Berliner Zeitung 08.04.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 82 · M ontag, 8. April 2019 – S eite 21

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Feuilleton

Dokumentarisches

Theater beim

FIND-Festival

Seite 22

„Wie konnten die Mütter das zulassen?“

Fragt sich Harry Nutt, nachdem er die TV-Dokumentation über Michael Jackson gesehen hat Seite 22

Europa

Wir

Fachleute

PetraKohse

wohnte einem „Reden über

Veränderung“ bei.

Haben Sieheute schon an Europa

gedacht? Nur noch 48 Tage bis

zur Europawahl am 26. Mai –man

bräuchte allmählich einen Plan. Ulrike

Guérot hat einen. DiePolitikwissenschaftlerin

will Rechtsgleichheit

für alle in Europa und kann sich eine

europäische Sozialversicherungsnummer

für die ab 2025 Geborenen

vorstellen. Was der Publizist Roger

de Weck prinzipiell nicht falsch, aber

–als Schweizer –hundert Jahre zu

früh terminiertfindet. Immerhin begeistern

ihn die „Friday for Future“-

Demonstrationen als Weg bereitende

„europäische Jugendbewegung“,

wozu nun die Schauspielerin

und Regisseurin Maryam Zaree zu

bedenken gibt, dass hier nicht für

eine gemeinsame politische Vision,

sondern gegen eine ökologische

Dystopie demonstriertwerde.

Guérot, de Weck und Zareesitzen

am Sonntagvormittag mit dem Galeristen

Johann König auf der Bühne

des Festspielhauses, umrundet von

einem Publikum 50plus,das für je einen

kurzenBeitrag einen freigelassenen

Platz in der Podiumsrunde einnehmen

darf. Ein schönes Format

für ein Gespräch, das auf deutschlandradio.de

live übertragen und

dort vielleicht auch nachzuhören

sein wird. Auffallend ist, wie selbstbewusst

die Zuhörer zu Teilnehmern

werden, wie sie sofort bequem die

Beine ausstrecken und eine Minute

lang auf Augenhöhe dabei sind.

Denn tatsächlich gibt es in Europafragen

ja keine echten Fachleute,

sondernnur jene,die sich mit diesen

Fragen bereits länger beschäftigen.

Am wichtigsten zu klären ist momentan

vielleicht, wie die Homogenitätsforderung

der Nationalisten

und das Einheit-in-Vielfalt-Versprechen

der Europafreundlichen in einen

gemeinsamen Diskurs zu bringen

sind. Und wie auch Jüngeren

verständlich gemacht werden kann,

dass Europa ein Friedens- undWohlstandsprojekt

ist, das erst zurück auf

seinen eigenen Weg und dann zu

Ende gebracht werden muss. Und

zwar vonuns allen.

Agitprop-Folklore

Jürgen Kuttner und TomKühnel verschmunzeln Heiner Müllers „Umsiedlerin“ in den Kammerspielen

VonUlrich Seidler

Klassenkampfkomiker mit

bunten Kappen, ein Chor

von Neubauern mit roten

Fahnen, Sinnspruchabsonderungen

in gebrüllten Blankversen?

Noch einmal umgeguckt, ja,

wir sind in den Kammerspielen des

Deutschen Theaters, noch einmal

das Datum gecheckt, ja, es ist Sonnabend,

der 6. April 2019, und der

Blick auf den Programmzettel bestätigt:

Das davorn soll eine dieser lustig

aggressiven Agitpropshows des

Regieduos Jürgen Kuttner und Tom

Kühnel sein. Im Deutschen Theater

kommen die beiden alljährlich mit

einer neuen anachronistisch-heimatkundlichen

Dubiosität heraus.

Diese Fanveranstaltungen, mit denen

das DT sich seiner weniger populären

DDR-Tradition entledigt,

sind selbst schon liebe Tradition.

Diesmal also Heiner Müllers „Die

Umsiedlerin. Das Leben auf dem

Lande“ –der „größte Theaterskandal

der DDR“ (Hatten die beiden den Superlativ

nicht schon 2010 benutzt,

als sie mit einer Neuinszenierung

vonPeter Hacks’„DieSorgen und die

Macht“ am DT debütierten?)

Damals in der DDR

Jörg Pose als Parteisekretär Flint geht voran.

Wenn man das Stück über die Bodenreformheute

liest, wundertman

sich. Müller stellte den Umgang mit

den Zensoren im Nachhinein als einen

Jungenstreich hin, als hätten es

die Behörden aus Versehen so weit

kommen lassen. Mag sein. Aber

wenn eine derartig deutliche Kritik

an denVerhältnissen überhaupt ausprobiert

werden konnte und im

Mauerjahr 1961 tatsächlich, wenn

auch unter organisiertem Protest,

ans Licht kam, war die untergegangene

Republik vielleicht doch keine

nur dunkle und diktatorische, wie

die Abkürzung für manchen Nachgeborenen

heute nahelegen könnte.

Finster und unfrei genug war sie

allemal. B. K. Tragelehn inszenierte

die Uraufführung im Auftrag des

DeutschenTheaters,die Arbeit wurde

nach einerVersuchsaufführung in der

Hochschule für Ökonomie in Karlshorst

verboten. Tragelehn flog aus der

Partei und musste sich im Tagebau

bewähren, Müller wurde aus dem

Schriftstellerverband ausgeschlossen,

was einem Berufsverbot gleichkam.

So dunkel und diktatorisch es

zuging, die Sache mit dem Kommunismus

–die war für die Künstler dennoch

nicht entschieden.

Wo bleiben heute, fast sechzig

Jahre nach der Uraufführung und

dreißig Jahre nach dem Haken, den

die Geschichte hinter die DDR gemacht

hat, die Brechungen? Wo die

bei Kuttner und Kühnel üblichen

IMAGO IMAGES

doppelten Böden? Und was einem

da so permanent ins Gesicht latscht

–soll das ihr böser Witz sein, ihr von

Hass und Sarkasmus auf die ideenlose

Gegenwartangetriebener Furor,

der einem das Lachen in den Hals

rammt, damit es dortsteckenbleibe?

Wo ist er hier eigentlich geblieben,

der Unterschied zur nostalgisch verschmunzelten

Folklore?

Wenn man nicht aufpasst, wähnt

man sich wie durch einen bösen

Zeitzauber in eine Show des Fernsehens

der DDR zurückversetzt. Die

Kessel-Buntes-Bühne besteht aus

drei einander überschneidenden

Rundpodesten, die Jo Schramm mit

schwarz-weißer Auslegware sowie

Sonnenstrahl- und Ährensymbolen,

später auch mit einem niedlichen

Trecker dekorierthat. Statt voneiner

munteren Helga Hahnemann wird

man von einem melancholischen

Kuttner in einem ebenfalls schwarzweißen

Anzug und mit geölten Dorfgigolo-Locken

unterhalten.

Und statt einer DDR-Combo bekommen

wir gleich zum Auftakt das

westdeutsche Schlagerehepaar Nina

und Mike aus dem Jahre 1971 eingespielt:

„Was wird sein in sieben Jahren“.

Darin geht es, typisch Spießerwessis,umdie

Liebe zwischen Mann

und Frau in den nächsten hundert

Jahren –anders als bei der Originalversion

von Zager und Evan „In the

Year 2525“, die ein paar Jahrtausende

vorausschaut und die schwarze Zukunft

einer vonDenkmaschinen, Robotern

und Drogen sedierten

Menschheit ausmalt. Ein typisches

Beispiel für die sozialdemokratische

Verwohnzimmerung von gesellschaftskritischen

Dystopien, die

Kuttner so gern in seinen Videoschnipsel-Abenden

anprangert.

Nichtganz so damals im BE

DieFrage,wozuman hier um Gottes

Willen gebeten ist, führt aber auf

noch flachere Glatteisschichten der

Orientierungslosigkeit. Dann glaubt

man sich ins Berliner Ensemble vor

zehn Jahren versetzt. Es fehlen wirklich

nur noch die weißgeschminkten

Gesichter mit den rotenNasen, dann

hat man eine typische, von tapferen

Schauspielern exekutierte Regiearbeit

aus Claus Peymanns später, unfreiwillig

satirischer Hans-Dampf-

Phase vor sich. Aus dieser Schreckensvision

kommt man dann nicht

mehr heraus. Die dünne, aber grell

gelackte Ironiefirnis der Kühnel-Kuttner’schen

Geschichtsstunde hält einem

das Kranke der Gegenwart sicher

vom Leibe. Die inneren Zensorendürfenberuhigtschlafen.

DieUmsiedlerin 14., 19.4., 6. 5.:19.30Uhr;

14., 20.5.: 20Uhr, DT-Kammerspiele, Kartentel.:

28441225 oder:deutschestheater.de

NACHRICHTEN

Bauhaus-Jubiläum: Mehr als

10 000 Besucher in Weimar

Dasneue Bauhaus-Museum in Weimar

hat bereits an den ersten Tagen

seiner Öffnung Tausende Besucher

angezogen. „Wir hatten auch wahnsinniges

Glück mit dem Wetter“,

sagte ein Sprecher der Klassik Stiftung

Weimar am Sonntag. Auch

Gäste sprachen vonlangen Warteschlangen

sowohl vordem am Freitag

eröffneten neuen Bauhaus-Museum

als auch vordem Neuen Museum.

Dortist seit Freitag die neue

Dauerausstellung „Van de Velde,

Nietzsche und die Moderne um

1900“ zu sehen. Seit Eröffnung für

das allgemeine Publikum zählte die

Klassik Stiftung vonFreitagabend bis

zum Sonntagnachmittag 14 000 Besucher

in beiden Häusern. DerEintritt

in den nahe beieinander gelegenen

Museen war am Wochenende

kostenlos.(dpa)

Briten gewinnen Weimarer

Hochschulwettbewerb

Einen mit 10 000 Euro dotierten Preis

für Kammermusik der Musikhochschule

Weimar hat ein Quartett aus

London gewonnen. Dievier Streicher

des Barbican Quartets überzeugten

die Jury am Samstag in der

Finalrunde des Wettbewerbs,wie die

Hochschule am Sonntag mitteilte.

Mitdem Marmen Quartet schaffte es

ebenfalls eine britische Gruppe auf

den zweiten Platz. Dendritten Platz

gewann das in Barcelona gegründete

Cosmos Quartet. DieHochschule für

Musik Franz Liszt richtet den Wettbewerb

alle drei Jahreaus. (dpa)

JennyErpenbeck bekommt

Usedomer Literaturpreis

DieinBerlin lebende Schriftstellerin

Jenny Erpenbeck ist am Sonnabend

mit dem Usedomer Literaturpreis

geehrtworden. Die52-Jährige nahm

den mit 5000 Euro dotierten Preis

am Abschlusstag der Usedomer Literaturtage

in Ahlbeck in Empfang. Sie

stifte mit ihrem Werk Verständnis

und baue damit Brücken zwischen

Menschen und Kulturen. „Die Welt

braucht mehr Jenny Erpenbecks und

damit mutige Plädoyers für mehr

Menschenfreundlichkeit“, sagte Jurymitglied

Andreas Kossertinseiner

Laudatio.(dpa)

UNTERM

Strich

Maulfeil

Polyamouröse

Spielereien

VonUte Cohen

Mit dem Plural ist es eine Crux. Es verhält

sich mit ihm wie mit polyamourösen

Beziehungen, die gerade ja in aller Munde

sind. Aus eins mach vier heißt es da: Warum

sich begnügen mit einem, wenn das Leben

doch viel mehr zu bieten hat? Alles auf eine

Karte setzen wollen sollte man ohnehin

nicht. In amourösen Kleeblättern liebt man

sich kreuz und quer, schwört Besitzansprüchen

und Monogamie ab. Kurzum: Der possessive

Singular hat ausgedient. Beglückend

KARL BURKHARD TIMM

ist die Vielfalt, die es wiederum nur in der

Mehrzahl geben kann.

Wenn es auch nur den geringsten Zusammenhang

zwischen Sprache und Wirklichkeit

gibt, dann verheißt der Siegeszug der

multilateralen Liebesbeziehungen nichts

Gutes für den plötzlich vernachlässigten Singular.

Die Einzahl steht verschüchtert inder

Ecke, weint bitt’re Tränen. Spießig sei sie,

freiheitsbeschränkend und langweilig. Ihr

einziger Kamerad ist Singularetantum, der ja

als Einzahlwort schon immer ein Einsiedler

war.Als Substantiv,das nur in der Einzahl gebräuchlich

ist, hat das Singularetantum

nämlich kein Problem mit Einsamkeit. Außerdem

sind seine Spießgesellen zahlreicher,

als man denkt: der Lärm, das Fleisch, die

Wehmut, die Vernunft, der Durst und auch

die gute, alte Post. Abtrünnige kennt aber

auch diese Spezies. Das sind die sprachlichen

Chamäleons, die im Plural die Bedeutung

wechseln: die Schönheit zum Beispiel.

Die Schönheit ist ein wenig –Verzeihung! –

hinterfotzig. Sie gliedert sich einfach in vielfältige

Schönheiten auf und bricht auf diese

Weise aus aus der Singularetantum-Kaste

aus. ObFriedrich Schiller das mit seiner ästhetischen

Erziehung bezweckte,ist fraglich.

Er war ja der Meinung, dass der Mensch nur

durch die Schönheit zur Freiheit gelangen

könne.ImPlural wirdder Sinn entstellt: „Mit

Schönheiten zur Freiheit gelangen“ klingt

nach Tinder, Polyamorie und Scheidungskrieg.

Überdies gibt’s da noch die Fachidioten

unter den Singularetanta. Siehalten sich

für etwas Besseres und gerieren sich als Milche,Wässer

und Craftbeere. Manchmal gibt

ihnen der Markt dann etwas auf den Deckel

und es ist Ruhe im Karton.

Schwieriger ist es mit der Loyalität, zwar

kein Singularetantum, aber verwandt. Nach

einer Phase der Standhaftigkeit wurde sie

plötzlich ungreifbar, und schien schon fast

vomWinde verweht. Kurz vordem Exitus hat

sie sich einen Plural-Freund geschnappt und

streicht mit ihren Loyalitäten-Kumpanen

durch die Lande. Die französische Schriftstellerin

Delphine de Vigan hat ihr sogar ein

Buch gewidmet: „Loyalitäten“. Es handelt

vom Umgang mit der Loyalität, von ihrem

Kern und ihren Wandlungen. Mit der Lex,

dem Gesetz, hat sie heute nicht mehr viel am

Hut, mit innerer Verbundenheit und gemeinsamen

Werten jedoch sehr wohl. Die

Frage ist, ob der Plural als sprachliches Wunderwasser

taugt für den Loyalitätskonflikt.

Den trägt man schließlich meist mit sich

selbst aus. Man kann an Margeriten zupfen

(bin loyal/bin nicht loyal) oder sich auf das

Wesentliche besinnen: Loyalität ist keine vasallenhafte

Unterwürfigkeit. Sie ist eine mit

Herz und Verstand getroffene Entscheidung

freier Menschen. Lassen wir die Loyalität in

ihrer Einzigartigkeit gelten. Das tut der Einzahl

gut und auch der Loyalität. Nicht jeder

ist für polyamouröse Spielereien geschaffen.

In derSerie„Maulfeil“ setzt sich unsere AutorinUte Cohen

den Wurzeln und Wandlungen vonWörtern auf die Spur.

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