Ausgabe 9 - Fortschritt_BlickinsHeft

krautzone

Krautzone

FORTSCHRITT

9. Ausgabe

Februar/März 2019

4,90 Euro

ISSN: 2568-3594


Fortschritt

INHALT

Wehner spielt

den reaktionären

Miesepeter und

behauptet, dass

es die Arbeiter

früher besser

hatten. Ayn

Rand befürchtet,

dass auch der

Staat vom Fortschritt

proitieren

wird.

22

Museum

23

6

Was ist eigentlich Fortschritt und wer will ihn? Kann man

auch darauf verzichten? Gibt es einen Unterschied zwischen

technischem und gesellschaftlichem Fortschritt?

Fragen über Fragen zu unserem Heftthema ...

Anlegen

18

Rot/Gelb

Ihr glaubt, ihr habt

einen besseren

Riecher als die Prois

im Silicon Valley oder

in Berlin? Dann beweist

euer Können und

werdet Crowdinvestor!

Wenn ihr wirklich

so gut seid, wie ihr

glaubt, könnt ihr mit

einem feinen Näschen

enorme Renditen erwirtschaften.

16

Das letzte Wort

Warum sind Museen eigentlich so langweilig? Vielleicht ist die

Kunst daran gar nicht schuld, sondern die staatliche Einrichtung?

Redaktionspfaffe Napf macht sich Sorgen um den Superstaat,

getragen vom technischen Fortschritt. Dabei sind die

Menschen schon am Turmbau zu Babel gescheitert.

2

6

8

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18

20

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23

EDITORIAL

Edle Wilde

Redaktion

LEITARTIKEL PRO

Fortschrittsexpress

Plenge

LEITARTIKEL KONTRA

Zurück zu den Wurzeln!

Müller

KONSERVATIVE HIPSTER

Schönheitsdiener

Müller

BUNTE SEITEN

Witze, Wahrheiten und Zitate

Redaktion

WILHELM WILL DICH!

Leser werden

Redaktion

BUNTES ALLERLEI

Auf der Suche

Redaktion

ROT/GELB

Armut und Freiheit

Bauer/Kopci

ANLEGEN FÜR DUMMIES

IMMOBILIEN

Plenge

MEDIENSCHELTE

Staatswirtschaft

Bauer

KOLUMNE

Museumsenteignung

Müller

KIRCHENGLOCKE

Sternenmeer

Napf


24

KRAZ-Gespräch

Horst Lüning

Redaktion

ENTERICH

Neue Welt

Enterich

KRAUTFILME

Videodrome und Live Flesh

Plenge

KRAUTTÖNE

NewWave und Dire Straits

Enterich

24

30

32

34

Technokrat

Wir haben Horst Lüning getroffen und mit

ihm über Freiheit, Technik und Fortschritt gesprochen.

Lüning ist Deutschlands führender

Whiskyhändler, begeisterter Tesla-Fahrer und

schreckt nicht davor zurück, im Bankdrücken

anzutreten. Er bezeichnet sich selbst als Technokraten,

schätzt aber auch konservative Werte.

42

VOLLDAMPF VORAUS

Drei Stunden Lebenszeit

Edelhäuser

ZEITREISE

Negeraufstand

Modert

AUSGEFOCHTEN

Eisenmänner

Fechter

ANBRUCH

Ökologische Frage

Meyer

REZENSIONEN

Hawes, Scholl-Latour, ABCDE?

Müller, Willksch, Brehme

PAULINE PÖBELT

Modernes Grillen III

Meißner

STIRNERRUNZELN

Klimajugend

Stirner

35

36

39

GASTARTIKEL

Demokratischer Fortschritt

Sitta 42

44

URLAUBSSTADT

Kauen

Willksch 46

48

49

50

Eisenmänner

Fechter hat beim Fechten zugeschaut und beschreibt, wie

sich junge Kerle Schmisse ins Gesicht hauen. „Keiner im

Saal gibt einen Mucks von sich. In Erwartung der Szene, die

sich hier gleich abspielen wird, blendet jeder den Lärm der

Straße aus.“

Negeraufstand

41

Zuletzt die Ungarn, jetzt Haiti. Jang Modert wirft einen spannenden

Blick auf ein unbekanntes Kapitel der Selbstbestimmung

der Völker. Haiti wurde bereits 1804 der „erste freie

Negerstaat“ und war damit die erste selbständige Nation

Lateinamerikas.

50

Markus Stirner hat seinen Hass

umgelenkt. Nachdem zuletzt

die Deutsche Bahn dran war,

muss nun Greta und die Klimajugend

herhalten. Die sollten

sich nämlich besser um Teenie-Sachen

kümmern, als um

die Rettung des Planeten.


Kein Konservativer auf dieser Welt will sein Auto durch eine Kutsche

ersetzen, aber an die Wand könnte man sich so ein Ding schon hängen.

Holzspeichenräder dieser Bauweise gibt es seit fast 4000 Jahren.

Zurück zu den Wurzeln!

Fortschritt mit allen Mitteln ist der Anfang vom Untergang. Fortschritt kann etwas Gutes sein, muss aber

gerade im Privaten radikal hinterfragt werden. Jemand, der sein Leben beschleunigt, indem er Prozesse abkürzt,

ist vielleicht schneller am Ziel - aber auch schneller tot, meint Florian Müller.

Es gibt gar keine Konservativen. Das Wort ist zwar

praktisch nutzbar, theoretisch aber die größte Lüge

der Sprachgeschichte. „Conservare“ steht für „erhalten“

oder „bewahren“. Hast du schon einmal

jemanden getroffen, der am status quo festhalten

will? Ich für meinen Teil noch nicht. Nenne doch

(oder wahlweise dein linker Freund) eine Sache,

die gut ist, wie sie ist. Schweigen im Raum! Sollte

jemand auf die Idee kommen, trotzdem einen Vorschlag

zu machen, wird es genau eine Nanosekunde

dauern, bis jemand etwas zu kritisieren hat. Die

Kritik kommt von zwei Seiten:

1. von Rechts („konservativ“, freiheitlich, reaktionär,

religiös usw.) wird der Jetzt-Zustand aus der

Geschichte heraus kritisiert.

2. von Links (progressiv, linksliberal, grün, sozialistisch

usw.) wird der Jetzt-Zustand aus Sicht einer

(potenziellen) Zukunft heraus betrachtet.

Da die Moderne in ständiger Veränderung begriffen

ist, stellt sich nicht mehr die Frage nach einfachem

Erhalten. Entweder man will den Rückschritt, weil

es zu schnell ging, oder man will den Fortschritt,

weil es nicht schnell genug ging. Diese beiden Pole

kämpfen gegeneinander. Mit der reinen Bewahrung

haben die Konservativen nicht mehr viel zu tun.

Wir sind über einen erhaltenswerten Punkt längst

hinaus.

Wer heute erhalten will (offene Grenzen, Homoehe,

Digitalisierung, etc.) will, genau genommen, den

Fortschritt. Selbst die harmlosesten Konservativen

wollen den Zustand vor 2015, vor 1991 (Vertrag von

8

Maastricht) oder vor 1968 zurück, und sind eigentlich

reaktionär.

Ein zweiter Grund, warum der Begriff „konservativ“ in

die Irre führt: Angeblich bezeichnet er die Zuneigung

zum Gestrigen. Eine solche Annahme ist falsch. Niemand,

außer vielleicht einem paar Dutzend schräger Vögel,

findet etwas erhaltenswert, nur weil es alt ist und bereits

existierte. Sie finden etwas gut, weil sie es als bessere

Alternative betrachten. Und wenn diese Sache bereits

existierte, findet man eben etwas Vergangenes gut. Auch

die Progressiven oder Linken sind nicht automatisch

„für die Zukunft“; stattdessen favorisieren sie Sachen,

die in Zukunft eintreten können. Gab es in der Vergangenheit

einen Staat mit vollkommener Gleichheit? Nein!

Deshalb muss man sich den Marxismus nun einmal in

fernster Zukunft ausmalen. Demnach sind viele Linke

auch reaktionär: Che Guevara, die DDR oder Mao Tsetung

werden angebetet, weil sie das Gleichheitsideal verkörpern

und linken Kultstatus haben, nicht weil sie Teil

der Vergangenheit sind.

Beide Fraktionen, Fortschrittsfanatiker und Rückwärtsgewandte,

sind Anhänger des für sie Richtigen, Wahren

und Guten. Was macht einen Ewiggestrigen heute aus?

Vielleicht hört er Musik auf Schallplatte, rasiert sich mit

einem Rasiermesser, trägt Schafwollsocken, liest Shakespearsonette

und läuft im Anzug oder Trachtenkleid

durch die Gegend; nur um ein paar Beispiele zu nennen.

Warum macht er sich das Leben unnötig schwer? Meine

Gegenfrage: Warum machst du dir das Leben schwer?

Musik auf einer Langspielplatte ist ein größerer Musikgenuss,

als sich durch Spotify zu klicken, die traditio-


Konservative Hipster

Arno Breker

Im Dienste der Schönheit

Wer hat eigentlich gesagt, dass man hier nur Autoren und Philosophen

vorstellen darf ? Wagen wir uns zum ersten Mal an einen

Künstler und an ein richtig heißes Eisen. Arno Breker wurde 1900

in Wuppertal geboren und zählt wohl zu den Charakteren, die die

größte Achterbahnfahrt in der öffentlichen Anerkennung durchgemacht

haben. In der Hochphase seines Schaffens galt er vielleicht

als der größte zeitgenössische Bildhauer Europas – keine

30 Jahre nach seinem Tod (1991) ist er in Vergessenheit

geraten. Bis zu seinem Tod wurde er als Nationalsozialist

stigmatisiert, beschimpft und aus dem künstlerischen

Diskurs ausgegrenzt. Der junge Breker, Sohn eines Steinmetz-Meisters,

begann 1920 sein Kunststudium, später

studierte er auch Architektur. 1924 verschlug es Breker

nach Paris, die französische Kunst hatte auf den Rheinländer Breker

bereits einen starken Eindruck hinterlassen. Er verkehrte mit Jean

Cocteau (Maler) und lernte Pablo Picasso kennen, der an anderer

Stelle wieder in sein Leben treten sollte.

Nachdem sich Breker mit Auftragsarbeiten zumindest einen gewissen

Namen gemacht hatte, zog es ihn 1927 für längere Zeit in das

Pariser Kunstleben. 1932, die Umbrüche in Deutschland und Italien

waren bereits zu spüren, erhielt Breker ein Rom-Stipendium für ein

Jahr. Aus dem gemütlichen Frankreich kommend, begegnete Breker

dort zum ersten Mal dem neuen Faschismus: „Diese Aufmärsche

wirkten auf mich wie ein riesiger Fremdkörper. Abschreckend

wirkten die Soldaten mit den aufgepflanzten Bajonetten, die vor den

Ausstellungsgebäuden standen. Ich konnte mich nie überwinden, an

diesen Posten vorbeizugehen, und so habe ich diese Ausstellungen

nie besucht.“

Nach sieben Monaten wurde das Stipendium aufgrund der „neuen

Situation in Deutschland“ abgebrochen, was Breker sehr bedauerte,

und es ging zurück nach Paris. 1934 brach Breker seine Zelte erneut

ab und zog nach Berlin. Anfänglich war er den Nationalsozialisten

Arno Breker bei der Arbeit. 1939 bis 1942 stellte man

Breker ein Großraumatelier in Berlin zur Verfügung.

Von dort stammen auch die meisten Aufnahmen, unter

anderem ein Kurzfilm der Wochenschau, der auf

Youtube abrufbar ist.

Museum Arno Breker/MARCO-VG CC-BY-SA-2.5.

ein Dorn im Auge, galt er als großstädtischer

Frankreich-Liebhaber.

1936 plante die Reichsregierung die

Olympiade im Stile der Antike zu inszenieren,

und Brekers große Stunde

hatte geschlagen. Breker wurde von

den Nationalsozialisten angestellt.

Für ihn selbst begann daraufhin

die bedeutendste Schaffensperiode

seines Lebens. 1937 lernte er Albert

Speer kennen. Speer setzte sofort auf

Breker, als er erfuhr, dass der Wuppertaler

auch Architektur studiert

hatte und eben nicht nur Künstler

war. Es begann ein fruchtbares Arbeitsverhältnis

zur Verschönerung

Berlins, auch wenn Speer immer

unnahbar blieb, wie Breker später

schreibt.

Orpheus und Euridike (1944)

©CC 2.5 Jos43 und Museum

Arno Breker/MARCO-VG (2007)

10

Im Jahr 2015 machte die Polizei einen Sensationsfund.

In Bad Dürkheim fand man neben

anderen nationalsozialistischen Kunstwerken

auch ein gewaltiges Relief von Breker.

Die Besitzverhältnisse waren ungeklärt, nach

Angaben der ZEIT behauptete ein rechtsradikaler

Unternehmer, die Skulpturen und

Reliefs rechtmäßig erworben zu haben. „Über

ihre Zukunft müsse der Bund als Eigentümer

entscheiden“, so die Frankfurter Rundschau.

Wo sich die sogenannten Nazikunstwerke

mittlerweile beinden, ist nicht mehr herauszuinden.

Ob sie im Keller eines Ministeriums

besser aufgehoben sind, als in den Händen

eines privaten Liebhabers, bleibt zu bezweifeln.

Kurz darauf forderte ein Kolumnist des

DLF todernst: „Schreddern und einschmelzen!

Das ist keine Kunst! “


Bananen

Bundesrehpublik

Kaiserreich

Staatsquote 45 Prozent 14 Prozent

Mehrwertsteuer 19 Prozent 0 Prozent

Spitzensteuersatz 42 Prozent 4 Prozent

Ehefrau hat jeden Tag

frisch gekocht

Gesetz gegen gemeingefährliche

Sozialdemokraten

Bart des Führers schwach vorhanden stilsicher

konservativ

libertär

kontrovers

30 EURO

50 EURO

100 EURO

NORMALABO

6X KRAUTZONE + VERSAND

WÜSTENFUCHSABO

6X KRAUTZONE + VERSAND

EXKLUSIVES SONDERHEFT ,,KONSERVATIVE HIPSTER “

KAISERABO

6X KRAUTZONE + VERSAND

EXKLUSIVES SONDERHEFT ,,KONSERVATIVE HIPSTER “

EINLADUNG ZUM JÄHRLICHEN REDAKTIONSBESÄUFNIS


MEDIENSCHELTE

Wirtschaft für

Staatsanfänger

Am 31. Januar veröffentlichte die ZEIT einen Artikel

ihres wirtschaftspolitischen Korrespondenten Mark

Schieritz. „Der Mythos vom gefräßigen Staat“, so der

Titel der Provokation. Provokant war der Beitrag aber

kaum gemeint, war der Text doch eher ein sozialistischer

Erguss eines wirtschaftlich Habgebildeten (angeblich

hat er in Harvard Wirtschaft studiert) in einer

ehemals liberalen Zeitung. Liberal sollte ja eigentlich

bedeuten, dass der gefräßige Staat zurückgedrängt

wird und dem Bürger mehr Freiheiten eingeräumt

werden, egal welcher Natur. Nun fragt Schieritz allerdings,

einen Artikel später bereits, ob der Vorschlag

eines Spitzensteuersatzes von 70 Prozent für Reiche,

der US-Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez, nicht

auch für Deutschland geeignet wäre. Man merkt, wes'

Geistes Kind der Autor ist.

Aber schauen wir uns die Argumentation im „Mythos-Artikel“

genauer an:

Schieritz stellt klar, dass nur 2,9 Millionen Deutsche

den Spitzensteuersatz überhaupt zahlen müssen. Also

nur 3,75 Prozent. Klingt wenig, ist aber irreführende

Suggestion. Bezieht man die Spitzensteuersatzzahler

nämlich auf die tatsächlichen Steuerzahler und nicht

auf 82 Millionen Bundesbürger, sieht das Verhältnis

ganz anders aus: Einer von fünfzehn Steuerzahlern

fällt unter den Spitzensteuersatz, jedes Jahr steigt

die Zahl um circa 150.000 neue „Spitzenverdiener“,

die nur durch die kalte Progression als neue Reiche

zählen. Lediglich richtig dargestellt ist, dass man den

Spitzensteuersatz erst ab einer bestimmten Grenze

zahlen muss, bei einem Alleinstehenden erst ab 55.000

Euro im Jahr.

Sofort betont Schieritz, dass man in der Realität aber

von einem Bruttolohn noch Abgaben, wie Alters- und

Krankenversorgung absetzen dürfe, bevor der Steuersatz

greift. Und das weist langsam aber sicher auf

das Argumentationsmuster des Autors hin. Er bezieht

den kompletten Artikel nur auf die Einkommenssteuer

und nicht auf andere Steuerarten oder sogenannte

„indirekte Abgaben“. Der Autor im Wortlaut:

„Wenn die Sozialbeiträge und die indirekten

Steuern einbezogen werden, ergeben sich andere

Belastungswirkungen, aber das ist hier

schließlich nicht das Thema.“

Und was ist eigentlich mit der Mehrwertsteuer, die

der Konsument ebenfalls zahlen muss? Von 19 Prozent

seines übriggebliebenen Lohns darf er sich im Falle

des Konsums nochmals verabschieden. Die WELT

war zumindest so ehrlich, rechnete die meisten Steuern

und Abgaben zusammen und kam zu folgenden

Ergebnis: Knapp 40 Prozent seines Einkommens muss

ein durchschnittlicher Single zahlen. Im europäischen

Vergleich ist das absolute Spitze. Irgendwann kommt

Italien mit knapp 32 Prozent auf Platz 2. Nach einer

OECD-Studie aus dem 2017 ging sogar hervor, dass

der Durchschnittsdeutsche eine Belastung von 49, 4

Prozent tragen muss. Ob hier bereits alle Abgaben

enthalten sind?

Der Bund der Steuerzahler ist da deutlich pessimistischer.

Nach Abzug wirklich aller Abgaben fließen

fast 55 Prozent von jedem verdienten Euro ab. Darin

ist noch immer nicht die gigantische Dunkelziffer

der staatsverursachten Zahlungen mit eingerechnet:

20



Ich sehe mich

mittlerweile in der libertären

Ecke

Horst Lüning im Gespräch

Krautzone: Herr Lüning, wir möchten das Interview

gerne mit einem Zitat beginnen: „Als

ich klein war, glaubte ich, Geld sei das Wichtigste

im Leben. Heute, da ich alt bin, weiß

ich: Es stimmt.“ (Oscar Wilde) Würden Sie als

Mann im besten Alter dem zustimmen?

Horst Lüning: Geld ist kein Ding an sich, sondern

Mittel zum Zweck. Wenn man Geld hat, ist das sehr

schön, wenn man keins hat, ist das sehr schlecht. Aber

wir sehen auch unter den Libertären einen Hang zum

Frugalismus. Das heißt „wenig Geld“, aber trotzdem

ein erfülltes Leben. Es kommt halt darauf an, was

man aus dem Leben macht. Wenn man sich Unternehmer

anschaut: Die meiste Zeit haben die wenig

Geld, das Kapital steckt im Unternehmen. Das bedeutet,

eigentlich hat man Geld, aber in der Realität

sieht das ganz anders aus.

KRAZ (lacht): Können wir bestätigen. Auf You-

Tube ordnen Sie sich als Liberaler ein, der mit

rechtem und vor allem mit sozialistischem Gedankengut

wenig am Hut hat. Der bekannte

konservative Youtuber Nikolai Alexander hat

kürzlich in einem Video den „Kampf gegen den

Nihilismus“ als wichtigste Aufgabe der jungen

Generation verortet. Glauben Sie nicht, dass

Liberalismus, und insbesondere Wirtschaftsliberalismus,

als Antwort auf

die Orientierungs losigkeit

der jungen Generation

zu kurz greift?

Lüning: Mittlerweile sehe ich

mich nicht mehr als Liberalen,

weil der moderne Liberalismus hübsch gekapert wurde.

Wir unterhalten uns hier am Rande der EF-Konferenz

auf Usedom und es wurde bereits mehrfach

angesprochen, was heute bei den „Liberalen“ so alles

abgeht und wie sie auch dem Nihilismus frönen. An

dieser Stelle habe ich mit den Liberalen ein gewisses

Problem. Ich sehe mich mittlerweile eher in der libertären

Ecke, wobei ich mich schon von den Anarchokapitalisten

abgrenzen möchte wie beispielsweise

Hans-Hermann Hoppe. Denn ich muss zugeben, dass

wir mit unserem Versandhandel „whisky.de“ von unserem

Wirtschaftssystem in der alten Form, wie wir

24

es hatten, profitiert haben. Dieses alte System war

nicht primär liberal und auch nicht primär libertär.

Das deutsche System hat schon immer eine gewisse

Bevormundung für alles und jeden gezeigt.

Allerdings sehen wir in der jüngeren Zeit einen

zunehmenden Verlust an freien Gedanken.

Ich weiß jetzt nicht, wie Nikolai das Wort Nihilismus

definiert. Ich sehe mich einerseits als globalen

Wirtschaftsliberalen, der sagt, je freier die Wirtschaft

ist, desto mehr Profit werde ich machen.

Auf der anderen Seite muss ich aber auch sagen:

Ein Raubtierstaat, in dem eine freie Wirtschaft

raubt, wie sie kann, ist für uns als wirtschaftlich tätiges

Unternehmen genauso wenig erstrebenswert

wie ein sozialistischer Staat, der raubt wie er kann.

Das hat zwei Gründe: Zum einen werden wir uns

schwertun, ein stabiles System zu finden, zum anderen

darf das System nicht so „stabil“ sein, dass

der Sozialismus uns zu Untätigkeit verdammt.

KRAZ: Sie haben auch den Kaperungsbegriff

angesprochen, vor zwanzig Jahren hätten

wir uns auch noch als liberal bezeichnet...

Lüning: Vor allem sehe ich, dass das Wort liberal

von den Kulturmarxisten gekapert wurde im Sinne

von „gesellschaftsliberal“. Die einen betrachten

sich als wirtschaftsliberal und meinen „Wir dürfen

Wirkliche Freiheit wird uns weder

von links noch von rechts gewährt.

jeden ausrauben und zahlen keine Steuern“. Die

anderen bezeichnen sich als gesellschaftsliberal

und sagen: „Wir fordern Sex mit Minderjährigen“,

und was die sonst noch alles haben wollen. Jetzt

hängst du als Liberaler dazwischen. Alle sagen immer

„links“ oder „rechts“ wären die Gegensätze,

aber links und rechts sind Ausgeburten ein und

desselben Würgegriffs auf die Menschen. Tatsächlich

steht auf der einen Seite „links und rechts“

und auf der anderen Seite „frei“. Wirkliche Freiheit

wird uns weder von links noch rechts gewährt.


ZUR PERSON

Lüning ist promovierter Maschinenbauingenieur

und begann in den 90er

Jahren mit dem Verkauf von Whiskey

über das Internet. 2007 startete

er einen Youtube-Kanal für Whiskey

Verkostungen, mittlerweile betreibt

er drei verschiedene Kanäle (Whiskey.de:

48.000 Abonnenten, Whiskey.

com: 42.000, Horst Lüning (UnterBlog):

89.000). Auf dem Unter(nehmer)Blog

behandelt er gesellschaftliche Themen

und erläutert seine Sicht auf die

Welt. Dabei ist er sich nicht zu schade,

in den Videos auch kontroverse Themen/Personen,

wie die Flüchtlingskrise,

Hans-Hermann Hoppe oder Gunnar

Heinsohn zu besprechen. Das Motto

des Kanals lautet: „Begleiten Sie mich

auf meinem Lebensweg und lernen Sie

die Geheimnisse der Gesellschaft und

Wirtschaft kennen, die von Politik und

Medien gerne verschwiegen werden.“

KRAZ: In unserer aktuellen Ausgabe haben

wir uns mit dem Fortschritt befasst.

Glauben Sie an ein Ende des Fortschritts

oder wird die technische Entwicklung weiter

ihren Lauf nehmen – ob mit oder ohne

Deutschland?

Lüning: Wenn Leute mir Böses wollen, dann nennen

sie mich einen Technokraten oder Transhumanisten.

Und bei beidem sage ich: „Ja stimmt“,

aber das sehe ich nicht als Schimpfwort an. Für

mich, der mittlerweile die Mitte des Lebens überschritten

hat – vielleicht auch noch nicht, das

hängt von der Technik ab (lacht) – geht mit fortschreitender

Technik ein immer schöneres Leben

einher. Wenn ich mir vorstelle, wie das Leben in

meiner Jugend war… never back! Was wir heute

an Errungenschaften und an tollen Dingen haben,

die uns wirklich nach vorne bringen! Diese Technik

wird leider von vielen Leuten abgelehnt, weil

sie erst den Vordenkern und den Wohlhabenden

erschlossen wird. Dabei muss man ganz klar sagen:

Wenn ich jetzt mein Smartphone auspacke,

dann habe ich bessere Kommunikationsmöglichkeiten,

als Richard Nixon als US-amerikanischer

Präsident damals hatte.

KRAZ: Würden Sie denn sagen, dass Fortschritt

linear steigt oder sogar exponentiell?

Lüning: Exponentiell! Und exponentiell hat kein

Ende. Das hat Gründe, die gerne vernachlässigt

werden. Wir können auf ein gesellschaftliches

oder menschliches Wissens zurückgreifen, wir

müssen nichts neu erfinden. Alles, was da war oder ist,

steht uns zur Verfügung. Selbst solche abgeschotteten

Staatsgebilde wie Nordkorea, haben Zugriff auf wissenschaftliche

Forschung. Fast jeder hat Zugriff auf

ziemlich alles. Nur ein paar Leute versuchen das mit

Patentfristen noch zu verhindern.

KRAZ: Gerade im Pharmabereich ...

Lüning: Ja genau, da gibt es interessante Zahlen. Wir

haben in Deutschland im Jahr 2016 zwanzig (!) Medikamente

neu zugelassen – in einer Milliardenbranche.

Davon ist genau eins (!) in deutschen Laboren entstanden.

Und das ist ein Notfallmedikament, wenn ein anderes

nicht wirkt. In diesem Fall wurde das Patentrecht

regulatorisch vereinnahmt, um die Pfründe zu sichern.

Keiner hat wirklich Interesse, neue Medikamente zu

entwickeln. Warum auch? Er verdient ja gut an den Patenten.

Insofern bremsen wir uns selber aus. International

sind auch viele Fristen abgesprochen.

KRAZ: Könnte man Sie als Whiskeyliebhaber

auch als Konservativen bezeichnen? Wie sieht es

bei Ihnen im Privaten aus?

Lüning: In Teilen definitiv! Wenn es um den grundsätzlichen

Lebensstil geht, beispielsweise bei der Familie!

Ich bin aber kein gläubiger Mensch, das hat sich für

mich nicht ergeben. Ich respektiere jeden Gläubigen

und glaube, dass 95 Prozent der Menschen spirituell

sind. Aber ich halte es aus nichtreligiösen Gründen für

absolut sinnvoll, in einer stabilen Familie zu leben. Das

hat verschiedene Gründe. Zum einen, weil man immer

reflektieren kann, und zum anderen, weil man Sicherheit

hat, die man durch andere Institutionen nicht be-

25


Ein

Negeraufstand

in Haiti

Auch Haiti hatte seine eigene Revolution. Das

Land, das heute durch Korruption, Müllberge,

Hunger und Erdbeben auf sich aufmerksam

macht, kann eine stolze und kämpferische

Vergangenheit vorweisen. Im Jahr 1804 erklärte

die erste Republik von Schwarzen und

Mulatten die Unabhängigkeit. Aber bis dahin

war es ein weiter und blutiger Weg. Eine vergessene

Geschichte, die es sich lohnt, genauer

anzuschauen. Von unserem KRAZ-Historiker

Jang Modert.

Die haitianische Revolution gehört zu den am

wenigsten beachteten Phänomenen neuerer

„europäischer“ Geschichte. Obwohl dieser ursprünglich

aus einer Sklavenrevolte entstandene

Systemumsturz wirklich sämtliche Widersprüche

politischer Eigendynamiken abbildet, wird

er von linken wie rechten Geisteswissenschaftlern

gleichermaßen ignoriert. Über die Motive

könnte man lange spekulieren, jedoch blieb das

Thema dadurch angenehm unpolitisiert. Politischen

Freigeistern bietet sich daher ein Forschungsfeld

der Extraklasse.

36

Die kurzfristige Betrachtung der haitianischen Revolution

lässt sich in etwa so zusammenfassen: 1791 brachen

in der französischen Vorzeigekolonie „Saint-Domingue“

massenhaft Sklavenaufstände aus. Die Revolte schlug

schnell in eine Revolution um, und innerhalb von zwölf

Jahren überwanden die Aufständischen nicht nur die

Sklaverei, sondern besiegten sogar die napoleonischen

Truppen. Infolgedessen gründeten sie einen unabhängigen

und modern verfassten monoethnischen Staat inklusive

eigenständiger Außenpolitik und Exportwirtschaft.

Die etwas längere Betrachtung lässt sich allerdings auch

folgendermaßen lesen: Nur drei Jahre nach Erlangung

seiner Unabhängigkeit wurde das Kaiserreich Haiti

durch einen Militärputsch und einen anschließenden

Bürgerkrieg erschüttert. Über Jahrzehnte sollte das Land

in einem Zyklus innerer Konflikte, hoher Staatsverschuldung

und technischer Rückständigkeit zerfallen, um erneut

zum Spielball der europäischen Großmächte und

der USA zu werden.

Wie kam es zu diesen ebenso widersprüchlichen wie interessanten

Entwicklungen? Am Anfang standen zwei wich-


AUSGEFOCHTEN

Mensur der vier Tübinger Corps

(Franconia, Rhenania, Suevia und Borussia)

Ölgemälde von Gustav Adolf Closs (1890)

Männer aus Eisen

Ein paar dieser seltsamen Burschen kennt jeder Student. Irgendwo in ihrer Stadt wohnen

Sie auf alten Herrenhäusern und haben sich in Zeiten von Gendergaga und Verweiblichung

in ihre heiligen Hallen zurückgezogen. Ab und an eine öffentliche Veranstaltung, manchmal

sieht man in der Vorlesung einen Kerl mit „Schmiss“. Saufen, Prügeln, Fechten und abstruse

Initiationsrituale, so die studentischen Gerüchte über diese „rechten“ Paradiesvögel. Unser

Bild von Studentenverbindungen – eine Mischung aus Mythos, Unwissen und jahrhundertealter

Tradition. Zeit, einen Blick auf das bekannteste „Ritual“ zu werfen: Friedrich Fechter

hat eine Mensur besucht und berichtet darüber.

Keiner im Saal gibt einen Mucks von sich. In Erwartung

der Szene, die sich hier gleich abspielen

wird, blendet jeder den Lärm der Straße aus, der

gedämpft durch die geschlossenen Fenster dringt.

In der gesamten Republik von der Kasernenstube

bis zur Umkleidekabine des Sportstudios gibt es

keinen Ort, an dem der Geruch nach Mann in seiner

unverkennbaren Mischung aus kaltem Zigarettendunst

und Schweiß die Luft derart penetriert

wie hier. Während da draußen eine satte und müde

gewordene Gesellschaft in sich zusammenfällt und

von einem Altar aus flimmernden Bildschirmen

die Dekonstruierung des Mannes gefordert wird,

geht es hier im Saal in Anbetracht dessen, was

gleich passieren wird, herrlich unaufgeregt zu.

Frauen ist die Teilnahme strengstens untersagt.

An den Wänden hängen hunderte von kleinen Fotographien,

die ältesten noch aus der Kaiserzeit.

Unter den Schirmmützen funkeln die Augen, die

Gesichter üben sich mal in dandyhafter Arroganz,

mal lachen sie dem Betrachter herzlich entgegen.

Jedes Gesicht hat seine Geschichte, aber hier zwischen

den alten Fahnen an der Wand, dem Stuck

an der Decke und den schweren Kronleuchtern

verwebt sich alles zu einer einzigen großen Erzählung.

Auf den Zehenspitzen stehend, zwischen

39


ANBRUCH

Die Sprengkraft

der ökologischen

Frage

Dieser Artikel von Lutz Meyer (mit y) erschien

zuerst auf anbruch.info. Anbruch arbeitet

gerade an ihrem neuen Printmagazin,

das bald erscheinen wird.

In den Köpfen vieler Konservativer und Rechter

gibt es eine klare Weichenstellung: Wer sich für

Natur- und Umweltschutz einsetzt, steht der Partei

der Grünen nahe. Und wer grün ist, ist links.

Links aber ist böse. Folglich hält man sich fern,

wo immer sich Protest gegen Umwelt- und Naturzerstörung

regt wie aktuell im Hambacher Forst.

Diese Abstinenz ist ebenso töricht wie geschichtsvergessen.

Töricht, weil die Sorge um eine immer schneller

voranschreitende weltweite Naturzerstörung berechtigt

ist, gefährdet der zügellose Raubbau doch

unsere natürlichen Lebensgrundlagen. Töricht jedoch

auch aus einem anderen Grund: Die Zerstörung

von Naturräumen geht – zumindest in Europa

– immer auch einher mit der Zerstörung von

Kulturräumen. Deren Erhalt aber schreibt sich

nicht nur die identitäre Rechte auf die Fahnen.

Geschichtsvergessen, weil es lange vor den Grünen

ein ökologisches Denken gab – und dieses

ökologische Denken war nicht links. Es verbindet

sich beispielsweise mit Namen wie Ludwig Klages

und Friedrich Georg Jünger, dessen „Perfektion

der Technik“ (erstmals veröffentlicht 1946) ein intellektuelles

Manifest von Rang gegen ein Denken

ist, das auf Verbrauch, Naturzerstörung und Konsum

abzielt. Auch Martin Heidegger ließe sich

hier einreihen.

44

Doch nicht immer bleibt es bei dieser Abstinenz

– manche Konservative und Rechte gefallen

sich darin, den wackeren Apologeten der

hinter der Naturzerstörung stehenden Profitinteressen

und des allgemeinen Fortschrittwahns

zu spielen (so immer wieder in der Wochenzeitung

Jungen Freiheit zu bestaunen). Es ist

höchste Zeit, diese Haltung aufzugeben und

die Ökologie zurückzuerobern – intellektuell

wie alltagspraktisch.

Beginnen wir mit dem Alltagspraktischen.

Hier bedeutet ökologisches Denken, sparsam

zu wirtschaften, die natürlichen Ressourcen

zu schonen und einen Lebensstil persönlicher

Bescheidenheit zu pflegen. Ökologie im Alltag

verträgt sich nicht mit dem oft hedonistisch

und konsumistisch geprägten Lifestyle

großstädtischer Grüner. Sie verträgt sich auch

nicht mit profitorientiertem oder auch nur be-


Irgendwo in einem

fernen Paralleluniversum ...

Nur wenn der

Holzpreis unattraktiv

hoch ist, wird die Industrie gezwungen

sein, ihre Produktion

auf alternative Heizmethoden

umzustellen.

Arthur Hofmeister,

Vorsitzender der

Thingfraktion „Bündnis

70 die Kühnen“

Hintergrund:

ArtsyBee - Pixabay

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