Einblicke

sachsen

EINBLICKE

CHEMNITZ

Aufbruch in

die neue Moderne

DRESDEN

Kraft der

Widersprüche

ZITTAU

Sprung

über Grenzen


N D A K U Y A L A V I E E S T


3

EDITORIAL

Titelbild: Stephan Floss. Illustration: Anja Stiehler-Patschan/Jutta Fricke Illustrators

Drei in einem

In Kamenz, einer Kreisstadt in der

westlichen Oberlausitz, wacht der wohl

noch immer größte Sohn des Städtchens

wohlwollend über seine Heimat:

der Dichter und Aufklärer Gotthold

Ephraim Lessing. Im Jahr 1863, kurz

nachdem ein verheerender Brand dessen

einstiges Geburtshaus zerstört hatte,

schuf der Leipziger Bildhauer Hermann

Knaur dieses heute längst mit Grünspan

überzogene Nachbild des Dichters,

setzte es auf einen massiven Granitblock

und ließ es von dort droben in die weite

sächsische Landschaft hinausschauen.

Seither also thront er dort. Und was er,

wäre denn seine Büste wirklich lebendig,

von der erhobenen Position erblicken

könnte, das würde ihm ganz sicher

gefallen: Denn ganz wie in seiner

berühmten Ringparabel streiten derzeit

drei ganz unterschiedliche Parteien im

Lande um die Gunst, wenn schon nicht

eines Vaters oder gar Gottes, so wenigstens

der Kultusministerkonferenz samt

Kulturstaatsministerin Grütters. Die

nämlich wollen sich im kommenden

Jahr anschicken, eine Entscheidung

darüber zu fällen, welche deutsche Stadt

sich 2025 den Ehrentitel „Kulturhauptstadt

Europas“ ans Revers heften darf –

ein Titel, mindestens so reizvoll wie der

berühmte Ring des Weisen, dessen Opal

ja angeblich die Kraft besaß, „vor Gott

und Menschen angenehm zu machen“.

So bemühen sich denn nun auch

die sächsischen Städte Chemnitz, Dresden

und Zittau um diesen begehrten

Titel und stoßen dafür schon jetzt in

ihren jeweiligen Bürgerschaften nachhaltig

wirkende kulturelle Prozesse an.

Ralf Hanselle,

Kulturjournalist und

Redakteur der EINBLICKE

Doch welche der drei wird am Ende

das Rennen um den seit 1985 von der

Europäischen Union in Brüssel vergebenen

Titel machen? Es ist wie mit dem

Wettstreit um Nathans verflixten Ring:

Da alle Söhne dem Vater „gleich gehorsam

waren,/ Die alle drei er folglich

gleich zu lieben/ Sich nicht entbrechen

konnte ...“

Es bahnt sich eine Tragödie an; doch

zum Glück muss an dieser Stelle noch

keine Entscheidung her, und so können

die Bewerberstädte auf den kommen den

Seiten zunächst einmal ihren zuweilen

sehr verschiedenartigen kulturellen

Reichtum präsentieren. In Porträtgeschichten

– etwa über die

Zittauer Schauspielintendantin

Dorotty Szalma

oder die Künstlerfamilie

Kummer aus Chemnitz –,

in Interviews und Festivalberichten,

aber auch über

die Wiedergabe kontrovers

geführter Kunstdebatten –

etwa über einen Dresdener

Bilderstreit – wird der jeweils

aktuellste Bewerbungsstand

präsentiert. Und dann ist da noch

der Dreiergipfel ab Seite 12, bei dem

sich die Bewerbungsverantwortlichen

der Städte erstmals direkt gegenüberstehen:

„Man untersucht, man zankt,/

Man klagt. Umsonst; der rechte Ring

war nicht/ Erweislich“.

So bleibt die Lösung für das Ring-

Dilemma, so viel sei schon an dieser

Stelle verraten, auch am Ende dieses

ho fentlich unterhaltsam gemachten

Magazins unauffindbar. Bliebe also nur

der weise Rat des alten Mannes auf

dem Granitblock im sächsischen Kamenz:

„Es strebe von euch jeder um die

Wette,/ Die Kraft des Steins in seinem

Ring’ an Tag/ Zu legen! komme diese

Kraft mit Sanftmut,/ Mit herzlicher

Verträglichkeit, mit Wohltun,/ Mit innigster

Ergebenheit in Gott/ Zu Hilf’!“

Wäre allein dies das Ergebnis der

Bewerbung für 2025, die ganze Mühe

hätte sich mehr als gelohnt. •

Covermotiv:

Unser Coverfoto zeigt

die Chemnitzer Künstlerfamilie

Kummer beim

angeregten Gespräch

über alle wichtigen Fragen,

die bei einer Bewerbung

zur Kulturhauptstadt

Europas auftauchen

können. Den Text finden

Sie auf Seite 30

EINBLICKE


4 INHALT

INHALT

Straße der Freundschaft

Eine fotografische Reise entlang

der Europastraße 40

Seite 6

Drei für Europa

Im Trialog stellen Chemnitz, Dresden

und Zittau ihren Fahrplan für 2025 vor

Seite 12

Stadt, Land, Fluss

Die Neiße durchfließt einen einzigartigen

Natur- und Kulturraum

Seite 18

Kreativphase „ibug“ 2018, Chemnitz

Brachen zu Bildern!

In Chemnitz und Dresden gibt es

zwei Festivals für Urban Art

Seite 24

Heimat Film

Ein Besuch beim „Neiße Filmfestival“

in Zittau

Seite 28

Das Gesamtkunstwerk

Die Künstlerfamilie Kummer

bittet zu Tisch

Seite 30

Stadt der Träumer

Ein historischer Spaziergang durch

die Gartenstadt Hellerau

Seite 32

Andreas Langhammer, Unternehmer aus

Rammenau, auf der „Straße der Freundschaft“

Kinder, welch Theater!

Ein Gespräch mit der Dresdener

tjg­ Intendantin Felicitas Loewe

Seite 40

Die Menschenfreundin

Ein Porträt der Zittauer Schauspielintendantin

Dorotty Szalma

Seite 34

Ostdeutsche Landschaft

Sachsen entdeckt die Kunst aus

der einstigen DDR noch einmal neu

Seite 36

Klare Kante

Ortstermin in der Villa Esche, einem

Juwel von Henry van de Velde

Seite 44

Service

Die wichtigsten Termine auf dem Weg

zur Europäischen Kulturhauptstadt

Seite 48

Fotos: Frank Krems. Luise Blumstengel

IMPRESSUM

Herausgeber Freistaat Sachsen

Archivstr. 1, 01097 Dresden

Verlag Res Publica Verlags GmbH,

Fasanenstraße 7–8, 10623 Berlin

Geschäftsführung Christoph Schwennicke,

Alexander Marguier

Verlagsleitung Jörn Christiansen

Redaktion Ralf Hanselle (fr.), Christoph

Schwennicke (V.i.S.d.P.)

Art-Direktion StudioKrimm (fr.)

Bildredaktion Tanja Raeck

Chefin vom Dienst Kerstin Schröer

Korrektorat Ulrike Mattern (fr.)

Redaktionsmarketing Janne Schumacher

Herstellung/Vertrieb Erwin Böck

Druck/Litho Neef+Stumme

premium printing GmbH & Co. KG,

Schillerstr. 2, 29378 Wittingen

Leserservice Cicero Leserservice,

20080 Hamburg, Tel.: +49 (0)30 346 465 656

E-Mail: abo@cicero.de

Verlag Tel.: +49 (0)30 981 941–100, Fax –199

Diese Drucksache wird auf der Grundlage

des von den Abgeordneten des Sächsischen

Landtags beschlossenen Haushaltes zur

Verfügung gestellt.

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GmbH als leistenden Unternehmer.


Gabriele Hohmann, Leiterin der

Fahrbibliothek in Hainichen

„Auf dem Land ist in der Vergangenheit

viel Infrastruktur weggefallen. Aber

mit unserer Fahrbibliothek bekommt

man weiterhin die ganze Welt nach

Hause geliefert“


BILDERBOGEN

7

Straße der

Freundschaft

Menschen entlang der Europastraße 40 verwandeln

Sachsen in eine Landschaft im Herzen Europas

FOTOS Frank Krems

Einst verband die legendäre Via

Regia die wichtigen Städte Sachsens

mit Antwerpen im Westen

und Kiew im Osten. Heute durchquert

die Europastraße 40 den Kontinent

und bringt nicht nur Chemnitz mit der

Oberlausitz in Kontakt, sondern ist

Verkehrs- und Lebensader für Franzosen

wie Kirgisen gleichermaßen. Wir haben

uns mit Menschen verabredet, die an

der viel befahrenen Autobahn leben

und für die das vereinigte Europa längst

eine gelebte Realität geworden ist.

In kurzen Statements erzählen sie auf

den folgenden Seiten davon, warum

Sachsen für sie nicht primär am Rande

Deutschlands, sondern vor allem im

Zentrum Europas liegt.

EINBLICKE


Kerstin Petzold, Massagepraktikerin

aus Weißenberg „Inmitten weitläufiger

Landschaft leben in der Oberlausitz

warmherzige Menschen, die die

Fähigkeit besitzen, Gefühle anderer

in ihr Handeln mit einzubeziehen.

Diese Warmherzigkeit spiegelt sich

auch im Umfeld wider“


Elke Hopfe, Grafikerin aus Dresden

„Wir brauchen mehr Europa – gerade

auch in der bildenden Kunst. Ich

denke, dass der Austausch mit den

Künstlern aus Polen oder Tschechien

zu Zeiten der DDR wesentlich inten ­

siver war. Heute blickt man zu oft in

Richtung Westen“


Maria Grüner, Pfarrerin aus Pulsnitz

„In Sachsen trifft beständige Vergangenheit

auf modernes, junges Leben, auf

Industrie und Fortschritt. Auch wenn es

von vornherein nicht so leicht ist, in den

Kreis der Einheimischen aufgenommen

zu werden, so sind doch die Menschen

offenherzig und gastfreundlich“


Martin Paul Müller, Maler aus Dresden

„Gerade in Dresden gibt es eine lange

Tradition der europäischen Moderne: Dix,

Kirchner oder Heckel sind Maler, die die

europäische Kunstgeschichte nachhaltig

beeinflusst haben“


Konkurrenten und

Partner: Ferenc Csák,

Kai Grebasch und

Michael Schindhelm

(v.l.n.r.)

Drei für Europa


13

Der Weg zur Europäischen

Kulturhauptstadt

2025 ist lang. Die

drei Bewerbungsverantwortlichen

erklären

im Interview Motive,

Wegmarken und Ziele

INTERVIEW Michael Bartsch

FOTOS Stephan Floss

Im Jahr 2025 wird Deutschland –

neben Slowenien – ein weiteres Mal

eine Kulturhauptstadt Europas stellen.

Mit Chemnitz, Dresden und Zittau

haben sich gleich drei sächsische Städte

um den Titel beworben. Bis im Herbst

2020 die Kultusministerkonferenz zusammen

mit der Beauftragten der Bundesregierung

für Kultur und Medien

den eigentlichen Sieger küren wird, gibt

es in den drei Städten noch viel Arbeit.

Im Gespräch erklären die Bewerbungsverantwortlichen

Ferenc Csák (Chemnitz),

Kai Grebasch (Zittau) und

Michael Schindhelm (Dresden) den jeweiligen

Fahrplan zum ersehnten Ziel.


TRIALOG

Seit März 2018 ist der Theaterintendant und

Kulturberater Michael Schindhelm Kurator der

Dresdener Bewerbung

EINBLICKE: Seit dem Jahr 1985 ernennt

die Europäische Union jährlich eine

neue „Europäische Kulturhauptstadt“.

Dieser Titel scheint unverändert

attraktiv zu sein. Was hat Ihre Stadt

jeweils zur Bewerbung für das Jahr

2025 inspiriert?

KAI GREBASCH: Wir haben in der gesamten

Neißeregion einschließlich unserer polnischen

Nachbarn sehr viel Kraft aus

der letztlich nicht erfolgreichen Görlitzer

Bewerbung 2010 gezogen. Die Idee,

eine solche Bewerbung nochmals anzustreben,

kam vom Görlitzer Landrat

Bernd Lange. Eine Stadt, nicht noch

einmal Görlitz, sollte für die Region

vorangehen. So hat der Landrat unseren

kulturell sehr engagierten Oberbürgermeister

Thomas Zenker gefragt, ob er

sich das vorstellen könne.

FERENC CSÁK: Als ich im Sommer 2015

als Leiter des Kulturbetriebes nach

Chemnitz kam, hatten mehrere Kultureinrichtungen

und die Oberbürgermeisterin

Barbara Ludwig Gespräche über

eine Kulturhauptstadtbewerbung längst

„Es gab in Europa ein

Narrativ, nach dem

Kultur eine Form der

Neuentwicklung von

Städten sein könne“

angestoßen. Wegen meiner Erfahrun ­

gen mit Pécs 2010 wurde ich dann um

meine Meinung gefragt. Ich denke, jede

Stadt sollte sich gut überlegen, welche

Ziele sie sich mit solchen Bewerbungen

setzt. Die Kulturhauptstadtbewerbung

von Chemnitz entwickelt sich zum Katalysator

für Stadtentwicklungsprozesse

der nächsten zwei Jahrzehnte. Unsere

Arbeit ist inspirierend und nachhaltig.

MICHAEL SCHINDHELM: Als ich das Mandat

als Kurator für Dresden übernahm,

„Die Programme,

mit denen unsere

Städte ins Rennen

gehen, sind sehr

unterschiedlich“

haben mich viele in Unkenntnis gefragt,

wieso Dresden nicht ohnehin

Kulturhauptstadt sei. Es gibt historisch

ge wachsene Städte, die diesen Rang

haben, und wahrscheinlich würde man

Dresden hier auch einordnen wollen.

Deshalb meinen viele wiederum, Dresden

hätte geringe Chancen, weil die

Stadt in den Augen der Jury schon alles

habe. Und so hätte man es in Dresden

womöglich auch gesehen, wenn sich

gesellschaftliche Konflikte nicht gerade

hier zugespitzt hätten, Stichwort

Pe gida. Hinzu kommt der Imageschaden

durch den Verlust des Welterbetitels

nach dem Bau der umstrittenen Waldschlösschenbrücke.

Deshalb hat sich der

Stadtrat relativ früh für eine Bewerbung

2025 entschieden.

In diesem Kontext würde ich gern

eine steile These vortragen, der Sie

widersprechen dürfen: Haben nicht

alle drei Städte ein Trauma zu kompensieren

und erhoffen Heilung

durch den Kulturhauptstadt-Prozess?

CSÁK: Chemnitz galt und gilt als die

Stadt der Brüche, gesellschaftlich und

industriell. Die vergangenen 28 Jahre

seit der Wende erlauben aber eine

komplett neue Perspektive für die

Stadt.

SCHINDHELM: Das Ruhrgebiet ist auch

eine Region, die der Heilung bedurfte.

Es gab – etwa bei Essen 2010 oder bei

Weimar 1999 – ein Narrativ, nach dem

Kultur eine mögliche Form der Neuentwicklung

von Städten im postindustriellen

Zeitalter sein könne. Kultur sei

EINBLICKE


TRIALOG

15

demnach die neue Energieressource der

Städte. Wir sind aber jetzt in einer anderen

Phase. In den vergangenen 25, 30

Jahren haben viele Städte von Glasgow

bis Herrmannstadt den Kulturhauptstadttitel

benutzt, um ihre Hardware

upzugraden und um in ihre kulturelle

Infrastruktur zu investieren. Heute

prägt Zerrissenheit den Kontinent, die

Spaltung in ein Lager, das Zukunft in

einer ofenen Gesellschaft will, und

in ein anderes, das in die Vergangenheit

schaut und Abgrenzung fordert. Auch

hier im Osten stehen wir in dieser Entwicklung.

Es geht also um Investitionen

in Menschen, in die Gesellschaft. Wie

halten wir eine Gesellschaft zusammen,

die zunehmend auf Grenzen setzt?

GREBASCH: Die Oberlausitz bietet ein

gutes Beispiel für viele ländliche Räume

in Europa. Aus der Perspektive der

großen Städte sind wir an den Rand

gerückt. Die Leute nehmen das auch

so wahr: Niedergang, Abwanderung,

demografischer Wandel, ein politischer

Rechtsruck. Das ist ein Problem für

die Dynamik in einer solchen Region.

Wir müssen Identität schafen, das

Gefühl geben, dass man nicht zu den

Verlierern gehört; auch, dass Nachbarschaft

nicht nur wirtschaftliche Konkurrenz

zu Polen oder Tschechien bedeutet.

Insofern ergibt die Kulturhauptstadtbewerbung

allein schon dadurch einen

Sinn, dass wir als Region gemeinsam

ein Thema angehen.

CSÁK: Der Wirtschaftsregion Sachsen-

Chemnitz-Zwickau ging es immer gut,

wenn sie in der Familie Europa zu

Hause war. Das gilt auch für Zuwanderung.

Ich beobachte wie Herr Schindhelm

auch verschiedene Phasen der

Kulturhauptstadtbewerbungen. Aber

eigentlich hat es das Programm Kulturhauptstadt

Europas in 40 Jahren immer

wieder geschaft, Kulturpolitik als

Gesellschaftspolitik zu verstehen.

Stadtkultur versteht sich also als Labor

für die großen kulturellen Fragen?

Ferenc Csák ist Leiter des Kulturbetriebes

der Stadt Chemnitz und des Projekts

Kulturhauptstadt

CSÁK: Die Zeiten sind vorbei, in denen

man von der Bundes- oder der Landesebene

maßgebliche Ziele und Strategien

erwarten sollte. In der Kommune, in

der Region sollten Zukunftsperspektiven

aufgezeigt werden.

Darin scheinen Sie übereinzustimmen,

aber daraus erwächst auch eine

innersächsische Konkurrenzsituation.

Stehen Chemnitz, Dresden und Zittau

mit der Bewerbung also gegen -

einander?

GREBASCH: Ich sehe keine echte Konkurrenz

und würde trefender von einem

Wettbewerb sprechen. Die Programme,

mit denen wir ins Rennen gehen, sind

sehr unterschiedlich und regionalbezogen,

und wir verschafen uns keinen

Vorteil, indem wir andere schlecht

machen.

CSÁK: Wichtig ist, aus Görlitz 2010

die Lehre zu ziehen, dass die Lichter

nicht einfach ausgehen, sollte man den

Titel nicht bekommen. Auch die Jury

verlangt einen Plan B für den Fall der

„Chemnitz, Dresden

und Zittau stehen

nicht miteinander in

Konkurrenz, es ist

eher ein Wettbewerb“

Nichtnominierung, erwartet, dass die

Landesregierungen die Bewerbungsleistungen

finanziell anerkennen. Dafür

sollten wir gemeinsam gegenüber der

Landes- und Bundesregierung eintreten.

„Es hat sich auf jeden Fall gelohnt“,

haben Sie, Kai Grebasch, damals

gesagt, als Görlitz Essen den Vortritt

lassen musste.

GREBASCH: Wir haben leider die Kulturhauptstadtidee

nicht über Görlitz

EINBLICKE


16 TRIALOG

hi naustragen können; wir waren zu

klein und auf uns bezogen. Das wollen

wir mit dem Schritt in die Region jetzt

anders machen. Bei uns kann man

europäische Musterlösungen studieren:

das alltägliche Leben mit den östlichen

Nachbarn, das Leben in einer geteil ­

ten Stadt wie Görlitz, das Leben mit

Minderheiten wie den Sorben.

Dresden bildet die natürliche Dominante.

Herr Schindhelm, wie sehen Sie

Ihre Mitbewerber?

SCHINDHELM: Ich sehe schon einen sportlichen

Wettbewerb. Brüssel möchte

„Die Bewerbung

muss gelebt werden.

Man muss mit

ihr aufstehen und

zu Bett gehen“

von den Bewerbern nachhaltige Konzepte

sehen, doch werden die Jurymitglieder

zu diesem Zeitpunkt der

Bewerbung nicht in den einzelnen Städten

vorbeikommen. Das ist ein Problem,

und so kommen Fehlentscheidungen

wie die italienische Stadt Matera

zustande, die im kommenden Jahr den

Titel tragen wird und die die meisten

Pläne nicht umgesetzt hat. Außerdem

wissen wir nicht einmal, ob es die EU

2025 noch gibt – eine bizarre Situa tion.

Deshalb halte ich den Plan B fast noch

für wichtiger. Es geht um das, was

wir ohnehin tun müssen. Die Bewerbung

ist nur ein Instrument, diese

Hausauf gaben an zugehen. Dabei sollten

wir die gemeinsamen Schnittmengen

betonen.

CSÁK: Einspruch! Ich beobachte schon

eine größere Sorgfalt der Jury bei der

Titelvergabe. Man möchte für die Stadtgesellschaft

relevante Projekte sehen.

Ungeachtet der Titelvergabe – kann

der Bewerbungsprozess schon zu dieser

notwendigen Verständigung auf unsere

kulturellen Grundlagen beitragen?

Von einem neuen Kulturbegriff sprechen

auch kleine Zentren der kulturellen

Basis, die im Zuge der Kulturhauptstadtbewerbung

verstärkt ans

Licht drängen.

SCHINDHELM: Die Zukunft wird durch

Technologie und Migration zu radikaleren

Veränderungen unserer Städte

führen. Wir müssen mit der nächsten

Generation gemeinsam darüber nachdenken,

wie wir das Nichtwestliche,

Nichtchristliche, möglicherweise auch

Nichtdemokratische einbeziehen und

damit umgehen.

CSÁK: Europa hat ein Jahrzehnt verschlafen,

in dem antidemokratische Kräfte

die neue geopolitische Lage dominieren,

finanziert von Ländern außerhalb Europas,

aber auch nach Europa hineinwirkend.

Es wird Aufgabe der Kommunen

sein, die ja größtenteils Träger der kulturellen

Infrastruktur sind, dem etwas

entgegenzusetzen. Und natürlich hat

eine Kulturhauptstadtbewerbung immer

einen Horizont von zwei Jahrzehnten,

und der Erfolg zeigt sich oft erst nach

den Jahren, in denen die Veranstaltungen

stattgefunden haben.

GREBASCH: Ich will nicht von der

Oberlausitz auf die große Weltpolitik

schließen oder glauben, dass wir auf

sie Einfluss nehmen können. Ich bemerke

aber, dass ofene Grenzen einigen

Angst machen, obschon sie uns eigentlich

helfen. Die jüngsten Kommunalwahlen

in Polen und Tschechien nähren

wiederum Hofnung, dass Nationalisten

nicht die Oberhand gewinnen. Erfreulicherweise

verschiebt sich eine Wahrnehmung.

Nicht das 130 Kilometer

entfernte Dresden gilt als die nächste

Großstadt, sondern das früher schon

einmal vertrautere Liberec.

Das Marseille-erfahrene Jurymitglied

Ulrich Fuchs hat gesagt, die Rolle

Kai Grebasch ist in Zittau verantwortlich

für das Stadtmarketing und für das Projekt

Kulturhauptstadtbewerbung

„Wo Politik versagt,

stiftet Kultur Identität,

Zusammenhalt

und Kommunikation

mit dem Fremden“

EINBLICKE


TRIALOG

17

der Kultur werde bei der Lösung

der dringenden Zeitfragen überschätzt.

SCHINDHELM: Das halte ich bei aller

Wertschätzung für Quatsch. Kultur ist

wichtiger geworden, das kann man

überall beobachten. Sie stiftet gerade

dort Identität, Zusammenhalt und

Kommunikation mit dem Fremden,

wo die Politik versagt. Bei uns wird

sie auch als ein Instrument der Partizipation

und des Widerspruchs in der

Demokratie gebraucht.

Stichwort Partizipation. In Dresden

haben sich von Anfang an freie Künstler,

Initiativen und die Soziokultur

gemeldet und gesagt: Nicht ohne uns!

Gibt es in Zittau oder Chemnitz überhaupt

eine vergleichbare Spannung

zwischen sogenannter Hoch- und

Basiskultur?

CSÁK: Wir sind bei einem breiten Kulturbegrif

angelangt, der die Kleingärten

ebenso einbezieht wie unsere großen

städtischen Kunstsammlungen. Das

hilft auch der Freien Szene, und Chemnitz

ist da beispielhaft mit einem Anteil

von fünf Prozent der Kulturausgaben.

Nicht die Intendanten und Leiter der

großen Kultureinrichtungen haben

sich ein Programm für die Bewerbung

überlegt, sondern alle haben dazu

einen ofenen Zugang.

GREBASCH: Den Titel bekäme auch

bei uns nicht das Gerhart-Hauptmann­

Theater, sondern das Kulturleben einer

ganzen Region. Wir brauchen die Menschen

dafür. Einige können leider nur

zum geringen Teil etwas mit diesem

Titel anfangen und reden dann prompt

zuerst von dem, was sie für Hochkultur

halten. Da müssen wir aufklären und

ein Bewusstsein für die Chancen

schafen.

CSÁK: Eine Kulturhauptstadtbewerbung

bietet auch der Verwaltung eine riesige

Spielwiese, neue Förderinstrumente

zu erfinden. Bei uns sind es die mit bis

zu 2500 Euro unterstützten „Mikroprojekte“

des kulturellen Zusammenlebens.

Die Stadtverwaltung insgesamt

ist zur Reflexion über ihre Umgangsformen

aufgerufen. Die Bewerbung ist

eine Querschnittsaufgabe. Die Bewerbungskriterien

tun in dieser Hinsicht

„Unser Kulturbegriff

bezieht die Kleingärtner

ebenso mit

ein wie unsere großen

Kunstsammlungen“

auch weh und verlangen eine Auseinander

setzung mit der eigenen

Situation. Dazu gehören bei uns auch

die Spuren der Vergangenheit von

Industrie und Arbeit.

Wie schätzen Sie die Resonanz in

der Einwohnerschaft ein? In Dresden

begann es mit einer Postkartenaktion,

in die sogar der Fußballklub Dynamo

Dresden einbezogen war.

CSÁK: Ich kenne keine Kulturhauptstadtbewerbung,

bei der sich bereits am

Anfang des Prozesses spontan 100 000

Leute versammelt hätten. Das ist zunächst

eigentlich immer eine Sache der

Avantgarde. Auch mit Kampagnen und

Basisarbeit wird man erfahrungsgemäß

etwa die Hälfte der Einwohner nicht

erreichen. Bei manchen fällt erst nach

dem Titeljahr der sprichwörtliche

Groschen. Aber immerhin hat eine

Umfrage in Chemnitz kürzlich gezeigt,

dass Dreiviertel der Einwohner wissen,

dass wir uns bewerben.

GREBASCH: Der Weg ist das Ziel. Und da

wollen wir möglichst viele mitnehmen.

Immerhin gibt es bei uns als einziger

Stadt im Mai 2019 einen Bürgerentscheid

darüber, ob wir uns im Herbst

wirklich bewerben wollen.

CSÁK: Das ist mutig! Aber man braucht

auch eine greifbare Mehrheit.

Wie fühlen Sie sich mit Ihren kleinen

Stäben? Nur als Provisorium angesichts

der Erfolgsaussichten?

GREBASCH: Für die gegenwärtige Phase

sind in Zittau erst einmal drei Stellen in

einer städtischen Gesellschaft geschafen

worden. Der Vorteil des Bürgerentscheids

überwiegt das Risiko. Wir werden

ohne Frage über das nicht allzu

ausgeprägte „kulturelle Grundrauschen“

hinaus Menschen mobilisieren. Solche

Impulse für gemeinsame Ziele brauchen

Zittau und die Oberlausitz sowieso,

und falls es nicht für den Titel reichen

sollte, werden wir das Angestoßene

weiterführen.

CSÁK: Solch eine Bewerbung muss

in jedem Fall gelebt werden, ins Blut

gehen, damit muss man aufstehen

und zu Bett gehen. Denn ich teile die

Meinung von vielen Experten nicht,

dass wegen des Ost-West-Prozesses

nach Essen nun wieder eine ostdeutsche

Stadt den Titel erhalten müsste. Man

hat in der Be werbungsphase die

Chance, einen Traum zu leben, und

das mit wunder baren Leuten. Aber

das ist auch ein Weg, den wir mit

der Taschenlampe gehen. Wir wissen

heute nicht, wo wir in zwei Jahren

herauskommen werden. •

EINBLICKE


18 FLUSSLAUF

Stadt, Land,

Fluss

Caspar David Friedrichs Bild „Ruine Oybin“, um 1812, hat

das Zittauer Gebirge zur Ikone gemacht

Eine kulturhistorische Reise entlang der Neiße

durch das kleine „Europa der Regionen“

EINBLICKE


FLUSSLAUF

19

Auch das ist Zittauer Romantik: Johann Christian

Gotthelf Müllers Gemälde „Neißetal“, um 1810

Fotos: Christoph Irrgang/bpk/Hamburger Kunsthalle, Privatsammlung in der Hamburger Kunsthalle. Jürgen Matschie/Städtische Museen Zittau

TEXT Josefine Gottwald

und Ralf Günther

Über Jahrhunderte

hinweg lag Zittau

an den wichtigen

Lebensadern Mitteleuropas

Kennen Sie Kamjenc, Budyšin

oder Běła Woda? Es sind Orte

in der Oberlausitz. Die Straßenschilder

in Teilen dieser Gegend sind

zweisprachig. Die zweite Sprache ist hier

eine slawische: Sorbisch. Sie ist eine

Besonderheit der Lausitz, und beileibe

nicht die einzige.

Das Gebiet um Zittau macht auf den

ersten Blick einen verschlafenen Eindruck.

Lange Zeit jedoch war es an den

Lebensadern Mitteleuropas gelegen.

Wichtige Handelswege, wie die Salzstraße,

führten hindurch, aber auch der

Wallfahrtsweg nach Santiago de Compostela.

Die Jakobsmuschel als Kennzeichen

der Pilger grüßt hier noch heute

von Kirchen und Gasthäusern und weist

den Wanderern den Weg. Große Speicher,

wie das Salzhaus in Zittau, aber

auch die eindrucksvollen Renaissance-

Bürgerhäuser, wie etwa das Dornspachhaus,

zeugen von bürgerlichem Wohlstand

und dem Selbstbewusstsein

vergangener Zeiten. Nach dem Zweiten

Weltkrieg wurde die Lausitz in eine

Randlage gedrückt. Die Neiße, vorher

mitten in Deutschland, wurde zum

Grenzfluss. Mit der Solidarność-

Gründung im sozialistischen Bruderstaat

Polen wurde er auch für Ostdeutsche

so gut wie unüberquerbar.

Die deutschen Namen der eingangs

erwähnten Orte lauten übrigens: Kamenz,

Bautzen und Weißwasser. Was in

vielen dieser Städte ins Auge fällt, ist

die großflächige Erhaltung historischer

Bau substanz. Unter den Baudenkmälern

sind wahre Kleinodien: Die

St.-Johannis-Kirche in Zittau etwa

verfügt über eine Silbermannorgel; das

Rathaus wurde im venezianischen Stil

errichtet. Bautzen besticht mit mittelalterlicher

Altstadt und einem historischen

Markt. Görlitz, das man von

Zittau über einen Radwanderweg erreichen

kann, war schon im 15. Jahrhundert

Ausflugsziel: Dort findet man noch

heute eine Nachbildung des Heiligen

Grabes in Jerusalem, das die historische

Topografie zur Zeit der Kreuzigung

Christi präziser abbildet als das Original.

Die Grabkapelle und die Kreuzigungskapelle

sind baulich getrennt, anders

als in Jerusalem, wo heute eine

architektonisch recht verbaute Kathedrale

die drei heiligen Orte – Salbstein,

Kreuzigungshügel und Grabes höhle –

unter einem Dach vereint. Sogar einen

stilisierten Garten Gethsemane besitzt

die Görlitzer Anlage, jenseits eines angedeuteten

Jordantals. Aber warum diese

Kopie, so fern des östlichen Originals?

EINBLICKE


20 FLUSSLAUF

Die Antwort ist eigentlich simpel: Eine

Wallfahrt war im Mittelalter eine teure

Angelegenheit. Nach Görlitz hingegen

kam nahezu jeder. Die Stadt an der

Neiße war ein florierender Verkehrsknoten

mit Laufkundschaft. Und der Kirche

war es egal, ob man das Vorbild in

Jerusalem oder das Nachbild in Görlitz

bewallfahrtete.

So kommt es vielleicht nicht von

ungefähr, dass 500 Jahre später auch die

Traumfabrik von Hollywood die

Stadt mit ihren besonderen Locations

für sich entdeckt hat. Teile der Bernhard-Schlink-Verfilmung

„Der Vorleser“

wurden hier gedreht, vor allem aber erstrahlt

das glamouröse Warenhaus, eines

der besterhaltenen Jugendstil-Kaufhäuser,

an prominenter Innenstadtstelle.

Der prestigeträchtige Bau lieh sein Inneres

als spektakuläre Kulisse dem Wes-

Anderson-Film „Grand Budapest Hotel“.

Auch Bill Murray hat in Görlitz

gedreht. Mit ein Grund dafür, dass sich

die durch die Neiße geteilte Stadt mittlerweile

mit dem Etikett „Görliwood“

schmückt. Die Grenze zu Polen verläuft

in der Mitte einer Fußgängerbrücke,

die man heute problemlos und ohne

jede Kontrolle von beiden Seiten passieren

kann.

Über Jahrhunderte war die Oberlausitz

eine Art nördlicher Appendix

Böhmens. Wer heute von Graz oder

Salzburg kommt und womöglich über

Budweis oder Brünn zum Zisterzienserinnenkloster

St. Marienthal gelangt,

erkennt diesen kulturellen Zusammenhang

auf den ersten Blick: Die barocke

Gestalt der Zwiebeltürme verweist

deutlich ins Südosteuropäische. Und

das nur eine Kanufahrt neißeabwärts

von Zittau.

Eine Kuriosität findet sich auch in

der Gruft der imposanten Kirche des

Klosters. Dort liegt Henriette Sontag,

die erste Gesangsvirtuosin der deutschen

Musikgeschichte. Goethe nannte

sie einst seine „flatternde Nachtigall“.

Konzertreisen führten sie bis nach England

und Amerika. 200 Jahre vor der

Erfindung von Fernsehen und Internet

begeisterte sie ein weltweites Publikum.

Den prominenten letzten Ruheort hat

Henriette Sontag ihrer älteren Schwester

Caspar David

Friedrich machte

einen schroffen

Felsen oberhalb

Zittaus zur Ikone

zu verdanken, die Äbtissin in St. Marienthal

war. Was hätten sie sich zu

erzählen gehabt, der skandalumwitterte

Star von Weltrang und die Gott angetraute

Lausitzer Nonne. Leider kam es

nicht zum klösterlichen Dialog, denn

„die Sontag“ verstarb in Mexiko auf

Konzert reise und wurde erst posthum

ins Tal der Neiße gebracht.

Nicht nur der Fluss, auch ein leidenschaftliches

Herzensband verknüpft die

charmante Klosteranlage in der Nähe

Zittaus mit einem anderen prominenten

Ort an der Neiße: Bad Muskau. Hier

residierte einst einer der exzentrischsten

Adligen des 19. Jahrhunderts, der Gartenkünstler

und Orientreisende Fürst

Hermann von Pückler-Muskau. Und

just der hatte sich in London in die

atemberaubende Henriette Sontag verliebt.

Was er indes nicht wissen konnte:

Die Diva war heimlich mit einem

sardischen Adligen verheiratet, der

sich für die Ehe mit einer Sängerin noch

schämte. Pückler machte der Sontag

einen Heiratsantrag – den die Sängerin

natürlich ablehnen musste. Fortan

litt er fürchterlich unter der Abfuhr.

Jetzt ruhen die Entflammten nur eine

zweistündige Autofahrt voneinander

entfernt: Fürst Pückler in einer selbst

entworfenen Pyramideninsel in Branitz,

„die Sontag“ in der Barockgruft der

Kloster-Schwester.

Von einer frühen Englandreise

war Fürst Pückler – ja, das berühmte

Eis ist nach ihm benannt – derart

inspiriert zurückgekehrt, dass er einen

der grandiosesten Englischen Gärten

auf dem Kontinent anlegte. Das Bett

der Neiße hat er dafür teilweise in einen

künst lichen Flusslauf verlegen lassen.

Um Landschaftsgemälde mit echten

Büschen und Bäumen zu malen, um

Alleen und künstliche Berge mit den

bestmöglichen Ausblicken zu erschafen,

musste er sich so hoch verschulden,

dass er am Ende keinen anderen Ausweg

wusste, als zum zweiten Mal nach

England zu reisen und nach einer wohlhabenden

Gattin Ausschau zu halten.

Der Plan missglückte, und Fürst

Pückler musste sein Schloss mitsamt

Park verkaufen. Heute gehört die

Anlage zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Ein anderer Ort der Lausitz wurde

ganz ohne Pücklers Zutun zu einer

besonderen Sensation: Der Berg Oybin,

ein ebenso schrofer wie sehenswerter

Felsen oberhalb Zittaus mit einer Klosterruine,

wurde durch Caspar David

Friedrich zu einer der wichtigsten Ikonen

der Romantik. Um das Jahr 1812

wanderte Caspar David Friedrich

zusammen mit dem Malerfreund Friedrich

Kersting durch diese Gegend und

ließ sich von der besonderen Mystik

des Berges inspirieren.

EINBLICKE


FLUSSLAUF

21

Ausbruch aus der Idylle: Hans Kramers Bild

„Regulierungsarbeiten an der Neiße“, 1932

Foto: Jürgen Matschie/Städtische Museen Zittau

Andere Wandergesellen schufteten in

einer Mühle, wie Krabat, der sorbische

Zauberer. Die Erzählung um den

Müllerburschen, der das Handwerk der

schwarzen Magie erlernt und seinem

Meister durch eine List entkommt,

wurde von Otfried Preußler romantisch

und anspruchsvoll für unsere Gegenwart

aufgearbeitet. Historisch soll Krabat

aus der Zeit Augusts des Starken

stammen und ihm in seinen Feldzügen

beigestanden haben. Der Kern des

Mythos aber ist älter und wurzelt in

slawisch-heidnischer Zeit. Der literarisierte

Krabat jedenfalls wurde zu

einer Art Nationalepos der Sorben –

und das ganz ohne Nation!

Dass Krabat darüber hinaus aber im

besten Sinne „multikulti“ ist – so wie

die ganze Region im Dreiländereck –,

wurde deutlich, als Preußlers Version

der Sage sowohl den tschechischen als

auch den polnischen und deutschen

Jugendbuchpreis errang. Die slawischen

Wurzeln finden sich auch in den

Namen der Müllerburschen wieder:

Lyschko, Tonda, Hanzo, Witko oder

Lobosch. Die angebetete Kantorka trägt

den Namen der sorbischen Vorsängerin

zum Osterbrauch.

Die Sorben vereinen slawische

Mystik und katholischen Glauben. Mit

dem sogenannten Osterreiten, das vor

allem in der Gegend nordwestlich

von Bautzen als lebendiges Brauchtum

gepflegt wird, wurde das heidnische

Ritual, die Fruchtbarkeit der Felder

durch Umritte zu beschwören, ins

Katholische übertragen. Selbst wer mit

Religion wenig vertraut ist, ist beeindruckt

von der Wirkung der schwarz

gekleideten Reiter, die mit fliegenden

Frackschößen und Zylindern die

Monstranz begleiten. Die sorbischen

Segnungslieder werden mit Inbrunst

gesungen.

Gestüte aus ganz Sachsen stellen ihre

Pferde zur Verfügung, und Touristen

aus aller Welt harren auf Feldwegen

oder im Hof des Klosters St. Marienstern

in Panschwitz-Kuckau aus, um

Zeugen dieses Brauchtums zu werden.

Wer sich tiefer mit der Oberlausitz

befassen will, der muss graben. Nicht

nach Braunkohle wie in der Niederlausitz,

sondern nach den kulturellen

Wurzeln. Die Region, die seit dem

Mittelalter ein zusammenhängendes

Territorium mit mehr oder weniger unverändertem

Zuschnitt ist, beheimatet

eine Schnittstelle der Kulturen. Mal

war der Kurfürst von Sachsen, mal der

Markgraf von Brandenburg, ein anderes

Mal wiederum der König von Ungarn

oder Böhmen oder gar der Kaiser des

Heiligen Römischen Reiches höchster

Landesherr. Doch Prag war weit, Wien

noch weiter und selbst Dresden eine

Tagesreise entfernt. Dies führte zu einer

starken Rolle der Landstände und der

Städte. Den Höhepunkt bürgerlicher

Selbstbestimmung erreichte die Landschaft

an der Neiße mit dem Sechsstädtebund.

Die durch den Handel erstarkten

Bündner Zittau, Görlitz, Bautzen,

Kamenz, Lauban und Löbau erlangten

mit ihrem Zusammenschluss im Jahr

1346 eine erhebliche Selbstständigkeit

EINBLICKE


22 FLUSSLAUF

Kaum ein Romantiker, der nicht am Oybin gewesen wäre.

Hier: C. G. Carus „Fenster am Oybin im Mondenschein“, 1825/28

gegenüber dem damaligen Landesherrn,

dem böhmischen König Karl IV. Die

bedeutendsten Städte der Oberlausitz

unter der Führung Zittaus unterhiel ten

Verbindungen nach Böhmen und

Schlesien genauso wie nach Italien oder

Ungarn. Und das, ohne dem Regenten

Rechenschaft schuldig zu sein! So gab es

in den Sechsstädten bereits ein „Europa

der Regionen“, lange bevor dieses

Schlagwort wirklich erfunden war.

Eine Sonderrolle spielten auch die

Klöster, die erhebliche eigene Macht

entfalteten. Diese Lausitzer Besonderheit

führte dazu, dass das gesamte Gebiet

bis heute kein einheitliches Glaubensgebiet

ist. Die reichsweite Regelung

cuius regio, eius religio galt hier nicht,

da es keinen gebietseinheitlichen

Feudal herren gab. Im Einflussgebiet der

Klöster St. Marienstern und St. Marienthal

blieb die Bevölkerung katholisch,

in den Territorien der protestantisch

gewordenen Fürsten war man evangelisch,

in den unabhängigen Städten gab

es beides.

So gibt es bis heute in der Oberlausitz

– anders als im übrigen Sachsen –

einen hohen Anteil Katholiken. Was

lebendig und erfahrbar ist, ist nicht nur

der spannende Kulturmix, sondern

In der Oberlausitz

kann der Besucher

bis heute eine

lebendige Spiritualität

erleben

auch eine lebendig gebliebene Spiritualität,

die den Glauben wie den Aberglauben

der Vorfahren ernst nimmt.

Krabat oder der wandernde Zauberer

Pumphut sind die populäre Vorhut

einer ganzen magischen Schar von trickreichen

Irrlichtern, dem heimtückischen

Wassermann oder der grausamen

Mittagsfrau, die nur von den Schlauen

und Fleißigen überlistet werden

können. Und schlau und fleißig sind die

Menschen hier alle. Doch die Zeiten,

da sie im Zentrum der Aufmerksamkeit

lagen, sind vorbei. Die Bewerbung

Zittaus mitsamt der Neiße-Region zur

Europäischen Kulturhauptstadt ist

ein Versuch, die Region erneut aus dem

Dornröschenschlaf zu wecken. Das

eine oder andere Mal ist das in der Vergangenheit

schon gelungen. •

Josefine Gottwald war Redakteurin, bevor sie

sich dem Schreiben von Romanen widmete.

Ihre Leidenschaft für die Erforschung von

Volksglauben macht den Kulturtransport zum

Kern ihrer Werke

Ralf Günther ist vor allem als Autor historischer

Romane bekannt. Sein Erstling „Der

Leibarzt“ wurde ein Bestseller wie auch einige

seiner nachfolgenden Bücher. Sein aktuelles

Werk „Als Bach nach Dresden kam“ erschien

2018 bei Rowohlt

Foto: bpk/Museum Georg Schäfer Schweinfurt

EINBLICKE


FLUSSLAUF

23

Foto: Jürgen Matschie/Städtische Museen Zittau

Auch die moderne Neiße ist bildwürdig: Hans Lillig

„Neiße bei Kleinschönau“, 1946

EINBLICKE


Bei der „ibug“ 2018

verwandelten

80 Künstler eine alte

Nadelfabrik in ein

riesiges Kunstwerk

Brachen zu Bildern!


SUBKULTUR

25

Mit der „ibug“ in

Chemnitz und dem

Dresdener Festival

„LackStreicheKleber“

wird in Sachsen das

einstige Schmuddelkind

Urban Art

hübsch herausgeputzt

TEXT Susanne Magister

Fotos: © studiobenai. © LSK

Morgens um acht in Dresden:

Es herrscht reger Verkehr

am Bischofsplatz. Am S-Bahn-

Haltepunkt über der Straße stehen

Dutzende Pendler, die Hände tief in

den Jackentaschen vergraben. Die spätherbstliche

Kälte buhlt mit dem grauen

Himmel um den Tristesse-Pokal. Der

Baustellencharme ringsum tut sein

Übriges. Nur die Wände spielen nicht

mit. Unzählige Graffiti-Tags in kunstvoller

Verquickung leuchten von der

ganzflächig besprayten Giebelfläche

eines Gründerzeithauses. Farbstrotzende

Graffiti, Comic- und Fabelwesen

blitzen aus allen Winkeln der Aufund

Durchgänge des erst 2016 neu

erbauten S-Bahn-Haltepunkts.

Was die beiden Schaufenster urbaner

Kunst eint, ist, dass sie ihr kunstvolles

Zustandekommen dem Verhandlungsgeschick

einzelner Street-Art-Aktivisten

der Stadt verdanken. Nachdem nämlich

einige Akteure und Initiativen keine

Lust mehr auf ein reines Nebeneinander

in der sächsischen Landeshauptstadt

hatten, beschlossen sie 2014, ihr Potenzial

zu bündeln. Gemeinsam sollte etwas

angeschoben werden, das die Urban-

Wandbild von Michal

Škapa auf dem

„LackStreicheKleber“-

Festival in Leuben,

Dresden

Art-Szene in Dresden intern besser

vernetzen und sie mit Stadt und Bewohnern

in Kontakt bringen könnte. Das

„LackStreicheKleber“-Festival war geboren.

Bald waren auch nichtkünstlerisch

tätige Unterstützer mit an Bord, darunter

die Kulturmanagerin Yvonne Bonfert.

Energisch schiebt sie an diesem

nebligen Wintertag ihr Fahrrad durch

das Baustellenlabyrinth. Mittlerweile ist

sie Vorstandsmitglied des Festivalvereins

und eine der Hauptorganisatorinnen

des „LackStreicheKleber“, kurz LSK.

Beim wärmenden Kafee erzählt die

31-Jährige von den zahlreichen Highlights

aus fünf Jahren Urban-Art-

Festival geschichte. Eines davon war

die Kooperation mit dem Verkehrsverbund

Oberelbe und der S-Bahn, in

deren Rahmen 30 Künstler der lokalen

Street-Art-Szene 2016 den besagten

Haltepunkt „verkunstet“ haben.

So wie hier geht es den „LackStreiche

Kleber“-Machern stets darum, regionalen

Akteuren einen Rahmen zu bieten

sowie mit Live-Aktionen, Street-Art-

Führungen, Workshops und Co. möglichst

niedrigschwellig Menschen aus

verschiedenen Stadtteilen zu erreichen.

Während in Dresden der Fokus häufig

auf dem Althergebrachten liegt, weht

mit der Urban Art, die schon von

sich aus etwas Rebellisches hat, frischer

Wind durch die Stadt. „Diese Kunst

hat das Potenzial, qua Ausdrucksform

viele Menschen zu erreichen und Denkprozesse

anzuregen“, meint Yvonne

EINBLICKE


Zahlreiche Besucher

kamen im letzten Jahr

zur 13. Ausgabe der

„ibug“ nach Chemnitz

Bonfert. Als „schnelle Kunstform“

könne die Urban Art auch sofort auf

aktuelle Dinge reagieren.

Zunehmend geht es dabei auch um

die Einbindung akademischer Akteure.

So war etwa beim letzten LSK erstmals

das Dresdner Italienzentrum mit an

Bord, italienische Street-Art-Künstler

wurden zum Festival eingeladen, und

es gab eine Ausstellung mit einem

Urban-Art-Künstler aus Florenz.

Mit „Perform the Urban Art“ rückt

seit letztem Jahr auch die Performance-

Kunst in den Fokus und schiebt

den Qualitätsdiskurs von „LackStreiche­

Kleber“ weiter an.

Jens Besser, LSK-Organisator und

einer der umtriebigsten Street-Art-

Künstler der Landeshauptstadt, sieht

in dem Bereich noch jede Menge

ungenutztes Potenzial. Er möchte den

„Anspruchsdiskurs“ zur Urban Art

vorantreiben. Außerdem schwebt ihm

eine Artothek mit gesammelter Street-

Art-Kunst vor – bevorzugt in einem

der weniger subkulturaffinen Viertel der

Stadt, etwa in einer „Platte“ in Gorbitz.

In Chemnitz gibt es so etwas bereits

– allerdings institutionell betrieben

von der Neuen Sächsischen Galerie/

Museum für zeitgenössische Kunst.

Das eigentliche Aushängeschild für

Urban Art geht im Chemnitzer Raum

allerdings von anderer Seite aus:

Die Industriebrachenumgestaltung,

Die „ibug“ hat sich

zu einem international

bedeutenden

Festival für urbane

Kunst gemausert

kurz „ibug“, lockt seit 13 Jahren alljährlich

stetig wachsende Künstler- und

Publikumsgruppen in westsächsische

Indus triebrachen und mauserte sich

zu einem der international bedeutendsten

Festivals für urbane Kunst.

Alles begann hier damit, dass der

Meeraner Künstler Tasso auf der Suche

nach neuen Entfaltungsmöglichkeiten

auf ein ehemaliges IFA-Werk stieß, in

dem dereinst Trabbis hergestellt wurden.

Bevor die Brache abgerissen werden

sollte, erhielt er 2006 die Erlaubnis, sich

dort künstlerisch auszutoben. Kurzerhand

lud er auswärtige und befreundete

Künstler ein – es entstand ein spontanes

Künstlersymposium. Aus der Begeisterung,

die sich daraus speiste, dass hier

nicht nur Wände besprüht, sondern

auch ortsbezogene Objektkunstwerke

geschafen werden konnten, entstand

dann die Idee eines regelmäßigen Festivals.

Jedes Jahr zieht die Karawane nun

zu einer anderen Industrie brache und

veranstaltet ihr Kunstfestival an zwei

aufeinanderfolgenden Wochenenden im

Spätsommer. Zuletzt war es die ehemalige

VEB Nadel- und Platinenfabrik

„Textima“, die von gut 80 Künstlern

aus 17 Nationen kreativ umgestaltet

wurde.

Für die Künstler und ehrenamtlichen

Helfer ist die „ibug“ ein großes Netzwerktrefen

mit Happeningcharakter –

schlafen und leben sie doch vorab

gemeinsam in improvisierten Indoorcamps

direkt in den Industriedenkmälern.

Drumherum gibt es für die Gäste

Konzerte, Podienformate, Performances

und den großen Street-Art-Markt.

Foto: Loquita Pictures

EINBLICKE


SUBKULTUR

27

Mit gut 19 000 Besuchern blieb man

2018 vermutlich nur deshalb knapp

unter der 20 000er-Marke, da just während

der Festivalzeit die Stadt Chemnitz

wegen ausländerfeindlicher Ausschreitungen

in die Schlagzeilen geriet. Dieser

traurigen Entwicklung setzt das Festival

mit Internationalität und Weltofenheit

bewusst klare Signale entgegen. Thomas

Dietze, „ibug“-Projektleiter und freier

Fotograf, betont allerdings, dass man

Urban Art

wird mittlerweile

zu hundert

Prozent als Kunst

wahrgenommen

den Künstlern so viel Freiheit wie

möglich lasse und lediglich eine inhaltliche

Stimmigkeit berücksichtige.

Auf die Frage, wie denn ihr Urban-

Art-Projekt gerade im ländlichen westsächsischen

Raum und vor allem auch

institutionell angenommen werde,

meint der 31-Jährige: „Nach 13 Jahren

kann man sagen, dass sich der Blick eindeutig

verändert hat. Mittlerweile wird

das, was wir machen, zu hundert Prozent

als Kunst wahrgenommen. Das war

Unten links: Aneta

Bendáková und Jens

Besser bei der Arbeit.

Unten rechts: Besucher

der „ibug“ 2018

nicht immer so.“ Street-Art wird eben

salonfähig. Das spürt man allerorten.

Dennoch trägt Yvonne Bonfert aus

Dresden die gleichen Sorgen vor, die

auch „ibug“-Veranstalter Thomas Dietze

umtreiben: Die Projekte müssen sich

dringend wirtschaftlicher aufstellen.

Allein durch ehrenamtliches Engagement

lassen sich die wachsenden Festivals

nicht dauerhaft auf dem hohen

Niveau halten. Eine planungssicherere

Finanzierung abseits des alljährlichen

Förder antragsmarathons wäre also dringend

nötig.

Bei der „ibug“ laufen die Planungen

für 2019 bereits auf Hochtouren. Dann

wird eine Industriebrache im vogtländischen

Reichenbach ihr künstlerisches

Wiedererwachen feiern. Das „Lack-

StreicheKleber“-Festival legt 2019 eine

Pause ein, geht in Klausur, um dann

2020 gut aufgestellt in eine neue Runde

zu starten. „Ideen und Visionen gibt es

viele, schauen wir mal, was wir daraus

machen“, erklärt Yvonne Bonfert zum

Abschied und entschwindet in den

kalten Vormittag. •

Fotos: Luise Blumstengel. Sven Ellger. Loquita Pictures

EINBLICKE


28 ORTSTERMIN

Heimat

Film

In Großhennersdorf

bei Zittau betreiben

drei Kulturschafende

das „Neiße Filmfestival“.

Auf dem grenzübergreifendem

Programm

stehen Filme aus

Deutschland, Polen

und Tschechien

TEXT Marga Boehle

FOTOS Matthias Weber

Die Haltestelle des Busses aus

dem zwölf Kilometer entfernten

Zittau heißt Kulturhaus. Kurios,

denn zu sehen sind zunächst nur ein

paar Milchkannen auf der Dorfstraße.

Dabei soll die 1500-Seelen-Gemeinde

mit dem „Neiße Filmfestival (NFF)“ im

Kunstbauerkino doch eines der interessantesten

Filmfestivals in Europa beheimaten.

Auf einer Anhöhe schließlich

erblickt man die Gebäude des Katharinenhofs,

schon zu DDR-Zeiten eine

kirchlich betriebene Einrichtung für

geistig behinderte Menschen und Anlaufstelle

für viele, die mit dem System

nicht zurechtkamen. Zu diesen zählte

damals auch der Dresdener Andreas

Friedrich, der die DDR 1983 aus politischen

Gründen verlassen musste. Anfang

der 90er-Jahre aber kam er zurück

und gründete mit engagierten Freunden

das Kunstbauerkino. Seit diesen Anfangsjahren

gehört auch Antje Schadow

aus Meißen mit dazu. Als Heilerziehungspflegerin

arbeitete sie damals ohnehin

im Katharinenhof. Und dort

blieb sie, da es „für eine im ländlichen

Raum liegende Gegend eine überdurchschnittliche

kulturelle Vielfalt gibt“.

Auch Ola Staszel verliebte sich einige

Jahre später in die Region. Die polnische

Literatur- und Filmwissenschaftlerin

leitet seit 2011 zusammen mit den

beiden anderen das Festival und kümmert

sich als einzige Festangestellte um

die nötige Öfentlichkeitsarbeit.

Aus der oppositionellen Aussteigerkultur

von damals entstand über die

Jahrzehnte ein Netzwerk, aus dem ein

Begegnungszentrum, eine Umweltbibliothek,

ein Café, das Kunstbauerkino

und schließlich eben auch das 2004

ins Leben gerufene „Neiße Filmfestival“

hervorgingen. Früh schuf man Kontakte

ins tschechische Liberec und ins polnische

Jelenia Góra. Heute werden bei

dem Festival 22 Kinos an 12 Orten in

3 Ländern bespielt.

Im Spielfilm-Wettbewerb werden

Debüt- und Zweitfilme aus der Region

gezeigt, man sieht sich dabei als politisches

Festival – „ein Muss“, sagen die

Antje Schadow,

Andreas Friedrich und

Ola Staszel (v.l.n.r.)

EINBLICKE


In einer alten Bäckerei

befindet sich jetzt

das Kulturcafe und

das Kunstbauerkino

Macher. Auf dem Programm der Sektion

Fokus stehen etwa Schwerpunktthemen

wie der Braunkohleabbau

und der soziale Strukturwandel in der

Region, Sinti und Roma oder die Sorben.

„Das gefällt nicht jedem“, sagt

Friedrich. „Da werden Ängste geweckt.

Es kommt automatisch zu politischen

Auseinandersetzungen.“ Denen will

man sich im nächsten Jahr mit dem

Fokus „Homo Politicus“ stellen. „Ein

europäisches Verständnis wird bei

uns eben nicht in große Worte gepackt,

Die drei Sprachen

des Festivals stellen

keine Barriere dar.

Der kulturelle Mix

bietet eine Chance

es wird ganz selbstverständlich vorgelebt“,

sagt Friedrich. „Zu diskutieren

sind letztlich die Filme, die wir zeigen.“

Aus gut 600 Einreichungen wählt man

das Programm aus. Dabei fällt auf, dass

immer mehr deutsche Filme ein gereicht

werden, während in den vergangenen

Jahren immer weniger Material aus

Tschechien kam.

Das Publikum nimmt das Programm

dankbar auf. Das war indes nicht

immer so, denn nach der Wende gab

es in dem ländlich geprägten Raum eine

starke Abwanderung. Auch viele Krea­

tive gingen damals fort. Allmählich aber

vollzieht sich eine Trendwende: „Für

viele junge Zuzügler aus Polen und

Tschechien ist die Gegend mittlerweile

so attraktiv geworden, dass es inzwischen

schwerfällt, eine angemessene

Wohnung zu finden“, erzählt Staszel.

Angefangen hatte man 1993 im

Wohnzimmer: Es gab 24 Sitzplätze –

manche Zuschauer saßen auf dem

Kachelofen und mussten bei der Filmprojektion

den Kopf einziehen. 2006

dann wurde der Neubau des Kunstbauerkinos

eingeweiht, ein Saal mit

60 Plätzen, umgebaut aus einer ehemaligen

Scheune. Das urige Café blieb,

und während des Festivals im Frühsommer

werden einfach noch weitere

Catering-Zelte im Garten aufgebaut.

Das Team mit 15 ehrenamtlichen Helfern

wird dann auf bis zu 200 Mitarbeiter

aufgestockt, die eine komplexe

Logistik am Laufen halten müssen, vom

Shuttle-Fahrer bis zu Übersetzern und

Dolmetschern: Die unsynchronisierten

Filme mit englischen Untertiteln werden

nämlich in drei Sprachen übersetzt.

„Die Sprache sollte man nicht als Barriere

sehen, sondern als Chance“, findet

Ola Staszel. „Auch in dieser Hinsicht

haben wir eine Brückenfunktion.“

Was das Festival neben seiner Internationalität

so besonders macht, sind

die längst legendären Abende am Lagerfeuer.

Gäste wie der Regisseur Christian

Petzold oder die Schauspielerin Barbara

Auer kommen dann direkt mit dem

Publikum ins Gespräch. „Dann merkt

man, warum man das macht“, so Staszel.

„Man gibt den jungen Menschen

Hofnung. Durch unsere Arbeit bleiben

wir im Dialog.“

Zum Festival kommt daher längst

nicht mehr nur das Dorfpublikum.

Das Einzugsgebiet wächst und wächst.

„Das ,Neiße Filmfestival‘ hat sich inzwischen

ein Stammpublikum erspielt“,

sagt Friedrich, der überzeugt davon ist,

dass sich das große Engagement gelohnt

hat: „Vielleicht sind wir hier so etwas

wie das kleine gallische Dorf“, sagt er

und lächelt zufrieden. •

„Neiße Filmfestival“ 2019

Das 16. „Neiße Filmfestival“ findet vom 7. bis

zum 12. Mai 2019 statt. Neben den Spielfilmen

des Hauptwettbewerbs werden auch in diesem

Jahr wieder Kurz- und Dokumentarfilme

gezeigt. Ergänzt wird das aus gut 125 Filmen

bestehende Programm durch Konzerte,

Lesungen, Ausstellungen und ein vielfältiges

medienpädagogisches Programm. Vier Jurys

werden am Ende über die Vergabe der Preise

entscheiden. Fest steht bereits jetzt, dass nach

Regisseur Christian Petzold im letzten Jahr

der Preisträger 2019 aus Polen kommen wird.

EINBLICKE


30 HAUSBESUCH

Das

Gesamtkunstwerk

Ein Besuch bei der Künstlerfamilie Kummer

in Chemnitz, wo am Küchentisch sämtliche Probleme

der Stadt gewälzt werden

TEXT Marlen Hobrack

FOTOS Stephan Floss

Ankommen in Chemnitz: westsächsischer

Singsang in den

Straßenbahnansagen. Lokalkolorit,

anderswo längst abgeschaft.

Hier wird die Haltestelle Hauptbahnhof

nicht im international verständlichen

Englisch verkündet. Zynische Zeitgenossen

würden vielleicht sagen, weil sich

so selten jemand von außerhalb hierher

verirrt. Ich stehe vor einem alten Fabrikgebäude,

sehr lofty, beinahe zu cool für

die Stadt, und besuche den bildenden

Künstler Jan Kummer. Er ist Mitglied

des Programmrats, der das Konzept

für die Chemnitzer Bewerbung zur Kulturhauptstadt

entwickelt. Seine Begrüßung

ist herzlich – und wie immer im

breiten Sächsisch. Kummer ist hochgewachsen,

trägt eine große Hornbrille:

Brillen gläser wie Fensterscheiben, beinahe

ein leichter Erich-Honecker-Style.

Was an diesem Tag fehlt, ist die sonst

bei Kummer übliche Zigarette, die sich

der kettenrauchende Künstler anscheinend

abgewöhnt hat.

Ich werde am Küchentisch platziert

und sogleich mit Kafee versorgt. Meine

mitgebrachten Kekse sind leider zerbröselt.

Auch Beate Düber, Kummers Frau,

sitzt mit am langen Tisch. Schließlich

betritt Nina, eine der beiden Töchter,

die Küche. Sie ist groß gewachsen wie

ihr Vater. Vielleicht sind Küchentische

perfekte Orte, um gravierende Probleme

zu erörtern. Nicht umsonst sprach man

im einstigen Ostblock auch gern mal

von der „Küchenopposition“, wenn es

um das heimliche Aufbegehren gegen

das Establishment ging.

Die Kummers sind gewissermaßen

die Rockstars in der Chemnitzer Kulturszene:

Die Söhne Felix und Till gründeten

die Band Kraftklub. Jan Kummer

Chemnitz hat viele

Aufbrüche erlebt –

vom Industriezentrum

bis zur Stadt der

Massenabwanderung

war Mitglied der legendären DDR-

Elektroband AG Geige und unterhält

den Club Atomino. Beate Düber,

Museumspädagogin und Darstellerin

im Film „Die Mechanik oder: Wie man

auf sich Acht gibt“, war an dem Projekt

„Chemnitz CityResort“ beteiligt, das

die Chemnitzer Innenstadtentwicklung

kritisch beleuchtet hat. Die Töchter

Nina und Lotta wiederum machen

mit ihrer Band Blond Indiepop. Familie

Kummer ist ein Gesamtkunstwerk.

Bevor wir aber über Kultur sprechen,

müssen wir über das Schmuddelkind-

Image, das Chemnitz seit den Ereignissen

vom Stadtfest am 26. August 2018

hat, reden. „Wir sind bekannt bis nach

New York“, sagt Beate Düber trocken.

„Der Langzeitruf von Dresden muss

natürlich erst erarbeitet werden“, fügt

ihr Mann süffisant hinzu. Unser letztes

Gespräch hatte Pegida zum Thema.

Chemnitz, so glaubte Kummer damals,

sei sicherer vor rechter Vereinnahmung.

Andererseits, fügt er heute hinzu, sei

die Form der Gewalt nun aber typisch

für Chemnitz, eben „proletenhafter“.

Kummer und seine Familie waren

ganz praktisch beteiligt an der Organisation

des „Wir sind mehr“-Konzerts.

Ein regelrechter Energieschub sei

das gewesen. „Die Stadt, die durch die

Ereignisse in der Woche davor ordentlich

– und nicht unverdient – auf

die Birne bekommen hat, hat daraus

ein Happening gemacht.“

Gerade eine Stadt wie Chemnitz

könne nun aber ihr Heil in Kunst

und Kultur suchen. Und damit sind wir

beim Thema: der Kulturhauptstadtbewerbung

und ihrem Motto „AUFbrüche“.

Chemnitz hat sie oft erlebt: als

Industriezentrum, Ort der Massen ab­

EINBLICKE


Kummer gewohnt:

Beate Düber, Jan und

Nina Kummer (v.l.n.r.)

beim Plausch in

der heimischen Küche

wanderung, vom Namenswechsel ganz

zu schweigen. Permanente Umbrüche,

die den einen oder anderen müde machen.

„Leute wieder ein bisschen aufrütteln,

in ihrem Denken, in ihrem Tun“,

müsse man. „Ich glaube, es wird sich

zurzeit so viel versammelt und diskutiert

wie seit Jahrzehnten nicht mehr.“ Kummer

war klar, dass an der Bewerbung

festzuhalten sei: „Das muss man gerade

jetzt machen. Diese Kulturhauptstadtauszeichnung

ist ja keine Urkunde, die

man für Museen kriegt. Es geht ja gerade

darum, derartige Verwundungen

zu heilen oder in die Diskussion zu

bringen. Und dann ist bei dieser Kulturhauptstadtgeschichte

ja ohnehin der

Weg das Ziel.“

Kummer findet es spannend, dass die

Chemnitzer überzeugt werden müssen.

„Ich könnte mir vorstellen, dass viele in

Bezug auf Dresden sagen, die Stadt sei

doch ohnehin eine Kulturhauptstadt.“

Es sei eben alles eine Frage des Selbst ­

verständnisses. In Bezug auf Chemnitz

läge das Problem in einem verengten

Kulturbegrif, glaubt Beate Düber. „Die

Leute hier haben ja auch eine Kultur.

Die kann auch in der Bewerbung vorkommen.

Aber das wird eben oft nicht

mit dem Begrif ‚Kultur‘ versehen.“

Nina Kummer regt das Gerede von

der Stadt, in der nichts los sei, auf.

Auch Chemnitzer selbst pflegen dieses

Image. „Das ist eben eine Form der

Erzählung!“, ruft Jan Kummer aus.

„Diese berühmten Narrative. Da muss

man gucken, dass sich nichts verfestigt:

Da hast du halt die Geschichte, dass

in Chemnitz nichts los sei oder eben per-

manenter Bürgerkrieg herrsche.“ Ganz

so schlimm steht es doch nicht um die

Stadt. Weswegen es auch längst nicht

alle jungen Leute anderswohin zieht:

„Es ist natürlich super einfach, nach der

Schule nach Berlin zu ziehen. Da ist

alles fertig, du kannst dich treiben lassen.

Hier in Chemnitz ist es so, dass

du dir was überlegen musst“, sagt Nina

Kummer.

Auftritt der Großeltern. „Oh, was

ist denn hier schon wieder los?“, ruft

Kummers Mutter, als sie die Küche

betritt. Während sie ihre Enkelin begrüßt,

Großvater Kummer schüchtern

im Hintergrund bleibt und Jan Kummer

telefoniert, nimmt mich Beate

Düber zum Plaudern beiseite. An

große Narrative ist nun nicht mehr zu

denken. Dafür aber an Aufbrüche.

Als Aller erstes an meinen eigenen: auf,

nach Hause! •

EINBLICKE


Dresden-Hellerau.

Festpielhaus, 1910–1912

Architekt

HeinrichTessenow

Stadt

der

Träumer

Avantgardistische

Bühne und ästhetisches

Experiment: Ein

historischer Streifzug

durch die Dresdener

Gartenstadt Hellerau

TEXT Justus Ulbrich

Topografisch ist die Sache mit

Hellerau klar: Die erste deutsche

Gartenstadt liegt in Dresden;

genauer gesagt: am Rande von Dresden.

Kulturhistorisch ist die Lage von Hellerau

indes komplizierter: War Hellerau

nun modern, antimodern, reformmodernistisch,

avantgardistisch…,

vielleicht sogar etwas ab gedreht? Als

Experiment im Laboratorium der

klassischen Moderne jedenfalls galt

die Gartenstadt den Zeitgenossen wie

den Nachgeborenen allemal. Heute

fungiert sie als Bühne ästhetischer

Experimente, internationaler (Tanz-)

Kultur, des Dialogs der Disziplinen –

und bleibt ein Ärgernis für allzu

konservative Bildungsbürger.

Am Anfang von Hellerau aber stand

die Sehnsucht einer Epoche, das zu

versöhnen, was Industrie, Urbanisierung

und Mammonismus seit Mitte des

19. Jahrhunderts getrennt hatten: Stadt

und Land, Natur und Kunst, Ästhetik

und Nutzen, Gefühl und Ratio, Geld

und Glück. Diese Spaltung ging auch

durch die Menschen selbst, die den

wachsenden Wohlstand zwar genossen

(außer sie waren dessen proletarische

Produzenten), aber an dem litten,

was schon Rousseau – und nicht erst

Karl Marx – „Entfremdung“ nannte.

Als Deutschland sich anschickte, in

drei Kriegen ein geeintes „Reich“ zu

werden, begann in Großbritannien eine

ästhetische Revolte gegen deren Kollateralschäden.

Die „Arts and Crafts“­

Bewegung von John Ruskin, William

Verkaufsstelle

der Deutschen

Werk stätten Hellerau

vor 1945

EINBLICKE


33

Fotos: SLUB/Deutsche Fotothek (2). Klaus-Dieter Schumacher, SLUB/Deutsche Fotothek, mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Werkstätten Hellerau. Friedrich Weimer, SLUB/Deutsche Fotothek.

Wir haben uns bemüht, alle Fotografen und Inhaber von Rechten ausfindig zu machen. Sollten versehentlich Rechteinhaber übersehen worden sein, werden berechtigte Ansprüche im Rahmen der üblichen

Vereinbarungen abgegolten.

Morris und anderen. Sie alle träumten

von der Versöhnung des Handwerks

mit der Industrie und erblickten im

viktorianisch übermalten Mittelalter das

Ideal humaner Kultur. Dieser Traum

war angereichert mit einigen höchst

aktuellen sozialistischen Ideen.

Der Londoner Büroangestellte

Ebenezer Howard wurde fast zeitgleich

in den USA vom Bazillus der Utopie

befallen, hatte er doch die neoromantischen

Dichter Walt Whitman und

Ralph Waldo Emerson verschlungen.

Howard war wie elektrisiert, kehrte

nach Hause zurück und ließ dem Traum

die Tat folgen: 1903 entstand die Gartenstadt

Letchworth, danach Welwyn.

Die „Green Britishness“ dieser

Reformprojekte hüpfte alsbald auf den

Kontinent und fand dort einen begeisterten

Resonanzraum in den bildungsbürgerlichen

Reformbewegungen um

Drehstuhl (Modell

EW 194/5), Stuhl mit

gepolsterter Sitz fläche

und Rückenlehne

(Modell N 13)

Dresden-Hellerau,

Beim Gräbchen.

Sechs Einfamilienund

zwei Vierfamilien-Reihenhäuser.

Architekt: Hermann

Muthesius

1900. Da war etwa der Holzfabrikant

Karl Schmidt. Dieser produzierte ab

1902 in Dresden mit großem Erfolg anspruchsvolles,

handwerklich gediegenes

Mobiliar. Auf Fahrradausflügen im

Dresdener Umland entdeckte er jenseits

der Hellerberge ein idyllisches Gelände,

in dem die im schnell wachsenden

Dresden explodierenden Immobilienpreise

wenig galten. Schmidt, ohnehin

als „Holz-Goethe“ verehrt, fand im

Nationalökonomen Wolf Dohrn, einem

Sproß aus kosmopolitischer Familie,

einen Gesinnungsgenossen. Während

der Unternehmer von einer hellen,

luftigen Fabrik für schöne Möbel und

glückliche Arbeiter träumte, hatte

Dohrn, dem Deutschen Werkbund als

Geschäftsführer eng verbunden, die

Vision von glücklichen Menschen in

hellen Häusern. Für beides brauchte

man Architekten – und fand Richard

Riemerschmid, dann Hermann Muthesius

und Heinrich Tessenow. Alle drei

waren eng vernetzt mit der avantgardistischen

deutschen Architektenszene.

Am 4. Juni 1908 gründeten sie die

Gartenstadt-Gesellschaft Hellerau

GmbH. Binnen weniger Jahre wuchs

nun bei Dresden eine Siedlung aus

s ächsischem Sand, deren Schönheit wie

ein Magnet auf vermögende Bürger,

Künstler und Intellektuelle aus ganz

Europa wirkte. Für den Genfer Tanzpädagogen

Émile Jacques-Dalcroze

entstand ab 1911 das Festspielhaus,

Ausbildungsort und Mekka der inter ­

na tionalen rhythmischen Pädagogik

und freien Tanzszene. Adolphe Appia

schuf dort ein Experimentaltheater;

reformpädagogische Schulversuche

kamen hinzu und machten aus der

Gartenstadt eine „pädagogische Provinz“.

Avantgardistische Verleger wie

Jakob Hegner fanden ebenso den Weg

nach Hellerau wie die Dichter Paul

Claudel aus Paris oder Paul Adler aus

Prag. Die Namen der übrigen Gartenstädter

lesen sich wie ein „Who’s

Who“ der Vorkriegsmoderne.

Eines dieser Hellerauer Kinder aus

gutem Hause, der Homme de Lettres

Peter de Mendelssohn, hat die Gartenstadt

„mein unverlierbares Europa“

genannt. Das gilt wohl nur für Erinnerungen,

denn faktisch verlief die Utopie

im Sande, als „Schlafwandler“ den Ersten

Weltkrieg entfesselten. Wer nicht

an der Front diente, duckte sich – oder

verließ fluchtartig die Idylle, die nun

auch Feldgrau trug. Helleraus Traum

zerbrach in der „Urkatastrophe“ des

Kontinents. Nach 1918 träumten andere

dort weiter, machten Bücher und

tanzten, diskutierten und schrieben,

erzogen Kinder – oder sich selbst. Das

aber ist eine andere Geschichte, die

nach 1945 noch anders weiterging, als

die Sowjetarmee Teile von Hellerau

militärisch nutzte.

Nach der Wende kehrte der alte

künstlerische Geist wieder in die längst

historisch gewordenen Bauten zurück.

Das Festspielhaus etwa zählt heute zu

einem der wichtigsten künstlerischen

Veranstaltungsorte Dresdens und das

auf dem Gelände ansässige Europäische

Zentrum der Künste hat eine Strahlkraft,

die weit über Stadt und Land

hi nausreicht. Hellerau gehört eben

längst zu unserem Weltkulturerbe, in

das sich die heutige Gartenstadt gern

einschreiben möchte. •

Justus Ulbricht ist Historiker und Spezialist für

die Kultur der Moderne. Er ist Geschäftsführer

des Dresdener Geschichtsvereins


Zittaus Schauspielintendantin

Dorotty

Szalma verkörpert

den Geist einer

einzig artigen Region

TEXT Irene Bazinger

FOTO Stephan Floss

Die Menschenfreundin


PORTRÄT

35

Gemeinsam stärker:

Die Zittauer Schauspielintendantin

Dorotty Szalma glaubt

an politische Kunst

Europa, sagt Dorotty Szalma, ist

in Zittau und Umgebung längst

gelebte Praxis. Das sähe man ja

schon an ihr. Die Schauspielintendantin

des Gerhart-Hauptmann-Theaters Zittau

ist in Ungarn geboren, hat in Österreich

und Deutschland studiert und als

freie Regisseurin an zahlreichen Bühnen

da wie dort gearbeitet. Vielleicht fühlt

sie sich deswegen im Dreiländereck von

Deutschland, Polen und Tschechien so

wohl, weil hier die Grenzen im Alltag

ganz nebenbei überwunden werden und

die Menschen täglich erfahren, dass das

gut für sie ist. Seit dem Fall der Mauer

und dem Beitritt der Nachbarländer zur

EU sind unzählige Kooperationen und

grenzübergreifende Projekte entstanden,

sowohl im kulturellen Sektor als auch

in anderen Bereichen.

Dorotty Szalma freut sich beson ders

über das Theater festival „J-O-Ś“ (gesprochen

Josch), das seinen Namen den

markanten Bergen des Dreiländerecks

Ještěd (Jeschken), Oybin und Śnieżka

(Schneekoppe) verdankt. Hierbei werden

Produktionen aus größeren wie

kleineren Orten der drei Länder und

jeweils ein Gastland vorgestellt, etwa

Georgien oder Palästina. Simultanübersetzungen

oder Übertitel helfen gegen

Sprachprobleme. Dazu gibt es Konzerte,

Partys, die eine oder andere Koch-Show,

„was uns halt so einfällt“, lacht Dorotty

Szalma vergnügt und freut sich bereits

auf die nächste Auflage im Mai 2019.

Stabilisiert wird dieser Austausch durch

ein Theaterabonnement für Zittau,

Liberec und Jelenia Góra (Hirschberg),

In Zittau liegt das

Herz von Europa.

Und für viele in der

kleinen Stadt ist

Europa das Herz

bei dem die Besucher in Bussen von

Ort zu Ort befördert und zu anschließenden

Diskussionsrunden eingeladen

werden. Übers Jahr und mit der im

Sommer genutzten Waldbühne Jonsdorf

lassen sich so um die 70 000 Zuschauer

im Zittauer Theater zählen.

Dorotty Szalma, temperamentvoll,

und energisch („mein ungarisches

Erbe“), inszeniert Oper und Schauspiel,

liebt die Kunst und die Künstler – und

vergisst dabei nie, in welchem politischen

und sozialen Umfeld sie sich

bewegt. Ihr Publikum will sie nicht belehren,

sondern mit einem möglichst

aus gewogenen Spielplan vielfältig

ansprechen.

Ein Zitat von Gerhart Hauptmann,

großer Namenspatron des Zittauer

Theaters, ließ sie – quasi als Motto

ihrer Amtszeit an diesem Haus – 2014

ins Programmheft zum damals noch

„3Länderspiel“ genannten trinationalen

Festival drucken: „Ich war Europäer

ebenso selbstverständlich, wie ich Deutscher

war, und vielleicht war man kein

ganz richtiger Deutscher, wenn man sich

nicht gleichzeitig als Europäer fühlte.“

Das ist heutzutage fast ein politischer

Auftrag. Szalma jedenfalls will den Satz

genau so verstehen: Die Kunst, sagt sie.

müsse politisch sein, sie dürfe nur nicht

parteipolitisch werden. Das hat sie nicht

daran gehindert, sich für „Zittau kann

mehr“ zu engagieren und in den Stadtrat

wählen zu lassen. Dieser „Verein auf

kommunalpolitischer Ebene“ stellt mittlerweile

sogar den Oberbürger meister.

Durch die konkrete politische Arbeit

erhält Szalma Einblicke in den „speziellen

Mikrokosmos der Politik“: „Ich

lerne, die Menschen umfassender zu

begreifen – wie sie denken, was sie

wollen.“

Ein nächstes wichtiges Projekt

in diesem Zusammenhang ist für Mai

2019 anberaumt. Dann werden die

knapp 26 000 Einwohner aufgerufen

sein, da rüber zu entscheiden, ob sich

Zittau im Namen der ganzen Region

Oberlausitz als Kulturhauptstadt Europas

2025 bewerben soll. „Wenn nicht

alle dahinterstehen, geht das nicht“,

erläutert Szalma. An ihr wird es nicht

scheitern: „Schauen Sie“, sagt sie, „Zittau

wird immer verkannt. Die einen

verwechseln es mit Zwickau, die anderen

denken, es ist am Arsch der Welt.

Aber das stimmt alles nicht! Wir sind

nicht am Rande Europas, wir sind

das Herz von Europa! Und für viele ist

Europa ihr Herz.“

Auch wenn es am Ende nicht

klappen sollte, erscheint ihr eine Bewerbung

sinnvoll, weil Zittau dadurch

bekannter werden und sich der Zusammenhalt

innerhalb der örtlichen

Gesellschaft und deren Selbstwert gefühl

verstärken würde: „Wenn man hier

wohnt, dann sieht man oft nicht mehr,

was es überall an Schönheiten gibt,

wie viel Geschichte zu entdecken ist,

wie viel Tradition und Zukunft.“

Gerade in Sachsen wäre es wünschenswert,

wenn die bestehenden

grenzüberschreitenden Verbindungen

weiter intensiviert würden, wenn

Völkerverständigung und Internationalismus,

Toleranz und Ofenheit noch

deutlicher gelebt werden könnten. Fast

hört man jetzt die Politikerin durch

Szalmas Worte. Vermutlich aber ist

es vor allem die Menschenfreundin und

Lokalpatriotin: „Andere kleine Städte

könnten von einem Beispiel wie dem

unseren profitieren. Es zeigt, dass sich

auch Kreativität und Power jenseits der

Metropolen findet. •

EINBLICKE


36 REPORTAGE

Ostdeutsche

Landschaftsbilder

30 Jahre nach ’89 wird in den Museen in Chemnitz,

Dresden und Zittau noch einmal

über die Malerei der Vorwendezeit nachgedacht

Hermann Glöckner

„Rollplastik“, 1980

TEXT Ralf Hanselle

Kurz hinter Kamenz, auf halber

Strecke zwischen Dresden und

Görlitz, hat sich die deutsche

Nachkriegsmalerei tief in die Landschaft

eingeschrieben. Inmitten von Seen

und Teichen nämlich, eingeklemmt

zwischen einem kleinen Feuerwehrhaus

und einem alten Campingplatz, liegt

Deutschbaselitz. Während der Nazi­ Zeit

hieß das 500-Seelen-Dorf, das heute

Teil der benachbarten Kreisstadt

Kamenz ist, für kurze Zeit auch einmal

Großbaselitz. Die Zeiten hatten da

Werner Tübke

„Festliche Szene VI“, 1956

eben wechselnde Moden; Baselitz aber

blieb letztlich Baselitz – genauso wie

der bis heute größte Sohn des Dorfes,

der Maler gleichen Namens.

1938 war es, da erblickte dieser als

Hans-Georg Kern im damaligen Großbaselitz

das Licht der Welt. Später, nach

einem abgebrochenen Kunststudium

in Ost-Berlin und einer Flucht in den

Westen, gab er sich den Namen der rück ­

lings liegen gelassenen Heimat: Georg

Baselitz also, der Berserker; der Maler,

der zwar den Namen seiner Heimat annahm,

sonst aber kaum ein gutes Haar

an ihr lassen sollte: In der DDR, so

wetterte er 1990 in einem damals viel

beachteten Interview mit dem Kunstmagazin

„art“, habe es keine guten

Künstler gegeben. All die guten seien

schließlich weg gegangen; und zurückgeblieben

seien die „Jubelmaler“, die

„Arschlöcher“, wie er sie in der Wucht

seiner Erregung genannt hat.

30 Jahre ist das jetzt her. Doch die

Moden gingen, und die Wunden blieben.

Und auch Baselitz hielt weiter

stand – der kleine Ort in der Oberlausitz;

der Prophet von gleichem Namen

und gleichem Holz. Von derlei Sehergestalten

hat es unter dem weiten Himmel

der Lausitz viele gegeben: Einen

Steinwurf von Deutschbaselitz entfernt

Fotos: Kunstsammlungen Chemnitz/PUNCTUM/Bertram Kober (2). Hermann Glöckner, Werner Tübke: © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

EINBLICKE


REPORTAGE

37

Baselitz, Richter und all die anderen

West-Gänger, ignoriere aber alles, was

an progressiver Kunst im ehemals

kleineren Deutschland entstanden sei.

Drei Generationen ostdeutscher Maler

seien aus den Museen und den Erinnerungen

verschwunden. Und das hier:

im Albertinum, dem vom sächsischen

Baumeister Adolph Canzler errichteten

Prunkbau am östlichen Ende der Brühlschen

Terasse. Zwischen 1953 und

1988 hatten in dem Museum die großen

„Kunst ausstellungen der DDR“ stattgegen

Osten etwa wurde 1941 Markus

Lüpertz geboren, einen Steinwurf

gen Süden Gerhard Richter. Vielleicht

wirkt in dieser Lausitz ein Genius Loci –

ein Geist, der die Menschen kreativer,

oft aber auch flüchtiger hat werden

lassen. Denn weggegangen sind irgendwann

alle. Und so ist die Oberlausitz

heute wie eine Welt ohne Autor. So

jedenfalls wird es immer wieder kolportiert.

Und so will es wohl auch die

Geschichte von der deutschen Nachkriegsmalerei;

die Geschichte, die man

Szenerien fantasiert worden; die Kunst

unter dem geteilten Himmel der Diktatur

habe durchaus inhaltliche und formale

Vielfalt gehabt. Ostland war eben

Nischenland, daran konnten auch

die radikalen Interventionen der Kulturfunktionäre

und Parteieliten nichts ändern.

Hilke Wagner, seit gut vier Jahren

Leiterin des Albertinums, weiß daher

um viele spannende Trampelpfade, die

selbst noch den legendären „Bitterfelder

Weg“ umschifen konnten. In den

letzten Jahren hätten sie diese andere

Arno Rink

„Liebespaar“, 1976

Fotos: Jürgen Matschie/Städtische Museen Zittau (2). Kunstsammlungen Chemnitz/PUNCTUM/Bertram Kober. Strawalde, Arno Rink: © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Strawalde

„Profil (Schatten)“, 2007

indes 40 Kilometer südwestlich im

Dresdener Albertinum auf diese Weise

nicht mehr erzählen mag.

In einem der wichtigsten deutschen

Museen für die Kunst von der Romantik

bis zur Gegenwart nämlich will man

sich seit geraumer Zeit wieder auf die

modernen Facetten in der Kunst der

einstigen DDR besinnen. Es war Ende

2017, als in der „Sächsischen Zeitung“

eine viel beachtete Erregung erschienen

war: Der Dresdener Kulturhistoriker

Paul Kaiser hatte darin behauptet, dass

in den Ausstellungshäusern des Ostens

ein „westdeutsch dominierter Kunstbetrieb“

eingezogen sei. Dieser zeige zwar

funden – sozialistische Leistungsschauen,

bei denen nicht nur das Edeldekor

eines Walter Womacka oder

Rudolf Bergander zu begutachten war,

es gab hier auch die großen narrativen

Leinwände aus den Ateliers der Leipziger

Schule – all die Heisigs, Mattheuers

und Tübkes. Und später, kurz vor

dem Exitus der DDR, wurden von den

Direktoren sogar konstruktivistische

Gemälde von Hermann Glöckner oder

Werke Konkreter Kunst vom jüngst verstorbenen

Karl-Heinz Adler angekauft.

Wenn Sozialisten träumten, so die

jetzt wieder lauter vorgetragene Überzeugung,

seien eben nicht nur kitschige

Siegfried Schreiber

„Skiläufer“, um 1965

Ost-Kunst zu vielen Ausstellungen inspiriert

– darunter etwa die aktuell gezeigte

Ausstellung „Medea muckt auf“.

Gerade Dresden, sagt Wagner, habe immer

schon eine reiche und moderne

Tradition gehabt. Die sei auch zwischen

1949 und 1990 niemals ganz von der

Bildfläche verschwunden. Und dann

reiht die im westdeutschen Kassel geborene

Museumsdirektorin einen Kulturschatz

auf, der einst das angeblich

so barocke Elb-Florenz zum Eldora do

der Moderne hat werden lassen:

die Künstlervereinigung Brücke und

die Garten stadt Hellerau, Otto Dix

und Ernst Ludwig Kirchner, die ersten

EINBLICKE


38 REPORTAGE

Ausstellungen zum abstrakten Konstruk

tivismus, die frühesten Privatsammler

von Kandinsky, Lissitzky, Mondrian.

All das war und ist Dresden. Und all das

hat selbst die legendäre Formalismusdebatte

in der DDR nicht kleinkriegen

können.

Dabei hatte sich manch Chef-Sozialist

damals wirklich bemüht: „Die Grauin-Grau-Malerei,

die ein Ausdruck des

kapitalistischen Niedergangs ist, steht

im schrofen Widerspruch zum heutigen

Leben in der DDR“, meinte etwa 1951

Frédéric Bußmann, Generaldirektor der

Kunstsammlungen Chemnitz, sei man

im damaligen Karl-Marx-Stadt immer

ein Stück unter dem Radar geflogen.

„Die Stadt war aus zweierlei Gründen

interessant: Zum einen gab es hier die

Kunstsammlung des Staatskombinats

Wismut, zum anderen hatte man keine

Kunsthochschule. In Verbindung mit

einer Gruppe von ofener denkenden

Künstlern im Verband hat das Karl-

Marx-Stadt für subkulturelle Einflüsse

geöfnet.“ Das prominenteste Beispiel:

Frühindikator für den bevorstehenden

Kollaps einer Gesellschaft. Bußmann

gerät geradezu ins Schwärmen, wenn er

über die einstige Of­Szene der Stadt

erzählt – über die Künstlergruppe Clara

Mosch mit ihrem damaligen Starkünstlern

Michael Morgner und Carlfriedrich

Claus oder über die noch heute in

Chemnitz ansässige Galerie Oben. Derlei

Initiativen hätten schon weit vor ’89

wichtige Impulse in die Stadt getragen –

in eine Stadt, die in ihren Wurzeln ohnehin

immer modern gewesen sei, nicht

Willy Wolff

„Igel“, 1969

Walter Ulbricht in einer kulturpolitischen

Rede vor der DDR-Volkskammer.

„Wir brauchen weder Bilder von

Mondlandschaften noch von faulen

Fischen.“

Dabei schien man diese Mondlandschaften

schon wenige Jahrzehnte später

eigenhändig zu produzieren. In den Industrieregionen

nämlich – in Bitterfeld

oder Karl-Marx-Stadt – entstanden in

den 70er- und 80er-Jahren immer mehr

realexistierende Öko-Apokalypsen. Zugleich

aber hatte sich genau hier auch

eine Kunstszene angesiedelt, die einzigartig

war in Ostdeutschland: In gewis ser

Weise, meint aus der Rückschau

Michael Morgner

„Schweißtuch“, 1986

Wenn Sozialisten

träumten, wurden

nicht nur kitschige

Szenerien und

Bilder fantasiert

die Dada-Experimentalisten rund um

die Band AG Geige – damals die vermutlich

schrillste Mischung aus genialen

Dilettanten und „Soz-Avantgarde“,

von heute aus betrachtet aber auch

Peter Israel

„Kopfloser Verein“, 1978

zuletzt wurden hier ja in den 1880er-

Jahren die späteren Brücke-Künstler

Karl Schmidt-Rottluf und Ernst Ludwig

Kirchner geboren.

Doch was hatte man nach 1949

nicht alles gegen solch Modernisten ins

Feld geführt: Unvergessen etwa jener

Zeitungsartikel aus der „Täglichen

Rundschau“ von 1949, mit dem der

sowjetische Kulturoffizier Alexander

Dymschitz die sogenannte Formalismus ­

debatte eröfnet hatte. Es war ein

Pamphlet gegen alles Moderne: gegen

Salvador Dalí, in dem Moskaus oberster

Kunstwächter nur einen „Lobsänger

Hitlers“ erblicken wollte, ja selbst gegen

Fotos: Jürgen Karpinksi, Albertinum/Skulpturensammlung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Lázló Tóth/Kunstsammlungen Chemnitz. Jürgen Matschie/Städtische Museen Zittau

EINBLICKE


REPORTAGE

39

„die zerhackten Gesichter“ und „die

Schielaugen“ auf den Leinwänden

von Pablo Picasso. Dabei ließ sich auch

damals sicherlich über Geschmack

trefflich streiten; Stilvorgaben aber –

zumal aus Moskau – schienen unhinterfragbar

zu sein. Und so sind gerade

in den 50er-Jahren unzählige Maler,

Bildhauer und Fotografen der neuen

ästhetischen Marschroute blind gefolgt.

In den Nischen aber blieb man

wider borstig. Ein Blick in die Schausammlung

der Städtischen Museen

Schauwand. „Hier sehen Sie einige

Highlights aus der Vorwendezeit“, sagt

Knüvener. Man schaut auf naiv gemalte

Gesichter, weibliche Silhouetten, Schattenrisse.

Bald erkennt man auch die

vermeintlichen „Schiel augen“, die Alexander

Dymschitz wohl im Sinn gehabt

hatte, als er vor 70 Jahren die großen

Gemälde Picassos in Bausch und Bogen

verdammte. Im unterkühlten Zittauer

Schaudepot hängen indes keine Picassos;

es sind Bilder eines Querkopfes, der

für viele längst zu den einflussreichsten

Steinwurf von Zittau entfernt: Strahwalde,

ein Flecken Erde, eingeklemmt

zwischen einem alten Schloss und einer

Kirche. Es war im Jahr 1975, als Jürgen

Böttcher das „h“ aus seiner Heimat

strich und sich den Rest des Namens

ans Revers hing. Fortan signierte er

seine Bilder mit Strawalde. Ein Ort. Ein

Prophet. Ein gleicher Name. So ist das

halt in der Oberlausitz – in der luftigen

Landschaft unter weitem Himmel, in

der die Nachkriegsmalerei aus Ost wie

West wie friedlich nebeneinanderliegt. •

Wolfgang Mattheuer

„Die Flucht des

Sisyphos“, 1972

Fotos: © SKD, Albertinum/Galerie Neue Meister, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Klut/Estel, Albertinum/Galerie Neue Meister, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Hermann Glöckner

„Dreieckige Erhebungen

in Rotbraun, Blau und

Ocker vor Gelb“, um 1967

Zittau macht deutlich, wie besonders in

der sonst eher ländlichen Oberlausitz

Kubismus und Surrealismus auch nach

der Dymschitz-Debatte fortleben konnten.

Peter Knüvener, heute Direktor

der in einem alten Franziskanerkloster

untergebrachten Zittauer Museen, zieht

einige Bildwerke aus dem Depot: Collagen

des vor drei Jahren verstorbenen

Grafikers Peter Israel etwa. Ein flüchtiger

Blick genügt bereits, und man erkennt

die unverkennbaren Einflüsse von

Magritte oder DalÍ auf die oft traumverloren

wirkenden Bilder. Dann folgen

weitere Arbeiten. Übersichtlich sortiert

hängen sie an einer provisorischen

Künstlern in der einstigen DDR gezählt

wird: Jürgen Böttcher, ein umtriebiger

Maler, Grafiker und Filmemacher, der

nicht nur zum Lehrer des später ausgebürgerten

A.R. Penck werden sollte,

Böttcher selbst hat ein schier unerschöpfliches

Werk aus Zeichnungen,

Radierungen, Übermalungen und

Filmen hervor gebracht, das gerade jetzt

wieder von manch einem ostdeutschen

Museum neu entdeckt worden ist.

Vielleicht, sagt Knüvener, sei es ja

der Genius Loci, der hier in der Oberlausitz

all diese eigenwilligen Talente

hervorgebracht habe. Der Geburtsort

von Böttcher jedenfalls liegt nur einen

Ausstellungstipps

Die Ausstellung „Medea muckt auf. Radikale

Künstlerinnen hinter dem Eisernen Vorhang“

ist noch bis zum 31. März 2019 in der Dresdener

Kunsthalle im Lipsiusbau zu sehen. Gezeigt

werden Werke von 36 Künstlerinnen und

Künstlerinnengruppen, u. a. von Tina Bara,

Sibylle Bergemann und Hanne Wandtke

Werke von Peter Israel werden ebenfalls bis

zum 31. März 2019 in der Ausstellung „Salvador

Dalí. Grafische Traumwelten“ im Kulturhistorischen

Museum Görlitz und in den Städtischen

Museen Zittau zu sehen sein. Das Gemeinschaftsprojekt

zeigt neben 300 druckgrafischen

Werken Dalís auch die Einflüsse

des Surrealisten auf die Kunst in der Lausitz

EINBLICKE


40 INTERVIEW

Kinder, welch Theater!

Die Dresdner Intendantin Felicitas Loewe leitet eines der

größten Häuser für Kinder- und Jugendtheater in Deutschland.

Ein Gespräch über das Schauspiel von morgen

INTERVIEW Rafael Barth

FOTO S Nikolaus Brade

EINBLICKE: Frau Loewe, was reizt Sie an

dem Titel „Kulturhauptstadt“?

FELICITAS LOEWE: Es geht mir bei meinem

Engagement für Dresden nicht primär

um den Titel. Eher schon finde ich

es spannend, wie man sich in der Stadt

mit dem Bewerbungsprozess und den

dahinterstehenden Fragen auseinandersetzt.

Wer sind wir? Wer wollen wir

sein? Was haben wir? Und wo wollen

wir hin? Im besten Fall können wir mit

dem Bewerbungsprozess nachhaltige

Entwicklungen für die Stadt anstoßen.

Was für Entwicklungen haben Sie da

im Sinn?

Im Moment ist das natürlich noch sehr

abstrakt. Aber ich meine damit nicht

irgendwelche kostspieligen Neubauten

oder etwas, das man mit den Händen

greifen kann. Es könnte am Ende auch

eine Position oder eine Haltung sein.

In den Städten, die bisher Kulturhauptstadt

gewesen sind, sind stets ganz unterschiedliche

Impulse zurückgeblieben.

Sie gehören dem Kuratorium an, das

den Oberbürgermeister der Stadt

Dresden bei der Bewerbung berät. Was

ist Ihnen bei dieser Arbeit wichtig?

Bei all meinen kulturpolitischen und

ehrenamtlichen Tätigkeiten geht es

mir darum, Kindern und Jugendlichen

eine Stimme zu geben. Ich setze mich

dafür ein, dass junge Menschen beteiligt

werden – und zwar nicht erst, wenn

„Mit meinem

Engagement möchte

ich Kindern und

Jugendlichen eine

Stimme geben“

Dresden 2025 Europäische Kulturhauptstadt

geworden sein sollte,

sondern jetzt während des Bewer ­

bungs prozesses. Eine Möglichkeit

der Beteiligung sehe ich etwa in der

Gründung eines Jugendbeirats.

Was verbirgt sich hinter dieser Idee?

Der Jugendbeirat soll den Prozess der

Bewerbung begleiten. Es geht darum,

Jugendliche einzubeziehen. Wir sind gerade

dabei, ein erstes Modell für diese

Idee zu entwickeln. Wichtig ist es, dass

man dabei zum Beispiel Entwicklungen

und Veränderungen berücksichtigt:

Wer heute zwölf Jahre alt ist und im

Beirat mitarbeitet, der interessiert sich

mit vierzehn vielleicht für etwas ganz

anderes. Zwei Jahre können für junge

Menschen eine Ewigkeit sein.

Würden Sie sagen, dass Kinder

und Jugendliche jenseits dieses Bewerbungsprozesses

noch viel zu wenig

Aufmerksamkeit genießen?

Ja. Aber das gilt nicht nur für Dresden.

Man denkt zwar immer wieder darüber

nach, Kinder und Jugendliche besser zu

beteiligen; in der Praxis aber ist es meistens

so, dass man junge Menschen auf

bestimmte Themen reduziert. Man traut

ihnen nur gewisse, im Vorhinein abgesteckte

Bereiche zu, in denen sie sich

engagieren.

Um hier Abhilfe zu schaffen, organisieren

Sie in Kooperation mit dem

Kulturhauptstadtbüro sogenannte

Zukunftskonferenzen.

Ja, mit diesen Konferenzen wollen wir

zeigen, wie man Kinder und Jugendliche

einbezieht. In inszenierten Formaten

zu gesetzten Themen können

Kinder und Jugendliche in Gesprächen

mit Experten ihr Interesse an einem

EINBLICKE


EINBLICKE

Felicitas Loewe im

Backstage-Bereich

des tjg im Dresdener

Kraftwerk Mitte


42 INTERVIEW

Thema herausfinden und vertiefen. Die

Zukunftskonferenzen bieten keinen

Frontalunterricht. Es geht nicht darum,

Wissen zu vermitteln, das dann später

wieder abgerufen werden kann. Vielmehr

wollen wir einen Dialog auf Augenhöhe

eröfnen. Danach erhalten die

Kinder und Jugendlichen die Gelegenheit,

ihre eigene Meinung und erarbeitete

Haltung mit künstlerischen Mitteln

auszudrücken. Wenn das gelingt, machen

die Kinder eine Wirksamkeitserfahrung.

Sie erleben, dass sie gehört

werden. Wir stellen Öfentlichkeit her.

Es entstehen zum Beispiel Ausstellungen

oder die künstlerischen Ergebnisse

werden auf einer Bühne präsentiert.

„Von Kindern

kann man lernen,

wie man aus

alten Mustern

herausfindet“

Und was können Erwachsene von

diesen Zukunftskonferenzen lernen?

Neugier! Wenn man die Kinder begleitet,

dann erkennt man bei ihnen eine

große Ofenheit. Oft stürzen sie sich

mit immenser Ernsthaftigkeit in die

Arbeit hinein und gehen sehr ergebnisofen

an die einzelnen Fragestellungen

heran. Das ist sehr beeindruckend.

Wenn man die Kinder konsequent ernst

nimmt, dann könnte man von ihnen

lernen, wie man aus alten Mustern und

Verstrickungen wieder herausfindet.

Durch die Kinder lernt man den Abbau

von Vorurteilen. Denn es sind doch

die Vorurteile, die uns im Alltag für gewöhnlich

im Wege stehen.

Wurde von Ihren bisherigen Zukunftskonferenzen

auch schon etwas in

die Realität umgesetzt, oder verpuffen

all die schönen Ideen am Ende

wirkungslos?

Nein. Entstanden in der Zukunftskonferenz

zum Thema Nachhaltig ist

beispielsweise das Projekt „Friends

Day“: Dabei hatten die Kinder die Idee,

an einem Tag im Jahr ihre Handys abzugeben

und mit Freunden in Museen

oder Theater zu gehen. Bei diesem

Projekt hat es sehr viel Kritik vonseiten

der Erwachsenen gegeben: „Friends

Day“ sei nicht nachhaltig, lautete so ein

Vorwurf, oder die Kinder hätten nur

keine Lust, in die Schule zu gehen.

Aber tatsächlich ging es bei diesem Projekt

um die Ressource Zeit. Die Kinder

haben die Möglichkeit erdacht, mehr

Zeit für ihre ganz handfesten sozialen

Beziehungen auf zubringen. Das ist

doch wunderbar! Wir haben das Projekt

mit aller Konsequenz begleitet. Ein

l ohnenswertes Unterfangen. Wenn der

Dialog mit Kindern auf Augenhöhe

stattfindet, dann ist das oft sehr aufwendig.

Es sprengt auch immer wieder

unsere gewohnten Arbeitsstrukturen.

Aber all das ist nicht umsonst.

Sie gehen mit dem tjg also immer

wieder einen entscheidenden Schritt

über den Kernauftrag des Theaters

hinaus?

Unser Kern ist und bleibt das künstlerische

Arbeiten auf der Bühne. Aber

wir haben uns darüber hinaus auch

immer wieder als Ort der Vermittlung

und der künstlerischen Kommunikation

verstanden. Das tjg ist nicht nur ein

Theater, es ist ein Ort der Auseinandersetzung

mit der Gesellschaft und

natürlich auch ein Ort für Freizeit

und Familie.

Wie betrachtet man dieses wichtige

Engagement in der Stadt selbst?

Über die Jahre ist die Aufmerksamkeit

für unsere Arbeit gewachsen. Wir haben

pro Jahr 92 000 Besucher. 75 Prozent

unserer Karten verkaufen wir über die

Schulen und Kindergärten. Damit

erreichen wir alle Schulformen und

Altersklassen. Wir werden also wirklich

ernst genommen. Das ist toll!

Dabei heißt es doch immer, dass

Facebook, YouTube und Instagram die

Theatersäle leerfegen würden.

Das stimmt aber nicht. Wir haben am

tjg einen Dramaturgen für digitale

„Die neuen Medien

werden ein altes

Medium wie das

Theater niemals

ablösen“

Medien, und die neuen Medien bekommen

bei uns auch Raum auf der Bühne,

weil wir natürlich unser Publikum ganz

genau kennen, auch im Umgang mit

den entsprechenden Medien. Zum Beispiel

in der Inszenierung „Kein Zutritt/

No entry“, einem interaktiven Videowalk,

bekommen Kinder Kopfhörer

und Tablets und bewegen sich digital

vernetzt durchs Haus. Solche Formate

interessieren die Jugendlichen. Aber

es ist dennoch nicht so, dass die neuen

Medien das alte Medium Theater ablösen.

Theater bleibt Theater, und es ist

die reale Schauspielerin, die mit ihren

Handlungen auf der Bühne bewegt;

die Erfahrung der Unmittelbarkeit

bleibt von all diesen Entwicklungen

unberührt. •

Felicitas Loewe studierte Theaterwissenschaften

an der FU in Berlin. Anschließend

arbeitete sie als Dramaturgin am Theater

Stralsund, an der Berliner Volksbühne und am

theater junge generation (tjg), Dresden. Seit

2008 ist sie an diesem Haus Intendantin.

Loewe ist Mitglied im Förderverein Kulturhauptstadt

2025

EINBLICKE


EINBLICKE

Theater in Bewegung:

Felicitas Loewe nutzt

ihren Intendantenstuhl

für Experimente


Die Fassade der Villa

Esche zeugt von Henry

van de Veldes Vorliebe

für die klare Linie

Klare Kante


RUNDGANG

45

Geschwungene Linien, gebauter Freigeist:

Die Villa Esche in Chemnitz ist ein Musterbeispiel

für das Genie von Henry van de Velde

TEXT Irene Bazinger

FOTOS Nikolaus Brade

Ein solcher Bauherr ist der Traum

eines jeden Architekten: Der

sieht nämlich in einer Zeitschrift

ein paar ungewöhnliche Möbel eines

kaum bekannten Architekten, findet

sie großartig und beschließt mit seiner

Frau, sich die neue Wohnung von ihm

ausstatten zu lassen. Rasch freilich

wird dem jungen Ehepaar der Widerspruch

zwischen dem gutbürgerlichen

Mehr familienhaus, in dem sie Mieter

sind, und ihrer avantgardistischen Einrichtung

zu stark. Sie beauftragen den

Architekten, eine Villa zu entwerfen

und diese komplett nach seinen Vorstellungen

zu gestalten – inklusive Geschirr,

Teppichen, Vorhängen, bis hin zur

Tabakspfeife des Hausherrn und dem

Kleid seiner Frau.

Ein Märchen? Nein, in Chemnitz

wurde all das wirklich wahr – und ist

dort noch heute zu besichtigen. Denn

hier ließ sich der erfolgreiche Unternehmer

Herbert Esche, 1874 in eben dieser

Stadt geboren, der im Familienbetrieb

mit der Produktion von Strümpfen ein

Vermögen machte, sein eigenes Haus

errichten. Es bot ihm und seiner Frau

Johanna, den zwei Kindern und den

Dienstboten ab 1904 Platz.

Für den belgischen, 1863 in Antwerpen

geborenen Henry van de Velde

Mit den großen

Atelierfenstern ist die

Villa ein Juwel aus

Licht und Farbe

war es das erste architektonische

Auftragswerk überhaupt. Bis dahin

hatte er Malerei studiert und als freier

Künstler gearbeitet, ehe ihn die konkreten

Umsetzungen seiner Ideen immer

stärker zu interessieren begannen.

Deshalb wandte sich van de Velde

der Architektur und der angewandten

Kunst zu und war bald maßgeblich

an der Entwicklung der europäischen

Moderne beteiligt.

Als Architekt war er Autodidakt,

aber als Gestalter ein begnadeter Profi.

So konnte er mit seinem Team die

Villa Esche als veritables Gesamtkunstwerk

entfalten – eine Vision, wie s

ie später prägend für die universellen

Konzeptionen des Bauhauses wurde.

Zwischen Bauherrn und Baumeister

bestand eine Freundschaft, van de

Velde kam gern vorbei, plante einige

Jahre später sogar den Ausbau. Mit

dem Zweiten Weltkrieg aber veränderte

sich alles. Van de Velde galt den

Deutschen als Ausländer, den Belgiern

wegen seiner Zeit in Deutschland

als der Kollaboration verdächtig. 1957

verstarb er in der Schweiz. Herbert

Esche, der seit dem Tod seiner Frau

1911 sehr zurückgezogen gelebt hatte,

ging zu seiner Tochter ebenfalls in

die Schweiz, wo er 1962 starb.

Von 1945 bis 1947 war seine Villa

der Sitz der Sowjetischen Militärkommandantur.

Da sie gut geschnitten

und relativ wenig beschädigt war, quartierte

man danach obdachlose Familien

ein. Diese wurden ab 1952 vom Ministerium

für Staatssicherheit abgelöst.

Durch den Einzug einer Bildungseinrichtung

der Bezirkshandwerkskammer

bestimmte ab 1964 wieder ein kultureller

Schwerpunkt das Haus, das sich nun

im kollektiven Gedächtnis etablierte,

denn viele Handwerker aus der Gegend

absolvierten hier Lehrgänge, Fortbildungen,

Meisterprüfungen. Sie haben

EINBLICKE


is heute ihre persönlichen Erinnerungen

an diese Einrichtung und das zugehörige

Gebäude.

Nach dem Fall der Mauer stand es

indes fast acht Jahre lang leer und war

dem Verfall preisgegeben. Der Regen

drang durch das undichte Dach bis in

den Salon im Erdgeschoss ein, das

kostbare Parkett wölbte sich auf, der

Putz blätterte von den Wänden.

„Es war ein Bild des Jammers“,

erzählt Andrea Pötzsch, die das Management

der Villa Esche leitet. Zuvor hatte

sie in der DDR Lateinamerikanistik

und Geschichte studiert und war in der

Tourismusbranche tätig gewesen. Als

das kommunale Wohnungsunternehmen

GGG (Grundstücks- und Gebäudewirtschafts-Gesellschaft

Chemnitz)

1998 die Villa von den Erben erwarb,

war Pötzsch zwar nicht dabei, kennt jedoch

seit 2000 die Restaurierungschronik

bis in die abgelegensten Details.

Am Anfang lief sie noch mit Gummistiefeln

über die Baustelle. Mittlerweile

Speisezimmer und

Musiksalon sind

nahezu originalgetreu

restauriert und

möbliert worden

freut sie sich über ein kleines Büro im

historisch überwältigend rekonstruierten

Gebäude.

In Abstimmung mit den Erben war

trotz des Verkaufs klar, dass die Villa

nicht in die Hand von Immobilienhändlern

geraten, sondern denkmalgerecht

instandgesetzt und öfentlich

genutzt werden sollte. Drei Jahre dauerte

die Renovierung unter Leitung

des Architekturbüros Werner Wendisch,

begleitet von Experten eines eigens

berufenen Kunstbeirates und der

Von den Leuchten bis

zum Treppengeländer

ist jedes Detail präzise

durchdacht worden

Denkmalpflege. Als Orientierungshilfe

dienten Zeichnungen van de Veldes

sowie zahlreiche Fotos, die der begeisterte

Hobbyfotograf Herbert Esche,

der sich eine private Dunkelkammer

gönnte, aufgenommen hatte. Sie haben

nur einen Nachteil: Sie dokumentieren

die repräsentativen Räumlichkeiten

im Erdgeschoss, der Beletage und im

ersten Obergeschoss, allerdings kaum

die Gästezimmer und Personalbereiche

in den oberen Etagen. Und alle Fotos

sind natürlich schwarz-weiß.

Es bedurfte intensiver Recherchen,

um van de Veldes Farbkonzept nachzuspüren

und das Kolorit der Stuckaturen,

der Wandbespannungen, der Teppiche

zu ermitteln. Manchmal, erzählt

Andrea Pötzsch, half der Zufall in Form

eines unbeschädigten Stofrestes hinter

einer Fußleiste oder einem Balkenkopf,

EINBLICKE


RUNDGANG

47

wo er die Jahrzehnte lichtgeschützt verbracht

hatte.

Natürlich war einiges vom ursprünglichen

Mobiliar verschwunden, vier

Türen und zahlreiche Beschläge fehlten,

aber vieles fand sich wieder. Lampen

Die Villa Esche ist

heute ein elegantes,

kultiviertes und

dennoch unprotziges

Bauwerk

modernen Geist steht. Die Bewerbung

zur Kulturhauptstadt 2025 wird, davon

ist Andrea Pötzsch überzeugt, diese

Tradition der Stadt nach vorne spielen

und den Prozess einer kritisch-konstruktiven

Selbstbefragung fördern: „Wer

sind wir? Wer wollen wir sein, wie wollen

wir leben? Wie stellen wir uns das

Chemnitz der Zukunft vor?“ Der Weg

ist das Ziel, denn auch wenn eine andere

Stadt den Zuschlag erhält, wird

sich die Gesellschaft neu orientiert

und definiert haben: „Das ist ja keine

Initiative von oben, sondern es sollen

möglichst viele mitgenommen werden.

Für Chemnitz und für sich selbst

natürlich.“ •

Die geschwungenen

Formen bringen

Energie und Dynamik

ins Innere des Hauses

Henry van de Velde: VG Bild-Kunst, Bonn 2019

konnten nachgebaut, Stofe nachgewebt

werden – meist von im Denkmalschutz

versierten Firmen aus der Region. Das

Speisezimmer und der Musiksalon sind

nahezu originalgetreu möbliert und

bilden das Herzstück des ersten Henry

van de Velde Museums in Deutschland.

Die anderen Räume werden als Begegnungsstätte

und für Veranstaltungen

wie Lesungen oder Konzerte genutzt

und können für Tagungen oder Bankette

gemietet werden. So ist die Villa

Esche als elegantes, kultiviertes, raffiniert

durchkomponiertes, dabei gänzlich

unprotziges Bauwerk zu bewundern.

„Entwürfe für das Leben“ wollte

van de Velde schafen, nicht einfach

nur Häuser bauen.

Längst gilt die Villa Esche als einer

der architektonischen Höhepunkte

der europäischen Henry-van-de-Velde-

Route mit Stationen etwa in Gent,

Brüssel, Paris, Berlin, Weimar. Sie steht,

führt Andrea Pötzsch mit berechtigtem

Stolz aus, per se für Weltofenheit

und eine freie geistige Atmosphäre –

Henry van de Velde war Europäer und

Kosmo polit, die Firma Esche operierte

global und hatte Dependancen bis

nach Schanghai.

So macht die Villa letztlich auch

deutlich, dass Chemnitz für einen

EINBLICKE


48 SERVICE

KULTUR-

FAHRPLAN

Die Bewerbungsphase

für die Europäische

Kulturhauptstadt 2025

geht weiter. Hier sind

die nächsten wichtigen

Termine

CHEMNITZ

Stadthalle Chemnitz

KUNSTSAMMLUNGEN CHEMNITZ

Ausstellung

„David Schnell. Splitter“

Abstrahierte Landschaften

und Architekturen mit besonderer

Leuchtkraft

Bis zum 12. Mai 2019

STADTHALLE

Konferenz

Eurocities

Frühjahrstagung des Netzwerks

europäischer Städte

10. – 13. April 2019

STADTHALLE

Konferenz

Partnerstädte-Konferenz

Empfang der Partnerstädte,

u. a. Tampere, Ljubljana,

Ústí nad Labem, Mulhouse

9. – 11. April 2019

Workshop Hartmannfabrik

MUSEUM GUNZENHAUSER

Werkschau

„Rupprecht Geiger. PINC KOMMT!“

Einer der wichtigsten Maler

der Abstraktion in Deutschland

Bis 3. März 2019

Theater meets Museum

HARTMANNFABRIK

Bürgerbeteiligung

Workshop

Chemnitzer setzen sich mit

den Schwerpunkten

der Bewerbung auseinander

30. März 2019

„ibug“ Festival für Urbane Kunst in Chemnitz

REICHENBACH

Festival

„ibug“ 2019

Gut 130 Künstler verwandeln

eine Industriebrache

Ab 16. August 2019

KULTURHAUPTSTADTBÜRO CHEMNITZ

Initiative

Ende März endet die Ausschreibung für die vierte

Runde der Mikroprojekt-Förderung. Mikroprojekte

sind kleine Vorhaben von engagierten Bürgern,

die auf dem Weg zur Kulturhauptstadt stadtgesellschaft

liche Dialoge und Begegnungen anregen, neue

kulturelle Formate ausprobieren oder bestehende

mit Zusatz angeboten ergänzen.

31. März 2019

Fotos: C3 GmbH | Dirk Hanus. Luise Blumstengel. Stadt Chemnitz/Ernesto Uhlmann (2)

EINBLICKE


SERVICE

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Fotos: Max Lautenschläger

„Orte des Miteinanders“: Elbufer

DRESDEN

HAUPTBAHNHOF

Autorentreffen

Zwischenstopp Dresden

Schriftsteller diskutieren

das Thema „Generation 89“

19. März 2019

JAPANISCHES PALAIS

Ausstellung

„Die Erfindung der Zukunft“

Kunst auf der Suche

nach Utopien

9. Mai bis 8. September 2019

ZENTRALWERK

Trans Europe Halles

Konferenz #87

Künstlerische Strategien

der Demokratisierung und

Zusammenarbeit

16. – 19. Mai 2019

„Orte des Miteinanders“: Hufewiesen

Bereits im Sommer 2018 wurde an 17 verschiedenen

„Orten des Miteinanders“ getanzt, gesungen, disku tiert

und gefeiert. Alle Dresdner waren zu unterschiedlichen

Aktionen an den „Orten des Mitei nanders“ eingeladen.

Im Sommer 2019 wird die Aktion weitergeführt. Dafür

ist das Kulturhauptstadtbüro wieder auf der Suche

nach neuen „Orten des Miteinanders“ und führt eine

Beteiligungsaktion durch.

Sommer 2019

„Orte des Miteinanders“: Max-Planck-Institut

NEUMARKT

Festival

„Fête de la Musique meets

Europe“

Auf musikalische Art

feiert die Stadt Europa und

den Sommeranfang

21 .– 22. Juni 2019

NEUMARKT

Kinokaraoke

Kultfilme zum Mitsingen

öfnen den Neumarkt

für gemeinsame und positive

Erlebnisse

Juni/Juli 2019

KULTURHAUPTSTADTBÜRO DRESDEN

Na, dann mach doch mit!

THEATER JUNGE GENERATION

Dresden International Dialogue

Internationale Jugendkonferenz,

bei der gemeinsam die Themen

der Bewerbung diskutiert werden

28. – 29. September

SOCIETAETSTHEATER

Festival

„Szene Europa“

Highlights der freien Theaterszene

aus ganz Europa

Herbst 2019

„Orte des Miteinanders“: Waldspielplatz

EINBLICKE


50 SERVICE

ZITTAU

„Ring on Feier“: Johanneum

GERHART-HAUPTMANN-THEATER

Theaterfestival

„J-O-S Festival“

Berührende Themen und

neue Sichtweisen auf das Theater

aus dem Dreiländereck

22.– 26. Mai 2019

Spectaculum

MARKTPLATZ

Musikfestival

2. „Dreiländereck-Chorfestival“

Internationale Klänge aus Polen,

Tschechien und Deutschland

16. Juni 2019

STÄDTISCHE MUSEEN ZITTAU

Ausstellung

„Salvador Dalí. Grafische

Traumwelten“

In Zusammenarbeit mit dem Kulturhistorischen

Museum Görlitz. Zu sehen

sind Werke von Dalí und Peter Israel

Bis 31. März 2019

KUNSTBAUERKINO

Festival

16. „Neiße Filmfestival“

Polnische, tschechische und deutsche

Spielfilme im Wettbewerb

7. – 12. Mai 2019

STÄDTISCHE MUSEEN ZITTAU

„Der Oybin und die Malerei der Romantik“

Die dramatisch auf einem Felsen im Zittauer Gebirge

gelegene Burg Oybin nahe Zittau war für die Künstler

der Romantik ein zentraler Ort, und zwar schon vor

dem Besuch des heute weltberühmten Malers Caspar

David Friedrich 1810. Die Ausstellung zeigt zahlreiche

Oybin-Ansichten verschiedener Künstler des 18. und

19. Jahrhunderts, bisher kaum bekannte Gemälde und

berühmte Hauptwerke großer Sammlungen.

28. September 2019 bis 12. Januar 2020

Peter Israel „Märchenstück“, 1995

KLOSTERPLATZ

Historienspektakel

Spectaculum Citaviae

Unterhaltung mit Musikanten,

Akrobaten, Jongleuren, Tänzern,

Schauspielern

16. Juni 2019

„Ring on Feier“: Bauschule

EICHGRABEN

Rennsport

Lückendorfer Bergrennen

Motorradwettstreit auf der ältesten

Bergstrecke Deutschlands

2. – 4. August 2019

STADTRING

Lichterfestival

„Ring on Feier“

Feuer und Licht, gerahmt

durch Kultur und Gastronomie

27. Januar 2018, 19.30 Uhr

Fotos: Thomas Glaubitz (2). © Stadt Zittau. Jürgen Matschie/Städtische Museen Zittau.

EINBLICKE


VIELE KULTUREN, EINE SPRACHE: TANZ.

BREAKDANCER GEGEN BALLETT-SOLISTEN, STREETSTYLE GEGEN

CONTEMPORARY, HIP-HOP MISST SICH MIT SPITZENTANZ.

„Floor On Fire“ – Ein Film feiert den Tanz. Vielfalt, Virtuosität, Feuerwerk:

Die Leidenschaft für den Tanz ist eine Leidenschaft für das

Leben selbst. Die Sprache des Tanzes ist uni versell und lässt Grenzen

spielerisch überwinden. Und so verschieden die Stile und Kulturen,

am Ende gewinnen alle gemeinsam.

Erleben Sie das Tanzhighlight

aus Sachsen im Film auf

www.so-geht-sächsisch.de/FloorOnFire


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DEUTSCHER

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11. MAI – 24. NOVEMBER 2019

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Im Auftrag des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Deutschland, realisiert in Zusammenarbeit mit dem ifa (Institut für Auslandsbeziehungen)

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