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ZESO 01/19: Grundbedarf

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SKOS CSIAS COSAS<br />

Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe<br />

Conférence suisse des institutions d’action sociale<br />

Conferenza svizzera delle istituzioni dell’azione sociale<br />

Conferenza svizra da l’agid sozial<br />

<strong>ZESO</strong><br />

ZEITSCHRIFT FÜR SOZIALHILFE<br />

<strong>01</strong>/<strong>19</strong><br />

INTERVIEW<br />

Eva Jausli – eine Unternehmerin<br />

mit sozialem<br />

Gewissen<br />

SKOS-MERKBLÄTTER<br />

Neue Regeln im Migrationsbereich:<br />

Wie werden<br />

Personen unterstützt?<br />

REPORTAGE<br />

Ein junger Eritreer macht<br />

in einer Garage eine<br />

Integrationsvorlehre<br />

ZU VIEL<br />

ODER ZU WENIG?<br />

Die Bemessung des <strong>Grundbedarf</strong>s unter Druck


Berechnung des <strong>Grundbedarf</strong>s<br />

in den SKOS-Richtlinien<br />

Wahl des neuen Präsidiums<br />

Mitgliederversammlung<br />

Donnerstag, 23. Mai 2<strong>01</strong>9, Baar/ZG<br />

Der <strong>Grundbedarf</strong> für den Lebensunterhalt in der Sozialhilfe führt immer wieder<br />

zu heftigen Diskussionen in Politik und Medien. Die SKOS hat deshalb eine Studie<br />

in Auftrag gegeben, mit dem Ziel die Bemessung des <strong>Grundbedarf</strong>s auf eine<br />

wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Die Resultate der Studie des Büro BASS<br />

möchten wir an der Mitgliederversammlung 2<strong>01</strong>9 vorstellen und im Kontext der<br />

aktuellen Entwicklungen die Schlussfolgerungen für die Sozialhilfe mit Ihnen,<br />

Vertreterinnen und Vertretern der Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen<br />

und Sozialdirektoren (SODK), des Städteverbandes und der Städteinitiative<br />

diskutieren. Vor dem inhaltlichen Teil werden die Co-Präsidenten Therese Frösch<br />

und Felix Wolffers verabschiedet und das neue Präsidium der SKOS gewählt.<br />

Programm und Anmeldung unter www.skos.ch/veranstaltungen<br />

SKOS CSIAS COSAS<br />

Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe<br />

Conférence suisse des institutions d’action sociale<br />

Conferenza svizzera delle istituzioni dell’azione sociale<br />

Conferenza svizra da l’agid sozial<br />

Schuldenberatung und Existenzsicherung<br />

Certificate of Advanced Studies CAS<br />

Beginn, Dauer, Ort<br />

Ab September 2<strong>01</strong>9 in Muttenz, 24 Präsenztage, 15 ECTS-Kreditpunkte<br />

Inhalte<br />

Einführung in die Schuldenberatung, sozialpolitische und sozialrechtliche Grundlagen der Existenzsicherung,<br />

methodisches Vorgehen in einzelnen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit, Fallwerkstatt<br />

und Fallsupervision<br />

Leitung<br />

Dr. Christoph Mattes, Prof. Dr. Carlo Knöpfel<br />

Weitere Informationen und Anmeldung<br />

Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, T +41 61 228 59 23, rahel.lohner@fhnw.ch<br />

www.cas-schulden.ch


Ingrid Hess<br />

Redaktionsleitung<br />

EDITORIAL<br />

ZEIT FÜR DIE LÖSUNG DER<br />

PROBLEME<br />

Die Höhe des <strong>Grundbedarf</strong>s in der Sozialhilfe ist jetzt erneut<br />

wissenschaftlich begründet. Wissenschaftlich belegt ist jetzt<br />

auch, dass generelle Leistungskürzungen in den Kantonen<br />

auch von Rechts wegen nicht beliebig möglich sind. Die von der<br />

SKOS in Auftrag gegebenen Studien haben hier wichtige Erkenntnisse<br />

geliefert und eine Lücke geschlossen. Die Diskussion<br />

über die Höhe der Sozialhilfe muss geführt werden, aber<br />

auf der Basis von Fakten. Doch noch wichtiger wäre es, sich mit<br />

den Ursachen und den Lösungen der Probleme zu befassen. Damit<br />

Gemeinden, die überproportional hohe Kosten in der Sozialhilfe<br />

haben, Unterstützung erhalten, damit möglichst wenig<br />

Menschen Sozialhilfe überhaupt benötigen, und damit möglichst<br />

viele Sozialhilfebeziehende im Arbeitsmarkt wieder Fuss<br />

fassen(Seite 16).<br />

Eine, die hier einen wichtigen Beitrag leistet, ist die Berner Unternehmerin<br />

Eva Jaisli. Sie ist CEO von PB Swiss Tools. Das Unternehmen<br />

im Emmental, das Werkzeuge und medizinische Instrumente<br />

herstellt, beschäftigt psychisch oder physisch beeinträchtigte<br />

Menschen, aber auch Flüchtlinge. «Es ist einfach<br />

eine Verantwortung, die zum unternehmerischen Auftrag gehört»,<br />

sagt Jaisli im Interview (Seite 8).<br />

In dieser Ausgabe verabschieden sich Co-Präsidentin Therese<br />

Frösch und Co-Präsident Felix Wolffers. Sie haben in den letzten<br />

Jahren viel zur Versachlichung der Diskussion über die Sozialhilfe<br />

beigetragen; mit Fachwissen, aber auch konkreten und<br />

innovativen Vorschlägen, immer mit dem Ziel der Entstehung<br />

von Armut und Sozialhilfeabhängigkeit mit präventiven Massnahmen<br />

vorzubeugen (Seite 6).<br />

1/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

1


SCHWERPUNKT<br />

Wie viel ist<br />

zu wenig?<br />

Wie viel braucht ein Mensch,<br />

eine Familie, zum Überleben?<br />

Die Berechnung des<br />

<strong>Grundbedarf</strong>s in der Sozialhilfe<br />

wirft viele Fragen auf. Die<br />

Studie der SKOS löste Anfang<br />

des Jahres intensive Debatten<br />

aus; Debatten, die auch im<br />

Nachbarland Österreich<br />

geführt werden – natürlich<br />

mit anderen Zahlen und<br />

anderen Rahmenbedingungen.<br />

Gestritten wird vor allem<br />

über einzelne Beträge im<br />

Warenkorb. Das ist völlig<br />

falsch, findet Professor<br />

Knöpfel von der FHNW, denn<br />

«der <strong>Grundbedarf</strong> ist ein<br />

Pauschalbetrag».<br />

12–23<br />

14–27<br />

<strong>ZESO</strong><br />

ZEITSCHRIFT FÜR SOZIALHILFE HERAUSGEBERIN Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe SKOS, www.skos.ch REDAKTIONSADRESSE<br />

© SKOS. Nachdruck nur mit Genehmigung der Herausgeberin.<br />

Die <strong>ZESO</strong> erscheint viermal jährlich.<br />

ISSN 1422-0636 / 116. Jahrgang<br />

Erscheinungsdatum: 4. März 2<strong>01</strong>9<br />

Die nächste Ausgabe erscheint am 3. Juni 2<strong>01</strong>9<br />

Redaktion <strong>ZESO</strong>, SKOS, Monbijoustrasse 22, Postfach, CH-3000 Bern 14, zeso@skos.ch, Tel. 031 326 <strong>19</strong> <strong>19</strong><br />

REDAKTION Ingrid Hess, Regine Gerber MITARBEITERINNEN UND MITARBEITER DIESER AUSGABE Pascal Coullery,<br />

Daniel Desborough, Béatrice Devènes, Palma Fiacco, Markus Kaufmann, Stefan Liembd, Ursula Markus,<br />

Paula Lanfranconi, Christoph Mattes, Martin Schenk, Valentin Schnorr, Bettina Seebeck, Max Spring, Sabine<br />

Stalder, Alexander Suter TITELBILD Palma Fiacco LAYOUT Marco Bernet, Projekt Athleten GmbH Zürich<br />

KORREKTORAT Karin Meier DRUCK UND ABOVERWALTUNG Rub Media, Postfach, 30<strong>01</strong> Bern, zeso@rubmedia.<br />

ch, Tel. 031 740 97 86 PREISE Jahresabonnement CHF 82.– (SKOS-Mitglieder CHF 69.–), Jahresabonnement<br />

Ausland CHF 120.–, Einzelnummer CHF 25.–.<br />

2 <strong>ZESO</strong> 1/<strong>19</strong>


06<br />

INHALT<br />

5 KOMMENTAR<br />

Motivation durch Beratung als wichtigste<br />

Aufgabe<br />

6 RÜCKTRITT CO-PRÄSIDIUM<br />

Therese Frösch und Felix Wolffers<br />

wünschen sich mehr Stimmen der Vernunft<br />

8 PRAXIS<br />

Rückerstattungspflicht von Geldern für<br />

Integrationsmassnahmen?<br />

9 NEUE MERKBLÄTTER<br />

Regelungen der Sozialleistungen im<br />

Bereich der Migration wurden komplett<br />

revidiert<br />

10 INTERVIEW: EVA JAISLI<br />

Eine Unternehmerin mit sozialem<br />

Gewissen im Emmental zur gesellschaftlichen<br />

unternehmerischen Verantwortung<br />

10<br />

14–27 DER GRUNDBEDARF IN DER SOZIALHILFE<br />

16 Weniger <strong>Grundbedarf</strong> ist zu wenig – die<br />

Studie des Büro BASS<br />

20 Leistungskürzungen sind auch rechtliche<br />

Schranken gesetzt – ein Rechtsgutachten<br />

22 In Österreich bald Sozialhilfe ohne Mindeststandard<br />

24 Wenn das Geld nicht reicht – Ursachen<br />

und Wirkung von Verschuldung<br />

26 «Den Durchschnittsarmen gibt es nicht»,<br />

sagt Professor Knöpfel und erinnert daran:<br />

Der <strong>Grundbedarf</strong> ist ein Pauschalbetrag<br />

31 28<br />

28 PILOTPROJEKT INTEGRATIONSVORLEHRE<br />

Ein Besuch bei der Garage Dubach AG, wo<br />

ein Flüchtling eine Vorlehre absolviert<br />

31 FACHBEITRAG<br />

Ein Vergleich der Kennzahlen von IV und<br />

Sozialhilfe und eine schwierige Deutung<br />

der Zahlen<br />

34 LESETIPPS UND VERANSTALTUNGEN<br />

36 PORTRÄT<br />

Nicole Stehli und ihr Theaterprojekt der<br />

«schrägen Vögel»<br />

36<br />

1/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

3


NACHRICHTEN<br />

Armutsfaktor<br />

Prämien<br />

«Die stetig steigenden Krankenkassenprämien<br />

treiben einkommensschwache<br />

Haushalte in die Armut», schreibt das<br />

Hilfswerk Caritas bei der Präsentation<br />

einer Studie. Ohnmächtig stünden viele<br />

Familien dieser Entwicklung gegenüber.<br />

Wie aus einer Erhebung der Prämienverbilligungspraxis<br />

der Kantone hervorgeht,<br />

verteilt sich die Gesamtsumme der Prämienverbilligung<br />

auf vier verschiedene<br />

Gefässe: die Ergänzungsleistungen, die<br />

Sozialhilfe, die Übernahme von Verlustscheinen<br />

und die «ordentliche» Prämienverbilligung.<br />

Warum die Übernahme von<br />

Verlustscheinen, immerhin ein Betrag<br />

von 350 Millionen, aus dem Topf der Prämienverbilligung<br />

finanziert wird, ist für<br />

die Caritas unverständlich. Gleichzeitig<br />

machen die Daten der Kantone sichtbar,<br />

dass immer mehr Prämienverbilligungen<br />

ins Gefäss der Sozialhilfe und der Ergänzungsleistungen<br />

fliessen. Statt mehr<br />

finanzielle Mittel für die Verbilligung bereit<br />

zu stellen, wird von vielen Kantonen<br />

einfach die Verteilung der Mittel geändert.<br />

Dies geht zu Lasten der «ordentlichen»<br />

Prämienverbilligung. Caritas fordert von<br />

Bund und Kantonen, dass die jährliche<br />

Belastung durch die Krankenkassenprämien<br />

maximal einen Monatslohn betragen<br />

darf. Die Prämienverbilligungen seien<br />

entsprechend auszugestalten. (red.)<br />

SKOS: Medienkonferenz<br />

zum GBL<br />

Der <strong>Grundbedarf</strong> für den Lebensunterhalt<br />

in der Sozialhilfe ist schon heute sehr<br />

knapp bemessen. Weitere Kürzungen<br />

würden die Existenzsicherung gefährden.<br />

Dies zeigt eine von der SKOS in Auftrag gegebene<br />

Studie, die an einer Medienkonferenz<br />

Anfang Jahr vorgestellt wurde. Das<br />

Echo in den Medien und der Öffentlichkeit<br />

war aussergewöhnlich gross. Auch die<br />

«Arena» im Fernsehen SRF widmete sich<br />

dem Thema <strong>Grundbedarf</strong>. Es diskutierten<br />

Politiker, Betroffene und Praktiker, ob die<br />

Sozialhilfe ein würdiges Leben ermöglicht.<br />

SKOS-Co-Präsident Felix Wolffers<br />

vertrat die Sicht der SKOS. Auch eine SRF-<br />

Dok zur Bemessung des <strong>Grundbedarf</strong>s in<br />

der Sozialhilfe wurde am vergangenen 10.<br />

Januar ausgestrahlt. (red.)<br />

Erste Bilanz zur Stellenmeldepflicht<br />

Die neue Stellenmeldepflicht ist seit einem<br />

halben Jahr in Kraft. Die Zahlen der<br />

gemeldeten offenen Stellen sind seit Juli<br />

2<strong>01</strong>8 sprunghaft angestiegen. In den Monaten<br />

nach der Einführung der Stellenmeldepflicht<br />

wurden laut Seco jeweils zwischen<br />

25 000 und 35 000 offene Stellen<br />

gemeldet, also etwa dreimal so viele wie zuvor.<br />

Viele arbeitssuchende Sozialhilfebeziehenden<br />

konnten sich bewerben. Wie<br />

viele von ihnen dank der neuen Stellenmeldepflicht<br />

tatsächlich eine Stelle fanden,<br />

ist nicht bekannt. An einer Tagung<br />

von Arbeitsintegration Schweiz erklärte<br />

Nicole Hostettler, Leiterin Amt für Wirtschaft<br />

und Arbeit Basel-Stadt, die Erfahrungen<br />

der ersten Monate seien in jedem<br />

Fall leicht positiv. Man registriere mehr<br />

verfügbare Stellen und mehr Dossierübermittlungen<br />

an Unternehmen sowie erste<br />

Vermittlungserfolge aufgrund der Stellenmeldepflicht.<br />

Positiv bewertete die Basler<br />

Vertreterin auch die Intensivierung des bestehenden<br />

guten Dialogs zwischen RAV,<br />

Wirtschaftsförderung, Unternehmen, Verbänden,<br />

Sozialhilfe, IV, Organisationen<br />

und Anbietern. Auf Kritik stiess die verwendete<br />

Berufsnomenklatur. Bei den Sozialdiensten<br />

herrschte auch Unsicherheit,<br />

SKOS-<strong>Grundbedarf</strong>:<br />

Teuerungsanpassung auf 2020<br />

Am 21. September 2<strong>01</strong>8 hat der Bundesrat<br />

beschlossen, die AHV-, IV- und<br />

EL-Renten der Teuerung anzupassen.<br />

Gemäss SKOS-Richtlinien ist ein solcher<br />

Teuerungsausgleich auf dem <strong>Grundbedarf</strong><br />

der Sozialhilfebeträge nachzuvollziehen.<br />

Die Plenarversammlung der SODK hatte<br />

am 23. November 2<strong>01</strong>8 Kenntnis von der<br />

Haushaltgrösse 2<strong>01</strong>7<br />

1 Person<br />

2 Personen<br />

3 Personen<br />

4 Personen<br />

5 Personen<br />

pro weitere Person<br />

986<br />

1509<br />

1834<br />

2110<br />

2386<br />

200<br />

Die meisten Stellenangebote stammen aus der<br />

Gastrobranche.<br />

Bild: Béatrice Devènes<br />

welche Stellen des zweiten Arbeitsmarkts<br />

gemeldet werden müssten. Ab 2020 müssen<br />

Branchen mit einer Arbeitslosenquote<br />

von über fünf Prozent offene Stellen melden.<br />

www.job-room.ch (ih)<br />

•<br />

anstehenden Anpassung genommen. Die<br />

SODK empfiehlt den Kantonen, diese Anpassung<br />

in ihren Sozialhilfeerlassen vorzusehen.<br />

Allerdings soll der Nachvollzug des<br />

Teuerungsausgleichs aus Rücksicht auf<br />

die kantonalen Budgetprozesse mit einer<br />

Übergangsfrist bis zum 1.1.2020 erfolgen.<br />

(red.)<br />

•<br />

2<strong>01</strong>7 2020<br />

Pauschale<br />

Person/Mt.<br />

ab 2<strong>01</strong>7<br />

986<br />

775<br />

611<br />

528<br />

477<br />

2020<br />

997<br />

1525<br />

1854<br />

2134<br />

2413<br />

202<br />

Pauschale<br />

Person/Mt.<br />

ab 2020<br />

997<br />

763<br />

618<br />

533<br />

483<br />

4 <strong>ZESO</strong> 1/<strong>19</strong>


KOMMENTAR<br />

Von Motivationen und Sanktionen<br />

Die SKOS und ihre Exponenten waren im<br />

Januar 2<strong>01</strong>9 oft in der Öffentlichkeit, sie<br />

haben den aktuellen <strong>Grundbedarf</strong> verteidigt,<br />

die SKOS-Richtlinien, das aktuelle Sozialhilfesystem<br />

und sie haben sich hinter die Menschen<br />

in unserem Lande gestellt, die auf<br />

Sozialhilfe angewiesen sind. In der Arena-<br />

Sendung vom 11. Januar 2<strong>01</strong>9 versuchte<br />

die Initiantin des Vorschlags «Motivation<br />

statt Sanktion» mit dem Schlagwort Paradigmawechsel<br />

den Zuschauenden glaubhaft<br />

zu machen, dass ein Systemwechsel alles<br />

besser macht. Der <strong>Grundbedarf</strong> soll dabei<br />

nur noch 70 Prozent der heutigen Werte<br />

betragen. Die Menschen, die sich in der<br />

Beurteilung der Sozialhilfebehörden «wohl<br />

verhalten» und sich also motiviert zeigen<br />

oder die zu einer akzeptierten Gruppe gehören<br />

(wie zum Beispiel Alleinerziehende mit<br />

Kindern), sollen bereits nach einem Monat<br />

Sozialhilfebezug wieder auf dem Niveau des<br />

heutigen <strong>Grundbedarf</strong>s sein. Welche Auswirkungen<br />

hätte diese Idee? Die SKOS hat<br />

durch unabhängige Experten die Bemessung<br />

des <strong>Grundbedarf</strong>s überprüfen lassen.<br />

Gemäss dem neuen SKOS-Bericht wären<br />

im Falle einer Kürzung des <strong>Grundbedarf</strong>s<br />

Gesundheit, Ernährung und soziale Integration<br />

bei den Sozialhilfebeziehenden<br />

grundsätzlich in<br />

Frage gestellt.<br />

Begründung für diesen und andere Sparvorschläge<br />

sind stets einzelne Sozialhilfebezüger,<br />

die das Sozialhilfe-System hintergehen.<br />

Als Chef eines Sozialdienstes bin ich<br />

froh und auch darauf angewiesen, dass<br />

kompetente und erfahrene Sozialarbeitende<br />

die Lage von hilfesuchenden Personen<br />

einschätzen und beurteilen können. Habe<br />

ich es bei Herrn Hans Meier mit einem Menschen<br />

zu tun, der sich möglichst schnell<br />

von der Sozialhilfe wieder ablösen will? Ist<br />

es der 20-jährigen Frau Franziska Huber<br />

gerade recht, mit ihren Kumpels durch die<br />

Stadt zu ziehen, um die Termine mit ihrer<br />

Beraterin beim Sozialdienst nicht wahrnehmen<br />

zu müssen?<br />

Die aktuellen SKOS-Richtlinien lassen Sanktionsmöglichkeiten<br />

zu. Diese müssen für<br />

Personen gelten, die nicht bereit sind, mit<br />

dem Sozialdienst zusammenzuarbeiten und<br />

ihre persönliche Situation zu verbessern.<br />

Ich spreche explizit nicht von Personen, die<br />

aufgrund von psychischen Erkrankungen<br />

und/oder Beeinträchtigungen nicht in der<br />

Lage sind, ihren Pflichten<br />

nachzukommen. Es geht hier um Personen,<br />

die die Sozialhilfe gezielt und willentlich<br />

ausnutzen wollen und nicht bereit sind, sich<br />

dafür anzustrengen. Dort erwarte ich von<br />

meinen Mitarbeitenden, dass sie sanktionieren.<br />

Der korrekte Umgang mit dem Instrument<br />

Sanktion setzt innerhalb eines Dienstes<br />

Absprachen und Austausch voraus. Der<br />

formal wie inhaltlich korrekte Einsatz von<br />

Sanktionen ist dabei absolut zentral, um im<br />

Falle von Einsprachen seitens der Betroffenen<br />

nicht unendlich viel Zeit zu verlieren.<br />

Die Vorgesetzten sind daher gefordert,<br />

indem sie Fachleute für die Ausrichtung<br />

der wirtschaftlichen Sozialhilfe einstellen<br />

und indem sie die Rahmenbedingungen so<br />

gestalten, dass die Fachleute genügend Zeit<br />

und die richtigen Mittel haben, den Sozialhilfebezug<br />

professionell auszurichten.<br />

Motivieren durch kompetente Beratung, davon<br />

bin ich fest überzeugt, bleibt weiterhin<br />

die wichtigste zielführende Kernaufgabe der<br />

Sozialhilfe.<br />

Stefan Liembd<br />

Leiter Soziale Dienste Luzern,<br />

Präsident SKOS-Kommission Oe+F<br />

1/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

5


«Es braucht breite Allianzen»<br />

SKOS-PRÄSIDIUM 2<strong>01</strong>4 übernahmen Therese Frösch und Felix Wolffers zusammen das Präsidium<br />

der SKOS. Nun treten sie wieder ab. Erfreut zeigen sich die beiden über eine «wirklich sehr gute<br />

und konstruktive Zusammenarbeit; sowohl innerhalb der SKOS als auch mit zahlreichen anderen<br />

Institutionen und Organisationen.» Wünschen würden sie sich «mehr Stimmen der Vernunft, die<br />

sich den wiederkehrenden Abbautendenzen entgegenstellen».<br />

«<strong>ZESO</strong>»: Ihr habt die SKOS fünf Jahre<br />

präsidiert. In dieser Zeit konntet Ihr<br />

einiges bewegen. Ihr habt konstruktive<br />

Vorschläge gemacht, wie beispielsweise<br />

die Ergänzungsleistungen für<br />

55plus oder die Weiterbildungsoffensive,<br />

die auf breites Echo stiessen. Die<br />

SKOS selbst steht auch nicht mehr<br />

derart im Kreuzfeuer der Kritik. Seid<br />

Ihr zufrieden mit Eurer Bilanz?<br />

Wolffers: Natürlich ist es erfreulich,<br />

dass wir Bewegung in wichtige sozialpolitische<br />

Fragen gebracht haben. Beim Kernthema<br />

Sozialhilfe läuft aber gleichzeitig einiges<br />

in die falsche Richtung. Breite Kreise<br />

unserer Gesellschaft scheinen bereit zu<br />

sein, eine Viertelmillion Menschen in eine<br />

noch grössere materielle Not zu treiben<br />

und sozial auszugrenzen. Man muss sich<br />

daher schon fragen, was mit der gesellschaftlichen<br />

Solidarität geschehen ist. Sozialhilfe<br />

wird im Moment nur unter dem<br />

Aspekt der Kosten und der Leistungskürzungen<br />

diskutiert. Ist es nicht die Aufgabe<br />

der Gesellschaft, dafür zu sorgen, dass<br />

alle ein menschenwürdiges Leben führen<br />

können? Diese Frage bräuchte eine breite<br />

Diskussion in der Gesellschaft. Das kann<br />

die SKOS alleine nicht leisten. Es braucht<br />

mehr Stimmen der Vernunft, welche sich<br />

den Abbautendenzen entgegenstellen.<br />

Frösch: Als langjährige Politikerin<br />

weiss ich natürlich, dass man bei diesen<br />

Themen sehr viel Stehvermögen braucht<br />

und Rückschläge normal sind. Das gibt es<br />

nicht nur beim Thema Sozialhilfe. Rechtsbürgerliche<br />

Kräfte griffen die SKOS-Richtlinien<br />

schon vor fünf Jahren an. In solchen<br />

Situationen ist es zentral, breite Allianzen<br />

zu schaffen. Das ist uns gelungen. Die<br />

SODK hat 2<strong>01</strong>5 einstimmig die heute<br />

geltenden Richtlinien beschlossen. Man<br />

darf auch nicht vergessen, dass die aktuelle<br />

Diskussion um die Kürzung des <strong>Grundbedarf</strong>s<br />

in der Sozialhilfe von drei Kantonen<br />

ausgeht. Es ist zu hoffen, dass die übrigen<br />

Kantone mit der SODK die gemeinsam erarbeiteten<br />

Richtlinien verteidigen.<br />

Wolffers: Die Diskussion wird zu oft<br />

ohne sachliche Argumente geführt. Die<br />

Kritik an der Sozialhilfe ist getrieben von<br />

Emotionen und Polemik. Eine fundierte<br />

Auseinandersetzung auf einer Faktenbasis<br />

gibt es nicht. In den Kantonen Aargau und<br />

Basel Landschaft will man die Sozialhilfe<br />

um 30 Prozent kürzen, ohne vorher zu<br />

untersuchen, welche Folgen das für die Betroffenen<br />

hätte. Das ist nicht nur sozialpolitisch,<br />

sondern auch rechtlich unhaltbar.<br />

Die Harmonisierung der Sozialhilfe zu<br />

festigen, war eines der zentralen Ziele<br />

Eures Präsidiums. Ihr habt deshalb die<br />

Zusammenarbeit mit der SODK intensiviert.<br />

Ein weiterer Vorsatz von Euch<br />

war, Schwachstellen bei der Sozialhilfe<br />

anzugehen. Welche Schwachstellen<br />

habt Ihr gefunden?<br />

Frösch: Die Sozialhilfe ist das letzte<br />

Auffangnetz für alle Risiken, welche<br />

von den Sozialversicherungen nicht gedeckt<br />

werden. Diese Risiken nehmen<br />

zu, denken wir beispielsweise an die steigende<br />

Zahl von Scheidungen, die vielen<br />

«Rechtsbürgerliche Kräfte griffen<br />

die SKOS-Richtlinien schon vor<br />

fünf Jahren an.»<br />

6 <strong>ZESO</strong> 1/<strong>19</strong>


Einelternfamilien und die wachsende Zahl<br />

von Langzeitarbeitslosen. Hinzu kommen<br />

Sparmassnahmen der vorgelagerten Sozialversicherungen<br />

wie IV und ALV. Die Sozialhilfe<br />

muss somit immer neue Aufgaben<br />

übernehmen. Sie ist damit aber überfordert,<br />

wenn nicht zugleich das Finanzierungssystem<br />

verbessert wird. Notwendig<br />

sind aber auch Massnahmen, welche die<br />

Armut und die Abhängigkeit von Sozialhilfe<br />

wirksam verhindern, wie Familienergänzungsleistungen,<br />

bessere Stipendien oder<br />

Massnahmen für über 55-jährige Arbeitslose<br />

oder der AHV vorgelagerte Überbrückungsrenten.<br />

Wolffers: Das grösste Problem der Sozialhilfe<br />

ist nach wie vor die Finanzierung.<br />

Die Sozialhilfe steht im Kontext von globalen<br />

Entwicklungen, wie zum Beispiel<br />

Flüchtlingsströme oder wirtschaftliche<br />

und gesellschaftliche Veränderungen. Diese<br />

haben Auswirkungen auf die Sozialhilfe<br />

und schliesslich auf die Finanzen auf Gemeindeebene.<br />

Einzelne Gemeinden leiden<br />

stark unter dieser Belastung und fordern<br />

zu Recht mehr Solidarität. Es braucht deshalb<br />

einen fairen Lastenausgleich in den<br />

Kantonen und allenfalls auch eine Mitfinanzierung<br />

durch den Bund. Auffallend<br />

ist, dass vor allem jene politischen Kreise<br />

eine gerechte Verteilung der Lasten bekämpfen,<br />

welche über hohe Kosten in einzelnen<br />

Gemeinden klagen. Gerechte Lösungen<br />

werden so gezielt verhindert.<br />

Ihr habt die öffentliche Debatte über<br />

die Sozialhilfe in den letzten Jahren<br />

mitgeprägt. Selbst die NZZ stellte<br />

wohlwollend fest, Ihr hättet es verstanden,<br />

die Diskussion zu versachlichen.<br />

Was würdet Ihr Eurem Nachfolger,<br />

Eurer Nachfolgerin mit auf den Weg<br />

geben?<br />

Frösch: Mir wäre es sehr wichtig, dass<br />

das Vertrauen innerhalb der Gremien der<br />

SKOS aufrechterhalten bliebe. Wir erfreuten<br />

uns in den vergangenen Jahren<br />

einer wirklich sehr guten und konstruktiven<br />

Zusammenarbeit; sowohl innerhalb<br />

der SKOS als auch mit einer grossen Zahl<br />

von anderen Institutionen und Organisationen.<br />

Wir bemühten uns immer, alle<br />

relevanten Kräfte miteinzubeziehen. Die<br />

SKOS hat sich zudem als Thinktank etabliert.<br />

Ich bin überzeugt, dass es möglich<br />

ist, hoch qualifizierte Personen für unsere<br />

Nachfolge im SKOS-Präsidium zu finden,<br />

weil die SKOS gut aufgestellt ist.<br />

«Das grösste Problem der Sozialhilfe ist nach<br />

wie vor die Finanzierung.»<br />

Wolffers: Die SKOS als Fachverband<br />

steht sehr gut da, aber die Sozialhilfe ist<br />

dennoch unter starkem Druck. Ich fürchte,<br />

die sozialpolitische Wetterlage wird sich<br />

weiter verschlechtern. Wir senken laufend<br />

die Steuern für Reiche und für Unternehmen<br />

und beklagen, dass für eine angemessene<br />

Sozialhilfe kein Geld vorhanden sei.<br />

Ich wünsche mir, dass die besonnenen<br />

Kräfte sich vermehrt in der sozialpolitischen<br />

Diskussion engagieren.<br />

Ihr beide habt schon früher zusammen<br />

gearbeitet. Das Co-Präsidium, so<br />

schien es, funktionierte gut. Gab es nie<br />

Streit?<br />

Wolffers: Ich denke, wir sind wirklich<br />

ein gutes Team. Wir wurden aber auch<br />

wunderbar unterstützt von der Geschäftsleitung<br />

und vom Vorstand der SKOS und<br />

von der Geschäftsstelle.<br />

Frösch: Wir sind ein Team, das an den<br />

Schwierigkeiten wächst, weil wir kritikfähig<br />

sind. Ich denke, wir ergänzen uns sehr gut.<br />

Felix hat den Bezug zur Praxis und ein profundes<br />

fachliches und fachpolitisches Wissen<br />

und ich bringe meine lange politische<br />

Erfahrung ein. Ich hatte aber früher auch<br />

zehn Jahre als Sozialarbeiterin gearbeitet.<br />

Werdet Ihr Euch nun ganz aus der Diskussion<br />

über die Sozialhilfe zurückziehen<br />

oder wird man weiter von Euch<br />

hören?<br />

Frösch: Ich setze mich als Präsidentin<br />

von Helvetas in der Entwicklungszusammenarbeit<br />

für Armutsbekämpfung ein.<br />

Auch hier ist eine weltweit besorgniserregende<br />

Tendenz der abnehmenden Solidarität<br />

mit den Schwächsten zu beobachten.<br />

Wolffers: Bis Mitte 2020 bin ich noch<br />

Leiter des Berner Sozialdienstes. Ich werde<br />

mich sicher noch weiter in der Sozialpolitik<br />

engagieren. <br />

•<br />

Das Gespräch führte<br />

Ingrid Hess<br />

1/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

7


Rückerstattungspflicht auch für<br />

Integrationsmassnahmen?<br />

PRAXIS Herr Zander bezieht Sozialhilfe und kommt während dieser Zeit überraschend zu Vermögen.<br />

Bei der Bemessung der Rückerstattung stellt sich die Frage, ob Aufwendungen der Sozialhilfe für<br />

Integrationsmassnahmen ebenfalls rückerstattungspflichtig sind.<br />

Herr Zander* wird vom Sozialdienst finanziell<br />

unterstützt. Nachdem er an einem<br />

dreimonatigen Abklärungsprogramm des<br />

Sozialdienstes teilgenommen hat, erhält er<br />

bei einer Sozialfirma eine Anstellung zu 50<br />

Prozent. Mit diesem Lohn kann er einen<br />

Teil seines Bedarfs selber abdecken.<br />

Schliesslich kommt Herr Zander überraschend<br />

zu Vermögen im Umfang von Fr.<br />

100 000.–.<br />

FRAGEN<br />

Für den Sozialdienst stellt sich nun die Frage,<br />

ob und in welchem Umfang Herr Zander<br />

rückerstattungspflichtig ist.<br />

GRUNDLAGEN<br />

Die SKOS-Richtlinien unterscheiden zwischen<br />

Rückerstattungen bei rechtmässigem<br />

Bezug und Rückerstattungen bei unrechtmässigem<br />

Bezug. Bei Rückerstattungsforderungen<br />

gelten die Bestimmungen<br />

der kantonalen Sozialhilfegesetzgebung<br />

(Art. 26 ZUG). Verschiedene Kantone<br />

regeln, dass die bezogene Sozialhilfe<br />

bei einer wesentlichen Verbesserung der<br />

wirtschaftlichen Verhältnisse (Erbanfall,<br />

Lottogewinn usw.) grundsätzlich zurückzuerstatten<br />

ist und dass dabei Freibeträge<br />

PRAXIS<br />

In dieser Rubrik werden exemplarische Fragen aus<br />

der Sozialhilfe praxis an die «SKOS-Line» publiziert<br />

und beantwortet. Die «SKOS-Line» ist ein Beratungsangebot<br />

für SKOS-Mitglieder.<br />

Der Zugang erfolgt über www.skos.ch Mitgliederbereich<br />

(einloggen) Beratungsangebot.<br />

zu berücksichtigen sind. Dies, um das primäre<br />

Ziel der Sozialhilfe, nämlich die Wiedererlangung<br />

der wirtschaftlichen Unabhängigkeit<br />

von ehemals unterstützten<br />

Personen, nicht zu gefährden. Die SKOS-<br />

Richtlinien sehen vor, dass Personen, die<br />

infolge eines erheblichen Vermögensanfalles<br />

keine Unterstützung mehr benötigen,<br />

ein angemessener Betrag zu belassen ist:<br />

Einzelpersonen Fr. 25 000.–, Ehepaare<br />

Fr. 40 000.– zuzüglich Fr. 15 000.– pro<br />

minderjähriges Kind (SKOS-RL E.3).<br />

Die Rückerstattungspflicht erstreckt<br />

sich hingegen nicht auf sämtliche Aufwendungen<br />

der Sozialhilfe. Es gilt die allgemeine<br />

Empfehlung, dass sich die Rückerstattungspflicht<br />

nicht auf Leistungen<br />

erstrecken soll, welche zur Förderung der<br />

beruflichen und sozialen Integration gewährt<br />

wurden (EFB, IZU, SIL im Zusammenhang<br />

mit Integrationsmassnahmen,<br />

vgl. SKOS-RL Kapitel E.3).<br />

Der Lohn aus der Beschäftigung in einer<br />

Anstellung im zweiten Arbeitsmarkt<br />

bestimmt sich nach vertraglichen Vereinbarungen<br />

zwischen Herrn Zander und<br />

der Sozialfirma; er stellt damit keine Unterstützungsleistung<br />

dar, die ihm gestützt<br />

auf das Sozialhilferecht und allenfalls noch<br />

unter Berücksichtigung von Ermessen gewährt<br />

wird.<br />

ANTWORT<br />

Aufgrund des Vermögensanfalls von Fr.<br />

100 000.– gelangt Herr Zander in günstige<br />

Verhältnisse. In Anwendung des Bedarfsdeckungsprinzips<br />

ist Herr Z. nicht<br />

mehr bedürftig und hat keinen Anspruch<br />

mehr auf wirtschaftliche Unterstützung<br />

(SKOS-RL A.4). Parallel zur Ablösung<br />

prüft der Sozialdienst, in welchem Umfang<br />

Herr Zander rückerstattungspflichtig ist.<br />

Der von Herrn Zander mit der Tätigkeit<br />

bei der Sozialfirma erwirtschaftete<br />

Lohn gilt nicht als Unterstützungsleistung<br />

im Sinne des ZUG (vgl. Art. 3 Abs. 1 und<br />

Abs. 2 lit. a ZUG), weshalb im Umfang des<br />

erzielten Soziallohnes keine Rückerstattungspflicht<br />

vorliegt. Es spielt dabei keine<br />

Rolle, wie genau der Lohn zusammengesetzt<br />

ist und ob darin allenfalls noch ein<br />

Anteil zur Finanzierung des betreffenden<br />

Programms enthalten ist.<br />

Was das dreimonatige Abklärungsprogramm<br />

anbelangt, welches Herr Zander<br />

vor seiner Anstellung bei der Sozialfirma<br />

absolvierte, empfiehlt die SKOS, dass keine<br />

Rückerstattungspflicht vorzusehen ist,<br />

weil diese Massnahme zur Förderung der<br />

beruflichen Integration von Herrn Zander<br />

gewährt wurde (SKOS-RL E.3.1).<br />

Somit erstreckt sich die Rückerstattungspflicht<br />

von Herrn Zander lediglich<br />

auf die wirtschaftliche Hilfe, welche nicht<br />

im Hinblick auf Massnahmen zur Förderung<br />

seiner beruflichen oder sozialen Integration<br />

gewährt wurde. Dabei wird Herr<br />

Zander mit jenem Anteil des Vermögens<br />

rückerstattungspflichtig, welcher den für<br />

ihn als Einzelperson massgebenden Freibetrag<br />

von Fr. 25 000.– übersteigt. •<br />

*Name geändert<br />

Sabine Stalder<br />

Mitglied der SKOS-Kommission<br />

Richtlinien und Praxis<br />

8 <strong>ZESO</strong> 1/<strong>19</strong>


Neue SKOS-Merkblätter für neue<br />

Regeln im Migrationsbereich<br />

SOZIALHILFE Die gesetzliche Regelung betreffend die Unterstützung von Personen aus dem EU/<br />

EFTA-Raum sowie des Asyl- und Flüchtlingsbereichs wurde in den letzten zwei Jahren komplett<br />

neu angepasst. Die SKOS hat deshalb ihre Merkblätter überarbeitet und aktualisiert. Das Merkblatt<br />

zur Unterstützung für Personen aus Drittstaaten wird ebenfalls aktualisiert und im Sommer 2<strong>01</strong>9<br />

veröffentlicht.<br />

Nirgendwo ist es in den vergangenen Jahren<br />

zu derart vielen Gesetzesänderungen<br />

gekommen wie im Migrationsbereich. Die<br />

grössten Änderungen wurden vom Parlament<br />

im Dezember 2<strong>01</strong>6 entschieden<br />

und hatten einerseits die Steuerung der Zuwanderung<br />

und Vollzugsverbesserungen<br />

bei den Freizügigkeitsabkommen, anderseits<br />

die Integration zum Ziel. Verschiedene<br />

Gesetze und Verordnungen wurden gestützt<br />

auf diese Massnahmenpakete<br />

angepasst und schrittweise in Kraft gesetzt,<br />

mit den letzten Anpassungen per 1. Januar<br />

2<strong>01</strong>9. Die von der SKOS in den Jahren<br />

2<strong>01</strong>3–2<strong>01</strong>4 erarbeiteten Merkblätter zur<br />

Sozialhilfe für Migrantinnen und Migranten<br />

sind daher nicht mehr aktuell. Die Expertinnen<br />

und Experten der SKOS-Kommission<br />

Rechtsfragen haben die Papiere<br />

aktualisiert und überarbeitet. Das Resultat<br />

sind handliche und informative Praxishilfen,<br />

welche den Vollzug der Sozialhilfe in<br />

einem überaus anspruchsvollen Bereich erleichtern.<br />

Sozialhilfe-Einschränkungen für<br />

Personen aus dem EU/EFTA-Raum<br />

Per 1. Januar 2<strong>01</strong>9 wurde das Ausländergesetz<br />

in Ausländer- und Integrationsgesetz<br />

(AIG) umbenannt und mit Vorgaben<br />

für die Integration ergänzt. Es wurden die<br />

Voraussetzung für die Gewährung und den<br />

Erhalt von Aufenthalts- und Niederlassungsrechten<br />

konkretisiert und teilweise<br />

verschärft.<br />

Im Fokus des neuen SKOS-Merkblatts<br />

stehen die jeweiligen Sozialhilfeansprüche<br />

verschiedener Personengruppen. Es<br />

haben nicht sämtliche Anspruchsgruppen<br />

geändert, weshalb nicht auf alle Konstellationen<br />

eingegangen wird. Einige Anpassungen<br />

sind jedoch besonders hervorzuheben:<br />

Personen mit einer Aufenthaltsbewilligung<br />

B EU/EFTA oder Kurzaufenthaltsbewilligung<br />

L EU/EFTA haben, solange sie<br />

über die Arbeitnehmereigenschaft verfügen,<br />

Anspruch auf Sozialhilfe. Verlieren sie<br />

diese Eigenschaft, geht grundsätzlich auch<br />

der Anspruch auf Sozialhilfe verloren, falls<br />

kein anderer Aufenthaltsanspruch geltend<br />

gemacht werden kann, oder keine Ausnahmeregelung<br />

greift. Das Vorhandensein eines<br />

solchen Ausnahmetatbestandes ist in<br />

unklaren Fällen vorfrageweise durch das<br />

zuständige kantonale Migrationsamt zu<br />

prüfen. Zwischenzeitlich sind Personen bedarfsgerecht<br />

zu unterstützen. Wird festgestellt,<br />

dass kein Anspruch auf Sozialhilfe<br />

besteht, besteht nur noch ein Anspruch auf<br />

Hilfe in Notlagen (z. B. Unterstützung bei<br />

der Organisation der Heimreise, allenfalls<br />

Finanzierung der Reisekosten sowie minimale<br />

Unterstützung, bis die Heimreise frühestens<br />

möglich ist).<br />

Förderung der Integration für<br />

Personen aus dem Asyl- und Flüchtlingsbereich<br />

Für die verschiedenen Bewilligungskategorien<br />

von Personen aus dem Asyl- und<br />

Flüchtlingsbereich enthält das neue SKOS-<br />

Merkblatt weitreichende Informationen<br />

betreffend Sozialhilfeanspruch, Unterstützungszuständigkeit,<br />

Erwerbstätigkeit und<br />

Familiennachzug. Einen Anspruch auf ordentliche<br />

Sozialhilfe haben demnach<br />

Flüchtlinge mit Asylgewährung (Ausweis<br />

B), Vorläufig aufgenommene Flüchtlinge<br />

(Ausweis F), Staatenlose ohne Flüchtlingseigenschaft<br />

sowie Härtefälle (Aufenthaltsbewilligung<br />

B). Lediglich einen Anspruch<br />

auf reduzierte Asylsozialhilfe nach kantonal<br />

unterschiedlichen Grundlagen haben<br />

Asylsuchende (Ausweis N) sowie vorläufig<br />

aufgenommene Ausländerinnen und Ausländer<br />

(Ausweis F). Vom Sozialhilfestopp<br />

betroffene Personen des Asylbereichs, also<br />

Personen mit einem rechtskräftigen Wegweisungsentscheid,<br />

sind von der Sozialhilfe<br />

ausgeschlossen und haben nur noch Anspruch<br />

auf Hilfe in Notlagen (Art. 12 BV).<br />

Meldepflichten gegenüber Migrationsbehörden<br />

und Arbeitsvermittlung<br />

Für ausländische Staatsangehörige kann<br />

der Bezug von Sozialhilfe und Ergänzungsleistungen<br />

Auswirkungen auf ihre Anwesenheitsberechtigung<br />

haben. Um ihre gesetzlichen<br />

Aufgaben richtig erfüllen zu<br />

können, sind die kantonalen Migrationsbehörden<br />

auf Informationen seitens der Sozialhilfeorgane<br />

und Ergänzungsleistungsstellen<br />

angewiesen. Per 1. Januar 2<strong>01</strong>9<br />

sind daher Bestimmungen in Kraft getreten,<br />

wonach für die Ausrichtung von Sozialhilfe-<br />

und Ergänzungsleistungen zuständige<br />

Organe gegenüber kantonalen<br />

Migrationsbehörden den Bezug von Sozialhilfe-<br />

und Ergänzungsleistungen unaufgefordert<br />

melden müssen. Eine weitere Meldepflicht<br />

besteht seit dem 1. Juli 2<strong>01</strong>8<br />

gegenüber der öffentlichen Arbeitsvermittlung.<br />

So müssen von Sozialdiensten die<br />

stellenlosen anerkannten Flüchtlinge und<br />

vorläufig aufgenommene Personen gemeldet<br />

werden, sofern sie arbeitsmarktfähig<br />

sind.<br />

•<br />

Alexander Suter<br />

Leiter Fachbereich Recht und Beratung<br />

www. skos.ch/publikationen/merkblaetter/<br />

1/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

9


«Was am Anfang fremd und<br />

ungewohnt ist, entpuppt sich nicht<br />

selten als Bereicherung»<br />

INTERVIEW Die Wirtschaft boomt und dennoch sind Menschen auf Sozialleistungen angewiesen. Die<br />

Forderung, die Wirtschaft müsse zur Lösung sozialer Probleme mehr beitragen, wird immer lauter. Mit<br />

gutem Beispiel geht Unternehmerin Eva Jaisli voran. Sie ist CEO von PB Swiss Tools, dem im Emmental<br />

ansässigen global agierenden Hersteller von Werkzeugen und medizinischen Instrumenten. PB<br />

Swiss Tools beschäftigt Menschen, die in der Arbeitswelt nicht zurechtkommen. «Es ist einfach eine<br />

Verantwortung, die zum unternehmerischen Auftrag gehört», ist Jaislis Überzeugung.<br />

«<strong>ZESO</strong>»: Frau Jaisli, der Ruf nach sozialem<br />

Engagement der Unternehmer<br />

wird immer lauter. Die Wirtschaft soll<br />

auch Menschen einen Arbeitsplatz bieten,<br />

die nicht dem Idealbild eines Angestellten<br />

entsprechen. PB Swiss Tools<br />

geht mit gutem Beispiel voran und<br />

bietet Arbeitsplätze für beeinträchtigte<br />

Menschen. Was ist Ihr Beweggrund<br />

das zu tun?<br />

Eva Jaisli: Unternehmerische Tätigkeit<br />

sehe ich immer in Verbindung mit<br />

Ressourcen. Wenn Sie, aus dem Fenster<br />

blicken, dann sehen Sie in welcher Umgebung<br />

unser Unternehmen eingebettet ist.<br />

Wir entwickeln uns seit Jahrzehnten hier<br />

in Wasen/Sumiswald im Emmental sehr<br />

erfolgreich. Das Wachstum erreichen wir<br />

mit den Menschen, die hier zuhause sind.<br />

Es ist für uns selbstverständlich, dass wir<br />

als Teil dieser Gemeinde und Region soziale<br />

Verantwortung übernehmen. Das hat<br />

mit mir eigentlich gar nicht viel zu tun,<br />

denn die Firma hat dieses Verständnis seit<br />

jeher gelebt. Natürlich müssen wir teilweise<br />

Spezialisten, eine Ingenieurin oder einen<br />

Qualitätsmanager ausserhalb der Region<br />

rekrutieren. Die Menschen, die hier<br />

leben, tragen nicht selten Mitverantwortung<br />

in einem landwirtschaftlichen Betrieb.<br />

Sie haben in dem Fall eine Ausbildung<br />

gemacht, die mit der ländlichen und<br />

bäuerlichen Umgebung zu tun hat. Ein Käser<br />

zum Beispiel, der als Folge des Strukturwandels<br />

keine Arbeit mehr findet, muss<br />

einer anderen Erwerbstätigkeit nachgehen.<br />

Mit einer betriebsinternen Umschu-<br />

10 <strong>ZESO</strong> 1/<strong>19</strong><br />

lung können wir eine existenzsichernde<br />

Lösung anbieten. Wir stellen Menschen<br />

ein, die aus unterschiedlichen Gründen<br />

den Erwartungen der Arbeitswelt nicht<br />

vollumfänglich entsprechen und darum<br />

vorübergehende besondere Arbeitsbedingungen<br />

benötigen.<br />

Was genau bedeutet für Sie soziales<br />

Unternehmertum?<br />

Die Unternehmen übernehmen soziale<br />

Verantwortung, indem sie Arbeits- und Ausbildungsplätze<br />

schaffen. Lernende erhalten<br />

in der Berufsbildung Unterstützung. Das<br />

setzt die Kapazität der Berufsbildnerinnen<br />

und Berufsbildner voraus, die je nach Ausgangslage<br />

Bezugspersonen sind, die mit<br />

umfassendem Coaching wesentlich zum erfolgreichen<br />

Lehrabschluss beitragen.<br />

Wie viele Arbeitsplätze stellen Sie für<br />

Menschen mit Beeinträchtigungen<br />

derzeit zur Verfügung?<br />

Wir haben insgesamt 180 Mitarbeitende,<br />

davon sind etwa 10 Prozent Menschen<br />

mit Beeinträchtigungen. Im letzten Jahr<br />

konnten wir mit vier von ihnen eine unbefristete<br />

Anstellung vereinbaren.<br />

Wie läuft das konkret ab?<br />

Wir arbeiten eng mit Behindertenwerkstätten<br />

zusammen. Sie vermitteln uns Interessenten.<br />

Wir erfahren, wer warum<br />

kommt, und vereinbaren mögliche Zielsetzungen.<br />

Manche kommen zur Abklärung<br />

ihrer Arbeitsfähigkeit. In dem Fall gilt es<br />

mögliche Aufgaben und das Pensum im<br />

Arbeitsprozess festzustellen. Das Erreichen<br />

der Ziele wird mit den Arbeitnehmenden<br />

und den Zuständigen der Werkstätten laufend<br />

überprüft.<br />

Bedeutet das für die Firma nicht einen<br />

grossen Mehraufwand?<br />

Die Zusammenarbeit ist unkompliziert:<br />

Manchmal erhalten wir kurzfristige Anfragen<br />

vor dem Wochenende und zu Beginn<br />

der neuen Woche starten wir mit der Einführung.<br />

Die Kooperation funktioniert<br />

mittlerweile sehr gut. Unsere Mitarbeitenden<br />

und ihre Vorgesetzten wissen, wie der<br />

Einstieg am besten bewältigt werden kann.<br />

Sowohl für die Neuen als auch für die, die<br />

schon da sind. Am Anfang brauchte es viel<br />

Begleitung für alle Beteiligten und die Begründung<br />

von der Geschäftsführung, warum<br />

wir Arbeitsintegration fördern. Inzwischen<br />

ist es selbstverständlich.<br />

Welche Erfahrungen haben Sie<br />

gemacht?<br />

Wir machen mit der Integration von<br />

psychisch oder physisch beeinträchtigten<br />

Mitarbeitenden oder beispielsweise auch<br />

Flüchtlingen positive Erfahrungen. Die<br />

Integration fördert die soziale Kompetenz<br />

aller Beteiligten und beeinflusst die Betriebskultur<br />

positiv. Direkt oder indirekt<br />

profitieren wir alle davon. Wir lernen aus<br />

den Erfahrungen im Berufsalltag. Einstellungen<br />

müssen nicht selten hinterfragt<br />

und angepasst werden. Was am Anfang<br />

fremd und ungewohnt ist, entpuppt sich<br />

nicht selten als Bereicherung. Das geht sel-


Bilder: Palma Fiacco<br />

1/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

11


ten ohne Irritation. Darum liegt in der Zusammenarbeit<br />

im Team ein hohes Potential,<br />

um voneinander zu lernen.<br />

Gab oder gibt es trotzdem auch<br />

Schwierigkeiten?<br />

Natürlich kommt es vor, dass jemand<br />

überfordert ist. Am Anfang waren nicht<br />

alle unsere Mitarbeitenden begeistert. Es<br />

brauchte eine Begründung und einen Auftrag<br />

der Geschäftsführung, immer wieder<br />

Gespräche und geeignete Formen der Unterstützung<br />

von den Führungsverantwortlichen<br />

und zuständigen Mitarbeitenden.<br />

Das ist auch heute noch so.<br />

PB Swiss Tools stellt auch Flüchtlinge<br />

ein. Welche Erfahrungen machen Sie<br />

mit deren Integration?<br />

Als eritreische Flüchtlinge ins Emmental<br />

kamen, haben sich viele in der<br />

Bevölkerung gefragt, ob das gut ist. Um<br />

das Kennenlernen unter Gleichaltrigen<br />

und im Industrie- und Berufsalltag zu ermöglichen,<br />

haben wir Schnuppertage für<br />

Flüchtlinge initiiert, die von Lernenden<br />

und Berufsbildnerinnen und Berufsbildner<br />

in unserer Firma organisiert wurden.<br />

Der Austausch hat Verständnis für die<br />

Ausgangslage der Flüchtlinge und die Anforderungen<br />

im Lehrbetrieb aufgebaut.<br />

Heute sind bei uns Flüchtlinge in der Produktion<br />

und in der Vorlehre beschäftigt.<br />

Welche Unterstützung erhalten Sie?<br />

Wir haben sehr wertvolle Unterstützung<br />

von der Caritas.<br />

Viele Unternehmen wollen wegen des<br />

harten internationalen Wettbewerbs<br />

keine sozialen Arbeitsplätze schaffen.<br />

Für Sie ist das offenbar kein Argument.<br />

Das soziale Engagement hat keine negativen<br />

Auswirkungen auf unsere Wettbewerbsfähigkeit.<br />

Es ist einfach eine Verantwortung,<br />

die zum unternehmerischen<br />

Auftrag gehört. Wir verhalten uns loyal zu<br />

den Menschen, die hier leben, und sie verhalten<br />

sich loyal der Firma gegenüber.<br />

Dennoch gibt es nicht viele Unternehmer,<br />

die so denken wie Sie, warum?<br />

Offenbar sind es vor allem Betriebe, die<br />

ihren Sitz auf dem Land haben und ihre<br />

Humanressourcen aus der Region rekrutieren.<br />

Wir wollen mit den Menschen aus<br />

«Am Anfang<br />

brauchte es viel<br />

Begleitung für alle<br />

Beteiligten und die<br />

Begründung von<br />

der Geschäftsführung,<br />

warum wir<br />

Arbeitsintegration<br />

fördern. Inzwischen<br />

ist es selbstverständlich.»<br />

unserer Region die Firma weiter entwickeln.<br />

Wir arbeiten in der Region und für<br />

die Region.<br />

Sind die Schweizer Unternehmer im<br />

grossen und ganzen eher sozial?<br />

Meiner Meinung nach nehmen KMU<br />

soziale Verantwortung wahr und leisten<br />

ihren Integrationsbeitrag. Es gibt diverse<br />

Veranstaltungen zum Thema, Foren und<br />

verschiedene Gremien, die Unternehmen<br />

bei der Planung und Schaffung von sozialen<br />

Arbeitsplätzen unterstützen.<br />

Ein anderes Thema, bei dem die Wirtschaft<br />

zum Umdenken aufgefordert<br />

wurde, sind Arbeitssuchende 50plus.<br />

Ältere Arbeitslose sind auf dem Arbeitsmarkt<br />

oft absolut chancenlos.<br />

Diverse Branchen haben in den vergangenen<br />

Jahren Konzepte zur Lösung erarbeitet:<br />

Swissmem vereint die Schweizer<br />

Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie<br />

und hat mit seinen Mitgliedern, eine<br />

Fachkräftestrategie erarbeitet. Der Dachverband<br />

hat die Beschäftigung älterer Mitarbeitenden<br />

im Fokus und darum die diesbezüglichen<br />

Bestimmungen in den GAV<br />

aufgenommen. Das zeigt, wie wir uns um<br />

die eigenen Mitarbeitenden kümmern, sie<br />

weiterqualifizieren, damit sie den Anforderungen<br />

heute und in Zukunft genügen<br />

können. Da haben wir ureigene Interessen.<br />

Sie handeln nicht nur sozial, Sie<br />

engagieren sich auch öffentlich. So<br />

lancierten Sie vor drei Jahren vor dem<br />

Hintergrund der zahlreichen eingetroffenen<br />

Flüchtlinge aus Syrien einen<br />

Appell, Flüchtlinge einzustellen. Sie<br />

sagten, die Unternehmen hätten keine<br />

andere Wahl, sie müssten jetzt Verantwortung<br />

übernehmen. Das sei ihre<br />

soziale Pflicht. Welche Reaktionen<br />

erhielten Sie auf diesen Aufruf ?<br />

Ich erhielt Zustimmung, aber auch viel<br />

Ablehnung. Es gab Kunden, die uns schrieben,<br />

dass sie jetzt kein Werkzeug mehr von<br />

uns kaufen.<br />

Hat das Ihr Engagement beeinträchtigt?<br />

Nein. Das gehört wohl einfach dazu,<br />

wenn man sich engagiert.<br />

Sie haben sich auch gegen die Selbstbestimmungsinitiative<br />

engagiert und<br />

mit einem Film über Ihr Unternehmen<br />

gezeigt, warum. Welche Reaktionen<br />

erhielten Sie da?<br />

Da waren auch nicht alle glücklich darüber.<br />

In anderen Ländern, beispielsweise<br />

in Deutschland, müssen Betriebe mit<br />

über 20 Beschäftigten fünf Prozent der<br />

Arbeitsplätze mit behinderten Arbeitnehmern<br />

besetzen – sonst wird eine<br />

Ausgleichsabgabe fällig. In der Schweiz<br />

gibt es solche Regelungen nicht.<br />

Bräuchten wir auch so etwas in dieser<br />

Art?<br />

Ich glaube nicht an regulatorische Bestimmungen.<br />

Zentral ist, dass man sensibilisiert,<br />

es zum Thema macht – auch auf der<br />

politischen Ebene. Ich denke man sollte<br />

12 <strong>ZESO</strong> 1/<strong>19</strong>


den Unternehmen Anreize geben, soziale<br />

Arbeitsplätze zu schaffen.<br />

Mit der Digitalisierung werden Menschen<br />

mit Beeinträchtigungen noch<br />

mehr Schwierigkeiten haben Arbeit<br />

zu finden. Das Angebot an Stellen<br />

für Personen mit geringer Bildung<br />

sinkt ja seit Langem merklich. Auch<br />

bei PB Swiss Tools werden sicher<br />

immer mehr Arbeiten von Robotern<br />

übernommen. Welche Verantwortung<br />

kommt den Unternehmen hier zu?<br />

Ja, das ist natürlich so. Auch wir benötigen<br />

immer weniger Arbeitsplätze mit einfachen<br />

und repetitiven Aufgaben, die für<br />

Menschen mit Beeinträchtigungen ideal<br />

sind – gerade auch für den Wiedereinstieg<br />

in das Berufsleben. Die technologische<br />

Entwicklung fördert unsere Wettbewerbsfähigkeit,<br />

und das seit Jahrzehnten. Niemand<br />

soll deshalb aber seinen Arbeitsplatz<br />

verlieren. Bei PB Swiss Tools ist bereits die<br />

neue Robotergeneration im Einsatz, die<br />

wirtschaftlich und agil im Einsatz mit unseren<br />

Mitarbeitenden sind. Wir treiben die<br />

Digitalisierung voran und bleiben dadurch<br />

in führender Position weltweit. Das ist keine<br />

Frage. Wir sind jedoch in der komfortablen<br />

Lage, dass wir wachsen mit gleichzeitiger<br />

Produktivitätssteigerung. Unter<br />

dieser Voraussetzung können wir die An-<br />

EVA JAISLI<br />

Eva Jaisli ist CEO von PB Swiss Tools. Sie führt<br />

seit <strong>19</strong>96 das im Emmental ansässige, aber<br />

global agierende Unternehmen mit seinen<br />

insgesamt 180 Angestellten gemeinsam mit<br />

ihrem Mann Max Baumann, dem Chief Technical<br />

Officer. Jaisli ist eine der wenigen Frauen<br />

in der Schweiz an der Spitze eines Unternehmens.<br />

Als CEO tritt Jaisli seit vielen Jahren<br />

mit Nachdruck für die soziale Verantwortung<br />

der Wirtschaft ein. Neben der Integration von<br />

beeinträchtigten Personen, von Flüchtlingen<br />

und der Ausbildung von Lehrlingen engagiert<br />

sich Jaisli auch dafür, mehr Frauen für die<br />

technischen Berufe zu gewinnen. Werbeplakate<br />

und Firmenkataloge zeigen Frauen bei<br />

der Arbeit an der Maschine und mit Werkzeug,<br />

möglicherweise auch deshalb, weil heute<br />

zumindest im Privaten immer mehr Frauen zu<br />

Schraubenzieher und Hammer greifen.<br />

zahl beschäftigter Mitarbeitenden halten<br />

und ausbauen. Wichtig ist für uns, dass<br />

wir in der Schweiz gute wirtschaftliche<br />

Rahmenbedingungen und den Zugang zu<br />

den Exportmärkten haben.<br />

Ist es typisch weiblich, dem Sozialen<br />

einen höheren Stellenwert beizumessen,<br />

auch als Unternehmerin, oder hat<br />

das mit Ihrem beruflichen Werdegang<br />

zu tun? Der umfasst ja eine Reihe<br />

von Stationen: Soziales Engagement,<br />

Lehrtätigkeiten, Beratungsmandate,<br />

Führungsaufträge…<br />

Jeder Mensch ist geprägt durch seine<br />

Geschichte. Die Herausforderungen in<br />

meinem Leben haben auch meine Kompetenzen<br />

erweitert. Mich auf Ressourcen zu<br />

fokussieren, habe ich bei der Arbeit in der<br />

Firma und im Gemeinwesen gelernt. Die<br />

Sozialisierung spielt da wohl schon eine<br />

gewisse Rolle. Frauen sind auch darum<br />

prädestiniert Verantwortung in Politik und<br />

Wirtschaft zu übernehmen.<br />

Häufig entscheiden sich Frauen entweder<br />

Karriere zu machen oder eine<br />

Familie zu gründen. Sie haben beides<br />

gemacht und haben vier Kinder. Das<br />

tönt nach Superwoman.<br />

Ich habe mir Kinder gewünscht und ich<br />

wollte mich beruflich weiterentwickeln.<br />

Also musste es einen Weg geben. Ein Vorteil<br />

war für mich sicher, dass ich selbst so aufgewachsen<br />

bin. Meine Mutter war auch unternehmerisch<br />

tätig. Es braucht eine andere<br />

Aufgabenteilung unter den Eltern, die Unterstützung<br />

Dritter – und auch einen Mann,<br />

der bereit ist, sowohl in der Familie und als<br />

auch bei der Einkommenssicherung Mitverantwortung<br />

zu übernehmen. •<br />

Das Gespräch führte<br />

Ingrid Hess<br />

1/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

13


14 <strong>ZESO</strong> 1/<strong>19</strong> SCHWERPUNKT<br />

Bild: Palma Fiacco


Weniger Sozialhilfe ist zu wenig<br />

Die Berechnung des <strong>Grundbedarf</strong>s in der Sozialhilfe führt in Politik und Medien immer wieder zu<br />

Diskussionen. Die SKOS hat deshalb eine Studie in Auftrag gegeben, mit dem Ziel, die Bemessung<br />

des <strong>Grundbedarf</strong>s auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Die Ergebnisse wurden Anfang<br />

Januar präsentiert.<br />

Der <strong>Grundbedarf</strong> ist der einzige Bereich, in dem die SKOS-Richtlinien<br />

in Abhängigkeit der Haushaltsgrösse konkrete Zahlen ausweisen.<br />

Die Definition des <strong>Grundbedarf</strong>s war deshalb schon immer<br />

Gegenstand öffentlicher und fachlicher Diskussionen. <strong>19</strong>98<br />

wurde der <strong>Grundbedarf</strong> in der Schweiz erstmals als Pauschale definiert<br />

und für einen Einpersonenhaushalt auf 1110 Franken festgesetzt.<br />

Die Pauschale orientierte sich an den Ausgaben der einkommensschwächsten<br />

20 Prozent der Schweizer Haushalte. Ziel<br />

der Pauschalisierung war einerseits die Vereinfachung der Berechnung<br />

in der Praxis und andererseits die Stärkung der Autonomie<br />

der Sozialhilfebeziehenden. 2003 erfolgte eine Teuerungsanpassung<br />

auf 1130 Franken. Mit der Revision der SKOS-Richtlinien<br />

im Jahr 2005 wurden Integrationszulagen (IZU) und Einkommensfreibeträge<br />

(EFZ) eingeführt und gleichzeitig den <strong>Grundbedarf</strong><br />

auf 960 Franken gesenkt. Neu wurden nur noch die Ausgaben<br />

der einkommensschwächsten 10 Prozent der Haushalte als<br />

Referenzgrösse verwendet. Mit der Einführung der Leistungen mit<br />

Anreizcharakter wurde das Prinzip von Leistung und Gegenleistung<br />

in der Sozialhilfe gestärkt. 2<strong>01</strong>1 und 2<strong>01</strong>3 erfolgten zwei<br />

Anpassungen an die Teuerung auf die aktuell geltenden 986 Franken.<br />

Per anfangs 2020 empfiehlt die SODK den Kantonen eine<br />

teuerungsbedingte Anpassung auf 997 Franken. Der <strong>Grundbedarf</strong><br />

kann im Rahmen von Sanktionen um 5-30 Prozent gekürzt<br />

werden.<br />

Vergleicht man die Entwicklung des SKOS-<strong>Grundbedarf</strong>s mit<br />

der Nominallohnentwicklung, so zeigt sich, dass die Sozialhilfe<br />

mit der Steigerung der Erwerbslöhne nicht mithalten kann. Die<br />

Schere öffnet sich.<br />

Aktuell stehen in verschiedenen Kantonen Vorschläge zur Kürzung<br />

des <strong>Grundbedarf</strong>s zur Debatte. Die SKOS hat vor dem Hintergrund<br />

dieser Diskussionen eine wissenschaftliche Analyse in<br />

Auftrag gegeben, welche die Berechnung des <strong>Grundbedarf</strong>s überprüft<br />

und neu beurteilt.<br />

• Ausgabenorientiert: Beim ausgabenorientierten Ansatz wird<br />

auf der Basis von Haushaltsbudgeterhebungen ein Wert ermittelt,<br />

der sich auf das reale Ausgabeverhalten einkommensschwacher<br />

Haushalte abstützt. Dieser Wert gibt an, wie hoch<br />

die Gesamtausgaben dieser Haushalte für einen bestimmten<br />

Warenkorb sind.<br />

• Normativ: Beim normativen Verfahren wird aufgrund von Bedarfsüberlegungen<br />

definiert, über welche Güter und Dienstleistungen<br />

eine Person verfügen soll, um ein menschenwürdiges<br />

Leben zu führen. Informationsquellen sind wissenschaftliche<br />

Erkenntnisse, die Erfahrungen von Experten und teilweise auch<br />

die Einschätzungen der Bevölkerung und der Betroffenen.<br />

Das Schweizer Berechnungsmodell im internationalen<br />

Vergleich<br />

Mit der Herausforderung, die Höhe des <strong>Grundbedarf</strong>s in der Sozialhilfe<br />

zu definieren, steht die Schweiz nicht alleine da. In den<br />

meisten europäischen Ländern wird der <strong>Grundbedarf</strong> direkt oder<br />

indirekt über ein Referenzbudget bestimmt. Referenzbudgets umfassen<br />

die Ausgaben für einen Warenkorb, der einen bestimmten<br />

Lebensstandard ausdrückt, in der Regel bezogen auf wenig privilegierte<br />

Bevölkerungsgruppen. Referenzbudgets können auf zwei<br />

Arten berechnet werden:<br />

Zu klein oder zu gross? Der Warenkorb der untersten<br />

Einkommen ist der Massstab für die Sozialhilfe.<br />

Bild: Günter Havlena/pixelio<br />

16 <strong>ZESO</strong> 1/<strong>19</strong> SCHWERPUNKT


GRUNDBEDARF<br />

Neben der Schweiz verwendet auch Deutschland den ausgabenorientierten<br />

Ansatz. Im Vergleich zum normativen Ansatz hat<br />

dieses Verfahren zwei entscheidende Vorteile: Einerseits sind die<br />

Resultate von statistischen Ausgabenanalysen replizierbar und robust.<br />

Die Aktualisierung der Werte im Laufe der Zeit ist einfacher<br />

möglich. Andererseits werden Veränderungen im Konsumverhalten<br />

(z.B. Wandel von Festnetz zu Mobiltelefonie) quasi automatisch<br />

erfasst.<br />

Der <strong>Grundbedarf</strong> ist eine Pauschale<br />

Zur konkreten Festlegung der Höhe des <strong>Grundbedarf</strong>s wird ermittelt,<br />

für welche Güter die einkommensschwächsten zehn Prozent<br />

der Schweizer Haushalte welchen Betrag ausgeben. Es werden nur<br />

Haushalte in den Vergleich einbezogen, die über ein gewisses Erwerbseinkommen<br />

verfügen. Damit soll sichergestellt werden, dass<br />

Sozialhilfebeziehende nicht bessergestellt werden als Erwerbstätige<br />

mit tiefen Einkommen.<br />

Die Überprüfung des massgebenden Warenkorbes zeigt, dass<br />

die darin enthaltenen Güter zur Deckung der Grundbedürfnisse<br />

wie Lebensmittel, Bekleidung, Haushaltskosten, Gesundheits- und<br />

Körperpflege, Mobilität und Nachrichtenübermittlung angemessen<br />

sind. Nicht enthalten sind Ausgaben zum Beispiel fürs Auto oder<br />

Ferien. Der Konsum derjenigen Güter, die im <strong>Grundbedarf</strong> enthalten<br />

sind, unterscheidet sich zwischen den Haushalten, die zu den<br />

untersten zehn Prozent der Einkommen gehören, und anderen Einkommensgruppen<br />

relativ wenig. Im Gesamtdurchschnitt geben die<br />

Einpersonenhaushalte für diesen Warenkorb 350 Franken mehr<br />

aus. Der geringe Unterschied ist ein Indiz dafür, dass effektiv nur<br />

der Basisbedarf in der Definition enthalten ist und keine Luxusgüter.<br />

Grösser sind die Unterschiede bei den anderen Budgetposten,<br />

insbesondere beim Wohnen sowie bei den Ausgaben ausserhalb des<br />

Sozialhilfebudgets.<br />

Die Studie des Büro BASS aktualisiert den Referenzwert aus der<br />

Haushaltsbudgeterhebung des BFS. Der Durchschnittsbetrag, den<br />

eine alleinlebende Person der untersten zehn Prozent der Einkommen<br />

für den Warenkorb des SKOS-<strong>Grundbedarf</strong>s ausgibt, liegt<br />

aktuell bei 1082 Franken pro Monat. Dieser Wert ist statistisch<br />

signifikant höher als der geltende SKOS-<strong>Grundbedarf</strong> von 986<br />

Franken. Die Differenz ist vor allem darauf zurückzuführen, dass<br />

der <strong>Grundbedarf</strong> 2005 um sieben Prozent reduziert wurde, um<br />

die neu eingeführten Anreizleistungen zu finanzieren.<br />

Dieser Betrag steht den Sozialhilfebeziehenden zur Sicherung<br />

ihrer Existenz als Pauschale zur Verfügung. Zwar werden in den<br />

SKOS-Richtlinien Ausgabenpositionen genannt, die der <strong>Grundbedarf</strong><br />

umfasst, doch den Sozialhilfebeziehenden steht es frei, wie<br />

sie sich die <strong>Grundbedarf</strong>spauschale einteilen. Durch diese Dispositionsfreiheit<br />

werden der individuellen Situation und den individuellen<br />

Bedürfnissen Rechnung getragen. Zudem wird durch die<br />

Entscheidungsfreiheit die Eigenständigkeit der Sozialhilfebeziehenden<br />

gestärkt. Damit werden grundlegende Kompetenzen für die<br />

Wiedererlangung der wirtschaftlichen Selbständigkeit gefördert.<br />

Der SKOS-<strong>Grundbedarf</strong> im Quervergleich<br />

Neben dem <strong>Grundbedarf</strong> werden von der Sozialhilfe Ausgaben für<br />

Wohn- und Gesundheitskosten übernommen. Diese Kosten sind<br />

betragsmässig höher als der <strong>Grundbedarf</strong>. Steigende Mieten und<br />

Krankenkassenprämien sind daher ein wichtiger Grund für die<br />

tendenziell steigenden Sozialhilfeausgaben pro Fall.<br />

Zusammen mit den Kosten für die medizinische Grundversorgung<br />

(Prämien der Krankenversicherung, Franchisen und <br />

SCHWERPUNKT 1/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

17<br />


Selbstbehalte) sowie den Wohnkosten hat eine Einzelperson in der<br />

Sozialhilfe monatlich ca. 2600 Franken zur Verfügung. Dies ist<br />

deutlich weniger als die einkommensschwächsten zehn Prozent<br />

der Haushalte. Ihr Haushaltsbudget beträgt rund 3 443 Franken<br />

pro Monat.<br />

Problematisch sind für Sozialhilfebeziehende Kosten, die nicht<br />

durch die Sozialhilfe gedeckt sind, wie beispielsweise Mietkosten,<br />

die über der Mietzinslimite liegen, Alimente oder Steuern.<br />

Bei der Vergleichsgruppe der untersten zehn Prozent der Haushalte<br />

sind die durchschnittlichen Ausgaben für nicht im Sozialhilfebudget<br />

enthaltene Ausgaben fast so hoch wie der <strong>Grundbedarf</strong>.<br />

Der grösste Posten sind Steuern – auch weil das Existenzminimum<br />

in den wenigsten Kantonen konsequent von Steuern befreit<br />

ist. Hinzu kommen bezahlte Alimente sowie unberücksichtigte<br />

Verkehrsauslagen insbesondere für die durch die Sozialhilfe nicht<br />

gedeckten Kosten fürs Autofahren.<br />

Im Vergleich mit anderen gesetzlich verankerten Existenzminima<br />

wie den Ergänzungsleistungen zu AHV und IV und dem<br />

betreibungsrechtlichen Existenzminimum ist der SKOS-<strong>Grundbedarf</strong><br />

am tiefsten.<br />

Ergänzungsleistungen AHV/IV<br />

Allgemeiner Lebensbedarf<br />

1621 CHF<br />

Betreibungsrechtliches Existenzminimum<br />

Grundbetrag<br />

1200 CHF<br />

Sozialhilfe SKOS<br />

Grundbetrag<br />

986 CHF<br />

Der Vergleich mit den Minimalbudgets der Budgetberatung<br />

zeigt, dass der SKOS-<strong>Grundbedarf</strong> in etwa dem Minimalbudget<br />

der Budgetberatung entspricht. Bei Einpersonenhaushalten berechnen<br />

die Budgetberatungsstellen leicht tiefere Minimalbudgets,<br />

bei Familien mit Kindern liegen diese etwas über der SKOS-<br />

Pauschale.<br />

Beim Vergleich fallen insbesondere die grossen Unterschiede<br />

bei der Position Verkehrsausgaben auf. Die Budgetberatungsstellen<br />

berechnen diese auf Basis der Kosten der Abonnemente des<br />

öffentlichen Nahverkehrs. Die Berechnungsmethode der SKOS<br />

bezieht sich dagegen auf alle Personen in einkommensschwachen<br />

Haushalten, also auch auf solche, die den öffentlichen Verkehr<br />

nicht oder kaum benutzen. Personen in der Sozialhilfe verfügen<br />

Kein Geld mehr für Kleidung, wenn das Geld knapp wird. Bild: Palma Fiacco<br />

in der Regel über kein eigenes Auto und sind auf den öffentlichen<br />

Verkehr angewiesen. Budgetberatung Schweiz empfiehlt einen<br />

Minimalbetrag von 90 Franken für Verkehrsausgaben, im SKOS-<br />

<strong>Grundbedarf</strong> sind nur 55 Franken enthalten.<br />

Zu beachten ist, dass insbesondere kurzfristig fixe Ausgaben<br />

ausserhalb des Sozialhilfebudgets anfallen können: für Steuern<br />

aus früheren Steuerperioden, noch zu bezahlende Alimente, Militärpflichtersatz,<br />

Prämien für nicht per sofort kündbare Versicherungen.<br />

Von Relevanz sind weiter jene Mietkosten, die über den<br />

von den Gemeinden festgelegten Mietzinslimiten liegen. Das Verwenden<br />

von Geld aus dem <strong>Grundbedarf</strong> ist oft die einzige Möglichkeit,<br />

solchen Verpflichtungen noch ein Stück weit Rechnung<br />

zu tragen.<br />

18 <strong>ZESO</strong> 1/<strong>19</strong> SCHWERPUNKT


GRUNDBEDARF<br />

Zusammenstezung <strong>Grundbedarf</strong> nach Einkommensgruppen (CHF/Monat)<br />

1400<br />

1200<br />

1000<br />

800<br />

600<br />

400<br />

200<br />

Übriges (z.B. kleine Geschenke)<br />

Freizeit, Sport, Unterhaltung, Bildung<br />

Telefonie, Radio, Internet, TV<br />

Verkehrsauslagen inkl. Halbtax (öffentl. Nahverkehr, Unterhalt Velo/Mofa)<br />

Gesundheitspflege (ohne Krankenkasse)<br />

Allgemeine Haushaltführung und persönliche Pflege<br />

Energieverbrauch (ohne Wohn-nebenkosten)<br />

Bekleidung und Schuhe<br />

Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren<br />

Quelle: BASS<br />

unterste 10% der<br />

Einkommen (n=272)<br />

unterste 50% der<br />

Einkommen (n=1273)<br />

alle Einkommen<br />

(n=2541)<br />

Aufteilung der Gesamtbudgets nach Einkommensgruppen<br />

(CHF/Monat)<br />

0<br />

0<br />

1000<br />

2000<br />

3000<br />

unterste 10% der Einkommen (n=272)<br />

4000<br />

unterste 50% der Einkommen (n=1273)<br />

alle Einkommen (n=2541)<br />

(78)<br />

1082 1447 836 3443<br />

<strong>Grundbedarf</strong><br />

weitere potenziell gedeckte Ausgaben<br />

Ausgaben ausserhalb des Sozialhilfebudgets (inkl. Steuern, bezahlte Alimente)<br />

Auswirkungen von Kürzungen auf Leben und Gesundheit<br />

der Betroffenen<br />

Ein Spielraum für Kürzungen beim <strong>Grundbedarf</strong> besteht nicht.<br />

Das liegt an der Definition des Warenkorbes, indem nur wirklich<br />

notwendige Güter einbezogen sind. Der SKOS-<strong>Grundbedarf</strong> liegt<br />

zudem deutlich unter dem statistisch errechneten Wert der Vergleichsgruppe<br />

von Fr. 1'082 Franken. Diese Tatsache verunmöglicht<br />

substantielle Einsparungen zusätzlich.<br />

Ein Teil der Ausgaben, die Sozialhilfebeziehende aus dem<br />

<strong>Grundbedarf</strong> finanzieren müssen, hat den Charakter von Fixkosten<br />

(z.B. Ausgaben für den Haushaltstrom und Gebühren), da sie<br />

kurzfristig nicht beliebig eingespart werden können. Ausgaben<br />

mit Fixkostencharakter können bereits heute innerhalb des SKOS-<br />

5000<br />

1<strong>19</strong>4 16<strong>19</strong> 1517 553 4882<br />

6000<br />

7000<br />

1436 1847 2535 1205 7024<br />

Sparen<br />

8000<br />

<strong>Grundbedarf</strong>s ein Problem darstellen, da für die Berechnung des<br />

<strong>Grundbedarf</strong>s statistische Durchschnittswerte verwendet werden.<br />

So resultiert beispielsweise für ein Halbtaxabonnement ein Wert,<br />

der weit unter dem Preis liegt, der bezahlt werden muss, wenn ein<br />

solches tatsächlich benötigt wird. Bei einem gekürzten <strong>Grundbedarf</strong><br />

können die Einsparungen daher nicht linear über alle Güter<br />

verteilt werden. Sie sind nur im Bereich des täglichen Bedarfs<br />

möglich: Eine Kürzung des <strong>Grundbedarf</strong>s um acht Prozent würde<br />

in der Folge für eine Familie mit zwei Kindern bedeuten, dass sie<br />

vor allem bei Nahrungsmitteln, Getränken, Produkten der Körperhygiene<br />

und Kleidern sparen müsste.<br />

Pro Person stünden für Essen, Getränke und Genussmittel nur<br />

noch sieben Franken pro Tag zur Verfügung. Bei einer Kürzung<br />

um 30 Prozent sogar nur noch fünf Franken. Diese Beträge reichen<br />

für eine ausgewogene Ernährung nicht aus. Insbesondere<br />

bei Kindern besteht die Gefahr von gesundheitlichen Beeinträchtigungen<br />

und sozialer Ausgrenzung. Dies kann nicht nur die<br />

Entwicklungsmöglichkeiten und die berufliche und soziale Integration<br />

der Betroffenen einschränken, sondern auch unnötige Gesundheitskosten<br />

verursachen. Für Bekleidung und Schuhe stehen<br />

nach den entsprechenden Kürzungen monatlich pro Person noch<br />

43 bzw. 30 Franken zur Verfügung.<br />

Eine Reduktion des <strong>Grundbedarf</strong>s ist ohne Beeinträchtigung<br />

der Gesundheit sowie ohne Defizite bei der Integration in die<br />

Gesellschaft nicht möglich. Der Fixkosteneffekt führt dazu, dass<br />

betroffene Haushalte vor allem bei der Ernährung oder anderen<br />

lebensnotwendigen Produkten sparen müssen.<br />

Schlussfolgerungen der SKOS<br />

• Der <strong>Grundbedarf</strong> ist bereits heute sehr tief und liegt deutlich<br />

unter der vorgesehenen Referenzgrösse<br />

• Kürzungen wirken sich aufgrund der Fixkosten vor allem bei<br />

Ernährung und Bekleidung aus.<br />

• Folgen von weiteren Kürzungen sind soziale Ausgrenzung und<br />

gesundheitliche Probleme.<br />

• Zunahme der Verschuldung, wenn Kürzungen nicht kompensiert<br />

werden können. <br />

•<br />

Bettina Seebeck<br />

Leiterin Fachbereich Grundlagen SKOS<br />

Bericht: www.skos.ch/publikationen/studien/<br />

SCHWERPUNKT 1/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />


Leistungskürzungen sind rechtliche<br />

Schranken gesetzt<br />

«600 Franken sind genug», «Regierung setzt bei Sozialhilfe Rotstift an» oder «Sozialhilfe-<br />

Kürzungen (...): Das blüht den Betroffenen»: Drei Schlagzeilen, die für die politische Debatte stehen,<br />

die nun bereits seit einigen Jahren zur Höhe der Sozialhilfeleistungen geführt wird. Die Schlagzeilen<br />

vermitteln den Eindruck, dass grundsätzlich alles möglich ist und der kantonale Gesetzgeber<br />

völlig freie Hand hat, die Höhe der Sozialhilfe festzulegen. Doch ist es wirklich so? Die SKOS hat<br />

ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, das Leistungskürzungen in der Sozialhilfe in einen<br />

verfassungsrechtlichen Zusammenhang stellt.<br />

Der Konsens, die SKOS-Richtlinien als Massstab für die Bemessung<br />

kantonaler Sozialhilfeleistungen heranzuziehen, bröckelt:<br />

Zwar erklären die kantonalen Gesetzgebungen die SKOS-Richtlinien<br />

nach wie vor für grundsätzlich anwendbar, sie lassen gleichzeitig<br />

aber auch immer grössere Abweichungen zu. Im Kanton<br />

Luzern erhalten Personen, die vor dem Sozialhilfebezug nicht mindestens<br />

eineinhalb Jahre gearbeitet haben, lediglich 85 Prozent<br />

des <strong>Grundbedarf</strong>s nach SKOS, im Kanton Bern steht im Mai 2<strong>01</strong>9<br />

eine Volksabstimmung über eine Gesetzesvorlage an, die Personen,<br />

die keine der beiden Amtssprachen beherrschen, den <strong>Grundbedarf</strong><br />

um 30 Prozent kürzen will. In der politischen Debatte erscheint<br />

die Dispositionsfreiheit der kantonalen Gesetzgeber schier<br />

grenzenlos. Tatsache ist aber, dass die Bundesverfassung (BV) den<br />

drastischen Leistungskürzungen durchaus Schranken setzt.<br />

Der Schutz der Menschenwürde (Art. 7 BV)<br />

Die zentrale Bedeutung des Gebotes, die Würde des Menschen «zu<br />

achten und zu schützen», kommt schon darin zum Ausdruck, dass<br />

Artikel 7 den Grundrechtskatalog der Bundesverfassung einleitet.<br />

In ihrer Kernaussage verlangt die Menschenwürde, den Menschen<br />

immer als Subjekt, nie als Objekt zu behandeln. Im Kontext der<br />

Sozialhilfe wird eine Person u.a. dann zum Objekt degradiert,<br />

wenn sie derart in ihrer physischen Existenz bedroht ist, dass Existenzängste<br />

ihr Leben bestimmen und sie einer psychischen Dauerbelastung<br />

aussetzen. Eine Degradierung zum Objekt liegt aber<br />

auch dann vor, wenn ein Mensch auf biologische Grundbedürfnisse<br />

reduziert und ihm so faktisch die Möglichkeit abgesprochen<br />

wird, zwischenmenschliche Beziehungen zu pflegen und am sozialen,<br />

kulturellen und politischen Leben seines Umfeldes teilzunehmen.<br />

Eine Gesetzgebung, die andauernde soziale Exklusion<br />

billigend in Kauf nimmt, verstösst gegen die Menschenwürde.<br />

Das Diskriminierungsverbot (Art. 8 Abs. 2 BV)<br />

Das Diskriminierungsverbot schützt u.a. vor qualifizierter Ungleichbehandlung,<br />

wenn eine Person allein aufgrund ihrer sozialen<br />

Stellung herabgesetzt oder ausgegrenzt wird. Die Herabsetzung<br />

und soziale Ausgrenzung ist darin zu sehen, dass Personen,<br />

die Sozialhilfe in einer Höhe beziehen, die knapp das nackte Überleben<br />

sichert, allein aufgrund ihrer ökonomischen Situation in<br />

anderen Lebensbereichen stigmatisiert werden. So sind beispielsweise<br />

die politische Partizipation (kein Zugang zu Medien und<br />

damit zu Informationen) oder übliche soziale Kontakte massiv erschwert,<br />

wenn nicht gar verunmöglicht. Vereinsbeiträge können<br />

nicht bezahlt werden, Einladungen zum Essen werden abgelehnt,<br />

weil auf die sozial übliche Gegeneinladung aus finanziellen Gründen<br />

verzichtet werden muss.<br />

Die persönliche Freiheit (Art. 10 Abs. 2 BV)<br />

Unter den Schutz der persönlichen Freiheit fällt zum einen der im<br />

Verfassungstext erwähnte Teilgehalt der «körperlichen Unversehrtheit»,<br />

die zum Beispiel dann verletzt ist, wenn zu tiefe Sozialhilfeleistungen<br />

eine ausgewogene Ernährung unmöglich machen. Darüber<br />

hinaus schützt das Bundesgericht unter dem Titel der<br />

persönlichen Freiheit seit Jahrzehnten aber auch alle sogenannten<br />

«elementaren Erscheinungen der Persönlichkeitsentfaltung». Diesen<br />

lassen sich zwanglos alle diejenigen Aktivitäten zuordnen,<br />

ohne die eine gesellschaftliche Teilhabe ausgeschlossen oder zumindest<br />

stark erschwert wird. Fallen Aktivitäten, die eine gesellschaftliche<br />

Teilhabe ermöglichen, grundsätzlich unter den Schutzbereich<br />

der persönlichen Freiheit, so fliesst daraus zunächst der<br />

negatorische Anspruch jedes Einzelnen, dass der Staat nicht in den<br />

grundrechtlich garantierten Schutzbereich eingreifen darf (zum<br />

Beispiel mit einer abendlichen «Ausgangssperre»). Für Sozialhilfe<br />

beziehende Personen ungleich relevanter ist aber die Feststellung<br />

des Gutachtens, dass dem Staat aus Art. 10 BV auch die positive<br />

Pflicht erwächst, existenzsichernde Leistungen zu garantieren, die<br />

eine minimale soziale Teilhabe ermöglichen. Anders ausgedrückt:<br />

Aus Art. 10 BV fliesst der Auftrag an den Gesetzgeber, gesellschaftliche<br />

Teilhabe nicht nur nicht zu verhindern, sondern aktiv zu ermöglichen.<br />

Im Bereich der Sozialhilfe bedeutet dies: Werden im<br />

Sozialhilfegesetz die materiellen Leistungen derart tief angesetzt,<br />

dass Personen auf unbestimmte Zeit in allen sensiblen und persönlichkeitsnahen<br />

Lebensbereichen daran gehindert werden, am gesellschaftlichen<br />

Leben in ihrem Umfeld teilzunehmen, so liegt<br />

eine Verletzung von Art. 10 BV vor.<br />

Auch Bundesgericht gefordert<br />

Die Bundesverfassung setzt den Allmachtsphantasien der kantonalen<br />

Gesetzgeber, wenn sie die Höhe von Sozialhilfeleistungen definieren,<br />

also verschiedene Schranken. Als oberster Hüter der Verfas-<br />

20 <strong>ZESO</strong> 1/<strong>19</strong> SCHWERPUNKT


GRUNDBEDARF<br />

Zugang zu gesunder Ernährung fällt unter das Recht auf körperliche Unversehrtheit.<br />

Bild: zvg<br />

sung ist deshalb auch das Bundesgericht gefordert, dem<br />

Kürzungswettbewerb in der Sozialhilfe ein Ende zu setzen. Als<br />

kürzester Weg bietet sich dem Bundesgericht an, seine Rechtsprechung<br />

zu Art. 12 BV anzupassen, der in einer Notlage einen «Anspruch<br />

auf Hilfe und Betreuung und auf die Mittel, die für ein<br />

menschenwürdiges Dasein unerlässlich sind», zuspricht. In seiner<br />

bisherigen Rechtsprechung beschränkt das Bundesgericht diesen<br />

Anspruch auf eine minimale Überlebens- und Überbrückungshilfe,<br />

die sich auf das absolut Notwendige beschränkt, um eine<br />

unwürdige Bettelexistenz zu verhindern. Mit dieser Spruchpraxis<br />

orientiert sich das Bundesgericht an einem rein biologisch-physischen<br />

Existenzminimum, was sich allerdings weder aus der Entstehungsgeschichte<br />

noch aus dem Wortlaut von Art. 12 BV erschliesst,<br />

der sich explizit auf die Menschenwürde als Massstab<br />

bezieht.<br />

Gesamtgesellschaftliche Bedeutung<br />

Das Leistungsniveau von Art. 12 BV anzuheben, gebietet auch die<br />

ausgesprochene Hebelwirkung eines verfassungsrechtlichen Anspruchs<br />

auf existenzsichernde Leistungen: Ohne Lebensstandard,<br />

der einen minimalen finanziellen Spielraum eröffnet und mehr als<br />

das nackte Überleben erlaubt, können zahlreiche grundrechtlich<br />

geschützte Positionen schlicht nicht gelebt werden. Das gilt etwa<br />

für das Recht auf Ehe und Familie (Art. 14 BV), weil allein schon<br />

die direkten Kinderkosten eine minimale finanzielle Basis erfordern,<br />

aber beispielsweise auch für die politischen Rechte, die voraussetzen,<br />

dass eine stimmberechtigte Person Zugang zu Radio,<br />

Fernsehen, Internet und Zeitungen hat und in der Lage ist, den<br />

Mitgliederbeitrag einer politischen Partei zu entrichten. In der Sozialhilfe<br />

ein Leistungsniveau zu garantieren, das eine soziale Teilhabe<br />

ermöglicht, hat daher – über die individuelle Ebene hinaus<br />

– eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung: Ein Staat, der Armutsbetroffene<br />

auf Dauer vom sozialen und politischen Leben ausschliesst,<br />

riskiert, dass eine Bevölkerungsgruppe langfristig in die<br />

Perspektivlosigkeit abrutscht und gefährdet den gesellschaftlichen<br />

Zusammenhalt.<br />

•<br />

Pascal Coullery<br />

Dozent Berner Fachhochschule Soziale Arbeit<br />

Bericht: www.skos.ch/publikationen/studien/<br />

SCHWERPUNKT 1/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />


Österreich: Bald Sozialhilfe ohne<br />

Mindeststandards?<br />

Armutsgrenzen und Bedarf im letzten sozialen Netz in Österreich: Ein kritisches Licht auf offizielle<br />

Armutsgrenzen, Konsumerhebung, Referenzbudgets und einen neuen Gesetzesentwurf für die<br />

Sozialhilfe, der kein Existenzminimum mehr vorsieht.<br />

In Österreich gibt es eine «politische Armutsgrenze», die derzeit<br />

bei 863 Euro liegt. Abgeleitet wurde sie bisher vom Ausgleichszulagenrichtsatz<br />

für Pensionierte, der in Verhandlungen der Sozialpartner<br />

und des Parlaments festgelegt wurde. Seither steigt diese<br />

Grenze mit der Inflationsabgeltung. Mit der Entscheidung, im<br />

Armen keine verachtenswerte oder zu bemitleidende Person zu<br />

sehen, hat der grosse Soziologe Georg Simmel zu Beginn des zwanzigsten<br />

Jahrhunderts einen entscheidenden Fortschritt im Reden<br />

und Denken über arme Leute erzielt. Simmel brachte die Frage der<br />

Bedürftigkeit mit der organisatorischen Ausgestaltung des Fürsorgesystems<br />

in Zusammenhang. Armutsdefinitionen bringen ja<br />

meist weniger zum Ausdruck, was ein Mensch braucht, als vielmehr,<br />

was die Gesellschaft ihm zuzugestehen bereit ist. Derzeit ist<br />

in Österreich ein Grundsatzgesetz zur Sozialhilfe in Diskussion,<br />

das auf österreichweiter Ebene kein Existenzminimum mehr festlegt.<br />

Es gibt dann keine Mindeststandards mehr, sondern nach<br />

unten ungesicherte Kann-Leistungen. Diese «Sozialhilfe» kennt<br />

auch in ihren Zielen – im Gegensatz zur aktuellen Mindestsicherung<br />

– keine «soziale und kulturelle Teilhabe».<br />

Die «statistische Armutsgrenze» liegt derzeit bei ca. 1200 Euro<br />

– als Abweichungsmass von der Mitte definiert. Der «notwendige<br />

Bedarf» auf der Ausgabenseite wird von den Referenzbudgets berechnet:<br />

Das sind ca. 1400 Euro.<br />

Für die Konsumerhebung führen mehr als 7 000 Haushalte<br />

zwei Wochen lang ein Haushaltsbuch in dem alle Ausgaben erfasst<br />

werden. Die durchschnittlichen monatlichen Verbrauchsausgaben<br />

der privaten Haushalte betragen 2 990 Euro. Die gewichteten Pro-<br />

Kopf-Ausgaben (Äquivalenzausgaben) betragen im Schnitt <strong>19</strong>70<br />

Euro pro Monat. Wie viel geben die Menschen mit den geringsten<br />

Konsumausgaben in Österreich monatlich aus? Um diese Frage zu<br />

beantworten, kann ermittelt werden, wie viel die 10% der Bevölkerung<br />

mit den geringsten Ausgaben monatlich pro Kopf brauchen.<br />

Das sind entweder Menschen mit sehr geringen Einkommen und<br />

daher sehr geringen Konsummöglichkeiten oder Menschen, die<br />

ihren Konsum freiwillig stark einschränken. Die 10% mit den<br />

geringsten Konsumausgaben geben pro Kopf maximal 910 Euro<br />

pro Monat aus.<br />

Allein für die Ernährung brauchen die sparsamsten Menschen<br />

182 Euro pro Monat. Energie (Heizung und Strom) kosten<br />

monatlich 78 Euro. Wie der Vergleich mit Menschen in durchschnittlichen<br />

Haushalten zeigt, sind das zwei Budgetposten, wo<br />

verhältnismässig wenig gespart werden kann (die ärmsten und<br />

sparsamsten Haushalte müssen daher beinahe 30% ihres verfügbaren<br />

Budgets dafür ausgeben). Deutlich grössere Unterschiede<br />

herrschen hingegen bei der Mobilität, bei der Wohnungsausstattung,<br />

bei der Bekleidung sowie bei den Ausgaben in Restau-<br />

Konsumerhebung: Ausgaben nach Person und Haushaltstyp (%)<br />

40<br />

35<br />

30<br />

34.8<br />

durchschnittlicher Haushalt<br />

unterste 10% Einkommen<br />

25<br />

20<br />

18.8<br />

20.0<br />

15<br />

10<br />

5<br />

0<br />

11.4<br />

Wohnungsmiete inkl.<br />

Betriebskosten<br />

4.7<br />

Ernährung<br />

Energie<br />

Wohnungsausstattung<br />

Instandhaltung<br />

Bekleidung<br />

Gesundheit<br />

Verkehr<br />

Bildung<br />

Kommunikation<br />

Freizeit, Sport, Hobby,<br />

Urlaub<br />

Cafe, Restaurant<br />

Alkohol, Tabak<br />

Sonstiges<br />

8.6<br />

10.3<br />

4.4<br />

7.2<br />

2.6<br />

3.9<br />

2.8<br />

13.7<br />

5.8<br />

1.0<br />

0.5<br />

1.5<br />

1.5<br />

11.4<br />

5.3<br />

7.0<br />

3.8<br />

2.3<br />

3.5<br />

6.9<br />

6.4<br />

22 <strong>ZESO</strong> 1/<strong>19</strong> SCHWERPUNKT


GRUNDBEDARF<br />

Teilhabe-Chancen: Haushalte mit Kindern in der Mindestsicherung<br />

40<br />

35<br />

30<br />

38<br />

Haushalt mit MS-Bezug in %<br />

Haushalt ohne MS-Bezug in %<br />

25<br />

20<br />

15<br />

17<br />

<strong>19</strong><br />

<strong>19</strong><br />

10<br />

5<br />

0<br />

2<br />

Sport- und<br />

Freizeitgeräte für<br />

draussen<br />

7<br />

Regelmässige mit<br />

Kosten verbundene<br />

Freizeitaktivitäten<br />

2<br />

9<br />

Feste feiern<br />

2<br />

Einladungen an<br />

Freunde<br />

1<br />

Teilnahme<br />

Schulaktivitäten<br />

und Schulfahrten<br />

Quelle: Statsitik Austria, EU-SILC 2<strong>01</strong>5-2<strong>01</strong>7; Haushalte mit Kindern<br />

rants und für den gesamten Freizeitbereich. 53 Euro werden in<br />

den sparsamsten Haushalten Österreichs monatlich für Mobilität<br />

ausgegeben, 48 Euro für Freizeit, Sport und Hobbies. 40 Euro<br />

kostet die Wohnungsausstattung und Instandhaltung, 35 Euro<br />

werden in Cafés und Restaurants ausgegeben. Das ist jeweils nur<br />

ein knappes Viertel bis Fünftel eines durchschnittlichen Haushalts.<br />

32 Euro werden für Alkohol und Tabak verbraucht, 25 Euro<br />

werden für Gesundheit aufgewendet, nur 24 Euro für Bekleidung<br />

und Schuhe, 14 Euro für Kommunikation, 5 Euro bleiben für<br />

Bildung. 57 Euro kosten sonstige Ausgaben wie Körperpflege,<br />

Versicherungen, persönliche Ausstattung und persönliche Dienste.<br />

Miete und Nebenkosten schlagen für diese Personen mit 317<br />

Euro zu Buche.<br />

Das heisst die ärmsten oder sparsamsten 10% der Bevölkerung<br />

brauchen pro Kopf ohne Wohnen maximal 593 Euro monatlich.<br />

Zum Vergleich: In einem durchschnittlichen österreichischen<br />

Haushalt sind es pro Kopf ohne Wohnkosten 1 600 Euro. Die<br />

reichsten oder ausgabenfreudigsten 10% der Bevölkerung geben<br />

im Mittel ohne Wohnen in einem Monat mehr als 4 100 Euro<br />

pro Kopf aus. Die Konsumerhebung stammt aus dem Zeitraum<br />

2<strong>01</strong>4/15. Seither hat die Inflation ca. 5% betragen.<br />

Ausgabenraster für sieben Haushaltstypen<br />

Die Schuldenberatungen rechnen sogenannte Referenzbudgets<br />

aus, in denen der notwendige Bedarf eines Haushaltes ermittelt<br />

wird. Referenzbudgets zeigen auf, was an Einkommen zur Verfügung<br />

stehen muss, um einen angemessenen, wenn auch bescheidenen<br />

Lebensstil zu ermöglichen. Es liegen Ausgabenraster für<br />

sieben Haushaltstypen vor, die notwendige monatliche Ausgaben<br />

darstellen: vom Ein-Personen-Haushalt bis zum Paar mit drei Kindern.<br />

Damit wird deutlich, welches Einkommen es braucht, um<br />

ein Leben zu führen, das gesunde Ernährung, angemessenen<br />

Wohnraum und ein Minimum an sozialer Teilhabe ermöglicht<br />

und ein Abgleiten in die Armut verhindert. Die Referenzbudgets<br />

2<strong>01</strong>8 weisen für eine alleinlebende Person monatliche Ausgaben<br />

von 1 416 Euro aus. Für einen Ein-Eltern-Haushalt mit einem<br />

Kind liegt das Referenzbudget bei 2 181 Euro.<br />

Kinder und Jugendliche, die in Haushalten mit niedrigem<br />

Einkommen aufwachsen, haben Nachteile, die sich in mehreren<br />

Bereichen zeigen. Für Kinder in der Mindestsicherung (MS)<br />

zeigt sich die Gefahr des sozialen Ausschlusses in den geringeren<br />

Möglichkeiten Freunde einzuladen (10mal weniger als andere<br />

Kinder), Feste zu feiern und an kostenpflichtigen Schulaktivitäten<br />

teilzunehmen (20mal weniger, siehe Grafik).<br />

Nur noch das Billigste und Notwendigste<br />

In Armutshaushalten werden besonders bei länger andauernden<br />

Einkommenseinbussen anteilige Ausgaben für Bildung, Kultur<br />

und Erholung zugunsten der Ausgaben für Ernährung und Wohnung/Energie<br />

verringert. Meist ist am Ende des Geldes zu viel Monat<br />

übrig. Da müssen sich viele Betroffene dann entscheiden, ob<br />

sie die Krankenversicherung oder die Miete oder die Hefte zum<br />

Schulanfang für die Kinder bezahlen? Wenn es eng wird, dann<br />

gibt es nur einen Posten, der verfügbar ist: Essen. Sparen geht nur<br />

dort. «Dann hat es nur mehr Nudeln gegeben», erzählt Maria<br />

Scherrer*. An Einkaufengehen im Supermarkt denkt sie besonders<br />

ungern zurück. «Ich bin da blind durchgegangen, damit ich nur<br />

das Billigste und Notwendigste mitnehme.» Einkaufen bedeutete<br />

«Zwang und schlechte Stimmung». Jetzt geht es ihr und ihren drei<br />

Kindern wieder besser, rückblickend sagt sie: «Das Essen macht<br />

jetzt wieder Freude, kann wieder etwas Schönes sein.» •<br />

SCHWERPUNKT 1/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

*Name geändert<br />

Martin Schenk<br />

Sozialexperte und stv. Direktor der Diakonie Österreich,<br />

Mitbegründer der österr. Armutskonferenz,<br />

Lehrbeauftragter Fachhochschule Campus Wien.<br />


Wenn das Geld der Existenzsicherung<br />

nicht reicht – Ursachen und Folgen von<br />

Verschuldung<br />

Personen, die über sehr knappe Ressourcen<br />

verfügen, neigen häufiger dazu, Kredite in<br />

Anspruch zu nehmen. Vor dem Hintergrund<br />

der aktuell in einzelnen Kantonen geführten<br />

Debatte zur Herabsetzung des <strong>Grundbedarf</strong>s<br />

stellt sich die Frage, ob als Folge mit vermehrter<br />

Verschuldung durch die von den Kürzungen<br />

betroffenen Personen in der Sozialhilfe zu<br />

rechnen ist.<br />

Unabhängig davon, ob die in mehreren Kantonen angestrebten<br />

Reduktionen des <strong>Grundbedarf</strong>s in Zukunft umgesetzt werden,<br />

können bereits heute die verfügbaren finanziellen Mittel von sozialhilfebeziehenden<br />

Personen die in den SKOS-Richtlinien festgelegte<br />

materielle Grundsicherung über einen längeren Zeitraum<br />

unterschreiten. Dies geschieht durch Kürzungen als Sanktion, laufende<br />

Rückerstattungen oder wiederkehrende Kostenbeteiligungen.<br />

Besondere Strategien der Bewältigung von Knappheit innerhalb<br />

des betroffenen Haushalts sind in der Folge notwendig.<br />

Während Kürzungen als Sanktion nach Vorgabe der SKOS-<br />

Richtlinien stets detailliert zu prüfen und zeitlich befristet sind,<br />

verhält es sich bei Rückerstattungen in der Praxis anders. In Fällen<br />

von Vorschussleistungen oder bei zu viel ausbezahlten Leistungen<br />

durch Sozialdienste kommt es oftmals zur Vereinbarung einer laufenden<br />

Rückerstattungsverpflichtung. Diese bewegen sich in der<br />

Grössenordnung monatlicher Raten von 15 Prozent des <strong>Grundbedarf</strong>s.<br />

Abhängig von der Höhe des zurückgeforderten Betrags kann<br />

dabei die Laufzeit der Rückzahlungen weit über den Zeitrahmen<br />

von zwölf Monaten hinausgehen, welcher bei Kürzungen als Sanktion<br />

durch die SKOS-Richtlinien als Maximalwert vorgegeben<br />

wird.<br />

Verknappung durch Kostenbeteiligungen<br />

Daneben führen verschiedene wiederkehrende Kostenbeteiligungen<br />

zu einer Verknappung der verfügbaren finanziellen Mittel sozialhilfebeziehender<br />

Personen: Dies betrifft Kostenbeteiligungen<br />

an Mieten, die in ihrem Betrag über den örtlichen Richtwerten<br />

liegen, nicht versicherte Leistungen der Krankenkassen wie Spitalkostenbeiträge<br />

oder auch als Anreiz verstandene, behördlich verfügte<br />

Beteiligungen an Weiterbildungs- und Kurskosten. Die Liste<br />

an Beispielen ist nicht abschliessend und tatsächlich können die<br />

verfügbaren finanziellen Mittel von Fall zu Fall nochmals erheblich<br />

variieren. Dabei spielen insbesondere die Haushaltsgrösse,<br />

aber auch die Anwendung von Anreizsystemen eine Schlüsselrolle.<br />

Zu viel ausbezahlte Leistungen kommen dort vor, wo Fehler<br />

in der Berechnung des Unterstützungsbedarfs entstanden sind<br />

oder wo mögliche Kostenvorschüsse der Sozialdienste zur akuten<br />

Existenzsicherung und weiteren Stabilisierung der Lebensverhältnisse<br />

von sozialhilfebeziehenden Personen beitragen sollen. In<br />

diesen Fällen treten Sozialdienste als Gläubiger auf und greifen<br />

nachträglich auf finanzielle Mittel sozialhilfebeziehender Personen<br />

zurück, die anderen Gläubigern nicht zugänglich sind.<br />

Doppelte Schuld<br />

Sozialhilfebeziehende Personen, deren materielle Grundsicherung<br />

drastisch unterschritten wird, laufen potenziell Gefahr, sich<br />

trotz vorhandener Bewältigungsstrategien von Knappheit auch ausserhalb<br />

der Sozialhilfe zu verschulden. Dabei ist insbesondere auf<br />

die Form der Verschuldung zu achten, da diese nach sozialhilferechtlicher<br />

Auslegung unterschiedlich interpretiert wird. Während<br />

unvorhergesehene Forderungen wie Steuern oder TV- und<br />

Radiokonzessionen tendenziell in Betreibungsverfahren münden<br />

und schliesslich in Verlustscheine umgewandelt werden, verhält es<br />

sich bei einer Verschuldung durch private Zuwendungen anders.<br />

Gerade, weil Sozialhilfe subsidiär ausgerichtet wird und Leistungen<br />

Dritter als Einnahmen anzurechnen sind, werden Verschuldungen<br />

durch finanzielle Zuwendungen zu doppelt geschuldeten<br />

Forderungen: einerseits gegenüber Personenkreisen, die private<br />

Zuwendungen erbracht haben, und andererseits gegenüber dem<br />

zuständigen Sozialdienst, welcher nach dem Subsidiaritätsprinzip<br />

handelt.<br />

Schliesslich werden finanziell eingeschränkte Spielräume auch<br />

mittels weiterer Formen der Verschuldung kompensiert: durch<br />

überzogene Bankkonten oder Ratenkredite. Diese Möglichkeit der<br />

Verschuldung vollzieht sich nicht innerhalb der Rahmenbedingungen<br />

der Sozialhilfe, sondern zeigt sich bei der Bewältigung von<br />

Knappheit als scheinbar privatisiertes Hilfsangebot der Kreditwirtschaft.<br />

Kontoüberziehungen entstehen vielfach schleichend,<br />

gerade wenn jeden Monat ein gewisser Geldbetrag fehlt und Betroffene<br />

davon ausgehen, dass dies nur vorübergehend und im<br />

nächsten Monat nicht mehr so ist.<br />

Beliebte Internet-Angebote für Kredite<br />

Nach Einschätzung der Schuldenberatungsstellen zeigt sich hier<br />

die Tendenz, dass sich Haushalte mit knappen Finanzen zunehmend<br />

auch über Kreditangebote im Internet verschulden. Dieser<br />

Bereich der Finanzdienstleistung ist nur schwer kontrollierbar und<br />

kann von Seiten des Gesetzgebers kaum wirkungsvoll reguliert<br />

werden. Massnahmen der Sozialdienste, im Rahmen der sozialhilferechtlichen<br />

Möglichkeiten auf Haushalte bedürftiger Personen<br />

Einfluss zu nehmen, laufen Gefahr, diese in ein Feld der unkontrollierbaren<br />

Verschuldung zu drängen. Dabei sind gerade die sehr<br />

niederschwellig tätigen Online-Finanzdienstleister nicht dafür be-<br />

24 <strong>ZESO</strong> 1/<strong>19</strong> SCHWERPUNKT


«Den Durchschnittsarmen<br />

gibt es nicht»<br />

NACHGEFRAGT Carlo Knöpfel, Professor an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, kritisiert, dass über<br />

einzelne Budgetposten des <strong>Grundbedarf</strong>s diskutiert wird. Die Armutsgrenze mit einem Warenkorb zu<br />

definieren, findet er «grundsätzlich falsch».<br />

«<strong>ZESO</strong>»: Herr Knöpfel, eine sachliche Diskussion über die<br />

Sozialhilfe sei nicht mehr möglich, beklagte kürzlich die NZZ am<br />

Sonntag. Ist es der Studie zum <strong>Grundbedarf</strong> nicht gelungen, eine<br />

sachliche Grundlage zu liefern?<br />

Carlo Knöpfel: Eigentlich lagen die Fakten ja bereits auf<br />

dem Tisch. Man wusste, dass der <strong>Grundbedarf</strong> zu tief ist. In Bezug<br />

auf die öffentliche Diskussion habe ich die Studie bereits<br />

im Vorfeld kritisch beurteilt. Das Vorgehen ist in meiner Einschätzung<br />

ein Rückschritt in der Entwicklung der Sozialhilfe.<br />

Warum?<br />

Weil man wieder beginnt, den <strong>Grundbedarf</strong> in einzelne Budgetposten<br />

aufzuteilen. Bevor die Pauschale für den <strong>Grundbedarf</strong><br />

<strong>19</strong>98 eingeführt wurde, hatten wir genau diese Situation:<br />

Es wurde festgelegt, wie viel Geld den Sozialhilfebeziehenden<br />

für einzelne Posten zusteht. Die Personen mussten Ende<br />

Monat mit ihren Quittungen zum Sozialdienst kommen und<br />

beispielsweise belegen, dass sie nicht mehr für Lebensmittel<br />

ausgegeben haben, als vom Budget vorgesehen war. Eigentlich<br />

dachte ich, diese Phase sei überwunden.<br />

Die Studie will aufzeigen, wie der Betrag des <strong>Grundbedarf</strong>s zustande<br />

kommt. Das ist doch ein transparentes Vorgehen.<br />

Das Problem ist, wenn der <strong>Grundbedarf</strong> aufgedröselt wird,<br />

wird jeder einzelne Posten diskutiert. Das sind doch reine<br />

Werturteile! Selbst vor Gericht ist mittlerweile anerkannt,<br />

dass man den <strong>Grundbedarf</strong> als Pauschalbudget verstehen<br />

muss. Ein Gericht hat in einem Urteil untersagt, einer Person,<br />

die an einer Arbeitsintegrationsmassnahme teilnahm, an der<br />

auch eine kostenlose Mahlzeit offeriert wurde, dafür zehn<br />

Franken pro Tag für das Essen vom <strong>Grundbedarf</strong> abzuziehen.<br />

Was ist der Gedanke hinter einer Pauschale für den <strong>Grundbedarf</strong>?<br />

Es ist eine liberale Haltung, die besagt: Dieses Geld steht<br />

euch zu − verwaltet es selbst. Wenn etwa jemand mehr fürs<br />

Essen ausgeben will, muss er in einem anderen Bereich sparen.<br />

Man darf zudem nicht vergessen, dass das Ziel der Sozialhilfe<br />

ist, die Leute wieder zu integrieren. Demnach müssen<br />

sie doch über eine gewisse Autonomie verfügen. Wenn wir die<br />

Sozialhilfebeziehenden entmündigen, kann man nicht erwarten,<br />

dass sie nach der Ablösung selbstständig leben können.<br />

Dennoch ist die Frage nicht vom Tisch: Wie bestimmt man die Höhe<br />

des <strong>Grundbedarf</strong>s?<br />

Die Idee eines Warenkorbes ist, die Armutsgrenze «bottomup»<br />

definieren zu wollen. Diesen Ansatz finde ich grundsätzlich<br />

falsch. Er geht von einem «Norm-Armen» aus, der so und<br />

so viel für Kleidung ausgeben darf und bestimmte Handykosten<br />

hat. Aber diesen Durchschnittsarmen gibt es nicht. Die<br />

Heterogenität in der Sozialhilfe ist gross: Es sind nicht nur ein<br />

paar Drögeler und Obdachlose. Es sind Alleinerziehende, Working<br />

Poor-Familien, über 55-Jährige ausgesteuerte Langzeitarbeitslose<br />

und junge Leute, die den Sprung in den Arbeimarkt<br />

nicht schaffen.<br />

Was ist die Alternative?<br />

Armut ist immer eine relative Grösse im Verhältnis zur gesellschaftlichen<br />

Situation. Eine Alternative wäre beispielsweise<br />

der Ansatz der Armutsgefährdung, wie ihn die Europäische Union<br />

oder die OECD verwenden. Dort wrd die Grenze der Existenzsicherung<br />

bei 60 oder 50 Prozent vom Medianeinkommen des<br />

jeweiligen Haushalts festgelegt. Um die politische Diskussion,<br />

wo genau der Prozentsatz festgelegt wird, kommt man auch so<br />

nicht herum. Aber wenigstens würde sich die Diskussion erübrigen,<br />

ob fünf Franken fürs Essen genügen.<br />

Zurzeit wird oft eine Differenzierung von Sozialhilfeleistungen<br />

gefordert. Soll beispielsweise mehr bekommen, wer immer gearbeitet<br />

hat?<br />

Da bin ich anderer Meinung. Eine Differenzierung würde bedeuten,<br />

dass wir das Finalitätsprinzip aufgeben. Aber genau<br />

diese Finalität ist doch eine gesellschaftliche Errungenschaft!<br />

Wir als Gesellschaft sagen: Wir unterstützen jene, die in Not geraten,<br />

unabhängig davon, weshalb sie arm geworden sind. Dies<br />

aufgeben zu wollen, halte ich für gefährlich.<br />

Offensichtlich scheint diese Gleichbehandlung aber bei vielen<br />

Menschen am Gerechtigkeitsempfingen zu kratzen.<br />

Man könnte es als Ohnmachtsdiskurs interpretieren. Die<br />

Gesellschaft spürt, dass der Arbeitsmarkt nicht mehr für alle<br />

eine bezahlte Arbeit zu bieten hat und sich das Problem nicht<br />

einfach lösen lässt. Deshalb werden Sündenböcke gesucht. Es<br />

ist einfacher zu sagen, Armut sei ein Problem der Faulen, Asylsuchenden,<br />

Kranken etc., statt zu akzeptieren, dass hier eine<br />

strukturelle Problematik vorhanden ist, die viel mit Prozessen<br />

der wirtschaftlichen Globalisierung und fortschreitenden Digitalisierung<br />

zu hat. Differenziertere Leistungen werden die<br />

strukturellen Probleme nicht lösen.<br />

26 <strong>ZESO</strong> 1/<strong>19</strong> SCHWERPUNKT


GRUNDBEDARF<br />

CARLO KNÖPFEL<br />

Carlo Knöpfel ist seit 2<strong>01</strong>2 Professor für Sozialpolitik<br />

und Sozialarbeit an der Hochschule für Soziale Arbeit<br />

in Basel (FHNW). Seine Schwerpunkte sind der gesellschaftliche<br />

Wandel und die soziale Sicherheit, Fragen<br />

zu Armut, Arbeitslosigkeit und Alter sowie der Beitrag<br />

der Zivilgesellschaft zur beruflichen und sozialen<br />

Integration. Zuvor arbeitete der Ökonom während<br />

<strong>19</strong> Jahren bei der Caritas Schweiz. Carlo Knöpfel ist<br />

Präsident der Kommission Sozialpolitik und Sozialhilfe<br />

(SoSo) der SKOS.<br />

Bild: zvg<br />

Wie kann man dann verhindern, dass die Solidarität weiter bröckelt?<br />

Ein wichtiges Element ist die Finanzierung. Die Frage ist,<br />

aus welchem Topf die Sozialhilfe bezahlt werden soll. Es ist<br />

kein Zufall, dass die Kürzungsdiskussion verstärkt in Kantonen<br />

auftritt, die einen schwachen Lastenausgleich zwischen<br />

den Gemeinden haben. Wenn die Finanzierungsfrage besser<br />

gelöst wäre, hätte die Kritik an der Sozialhilfe eine viel geringere<br />

Resonanz. Hier sehe ich die Kantone in der Pflicht, solange<br />

sie nicht bereit sind, ein Bundesrahmengesetz zu akzeptieren.<br />

Die Kritiker sprechen aber vor allem davon, dass es mehr Anreize für<br />

die Sozialhilfebeziehenden braucht.<br />

Es ist absurd zu sagen, wenn wir mehr Anreize setzen, fügt<br />

sich alles. Sozialpsychologisch kann man doch nur von wirksamen<br />

Anreizen ausgehen, wenn Handlungsoptionen auf dem<br />

Tisch liegen. Was nützen aber Anreize demjenigen, der einfach<br />

keinen Job findet?<br />

Diskutiert wird auch ein Vorschlag, der das jetzige System umkehren<br />

will: Den <strong>Grundbedarf</strong> für alle um 30 Prozent kürzen und als<br />

Belohnung Zulagen verteilen. Ist ein solches System denkbar?<br />

Ich gehe nicht davon aus, dass dieser um 30 Prozent gesenkte<br />

<strong>Grundbedarf</strong> quasi ein bedingungsloses Grundeinkommen<br />

wäre. Das heisst: Wer dann nicht spurt und sich um Arbeit<br />

bemüht, muss mit weiteren Sanktionen rechnen.<br />

Deshalb wäre das nur eine Wegbereitung für weitere<br />

Kürzungen. Daran ist auch die SKOS nicht<br />

ganz unschuldig.<br />

Inwiefern?<br />

Letztlich ist der rechtsbürgerliche politische<br />

Vorstoss ein Echo auf die Revision der SKOS-<br />

Richtlinien von 2<strong>01</strong>5, die die Sanktionsmöglichkeiten auf 30<br />

Prozent ausgeweitet hat. Die SKOS hat selber ein Argument geliefert,<br />

dass es, wenn nötig auch mit 30 Prozent weniger geht.<br />

Damit wurde dieser Kürzungsvorschlag legitimiert. Es zeigt<br />

sich aber, dass diese Kompromisse politisch nicht honoriert<br />

werden.<br />

Sie kennen die Diskussion um die Existenzsicherung seit Langem.<br />

Welche Tendenz nehmen Sie wahr?<br />

Die Diskussion unterliegt einer Wellenbewegung. Ende der<br />

90er Jahre kam die Diskussion wegen der hohen Arbeitslosigkeit<br />

auf. Die Revision der SKOS-Richtlinien 2005, bei der<br />

das Anreizsystem eingeführt wurde, war eine Antwort auf die<br />

Kritik, dass sich Arbeit nicht lohnt. Auch die Revision 2<strong>01</strong>5 war<br />

eine Reaktion auf den politischen Druck. Man wollte schärfere<br />

Sanktionen und einen tieferen <strong>Grundbedarf</strong>. So ist es gekommen.<br />

Insofern gibt es nichts Neues unter der Sonne! Wenn<br />

man früher aber über begrenzte Kürzungen diskutierte, ist<br />

heute der Vorschlag, den <strong>Grundbedarf</strong> um 30 Prozent zu kürzen,<br />

eine ernsthafte Option. Der Rahmen des Denkbaren wurde<br />

ausgedehnt. <br />

•<br />

Das Gespräch führte<br />

Regine Gerber<br />


Yohannes Mussie überzeugt seine Arbeitgeber nicht nur mit handwerklichem Geschick.<br />

Bild: Daniel Desborough<br />

28 <strong>ZESO</strong> 1/<strong>19</strong>


Mit dem Schraubenschlüssel in<br />

Richtung Unabhängigkeit<br />

REPORTAGE Ein Pilotprojekt ermöglicht 38 Flüchtlingen im Kanton Solothurn eine einjährige<br />

Integrationsvorlehre. Einer der Teilnehmer ist Yohannes Mussie, der in der Garage Dubach AG in<br />

Oensingen arbeitet. Ein Besuch.<br />

Es wuselt herum in der Werkstatt an diesem<br />

Morgen. Die vierzehn Mitarbeitenden<br />

der Garage Dubach AG sind beschäftigt:<br />

Ölwechsel, Bremsen und Getriebe checken.<br />

Reparaturen vornehmen. Und putzen.<br />

Nach dem Service sollen die Fahrzeuge<br />

in neuem Glanz erstrahlen. Ein Auto muss<br />

noch geprüft werden, bevor es vom Besitzer<br />

wieder abgeholt wird. Yohannes Mussie ist<br />

über die Motorhaube gebeugt. Er schaut<br />

sich die Sache an und bespricht mit Ausbildner<br />

Franco Guarino, was zu tun ist.<br />

Yohannes Mussie ist einer der 38 Teilnehmenden<br />

des Projektes Integrationsvorlehre<br />

(INVOL) im Kanton Solothurn.<br />

Die Integrationsvorlehre wurde vom Bund<br />

als vierjähriges Pilotprojekt initiiert mit<br />

Projekt Integrationsvorlehre<br />

dem Ziel, die Erwerbsintegration von anerkannten<br />

Flüchtlingen und vorläufig<br />

aufgenommenen Personen zu verbessern.<br />

Die Umsetzung des Projektes liegt bei den<br />

Kantonen (s. Kasten). Nach Abschluss der<br />

einjährigen Vorlehre sollen die jungen<br />

Leute in der Lage sein, in eine berufliche<br />

Grundbildung einzusteigen und somit<br />

mittelfristig unabhängig von der Sozialhilfe<br />

leben zu können.<br />

Das ist auch das Ziel von Yohannes<br />

Mussie. Vor rund vier Jahren flüchtete er<br />

aus Eritrea in die Schweiz. Letzten Sommer<br />

hat der 24-Jährige das Praktikum<br />

in der Garage Dubach AG gestartet. Drei<br />

Tage die Woche arbeitet er im Betrieb, zwei<br />

Tage besucht er eine Integrationsklasse der<br />

«DIE RÜCKMELDUNGEN DER BETRIEBE SIND SEHR GUT»<br />

Im Kanton Solothurn ist das Projekt INVOL im<br />

Sommer 2<strong>01</strong>8 mit 38 Teilnehmenden gestartet.<br />

Praktikumsplätze werden in den Berufsfeldern<br />

Automobil, Fleischwirtschaft, Gesundheit und<br />

Logistik angeboten. «Wir wollen die INVOL-Ausbildung<br />

möglichst nahe an der regulären<br />

beruflichen Grundbildung gestalten », sagt<br />

Ruedi Zimmerli, Projektverantwortlicher beim<br />

kantonalen Amt für Berufsbildung, Mittel- und<br />

Hochschulen.<br />

Die Voraussetzungen sind klar definiert:<br />

Interessierte Personen müssen zwischen 18<br />

und 35 Jahre alt sein, über eine Aufenthaltsbewilligung<br />

F oder B und Deutschkenntnisse mit<br />

mindestens Niveau A2 verfügen sowie bereits<br />

Berufserfahrung im Herkunftsland haben.<br />

Nach einer Potenzialabklärung müssen sich die<br />

Interessenten regulär bei den Betrieben bewerben.<br />

Sie werden im Bewerbungsprozess von<br />

Coaches der Berufsfachschulen unterstützt.<br />

Zunächst mussten die Berufsverbände in<br />

einem Kompetenzprofil festlegen, welches<br />

Wissen die Praktikanten erwerben müssen.<br />

Die anschliessende Betriebssuche sei nicht<br />

einfach gewesen, erzählt Zimmerli. «Wir<br />

mussten viel Überzeugungsarbeit leisten.»<br />

Der Leiter der Abteilung Berufslehren gibt zu<br />

bedenken, dass das Projekt für viele Betriebe<br />

auch eine Chance sei: «Es sind Branchen, die<br />

teilweise Mühe haben, ihre offenen Lehrstellen<br />

zu besetzen.»<br />

Nach einem halben Jahr zieht Zimmerli eine<br />

positive Zwischenbilanz. Die Rückmeldungen<br />

aus den Betrieben seien sehr gut. «Viele der im<br />

Vorfeld bestehenden Bedenken haben sich in<br />

Luft aufgelöst», sagt Zimmerli. Lediglich zwei<br />

Arbeitsverhältnisse seien aufgelöst worden.<br />

Im nächsten Sommer geht das Projekt in die<br />

nächste Runde: Neu werden gar 48 Plätze zur<br />

Verfügung stehen und mit dem Berufsfeld «Gesundheit»<br />

wird eine neue Branche erschlossen.<br />

Den Kantonen werden die Ausbildungsplätze<br />

mit einer Pauschale von 13 000 Franken<br />

vom Bund subventioniert.<br />

Regine Gerber<br />

Berufsfachschule. In Eritrea habe er eine<br />

Ausbildung zum Ingenieur angefangen,<br />

erzählt der junge Mann, der gut Deutsch<br />

spricht. Sein Traumberuf sei eigentlich<br />

Informatiker gewesen. Dennoch schwärmt<br />

er von seinem jetzigen Job: «Ich mache alles<br />

gerne!» Erst auf Nachfrage hin räumt<br />

er ein: «Am wenigsten gern sauge ich die<br />

Autos.» Und schon huscht er wieder davon,<br />

um einen Reifen zu ersetzen.<br />

Nachhaltige Idee<br />

«Der Branchenverband hat uns motiviert,<br />

beim INVOL-Projekt mitzumachen», sagt<br />

Kundendienst- und Werkstattleiter Franco<br />

Guarino. Und sie seien ein Betrieb, der gerne<br />

Neues ausprobiere, ergänzt Geschäftsführerin<br />

Claudia Dubach. Dennoch haben<br />

beide zu Beginn ihre Bedenken gehabt. An<br />

einem Tisch im weitläufigen Showroom<br />

der Garage sitzend, erinnern sie sich: «Ich<br />

habe mich gefragt: Was werden für Bewerber<br />

kommen? Wie wird es das Team aufnehmen<br />

und wie werden die Kunden reagieren?»,<br />

erzählt Dubach. Und Guarino<br />

sagt: «Man macht sich Gedanken, ob das<br />

im Arbeitsalltag funktioniert.»<br />

Dass sich die Garagisten dennoch überzeugen<br />

liessen, lag daran, dass ihnen die<br />

nachhaltige Idee des INVOL-Projektes<br />

gefiel. Es sprach sie an, dass das Projekt<br />

nicht lediglich Arbeitseinsätze vermitteln<br />

wolle, sondern sich an junge Leute richtet,<br />

die den Willen haben, eine Ausbildung zu<br />

absolvieren und sich dafür auch bewerben<br />

müssen. Einen weiteren Pluspunkt sehen<br />

die Arbeitgeber darin, dass die Teilnehmer<br />

von der Berufsfachschule einen Coach zur<br />

Seite gestellt bekommen, der sie während<br />

der Praktikumszeit begleitet und auch für<br />

die Betriebe als Ansprechperson zur Verfügung<br />

stehen würde.<br />

Spätestens als sie Yohannes Mussie in<br />

der Schnupperwoche kennenlernten, waren<br />

die Bedenken von Claudia Dubach<br />

<br />

1/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

29


und Franco Guarino weggewischt. «Yohannes<br />

ist unglaublich motiviert und wissenshungrig»,<br />

sagt die Geschäftsführerin<br />

und fügt an: «Etwas, das ich bei jungen<br />

Leuten, die regulär schnuppern kommen,<br />

oft vermisse.» Ein halbes Jahr nach Praktikumsbeginn<br />

sagen die beiden Verantwortlichen<br />

unisono: «Es läuft sehr, sehr gut!»<br />

Es war denn auch nur am Anfang der Fall,<br />

dass Ausbildner Guarino seinen Praktikanten<br />

auf einfache, grundlegende Dinge<br />

hinweisen musste. Etwa die Pünktlichkeit.<br />

«Yohannes wusste schlicht nicht, dass Arbeitsbeginn<br />

um Viertel nach sieben nicht<br />

bedeute, dass es keine Rolle spielt, wenn es<br />

halb acht wird», sagt er.<br />

Zielstrebiger Plan<br />

Yohannes Mussie hat in der Garage Dubach<br />

AG aber nicht nur mit seinem handwerklichen<br />

Geschick überzeugt, sondern<br />

insbesondere menschlich gepunktet. Einen<br />

Witz hier – eine freundliche Geste da:<br />

Dass der junge Eritreer im Team gut integ-<br />

riert ist, sieht man auf den ersten Blick.<br />

«Beim Feierabendbier sprechen wir auch<br />

mal über Privates», sagt Ausbildner Guarino.<br />

Für ihn ist denn auch wichtig, dass sein<br />

Praktikant in ihm einen Ansprechpartner<br />

hat, wenn Dinge im Alltag Probleme bereiten.<br />

Als kürzlich die Heizung in Mussies<br />

Wohnung über Wochen nicht funktionierte,<br />

war es für Guarino selbstverständlich,<br />

dies mit der Verwaltung zu klären.<br />

Beindruckt hat Yohannes Mussie die Arbeitgeber<br />

auch mit seiner Zielstrebigkeit.<br />

Gleich von Anfang legte Mussie seinen<br />

Plan dar: Nach dem INVOL-Praktikum<br />

wolle er die zweijährige Lehre absolvieren<br />

und anschliessend den Fachmann EFZ<br />

anschliessen. «2024 bin ich fertig ausgebildet»,<br />

sagte er. Auf dem Weg dazu ist er:<br />

Die Garage Dubach AG hat ihrem Praktikanten<br />

kürzlich einen Lehrvertrag zum<br />

Automobil-Assistenten EBA angeboten.<br />

Im Sommer geht’s los. <br />

•<br />

Regine Gerber<br />

Mussie hat in seinem Ausbildner<br />

einen Ansprechpartner gefunden.<br />

Bilder: Daniel Desborough<br />

30 <strong>ZESO</strong> 1/<strong>19</strong>


IV und Sozialhilfe: Entwicklung der<br />

Zahlen 2005 bis 2<strong>01</strong>7 im Vergleich<br />

FACHBEITRAG Die Invalidenversicherung und die Sozialhilfe sind zwei zentrale Pfeiler der sozialen<br />

Sicherheit in der Schweiz. Sie sind grundsätzlich verschieden in ihren Grundprinzipien, ihrer<br />

Finanzierung und ihrer Organisation, haben aber in der Praxis viele Schnittstellen. IV und Sozialhilfe<br />

haben sich in den letzten zwölf Jahren in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Ein Vergleich der<br />

Kennzahlen der beiden Sozialwerke.<br />

Werfen wir einen Blick zurück auf das Jahr<br />

2005. Dieses markierte den Wechsel zum<br />

Ansatz der «workfare» in der Sozialhilfe: In<br />

den SKOS-Richtlinien wurden Anreizsysteme<br />

wie die Integrationszulage und der Einkommensfreibetrag<br />

eingeführt. Zwölf Jahre<br />

später stellen wir fest, dass die Zahl der<br />

Sozialhilfeempfangenden nach einer kurzen<br />

Phase der Abnahme Ende der 2000er<br />

Jahre mit dem Bevölkerungswachstumgestiegen<br />

ist. Die Quote ist stabil, 2<strong>01</strong>7 bezieht<br />

wie 2005 jede 30. Person in der<br />

Schweiz Sozialhilfe, absolut gibt es rund<br />

40 000 zusätzliche Beziehende. Die Kosten<br />

für die Sozialhilfe sind in dieser Phase<br />

deutlich stärker angestiegen: um 1,06<br />

Mrd. Fr. von 1,75 auf 2,82 Mrd. Franken.<br />

Der Bericht des Bundesrates zur Kostenentwicklung<br />

in der Sozialhilfe analysierte<br />

diese Entwicklung im Jahr 2<strong>01</strong>7. Er wies<br />

auf die Schwierigkeiten hin, die sich aus<br />

mangelnden Daten und unterschiedlichen<br />

Organisationsformen der Sozialhilfe in<br />

Kantonen und Gemeinden ergeben und<br />

schliesst mit dem Satz: «Die Sozialhilfeausgaben<br />

dürfen keinesfalls isoliert betrachtet<br />

werden.» Zur Problembehebung muss an<br />

mehreren Stellen angesetzt werden.<br />

Paradigmenwechsel bei der IV<br />

Die SKOS strich in ihrem Kommentar<br />

die Faktoren heraus, die zur Kostensteigerung<br />

beitragen: Der Anstieg der Einpersonenhaushalte<br />

und der Langzeitfälle, das<br />

Wachstum der Kosten für Wohnen und<br />

Gesundheit, die sinkende Nachfrage nach<br />

unqualifizierten Arbeitskräften, die Verlagerung<br />

von Kosten aus vorgelagerten Systemen<br />

der sozialen Sicherheit, insbesondere<br />

der ALV und der IV, Verlagerungen<br />

von kantonalen Bedarfsleistungen in die<br />

Sozialhilfe, wie von der Arbeitslosenfürsorge<br />

im Kanton Genf und der individuellen<br />

Prämienverbilligungen im Kanton Bern<br />

im Jahr 2<strong>01</strong>2.<br />

Bei der Invalidenversicherung wurde<br />

2004 und 2008 mit der 4. und 5. IV-Revision<br />

der Grundsatz «Eingliederung vor<br />

Rente» eingeführt. Ziel dieser Revisionen<br />

war es zu verhindern, dass Menschen mit<br />

gesundheitlichen Problemen ihren Arbeitsplatz<br />

aufgeben müssen. Mit der eingliederungs-orientierten<br />

Revision 6a wurde<br />

ein Paradigmenwechsel eingeleitet, weg<br />

von «einmal Rente, immer Rente», hin zu<br />

«Rente als Brücke zur Eingliederung». Die<br />

Kennzahlen der IV entwickelten sich auf<br />

der Grundlage dieser Revisionen in den<br />

letzten zwölf Jahren in umgekehrter Richtung<br />

im Vergleich zur Sozialhilfe. 2006<br />

verzeichnete die IV einen Höchststand bei<br />

Renten und Geldleistungen. Seither ist<br />

der Rentenbestand um rund 40 000 Personen<br />

gesunken und die Geldleistungen<br />

sind um 870 Mio. Fr. von 7,34 auf 6,47<br />

Mrd. Fr. gesunken.<br />

Deutlicher Rückgang der Quote<br />

Aufgrund dieser unterschiedlichen Entwicklungen<br />

wird die Frage, ob es in den letzten<br />

Jahren zu Verlagerungen von Kosten<br />

und Personen aus der Invalidenversicherung<br />

in die Sozialhilfe kam, regelmässig<br />

und kontrovers diskutiert. In der «<strong>ZESO</strong>»<br />

wurden verschiedene Studien und Standpunkte<br />

dazu publiziert. Der hier vorgestellte<br />

Vergleich der Statistiken erfolgt aus einem<br />

bevölkerungsbezogenen Ansatz: Betrachtet<br />

werden die Entwicklungen der Kosten und<br />

die Anzahl betroffener Personen bezogen<br />

auf die Gesamtbevölkerung und einzelne<br />

Gruppen (Alter, Nationalität) in absoluten<br />

Zahlen und relativ zum Wachstum der Bevölkerung<br />

und des Bruttoinlandprodukts.<br />

Rechnet man die IV-Renten und die<br />

Sozialhilfebeziehenden zusammen, stellt<br />

man fest, dass zwischen 2005 und 2<strong>01</strong>7<br />

eine leichte Abnahme von 530 800 auf<br />

527 600 Fällen zu verzeichnen ist. Es<br />

gab in diesen zwölf Jahren nur geringe<br />

Schwankungen mit einer Spitze 2006<br />

mit 536 000 Personen und dem tiefsten<br />

Stand 2<strong>01</strong>0 mit 511 000 Personen. Der<br />

Blick auf die Altersgruppen zeigt, dass bei<br />

den jungen und älteren Personen die gleichen<br />

Ausgleichsmechanismen erkennbar<br />

sind. In der Sozialhilfe sank die Anzahl<br />

Beziehender bei den 18- bis 25-jährigen<br />

zwischen 2005 und 2<strong>01</strong>7 von 31 100<br />

auf 29 800. Bei den IV-Renten stieg die<br />

Zahl von 7700 auf 8900. In der Summe<br />

blieben die Zahlen auf gleichem Niveau.<br />

Bei den 55- bis 64-Jährigen ist ein<br />

markanter Anstieg in der Sozialhilfe von<br />

13 500 auf 27 400 zu verzeichnen. Bei<br />

den IV-Renten vollzog sich ein fast ebenso<br />

grosser Rückgang von 104 800 auf<br />

94 300 Personen. Auch hier heben sich die<br />

beiden Effekte praktisch auf. Bei den 45-<br />

bis 55-Jährigen zeigt sich dasselbe Bild:<br />

16 000 Personen mehr in der Sozialhilfe,<br />

12 000 Personen weniger mit IV-Rente.<br />

Unterschiede gibt es bei den jüngeren<br />

und mittleren Jahrgängen. Bei den 25-<br />

bis 35-Jährigen wird sowohl bei der Sozialhilfe<br />

(+6 000) wie bei den IV-Renten<br />

(+1 000) eine Zunahme verzeichnet. Bei<br />

den 35- bis 45-Jährigen ist der Sozialhilfebezug<br />

stabil, bei der IV ist eine Abnahme<br />

von fast 18 000 Renten zu beobachten.<br />

Damit ist diese Altersgruppe die einzige,<br />

die eine klare Abnahme zeigt.<br />

Unter Einbezug des Bevölkerungswachstums<br />

von 13,7% in den beobachteten<br />

zwölf Jahren bleibt die Sozialhilfequote<br />

konstant bei 3,3%, die IV-Rentenquote <br />

1/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

31


sinkt von 3,9 auf 2,9% deutlich. Die kumulierte<br />

Quote von IV und Sozialhilfe<br />

sinkt damit von 7,2% auf 6,2%; mit anderen<br />

Worten: 2005 bezog eine von 14<br />

Personen Sozialhilfe oder hatte eine IV-<br />

Rente, 2<strong>01</strong>7 war es nur noch eine von 16<br />

Personen.<br />

Stabiler Ausländeranteil in der<br />

Sozialhilfe, starker Rückgang in der IV<br />

Der Anteil der Ausländer, die Sozialhilfe<br />

oder eine IV-Rente beziehen, ist deutlich<br />

höher als jener der Schweizer und Schweizerinnen.<br />

In der Sozialhilfe hat sich an dieser<br />

Feststellung in den letzten zwölf Jahren<br />

wenig geändert. Während die Sozialhilfequote<br />

bei Schweizern stabil bei 2,3% blieb,<br />

sank sie bei den Personen ohne Schweizer<br />

Pass von 6,5% auf 6,3%.<br />

Ganz anders bei der IV: Dort betrug<br />

die Quote der ausländischen Bevölkerung<br />

2005 6,8%; bis 2<strong>01</strong>7 halbierte sie sich<br />

auf 3,3%. Bei den Schweizern sank sie weniger<br />

stark von 3,3% auf 2,8%. Die kumulierte<br />

Ausländerquote von IV und Sozialhilfe<br />

sank damit von 13,3% auf 9,6%. Bei<br />

den Schweizern verringerte sie sich leicht<br />

von 5,5% auf 5,1%.<br />

Anteil Geldleistungen IV und Sozialhilfe am BIP<br />

Verhältnis Beziehende/Bevölkerung (Quote)<br />

Sozialhilfe<br />

IV<br />

IV und Sozialhilfe<br />

Sozialhilfe<br />

IV<br />

Total<br />

2.0%<br />

1.8%<br />

1.6%<br />

1.4%<br />

1.2%<br />

1.0%<br />

0.8%<br />

0.6%<br />

0.4%<br />

0.2%<br />

0.0%<br />

8%<br />

7%<br />

6%<br />

5%<br />

4%<br />

3%<br />

2%<br />

2005<br />

2006<br />

2007<br />

2008<br />

2009<br />

2<strong>01</strong>0<br />

2<strong>01</strong>1<br />

2<strong>01</strong>2<br />

2<strong>01</strong>3<br />

2<strong>01</strong>4<br />

2<strong>01</strong>5<br />

2<strong>01</strong>6<br />

2<strong>01</strong>7<br />

2005<br />

2006<br />

2007<br />

2008<br />

2009<br />

2<strong>01</strong>0<br />

2<strong>01</strong>1<br />

2<strong>01</strong>2<br />

2<strong>01</strong>3<br />

2<strong>01</strong>4<br />

2<strong>01</strong>5<br />

2<strong>01</strong>6<br />

2<strong>01</strong>7<br />

Quelle: SoStat, IV-Statistik, BFS BIP-Statistik; Verknüpfung SKOS<br />

Quelle: SoStat, IV-Statistik, Verknüpfung SKOS<br />

32 <strong>ZESO</strong> 1/<strong>19</strong>


Anteil der kumulierten Kosten am BIP<br />

sinkt um 22%<br />

Die Sozialhilfekosten stiegen zwischen<br />

2005 und 2<strong>01</strong>7 wie oben dargestellt um<br />

1,06 Mrd. Fr. oder 59,7%, die Kosten der<br />

Geldleistungen der IV sanken gleichzeitig<br />

um 856 Mio. Fr. (11,7%). Die Zunahme<br />

der kumulierten Sozialhilfe-IV-Kosten beträgt<br />

damit 205 Mio. Fr. in zwölf Jahren.<br />

Gleichzeitig stieg das Bruttoinlandprodukt<br />

um 31,4%.<br />

Der Anteil der Sozialhilfekosten am BIP<br />

stieg in diesem Zeitraum von 0,34% auf<br />

0,42%, jener der IV-Geldleistungen sank<br />

von 1,44% auf 0,97%. Die kumulierten<br />

Kosten beanspruchten im 2005 1,79%<br />

des BIP, 2<strong>01</strong>7 waren es noch 1,39%, das<br />

entspricht einem relativen Rückgang von<br />

22%.<br />

Im gleichen Zeitraum nahm der Anteil<br />

der IV-Rentner, die auf Ergänzungsleistungen<br />

angewiesen sind, stark zu von<br />

Mehr Menschen auf dem<br />

Weg ins Sozialamt.<br />

Bild: Palma Fiacco<br />

28,9% auf 46,0%. Die Kosten für die EL<br />

zur IV stiegen von 1,23 Mrd. Fr. auf 2,03<br />

Mrd. Fr. .<br />

Werden die Kosten von Sozialhilfe, IV-<br />

Geldleistungen und EL zur IV summiert,<br />

ergibt sich ein Wachstum von 851 Mio.<br />

Fr. in zwölf Jahren. Der Anteil am BIP dieser<br />

drei Leistungssysteme sank von 2,0%<br />

auf 1,7%, das entspricht einem relativen<br />

Rückgang von 17%.<br />

Bei den Kostenträgern ist eine höhere<br />

Belastung bei Kantonen und Gemeinden<br />

festzustellen. Die Belastung der Prämienzahlenden<br />

ist gleich hoch geblieben. Der<br />

Anteil des Bundes ist gesunken. Seit 2<strong>01</strong>1<br />

tragen die Konsumenten über die MWST<br />

zur Entschuldung der IV bei.<br />

Schlussfolgerungen<br />

Gesamtgesellschaftliche Systeme wie jenes<br />

der sozialen Sicherheit weisen viele Verbindungen<br />

und Wechselwirkungen zwischen<br />

den einzelnen Sozialwerken auf. Bei Evaluationen<br />

von Reformen gilt es, stets auch<br />

eine bevölkerungsbezogene Gesamtsicht<br />

zu berücksichtigen.<br />

Die hier vorgenommene Analyse zeigt<br />

auf, dass in den beiden Sozialwerken IV<br />

und Sozialhilfe zusammengenommen und<br />

unter Berücksichtigung des Bevölkerungswachstums<br />

2<strong>01</strong>7 deutlich weniger Personen<br />

unterstützt werden als 2005 und<br />

dass gemessen am Bruttoinlandprodukt<br />

rund ein Fünftel weniger finanzielle Mittel<br />

dafür ausgegeben werden.<br />

Dieses Resultat kann einerseits als<br />

Erfolg der Reformen gewertet werden.<br />

Mehr Menschen verbleiben im ersten Arbeitsmarkt<br />

oder finden den Weg dorthin<br />

zurück. Gleichzeitig befinden sich heute<br />

mehr Menschen in einer prekären Lebenssituation<br />

als vor zwölf Jahren, darauf<br />

deuten die Zuwachsraten in der Sozialhilfe<br />

und der EL zur IV hin. Es ist auch davon<br />

auszugehen, dass mehr Personen ihre<br />

Existenz mit Hilfe von Angehörigen und<br />

durch Vermögensverzehr sichern.<br />

Das Argument der Kosten, die aus dem<br />

Ruder laufen, wird mit der vorliegenden<br />

Studie nicht bestätigt. Vielmehr sinkt der<br />

Anteil der Leistungen von IV und Sozialhilfe<br />

am BIP in den letzten zwölf Jahren<br />

kontinuierlich.<br />

Bei der Debatte um die Sozialwerke<br />

sollten diese Gesamtzusammenhänge in<br />

Zukunft stärker gewichtet werden. Einzelreformen<br />

führen zu Kostenverlagerungen<br />

und gar zu Kostensteigerungen im gesamten<br />

System. Reformen der Sozialwerke mit<br />

dem Fokus Integration sollen auch in Zukunft<br />

dazu beitragen, dass möglichst viele<br />

Personen ihre wirtschaftliche Existenz<br />

selbständig sichern können. Gleichzeitig<br />

braucht es aber Leistungen, die eine menschenwürdige<br />

Existenz der verbleibenden<br />

Gruppe ermöglichen, verbunden mit<br />

Massnahmen zur sozialen Integration als<br />

erster Schritt für den Wiedereinstieg in<br />

den Arbeitsmarkt. <br />

•<br />

Markus Kaufmann<br />

Geschäftsführer SKOS<br />

1/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

33


Gewaltfreie Kommunikation<br />

Festgeschriebene Rollenmuster, Zuschreibungen,<br />

Vorurteile und Bewertungen sind Alltag<br />

in der sozialen Arbeit. Wie damit konstruktiv<br />

umgehen? Die Haltung der gewaltfreien<br />

Kommunikation gibt hierfür wichtige Impulse.<br />

Die Autoren zeigen anhand von Fallbeispielen,<br />

wie zentrale Qualitäten der sozialen Arbeit wie<br />

Empathie, Authentizität, Akzeptanz und Wertschätzung<br />

durch gewaltfreie Kommunikation zum Ausdruck gebracht<br />

und im Praxisalltag professionell genutzt werden können. So können<br />

Konfliktsituationen neu bewertet werden und konstruktive Lösungsansätze<br />

entstehen.<br />

Bendler Sören, Heise Sören: Gewaltfreie Kommunikation in der Sozialen Arbeit,<br />

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage, 2<strong>01</strong>8, 208 Seiten, CHF 34.−,<br />

ISBN 978-3-525-71150-7<br />

Menschenrechte und<br />

Soziale Arbeit<br />

Soziale Arbeit ist eine Menschenrechtsprofession.<br />

Silvia Staub-Bernasconi hat wesentlich<br />

dazu beigetragen, dass sich diese Einsicht<br />

durchsetzen konnte. Die Autorin legt nun eine<br />

für die Lehre geeignete Einführung vor, die die<br />

Relevanz der Menschenrechte für die Disziplin<br />

und Profession Sozialer Arbeit zusammenfasst.<br />

Im Zentrum stehen das Tripelmandat der Sozialen Arbeit, d.h. ihre wissenschaftliche<br />

und ethische Forschung sowie die praktische Umsetzung,<br />

wobei der Schwerpunkt auf der Einlösung der Sozialrechte liegt.<br />

Staub-Bernasconi Silvia, Menschenwürde, Menschenrechte und Soziale Arbeit,<br />

vom beruflichen Doppelmandat zum professionellen Tripelmandat, Barbara<br />

Budrich Verlag, 2<strong>01</strong>8, 230 Seiten, CHF 40.−, ISBN 978-3-8474-<strong>01</strong>66-7<br />

Widerkehr der Wohnungsfrage<br />

Für immer mehr Menschen ist Wohnen als<br />

Grundbedürfnis wie auch als Voraussetzung<br />

zur Teilhabe in der Gesellschaft immer weniger<br />

gesichert. Die ungelösten strukturellen Fragen<br />

lassen sich nicht alleine mit dem Wohnungsmarkt<br />

erklären. Der Band begibt sich deshalb<br />

auf Spurensuche, die bei den Entwicklungen<br />

der historischen Wohnungsfrage und der damit<br />

verbundenen Rolle Sozialer Arbeit ansetzt. Er wirft Schlaglichter auf<br />

aktuelle gesellschaftliche Transformationen, die Wohnveränderungen<br />

bedingen, und auf Erfahrungen sozialer Organisationen im Umgang mit<br />

Wohnproblematiken.<br />

Beck, Christian Reutlinger, Die Wiederkehr der Wohnungsfrage, Historische Bezüge<br />

und aktuelle Herausforderungen für die Soziale Arbeit, Seismo Verlag, 2<strong>01</strong>9,<br />

248 Seiten, CHF 38.−, ISBN-13: 9783037772072<br />

Herausfordernde<br />

Verhaltensweisen<br />

Das Buch thematisiert herausfordernde Verhaltensweisen<br />

in allen wichtigen Handlungsfeldern<br />

der Sozialen Arbeit. Jedes Kapitel wird mit einer<br />

Fallvignette aus dem Arbeitsalltag eingeleitet.<br />

Darauf aufbauend werden fundierte Erklärungen<br />

für die jeweiligen Verhaltensweisen gegeben,<br />

um anschliessend konkrete Handlungsansätze<br />

für den Umgang damit vorzustellen. Jedes Kapitel schliesst mit einem<br />

Interview: Fachkräfte der Sozialen Arbeit berichten direkt aus ihrer Arbeitspraxis<br />

und stellen so den Leserinnen und Lesern ihr umfangreiches<br />

Wissen zur Verfügung.<br />

Büschi Eva, Calabrese Stefania, Bieker Rudolf (Hrsg.), Herausfordernde Verhaltensweisen<br />

in der Sozialen Arbeit, Kohlhammer Verlag, 2<strong>01</strong>9, 200 Seiten, CHF 52.−,<br />

ISBN 978-3-17-033816-6<br />

Luzerner Tagung zum<br />

Sozialhilferecht<br />

Forschung und Theorie liefern zwar gute Erkenntnisse,<br />

methodische Ansätze und Techniken, in<br />

der Praxis fehlt aber oft die Zeit zur Umsetzung<br />

– so das Resümee vieler Praktikerinnen und<br />

Praktiker. An diesem Punkt setzt die Luzerner<br />

Tagung zum Sozialhilferecht an. Anhand eines<br />

konkreten Beratungsprozessmodells beleuchtet<br />

sie aus den drei Perspektiven Praxis, Forschung<br />

und Theorie einen fiktiven Fall und reflektiert<br />

wissensgestützte, methodische, planmässige<br />

und zielgerichtete Herangehensweisen.<br />

Hochschule Luzern – Soziale Arbeit, Luzern<br />

Donnerstag, 21. März 2<strong>01</strong>9<br />

www.hslu.ch/de-ch/soziale-arbeit/<br />

Kader-Workshops: Nachhaltige<br />

Ablösungen in der Sozialhilfe<br />

Die Berner Fachhochschule BFH führt gemeinsam<br />

mit der SKOS Workshops zur nachhaltigen<br />

Ablösung in der Sozialhilfe durch. Die Teilnehmenden<br />

entwickeln Ideen zur Neugestaltung von<br />

geeigneten Prozessen. Die Workshops richten<br />

sich an Kaderleute aus Deutschschweizer Sozialdiensten<br />

und sind Teil eines Forschungs- und<br />

Entwicklungsprojektes, das die Einflussmöglichkeiten<br />

von Sozialdiensten zur Unterstützung von<br />

nachhaltigen Ablösungen untersucht.<br />

Berner Fachhochschule, Bern<br />

Mittwoch, 8. Mai 2<strong>01</strong>9<br />

www.soziale-arbeit.bfh.ch<br />

SKOS-Mitgliederversammlung:<br />

<strong>Grundbedarf</strong><br />

Die Mitgliederversammlung 2<strong>01</strong>9 wird einen<br />

neuen SKOS-Präsidenten oder eine neue SKOS-<br />

Präsidentin wählen. Thematisch wird sich die<br />

MV mit dem <strong>Grundbedarf</strong> befassen. Die SKOS hat<br />

die wissenschaftliche Grundlage des geltenden<br />

<strong>Grundbedarf</strong>s mit zwei Studien überprüfen und<br />

beurteilen lassen. Diese werden an der MV präsentiert<br />

und diskutiert.<br />

Begegnungs- und Bildungszentrum Eckstein, Baar<br />

Donnerstag, 23. Mai 2<strong>01</strong>9<br />

skos.ch/veranstaltungen<br />

34 <strong>ZESO</strong> 1/<strong>19</strong>


LESETIPPS<br />

Sammlung<br />

Sozialversicherungsrecht<br />

Die handliche, in Praxis und Studium bewährte<br />

Sammlung enthält alle einschlägigen Erlasse<br />

des Sozialversicherungsrechts. Die Ausgabe<br />

2<strong>01</strong>9 berücksichtigt zahlreiche kleinere<br />

Revisionen sowie die Anpassung der Beträge<br />

im System der Sozialversicherungen. Die wiedergegebenen<br />

Erlasse werden durch zahlreiche<br />

Querverweise miteinander verknüpft und durch ein umfangreiches<br />

Sachregister erschlossen. Zusätzlich wird auf wichtige Leitentscheide<br />

verwiesen. Die Gesetzessammlung ist auf hohe Praxistauglichkeit<br />

ausgerichtet und trägt dazu bei, das komplexe Rechtsgebiet zugänglich<br />

zu machen.<br />

Gächter Thomas (Hrsg.), Sozialversicherungsrecht 2<strong>01</strong>9, Gesetzesausgabe mit<br />

Verweisen und Anmerkungen, Schulthess Verlag, 2<strong>01</strong>9, 1466 Seiten, CHF 98.−,<br />

ISBN 978-3-7255-7951-8<br />

Soziale Schuldnerberatung<br />

Soziale Schuldnerberatung wird in diesem<br />

Buch als Handlungsfeld der Sozialen Arbeit mit<br />

Blick auf das soziale Problem Überschuldung<br />

einschliesslich zentraler Schuldenarten und<br />

präventiver sowie schuldenregulierungsbezogener<br />

Handlungsansätze dargestellt. Ein<br />

weiterer Schwerpunkt sind beratungsmethodische<br />

Fragen in Bezug auf Erstgespräche,<br />

Wissensvermittlung, Ressourcenaktivierung, Konfliktlösungen und<br />

Krisenintervention im Beratungsprozess. Die Inhalte vermitteln sowohl<br />

Wissen für die spezialisierte Schuldner- und Insolvenzberatung als auch<br />

für integrierte Ansätze der Schuldnerberatung, beispielsweise in der<br />

Wohnungslosenberatung.<br />

Ansen Harald, Soziale Schuldnerberatung, Prävention und Intervention.<br />

Kohlhammer Verlag, 2<strong>01</strong>8, 143 Seiten, CHF 36.−, ISBN 978-3-17-031711<br />

Innovationen in der Sozial- und<br />

Gesundheitswirtschaft<br />

Unternehmen in der Sozial- und Gesundheitswirtschaft,<br />

die nachhaltig erfolgreich<br />

sein wollen, müssen sich auf neue Art mit<br />

Innovation auseinandersetzen. Dieses Buch<br />

informiert über die von den Unternehmen zu<br />

schaffenden strategischen, organisatorischen,<br />

personellen und finanziellen Voraussetzungen<br />

zur Steigerung der Innovationskraft. Praxisberichte verdeutlichen, wie<br />

vielfältig die Absatzpunkte für Innovationen geworden sind und welche<br />

Erfahrungen mit Umsetzungsprozessen Unternehmen machen konnten.<br />

Becher Berthold, Hastedt, Ingrid (Hrsg.), Innovative Unternehmen der Sozialund<br />

Gesundheitswirtschaft, Herausforderungen und Gestaltungserfordernisse,<br />

Springer VS, 2<strong>01</strong>9, 471 Seiten, CHF 67.−, ISBN 978-3-658-<strong>19</strong>503-8<br />

Soziale Arbeit und<br />

Digitalisierung<br />

Der digitale Wandel und der damit verbundene<br />

Einfluss auf alle gesellschaftlichen Lebensbereiche<br />

und Arbeitsfelder ist eine der bedeutendsten<br />

Veränderungen der Gegenwart. In<br />

der Fachdebatte wird die Soziale Arbeit bislang<br />

als weisser Fleck in der digitalen Landschaft<br />

bezeichnet. Die digitale Welt hat sich zu einem<br />

neuen sozialen Raum entwickelt. In diesem suchen die Fachkräfte der<br />

Sozialen Arbeit weitgehend noch Anschlussfähigkeit und ihren Platz. Der<br />

vorliegende Band dient als Lehrbuch, um diesen Raum mitzugestalten.<br />

Ermel Nicole, Stüwe Gerd, Lehrbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung,<br />

Beltz Juventa, 2<strong>01</strong>9, 220 Seiten, CHF 25.−, ISBN 978-3-7799-3832-3<br />

VERANSTALTUNGEN<br />

Ausstieg aus der Sozialhilfe −<br />

dank Bildung?<br />

Rund die Hälfte der Sozialhilfebeziehenden hat<br />

keinen Berufsabschluss, viele haben Schwierigkeiten<br />

mit Grundkompetenzen wie Lesen,<br />

Schreiben oder Rechnen. Soll die Sozialhilfe folglich<br />

vermehrt in Bildung investieren? Mit dieser<br />

Frage beschäftigt sich die Frühlingskonferenz<br />

der Städteinitiative Sozialpolitik. Die Konferenz<br />

richtet sich an die Sozialvorsteherinnen und<br />

Sozialvorsteher sowie leitende Mitarbeitende<br />

aus den Mitgliederstädten. Auch Vertreter von<br />

Partnerorganisationen sind willkommen.<br />

Städteinitiative Sozialpolitik, Luzern<br />

Freitag, 7. Juni 2<strong>01</strong>9<br />

staedteinitiative.ch<br />

European Social Services<br />

Conference in Mailand<br />

Dieses Jahr wird sich die europäische Konferenz<br />

der Sozialdienste mit der Qualität von sozialen<br />

Dienstleistungen für verschiedene Bevölkerungsgruppen<br />

befassen. Die Tagung bietet zudem<br />

Gelegenheit, Einblick in aktuelle sozialpolitische<br />

Diskussionen und praktische Ansätze der verschiedenen<br />

europäischen Länder zu bekommen.<br />

European Social Services Conference<br />

Mittwoch, 5. bis Freitag, 7. Juni, Mailand/Italien<br />

www.esn-eu.org/events<br />

Weiterbildungsangebote der<br />

SKOS<br />

Die Weiterbildung der SKOS vermittelt Grundlagen<br />

zur Ausgestaltung der Sozialhilfe und zur Umsetzung<br />

der SKOS-Richtlinien, zu Verfahrensgrundsätzen<br />

und zum Prinzip der Subsidiarität. Neu<br />

werden auch Praxisfragen zu aktuellen Themen<br />

in den Fokus gestellt. Pro Weiterbildung können<br />

zwei von insgesamt vier Modulen besucht<br />

werden.<br />

Donnerstag, 17. Juni Hotel Olten, Olten<br />

Montag, 18. Nov. Banana City, Winterthur<br />

www.skos.ch/veranstaltungen/weiterbildung<br />

1/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

35


Trotz Pleiten, Pech und Pannen eine ernstzunehmende Theatertruppe: Die «Schrägen Vögel» mit Leiterin Nicole Stehli (Mitte).<br />

Bild: Ursula Markus<br />

Die Enthusiastin<br />

PORTRÄT Nicole Stehli gründete vor zehn Jahren mit Randständigen die Theatergruppe «Schräge<br />

Vögel». Das wird nie funktionieren, warnte man sie. Ein Irrtum. Inzwischen treten die «Vögel» auch<br />

an Tagungen auf.<br />

Kirchgemeindesaal «Herz Jesu» in Zürich-<br />

Wiedikon, die «Schrägen Vögel» trudeln<br />

zum Proben ein. «Ich bin de bös Bruno»,<br />

stellt sich der bärtige Ex-Fremdenlegionär<br />

vor. Er lacht, macht Sprüche. Am Tisch sitzen<br />

lauter Charakterköpfe. «Niggi, en<br />

Kafi», ruft jemand im Rollstuhl. Und Nicole<br />

Stehli, die sanft wirkt und viel jünger als<br />

ihre 36 Jahre, bedient gleich auch noch die<br />

blinde Nicole. Unten im Proberaum leben<br />

die «Vögel» dann so richtig auf. «Wiediker<br />

Krimi» heisst ihr Stück.<br />

Schon früh sei für sie klar gewesen,<br />

dass sie einmal etwas machen wolle «mit<br />

Leuten, denen es halt nöd guet gaht», sagt<br />

Stehli später im Gespräch. Aufgewachsen<br />

in einer «sehr liebevollen Familie» im<br />

Zürcher Säuliamt, wagt sie sich trotz ihrer<br />

Schüchternheit mit 15 nach Rumänien<br />

und arbeitet zwei Wochen in einem Heim<br />

für Strassenkinder. Am liebsten wäre sie<br />

dort geblieben, macht dann aber eine Lehre<br />

als Kleinkinderzieherin. Und merkt: Zu<br />

routinehaft! So wechselt sie an eine Schule<br />

für Sozialpädagogik und bewirbt sich für<br />

ein Praktikum bei den Sozialwerken Pfarrer<br />

Sieber. «Dieses etwas Chaotische, kaum<br />

Vorhersehbare war genau das, was mir gefällt»,<br />

sagt sie.<br />

Als Abschlussarbeit entstanden dann die<br />

«Schrägen Vögel»: «Im Theater kannst du<br />

die Ressourcen jedes Einzelnen miteinbe-<br />

ziehen. Die Leute bringen ihre Geschichten<br />

ein oder helfen im Hintergrund.»<br />

Zusammen mit einem obdachlosen Ex-<br />

Schauspieler entwarf Stehli Szenen aus<br />

dem Leben eines Unbehausten. Berufskollegen<br />

warnten: Mit Leuten, die noch voll<br />

auf Drogen sind, funktioniert das nie!<br />

Die Anfänge der «Schrägen Vögel» klingen<br />

tatsächlich nach Pleiten, Pech und<br />

Pannen. Kurz vor der Premiere des ersten<br />

Stückes fiel die Hauptdarstellerin von einer<br />

Parkbank und musste notfallmässig verarztet<br />

werden. Im Vorfeld war es zu Schlägereien<br />

gekommen. «Aber», sagt Stehli,<br />

«wir schafften es immer, Streitigkeiten zu<br />

schlichten.» Die Premiere war dann ein<br />

voller Erfolg, alle wollten weitermachen.<br />

Hauptrollen für die Zuverlässigsten<br />

So bildete sich Nicole Stehli neben ihrer<br />

Funktion als Co-Leiterin des Sieberschen<br />

Pfuusbusses zur Theaterpädagogin weiter.<br />

Und sie lernte schnell: Klare Regeln setzen,<br />

kein Auswendiglernen, sondern die Stücke<br />

gemeinsam mit den Leuten entwickeln,<br />

Hauptrollen den Zuverlässigsten übertragen.<br />

Heute sind die «Schrägen Vögel» eine<br />

ernstzunehmende Theatertruppe. Man<br />

kann sie für öffentliche Anlässe buchen<br />

und dank ihrer reiseaffinen Leiterin sind<br />

sie sogar international unterwegs. Ein<br />

Highlight war 2<strong>01</strong>4 der Auftritt an einem<br />

Open Air in einem Armenviertel in Santiago<br />

de Chile. Klar, dass da die Chefin 24<br />

Stunden am Tag gefordert war.<br />

Doch die Enthusiastin legte noch einen<br />

drauf. Auf der Suche nach einem neuen<br />

Spielort war sie 2<strong>01</strong>4 im Zürcher Kirchgemeinehaus<br />

St. Jakob auf den Mittagstisch<br />

für Flüchtlinge gestossen. Das war<br />

die Geburtsstunde des Flüchtlingstheaters<br />

Malaika. «Wir merkten rasch: Die Geflüchteten<br />

können mega gut kochen, Essen ist<br />

Ausdruck ihrer Kultur.» Heute sind Kultur-<br />

Dinners mit Theater die Spezialität von<br />

Malaika; sie sind gefragt für Team-Essen<br />

und an Festen.<br />

Nur: Woher nimmt diese feingliedrige<br />

36-Jährige so viel Energie, zumal sie seit<br />

Kurzem auch Mutter ist? 18 Jahre lang,<br />

räumt Stehli ein, habe sie einen 200-Prozent-Job<br />

gemacht, sei an einem Burn-out<br />

vorbei geschlittert. Inzwischen habe sie<br />

aber super Mitarbeitende. Und das Baby<br />

sei ihre Therapie: «Mit der Kleinen muss<br />

ich das Leben viel ruhiger angehen.» Jetzt<br />

muss Nicole Stehli aber schleunigst an eine<br />

Sitzung. Spontan einberufen. Wie immer.<br />

<br />

•<br />

Paula Lanfranconi<br />

www.schraege-voegel.ch<br />

www.fluechtlingsTheater-malaika.ch<br />

36 <strong>ZESO</strong> 1/<strong>19</strong>


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