Berliner Zeitung 08.04.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 82 · M ontag, 8. April 2019 – S eite 20 *

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Sport

Westfälische Trauer-Viererkette trifft auf bayerisches Tor-Rudel.

AP/KERSTIN JOENSSON

Das rote Signal

Der FC Bayern erteilt Borussia Dortmund mit einem 5:0 eine Lehrstunde in Sachen Spitzenspiel

VonMaik Rosner,München

Als Lucien Favre zum wiederholten

Male auf seine

Aufstellung mit Marco

Reus als Sturmspitze, ohne

den formstarken Mario Götze und

mit dem nach fast zweimonatiger

Verletzungspause zurückgekehrten

Rechtsverteidiger Lukasz Piszczek

angesprochen wurde, legte Borussia

Dortmunds Fußballlehrer ein süffisantes

Lächeln auf. „Wenn du verlierst,

ist immer der Trainer schuld“,

sagte er. Dahalf es auch nicht, seine

Idee zu erklären, „mit mehr Tiefe zu

spielen und schnellen Spielern

vorne“. Denn statt wie geplant abzuwarten

und den FC Bayern auszukontern,

hatten die Münchner das

Topspiel am Sonnabend vor allem in

der ersten Halbzeit zu einem furiosen

5:0 (4:0) und zur Rückkehr auf Tabellenplatz

eins genutzt. „Das war ein

Statement. So stelle ich mir das vor,

mit und gegen den Ball“, sagte Bayerns

Trainer Niko Kovac, der mit einem

beachtlichen Jubelsprung das

Bild des Tages zu dieser befreienden

Machtdemonstration gelieferthatte.

Es passte ganz gut, dass Kovac sich

zuvor noch in eigener Sache hatte erklären

müssen, weil seine Mannschaft

mit dem Ballast des 1:1 in der

Liga beim SC Freiburgund dem indisponierten

5:4 im Pokalviertelfinale

gegen Heidenheim in den Showdown

gezogen war. Viel Kritik war danach

an dem 47 Jahre alten Kroaten geübt

worden, wie schon mehrfach in seiner

ersten Saison beim Branchenführer.

Kovac begegnete den Zweifeln an

seinen Fähigkeiten mit einem Satz,

den nun auch Favre ins Feld hätte

führen können. „Nach der Schlacht

kann jeder General sein“, hatte Kovac

befunden und damit gemeint, dass

man es hinterher immer besser wisse.

Nun stand er erstmals nach einem

Topspiel in dieser Saison als großer

Gewinner da, nach der 2:3-Niederlage

im Hinspiel beim BVB und dem

Aus imAchtelfinale der Champions

League gegen Liverpool (0:0/1:3).

Doch werweiß, wie der Ligagipfel

verlaufen wäre, wenn der statt Götze

überraschend aufgebotene Mahmoud

Dahoud in der sechsten Minute

nach dem sehr hübsch vorgetragenen

Konter nicht den Außenpfosten,

sondernzum 1:0 insTorgetroffen

hätte? Solche Schnellangriffe hatte

sich Favre javon seiner Aufstellung

ohne den verletzten Stürmer Paco

Alcácer erhofft. Doch es sollte der einzig

nennenswerte im gesamten Spiel

bleiben.

Das lag vor allem daran, dass die

Bayern den Auftrag ihres Präsidenten

Uli Hoeneß, zu liefern, voll umsetzten.

Mit enormer Entschlossenheit,

viel Wucht und Tempo sezierten sie

einen BVB, der dem Angriffswirbel

nicht gewachsen war.„Wirhaben katastrophal

gespielt“, schimpfte Kapitän

Reus,man müsse den Auftritt, der

des BVB„nicht würdig“ gewesen sei,

„knallhart analysieren“. „Das war

eine Lehrstunde“, räumte Favreein.

„Nach der Schlacht

kann jeder General sein.“

Niko Kovac darf nach einem Topspiel endlich mal

die Deutungshoheit für sich in Anspruch nehmen.

Zunächst traf der ehemalige Dortmunder

Mats Hummels per Kopf

nachThiago Alcántaras Ecke (10.), ein

Muster, das oft für viel Gefahr sorgte.

Dann nutzte RobertLewandowski einen

grotesken Fehlpass des insgesamt

sehr unsicheren Dan-Axel Zagadou

so elegant wie spektakulär zu seinem

200. Ligator,als er den Ball über

TorwartRoman Bürki hob und die eigeneVorlage

per Seitfallzieher vollendete

(17.). Und spätestens als Javier

Martínez nach Thiagos gelupftem

Freistoß und Thomas Müllers abgepralltem

Volley mit Bedacht zum 3:0

einschoss (41.), musste der BVB aufpassen,

nicht ähnlich unter die Räder

zu kommen wie voreinem Jahr (6:0).

SergeGnabrys Kopfball zum 4:0 nach

Müllers Flanke (43.) krönte eine erste

Halbzeit, die sogar die Bayern überraschte.

„Unglaublich“ sei der geschlossene

Vortrag gewesen und „selten erlebt“

habe er so etwas, sagte Müller,

„das war von Abis Zein super Spiel

vonuns“ und ein„Signal, das wir aussenden

wollten“. Garniert noch von

Lewandowskis 21. Saisontor in der

gedrosselten zweiten Halbzeit (89.).

„Sehr stolz“ sei er auf seine nun 201

Ligatore, sagte der Pole, „ich freue

mich sehr,bei den deutschen Legenden

zu stehen“, also hinter Gerd Müller

(365 Ligatore), Klaus Fischer (268),

Jupp Heynckes (220) und Manfred

Burgsmüller (213).

Die übergeordnete Botschaft des

FC Bayern lässt sich sechs Spieltage

vor dem Saisonende zwar kaum an

dem Vorsprung auf den BVB von einem

Punkt und 15 Toren ablesen.

Aber nach diesem Auftritt spricht

deutlich mehr für den siebten Titelgewinn

des Meisters in Serie als für

Dortmunds ersten seit 2012.

Für Favreund die Borussen war es

kein Trost, dass danach sogar die

Bayern jene Debatten fortführten,

die sie und Kovac schon die gesamte

Saison begleiten. „Offensiv zu spielen,

das ist unsere DNA“, befand Lewandowski,„immer,wenn

wir offensiv

spielen, läuft es besser.“ Passivität

sei „nicht unser Ding“ und „liegt uns

nicht“, ergänzte Hummels, „wenn

wir aktiv sind, ist das einfach eine

ganz andere Klasse“. Sogar Vorstandschef

Karl-Heinz Rummenigge

stimmte am Sonntag ein. „Es gab sicher

auch kritische Wochen, die

nicht gut gelaufen sind“, sagte er bei

Sky, „wir müssen die letzten sechs

Spiele im Stil von gestern angehen.“

Kovac wird’svernommen haben.

„Dann soll ein anderer kommen, das ist auch nicht schlimm“

Die Kritik an Pal Dardai wird nach der 1:2-Niederlage gegen Düsseldorf immer lauter.Erselbst schließt seinen Abgang als Trainer von Hertha BSC indes nicht aus

VonPatrick Berger

Über die Schwimmkünste von

Pal Dardai ist nichts bekannt.

Nach dem 1:2 gegen Fortuna Düsseldorf,

der vierten Niederlage in Serie,

bediente sich der 43-Jährige allerdings

eines ungarisches Sprichwortes,

bei dem das Schwimmen zur

Metapher herangezogen wird. Es

lautet: „Tud úszni? Nem. És ha megfizetem?“

Ins Deutsche übersetzt:

„Kannst Du schwimmen? Nein. Und

wenn ich Dich bezahle?“ Der 2002

verstorbene Kabarettist Géza Hofi, einer

der populärsten Humoristen Ungarns,

wollte einst mit dem Satz verdeutlichen,

dass Geld eben nicht alle

Probleme lösen kann. Eine Entwicklung,

wie sie bei Hertha gewünscht ist

und gefordert wird, brauche, soDardai,

vorallem Geduld und Zeit.

Doch allzu viel Zeit dürfte der Trainer

nicht mehr haben. Die Kritik an

seiner Person wird immer lauter.

Auch in Fanforen wird eifrig diskutiert,

ob Dardai, immerhin Rekordspieler,

Herzensherthaner und seit

vier Jahren im Amt, noch der Richtige

für die blau-weiße Kommandobrücke

ist.

Am Tag nach der Heimpleite

machte der frühere Profi schon mal

deutlich, dass er sein Trainerschicksal

hinter das Wohl des Vereins zurückstelle,

wartete schließlich mit dieser

vielsagenden Einschätzung auf.

„Wenn die Spieler das Gefühl haben,

dass Dardai sie blockiert, dann sollen

sie das dem Manager sagen. Dann

soll ein anderer kommen, das ist auch

nicht schlimm. Es geht um Hertha

BSC, nicht um PalDardai. Bisjetzt hat

es hervorragend funktioniert. Wenn

einer keine Geduld hat, kann ich

nichts ändern.“ Klingt so ein Trainer,

der noch in dieser Saison die Trendwende

herbeiführen kann und die

Mannschaft auch in der kommenden

Spielzeit zum Erfolg führen will?

Dardai stellte indes klar, dass er

der Mannschaft nach der Niederlage

gegen den Aufsteiger keinen Vorwurf

mache. Dazu bediente er sich der

Statistik, die bekanntlich nie lüge.

„55 Prozent Zweikampfquote“,

zählte der Übungsleiter auf, „60 Prozent

Ballbesitz, 13 Torschüsse, 112

Die Ohnmacht eines Trainers: PalDardai

Kilometer gelaufen –das ist für Hertha-Verhältnisse

ein gutes Spiel.“

Nurstand man am Ende mal wieder

mit leeren Händen da. Das 1:2 war

die sechste Niederlage im elften

Rückrundenspiel. Hertha ist in der

Tabelle auf Rang elf abgestürzt und

nun auch auf dem Weg, sogar das

Minimalziel, einen einstelligen Tabellenplatz,

zu verspielen.

Während sich Dardai schützend

vor die Spieler stellte, gingen diese

OTTMAR WINTER

knallhart mit sich selbst ins Gericht.

So sagte Valentino Lazaro etwa, dass

er persönlich die Schnauze voll

habe, gegen solche Gegner, ohne

Düsseldorf herabwürdigen zu wollen,

zu verlieren. „Das nimmt so viel

Spaß. Es ist irgendwas drin in der

Mannschaft, dass sich Leute denken,

dass es um nichts mehr geht. Vielleicht

will sich keiner verletzen. Wir

sind aber alle Angestellte des Vereins

und sollten uns bis zum Schluss den

Arsch aufreißen.“ UndMarko Grujic

gestand, dass durchaus der Eindruck

haften bleibe, dass man nicht alles

gegeben habe, Düsseldorf gar einen

Tick motivierter gewesen sei. Dardai

teilte den Eindruck nicht. Undüberhaupt:„Wenn

die Spieler so etwas sagen,

dann müssen sie auch Namen

nennen. Nur sokommen wir weiter.

Wirmüssen ehrlich zueinander sein.

Irgendwo ist die Grenze. Die Spieler

müssen alles auch ein bisschen realistischer

einschätzen.“

Kritik an den Medien

Derheißblütige Coach machte unter

anderem auch die Medien für eine

seiner Meinung nach überzogene

Erwartungshaltung verantwortlich.

„Das kommt von außen, die Champions

League, die Europa League –

das ist nicht fair.Das ist sogenannter

geplanter Mord“, kritisierte Dardai.

Dabei waren es die Spieler selbst und

Manager Michael Preetz, 51, die diesen

nächsten Schritt auf der Entwicklungsstufe

offensiv angingen.

So sagte Grujic vor dem 0:5 in Leipzig:

„Wir können in Leipzig zeigen,

dass wir mit den Top-Teams der Liga

mithalten und mit einem Sieg vielleicht

doch noch um die Europapokalplätze

spielen können.“ Lazaro

stufte Europa als Überraschung ein,

die mit der richtigen Einstellung gelingen

könne. Und Mathew Leckie

sagte selbstbewusst: „Die Chance ist

noch da!“

Preetz forderte schon zum Jahreswechsel

eine Entwicklung – auch

vom Trainer. „Wir haben in diesem

Jahr die Chance,richtig oben reinzurutschen.

Undwenn sich diese Möglichkeit

bietet, muss man sie auch

nutzen. Das ist mir deutlich zu wenig.

Wir haben inzwischen eine bessere

Mannschaft, und mit einer besseren

Mannschaft kannst du auch

andere Ziele erreichen.“ Dardai entgegnete

dem:„Der Manager will eine

Entwicklung sehen: Ich glaube, die

sieht er.Aber er will auch Ergebnisse

haben. Das ist sein gutes Recht. Er

kann Druck ausüben, den Trainer

kritisieren. Damit habe ich kein

Problem.“ Inzwischen ist aber womöglich

er selbst Teil des Hertha-

Problems.

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