dokumentiert

worden. Danach war die Bauzeit

vom 10. – 26. November 1766; dabei sind

knapp 7000 Steine von 12 Zoll Länge –

also dem Format der Osterholzer Ziegelei

– verbaut worden. Alle dabei Beschäftigten

sind mit ihren Arbeitsstunden detailliert

festgehalten.

Durch den Bau der Kapelle konnten statt

80 nur 73 Grabstellen realisiert werden,

von denen etliche bereits als vergeben

bezeichnet sind. Es scheint aber bisher erst

eine Bestattung gegeben zu haben, wie

das Kreuz auf Nr. 36 nahe legt.

Weitere Änderungen hat es hinsichtlich

der Einfriedungen gegeben, die Findorff zu

insgesamt 26 Ruten berechnet hat. Nur

noch die West- und Nord-Seite sind mit

Feldsteinen ausgeführt, für die Süd-Seite

wurde eine Mauer aus gebrannten Steinen

gewählt. Dafür sind von der hiesigen Ziegelei

3000 Steine, zusätzlich 438 so

genannte Saumsteine für den oberen

Abschluss und 25 Tonnen Mauerkalk bezogen

und in Rechnung gestellt worden. Die

Höhe der Mauern wird jetzt mit 5 Fuß

angegeben, die Länge der Ziegelstein-

Mauer mit 126 Fuß. Die Hainbuchen-

Hecke blieb dann auf die Ost-Seite

beschränkt, wo 100 Bäumchen gepflanzt

wurden.

Die Kalkulation war durch unterschiedliche

Gegebenheiten nicht einzuhalten. Die

Abrechnung vom 12. August 1768 weist

einen Gesamtbetrag von gut 224 Reichsthalern

aus, wovon knapp die Hälfte (108

Rthl.) für Material (Ziegel, Feldsteine, Kalk)

und der Rest für diverse Lohnarbeiten verwendet

wurde. Mit Schreiben vom 29.

Oktober 1768 wurde Hannover gegenüber

der Mehraufwand erläutert und um

Ratifizierung der Kosten gebeten. Vermutlich

ist dieses so geschehen, denn es liegt

darüber kein weiterer Schriftverkehr vor.

Heutige Situation

Lange Zeit existierten zwei Friedhöfe

nebeneinander, der alte an der Kirche für

die Alteingesessenen und der neue für die

Neusiedler. 1832 wurde der alte dann seiner

Funktion enthoben und Bestattungen

nur noch auf dem neuen vorgenommen,

der im Laufe der Zeit mehrfach erweitert

werden musste. Gegenwärtig werden

Pläne zu einer Neugestaltung diskutiert,

um die Anlage im Rahmen einer veränderten

Friedhofskultur zukunftsfähig zu

machen. 20)

Von der ursprünglichen Einfriedung ist

nur noch die Mauer an der Südseite vorhanden,

die übrigen Begrenzungen sind

RUNDBLICK Winter 2018


stanz stark geschädigt war, konnte durch

kirchengemeindliches und bürgerschaftliches

Engagement eine Restaurierung

durchgeführt und die Kapelle im Mai 2010

ein zweites Mal eingeweiht werden. 21) Sie

steht nun für kleinere Trauerfeiern zur Verfügung.

Die ehemals in den Blendnischen aufgestellten

Grabplatten 22) sind an die neue

Kapelle (erbaut 1969, erweitert 1985) versetzt

worden.

Sorgen bereiten die historischen Teile

der südlichen Friedhofsmauer. 23)

Anfänge zur Restaurierung sind

gemacht, doch es sind noch große

Anstrengungen und Mittel nötig, um

unter Berücksichtigung der Belange von

Natur- und Denkmalschutz den Bestand

der Mauer für die Zukunft zu sichern.

Die restaurierte alte Friedhofskapelle

restlos verschwunden. Verändert wurde in

der Mauer allerdings das Haupttor, das

nach Ende des I. Weltkriegs zum Gedenken

an die Gefallenen umgestaltet wurde.

Nachdem die alte Friedhofskapelle jahrelang

außer Funktion und die Bausub-

Anmerkungen

17) Anm. 1- 16 s. HRB Nr. 125, S. 23, 24.

Die Auflistung findet sich in der Akte über den

Kirchhof (NLA Stade, Rep. 74 Osterholz Nr.

3554). Die Namen finden sich auch bei

Johann Segelken, Osterholz-Scharmbecker

Heimatbuch; Osterholz-Scharmbeck 3. Aufl.

1967, S. 104

18) NLA Stade, Rep. 40 Nr. 982

19) NLA Stade Rep. 74 Osterholz Nr. 3554

20) Neue Pläne für die letzte Ruhe; in: ankreuzen

Okt./Nov. 2017, S. 27

21) Horst Frey, Restaurierte Friedhofskapelle

steht wieder unter Gottes Schutz; in: OK vom

31. Mai 2010

22) Ursula Siebert, Steinerne Zeugen unserer

Kultur; Osterholz-Scharmbeck 1986, S. 160

– 163

23) Christian Valek, Seltenes Kletterkraut

gedeiht auf Muschelkalk-Mörtel; in: OK vom

6. Aug. 2011. Ders., Ein Herz für Steine; in:

OK vom 22. Juli 2017. Ders., Standhaft bis

zum Schluss; in: OK vom 28. Juli 2018

Sanierungsbedürftige Friedhofsmauer

Wilhelm Berger

Bauernregeln

Januar – Februar – März

Januar

Sind im Januar die Flüsse klein,

gibt‘s im Herbst einen guten Wein.

Reichlich Schnee im Januar

macht den Dung fürs ganze Jahr.

Februar

Klar Februar -

gut Roggenjahr.

März

Trockner März und nasser April,

tut‘s dem Bauern nach seinem Will.

Unter dem Schnee im März

schlägt ein gutes Herz.

RUNDBLICK Winter 2018

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Esskastanie

Baum des Jahres 2018

Die Stiftung „Baum des Jahres“ ernennt

die Esskastanie (Castanea sativa) zum

Baum des Jahres 2018. Nicht nur kulinarisch,

sondern auch forstlich und ästhetisch

überrascht der Baum mit seiner Vielseitigkeit.

Obwohl die Esskastanie in

Deutschland nicht heimisch ist, erträgt sie

die klimatischen Bedingungen unserer

Breiten sehr gut. Sie ist anpassungsfähig

und wärmeresistent und damit ideal

geeignet als Zukunftsbaumart im Klimawandel.

Den schattenspendenden Baum nutzen

die Menschen seit langer Zeit auf unterschiedlichste

Arten, um Holz und Nahrung

zu gewinnen. Langsam kehrt er wieder ins

Bewusstsein der Bevölkerung zurück und

ist zu Recht der Baum des Jahres 2018.

Obwohl außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets,

hat die Ess-Kastanie in

Südwestdeutschland ausreichend warme

Standorte gefunden, auf denen sie sich voll

entfalten und wohl auch längerfristig

behaupten kann. Auch im übrigen

Deutschland und noch weiter nördlich, in

Dänemark und Südschweden, ist die Ess-

Kastanie anzutreffen. Doch befindet sie

sich dort eindeutig außerhalb ihres klimatischen

Optimums.

Die Esskastanie wird unter optimalen

Bedingungen 30 Meter hoch. Im Freistand

bildet sie eine ausladende Krone. Im Garten

gepflanzt, benötigt sie ausreichend

Platz: ein junger Baum braucht auf alle Seiten

mindestens acht Meter Platz, um sich

ausbreiten zu können. Die Esskastanie liebt

die Sonne, da sie an vollsonnigen Standorten

die meisten Früchte produziert. Die bis

Männlicher Blüten

Verlockende Früchte

Zarte weibliche Blüten

zu 25 cm langen Blätter sind ledrig derb,

grob gezähnt und länglich lanzettlich. Die

in jungen Jahren glatte Rinde bildet mit

zunehmendem Alter eine graue bis

schwärzliche, tiefgefurchte Netzborke.

Die Befruchtung der Esskastanien findet

durch Wind und Insekten statt. Die Baumart

vereint zwar weibliche und männliche

Blüten auf einem Baum, doch diese reifen

zeitversetzt! Deshalb ist die Esskastanie auf

Fremdbestäubung angewiesen. Optimal

für einen guten Fruchtansatz ist ein weiterer

Baum in der Nähe.

Die wunderschön braun glänzenden

Nussfrüchte sind mit einer weißlichen, seidig

behaarten Spitze geschmückt. Sie sitzen

meist zu dritt von dem kugeligen, sehr

igel-stacheligen Fruchtbecher umhüllt, der

erst bei Reife im Oktober in vier Klappen

aufreißt. Lange standen die Früchte auf

dem Speiseplan der armen Bevölkerung.

Die fettarmen, stärkereichen und süßlichen

Maronen blieben nach Missernten

oft das lebensrettende Nahrungsmittel.

Wohlhabende Bürger der Antike genossen

sie – wie heute – eher als kulinarisches Beiwerk.

Die Früchte finden auch in der

Naturheilkunde Anwendung: Hildegard

von Bingen empfahl die Früchte als Universalheilmittel,

insbesondere aber gegen

„Herzschmerz“, Gicht und Konzentrationsstörungen.

Die heilsame Wirkung ist

vermutlich auf den hohen Gehalt an Vitamin

B und Phosphor zurückzuführen.

Die Esskastanie ist sowohl auf freiem

Feld, auf Plantagen wie im Garten ein Hingucker.

Sie beeindruckt mit ihrer ausladenden

Krone.

Der Herbst ist die richtige Zeit für die

Kastanienernte. Nicht nur Esskastanien,

sondern auch Rosskastanien sind in dieser

Zeit reif. Doch was ist eigentlich der Unterschied

zwischen den beiden Baumarten?

Obwohl sich die Früchte sehr ähnlich

sehen, unterscheiden sie sich sowohl kulinarisch

als auch biologisch. Die Gewöhnliche

Rosskastanie (Aesculus hippocastanum)

und die Esskastanie/Edelkastanie

(Castanea sativa) haben beide das Wort

„Kastanie“ in ihrem Namen, sind jedoch

nicht miteinander verwandt. Die eigentliche

Kastanie ist die Esskastanie. Sie gehört

zur Familie der Buchengewächse und entstammt

der Gattung der Kastanien. Die

Rosskastanie dagegen gehört zur Familie

der Seifenbaumgewächse und der Gattung

der Rosskastanien.

Susanne Eilers

Fotos:

10

RUNDBLICK Winter 2018


Ein Bremer Bürgermeister verstirbt

während einer Pilgerreise nach Jerusalem

Rechts neben der Pfarrfirche, auf dem

Grundstück ... wurde dieser Stein gefunden.

Erste Erwähnung der Franziskaner in Bremen,

1991 Restaurierung der Kirche St.

Johann

Foto: Sven Nagewitz

Das alte Bremer Rathaus, Baubeginn 1405, vollendet 1410. Verantwortliche Ratsbauherren

Friedrich Wigger und Heinrich von der Trupe. Umgestaltet von 1608 bis 1616 von Lüder von

Bentheim im reifen Stil der Weser-Renaissance

Man könnte die nachfolgend beschriebene

Begebenheit aus dem 15ten Jahrhundert

gewiss auch mit wenigen Worten

beschreiben, doch sie verdient es, dafür

etwas Zeit und Gedanken aufzubringen. Es

handelt sich um den Holzhändler und Bürgermeister

Friedrich Wigger, der nicht nur

das Holz für den Bau des alten Rathauses

i.J. 1404 lieferte, sondern auch den Bau

fachmännisch überwachte.

Nun könnte man sofort auf den Gedanken

kommen, dass der Bürgermeister nicht

nur das Wohl der Stadtgemeinde im Sinn

hatte, sondern darüber hinaus als Holzhändler

ein gutes Geschäft witterte. Wie

Die Tabernakelsäule in der katholischen Pfarrkirche St. Johann zur Erinnerung an den in Palästina

verstorbenen Bürgermeister Friedrich Wigger

Fotos: Sven Nagewitz

dem auch sei, überliefert ist, dass Friedrich

Wigger mit dem Rat der Stadt die Bezahlung

der Holzlieferung auf bessere Zeiten

vereinbart hatte. Seine finanzielle Hilfe

ging so weit, dass er des weiteren dem Rat

der Stadt Geld vorstreckte als es darum

ging, dem seeräuberischen Ritter von

Esens das Handwerk zu legen und die

Weser piratenfrei zu halten.

Der Holzhändler Wigger stammte aus

Friesland, gehörte zur Bremer Kaufmannschaft

und wohnte im Martini-Kirchspiel.

1396 wurde er zum Ratsherrn ernannt und

1410 wählte man ihn zum Bürgermeister.

In dieser Funktion vertrat er Bremen mehrfach

auf Hansetagen. Als nun das gotische

Rathaus fertig war, beschloss Wigger, eine

Pilgerreise nach Jerusalem zu unternehmen.

Zuvor aber, 1416, schrieb er noch

sein Testament. Dann brach er auf. Nun

dauerte ja eine Reise zu damaliger Zeit sehr

lange und noch dazu nach Jerusalem.

Doch dort passierte nun das Schreckliche;

in Palästina verstarb Friedrich Wigger und

auf dem Berge Zion wurde er beerdigt.

Kann es möglich sein, dass seine Pilgerreise

u.a. auch als Dank für das gelungene

schöne Rathaus in Bremen verstanden

werden kann? Seine Angehörigen in Bremen,

insbesondere seine Witwe Beke,

ließen zu seiner Ehre und zu seinem

Andenken ein Epitaph aus Stein anfertigen,

das bis 1995 vor der katholischen

Pfarrkirche St. Johann im Bremer Schnoorviertel

gestanden hat. Nach der Kirchenrestaurierung

steht die Wigger-Säule in der

Kirche unterhalb des Marienfensters, verbunden

mit der Tabernakelstele.

Gewiss war es im Hochmittelalter

Brauch und Sitte, dass ein Mensch auf seinen

Tod in christlicher Tradition vorbereitet

wurde. Von daher wird es verständlich,

dass diese Erinnerungssäule früher die

Inschrift trug: "Betet für mein Seelenheil",

zumal der verstorbene Bürgermeister Friedrich

Wigger in fremder Erde begraben

liegt. Ungünstige Witterungsverhältnisse

waren der Anlass, das Kruzifix-Relief vom

äußeren Hauptportal in die Propsteikirche

zu integrieren.

Rudolf Matzner

Anmerkung:

Tabernakel ist ein Behältnis zur Aufbewahrung

des Hostiengefaßes, auch Ciborium

genannt.

Epitaphien sind Gedenksteine, die zum

Gebet auffordern. Die Wiggersäule trägt die

Abbildung des gekreuzigten Christus und

darunter knieen Maria und Johannis.

RUNDBLICK Winter 2018

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Ein beschädigtes Epitaph in der Bremer Propstei

Kirche St. Johann

Es gibt Namen, die uns beim besten Willen

nicht geläufig sind, doch das ändert

sich, wenn man den biografischen Hintergrund

der betreffenden Person erfährt. So

erging es mir mit dem Namen Vrintz von

Treuenfeld, der eng mit den Katholiken in

Bremen während der nachreformatorischen

Zeit verbunden ist. Die erste Begegnung

mit dem Namen von Treuenfeld

hatte ich beim Lesen der Aufsätze von Wilhelm

Tacke in den Jahrbüchern des "Verein

für Niedersächsisches Volkstum e.V". Und

weil in der katholischen Propstei-Kirche im

Bremer Schnoorviertel noch Relikte vorhanden

sind, die auf diese adlige Familie

hinweisen, besuchte ich diese ehemalige

Franziskaner-Kirche. Betritt man die Krypta

unter der Kirche, bemerkt man gleich an

der rechten Seite am Eingang einen bruchstückhaft

zusammengesetzten Gedenkstein,

der auch als neugotisches Epitaph

angesehen werden kann.

Es enthält folgende Inschrift:

"Zum Andenken Ihrer Vorfahren, welche

als kaiserliche Reichshofräthe und residierende

Minister bei dem Senate der Freien

Hansestadt Bremen beglaubigt waren und

unter dem Chor dieser Kirche befindlichen

Gruft ruhen, ist dieser Gedenkstein errichtet

von den Urenkeln Carl Alexander Reichs Freiherrn

und Gräfin von Vrintz zu Treuenfeld

und Falkenstein"

Das beschädigte Epitaph

Foto: R. Matzner

Zugehörig sind weitere sechs Namen

aus der Sippe derer von Treuenfeld, die

unter dem Familienwappen aufgeführt

waren, was leider durch den zerstörten

und dadurch unvollständigen Stein unlesbar

war. Doch was ist nun das Besondere

an den Adelsleuten von Treuenfeld, dass

man ihre Namen bis in die Gegenwart in

Erinnerung hält, obwohl Bremen als alte

Stadtrepublik nicht gerade mit Namen des

deutschen Adels übersät ist?

Das Portal zum ehemaligen Eschenhof

Foto: R. Matzner

Die katholische Familie Vrints (de Silvesa)

stammte aus Spanien. Ein Familienzweig

kam im 16. Jahrhundert in die spanischen

Niederlande. Ab 1655 hatte die

Familie über fünf Generationen das Amt

des Postmeisters der Kaiserlichen Post in

Bremen inne, die mit dem Haus Thurn und

Taxis als Generalpostmeister verbunden

war: Johann Gerhard Vrints (1611-1685),

ab 1644 Vrints von Treuenfeld und ab

1679 auch kaiserlicher Resident (Gesandter),

Theobald Georg Vrints von Treuenfeld

(1671-1745), Konrad Alexander Vrints

von Treuenfeld 1707 - 1780), Theobald

Max Heinrich Vrints von Treuenfeld (1734

-1812) und schließlich Carl Vrintz von

Treuenfeld (1765 - 1852). Letzterer verlor

sein Amt während der Franzosenzeit,

erhielt es aber 1813 zurück. Weil sich sein

Lebensmittelpunkt nach Frankfurt/Main

verlagerte, gab er sein Amt 1838 auf. Von

da an hatte die Post bürgerliche Oberpostamts-Verwalter.

Die ersten vier Vrints von

Treuenfelds sind in St. Johann begraben.

Ihr Verdienst für die katholische Kirche

liegt auch darin begründet, dass sie nach

der Reformation ihre schützenden Hände

über die kleine Schar der Bremer Katholiken

hielten und ihnen ihre Hauskapelle

und auch ihre Hauskapläne für Gottesdienste

zur Verfügung stellten. Dabei muss

man wissen, dass den Katholiken in der

Zeit nach der Reformation laut Westfälischen

Frieden von 1648 keine öffentlichen

Gottesdienste, sondern nur Hausandachten

gestattet waren.

Das schöne Sandsteinportal an der Ostseite

des Postgebäudes an der Domsheide

ist als Überbleibsel des ehemaligen Anwesens

des Kaiserlichen Residenten erhalten

geblieben. Bis zur Erweiterung der Domsheide-Post

befand sich das Tor parallel mit

der Straßenfront verlaufend an der Längsseite

in dem um 1971/72 abgerissenen

Gebäudeteil. In diesem Zusammenhang

taucht auch der Name "Eschenhof auf und

somit haben wir es hiermit mit dem

"Eschenhof-Portal" zu tun, das der Weserrenaissance-Architektur

zugeordnet werden

kann.

Nun haben wir wohl den beschädigten

Gedenkstein, der uns an die Familie Vrintz

von Treuenfeld erinnert und auch das

ansehnliche Sandstein-Portal mit gleicher

Beziehung zur Familie und doch lässt sich

ein exakter Standort des Anwesens des

ehemaligen kaiserlichen Residenten nicht

bestimmen. Erhard Welzel schreibt im

Jahrbuch Nr. 141, dass der Domdechant

Dr. Joachim Hincke die Domkurie habe

neu errichten lassen, wonach auch die

Dechanat-Straße benannt worden ist. Das

war in den Jahren 1568 bis 1569. Jetzt

erfahren wir erstmals von einem kaiserlichen

Residenten namens Gerhard von

Vrintz, der die Domdechanei als Wohnung

und gleichzeitig die Gesandtenkapelle

angemietet hatte. Als Inventar wurden aufgeführt,

zwei Altäre, zwei Beichtstühle und

eine Kanzel. Stillschweigend wurde auch

die katholische Bevölkerung zu den Gottesdiensten

eingeladen, aber der Bremer

Rat protestierte gegen die beiden Jesuiten-

Pater. Es war lediglich erlaubt, hier

Gesandtschaftsgottesdienste zu feiern,

doch die Geistlichen erlaubten sich, Taufen

und Trauungen mit den allgemeinen

Katholiken durchzuführen. Im Jahre 1680

mussten die Jesuiten ihr Amt aufgeben.

Konrad Alexander Freiherr von Vrintz zu

Treuenfeld zog als frischernannter kaiserlicher

Resident 1745 ebenfalls in die Domdechanei

ein. Umgehend ließ er im Garten

des Eschenhofes eine Kapelle einrichten,

die dem Heiligen Michael geweiht wurde

und den Bremer Katholiken bis 1823 als

einziges Gotteshaus dienen sollte. Am

12

RUNDBLICK Winter 2018


Die Franziskaner-Klosterkirche St. Johann

Foto: R. Matzner

29.September 1747, dem Michaelistag,

wurde die Kapelle feierlich von den Bremer

Katholiken übernommen.

Bleibt uns noch die

Erklärung für die

Bezeichnung "Eschenhof"

Der Domdechant Dr. Hincke war der

Erbauer der mehrmals genannten Domdechanei,

die später den Namen

„Eschenhof“ annahm. Durch den Westfälischen

Frieden von 1648 übernahm die

schwedische Königin Christina die Herzogtümer

Bremen und Verden. und daraus

Alte Gesamtansicht von der ehemaligen

Franziskaner-Klosterkirche St. Johann

Foto: R. Matzner

folgte, dass sie verdienten Männern Güter

aus der Kriegsbeute als Eigentum übergab.

Dadurch geriet die Domdechanei schon

1647 in den Besitz des königlichen Kanzleisekretärs

Guldenclou. Das Gebäude

wurde als prächtiges Haus bezeichnet,

doch da Guldenclou in Stockholm

wohnte, verkaufte er das ihm überlassene

Anwesen an den schwedischen Kriegsund

Staatspräsidenten Alexander von

Erskein. Dadurch bekam die bisherige

Domdechanei den Namen „Erksenhof“.

Das wiederum soll lt. Bremischem

Almanach von der hiesigen Bevölkerung

zu dem Wort "Eschenhof' abgeschliffen

worden sein.

Alexander Erskeins Vorfahren stammten

aus Schottland, geboren wurde er allerdings

am 30.10.1598 in Greifswald. Lange

konnte er sich über seinen Besitz nicht

freuen, denn am 24.07.1656 verstarb er in

Zamosc bei Lublin in Polen. Seine Leiche

wurde von Polen überführt und am

06.05.1658 im Dom beigesetzt. Bleibt

noch anzumerken, dass Bremen es durch

erhebliche Geldzahlungen und Bestechungsgelder

verstanden hat, sich der drohenden

schwedischen Herrschaft zu entziehen.

Beim Westfälischen Friedenskongress

fanden die Bremer Zustimmung beim Kaiser

Ferdinand III (1608-1657), sodass im

Linzer Diplom vom 31.08.1646 die Reichsstandschaft

Bremen bestätigt wurde. Die

Stadt Bremen blieb zwar besatzungsfrei,

jedoch mit der Ausnahme, dass der Dombezirk

mit dem Domshof und die Domsheide

Schweden unterstellt wurden. 1712

musste der Dombezirk noch kurze Zeit die

Dänen, dann die Hannoveraner und

schließlich die Franzosen ertragen. Doch

das liegt nun alles schon weit hinter uns.

Dieser Aufsatz war ein Rückblick in eine

uns fremde Zeit.

Statt der üblichen Quellenangabe berufe ich

mich besonders auf die Ausführungen von

Wilhelm Tacke in den erwähnten Jahrbüchern

des Vereins für Niedersächsisches

Volkstum -Bremer Heimatbund. Dank und

Anerkennung für seine umfangreichen

Recherschen hier zu bekunden sei mir

erlaubt. Weitere Quellen: Das große Bremen

Lexikon von H. Schwarzwälder, Die Lingen

Lexikon Bücher sowie mein eigenes Zeitungsarchiv.

R. Matzner

Fast

vergessen …

Stimmungsbilder aus

Moor und Heide im

Spiegel der Dichtkunst

Fritz Stöber (2)

Hier erinnern wir mit einem weiteren

Gedicht an das Schaffen des Dichters,

den wir bereits in der Ausgabe Nr. 126

vorgestellt haben.

Peter Richter

Moorrauch

Der Moorrauch steigt und geistert gleich

in qualmenden Wolken durchs Heidereich,

und über die Halme und Sträucher schwer

schleicht er mit weißer Bürde her.

Inmitten ein Hügel, noch mondesklar,

umflattert von dunkler Rabenschar;

da stehen zwei Birken, vom Sturme entlaubt,

und schütteln ängstlich ihr müdes Haupt.

Was eben noch lebte im lichten Schein,

erblindend hüllt es der Moorrauch ein:

die Heide, wie eine Schale voll Schaum,

kocht über in den Weltenraum.

Der Moorrauch steigt, die Insel erlischt,

weiß überspült von züngelnder Gischt.

Nun klettert der Nebel und schwingt sich hinan

und zieht den Birken Hemdlein an.

Die stehen wie Geister, entstiegen dem Grab,

und blicken weit übers Land hinab.

Dem Wandrer, der zage vorüberzieht,

graust es, wenn er den Spuk erspäht.

Fritz Stöber

RUNDBLICK Winter 2018

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Paula Modersohn Becker

Kunstpreis 2018

Der „Paula Modersohn-Becker Kunstpreis“

des Landkreises Osterholz feiert ein

kleines Jubiläum. Die 5. Auflage seit 2010

hat über 200 Künstlerinnen und Künstler

aus der Region, deutschlandweit und auch

aus Israel, Australien, den Niederlanden

und Österreich angeregt, sich um die

Preise zu bewerben.

Mit der Ausschreibung des PMB Preises

seit 2010 trägt der Landkreis Osterholz im

gesamten Raum der ‚Metropolregion

Nordwest’ zur Stärkung der kulturellen

Identität bei. So hat sich der Kunstpreis

inzwischen zu einer festen Größe nicht nur

für Künstler/innen mit einem biografischen

Bezug zu dieser Region, sondern

auch für die Betrachter und Konsumenten

der Kunst etabliert.

Nezaket Ekici, Prothese, Videoperformance 2017; entstanden Im Rahmen des Stipendiums der

Deutsche Akademie Villa Massimo Rom . Ausstellungsansicht in der Großen Kunstschau 2018

Foto: © Focke Strangmann/Worpsweder Museumsverbund

Der „PMB-Kunstpreis" besteht aus drei

Einzelpreisen: Hauptpreis, Nachwuchspreis

sowie einem Sonderpreis für eine/n

im Landkreis Osterholz lebende/n Künstler/in.

Der Hauptpreis ist mit 7.500 Euro

dotiert, der von Karl-Heinz Marg gestiftete

Nachwuchspreis mit 1.000 Euro. Der Sonderpreis

wird mit einem Ankauf von Werken

durch den Landkreis prämiert.

Für das Jahr 2018 hatten sich über 200

KünstlerInnen beworben. Die hohe Qualität

der Einreichungen rührt nicht zuletzt

daher, dass der Kunstpreis weder thematisch

noch altersmäßig begrenzt ist. Breitgefächerte

Bewerbungen von KünstlerInnen

im Alter von 24 bis 89 Jahren boten

den Jurymitgliedern und der Kuratorin

auch in diesem Jahr keine einfache Aufgabe.

Malerei, Bildhauerei, Objektkunst,

Fotografie, Installation und Video werden

von den KünstlerInnen für Auseinandersetzungen

mit aktuellen Problematiken unserer

Zeit eingesetzt.

Sechs von der regionalen Jury ausgewählte

Positionen für den Hauptpreis, der

Nachwuchspreisträger und die Sonderpreisträgerin

stellen nicht nur in der

Großen Kunstschau, sondern erstmalig

auch im Barkenhoff in Worpswede aus.

Die Sonderpreisträgerin stellt ihre Werke

daneben auch noch in der Galerie Altes

Rathaus aus.

Ausstellungsansicht Christine Schulz, Rotunde der Großen Kunstschau

14

Freuen dürfen sich die Besucher im Barkenhoff

auf klassische Farbfeld-Malerei der

Sonderpreisträgerin Karin Borchers und

auf Werke des Berliner Malers Nehmzow

(besondere Erwähnung der Jury), der seine

Inspirationen auch aus Japan mitbringt.

Historisch relevant ist auch das Motiv des

Münchner Künstlers Alexander Steig, der

im Barkenhoff seine mediale Inszenierung

zu Vogeler präsentiert und für seine

Recherche die Archive des Museums nutzen

konnte.

RUNDBLICK Winter 2018


nicht existiert. Ihre Werke überdauern nur

die Ausstellungszeit und entstehen einzig

und allein zu diesem Zweck.

Die diesjährige regionale Jury bestand

aus Meike Behm (Direktorin Kunsthalle

Lingen), Prof. Cony Theis (Hochschule

Ottersberg) und Justin Hoffmann (Leiter

des Kunstvereins Wolfsburg).

Eine hochkarätige überregionale Jury,

bestehend aus Kathrin Becker (N.B.K. Leiterin

Videoforum, Berlin), Roland Nachtigäller

(Museum Marta Herford) und Prof.

Stephan Berg (Direktor Kunstmuseum

Bonn), bestimmte innerhalb der Ausstellung

die türkischstämmige Künstlerin

Nezaket Ekici zur Hauptpreisträgerin.

Ursula Villwock

Landkreis Osterholz

Karin Borchers (Sonderpreis), Nezaket Ekici (Hauptpreis), Fritz Laszlo Weber (Nachwuchspreis)

Foto: Focke Strangmann

Große installative Arbeiten, die sich auf

den Raum beziehen, diesen neu definieren

und besetzen zeigen auf eher klassische

Weise mit Holz und gefundenen Möbelstücken

der Hamburger Künstler Tillmann

Terbeuyken und mit vielen medialen

Materialen aus Film und Fotografie die Berliner

Künstlerin Christine Schulz in der

Großen Kunstschau. Politisch und gesellschaftskritisch

wird es beim Nachwuchspreisträger

Fritz Laszlo Weber, der aus Versatzstücken

des Internets die Reaktion auf

die Ermordung eines NSU-Opfers durchdekliniert.

Der israelische Künstler Liav

Mizrahi spürt mit Papier und Kerzenruß die

deutsch-israelische Geschichte auf und

beschäftigt sich mit Themen wie Gender,

Erinnerung, Politik und aktueller Gesellschaft

und die Hauptpreisträgerin, die türkischstämmige

Performancekünstlerin

Nezaket Eckici zeigt ein Konvolut aus ihren

zahlreichen Performances.

Sie widmet sich radikal und bis an die

Grenzen des körperlich Machbaren biografisch

konnotierten Themen. Magdalena

Los, die jüngste Teilnehmerin zum Hauptpreis,

scheint sich dem klassischen Ausstellungsritual

zu entziehen. Sie greift nicht

auf ein Oeuvre zurück, weil dieses (noch)

Ausstellungsansicht Tillmann Terbuyken,

Große Halle der Großen Kunstschau

Ausstellungen im Barkenhoff und in der Großen Kunstschau Worpswede, Öffnungszeiten Di bis So 11 bis 17 Uhr

Ausstellung in der Galerie Altes Rathaus: Eröffnung 6. Januar 2019, 15 Uhr, Dauer der Ausstellung bis 10. Februar 2019.

Öffnungszeiten: Di - Fr 14 - 17 Uhr, Sa + So 11 - 17 Uhr

www.galerie-altes-rathaus-worpswede.de

Begleitveranstaltungen:

Matineen

Sonntag, 06. 01. 2019, 12.00 Uhr, Große Kunstschau

Sonntag, 27. 01. 2019, 12.00 Uhr, Barkenhoff

Sonntag, 03. 02. 2019, 12.00 Uhr, Große Kunstschau

Sonntag, 24. 02. 2019, 12.00 Uhr, Barkenhoff

Kostenlose öffentliche 30minütige Führungen (im Eintrittspreis enthalten!)

Führung und Kaffeetrinken für Senioren: Mittwoch 13.02.2018 14 Uhr Treffpunkt Barkenhoff, danach Große Kunstschau

(15,- €, Anmeldung unter 04792 1302 erforderlich)

Finissage mit Kuratorenführung: Sonntag 03.03.2019, 14.30 Uhr Treffpunkt Barkenhoff, danach Große Kunstschau

www.pmb-kunstpreis.de

www.worpswede-museen.de

RUNDBLICK Winter 2018

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Allerhand lustige Erinnerungen aus meiner

Schulzeit von Milly Bosse

- - - liebe süße Milly - - -

In einem kleinen Schreibheft hat Milly

Bosse in altdeutscher Handschrift ihre

Erlebnisse aus ihrer Schulzeit von 1895 bis

1902 fein säuberlich aufgeschrieben. Ihre

Tochter, Gisela Tecklenborg, hat uns

freundlicherweise diese Aufzeichnungen in

Kopie überlassen, wofür wir uns herzlich

bedanken.

Mil|y Bosse lebte von 1889 bis 1981. Im

Jahre 1914 heiratete sie Siegfried Wolfrom.

Nach dem Krieg wohnte Milly Bosse in der

Lesmonastraße 12. Sie war das 13te und

letzte Kind der Familie Bosse, die in Bremen-Burg

ein Furnierwerk besaß.

Zur Familiengeschichte gehört die

Anmerkung, dass es seit 1784 an dieser

Stelle die von Heinrich Bosse gegründete

Bootswerft gab. Nachdem die "Engelbert

Walte" als letztes Schiff bei der Bosse-

Werft vom Stapel lief, wurde spürbar, dass

der Eisenschiffbau die Holzschifffahrt mit

Frachtseglern verdrängte. Seit 1884 wurde

auf dem Werftgelände ein Hobel- und

Sägewerk sowie Holzhandel betrieben.

Danach folgte ab 1904 der Übergang zum

Furnierwerk, bis 1987 damit begonnen

wurde, das ehemalige Werft- und Fabrikgelände

für den Wohnungsbau zu nutzen.

Die bereits erwähnte Gisela Tecklenborg

- Tochter des Ehepaares Wolfram - heiratete

den späteren Besitzer der Bremer-Tauwerk-Fabrik,

Franz Tecklenborg. Über

Franz Tecklenborg hatten wir in einen

Nachruf und über die BTF einen Aufsatz

von Walter Heinrich in Heft Nr. 55 des

"Lesumer Boten" veröffentlicht.

Doch zurück zu Milly Bosse und zum

Schauplatz der Erinnerungen, der Rectorschule

in Bremen-Lesum. Dabei handelt es

sich um das Gebäude an der Hindenburgstraße

, das den Übergang von der

ehemaligen Rectorschule zur Lesumer Mittelschule

und danach bis heute zur Behindertenwerkstatt

unbeschadet überstanden

hat. Interessant zu wissen, dass der Maurermeister

Heinrich Warnke, der zuvor das

Schloss Mühlenthal für den Baron Ludwig

Knoop erbaut hat, von der Gemeinde

Lesum den Auftrag bekam, eine "Rectorschule"

zu errichten. Zur Bestreitung der

Kosten wurden Aktien zum Betrage von 2

Talern Courant herausgegeben.

Das später als Mittelschule bekannte

Haus hatte einen guten Ruf, dass selbst

Schüler aus Vegesack mit der Eisenbahn

nach Lest gereist kamen.

Milly Bosse begann damit, all die Lehrkräfte

von 1895 der Klassen 4 bis 1

namentlich aufzuschreiben. Ältere Mitbürger

erinnern sich gewiss daran, dass auch

zu unserer Zeit das Schuljahr mit der höchsten

Klassenzahl begann und die Schulzeit

mit der Klasse l endete. In ihrer Erinnerung

sind Gedichte geblieben, die am Geburtstag

des Kaisers aufgesagt wurden und

dann am Schluss mit dem Satz endeten:

"Gott segne unseren Kaiser noch viele,

viele Jahre“.

Weniger amüsant waren wohl die Handarbeitsstunden.

Wurde beim Strümpfestricken

eine Masche fallen gelassen, gab

es ganz gehörig Schelte und schlimmstenfalls

musste man deswegen nachsitzen.

Leider war die Lehrerin sehr selten krank

und der Rohrstock fehlte nie in der Klasse,

beklagte Milly Bosse. Mit strengem Befehl

rief die Lehrerin, "Hände auf den Tisch"

und wenn sie dann mit dem Stock zuschlug,

zog man die Hände schnell weg.

Wörtlich heißt es in den schriftlichen Erinnerungen:

"Dann gab es doppelt was".

Unvorstellbar !

Über den Lehrer "Papa Thiele" weiß

Milly Bosse u. a. zu berichten: Aus der dritten

Klasse weiß ich noch mehr. Wer sollte

Eine handschriftliche Erinnerung an Milly Bosses Schulzeit (Auszug)

16 RUNDBLICK Winter 2018


wohl Papa Thiele und alles was mit ihm

zusammenhängt, jemals vergessen! Allein

durch seine ungeheure Korpulenz wird er

mir ewig im Gedächtnis bleiben. Ich

glaube nicht, dass schon mal ein dickerer

Herr in Lesum existiert hat als dieser "Papa

Thiele".

Der Papa Thiele

Morgens, wenn wir, nachdem die

Andacht zu Ende war, in die Schulstube

gingen, wurde zum zweiten Mal gebetet.

Das war aber nur in unserer Klasse Sitte. Ein

wahres Schauspiel; dann setzte er (der

Lehrer) sich vors Pult, lehnte den Kopf auf

den Tisch und schlang andächtig die Arme

darum. Für uns war das ein Gaudium im

höchsten Grade und wir machten es ihm

natürlich alle nach. Vom Gebet hörten wir

nichts, wir amüsierten uns in dem Augenblick

auf eigene Faust. Manchmal machte

ein Schüler mitten im Gebet seinem Herzen

Luft und lachte laut auf. Aber wehe

dem! Der wurde gezüchtigt, dass ihm

Hören und Sehen verging, und er es so

leicht nicht wieder tat.

Die meisten Stunden nahmen im allgemeinen

ihren normalen Verlauf. Aber

wenn es hieß, "gleich haben wir Rechnen",

dann überlief es uns eisig. Der

Gedanke daran war jedem, ganz besonders

aber mir, fürchterlich! Rechnen war

von jeher meine schwache Seite und da

wir alle darin wenig leisteten, konnte Papa

Thiele oft furchtbar wütend werden und es

regnete Prügel, was der gute Mann ganz

famos verstand und es auch ordentlich

ausgenutzt hat.

Darum fürchteten wir ihn auch so und

hatten riesigen Respekt vor ihm. Aber er

hatte natürlich auch seine guten Seiten

und so haben wir oft viel Spaß mit ihm

gehabt. In der Heimatkunde unternahmen

wir oft Spaziergänge . Bei jedem Wegstein

hielten wir an und wurden dann nach der

Entfernung von da bis da befragt. Antwortete

man falsch, gabs einen gehörigen

Backenstreich und das kam sehr häufig

vor. Die Vorübergehenden amüsierten sich

dann, was uns im höchsten Grade unangenehm

war. Denn sprechen durften wir

nicht, das war strengstens untersagt. Dass

uns das sehr schwer wurde, kann sich wohl

jeder denken.

Eine andere Begebenheit wurde von

Milly Bosse mit folgenden Worten aufgeschrieben:

Oft gingen wir nachmittags auch zum

Vergnügen mit unserem Lehrer aus. Dann

durften wir nach Herzenslust reden.

Gewöhnlich gings nach Bruns oder Passes

Sommergarten. Wenn wir uns dann alle

um den Tisch versammelt hatten, wurde

erst wieder gebetet. Darauf wurden die

Butterbrote ausgepackt und für 20 Pfennig

oder mehr Geld Milch bestellt, denn Milch

hielt er für gesünder als Limonade, wonach

so viele Jungen lechzten. Thiele selbst

bestellte sich gewöhnlich eine Tasse dicke

Milch zu 40 Pfennig, während die anderen

Kinder jeden Löffel, den er verschlang, mit

neidischen Blicken verfolgten. Nur ich

gönnte ihm seine gefüllte Tasse von Herzen,

da ich nie ein Freund davon war.

Manchmal ermutigte sich auch jemand,

ihn zu fragen, "Herr Thiele, dürfen wir einmal

etwas in den Automaten stecken?"

Gewöhnlich antwortete er dann, "ach was,

das ist Verschwendung und taugt nicht für

die Zähne, dafür trinkt lieber noch ein Glas

frische Milch". Niedergedrückt kamen wir

dann zurück zu unseren Freunden und

erzählten ihnen, wir hätten eine abschlägige

Antwort erhalten. So gings jedes Mal,

immer nach der Schablone, und doch hat

es uns viel Vergnügen gemacht.

So weit Milly Bosse.

Und dann gab es noch in jedem Jahr den

sogenannten "lustigen“ Tag, der im Gasthaus

Grothusen in Bremen-Schönebeck

verbracht wurde. Besonders die Mädchen

putzten sich fein heraus, wenn es um 14

Uhr von der Schule zu Fuß los ging. Am

Ziel angelangt, wurden Spiele gemacht

und anschließend Gewinne verteilt.

Doch wenn man dem Lehrer Thiele eine

besondere Freude machen wollte, dann

sorgte man für sein leibliches Wohl. Sein

Lieblingsgeschenk war ein Smutaal und

den bekam er reichlich, besonders wenn in

Lesum Markttag war. Damit enden bei

Milly Bosse die Episoden um den Lehrer

"Papa Thiele".

Das nächste Schuljahr begann mit dem

Klassenlehrer Herrn Ahrens. Unsere Schülerin

erinnerte sich besonders an "die

widerliche Zärtlichkeit" dieses Mannes. Als

sie einmal ihre Hausaufgaben im Rechnen

vergessen hatte, legte er seinen Arm um

ihren Hals und sagte "ach, meine liebe,

süße Milly, das schadet ja nichts, das

kommt wohl vor". Als sich dann noch ihre

Köpfe berührten, kroch sie schleunigst

unter den Tisch, nahm ihr Taschentuch

und schnaubte sich lang anhaltend die

Nasefeus. Es war Sitte, beim Nase putzen

mit dem Kopf unter die Tischplatte zu kriechen.

Von der Zärtlichkeit des Lehrers

Ahrens waren auch die anderen Mädchen

betroffen, sodass die Zeit des Lehrers bald

beendet war. Danach übernahm mit Herrn

Landsberg die Klasse ein Lehrer, bei dem

sich die Kinder "ausruhen konnten". Diese

Lehrkraft fiel nicht nur durch ihre roten

Taschentücher auf, sondern sie führte

auch ein neues Unterrichtsfach ein mit der

Bezeichnung "Beschäftigung“.

Das Unterrichtsfach

„Beschäftigung“

Vorrangig wurde den Kindern überlassen,

was sie tun wollten und so bot es sich

an, die für den Nachmittag vorgesehenen

Hausarbeiten schon während der Schulzeit

zu machen. Dann war man froh, zu Hause

fast nichts mehr tun zu müssen.

Auf die Geographiestunde freuten sich

die Kinder besonders, denn dann wurde

der größte Unsinn gemacht. Jeder stellte

seinen eigenen großen Atlas so auf, dass

man sich dahinter verstecken konnte. Statt

aufzupassen, was vorne an der Tafel

geschah, wurden Briefe geschrieben, die

durch die ganze Klasse wanderten und

schlimmstenfalls auch mal beim Lehrer

landeten.

Und dann gab es an der Lesumer Rectorschule

noch den Herrn Schleifer, der

besonders durch seinen langen, roten Vollbart

in Erinnerung geblieben ist. Als die

Kinder mit ihm umzugehen wussten, fragten

sie ihn nach seiner Familie aus und

quälten ihn mit der Bitte, er möge doch

Geschichten erzählen, was er dann auch

tat. Sehr teilnehmend wurde Herr Schleifer

nach dem Befinden seiner Braut befragt

und ob er selber denn auch schon mal liebeskrank

gewesen wäre.

Von dem Naturgeschichtslehrer Herrn

Jungbluth wusste Milly Bosse zu berichten,

dass er "ein fürchterlicher Kerl und ein

Grobian“ war. Er vermied es, die Kinder

mit Vornamen anzureden, das war nicht

nur ungewohnt, sondern es wurde von

den Schülern als empörend empfunden.

Als der Lehrer Jungbluth eine Erholungspause

einlegen musste, übernahmen drei

unverheiratete Damen die Klasse, die

jedoch wenig Respekt ernteten.

Damit enden die "lustigen Erinnerungen

aus meiner Schulzeit" der Milly Bosse.

Beim Rückblick gewinnt man den Eindruck,

dass die beschriebene Schulzeit gar

nicht so lustig war. Es wurde mehrmals

wörtlich von Züchtigung und von Prügel

geschrieben und vom Bildungsauftrag der

Pädagogen gegenüber den Kindern war

kaum etwas zu spüren. Und doch muss

man konstatieren, dass die Kinder selbst

unter diesen Verhältnissen für ihr weiteres

Leben viel gelernt haben. Für uns ist das

vorliegende Schriftstück ein interessantes

Zeitdokument. Wir schauen durch ein

Fenster in die Vergangenheit und erleben

eine Schulzeit, die uns fremd und unvorstellbar

erscheint. Man liest die Texte und

man ist betroffen und wird nachdenklich.

Milly Bosse hat gewiss nie damit gerechnet,

dass ihre authentischen Aufzeichnungen

nach über 100 Jahren gesichtet, aufgearbeitet

und der Nachwelt zur Kenntnis

gebracht werden.

R. Matzner

RUNDBLICK Winter 2018

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„Im Nebel der Vergangenheit“ -

eine rätselhafte Männerreise auf einem Geisterschiff nach Afrika.

Geisterschiff ROSTOCK - 35t-1846 W. Zeltz - gemeinfrei

Nun sitze ich hier in Vegesack, einem

historischen Schiffbauort, und sinniere

darüber, ob ich Ihnen die Geschichte einer

rätselhaften Seereise von Mecklenburg

nach Südafrika überhaupt an dieser Stelle

erzählen soll - und darf, denn der HEIMAT-

RUNDBLICK berichtet eigentlich über

Ereignisse, die sich hier oder mit Bezug

zum Weser-Elbe-Dreieck zugetragen

haben. Ich könnte die Geschichte etwas

verbiegen und behaupten, sie hätte sich

hier in unserer Heimat-Region zugetragen,

doch es ist eine wahre Geschichte, die sich

belegen lässt, und so soll sie auch wahr

bleiben.

Die im weiteren Verlauf ungenannten

Personen des Forscherteams sind Lindsay

Frederick Braun, Junior Professor für

1864 Taufe in Harrismith - gemeinfrei

Geschichte an der Universität Oregon in

Oregon USA, Keith Dietrich, eremit. Professor

für visuelle Kunst an der Universität

Stellenbosch, Südafrika, und direkter

Nachkomme der Dietrich Familie in Südafrika.

Ich selbst bin lediglich Hobby-Familienforscher

und Mitglied der Genealogischen

Gesellschaft "Die Maus" im Staatsarchiv

Bremen.

Bei der Erforschung der untergegangenen

„A. K. Rheederei“ in Rostock, die dem

Kaufmann, Reeder, Banker und hannoverschen

und späteren preußischen Konsul

Albrecht Enoch Kossel gehörte, stießen wir

als internationales Forscherteam auf das

Transkribt einer Taufbucheintragung vom

8. Februar 1864 aus dem damals winzigen

Ort Harrismith im damaligen Orange Free

State, in dem es übertragen lautete:

… der Täufling „Albrecht Julius Siegismund

Dietrich“ sei bereits am 11. Januar

1864 geboren worden, doch drei besondere

Taufpaten seien aus Deutschland

angereist, die der Täuflings-Vater mit dem

Ochsengespann aus dem fast 300 km entfernten

Durban (Port Natal) abholte und

daher die Taufe erst fast einen Monat später

stattfinden konnte. So jedenfalls berichtet

es die alte mündlich überlieferte Familienhistorie!

Diese drei Taufpaten waren: Karl Albrecht

Ludwig Enoch Kossel (*1827-

†1919), Kaufmann, Reeder, und Hannoverscher

Konsul in Rostock, dessen Schwager

Julius Ernst Gottlieb Christian Jeppe

(*1821 - †1893), Gründer und Inhaber der

„Jeppe´schen Landmaschinen Bauanstalt

und Gießerei“ in Bützow, Mecklenburg, -

und der Schwager und ältere Bruder des

Täuflingsvater, Siegismund Ferdinand Dietrich

(*1819 - † vermutlich nach 1864)

[denn er erscheint 1864 als Tauf-Pate in

Harrismith] aus Dresden Neustadt im Königreich

Sachsen.

Den Dritten im Bunde, wir hatten wenig

Informationen über sein Leben, ließen wir

im ersten Durchgang außen vor, denn der

Pate Nummer 1 war Reeder und verfügte

über eine Reihe Schiffe auf allen Handelsrouten.

Auch hatte er sich 1846 als junger

Kaufmann beim Bootsbaumeister Wilhelm

Zeltz in Rostock eine prächtige seegängige

Yacht (35 Register-Tonnen) mit dem

Namen ROSTOCK bauen lassen, die in

Rostock auf der Warnow unter Kapitän

Fritz Düwel stets zu seiner Verfügung war

und vielleicht auf die Herren wartete, um

sie zur Taufe ins ferne Afrika zu bringen. Im

Geiste sahen wir die drei Herren, den

Kapitän und einen Matrose fröhlich gen

Afrika segeln…

In der Folge wurden viele Archive in

Mecklenburg, Sachsen, England und Südafrika

nach Dokumenten und nach Zeitungen

jener Zeit durchstöbert, um die damaligen

Schiffsnachrichten der Häfen Kapstadt

und Port Natal nach den Namen Kossel´scher

Schiffe zu durchstöbern. Doch

das Ergebnis der Recherche war niederschmetternd,

wir fanden viele interessante

Nachrichten, wir fanden die entsprechenden

Schiffsnachrichten über das Einlaufen

des Schiffes KAHLAMBO am 30 Mai 1861

von London kommend in Port Natal, mit

denen die Eltern des Täuflings im Jahre

1861 einwanderten, doch das Einlaufen

eines Kossel Schiffes im Jahre 1864 fanden

wir nicht! Erst sehr viel später im Jahre

1888 erregte ein Kossel´sches Schiff das

Interesse der örtlichen Presse in Afrika, als

die Kossel´sche Bark ALINE auf der Fahrt

18

RUNDBLICK Winter 2018


Im Nebel der Vergangenheit









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Seite 0

Taufbuch Februar 1864 ref. Gemeinde Harrismith-Kirchengemeinde Harrismith SA

Johann Moritz Dietrich; Im Nebel der Vergangenheit

Bruder Siegismund Ferdinand Dietrich, kirchlicher

Wochenzettel

von Cardiff nach Bangkok in Port Natal

Schutz suchen musste, sie war Leck eingekommen

und wurde kondemniert [für seeuntüchtig

erklärt] und verkauft.

Wir waren bereit, das Rätsel als ungelöst

zu betrachten und uns auf die mündlich

überlieferte Geschichte der Ochsen-

Gespann-Fahrt des Vaters über mehrere

100 Meilen von Harrismith nach Durban

und zurück einzulassen, denn es war ja

eine Geschichte, die vielen Nachkommen

bekannt war, und an die sie alle bis heute

glaubten. Auf Spuren des Reeders und

Kaufmanns Kossel war ich ja auch im

Süden Brasiliens gestoßen, wo er ab 1856

als Handelsmann und Besitzer einer Faktorei

in Devil´s Glen bekannt war. Doch es

blieben Zweifel, denn Kossel war ein erfolgreicher

Reeder und Julius Jeppe, der Gründer

einer erst 1856 gegründeten Landmaschinenfabrik.

Waren sie wirklich so einfach

abkömmlich um für ein halbes Jahr

auf Fahrt zu gehen, - um an einer Taufe in

Afrika teilzunehmen?

Der bisher wenig in Erscheinung getretene

Bruder Siegismund Ferdinand Dietrich

aus Dresden Neustadt bot einen letzten

Ansatz zur Überprüfung, denn vielleicht

fand ich in den Dresdner Archiven

der Amts- und Bürgerakten einen „roten

Faden“, dem wir nachgehen konnten.

Viele Bürger kommen mit der Staatsgewalt

in Kontakt und hinterlassen papierne Spuren,

weil sie die Steuern nicht pünktlich

zahlten, ein Gewerbe anmeldeten oder

schlicht bei einer unerlaubten Tat erwischt

wurden und sich vor dem Rat der Stadt

Dresden verantworten mussten.

Hilfesuchend wandte ich mich an meine

sächsischen Forscherkollegen mit der

Bitte, Lebensspuren des am 22. Dezember

1819 geborenen Bruders Siegismund Ferdinand

Dietrich aufzustöbern und zur Verfügung

zu stellen. Die Überraschung folgte

fast auf dem Fuße, denn einer der Kollegen

fragte sehr bald zurück, ob ich denn nicht

wüsste, dass der gesuchte Bruder Siegismund

Ferdinand Dietrich, Sohn des

Militär-Chirurgen Traugott Siegismund

Dietrich, 1822 im Alter von nur 2 ½ Jahren

verstarb und zu Grabe getragen wurde. Es

sei damit schlicht unmöglich, dass die

gesuchte Person 42 Jahre später als Pate

nach Südafrika gesegelt sei, außer als Passagier

auf einem Geisterschiff wie dem

„fliegenden Holländer“.

Der Kollege hatte Recht, unser gesuchtes

Schiff der Reederei A. K. in Rostock war

ein Geisterschiff, geboren aus einer angeblich

wahren und mündlich überlieferten

Geschichte, in der der Vater des Täuflings

seine Taufpaten und Gäste mit einem Ochsenwagen

durch Gebirge und Savannen

Afrikas über viele Meilen in einer anstrengenden

Fahrt zur Taufe fährt. Eine wahre

Geschichte, die die Großmütter ihren

Enkeln als „Gute-Nacht-Geschichte“ seit

Generationen überlieferten.

Herbert A. Peschel

Verwendete Quellen:

- „Die Schiffe der Rostocker Handelsflotte im

19. Jahrhundert bis zur Gegenwart“ von

Kapitän Heinrich Rahden, Hinstorff 1941.

- „Alphabetisches Verzeichnis der deutschen

Kauffahrteischiffe nach dem Bestande am 1.

Januar 1872“ herausgegeben vom Reichskanzler

Amte, Berlin, 1872.

- „Die Rostocker Rhederei im Anfange des

Jahres 1863“, von Otto Wiggers, Schiffsmakler

in Rostock, 1863.

- Schubert, “Mecklenburger Geschlechterbuch

Band 57-Ausgabe 1928“, Kossel Familie.

- Kopie des Taufbuches der ref. Kirchengemeinde

Harrismith im Orange Free State,

Februar 1864.

- G-1819-DIETRICH-Sigismund-Ferdinand,

kirchlicher Wochenzettel vom 19-23

Dezember 1819, Kreuzkirche Dresden Neustadt.

- S-1822-DIETRICH Ferdinand Siegismund,

kirchlicher Wochenzettel vom 24-30 Mai

1822, Kreuzkirche Dresden Neustadt.

- Zeitung „Natal Witness“ Jahrgang 1861

und 1864 und die darin enthaltenen Schiffsnachrichten„.

- „Rio Grande do Sul and ist German Colonies“,

by Michael G. Mulhall, printed by Longmans,

Green & Co, London 1873.

- Im Nebel der Vergangenheit, “ Die KOSSEL

Story“, Die Geschichte der Familie Kossel und

die A.K. Reederei in Rostock, 2018 by Herbert

A. Peschel.

RUNDBLICK Winter 2018

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Köksch un Qualm – mehr als ein Museum

Donnerstagsprogramm bietet für jeden etwas in der Stader Landstraße 46

DO 03.01.19 ausgebucht

Geschlossene Gesellschaft

Individuelles Programm für unsere

Buchungsgäste.

(Anmeldungen erbeten)

DO 10.01.19,14.00 Uhr

Zu Besuch im Köksch un Qualm

Weißnäherin Elsa, Waschfrau Sophie und

Meta, die Köksch, erklären die mühevolle

Hausarbeit um 1900. Herr Richtering, der

Zigarrenfabrikant, führt durch die Zigarrenausstellung

und im Salon werden

selbst gebackene Waffeln mit heißen Kirschen

und frischer Sahne serviert.

(Anmeldungen erbeten)

DO 17.01.19,15.00 Uhr

Neujahrsempfang für Freundinnen

des Hauses

Verbringen Sie an diesem Tag einen

geselligen Nachmittag mit bekannten

und unbekannten Gesichtern aus dem

Köksch un Qualm-Freundeskreis. Stoßen

Sie mit uns auf das neue Jahr an und läuten

Sie so gemeinsam mit uns das beginnende

Jahr ein.

(Anmeldungen erforderlich)

DO 24.01.19,15.00 Uhr

Der Zipfel, der Zapfet, der gelbrote

Apfel

Wir zaubern ßratapfelduft in die Luft - an

diesem Nachmittag möchten wir Sie dazu

einladen, sich gemeinsam mit uns in vergangene

Zeiten versetzen zu lassen. Denn

bereits um 1900 ließ sich diese süße

Leckerei in deutschen Haushalten finden.

Seit Generationen bezeichnen Bratäpfel

einen kulinarischen Genuss, welcher mit

Nüssen und Marzipan zu einer Delikatesse

wird.

(Anmeldungen erforderlich)

DO 31.01.19,15.00 Uhr Frühjahrsputz

mit Essig, Soda und Co.!

Der Frühling naht und mit den ersten

Knospen bringen viele ihre Wohnung auf

Hochglanz. Wir möchten Ihnen zeigen,

wie Sie mit Zutaten die (fast) jede/r

zuhause hat, ganz erstaunliche Ergebnisse

erreichen können. Essig, Zitronensäure,

Soda, Natron und Kernseife können problemlos

mit den meisten notwendigen

Reinigungsmitteln mithalten und diese

sogar ersetzen.

(Anmeldungen erbeten)

DO 07.02.19, Lesung -

Bremer Spezialitäten, 15:30 Uhr

Die Bremer Speckflagge steht für Welthandel,

aber auch für deftiges, bäuerliches

Essen und kennzeichnet die Vielfalt

der Bremer Küche. An diesem Nachmittag

lädt Christine Bongartz, alias Gesine

von Katenkampp, zu einem literarischen

Streifzug durch die Bremer Küche ein.

(Anmeldungen erforderlich)

DO 14.02.19,15.00 Uhr

Porzellanmalerei

Vom feinen Goldrand zum handbemalten

Markenporzellan. Schon immer haben

Menschen das Kreative-Schöpferische mit

dem Nutzen verbunden. Wir möchten

Ihnen an diesem Nachmittag den Rahmen

bieten, sich in der Porzellanmalerei

zu versuchen. Lassen Sie sich von uns

inspirieren.

(Anmeldungen erforderlich & Kosten

nach Materialaufwand)

DO 21.02.19,15.00 Uhr

Morgens wie ein Kaiser, mittags wie

ein König und abends wie ein Bettler -

Frühstück: Die wichtigste Mahlzeit am

Tag?

Den Tag mit einer guten Mahlzeit beginnen,

wie macht man das. Anregungen für

ein gesundes Frühstück gibt es wie Sand

am Meer, ohne viel Aufwand zeigen wir

Ihnen gerne einige Beispiele und laden

Sie zum Probieren ein.

(Anmeldungen erforderlich)

DO 28.02.19,15.00 Uhr

Von der Unaussprechlichen bis zum

Vatermörder

Prächtige Stoffe, aufwendig gefertigte

Kleider und opulente Stickereien. Eine

Zeitreise durch vergangene Modeepochen

bieten wir Ihnen an diesem Nachmittag

inklusive vieler Geschichten rund

um Etikette, Dresscodes und diverse Skurrilitäten

der Mode. Lassen Sie sich verzaubern.

(Anmeldungen erforderlich)

DO 07,03.19,15.30 Uhr

Eine kleine Hausmusik

Die Gelegenheiten zum Musizieren sind

so vielfältig wie ihre Anlässe. Wir möchten

Sie einladen in eine Zeit, in welcher Radio

und Fernsehen noch nicht verfügbar

waren. Heute soll es um die Kindermusik

der vergangenen Zeit gehen. Wir laden

zum Mitsingen ein.

(Anmeldungen erbeten)

DO 14.03.19,15.30 Uhr

Gastgeber Sprache: Nachts im

Ratskeller zu Bremen...

Die von uns allen sehr geschätzte Christine

Bongartz liest als Gesine von Katenkampp

aus den „Phantasien im Bremer

Rathskeller" von Wilhelm Hauff. Freuen

Sie sich auf einen unterhaltsamen Nachmittag.

(Anmeldungen erforderlich)

Do. 21.03.19,14.00 Uhr

Dekorative Osterkränze selber gestalten

Zu Ostern ist es besonders schön, das

eigene Heim frühlingshaft zu dekorieren.

Zaubern Sie Frühlingsstimmung mit

einem selbst gemachten Osterkranz. Rita

Wichmann leitet Sie an.

(Anmeldungen erforderlich & Kosten

nach Materialaufwand)

DO 28.03.19,15.00 Uhr

Bremen kocht!

Saisonale Köstlichkeiten.

Der Speiseplan anno dazumal war an die

Jahreszeiten gebunden. Die bäuerliche

Küche orientierte sich fast ausschließlich

an Flora und Fauna. Wir nehmen uns ein

Beispiel und lassen uns von dem Angebot

inspirieren. Lassen sie sich überraschen.

(Anmeldungen erforderlich)

Eintritt 3,00 € für das Donnerstagsprogramm;

inklusive szenischer Führung

durch die Ausstellung (auf Wunsch) in

Kombination mit den jeweiligen Hauptprogrammen/ggf.

zzgl. Materialkosten.

Ermäßigungen bitte an der Kasse erfragen.

Kaffee-Menü: 3,80 €/ Kinder 1,50 €

SONDERVERANSTALTUNGEN

Offene Handarbeitsgruppe

An jedem ersten Montag des Monats trifft

sich von 15:00-17:00 Uhr unsere Handarbeitsgruppe

unter der Leitung von Renate

Drögemüller. Feiertage ausgenommen!

Die nächsten Termine sind am

07.01.2019, 04.02.2019 und

04.03.2019.

Um Anmeldung (siehe unten) wird gebeten.

Frühstück im Köksch un Qualm

Wir bieten jeden ersten Mittwoch im

Monat ein offenes Frühstück zum Preis

von 6,80 € an, um Ihnen eine außerordentliche

Gelegenheit zu bieten unser

Museum kennen zu lernen und in besonderer

Atmosphäre in den Tag zu starten.

Es erwarten Sie Brot und Brötchen (l

Scheibe Schwarzbrot, l Brötchen), Aufschnitt,

Ei, Käse und Marmelade. Kaffee

20 RUNDBLICK Winter 2018


oder Tee stehen Ihnen satt zur Auswahl.

Um Anmeldung wird gebeten. Die nächsten

Termine für unser Frühstück finden

am 09.01.2019, 06.02.2019 und

06.03.2019 von 10:00-12:00 Uhr statt.

INDIVIDUELLE BUCHUNGSANFRAGEN

Feiern, Tagen und mehr!

Verbringen Sie im Museum ein paar

schöne Stunden und buchen das

Museum inkl. szenischer Führung und

weiterem Programm auf Anfrage.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch, mit Ihrer

Schulklasse, Ihren Freundinnen und

Freunden, Ihren Kindern, anlässlich Ihres

Geburtstages, als Ziel eines Fahrradausfluges

oder aber mit Ihren Arbeitskolleginnen

und -kollegen.

Allgemeine Öffnungszeiten

Sie können unser Museum am Donnerstag in der Zeit von 14-18 Uhr und jederzeit

nach Vereinbarung besuchen.

Anmeldungen

Sie erreichen das Köksch un Qualm-Team Mo., Di., Mi. und Fr. von 9-14 Uhr

sowie Do. von 12-17 Uhr persönlich unter der Tel.: 0421 636958-66.

Oder per E-Mail unter: zigarrenfabrik@bras-bremen.de

Barrierefreiheit ist bei uns gewährleistet!

„Dunkle Wolken überm Wolfsparadies“

Buchbesprechung

Von Kind an mit der Natur vertraut und

verbunden, möchte Hermann Kück mit

diesem Buch seine Erfahrungen als engagierter

Jäger und Naturschützer und

Wolfsberater die Rückkehr der Wölfe ins

Cuxland in Norddeutschland aus Sicht der

Wölfe vermitteln. Die Geschichten sollen

zum Nachdenken und auch zu

Gesprächen zwischen Pädagogen, Eltern,

Großeltern und Kindern anregen und

dabei Auge und Ohr des Lesers für Verständnis

auf diese Wildart sorgen, die wieder

zurückgekehrt ist an die Stätten ihrer

Ahnen, ins wildreiche Cuxland, um hier in

Ruhe eine Heimat zu finden.

Der Autor gibt Wölfen einen Namen

und lässt sie von ihren glücklichen Jahren,

traurigen Ereignissen und bitteren Ende

eines Wolfsrudel berichten und zeigt

gleichzeitig mit authentischen Fakten die

Konflikte zwischen Mensch und Wolf auf,

in einer sich veränderten Kulturlandschaft

mit all ihren Facetten. Der Künstler Heinz

Glaasker aus Beverstedt ist der Illustrator

des Buches von Hermann Kück.

Das Buch „Dunkle Wolken überm Wolfsparadies“

kostet 6,95 Euro, bei Postversand

inkl. Versandkosten zehn Euro.

Bestellungen bitte per E-Mail an

hk.for.nature@web.de

Maren Arndt

RUNDBLICK Winter 2018

21


. . . sonst kommst Du nach Ellen!

Zweiter Teil der kleinen Ellener-Hof-Trilogie

Vorab:

Bis zum 24. Februar 2019 wird in einer

Ausstellung in der Galerie im Park 1) auf

dem Gelände des Klinikum Ost erstmalig

gezeigt, wie der Alltag von Bremer Jugendlichen

in den Heimen der Jugendfürsorge

aussah, was sich hinter dem Begriff der

"Rassenhygiene" verbarg und was daraus

zwischen 1933 und 1945 tatsächlich folgen

konnte - und oft genug auch folgte 2) .

Von dieser Ausstellung, an deren Vorbereitung

der Verfasser in bescheidenem

Umfang mitwirken durfte, ist der folgende

kleine Beitrag in Teilen mit beeinflusst.

1. Die Jahrzehnte des

Aufbaus

Die industrielle Revolution und die etwa

zeitgleich ablaufende 'Bauernbefreiung'

veränderten im 19. Jahrhundert Wirtschaft

und Gesellschaft in unserem Land so tiefgreifend,

wie dies erst wieder mit der digitalen

Revolution rund 150 Jahre später

geschehen sollte. Allerdings kann man

sich heute nur schwer vorstellen, zu welchen

Existenznöten damals die sozialen

Verwerfungen in weiten Teilen der Bevölkerung

führten.

Die überkommenen sozialen Strukturen

wurden durcheinander gewirbelt, neue

Schichten entstanden; das sprunghaft

anwachsende Stadtproletariat wurde zum

massenhaften Träger des Wohlstands von

nur wenigen. Ihre rücksichtslose Ausbeutung

durch vor Gier entfesselte Unternehmer

ließ viele unter ihnen zu verarmten,

übermüdeten, hungrigen und zunehmend

krankheitsanfälligen Wesen ohne menschenwürdige

Lebensperspektive verkommen,

deren Kinder fast zwangsläufig verwahrlost

auf der Straße herumlungerten

und allzu oft straffällig wurden. Für diese

kollektive soziale Katastrophe, die die Ord-

Ein stattliches Anwesen

nung im Lande zu sprengen drohte, fühlte

sich seinerzeit kein Staat und keine Politik

verantwortlich. Allein mit repressiven polizeilichen

Maßnahmen versuchten die

zuständigen Stellen die staatliche Ordnung

aufrecht zu erhalten oder, wo bereits

erforderlich, wiederherzustellen. Der

Menschen in Not, vor allem der Familien,

nahmen sich zuerst - nicht nur in Deutschland

- Geistliche und andere 'barmherzige'

Personen aus bürgerlichen Kreisen an.

Motiviert wurden sie dabei zum einen von

ihren sozialen Gewissen, nicht selten aber

auch von dem Wunsch nach Ruhe, Ordnung

und lebenswerten Verhältnissen in

ihrer Umgebung, an ihrem Wohnort. Zu

diesen engagierten Menschen gehörte der

1788 geborene Bremer Pastor Georg Gottfried

Treviranus, ein Anhänger der

Erweckungsbewegungen.

Treviranus, der zu den Gründern der

Diakonie oder Inneren Mission in Deutschland

und des Deutschen Evangelischen Kirchentages

gehörte, war als sozial engagierter

und zupackender Zeitgenosse

bekannt - und ein gewinnender dazu. Insgesamt

20 gemeinnützige Vereine für

soziales Wirken in unterschiedlichen Bereichen

soll er gegründet haben. Auf der

Suche nach einem Ausweg aus der wachsenden

Armutsverwahrlosung Jugendlicher

wurden er und Mitstreiter aus der Bremischen

Gesellschaft, die die soziale

Sprengkraft dieses Gemischs aus Hoffnungslosigkeit

und schierer Wut gerade

unter jungen Menschen klar erkannt hatten,

um 1845 auf das Rauhe Haus im

damaligen Horn bei Hamburg 3) aufmerksam.

Diese, 1833 auf Initiative des damals

erst 25 Jahre alten Theologen und Sozialpädagogen

Johann Hinrich Wichern als

Stiftung gegründete Anstalt "zur Rettung

verwahrloster und schwer erziehbarer Kinder"

sollte seine Insassen - zunächst Jungen,

später auch Mädchen - durch eine

Foto: 1846-1971 „125 Jahre Ellener Hof“

schulische und praktische Ausbildung,

einen geregelten Alltag und ein positiv

ausstrahlendes Gemeinschafsleben zu

selbstbestimmten, lebensbejahenden Persönlichkeiten

reifen lassen. Wobei es

Wichern von größter Wichtigkeit war, dass

selbst kriminell gewesenen Zöglingen, die

rund um die Uhr unter Bewachung stehen

mussten, stets auf Augenhöhe begegnet

wurde. (Der Artikel 1 unseres Grundgesetzes,

der die Unantastbarkeit der Würde

jedes Menschen festschreibt, warf seine

Schatten voraus!) Von Wichern selbst

zuerst "Rettungshaus" genannt, hatte die

Einrichtung mit seinem zukunftsweisenden

sozialpädagogischen Konzept schon

in den ersten 12 Jahren seines Bestehens so

beachtliche Erfolge vorzuweisen, dass es

bereits zu einem "Rettungsdorf" angewachsen

war.

Hiervon ließ sich die Gruppe um Treviranus,

unter ihnen mehrere Senatoren und

Geistliche, Ende März 1846 zu einem Aufruf

an die Bürger Bremens inspirieren.

Darin forderten die Herren die Gründung

eines Vereins zum Bau und Betrieb eines

Rettungshauses für Bremen. Gefängnisse,

so argumentierten sie, seien zur Rettung

auf die schiefe Bahn geratener Kinder und

Jugendlicher ungeeignet. Als geeignetes

Gelände hatten sie sich ein etwa 12 Morgen

großes Grundstück in der Ellener Feldmark,

einer wenig besiedelten Gegend am

Stadtrand ausgesucht. Am 4. Juni 1846

wurde der Verein Ellener Hof gegründet

und mit seinen dort verabschiedeten Statuten

am 10. Juni vom Senat genehmigt.

Der Erfolg auch dieser Einrichtung ließ, wie

bei seinem Hamburger Vorbild, nicht

lange auf sich warten. Im Juli 1847, vier

Tage nach der Eröffnung des Rettungshauses,

wurde der erste Zögling aufgenommen.

Ohne Mauern, ohne körperliche

Züchtigung, ohne Ausschluss aus der

Gemeinschaft, wenn auch nicht ohne Aufsicht

- so sollten die Zöglinge im Wechsel

von Lernen, Arbeiten, Spielen und Muße

erfahren, dass es mehr zum Leben gab als

das, was sie in ihrer Kindheit bis dahin

erlebt hatten. Eine gelebte familiennahe

Zuwendung, so die Erwartung der Verantwortlichen,

sollte den Jungen 4) das Rüstzeug

dazu vermitteln, später in eigenen

Familien in diesem Sinne zu leben.

Die Aufnahmekapazität wurde zunächst

auf 12 bis 15 Personen ausgelegt. Doch bis

zum März 1849 waren es bereits 17. Nach

und nach musste die Anlage erweitert werden.

Zu den Ausbaumaßnahmen der

ersten Jahrzehnte gehörten vor allem die

Einrichtung eines sachgerechten Schulbetriebs

und einer pädagogisch ausgerichteten

Land- und Gartenwirtschaft, die dem

22

RUNDBLICK Winter 2018


Ellener Hof zugleich, wenn auch mit Einschränkungen,

eine gewisse Versorgungsautonomie

gewährte, und wozu weiteres

Gelände hinzugekauft werden konnte.

Keine 40 Jahre nach seiner Gründung

konnte die Anlage fünf 'Familien' zu je 12

Kindern und Jugendlichen, zumeist im

Alter zwischen 9 und 14 Jahren, eine Heimstatt

bieten.

Finanziert wurde die Arbeit des Ellener

Hofs zu dieser Zeit durch

- Beiträge der Vereinsmitglieder,

- Kost-, später Pflegegeld, das von der einweisenden

Behörde zu genehmigen war,

- "Actien" als Spenden aus der Bevölkerung,

die automatisch zur Vereinsmitgliedschaft

berechtigten,

- Erträge aus den eigenen landwirtschaftlichen

und Gartenbaubetrieben,

- sonstige Spenden und Legate.

Der bekannteste und wohl auch großzügigste

Förderer der Arbeit des Ellener Hofs

war der auf Hawaii als "Zuckerbaron" zu

Wohlstand gekommene Consul Paul Isenberg.

Von 1896 bis 1902 Rechnungsführer

des Vereins, hinterließ er dem Verein

nach seinem Tod 1903 testamentarisch

die damals stolze Summe von 10.000

Mark. Wie weit das Engagement der Träger

der "Rettungsanstalt" ging, zeigt sich

nicht zuletzt daran, dass auf dem Gelände

eine eigene Schule mit einem eigenen

Lehrplan eingerichtet wurde, als klar war,

dass sich weder der Staat noch die Kirche

in der Lage sahen, solchen 'Delinquenten'

Aufnahme an ihren Schulen zu gewähren.

2. Jahre zunehmender

Unmenschlichkeit

Gegen Ende des Ersten Weltkriegs

wurde die Lage des Ellener Hofs prekär. Es

fehlte an Nahrung, an Personal - überhaupt

an allem, was eine solche Einrichtung

benötigt, um ihren Auftrag ordentlich

zu erfüllen. Nach dem Krieg zehrten

zudem Inflation und Weltwirtschaftskrise

bei geringeren Belegungszahlen und sinkenden

Zuwendungen je zugewiesenem

Zögling das Vereinsvermögen auf. Überleben

konnte die Einrichtung durch ein entschlossenes

Zusammenrücken der Verantwortlichen

aus gemeinsamer Not heraus -

und durch die Erträge aus der Landwirtschaft.

Zu den 40 Morgen, die der Verein

zu der Zeit sein eigen nennen konnte,

kamen noch einmal 32 Morgen an

gepachtetem Land hinzu. Trotzdem

drohte dem Ellener Hof 1934 wegen zu

geringer Belegung erneut die Schließung.

Was ohne Zweifel auch mit der radikalen

politischen Wende der Zeit zu tun hatte.

Das seinerzeitige Gesuch der Leitung an

das Bremer Jugendamt um Zuweisung

weiterer Kinder und Jugendlicher wurde

mit der Begründung abgelehnt, dass solche

Erziehungsheime fortan entbehrlich

seien, da es in der neuen Zeit keine sozial

geschädigte oder der Fürsorge bedürftigen

Kinder mehr gebe. Dennoch wurden

bald darauf wieder Kinder an die Einrichtung

überwiesen - zur Entlastung des überfüllten

evangelischen St. Petri-Heims.

Das reformpädagogische Aus für den

Ellener Hof kam im Januar 1936 durch eine

Verfügung des Jugendamts Bremen:

"Dem Knabenwaisenhaus werden alle erbgesunden

und rassisch einwandfreien Jungen

überwiesen . . . Der Ellener Hof erhält

grundsätzlich alles Minderwertige und die

nicht arischen Kinder . . ." Mit einem

Schlag waren nicht nur die persönlichen

Entwicklungschancen zahlreicher straffällig

gewordener, geistig behinderter oder

einfach nur unangepasster Kinder und

Jugendlicher, sondern ihr Leben selbst

gefährdet. Hiergegen hat der seinerzeitige

Heimleiter Georg Rehse 5) als überzeugter

Verfechter der nationalsozialistischen

Arier- und Auslese-Ideologie kaum, wenn

überhaupt etwas, unternommen.

Aus einer auf Liebe und familiäre Geborgenheit

gestützten Fördereinrichtung

wurde eine Aufbewahrungs- und Ausleseanstalt,

gleichsam nach Art einer Tierzuchtstation.

Zucht, Ordnung und strenge

Strafen bestimmten nun den Alltag im

Heim. Flucht oder Fluchtversuch, zum Beispiel,

galten als besonders schwere Missetaten

und konnten mit Dunkelarrest bei

Wasser und Brot geahndet werden. Bettnässern

wurden die Haare geschoren oder

die warme Mahlzeit entzogen. Eltern, die

von solcherlei Praktiken erfuhren, hatten

nur in den seltensten Fällen die Möglichkeit,

hiergegen vorzugehen. Post wurde

zensiert, und nur allzu oft wurden die

Briefe der Jungen an ihre Eltern zurückbehalten.

Besonders ergreifend waren für

den Verfasser dieser Zeilen die Beispiele

ungelenk verfasster Briefe, in denen junge

Insassen Eltern um ein gutes Wort bei der

Heimleitung baten, damit ihnen der

ohnehin nur seltene 'Heimaturlaub' auch

gewährt würde, oder in denen sich andere

besonders auf den bevorstehenden 'Heimaturlaub'

freuten und zugleich hofften,

dass er diesmal auch (endlich!) zustande

komme - was eben oft genug mit wenig

überzeugeden Gründen verweigert

wurde. Solche rabiaten Praktiken sind auch

noch nach dem Ende des Nationalsozialismus

bis gegen Ende der 1960er Jahre

dokumentiert!

Besonders düster ist die Geschichte der

Zusammenarbeit des Ellener Hofs mit Einrichtungen,

die der 'Aussonderung unwerten

Lebens' dienten. Dabei muss es heutigen

Zeitgenossen schon pervers anmuten,

dass es die 34 Jungen, die etwa in das

berüchtigte Bodelschwingh'sche Heim für

'schwersterziehbare' Jungen in Freistatt im

Landkreis Diepholz überstellt wurden,

nicht einmal am schlimmsten getroffen

haben musste. Durch Sterilisation sind

rund ein Dutzend Jungen (und mindestens

zwei durch Kastration) 'aus dem Erbstrom

Computersimulation

Paul Isenberg 1837-1903

Foto: 1846-1971 „125 Jahre Ellener Hof“

des deutschen Volkes entfernt' worden.

Inwieweit die "Führerermächtigung" vom

September 1939 zur Gewährung des

"Gnadentodes für unheilbar Kranke" zu

einer direkten Zusammenarbeit mit der

staatlichen Todesmaschinerie führte, hat

sich bisher nur sehr bruchstückhaft feststellen

lassen. Der Aktenlage nach

erscheint der nicht als besonders zimperlich

bekannte Heimleiter Rehse gerade

Überweisungen Einzelner in die Psychiatrie

gegenüber sehr zurückhaltend gewesen

zu sein. Gesicherter ist dagegen, dass es

Heiminsassen gab, die auf direktem Weg

oder über den Umweg weiterer Anstalten

- etwa vom Ellener Hof nach Freistatt, dann

in das Jugendschutzlager (= Konzentrationslager)

in Moringen bei Göttingen - in

die 1904 gegründete Heil- und Pflegeanstalt

Meseritz-Obrawalde kamen, die zu

der Zeit zum Netz der Euthanasie-Anstalten

im Reich gehörte.

Zumindest von

einem ehemaligen Heimbewohner des

Ellener Hofs, dem damals 21-jährigen

Georg Olschenka ist belegt, dass er im

Dezember 1943 in Obrawalde mit der

Giftspritze ermordet wurde. Zwei weitere,

Selmar Störmer und Helmut Bödeker, verloren

ihr Leben mit 19 bzw 20 Jahren in der

berüchtigten Hessischen Anstalt Hadamar.

.

3. Holpriger Neustart

Mit dem Ende des Krieges zogen

zunächst 400 Soldaten der britischen

Besatzungsarmee in die weitgehend intakt

gebliebenen Gebäude ein. Die wenigen

Jungen, die nicht zu ihren Familien zurückgebracht

werden konnten, wurden im Keller

und in den Ställen des Heims untergebracht

- jedoch nur für kurze Zeit. Als die

amerikanischen Streitkräfte bald darauf

Bremen und Bremerhaven übernahmen,

wurde das Heim in kurzer Zeit von der US-

Militärgerichtsbarkeit mit Delinquenten

hoffnungslos überbelegt. 1948 entspannte

sich die Lage. Nur wurden dem

Ellener Hof von den früheren 'Partnern',

den zuständigen Ämtern, den Polizeistellen

oder den Eltern zu wenige Kinder oder

RUNDBLICK Winter 2018

23


und Boden gab Anlass zu dem Vorhaben,

eine Altenwohnanlage für betreutes Wohnen

mit 82 Einheiten und ein Pflegezentrum

mit 100 Einzel- und 19 Doppelappartements

zu errichten, letzteres im

Zusammenwirken mit dem "Forum Ellener

Hof e.V.", der neu gegründeten Tochter

einer gemeinnützigen Betreiberin von

Altenpflegeeinrichtungen aus Oldenburg.

Nach vielversprechendem Anfangselan

stellte sich indes heraus, dass es dem Verein

Ellener Hof noch an der nötigen Erfahrung

fehlte, um auf dem doch recht komplexen

Markt der Altenbetreuung und -

pflege dauerhaft zu bestehen.

Im Sommer 2015 löste sich der Verein

Ellener Hof endgültig auf und schenkte das

gesamte Gelände der Bremer Heimstiftung

zur weiteren Nutzung und Entwicklung.

Seither herrscht auf dem nun "Stiftungsdorf

Ellener Hof" genannten Areal eine

geradezu unglaublich produktive Unruhe.

Es wird dort geplant, konkretisiert, zerlegt,

beseitigt, umgeplant, gebaut und wieder

umgeplant und weiter gebaut.

Darüber mehr im letzten Teil unserer

kleinen Trilogie.

1846 konnte man noch „Actionair“ werden, wenn das neue Mitglied des „Verein für den Ellener

Hof“ mit guten, harten „Reichsthalern“ beitrat.

Foto: 1846-1971 „125 Jahre Ellener Hof“

Jugendliche zugewiesen, um einen rentablen

Betrieb aufbauen und aufrecht erhalten

zu können. Der Wind der Zeit hatte

gedreht; die nicht immer zu Recht als

preußisch verschriene Strenge in der Erziehung

Jugendlicher war durch Kriegserfahrung

und Einfluss vor allem der amerikanischen

Besatzer einem entschieden lockereren

Umgang miteinander gewichen. Erst

nach verschiedenen personellen, organisatorischen

und baulichen Veränderungen

kam der Betrieb langsam wieder in Gang.

Doch bis Ende der 1960er Jahre war, als

erzieherisch notwendig definierte, übermäßige

Strenge, die schnell in menschenunwürdige

Härte umschlagen

konnte, auf dem Ellener Hof noch präsent.

Daher auch rührt die Drohung, die mehr

als nur einer Generation ehemals Bremer

Jünglingen noch heute in den Ohren

klingt: "…sonst kommst Du nach Ellen."

Mag sich dieser, irgendwann zum geflügelten

Wort mutierte Spruch auch nicht

ausschließlich auf den Ellener Hof, sondern

ebenso auf die nahegelegene psychiatrische

Anstalt bezogen haben, für die Jungen

lag der Focus eindeutig auf der Erziehungsanstalt.

Anfang der 1970er Jahre gelang es der

dann verantwortlichen Heimleitung unter

der Führung des couragierten und Neuem

zugetanen Klaus Jacobsen, an die reformpädagogischen

Anfänge des Rettungshaus-Konzepts

ideell anzuknüpfen und

Menschenwürde und Augenhöhe wieder

zur Grundlage des Zusammenlebens und

24

damit auch von Therapiemaßnahmen,

Ausbildungsprogrammen und Freizeitgestaltung

zu machen. Seine spektakulärste

Maßnahme, das eine Zeit lang jährlich

durchgeführte, rund sechsmonatige therapeutische

Überlebenstraining in der zivilisationsfernen

Tundra Lapplands für besonders

problematische Jugendliche, stieß

sogar überregional auf großes Interesse.

Auch aus anderen Bundesländern kamen

nun Anfragen nach Plätzen für schwierige

Jugendliche. Mit der Zeit wuchs die Belegung

bis auf 160 Personen an, wodurch

eine individuelle Betreuung der Heiminsassen

nur noch schwer durchzuführen war.

Als nach und nach auch in anderen Teilen

der Bundesrepublik ähnliche Einrichtungen

entstanden, wurden bald fast nur

noch die schwierigsten Jugendlichen nach

Bremen zum Ellener Hof geschickt, was

einer engagierten pädagogischen Arbeit

nicht besonders zuträglich war. Schweren

Herzens musste der Vorstand des Vereins

Ellener Hof die Pforten der Einrichtung

zum 30. Juni 1989 schließen.

4. Phoenix

Auf der Suche nach einem neuen sozialen

Betätigungsfeld entdeckte der Vereinsvorstand

den wachsenden Anteil an Senioren

in der Bevölkerung mit ihren stärker ins

allgemeine Bewusstsein dringenden

Bedürfnissen nach altersgerechter individueller

Lebensgestaltung. Der noch im

Eigentum des Vereins befindliche Grund

Literaturauswahl:

Robert Fuchs: "Und keiner hat sich gekümmert!"

Dokumentation zur Geschichte der

Bremer Heimerziehung 1945-1975. Herausgegeben

im Auftrag des Arbeitskreises zur

Aufarbeitung der Heimerziehung im Land

Bremen. Bremen 2012.

Gerda Engelbracht: "Denn bin ich unter das

Jugenamt gekommen“. Bremer Jugendfürsorge

und Heimerziehung 1933 – 1945.

Edition Falkenberg, Rotenburg/Bremen

2018.

Klaus Jacobsen: Wohin der Wind uns treibt.

Mit Problemjungen in Lappland. Verlag

Klaus Neubauer, Lüneburg 1988.

Verein Ellener Hof: Chronik einer seit 1846

von uneigennützigem Bürgersinn geprägten

Bremer Einrichtung. Donat Verlag, Bremen

2002.

Jens Uwe Böttcher

1) KulturAmbulanz, Galerie im Park, Züricher

Straße 40, 28325 Bremen, Telefon

0421/408-1757

2) Näheres:

https://kulturambulanz.de/galerie/ausstellungen/jugendfuersorge_ausstellungstext_al

lgemein.php

3) Horn wurde 1874 Hamburg angegliedert,

1894 eingemeindet.

4) In dieser Einrichtung gab es zu keiner

Zeit Mädchen. Für sie wurde 1870 in Rockwinkel

mit dem Hartmanns-Hof eine eigene

Einrichtung geschaffen. Daraus ist das jetzige

Hermann Hildebrand Haus hervorgegangen.

5) 1901 geboren; seit 1928 auf dem Ellener

Hof in leitender Position tätig, von 1931 bis

1957 ( ! ) offiziell mit seiner Leitung

betraut.

RUNDBLICK Winter 2018


eMobilität, na und……

Nissan LEAF got thirsty

Die eMobilität ist in aller Munde, besser

gesagt, scheinbar lebensnotwendig und

Top-aktuell. Immer wieder lese ich in der

Tageszeitung Beiträge, über die ich

gelinde meinen Kopf schüttele und der

darin verlautbarten Meinung in gar keiner

Weise beipflichten kann. Ich selbst besitze

ein eBike und habe einen Tachostand von

über 9.000 km, doch trage ich damit auch

etwas zum Thema sauberere Luft bei?

Hand aufs Herz, hier ist der Widerspruch

des Lesers gefordert!

Weit gefehlt, ich bin gehbehindert und

asthmatisch und kann so etwas zu meiner

eigenen Mobilität beitragen. Das war für

mich vor einigen Jahren der Beweggrund

für eine Investition von ca. 2.200,- €. Wer

dann auch glaubt, damit kostengünstig

durch die Welt kurven zu können, ist

„schief gewickelt“. Etwas noch voraus

geschickt, ich bin Automatisierungs-Ingenieur

im Ruhestand und kenne die exakten

Berechnungsformeln, doch hier habe ich

grob vereinfacht, um dem unbeleckten

Leser einen Einstieg ohne Fachkenntnisse

in das Thema zu ermöglichen.

Das Bike hat einen Akku mit einer Kapazität

von knapp einer halben Kilowattstunde

(kWh) und kann damit bestenfalls

mit geringerer Unterstützung eine Entfernung

von knapp 75 km weit fahren. Mit

verbilligtem Nachtstrom von 21,6 Cent /

kWh benötige ich, Verluste einmal nicht

mit berücksichtigt, für eine volle Ladung

nur so um die 10,8 €-Cent. Doch beim

Kilometerstand von etwa 9.000 km hat das

Quelle: Wikipedia

Getriebe schlapp gemacht, dieses ist nur in

einer Einheit mit dem Antriebsmotor zum

Preise von knapp 800, -€ lieferbar, was

etwa 8,9 €-Cent/km ausmacht.

Der Akku selbst besitzt nach einer Fahrleistung

von 9.000 km noch eine Kapazität

von etwa 75 % (~ 281 Wh). Nach der vereinfachten

Faustformel N = 75 % ~ 0,75²

= ~52, 5 % Kapazität, was etwa noch einer

Fahrtstrecke von etwas mehr als 50 % entspricht.

Mein Rat: Fahren Sie den Akku nie

ganz leer (< 20 %) sonst kommen Sie in

den Bereich der Tiefentladung und dann

haben Sie das Problem, den Akku überhaupt

wieder laden zu können. Die Konsequenz,

bei etwa 1.000 Ladezyklen ist der

Akku am Ende seiner Kapazität, Ladefähigkeit,

Lebensdauer und muss durch einen

Ersatz-Akku ausgetauscht werden, der eine

Investition von ca. 750 € erfordert und

damit etwa weitere Kosten von 7,5

Cent/km in der Nutzen-Analyse beiträgt.

Diese Kosten sind auch etwa proportional

für ein eMobil anzusetzen. Erinnern wir

uns an den guten VW-Standard Käfer von

1960. Der hatte mit einem Luft gekühlten

4 Zylinder Boxer-Motor einen Verbrauch

von etwa 10 Liter/100 km, erreichte 120

km/h, hatte eine Leistung von 24 PS, was

umgerechnet heute 17,65 kW entspricht.

Nimmt man diese recht bescheidene

Leistung von 17,65 kW und ist mit einer

Geschwindigkeit von 100-120 km/h unterwegs,

so hat man nach einer Stunde

bestenfalls 100-120 km zurückgelegt und

dafür um 17,65 kW/h verbraucht.

Sollte dieser e-VW aber etwa 300 km mit

einer Akku-Ladung schaffen, so muss der

Akku eine Kapazität von mindestens 3 x

17,65 kW = 53 kW haben, denn einen

Reservetank hat man dafür nicht.

Nun stellen wir uns vor, wir haben

unsere Wohnung damit erreicht und wollen

unseren e-VW an einer Haushaltssteckdose

230V/16 A (EU-Norm 16 A) betanken,

so können wir damit eine Leistung

von 3600 Watt (3,6 kW/h) bereitstellen

und würden für eine „Betankung“ (53

kWh/3,6 kWh/h) mindestens die Zeit von

14,7 Stunden benötigen. Um nach 8 Stunden

wieder ins Büro zu fahren, müssen wir

etwas mehr Leistung bereitstellen können.

Nun noch etwas Essig in den köstlichen

Wein, das Ausrollen des Verlängerungskabels

für den Rasenmäher über einen

öffentlichen Gehweg ist verboten, insbesondere

bei Nacht (Stolperfallen). Haben

Sie ein eigenes Haus mit Garage oder Car-

Port haben Sie Glück, denn sie könnten

sich ggf. dort eine leistungsfähigere Ladestation

errichten und in kürzerer Zeit ihr

Fahrzeug wieder einsatzfähig machen.

Doch was machen Mieter in einer Mietwohnung

ohne Garage und die Möglichkeit,

dort eine Ladestation zu errichten?

Eines bleibt Ihnen nicht erspart, diesen

Akkumulator mit einer Kapazität von 53

kW/h können Sie beim Kaufpreis nicht mit

Ihrem bisherigen 12V Blei-Akku für ihren

Verbrennungsmotor gleichstellen, denn

die System-Spannung im e-Auto wird bei

über 100 Volt liegen. Rechnen Sie bitte mit

einem deutlich höheren Preis, 2017 lag der

Preis bei etwa 200 € pro kW/h, bei 53

kW/h dürfen Sie mit Kosten um 10.000 €

rechnen. Noch Fragen?

Kalkhoff eBike

Herbert A. Peschel

RUNDBLICK Winter 2018

25


Die geflüchtete Madonna

in der katholischen Pfarrkirche St. Johann im Bremer Schnoorviertel

Die aus Dresden stammende Mondsichel-

Madonna ( um 1500)

Foto: Sven Nagewitz

Schaufront der katholischen Propstei-Kirche

St. Johann. Davidstern unter dem Christuskreuz

Foto: Sven Nagewitz

Franziskaner-Mönch vor der Pfarrkirche St.

Johann

Foto: Sven Nagewitz

Während einer Kulturreise durch Sachsen

im April 1992 unter der Leitung von

Wilhelm Tacke, ehemals Öffentlichkeitsreferent

der katholischen Kirche in Bremen,

besuchten wir auch Dresden.

Bei einer Stadtrundfahrt berichtete der

Reiseleiter, dass dort die Familie Herrschel

eine Mühle besessen habe und in der Zeit

um 1950 nach Bremen geflüchtet sei.

Das alleine ist gewiss nicht besonders

erwähnenswert, doch zum Umzugsgut

gehörte auch eine wertvolle, spätgotische

Mondsichel-Madonna, die in Dresden die

Bombardierung der Stadt unversehrt überstanden

hatte. Durch verwandtschaftliche

Bindung zu der hiesigen Mühlenbesitzer-

Familie Erling fand Theodor Herrschel ein

neues Betätigungsfeld in der Geschäftsleitung

der Bremer Roland-Mühle.

Auch hier, wie in Dresden, war die

schöne Madonnenfigur am Arbeitsplatz

des Herrn Herrschel zu bewundern. Die

Skulptur hatte die Kriegswirren und auch

die Flucht aus Dresden gut überstanden, in

Bremen jedoch geschah ein furchtbares

Unglück in der Roland-Mühle.

Im Februar 1979 verwüstete eine

enorme Mehlstaubexplosion weite Teile

der Fabrikanlage und auch der Verwaltungstrakt

wurde in Mitleidenschaft gezogen.

Bei diesem furchtbaren Ereignis verloren

14 Menschen ihr Leben.

Wie durch ein Wunder blieb die Heiligenfigur

von Beschädigungen verschont.

Das Ehepaar Herrschel war sich danach

einig, die schöne Mondsichel-Madonna

dem Propst August Sandtel und somit in

die Obhut der katholischen Kirche St.

Johann zu übergeben. Im Einvernehmen

mit dem damaligen Landesdenkmalpfleger

Karl Dillschneider kam die Madonna

an die nördliche Chorwand der Kirche.

Dort blieb sie bis zur Restaurierung i. J.

1994. Dann ließ Propst Klaus Plate sie

zunächst provisorisch hinter dem Altar der

"Krypta" anbringen.

Sowohl der Geistliche als auch die

Witwe Elisabeth Herrschel waren nun der

Meinung, dass dies nun ein dauerhafter,

würdiger Platz für die Madonna sein

könnte, um als Schmuckstück in diesem

Raum zu wirken. Das genaue Entstehungsdatum

ist leider nicht bekannt, man

kann aber davon ausgehen, dass es sich

um eine Arbeit aus dem I5ten Jahrhundert

handelt.

Bleibt noch anzumerken, dass die Familie

Herrschel der protestantischen Konfession

angehört - umso mehr konnte man

sich dem Dank der katholischen Pfarrgemeinde

St. Johann gewiß sein.

Rechts neben der Madonna hängt ein

Kruzifix, ebenfalls aus dem vorletzten Jahrhundert.

Es ist ein Geschenk einer Bremerin,

die mit einem Südtiroler Herrgottschnitzer

verheiratet war und aus dessen

Familie stammt das Kreuz.

Die Frage, was ist nun eine Mondsichel-

Madonna, beantwortet Wilhelm Tacke in

der Broschüre des Bremer Heimatbundes

vom Winter 1998, Heft 139 wie folgt,

jedoch gekürzt wiedergegeben:

Der Typ der Mondsichel-Madonna entspringt

der im Mittelalter so beliebten

Gleichsetzung der Gottesmutter mit dem

Weib in der Apokalypse (Offenbarung) des

Heiligen Johannes.

Maria ist von der Sonne bekleidet, von

den Sternen bekrönt, und sie steht auf

dem Mond. Das Jesuskind auf dem Arm

und hält einen goldenen Apfel in der

Hand. Die katholische Pfarrkirche

St.Johann ist die ehemalige Klosterkirche

der Franziskaner Mönche, die auch nach

der Reformation in ihren Räumen noch

Kranke gepflegt haben.Von der ehemaligen

Klosteranlage ist lediglich die Kirche

erhalten geblieben und sie zählt zu einer

der schönsten Gotteshäuser Bremens.

Ich empfehle Ihnen, lassen Sie sich bei

einem Besuch dieser bedeutenden Pfarrkirche

und besonders durch deren Exponate

einen Augenblick vom Alltagsgeschehen

ablenken; es lohnt sich.

R. Matzner

26 RUNDBLICK Winter 2018


Reiche Bremer im Jahre 1917

Osterdeich- Villen

Das Bremische Jahrbuch, Bd. 78 aus

dem Jahr 1999, herausgegeben vom

Staatsarchiv Bremen, enthält u.a. einen

Artikel von Dr. Günther Rohdenburg mit

dem ambivalenten Titel „Straßen der Millionäre“.

Dr. Rohdenburg war zum Zeitpunkt

dieses Artikels Mitarbeiter beim

Staatsarchiv Bremen und hatte so einen

profunden Überblick über die Archivalien.

Er hat eine Liste über „Vermögen von über

100.000,- Mark aus dem Jahre 1918“ mit

personenbezogenen Daten ausgewertet.

Bevor ich auf diese Personen eingehe,

soll vorweg die steuerliche Situation in Bremen

geschildert werden. Das Jahr 1876

brachte eine einschneidende Veränderung

mit der Regelung der Vermögenssteuer.

Bis dahin wurde diese Steuer als „Schoß“

bezeichnet, eine Steuerform, die seit dem

frühen Mittelalter existierte. Bei dem

Schoß wurde die Abgabe vom Bürger

selbst eingeschätzt und geheim ohne Kontrolle

bezahlt. Die Höhe des Schosses

wurde von Zeit zu Zeit geändert und dem

Bedarf angepasst. Nach 1876 war das Vermögen

von jeder Steuer befreit, und das

für 41 Jahre bis 1917. Es galten hier sozialpolitische

Überlegungen, die Ernst-Ulrich

Huster in seinem Buch „Reichtum in

Deutschland“. Frankfurt 1993 so formuliert:“

Werden die Reichen in einer Gesellschaft

als die dynamischen Wettbewerber

und Verursacher des allgemeinen Wohlstands

identifiziert oder umgekehrt, wird

Reichtum als Belohnung für Mühe und

produktiven Einsatz verstanden, dann ist

ein schonender Umgang mit den Reichen

geboten.“ Diese Aussage spielt noch heute

bei der Steuerdiskussion eine Rolle.

Das neue Steuergesetz wurde am 2. Mai

1917 vor allem auch unter dem Eindruck

der erdrückenden Kriegslast von der Bremischen

Bürgerschaft beschlossen.

Bedingt durch dieses neue Vermögensteuer

Gesetz ist es zu der o.g. Liste

gekommen, deren Auswertung sich auf

2053 Personen aus Bremen und Vegesack

bezieht. Die anderen Stadtteile von Bremen-

Nord gehörten zum damaligen Zeitpunkt

zu Preußen. In Bremerhaven war

kein Millionär verzeichnet.

Rohdenburg:“ Die Vermögensstruktur

Bremens bis 1918 ist noch ein Abbild der

traditionellen Wirtschaft, die moderne Zeit

beginnt sich erst langsam durchzusetzen.“

Die für Bremen klassischen Bereiche sind

der Handel, industrielle sowie schifffahrtsbedingte

Berufe sind noch selten. Die

Namen auf der Bremer Vermögenssteuerliste

lesen sich wie die Ansammlung von

Leuten „Who is who?“ Hier findet man

sämtliche bekannte Bremer Familien wieder:

Achelis, Delius, Hoffmann,Kulenkampff,

Melchers, Schütte und Wolde.

Diese sieben Familien vereinen 22,3% des

Vermögens der Millionäre auf sich.

Die 10 reichsten Bremer Personen sind:

Stephanie Deetjen (10,6 Mill.), Carl Theodor

Melchers (9,3 Mill.), Paul Isenberg

Wwe. (9,0 Mill.), Hermann Melchers (8,4

Mill.), Adolf Lackemann (7,9 Mill.), H. Ed.

Wätjen (7,6 Mill.), St. C. Michaelsen (7,5

Mill.), B. Marwede Wwe. (7,0 Mill.), Friedrich

Möller (5,6 Mill.), Franz Schütte

Wwe. (5,1 Mill.) . Als Millionäre werden

weiter aufgeführt die Senatoren Bömers

und Lürmann sowie der Bürgermeister

Barkhausen. Da viele Listeneinträge ohne

Berufsangaben gemacht worden sind, ist

die o. g. Liste wahrscheinlich unvollständig.

Demnach ist der reichste Bremer eine

Frau: Stephanie Deetjen. Sie ist die Tochter

des Kaufmanns Johann Friedrich Gustav

Deetjen (1833- 1910) und seiner Ehefrau

Elisabeth Deetjen, geb. Lürmann (1834-

1865). Der Frauenanteil an der Anzahl der

Millionäre beträgt 16,6%, wobei es sich

hier hauptsächlich um Witwen handelt.

Die Wohnorte der Millionäre verteilen

sich über die ganze Stadt auf ca. 35

Straßen. Für den Ortsteil Vegesack wird ein

Millionär genannt, wohnhaft in der Weserstraße.

Gleichwohl konzentrieren sie sich

in einigen wenigen Straßen, die besonders

im Ostertorviertel liegen; es sind dies insbesondere

die Contrescarpe, die Kohlhökerstraße,

der Osterdeich, die Holler

Allee östlich des Sterns, die Blumenthalstraße

zwischen Bahnhof und Bürgerpark

sowie der Dobben. Die reichsten Bremer

wohnten in der Contrescarpe und in der

Kohlhökerstraße, die anderen Straßen landen

abgeschlagen dahinter.

Eine Sonderstellung besitzt die Bremer

Familie Melchers, wohnhaft in der Georgstraße.

Diese Straße gibt es heute nicht

mehr, sie ist in der Bürgermeister- Smidt-

Straße aufgegangen. Das Haus der reichsten

Bremer Familie lag hinter dem Hillmanns-

Hotel am Wall mit Blick auf die

Mühle. Ihr Vermögen betrug ein Zwanzigstel

aller Vermögen der Millionäre.

Nach Berufsangaben geordnet, entstammen

3,4% der Vermögen der Millionäre

dem industriellen Bereich (Fabrikant,

Fabrikbesitzer, Steinbruchbesitzer,

Bauunternehmer). Aus dem Bereich der

Schifffahrt entstammen nur der Direktor

des NDL (Philipp Heineken) sowie der

Schiffsmakler Specht dem Kreis der Millionäre

mit nur 0,7% des Vermögens der

Millionäre. Der Dienstleistungsbereich

weist mit 5,6% wesentlich mehr Millionäre

aus ( Architekt, Arzt, Bankier, Bankdirektor,

Bürgermeister, Geschäftsführer, Kaufmann,

Makler, Prokurist, Rechtsanwalt,

Regierungsrat, Richter, Senator). Die

Gruppe der Landwirte ist wegen der

damaligen Bedeutung des Grundbesitzes

ebenfalls noch stark vertreten.

Diese Vermögensaufstellung kann

jedoch nur eine Momentaufnahme aus

dem Jahr 1918 gewesen sein. Veränderungen

der Vermögen standen mit dem verlorenen

1. Weltkrieg bevor: mit der Aufhebung

der Golddeckung ging man zum

Papiergeld über, was 1923 zur Hyperinflation

führte. Diese Inflation konnte durch

die Einführung der Rentenmark, ab 1924

nach Wiedereinführung der Golddeckelung

mit der Reichsmark, gestoppt

werden. Bis zur Weltwirtschaftskrise im

Jahre 1929 war die Reichsmark stabil.

Während der Zeit des Nationalsozialismus

kam es zu einer sog. verdeckten Inflation,

die Reichsmark wurde wertlos. Nach

dem Krieg wurde 1948 die Deutsche Mark

eingeführt.

Quellen:

Dr. Günther Rohdenburg: ‚Straßen der Millionäre‘,

aus Bremisches Jahrbuch,

Bd.78, 1999, S. 201- 214.

Herbert Schwarzwälder: Das Große Bremen

Lexikon L- Z, 2003, Edition Temmen

Dr. Hans Christiansen

RUNDBLICK Winter 2018

27


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