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Die Lage Brasiliens nach den Präsidentschaftswahlen 2018

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<strong>Die</strong> <strong>Lage</strong> <strong>Brasiliens</strong> <strong>nach</strong> <strong>den</strong> Präsi<strong>den</strong>tschaftswahlen <strong>2018</strong><br />

von Karlheinz K. Naumann 1 aus São Paulo<br />

1. November <strong>2018</strong><br />

Jaír Messias Bolsonaro, Hauptmann der Reserve und langjähriger<br />

Parlamentsabgeordneter, aktuell für die PSL, wurde am 28.10.<strong>2018</strong> zum neuen<br />

Präsi<strong>den</strong>ten gewählt und wird sein Amt am 1. Januar 2019 antreten. <strong>Die</strong> Wahl war<br />

gekennzeichnet von Polemik, Verleumdung, einem fast gelungenen Mordanschlag auf<br />

<strong>den</strong> erfolgreichen Kandidaten, seinem extrem kostengünstigen Wahlkampf, der von<br />

ihm per Internet vom Krankenhausbett mit breitester Unterstützung von Freiwilligen<br />

geführt wurde, die die PT, PSOL, PCdB und ähnliche linke Parteien und ihre kriminellen<br />

Machenschaften, Ignoranz und Inkompetenz, gepaart mit Arroganz, gründlich satt<br />

haben. Er hatte fast die gesamte nationale und internationale Presse gegen sich, dazu<br />

Gewerkschaften, TV - Sender, linke Organisationen, Künstler, Pseudointellektuelle und<br />

Mitarbeiter des Öffentlichen <strong>Die</strong>nstes, die, soweit es sich um brasilianische<br />

Organisationen und Personen handelt, fast immer sehr gut vom bisherigen Zustand<br />

profitiert hatten. Unterstützt wurde er u.a. von <strong>den</strong> Kirchen und der nicht mehr<br />

schweigen<strong>den</strong> Mehrheit, die unter der stärksten Rezession seit Menschenge<strong>den</strong>ken in<br />

Brasilien und der dadurch hervorgerufenen Massenarbeitslosigkeit leidet.<br />

<strong>Die</strong> meisten Staats“diener“ lehnen Bolsonaro ab, geht es doch um ihre Pfründe und<br />

Privilegien. Abertausende wur<strong>den</strong> während der dreizehnjährigen PT - Herrschaft ohne<br />

fachliche Qualifikation als Mitarbeiter des Öffentlichen <strong>Die</strong>nstes und in<br />

Staatsbetrieben untergebracht, um als „verdienten Genossen“ versorgt zu wer<strong>den</strong>.<br />

<strong>Die</strong> staatlichen Universitäten und Schulen sind zu Ausbildungsstätten für Sozialisten<br />

gewor<strong>den</strong>; wer als Schul- oder Hochschullehrer konservative Meinungen publik macht,<br />

hat einen schweren Stand. Und die Arbeiterpartei hat bereits angekündigt, dass sie<br />

<strong>den</strong> neuen Präsi<strong>den</strong>ten im Parlament bis aufs Messer bekämpfen wird, also die<br />

gewohnte Obstruktionspolitik aus ihrer früheren Zeit als Opposition.<br />

Sein Status als Reserveoffizier macht <strong>den</strong> neuen Präsi<strong>den</strong>ten in gewissen Kreisen sofort<br />

verdächtigt, eine Militärdiktatur einführen zu wollen, wobei darauf hingewiesen<br />

wer<strong>den</strong> muss, dass die Urheber solcher Gerüchte genau wissen, dass nichts daran ist,<br />

aber die Unwissen<strong>den</strong>, die Mitläufer, das „Kanonenfutter“ sozusagen, die wissen es<br />

eben nicht. Und zu <strong>den</strong> Unwissen<strong>den</strong> zählen auch Akademiker, die unseren<br />

„Gutmenschen“ in Deutschland entsprechen – (ein)gebildet, aber naiv.<br />

1<br />

Naumann ist Geschäftsführender Gesellschafter der EUROLATINA, die ausländische Unternehmer beim Markteintritt in Südamerika berät<br />

und ihnen u.a. durch Firmengründung und -verwaltung, Übernahme des Vertriebes und Vermittlung von Geschäftspartnern hilft;<br />

außerdem vertritt er die ausländischen Gesellschafter brasilianischer Firmen gesetzlich in Brasilien und ist deren Geschäftsführer. Er ist<br />

auch Geschäftsführender Gesellschafter der AMS-NIPPON RIKA DO BRASIL, die Maschinen, Anlagen und Material ihrer Gesellschafter in<br />

Deutschland und Japan für die Herstellung und die Reparatur von Elektrospulen für Motoren und Generatoren vertreibt. Kontakt mit ihm<br />

über naumann@eurolatina.biz oder +55 11 5666 8266.


Was heute zählt, ist die Zukunft. Zum Programm des neuen Präsi<strong>den</strong>ten gehört sein<br />

Slogan „Brasilien über allem, Gott über allen“, d.h. konservative Grundhaltung<br />

gegenüber der Familie und polemischen Fragen wie z.B. Abtreibung und<br />

Sexualkundeunterricht für kleine Kinder. Er will soviel Staat wie nötig, nicht wie<br />

möglich. Er tritt für eine harte Hand bei der Bekämpfung der Kriminalität ein, also<br />

Kümmern um die Opfer und die Ordnungsmächte und nicht Verhätscheln der<br />

Verbrecher, die heute vom Staat als Opfer der Gesellschaft behandelt wer<strong>den</strong>. Auch<br />

der Kauf von Wählerstimmen, von <strong>den</strong> Regierungen Lulas und Dilmas durch<br />

Sozialprogramme wie bolsa família verbrämt, wird von ihm abgelehnt. Versorgung von<br />

Bedürftigen ja, von Arbeitsscheuen nein. Das Leistungsprinzip soll wieder gelten, für<br />

manche eine Horrorvorstellung.<br />

Konservativ zu sein wird leider oft gleichgesetzt mit Rechtsextremismus, was natürlich<br />

völlig falsch ist. Und dass Bolsonaro die Nähe zur USA sucht, bedeutet nicht, wie ich<br />

es vorgestern in einem Leserbrief las, dass er Brasilien an die USA verkaufen will.<br />

Bolsonaro sagt, was er <strong>den</strong>kt, wenn dies auch häufig nicht „politisch korrekt“ ist, was<br />

aber sicher zu seinem Wahlsieg mit beigetragen hat. Darin ähnelt er Donald Trump<br />

und daher kommt auch sein Spitzname „Tropentrump“. <strong>Die</strong> Brasilianer haben das<br />

Lügen und Heucheln der bisherigen Regierungen satt und wenn Bolsonaro sagt, wir<br />

müssen der Wahrheit ins Auge blicken, dann stimmen ihm viele Menschen zu. Der<br />

Brasilianer hat einen besonderen Ausdruck dafür, „tapar o sol com a peneira“ , d.h.<br />

„die Sonne mit dem Sieb abdecken“. <strong>Die</strong>se Mentalität, die dazu führte, dass die<br />

Sozialversicherung ein bald unbezahlbares und ständig wachsendes Defizit aufweist,<br />

welches von vielen Abgeordneten geleugnet wird, hat etliche dringend nötige<br />

Reformvorhaben verhindert, die jetzt endlich angepackt wer<strong>den</strong> sollen.<br />

Am 31.10.<strong>2018</strong> wurde verkündet, dass der neue Präsi<strong>den</strong>t die Anzahl der Ministerien<br />

von heute 29 auf 15 oder 16 reduzieren wird. Das sind die aktuell bekannten künftigen<br />

Ministerien, die von Fachleuten und nicht von unqualifizierten Politikern geführt<br />

wer<strong>den</strong> sollen:<br />

1) Inneres: Onyx Lorenzoni<br />

2) Wirtschaft (zusammen mit <strong>den</strong> bisherigen Ministerien für Finanzen, Planung,<br />

Industrie, Außenhandel): Paulo Guedes<br />

3) Verteidigung: General Heleno<br />

4) Wissenschaft und Technologie mit Kompetenz für Universitäten: Marcos Pontes,<br />

bisher einziger brasilianischer Astronaut<br />

5) Erziehung, Kultur und Sport (bisher getrennt)<br />

6) Landwirtschaft und Umwelt (bisher getrennt)<br />

7) Arbeit<br />

8) Bergbau und Energie<br />

9) Äußeres


10) Nationale Integration (wahrscheinlich zusammen mit <strong>den</strong> bisherigen Ministerien für<br />

Städte und Tourismus<br />

11) Infrastruktur (wahrscheinlich zusammen mit bisherigem Transportministerium)<br />

12) Institutionelle Sicherheit<br />

13) Sozialentwicklung (wahrscheinlich zusammen mit Menschenrechte)<br />

14) Justiz und innere Sicherheit (bisher getrennt): Bundesrichter Sérgio Moro, bekannt<br />

als Aufarbeiter der Korruptionsfälle, verurteilte Lula (lava jata)<br />

15) Gesundheit<br />

Mehr als hundert Staatsbetriebe können <strong>nach</strong> Meinung des neuen Präsi<strong>den</strong>ten<br />

privatisiert wer<strong>den</strong>. Allerdings sollen Energieerzeuger, die Banco do Brasil, die Caixa<br />

Econômica Federal und vielleicht der Kern der Petrobrás ausgenommen wer<strong>den</strong>. <strong>Die</strong><br />

verbleiben<strong>den</strong> Staatsbetriebe sollen wie die Ministerien nicht von Politikern, sondern<br />

von Führungskräften geleitet wer<strong>den</strong>, die wie in der Privatwirtschaft über<br />

Personalberatungsfirmen in einem transparenten Prozess gefun<strong>den</strong>, beurteilt und<br />

ausgewählt wer<strong>den</strong> sollen.<br />

Was erwartet <strong>den</strong> neuen Präsi<strong>den</strong>ten? Außer erheblichem Widerstand im<br />

Beamtenapparat eine kaputte Volkswirtschaft, die aber unter dem jetzigen<br />

Präsi<strong>den</strong>ten Temer besser dasteht als zum Ende der vorzeitig durch Amtsenthebung<br />

abgekürzten Amtszeit seiner inkompetenten und dilettantischen Vorgängerin Dilma.<br />

So hat sich die brasilianische Volkswirtschaft seit 1994 entwickelt:<br />

Präsi<strong>den</strong>ten der República<br />

Federativa do Brasil<br />

BIP<br />

2019 wird bisher nur ein<br />

Wachstum des BIP von<br />

2,5% erwartet<br />

Inflation<br />

2019 ist das Ziel 4,25% und<br />

4% für 2020, das sollte bei<br />

schwachem Wachstum<br />

machbar sein


Arbeitslosigkeit<br />

<strong>Die</strong> 13,7% im erstem<br />

Quartal 2017 konnten auf<br />

12,4% reduziert wer<strong>den</strong>,<br />

aber es gibt immer noch<br />

über 12 Mio. Arbeitslose<br />

Mindestlohn<br />

2019 soll der Mindestlohn<br />

auf 1.006 R$ im Monat<br />

angehoben wer<strong>den</strong>, das<br />

entspricht ungefähr 250 €<br />

Primärergebnis<br />

<strong>2018</strong> wird das fünfte Jahr<br />

hintereinander sein,<br />

welches mit einem Defizit<br />

abschließt, wahrscheinlich<br />

1,43% vom BIP<br />

Dollarkurs<br />

US$ und € stiegen während<br />

der Wahlen gegenüber<br />

dem R$ stark im Wert, Ende<br />

2019 sieht man <strong>den</strong> US$<br />

unter aber noch 4 R$<br />

Zinsen<br />

Unter Präsi<strong>den</strong>t Temer fiel<br />

der Selic auf <strong>den</strong> bisher<br />

tiefsten Wert von 6,5%/a,<br />

2019 wird der Leitzins aber<br />

wahrscheinlich steigen<br />

Ausbildung<br />

<strong>Die</strong> Mittel für Schule und<br />

Universitäten wur<strong>den</strong><br />

während der Rezession<br />

halbiert, hier besteht<br />

starker Handlungsbedarf


Gesundheit<br />

Auch hier wur<strong>den</strong> die Mittel<br />

während der Rezession<br />

halbiert und es muss<br />

schnell investiert wer<strong>den</strong><br />

Rentenversicherung<br />

Das Defizit wird Ende <strong>2018</strong><br />

ca. 202,4 Mrd. R$ betragen,<br />

die von Temer versuchte<br />

Reform muss unbedingt<br />

beendet wer<strong>den</strong><br />

* Prognose<br />

** letzten 12 Monate per September <strong>2018</strong><br />

*** per September <strong>2018</strong><br />

Quelle: O Estado de São Paulo, 29.10.<strong>2018</strong><br />

Was ist das Fazit aus dieser Entwicklung für deutsche Unternehmer, die in Brasilien<br />

tätig sind oder es wer<strong>den</strong> möchten?<br />

1. Sie können unbesorgt in die Zukunft gucken, schlimmer als bisher wird es nicht<br />

2. Im Gegenteil, die bis jetzt bekannten Pläne sind äußerst günstig für Brasilien,<br />

seine Menschen und seine Wirtschaft<br />

3. Wer sich Sorgen machen muss, sind nicht Arme, Kranke oder Minderheiten,<br />

sondern Korrupte aus Öffentlicher Verwaltung, Politik und Wirtschaft,<br />

Angehörige des organisierten Verbrechens, Drogenhändler und -konsumenten<br />

sowie alle die, die bisher auf Kosten der Gesellschaft, d.h. der Steuerzahler<br />

gelebt haben und nicht zuletzt die einheimischen Unternehmer, die bisher nur<br />

durch Abschottung vom Weltmarkt überlebt haben und jetzt modernisieren,<br />

d.h. auch investieren müssen<br />

4. Durch die Liberalisierung der Wirtschaft und durch die Erhöhung der<br />

Rechtssicherheit kommt Geld ins Land für Investitionen in Infrastruktur und in<br />

das Gesundheitswesen<br />

5. Durch Reformen wird die Wirtschaftskraft und die Wettbewerbsfähigkeit des<br />

Landes gestärkt<br />

6. <strong>Die</strong> heutige Bestätigung des Bundesrichters Moro, bekannt durch seine<br />

Antikorruptionsprozesse im Rahmen des lava jata, als künftiger Minister für<br />

Justiz und innere Sicherheit garantiert die Verfassungstreue der neuen<br />

Regierung und die Einhaltung der demokratischen Regeln durch sie<br />

7. Ab jetzt gilt das Leistungsprinzip und wer mit „Konkurrenz belebt das<br />

Geschäft“ zurecht kam, ist damit in Zukunft in Brasilien nicht schlechter<br />

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