UteKrause_Papanini_final_Leseprobe

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Ute Krause

Papan i ni

Pinguin

per

Post


Eine geheimnisvolle

Lieferung

An dem Tag, als das Paket kam, war schon eine Menge

schiefgelaufen. Emma hatte für den Deutschaufsatz eine

glatte Fünf bekommen, Madeleine und ihre Gang hatten

ihren Turnbeutel versteckt, deswegen hatte sie den Bus

verpasst und musste den ganzen weiten Weg nach Hause

laufen.

Emma hatte die Nase voll von ihrem neuen Leben.

Als sie endlich zu Hause ankam, warf sie erschöpft

den Ranzen in eine Ecke des Flurs, ging in die Küche und

nahm sich eine Tasse aus dem Schrank. An einem Tag wie

diesem half nur eines: eine große Tasse heiße Schokolade.

Es klingelte.

Auch das noch. Emma seufzte und öffnete unwillig

die Haustür. Draußen stand ein Muskelpaket mit einem

Handzettel.

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„Mal wieder ’ne Lieferung“,

brummte der große Mann, hinter

dem ein noch größeres Paket

stand.

„Mal wieder für Papa?“,

fragte Emma.

Der Mann nickte und kratzte

sich am Kinn.

„Mal wieder“, murmelte sein schmächtiger Kollege, der

jetzt hinter dem Paket auftauchte.

Sie kannten sich schon ziemlich gut, auch wenn Emma

noch nicht lange in Windhoeven wohnte. Das lag daran,

dass Papa schon öfters Lieferungen bekommen hatte. Die

heutige allerdings übertraf alle anderen. Sie war mindestens

doppelt so groß.

„Wohin damit?“, fragte der Bote und zeigte mit dem

Daumen aufs Paket.

Unsicher deutete Emma auf die Kellertür. Dahinter lagerten

Papas andere Schätze.

Ächzend und stöhnend hievten die Männer das Paket

die schmale Treppe hinab.

Emma trottete ihnen kopfschüttelnd hinterher. Was

hatte Papa wohl diesmal bestellt? Der Keller war inzwischen

so voll, dass man sich kaum darin bewegen konnte.

Dort lagerten ein Flipperautomat, eine Jukebox, ein

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Billardtisch, ein uraltes Grammofon und ein Röhrenradio

aus den Fünfzigerjahren – alles Dinge, die Papa bei eBay

Kleinanzeigen erstanden hatte und irgendwann in hundert

Jahren, wenn er endlich Zeit dazu hatte, aufmöbeln

wollte. Natürlich glaubte niemand mehr daran, dass er je

dazu kommen würde.

Die Männer stellten die Kiste zwischen Flipperautomat

und Jukebox ab, und das Muskelpaket ließ Emma unterschreiben.

Nachdem die Männer gegangen waren, betrachtete

Emma Papas neueste

Errungenschaft. Hier und da

wellte sich die Pappe, und

an einigen Stellen, wo

sie ganz aufgerissen

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war, schimmerte etwas weiß Lackiertes durch. Das Ding

sah ein bisschen aus wie ein uralter Kühlschrank. Was

hatte sich Papa dabei nur wieder gedacht?

Emma wollte gerade zurück nach oben gehen, um endlich

ihre heiße Schokolade zu machen, als sie ein leises

Geräusch hörte. Es schien aus dem Kühlschrank zu kommen.

Sie hielt inne. Wie konnte das sein? Das Gerät war

doch nicht angeschlossen.

Wieder hörte sie etwas. Es klang wie ein gedämpftes

Klopfen. Emma schluckte. Was hatte das zu bedeuten?

Sie machte einen vorsichtigen Schritt auf die Kiste zu.

Was, wenn da drin jemand eingesperrt war?

Und erstickte?

Oder in Not war?

Vielleicht war es ein Geist, der Klopfzeichen aus dem

Jenseits schickte?

Nein, Geister gab es doch gar nicht.

Emma nahm ihren ganzen Mut zusammen und riss

etwas von der kaputten Pappe weg. Vor ihr stand eine

sehr alte, sehr verbeulte Tiefkühltruhe. Sie sah ziemlich

scheußlich aus. Im unteren Drittel hatte die Truhe Löcher,

die jemand ungeschickt hineingebohrt hatte. Eins

war klar: Mama würde sich garantiert scheiden lassen,

wenn Papa das Ding in die Küche stellte.

Plötzlich bemerkte Emma aus den Augenwinkeln, wie

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sich der Deckel der Truhe ganz leicht bewegte. Ihr Herz

schlug bis zum Hals. Da war wirklich jemand drin! So

leise wie möglich und ohne

die Truhe aus den Augen zu

lassen, schlich sie zur Kellertreppe.

In diesem Moment

ging der Deckel ganz auf. Ein

Paar schwarz blitzende Äuglein

schaute sie neugierig an.

Panisch sprang Emma die

Stufen hinauf. Sie würde die

Kellertür hinter sich zuknallen,

abschließen und sofort Papa anrufen. Oder vielleicht

gleich die Polizei?

Der Deckel klappte wieder zu. Emma spähte zur Truhe

hinab.

Langsam öffnete sich der Deckel wieder, aber diesmal

etwas weiter.

Schwarze Knopfäuglein, ein Schnabel, ein weißer Hals

und ein schwarzes Federkleid kamen zum Vorschein.

Emma traute ihren Augen nicht.

Es war eindeutig ein Pinguin! Papa mochte doch überhaupt

keine Haustiere, und Vögel interessierten ihn schon

gar nicht! Das Ganze musste ein Irrtum sein!

Der Pinguin schob vorsichtig die Flossen aus der Truhe,

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legte den Kopf zur

Seite und sah Emma

freundlich an. Er trug

eine rote Fliegermütze und

hielt Emma etwas entgegen –

ein halbes, zerfleddertes

Taschenbuch!

Emma kniff die Augen zu, aber nur

sehr kurz. Als sie die Augen wieder öffnete,

war alles so wie vorher. Die Truhe

war geschlossen.

Sie wartete.

Hatte sie sich das nur eingebildet?

Auf leeren Magen bildet man sich

vieles ein. Das hatte sie zumindest

mal gelesen – es hieß Hallu-sina-zionen

oder so ähnlich. Und Emma hatte heute

das scheußliche Mittagessen in der Schulkantine

wieder ausfallen lassen.

Plötzlich ging der Deckel mit einem Ruck erneut

auf. Das Buch wurde herausgeschoben und

landete auf dem Boden. Inspektor Morsleys

letzter Fall stand auf dem speckigen

Umschlag. Die Seiten waren vergilbt

und hatten Eselsohren.


Der Pinguin quetschte sich hinterher und plumpste

ungelenk zu Boden. Es war ein ziemlich kleiner Pinguin.

Er landete auf dem Rücken und blieb einen Moment lang

reglos liegen. Hatte er sich etwa wehgetan?

Emma betrachtete ihn unentschlossen. Sollte sie vielleicht

nach ihm schauen?

Da wippte der Pinguin hin und her, rollte sich mit

Schwung auf den Bauch und richtete sich auf. Emma

griff nach der Klinke, bereit hinauszuspringen und die

Tür hinter sich zuzuwerfen. Sie hatte keine Erfahrung

mit Pinguinen und konnte nicht einschätzen, ob der hier

gefährlich war.

Der Vogel hob das Buch auf, sah sich um und räusperte

sich.

„Hewig?“, schnatterte er und zeigte dabei mit der Flosse

immer wieder auf seine rote Mütze.

„Hewig-Hewig?“

Bedeutete Hewig vielleicht Mütze

in Pinguin-Sprache?

„Hewig?“, flüsterte Emma verwirrt.

Der Pinguin schüttelte energisch

den Kopf. „Hewig!“, korrigierte er sie und blickte sich

wieder suchend um. „Tisch-Ti-i-sch?“

Bildete sich Emma das ein, oder hatte der Pinguin ge-

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ade Tisch gesagt?! Pinguine konnten, im Gegensatz zu

Papageien, nicht sprechen, aber das hatte sich – auch

wenn seine Aussprache nicht besonders deutlich war –

irgend wie nach einem Wort angehört.

„Tisch!“ Der Pinguin sah Emma bittend an. Dann

witschte er zwischen dem Billardtisch und dem Flipperautomaten

hin und her. „Hewig! Tisch-Tisch!“, nuschelte

er immer wieder.

Emma starrte ihm ungläubig

nach. Ein sprechender Pinguin –

das wurde ja immer verrückter.

„Tisch“, schnatterte der Pinguin

erneut.

„Tisch?“, wiederholte Emma, die das,

was gerade geschah, nicht ganz fassen

konnte.

Der Pinguin blieb wie angewurzelt

stehen und schaute mit ernstem Blick zu

ihr hoch. „Tisch-Tisch“, forderte er.

„Du … du kannst also wirklich sprechen?“

„Spechen“, gurrte der Pinguin. Er machte ein paar

Schritte auf die Kellertreppe zu, blieb aber in sicherer

Entfernung von Emma stehen. „Tisch!“, wiederholte er.

Emma versuchte zu verstehen, was er meinte. Wollte

er sich an einen Tisch setzen?

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Unschlüssig betrachtete sie den kleinen Kerl. Beide

schauten einander einen langen, langen Moment an.

Emma fasste sich ein Herz.

„Oben gibt es einen Tisch“, sagte sie mit fester Stimme.

„Komm mit!“

Der Pinguin hatte sie tatsächlich verstanden! Er tapste

unbeholfen die Kellertreppe hinauf. Seinen kurzen

Beinchen waren eindeutig nicht zum Treppensteigen geeignet.

Es sah ziemlich komisch aus.

Emma konnte nicht glauben, was sich hier abspielte:

Ein Pinguin, mit dem man sprechen konnte und der einen

noch dazu verstand, spazierte gerade durch ihr Haus und

in ihr Leben hinein!

Flossen wedelnd folgte der Pinguin Emma ins Wohnzimmer.

Sie zeigte auf den Esstisch. „Tisch“, sagte sie.

Der Pinguin betrachtete den Tisch und warf ihr einen

gekränkten Blick zu.

„Tisch“, rief er entrüstet und klapperte mit dem

Schnabel. Er watschelte aufgeregt um den Tisch herum.

„Genau. Das ist ein Tisch“, antwortete Emma, die nicht

verstand, was das Problem war.

„Tisch-Tisch!“ Der Pinguin hüpfte auf und ab. Er wirkte

aufgebracht.

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Was hat er nur?, überlegte Emma. Er war eindeutig

kein gewöhnlicher Pinguin. Vielleicht aß er bei seinem Besitzer

immer am Tisch, womöglich mit Messer und Gabel.

Und vielleicht bedeutete „Tisch“, dass er Hunger hatte.

Der Arme war ja wahrscheinlich ein Weilchen in dieser

Tiefkühltruhe eingesperrt gewesen.

Emma fiel ein, dass Mama alles Mögliche im Gefrierfach

aufbewahrte. Vielleicht gab es da auch etwas, was ein

Pinguin gerne fraß.

Im Tiefkühlfach entdeckte sie eine gefrorene Tüte Spinat

und eine mit Rosenkohl – das würde dem Pinguin garantiert

nicht schmecken. Es schmeckte ja nicht einmal

Emma. Eine Packung Vanilleeis, eine Plastikdose mit einer

undefinierbaren bräunlich grünen Masse und ein Behälter

mit Eiswürfeln waren auch dabei. Nichts davon

war das Richtige.

Im untersten Fach fand sie endlich eine perfekte Pinguin-Mahlzeit:

drei Packungen Fischstäbchen! Auf Mama

war echt Verlass. Auf den Packungen war ein Foto von einem

Fisch abgebildet. Emma hielt eine Packung hoch und

deutete darauf. „Fisch?“

Der kleine Pinguin hüpfte aufgeregt auf und ab und

wedelte dabei mit den Flossen. „Tisch! Tisch!“

Emma hatte ihn endlich verstanden. Sie lachte. Er war

einfach zu niedlich!

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„Du meinst also Fisch“, sagte sie. „Das sind Fischstäbchen.“

Der Pinguin hörte auf zu hüpfen, legte den Kopf zur

Seite und wiederholte. „Tischstäbchen!“ Es sah aus, als

ob er lächelte.

Emma lächelte zurück. Der Pinguin gefiel ihr zunehmend,

und sie hatte endlich begriffen, was er wollte. Aber

gefroren konnte sie ihm die Stäbchen unmöglich servieren.

Sie legte die Fischstäbchenkartons auf die Arbeitsplatte,

holte eine Pfanne aus dem Unterschrank und machte den

Herd an. Dann goss sie etwas Öl in die Pfanne und griff

nach der ersten Packung, um sie zu öffnen.

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Aber die Packung war nicht da; die anderen beiden

auch nicht.

Emma sah sich suchend um.

Hinter ihr rülpste es. Sie fuhr herum. Auf dem Boden

lagen die Überreste der drei Kartons, und inmitten der

Papierschnipsel hockte der Pinguin und schnatterte zufrieden.

„Wo sind denn die Fischstäbchen?“, rief Emma.

Der Pinguin sah Emma dankbar an und patschte mit

beiden Flossen auf seinen Bauch. „Tischstäbchen“, gurrte

er.

„Alle auf einmal?“, staunte Emma. „Und so schnell?“

Der Pinguin nickte.

„Na, hoffentlich bekommst du kein Bauchweh!“

Emma sammelte die Papierschnipsel ein und bemerkte

nicht gleich, dass der Pinguin im Flur verschwand.

„Wassel, Wassel“, murmelte er geschäftig.

Emma warf die restlichen Schnipsel in den Mülleimer

und folgte ihm. Wo wollte er jetzt hin? Der Pinguin watschelte

von Raum zu Raum. „Wassel, Wassel!“, rief er.

„Wassel?“ Emma überlegte, was er wohl meinte. „Ach

so, Wasser!“

Der Pinguin blieb stehen, klapperte mit dem Schnabel

und lehnte seinen Kopf an Emmas Bein. Er schaute sie

erwartungsvoll an.

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Emma strich ihm vorsichtig mit dem Zeigefinger über

den Kopf. Die Federn waren erstaunlich weich, und der

Pinguin schien das zu mögen, denn er gurrte wieder behaglich.

Sie überlegte, was sie über Pinguine im Laufe

der Zeit aufgeschnappt hatte. Es war nicht viel, aber eines

wusste Emma: Sie waren ausgezeichnete Schwimmer

und hielten sich am liebsten im Wasser auf.

„Komm“, sagte sie, ging ins Badezimmer und ließ kaltes

Wasser in die Wanne laufen.

Interessiert beobachtete der Pinguin, wie das Wasser

aus dem Hahn floss. „Wassel?“, fragte er.

Emma hob ihn vorsichtig hoch. Der Pinguin war über-

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aschend leicht. Sie setzte ihn behutsam ins kalte Wasser.

Es ging ihm bis zum Hals. Der Pinguin schien es zu genießen,

denn er schloss die Augen und streckte den Kopf

in die Höhe.

„Zu wam“, sagte er plötzlich. „Zu-zu wam.“

„Warte!“ Aus der Küche holte Emma den Behälter mit

Eiswürfeln und leerte ihn in die Wanne. Der kleine Pinguin

sollte es richtig gut haben, wie in der Antarktis. Da

kam er ja wohl her. Jedenfalls erinnerte sich Emma dunkel,

dass sie das mal gelesen hatte.

Die Eiswürfel schmolzen und machten das kalte Wasser

noch kälter. Als die Wanne richtig voll war, tauchte der

Pinguin von einem Ende zum anderen und wieder zurück.

Emma, die neben der Wanne kniete, hatte den Kopf auf

die Arme gelegt und beobachtete ihn.

Sie kniff sich in den Arm. So ganz fassen konnte sie

das Ganze noch immer nicht.

Hatte Papa wirklich einen Pinguin über eBay Kleinanzeigen

bestellt? Das passte so gar nicht zu ihm. Oder

war das Tier aus Versehen in die Kühltruhe geraten? Egal,

wie Emma es drehte und wendete, sie konnte sich keinen

Reim darauf machen.

„Hat Papa dich bestellt?“, murmelte sie und strich dem

Pinguin sanft mit dem Zeigefinger über den Kopf.

„Papa?“, fragte der Pinguin.

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„Papa“, wiederholte Emma und lächelte. Der Kleine

lernte erstaunlich schnell.

„Papa!“ Der Pinguin nickte und deutete auf seinen

Bauch. „Papa-nini.“

Emma begriff. „Heißt du etwa Papanini?“

Der Pinguin schüttelte ungehalten den Kopf und sah

sie streng an. „Papa-nini“, korrigierte er.

„Okay“, sagte Emma, die nicht ganz verstand. „Papanini.

Und ich bin Emma.“ Sie deutete auf sich.

„Emma? Emmaemmaemma!“ Der Pinguin klapperte

mit dem Schnabel und sah Emma mit seinen Knopfaugen

an. Der Name schien ihm zu gefallen.

Emma strich ihm wieder über den Kopf. Sie hatte sich

immer eine Katze, einen Hund oder ein Meerschweinchen

gewünscht, aber dieser kleine Pinguin hatte schon jetzt

ihr Herz erobert.

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