Berner Kulturagenda N°13

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4. – 10. April 2019 Anzeiger Region Bern 19 3 An der Grenze Bluesen in Freundschaft Elia Rediger und Jürg Halter bringen mit «Das Resort» ein politisch hochaktuelles Singspiel auf die Bühne. Die erste grosse Zusammenarbeit der beiden verspricht böse, grotesk und ein bisschen kitschig zu werden. 1979 drehen sechs Berner Freunde den Film «Dr Tscharniblues». Aron Nick zeichnet 40 Jahre danach mit «Tscharniblues II» ein unterhaltsames Porträt der damaligen Protagonisten. Stüfi, Ribi, Yves, Bäne, Eggi und Brünu wachsen im Berner Tscharnergut im Westen der Stadt auf und beschliessen 1979, einen Super-8-Film zu drehen. «Dr Tscharniblues» heisst er, wild und idealistisch soll er sein – ein Abbild ihrer Generation und deren Träume. Sie sind bis heute Freunde geblieben. Aron Nick – Sohn von Bernhard «Bäne» Nick und Neffe des mittlerweile verstorbenen Regisseurs Bruno Nick – führt sie nun 40 Jahre später im Film «Tscharniblues II» zurück ins Quartier. Er geht mit ihnen der Frage nach, ob die Ideale gelebt wurden oder gescheitert sind. Schnell zeigt sich, dass es kein Schwarz und Weiss gibt. «Wir kamen in diese Gesellschaft rein und sagten: ‹Alles was nicht gut ist, liegt an euch und wir sind dagegen.› Und dann fuhren wir selber Auto, gingen selber einkaufen und in die Ferien», sagt einmal Stephan Ribi. Vater und seinen Freunden an Plätze geht, an denen der erste «Tscharniblues» gedreht wurde, gibt es wehmütiges Schwelgen im Vergangenen. Recht auf Erfolglosigkeit Beim Diskutieren im «Tscharni» wird auch das Recht auf Erfolglosigkeit thematisiert. Da kann auch mal der Blues aufkommen. Was sich berührend schön durch den ganzen Film hindurchzieht: Diese Menschen haben sich gern. «Damals wusste ich noch nicht, was unsere Freundschaft für einen Wert hatte», sagt Bernhard Nick einmal zu seinem Sohn. Vittoria Burgunder «Tscharniblues»-Filmfest mit täglichen Filmgesprächen: Kino Rex, Bern. Fr., 5. bis So., 7.4. «Dr Tscharni blues»: Fr., 5.4., 22.30 Uhr und weitere Spielzeiten www.rexbern.ch Annette Boutellier Irina Wrona und Nico Delpy üben sich mit heissen Tüchern in Selbstoptimierung. Wehmütiger Blick zurück Aron Nick zeichnet ein Porträt der Einzelpersonen und filmt sie bei der Arbeit als Lehrer oder Schauspieler, zu Hause beim Kochen oder draussen beim Fischen. Und er zeichnet eines der ganzen Gruppe: Wenn er mit dem Filmbringer Idealisten mit Humor: Eggi, Stüfi, Ribi, Bäne und Yves (im Uhrzeigersinn). «Viel Glück beim Ordnen meiner Gedanken», sagte Elia Rediger am Ende des Gesprächs. Ein Gespräch, das schnell den roten Faden verloren hatte und in Abgründe gelangte. Über den Sinn und die Dringlichkeit von Kunst und Kultur, Dinge nicht nur schwarz-weiss zu zeigen. Über die Angst vor dem definitiven Klimakollaps. Und über seinen menschlichen Zorn, den ihn tagtäglich an- und vorantreibt, genau das zu tun, was er tut, um auch genau dieser Angst entgegenzutreten. Ein Gespräch also über Alles, Vieles und Grosses. Und doch trifft es am Ende genau den Kern ihres neuen Werkes: «Das Resort – Ein Singspiel über das tragische Ende der Selbstoptimierung». Gemeinsam mit dem Berner Dichter und Musiker Jürg Halter schrieb Rediger, Basler und ehemaliger Frontmann der Band The Bianca Story, eine Dreigroschenoper des 21. Jahrhunderts für ein Salonorchester und acht Schauspielende. So bewegen sich Rediger komponierend und Halter schreibend auf den Spuren Bertolt Brechts und Kurt Weills, «was äusserst in teressant war, dies in unsere Zeit zu bringen». Vor vier Jahren hatte Rediger Halter den Vorschlag gemacht, eine politische Operette über einen CEO von Glencore zu schreiben. Halters Antwort war schlicht: «Ja, eh!» Entstanden ist ein Singspiel ohne Glencore, aber mit groteskem Charakter. Ein Stück über einen Bergsturz, der Gäste, Personal und das Salonorchester in einem Alpenhotel einschliesst und die Pro tagonisten an ihre Grenzen bringt. Vielleicht schwebt da auch ein wenig Sartres Huis Clos mit? Fieser Kitsch «Jürg war der perfekte Partner für dieses Unterfangen», sagt Rediger. «Sein Geschick mit der Sprache, sein Spiel mit den Dingen, den Klischees, die man nicht hören will – genau das braucht eine Operette.» Auch musikalisch: atonale Cluster, kaputte Klänge bis hin zum «fiesen Kitsch, der einem im Hals stecken bleibt». Denn Rediger reicht die einfache Provokation nicht: «Kunst will auslösen und bewegen. Dringend.» Vera Urweider Vidmar 1, Liebefeld Premiere: Do., 4.4., 19.30 Uhr Vorstellungen bis 16.6. www.konzerttheaterbern.ch Leben vor leeren Rängen Im Theater-Roadmovie «Geisterspiel» machen sich zwei verlorene Seelen auf nach Malta, um ein Fussballspiel zu schauen. Das vielschichtige Stück läuft im Schlachthaus. Um das Spiel der Juniorennationalmannschaft nicht zu verpassen, machen sich zwei Männer um die 60 auf eine Reise Richtung Süden, nach Malta. Der eine, ein erfolgloser Ingo Hoehn Materialwart und Spielerberater. Spieler berater (Hans Rudolf Spühler), ist von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt. Der andere, ein etwas kauziger Materialwart des Fussballverbandes (Peter Rinderknecht), ist eher ein Aussenseiter. Die Wege der beiden kreuzen sich auf der Gotthardpasshöhe. Doch nicht nur ihr gemeinsames Ziel und ihre ungeheure Leidenschaft für Fussball verbindet sie: Sie sind beide sehr einsam. Realitätsferne Passion Den Regisseur Manuel Bürgin interessierte am Mundartstück «Geisterspiel» von Andri Beyeler und Martin Bieri vor allem die Verlorenheit der beiden Figuren und die Gefahr, sich in einem Thema zu verlieren: «Auch im Theater kennt man das Phänomen, dass man irgendwann die Realität aus den Augen verliert, wenn man sich nur noch in diesem Kontext bewegt», sagt er, der auch das Zürcher Theater Winkelwiese leitet. Der Titel des Theater-Roadmovies ist an Fussballspiele angelehnt, die wegen Sanktionen ohne Publikum ausgetragen werden. Man könnte meinen, die beiden Protagonisten seien die Geister auf der Tribüne ihres eigenen Lebens, nur auf eine Sache wirklich fokussiert. Wenn sie ihre Karrieren Revue passieren lassen, werden auch Stationen der Schweizer Geschichte thematisiert, etwa die Schlacht bei Novara oder das Verhältnis der Schweiz zu Europa. Lula Pergoletti Schlachthaus Theater, Bern Mi., 10.4., 19 Uhr Vorstellungen bis 14.4. www.schlachthaus.ch Pegelstand Kolumne von Wolfgang Böhler Ich habe den letzten «Pegelstand» zu Pop-Ups in der Stadt Bern gelesen und festgestellt, dass ich offenbar völlig aus der Zeit gefallen bin. Meinen Nachmittagskaffee konsumiere ich vorzugs weise in einem Restaurant des Grossverteilers, das eher den Charme einer Betriebskantine hat. Ich treffe dort immer etwa die gleichen genauso trendfernen Leute wie mich und tausche mit der Kassiererin immer wieder ein paar Worte aus. Ich weiss deshalb von ihr, dass sie mit einem Spanier verheiratet ist, hier etwas zum Familienbudget zuverdient hat und nun in Pension geht. Während sie mein Gipfeli eintippt, erzählt sie, dass sie ihren Abschied mit der ganzen Belegschaft gefeiert habe. Die Küchen truppe habe Essen aufgetischt und alle hätten beschlossen, an dem Abend noch etwas zu erleben. «Wird mit den ach so angesagten Kulturangeboten nicht an den Bedürfnissen eines Grossteils der Bevölkerung vorbeigestylt?» Die Schlange an der Kasse mit Kuchen- und Kaffeebons ist länger und länger geworden. Sie seien dann alle nach Kirchberg in den Schlagertempel gegangen, der heute Spycher heisst. Der Eintritt koste da fast nichts und man komme dort richtig in Bewegung – so musikantenstadelmässig, wenn die heutige Jugend noch wisse, was das bedeute. Neben mir in der Schlange wird zustimmend genickt. Soweit sie sich erinnere, hat die nun pensionierte Kassiererin erzählt, habe sie noch nie so abgetanzt. Ihre Augen sind feucht geworden und wir haben uns mit ihr gefreut. Nun, wenn in der Stadt Pop-Up- Food und Pop-Up-Community das höchste der Gefühle sind, dann kann man sich fragen, ob wir mit unseren ach so angesagten Kulturangeboten nicht an den Bedürfnissen eines Grossteils unserer Bevölkerung vorbeistylen. Wir könnten unsere Kreativität auch nutzen, um unprätentiösere Angebote zu kreieren, die es querbeet durch alle Bevölkerungsschichten allen möglich machten, einfach mal Leben und Gemeinschaft zu feiern. Wolfgang Böhler ist Philosoph, Dozent für Musikphilosophie und -psychologie und Gründer des Onlinemagazins Codex flores. Er publiziert zu Musikwirkungsforschung und Kulturpolitik und ist Dirigent von Männerchören. Illustration: Rodja Galli, a259

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