Berliner Zeitung 08.04.2019

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26 Berliner Zeitung · N ummer 82 · M ontag, 8. April 2019

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Spreewild

Editorial

Wir können nichts dagegen tun,

momentan bestimmt ein Thema

unsere Konferenzen: die Bewegung

„Fridays for Future“ und der

Klimaschutz. Ausdiesem Grund gibt

es heute eine ganze Seite voller Artikel

zum Thema Klima, Klimaschutz,

Klimaschutzkritik ... und natürlich

bieten wir auch ein wenig Unterhaltung

passend zum Thema.

Euer Spreewild-Team

Das kosten Geräte

im Stand-by

von Hristo Lolovski, 21 Jahre

Esist der Spießertrick schlechthin:

Mehrfachstecker mit Schalter.So

kann man nämlich ganz einfach den

Stromfluss zu Geräten im Stand-by

kappen. Doch wie viel bringtdas?

1. Spielekonsolen

Beim Zocken ist es ganz normal,

dass die Play Station 4nicht wenig

Stromverbraucht. Auch im Stand-by

ist sie aktiv.Lässt man sie 24 Stunden

angeschlossen, dabei aber ausgeschaltet,

kostet uns das 7Cent. Verbringt

die Spielkonsole ein ganzes

Jahr im Stand-by-Modus, liegen die

Kosten bei knapp 25 Euro.

2. WLAN-Router

Für den Luxus,dass wir zu Hause kabelloses

Internet haben, muss man

natürlich bezahlen. Durchschnittlich

verbraucht ein Modem sechs

Watt Strom. Bei einem Preis von

rund 29 Cent pro Kilowattstunde

verbraucht das Gerät jährlich Strom

für ungefähr 15 Euro. Ein paar Euro

davon kann man sparen, wenn man

den Router so einstellt, dass das

WLAN sich in der Nacht, wenn man

in den Urlaub fährt oder wenn alle

Familienmitglieder nicht zu Hause

sind, ausschaltet.

3. Föhn

Würde man auf den Föhn verzichten,

könnte man auch etwas Kohle

sparen. Wersich dreimal in der Woche

20 Minuten lang föhnt, bezahlt

mindestens 20 Euro im Jahr.EineAlternative:

an der Luft trocknen. Die

richtige Jahreszeit steht zum Glück

vorder Tür.

Filmproben

„Wir wollen keinen Personenkult“

Robin Prinz ist einer der Koordinatoren der „Fridays for Future“-Bewegung. Er erklärt, was dahintersteckt

von Jessica Schattenberg, 20 Jahre

Greta machte es vor,

Deutschland zieht nach.

Jeden Freitag gehen

deutschlandweit Tausende

Schüler auf die Straße statt zur

Schule, umfür den Klimaschutz zu

demonstrieren. Werglaubt, dassmit

ein wenig Plakateschwenken und

dem Rufen von Provokationen die

Arbeit der Aktiven erledigt ist, hat

weit gefehlt. Aktuell baut sich bundesweit

einNetzwerkauf, das erfahrene

Aktivisten und Politiker mitden

Ohren schlackern lässt. Was dahintersteckt,

hat uns Robin Prinz (20),

einerder Koordinatoren, verraten.

Wiekönnen wir uns die Organisation

vorstellen?

Basis unserer Bewegung sind die

vielen Ortgruppen in jeder Stadt. Sie

treffen sich wöchentlich und planen

zum Beispiel die Demos. Dann

kann man sich in themenspezifischen

Arbeitsgruppen engagieren.

Alles läuft online. Ich bin einer von

mehreren Koordinatoren unserer

Grundsatz-AG, inder jeder immer

willkommen ist. Um den Input zusammenzutragen,

gibt es jeden

Sonntag eine Deligiertenkonferenz,

das quasi „höchste Gremium“ von

„Fridays for Future“ (FFF). Siebildet

sich aus Vertreternder Ortsgruppen

und Mitgliedern der Arbeitsgruppen.

Diese Deligierten sind demokratisch

gewählt und vermitteln die

Informationen zwischen Bundesorganisation

und den Ortgruppen.

Damit das alles transparent und

nachvollziehbar ist, wird aber auch

fleißig Protokoll geschrieben. Wichtig

ist, dass jeder einzelne Aktive

mitentscheiden kann. Bei großen

Beschlüssen müssen 80 Prozent aller

Aktiven dafür gestimmt haben.

Wasbedeutet das für den Einzelnen?

Viel Zeit zu investieren. Die Organisation

läuft vor allem über

WhatsApp und Telefonkonferenzen.

Ich bin allein für meinen Bereich

in 26 WhatsApp-Gruppen permanent

am schreiben und antworten.

Ortsgruppen, Fachgruppen, Bundeskoordination.

Wenn ich morgens

wach werde, habe ich schon

mal 450 ungelesene Nachrichten.

Telefonkonferenzen können dann

auch mal acht Stunden dauern. Das

Mit Spaß bei der ernsten Sache: Demonstrierende bei den „Fridays for Future“.

bedeutet, fünf bis sechs Stunden am

Tagallein am Handy zu sein. Dann

kommen Treffen oder inhaltliche

Ausarbeitungen dazu.

Flugscham

ROBIN PRINZ

Worüber soll man denn so viel

schreiben können?

Für unser Forderungspapier

standen wir im Daueraustausch

mit Wissenschaftlern. Dann gibt es

Kooperations- und Presseanfragen,

Mails von Personen aus der Öffentlichkeit,

die uns Tipps und Tricks

verraten oder uns auf mögliche zukünftige

Probleme hinweisen. Die

vielen For-Future-Gruppen von

Gründern, Eltern und Co., die uns

unterstützen. Und dann die internen

Anfragen. Um die Meinung der

Mehrheit zu vertreten, müssen wir

viel Feedback geben. Wir bekommen

auch einfach Nachrichten von

Jugendlichen, die ihre Eltern von

Ökostrom überzeugt haben.

Das klingt nach einem Neben-

Hauptjob.Wie bekommst du Studium

und FFF unter einen Hut?

Die Organisation „Stay Grounded“ macht sich dafür stark, dass weniger geflogen wird

Während der Unibin ich parallel

immer online.Eigentlich immer.Du

telefonierst und schreibst Hausarbeiten,

kochst und sitzt gleichzeitig

mit Freunden zusammen. Die vielen

kleinen Dinge machen esaus,

aber auf Dauer geht das an die körperliche

Substanz. Es herrscht aber

kein Leistungsdruck.

Kurz und knackig: Worauf arbeitet

ihr hin?

Wir bringen gezielte Forderungen

auf den Weg, die die Politiker

zum Handeln bringen sollen. Nett,

dass sie sagen, es sei fünf vor zwölf.

Daswar vielleicht 1978 der Fall. Uns

bleibt weniger Zeit.Wirwachsen gerade

erst und ziehen’s durch.

Und Luisa Neubauer hat als

„deutsche Greta“ dabei die Führungsrolle

übernommen?

Das hätten die Medien gern so.

Luisa bringt viel Erfahrung mit und

liefert sehr wichtigen Input. Wir

wollen aber gezielt keinen Personenkult

schaffen. Doch wenn wir

dann Interviewanfragen bekommen

und einen der vielen anderen

Aktiven schicken, gibt es schon mal

eine Absage,weilJournalisten lieber

mit Luisa sprechen wollen.

Und wie lässt sich der Aufwand

finanzieren?

Das ist reines Engagement. Böse

Zungen behaupten, dass wir durch

die Grünen gesponsert werden,

aber das ist nicht wahr. Über Go-

FundMe sammeln wir Gelder, die

allerdings ausschließlich für Bühnen,

Druckmaterial oder Reisekosten

für die Demonstrationen genutzt

werden. Und bevor die Frage

kommt: Ja, das ist es alles wert.Weil

wir hier die Chance haben, etwas

Großes zu schaffen.

Was ihr aus eigener Kraft auf die

Beine stellt, klingt schon nach einer

Mini-Partei.

Das wäre doch großartig! Die

Personen, mit denen du jetzt zusammenarbeitest,

sind aus der gleichen

Motivation heraus Feuer und

Flamme für dasselbe Ziel. Du lernst,

auf wen dudich verlassen kannst.

Undschau dir an, wie weit wir es geschafft

haben! Würde ich eine Partei

gründen, dann wüsste ich nun, mit

wem ich das anstelle.

Schuld ist die,

die den

Spiegel hält

Warum werden Klimaaktivistinnen

so angefeindet?

von Salonika Huditi, 21 Jahre

Heuchler, Lügner, Hochstapler!

Derartigen Beschimpfungen

müssen sich vor allem Klimaaktivisten

und Veganer unterziehen. Insbesondere

grüne Berühmtheiten wie

Greta Thunberg, Luisa Neubauer,

Madeleine D. Alizadeh und Yovana

Mendoza werden hierbei unter

die Lupe genommen. Penibel wird

nach Doppelmoralen geschnüffelt,

bei dem kleinsten Fehltritt beißen

die Kritiker zu. Doch was ist dran an

diesem Phänomen? Warum werden

ausgerechnet Menschen, die sich für

einen nachhaltigen Lebensstil einsetzen,

vonden Kritikpfeilen gejagt?

Womöglich liefernuns die Schriften

vomSoziologen Niklas Luhmann

die Antwort: Innerhalb eines Systems

kommuniziertein Mensch eine

gewisse Selbstdarstellung mit den

eigenen Werten. Widerspricht das

Verhalten dieses Menschen seinen

zuvor kommunizierten Werten, so

enttäuscht er die Verhaltenserwartungen

deranderen Mitglieder.

Das würde erklären, warum die

Roh-Veganerin Yovana Mendoza mit

Kritik überflutet wurde, nachdem

sie beim Fischessen erwischt wurde.

Hauptkritikpunkt war das Verschweigen

ihrer neuen Ernährungsgewohnheiten,

was zwei ihrer kommunizierten

Werte widerspricht:

Transparenz und Rohveganismus.

Aber warum wird dann eine Greta

Thunberg kritisiert, die seit ihrem

achten Lebensjahr versucht, stets

umweltfreundlich zu handeln? Greta

belehrt mit ihren Reden die erwachsenen

Politiker und gibt ihnen

die politische Verantwortung für das

Klima, obwohl sie selbst noch die

Schule besucht. Gerade weil sie den

Politikern einen Spiegel vor ihr Antlitz

hält, wirdsie vonihnen kritisiert.

Lücken im eigenen politischen

Programm einzugestehen ist schwer.

Die simpelste Lösung ist, die Person

anzuprangern, die den Spiegel hält.

Hörproben

Dokumentationen und Spielfilme

zum Thema Klimawandel

In den Dokumentationen „Before

the flood“ und „11th hour –5vor12“

zeigt Leonardo di Caprio die Folgen

des Klimawandels in atemberaubenden

Bildern. EinmöglichesZukunftsszenario

wird indem Spielfilm „The

Day After Tomorrow“ präsentiert:

Aufgrund der Erderwärmung kühlt

der Golfstrom drastisch ab und es

kommt zuschrecklichen Naturkatastrophen.

Ein Horrorszenario. Süßer

wird esindem Spielfilm „WALL·E –

Der Letzte räumt die Erde auf“, in

dem auf berührende Weise erzählt

wird, wie wir unsere Erde zerstören

könnten. Hannah Pieper,14Jahre

Weitere Filmtipps zum Klimawandel gibt es

auf Spreewild.de.

von Ria Lüth, 19 Jahre

Als erstes Nichtkohlekraftwerk

schaffte es Ryanairgerade in die

TopTen der größten CO2-Emittenten

Europas. Doch selbst Umweltbewusste

stehen vor einem Dilemma:

Fliegen steht für Freiheit und

einen kosmopolitischen Lebensstil.

Das internationale Netzwerk „Stay

Grounded“will das ändern und eine

BewusstseinswendeinGangsetzen.

Ein Urlaubsflug von Berlin nach

Mallorca verursacht circa dieselben

CO2-Emissionen wie der durchschnittliche

deutsche Autofahrer

pro Jahr. Zwei Prozent der CO2-

Emissionen, die auf der gesamten

Welt produziert werden, gehen auf

den Flugverkehr zurück. Aber, und

das ist das Entscheidende, Flugzeuge

produzieren weitereTreibhausgase,

die den Klimawandel anheizen.

Das Umweltbundesamt rechnet dafür

mit dem Faktor3,ausgehendvon

den CO2-Emissionen, sodass der

Einfluss der flugbedingten Emissionendeutlich

steigt.Und das,obwohl

letztes Jahr nur3Prozent der gesamten

Weltbevölkerung geflogen sind.

Gleichzeitig wird eine

nachhaltige Verkehrspolitik im Namen

des Wachstums boykottiert.

ZumScheiternverurteilte Regionalflughäfen

werden subventioniert,

Defizite übernommen und die Preise

für Flugtickets künstlich unten

gehalten: Im Gegensatz

zur Bahn ist der Flugverkehr

von Mehrwertsteuer

auf internationale

Tickets, Energiesteuer

und Ökosteuer befreit. Auch

im Kyoto-Protokoll und im

Pariser Klimaabkommen

ist das Fliegen nur eine

Randnotiz. Stattdessen

wurde das Problem

auf die UN-Luftfahrtbehörde

ICAO abgerollt, die 2016 ein CO2-

Kompensationssystem für den Luftverkehr

beschloss. Demnach soll

das Wachstum der internationalen

Luftfahrt ab2020 CO2-neutral,

jedoch nicht begrenzt erfolgen.

Nichts als heiße Luft, beklagen Klimaverbände.

Nicht-Fliegen wirdTrend

Als Antwort darauf schlossen sich

2016 einzelne nationale Organisationen

zu dem weltweitenNetzwerk

„Stay Grounded“ zusammen, um

durch Protestaktionen, Vernetzung

mit politischen

FOTOLIA/CAFTOR

Akteuren und der Verbreitungihres

Positionspapieres den Neu- und

Ausbau von Flughäfen zu stoppen

undzuerreichen, dassder Flugverkehr

weitestgehend durch umweltfreundlichere

Alternativen ersetzt

wird.

In Schweden hatte die Bewegung

letztes Jahr ungeahnten Erfolg. Unter

dem Motto „Flygskam“, das sich

zum Wort des Jahres mauserte und

auf Deutsch „Flugscham“ heißt,

entwickelte sich das Nicht-Fliegen

zu einem Trend: Innerschwedische

Flüge gingen um drei Prozent

zurück und alleine

zwischen Malmö

und Stockholm

stieg die Belegung

der Nachtzüge auf das Doppelte

im Vergleich zum Vorjahr. Das

schwedische Beispiel zeigt:

Mehr Bewusstsein macht

einen Wandel möglich.

Eine Playlist voller Klimasongs

Leo Holldack hat seinen Song

„It’s Not TooLate“ für die „Fridays

for Future“-Bewegung geschrieben.

Bei den weltweiten Demonstrationen

am 15. Märzhat er ihn das erste

Mal vor Publikum performt. Auch

das Lied „We Have aWorld to Win“

wird auf den „Fridays for Future“-

Demonstrationen gesungen. Dafür

wurde der Text von„BellaCiao“verändert,

sodass erzum Thema Umweltschutz

passt.

Auch bei schon länger bekannten

Songs ist unsere Erde das Thema:

Der„Earth Song“ von Michael Jackson,

das Lied „Wake Up America“

von Miley Cyrus oder „Radioactive“

von den Imagine Dragons waren

echte Hits. Hannah Pieper,14Jahre

Die ganze Playlist könnt ihr auf Spreewild.de

hören.

Mit freundlicher Unterstützung von:

Das Projekt „Spreewild“

im Internet unter:

Die Beiträge dieser Seite werden von

Jugendlichen geschrieben.

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