humbert gerold Besuch eines Gottesdienstes der Sekte

manfred27

Besuch eines Gottesdienstes der Sekte des Nondualen Intelligenten Unsinns

Achtung - Satirealarm

Besuch eines Gottesdienstes der Sekte des

Nondualen Intelligenten Unsinns

(SdNIU)

Schon aus einiger Entfernung hörte ich die

Sektengemeinde lauthals singen.

Es klang wie ein Negro-Spiritual im Jazzrhythmus

und war von einer Ausgelassenheit fern jeglicher traditioneller

Kirchenmusik.

Als ich leise eintrat, war der fröhliche Gesang leider

gerade zu Ende. Die Sektengemeinde - es waren

etwa hundert Leute - setzte sich wieder, und alle

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schienen noch in Hochstimmung vom Mitsingen. Sie

saßen verstreut auf Stühlen, waren sehr unterschiedlich

gekleidet und repräsentierten alle Altersklassen.

Ich ließ mich unauffällig irgendwo in den hinteren

Reihen nieder als ein hochgewachsener gut aussehender

Mann sich erhob und zum Altar schritt, auf

dem einige Flaschen Sekt und viele Sektgläser aufgereiht

standen.

Ich dachte ich wäre mal wieder genau richtig zur

Kollekteneinsammlung gekommen, aber es war

schlimmer. Als die Menschen anfingen erwartungsvoll

zu hüsteln, ahnte ich, daß jetzt die Predigt anstand.

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„Jegliche Befreiung beginnt zunächst mit der

Sklaverei“, fing der Prediger an; er sprach frei und

blickte lächelnd über die versammelte Gemeinde.

„Klöster und Ashrams sind das Mittel religiöser

Institutionen, um das konditionierte Ich zu zerstören,

auf dass der lebendige Geist frei durch den Körper

lebe. Die Klöster werden mit einer starren Hierarchie,

mit strikten Regeln und Disziplin geführt. Das erste

Gebot ist völlige Unterwerfung von Nonne und

Mönch - unter die jeweils herrschende Hierarchie.“

„Fuck yeah, das stimmt“ rief ein Mann auf den vorderen

Plätzen.

„In den östlichen Traditionen unserer Erde, ist absoluter

Gehorsam gegenüber dem Guru oder Meister

das erste Gebot für den Jünger. Der Sucher nach

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Wahrheit unterwirft seinen Willen dem des Meisters,

denn er weiß, dass sein eigener Wille die Wurzel seiner

Versklavung ist. Die eigene Freiheit aufzugeben,

ist paradoxerweise das Nonplusultra auf dem Weg zur

Befreiung.“

„Völliger Quatsch“ rief eine Frau aus der Reihe vor

mir.

„Der Grund für die Notwendigkeit dieser offenkundigen

Versklavung“ fuhr der Prediger ungerührt fort,

als wäre er nicht unterbrochen worden, „liegt darin,

daß die Menschen, so, wie sie normalerweise leben,

ihre Versklavung nicht erkennen. Sie sind Sklaven

ihrer angenommenen Vergangenheit, ihres ankonditionierten

Selbstverständnisses, ihres Bedürfnisses

nach Sicherheit und Beständigkeit ihrer Illusionen.

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Das Ziel unserer Versklavung hier, in der Sekte des

Intelligenten Unsinns ist jedoch, euch von euren verborgenen

Herren zu befreien, so daß ihr, wenn unsere

offenkundige Herrschaft über euch endet, zum ersten

Mal in eurem Leben frei sein werdet.“

„Alles schön und gut“ ließ sich eine Stimme aus der

versammelten Gemeinde vernehmen,aber ich glaube

nicht, daß ihr uns jemals frei lassen werdet!“

Ich war erstaunt, dass die Zwischenrufe so wenig

Unruhe hervorriefen; sowohl der Prediger wie die

Gemeinde nahmen sie offenbar als üblich hin.

„Doch das werden wir“ fuhr der Prediger lächelnd

fort, „Wir gewähren Euch sogar während Eures

Trainings hier in unserer Sektenkommune immer

wieder Zeiten der Freiheit, Atempausen die uns und

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Euch zeigen, wie sehr ihr euch der Versklavung durch

traditionelles unreflektiertes Denken und übernommenes

Selbstverständnis bewußt geworden oder auch

schon davon befreit seid. Es ist die Zeit die wir hier

„Happy Hour“ nennen und alle lieben.“

„Yeah, Yeah, Yeah“ ließ sich eine Reihe von Stimmen

begeistert vernehmen.

„Versklavung ist in Wahrheit nur ein anderes Wort

für Disziplin, für Training, für Ausbildung“, fuhr der

Prediger fort und schritt am Rande des Podests vor

dem Altar mit Sektgläsern und Flaschen auf und ab.

„Statt euch bestimmte Fähigkeiten beizubringen, die

Euch zu hochrangiger Arbeit innerhalb der etablierten

Gesellschaft qualifizieren würden, versuchen wir hier,

Euch von der Dominanz der Gesellschaft und ihrem

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Herdenbewußtsein zu befreien, so daß ihr mit den

herkömmlichen Werten und Normen spielen könnt,

statt von ihnen unterjocht zu werden. Die übliche

Erziehung befördert primär die Anpassung. Unsere

Erziehung hier, lehrt euch Loslösung und Flexibilität.

Mit einem normalen Diplom kann einer ein erfolgreicher

Manager werden. Mit unserem Diplom kann

er auch ein Manager werden - oder auch nicht; er

kann das System verändern - oder auch nicht; er kann

im System aufsteigen - oder auch nicht; er kann das

System zerschlagen - oder auch nicht. Mit einem normalen

Diplom bleibt ihr gefesselt an die Normen und

Werte, die die Gesellschaft euch vorschreibt. Mit dem

Diplom, dass ihr hier bei uns erhaltet, seid ihr frei,

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um neue Normen und Werte zu schaffen und somit

eine neue Gesellschaft zu gründen.“

Ein Chor von „Amen“ bestätigte, dass dies verstanden

worden war.

„Die traditionelle Erziehung beschränkt euch auf

die vorherrschenden Werte der Gesellschaft und auf

ein Leben, in dem ihr euch entweder diesen Werten

anpasst oder dagegen rebelliert. Durch unsere

Deprogrammierung jedoch werdet ihr frei, um neue

Werte zu schaffen und ein Leben zu führen, das nicht

von den herrschenden Normen eingeengt wird. Es ist

nicht unser Ziel, den „besseren“ Menschen oder die

„bessere“ Gesellschaft zu schaffen, jedenfalls nicht

im traditionellen Sinne. Wir haben nur drei Werte:

Spielfreude, Flexibilität und Vielseitigkeit. Wir stel-

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len das Spielerische über den Ernst, die Vielfalt über

die Monotonie, das Bewegliche über das Starre. Und

all das sagt, dass wir die Freiheit hochschätzen. Zufall

ist der Name unseres Gottes. Und wir spielen mit ihm

und lassen ihn mit uns spielen. Wir erspielen uns sozusagen

auf neue und gleichzeitig sehr alte Art, eine

Vielzahl von Ja´s und Nein´s, denen wir im auftauchenden

Moment bedingungslos folgen. Das ermöglicht

Flexibilität wo sonst Starrheit die Norm ist; Spiel

wo sonst Ernsthaftigkeit angesagt wird.

Allen glücklichen und erfüllten Menschen ist ein

Geheimnis gemeinsam, wie jeder ganz leicht durch

gründliche Beobachtung feststellen kann: Sie haben

gelernt sich zu unterwerfen! Die einzigen glücklichen

und zufriedenen Christen, Moslems, Juden und wie

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sie alle noch sonst heißen mögen, sind die, welche

gelernt haben sich bedingungslos dem Willen ihres

angenommenen Gottes zu unterwerfen. Ihr Leben ist

ein einziges freudiges Ja zu allem was ihnen widerfährt.

Und sei es der Tod ihres physischen Körpers.

Sie vertrauen ihrem Gott, unterwerfen sich allen seinen

Fügungen, wie arg diese auch nach dem Maß ihrer

persönlichen Werteskala sein mögen. Sie können

das Übel bekämpfen oder beklagen, aber sie werden

es als den Willen ihres Gottes akzeptieren - und diese

bedingungslose Hingabe ist der Quell ihres Glücks.

Unglücklich ist nur der, welcher sich weigert, sich einer

Sache, einer Person oder sich selbst zu unterwerfen.

Ein absoluter Egoist kann ein glücklicher Mensch

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sein. Er hat sich ganz dem Willen dessen unterworfen

was er für sein Selbst hält - und das ist unfehlbar.

Zwischenruf: „Hehehe, da meinen sie wohl sich

selbst Prediger.“ Einige kicherten.

Der Prediger lächelte nur.

„Andere wiederum finden ihr Glück, in dem sie sich

bedingungslos Instutitionen unterwerfen, der Armee,

der Kirche, oder der Familie. Man könnte vielleicht

missverständlich meinen, dass sich diese Leute nach

Ordnung sehnen. Ich aber sage euch, sie sehnen sich

nach Unterwerfung. Unsere Sekteninstutition hier

hat keine derartige Ordnung anzubieten, ganz im

Gegenteil. Doch sie verlangt Unterwerfung, und wir

glauben, dass dies das Geheimnis unseres Erfolgs ist,

denn sie ist auch das Geheimnis menschlichen Glücks.

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Wir führen euch über die Unterwerfung hinaus in die

Freiheit, wo ihr eine andere Art der Unterwerfung

erfahren werdet. Im Anfangsstadium eures Hier

Seins, in der Sekte des Intelligenten Unsinns, unterwerft

ihr euch unserem Willen der wiederum dem

Willen des Zufalls unterworfen ist. Einer Macht die

man gewöhnlich als ausserhalb von sich selbst erfährt.

Wir lehren Euch, durch spezielle Techniken,

wie ihr diese Zufallsmacht als etwas, Allem, auch

Euch, Inhärentem erfahrt. Nach dieser Erfahrung

gibt es keine Unterwerfung mehr, da kein Individuum

mehr getrennt sein wird von der Gesellschaft, in der

es spielt. Ihr werdet wieder zu Kindern. Bewusst

spielenden Kindern. Zu spielenden Kindern des allmächtigen

Zufalls, aus dem ihr als Menschen geboren

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seid. Das spielende Kind befindet sich nicht in einem

Zustand der Unterwerfung, sondern in einem Zustand

des Einseins. Unterwerfung gibt es nur im Zustand

der Dualität. Solange an Dualität geglaubt wird, solange

wird Unterwerfung das Geheimnis menschlichen

Glücks sein. Sobald jedoch der Glaube an die Dualität

im Inneren eines Individuums aufgelöst worden ist,

bleibt niemand der sich unterwirft, und niemand und

Nichts, dem man sich unterwerfen könnte.“

„Yeah, weiter so Prediger“ schrie eine vor

Begeisterung aufspringende Frau mit nach oben gerissenen

Armen.

Der Prediger war am Ende und die Gemeinde erhob

sich zum Schlussgebet.

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„Am Anfang war der Zufall, und der Zufall war bei

Gott und Gott war der Zufall und alles was gemacht

ist ist durch den Zufall gemacht. Und siehe auch wenn

wir wandeln im finsteren Tal der Todesschatten, fürchten

wir nichts Böses, denn der Zufall wacht über uns.

Wir zweifeln nicht an der Intelligenz und Weisheit

des Zufalls. Die Wege des Zufalls sind unerforschlich.

Er nimmt uns an die Hand und führt uns in den

Abgrund, und siehe, es ist eine fruchtbare Ebene. Wir

wanken unter der Last unserer vermeintlichen Bürde,

doch siehe, auf einmal schwingen wir uns empor wie

der Phönix aus der Asche.“

Heilige Schaisse, wie war ich nur hierher geraten?

Zufall ???

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