PBDW 3:2018

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MAI/JUNI 2018

NEUE

ERKENNTNISSE

Das steckt wirklich

hinter meiner

MIGRÄNE

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Exklusiv

Bestsellerautor

FRANÇOIS LELORD

SCHLUSS MIT DER

SELBSTOPTIMIERUNG

Entfalten Sie Ihr Potenzial

lieber ganz entspannt

„ ICH BIN NICHT

DEINE MUTTER!“

Warum Gleichberechtigung

in der Liebe so wichtig ist

„UM GESUND

ZU WERDEN,

MUSSTE ICH

DIE DUNKELHEIT

IN MIR UMARMEN“

Holocaust-Überlebende

Edith Eva Eger

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Prioritäten setzen, Nein sagen, Kopf frei kriegen:

16 Seiten mit Tipps, die Ihren Alltag entstressen


IN DIESER AUSGABE

GRENZEN

zu setzen ist

nicht egoistisch,

es macht sogar

großzügiger.

Denn auch mal Nein zu sagen bedeutet, dass man auf sich selbst

achtgibt. Man wird ausgeglichener – und so auch wieder

o÷ener und verständnisvoller für andere.

// Seite 112

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018 3


42

18

INHALT

Mai/Juni 2018

18 GLÜCKSQUELLE NATUR

Wieso uns das moderne Leben so stresst? Na, weil wir

eigentlich nicht dafür geschaffen sind. Tipps, wie Sie die

Natur in Ihren alltag zurückholen.

26 EIN ECHTER KERL CREMT SICH NICHT EIN

Während Frauen brav zur Vorsorge gehen, leben Männer

lieber gesundheitlich riskant. Warum ist das so?

28 FRANÇOIS LELORD

Der Psychiater und autor über späte Liebe, die enge

Beziehung zu seiner Mutter und die Reise seines Lebens.

34 HAUSGEMACHT: NARZISSTISCHE KINDER

Natürlich ist es gut, den Nachwuchs zu loben – solange

man es richtig macht. Ein kleiner Komplimente-Ratgeber.

38 MACH’S GUT, ALBTRAUM

Verfolgt, gefangen, bloßgestellt: Warum wir davon träumen.

und wie wir diese Bilder wieder aus dem Kopf kriegen.

42 MANN, ICH BIN NICHT DEINE MUTTER!

Wenn einer alles macht und der andere sich bemuttern lässt,

ist die Liebe in Gefahr. So kommt sie wieder ins Gleichgewicht.

46 „ICH BESCHLOSS, MICH ZU RETTEN“

Edith Eva Eger hat auschwitz überlebt, aber glücklich war sie

danach nicht. Wie sie Jahrzehnte später ihr Trauma bewältigte.

56 SCHLUSS MIT DER SELBSTOPTIMIERUNG

Denke positiv! Hör auf dein Gefühl! – alles Quatsch, sagt

ein dänischer Psychologe. Wir haben seine Thesen überprüft.

62 „NICHT TRUMP IST KRANK, WIR SIND ES“

Der uS-Psychiater allen Frances plädiert dafür, dass wir endlich

an den unzulänglichkeiten unserer Gesellschaft arbeiten

– denn nur so werden wir Machthaber wie Trump wieder los.

4 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


84

34

66 VON SPITZENSPORTLERN LERNEN

Im Job Höchstleistung bringen: Kann man sich das von Sportlern

abgucken? Klar – wenn man diese fünf Klischees neu bewertet.

69 DIE ERSTE, DIE EINZIGE

Wie es ist, mit seiner ersten Liebe auch gemeinsam alt zu

werden: langjährige Paare und ihr Für-immer-Beziehungsrezept.

84 WARUM WIR IMMER MEHR KAUFEN …

… als auf der Liste steht? Sechs Tricks der Supermärkte.

87 DAS STECKT HINTER MEINER MIGRÄNE

Seit Jahren leidet Autorin Annemarie Geleijnse an starken

Kopfschmerzen. Jetzt will sie endlich die Gründe aufdecken.

99 EXTRA: MEHR ZEIT FÜRS WESENTLICHE

Prioritäten neu justieren, Grenzen setzen, besser planen:

16 Seiten Tipps und Übungen für weniger Stress.

In jeder Ausgabe

6 Editorial

8 Dürfen wir vorstellen? Mitwirkende

10 Das Leben in Zahlen Für immer dein

12 Gut zu wissen Neue Erkenntnisse

aus der Wissenschaft

41 Sandra Konrad Mit Herz übersetzt

51 Frans de Waal Vier Kilo Intelligenz

52 Bücher

80 Beratung „Meine Tochter will mich

nicht mehr sehen“

94 Impressum

95 Vorschau

98 Meine Kindheit und ich

Thrillerautor Sebastian Fitzek

COVER Foto: Eric van den Elsen // Fotos: Eric van den Elsen, Getty Images, Stocksy


EDITORIAL

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Wenn Flusen fliegen

Vielleicht braucht mein Mann ja eine

Brille. Denn welchen Grund sollte es sonst

haben, dass er mich so oft im Büro anruft,

um simple Dinge zu fragen wie: „Wo ist Annas

Schwimmzeug?“ Äh, in ihrer Schwimmtasche?

Oder: „Ist noch irgendwo Klopapier?“ Wenn du

kein neues gekauft hast, dann nein, nirgends.

Doch wenn ich ihn frage, ob er meinen Schlüssel

gesehen hat, weiß ich schon, was er sagt: „Keine

Ahnung, wo du den hingetan hast.“ Warum aber

weiß ich dann, dass seiner auf dem Esstisch liegt?

Fürs Protokoll: Mein Mann und ich versuchen

eigentlich alles zu teilen. Haben beide Jobs in Teilzeit,

kümmern uns beide um unsere Tochter, sind

beide für den Haushalt zuständig. Was auch super

laufen würde, wenn sie nicht wären: unsere unterschiedlichen

Vorstellungen von einer ordentlichen

Wohnung, einem sauberen Bad, der Notwendigkeit

einer Wäsche („Nein, nicht erst, wenn du keine

sauberen Boxershorts mehr hast!“).

Doch mein Mann ist nicht der Einzige mit

einer Haushaltsblindheit. Auch meine Freundinnen

berichten immer wieder, dass ihre Männer

weder sehen, dass Wollknäuel-große Staubflusen

durch den Flur wehen, noch dass ihre Mütze jetzt

an der Garderobe hängt (weil sie, ihre Frau, diese

vom Boden aufgehoben und dort hingehängt hat).

Übrigens, was ich „aufräumen“ nenne, dazu sagt

mein Mann: „Du hast das wieder weggehamstert,

ist doch klar, dass ich es dann nicht finde.“ Dass

aber ein an- und sofort wieder ausgezogener Pullover

in den Kleiderschrank gehört und nicht auf

den Schlafzimmerboden, mag ihm als Argument

nicht einleuchten. Liegt es an meinem Kontrollbedürfnis,

dass ich daher die Dinge in die Hand

nehme – und wegräume? An meinen hohen Erwartungen

an mich selbst? „Wahren Sie Ihre

Grenzen und zeigen Sie diese rechtzeitig auf“, rät

Beziehungstherapeut Alfons Vansteenwegen (ab

S. 42) beiden Seiten, damit auf Dauer „unter dem

Bemuttern des Partners“ nicht die Liebe leidet.

Seine Mutter?! Das will ich auf keinen Fall

sein. Und auch ich lege lieber die Füße hoch und

guck noch ein paar Youtube-Videos, als das Klo

zu putzen. Trotzdem muss es gemacht werden.

Aber wer weiß, vielleicht findet mein Mann ja irgendwann

Erleuchtung und die Flusen im Flur

von allein. Bis es so weit ist, weise ich ihn eben ab

und an ganz indezent darauf hin („Bitte staubsauge

mal“). Denn bei allen hausmännlichen Defiziten,

ist er ja sonst ein super Typ, aufmerksam, fürsorglich,

emotional.

Daher kann er mich ruhig, während ich schon unterwegs

zur Arbeit bin, anrufen und fragen, wo

neues Klopapier ist. Besorgen – und da ziehe ich

ganz klar eine Grenze, Herr Vansteenwegen –

muss er es trotzdem selbst.

Christine Ritzenhoff // Redaktionsleiterin

Foto: Caren Detje

6 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


IRISVONARNIM.COM


MITWIRKENDE

„Wir haben die kollektive Wahnvorstellung, unserer

derzeitigen Politik folgen zu können, ohne damit unseren

Kindern eine grauenvolle Zukunft zu bescheren.“

// Seite 62: Psychiater Allen Frances hält daher die Gesellschaft für krank – und Machthaber wie

US-Präsident Trump für Symptome dieser Krankheit

Gruselige Träume

Schon ein bisschen verrückt: Erst als

sich der Psychologe und Schlafforscher

Jaap Lancee mit Albträumen

beschäftigt und diese erforscht hat,

hat er selbst auch welche gehabt –

zum ersten Mal in seinem Leben.

„Anscheinend ist es bei mir so, dass

das, was ich tagsüber mache, nachts

in meinen Träumen zurückkehrt:

Albträume also. Ich fand es interessant,

sie zu haben, und habe mich

mit ihnen auch gedanklich ausei nandergesetzt.

Vermutlich ist das der

Grund, warum sie auch wieder verschwunden

sind.“ Wie auch jeder

andere von uns die schrecklichen

nächtlichen Bilder loswerden kann,

verrät Lancee in diesem Heft.

// Seite 38: Mach’s gut, Albtraum

Nützliches Netzwerk

„Egal, was man von sozialen Netzwerken

hält, für das meiste gilt immer noch: Auf

Facebook erfährt man als Erstes davon.“

Onlineredakteurin Stefanie Mixa betreut

neuerdings die Facebook-Seite von PSY-

CHOLOGIE bringt dich weiter – und

schätzt das Netzwerk vor allem als Informationsquelle.

Für Nachrichten, aber

auch private Neuigkeiten: „Viele meiner

Freunde wohnen ihn München, ohne

Facebook würde ich einiges aus ihrem

Leben gar nicht mehr mitkriegen.“

// facebook.com/psychologiebringtdichweiter

Falsche Versprechen

Mehr als 25 Bücher hat der Däne Svend Brinkmann, der

an der Universität Aalborg als Professor für Psychologie arbeitet,

geschrieben – aber keins davon ist so kontrovers wie

der Nummer-eins-Bestseller, der jetzt auf Deutsch erschienen

ist: Pfeif drauf! Schluss mit dem Selbstoptimierungswahn.

„Das Buch handelt nicht davon, wie man sich selbst

findet, sondern davon, wie man sich mit sich selbst abfindet“,

sagt Brinkmann. Dabei räumt er mit einigen Heilsversprechen

der Selbsthilfeindustrie auf – die vier beliebtesten

haben auch wir einmal prüfend unter die Lupe genommen.

// Seite 56: Schluss mit der Selbstoptimierung

Fotos: L. Holten, privat

8 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


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Für immer dein

JUGENDLIEBEN – UND WAS WIR ÜBER SIE WISSEN

Wie es ist, noch immer mit der

ersten Liebe zusammen zu sein?

Das erzählen ab S. 73 vier Paare,

die sich schon ewig kennen

10 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


DAS LEBEN IN ZAHLEN

Wehmut „erste Liebe“: Jeder vierte Single sagt, er sei nie wieder

so verliebt gewesen wie in seiner ersten Beziehung. 16 Prozent

trauern ihrer ersten großen Liebe sogar bis heute noch nach. Das gilt

vor allem für Single-Männer (20 Prozent) – bei den Frauen

denken nur 13 Prozent sehnsüchtig an ihre Jugendliebe zurück.

Parship-Umfrage, März 2017

Soll ich mich trennen? Nur 19 Prozent derjenigen, die ihre erste

Liebe geheiratet haben, haben darüber schon nachgedacht – aber

34 Prozent der Verheirateten, die zuvor anderweitig liiert waren.

YouGov Relationships Study, 2014

Den ersten Sex erleben Jugendliche heute eher später als früher:

2015 hatten 58 Prozent mit 17 Jahren schon Geschlechtsverkehr,

2006 waren es aber noch fast 70 Prozent.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Jugendsexualität, 2006 und 2015

Jeder dritte Erwachsene würde gern, wenn das möglich wäre,

zu seiner ersten Liebe zurückkehren.

Malcolm Brynin u. a., Changing Relationships, Routledge, 2012

Die Jugendliebe aufzufrischen kann sich lohnen: 80 Prozent der

Erwachsenen, die wieder mit ihrem ersten Partner zusammen sind,

bleiben das auch. Diejenigen, die zum Zeitpunkt der ersten

Beziehung 17 Jahre oder jünger waren, haben beim zweiten Anlauf

die größte Erfolgschance.

Nancy Kalish, Lost Love Project, lostlovers.com

Text: Lilian Roos // Foto: Istock

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018 11


GUT ZU WISSEN

Gehirn

Katze klug?

Wohl eher

Hund helle

Ein Meilenstein im ewigen Streit zwischen

Hunde- und Katzenfans! Neurowissenschaftlerin

Suzana Herculano-Houzel verglich

das Gehirn verschiedener Tiere. Sie achtete speziell

auf die Zahl der Gehirnzellen im Cortex;

evolutionär gesehen ist das der neueste Teil

des Gehirns, verantwortlich für komplexe Denkarbeit

sowie Vorhersagen basierend auf früheren

Erfahrungen. Hunde haben demnach gleich

doppelt so viele Neuronen in ihrem Cortex

wie Katzen. Darum können sie komplizierte

Sachen lernen, wie die Zeitung holen oder Blinde

unterstützen, behauptet Herculano-Houzel, ihres

Zeichens selbst Hundemensch.

Ob Katzenfreunde aber ihre Befunde ernst nehmen

werden? Sie bezweifelt es: „Wahrscheinlich sagen

sie, Katzen könnten diese Dinge sehr wohl, wollten

aber einfach nicht, weil sie mehr Charakter haben.“

Dogs have the most neurons, though not the largest brain: Trade-off

between body mass and number of neurons in the cerebral cortex of large

carnivoran species, Frontiers in Neuroanatomy, Dezember 2017

Was ALBTRÄUME über Ihr Leben verraten

Sie leiden unter wiederholten

Albträumen, in denen Sie …

… fallen?

… angegriffen werden?

… eingeschlossen sind?

… die Angst überfällt?

… zu spät kommen?

… durch eine Prüfung fallen?

… nackt durch die Straßen laufen?

Dann fragen Sie sich einmal, ob Sie

in Ihrem Leben ausreichend autonom

sind, das Gefühl haben, gut zu sein

in dem, was Sie tun, und sich mit den

Menschen um Sie herum verbunden

fühlen. Das sind grundlegende psychische

Bedürfnisse, und sie werden

nicht erfüllt, wenn Sie beispielsweise

gegen Ihren Willen an etwas arbeiten

müssen, sich als Versager, einsam

oder ausgeschlossen fühlen.

Wissenschaftler entdeckten jetzt, dass

Menschen, die mit solchen Dingen

zu kämpfen haben, öfter sich wiederholende

albträume haben, in denen

sie versagen oder sich hilflos fühlen.

„Wiederkehrende Träume können

ein Signal sein“, sagt Psychologe

Maarten Vansteenkiste von der universität

Gent. „Sie können anlass

sein, einmal unter die Lupe zu nehmen,

was Sie in Ihrem alltag frustriert,

auch wenn Ihnen das vielleicht

bislang noch gar nicht bewusst war.“

Sie wollen Ihre Albträume loswerden?

Wie das geht: ab S. 38.

Linking psychological need experiences to daily

and recurring dreams, Motivation and Emotion,

Februar 2018

12 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


Beziehungen

DIE EHE,

EINE KUNST

Die Ehe verändert die Persönlichkeit

eines Menschen – und das

nicht nur zum Guten, haben amerikanische

Psychologen entdeckt. Sie ließen

frisch verheiratete Paare dazu wiederholt

einen persönlichen Fragebogen ausfüllen.

In den ersten anderthalb Jahren

ihrer Ehe veränderten sich die Eigenschaften

der Paare wie folgt:

Sowohl Männer als auch Frauen

wurden unfreundlicher.

Männer wurden introvertierter.

Frauen wurden weniger offen.

Männer wurden pflichtbewusster.

Frauen wurden weniger neurotisch.

Dass uns die Ehe unfreundlicher macht,

überraschte die Forscher. Sie erklären

es mit den großen Veränderungen, die

eine Heirat mit sich bringt. Die Partner

sind plötzlich auf allerlei Ebenen voneinander

abhängig. In der ersten Zeit nach

der Hochzeit wird einem zudem klar, dass

das Idealbild von „Und sie lebten glücklich

bis an ihr Lebensende …“ oft nicht

mit der Realität übereinstimmt.

Personality change among newlyweds: Patterns,

predictors, and associations with marital satisfaction

over time, Developmental Psychology, noch

nicht erschienen

Zwei Seelen,

eine Bewegung

Möchten Sie wissen, was ein anderer denkt? Wenn Sie die Bewegungen

Ihres Gegenübers nachahmen, können Sie sich besser

in ihn einfühlen, zeigt eine neue Studie der University of British Columbia

in Vancouver. Versuchspersonen bekamen eine Aufgabe, bei der

sich ihre Körper entweder synchron oder nicht-synchron bewegten. Diejenigen,

bei denen die Bewegungen parallel verliefen, punkteten kurz

darauf höher bei einem Fragebogen, mit dem ihr allgemeines Einfühlungsvermögen

gemessen wurde. Außerdem hatten sie selbst das Gefühl,

besser zu durchschauen, was in dem anderen vorging.

Coordinating bodies and minds: Behavioral synchrony fosters mentalizing, Journal of

Experimental Social Psychology, Januar 2018

Kreischen im Kollektiv

Sie sitzen in der Achterbahn und schreien plötzlich los. Ihre Reaktion

ist womöglich nicht spontan, sondern geht auf das Konto eines

ängstlichen Nachbarn. Die Analyse von Videoaufnahmen, in denen

Rafting-Teilnehmer einen reißenden Fluss bezwingen, zeigte, dass

ängstliches Geschrei ansteckend wirkt. In manchen Booten begann ein

einziger Teilnehmer zu schreien, was seine Mitfahrer dazu brachte, es

ihm gleichzutun. Die Insassen anderer Boote paddelten hingegen still

weiter – auch wenn sie ähnlich wilden Stromschnellen trotzten.

Es blieb auch nicht nur beim ansteckenden Geschrei, sondern führte

dazu, dass die Angst wirklich übertragen wurde, stellte man

nachher fest: Die Paddelnden in den „Schrei-Booten“ hatten ein höheres

Cortisol-Level (Stresshormon). Überlegen Sie sich also gut, ob

Sie mit Angsthasen etwas Spannendes unternehmen wollen – es könnte

Ihnen passieren, dass Sie fremde Todesängste ausstehen!

Emotion in the wilds of nature: The coherence and contagion of fear during threatening

group-based outdoors experiences, Emotion, noch nicht erschienen

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 13


GUT ZU WISSEN

Arbeit & Gesellschaft

BESSER

FOKUSSIEREN

der Manager fällt es

73% schwer, ihre Aufmerksamkeit

auf eine einzige Sache zu

richten. Das schlussfolgern amerikanische

Organisationsexperten aus einer

groß angelegten internationalen

Umfrage. Ein ungünstiges Ergebnis,

zeigt eine andere Studie doch, dass

ein gutes Konzentrationsvermögen

die Karrierechancen erhöht.

Was kann Ihnen helfen, besser

zu fokussieren? Tipps aus der

Wissenschaft:

Trinken Sie weniger Kaffee, denn

Koffein unterdrückt zwar Müdigkeit,

zersplittert aber auch Ihre Aufmerksamkeit.

Nehmen Sie an einem Achtsamkeitstraining

teil.

Verrichten Sie Arbeiten, die Ihre

Aufmerksamkeit erfordern, am besten

zu Beginn und am Ende des

Arbeitstages; erledigen Sie Routinearbeiten

nach dem Mittagessen,

wenn das Konzentrationsvermögen

am niedrigsten ist.

Sorgen Sie für ausreichend

Schlaf, essen Sie gesund, und bewegen

Sie sich regelmäßig.

Oh je, ich MUSS happy sein

Glücklichsein hat allerlei positive Effekte – wie wir aus unzähligen

Studien wissen. Aber eine Kultur, die Glück überbetont, wirkt genau

umgekehrt, zeigt die neuere Forschung. Dabei erlebten Versuchspersonen,

dass sie versagten: Sie schnitten beim Puzzeln unglaublich schlecht ab.

Wenn der Versuchsleiter ihnen zuvor sehr deutlich gemacht hatte, wie wichtig

es sei, immer positiv zu denken, grübelten sie gleich vier Mal so lange über

ihr mieses Ergebnis nach und fühlten sich viel schlechter.

Je mehr sozialen Druck Menschen vor allem dahingehend empfinden,

keine negativen Gefühle haben zu dürfen, desto mehr grübeln sie und sind

bedrückt, zeigte eine Umfrage unter anderen Versuchspersonen. Eine

Kluft zwischen dem, was Sie empfinden, und dem, was Sie empfinden sollten,

führt zu Grübeleien und negativen Gefühlen, erläutern die Forscher.

Does a culture of happiness increase rumination over failure?, Emotion, noch nicht erschienen

Are you having trouble focusing? (...), Harvard

Business Review, Dezember 2017

Geliebte Lügen

Angenommen, Sie sind Manager

und müssen in zwei Monaten

eins Ihrer fünf Teammitglieder entlassen.

Sie haben noch nicht entschieden,

wen. Erzählen Sie Ihren Arbeitnehmern,

dass es Entlassungen geben

wird, sie sich aber keine Sorgen zu

machen brauchen? Oder sagen Sie

nichts? Anders gesagt: Lügen Sie oder

verschweigen Sie die Wahrheit?

Die Überbringer schlechter Nachrichten

halten Verschweigen für die bessere

Option – da sie sich darauf konzentrieren,

was sie das Lügen kostet,

nämlich ihr gutes Gewissen. Die Empfänger

aber bevorzugen die gut gemeinte

Lüge. Denn sie beurteilen

(auch unaufrichtiges) Verhalten vor

allem danach, was es ihnen bringt:

wie – vorübergehende – Beruhigung.

The surprising costs of silence: Asymmetric

preferences for prosocial lies of commission and

omission, Journal of Personality and Social

Psychology, Januar 2018

14 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


Gesundheit

Gesunder Darm,

gesunder Geist

Probiotika könnten die neuen

Glückspillen werden. Psychologin

Laura Steenbergen schlussfolgerte

schon vor einigen Jahren aus

Studien, dass Menschen, die täglich

eine ausgeklügelte Bakterienmischung

zu sich nahmen, nach einem

Monat weniger grübelten. Außerdem

reagierten sie weniger wütend

oder entmutigt auf Rückschläge.

Wie die Zusammensetzung unserer

Darmflora nun genau das seelische

Wohlbefinden beeinflussen kann,

hofft Steenbergen in einer Folgestudie

herauszufinden. Sie will aber

schon jetzt verraten, welche Mechanismen

sie im Auge hat:

Die Produktion von Tryptophan:

„Diese Aminosäure braucht Ihr

Körper zur Herstellung des

‚Glückshormons’ Serotonin“, sagt

Steenbergen. „Es gibt Hinweise darauf,

dass bei einer günstigen Zusammensetzung

der Darmflora mehr

Tryptophan produziert wird.“

Eine gesunde Darmwand: „Wenn

die Bakterienbevölkerung nicht

optimal zusammengesetzt ist, kann

Ihr Darm ‚undicht‘ werden. Wahrscheinlich

fördert es irgendwo anders

im Körper die Entzündungsaktivität.

Und mittlerweile weiß man, dass das

Depressionen fördert.“

Weniger Stress: „Es gibt Anzeichen

dafür, dass Darmbakterien

Einfluss auf den Nervus vagus haben.

Das ist ein wichtiger Nerv, der

dafür sorgt, dass Ihr Körper sich nach

Stress und Anspannung schnell wieder

beruhigt; er ist sozusagen die

Bremse für Ihren physischen Stressrespons.

Je besser diese Bremse

funktioniert, desto weniger anfällig

sind Sie für psychische Probleme.“

Erfrischende Nachtruhe

Auch wenn es draußen noch kalt ist – schlafen Sie lieber bei

geöffnetem Fenster! Geht das nicht wegen Lärm oder Abgasen?

Lassen Sie dann wenigstens die Schlafzimmertür offen.

Forscher der TU Eindhoven stellten fest, dass Versuchspersonen tiefer

und ruhiger schliefen, wenn ausreichend frische Luft ins Schlafzimmer

kam. Das ergaben nicht nur die Daten der Bewegungsmesser; die Teilnehmer

fanden selbst auch, dass sie besser schliefen.

Window/door opening-mediated bedroom ventilation and its impact on sleep quality (…),

Indoor Air, März 2018

Sitzend gegen das Übergewicht

Wollen Sie dieses Jahr wirklich die überflüssigen Kilos loswerden?

Diese „Essensregeln“ können dabei helfen:

Benutzen Sie richtiges Geschirr.

Ein gedeckter Tisch befördert das Bewusstsein, richtig gegessen zu haben,

behaupten Forscher. Essen aus Wegwerfgeschirr prägt sich unserem

Hirn weniger gut ein, wodurch wir meinen, dass noch etwas reinpasst.

Setzen Sie sich beim Essen.

Eine britische Studie zeigt, dass Menschen, die im Stehen eine Portion

Nudeln verzehren, danach eher dazu neigen, sich großzügig an Süßigkeiten

zu bedienen, als Menschen, die dieselbe Portion Nudeln am

Tisch sitzend gegessen haben. Die Wissenschaftler sind der Ansicht,

das liege daran, dass wir Nahrung eher als Snack erleben, wenn wir sie

im Stehen zu uns nehmen. Dagegen erfahren wir sie als „echte“ Mahlzeit,

wenn wir sitzend essen – mit all den Sättigungsgefühlen, die wir

damit assoziieren.

Nennen Sie alles, was Sie essen, „Mahlzeit“.

Nahrungsmittel, die Sie als „Pausensnack“ bezeichnen, bleiben Ihnen

ebenfalls weniger gut im Gedächtnis, so die Forscher.

„Snack“ versus „meal“: The impact of label and place on food intake, Appetite, Januar 2018

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 15


GUT ZU WISSEN

Entwicklung

DAS BESTE ZIEL DER ERZIEHUNG: LIEBE SCHENKEN

Das Kind ins Museum mitnehmen

oder es anspornen, die

Hausaufgaben zu machen: Was wir

auch tun in der Erziehung, wir haben

oft unbewusst ein Ziel dabei. Ein Vater

zum Beispiel feuert seine Tochter

auf dem Fußballplatz an, damit sie

bessere Leistungen bringt, der andere,

um seine Liebe und Unterstützung

zu zeigen oder aber, um einen guten

Eindruck auf andere Eltern zu machen.

Kanadische Wissenschaftler

befragten Eltern zu verschiedenen Erziehungssituationen

und entdeckten,

dass hinter unserem Erziehungsverhalten

vier Ziele stecken.

Jedes Ziel beeinflusst, mit wie viel

Freude wir pädagogische Aufgaben

erledigen, egal wie schwierig die Erziehungssituation

oder launisch das

Kind ist. Und eine Vorliebe für eine

bestimmte Art Ziel sagt oft etwas darüber

aus, welcher Typ Eltern man ist.

Liebe zeigen

1 Ein liebevoller Hafen sein; zeigen,

dass Ihr Kind auf Sie zählen kann.

Eltern, die diesem Ziel nachstreben,

sind warmherzig und unterstützend.

Sie sind engagiert, ohne übertrieben

streng oder dominant zu sein.

Freude an der Erziehung: Dieses

Ziel hängt stark mit positiven Erziehungserfahrungen

zusammen, sogar

wenn Ihr Kind wütend oder schwierig

ist. Eltern haben mehr positive Gefühle,

empfinden eine enge Bindung

zum Kind und knüpfen ihrem Gefühl

nach gut bei seinen Bedürfnissen an.

Die Entwicklung anregen

2 Das Kind bedeutungsvolle, neue

Erfahrungen machen lassen; persönliches

Wachstum stimulieren und vermeiden,

dass es Probleme kriegt.

Eltern, die dieses Ziel oft anstreben,

geben eine deutliche Struktur

und Richtung vor, regen das Kind aber

auch zur Autonomie an. Dieser Typ

Eltern kann etwas narzisstisch sein.

Freude an der Erziehung: Dieses

Ziel ist eines der schwierigeren, wohl

weil es oft mit Zielen des Kindes kollidiert.

Es sorgt bei den Eltern für mehr

negative Gefühle und Konflikte mit

dem Kind, sie verspüren eine weniger

starke Bindung und knüpfen ihrem

Gefühl nach weniger gut bei den

kindlichen Bedürfnissen an. Tipp der

Forscher: Suchen Sie Entwicklungsziele,

die Sie teilen. Wählen Sie etwa

ein Museum oder Instrument, für das

sich beide Seiten erwärmen können.

Ein gutes Image

3 Gute Eltern sein in den Augen

anderer; vermeiden, dass Sie sich für

Ihr Kind genieren.

Eltern, die diesem Ziel oft nachstreben,

bieten wenig Struktur, haben

hohe Erwartungen und sind

streng. Das Kind steht nicht im Mittelpunkt;

dieser Elterntyp ist eigentlich

mehr mit sich selbst beschäftigt.

Freude an der Erziehung: Wenn

dies oft Ihr eigentliches Ziel ist, geht

es mit negativen Gefühlen einher,

einer weniger starken Bindung und

wenig Anschluss an die Bedürfnisse

Ihres Kindes. Aber: Streben Sie Ihrem

Ziel nur in schwierigen Erziehungssituationen

nach, entfallen die negativen

Effekte. Offenbar ist es durchaus

hilfreich, ab und an zu schauen, was

andere davon halten, wenn man sich

selbst gerade keinen Rat weiß.

Wertschätzung vom Kind

4 Dinge so tun, dass Ihr Kind Sie

liebt und für gute Eltern hält.

Eltern, die diesem Ziel oft nachstreben,

geben wenig Struktur, sind

streng und typische Helikoptereltern,

die alles im Auge behalten. Dieser

Elterntyp kann narzisstisch sein.

Freude an der Erziehung: Dieses

Ziel verleiht akut mehr positive Gefühle,

aber nicht auf längere Sicht.

Parenting goal pursuit is linked to emotional

well-being, relationship quality, and responsiveness,

Journal of Social and Personal Relationships,

noch nicht erschienen

16 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


Reden über ein Tabu:

Susann Brückner und

Caroline Kraft

Erleben

Fotos: Getty Images, Stocksy, John Facenfield, Flare Film Adrian Stähli // Illustration: Anne van den Berg

„ Die Finnen

sind so happy,

weil sie

verstehen, dass

das Wesentliche

im Leben

sehr einfach

sein kann.“

Coco Wu (23), Chinesin,

lebt seit zwei Jahren in Finnland

Wer sind die glücklichsten

Menschen der Welt? Ja, wieder

die Skandinavier! Im World

Happiness Report 2018 der

UN stehen diesmal die Finnen

ganz oben, dicht gefolgt von

den Norwegern (Platz 1 in

2017), Dänen und Isländern.

Dabei sind die bei Weitem

nicht reicher, gesünder oder

besser versorgt als wir Deutschen

(Platz 15). Aber: „In

Finnland, wo weltweit mit am

meisten Steuern gezahlt werden,

unterstützen und verstehen

das die Menschen als Investition

in mehr Lebensqualität für

alle“, sagt Meik Wiking, CEO

des Happiness Research Institute.

Die Skandinavier schaffen

es so gut, Geld in Glück zu

verwandeln, weil sie Vertrauen

darin haben, dass es am Ende

der ganzen Gesellschaft zugutekommt.

Nachahmenswert,

oder?

Infos: happinessresearchinstitute.com

// PODCAST

Trauer-Talk

Er ist noch immer ein Tabu:

der Tod. Und die Trauer, die

auf ihn folgt. Auch Susann hat

den Suizid ihres Vaters viele Jahre

verdrängt – bis sie im Büro mit Caro ins Gespräch kam. Die hatte ihren

Exfreund kurz zuvor auf gleiche Art verloren. Je mehr beide redeten, desto

klarer wurde ihnen: „Es gibt auch eine Art, über den Tod zu sprechen, die

nicht betroffen, komisch, verdruckst, pietätvoll ist, die irgendwie gut ist“, so

Susann. Die beiden beschlossen, das nun öfter zu tun – und starteten mit endlich.

einen ehrlichen Podcast über den Tod. In dem sie offen über ihre Gefühle

und Gedanken sprechen, auch mit Gästen, die dazu etwas zu sagen haben.

endlich. Wir reden über den Tod, endlich.cc / erster Live-Termin: am 5. Mai in Berlin (Infos online)

// FILM

JA, NEIN, VIELLEICHT

Hilfe, die Viren kommen:

David Sieveking

und Tochter Zaria

Sollen wir unser Kind impfen lassen? Darüber erhitzen sich nicht nur in

Berlin-Prenzlauer Berg die Gemüter. Auch Daniel Sieveking („Was spricht

denn dagegen?“) und Jessica („Informier dich mal!“) sind sich uneins, ob und

gegen was ihre kleine Zaria geimpft werden soll. Also nimmt der Dokumentarfilmer

sich den Auftrag seiner Frau zu Herzen – und spricht mit Experten, ja,

reist sogar bis nach Afrika, um eine Antwort auf seine drängende Frage zu kriegen.

Denn noch immer ist Zaria nicht geimpft, und in Berlin sind die Masern

ausgebrochen … Ein sehr persönlicher, mitunter sogar witziger Blick auf die aktuelle

Impfdebatte, der für Gegner wie Befürworter sehenswert ist.

Eingeimpft, Dokumentarfilm von David Sieveking, ab 19. April im Kino

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 17


18 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


LEBEN IM

EINKLANG MIT

DER

NATUR

Es mangelt uns nicht an Wohlstand und Komfort. Und doch haben wir öfter psychische

Probleme als Menschen aus weniger reichen Ländern. Der Grund: Wir scheinen

so programmiert zu sein, dass das moderne Leben, Wohnen und Arbeiten eigentlich

nicht zu uns passt. Wie gestalten wir unseren Alltag wieder „natürlicher“?

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018 19


Als der bekannte

amerikanische Biologe

Jared Diamond

in Los Angeles

landet, plagen ihn

widersprüchliche

Gefühle. Über Monate hat er bei einem

primitiven Papua-Stamm in Neuguinea

gehaust. Ja, er ist froh, wieder

daheim zu sein, bei seiner Familie und

seinen Freunden. Wo es immer genug

Essen gibt, ein weiches Bett, Krankenhäuser

und Medikamente.

Aber auf der Autobahn, auf dem Weg

nach Hause, fühlt er sich plötzlich

unbehaglich. „Die Landschaft um

mich herum besteht ausschließlich aus

einem asphaltierten Straßennetz,

Gebäuden und Autos. Die akustische

Umwelt ist der Verkehrslärm“,

schreibt er in Vermächtnis. Was wir

von traditionellen Gesellschaften lernen

können. „Der Gegensatz zur

reinen, klaren Luft Neuguineas, den

vielfältigen Grüntönen seines dichten

Dschungels und seinen Hunderten

von aufgeregten Vogelgesängen könnte

krasser nicht sein. In einem Reflex

stelle ich die Lautstärkeknöpfe meiner

Sinnesorgane und meines emotionalen

Zustandes niedriger – ich weiß, dass

sie die meiste Zeit so niedrig eingestellt

bleiben werden, bis ich im nächsten

Jahr wieder nach Neuguinea reise.“

AUTOS UND KÜHLSCHRÄNKE

Das moderne Leben hat uns viele Errungenschaften

beschert. Kälte, Hitze,

Hunger, Durst, Schmerz: Den Entbehrungen,

die unsere Vorfahren einst

plagten, können wir schon mit einem

Drehen am Thermostat, dem Gang

zum Kühlschrank oder einer Schmerztablette

etwas entgegensetzen. Wir

haben Geräte, die uns den Weg zeigen,

das Wetter vorhersagen, ein ganzes

Orchester erklingen lassen oder uns

stundenlang mit Spielen vergnügen. Wir

brauchen nicht mehr mit Pfeil und

Bogen hinter Tieren herzurennen oder

Knollen auszugraben, um etwas zu

essen zu haben, und müssen uns auch

nicht mehr gegen wilde Raubtiere und

feindliche Stämme verteidigen.

„Die moderne Gesellschaft ist ein

Paradies. Das kann niemand bestreiten“,

schreibt Wissenschaftsjournalist

Sebastian Junger in seinem jüngsten

Bestseller Tribe. Das verlorene Wissen

um Gemeinschaft und Menschlichkeit.

„Die ärmsten Menschen in der modernen

Gesellschaft erfreuen sich eines

Niveaus physischer Annehmlichkeiten,

das vor tausend Jahren unvorstellbar

war, und die reichsten Menschen leben

buchstäblich so, wie wir uns das

Leben der Götter vorgestellt haben.“

Aber die Art, wie wir heute unsere

Tage füllen, ist oft weit entfernt von

unserer biologischen „Veranlagung“,

die noch aus der Urzeit stammt. Über

Jahrmillionen haben wir uns zu perfekt

angepassten Jägern und Sammlern

entwickelt. Zu Menschen, die draußen

leben, sich viel bewegen und in kleinen,

stabilen Gruppen durch eine gefährliche

Umwelt ziehen. Von den vielen

Jahrtausenden, die wir, der Homo

sapiens, auf der Erde leben, haben wir

etwa 99 Prozent so verbracht. Erst

vor 10 000 Jahren haben wir den

Ackerbau erfunden und uns vermehrt

an festen Orten niedergelassen. Und

erst in den vergangenen 100 Jahren

haben wir technische Glanzleistungen

wie Autos, Kühlschränke und Smartphones

erfunden. Ein zu kurzer Zeitraum,

um auch den Körper und die

Gehirnstrukturen an diese total andere

Lebensweise anzupassen.

Das führe zu ernsthaften Problemen,

warnen immer mehr Wissenschaftler.

So paradiesisch sie auch sein mag: Unsere

heutige Lebensart scheint uns

nicht nur glücklich zu machen. In den

westlichen Wohlstandsnationen steigt

die Zahl der Depressionen, Burn-outs,

Angststörungen, Selbstmorde und

Schlafprobleme frappierend, während

diese in traditionelleren Gesellschaften

– trotz aller Unsicherheit und Armut –

viel seltener auftreten.

EIN SEHNEN, ABER WONACH?

Klar, nicht jeder entwickelt in unserer

modernen Welt gleich eine psychische

Erkrankung. Aber genau wie Tieren in

Gefangenschaft fehlt uns eine naturbelassene

Umgebung und die Möglichkeit,

uns natürlich verhalten zu

können – auch wenn wir frei sind. Das

Wie Käfigtieren fehlt

uns die Möglichkeit,

uns natürlich

verhalten zu können

geschieht oft unbewusst. Ein Huhn in

einer Legebatterie weiß nicht, was

genau ihm dort fehlt, wo es sein Leben

verbringt. Aber es fühlt sich unruhig

und gestresst. Auch unser Körper

signalisiert regelmäßig „Das ist mir

nicht geheuer“ inmitten von Überfluss,

Bildschirmen und kilometerlangen

Staus. Wir fühlen uns gehetzt, müde,

überreizt, wir sehnen uns nach etwas –

wissen aber nicht, wonach.

Studien zeigen immer mehr auf, welche

Aspekte des modernen Lebens sich

mit unseren Ur-Anlagen reiben und

was genau uns fehlt. So wie Legebatterie-Hühner

aufleben, wenn sie scharren

dürfen, fühlen auch wir uns meist

besser, wenn wir an unsere natürlichen

Bedürfnisse anknüpfen, im Grünen

etwa, bei Tageslicht, mit stabilen Sozialkontakten,

körperlicher Bewegung

und klaren Herausforderungen.

20 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


PERSÖNLICHKEIT

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 21


4 KONFLIKTE ZWISCHEN UNSERER MODERNEN UMGEBUNG

UND UNSERER NATÜRLICHEN VERANLAGUNG

1. ZU WENIG GRÜN

Wir seien darauf „programmiert“, bestimmte

Umgebungen als angenehm

zu empfinden, sagen Evolutionspsychologen.

Deswegen suchen wir automatisch

Plätze auf, an denen wir gut

überleben können. Sichere Orte, die

ausreichend Nahrung und Wasser

bieten, signalisieren unserem Gehirn

beruhigend: Hier ist es gut.

Tatsächlich scheint uns eine grüne Umgebung

mit Bäumen, Blumen und

Wasser besonders anzuziehen. Sogar

der Zustand des Wassers macht einen

Unterschied: Klare Bergseen und fließende

Bäche schneiden besser ab als

trübe Pfützen. Außerdem fühlen wir

uns am wohlsten in einer Umgebung,

von wo aus wir die Übersicht haben,

ein Hügel etwa, von dem aus wir sich

nähernde Gefahren rechtzeitig wahrnehmen.

Auch Orte, die uns Schutz

und Rückendeckung bieten, empfinden

wir als nützlich.

So viele Vorteile sie auch bieten mögen:

Moderne Gegenden mit Appartementhäusern,

Industriegebieten,

Straßen und Einkaufszentren haben zu

wenige dieser beruhigenden Eigenschaften.

Stattdessen weisen sie viele

Merkmale auf, die laut unserer Ur­

Veranlagung gerade auf Bedrohung

hinweisen, wie etwa Lärm. Laute

Geräusche bedeuten seit jeher wenig

Gutes: abbröckelndes Gestein, das

Krachen eines umstürzenden Baumes.

Und auch wenn wir wissen, dass heulende

Sirenen, dröhnende Motoren

und ratternde Presslufthämmer harmlos

sind, werden wir trotzdem unbewusst

davon beeinflusst. So stellte sich

heraus, dass Menschen, die in der

Nähe eines Flughafens wohnen, häufiger

an verengten Blutgefäßen und

hohem Blutdruck leiden. Arbeitnehmer,

die täglich von Lärm umgeben

arbeiten, haben öfter ein Magengeschwür,

und auch das Risiko eines

Herzinfarkts ist bei ihnen höher.

Ein weiteres Beispiel: In Städten stehen

wir täglich dicht gedrängt in Menschenansammlungen,

etwa während

des Berufsverkehrs im Zug oder beim

Schlussverkauf. Auch wenn wir nur

zu gut wissen, dass diese Leute keinem

feindlichen Stamm angehören und

uns wohl kaum angreifen werden, sorgen

solche Momente dafür, dass der

Blutdruck steigt und mehr Stresshormone

ausgeschüttet werden.

So zeigen immer mehr Studien, dass

städtische Bebauung uns erregt und

Grün – selbst wenn es nur ein angelegter

Park ist – stressmindernd wirkt.

„Unser Körper entspannt sich in friedlicher,

natürlicher Umgebung, weil

er sich darin einst entwickelt hat“,

sagt der japanische Wissenschaftler

Yoshifumi Miyazaki von der Chiba

University. „Unsere Sinnesorgane sind

dafür geeignet, Pflanzen und Gewässer

zu interpretieren, nicht aber den Verkehr

und Hochhäuser.“

Was können wir tun?

Uns regelmäßig eine Dosis Grün

holen. Aus Miyazakis Studie geht hervor,

dass schon ein 15­minütiger

Waldspaziergang die Zahl der Stresshormone

verringert.

Wenn Sie nicht ins Freie können:

Auch der Blick ins Grüne, auf Zimmerpflanzen

oder sogar Naturfilme

wirken schon beruhigend.

Städtische Bebauung

regt uns auf, Grün

wirkt stressmindernd

2. OBERFLÄCHLICHER KONTAKT

Am meisten vermisst der Mensch des

21. Jahrhunderts das Leben im Stammesverband,

verdeutlicht Sebastian

Junger in seinem Buch Tribe. Eine stabile

Gruppe, in der jeder dasselbe klare

Ziel hat: überleben. Damit uns das

gelang, waren wir lange von Beziehungen

zu anderen abhängig – zum gegenseitigen

Schutz (vor allem des Nachwuchses),

zur gemeinsamen Jagd auf

größere Tiere und zum Teilen der

Nahrung. Im Stammesverband waren

wir nie allein, und Dazugehören war

überlebenswichtig. Sozialer Kontakt

macht uns daher auch am glücklichsten,

zeigen zahllose Studien.

Heutzutage brauchen wir diese engen

Bindungen nicht mehr so sehr zum

Überleben. Essen gibt es an jeder Straßenecke

zu kaufen, Polizei und Armee

schützen uns, in der Kita passt man

auf unsere Kinder auf. Wir müssen

nicht einmal mehr Gebrauchsgegenstände

mit anderen teilen, denn wir

haben alles selbst. Durch den alltäglichen

Wahnsinn aus Deadlines, Projekten

und E­Mails geraten unsere

Sozialkontakte noch weiter in den

Hintergrund, werden gehetzter und

oberflächlicher. „Wer in einer modernen

Stadt oder Vorstadt lebt, kann

zum ersten Mal in der Geschichte einen

Tag – oder ein ganzes Leben –

verbringen und dabei überwiegend

völlig fremden Menschen begegnen“,

sagt Junger. „Er kann von anderen

umgeben sein und sich dennoch zutiefst

und bedrohlich einsam fühlen.“

Auch Gleichheit innerhalb eines Stammes

und ein klares Ziel, auf das unser

Tun ausgerichtet ist, seien menschliche

Ur­Bedürfnisse, sagt Junger. So kann es

sein, dass Entbehrungen wie Armut,

Krieg und Katastrophen ironischerweise

dazu führen, dass wir uns manchmal

besser fühlen als in Frieden und im

Überfluss. Weil wir einander wieder

brauchen und ein klares Ziel haben:

den Feind besiegen, gemeinsam überleben,

Wiederaufbau. Junger: „Entbehrungen

machen dem Menschen wenig

aus, er ist sogar auf sie angewiesen;

worunter er jedoch leidet, ist das Gefühl,

nicht gebraucht zu werden.“

22 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


PERSÖNLICHKEIT

Im Zweiten Weltkrieg wuchsen Moral

und Widerstandskraft der Bürger gerade

in den Städten, die am schwersten

bombardiert wurden. Und bei

Naturkatastrophen wie Überflutungen

werden soziale Beziehungen nur stärker.

„Katastrophen scheinen die Uhren

um 10 000 Jahre sozialer Evolution

zurückzudrehen“, erklärt Junger. Einkommen

und Herkunft werden unwichtig:

Der Wert der Menschen bestimmt

sich durch das, was sie für

die Gruppe tun. „Daraus ergibt sich

eine soziale Bindung, die viele Menschen

schmerzlich vermissen.“

Am meisten vermissen

wir da s Leben

im Stammesverband

Was können wir tun?

Reservieren Sie bewusst Zeit für

Freunde, bevor diese von Überstunden,

der Wäsche und zahllosen

E-Mails verschluckt wird.

Investieren Sie in Ihre nachbarschaftlichen

Beziehungen. Dinge und

Dienstleistungen auszutauschen erzeugt

dieses alte Gefühl von Verbundenheit

und gegenseitiger Unterstützung.

Auch wenn es nur eine Tasse

Zucker ist – sie signalisiert Sicherheit

und das Gefühl, dass wir uns auf andere

verlassen können.

Suchen Sie möglichst viel direkten

Kontakt. Der geht tiefer und ist befriedigender

als indirekte Interaktion über

E-Mail und WhatsApp.

Konzentrieren Sie sich auf wirklich

wichtige, enge Beziehungen. Durch

die sozialen Netzwerke stecken wir unverhältnismäßig

viel Zeit in vage Bekanntschaften,

während uns Nahestehende

ein einzigartiges, vertrautes

Gefühl vermitteln können.

Suchen Sie sich eine Gruppe, in der

Sie eng für dasselbe Ziel zusammenarbeiten,

beispielsweise ein Ehrenamt,

das Sie erfüllt, oder ein Teamsport.

3. VERALTETES STRESSSYSTEM

Umfallende Bäume, Giftschlangen,

wilde Tiere, Feuer, Ertrinken und

Verirren: Sie gehören zur Top 10 der

häufigsten Todes- und Verletzungsursachen

in traditionellen Gemeinschaften,

schreibt Biologe Jared Diamond

in seinem Buch. Und es sind die Gefahren,

für die unser Stresssystem entwickelt

wurde: konkret, klar, von kurzer

Dauer. Ein einziger Cortisol-Stoß

macht unseren Körper bereit, zu flüchten,

zu kämpfen oder zu erstarren.

Und wenn die Gefahr gewichen ist –

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 23


meist recht schnell –, kommt unser

Körper wieder ins Gleichgewicht.

Je künstlicher die Umgebung, desto

abstrakter seien unsere Stressoren, erklären

der Professor für Psychiatrie

Witte Hoogendijk und Journalistin

Wilma de Rek. Stress entsteht, wenn

die Umgebung uns etwas abverlangt,

von dem wir nicht wissen, ob wir es

zu einem guten Ende bringen können.

Auch moderne Probleme wie Stau,

Zeitdruck, To-do-Listen und Mailboxen

erzeugen diese Anspannung.

Aber unser Stresssystem verfehlt in der

Reaktion das Ziel: Flüchten, Kämpfen

oder Erstarren hilft nicht im Stau

oder in einer Besprechung. Hoogendijk

und de Rek: „Bedanken Sie sich bei

Ihrem veralteten Stresssystem, das

noch nicht versteht, dass Sie zum Ausfüllen

Ihrer Steuererklärung gar keinen

erhöhten Herzschlag brauchen

und erst recht nicht beim bloßen Gedanken

daran – somit sind Sie vollkommen

sinnlos entsichert.“

Zudem ist moderner Stress oft chronisch:

Zeitdruck und eine volle Mailbox

sind keine Feinde, die unseren

Weg vorübergehend kreuzen. Und unser

Körper ist nicht auf einen permanenten

Cortisol-Strom eingerichtet,

der Burn-outs und Herzprobleme im

Schlepptau hat. Unser Stressrespons

vergaloppiert sich ja schon bei globalen

Gefahren, die medial ins Wohnzimmer

flimmern: Naturkatastrophen,

Kriege, Terrorismus. Die halsen uns

ein chronisches Unsicherheitsgefühl

auf, aber sind zu weit weg, als dass

wir etwas dagegen tun könnten.

Was können wir tun?

Wenn Ihr Körper reagiert, als wäre

er in Lebensgefahr, während Sie nur

eine Deadline einzuhalten versuchen,

probieren Sie mal, Ihr Stresssystem zu

beruhigen. Etwa mit Achtsamkeitsübungen

oder der Konzentration auf

sichere Signale aus Ihrer Umgebung:

Sie haben ein solides Haus, genug zu

essen, Freunde, auf die Verlass ist.

Suchen Sie sich hin und wieder die

konkrete Entbehrung, in der Ihr Körper

schön altmodisch reagieren kann:

Kälte, Hitze, Anstrengung, Verzicht.

4. GESTÖRTER RHYTHMUS

Wir sind uns dieser Tatsache oft nicht

bewusst, aber viele Prozesse im Körper

haben ihren eigenen natürlichen

Rhythmus, wie der Stoffwechsel, der

Schlaf-wach-Rhythmus, die Temperatur,

Konzentration und Regeneration

unseres Körpers. Unsere innere biologische

Uhr gibt den Takt dazu vor und

sorgt dafür, dass die Prozesse miteinander

harmonieren. Diese sind tief in

den Genen verankert, weil sie evolutionär

große Vorteile bringen. In erster

Linie, da manche Prozesse die Gegenpole

der anderen sind und deswegen

von diesen getrennt werden müssen.

So ist unser Körper tagsüber ganz darauf

eingestellt, aktiv und aufmerksam

zu sein: Er produziert Cortisol, und

der Stoffwechsel arbeitet auf Hochtouren,

während nachts alles auf Energiesparen

und Regeneration konzentriert

ist. Körpertemperatur, Stoffwechsel

und Cortisol-Ausschüttung köcheln

auf kleiner Flamme, während die

Wachstumshormone produktionstechnisch

ihren Höhepunkt erreichen.

In zweiter Linie ist es ungeheuer praktisch,

wenn unser Körper den Dingen

voraus ist. Weiß unser Stoffwechsel

etwa, wann es Essen gibt, bereitet er

sich schon einmal darauf vor – was

für eine gute Verdauung entscheidend

ist. Unsere biologische Uhr gibt uns

einen Tagesrhythmus aus ungefähr

24,2 Stunden vor, korrigiert sich aber

selbst den Tag über anhand von Zeit-

NATÜRLICHE GLÜCKSBRINGER

Manche Beschäftigungen fühlen sich schon deswegen

gut an, weil sie zu unseren natürlichen Bedürfnissen

passen. So wie bei Hühnern, die eigentlich

nicht scharren müssen, da sie ihr Futter eh hingestellt

bekommen, es aber einfach gern tun.

Camping heißt, sich unserem Leben als Jäger und

Sammler stark anzunähern: einen guten Platz suchen,

den ganzen Tag draußen sein, ein Feuerchen machen

und gemeinsam schlafen gehen.

Teamsport ähnelt der Jagd oder dem austragen einer

Stammesfehde. „Die Details haben sich peu à peu geändert,

aber die Basis ist noch die gleiche: die Planung

und Strategie, die arbeitsweise und die Gefahren, die

physische anstrengung und mögliche Verletzungen, die

Gruppenzusammenarbeit, mit dem Höhepunkt des

Schießens aufs Ziel“, schreibt der amerikanische Zoologe

Desmond Morris in The Nature of Happiness.

Sammeln: schöne Muscheln am Strand, Kastanien aufheben,

Fußballbilder. Das alles ähnelt dem traditionellen

Sammeln von Nahrung.

Reisen: Bis zum Beginn des ackerbaus vor etwa 10 000

Jahren waren wir ein Nomadenvolk. Reisen – sich mit

wenigen Habseligkeiten an immer anderen Orten niederlassen

– hat eine gewisse Ähnlichkeit damit.

Wandern erzeugt ebenfalls dieses „Zugvogelgefühl“,

sorgt zudem für die nötige körperliche Bewegung und

eine Möglichkeit, in die Weite zu schauen. Das bildet

ein Gegengewicht zu unserer sitzenden Existenz, bei der

wir stundenlang auf einen viel zu nahen Bildschirm

starren – Wissenschaftlern zufolge ein Grund, weshalb

heute so viele Menschen kurzsichtig sind.

Die Sinnesorgane stimulieren: Wenn wir drinnen sind

und vor allem gedanklich beschäftigt, liegen viele Sinnesorgane

brach – es weht kein Wind, gibt keine wechselnden

Gerüche, kein Tropfen Regen oder Sonnenstrahl

fällt auf unsere Haut. Ein Spaziergang, ein warmes Bad

oder eine Massage nährt unsere Sinnesorgane.

24 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


PERSÖNLICHKEIT

Camping heißt, sich dem

Leben als Jäger und

Sammler anzunähern

indikatoren aus der Umwelt. Tageslicht

ist am wichtigsten, aber auch Mahlzeiten,

körperliche Bewegung und soziale

Interaktionen geben Hinweise.

Dieses System ist entstanden, als wir

noch nach dem Sonnenauf- und -untergang

gelebt haben, und es funktionierte

damals perfekt. Aber heute ist

uns der Tag-Nacht-Rhythmus nicht

mehr so wichtig. Wir machen abends

das Licht an und setzen unsere Aktivitäten

ungemindert fort, wodurch unser

Körper glaubt, es sei noch Tag.

Das Licht von Tablets und Smartphones

gibt erst recht verwirrende Signale,

weil es dem bläulichen Morgenlicht

ähnelt. Außerdem leben wir in einer

24-Stunden-Ökonomie, in der wir

Schichtarbeit leisten, Überstunden machen

und quer durch alle Zeitzonen

reisen. Die Folge: eine aus dem Gleichgewicht

geratene körperliche Uhr

und Prozesse im Körper, die durch einanderlaufen.

Wer seinen Rhythmus

längerfristig aus dem Takt bringt, kann

allerlei Gesundheitsprobleme bekommen,

wie beispielsweise Magen- und

Darmbeschwerden, Herzprobleme sowie

Schlaf-, Stimmungs- und Gedächtnisstörungen.

Was können wir tun?

Halten Sie sich so gut es geht an den

alten Tag-Nacht-Rhythmus. Seien Sie

tagsüber aktiv und bewegen sich viel.

Reservieren Sie den Abend für ruhige

Aktivitäten, die Nacht zum Schlafen.

Um die biologische Uhr in den Griff

zu bekommen, ist das Aufstehen zu

festen Zeiten am wichtigsten, sagen

Schlafwissenschaftler. Weichen Sie am

Wochenende nicht zu sehr davon ab.

Sichern Sie sich tagsüber möglichst

viel Tageslicht, vor allem am Morgen:

Das gibt ein starkes Signal, dass der

Tag angefangen hat. Dimmen Sie abends

das Licht, schalten Sie die Bildschirme

ab oder regulieren Sie zumindest deren

Helligkeit.

Halten Sie sich an feste Zeiten. So

weiß der Körper schon vorab, wann

Sie essen, schlafen oder sich bewegen

werden, und kann sich vorbereiten. //

Quellen u. a.: J. Diamond, Vermächtnis. Was

wir von traditionellen Gesellschaften lernen

können. S. Fischer, 2012 / S. Junger, Tribe.

Das verlorene Wissen um Gemeinschaft und

Menschlichkeit, Blessing, 2017

Text: Janneke Gieles // Fotos: Getty Images, Stocksy

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 25


Ein ECHTER MANN

cremt sich nicht ein

Zahnseide benutzen, Vitamine schlucken, die Haut vor der Sonne schützen:

Die meisten Frauen tun all das. Doch Männer rümpfen über derartig vernünftiges

Verhalten oft die Nase. Warum nur?

Der 24-jährige Banker fühlte

sich schon eine Weile antriebslos,

hatte extremen

Durst und musste oft zur

Toilette. Bei der Arbeit jedoch ließ er

sich nichts anmerken. Erst nachdem er

sich ein paar Tage lang im Büro heimlich

übergeben hatte, gelang es seiner

Freundin, ihn in die Notaufnahme zu

schicken. Dort stellte sich heraus, dass

er Diabetes Typ 1 hatte – und in Lebensgefahr

schwebte.

Das klingt nur allzu bekannt: Der

Mann weigert sich, zum Arzt zu gehen.

Genau wie der Mann, der sich nicht

mit Sonnenschutzcreme einreibt, und

der, der nie Obst isst. Auch Studien belegen:

Männer leben im Durchschnitt

ungesünder als Frauen. Sie pflegen ihre

Zähne schlechter, essen mehr Fett, rauchen

und trinken mehr. Laut des Robert

Koch Instituts nehmen 48,5 Prozent

der Frauen regelmäßig am Gesundheitscheck

zur Früherkennung von

Herz-Kreislauf- und anderen Erkrankungen

teil, aber nur 45,4 Prozent der

Männer. Eklatant ist der Unterschied

bei der Krebsvorsorge: 67,2 Prozent

der Frauen, aber nur 40 Prozent der

Männer lassen sich diesbezüglich regelmäßig

untersuchen.

Es gebe noch einen weiteren wichtigen

Unterschied zwischen Männern und

Frauen, sagt James Mahalik, ein US-

Psychologe, der sich auf Männergesundheit

spezialisiert hat. „Männer

nehmen später Hilfe in Anspruch als

Frauen. Und sind sie endlich beim

Arzt, stellen sie wenig Fragen.“ Mahalik

fragte sich, warum das so ist, und

untersuchte verschiedene Männergruppen.

So entdeckte er etwa bei Handwerkern,

dass sie ihre Männlichkeit

anhand von Ausdauer und Zähigkeit

beurteilen. Zum Arzt gehen schmälert

ihren Status als starker Mann.

FÜNF GESUNDE

VERHALTENSWEISEN,

die Männer seltener an

den Tag legen als Frauen:

1. Vitamintabletten nehmen

2. Zum Zahnarzt gehen

3. Genügend schlafen

4. Gemüse essen

5. Täglich frühstücken

Quelle: W. Courtenay, Key determinants

of the health and well-being of men

and boys, International Journal of Men’s

Health, 2003

GRUPPENDRUCK

Auch unter gut ausgebildeten Männern

mit Bürojobs entdeckte Mahalik

eine klare Gruppennorm. Dort hinderte

sie der Druck, Karriere zu machen

und besser zu sein als die Kollegen,

daran, zum Arzt zu gehen. Sie opferten

ihre Arbeitszeit nicht gern Gesundheitsproblemen.

Verantwortlich seien

also maskuline Verhaltensnormen,

meint Mahalik. Die nehmen sich nach

Kultur und Kontext unterschiedlich

aus, aber es geht immer um Erwartungen,

wie ein Mann sich zu verhalten

habe. Wie eine Art Drehbuch mit Männerrollen,

an die man sich in der Erziehung,

der Schule und den Medien

hält – oftmals unbewusst.

John Oliffe, Professor für Männlichkeit

und Gesundheit an der University

of British Columbia, benennt die implizite

Botschaft der westlichen Welt

wie folgt: „Echte Männer weinen

nicht, brauchen keine Hilfe und sollten

schon gar keine Schwächen zugeben.“

Nicht gut für sich zu sorgen ist

daher ein Weg, seine Kraft zur Selbsthilfe

und Robustheit zu zeigen. Mahalik:

„Darauf achten, was man isst,

sich ausreichend bewegen und gut

schlafen sind ‚weibliche‘ Aktivitäten;

das Eingehen von Gesundheitsrisiken,

wie nicht zum Arzt gehen, rauchen

und ungesund essen, wird genutzt, um

Männlichkeit zu beweisen.“

Ein anderes Beispiel ist der Alkoholkonsum.

Mahalik: „Wenn das maskuline

Ideal ist, stark und aus hartem

Holz geschnitzt zu sein, kann Alkohol

ein Weg sein, dem zu entsprechen.“

Ein Mann, der den Rest der Runde

26 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


GESUNDHEIT

unter den Tisch trinkt und dann nach

Hause fährt, als sei nichts gewesen,

gilt demnach als cool.

Wenn es aber doch so ungünstig für sie

ist, warum beschließen Männer, diese

Verhaltensnormen zu erfüllen? „Viele

Menschen verstehen ihr Mann- oder

Frausein als Teil ihrer Identität“, sagt

Mahalik. „Es ist menschlich, sich bestimmten

Normen anzupassen, um zu

einer Gruppe zu gehören.“

ROLLE DER SCHAM

Was geschieht, wenn Männer diesen

Normen nicht entsprechen können?

Sónia Bernardes, eine portugiesische

Professorin und Schmerzexpertin,

sieht, dass Männer, die unter chronischen

Schmerzen leiden (länger als

drei Monate), sich oft entmännlicht

fühlen. „Häufig spielen Emotionen

wie Scham eine Rolle. Denn von

Männern wird erwartet, dass sie ihre

Beschwerden stoisch ertragen.“

Auch eine Depression kann als Bedrohung

der männlichen Identität wirken.

Das entnahm Professor Oliffe seinen

Gesprächen mit fast 40 depressiven

Männern. „Es ist peinlich. Man fühlt

sich schuldig und schwach“, sagte

etwa ein 42-jähriger Lehrer. Oliffes

Schlussfolgerung: „Männer versuchen

zu verhindern, dass sie verletzlich wirken.

Das begegnet mir im psychischen

Gesundheitswesen ständig. Depressive

Männer suchen nicht schnell Hilfe,

sondern doktern selbst an sich herum

und nehmen Alkohol und Drogen.“

GUTE BEISPIELE

Lässt sich etwas dagegen tun? Um

maskuline Verhaltensnormen zu ändern,

müssten wir laut Oliffe anders

darüber reden, wie Jungen und Männer

seien und was sie täten. Er setzt

sich dafür ein, dass positive männliche

Ideale mehr betont werden.

Denn die gebe es auch, sagt Psychologe

Mahalik. Er mischte sich nicht nur

unter Handwerker und Büroangestellte,

sondern auch Feuerwehrmänner.

Dort entdeckte er Verhaltensnormen,

die positiv aufs Wohlbefinden wirken:

Körperliche Kraft und Gesundheit

sind für diese Berufsgruppe essenziell,

um ihre Arbeit gut machen zu können.

Eine Verletzung zu verschleppen gilt

als Tabu. Die Rolle des Mannes als

Beschützer der Familie kann Mahaliks

Meinung nach einen ähnlichen positiven

Effekt haben.

Diese positiven Ideale nutzt Oliffe

jetzt für seine Website, die sich an depressive

Männer richtet, headsupguys.

org, also „Kopf hoch, Männer“. Hier

können diese so Hilfe bekommen,

dass es ihrer Männlichkeit keinen Abbruch

tut. Sie werden nicht als Opfer

angesprochen, sondern als resilienzfähige

Individuen, die ihr Schicksal in

die Hand nehmen.

Laut Mahalik müsse Veränderung

schon bei der Erziehung beginnen; Eltern

sollten sich der Tatsache bewusst

werden, dass sie implizite Gendernormen

auf ihre Kinder übertragen, und

zwar auch, wenn sie das gar nicht beabsichtigen.

„Väter können mit gutem

Beispiel vorangehen, indem sie regelmäßig

zum Arzt gehen, nicht rauchen

und nicht zu viel trinken.“

Auch Werbung, die die ungesunden

Seiten der Männlichkeit aufwertet,

wie manche Bierspots es tun (man

denke an „Heute ein König“), müsse

eingeschränkt werden. Mahalik:

„Großunternehmen haben eine mächtige

Stimme. Ohne ihren Einsatz ist es

recht schwierig, Männlichkeitsideale

zu verändern.“ Denn auch eine Sonnenmilch,

die nach Testosteron riecht,

muss erst noch erfunden werden. //

Quellen u. a.: Gesundheit in Deutschland 2015,

Robert Koch Institut / Krebs in Deutschland

2016, Robert Koch Institut / J. Mahalik u. a.,

Why won’t he go to the doctor?, International

Journal of Men’s Health, 2003 / J. Oliffe,

„You feel like you can’t live anymore“, Social

Science & Medicine, 2012 / E. Kuhlmann,

E. Annandale, The Palgrave Handbook of Gender

and Healthcare, Palgrave Macmillan, 2010

Text: Lisa Peters // Illustration: Anne van den Berg

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018 27


Mit dem Alter

reagiert man

empfindlicher

auf Verluste

NEUN PERSÖNLICHE FRAGEN AN FRANÇOIS LELORD

Der französische Psychiater und Schriftsteller über

die Lücke, die sein Vater hinterlassen hat, die

Gemeinsamkeiten, die die Frauen in seinem Leben

teilen, und seine beste Entscheidung überhaupt:

ein Spontantrip nach Vietnam

28 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


INTERVIEW


1Was ist Ihr größter Schmerz?

__ Die Vorstellung, meiner kleinen

Familie könnte etwas Schlimmes passieren.

Mein Vater ist im vergangenen

Jahr verstorben, und jeden Abend,

zu der Zeit, als wir immer unser tägliches

Gespräch über Skype hatten,

vermisse ich ihn. Ich konnte mit ihm

über alles reden, über das Leben,

was wir lesen, unsere Familie oder die

Nachrichten. Wir sind uns mit den

Jahren immer näher gekommen, vor

allem in der Phase, als wir beide

schon Teil der „älteren Generation“

waren, wenn auch an ihrem jeweils

entgegengesetzten Rand.

Ich habe schon in der Vergangenheit

liebe Menschen verloren, aber mit

dem Alter reagiert man empfindlicher

auf Verluste, weil dieses „Nie wieder“-

Gefühl stärker ist. Wenn man jünger

ist, spürt man – auch wenn es vielleicht

im Moment der Trauer verwirrend

ist –, dass man noch das ganze

Leben hat, um neue Bindungen zu

knüpfen.

2Was verunsichert Sie am

meisten? __ Mit zunehmendem

Alter und mehr Erfahrung fühlt man

sich weniger unsicher. Wenn man

Glück hat, bleibt man in seiner Komfortzone

– da sind die eigenen Schwächen

unsichtbar. Als ich jünger war,

fühlte ich mich unsicher, wenn ich

Dinge tun sollte, auf die ich nicht gut

vorbereitet war, zum Beispiel auf die

Arbeit – in meinem Fall: in der Notaufnahme

auf Abruf zu stehen. Damals

war ich Assistenzarzt und noch

in der Ausbildung. Natürlich konnte

ich mich auf die Hilfe der erfahrenen

Ärzte verlassen, aber da sie selbst sehr

beschäftigt waren, wusste ich, ich

sollte sie nicht zu oft rufen. Tagsüber

arbeitete ich meist in der psychiatrischen

Abteilung, das war natürlich

nicht das beste Training für die nächtliche

Arbeit in der Notfallmedizin.

Dort war es manchmal albtraumhaft,

aber zum Glück habe ich keinen Patienten

umgebracht.

3Was ist der größte Gegensatz

in Ihnen?

__ Eigentlich wirke ich ruhig und vernünftig,

aber gelegentlich treffe ich

Entscheidungen, die auf manche sicher

verrückt wirken. Zum Beispiel, dass

ich meine gut gehende Praxis als Psychiater

gegen die Unsicherheit von

Beratertätigkeiten eingetauscht habe –

nur um das auch wieder an den Nagel

zu hängen. Danach bin ich nach

Asien gegangen, ohne eine klare Idee

davon zu haben, was ich dort tun

könnte (zum Glück haben die deutschen

Leser zu der Zeit begonnen,

mich zu unterstützen, vielen Dank!).

Und schließlich, dass ich zu einer Zeit

geheiratet habe und Vater geworden

bin, in der andere bereits mit ihren

Enkeln spielen.

4

Was war die beste

Entscheidung Ihres Lebens?

__ 2003 spontan nach Vietnam zu

reisen, um dort Freunde zu treffen.

Die hatten gerade die Dreharbeiten zu

dem Spielfilm The Beautiful Country

beendet, doch zur gleichen Zeit breitete

sich die SARS-Epidemie aus China

aus. Das Gute am Singledasein: Man

ist risikofreudiger, niemand ist von

einem abhängig. So saß ich in fast leeren

Flugzeugen, habe die bezaubernde,

nahezu touristenfreie Stadt Hanoi

entdeckt und bin mit einem Freund

auf einer einsamen Dschunke durch

Halong Bay gefahren, während nur

Fischerboote unseren Weg kreuzten.

Nachts, im Metropole Hotel, herrschte

eine düstere Atmosphäre. Die Leute

trösteten sich an der Bar, unter ihnen

30 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


INTERVIEW

Diese starke Liebe meiner

Mutter für mich, die habe ich auch

in meinen Beziehungen gesucht

welche, die bis heute sehr gute Freunde

von mir sind. Zwei von ihnen sind

später sogar die Paten meines Sohnes

geworden.

Ich habe eine fremde Kultur entdeckt

und viele neue Erfahrungen gesammelt,

darunter die, in einem kommunistischen

Land zu leben und im

Ausland als Psychiater zu arbeiten –

denn seit 2004 lebte ich vor allem in

Vietnam und Thailand, mit regelmäßigen

Besuchen in Frankreich. Asien

hat mich auch zum Schreiben inspiriert,

besonders zu meinem Buch Die

kleine Souvenirverkäuferin.

Später habe ich meine zukünftige Frau

getroffen, und das hat mein Leben

definitiv zum Besseren verändert. Es

war also wirklich eine exzellente

Entscheidung – auch wenn ich mir

dessen bei meinem ersten Stopp in

Hongkong längst noch nicht sicher

war: Nahezu jeder Passant auf der

Straße trug eine OP­Maske, um Ansteckungen

zu vermeiden. Aber da ich

nicht sofort einen Rückflug gebucht

habe, war ich an dem Tag wohl ziemlich

optimistisch gestimmt!

5Welche Eigenschaft schätzen

Sie an Ihrer Partnerin am

meisten?

__ Sie hat viele tolle Eigenschaften,

aber am meisten schätze ich ihre Großzügigkeit

und ihren Sinn für Humor.

Sie ist jünger als ich, und es hat eine

Weile gedauert, bis ich realisiert habe,

dass sie die gleiche Persönlichkeit hat

wie meine Mutter. Sie haben viele Gemeinsamkeiten:

Sie sind smart, hartnäckig,

warmherzig, und sie mögen mich

sehr. Ich weiß aber nicht, ob ich daraus

einen Ratschlag für eine glückliche

Ehe ableiten kann …

6Welche Person hat Ihr Leben

am meisten geprägt?

__ Ich denke, meine Mutter hat mich

am meisten geprägt, aber der Einfluss

meines Vaters ist mir mehr bewusst.

Er war mein Vorbild. Er war ein hart

arbeitender Wissenschaftler, ein Pionier

in der Kinderpsychiatrie, der sein

Leben der Forschung gewidmet hat.

Er war einer der Ersten, die Hinweise

darauf gefunden haben, dass Autismus­Spektrum­Störungen

biologische

Gründe haben. Dank ihm (oder wegen

ihm, wenn man ein Fürsprecher der

Gegenkultur ist) fühle ich mich jedes

Mal schuldig, wenn ich erst spät aufwache

oder nicht vor neun Uhr am

Schreibtisch sitze (der meistens ein

Tisch in einem Café ist).

Ich habe durch ihn auch diesen Respekt

vor der wahren Wissenschaft,

bei der Menschen ihre Hypothesen

durch Kollegen oder Rivalen prüfen

lassen. Als ich noch Student war,

machte mich diese Haltung gegenüber

Theorien und Therapien misstrauisch,

die zumeist ausschließlich auf Behauptungen

von Autoritäten basierten,

wie etwa Bruno Bettelheim oder

Jacques Lacan, die damals verehrt

wurden. Als ich dieses Jahr, nach dem

Tod meines Vaters, bei einer Autismus­Konferenz

war, hat es mich sehr

bewegt zu sehen, wie sehr er von

Kollegen und Eltern autistischer Kinder

verehrt wird.

Meine Mutter hingegen und ihre

leidenschaftliche Liebe für mich, ihr

einziges Kind, hat mich emotional

sehr geformt. So habe ich von den

Frauen, die ich geliebt habe, ebenfalls

immer diese volle, wahre Liebe erwartet

– und bin dank dieser Einstellung

auch nicht lange in unerfüllten

Beziehungen geblieben. Auf der anderen

Seite hat sie jedoch vielleicht mit

dazu geführt, dass ich ein wenig spät

geheiratet habe.

7Was bereuen Sie besonders?

__ Ich versuche, nichts zu bereuen,

es bringt nichts. Es sei denn, es hilft

einem dabei, etwas wiedergutzumachen

oder es das nächste Mal besser hinzukriegen.

Wie sagt einer meiner Roman­

Charaktere: Betrachte nicht zu lange

traurige Dinge, die du nicht ändern

kannst.

Ein nutzloses Bedauern ist zum Beispiel,

dass ich abgesehen von Englisch

keine andere Fremdsprache in der

Schule gelernt habe. Oder dass ich

eher spät in meinem Leben entdeckt

habe, dass es mich glücklich macht,

ja, nahezu ekstatisch, im Ausland auf

etwas nomadische Art und Weise zu

leben. Aber hätte ich das in jüngeren

Jahren gemacht, wäre ich vielleicht

in viele Fallen gestolpert, und hätte so

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018 31


Ich habe durch meine

Erziehung eine Art eingebauten

Abschaltmechanismus für Wut

François Lelord (64) wurde in Paris geboren und lebt heute

mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn abwechselnd in

seiner französischen Heimatstadt und in Bangkok. Er hat

Medizin und Psychologie studiert, arbeitete erfolgreich als Psychiater,

schloss seine Praxis jedoch, um sich nach einer Beratertätigkeit

den großen Fragen des Lebens zu widmen – wie

seine literarische Figur Hector, mit der Lelord sich seit seinem

Debüt, Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück,

erfolgreich als Bestsellerautor etablieren konnte (das Buch

wurde auch verfilmt). Jetzt ist sein siebter Hector-Band

erschienen: Hector und die Kunst der Zuversicht (Piper).

mein Leben ruiniert! Das heißt nicht,

dass ich dann nicht studiert hätte,

aber ich habe im Ausland viele junge

Leute getroffen, die ein bisschen zu

soft oder naiv waren, um in einem

tougheren Umfeld als Europa zurechtzukommen.

Vielleicht wäre ich auch

so gewesen.

Ich stelle gerade fest, dass ich eben

Bedauern ein wenig mit Reue und Gewissensbissen

verwechselt habe. Das

überrascht mich nicht, weil ich manchmal

das Gefühl habe, schuldig zu sein,

für was auch immer. Muss ich noch

erwähnen, dass ich meine ersten

Schuljahre in einer traditionellen katholischen

Schule verbracht habe?

8Wann waren Sie das letzte

Mal richtig wütend?

__ Durch meine Erziehung (Merci

papa, merci maman!) habe ich so etwas

wie einen eingebauten Abschaltmechanismus

für Wut. Meine Eltern

waren nie böse aufeinander, daher gab

es bei uns die implizite und explizite

Regel, dass Wut schlecht ist.

Das letzte Mal, dass ich wirklich wütend

war, ist einige Jahre her. Damals

ging ich mit meiner späteren Ehefrau

nachts in einer asiatischen Stadt spazieren.

Ein Mann kam auf uns zu, bot

sich als Guide an und näherte sich ihr.

Zu seinem Pech hatte ich ihn ein paar

Tage zuvor beobachtet, wie er Touristen

mithilfe eines Komplizen beraubt

hatte. Ich habe sofort geschrien und

ihn weggeschubst. Schnell tauchte sein

Komplize mit dem Motorrad auf, und

sie rasten davon. Das Komische war,

dass meine Frau die Situation nicht sofort

erfasst hatte und von meinem

spontanen, für sie unerklärlichen Wutausbruch

geschockt war. Bis dahin

kannte sie mich eben nur als sanftmütigen

Typen.

9Mit welcher Eigenschaft

kämpfen Sie am meisten?

__ Ich neige dazu, gern allein und sehr

still zu sein, was Freunde vielleicht

enttäuscht und mich um neue Erfahrungen

bringt. Das ist jedoch schon

lange so: Wenn ich mir Bilder aus meiner

Kindheit anschaue, sehe ich den

kleinen François, wie er irgendwo liegt

und Bücher liest. Auch als Kind war

ich eher der ruhige Typ, trotzdem hatte

ich immer gute Freunde, mit denen

ich mich austauschen konnte.

Und: Beim Abendessen kämpfe ich gegen

den Wunsch, dieses vierte Glas

Wein noch zu trinken, denn es würde

mich sicher glücklich machen. Aber

ich weiß auch, am Morgen danach

würde mir eine dunkel getönte Brille

auf der Nase wachsen, durch die ich

mich und die Welt düster betrachten

würde. Als ich jünger war, ist das erst

nach dem sechsten Glas passiert. //

Text: Sörre Wieck // Fotos: Luca Senoner

32 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


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NARZISSTEN

im Miniformat

Übermäßig viel Applaus führt zu Selbstverliebtheit bei Kindern, belegen

aktuelle Studien. Trotzdem kommt kein Kind ohne Anerkennung aus.

Ja, wie lobt man den Nachwuchs denn nun richtig?

Letztens im Supermarkt, in einer

Riesenschlange vor der Kasse:

ein kleiner Junge, der die Einkäufe

aufs Kassenband legt und alle Aufschriften

Silbe für Silbe buchstabiert.

Während seine Mutter – „Supertoll!“

und „Dass du das schon kannst, du

bist doch erst vier!“ rufend – stolz zu

den Wartenden hinter sich schaut. Die

ihrerseits inständig hoffen, dass im

Einkaufskorb keine Beste-Wahl-Eieraus-Freilandhaltung

liegen …

Das Lob der Mutter scheint direkt aus

einem der gut gemeinten Wie-werdenwir-tolle-Eltern-Blogs

zu stammen,

die gern mal an die 100 Superkomplimente

an den Nachwuchs auflisten,

von „Du bist fantastisch“ über „Du

siehst so gut aus“ bis „Die cleverste

Person, die ich kenne, bist du“.

Mit dem verständlichen Erziehungsgedanken

dahinter, dass es für das

Selbst vertrauen von Kindern gut sei,

sie ausgiebig zu loben.

HYSTERISCHES FEEDBACK

Natürlich sei es wichtig für Kinder,

sich geschätzt und geliebt zu fühlen,

sagt auch Eddie Brummelman, Entwicklungspsychologe

an der Universiteit

van Amsterdam und Experte für

die Entwicklung des kindlichen Selbstbildes.

Aber viele Eltern übertreiben es

mit dem Lob – ob durch „Du bist ein

Superheld“-Plakate im Kinderzimmer,

wiederholtes Beklatschen auch der

selbstverständlichsten Leistungen (etwa

das eigenständige Anziehen der Schuhe

bei einem Fünfjährigen) oder anderes

hysterisches Feedback.

Diese Eltern neigen dazu, ihre Kinder

überzubewerten, fand Brummelman in

34 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


ENTWICKLUNG

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 35


einer seiner Studien heraus: Sie halten

den eigenen Nachwuchs für sehr viel

außergewöhnlicher als andere Kinder

und zeigen das unter anderem, indem

sie ihn mit Komplimenten überschütten.

Und nicht nur ihr Kind selbst, die

ganze Welt soll – nein, muss – das

wissen. Hat Töchterchen oder Sohnemann

eine Fünf geschrieben oder wurde

wegen schlechten Benehmens

gerügt? Flugs stehen die Eltern vor der

Tür der Lehrerin, um sie zur Rechenschaft

zu ziehen. Ihr fantastisches

Kind? Ausgeschlossen!

Eltern, die ihre Kinder überbewerten,

überschätzen maßlos, was ihre Sprösslinge

können und wissen. Brummelman

experimentierte dazu und legte

Eltern 80 Begriffe vor. Dazu sagte er,

dass es für Kinder im Alter ihres

Nachwuchses normal sei, diese Wörter

zu kennen. Die Eltern bat er anzugeben,

ob ihr Sohn oder ihre Tochter

wisse, um was es bei den einzelnen Begriffen

geht. Nebst „Anne Frank“ und

„Der Zauberer von Oz“ befanden sich

auch 20 frei erfundene Dinge darunter.

Die Eltern sagten prompt und

ohne mit der Wimper zu zucken, ihr

Kind kenne das „Grüne Meer“ (und

19 andere Dinge, die es nicht gibt).

Auch schätzten sie seinen IQ höher

ein, als das tatsächliche Ergebnis eines

Intelligenztests es rechtfertigen würde.

KLEINER NARZISST

Das Prahlen ihrer Eltern lässt die Kleinen

nicht ungerührt. Die Social Learning

Theory, nach der Kinder lernen,

indem sie andere beobachten und imitieren,

trifft auch hier zu. Brummelman:

„Kinder sehen sich selbst durch

die Augen ihrer Eltern. Wenn diese

sie ständig auf ein Podest heben, denken

sie, das wäre der ihnen angestammte

Platz.“

Die Folge: Kinder, die sich selbst für

besser halten, meinen mehr Rechte zu

haben und heischen ständig nach

Bewunderung. Eltern haben es dann

geschafft, einen kleinen Narzissten

heranzuziehen; das viel gerühmte,

gepamperte Wesen, das bei jedem Widerstand

heulend nach Hause rennt.

Der Ordnung halber: Es geht hier nicht

um die recht seltene „narzisstische

Persönlichkeitsstörung“, sondern um

Narzissmus als Persönlichkeitszug.

In einer Studie von 2015 gab Brummelman

mehr als 500 Kindern zwischen

sieben und zwölf Jahren und ihren Eltern

über einen Zeitraum von anderthalb

Jahren Listen mit Aussagen, die

diese kommentieren sollten. Den Eltern

legte er Überbewertungen vor,

etwa: „Mein Kind ist außergewöhnlicher

als andere Kinder.“ Die Kinder

bekamen Aussagen in Richtung Narzissmus

(„Kinder wie ich haben ein

Recht auf ein kleines Extra“), Selbstwertgefühl

(„Ich bin zufrieden mit

mir“) und Zuneigung ihrer Eltern

(„Meine Eltern sind lieb und nett zu

mir“). Es zeigte sich, dass eine Überbewertung

durch die Eltern mit dem

Narzissmus der Kinder ganz klar zusammenhing.

Wie viele Kinder narzisstische Züge

haben, lässt sich nicht sagen. Allerdings

geht aus Studien der amerikanischen

Psychologin Jean Twenge hervor,

dass sich US-Studenten über einen

Zeitraum von 25 Jahren immer besser

leiden mochten: Zwei Drittel punkteten

auf der Narzissmus-Skala im Jahr

2007 höher als Gleichaltrige im Jahr

1982. Auch in den Niederlanden, das

geht aus Studien der Medien NCRV

und De Volkskrant 2008 hervor, hält

sich die Hälfte der 16- bis 24-Jährigen

für „sehr besonders“.

SO MACHT MAN EINEM KIND

AUFRICHTIG KOMPLIMENTE

1. Loben Sie das Verhalten oder den Einsatz, nicht die

Person. Sagen Sie also nicht: „Was für ein toller Maler

du doch bist“, sondern: „Du hast sehr schöne Farben

benutzt“ und „Da hast du dir aber richtig viel Mühe

gegeben“.

2. Formulieren Sie ein Kompliment nicht so, dass Ihr Kind

den Eindruck bekommt, besser zu sein als die anderen.

3. Zeigen Sie, dass Sie Ihr Kind schätzen, ohne anzugeben

oder andere herunterzumachen. Knuddeln Sie es, sagen

Sie liebe Worte, zeigen Sie Interesse, nehmen Sie teil

an seinen Aktivitäten, nehmen Sie seine Gefühle ernst,

unternehmen Sie mit ihm nette Dinge. Bieten Sie dem

Kind eine warmherzige Basis. Mehr braucht es nicht.

GOTTES GESCHENK

Vor allem Eltern, die selbst narzisstische

Züge haben, betrachten ihre

Sprösslinge als Gottes Geschenk an

die Menschheit. „Ein gut gelungenes

‚Produkt‘ strahlt auch auf einen

selbst zurück“, so Brummelman. Mit

einer Prinzessin als Töchterchen ist

man selbst Königin. Diese Kinder sind

doppelt belastet, weil das Risiko,

narzisstische Züge zu entwickeln, zur

Hälfte erblich bestimmt ist – und das

Umfeld sein Übriges tut.

Aber strikt genommen müssten alle

Eltern auf der Hut sein. Brummelman

legte in seiner Studie 250 Eltern Bilder

mit vier Kreisen vor: Ein Kreis stellte

ihr eigenes Kind dar – in sieben unter-

36 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


ENTWICKLUNG

Es gibt einen klaren Zusammenhang

zwischen der Überbewertung durch Eltern und

den narzisstischen Zügen ihrer Kinder

Text: Anne Elzinga // Foto: Getty Images

schiedlichen Größen – und drei standen

für „andere“ Kinder. Das Ergebnis:

Je narzisstischer die Eltern, desto größer

schätzten sie die „Überlegenheit“

ihres Nachwuchses ein. Was sich aber

auch zeigte, so Brummelman: „Die

meisten Eltern empfinden ihr Kind

schon als ein wenig ‚größer‘ als den

Rest.“ Das ist nicht weiter schlimm,

es ist sogar natürlich. Sagen sie ihren

Kindern jedoch oft genug, wie besonders

sie sind – dazu zusätzlich angehalten

durch den Trend der positiven

Erziehung –, entwickeln diese sich

mitunter zu Egoisten.

VIEL KUSCHELN

Ein kleiner Narzisst ist extrem von

sich selbst eingenommen, aber das ist

nicht dasselbe wie „gesundes Selbstvertrauen

besitzen“. Seine Eltern haben

ihm vermittelt, er würde sich vom

„Pöbel“ unterscheiden, aber nicht

unbedingt, dass er als Mensch wertvoll

ist – weil er ist, wie er ist. Einem Kind

mit Eltern, die es lieben und sich für

es interessieren, wird dieses Gefühl

aber sehr wohl vermittelt. Brummelman:

„Wenn Sie möchten, dass Ihr

Kind Selbstachtung entwickelt und

nicht unbedingt narzisstische Züge,

müssen Sie ihm viel Liebe geben, ohne

es dabei auf ein Podest zu stellen.“

Das Einzige, was Eltern seiner Meinung

nach dafür tun brauchen: ihrem

Kind ein liebevolles Zuhause bieten.

Dazu gehört, viel zu kuscheln, liebe

Dinge zu sagen, Interesse zu zeigen,

gemeinsam Schönes zu unternehmen

und wirklich zuzuhören.

Ob der Junge aus dem Supermarkt

ein narzisstischer Komplimente-Fischer

wird, hängt unter anderem von der

Hartnäckigkeit ab, mit der seine Mutter

ihn weiterhin lobt und überbewertet.

Mit Sicherheit feststellen lässt

sich das erst, wenn er etwa acht Jahre

alt ist – dann nämlich ist er in der

Lage, sich mit anderen zu vergleichen.

Bis dahin finden alle Kinder sich

selbst ziemlich klasse. Fragen Sie mal

einen Kindergartenknirps, ob er

gut ausschneiden oder kneten kann –

er wird es aus voller Brust bejahen.

Betrachtet er sich selbst auch mit etwa

acht Jahren weiterhin als König der

Klasse, können seine Eltern daran zum

Glück noch etwas ändern, indem sie

das Überbewerten unverzüglich einstellen.

Und ihr Kind zwar weiterhin

regelmäßig aufrichtig loben, sich aber

mit Superlativen zurückhalten und

ihm auch nicht mehr den Eindruck geben,

es sei besser als andere. //

WEITERLESEN:

Hans-Otto Thomashoff, Damit aus kleinen

Ärschen keine großen werden. Warum Eltern

die besten Vorbilder sind, Kösel, 2018 /

Dan Svarre, „Du bist einzigartig“. Starker

Selbstwert – starkes Kind, Beltz, 2013 /

Heinz-Peter Röhr, Wie ich meinem Kind zu

einem starken Selbstwertgefühl verhelfe,

Patmos, 2017

180810 · Foto: © bruce mars/pexels.com

Das neue Online-Magazin für alle, die in Psychotherapie, Beratung oder

Coaching tätig sind. Aus dem Deutschen Psychologen Verlag. Ab April 2018.

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Mach’s gut,

Albtraum

Sie haben immer wieder denselben schlimmen Traum, der Sie bis in den Tag

verfolgt? Forscher haben entdeckt, dass man etwas dagegen tun kann.

Und das ist nicht nur überraschend einfach, sondern macht oft sogar Spaß

Der eine muss Kinder aus einem verunglückten

Bus retten, ein anderer wird verfolgt und kann

nicht um Hilfe rufen, manch einer wird nachts

Zeuge einer furchtbaren Hinrichtung. Jeder

hat seine eigenen Albträume. Aber all diese schrecklichen

Träume haben eins gemeinsam: Man erwacht aus ihnen

voller Angst oder Trauer. Und sie sind manchmal so heftig,

dass man für den Rest des Tages schier aufgelöst ist.

Für Menschen, die unter derartigen Träumen leiden,

ent wickelten die klinischen Psychologen und Albtraumforscher

Jaap Lancee und Annette van Schagen eine Therapie,

die laut einer Studie dafür sorgt, dass Albträume weniger

intensiv sind und seltener vorkommen. Dass sich das bei

psychisch kranken Menschen lohnen kann, weil Albträume

für anhaltende psychische Beschwerden eine Rolle zu spielen

scheinen, zeigte van Schagen 2016 mit der Forschung

zu ihrer Dissertation.

Bei der entsprechenden Behandlung, Imagery Rehearsal

Therapy (IRT) genannt, geht es darum, Albträume „umzuschreiben“.

Das kann man auch allein, ohne Therapeut.

Das Einzige, was man dazu braucht, ist etwas Fantasie.

Eine entspannte Nachtruhe in

sieben Schritten:

SCHRITT 1

ALBTRAUM-CHECK

Was ist ein Albtraum eigentlich? Es

gebe keine festgelegten inhaltlichen

Kriterien, die so ein Traum erfüllen

müsse, sagt Annette van Schagen. Es

gehe um das Gefühl, das er erzeugt.

Fühlen Sie sich beim Aufwachen unwohl?

Versuchen Sie, tagsüber nicht

an den Traum zu denken? Und haben

Sie wegen der Bilder, die Sie nachts

wieder heimsuchen könnten, Angst

vorm Einschlafen? Dann leiden Sie

unter Albträumen, und es kann sinnvoll

sein, etwas dagegen zu tun.

Schätzungsweise 70 Prozent der Erwachsenen

haben hin und wieder

einen Albtraum, 3 bis 5 Prozent min-

38 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


GEHIRN

destens einmal pro Woche. Das kann

dazu führen, dass man ängstlich den

Schlaf vermeidet und somit tagsüber

müde ist und nicht volle Leistung

bringen kann.

SCHRITT 2

TRAUMTAGEBUCH

Legen Sie sich einen Stift und ein Notizbuch

neben das Bett: Ihr Traumtagebuch.

Stellen Sie sich mindestens

zwei Wochen lang beim Aufwachen

folgende Fragen: Kann ich mich an

meinen Traum erinnern? Falls ja, was

habe ich geträumt? Wo war ich? Mit

wem? Was geschah?

„Wenn es ein angenehmer oder neutraler

Traum war, genügt eine allgemeine

Beschreibung“, sagt van Schagen.

„Geht es jedoch um Albträume, ist es

wichtig, die Geschichte möglichst detailliert

und komplett niederzuschreiben.

Das hilft Ihnen beim nächsten

Schritt, bei dem Sie Ihren Traum ändern.

Wie fing der Traum an, was geschah

in der Mitte, und wie endete

er? Anschließend beschreiben Sie, wie

sich der Traum auf Sie ausgewirkt

hat. Was verspürten Sie während des

Traumes? Und was verspüren Sie

jetzt, im wachen Zustand?

SCHRITT 3

EVALUATION

Nach ein paar Wochen lesen Sie Ihr

Tagebuch und ziehen Bilanz. Hatten

Sie tatsächlich Albträume? Gibt es ein

Muster, sehen Sie ein übergeordnetes

Thema? Van Schagen: „Die Traumforschung

zeigt, dass die meisten Menschen,

die oft Albträume haben, regelmäßig

nach demselben ‚Drehbuch‘

träumen. Oder sie träumen verschiedene

Storys, die im Prinzip dasselbe

Thema haben.“

Sie träumen zum Beispiel, sie würden

von allen ignoriert. Das eine Mal erleben

sie das, wenn sie am Geburtstag

„ WARUM TRÄUME ICH IMMER

WIEDER DIESES FIESE ZEUG?“

„Jeder hat schon mal einen Albtraum“, sagt Forscher

Jaap Lancee. „Oft durch einen harmlosen Zufall. Man

gerät schlafend in eine unangenehme Stimmung und

erschafft so im Traum ein gruseliges Drehbuch.“

Aber manchmal ist der Albtraum so schrecklich, dass wir

uns an ihn nachher nicht mehr erinnern wollen, aus

Scham, Angst oder Traurigkeit. Deswegen behält das

Skript seine negative Wirkung, und wir legen uns am

nächsten Abend etwas angespannt ins Bett. Gelangen

wir dann in den Traumschlaf – eine Schlafphase, in der

allerlei Bilder assoziativ miteinander verbunden werden –,

kann eine Dynamik in Gang gesetzt werden, die dazu

führt, dass der Albtraum ein wiederkehrender wird.

Das liegt daran, dass unser Arbeitsgedächtnis im Traumschlaf

im Ruhezustand verharrt. Somit können wir nicht

alle Bilder, die assoziativ in unserem Hirn auftauchen, rational

evaluieren. Geht jemand schon angespannt oder

ängstlich schlafen, wirkt die assoziative Kopplung oft

negativ, insbesondere wenn im Langzeitgedächtnis ein

emotional belastendes Albtraum-Skript gespeichert ist.

Dann kann ein willkürliches Traumbild schnell dazu führen,

dass man es mit dem Albtraum-Skript assoziiert. So können

eigentlich unschuldige Bilder den gefürchteten Albtraum

auslösen. Das Bild Ihres Hausflurs zum Beispiel

erzeugt die Assoziation „rausgehen“. Diese wird gekoppelt

an „über die Straße gehen“ und anschließend mit

den Schritten eines Verfolgers verbunden. Mit etwas Pech

kann man so immer wieder denselben schrecklichen

Traum erleben.

Imagery Rehearsal Therapy (IRT) kann diesen Teufelskreis

durchbrechen: Diese Therapie hilft Ihnen, Ihren Traum

tagsüber aufzurufen und mit einem positiveren Ende

zu versehen. Jaap Lancee: „So verliert das Drehbuch seine

negative Wirkung, und das Risiko sinkt, dass andere

Bilder es hervorrufen. Auf diese Weise verhindern Sie, immer

im selben Albtraum zu landen.“

Auch wenn Sie nicht ständig dasselbe Skript träumen,

sondern immer wieder einen anderen Albtraum haben,

ist die Chance groß, dass ein einziges geändertes Drehbuch

alle anderen Albträume verschwinden lässt. Forscherin

Annette van Schagen: „Das Gefühl, seine Träume

beeinflussen zu können, führt dazu, dass man beim

Schlafengehen weniger angespannt ist und so weniger

häufig Albtraum-Assoziationen hat.“

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 39


der Tante ins voll besetzte Wohnzimmer

kommen, das andere Mal wird es

unangenehm, wenn sie den Proberaum

ihres Chors betreten. In beiden Drehbüchern

erkennt sie niemand, und keiner

sagt ein Wort.

Fällt es Ihnen schwer, in Ihren Traumberichten

ein übergreifendes Thema zu

erkennen? Vielleicht ist es ja eines der

Themen, die 2014 in einer Studie unter

gut 300 Probanden als häufigste

genannt wurden: Streit und Konflikte,

körperliche Gewalt, Krankheit, Tod

der eigenen Person oder Tod eines Nahestehenden,

Scheitern, Machtlosigkeit.

Letzteres bezieht sich auf Träume,

in denen Sie zum Beispiel nicht wegrennen

können, während Sie verfolgt

werden oder ein Zug auf Sie zurast.

SCHRITT 4

WAHL

Nun, da Sie wissen, welche Themen

und Drehbücher Sie nachts quälen,

wählen Sie den Traum aus, den Sie am

liebsten loswerden wollen. Welcher

Albtraum stört am meisten oder ist

Ihnen am wichtigsten? Entscheiden Sie

sich zum Beispiel für den Traum, in

dem Sie auf der Straße gejagt werden,

als Symbol für alle „Verfolgungsfilme“,

die sich Nacht für Nacht in Ihrem

Kopf abspielen.

SCHRITT 5

FANTASIE

Jetzt kommt der beste Teil: Sie schreiben

Ihr eigenes Drehbuch! Ausgangspunkt

ist der von Ihnen ausgewählte

Traum. Den Anfang und den mittleren

Teil behalten Sie bei, aber an der Stelle,

an der es schiefläuft, geben Sie der

Geschichte eine andere Wendung.

Angenommen, in Ihrem Schlüssel-Albtraum

gehen Sie über die Straße

und merken plötzlich, dass Sie verfolgt

werden. Um Ihren Verfolger abzuschütteln,

biegen Sie in eine Seitenstraße,

aber bemerken panisch, dass Sie

seine Schritte noch immer hinter sich

hören, er kommt sogar immer näher.

Sie biegen noch einmal ab, aber das

war die falsche Wahl, Sie stehen in einer

Sackgasse und spüren die Hand

Ihres Peinigers auf der Schulter.

In Ihrer Neufassung greifen Sie ein, sobald

Sie in die Sackgasse einbiegen,

nur dann …

„Dann ist alles möglich“, sagt van

Schagen begeistert. „Das ist das Schöne

an Träumen, man kann es so bunt

treiben, wie man will, alles geht.“

Die klinische Psychologin gibt eine

Reihe von Beispielen: Man wird vier

Meter groß, schwebt hoch, spricht

seinen Verfolger an, der reagiert überaus

herzlich, und Sie essen gemeinsam

ein Stück Torte. „Alles ist erlaubt,

wählen Sie also eine Lösung, mit der

Sie selbst so richtig zufrieden sind.“

SCHRITT 6

EINPRÄGEN

Wenn Sie sich ein Ende ausgedacht

haben, bei dem Sie sich gut fühlen,

spielen Sie das neue Drehbuch etwa

fünfmal täglich in Gedanken ab.

Bild für Bild gehen Sie den veränderten

Film von Anfang bis Ende durch.

SCHRITT 7

SCHLAF

Jede Nacht machen Sie die Probe aufs

Exempel. Bei manchen Leuten verschwinden

die Albträume sofort, andere

müssen länger mit dem selbst

erfundenen Drehbuch üben.

Lassen Sie sich nicht zu schnell entmutigen,

wenn es nicht klappt, meint

van Schagen. „Funktioniert es nach

Wochen immer noch nicht, können

Sie es mit einer anderen Auflösung

versuchen. Manchmal klappt es dann

plötzlich. Vielleicht war Ihre erste

Überarbeitung zu kompliziert oder

Sie haben ihr doch nicht recht vertraut.“

Letztlich gelingt es etwa

jedem Zweiten, der es mit der IRT-

Therapie versucht, seine Albträume

loszuwerden.

Ab und an beklagen sich schon mal

Patienten bei van Schagen, weil die

Therapie nicht gewirkt habe; sie hätten

ihren erfundenen Traum ja nie

geträumt. Van Schagen: „Haben Sie

denn noch Albträume?, frage ich

dann. Nein, geben sie zu, das nicht.

Aber sie hätten sich so auf den selbst

erfundenen, neuen Traum gefreut.“ //

Quellen u. a.: J. Lancee, Cognitive-behavioral

self-help treatment for nightmares and insomnia,

Dissertation Universität Utrecht,

2011 / G. Robert, A. Zadra, Thematic and

content analysis of idiopathic nightmares and

bad dreams, Sleep, 2014 / A. van Schagen,

Prevalence, correlates and treatment of

nightmares in secondary mental healthcare,

Dissertation Universität Utrecht, 2016

Text: Marieke Buijs // Illustration: Luciano Lozano

40 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


KOLUMNE

Sandra Konrad

Mit Herz übersetzt

Wenn ich für jedes „Ich fühle mich nicht

geliebt“ fünf Euro verlangen würde,

hätte ich mit 35 Jahren schon in Rente gehen können.

Besonders Frauen sprechen diese Klage oft

aus. „Wie würden Sie sich denn geliebt fühlen?“,

frage ich dann immer und bin erst zufrieden, wenn

ganz konkrete Antworten kommen. „Also, wenn

mein Freund mal ohne dreimalige Aufforderung

die Küche putzen würde, während ich das Bad

mache“, sagt Anna wie aus der Pistole geschossen.

„Oh Mann, fängt das schon wieder an?“, fragt

Lars und rollt mit den Augen.

„Wie sieht es denn bei Ihnen aus, wann fühlen

Sie sich von Anna geliebt?“, unterbreche ich die

beginnende Streitrakete. Lars denkt nach. „Wenn

Anna was Nettes zu mir sagt, wenn sie mir das

Jeder Mensch hat eine Sprache,

durch die er sich geliebt fühlt

Gefühl gibt, dass sie mich toll findet. So wie vor

ein paar Monaten, als sie mir gesagt hat, dass ich

der beste Vater der Welt sei.“

„Sehr schön. Jetzt überlegen Sie mal, wie Sie beide

einander Ihre Liebe zeigen – und ob das mit dem,

was Ihr Partner braucht, übereinstimmt.“ Sie

schauen sich ein wenig verdutzt an. „Passt nicht

so gut, oder?“, sagt Lars.

Anna und Lars haben ein Problem: Sie sprechen

unterschiedliche Sprachen der Liebe. Was sich so

kitschig anhört, ist in Wahrheit tragisch, denn es

führt bei vielen Paaren zu schweren Missverständnissen

– bis hin zu Trennungen.

Also verlässt kein Paar meine Praxis, ohne von dem

amerikanischen Paartherapeuten Gary Chapman

gehört zu haben, der fünf Sprachen der Liebe

identifizierte: Lob und Anerkennung, Hilfsbereitschaft,

Zweisamkeit, Geschenke und Zärtlichkeit.

Jeder Mensch hat eine Präferenz, eine Sprache, die

ihm besonders gut liegt und durch die er sich besonders

geliebt fühlt. Wenn ein Paar dieselbe Sprache

spricht, füllt es sein Liebeskonto automatisch

und regelmäßig auf. Wenn nicht, dann kommt die

eigene Liebe oft gar nicht beim anderen an – so

wie bei Lars und Anna.

„Okay, ich verstehe jetzt, dass Annas Liebessprache

Hilfsbereitschaft ist“, fasst Lars zusammen.

„Und nun?“ „Wie bei jeder anderen Sprache, die

Sie lernen, auch: Vokabeln pauken und dann anwenden,

anwenden, anwenden.“

„Das wird nicht leicht für mich“, gibt Anna zu.

„Loben liegt mir nicht so.“ Und Lutz klagt: „Was

soll ich denn sagen? Ich hasse es, aufzuräumen.

Das heißt aber nicht, dass ich dich nicht liebe!“

„Dann fangen Sie beide gleich mal an, Ihre Liebe

so zu zeigen, dass der andere sie versteht. Es ist

zwar eine Herausforderung, aber der Effekt wird

es wert sein“, verspreche ich.

Als wir die Sitzung beenden, regnet es draußen

in Strömen. Beim Rausgehen höre ich, wie Lars

vorschlägt: „Bleib hier eben stehen, ich hole den

Wagen, dann wirst du nicht nass.“ Anna schweigt

einen Moment. „Das nehme ich gerne an, danke.“

Als Lars schon fast an der Tür ist, ruft sie ihm

nach: „Du bist der tollste Partner im Regen, den

ich mir vorstellen kann.“

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen,

aber so sieht ein guter Anfang aus. //

Dr. Sandra Konrad arbeitet als Paar- und Familientherapeutin

in Hamburg. Neben Liebe machen und Das bleibt

in der Familie ist jetzt ihr drittes Buch erschienen: Das

beherrschte Geschlecht (Piper).

Foto: Kirsten Nijhof

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 41


42 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


BEZIEHUNGEN

Mann, ich bin nicht deine

MUTTER!

Wie Ihr Partner haben auch Sie einen stressigen Job. Trotzdem

erledigen vor allem Sie den Haushalt, organisieren Familientermine und

kümmern sich um die Rechnungen. Sie kennen das? Durchbrechen

Sie dieses Muster, bevor es zu spät ist, raten Beziehungstherapeuten.

Denn es ist nicht nur ungerecht, es tötet auch die Liebe

Seinen Koffer packen. Schon

mal seine Kleidung für den

nächsten Tag bereitlegen.

Darauf achten, dass er genügend

Gemüse isst. Er seine tägliche

Dosis Vitamine schluckt. Und ihm sagen,

er solle einen Schirm mitnehmen,

wenn es regnet.

Nein, das sind keine Beispiele für fürsorgliche

Eltern, sondern sie verdeutlichen,

wie manche Menschen mit

ihrem Partner umgehen. Der amerikanische

Beziehungstherapeut William

Berry begegnet diesen regelmäßig in

seiner Praxis: Paare, bei denen der

eine Partner den anderen „bemuttert“.

Seiner Meinung nach erkennen die

meisten Leute dieses Beziehungsmus­

ter bei anderen, aber längst nicht jeder

merkt, wenn er selbst so agiert. Und

das sind schlechte Nachrichten: Laut

Berry ist ein derartiges Verhalten ein

verstörendes Muster, das beiden Partnern

schaden kann.

Natürlich ist es nicht prinzipiell falsch,

für den Liebsten zu sorgen, sagt der

emeritierte Professor und Beziehungstherapeut

Alfons Vansteenwegen.

„Wenn man jemanden liebt, möchte

man etwas für diesen geliebten Menschen

tun. Zur Liebe gehört auch, zu

geben, sich zu kümmern, für den anderen

zu sorgen. Aber sagt man seinem

Partner, wie er sich die Krawatte

binden oder den Geschirrspüler einräumen

soll, kann er sich dadurch abgewertet

und wie ein Kind behandelt

fühlen. Diese und ähnliche scheinbar

unschuldige Bemerkungen können den

anderen ungewollt auf die Palme bringen:

‚Sagst du mir schon wieder, was

ich zu tun habe?‘“

Womöglich wirken derartige Situati o­

nen erst einmal marginal, aber unter

der Oberfläche wütet laut Vansteenwegen

ein Kampf ums Territorium.

„Man gibt vor, nur das Beste für den

Partner zu wollen, schränkt seine Freiheit

dadurch aber ein. Wer wahrhaft

liebt, drängt sich nicht auf.“ Oftmals

steckten dahinter aber durchaus gute

Absichten, betont Vansteenwegen. „Es

ist Liebe, aber eben ein Übermaß an

Liebe. Fühlt sich Ihr Partner durch

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018 43


Ihre Fürsorge angegriffen, geben Sie

eigentlich mehr, als er braucht.“

Wo genau verläuft denn dann die Grenze

zwischen fürsorglicher und unerwünschter

Einmischung? Das sei bei

jedem anders, sagt Vansteenwegen.

„Was der eine als Invasion betrachtet,

wird der andere nicht schlimm oder

sogar angenehm finden.“ Manche Leute

reagieren demnach empfindlicher

auf die Einmischung ihres Partners als

andere. Finden es beide völlig okay,

wenn der eine den anderen da ran erinnert,

die Post zu öffnen, ist alles in

bester Ordnung. „Reagiert der andere

jedoch irritiert, hat man sich auf dessen

Terrain begeben.“

HILFLOS UND ABHÄNGIG

Erledigen Sie vieles für Ihren Partner,

was dieser auch selbst tun oder woran

er aus eigenem Antrieb denken könnte,

untergraben Sie eventuell unbeabsichtigt

seine Fähigkeit zur Selbsthilfe.

Laut Beziehungstherapeutin Jeannette

Bolck riskiere man dann, dass der

Partner „lernt“, sich abhängig zu verhalten.

Eine Art „erworbene Hilflosigkeit“

also.

Bei manchen Paaren habe sich ein solches

Muster tief in ihre ganze Beziehung

gegraben, sagt Bolck. „Bei ihnen

herrscht dann ein ständiges Ungleichgewicht.“

Sprich: Einer von beiden

übernimmt zu Hause den Großteil der

Verantwortung und Versorgung.

Längst nicht immer irritiert das den

anderen. Manchmal entzieht sich der

bemutterte Partner auch der Verantwortung

und lässt es sich ganz gern

gefallen, dass dem so ist. „So verhält

sich der eine in einer solchen Beziehung

eher wie ein Elternteil, der andere

wie ein Kind.“

OHNE „MUTTI“ HERRSCHT CHAOS?

Immer mal wieder gerät derartige Werbung in die Kritik:

Väter würden darin noch zu oft als nichtsnutzige Trottel dargestellt,

die nichts können. Nicht für die Kinder sorgen und auch

nicht den Haushalt führen. Wenn Mutter außer Haus ist, implizieren

die Fernsehspots, arte alles in ein Riesenchaos aus.

Ist das witzig oder ein Problem? Letzteres, sagt die amerikanische

Therapeutin Mary Jo Rapini. Ihrer ansicht nach würden

Männer in Comedyserien und in der Werbung entweder als

Single-Superhelden oder als ungeschickte Väter dargestellt,

was nicht zuletzt zu dem Muster „Mutter ist Mutter“ und „Vater

ist Kind“ beitrage. „Der Vater albert herum, hat aber alles in

allem keine ahnung, was im Haus vor sich geht, und ist ohne

seine Frau rettungslos verloren.“ Wie kann ein Rollenmuster

jemals durchbrochen werden, wenn Kinder das täglich vorgeführt

bekommen?

ALLE FÄDEN IN DER HAND

Laut Bolck übernehmen Frauen öfter

die Elternrolle – sie betont jedoch,

dass es auch der Mann sein kann.

Manche Frauen höre man scherzhaft

sagen, sie hätten nicht zwei Kinder,

sondern drei – wobei der Blick dann

schräg auf den lieben Mann fällt, der

neben einem Riesenberg ungefalteter

Wäsche sitzt und am Computer spielt.

Dabei hätten die Frauen selbst unbewusst

dazu beigetragen, dass dieses

Musters entstanden ist, sagt Bolck.

Aber keiner will doch alles allein regeln

müssen? Es mag auf den ersten

Blick nicht plausibel erscheinen, aber

die Elternrolle einzunehmen bietet

auch einige Vorteile. Es kann einem

Bedürfnis nach Kontrolle entgegenkommen:

Wer anderen Aufgaben

abnimmt, hält selbst die Fäden fest in

der Hand. „Holen Sie zum Beispiel

immer die Kinder aus der Kita ab, damit

Ihr Partner in Ruhe weiterarbeiten

kann, brauchen Sie jedenfalls nicht

zu befürchten, dass Ihre Kinder dort

vergessen werden.“

Bolck ist der Ansicht, dass auch unser

Festhalten an der traditionellen Rollenverteilung

dazu beiträgt, dass ein

solches Eltern-Kind-Muster entsteht:

Die Frau übernimmt den Haushalt,

der Mann arbeitet außer Haus. Das

war eine gute Aufgabenverteilung, als

die Bereiche noch klar voneinander

abgegrenzt waren und jeweils einer

der Partner dafür verantwortlich war.

„Aber Frauen arbeiten heute auch außer

Haus. Trotzdem übernehmen sie

nahezu selbstverständlich den Löwenanteil

der Hausarbeit – on top. Von

Frauen wird auch erwartet, dass sie

das alles können. Und sie erwarten es

auch von sich selbst.“

PAPA, DER SPIELKAMERAD

Wenn ein Paar Kinder bekommt, hat

es plötzlich viele neue Aufgaben. Diese

werden nicht immer gerecht verteilt;

das Bemuttern des Partners nehme oft

sogar zu, sagt der amerikanische Therapeut

William Berry. Seiner Meinung

nach liegt der Grund darin, dass Männer

und Frauen unterschiedlich für

ein Kind sorgen. „Studien zeigen, dass

Mütter für die Kinder noch immer

öfter alltägliche Aufgaben und die Verantwortung

für Organisatorisches

übernehmen“, sagt Berry. Sie vereinbaren

Arzttermine, planen außerschulische

Aktivitäten und überwachen

die Hausaufgaben. Väter hingegen

sind öfter die Spielkameraden ihrer

Kinder, was dazu führt, dass Kinder

die Mutter mit Verantwortung assoziieren

und den Vater mit Spiel.

Für manche Paare scheint es zunächst

zu funktionieren, wenn einer der beiden

im Haus die Verantwortung trägt.

Aber trotzdem erweise sich dieses

Muster für alle letztlich als unbefriedigend,

sagt Bolck. „Der Partner mit der

44 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


BEZIEHUNGEN

FÜHLT SICH IHR PARTNER

DURCH IHRE FÜRSORGE

ANGEGRIFFEN, GEBEN SIE

MEHR, ALS ER BRAUCHT

Mutterrolle fragt sich: Wo bin ich geblieben?

Und nimmt dem anderen

übel, dass er nicht dazu kommt, sich

auch um sich selbst zu kümmern.“

Das Gleichgewicht ist futsch.

Die amerikanische Therapeutin Mary

Jo Rapini sieht noch einen anderen

Grund, warum man das Eltern-Kind-

Muster durchbrechen sollte. „Es ist

schwieriger, sich sexuell von jemandem

angezogen zu fühlen, den man

nicht als gleichwertig ansieht. Viele

dieser Paare lassen sich schließlich

scheiden, weil sie kein Verlangen mehr

nach ihrem Partner haben oder sich

nicht mehr begehrt fühlen.“ Laut Rapini

müssten diese Paare ihrer Beziehung

Priorität geben. „Das gelingt am

besten, wenn sie die Kinder gemeinsam

erziehen und sich gegenseitig als

Geliebte betrachten und nicht als

Mutter oder Vater. Mama oder Papa

ist man nur für seine Kinder.“ Aber

das sei oft leichter gesagt als getan,

meinen auch die Experten.

KONTROLLE ABGEBEN

Als Partner gleichwertig sein bedeutet

nicht, dasselbe tun zu müssen oder

über dieselben Talente zu verfügen.

Allerdings ist es wichtig, dass beide im

selben Umfang beteiligt und verantwortlich

sind: für die Beziehung, den

Haushalt und gegebenenfalls die Kinder

– eben das Wohl und Wehe der

Familie. Eine Lösung finde man nur

gemeinsam, betont Alfons Vansteenwegen.

„Gegenseitiger Austausch bildet

das Rückgrat einer Beziehung. Ist

der andere damit einverstanden, dass

Sie bestimmte Aufgaben übernehmen,

und sind Sie es auch?“ Und sowohl

für denjenigen mit der Mutterrolle als

auch für den bemutterten Partner gilt:

„Wahren Sie Ihre Grenzen und zeigen

Sie diese rechtzeitig auf.“

Werden die Aufgaben neu verteilt, ist

es wichtig, dass der bemutternde

Partner lernt, die Kontrolle abzugeben.

Überlassen Sie ein und derselben

Person, eine bestimmte Aufgabe auszuführen

und auch zu kontrollieren,

rät Vansteenwegen. Derjenige, der die

Rechnungen verwaltet, ist schlussendlich

auch für die Zahlungen verantwortlich.

Wer den Abwasch erledigt,

macht das auf seine Art. Befürchtungen,

das könne nicht gelingen, seien

unbegründet: „Wer echte Verantwortung

übernimmt, wird seine Aufgabe

meist sehr gründlich erledigen.“

Das National Healthy Marriage Resource

Center, eine US-Organisation,

die im Auftrag der Regierung unter

anderem wissenschaftliche Informationen

über Beziehungen ausgibt, hat

eine Reihe von praktischen Tipps, die

vor allem für diejenigen bestimmt

sind, die aus der Elternrolle rauswollen.

„Realisieren Sie, dass Sie selbst

zur Entstehung des Musters beigetragen

haben. Sagen Sie Ihrem Partner,

dass Sie die Beziehung zukünftig anders

angehen werden, weil Sie zu viel

Respekt vor ihm haben, um ihn wie

ein Kind zu behandeln“, heißt es dort.

Partner seien dafür verantwortlich,

einander gut zu behandeln, aber letztendlich

ist jeder für sich selbst und

sein eigenes Glück verantwortlich.

„Haben Sie schon seit Längerem die

Elternrolle inne, kann es beklemmend

sein, einen Schritt zurückzutreten.

Aber den Partner sein eigenes Gewicht

tragen zu lassen, das ist für eine erwachsene

Beziehung unerlässlich.“ //

Quellen u. a.: A. Vansteenwegen, Bevor die

Liebe Alltag wird. Anregungen für eine

gelungene Partnerschaft, Carl Auer, 2007 /

W. Berry, When men are boys and wives are

their mothers, psychologytoday.com /

M. J. Rapini, Mothering your man, Houston

Chronicle, blog.chron.com / Are you

mothering your partner?, National Healthy

Marriage Resource Center, twoofus.org

Text: Marloes Zevenhuizen // Fotos: Eric van den Elsen

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018 45


Ich beschloss,

ein Leben

zu retten:

meins, hier

und jetzt

Edith Eva Eger (90) war 16, als sie deportiert wurde.

Sie und ihre Schwester überlebten das KZ, ihre Eltern

nicht. Erst viele Jahre später, bei einem Besuch in

Auschwitz, wurde Edith klar, dass sie sich nicht mehr

für den Tod ihrer Mutter verantwortlich fühlen will

46 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


GESUNDHEIT

Es überfällt mich aus heiterem

Himmel. Wenn eine

Sirene losheult, ich irgendwo

Stacheldraht sehe,

schwere Schritte hinter mir

höre oder schreiende Männer. Dieses

Gefühl des Schwindels, der Angst.

Im Bauch fühle ich dann, dass irgendetwas

total falsch läuft, dass etwas

Schreckliches passieren wird.

Ich bin jetzt 90. Es ist schon mehr als

70 Jahre her – und doch immer noch

da, in Momenten, in denen ich es am

wenigsten erwarte: auf dem Weg zum

Supermarkt, beim Spielen mit meinen

Urenkeln, Schauen der Nachrichten.

Betrachte ich das Bild, das tief in mir

vergraben ist, sehe ich drei erschöpfte

Frauen in dunklen Wollmänteln. Untergehakt

stehen sie in einer langen

Reihe: meine Schwester Magda, Mutter

und ich, fest aneinandergedrückt.

Es ist staubig an den Toren von Auschwitz.

Unsere Schuhe sind schmutzig,

unsere Mantelsäume auch. Wir wissen

nicht oder wollen nicht wissen, dass

dies unser letzter Augenblick zu dritt

sein wird.

IHRE HAND NICHT ERGRIFFEN

1944. Die Soldaten kamen mitten in

der Nacht zu unserem Haus im tschechischen

Košice. Sie hämmerten an die

Tür, stürmten in unsere Schlafzimmer,

schrien, dass wir ungarischen Juden

nicht hierhergehörten und „irgendwo

anders“ hingebracht würden. Meine

Mutter, praktisch veranlagt wie immer,

rannte in die Küche, raffte schnell

ein paar Töpfe und Pfannen, ein wenig

Mehl und Hühnerfett zusammen –

Nahrungsmittel, mit denen sie uns,

wie sich später zeigte, zwei Wochen

am Leben halten sollte. Mein Vater,

der Träumer, lief planlos hin und her.

Ich sah, wie er seine geliebten Bücher

und Kerzenständer in die Hand nahm

und immer wieder hinstellte.

In dem Lastwagen, mit dem wir zusammen

mit anderen jüdischen Familien

abtransportiert wurden, saßen

Magda und ich nebeneinander auf einer

Pritsche. Sie sagte kein Wort.

Wenn ich überlege, was ich in meinem

Leben bereue, ist da sofort diese Erinnerung

– dass ich damals die Hand

meiner Schwester nicht ergriffen habe.

DER ENGEL DES TODES

In Auschwitz angekommen, trieb man

meinen Vater sofort zu den Männern.

Aus der Ferne winkte er uns freudig

zu – das war das Letzte, was wir von

ihm sahen. Die fröhliche Musik, die

am Lagereingang aus Lautsprechern

schallte, hatte ihm vorgegaukelt, wir

seien nur zum Arbeiten hier.

Wir, die drei Frauen in den staubigen

Wollmänteln, rückten in der endlosen

Reihe aus Frauen und Kindern weiter

vor. Schritt für Schritt näherten wir

uns dem Mann, von dem wir damals

noch nicht wussten, wer er war: Doktor

Josef Mengele, der „Engel des Todes“.

Als er grinste, sah ich den Spalt

zwischen seinen Schneidezähnen. Seine

Stimme klang fast freundlich, als er

fragte, ob jemand krank sei, und er

schickte diejenigen, die „Ja“ antworteten,

nach links. Genau wie die Frauen

über 40 und Kinder unter 14: „Ihr

auch nach links.“

Auch meine 40­jährige Mutter dirigierte

er dorthin. Ich wollte hinter ihr her,

aber Mengele fasste mich an den Schultern.

„Du wirst deine Mutter bald wiedersehen“,

sagte er, während er Magda

und mich nach rechts schob – zum Leben,

wie wir kurz darauf merkten.

Eine Mitgefangene zeigte zum Rauch,

der aus einem der fernen Schornsteine

aufstieg. „Deine Mutter wird dort verbrannt“,

sagte sie. „Am besten fängst

du gleich an, in der Vergangenheit von

ihr zu reden.“ Ich war vollkommen geschockt

und konnte mir einfach nicht

vorstellen, dass meine Mutter, die eben

noch neben mir stand, jetzt von Flammen

verzehrt wurde.

KEIN PLATZ FÜR TRAUER

Ich merkte schnell, dass ich es mir

nicht erlauben konnte, zu trauern.

Nicht in diesem Lager, wo es an allem

fehlte, wo tödliche Krankheiten kursierten,

wo die Menschen um einen

herum starben und ermordet wurden,

wo ich all meine Geistesgegenwart

brauchte, um die nächste Minute, den

nächsten Atemzug zu erleben. „Ich

kann das hier schaffen, wenn nur meine

Schwester bei mir bleibt“, dachte

ich wie ein Mantra. Ich hängte mich

an sie, als wäre ich ihr Schatten.

Um in einer solchen Umgebung zu

überleben, muss man seine Bedürfnisse

überwinden und sich einem anderen

Der ENGEL DES TODES

hatte eine Lücke zwischen

den Schneidezähnen

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018 47


Wir standen ständig

IN REIHEN. Man wusste nie,

ob sie den Tod oder das Leben bedeuteten

Menschen oder etwas außerhalb von

sich selbst zuwenden. Für mich war

dieser Mensch Magda und das „Etwas“

die Hoffnung, dass ich den Jungen,

in den ich damals verliebt war,

am nächsten Tag wiedersehen würde,

denn dann wäre ich frei. So beschwor

ich mich jeden Tag selbst: Wenn ich

heute überlebe, bin ich morgen frei.

ZWINKERTE DER WÄRTER?

In Auschwitz mussten wir ständig in

Reihen stehen: Reihen, von denen wir

nie wussten, ob sie den Tod oder das

Leben bedeuteten. Eines Tages landeten

Magda und ich in zwei verschiedenen.

„Unsere bedeutet den Tod“,

sagte ein Mädchen, das dicht neben

mir stand. Was auch passierte, Magda

und ich müssten das zusammen durchstehen,

dachte ich damals – selbst

wenn es der Tod wäre.

Ich spähte auf den schneebedeckten

Boden zwischen uns, versuchte, mich zu

konzentrieren. Magda und ich schauten

uns an, ich sah ihre blauen Augen.

Plötzlich tat ich es: Ich bewegte mich,

schlug ein Rad. Und noch eins. Ein

Wärter starrte mich an, ich rechnete

jeden Moment damit, erschossen zu

werden, aber ich konnte nicht aufhören,

drehte mich immer weiter. Sah

ich richtig? Zwinkerte der Wärter mir

zu? Ja, er zwinkerte. Dieses Mal lass

ich dir das durchgehen, schien er mir

zu signalisieren. In den Sekunden, in

denen ich seine Aufmerksamkeit hatte,

wechselte Magda in meine Reihe. Es

zeigte sich, dass es die Reihe mit den

Gefangenen war, die in den Zug sollten:

Das Lager wurde geräumt.

Man zwang uns auf die Dächer der

Eisenbahnwaggons, unsere geschwächten

Körper klammerten sich im eiskalten

Wind aneinander. Unser Zug

wurde bombardiert, ab da mussten

wir zu Fuß gehen, wochenlang. In den

letzten Stunden unseres Marsches fielen

die Mädchen zu Hunderten zu Boden.

Zu schwach oder zu krank zum

Weiterlaufen, wurden sie auf der Stelle

getötet. Auch ich stolperte und konnte

vor Erschöpfung nicht mehr weiter.

Ich spürte, wie Magda und ein paar

andere Mädchen mich hochzogen. Das

taten sie, weil ich so oft mein Brot geteilt

hätte, sagten sie.

Als wir in einem Lager im Wald haltmachten,

war ich zu krank, um noch

weiterzugehen. Ich fiel erneut hin,

wurde immer wieder ohnmächtig, lag

in einem Gewirr von Leichen. Dort,

auf diesem Todesfleck, spürte ich auf

einmal, dass mir etwas in die Hand

gedrückt wurde. Es waren knallbunte

Linsen in Rot, Braun, Grün und Gelb,

sie hießen M&M’s, und sie waren essbar.

Der Mann, der sich über mich

beugte, war ein amerikanischer Soldat.

Neben mir lag Magda. Beide hatten

wir diese allerletzte Selektion

überlebt. Wir waren frei.

„NEIN, ICH WAR NICHT DORT!“

Danach lebte ich weiter, erst so, als

wäre nichts geschehen. Heiratete, bekam

Kinder, emigrierte nach Amerika,

nahm einen Job an, fing an zu studieren,

konzentrierte mich auf das Alltägliche.

Als meine damals zehnjährige

Tochter ein Buch über die Konzentrationslager

entdeckte und fragte, ob ich

dort gewesen sei, flüchtete ich ins Bad.

„Nein, nein, nein, ich war nicht dort“,

wollte ich schreien. Ich war drauf und

dran, den Spiegel kaputt zu schlagen.

Und tat es doch nicht.

Tief in mir drin spürte ich immer öfter,

dass ich sehr unglücklich war. Erst gab

ich meinem Mann die Schuld, sodass

wir uns irgendwann scheiden ließen.

Aber nach und nach kam ich dahinter,

dass es nicht an ihm lag, sondern an

mir: Ich hatte den Kontakt zu mir

selbst abgeschnitten. Ich sagte meinem

Exmann, dass er mir sehr fehlte und

dass ich an mir arbeiten wollte. Wir

heirateten erneut. Ich studierte weiter,

klinische Psychologie, wurde Psychotherapeutin

– ich glaube, dass ich unbewusst

mir selbst helfen wollte.

VERSORGUNG DER WUNDEN

Ich begab mich auch selbst in Therapie.

Als Erstes kam dort die Wut aus

mir heraus – was im Lager nicht möglich

gewesen war, es hätte meinen Tod

bedeutet. Über meine Kriegsvergangenheit

reden zu müssen war unglaublich

schmerzhaft. Das ist es noch,

aber inzwischen weiß ich, dass Gefühle,

so stark sie auch sind, vorübergehen,

wenn man sie zulässt. Je mehr man sie

unterdrückt, desto schwieriger ist es,

sie ziehen zu lassen. Sich selbst ausdrücken,

Selbstexpression, ist das Gegenteil

einer Depression – das bringe

ich bis heute meinen Patienten bei. Um

zu genesen, muss man die Dunkelheit

in sich umarmen: Man geht durch das

Tal des Schattens zum Licht. Die Narben

müssen nicht ausradiert werden –

„genesen“ bedeutet, dass man seine

Wunde weiter versorgt.

Trotz meiner Therapie spürte ich, dass

ich noch etwas tun musste: Kontakt

aufnehmen mit dem Ort meines Verlusts.

Darum fuhr ich Anfang der 80er

erneut nach Auschwitz. Meine Beine

zitterten, als ich unter dem Schriftzug

„Arbeit macht frei“ hindurchging. Ich

sah wieder die drei hungrigen Frauen

in ihren Wollmänteln vor mir. Meine

Mutter, die sich bei mir eingehakt hatte.

Ich hörte wieder, wie sie „Knöpf

deinen Mantel zu“ sagte und „Stell

dich gerade hin“. Und plötzlich vernahm

ich auch Mengeles Stimme: „Ist

48 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


GESUNDHEIT

Im uhrzeigersinn von oben links: Edith (Mitte) mit ihren Schwestern Klara (links) und Magda (rechts) nach dem Krieg und vor

ihrem umzug nach Wien. Klara war in Budapest, als ihre Familie deportiert wurde, und konnte sich dort bis Kriegsende verstecken //

Immigrationskarte für die uSa // Edith und Bela mit Tochter Marianne // Edith bei einer Vorstellung nach ihrer Hochzeit

Um zu genesen, muss man die

Dunkelheit in sich selbst umarmen

sie deine Mutter oder deine Schwester?“

Die Haare meiner Mutter waren

grau, aber ihr Gesicht war so glatt wie

meins. Sie hätte als meine Schwester

durchgehen können. Aber als ich da

so vor ihm stand, dachte ich nicht

nach, ich spürte nur in jeder Zelle

meines Körpers, dass ich meine Mutter

liebte, sie brauchte. Also gab ich

die Antwort, an die zu erinnern ich

mich all die Jahre geweigert hatte –

bis zu dem Moment, wo ich wieder in

Auschwitz war: „Mutter.“ In dem

Moment, in dem ich es aussprach,

wurde mir klar, dass ich „Schwester“

hätte sagen müssen. Zu spät. Meine

Mutter musste nach links.

VERGEBEN IST KEIN THEMA

Den Rest meines Lebens würde ich

mit dem Gedanken verbringen müssen,

dass ich sie hätte retten können.

Aber wieder in Auschwitz wurde mir

bewusst, dass ich die Wahl hatte,

mich weiterhin damit zu quälen oder

es zu akzeptieren: Ich habe damals

das Falsche gesagt, weil ich Hunger

hatte, Todesangst, mit gerade mal

16 Jahren, umzingelt von bellenden

Hunden, Gewehren und meiner eigenen

Unsicherheit. Ich darf menschlich,

muss nicht perfekt sein.

Ich werde oft gefragt, ob ich den

Nazis vergeben könne, aber darüber

denke ich nicht nach. Vergebung bedeutet

für mich, dem Opfer in einem

selbst zu vergeben, alle Selbstbeschuldigungen

ziehen lassen zu können –

erst dann kann man weitergehen. Das

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018 49


heißt nicht, dass mein Trauma weg ist;

aber ich habe gelernt, damit umzugehen.

Ich kann meine Vergangenheit

nicht ändern, aber ich kann aufhören,

mich zu fragen, wie ich es verdient

habe, zu überleben. Stattdessen kann

ich mich dafür entscheiden, ein Leben

zu retten: meins, hier und jetzt. Ich

kann anderen helfen und dafür sorgen,

dass meine Eltern nicht ganz umsonst

gestorben sind, indem ich der

Welt vom Krieg erzähle. Ich sage nicht

mehr: Warum ist mir das geschehen?,

sondern: Wie will ich weitermachen?

Das versuche ich auch meinen Patienten

klarzumachen: So furchtbar Ihr

Trauma auch ist – stellen Sie sich die

zweite Frage, denn sie öffnet Ihnen

den Weg zu Ihrem Leben, so wie Sie es

gerne leben möchten.

GEDANKENFREIHEIT

In dem Viehwaggon nach Auschwitz,

in dem wir zu Hunderten zusammengepfercht

waren, mit einem Eimer

Wasser und einem für unsere Exkremente,

in dem es nach Schweiß und

Fäkalien roch, wir fast nichts zu essen

hatten, Menschen starben, wir im

Stehen schliefen, Schulter an Schulter

mit dem Tod – nannte meine Mutter

mich eines Nachts bei meinem Kosenamen.

„Dicuka“, sagte sie, „wir wissen

nicht, wohin wir unterwegs sind.

Wir wissen nicht, was mit uns geschehen

wird. Aber merke dir: Niemand

kann dir deine Gedanken nehmen.“

Diesen Satz meiner Mutter werde ich

bis zu meinem letzten Atemzug hegen.

Er hilft mir, wenn wieder eine Sirene

heult. Dann denke ich daran, dass ich

die Wahl habe, mein Leben nicht

durch mein Trauma bestimmen zu lassen.

Diese Freiheit habe ich. Immer

und überall. //

Edith Eva Eger hat ein Buch über ihre Kriegserfahrungen

geschrieben und darüber, wie

sie als Psychologin anderen hilft, sich aus ihren

eigenen Gedanken zu befreien: Ich bin hier,

und alles ist jetzt, btb, 22 Euro

EIN TRAUMA ÜBERLEBEN

Ein Kriegstrauma ist eine Form der posttraumatischen

Belastungsstörung (PTBS), die durch schockierende oder

lebensbedrohliche Ereignisse ausgelöst werden kann.

Kriegsgrausamkeiten zum Beispiel, aber auch andere schlimme

Erfahrungen, wie ein schwerer Verkehrsunfall, ein Überfall,

Misshandlung oder sexuelle Gewalt. Diese Erlebnisse

können so schmerzhaft sein, dass man sie nicht verarbeiten

kann. Manchmal melden sie sich über Jahre immer wieder –

in Form von Schlaflosigkeit, Albträumen, Nervosität, Kopfschmerzen,

Konzentrationsproblemen, Depressionen,

heftigen Angstattacken, übertriebener Sorge und Wachsamkeit

–, und sie bringen die Betroffenen schnell aus dem

Gleichgewicht.

Die Hirnforschung zeigt bei Menschen mit einer PTBS:

Die Hirnbereiche, die mit Wachsamkeit oder Angst zu tun

haben, sind überaktiv, während die Teile, die Emotionen

und Gedanken regulieren, viel zu gebremst sind.

Etwa jeder Zehnte leidet nach einem traumatischen Erlebnis

an einer PTBS. Je heftiger und eindringlicher es war, desto

höher das Risiko. Auch Anlage und Erziehung spielen dabei

eine Rolle, ebenso weitere Faktoren wie die Persönlichkeit,

ob man schon zuvor ein psychisches Leiden hatte oder wie

viel Unterstützung man aus dem Umfeld bekommt.

Während des schlimmen Ereignisses, also in dem Moment

selbst, erleben Menschen, die später eine PTBS entwickeln,

oft Machtlosigkeit, Verletzbarkeit und Angst, und sie versuchen,

die Situation nur so gut wie möglich zu überleben.

Edith Eger konnte sich in Auschwitz nicht wehren, weil das

ihren Tod bedeutet hätte. Aber wie andere Kriegstraumatisierte

litt auch sie später unter Schuldgefühlen: Sie kämpfte

mit der Frage, ob sie anders hätte handeln und andere

hätte retten müssen.

Es gibt mehrere Behandlungen für PTBS. Dabei hängt es

von der Persönlichkeit und der Art des Traumas ab, welche

am besten funktioniert. Manchen Menschen helfen Medikamente,

anderen EMDR (Eye Movement Desensitization and

Reprocessing) oder Gesprächstherapie; bei beiden Behandlungsformen

wird die Erinnerung an das Trauma erneut, aber

weniger emotional und intensiv im Gehirn gespeichert, was

ihre negative Wirkung abschwächt. Jedem Dritten mit einer

PTBS hilft diese Behandlung aber nur unzureichend.

Kennen Sie jemanden mit einer PTBS, unterstützen Sie die

betroffene Person, indem Sie sich ihre Geschichte anhören.

Auch wenn sie diese zum x-ten Mal erzählt: Einem Menschen

mit PTBS hilft es, das zu tun. Durch das wiederholte Hervorkramen

der Erinnerung wird diese an die Gegenwart gekoppelt,

in der der Betroffene sich nicht mehr zu ängstigen

braucht. So wird seine Angst reduziert. Geben Sie Betroffenen

Zeit, denn eine PTBS zu überwinden kann lange dauern.

Text: Edwin Oden // Foto: Jordan Engle, privat

50 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


KOLUMNE

Frans de Waal

Vier Kilo Intelligenz

Das japanische Restaurant in Paris hieß

Tokyo, das ist schon mal gut, dachte ich.

Während ich auf mein Essen wartete, hörte ich das

Personal miteinander reden, aber für mich klang

es eher wie Chinesisch. Das Sushi war krümelig,

der Fisch wirkte, als sei er mit dem Kartoffelmesser

geschnitten. Ich sah mir die Kellner genauer an

und wusste, ich hatte richtig vermutet.

Ohne beide Sprachen wirklich zu beherrschen, hatte

ich also einen Unterschied gehört. Aufgrund

von Intonation, Rhythmus und Melodie. Bei einem

Menschen mit Sprachgefühl mag man das erwarten,

aber durch britische Forscher wissen wir nun,

dass auch Elefanten dazu in der Lage sind. Dazu

hat man in Kenia geforscht, wo Elefanten ab und

an den Massai zum Opfer fallen, einem nomadischen

Savannenvolk. Manchmal töten diese einen

Auch Elefanten trösten und

beruhigen ihre Artgenossen

Elefanten, der mit ihrem Vieh um Trinkwasser

konkurriert, oder sie rächen ein Stammesmitglied,

das von einem Dickhäuter getötet wurde.

Die Forscher installierten versteckte Lautsprecher,

aus denen gesprochene Sätze schallten wie „Seht

mal, da kommen ein paar Elefanten“. Was genau

gesagt wurde, war höchstwahrscheinlich unwichtig,

aber sprachen Massai-Männer aus den Lautsprechern,

stellten sich die Elefanten leise und dicht

gedrängt im Kreis auf – eine Verteidigungstaktik –

und hörten zu. Das taten sie seltener, wenn der

Satz von Massai-Frauen oder Massai-Jungen gesprochen

wurde – oder auch von Männern des

Kamba-Stamms, der keine Probleme mit Elefanten

hat. Die Elefanten reagierten also auf die Sprache,

das Geschlecht und das Alter menschlicher Stimmen

auf eine Art und Weise, der zu entnehmen ist,

dass sie Männer als Bedrohung sehen.

Es zeigt sich immer deutlicher, dass Elefanten ihre

vier Kilo Gehirn äußerst gut zu nutzen wissen.

In Thailand bindet man domestizierten Elefanten

oft Glocken als Signal um. Manchmal verstopfen

die Tiere ihre Glocke mit Gras, wenn sie sich jemandem

leise nähern wollen. Und dann ist da

noch Koshik, ein Elefanten-Stier in einem südkoreanischen

Zoo, der sich beigebracht hat, die Stimmen

seiner Pfleger genau nachzuahmen. Mit dem

Rüssel bläst er in seinen Mund und moduliert so

Geräusche: eine kreative Form der Imitation.

Meine eigene Forschungsgruppe hat zudem nachgewiesen,

dass asiatische Elefanten ebenso sympathisch

auf Unruhe und Angst ihrer Artgenossen

reagieren wie Menschenaffen. Schimpansen und

Bonobos trösten sich gegenseitig mit Küssen und

Umarmungen; ein menschliches Verhalten, das auf

Empathie beruht. Joshua Plotnik und ich haben

in Thailand beobachtet, dass sich Elefanten gegenseitig

mit dem Rüssel berühren, ihren Artgenossen

den Rüssel ins Maul stecken oder beruhigende

Geräusche von sich geben, wenn sich einer von

den ihren erschreckt hat.

Elefanten werden viel weniger erforscht als Hunde

oder Affen, aber je mehr wir über die Dickhäuter

lernen, desto mehr beeindruckt uns ihre Intelligenz.

Auch wenn ihre Entwicklung einen anderen Weg

genommen hat als die der Menschenaffen: Mental

und emotional sind sie auf demselben Niveau. //

Frans de Waal ist Biologe mit Schwerpunkt Menschenaffen

und deren Verhalten. Er lebt in den USA und hat etliche

Bücher auch auf Deutsch publiziert, zuletzt Der Mensch,

der Bonobo und die zehn Gebote (Klett-Cotta).

Foto: Anja van Wijgerden

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 51


BÜCHER

Redaktion: Katharina Wantoch

BUCH DES

MONATS

Schlafen

wie

Ronaldo

Sich wach im Bett wälzen,

nur schwer zur Ruhe kommen,

zu früh aufwachen – mit

der Schlafstrategie von Nick

Littlehales soll das alles

bald Vergangenheit sein

Ich weiß nicht genau, seit wann ich

die Frage „Hast du gut geschlafen?“

nicht mehr mit „Ja“ beantworte, sondern

mit „Geht so“, „Eigentlich nicht“

oder „Nein“. Naheliegend wäre, dass

es an meiner kleinen Tochter liegt,

aber die schläft meist ziemlich gut.

Um selbst wieder dorthin zu kommen

und längere Wachphasen sowie unnötig

frühes Aufwachen loszuwerden,

suche ich Rat bei Nick Littlehales,

Bettberater von Spitzensportlern, der

auch Cristiano Ronaldo eine Schlafstrategie

gebaut hat.

Bei der Lektüre seines Buchs stelle

ich schnell fest: Ich mache wenig

richtig und vieles falsch. Auf meiner

Haben seite immerhin die richtige

Schlaf position, für mich als Rechtshänder

heißt das: auf der linken Seite

liegend. Aber: Mein Schlafzimmer

ist zu unordentlich, ich widme dem

Ins-Bett-Gehen und Aufwachen zu

wenig Zeit, ich schlafe am Wochenende

länger als unter der Woche …

Dabei ist ein regelmäßiger Rhythmus

ganz entscheidend für guten Schlaf.

Littlehales hat dafür das Programm

R90 entwickelt, bei dem man in 90-Minuten-Intervallen

auf seinen Schlaf

blickt (90 Minuten soll ein Schlafzyklus

aus Eindösen, leichtem Schlaf und

Tiefschlaf dauern). Wichtig ist, eine

feste Weckzeit zu definieren, die auch

am Wochenende gilt, und von dort

aus in 90-Minuten-Intervallen zurückzurechnen,

um die ideale Schlafenszeit

zu errechnen. Wer also wie ich um

7 Uhr aufstehen muss, sollte um

23:30 Uhr ins Bett, vorausgesetzt er

kommt mit fünf Zyklen Schlaf gut

aus. Reichen weniger, sollte man erst

um 1 Uhr oder 2:30 Uhr ins Bett gehen.

Auch dann, wenn man die 23:30

Uhr mal nicht schafft – übrigens kein

Drama, sagt Littlehales, viel wichtiger

ist, dass die Wochenbilanz stimmt.

Und wer nachts länger wach liegt,

sollte aufstehen und sich erst zum

nächsten Zyklus wieder hinlegen.

Das werde ich jetzt mal ausprobieren.

Ich hoffe nur, der Cristiano Ronaldo

in mir steht auch auf, wenn am Samstag

um 7 Uhr der Wecker klingelt. //

Nick Littlehales,

Sleep. Schlafen wie die

Profis, Knaus, 16 Euro

Foto: Stocksy

52 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


3 GRÜNDE,

DIESES BUCH

ZU LESEN

DAS BUCH BETRACHTET DAS THEMA

GANZHEITLICH. Ein Paar existiert nicht nur

aus sich heraus. Für seine Beziehung spielen

soziale Kontakte genauso eine Rolle

wie ideologische Konventionen. Paarberaterin

Stephanie Katerle widmet sich diesen

Einflüssen und analysiert Untreue umfassend.

Ihre Leitthese in Sachen Monogamie:

„Menschen haben eine gewisse

Neigung dazu, an Gewohnheiten festzuhalten.

Sie hängen an Bekanntem, auch

wenn es uns heute nichts mehr nutzt.“

ES HAT KLUGE BEOBACHTUNGEN. Katerle

will zeigen, warum Untreue nicht zur Trennung

führen muss. Dazu macht sie eine

Menge hilfreicher Beobachtungen, etwa:

„Untreue muss nicht zur Trennung führen,

wenn die Beteiligten verstehen, dass sie

als Paar das Problem der Untreue nicht lösen,

sondern nur verstehen können.“

KATERLE BIETET EINE LÖSUNG. Und die

heißt nicht, Untreue zum Beziehungs modell

zu machen, sondern „aufgeklärte Monogamie“.

Katerle animiert zu einem veränderten

Verständnis von Partnerschaft. Dazu

muss uns klar werden, dass wir noch immer

weitgehend nach den Regeln des beginnenden

Bürgertums lieben. Das kann nur

kollidieren mit unserer modernen Welt. Der

Weg zu „aufgeklärter Monogamie“: ehrlich

Themen auf den Tisch bringen und die Beziehung

auf Schwachstellen untersuchen. //

Stephanie Katerle, Seitensprünge, Klett-Cotta, 18 Euro

Blick in ein Expertenleben

Kurz vor seinem 70. Geburtstag blickt der

dänische Familientherapeut Jesper Juul auf

sein Leben zurück – das er seit gut fünf Jahren

nur noch eingeschränkt führen

kann. Eine Autoimmunkrankheit

zwingt ihn in den

Rollstuhl. Gespannt folgt man

Juul durch sein Leben: die

Kindheit mit einer besitzergreifenden

Mutter und einem

Vater, der kaum mit seinem

Sohn spricht, die Zeit auf See,

das Lehrerstudium in Aarhus,

der erste Arbeitsplatz in einer Einrichtung für

verhaltensauffällige Jugendliche, später seine

Arbeit im Bosnienkrieg. Bei all dem behält Juul

immer seinen Expertenblick: Als er schließlich

im Krankenhaus landet, muss er feststellen, dass

sich dort Muster, die er aus Eltern-Kind-Beziehungen

kennt, wiederfinden lassen – und das

Personal mit ihm umgeht wie Mütter mit ihren

Kindern: „Es ist doch nur zu deinem Besten.“ //

Jesper Juul, Das Kind in mir ist immer da, Beltz, 16,95 Euro

Folge deinen Talenten!

Viele Menschen wissen nicht, wo ihre Stärken,

Begabungen und Talente liegen“,

schreibt Psychologieprofessor Aljoscha Neubauer

– und gibt damit keinen subjektiven Eindruck

wieder, sondern das Ergebnis zahlreicher

wissenschaftlicher Studien. Mit seinem Buch

will er Berufseinsteigern, aber auch Wechselwilligen

oder dazu Gezwungenen

helfen, eine Tätigkeit

zu finden, die sie glücklich

macht, eben weil sie im Einklang

mit den persönlichen

Eignungen und Neigungen

steht. Neubauer zeigt, wie

man seinen Begabungen, seiner

Persönlichkeit und seinen

Interessen besser auf die Spur kommt – erste

Anhaltspunkte geben kurze Psychotests in dem

Buch – und was am Ende am meisten zählt:

nach Neubauers Erkenntnissen die Begabungen

fast mehr als der Charakter. //

Aljoscha Neubauer, Mach, was du kannst, DVA, 20 Euro

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 53


BÜCHERWEISHEIT

Kreative Tour de Force

Warum choreografieren Kühe kein Ballett?

Neurowissenschaftler Eagleman

und Komponist Brandt geben in ihrem im

wahrsten Sinne des Wortes geistreichen Buch

die Antwort: Weil die Evolution nur das

menschliche Gehirn so aufgepeppt

hat, dass wir die

Welt nicht nur als das wahrnehmen,

was sie ist, sondern

uns auch alternative Szenarien

vorstellen können. Und

wir das auch müssen, weil

unsere Hirne, bei aller Liebe

zur Gewohnheit, gar nicht

anders können, als Erfahrungen aufzunehmen

– um sie dann zu biegen und zu brechen und

wie Bauklötze zu neuen Ideen zusammenzusetzen.

Ein unterhaltsamer Ritt durch Kunst,

Technik, Wissenschaft und den Rest der kreativen

Menschheitsgeschichte, der Lust darauf

macht, die Welt mit dem eigenen Denkapparat

auch mal wieder neu zu erschaffen. //

D. Eagleman, A. Brandt, Kreativität, Siedler, 25 Euro

Aus der Sackgasse navigiert

Jeder von uns hat das Recht auf ein erfülltes

und zufriedenes Leben, und jeder von uns

trägt die Möglichkeit für ein

solches Leben in sich.“ Mit

diesen Worten motiviert Ärztin

Mirriam Prieß all diejenigen

zum Spurwechsel, die

privat oder beruflich in eine

Sackgasse geraten sind – und

erweist sich in ihrem Ratgeber

als wertvolle Navigationshilfe.

Um den Spurwechsel zu

meistern, müssen wir unseren inneren Feind,

sprich unsere Bewusstseinszustände tiefer

Ohnmacht und tiefen Schmerzes, die meist in

der Kindheit begründet liegen, erkennen

und auflösen – mangelnde Anerkennung etwa.

Erst dann können wir mit unserem eigentlichen

Wesenskern in Kontakt treten – und das

Leben führen, das wirklich unseres ist. //

Mirriam Prieß, Zeit für einen Spurwechsel, Südwest,

20 Euro. Erscheint am 23. April

Die Psychotherapeutin Gitta Jacob über die Bücher,

die sie besonders geprägt haben

„Ich nde mich in Figuren wieder,

die ihre Ängste überwinden“

Welches Buch hat Sie bei Ihrer

Arbeit besonders weitergebracht?

Zuletzt das Sachbuch Anatomy

of an Epidemic von Robert

Whitaker, das darstellt, wie

sehr der Segen von Psychopharmaka

oft überschätzt wird.

Schade, dass es eine solche kritische

Aufarbeitung noch nicht

für die Psychotherapie gibt –

könnte mir vorstellen, dass wir

uns auch oft überschätzen …

In welcher Romanfigur finden

Sie sich wieder?

In keiner bestimmten, aber

grundsätzlich in Figuren, die

Ängste überwinden, um ein

reichhaltiges Leben zu führen.

Welches Buch hätten Sie am

liebsten selbst verfasst?

Ich schreibe ja nur Sach- und

Fachbücher, daher Vom

Himmel auf Erden. Was Sexualität

für uns bedeutet von

Christoph Joseph Ahlers. Total

interessant, spannend, für das

eigene Leben und das Verständnis

von Patienten – und

ganz toll geschrieben!

Welches Buch hat Ihnen in einer

schwierigen Situation geholfen?

Der psychotherapeutische

Klassiker Grundformen der

Angst – um die Muster aller

Beteiligten in einer (eigenen)

Beziehungskrise besser zu

verstehen und zu akzeptieren.

Welches Buch würden Sie

auf einsame Insel mitnehmen?

Das neue von Juli Zeh oder

Jonathan Franzen – je nachdem,

welches dicker ist. //

Jacob ist klinische Psychologin, Verhaltenstherapeutin, Supervisorin. Ihr Buch Raus

aus Schema F (Beltz) erklärt, wie man psychische Muster erkennt und überwindet.

Foto: Daniela Möllenhoff

54 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


BÜCHER

1 GEFÜHL,

3 ROMANE

Die Welt in den Händen

Was für eine Entdeckung: In

Naomi Aldermans feministischer

Dystopie realisieren Mädchen

und Frauen auf der ganzen

Welt plötzlich, dass sie „die Gabe“

in sich tragen. Von

einem Tag auf den

anderen können

sie mit ihren Händen

starke Stromstöße

verteilen, so

wie die 14-jährige

Roxy, Tochter eines

Drogenbosses. Sie ist die erste

Frau mit der neuen Gabe, die

wir kennenlernen. Es folgen Tunde,

Margot, Allie und viele weitere.

Erst gehen die Frauen spielerischverlegen

mit ihrer Gabe um, dann

strategisch. Bald schon verletzend

und tödlich. Die männliche Welt

und deren vermeintliche Dominanz

bröckeln, die Frauen sind auf

einmal die Mächtigen, sie rächen

sich, errichten Kulte und Reiche.

Alderman dreht die Verhältnisse

radikal und brutal um, erzählt

schnell und filmisch. Ihre große

Frage lässt einen auch nach der

Lektüre nicht so schnell los: Was

würden Frauen mit der Macht

machen? Und wäre die Welt dann

wirklich eine bessere? //

Naomi Alderman, Die Gabe, Heyne,

16,99 Euro

Die Stärke der Frauen

Ende des 19. Jahrhunderts liegt

die Macht sicher nicht auf Seiten

der Frauen, aber Lydia Welti-Escher,

verheiratet mit dem Sohn eines mächtigen

Politikers, trifft eine eigenmächtige

Entscheidung – aus Liebe zu

einem Künstler. Der heißt Karl Stauffer

und kommt aufs Anwesen der Weltis,

um Lydia zu malen. Aus Model und

Maler werden Liebende. Als sie beschließen,

zusammen fortzugehen,

kriegen sie die Macht

von Lydias Schwiegervater

zu spüren.

Der sorgt dafür, dass

Stauffer ins Gefängnis

wandert und Lydia

in die Nervenheilanstalt.

Zum Glück hat

die noch ihre treue

Dienerin Luise … Hartmann, dessen

Roman auf wahren Begebenheiten

basiert, fängt das Ende des 19. Jahrhunderts

sprachlich wie atmosphärisch

gut ein und präsentiert uns mit Lydia

und Luise zwei faszinierende Frauen –

die eine berührt durch ihr Leid, die

andere durch ihr reines Herz. //

Lukas Hartmann, Ein Bild von Lydia,

Diogenes, 24 Euro

Macht [die],

die Möglichkeit, Einfluss auszuüben; eine besondere

bzw. geheimnisvolle Kraft; die Befugnis oder Freiheit,

über Menschen und Verhältnisse zu bestimmen

Die Fesseln der Scharia

Als Ghazi al-Djaassi seiner jüngsten

– und besonders geliebten –

Tochter den Namen Sara gibt, ist

eigentlich klar: Dieses

Mädchen wird sich mit

den patriarchalischen

Machtverhältnissen in

Saudi-Arabien nicht so

leicht abfinden – und

somit dem Vorbild ihrer

Tante Sara, die von

der Familie verstoßen wurde, folgen.

Und so kommt es auch: Sara rebelliert:

gegen die Verschleierung, gegen

die Geschlechtertrennung und

vor allem gegen ihren fanatischen

Onkel und größten Sittenwächter des

Landes, Scheich Jussuf al-Ahmad. Ein

Konflikt zwischen zwei Polen, der sich

immer mehr zuspitzt und in Saras Verbannung

mündet. Doch sie ist auf Rache

aus … Najem Walis Roman erzählt

in einem ganz besonderen Ton davon,

wie eine (sicher nicht unfehlbare)

Frau sich mit aller Macht gegen eine

Gesellschaft sträubt, in der Individualität

entweder ausgemerzt oder weggesperrt

wird. Ein aufwühlender Blick

hinter den Schleier Saudi-Arabiens. //

Najem Wali, Saras Stunde, Hanser, 23 Euro

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 55


56 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


PERSÖNLICHKEIT

Wie werde ich erfolgreicher, gelassener, besser? Seit Jahren suchen wir Antworten

darauf, in Selbstoptimierungsbüchern und Kompetenztrainings. Aber haben die uns

wirklich glücklicher gemacht? Nein, meint ein dänischer Psychologieprofessor.

Und auch andere Wissenschaftler machen kurzen Prozess mit unsinnigen Ratschlägen

4

Selbsthilfe-

Mythen

entkräftet

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018 57


WIR WOLLEN UNS WIE DIE BESESSENEN „ENTWICKELN“ –

und halten damit eine ganze Branche am Laufen

Trau dich zu werden, wer du sein willst. Verlasse

deine Komfortzone, folge deiner Intuition, mach

es jetzt. Das war die Botschaft von Lynne Rosen,

Beraterin und Personal Life Coach aus New York.

Sie hatte einen Youtube-Kanal mit Motivationsfilmen und

moderierte mit ihrem Partner John Littig – ebenfalls Coach

– einmal im Monat die Radiosendung The Pursuit of Happiness

(Das Streben nach Glück). Folgender Satz tauchte

darin ständig auf: „Versuche jeden Tag etwas zu tun, was

dich Überwindung kostet.“

Im Sommer 2013 tat das Lebensberater-Paar etwas, was es

wohl selbst sehr viel Überwindung gekostet hat: Es verübte

gemeinsam Selbstmord. Weil Rosen das Leben nicht mehr

ertrug, so ihr Abschiedsbrief, und Littig ihr Leiden nicht

mehr mit ansehen konnte. Offensichtlich hatte ihr Glaube

an die Kraft des positiven Denkens sie verlassen.

Eine traurige Geschichte, die seither oft in Artikeln aufgegriffen

wird, die vor Selbsthilfegurus und dem entsprechenden

Hype warnen. In dieser Branche gebe es zu viele labile

Typen, so der Tenor. Zudem würden zu viele Techniken

empfohlen, deren Nutzen gar nicht bewiesen sei oder die

schlichtweg nichts taugten. Ein Vorwurf, der auch durch

die Forschung unterstützt wird.

Und trotzdem: Die Selbsthilfeindustrie ist nach wie vor ein

blühendes Geschäft. In den USA werden mit Selbsthilferatgebern

etwa 600 Millionen Dollar jährlich umgesetzt. Und

ein Blick in unsere Bestsellerlisten zeigt, dass auch hier viele

dieser Bücher Kassenschlager sind. Zählt man (Auto-)Biografien

mit dazu – die ja oft in der Hoffnung gelesen werden,

dort Lebensweisheiten zu finden –, sind es sogar noch mehr.

DEN MARKTWERT ERHALTEN

Diesen Kontrast zwischen Skepsis und Erfolg nahm der dänische

Psychologieprofessor Svend Brinkmann 2014 zum

Anlass, selbst ein Buch herauszubringen – eine Art „Anti-

Selbsthilfebuch“: Stå fast, so sein Titel. In Dänemark wurde

es ein Bestseller. Die englische Fassung kam im Frühjahr

2017 auf den Markt, und die deutsche Übersetzung – Pfeif

drauf! Schluss mit dem Selbstoptimierungswahn – ist jetzt

auch bei uns erschienen.

Brinkmanns Botschaft: Mit unserem

Drang, uns ständig verbessern zu

wollen, dienen wir letztlich nicht uns

selbst, sondern vor allem dem überdrehten,

kapitalistischen System. Wir

sind so sehr von dem Gedanken beherrscht,

Stillstand bedeute Rückschritt,

dass wir uns wie die Besessenen „entwickeln“.

Alles nur, um unseren

Marktwert zu erhalten, und trotz des

dumpfen Gefühls, doch nie genug zu

tun. Das empfinden wir nicht als gesellschaftliches

Problem, sondern als

persönliches Versagen. Und so führt

der Selbstoptimierungshype mitunter

dazu, dass wir uns depressiv fühlen

oder ein Burn-out kriegen – wodurch

wiederum der Bedarf an Coaches und

Selbsthilfebüchern steigt.

Mit Pfeif drauf! versucht Brinkmann,

uns von dieser „Sucht“ zu befreien.

Dieses Wort, „Sucht“, benutzt er tatsächlich,

nicht (nur) aus sich heraus:

US-Forscher stellten schon vor etwa

15 Jahren fest, dass der beste Indikator

für den Erwerb eines Selbsthilfebuchs

ist, dass derjenige schon mal ein derartiges

Buch gekauft hat. Haben Leser

erst einmal angebissen, wollen sie also

immer mehr. Auch das deutet darauf

hin, dass viele Ratgeber nur einen mäßigen

Effekt haben.

Es ist eher unwahrscheinlich, dass

Brinkmanns Buch der Selbsthilfeindustrie

den Gnadenstoß versetzt. Dafür

ist es dann doch etwas zu dünn. Zieht

man jedoch andere Forschungsergebnisse

hinzu, wächst die Über zeugung,

dass manche Glücksgurus in der Tat

allerlei Unsinn verkünden.

58 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


PERSÖNLICHKEIT

Vier Selbsthilfemottos, die inzwischen

eindeutig widerlegt wurden:

„HÖREN SIE

1 AUF SICH SELBST“

Das Versprechen: Hört man nur genau

auf seine innere Stimme, findet letztlich

alles im Leben seine Bestimmung.

Die Wahrheit: „Sie sollten akzeptieren,

dass es in Ihrem Inneren keinen

Schlüssel für eine Tür gibt, hinter der

die Antwort darauf liegt, wie Sie leben

sollen“, schreibt Svend Brinkmann in

seinem Buch nahezu wutschnaubend.

Seiner Meinung nach flüstere uns gerade

unser Bauchgefühl nur allzu oft

Unsinn ein. Zum Beispiel, dass eine

neue Nase oder ein anderer Partner uns

glücklicher machten.

Aber wer nüchtern und methodisch

über sich nachdenkt, der erlangt schon

Selbsterkenntnis, die nützlich ist, oder?

Auch das kann man so nicht stehen

lassen. So entdeckte der US-Psychologe

Gerald Haeffel Folgendes: Wer auf eigene

Faust seine negativen Gedanken

analysiert, wird oft noch trauriger. Begleitet

von einem kognitiven Verhaltenstherapeuten

klappt es in der Regel

gut, sich gründlich unter die Lupe zu

nehmen, aber ohne sachverständigen

Beistand scheinen schwermütig veranlagte

Menschen sich eher in Grübeleien

und Selbstvorwürfen zu verlieren.

Die wirksame Alternative: Lenken

Sie sich öfter ab, unternehmen Sie in

Krisenzeiten schöne Dinge, oder zerbrechen

Sie sich den Kopf lieber über

eine Angelegenheit, die überhaupt

nichts mit Ihrer Person zu tun hat. Laut Psychologin Susan

Nolen-Hoeksema können Grübler so verhindern, sich beim

Nachdenken in Hoffnungslosigkeit zu verlieren.

Noch ein Tipp: Bitten Sie einen guten Freund um seine Meinung.

Verschiedene Studien haben in den vergangenen Jahrzehnten

belegt, dass Freunde oft besser als wir selbst wissen,

wer wir sind und was gut zu uns passt. Sie sehen nämlich

nur das, was wir tun, und das sagt letztlich mehr über einen

Menschen als das Gewirr oft gegensätzlicher Gedanken und

Gefühle, die in seinem Kopf um Priorität kämpfen.

2 „SELBSTAFFIRMATION

MACHT STARK“

Das Versprechen: Sagen Sie mehrmals täglich Sätze wie

„Ich kann es!“, „Ich bin erfolgreich!“ oder „Ich bin wichtig!“

– und Ihr Selbstwertgefühl bekommt Flügel.

Die Wahrheit: Menschen mit schwachem Selbstbild fühlen

sich oft noch schlechter, wenn sie diesen viel gehörten Ratschlag

befolgen. Denn was sie sich da selbst sagen sollen,

steht in zu großem Gegensatz zu ihrem tiefsten Gefühl. Das

stellte die kanadische Psychologieprofessorin Joanne Wood

schon 2009 fest.

Plus: Ein starkes Selbstbild ist gar nicht so erstrebenswert.

US-Psychologen beschäftigten sich 2003 mit etlichen Studien

zum Thema Selbstwertgefühl und stellten fest, dass es

keinen Zusammenhang gibt zwischen einem hohen Selbstwertgefühl

und etwa guten Examensnoten, erfolgreichen

Beziehungen oder Führungsqualitäten. Bei manchen scheint

sich ein starkes Selbstbild sogar negativ auszuwirken; es

macht manipulierend, narzisstisch und/oder faul.

Die wirksame Alternative: Formulieren Sie positive Botschaften

an sich selbst in der Du-Form, als würden Sie

zu einem guten Freund sprechen, etwa: „Das schaffst du,

Anne!“ Laut Psychologe Ethan Kross nehmen wir eine

Botschaft so leichter an, wahrscheinlich weil man Distanz

zur eigenen Person schafft.

Dieser Blick aus der Ferne hilft einem auch dabei, sich

selbst milder zu sehen. Und dass eine nachsichtige Sicht-

SELBSTLIEBE MACHT NICHT ERFOLGREICH,

sondern womöglich narzisstisch und faul

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018 59


„ICH KANN ES!“ HILFT NICHT,

„Du schaffst das!“ hingegen schon

weise motivierend wirkt, ist schon länger bekannt. So stellte

die amerikanische Psychologin Kristin Neff fest, dass Menschen,

die Mitgefühl für sich selbst haben, hartnäckiger sind:

Sie versuchen es öfter, wenn sie etwas erreichen wollen.

3

„POSITIV DENKEN HILFT

DIR WEITER“

Das Versprechen: Wer sich um eine optimistische Lebenshaltung

bemüht, ist glücklicher und erfolgreicher.

Die Wahrheit: Wer von Natur aus pessimistisch ist, den

macht ein auferlegter Optimismus erst recht ängstlich

und weniger effektiv. Diese Schlussfolgerung zog die US-

Psychologin Julie Norem aus diversen Experimenten.

Ferner konstatierte ein deutsch-amerikanisches Psychologentrio,

dass übertriebener Optimismus Menschen empfänglicher

macht für Depressionen. Sie legten Versuchspersonen

diverse Zukunftsszenarien vor und baten sie, diese auszuarbeiten.

Teilnehmern, die ihren Geschichten konsequent eine

optimistische Wendung gaben, brachte dies kurzfristig zwar

ein gutes Gefühl, aber einen Monat später schnitten sie bei

depressiven Gefühlen höher ab als diejenigen Versuchspersonen,

die ihre Zukunftsszenarien weniger optimistisch

(also realistischer) ausgearbeitet hatten. Die Erklärung der

Forscher: Wer sich in positiven Fantasien ergeht, bemerkt

mögliche Hindernisse weniger und wird von Rückschlägen

eher aus der Bahn geworfen.

Die wirksame Alternative: Visualisieren Sie nicht, was

Sie erreichen werden, sondern wie Sie es erreichen, empfiehlt

der britische Psychologe Richard Wiseman. So bleiben

Sie mit beiden Beinen auf dem Boden und erhöhen die

Chance, dass Sie Ihr Ziel erreichen.

Beziehen Sie mögliche Szenarien des Scheiterns mit in Ihre

Visualisierungen ein, rät Julie Norem: Arbeiten Sie jeden

Eventuell-Rückschlag genau aus und verbinden Aktionspläne

damit. Norem entdeckte, dass dieser „defensive Pessimismus“

bei Schwarzsehern zu mehr Vertrauen und Effizienz

führt, als wenn man ihnen Unbeschwertheit verschreibt.

4

„BRING DEINE WUT ZUM

AUSDRUCK“

Das Versprechen: Negative Gefühle in sich hineinzufressen

ist schlecht; indem man sie äußert, wird man sie los.

Die Wahrheit: Völlig falsch ist die sogenannte Katharsis-

Hypothese: Mit Dingen zu werfen

oder auf Kissen zu schlagen entfacht

die Wut sogar, entdeckte der US-Psychologe

Brad Bushman 2002, nachdem

er Versuchspersonen auf einen

Außenstehenden wütend gemacht hatte.

Die Probanden, die danach den

Auftrag bekamen, sich an einem Punchingball

auszutoben, wurden noch

aggressiver, während die Wut der Teilnehmer,

die über etwas ganz anderes

nachdenken mussten, abnahm.

Die wirksame Alternative: Tun Sie

etwas, was überhaupt nicht zu Wut

und Aggression passt: Tanzen Sie,

streicheln Sie Ihre Katze, lesen Sie einen

Liebesroman. Laut Bushman lenke

das schnell von der Wut ab, und

das Gehirn erhalte die Chance, sich

konstruktivere Wege auszudenken, um

auf unangenehme Situationen zu reagieren.

Svend Brinkmann empfiehlt

überdies Humor. Lachen Sie über einen

Comic, einen verrückten Film,

über sich selbst. Denn wenn es etwas

gibt, das uns in diesem Leben helfen

kann, ist es das: Selbstrelativierung. //

Quellen u. a.: G. Haeffel, When self-help is no

help: Traditional cognitive skills training does

not prevent depressive symptoms in people

who ruminate, Behaviour Research and Therapy,

2010 / J. Wood u. a., Positive self-statements:

Power for some, peril for others,

Psychological Science, 2009 / R. Baumeister

u. a., Does high self-esteem cause better performance,

interpersonal success, happiness,

or healthier lifestyles?, Psychological Science

in the Public Interest, 2003 / E. Kross u. a.,

Self-talk as a regulatory mechanism, Journal

of Personality and Social Psychology, 2014 /

G. Oettingen u. a., Pleasure now, pain later:

Positive fantasies about the future predict

symptoms of depression, Psychological

Science, 2016 / B. Bushman, Does venting

anger feed or extinguish the flame?, Personality

and Social Psychology Bulletin, 2002

Text: Anne Pek // Foto: Getty Images

60 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


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BERLIN, RUDIDUTSCHKESTRASSE 23

AB SOMMER 2018: BERLIN, FRIEDRICHSTRASSE 21


Trump ist nur

das Symptom,

nicht die

Krankheit

Wer vielmehr krank ist, das sind wir, die Gesellschaft,

sagt der amerikanische Psychiater Allen Frances.

Da wir vor allem an uns selbst denken und uns der

Illusion hingeben, das wird schon – statt uns endlich den

Problemen unserer Zeit zu stellen

62 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


INTERVIEW

llen Frances gilt als Psychiatrie-Koryphäe

Amerikas.

Der emeritierte A Duke-Professor arbeitete

an einem der wichtigsten Diagnosebücher

seines Fachgebiets mit, am

Diagnostic and Statistical Manual of

Mental Disorders, kurz DSM, bei dem

er auch das Kapitel über Narzissmus

schrieb. Daneben gründete er zwei Fachzeitschriften,

die in seiner Zunft auch

heute noch als Pflichtlektüre gelten: das

Journal of Personality Disorders und

das Journal of Psychiatric Practice.

Aufsehen erregte er mit seinem Buch

Normal. Gegen die Inflation psychiatris

cher Diagnosen, in dem er die

fünfte Ausgabe des DSM kritisierte: Er

warnte, dass die damit einhergehende

Ausweitung der psychiatrischen Grenzen

zu einer diagnostischen Inflation

führe – und befürchtete die Pathologisierung

der Gesellschaft. So hätten

seine Kollegen und auch er selbst starke

Schüchternheit als „soziale Phobie“

gelabelt, was heute als dritthäufigste

psychische Störung gilt. Und auch der

Zuwachs an ADHS- und Autismus-

Diagnosen fuße auf dieser Art von Pathologisierung,

dabei seien Kinder

heute nicht „gestörter“ als früher, sagt

Frances.

In seinem neuen Buch Amerika auf der

Couch. Ein Psychiater analysiert das

Trump-Zeitalter (Dumont) pathologisiert

Frances nun selbst – indem er

sagt, dass die Gesellschaft krank sei,

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018 63

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die einen Menschen wie Trump zum Präsidenten wählt. Im

Gegensatz zu vielen seiner Kollegen stempelt er damit also

nicht Donald Trump selbst als gestört ab.

Bis zu dessen Wahl war Frances lange Zeit eher unpolitisch:

Er machte sich weder gegen den Vietnamkrieg stark,

noch nahm er an Märschen der Bürgerrechtsbewegung teil

oder engagierte sich bei Wahlen. Jetzt aber ruft er dazu

auf, politisch aktiv zu werden, um die Wiederwahl Trumps

zu verhindern.

In Ihrem neuen Buch Amerika auf der Couch sagen Sie,

nicht Donald Trump sei krank, sondern die Gesellschaft.

Was macht die Menschen krank?

Insbesondere ist es ein Symptom unserer

gesellschaftlichen Krankheit, dass wir

jemanden wählen konnten, der so ignorant,

vulgär, korrupt und gefährlich ist.

Aber Trump ist nur das Symptom, nicht

die Krankheit. Unser gesellschaftlicher

Wahn ist, dass wir die gravierenden, existenziellen

Risiken ignorieren, die unsere

Spezies bedrohen: Überpopulation, die

globale Erwärmung und Ressourcenknappheit.

Die Blindheit gegenüber den

zukünftigen Konsequenzen unserer

aktuellen Politik findet sich auf der ganzen

Welt wieder, am weitesten verbreitet

und zerstörerischsten ist sie jedoch in

den USA.

Können Sie diese gesellschaftlichen Wahnideen etwas

näher erläutern?

Wir stehen vor weltweit bedeutenden Problemen wie Artensterben,

Überbevölkerung, Klimaerwärmung, Umweltverschmutzung

und Ressourcenverbrauch, viele geben sich

aber der Illusion hin, dass man sich darum keine Sorgen

machen müsse – indem sie diese Probleme abtun oder denken,

dass die Technik oder der liebe Gott schon noch rechtzeitig

mit tollen Lösungen daherkommen wird.

Dann ist da die ebenfalls illusorische Idee des Trickle-down-

Effekts: dass die Armen schon automatisch davon profitieren

werden, wenn die Reichen nur noch reicher werden

– aber das funktioniert einfach nicht. Donald Trump,

selbst Milliardär, gab sich vor der Wahl als Vorkämpfer des

kleinen Mannes, dabei begünstigt seine Politik die Superreichen

und beutet die kleinen Leute aus.

Warum wurde er dennoch gewählt?

Zunächst einmal: Er gewann die Wahl mit 46 Prozent,

einer Minorität an Stimmen, viele davon aus ländlichen


Wollen wir überleben,

muss sich der Verstand

gegen die irrationalen

Impulse durchsetzen

Gegenden, von Menschen, die damit gegen den Status quo

wählten, der sie benachteiligte. Und Trump ist ein guter

Entertainer – zumindest für solche Menschen, die ihn unterhaltsam

finden. Im Wahlkampf wirkte er wie der Big

Daddy, der sich um Probleme kümmert.

Warum treffen wir so schlechte Entscheidungen?

Unsere Entscheidungen basieren mehr auf der emotionalen

als auf der rationalen Ebene. Unsere intensivsten und

bedeutungsvollsten Emotionen wie Angst, Lust und Zorn

treffen in der Amygdala – zwei kleine, mandelförmige

Strukturen, eingebettet im Gehirn – zusammen. Empfinden

wir zum Beispiel etwas als bedrohlich, gelangt diese Information

erst in die Amygdala, bevor sie auf den rationalen

Cortex trifft.

In der Evolution waren schnelle Amygdala­Entscheidungen

lebensrettend, sie lösten Kampf­ oder Fluchtreaktionen

aus. Heute sind sie aber meist schlechte Ratgeber und der

Ursprung unserer selbstzerstörerischen, gesellschaftlichen

Wahnideen.

Aus der kognitiven Neurowissenschaft wissen wir, dass

Menschen mit konservativen politischen Neigungen sowohl

psychisch als auch biologisch heftiger auf angstbesetzte

Situationen reagieren. Bei Donald Trump scheinen

die Amygdala­Reflexe sehr ausgeprägt zu sein. Und er

schafft es, schlechtes irrationales Denken und impulsives

Handeln bei seinen Anhängern hervorzulocken, beispielsweise

durch Schlagworte, die auf die Amygdala abzielen.

Wollen wir überleben, muss sich jedoch der rationale Verstand

gegen irrationale Impulse durchsetzen.

Denken wir zu kurzfristig?

Die Einstellung „Wie kann ich jetzt das Beste für mich herausholen?“

war vor 50 000 Jahren durchaus sinnvoll.

Heute aber brauchen wir nachhaltige Konzepte und mehr

die Kooperation als den Eigennutz.

In Ihrem Buch gehen Sie auch näher auf das Hormon

Oxytocin ein – was hat das mit dem Ganzen zu tun?

Oxytocin beeinflusst unser Verhalten sehr stark. Es ist das

Hormon des Verbundenseins, zugleich ist es aber auch

das Stammeshormon. Das heißt: Wir fühlen uns dadurch

den Angehörigen unsere Stammes verbunden, es sorgt

aber auch dafür, nicht zur Gruppe

gehörende Außenseiter abzulehnen,

ihnen zu misstrauen.

In einer grausamen Welt war Tribalismus

– das Verständnis von der Gesellschaft

als einer Menge kleinerer

Stämme, die sich klar voneinander

abgrenzen – für schwache Individuen

ein wertvoller Beschützer. Die Jäger

und Sammler von einst waren von ihrer

Gruppe abhängig. In der heutigen

Zeit ist Tribalismus der Hauptgrund,

wa rum die Welt so grausam ist: Er

begünstigt Kriege und fördert gerade

nicht die so dringend benötigten,

gemeinsamen Lösungen für die Probleme

unserer globalen Welt.

Welche Rolle spielen soziale Netzwerke

in diesem Zusammenhang?

Sie vergrößern unseren Stammeskreis.

Das Problem ist, dass wir durch Google,

Twitter und Facebook einen Kreis

Gleichgesinnter um uns herum schaffen.

Wir meiden, auch in den Medien,

Angebote mit uns widerstrebenden

Meinungen und sehen, was wir sehen

wollen. Diese Confirmation Bias, also

die Neigung, Infos so zu selektieren,

dass sie die eigene Haltung bestätigen,

manifestiert Vorurteile.

Welche Möglichkeit gibt es, Stammesdenken

zu überwinden?

Wenn die Menschen gemeinsam Aufgaben

meistern und sich aufeinander

verlassen müssen, ihre Zusammenarbeit

gefordert ist und das gemeinsame

Interesse größer ist als Stammesstreitigkeiten.

Das ist zum Beispiel in Bezug

auf die globale Erwärmung und ihre

Konsequenzen der Fall. Ich befürchte

nur, dass wir zu spät damit anfangen.

64 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


INTERVIEW

Es gibt weltweit antidemokratische

Tendenzen, und es werden extreme Parteien

gewählt, zum Beispiel in Polen,

Ungarn oder Österreich, auch in

Deutschland konnte die AfD als drittstärkste

Kraft in den Bundestag einziehen.

Wo sehen Sie die Gründe dafür?

Seit der Agrarrevolution vor 11 000

Jahren hat sich die demokratische

Herrschaft des Volkes als außerordentlich

selten und äußerst fragil

erwiesen. Antidemokratie und Tribalismus,

die von den Mächtigen gefördert

werden, sind bis heute viel

mehr die Norm und Standardposition.

Und die Demokratie hat in den meisten

europäischen Ländern keine tiefen

und dauerhaften Wurzeln.

Das rechtsgerichtete, nationalistische

Wiedererstarken nutzt die verständlichen

Ängste der Menschen vor einem

raschen kulturellen Wandel, der

technologischen Expansion, den Einwanderungswellen

und einer daraus

resultierenden Furcht, die eigene Existenzgrundlage,

Würde und Autonomie

zu verlieren. Lokale Demagogen

bieten einfache, falsche Lösungen für

komplexe, wahre Probleme.

Sie haben das Diagnostic and Statistical

Manual 5 wegen der Ausdehnung

psychiatrischer Grenzen kritisiert und

vor einer Inflation an Diagnosen gewarnt.

In Ihrem neuen Buch sagen Sie,

dass Amerika krank sei – und pathologisieren

die ganze Gesellschaft. Ist

das nicht ein Widerspruch?

Ich bin entschieden gegen die falsche

Bezeichnung von normalem Verhalten

als psychische Erkrankung, da dies

zu sehr schädlichen, unbeabsichtigten

Folgen führt – wie unnötiger Stigmatisierung

und Medikamentengabe. Ich

nenne aber unsere Gesellschaft krank,

weil wir die kollektive Wahnvorstellung

haben, unserer derzeitigen Politik

folgen zu können, ohne damit unseren

Kindern und Enkelkindern eine

grauenvolle Zukunft zu bescheren.

Was können wir tun, um Politiker wie Trump zu

überwinden?

Aktiv werden, uns an Demonstrationen beteiligen. Es

braucht eine von unten ausgehende Graswurzelbewegung

der Bürger, bei der alle mitmachen. Niemand kann und

darf sich jetzt entspannt zurücklehnen, Demokratie ist kein

Selbstläufer. Vielleicht bringt uns ja die Schocktherapie

eines Donald Trump zur Vernunft.

Und wir sollten unseren Fokus nicht auf das „Immer

mehr“ ausrichten – Geld lenkt nämlich von den wirklichen

Freuden des Lebens ab. Länder, die immer mehr produzieren

und den Konsum nutzloser Produkte vorantreiben,

werden mit einem hohen Bruttoinlandsprodukt belohnt,

dabei verschwenden sie Ressourcen, verschmutzen die Umwelt

und rauben ihren Bürgern Zeit und Ruhe für Wichtigeres

wie Familie, Freunde, Sinn und Dankbarkeit.

Stimmt es, dass die USA das Leben Ihrer jüdischen

Familie gerettet haben?

Mein Vater wurde in Thessaloniki geboren und kam 1923

in den USA an, kurz vor der Einführung einer Trumpähnlichen

Einwanderungsquote, die seine Einreisegenehmigung

blockiert hätte. Die übrig gebliebene jüdische Bevölkerung

Thessalonikis starb 20 Jahre später in Auschwitz

– das waren mehr als 40 000 Menschen. Ich bin Amerika

also sehr dankbar, auch wenn ich das Land jetzt sehr

kritisch sehe und mich vor einer wachsenden faschistischen

Tendenz fürchte. //

Allen Frances ( 75 ) hat nach einem Bachelor

in Wirtschaftswissenschaften in den 60er-

Jahren Medizin studiert. Als Professor für

Psychiatrie am Cornell University Medical

College richtete er spezielle Forschungskliniken

für Shizophrenie, Depressionen,

Angststörungen und Aids ein. Bei der vierten

Überarbeitung des Standardwerkes

Diagnostisches und Statistisches Manual

Psychischer Störungen hatte er den Vorsitz

– und kritisierte die fünfte Ausgabe des

Handbuchs 2014 in seinem Buch Normal

(Dumont). Zuletzt war er Dekan der

Abteilung für Psychiatrie an der Duke University

in North Carolina. Inzwischen ist

er emeritiert und lebt in San Diego.

Text: Sörre Wieck // Foto: Werner Schuering/imagetrust

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018 65


GLANZLEISTUNG

Was wir im Job von Spitzensportlern lernen können

Wir alle kennen diese Momente, in denen wir zeigen wollen, was wir

können. Lässt sich von Sportprofis lernen, wie man dann auch wirklich abliefert?

Bestimmt – sofern man sich vorher von ein paar Klischees löst

Wie sie dort steht, Laura

Dahlmeier, und seelenruhig

wartet. Die Kameras,

die Millionen Zuschauer zu Hause,

das Publikum am Streckenrand: Alle

schauen gebannt zu, als die Biathletin

ganz gelassen den richtigen Moment

abpasst. Ganze 15 Sekunden steht sie

mit dem Gewehr da, wartet, dass die

Windböe endlich vorübergeht, damit

sie zum vierten Mal schießen kann.

Der Druck muss enorm sein, der Stress

kaum auszuhalten – aber man sieht

es ihr nicht an: Während fast alle der

85 Konkurrentinnen zu hektisch und

so danebenschießen, bleibt Dahlmeier

cool. Endlich schießt auch sie, trifft

ins Schwarze und holt so die erste

Goldmedaille für Deutschland bei den

Olympischen Spielen in Südkorea.

Wie hat sie das nur gemacht? So kaltblütig

und entspannt Leistung abrufen

– kann man das lernen? Und gibt es

Tricks aus dem Spitzensport, die wir

anwenden können, wenn wir im Job

Topleistungen erbringen müssen?

Ger Post, Wissenschaftsjournalist,

Psychologe und Dozent für kognitive

Neurowissenschaften, ist davon überzeugt.

Er hält Spitzensportler und

Profitrainer für „Meister des Arbeitens

unter Hochdruck“. Der Witz

ist jedoch: Viele Profisportler wissen

gar nicht genau, warum sie derart

gute Leistungen erbringen. „Sie haben

längst nicht immer den Durchblick,

was ihnen genau geholfen hat“, sagt

Ger Post. Genau wie die Coaches und

Analysten im Fernsehen suchen sie

immer wieder nach Erklärungen für

ihren Erfolg. Auf diesem Weg haben

sich auch viele „Sportklischees“ entwickelt,

die der Psychologe mit Vergnügen

entkräftet. „Es werden haufenweise

unsinnige Tipps herumerzählt,

die nichts bringen“, sagt er. Und doch

gilt: Von manchen können auch wir

für unser Leben noch etwas lernen –

wenn wir es richtig angehen.

SPORTKLISCHEE 1: Leistungen

unter Hochdruck erbringen kann

man nicht üben

„Mindestens 40“ Elfmeter hatte

Fußballprofi Frank de Boer schon hinter

sich, als die Niederlande 2000

im EM-Halbfinale gegen Italien einen

Elfmeter nach dem anderen ver -

schossen. Doch trotz seiner Erfahrung

sei es schiefgegangen, erzählte er 2016

in einem TV-Interview, als man ihn

dazu befragte, was denn da nur los

gewesen sei im EM-Spiel Italien gegen

Deutschland – da traten auch die

selbstsicheren Italiener Zaza und Pellè

ihre Elfmeter ins Aus. Was Frank de

Boer damit sagen wollte: Elfmeter

kann man nicht richtig üben, denn der

Druck, den man beim Wettkampf

empfindet, lässt sich im Training nicht

nachahmen.

Ger Post ist anderer Meinung: „Das

stimmt nur teilweise. Man kann die

extreme Spannung des Moments schon

annäherungsweise erzeugen. Der Fußballtrainer

Guus Hiddink zum Beispiel

ließ als Coach der südkoreanischen

Mannschaft Elfmeter in einem Stadion

voller Fans üben, als Training unter

Realbedingungen.“ Mit Erfolg: Die

Südkoreaner wurden Vierte bei der

WM im eigenen Land – und Hiddink

bekam zum Dank die südkoreanische

Ehrenstaatsbürgerschaft.

SPANNENDER PITCH? Üben

Sie vor einem kritischen Publikum,

das Ihnen harte Fragen stellt

66 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


JOB

Also: Mehr üben, wie de Boer es tat,

hilft nicht, wenn man unter hohem

Druck Leistung erbringen muss. Richtig

üben hingegen wohl. Das gilt auch,

wenn man einen aufregenden Pitch

halten muss oder ein Bewerbungsgespräch

hat. Stellen Sie beim Üben die

Situation nach, die Sie vorfinden werden:

Wählen Sie einen Raum, der dem

„echten“ ähnelt, halten Sie eine Stoppuhr

bereit, und organisieren Sie „Widerstand“,

indem Sie zum Beispiel drei

kritische Bekannte einladen, die garantiert

unangenehme Fragen stellen.

SPORTKLISCHEE 2: Meditation

verbessert die Konzentration

Gehen Sportler, die vor dem Wettkampf

meditieren, konzentrierter auf

das Spielfeld oder die Bahn? Ger Post:

„Golfprofi Tiger Woods soll sich immer

wieder selbst übertroffen haben,

weil er ein ‚Meister der Meditation‘

war.“ Eine schöne Geschichte, meint

Post, die aber höchstwahrscheinlich

nicht wahr sei. „Meditation ist in der

Tat eine wertvolle Übung. Aber nimmt

man sie genauer unter die Lupe, ist es

nicht das Meditieren, was zur Leistung

führt. Meditation kann sogar zusätzlichen

Druck verursachen.“ Heißt

für den Job: Wer sich beispielsweise

für einen Agentur-Pitch sehr stark auf

Inhalte konzentrieren muss, sollte lieber

nicht meditieren. Das lenkt ab und

wirkt somit kontraproduktiv.

Aus einer US-Literaturstudie, bei der

es um die Gesundheitseffekte von

Meditation geht, schlussfolgern Arzt

Madhav Goyal und Kollegen von der

Johns Hopkins University zudem, dass

Meditation nicht viel bringt, wenn es

um Aufmerksamkeitssteigerung geht.

Heben Sie sich das Zen-Gefühl also

lieber für einen anderen Moment auf.

SPORTKLISCHEE 3:

Go with the flow!

Dieser Tipp ähnelt der Meditationsweisheit.

Sportler erzählen oft, dass sie

versuchen würden, in einen Flow zu

geraten. Sie meinen damit: vollkommen

in dem aufzugehen, was sie tun,

und das Gefühl zu bekommen, dass

sie die Situation unter Kontrolle haben.

Ger Post bezweifelt, dass es möglich

ist, diesen Flow auch aktiv hervorzurufen.

„Es funktioniert eher umgekehrt.

Man ist in etwas richtig gut und gerät

danach in einen Flow.“ Ein Flow lässt

sich also nicht erzwingen. Er entsteht

vielmehr, indem man sich zielgerichtet

mit etwas beschäftigt, aber ohne dabei

daran zu denken, welche Leistung

man gerade erbringt. Die Zeit, die jemand

dafür aufwendet, dass er versucht,

über positive Gefühle in einen

Flow zu geraten, könnte er demnach

sinnvoller nutzen: indem er seinen Vortrag

oder das anstehende Gespräch

noch einmal unter Druck übt.

Sportpsychologe Jan Mayer rät zudem,

sich im Geschehen nicht passiv

darauf zu verlassen, dass man schon

bei der Sache sein wird, sondern sich

lieber Methoden anzueignen, mit denen

die Gedanken nicht emotional

gefärbt abschweifen – weder in die

Vergangenheit (zu begangenen Fehlern)

noch in die Zukunft (zum möglichen

Scheitern, aber auch zu einem

scheinbar sicheren „Sieg“). „Für das

erfolgreiche Handeln auf höchster

Leistungsebene wird bewusstes, langsames

Denken benötigt: Aufmerksamkeit

und Fokussierung“, schreibt

Mayer, der schon viele Nationalmannschaften

psychologisch gecoacht hat

und unter anderem Professor an der

Deutschen Hochschule für Prävention

und Gesundheits manage ment in Saar-

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018 67


ücken ist, in seinem neuen Buch

Wenn’s drauf ankommt. Schnell denken

– maximale Leistung abrufen –

Stresssituationen meistern. Damit

meint Mayer nicht, alle Automatismen,

die unter Druck entstehen,

krampfhaft auszuschalten, sondern in

dem Moment seine Gedanken bewusst

von allem Destruktiven wegzulenken –

„hin zu den jetzt hilfreichen und konstruktiven

Dingen, die als Nächstes

handlungsrelevant sind“. Dabei können

kleine Rituale helfen, etwa dass

man bei einem Vortrag immer dann

zum Wasserglas greift, wenn die Gedanken

drohen spazieren zu gehen,

und sich so wieder ins Hier und Jetzt

bringt. Auch kleine Pausen unterstützen

beim Fokussieren, wenn man in

ihnen trainierte Rituale abruft (ein

kleiner Spaziergang ums Haus etwa).

SPORTKLISCHEE 4: Gewinnen ist

eine Frage des Charakters

Manche Leute wirken ziemlich abgebrüht.

So, dass man meint, sie sollten

doch jeglichem Druck aufgrund ihrer

Persönlichkeit gut gewachsen sein.

Ger Post bezweifelt das: „Wir sind zu

sehr auf den Charakter ausgerichtet

und verlieren dabei aus den Augen,

wie sehr die Umgebung eine Leistung

beeinflusst.“ In der Psychologie

nennt man das einen fundamentalen

Attributionsfehler: die Neigung, die

Verhaltensweisen anderer ihrer Persönlichkeit

oder ihrem Charakter

zuzuschreiben und den Einfluss der

Umwelt zu unterschätzen.

Post beschreibt, wie es dazu kam,

dass Gerard Kemkers, dem Coach von

Eisschnellläufer Sven Kramer, sein

berühmter „Wechselfehler“ unterlief –

er brachte Kramer dazu, auf die falsche

Bahn zu wechseln, und brachte

ihn damit um die sichere Goldmedaille.

Die Umstände waren, so Post, ein

„ DAMIT WIR UNS STEIGERN KÖNNEN,

müssen wir uns gerade in schwierige

Situationen begeben“

klein wenig anders als normalerweise.

Kemkers zog daraus persönliche

Schlussfolgerungen und coachte anders

als sonst, während die Situation

einfach nicht einwandfrei war.

Post: „Wenn man sich bei einer Arbeitsbesprechung

verkrampft, braucht

man das nicht seiner Persönlichkeit

zuzuschreiben – nach dem Motto ‚Ich

bin immer so nervös‘.“ Akzeptieren

Sie, dass auch die Umgebung Sie beeinflusst.

„Sorgen Sie daher dafür, dass

Sie Ihren Kram in Ordnung haben. Testen

Sie etwa bei einer wichtigen Präsenta

tion keine neuen Gerätschaften.“

SPORTKLISCHEE 5: Stress ist

schlecht

Stress hat einen schlechten Ruf, aber

nur wenn er chronisch wird, besteht

das Risiko für ein Burn­out oder andere

Leiden. „Wenn einem vor lauter

Nervosität, weil man jetzt Leistung

abrufen muss, ein wenig übel wird, ist

das gerade gut“, sagt Ger Post. Diese

Art von Spannung bringt Sie dazu, das

Allerbeste aus sich herauszuholen,

und zwar genau in dem Moment, in

dem das vonnöten ist.

Welche Haltung man Stress gegenüber

hat, ist allerdings sehr wohl relevant,

ging aus Studien der amerikanischen

Psychologin Alia Crum hervor. In einem

Test wurden Studenten gebeten,

innerhalb von zehn Minuten eine Rede

vorzubereiten, die sie anschließend

möglichst überzeugend vor Publikum

halten sollten. Danach, so hieß es,

sollten sie Feedback dazu bekommen.

Allerdings wussten die Studenten

im Vorfeld nicht, wen von ihnen man

dazu auffordern würde, die Rede

dann auch tatsächlich zu halten. Insgesamt

also eine recht stressige Situation.

Crum und Kollegen entdeckten,

dass es einen Unterschied machte, wie

der Stress dargestellt wurde. Erzählte

man den Studenten, Stress sei eher förderlich

als abträglich, verbesserten

sich ihre Leistungen, und sie waren offen

für Feedback.

Kurz: Akzeptieren Sie den Stress in

Momenten, in denen er Ihnen hilft,

bessere Leistungen abzurufen. Außerdem,

sagt Post, sollten wir keine

Angst vor spannungsgeladenen Situationen

haben. Seiner Meinung nach

können wir viel mehr aushalten, als

wir glauben. „Denn damit wir uns

steigern können, müssen wir uns gerade

in schwierige Situationen begeben.“

Auf die Plätze, fertig, los … //

Quellen u. a.: J. Mayer, Wenn’s drauf ankommt.

Schnell denken – maximale Leistung

abrufen – Stresssituationen meistern,

Ariston, 2018 / M. Goyal u. a., Meditation

programs for psychological stress and

well-being: A systematic review and metaanalysis,

Jama Internal Medicine, 2014 /

A. Crum u. a., Rethinking stress: The role of

mindsets in determining the stress

response, Journal of Personality and Social

Psychology, 2013

Text: Marieke van Twillert // Foto: Getty Images

68 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


BEZIEHUNG

DIE

ERSTE,

DIE

EINZIGE

Wenn die Jugendliebe hält, bleibt man ein Leben

lang zusammen. Das bedeutet einerseits, man

kennt sich durch und durch. Andererseits heißt es

aber auch: Man hat keinen Vergleich. Und wie

verhindert man Langeweile? Vier Paare erzählen

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 69


Dann rief ich:

Nun sag du

doch auch

mal was!

Iwedina (80) und Hendrik (85) teilen seit 60 Jahren Freud und Leid.

Hendrik: „Ich sah sie zum ersten Mal auf der ,Auktion’ – so nannten wir das,

wenn die Mädchen am Sonntagnachmittag herumstolzierten. Durch ihre wunderschönen

schwarzen Locken fiel sie sofort auf.“

Iwedina: „Mit fünf Freunden drehte Hendrik auf dem Motorrad seine Runden

durchs Dorf. Das gefiel uns Mädchen sehr. Ich verliebte mich in seine ruhige

und liebe Art. Und er sah gut aus.“

Hendrik: „Sie ähnelte ihrer Zwillingsschwester wie ein Ei dem anderen, aber

ich konnte sie vom ersten Tag an unterscheiden.“

Iwedina: „Er kam spontan auf dem Motorrad bei mir vorbei. Ich fragte noch,

ob es ihm wirklich ernst sei, da Bauern und Arbeiter doch nicht zusammenpassten.

Aber ihm war egal, dass ich aus einer Arbeiterfamilie stammte.“

Hendrik: „Schon bald nach unserer Hochzeit bekamen wir zwei Töchter. Ein

Höhepunkt in unserem Leben. Aber es veränderte sich auch viel. Wir konnten

weniger ausgehen, und das Motorrad musste weg.“

Iwedina: „In Erziehungsfragen hatten wir schon mal Meinungsverschiedenheiten.

Ich stellte Regeln auf, aber ihm war das nicht so wichtig. ‚Nun sag du

doch auch mal was!’, rief ich dann. Ich kann mich auch ärgern, wenn ich oft

um etwas bitten muss, bevor er es endlich erledigt. Bin ich wirklich wütend,

gehe ich weg. Dann mache ich einen Spaziergang.“

Hendrik: „Sie ist emotionaler. Ich rege mich nicht so schnell auf. Aber man

versucht, sich möglichst viel entgegenzukommen. Wir streiten uns nicht oft.“

Iwedina: „In den meisten Fällen finde ich es angenehm, dass er so ruhig

bleibt. Als unsere ältere Tochter an Brustkrebs erkrankt war, konnte ich nicht

mehr schlafen. In solchen Momenten denke ich nur ans Allerschlimmste.

Er beruhigt mich dann: ‚Wir sehen Schritt für Schritt, wie es wird, so weit ist

es noch lange nicht.’“

Hendrik: „Die Scheidung unserer jüngeren Tochter ging uns auch sehr nah.

Darüber reden wir zwei dann viel, weil ich merke, dass ihr das wichtig ist.“

Iwedina: „Unsere Töchter gingen fast gleichzeitig aus dem Haus. Da war es

plötzlich sehr still, das lebhafte Gewusel und all die Freundinnen, die kurz mal

reinschauten, gab es nicht mehr. Aber wir können die Zeit zu zweit gut gestalten.

Wir machen gern Fahrradtouren und Spaziergänge in der Natur. Und

nach all den Jahren weiß man, was man aneinander hat.“

70 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


BEZIEHUNG

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 71


72 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


BEZIEHUNG

Mir machte die

Rollenverteilung

zu schaffen,

ich wollte nicht

,die Frau‘ sein

Ilin (49, rechts) und Patrick (48) sind seit fast 30 Jahren zusammen.

Patrick: „Er faszinierte mich, mit seinem roten Irokesenschnittt und den dunkel

geschminkten Augen. Ich kam aus einer braven Familie vom Dorf, ging zum

Studium in die Großstadt und übernahm sein Zimmer. Wenn er seine Post abholte,

die dort noch landete, tranken wir zusammen einen Tee.“

Ilin: „Der Gesprächsstoff ging uns nie aus. Bald schon schaute ich jeden Tag

vorbei, um nach der Post zu sehen. Monatelang ließ ich sie absichtlich nicht

weiterleiten. Die ersten beiden Male, als er über Nacht bei mir blieb, passierte

nichts. Ich las ihm vor, es war einfach schön zu zweit.“

Patrick: „Und das blieb so. Gingen wir in einen Club zum Tanzen, saßen wir

oft spätabends noch an der Bar, unterhielten uns intensiv. Nur unsere Geschmäcker

und Interessen sind sehr verschieden. Ich liebe ausgiebiges Essen

– Ilin hasst Restaurants. Aber unsere Charaktere stimmen in vielerlei Hinsicht

überein: direkt, abenteuerlustig, reisefreudig und nicht materialistisch.“

Ilin: „Streiten können wir auch gut. Was für uns Diskutieren ist, kann anderen

schon mal einen Schrecken einjagen, weil es so heftig ist. Vor allem in den

ersten Jahren haben wir viel gestritten. Wenn man jung ist, geht man davon

aus, dass der andere genauso denkt wie man selbst. Inzwischen ist es nicht

mehr so wichtig, immer einer Meinung zu sein.“

Patrick: „Für mich war die Rollenverteilung früher ein Thema. Ich kannte keine

Männer, die eine dauerhafte Beziehung hatten. Wir waren damals die Ausnahme.

Ich wollte nicht ‚die Frau’ sein, also machten wir alles gemeinsam. Jahrelang

stritten wir uns darüber, wie lange Reis kocht, bis wir feststellten, dass ich

gern koche und Ilin lieber abwäscht – manchmal ist die Lösung so einfach!

Was unsere Beziehung überschattet, ist die Tatsache, dass ich einen starken

Kinderwunsch hatte und Ilin gar nicht. Kinder von Freunden und Verwandten

haben diese Leere ein wenig gefüllt, aber nie ganz.“

Ilin: „Unsere Erziehung war extrem unterschiedlich. Patrick stammt aus einer

warmherzigen Familie. Meine Eltern mussten alle paar Jahre wegen des Jobs

meines Vaters umziehen, und ich kam mit neun Jahren ins Internat, weshalb

ich mich mit Verlustängsten herumgeschlagen habe. Aber je länger unsere

Beziehung dauerte, desto stärker wurde mein Vertrauen darin, dass sie halten

würde. Auch in schlechten Zeiten – zum Beispiel, als ich mich mal in einen

anderen verliebte – wussten wir immer: Wir wollen gemeinsam weitergehen.“

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 73


Wir entdeckten

irgendwo tief

drinnen noch

einen Funken

Liebe

Joske (39) und Dharminder (42) wurden ein Paar,

als sie 15 und er 18 Jahre alt war.

Joske: „Wir wohnten im Dorf in derselben Straße. Von meinem Zimmer aus

sah ich sein Fenster. Ich fand ihn schon eine Weile nett, aber es dauerte Monate,

bis wir zusammen Pizza essen gingen und uns zum ersten Mal küssten.“

Dharminder: „Als ich zum Studium wegzog, sahen wir uns nur am Wochenende.

Wir konnten gut zu zweit sein, aber auch gut allein. Das ist so geblieben.

Nach dem Examen musste ich zum Wehrdienst, wodurch wir uns manchmal

ganze Monate lang nicht sahen.“

Joske: „Ich vermisste ihn dann schrecklich und hörte in meinem Zimmer

Liebeslieder. Aber es war auch gut für uns, weil wir so immer eigene Freundschaften

und Aktivitäten beibehielten. Als ich 19 war, zog ich zu ihm.“

Dharminder: „Gemeinsam entdeckten wir die Stadt und wurden erwachsen.

Das macht es zwischen uns so besonders. Mit jemand anderem wird man

diese Geschichte nie teilen. Nach zwei Jahren wurde Joske schwanger. Ich war

schockiert, aber schon bald wussten wir: Das hier machen wir gemeinsam.

Nach unserem ersten Sohn bekamen wir noch zwei Jungen. Eine schöne Zeit,

wir genossen die Kinder in vollen Zügen.“

Joske: „Wir hatten eine klare Aufgabenverteilung. Ich kümmerte mich vor

allem um die Kinder, und Dharminder arbeitete. Ihm war das schon immer

wichtiger als mir. Dennoch hatten wir vor vier Jahren eine Beziehungskrise.

Die Distanz zwischen uns war so groß geworden, dass ich nicht wusste, ob wir

noch weitermachen konnten.“

Dharminder: „Das war eine sehr schlimme, einsame Zeit. Wir sprachen nicht

mehr miteinander.“

Joske: „Wir sind beide keine Streithähne. Ich bin nachgiebig, manchmal zu

lieb. Ärgernisse häufen sich, bis es mir zu viel wird. Dharminder ist ruhig,

er relativiert vieles, worüber ich mich wiederum ereifere. Während dieser Krise

dachte er: Das wird schon wieder. Und darüber wurde es immer schlimmer.

Schließlich machten wir eine Paartherapie und entdeckten, dass irgendwo tief

drinnen noch ein Funken Liebe war.“

Dharminder: „Wir wollten dafür kämpfen.“

Joske: „Unsere Beziehung ist danach besser geworden. Wir reden mehr.

Wenn ich mich ärgere, sage ich das sofort. Das funktioniert gut.“

74 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


BEZIEHUNG

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 75


76 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


BEZIEHUNG

Je mehr sie sich

an mich hängte,

desto intensiver

schaute

ich mich um

Marjolein (29) und Bram (30) haben seit der Schulzeit

eine Beziehung.

Bram: „Es funkte, als wir mit der Schule eine Fahrt machten zum Langlaufen.

Ich war 15 und sie 14, sie war eine Klasse unter mir.“

Marjolein: „Wir fielen auf, weil wir schon damals eine so ernsthafte Beziehung

führten. Wir blieben beide in der Schule sitzen, so viel schwänzten wir, um zusammen

zu sein.“

Bram: „Nach dem Abi wurde ich Lehrer. Mein Leben veränderte sich vollkommen:

eine neue Ausbildung, lauter attraktive Mitstudentinnen …“

Marjolein: „Ich ging noch immer ganz normal zur Schule. Das war ziemlich

schwierig für uns. Bram wollte sich fürs Wochenende nicht allzu festlegen, ich

wollte wissen, ob wir zusammen ausgehen würden. Ich kam mir oft vor wie

die zweite Wahl.“

Bram: „Je mehr sie sich an mich hängte, desto intensiver schaute ich mich

um. Vielleicht gab es ja interessantere Mädchen? Ich machte Schluss, aber

schon im Zug nach Hause bereute ich es. Ich wollte überhaupt keine andere.

Eine Woche später waren wir wieder zusammen.“

Marjolein: „Auch ich studierte auf Lehramt und suchte mir eine Wohnung.

Später zog Bram bei mir ein. Plötzlich stritten wir uns über Dinge wie die

Wäsche. In der Anfangszeit ging er nach einem Streit oft wütend ins Bett.

Das konnte ich nicht ausstehen, ich wollte darüber reden.“

Bram: „Das würde ich jetzt nicht mehr so machen. Ich weiß, wie schrecklich

sie das findet.“

Marjolein: „Wir reden jetzt sofort, wenn uns etwas stört. Darin sind wir immer

besser geworden.“

Bram: „Vor allem seit wir einen Sohn haben, gehen wir gelassener miteinander

um.“

Marjolein: „Plötzlich sind wir eine Familie, wir erwarten jetzt unser zweites

Kind. Das bedeutet uns viel. Mein Vater ist gestorben, als ich zwölf war, und

Brams Eltern haben sich getrennt, als er neun war. Danach haben sie sich

viel gestritten. Vielleicht waren wir deshalb schon so jung so ernsthaft dabei:

Weil wir Halt suchten. Uns ist beiden klar, dass man in eine Beziehung investieren

muss.“

Bram: „Wir schätzen, was wir haben, und wollen dafür kämpfen. Jeden Tag

sagen wir ‚Ich liebe dich’ zueinander.“

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 77


Gleich und gleich

gesellt sich länger

Die erste Liebe hat eine gigantische

Tragweite“, sagt

Paar- und Psychotherapeutin

Karin Wagenaar. „Es ist eine intensive

Erfahrung, die wir oft idealisieren.

Teilt man diese als Ehepaar, wird die

Beziehung zusätzlich besonders.“ Mit

der ersten Liebe zusammenzubleiben

ist aber längst nicht mehr so üblich

wie früher: 40 Prozent der Ehen werden

geschieden, nach durchschnittlich

15 Jahren. Statistiker nennen als wichtigsten

Grund: Der Partner hat jeden

Reiz verloren. Der flämische Beziehungstherapeut

Alfons Vansteenwegen

findet, wir sollten uns mit der Ehe

mehr Mühe geben. „Das geht nicht

von allein, an einer guten Beziehung

wird man immer arbeiten müssen.“

Sich zu engagieren, sich also für

die Beziehung einzusetzen, ist sehr

wichtig, belegen auch Studien. Und

es hilft, wenn man sich ähnelt. Das

Klischee „Gegensätze ziehen sich an“

und ergänzen sich ist für eine dauerhafte

Beziehung kein gutes Rezept.

Vansteenwegen: „Die Chance auf Erfolg

wird wahrscheinlicher, je mehr

man miteinander teilt: dieselbe Erziehung,

soziale Schicht, Sprache, gleiche

Interessen, Einstellung zu Geld, familiäre

Werte und Lebenseinstellung.“

Selbstverständlich decken sich die Bedürfnisse

der Partner nicht immer.

Dann ist es wichtig, sich darüber auszutauschen.

Vansteenwegen: „Ein Fallstrick

ist, recht bekommen zu wollen.

Zu akzeptieren, dass es unterschiedliche

Bedürfnisse und Sehnsüchte gibt,

und darüber zu sprechen, das führt zu

Lösungen. Meist schließt man dann

einen Kompromiss. Oder beide Partner

kriegen abwechselnd ihren Willen.“

Dem anderen Raum zu gönnen und

sich selbst auch ist für eine dauerhafte

Beziehung ebenso wichtig. „Man muss

auf seine Autonomie achten und die

Eigenheiten des anderen respektieren“,

sagt Vansteenwegen. „Und vor allem

miteinander reden. Wenn man einander

erzählt, was man empfindet und

erlebt, entsteht Intimität.“

Auf eine solche Offenheit sollte man

dann aber auch stets verständnisvoll

reagieren. „Es macht zudem einen

großen Unterschied, ob man mitfühlt

oder miterlebt“, so der Therapeut.

„Sind wir traurig, wollen wir, dass uns

der andere versteht und ernst nimmt.

Wird er aber ebenfalls traurig, fühlt

sich das nicht so gut an.“

In unserer Kindheit entwickeln wir

einen Bindungsstil, der nebst anderen

Faktoren bestimmt, ob wir zu

einer stabilen Beziehung fähig sind.

Reagieren unsere Eltern oder andere

Erziehende adäquat auf unsere Bedürfnisse,

entsteht bei uns ein Basisvertrauen:

Es ist schon in Ordnung.

Hat das in unserer Kindheit gefehlt,

gehen wir an Bindungen eher ängstlich

oder vermeidend heran.

„Am ausgeglichensten ist ein Paar,

das aus zwei Menschen mit sicherer

Bindung besteht“, erklärt Psychotherapeutin

Wagenaar. „Eine ängstlich

gebundene Person in Kombination mit

jemandem, der vermeidend reagiert,

sorgt für allerlei Drama aus Anziehung

und Abstoßung. Die Partner bohren

stets in den wunden Punkten des anderen.

Der ängstliche Partner befürchtet

Ablehnung, der vermeidende Partner

will nicht beansprucht werden.

Festklammern und Freistrampeln verstärken

sich gegenseitig.“

Glücklicherweise könnten Partner ihre

gegenseitigen Bindungsstile auch positiv

beeinflussen, sagt sie. So könne

eine ängstlich gebundene Person neben

einem sicher gebundenen Partner

mehr Grundvertrauen entwickeln.

„Wenn einer der Partner gestresst reagiert

und der andere ruhig bleibt,

kann man voneinander lernen, wie

man mit Problemen umgeht.“

Eine lange Liebesbeziehung verändert

sich mit den Jahren. Vansteenwegen:

„Jugendlieben zeichnen sich

durch Leidenschaft und Projektion aus:

Wir glauben, der andere denke genauso

wie wir. Mit der Zeit werden wir

realistischer und sehen allmählich die

Unterschiede und – im besten Fall –

akzeptieren sie.“ Bei großen Veränderungen

und Herausforderungen wie

zusammenziehen, Kinder bekommen,

die Eltern verlieren, Kinder loslassen

oder aus dem Berufsleben austreten

können sich Bedürfnisse unterscheiden,

und es muss ein neues Gleichgewicht

gefunden werden.

Auch ein einschneidendes Ereignis wie

ein großer Verlust oder eine Stresssituation

kann Beziehungen bisweilen

unter Druck setzen. Wagenaar: „Womöglich

reagieren die Partner darauf

unterschiedlich. Gelingt es ihnen, sich

weiterhin offen zu begegnen, vor dem

anderen zuzugeben, dass man die Situation

schwierig findet, und sich von

ihm helfen zu lassen, können schwierige

Zeiten gut gemeinsam gemeistert

werden.“ //

Quelle u. a.: B. Le, C. Agnew, Commitment

and its theorized determinants: A metaanalysis

of the Investment Model, Personal

Rela tionships, 2003

Text: Lilian Roos // Fotos: Brigitte Kroone

78 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


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BERATUNG

Leser fragen // Psychologin Jolet Plomp antwortet

// PARTNERSCHAFT

Auseinandergelebt

durch die

Kinder?

Mein Freund und ich haben zwei Kinder im alter von acht und elf Jahren.

Jetzt, da sie selbstständiger werden, könnten wir wieder mehr zu zweit

unternehmen. Mein Mann freut sich darauf. aber ich mache lieber zu viert

urlaub, als mir für uns beide etwas auszudenken. Es scheint, als hätten wir

uns auseinandergelebt. Können Sie mir helfen?

Es kommt öfter vor, dass Ehepartner

mit einem turbulenten

Familienalltag und kleinen Kindern

jahrelang wenig Zeit füreinander

haben. Es ist gut, dass Sie das bemerken.

Mir scheint es an der Zeit zu

sein für ein gutes Gespräch mit Ihrem

Mann, um erneut zueinanderzufinden.

Stellen Sie sich Fragen, als würden

Sie sich gerade erst kennenlernen:

Wie geht es dir? Was ist deine

schönste Erinnerung? Wovon

träumst du? Vermisst du etwas? Hören

Sie in aller Ruhe zu, was der andere

erzählt, und fragen Sie nach,

um zu prüfen, ob Sie es auch richtig

verstanden haben. So ein Gespräch

hat mehr Chancen auf Erfolg, wenn

es außerhalb Ihrer vertrauten Umgebung

stattfindet: Gehen Sie essen,

machen Sie einen Spaziergang, mieten

Sie ein Ruderboot. Aus Studien

geht hervor, dass es hilft, gemeinsam

etwas zu unternehmen, das Sie beide

als neu und spannend empfinden.

Das kann alles Mögliche sein – ein

kreatives Wochenende, eine Weinprobe,

Salsa tanzen oder ein Abend

in der Kletterhalle.

Abschließend noch eine ganz andere

Frage: Ist der Grund für Ihre Abgeschlagenheit

womöglich, dass Sie –

unabhängig von Ihrem Mann und

Ihren Kindern – eine neue Herausforderung

brauchen, etwa eine zweite

Ausbildung oder neue Arbeit? //

// PATCHWORKFAMILIE

KOMMT SEIN

KIND VORBEI,

MUSS ICH WEG

Mein Freund hat das gemeinsame

Sorgerecht für seine 14-jährige

Tochter. In den Wochen, in

denen sie bei ihm ist, bin ich nicht

dort, da sie mir nicht begegnen

will. aber auch, wenn sie zwischendurch

spontan vorbeikommt, bittet

er mich, das Haus zu verlassen.

Er will immer für sie da sein. Weil

meine Wohnung weit weg ist, sitze

ich dann todunglücklich im Café,

bis er anruft. Darf ich ihn bitten,

Zeit für mich zu reservieren?

Natürlich dürfen Sie ihn darum

bitten, es gehört zu einer Beziehung,

dass man gegenseitig Zeit

füreinander hat. Dass Sie Platz machen,

wenn die Tochter mit einem

Problem ankommt, ist nachvollziehbar.

Aber ich denke, dass eine

14-Jährige alt genug ist, um damit

umgehen zu können, dass Sie vielleicht

da sind, wenn sie unangekündigt

hereinschneit. Was genau

bewegt Ihren Partner zu diesem

Verhalten? Fragen Sie ihn das doch

einmal. Fühlt er sich schuldig wegen

der Scheidung? Zweifelt er an

Ihrer Beziehung? Oder spielt die

Meinung der Mutter eine Rolle? //

80 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


BERATUNG

// PANIKATTACKE

ICH HABE ANGST,

WIEDER PANISCH

ZU WERDEN

Vor drei Jahren hatte ich eine

Panikattacke im auto und trat

dabei knallhart auf die Bremse. Ich

schob diesen Zwischenfall auf

Stress, da ich damals eine schwierige

Zeit durchmachte. Seither habe

ich aber furchtbare angst, wieder

so unvermittelt abzubremsen. Ich

bin total aufmerksam im auto, will

keinen Beifahrer neben mir haben

und versuche, die autobahn zu

meiden. Ich traue mich auch nicht,

schnell zu fahren. Ich hatte einige

Hypnosesitzungen, aber die haben

mir nicht wirklich etwas gebracht.

Was könnte mir sonst helfen?

Es ist mutig, dass Sie nach

der Panikattacke wieder Auto

fahren. Hätten Sie das vermieden,

wäre Ihre Angst vermutlich nur

noch schlimmer geworden. Haben

Sie das Gefühl, dass Ihnen vor allem

die Erinnerung an dieses traumatische

Ereignis im Weg steht?

Dann könnte Ihnen EMDR, eine

Behandlung mit beschleunigten Augenbewegungen,

guttun (emdr.de).

Außerdem hilft es Ihnen vielleicht,

zu lernen, wie man mit Stress und

Sorgen besser umgeht. Dafür gibt es

gute Onlinetrainings, und Ihr Arzt

kann Ihnen auch eine Anlaufstelle

in Ihrer Nähe nennen. //

// FAMILIENGRÜNDUNG

Entscheide ich mich für

meinen Freund oder meinen

Kinderwunsch?

Mein Freund (48) und ich (28) sind schon seit vier Jahren zusammen

glücklich. Er hat schon zwei Kinder im alter von 11 und

17 Jahren; wir hätten auch gern ein gemeinsames Kind. Doch es

gelingt mir schon eine ganze Weile nicht, von ihm schwanger zu

werden. auch unser altersunterschied beschäftigt mich; was bedeutet

das in 20 Jahren? Eigentlich finde ich einen Mann über 50

zu alt für ein kleines Kind. Mein Freund hat keine Probleme damit.

Ich stehe vor einem Dilemma: Entweder entscheide ich mich, aus

Liebe bei ihm zu bleiben, lasse meinen Kinderwunsch los und akzeptiere

den altersunterschied, oder ich trenne mich von ihm im

Hinblick auf meine Zukunft als Mutter – aber womöglich bin ich ja

selbst unfruchtbar.

Mir fällt auf, dass Sie weder an Ihrem Kinderwunsch noch an

Ihrer Liebe zweifeln. Auch Ihr Verhalten weist in diese Richtung,

schließlich versuchen Sie ja schon, schwanger zu werden. Befürchten

Sie, das Ausbleiben Ihrer Schwangerschaft könne an Ihrem

Mann liegen? Das sollten Sie erst einmal feststellen lassen. Wenn

Ihr Freund fruchtbar ist, gibt es keinen Widerspruch zwischen Ihrem

Kinderwunsch und Ihrer Liebe. Ja, er wird ein alter Vater sein;

über die Vor- und Nachteile kann man viel spekulieren, aber niemand

weiß, wie sich das in Ihrem Fall auswirkt. Es geht darum,

dass Sie darauf vertrauen können, Probleme gemeinsam zu lösen,

auch wenn diese aus Ihrem Altersunterschied entstehen. //

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018 81


TRENNUNG

Meine

Tochter (12)

will mich

nicht mehr

sehen

Ich wurde vor sieben Jahren geschieden. Meine zwölfjährige

Tochter will mich nicht mehr sehen; sie reagiert nie auf meine

E-Mails, anrufe, Whatsapps. Ich fürchte, mir bleibt nichts anderes

übrig, als mich damit abzufinden und zu hoffen, dass sie ihre falsche

Entscheidung in ein paar Jahren bereut und wieder eine Beziehung

mit mir aufbauen will. Wahrscheinlich darf ich nicht mit

allzu viel Sympathie rechnen; meine Exfrau redet vermutlich wenig

positiv über mich. Wie gehen andere zurückgewiesene Eltern mit

dieser Situation um?

Ich glaube nicht, dass Ihre Tochter „eine falsche Entscheidung“

getroffen hat, wie Sie schreiben. Es ist sehr wahrscheinlich,

dass sie inzwischen kein objektives Bild mehr von Ihnen hat und

spürt, dass sie zu Hause Ärger bekommt, wenn sie Kontakt zu Ihnen

aufnimmt. Es ist weise, dass Sie versuchen, sich mit ihrem Wunsch

abzufinden. Gibt es Menschen innerhalb der Verwandtschaft, die

helfen wollen? Vielleicht können Sie den Kontakt nicht wiederherstellen,

aber es wäre auch schon gut, wenn Ihre Tochter ab und zu

etwas Nettes über Sie hören würde. Schicken Sie ihr weiterhin regelmäßig

Nachrichten. Erzählen Sie ihr, wie es Ihnen geht, fügen Sie

ein Foto oder eine Erinnerung von früher hinzu. Zeigen Sie ihr, dass

sie weiterhin Ihre Tochter bleibt und dass Sie hoffen, sie in Zukunft

wiederzusehen. Kontakt mit Leidensgenossen täte Ihnen sicherlich

auch gut, schauen Sie doch mal im Internet unter dem Stichwort

„verlassene Eltern“, da gibt es mehrere Selbsthilfegruppen. Ich hoffe,

Sie können irgendwann auch mit Ihrer Exfrau wieder über dieses

Thema reden. Das wäre für Ihre Tochter am besten. //

// GESCHWISTER

Ist es falsch,

ihn zu

meiden?

Ich habe mich meinem Bruder

nie verbunden gefühlt. Er ist

rassistisch, hat seltsame Werte und

Normen. Ich gehe Konflikten aus

dem Weg, indem ich möglichst

jeden Kontakt meide. Ich bin zwar

bei Familienfesten dabei, aber

wenn ich weiß, dass er meine Eltern

besucht, bleibe ich lieber fern. Ist

das falsch?

Wenn Ihr Ziel ist, Konfrontationen

und sinnlose Diskussionen zu

vermeiden und es Ihren Eltern leichter

zu machen, verhalten Sie sich

richtig. Aber geht es Ihnen nur darum?

Vielleicht wünschen Sie sich

auch, ihm einmal zu sagen, was Sie

von seiner Einstellung halten, aber

tun es nicht, weil Sie Streit befürchten?

Ist dem so, treffen Sie sich mal

allein mit Ihrem Bruder oder schicken

Sie ihm einen Brief.

Es ist gut, dass Sie den Kontakt

nicht allzu drastisch meiden. Sonst

könnte Ihnen entgehen, wenn sich

seine Haltung womöglich ändert.

Außerdem: Ein Mensch ist mehr als

nur sein Denken über gesellschaftliche

Fragen. Vielleicht ist er ansonsten

ein netter Mann, ein liebevoller

Vater und treuer Sohn? Sprechen Sie

also auf einem Fest auch ab und

zu mit ihm, zum Beispiel über Ihre

Eltern oder die Kinder. //

82 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


BERATUNG

// SEXUALITÄT

UNSER SEX

MACHT MICH

UNGLÜCKLICH

Zu Beginn unserer Beziehung hatten wir viel Sex,

alles war spannend und neu. Jetzt wird es immer

schwieriger für mich, erregt zu werden. Ich liebe das

Vorspiel – mein Freund macht es zwar, findet aber

nichts daran. Das blockiert mich. Er hat auch nicht das

Bedürfnis, Neues auszuprobieren. Der Sex wird daher

unglaublich langweilig und macht mich unglücklich.

Das klingt, als wäre für Ihren Freund nur die Penetration

echter Sex. Die meisten Menschen haben aber

auch noch viele andere erotische Gefühle. Sie genießen

es, den Körper des Partners zu sehen, seinen Duft zu riechen,

das gegenseitige Streicheln der Haut. Bei anderen

gehören bestimmte Songs, Scherze oder Neckereien zum

sexuellen Auftakt. Daneben genießen sie kleine Fantasien,

auch wenn sie gerade nicht miteinander schlafen,

wie die Erinnerung an besonders schönen Sex, den sie

mal zusammen hatten. Nicht jeder ist sich dieser erotischen

Empfindungen bewusst.

Um Menschen dafür zu sensibilisieren, geben Sextherapeuten

oft die Aufgabe, sich im Bett gegenseitig zu liebkosen,

ohne dass es zur Penetration kommt. Diese und

andere „erregende Übungen“ finden Sie im Internet oder

in Büchern. Wie können Sie Ihren Freund auf eine solche

erotische Entdeckungsreise neugierig machen? Es zeugt

schon von seiner Liebe, dass er Ihnen beim Vorspiel

entgegenkommt. Vielleicht will er nicht experimentieren,

weil er sich von Ihren Wünschen verletzt oder verunsichert

fühlt? Es kann auch sein, dass die Hemmung in

ihm begründet liegt, etwa weil er es komisch findet.

Fragen Sie ihn mal, was ihn erregt – in Filmen, auf der

Straße oder daheim. Vielleicht inspiriert Sie das ja. //

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WARUM WIR IMMER

MEHR

KAUFEN,

ALS AUF UNSERER LISTE STEHT

84 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


GEHIRN

Käse zum Probieren, Angebote im

Extraregal, Teures auf Augenhöhe:

Diese Verkaufsmethoden

durchschauen wir glatt. Oder

etwa nicht? Sechs Tricks aus der

Konsumentenpsychologie, auf die

wir sehenden Auges hereinfallen

Ein Durchschnittssupermarkt

führt rund 10 000 verschiedene

Produkte – klar, dass da

schnell mal was im Einkaufswagen

landet, was dort eigentlich

nicht hinsollte. Marketingspezialisten

machen sich diesen Reflex geschickt

zunutze. Oft mit offensichtlichen Methoden

wie Wochenangeboten und

Sparaktionen, aber unser Kaufverhalten

wird auch subtiler beeinflusst.

1

WEIL WIR IMMER SUCHEN

MÜSSEN

Jeder Supermarkt ist anders eingeteilt,

aber es gibt auffällig viele Übereinstimmungen.

Milch und Eier etwa

stehen verdächtig oft ganz hinten. Das

hat laut Marketingspezialisten einen

Grund: Viele Kunden benötigen mindestens

ein Molkereiprodukt oder

Eier. Müssen sie dafür durch den ganzen

Laden gehen, ist die Chance groß,

dass sie unterwegs noch etwas mitnehmen,

das nicht auf ihrer Liste steht.

Zudem verläuft die Einkaufsstrecke

relativ oft gegen den Uhrzeigersinn.

Auch das ist wohl kein Zufall. Jochen

Mai beschreibt in seinem Buch Warum

ich losging, um Milch zu kaufen,

und mit einem Fahrrad nach Hause

kam, dass ein Verhaltensforscher Supermarktkunden

in zwei Richtungen

durch den Laden lenkte. Diejenigen,

die sich gegen den Uhrzeigersinn bewegten,

gaben im Durchschnitt zwei

Dollar mehr aus.

Das Warum ist unklar und wurde auch

nicht erschöpfend erforscht. Eine beliebte

Theorie lautet, dass die meisten

von uns Rechtshänder sind, wodurch

wir den Einkaufswagen mit der linken

Hand festhalten und mit rechts die

Produkte aus den Regalen nehmen.

Aber warum stehen dann links vom

Gang überhaupt noch Regale?

2

WEIL WIR DEN LEEREN

WAGEN FÜLLEN WOLLEN

Als in den 50er­Jahren die ersten

„Selbstbedienungsläden“ öffneten,

waren Einkaufswagen recht klein,

nämlich nicht viel größer als zwei Einkaufskörbe.

Sind die Wagen größer

Stellt man Angebote strategisch

geschickt auf, kann man die

übrigen Preise unbemerkt erhöhen

geworden, weil wir mehr kaufen wollen,

oder ist es umgekehrt?

Sobald wir mehr mitnehmen können,

tun wir das auch. Ist ein Einkaufswagen

doppelt so groß, kaufen wir etwa

40 Prozent mehr, geht laut Martin

Lindstrom, Autor des Buches Brandwashed,

aus Studien eines großen

Herstellers von Einkaufswagen in den

USA hervor. Lindstrom glaubt, dass

große Wagen unser Hamsterverhalten

stimulieren. Die Neigung, Nahrungsmittel

für magere Zeiten zu horten,

wie unsere Vorfahren es tun mussten,

haben wir noch immer. Wenn wir also

die Chance bekommen, viel auf einmal

zu sammeln, tun wir das auch.

3

WEIL ANGEBOTE OFT

KEINE SIND

Produkte, die an auffälligen Orten

stehen, verkaufen sich logischerweise

besser. Früher befanden sich A­

Marken darum auf Augenhöhe, aber

immer öfter sind Hausmarken an ihre

Stelle getreten. Die bringen nämlich

eine höhere Gewinnspanne, erklärt

Marketingforscher Erjen van Nierop.

Zudem vergrößert man so die Sichtbarkeit

– und somit Bekanntheit – der

Hausmarkenformel. Die Hersteller

der A­Marken behalten jedoch einen

Fuß in der Tür, indem sie auffällige

Positionen kaufen, sowohl in den herkömmlichen

Regalen als auch in sogenannten

Aufstellern.

Diese Aufsteller sind ein Eyecatcher,

und manche Forscher schätzen, dass

etwa 30 Prozent der Supermarktkäufe

von dort stammen. Kein Wunder,

wenn man bedenkt, dass darin oft Angebote

stehen. Aber wer meint, dort

immer Günstiges zu finden, sieht sich

getäuscht. Manchmal will man im

Supermarkt aus anderen Gründen auf

einen Artikel aufmerksam machen.

Zum Beispiel weil er neu ist oder eben

nicht mehr geführt wird und die

letzten Reste verkauft werden sollen.

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018 85


Ein ebenfalls erprobter Trick: Artikel

nebeneinander anbieten, die oft

zusammen gekauft werden, wie Softdrinks

und Knabberzeug. Und ist

Grillgut im Angebot? Dann werden

auch alle Soßen, die nicht preislich

reduziert sind, daneben präsentiert.

4

WEIL WIR DIE GOLDENE

MITTE BEVORZUGEN

Supermärkte verkaufen viele Artikel

in mindestens drei Varianten: die

teure A-Marke, die günstigere Hausmarke

und eine noch preiswertere Billigmarke.

Es ist sicher angenehm,

seinen Einkauf aufs Budget abstimmen

zu können, aber dahinter steckt mehr.

In einem viel zitierten Beispiel aus den

80ern ließen Forscher der amerikanischen

Duke University Versuchspersonen

Bier aussuchen. Standen nur zwei

zur Auswahl, ein „Premium“-Bier und

eine Billigmarke, die halb so viel kostete,

entschieden sich etwa 33 Prozent

für die Billigmarke. Wurde eine noch

teurere „Super-Premium“-Marke den

Optionen hinzugefügt, kauften plötzlich

90 Prozent der Versuchspersonen

das Premium-Bier, das nun preislich

gesehen die mittlere Option war. Zehn

Prozent der Teilnehmer entschieden

sich für Super-Premium, keiner wollte

noch das Billigbier.

Standen jedoch folgende drei Biere zur

Auswahl, Premium-Bier, Billigbier und

eine noch günstigere Marke, stieg der

Verkauf des Billigbiers. Anders ausgedrückt:

Die Mehrheit entscheidet sich

für die mittlere Option, und zwar ungeachtet

des Preises. Drei Optionen

anzubieten bringt somit in der Praxis

mehr Geld ein; schließlich wählen

Kunden meist die mittlere Variante.

5

WEIL WIR PREISE

FALSCH VERGLEICHEN

Angenommen, Sie betreten einen

Ihnen unbekannten Supermarkt. Wie

bilden Sie sich dann ein Urteil über das

Preisniveau? Wollten wir den Preis

jedes einzelnen Produkts herausfinden,

ZU VIEL DER MARMELADE

Supermärkte bieten gern eine große auswahl an, aber das

kann auch kontraproduktiv sein. Das „Paradox der Wahl“

nennt das uS-Psychologe Barry Schwartz. Natürlich wollen

wir aus verschiedenen Shampoos oder Salatdressings wählen

können, aber zu viele Optionen wirken mitunter auch

lähmend. Für eine Studie sollten Supermarktkunden Marmelade

probieren, sie hatten dabei die Wahl aus 6 oder

24 Geschmacksrichtungen. Die große auswahl erzeugte

mehr aufmerksamkeit, führte jedoch zu weniger Käufen:

Nur 3 Prozent der Teilnehmer kauften Marmelade – gegenüber

30 Prozent der Gruppe mit nur 6 Optionen.

würde uns das den ganzen Tag kosten.

Stattdessen zieht unser Gehirn Schlussfolgerungen,

basierend auf den ersten

Informationen, auf die wir stoßen.

Gleich am Eingang sehen wir etwa Bananen,

die günstiger sind, als wir es

gewohnt sind. Ein Stück weiter, mitten

im Gang, entdecken wir ein Spülmittel,

das auch einen recht fairen Preis

hat. Anhand dieser Art „Anker“ machen

wir uns ein Bild vom gesamten

Supermarkt, ohne weiter besonders

auf die Preise zu achten.

Kluge Manager lassen folglich relativ

günstige Artikel an strategischen Stellen

aufstellen, damit ihr Supermarkt

preisbewusst wirkt und wir Kunden

mehr kaufen. Derweil können die

Preise im restlichen Supermarkt um

zehn Prozent steigen, ohne dass wir es

bemerken würden, sagt Autor Martin

Lindstrom. Und das passiert seiner

Meinung nach auch, obwohl kein Supermarktleiter

das je zugeben würde.

6

WEIL UNSERE SINNE

VERFÜHRT WERDEN

Supermärkte regen gern unsere

Sinne an. Brot, das mitten im Laden

aufgebacken wird? Natürlich könnte

man das auch woanders machen, aber

dann würde uns dieser verführerische

Duft nicht in die Nase steigen. Die Geschmackspapillen

wiederum werden

mit Käsehäppchen verwöhnt. Ein Trick,

Käse zu verkaufen, denken Sie jetzt.

Aber laut Umgebungspsychologe und

Marketingberater Paco Underhill

soll so unser Appetit angeregt werden.

Danach kauft man hoffentlich mehr

Nahrungsmittel als geplant, Käse oder

auch andere Sachen.

Ob Tricks dieser Art funktionieren,

lässt sich schwer sagen. Es gibt viele

Studien zu Musik und Düften in Supermärkten,

aber die Ergebnisse sind

uneindeutig. Wissenschaftler der Wageningen

University & Research erforschten

kürzlich auch die Wirkung

thematischer Musik und entsprechender

Düfte in den Obst-, Kaffee- und

Weinabteilungen, also Cappuccinoduft

beim Kaffee und klassische Musik

beim Wein. Es zeigte sich, dass diese

Abteilungen nicht von mehr Kunden

besucht wurden, die Kunden nicht

länger blieben als vorher und auch

nicht mehr kauften.

Offensichtlich sind wir also doch nicht

so vorhersehbar, wie Marketingspezialisten

hoffen. Oder sind diese Tricks

nur allzu durchsichtig – und wir fallen

deshalb nicht auf sie herein? //

Quellen u. a.: Martin Lindstrom, Brandwashed,

Campus, 2012 / R. de Wijk u. a., Supermarket

shopper movements versus sales and the

effects of scent, light, and sound, Food Quality

and Preference, 2017 / Jochen Mai, Warum

ich losging, um Milch zu kaufen, und mit

einem Fahrrad nach Hause kam, dtv, 2016

Was für ein Kundentyp sind Sie?

Machen Sie den Test auf

psychologiebringtdichweiter.de/kunde

Text: Anouk Broersma // Foto: Audrey Shtecinjo/Stocksy

86 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


GESUNDHEIT

Mein

WENIGER-MIGRÄNE-

Tagebuch

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 87


Schon ihr Leben lang leidet sie an Migräne, doch

jetzt hat sie die Nase voll. Um endlich herauszufinden,

was ihre Anfälle auslöst, führt Autorin Annemarie

Geleijnse drei Monate lang Tagebuch. Aufwendig, ja –

aber das Ergebnis kann sich sehen lassen

Neulich, an einem sonnigen Sonntagabend,

war es wieder so weit: Ich hatte ein langes,

spannendes Tennisturnier hinter mir und

beschloss den Tag mit einem Bier. Noch

bevor das Glas leer war, spürte ich es: Die Migräne

war im Anzug. Lichter blitzten vor meinen

Augen, das Sprechen kostete mich mehr und mehr

Mühe. Die Radfahrt nach Hause war anstrengend.

In den ersten Gang schalten, wie in Trance

in die Pedalen treten. Meine Augenlider waren

so schwer, dass sie immer wieder zufielen. Zu

Hause schaffte ich es noch gerade bis zur Toilette.

Ich spuckte Galle, viel Galle. Danach kroch ich

zähneklappernd ins Bett.

Zum Glück passiert mir das nicht jede Woche,

und ein Anfall dauert nicht Tage. Aber dennoch

würde ich viel dafür geben, von diesem häm mernden

Monster erlöst zu werden. Es wäre erleichternd,

genau zu wissen, was meine Anfälle auslöst.

Denn darüber gibt es Volksweisheiten en masse.

Regelmäßig werden in den Medien Listen veröffentlicht

mit Dingen, die Migränepatienten lieber

meiden sollten: Schokolade, Nüsse, Zitrusfrüchte …

Aber ich habe beispielsweise noch nie festgestellt,

dass Apfelsinen bei mir Migräne verursachen. So

richtig ernst nehme ich diese Listen nicht.

Was Forscher vermuten

Und das sei auch richtig so, sagt Ron van Oosterhout,

als ich ihn befrage, was die Wissenschaft

über Migräneauslöser zu sagen hat. Laut des

Facharzts für Neurologie seien nämlich keine Faktoren

bekannt, die bei allen Patienten einen Anfall

auslösen. Migräne-Trigger-Profile sind stets individuell.

Jedoch kann van Oosterhout einige Faktoren

nennen, die statistisch gesehen mit Migräne

zusammenhängen. Zu ihnen zählen der Appetit

auf bestimmte Nahrungsmittel und das Gefühl,

gestresst zu sein. Das ergab eine Studie mit 700

Patienten im Rahmen seiner Dissertation zu Triggern

und „prodromalen Symptomen“ von Migräne,

also Symptomen, die im Vorfeld auftreten.

Aber, betont der Neurologe: Ein statistischer Zusammenhang

ist nicht zugleich ein kausaler. Anders

ausgedrückt: Die gefundenen Faktoren sind

nicht unbedingt die Ursache der Migräne; genauso

gut können sie eine Folge dieser sein. „So geben

viele Patienten an, sie bekämen Kopfschmerzen,

wenn sie Käse essen. Folglich lautet die Annahme:

Käse triggert Migräne. Aber ebenso gut kann es

sein, dass der Appetit auf Käse erst als Symptom

eines bevorstehenden Anfalls entsteht.“

Diesen Gedanken unterstützt seine noch unveröffentlichte

Studie, in der MRT-Scans zeigen, dass

sich der Stoffwechsel im Hypothalamus in den

Stunden vor einem Migräneanfall ändert. Der Hypothalamus

ist eine wichtige „Schaltzentrale“

unseres Körpers, der als übergeordnete Instanz

etwa koordiniert, dass man Durst bekommt

oder wie man auf Stress reagiert. Sogar das Gefühl

88 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


GESUNDHEIT

Jeden Abend notiere ich brav, ob ich an

diesem Tag Nüsse gegessen oder Softdrinks

getrunken habe, ob der Nacken schmerzt –

und noch ungefähr 67 andere Faktoren

von Stress, eine oft genannte Ursache für Migräne,

könnte folglich ebenso gut aus einem beginnenden

Anfall resultieren und nicht sein Auslöser sein.

So hatte ich das noch nicht gesehen. Aber natürlich,

man wird auch nicht schwanger, weil man

Gurken isst. Und jetzt, da ich so darüber nachdenke:

Ich reiße auch gern eine Tüte Chips auf, kurz

bevor ich Migräne bekomme. Es könnte durchaus

sein, dass ein aus dem Gleichgewicht gebrachter

Hypothalamus bei mir diesen fast unbeherrschbaren

Appetit auf Salziges und Fettiges auslöst.

Ich installiere eine Tagebuch-App

Nun gut. Trigger, die oft genannt werden, können

also ebenso gut Nebeneffekte eines Migräneanfalls

sein. Aber trotzdem interessiert mich noch immer,

was einen solchen Anfall denn nun wirklich verursacht.

Gibt es dazu nichts Neues?

Glücklicherweise schon, besagt ein kürzlich erschienener

Text im International Journal of Headache,

den mir ein Kollege zukommen lässt. In

fünf Studien über Migräne an den Universitäten in

Cambridge, Barcelona und Wien, steht da, wurden

gut 300 Migränepatienten mit einer einfachen

Tagebuchmethode untersucht. In 87 Prozent der

Fälle gelang es, ein persönliches Trigger-Profil zu

erstellen. Die 300 Probanden notierten dazu drei

Monate lang sorgfältig, was sie getan und gegessen

hatten, wie das Wetter war, wie sie sich gefühlt

hatten und so weiter. Aus diesem Datenbrei konnten

die Forscher pro Patient durchschnittlich vier

Faktoren filtern, die bei ihm Migräne auslösten.

Das Auffällige: Bei der übergroßen Mehrheit der

Teilnehmer war das eine einzigartige Kombination

aus Triggern, das heißt, dass die Migräne bei jedem

Patienten durch ganz unterschiedliche Dinge ausgelöst

wurde. Das macht die Liste der Trigger noch

viel individueller, als die Forscher erwartet hatten.

Fasziniert suche ich nach weiteren Informationen

über diese Tagebuchmethode. Es zeigt sich, dass es

inzwischen auch eine App gibt: Curelator Headache.

Sofort installiere ich sie auf dem Handy und

mache mich abends gleich an die Arbeit.

Tag eins: Strichliste führen

Anfangs muss ich einmalig meine Vermutungen

angeben: Welche Dinge/Situationen triggern meine

Migräne? Natürlich glaube ich, darüber zum Teil

schon Bescheid zu wissen. Rotwein zum Beispiel –

den trinke ich nicht mehr. Zudem ist es besser,

wenn ich nicht zu lange schlafe (heißt: ohne Kaffee

auskommen muss). Starken Stress versuche ich

zu vermeiden, und ich habe eine ganze Sammlung

an Kontaktlinsen und Brillen, um zu verhindern,

dass ich durch Starren auf den Bildschirm einen

steifen Nacken und somit Migräne kriege.

Aber das können unmöglich die einzigen Trigger

sein, sonst wäre ich ja inzwischen von der Migräne

erlöst. Darum notiere ich monatelang jeden

Abend in einer Strichliste, ob ich Nüsse gegessen


oder Softdrinks getrunken habe, intensiven Düften

oder Lärm ausgesetzt war, Nackenschmerzen

oder Stress hatte, wie lange und fest ich geschlafen

habe … Die Liste enthält nicht weniger als 70 Faktoren.

Manche davon kenne ich schon aus den

Medien, viele aber sind mir neu.

Jeden Tag stellt die App unermüdlich ein- und dieselben

Fragen, also klicke ich am 90. Tag zum

90. Mal an, dass ich keine Probleme mit gereizter

Haut habe. Nein! Nicht! Nie! Zum Glück geht

das Ausfüllen schnell. Praktisch ist, dass man zu

jeder Frage eine Erklärung anklicken kann. So

kann ich immer wieder nachschauen, in welchen

Nahrungsmitteln der Geschmacksverstärker

Glutamat (MSG) noch enthalten ist.

Sobald ich angebe, Alkohol oder Kaffee getrunken

zu haben, fragt die App weiter. Was genau und

wie viel? An sich schon gut fürs Bewusstsein, fällt

mir auf, als ich zum zigsten Mal angebe, acht

Tassen Kaffee an dem Tag getrunken zu haben.

Im Fall von Kopfschmerzen fragt die App nach

ihrem Beginn und Ende, der Art der Schmerzen,

ihrem Ort (einseitig oder an beiden Seiten des

Kopfes), ob ich mich erbrochen habe und ob der

Anfall meine täglichen Tätigkeiten beeinflusst hat.

Drei Monate später

Und dann sind die drei Monate vorbei, und die

Firma Curelator analysiert meine Daten. Das ausführliche

Ergebnis mailen sie mir.

Zu meiner Überraschung enthüllt es auch fünf

Faktoren, die mein Risiko für Migräne senken

sollten: „Entspannung, Zufriedenheit, Schlafqualität,

höhere Außentemperatur, Kaffee“. Sofort

sehe ich ein kopfwehfreies Leben auf einer tropischen

Insel vor mir, auf der ich ganz relaxt bin,

viel und gut schlafe und meiner einzigen Sucht –

sechs bis sieben Tassen Kaffee am Tag – fröne.

Um das Glücksgefühl noch zu steigern, hefte ich

an die Palme neben meiner Hütte eine lange Liste

der Faktoren, die laut Curelator meine Migräne

nicht beeinflussen: unter anderem Alkohol (!) und

Lärm (Los, ihr Vögel, kreischt nur!). Auch Stress,

Kummer, Wut und Ärgernisse berühren mich laut

Curelator nicht. Ebenso wenig wie grelles Licht

und intensive Aktivitäten.

So weit die guten Neuigkeiten. Wirklich neugierig

bin ich auf meine Trigger und frühen Anzeichen.

Auf meiner Symptomliste stehen unter anderem

Gähnen und Hungergefühl. Klingt sinnig. Dann ist

da noch anxiety (also Angst, Nervosität, Besorgtheit).

Seltsam, dass dieser Gemütszustand meine

Kopfschmerzen beeinflussen soll, Stress, Kummer

und Ärger aber nicht. Aber offensichtlich habe ich

an den Tagen vor einem Migräneanfall viele Punkte

für Angst- und Unruhegefühle vergeben und weniger

für die anderen Faktoren. Oder war es umgekehrt

– und ich habe oft meinen Stress als hoch

bewertet, ohne in der Folge Kopfweh zu haben?

Schließlich kann ich tagelang unter harten Deadlines

arbeiten, ohne Migräne zu bekommen.

Erwartbar war, dass mein Hormonzyklus eine Rolle

spielt. Völlig neu aber ist für mich, dass Nitrate

in verarbeitetem Fleisch das scheinbar auch tun.

In der Erläuterung zur App stand bereits, dass Hot -

dogs und Speck manchmal mit Migräne in Zusammenhang

gebracht werden.

Alles in allem bin ich verwirrt. Viele Faktoren, in

denen ich selbst die Verursacher sah, werden nicht

genannt, und warmes Wetter soll bei mir sogar

schützend wirken. Kaum zu glauben! Zu oft habe

ich nach einem Tennismatch oder einer Bergwanderung

einen Anfall gehabt und war mir sicher,

dass intensive Anstrengung kombiniert mit warmem

Wetter bei mir Migräne auslöst – und dass

Alkohol dazu schon mal gar nicht geht.

90 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


GESUNDHEIT

Vielleicht ist der Gedanke,

dass intensiver Sport bei mir

Migräne auslöst, zur Selffulfilling

Prophecy geworden

Der Experte denkt mit

Wie kann das sein? Dazu spreche ich über Skype

mit Alec Mian, dem amerikanischen Genetiker,

der zusammen mit dem österreichischen Neurologen

Christian Wöber die Curelator-App entwickelt

hat. Er muss kurz lachen, als wir die Faktoren

besprechen, die ich zuvor als „verdächtig“

eingestuft hatte: „Das sind ja eine ganze Menge.“

Aber er kann das durchaus nachvollziehen.

„Mi gränepatienten sind vor allen Eventualitäten

auf der Hut. Und zwar meist zu Unrecht.“ Das

ist seiner Meinung nach auch der größte Nutzen

der App: Sie stellt nicht so sehr fest, welche

Trigger jemand hat, sondern vor allem, welche

Faktoren überhaupt nicht mit seiner Migräne

Persönlichen Mustern auf der Spur

Die App Curelator Headache ist eine

von zahlreichen Migräne- und Kopfweh-Apps.

Die meisten sind in englischer

Sprache. Alle beruhen auf der

Tatsache, dass man sein Leiden mittels

Data-Mining (dem Sammeln und Analysieren

großer Datenmengen, die mit

Migräne zusammenhängen können)

besser in den Griff bekommt. Mit M-

sense ist jetzt auch eine deutschsprachige

App als zertifiziertes Medizinprodukt

auf dem Markt, entwickelt von einem

Team um Migräneforscher und Physiker

Dr. Markus Dahlem. M-sense folgt ebenfalls

dem Tagebuchprinzip, setzt somit

auf die Analyse und Kontrolle persönlicher

Trigger, und leitet zudem in präventiven

Therapien an, etwa Progressiver

Muskelentspannung nach Jacobson oder

autogenem Training.

zusammenhängen. „Wir wollen Migränepatienten

von der Tyrannei der Trigger befreien.“

Klingt gut. Trotzdem kann ich noch immer nicht

glauben, dass „Anstrengung“ und „warmes Wetter“

auf meiner Trigger-Liste fehlen. Aber Mian

dreht den Spieß um: In meinem Fall könne es

durchaus sein, sagt er, dass der Gedanke, intensiver

Sport verursache bei mir Migräne, zur Selffulfilling

Prophecy geworden ist. „Vielleicht stresst Sie der

Gedanke, Tennis bei warmem Wetter könne einen

Anfall auslösen, so sehr, dass der Stress selbst zum

Auslöser wird.“ Ich muss zugeben, dass Stress mir

nicht fremd ist. Meine Mutter sagt nicht umsonst

oft: „Reg dich nicht so auf, gleich kriegst du wieder

Migräne.“ Mian empfiehlt Atemübungen. „Die

kann man immer und überall machen.“ Ich solle

auf jeden Fall versuchen, die Angst vor der Migräne

loszuwerden, so sein Rat. Denn die sei bei mir

ein recht starker Verursacher.

Könnte es sein, dass …?

Während des Gesprächs wird mir zudem klar,

dass ich die Ergebnisse nicht allzu wörtlich nehmen

sollte. Dass höhere Temperaturen als risikovermindernd

genannt werden, könnte zum Beispiel daher

rühren, dass ich während meines Marokko-

Urlaubs zwei Wochen ohne Kopfschmerzen war.

Ja, dort war es warm. Aber ich habe dabei auch

meinen Beschützern „Glück“ und „Entspannung“

sehr tief in die Augen geschaut.

Mian sagt, er sehe öfter, dass sich hinter einem

vermeintlichen Verursacher oder auch gerade

Beschützer (warmes Wetter in diesem Fall) ein anderer

(Entspannung, Glück) verberge. Er habe

einmal mit einer Frau gesprochen, deren Beschützer

„Lärm“ und „starke Gerüche“ waren; es

stellte sich heraus, dass es sie sehr entspannte, auf

Hardrock-Konzerte zu gehen.

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 91


Volksleiden Migräne

Zwei Drittel der Deutschen haben

zumindest zeitweilig Kopfschmerzen.

Davon kriegen schätzungsweise neun

Millionen im Laufe ihres Lebens Migräne,

Frauen doppelt so oft wie Männer.

Sie leiden unter hämmernden Kopfschmerzen,

die sich bei Bewegung verschlimmern,

und reagieren meist überempfindlich

auf Licht und Geräusche.

Vor einem Migräneanfall haben Betroffene

zudem oft Sehstörungen (sehen

u. a. Muster) und fühlen sich kraftlos.

Derartig betrachten wir auch die Nitrate, die bei

mir als Trigger genannt werden. Wann ich meist

verarbeitetes Fleisch esse, fragt Mian. Gemeinsam

gelangen wir zu der Schlussfolgerung, dass mein

Trigger vielleicht nicht der Speck an einem späten

Sonntagmorgen ist, sondern das zu lange Ausschlafen

beziehungsweise: zu lange kein Kaffee.

Die Probe aufs Exempel

Ich beschließe, mir Mians Empfehlung zu Herzen

zu nehmen: weiterhin Kaffee trinken, mir ab und

zu ohne Schuldgefühl ein Bier gönnen und Atemübungen

machen. Außerdem mache ich noch ein

paar Monate mit der Curelator-App weiter und

lasse sie die Zeiträume vergleichen. So kann ich

sehen, wie sehr intensiver Sport und Alkohol tatsächlich

eine Rolle spielen.

Denn mir wird klar, dass mich die Angst vor dieser

Kombination mehr beschäftigt, als mir lieb ist:

Am Abend vor einem Tennisspiel trinke ich keinen

Alkohol mehr, während des Spiels dafür ständig

Wasser, ich gehe in den Schatten, versuche, mich

beim Match nicht zu sehr zu konzentrieren …

Mian und Kollegen merkten dazu in ihrem Artikel

im International Journal of Headache schon Interessantes

an: Die Tatsache, dass sich Menschen

so sehr darin unterscheiden, wie ihre Migräne ausgelöst

wird, lässt sich eigentlich nicht nur darüber

erklären, dass sie auf bestimmte Dinge besonders

sensibel reagieren. Bewusst oder unbewusst erworbene

Verhaltensmuster scheinen auch eine Rolle

zu spielen. Die Forscher verweisen dabei auf zwei

Studien, in denen erstaunlich gute Resultate mit

Therapien erzielt wurden, die Trigger „aberziehen“.

Die gedankliche Assoziation zwischen Verhalten

und Migräne wurde so durchbrochen.

Noch ehe ich diesen Text abgebe, mache ich die

Probe aufs Exempel. Während eines Turniers spiele

ich drei spannende Sätze und verbanne jeden

Gedanken an einen möglichen Migräneanfall. Die

verlorene Partie spüle ich nicht mit einem, sondern

mit vier Gläsern Bier weg. Ich falle um drei

Uhr nachts ins Bett, stehe trotzdem früh auf,

trinke viel Kaffee und mache mir Eier mit Speck.

Von Kopfschmerzen nicht die geringste Spur.

Okay, es hat geregnet, und, klar: die N-minus-eins-

Regel. Aber gerade darum geht es ja, wenn man

Migräne in den Griff kriegen will. Für mich jedenfalls

funktioniert es. Zumindest im Moment. //

Quelle: A. Mian u. a., Towards improved migraine management,

Cephalalgia: International Journal of Headache, 2017

92 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


KÖRPER &

SEELE

Sie ist unsere

Visitenkarte, aber

eine sehr sensible:

Unsere Haut

zeigt, wie es in uns

aussieht – und

umgekehrt. Grund

genug, ihr besondere

Aufmerksamkeit

zu schenken

Anschein

Ob wir wollen oder nicht: Unsere

Haut verrät meist schon

auf den ersten Blick, wie

es uns geht. Ob wir ausgeglichen

sind oder aufgewühlt, angespannt

oder ausgelaugt. Und auch umgekehrt

kann unser Äußeres beeinflussen,

wie es uns im Inneren geht.

Daher überrascht es nicht, dass eine

neue britische Studie ergeben hat,

dass Akne und ein verstärktes Risiko,

an Depressionen zu erkranken, im

Zusammenhang stehen können.

Interessanter ist da, was eine andere

Studie aus Großbritannien herausgefunden

hat: Wie wohlwollend man

sein Äußeres sieht, lässt sich nicht

nur durch Verhaltenstherapie oder

Selbstmitgefühl beeinflussen, sondern

auch durch einen schlichten

Ausflug nach draußen. Wer öfter im

Grünen ist – oder schon das Bild einer

grünen Landschaft ansieht –, betrachtet

auch seinen Körper positiver.

Der Effekt verstärkt sich noch, wenn

man sich in der Natur auch bewegt,

also etwa einen Spaziergang durch

den nahe gelegenen Wald macht. Danach

noch eine Maske auflegen und

bei einem Tee die Füße hochlegen –

und fertig ist die „Schönheitskur“. //

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Fotos: Stocksy, PR

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 93


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94 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


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MEINE KINDHEIT

UND ICH

Sebastian Fitzek

Der Thrillerautor (46) über den Freund seines

Lebens und seine „schizophrene“ Jugend

„ Ich war ein

Zwischending: einerseits

ein Büchernerd,

andererseits der beliebte

Mitschüler “

In Ihren Büchern verbreiten Sie

gern Angst und Schrecken. Wovor

hatten Sie als Kind Angst? Traumatisiert

hat mich Aktenzeichen XY, was

ich viel zu früh geguckt habe. Wenn

ich im Dunkeln vom Tennisplatz nach

Hause gefahren bin, hatte ich Angst,

entführt zu werden. In meinem Kopf

war immer diese Off-Stimme: „Sebastian

F. wurde zuletzt gesehen an

der Kreuzung xy.“ Ich habe dann angefangen,

Kriminalliteratur zu lesen,

TKKG, Die drei ???, das hat als Blitzableiter

geholfen.

Wie waren Sie als Kind? Da muss

ich zwischen der Vor-Enda-Phase und

der Nach-Enda-Phase unterscheiden.

Enda ist ein sehr guter Freund von mir,

bis heute. Ich wurde mit fünf eingeschult

und war bis zur vierten Klasse

ein Außenseiter, hatte nicht viele

Freunde. Dann kam Enda. Deutschtürke,

größter Rüpel der Schule, zweimal

sitzen geblieben. Die Lehrerin

dachte, den setze ich neben den ruhigen

Fitzek, vielleicht färbt das ab. Hat

es auch, aber andersrum. Durch diese

Freundschaft mit dem Coolsten der

Schule bin ich aufgestiegen, was maßgeblich

zu meinem Selbstbewusstsein

beigetragen hat. Mit Enda habe ich

die erste Zigarre im Wald geraucht,

wir wurden erwischt, und meine Eltern

haben sich ziemlich gewundert, was

ihr unauffälliger Sohn da macht.

Ihre Eltern waren einverstanden

mit dieser Freundschaft? Meine Eltern

waren einerseits konservativ und

leistungsorientiert, andererseits sehr

weltoffen. Enda schlossen sie sofort

ins Herz. Sie konnten immer gut erkennen,

wer ein Guter ist und wer

nicht. Meine Mutter hat sich auch für

Enda eingesetzt, als es hieß, er könne

nicht mit auf Klassenfahrt. Sie war eh

eher unkonventionell. Hausarbeit hat

sie abgelehnt, nur das Nötigste gemacht.

Ich kenne es nicht, dass einem

die Wäsche zusammengelegt wird.

Ich nahm die stets aus der Truhe.

Wie ging es mit Ihnen in der

Pubertät weiter? Ich war ein Zwischending,

zum einen unsicherer Büchernerd,

zum anderen beliebter

Mitschüler. Eine Art Schizophrenie, die

Sebastian Fitzek als schüchternes

Tennis-Kind (unten) und mit frisch

erstarktem Selbstbewusstsein (links)

mir geholfen hat, mich in verschiedene

Typen und Situationen reinzuversetzen.

So habe ich Musik gemacht,

aber in zweiter Reihe, am Schlagzeug.

War im Radio, aber als Schreiber.

Konnte meine Ideen verwirklichen,

aber den Kopf aus dem Fenster halten

mussten andere, bei Streichen etwa.

Da war ich stets der liebe Junge, von

dem keiner glauben konnte, dass das

auf seinem Mist gewachsen ist. //

Sebastian Fitzek gehört seit Die Therapie zu

Deutschlands erfolgreichsten Thrillerautoren.

Seine neuestes Werk: Flugangst 7A (Droemer).

Text: Katharina Wantoch // Fotos: Sebastian Glover, privat

98 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


EXTRA

Mehr Zeit fürs

WESENTLICHE

Oma anrufen, Posteingang ausmisten,

Katzenfutter besorgen, Meeting

vorbereiten, Schulbrote machen,

Zahnarzttermin verlegen, Auto in die

Werkstatt, Bericht ausarbeiten. Und

endlich die Urlaubsfotos sortieren.

SO UNGLAUBLICH VIEL ZU TUN, und

nie wird man fertig. Höchste Zeit, die

Sache einmal anders anzugehen:

durch Prioritäten setzen, Nein sagen,

im Job „aufräumen“

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 99


Weshalb

HETZEN

wir uns so ab?

Der Weg zurück zu mehr Ruhe im Kopf

Haben Sie auch das Gefühl, das Leben wird immer

hektischer und Sie können kaum noch Schritt

halten? Warum wir so viel zu tun haben – und wie wir

wieder RAUM FÜR WIRKLICH WICHTIGES schaffen

Es gab immer Zeiten, in denen

ich zu viel zu tun hatte und voller

Neid die Gärtner im Park beobachtete,

die den ganzen Tag in der

Erde herumwühlen durften, und die

Katzen, die faul auf der Fensterbank

herumlagen. Aber seit einigen Jahren

ist die Hektik bei mir so chronisch,

dass ich mich fühle wie im Hamsterrad.

Als hechelte ich nur hinterher,

hätte nie genug Zeit, etwas wirklich

gut zu machen, und käme kaum zu

den wesentlichen Dingen im Leben.

UNTER DAMPF STEHEN

Ist dieses Gefühl normal? Ist das Leben

generell hektischer geworden, liegt es

an meiner Lebensphase als Working

Mom, oder mache ich etwas grundlegend

falsch? Und ist es möglich, dieser

Tretmühle zu entkommen – ohne

drastische Maßnahmen wie einer Umschulung

zur Landschaftsgärtnerin?

Das fragt sich auch die Amerikanerin

Brigid Schulte in ihrem Buch Overwhelmed:

„Ich bin immer im Rückstand

und immer zu spät, mache

schnell hier noch etwas und da noch

etwas, bevor ich endlich zur Tür hinausstürme.

Die Stunden verflüchtigen

sich einfach, während ich Dinge erledige,

die getan werden müssen. Aber

wenn ich endlich damit fertig bin,

kann ich nicht sagen, was ich gemacht

habe und warum es so wichtig schien.“

Schulte beschließt, diesem Gefühl des

Überspült­Seins nachzugehen, und

nimmt an einem Zeitforschungs­Kongress

teil. Als Erstes erkennt sie dort,

dass nicht nur sie sich unter Zeitdruck

fühlt. Wissenschaftler aus aller Welt

berichten von einer steigenden Rollenbelastung,

davon, dass wir zu viele

Dinge gleichzeitig tun, um den Anfor­

100 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


EXTRA

derungen zu entsprechen. Zudem haben

immer mehr Menschen das Gefühl,

das Lebenstempo sei zu hoch und man

schaffe es kaum noch, Luft zu holen.

STATUSSYMBOL STRESS

Auch in Deutschland fühlt sich jeder

zweite Arbeitnehmer gehetzt, hat

laut DGB-Index Gute Arbeit zu viel

zeitgleich zu tun oder leidet unter

Zusatzaufgaben, die vom Eigentlichen

abhalten. Eine Studie der AOK unter

1500 Eltern ergab, dass gerade diese

immer mehr unter Zeitstress stehen:

46 Prozent fühlen sich durch Hektik

und Jobdruck stark eingeschränkt und

wünschen sich mehr Zeit für den

Partner, sich selbst, die Kinder, Urlaub

und Freizeit. Laut einer Forsa-Studie

der TK sind es vor allem die 30- bis

39-Jährigen, die sich oft gestresst fühlen,

da sie Job und Familie unter einen

Hut bringen wollen – und die Berufstätigen,

die für die Arbeit stets erreichbar

sein müssen.

Die Hektik kann also mit der Lebensphase

zu tun haben. Sobald Kinder da

sind, kommen eben jede Menge Aufgaben

dazu, und gerade wir Frauen tragen

(leider) noch immer eine größere

Verantwortung für Familie und Haushalt.

Zur Antwort gehört aber auch,

dass wir unsere Zeit gern vollstopfen.

„Gehetztsein hat einen negativen Beigeschmack“,

sagt Mariëlle Cloïn vom

niederländischen Institut SCP, das zum

Thema Stress forscht. „Aber es gefällt

den Leuten auch, beschäftigt zu sein.

Ein volles Leben kann auch Befriedigung

verschaffen.“

Viel beschäftigt zu sein führt dazu,

dass wir uns produktiv und wichtig

fühlen: Ich habe viel zu tun, also bin

ich. Haben wir eine Weile nichts auf

dem Zettel, etwa weil wir vorübergehend

arbeitslos sind, fehlt uns das Gefühl

des permanenten Nützlichseins

und der dazugehörende Status.

Dafür haben wir immer mehr Möglichkeiten,

„unnütze“ Momente zu

füllen. Vor nicht allzu langer Zeit hat-

ten wir in der Schlange am Geldautomaten,

in Wartezimmern und an

der Bushaltestelle nichts zu tun. Dank

Smartphone können wir nun selbst

dann noch Nachrichten versenden, arbeiten,

shoppen. Mit zwei Konsequenzen:

Erstens haben wir so weniger

natürliche Ruhemomente und sind in

einem ständigen Rausch der Vielbeschäftigung.

Zweitens werden Zeit

und Aufmerksamkeit durch verschiedenste

Aktivitäten in diversen Rollen

zu sehr zerbröselt.

Auf Letzteres weist auch die Neuropsychologie

verstärkt hin. Täglich begegnen

uns Tausende kleine Darauf-mussich-sofort-reagieren-Reize:

Pieptöne

eingehender Nachrichten (Schnell mal

schauen, von wem), unzählige Mini-

Entscheidungen (Espresso oder Cappuccino?

Medium oder large? To go

oder im Café?), leckere Häppchen

(Kaufen oder vorbeigehen?) sowie endlose

Möglichkeiten im Internet (Ob

es an unserem Urlaubsort wohl schon

warm ist?).

Sie scheinen nur winzig: Wie viel Zeit

kostet es schon, kurz aufs Handy zu

gucken? Im Gegenteil: Oft vermittelt

uns das ein Gefühl der Effizienz. Es

wirkt wie der schiere Zeitgewinn, zu

Hause Job-Mails zu checken und sich

im Büro via WhatsApp zu verabreden.

Aber dabei zerlegen diese kleinen Unterbrechungen

unsere Zeit in tausend

Stücke. Sie besetzen kostbaren Raum

in unserem Kopf und machen unser

Leben übervoll. Neuropsychiater Theo

Compernolle warnt in seinem Buch

BrainChains: „Allein das Ping einer

E-Mail, die in Ihre Inbox ploppt, unterbricht

Ihre Konzentration für anderthalb

Minuten, auch wenn Sie die

Nachricht gar nicht lesen. Wenn Sie

60 Minuten an einem Memo arbeiten

und 20 Ping-Töne dazwischenfunken,

verlieren Sie somit 30 Minuten Ihrer

Konzentration.“

Die Schlussfolgerung wirkt logisch:

Einfach nicht beachten! Aber das Problem

ist, dass viele dieser unwichtigen,

modernen Reize unserem Gehirn gerade

maßlos interessant scheinen. Als

wir noch als Jäger und Sammler über

die Steppe zogen, war es lebenswichtig,

sofort auf unerwartete Geräusche

zu reagieren (damals ein knackender

Ast, heute das Ping einer Nachricht),

auf Dinge, die sich schnell bewegen

(damals ein heranpreschender Löwe,

heute blinkende Onlinewerbung),

Nahrung (damals karg, jetzt überall)

und News aus unserem Netzwerk.

ALLES IST DRINGEND

Vor allem Letztgenannte haben enorm

zugenommen und bestürmen uns von

allen Seiten – über E-Mail, Facebook,

WhatsApp, Instagram. Und obwohl

fast alle in die Kategorien „Hallo“,

„Guck mal, ich“ und „Kauf mich“ gehören

und somit problemlos warten

könnten, fühlen sie sich für unser Gehirn

sehr dringlich an.

„Unsere Vorfahren lebten in Gruppen

von 50 bis 150 Artgenossen“, sagt der

Psychologe Max Wildschut. „Wenn

Sie in Ihrem ganzen Leben nur 100

Viele Menschen haben

das Gefühl, ihr LEBENSTEMPO

sei zu hoch und es bliebe keine

Zeit für Besinnung und Erholung

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018 101


Menschen kennen und am Tag mit

maximal 20 zu tun haben, ist alles relevant

und interessant, was sie zu berichten

haben.“ Seither hat sich die

Zahl der Menschen, die wir kennen –

inklusive Prominenter – deutlich erhöht,

aber unser Gehirn ist noch auf

früher programmiert. Das erklärt,

weshalb wir der Versuchung nicht widerstehen

können – obwohl wir mit

anderem beschäftigt sind –, fünf Mal

nachzuschauen, wer unseren Facebook-Post

geliked hat.

Zudem ist unser Gehirn nicht so gut

darin, zwischen Wichtigem und weniger

Wichtigem zu unterscheiden, wie

der Kognitionspsychologe Daniel Levitin

in The Organized Mind feststellt.

Es beschäftigt sich genauso ernsthaft

damit, welche Socken wir anziehen

sollen, wie mit einem Jobproblem.

Wenn diese ganze LISTE

der Kleinigkeiten abgehakt ist,

haben wir endlich Zeit für

die wichtigen Dinge – glauben wir

FLUCHT NACH VORN

Und diese kleinen Entscheidungen

lauern überall: im übervollen Supermarkt,

auf Singlebörsen, in Tausenden

Onlineshops aus der ganzen Welt,

auf Spotify, bei der Suche nach dem

nächsten Reiseziel, im Coffeeshop mit

seinen vielen Kaffee-Optionen …

Ständig müssen wir ausblenden, entscheiden,

Informationen verarbeiten –

das füllt und reizt unser Gehirn.

Ob es nun an diesen Reizen liegt, an

der vielen Arbeit oder am Elternsein:

Fühlen wir uns erst einmal gehetzt, ist

es schwierig, das wieder abzustellen.

Je voller unser Gehirn, desto weniger

kann es überblicken, was nun wirklich

wichtig ist. Wildschut erzählt dazu

die bekannte Geschichte vom Holzfäller,

der fanatisch sägt. Weil seine Säge

stumpf wird, geht das immer langsamer

und mühsamer. Jemand fragt, weshalb

er nicht kurz innehalte, um die

Säge zu schärfen. Keine Zeit, antwortet

der Holzfäller, ich muss ja noch

all diese Bäume fällen.

Die ursprüngliche Moral der Geschichte

ist, dass wir uns Zeit nehmen müssen,

um auszuruhen und gesund zu

bleiben, damit wir auch weiterhin unsere

Arbeit gut machen können. „Aber

das wahre Problem ist nicht, dass sich

der Holzfäller nicht die Zeit nimmt,

seine Säge zu schärfen“, sagt Wildschut,

„sondern dass er nicht einmal

die Notwendigkeit dazu erkennt. Je

schneller man rennt, desto weniger

merkt man das. Hetze schränkt unsere

Aufmerksamkeit ein, sodass wir den

Überblick verlieren und nicht mehr in

der Lage sind, das Richtige zu überlegen.

Der Holzfäller denkt nur noch:

Weitermachen!“

Sind wir gehetzt, scheinen alle neuen

Reize und To-dos gleich dringend –

oder sogar dringender als die vorherigen.

So springen wir von einer Sache

zur nächsten. Ein Fallstrick, über den

Overwhelmed-Autorin Brigid Schulte

immer wieder strauchelt: die Vorstellung,

sie hätte endlich Zeit für die

wichtigen Dinge, wenn ihre To-dos

erst erledigt sind. Aber das Ende ihrer

Liste ist natürlich nie in Sicht. Und

so wird das Wichtigste am wenigsten

beachtet – ganz zu schweigen davon,

dass Schulte sich Ruhe gönnt, denn

auch das darf sie aus ihrer Sicht erst,

wenn alles fertig ist.

Verräterisch ist, dass sich das trotz aller

Hetze durchaus gut anfühlen kann.

Es scheint, als würden wir unglaublich

viel erreichen, wenn wir eine E-Mail

nach der anderen bearbeiten, auf dem

Weg zur Arbeit noch schnell zum Bäcker

gehen, die Waschmaschine schon

mal laufen lassen, zwei WhatsApps

beantworten und noch eine Rechnung

bezahlen. Jedes Häkchen auf der Todo-Liste

erzeugt das angenehme Gefühl,

voranzukommen. Und weil unwichtige

Punkte oft leicht zu erledigen

sind, entscheiden wir uns lieber für

schnelle Erfolgserlebnisse. So haben

wir in unserem Rausch das Gefühl,

wir hätten alles unter Kontrolle und

machten Fortschritte.

Denn wenn wir vieles gleichzeitig tun,

kommt uns das besonders effizient

und produktiv vor. Eine Studie der

Stanford University zeigt, dass Menschen,

die viel Multitasking betreiben,

wirklich glauben, damit bessere Leistungen

zu erzielen. Aber aus derselben

Studie geht auch hervor, dass sie auf

diesem Weg sogar viel weniger zustande

bringen.

Langfristig fühlt sich das ganze Gehetze

eher nach Machtlosigkeit an.

Wenn wir nach einem hektischen Tag

aus unserem Rausch erwachen und

uns fragen, was genau wir denn jetzt

erreicht haben und warum wir nicht

einfach das gemacht haben, was wir

uns eigentlich vorgenommen hatten.

INNEHALTEN

Max Wildschut plädiert daher für eine

neue Gewohnheit: Bauen Sie regelmäßig

Reflexionsmomente ein. Halten

Sie bei dem inne, was Sie gerade tun,

überlegen Sie, was im Moment das

Allerwichtigste ist, und handeln danach

nach dem Motto: Stoppen,

102 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


EXTRA

denken, tun. Wer sich gehetzt fühlt,

muss, um klar denken zu können, eine

längere Pause einlegen. Oder sogar

freinehmen. Nicht umsonst wird uns

erst im Urlaub bewusst, wie sehr wir

uns vom täglichen Wahnsinn haben

verrückt machen lassen, und nehmen

uns vor, es ab jetzt ruhiger anzugehen.

Das bedeutet auch, dass wir gut darüber

nachdenken, was uns im Leben

wirklich wichtig ist – und diesem allerhöchste

Priorität einräumen sollten.

Gemäß der Methode des Betriebswirtschaftlers

Peter Bregman (s. S. 104)

wählte Schulte drei große Aufmerksamkeitsbereiche:

ihr Buch schreiben,

Zeit mit der Familie verbringen und

gesund sein, damit sie die ersten beiden

Punkte besser hinkriegt. Den Rest

nannte sie „übrige fünf Prozent“:

weniger Wichtiges, das nicht mehr als

fünf Prozent ihrer Zeit und Energie

beanspruchen darf. „Eine unglaubliche

Befreiung“, schreibt sie begeistert

in ihrem Buch. Es hat sie von dem unbefriedigenden

Vorhaben erlöst, erst

die To-do-Liste abzuarbeiten, um Platz

für Wichtiges zu schaffen. Jetzt kommen

die wichtigen Dinge zuerst.

90-MINUTEN-SPRINTS

Sich Ruhe zu gönnen ist übrigens auch

etwas, das ganz oben auf die Prioritätenliste

gehört. Wir glauben, dafür oft

keine Zeit zu haben, aber gerade Ruhe

macht uns effizienter und produktiver,

zeigen viele Studien. „Das, was viele

als ‚verlorene Zeit‘ betrachten, ist in

Wirklichkeit ideale ‚Arbeitszeit‘ für Ihr

archivierendes Gehirn“, sagt Neuropsychiater

Compernolle. „Ständig vor

dem Bildschirm zu sitzen ist eine Katastrophe

für Ihre intellektuelle Produktivität

und Kreativität.“

Autorin Brigid Schulte lernt in Overwhelmed

nicht nur, Prioritäten zu

setzen, sondern auch, ihre zerstückelte

Zeit wieder zu längeren Perioden zusammenzusetzen,

in denen sie mit nur

je einer Sache beschäftigt ist. So arbeitet

sie konzentriert in 90-minütigen

„Sprints“, ohne sich ablenken zu lassen.

Wenn sie mit ihrer Familie zusammen

ist, kümmert sie sich nicht um

den Job. Arbeiten im Haushalt macht

sie nicht zwischendurch, sondern in

Blöcken. News und E-Mails checkt sie

zu festen Zeitpunkten.

Sich mit nur einer Sache zu beschäftigen

verhindert das ständige Switchen

zwischen den Aufgaben und spart viel

Zeit und Raum im Gehirn. Außerdem

hilft es wunderbar gegen die ewige

Angst, nicht zu genügen. Alles

durcheinander zu erledigen – Job-

Mails beim Essen beantworten,

Facebook im Büro checken – vermittelt

uns das Gefühl, alles nur halb

zu tun und weniger gut, als wir es

eigentlich könnten. Wer sich auf eine

Sache konzentriert, kann dieser alle

Aufmerksamkeit und Energie widmen

und sie endlich wirklich gut machen.

Aber: Sie muss auch nicht perfekt werden.

Denn auch unsere Ansprüche

können wir ruhig etwas senken. Daher

plädiert Daniel Levitin fürs Satisficing

als Mittel gegen das Gehetztsein: nicht

das Beste vom Besten wollen, sondern

es beim „gut genug“ belassen. Wir alle

übten uns schon in Satisficing, wenn

es ums Putzen geht, sagt er. „Wir wischen

so lange, bis es gut genug ist,

und nicht, bis jede Ecke blinkt – es sei

denn, wir haben eine Zwangsneurose.

So erreichen wir das richtige Gleichgewicht

aus Anstrengung und Ergebnis.“

Diese Haltung sollten wir auch sonst

an den Tag legen, ob bei der Suche

nach dem idealen Urlaubsziel oder bei

Jobaufgaben.

Auch die sich hartnäckig haltende

Vorstellung, alles müsse fertig werden,

kann etwas Satisficing gebrauchen.

„Vieles an unserem Gehetztsein entstammt

unrealistischen Erwartungen“,

warnt Produktivitätsexpertin Terry

Monaghan in Schultes Buch. „Gehetzte

Menschen müssen realisieren, dass

es nie gelingen wird, alles zu tun, von

dem man glaubt, es tun zu müssen.

Wenn man stirbt, ist die Mailbox noch

immer voll, und auch die To-do-Liste

gibt es weiterhin. Aber Sie sind nicht

mehr da. 80 Prozent der E-Mails sind

sowieso Unsinn und 80 Prozent auf

der To-do-Liste irrelevant.“

Den Augenblick, in dem alles erledigt

ist, gibt es also gar nicht. Fragen Sie

sich daher immer wieder: Was will ich

jetzt mit meiner Zeit machen? //

Wenn Sie nicht mehr da sind,

ist Ihre Mailbox noch

immer voll, und auch Ihre To-do-

Liste gibt es weiterhin

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 103


PRIORITÄTEN SETZEN: SO GEHT’S

Dieses Schema hilft Ihnen, sich darüber klar zu werden, was Ihnen wichtig ist – und dafür dann

auch tatsächlich einen Großteil Ihrer Zeit aufzuwenden.

1Bestimmen Sie drei bis fünf Lebensziele, auf die Sie sich dieses Jahr konzentrieren

möchten, gleichmäßig verteilt auf Arbeit und Privatleben.

Überlegen Sie nicht so sehr, was Sie müssen, sondern vor allem, was Sie wollen. Beispielsweise etwas

Neues lernen, schöne Aufträge an Land ziehen, Zeit für Ihren Partner/die Familie, fit und gesund

bleiben, etwas für die Gesellschaft tun, öfter in der Natur sein.

Diese Fragen können Ihnen helfen, Ihre persönlichen Prioritäten herauszufinden:

Welchen Teil Ihrer täglichen Arbeit und Ihres täglichen Lebens finden Sie wichtig? Warum?

Worauf sind Sie stolz?

Was läuft einfach? Was ist weniger wichtig?

Was macht Sie nicht glücklich? Was finden Sie nicht wichtig? Was ist eher ein Hindernis?

2Sie haben Ihre Ziele festgelegt? Tragen Sie diese ins Schema rechts ein. Machen Sie davon

einen Stapel Kopien, damit Sie es jeden Tag oder jede Woche verwenden können.

Diesen Prioritäten widmen Sie in diesem Jahr 95 Prozent Ihrer Zeit: Alles oder fast alles, was Sie tun,

muss zu einem Ihrer Ziele passen. Die übrigen fünf Prozent können sehr unterschiedlich sein: einem

Kollegen helfen, Kleinigkeiten oder den Haushalt erledigen, das Internet nach den schönsten und

bezahlbaren Urlaubszielen durchsuchen. Bestimmt fällt Ihnen genug ein für diese fünf Prozent. Aber

wenn es sehr viel mehr als fünf werden, vertun Sie zu viel Zeit mit Kleinkram, mit Dingen, die Sie

nicht glücklich machen, oder mit den Prioritäten anderer Menschen. Kurz gesagt: Sie sind fleißig dabei,

Ihre eigenen Ziele aus den Augen zu verlieren.

3Halten Sie jeden Tag 18 Minuten bei Ihren Prioritäten inne.

Verteilen Sie diese Zeit folgendermaßen:

5 Minuten morgens: Machen Sie einen Plan und notieren Sie ihn im Schema. Alles, was Sie heute

tun werden, alles, was Sie erreichen wollen, müssen Sie unter Ihren Prioritäten oder den restlichen

fünf Prozent unterbringen können. Erledigen Sie die schwierigsten und wichtigsten Dinge zuerst, am

besten noch bevor Sie Ihre E-Mails lesen.

8 Minuten über den (Arbeits-)Tag verstreut: Stellen Sie Ihre Uhr, Ihr Telefon oder Ihren Computer

so ein, dass das Gerät jede Stunde einen Ton von sich gibt. Immer, wenn Sie den hören, holen

Sie tief Luft und fragen sich: Mache ich, was in diesem Moment am wichtigsten ist? Bin ich in diesem

Moment die Person, die ich sein möchte?

5 Minuten abends: Evaluieren Sie den Tag. Nehmen Sie Ihr Schema dazu: Haben Sie getan, was

Sie wollten? Was hat Sie von der Arbeit abgehalten? Was werden Sie morgen machen?

Diese Methode wurde entwickelt von Peter Bregman, Wirtschaftswissenschaftler und Autor der bekannten

Harvard-Business-Review-Kolumne How We Work. Mehr darüber in seinem Buch: 18 Minutes: Find Your Focus,

Master Distraction, and Get the Right Things Done, Grand Central Publishing, 2012

104 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


EXTRA

Was ich dieses Jahr wirklich tun möchte

Priorität 1

Priorität 2

Priorität 3

Priorität 4

Priorität 5

andere 5 %

Text: Janneke Gieles

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 105


Was STRESST

Sie im JOB?

Sie arbeiten wie verrückt und haben trotzdem stets eine

To-do-Liste im Kopf. Finden Sie in sechs Tests heraus,

WO ES AM MEISTEN HAKT beim Zeitmanagement. Plus:

Tipps, die Sie im Büro – und gedanklich – sofort entlasten

Sich im Job gehetzt zu fühlen

scheint ein kollektives Leiden

zu sein. „Die Art unserer Arbeit hat

sich verändert“, sagt Jobcoach Denise

Hulst. „Und wir müssen neue Fertigkeiten

erlernen, damit umzugehen.

Früher kam ein Kollege an unseren

Tisch, um etwas mitzuteilen. Jetzt bekommen

wir den ganzen Tag Infos

via Internet. Viele verwechseln diese

Informationsflut mit Arbeitsdruck.“

Einem gefühlten Druck, dem man sich

widersetzen kann: Auswählen und

Ordnen sind essenzielle Fähigkeiten

für mehr Ruhe im Job. Hulst: „Das

können simple Kniffe sein, wie zwischen

kleinen und großen Aufgaben

zu unterscheiden und zu wissen, wie

man Infos aus einer E-Mail in den

Kalender einpflegt.“ (Können Sie das?

Machen Sie Test 1 und 2.)

Hinzu kommt, dass immer weniger

Kollegen immer mehr Aufgaben haben.

Gut für sich selbst zu sorgen sei daher

äußerst wichtig, sagt Hulst. „Sich eine

Weile abzurackern ist nicht schlimm,

sofern einem klar ist, dass man danach

Erholung braucht. Machen Sie regelmäßig

kleine Pausen und Powernaps.“

(Test 3) Selbstfürsorge heißt zudem,

die eigenen Grenzen zu kennen und

Nein zu sagen, wenn es zu viel wird.

„Vielleicht können Sie auch Aufgaben

delegieren.“ (Test 4)

Lernen Sie zudem, Arbeit im übertragenen

Sinne „loszulassen“ (Test 5).

„Der eigene Ehrgeiz bestimmt, wie

man mit Druck umgeht. Legt man die

Latte für sich zu hoch, ist die Arbeit

gefühlt nie gut genug. Manche stellen

unrealistische Forderungen an sich

selbst. Loben Sie sich daher ruhig,

wenn Sie etwas gut gemacht haben.

Das steigert Ihr Selbstvertrauen – und

Ihre Arbeitsfreude.“ (Test 6)

106 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


EXTRA

TEST 1

Können Sie gut PLANEN?

Geben Sie an, was am ehesten auf Sie zutrifft:

nie

manchmal

regelmäßig

fast immer

1. Ich unterscheide zwischen Aufgaben, die ich im Nu erledige,

und großen Aufgaben, die ich in meinen Kalender eintrage. 1 2 3 4

2. 20 Prozent meiner Arbeitszeit nutze ich zum ungestörten Arbeiten. 1 2 3 4

3. Ich rechne damit, dass an jedem Arbeitstag Unvorhergesehenes

passiert, dem ich auch Zeit widmen muss. 1 2 3 4

4. Einen Plan erstellen und drei bis vier Wochen vorausschauen ist die

Methode, den Überblick zu behalten und Entscheidungen zu treffen. 1 2 3 4

Punktzahl:

4–7: Sie lassen sich von allem ablenken, was

vorbeikommt? Am Ende des Arbeitstages fragen

Sie sich, warum nicht alles fertig ist, was Sie

sich eigentlich vorgenommen hatten, und wie

es sein kann, dass Sie allerlei Ungeplantes gemacht

haben. Regelmäßig muss ein Kollege Sie

an ein nicht eingelöstes Versprechen erinnern.

8–11: Bei Ihnen läuft es noch nicht ganz optimal,

aber Sie sind auf einem guten Weg.

Ihnen ist klar, dass es besser ist, sich nicht sofort

auf alles einzulassen, was des Weges kommt.

Manchmal gelingt es Ihnen schon, sich mit der

Zeit zu verbünden: Sie arbeiten ungestört an

einer Aufgabe und erledigen diese innerhalb

der dafür vorgesehenen Zeit. Je öfter Sie erleben,

dass diese Vorgehensweise für Ruhe und

Effektivität sorgt, desto besser werden Sie das

hinkriegen.

12–16: Sie haben ein gutes Gefühl für die

Zeit, die Ihnen zur Verfügung steht. Sie planen

Aufgaben möglichst weit im Voraus,

unterscheiden nach der Art der Tätigkeit. Ihre

vorausschauende und planende Vorgehensweise

liefert Ihnen Wahlmöglichkeiten: sofort

erledigen, nicht erledigen, später erledigen

und jetzt bereits planen. Dadurch können Sie

viel leichter beurteilen, ob eine Aufgabe überhaupt

erledigt werden muss.

So bekommen Sie Ihre Aufgaben und Ihre Zeit

besser in den Griff

Machen Sie Planen zur täglichen Gewohnheit:

Nehmen Sie sich gerade bei hohem Arbeitsdruck die Zeit, erst einen Plan zu erstellen,

statt sofort in den höchsten Gang zu schalten.

Fragen Sie sich: Muss ich das jetzt wirklich machen?

Überlegen Sie die Konsequenzen, die es hätte, wenn Sie eine Aufgabe nicht erledigen.

Kein Streit oder finanzielle Einbußen? Dann können Sie es vielleicht auch lassen.

Erstellen Sie zu Beginn des Arbeitstages einen Plan, in dem Sie Zeit für Unvorhergesehenes

einräumen.

Schließen Sie den Arbeitstag ab, indem Sie sich fragen: Was habe ich erledigt, was

steht morgen auf dem Programm, was übermorgen oder nächste Woche?

Machen Sie es sich auch zur Gewohnheit, vier Wochen im Voraus zu planen –

erarbeiten Sie jeden Wochenplan am letzten Arbeitstag der vorherigen Woche.

Reservieren Sie einen Monat im Voraus für jede Woche ein paar Zeitblöcke, in denen

Sie in aller Ruhe Aufgaben erledigen, für die Sie sich konzentrieren müssen, oder um

Rückstände aufzuholen. Betrachten Sie diese Blöcke als heilig.

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 107


TEST 2

Wie gehen Sie mit E-MAILS um?

Geben Sie an, was am ehesten auf Sie zutrifft:

nie

manchmal

regelmäßig

fast immer

1. Für eilige Fragen greife ich zum Telefon und bestätige anschließend

per E-Mail die Vereinbarungen. 1 2 3 4

2. Ich erledige eine E-Mail möglichst direkt nachdem ich sie gelesen habe. 1 2 3 4

3. Wenn ich E-Mails erledigt habe, verschiebe oder lösche ich sie sofort. 1 2 3 4

4. Ich reserviere jeden Tag Zeit für das Erledigen meiner E-Mails und

halte mich möglichst strikt daran. 1 2 3 4

Punktzahl:

4–8: Es besteht die große Chance, dass

E-Mails bei Ihnen ein großer Zeitfresser sind

und Sie die tatsächlichen Tätigkeiten, die sich in

einer E-Mail verbergen, nicht gut überblicken

können. Die Tipps unten helfen Ihnen, mehr den

Überblick und somit mehr Ruhe zu bekommen.

9–12: Sie haben Ihr E-Mail-Postfach im Griff.

Richtig dicke Freunde sind Sie noch nicht, aber

Sie sind auf einem guten Weg. Mit einigen weiteren

Fertigkeiten und mehr Wissen darüber,

was ihr E-Mail-Programm alles kann – siehe die

Tipps unten –, kommen Sie noch weiter.

13–16: Sie kennen die Möglichkeiten Ihres

E-Mail-Programms wie Ihre Westentasche

und können damit gut umgehen. Das macht das

Programm zu einem effizienten Instrument.

Tipps für mehr Entspannung in Ihrer Mailbox:

Erlernen Sie die folgenden Fertigkeiten, bitten Sie gegebenenfalls einen Kollegen oder

Administrator um Hilfe:

Erstellen Sie in Ihrem Posteingang ein einfaches Archiv.

Schieben Sie E-Mails in Ihren Kalender und Ihre Aufgabenliste.

Übertragen Sie To-dos in den Kalender und machen Dates mit sich selbst aus. Schließlich ist ein

Termin, um an etwas zu arbeiten, was Ihnen wichtig ist, auch ein wichtiger Termin, der Zeit braucht.

Lassen Sie Ihren Rechner unerwünschte E-Mails automatisch löschen.

Treffen Sie über jede E-Mail immer eine klare Entscheidung.

Planen Sie täglich Zeiten ein, um E-Mails zu erledigen, statt das den Tag über immer wieder zu

tun. Halten Sie sich an diese Zeiten – und bearbeiten Sie Ihre E-Mails dann wirklich abschließend.

Halten Sie Ihre eigenen E-Mails kurz und bündig: Was, wo, wann, warum, wie und wer.

TEST 3

Wie verteilen Sie Ihre ENERGIE?

Geben Sie an, was am ehesten auf Sie zutrifft:

nie

manchmal

regelmäßig

fast immer

1. Ich mache bewusst Pausen, auch wenn ich viel zu tun habe. 1 2 3 4

2. Ich schlafe gut, auch wenn ich viel zu tun habe. 1 2 3 4

3. Ich habe meine Energieräuber gut im Griff. 1 2 3 4

4. Ich wechsle an einem Arbeitstag bewusst zwischen

verschiedenen Arten mentaler Anstrengung. 1 2 3 4

Punktzahl:

108 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


EXTRA

4–7: Wie Sie mit Ihrer Energie umgehen,

lässt sich stark verbessern. Beenden Sie etwa

eine Aufgabe bewusst, bevor Sie mit der nächsten

beginnen – Multitasking gibt es nicht. Legen

Sie Mini-Pausen ein, z. B. eine Minute auf

der Toilette die Augen schließen und tief und

ruhig atmen. Maßnahmen dieser Art bestimmen

stark, wie Sie sich nach Feierabend fühlen.

Die Fähigkeit, sich von Anstrengung zu erholen,

ist der Schlüssel für dauerhaftes, energiegeladenes

Arbeiten. Also das genaue Gegenteil

von immer weiterhetzen und glauben, noch

einen Gang zuzulegen sei die einzige Methode,

es zu schaffen. Auch wenn Letzteres eher Ihrer

Person entspricht: In hektischen Zeiten ist es

gerade gut, sich eine kurze Pause zu gönnen.

8–11: Sie sind auf einem guten Weg. Zwar

gibt es bei Ihnen noch immer regelmäßig Hektik

und Stress, aber Sie sind sich Ihrer eigenen

Energie und Effektivität dabei stets bewusst.

Sie spüren an Körper und Geist, dass es Ihnen

letztlich nichts bringt, kopflos umherzurennen.

Nutzen Sie die Tipps unten, um dem Alltagswahnsinn

nicht doch zu erliegen. Sie werden

tüchtig üben müssen, aber nach einem Arbeitstag

dann auch noch genug Energie haben,

um etwas Nettes zu unternehmen.

12–16: Sie wissen, was Sie brauchen, um

gut durch den Tag zu kommen, und nehmen

sich die Zeit für Pausen, auch wenn viel los

ist. Was Sie nicht ändern können, lassen Sie

los. Sie stehen voll hinter Ihren Entscheidungen

und haben kein Problem damit, wenn andere

Ihre Meinung nicht teilen. Selbstbewusstsein

und das Sorgen für Ihre Bedürfnisse sind für Sie

der Schlüssel zu dauerhaft guter Arbeit, und

so leben Sie auch. Auf die Art können Sie noch

viele Jahre am Arbeitsleben teilnehmen.

Tipps für eine bessere Energieverteilung:

Machen Sie auch in hektischen Zeiten Kaffee-, Mittags- und Teepausen, und teilen Sie das auch

Ihren Kollegen mit.

Trinken Sie nicht den ganzen Tag über Kaffee oder schwarzen Tee, auf Dauer ist Koffein

nämlich ein Energiekiller.

Beenden Sie konfuse Gespräche, die nicht zum Punkt kommen, und fragen Sie, worum es wirklich

geht.

Teilen Sie den Tag so ein, dass all Ihre Sinne zum Einsatz kommen: Hören (eine Vorlesung oder

schöne Musik), Schreiben (einen Artikel), Reden (über das, was Sie bewegt), Sehen (etwa einen

lehrreichen Youtube-Film), Riechen (in der Pause nach draußen gehen, zum Beispiel in den Park).

Widmen Sie Ihrer jeweiligen Tätigkeit die volle Aufmerksamkeit. Gehen Sie eine Stunde

offline und tauschen Sie die digitale Welt gegen das Hier und Jetzt.

TEST 4

Können Sie DELEGIEREN?

Geben Sie an, was am ehesten auf Sie zutrifft:

nie

manchmal

regelmäßig

fast immer

1. Ich will gern wissen, was vor sich geht. 1 2 3 4

2. Wenn ich anderen Aufgaben übertrage, verliere

ich die Übersicht. 1 2 3 4

3. Alles, was „rausgeht“, möchte ich erst selbst

sehen und prüfen. 1 2 3 4

4. Ich führe neue Ideen am liebsten selbst aus,

in jedem Fall aber meine eigenen. 1 2 3 4

Punktzahl:

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 109


4–7: Sie sind ein Naturtalent, Delegieren

ist für Sie ganz normal. Wenn Ihnen und Ihren

Kollegen klar ist, wie weit die Verantwortung

eines jeden reicht und was von jedem Einzelnen

erwartet wird, haben Sie den richtigen Mix

gefunden aus Eigenverantwortung, Steuerung,

Feedback und Vertrauen.

8–11: Sie können nicht so gut delegieren,

obwohl Sie es versuchen. Ihre eigene Arbeitsweise

ist für Sie die Norm, und Sie gestatten

anderen zu wenig Raum zu, die Arbeit auf ihre

Art zu erledigen. Hilfreich wäre, ganz konkret

zu formulieren, welche Anforderungen die Ergebnisse

erfüllen sollen und wann Sie möchten,

dass man Sie um Feedback bittet.

12–16: Sie haben ein hohes Kontrollbedürfnis

und Schwierigkeiten, loszulassen. Auf

Dauer kann das zu einer ständigen Überbelastung

führen. Und auf Kollegen kann Ihr Mangel

an Vertrauen und Flexibilität demotivierend wirken.

Ran an die Arbeit: Versuchen Sie es doch

einmal mit dem folgenden Drei-Schritte-Plan.

Delegieren in 3 Schritten:

Notieren Sie all Ihre Tätigkeiten.

Überlegen Sie sich bei jeder einzelnen Aufgabe sorgfältig, ob es unbedingt erforderlich ist,

sie selbst zu erledigen, oder ob Sie jemand anderen damit beauftragen können.

Versuchen Sie nicht, ausschließlich die unbedingt notwendigen Aufgaben zu delegieren,

sondern auch angenehme; dadurch werden Kollegen eher gewillt sein, sich für Sie ins Zeug

zu legen. Und vielleicht bringt Ihnen das im Gegenzug auch einmal eine nette Aufgabe von jemand

anderem ein.

TEST 5

Wie gut können Sie LOSLASSEN?

Geben Sie an, was am ehesten auf Sie zutrifft:

nie

manchmal

regelmäßig

fast immer

1. Ich stelle mir selbst Deadlines, wenn andere sie nicht vorgeben. 1 2 3 4

2. Ich halte meine To-do-Liste immer up to date, damit ich den

Kopf frei habe. 1 2 3 4

3. Ich notiere am Ende des Tages, was liegen geblieben ist und was

ich am nächsten Tag machen will. 1 2 3 4

4. Ich beende den Arbeitstag bewusst und lasse Jobkram bewusst

gedanklich los. 1 2 3 4

Punktzahl:

4–7: Kann gut sein, dass Ihnen der Kopf

schwirrt! Viele Dinge wollen erledigt werden

und kämpfen um Ihre Aufmerksamkeit. Oft überfällt

Sie das Gefühl, noch so viel zu tun und zu

wenig Zeit dafür zu haben. Am Ende des Tages

sind Sie müde und haben weniger geschafft,

als Ihre Müdigkeit rechtfertigen würde.

8–11: Sie versuchen ab und an, das Gewusel

in Ihrem Kopf zu zähmen. Aber auch hier gilt:

Es ändert sich erst etwas, wenn Sie die Disziplin

aufbringen, das wirklich strukturell zu tun. Abnehmen

klappt ja auch nicht, wenn Sie zweimal

die Woche auf Torte verzichten und es sich ansonsten

schmecken lassen.

12–16: Sie erleben schon oft, wie angenehm

es ist, anstehende Aufgaben aus dem

Kopf zu verbannen und dort zu parken, wo

sie hingehören: in den Terminkalender, an einen

Tag in naher Zukunft, aber auf keinen Fall

alle direkt in den nächsten Tag. Das zu erleben,

darum geht es.

Meist brauchen Menschen eine positive Erfahrung,

um sagen zu können, dass etwas funktioniert,

und anschließend auch dabei zu bleiben.

Geben Sie sich also die Chance auf so ein positives

Erlebnis. Loslassen bedeutet Platz schaffen

für etwas anderes, und das kann auch

Entspannung und Faulenzen sein.

110 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


EXTRA

So bekommen Sie mehr innere Ruhe:

Entscheiden Sie jedes Mal bewusst, eine Tätigkeit zu beenden, bevor Sie eine neue anfangen.

Schließen Sie jeden Tag bewusst ab. Notieren Sie, was liegen geblieben ist, und

bestimmen Sie anschließend anhand Ihres Terminkalenders, wann Sie was davon erledigen.

Das braucht nicht unbedingt am nächsten Tag zu sein.

Schauen Sie am Ende des Tages auch zurück auf das, was sie erledigt haben, und loben Sie

sich: Gut gemacht – und morgen ist wieder ein Tag!

Führen Sie sich hin und wieder vor Augen, dass es – häufiger, als Sie vielleicht denken –

keine Katastrophe ist, wenn Sie einen Teil der Arbeit aufschieben.

Machen Sie sich klar, dass Listen zum Leben gehören: Es wirkt erleichternd, wenn Sie

versuchen, das zu akzeptieren.

TEST 6

Leiden Sie unter PERFEKTIONISMUS

und VERSAGENSANGST?

Geben Sie an, was am ehesten auf Sie zutrifft:

nie

manchmal

regelmäßig

fast immer

1. Ich kann nicht gut Spaß haben an dem, was ich tue. 1 2 3 4

2. Mir fällt es regelmäßig schwer, mit einer Aufgabe anzufangen. 1 2 3 4

3. Ich will gern sicher wissen, dass ich über alle relevanten

Informationen verfüge, bevor ich mit etwas beginne. 1 2 3 4

4. Ich empfinde konstruktive Kritik an dem, was ich tue, als schwierig. 1 2 3 4

Punktzahl:

4–7: Versagensangst oder Perfektionismus

machen Ihnen kaum Probleme. Wahrscheinlich

arbeiten Sie entspannt, und Sie haben genug

Selbstvertrauen. Sie sind in der Lage, konstruktive

Kritik als Option zum Lernen zu betrachten.

8–11: Sie sind mitunter etwas empfindlich,

leiden an Aufschieberitis und arbeiten ab

und an eher widerwillig. Was Ihnen helfen

könnte, weiterhin positiv über Ihre Arbeit zu

denken: Versuchen Sie, sich den Spaß daran zu

erhalten, geben Sie sich selbst Komplimente,

wenn Sie mit Ihrer Leistung zufrieden sind.

12–16: Das Risiko ist recht groß, dass Ihnen

Ihr eigener Perfektionismus im Weg steht –

und Sie daher das Gefühl haben, etwas nicht

gut zu können. Die Folge: Aufschieben von Aufgaben.

Sie setzen sich selbst unter Druck, wenn

Sie die Latte so hoch legen. Es ist vielleicht einfacher

gesagt als getan, aber eine gute Übung

für mehr Entspannung und Spaß bei der Arbeit

ist, ein „Befriedigend“ dafür bekommen zu wollen

– und kein „Gut“. Misslingen Ihre Versuche

immer wieder, kann es klug sein, sich mal mit einem

Experten auszutauschen.

So sind Sie schneller mit Ihren Leistungen zufrieden:

Legen Sie zuvor eine Reihe von Kriterien fest, denen das Endergebnis genügen muss.

Sehen Sie zu, dass diese Kriterien realistisch zu erfüllen sind.

Kriterien aufgelistet? Gehen Sie diese kritisch mit einem Kollegen durch und überarbeiten sie.

Entscheiden Sie bei jeder Aufgabe, wie viel Zeit Sie dafür aufwenden wollen.

Vereinbaren Sie mit einem Kollegen einen Zeitpunkt, um den Zwischenstand einer Aufgabe

zu besprechen, und entscheiden Sie dann, wie viel Zeit Sie noch darin investieren wollen.

Entscheiden Sie sich bewusst dafür, eine Aufgabe wirklich in der mit Ihnen selbst vereinbarten

Zeit zu erledigen. Die Chance ist nämlich groß, dass Sie dann 80 Prozent erledigt kriegen. Alles,

was Sie zusätzlich machen, verbessert das Endergebnis zudem eh oft kaum.

Text: Marlies Kieft // Tests: Denise Hulst (Jobcoach und Trainerin)

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21 überzeugende

Wege, NEIN zu sagen

Einfach „Ja“ sagen ist oft viel leichter als „Nein, geht nicht“.

Aber schon hat man Zusagen gemacht, die Zeit und

Energie kosten. Zeit und Energie, die man eigentlich

anderweitig gebraucht hätte. So geht ABSAGEN OHNE

SCHULDGEFÜHL – mit unserem Drei-Stufen-Plan

ANGENEHME GEWOHNHEIT

Ähnliches schreibt die amerikanische

Soziologin Christine Carter vom Greater

Good Science Center der University

of California in ihrem Blog. „Es ist

eine abwärts führende Spirale, die damit

beginnt, dass ich die Bedürfnisse

eines anderen auf Kosten meiner eige-

Warum ist Neinsagen so schwierig?

Warum pressen Sie mit

einem gequälten Lächeln ein „Ja,

gern“ oder „Ist gut“ hervor, wenn die

Nachbarin Sie zu ihrem Geburtstag

einlädt, ein Kollege plötzlich neben Ihrem

Schreibtisch steht und etwas besprechen

möchte oder Sie gebeten

werden, den Vorsitz der Elternvertretung

zu übernehmen? Dabei spüren

Sie doch genau, dass Sie dazu weder

Zeit und Energie noch Lust haben.

„Kurzfristig erzeugt Ablehnen mehr

Spannung als Zusagen“, erklärt Arbeits-

und Organisationspsychologin

Marloes Abrahamse. „Sie fühlen sich

weniger schuldig, die Beziehung zum

Bittsteller bleibt gut, und wahrscheinlich

gibt es keine Konflikte.“ Immer

wenn wir jemandem einen Korb geben

– ob Partyeinladung oder Bitte des

Kollegen –, besteht das Risiko, dass

der andere unfreundlich reagiert oder

man selbst sich mies fühlt.

Die meisten entscheiden sich daher für

die kurzfristigen Vorteile des Jasagens.

Aber, so Abrahamse, langfristig ist es

viel belastender, wenn Sie immer wieder

nachgeben. „Womöglich macht es

Sie reizbar oder trübsinnig. Und mit

etwas Pech wirken Sie auf andere auch

noch unzuverlässig, weil Sie einfach

nicht jeden zufriedenstellen und allen

Ansprüchen genügen können. Sie sagen

dann Ja, aber erledigen etwas nur

halb oder zu spät. Sagt man nie Nein,

kann das also langfristig zu psychischen

Beschwerden, Konflikten und

Enttäuschungen führen.“

nen erfülle, und damit endet, dass ich

zu müde dafür bin, mich um wen

auch immer zu kümmern – inklusive

meiner selbst. Und dann habe ich

schon gar keine Kraft mehr, auf nette

Anfragen einzugehen.“

„Ja zu dem einen zu sagen bedeutet

nämlich automatisch, Nein zu etwas

anderem sagen zu müssen“, erklärt

Marloes Abrahamse. „Man verfügt

nun einmal nur über begrenzt Zeit

und Energie. Daher ist es wichtig, sich

bewusst zu machen, wozu Sie eigentlich

gerade Nein sagen, wenn Sie wieder

einmal Ja sagen.“

Wenn Sie sich zu viel Arbeit aufhalsen

oder zu oft außer Haus verabredet

sind, sagen Sie beispielsweise

Nein zu Ihrer eigenen Gesundheit

oder Ihrem Wohlbefinden, Nein zur

Qualitätszeit mit Ihrem Partner oder

Kind, Nein zu Ihrer Nachtruhe. Dinge,

die Ihnen ja vielleicht doch sehr

wichtig sind.

112 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018


EXTRA

Die gute Nachricht ist, dass Sie das

Neinsagen auch zu einer angenehmen

Gewohnheit machen können. Zu etwas,

wozu Sie sich berechtigt fühlen,

statt Angst davor haben zu müssen.

Grenzen setzen ist nicht egoistisch. Im

Gegenteil – wer selbst ausgeglichener

ist, wird auch netter, offener, verständnisvoller

und großzügiger zu anderen.

Wie lernt man, Nein zu sagen?

Laut Soziologin Christine Carter

in drei Schritten:

SCHRITT 1

Bereiten Sie sich vor

Bevor Sie mit dem Neinsagen anfangen,

ist es wichtig zu wissen, wozu

Sie offen Ja sagen möchten. „Wer

von seinem Nein innerlich noch nicht

überzeugt ist, wirkt auf andere

schwammig“, sagt Psychologin Marloes

Abrahamse. Diese Unklarheit

führt dazu, dass man es weiterhin bei

Ihnen versuchen wird. Es ist leichter,

etwas abzuschlagen, wenn Sie für sich

selbst geklärt haben, warum Sie das

nicht können oder wollen und wo Ihre

Prioritäten liegen.

Stellen Sie Regeln auf, von denen Sie

wissen, dass Sie sie brauchen, um ruhig,

fit und zufrieden zu bleiben. Beispielsweise:

Nie häufiger als an zwei

Abenden pro Woche ausgehen, weil

Sie sonst müde und schlecht gelaunt

sind. Notieren Sie in Ihrem Kalender

feste Zeiten für Dinge, die Sie selbst

wichtig finden und brauchen; nicht

nur Jobaufgaben, sondern auch Zeit

für Familie, Sport, die Buchhaltung

oder Wandern. Dann sehen Sie sofort,

wann Sie zur Verfügung stehen und

wann nicht. Und es wird auch leichter,

zu sagen: Da habe ich schon etwas

anderes vor – auch wenn es sich dabei

um einen entspannten Abend in der

Badewanne handelt.

Haben Sie jedoch Zeit, überlegen Sie

bei jeder Bitte: Will ich das? Oder mache

ich es vor allem, weil ich glaube,

ich sollte? Wird mir das Spaß machen?

SCHRITT 2

Sagen Sie Nein

Es gibt gleich 21 Möglichkeiten, dies

auf nette Weise zu tun – laut der Liste

von Soziologin Christine Carter (Seite

114). Aber einfach frei heraus Nein

zu sagen geht auch, findet Marloes

Abrahamse: „Die meisten Menschen

schieben ihren Absagen ellenlange Erklärungen

hinterher. Aber das wirkt

weniger entschlossen und sorgt in unserer

Kultur manchmal sogar für Ärger,

weil es defensiv rüberkommt.“

Wir befürchten, ein schlichtes Nein

könne zu schroff wirken, und winden

uns deswegen. Effektiver ist es jedoch,

nicht zu viele Worte darüber zu verlieren.

Abrahamse: „Sie können aber

fragen, ob der andere wissen will,

warum. Ich frage manchmal: ,Möchten

Sie die kurze oder die lange Erklärung

für mein Nein?‘ Meistens reicht

den Leuten die kurze Version. Die

Antwort bleibt schließlich: Nein.“

Abrahamse betont, dass es einen Unterschied

macht, ob Freunde, Familie

oder Kollegen um etwas bitten – oder

Ihr Arbeitgeber. Oft handelt es sich bei

Letzterem um Aufträge, und da ist es

schwieriger, Nein zu sagen. In diesem

Fall werden Sie verhandeln müssen;

sagen Sie beispielsweise, dass Sie nicht

alles schaffen können, was von Ihnen

verlangt wird, und fragen Ihren Vorgesetzten,

welche andere Aufgabe Sie

dafür beiseitelegen können.

„Gestatten Sie sich selbst, Anfragen zu

verweigern“, sagt Abrahamse. „Und

Grenzen setzen ist nicht

egoistisch – im Gegenteil, Sie

helfen anderen damit

PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MAI/JUNI 2018 113


Nein.

Und nochmals Nein.

ABLEHNEN ODER ABWIMMELN wird um

einiges leichter mit diesen 21 Ideen von Soziologin Christine Carter:

gestehen Sie dem anderen das Recht

zu, kurz enttäuscht zu sein. Aber machen

Sie sich klar, dass Sie für die Gefühle

des anderen nicht verantwortlich

und nicht dazu da sind, fremde Bedürfnisse

zu befriedigen.“

Eventuell können Sie eine Alternative

anbieten: einen Kollegen vorschlagen,

einen späteren Zeitpunkt oder andere

– für Sie selbst angenehme – Bedingungen.

Bedrängt man Sie aber weiter,

wiederholen Sie Ihr Nein. Hat der andere

es immer noch nicht verstanden,

sagen Sie, wie Sie dieses Verhalten finden,

und beenden Sie das Gespräch.

SCHRITT 3

Stehen Sie hinter

Ihrer Entscheidung

Versuchen Sie, sich nach Ihrer Absage

auf die positiven Effekte Ihrer

Entscheidung zu konzentrieren, sagt

Christine Carter, und nicht auf

Schuldgefühle oder Bedauern. Und

sagen Sie auf keinen Fall doch noch

(halbherzig) zu, weil Sie Ihr Nein

für den anderen unangenehm finden.

Als positive Effekte können Sie zum

Beispiel nennen: Sie sind ausgeruhter,

haben sich Zeit für etwas Schöneres

oder Wichtigeres freigeschaufelt, sind

für sich selbst eingetreten.

„Das perfekte Nein, das, mit dem Sie

für immer von allen Anfragen erlöst

werden, gibt es nicht“, sagt Marloes

Abrahamse. „Schließlich geht es darum,

dass Sie sich Ihrer kurz­ und

langfristigen Bedürfnisse bewusst sind.

Wenn Sie zugleich auch das Interesse

des anderen im Blick haben, gehört

manchmal auch Verhandeln dazu –

Hauptsache, Sie kriegen es hin, Ihre

eigenen Interessen gut zu wahren.“ //

1. Vage, aber effektiv: „Vielen Dank für die Einladung, aber das

werde ich nicht schaffen.“

2. Es ist nicht persönlich: „Vielen Dank für Ihre anfrage, aber zurzeit

nehme ich neben Projekt X überhaupt nichts an.“

3. Versuchen Sie es später noch einmal: „Ich würde gern, aber bis

august stehe ich nicht zur Verfügung. Dann können Sie mich gern noch

einmal fragen.“

4. Soll ich … fragen? „Ich kann das nicht für Sie tun, aber ich kann

fragen, ob … vielleicht Zeit hat.“

5. Versuchen Sie es weiter: „an diesem Termin kann ich nicht, aber ich

möchte dich wirklich gern sehen. Gibt es noch andere Möglichkeiten?“

6. Versuchen Sie es spontan: „Diesen Monat passt es nicht in meinen

Kalender, aber ich würde es wirklich gern einmal machen. Rufst du mich

an, kurz bevor du noch einmal hingehst?“

7. Dankbarkeit: „Ich danke Ihnen sehr für Ihre nette anfrage, aber momentan

kann ich Ihnen leider nicht helfen!“

8. Denken Sie auch mal an Ihren Partner (wenn die Kinder sich mit

Bitten vor allem an Sie wenden): „Sollen wir fragen, ob Papa/Mama das

machen kann?“

9. Fünf-Minuten-Einsatz: „Ich kann nicht kommen, aber ich kann dir

dabei helfen, es bekannt zu machen, indem ich es auf meine Website

stelle/eine Rundmail schreibe.“

10. Einfach Nein: „Danke schön, aber das muss wohl ohne mich gehen.“

(Belassen Sie es bei diesem Satz!)

11. Elegant: „Ich weiß es zu schätzen, dass Sie mich fragen, aber ich bin

schon anderweitig verpflichtet.“

12. Tut mir leid: „Ich wünschte, ich könnte, aber es geht einfach nicht.“

13. Jemand anderes hat es beschlossen: „Ich habe meinem Coach/

Partner/Therapeuten versprochen, keine neuen Projekte anzunehmen.

Ich bin dabei, mich um eine bessere Balance im Leben zu bemühen.“

14. Meine Familie ist der Grund: „Vielen Dank für die Einladung, aber

dann spielt mein Sohn Fußball, und ich verpasse nie ein Spiel.“

15. Ich kenne jemand anderen: „Ich habe jetzt einfach keine Zeit, aber

ich kann jemanden empfehlen.“

16. Ich habe schon etwas vor: „Ich weiß es zu schätzen, dass du an

mich denkst, aber an dem Tag habe ich schon etwas anderes vor.“

17. Grenzen setzen: „Ich sage dir, was ich tun könnte“ – und Ihren Einsatz

so beschränken, dass Sie sich selbst dabei noch wohlfühlen.

18. Kein Nein, aber auch kein Ja: „Ich denke darüber nach und melde

mich später noch mal.“

19. Nichts sagen: Nicht alle Bitten erfordern eine antwort. Es fühlt sich

unhöflich an, Bitten zu ignorieren, aber manchmal ist es für alle das Beste.

20. Erzählen Sie von all Ihren Belastungen: „Die Kinder sind krank,

diese Woche muss auch das Badezimmer noch umgebaut werden, und

die Deadline für Projekt X steht an.“

21. Mir steht es bis hier: „Ich muss mich jetzt wirklich einmal um

mich kümmern.“ Machen Sie deutlich, dass es nicht persönlich gemeint

ist, aber dass Sie nicht machen können, worum derjenige Sie bittet.

Quelle: Christine Carter, greatergood.berkeley.edu

Text: Dagmar van der Neut // Illustrationen: Veronica Grech, Getty Images

114 PSYCHOLOGIE BRINGT DICH WEITER MaI/JuNI 2018


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