Berliner Zeitung 08.04.2019

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6 I LEBEN MIT HANDICAP

MONTAG, 8.APRIL 2019 I VERLAGSBEILAGE

Einer der wenigen Profis in der jungen WCMX-Szene: David Lebuser hält auch bei Drop In e.V. Workshops ab.

FABIENNE KARMANN

Adrenalin auf Rädern: Mit dem Rolli durch die Halfpipe

Wheelchair Motocross ist eine junge Sportart. Training und Wettbewerbe spielen sich auf Skate-Anlagen ab

Die Augen des kleinen Rollstuhlfahrers,

die unter dem

riesigen Helm hervorlugen,

sprechen Bände: Bewunderung

für den Großen, der in seinem

Sport-Rolli durch die Halfpipe

flitzt, Selbstzweifel, ein bisschen

Bammel, als er selbst mit seinem

bunten Kinderrollstuhl oben an

der kleinen Rampe steht, schließlich

der Moment, in dem er sich

ein Herz fasst und losrollt –und

eine Sekunde später ungläubiger

Stolz: Wow! Geschafft!

Championship in Berlin

„Dieses Gefühl, eine Grenze überschritten

zu haben, nimmt man

mit in den Alltag“, sagt Linda Ritterhoff.

„Ein bisschen Angst, vorsichtiges

Rantasten an die Übung,

und schließlich die Selbstüberwindung

und der Erfolg.“ Linda Ritterhoff

ist Mitgründerin des Vereins

Drop In e.V., der sich unter anderem

dem Inklusionsgedanken verschrieben

hat und im Rahmen des

Projekts „WCMX goes Berlin“ alle

14 Tage in der Skatehalle Berlin

ein offenes, kostenloses Training

in „WCMX – Wheelchair Motocross“

anbietet.

Die Sportart ist, wie so viele

Trends, aus Amerika herübergeschwappt,

seit einigen Jahren gibt

es auch in Deutschland eine kleine

Szene. Deren Protagonist ist

der Profi David Lebuser, der auch

bei Drop In e.V. abund zu Workshops

anbietet. Und am 18. Mai

findet die 2. International German

WCMX Championship in Berlin

statt, ausgerichtet von Drop In e.V.

in Zusammenarbeit mit dem Deutschen

Rollstuhl-Sportverband. Hier

werden auch die Deutschen Meister

ermittelt. Die Championship

kommt mit einem großen Rahmenprogramm

nach Berlin, das sich

über drei Tage erstreckt: Während

am Freitag die Skatehalle Berlin

nur den registrierten Teilnehmern–

man hofft auf rund 25 Aktive aus

dem In- und Ausland –zum Training

zur Verfügung steht, öffnen sich

am Samstag die Türen fürs Publikum.

Während des Wettbewerbs

können die Stunts der Sportler

von der Qualifizierung bis ins Finale

bejubelt werden. Am Sonntag

erkundet man unter dem Motto

„WCMX durch Berlin“ mit Drop

In e.V. die Stadt und die besten

Skateparks. Vom 30. August bis

zum 1. September findet die Paraskate

2019, die Weltmeisterschaft

im WCMX, in Köln statt.

Ehe sie dort starten können,

müssen die Teilnehmer des offenen

Trainings von Drop In e.V.

noch viel üben. Gewonnen haben

sie aber bereits: Mehr Selbstbewusstsein,

mehr Alltagsmobilität

durch bessere Rollstuhlbeherrschung.

Und mehr Spaß sowieso.

Die erste Barriere, die Rollstuhlsportler

überwinden müssen,

steht in den Köpfen von professionellen

Betreuern, Eltern und Bekannten.

„Die erste Reaktion ist

immer: Skaten? Oh Gott!“ lacht

LindaRitterhoff.Menschen mit Behinderung

würden von ihrer Umgebung

gern inWatte gepackt. Dabei

macht esihnen kaum mehr aus,

sich mal auf die Nase zulegen,

als Gleichaltrigen ohne Handicap.

„Natürlich bekommen die Teilnehmer

eine Schutzausrüstung,

wir üben den Umgang mit dem

Rollstuhl, und wir leisten Hilfestellung“,

so Ritterhoff.

Mit Neulingen werden zunächst

Gleichgewichtsübungen mit dem

Rollstuhl gemacht, der Einstieg

ist sanft, mit kleinen Rampen und

harmlosen Übungen. Und dann

SKATEN ALS EINSTIEG – D ER VEREIN DROP IN

Im Verein Drop In –Forum für

interkulturelle und politische

Bildung e.V. –engagieren sich

Menschen aus Sonder- und Erlebnispädagogik,

Sozialarbeit,

politischer Bildung sowie Projekt-

und Kulturmanagement.

Gegründet wurde der Verein im

Jahr 2015.

Die Gründungsmitglieder verbindet

ihre Leidenschaft fürs

Skateboardfahren und die Erfahrung,

dass sich Skaten gut in

der Arbeit mit jungen Menschen

einsetzen lässt. Zentrales Anliegen

ist die nachhaltige Förderung

des interkulturellen Austauschs,

der Partizipation

gesellschaftlich benachteiligter

Gruppen und der demokratischen

Zivilgesellschaft gegen

fremdenfeindliche, antisemitische,

homophobe und sexistische

Ideologien.

Der Verein verbindet dazu Bildungs-

und Integrationsarbeit

mit attraktiven, niedrigschwelligen

Freizeitangeboten. Neben

Skateboarding und Rollstuhl-

Skaten gibt es im Sportbereich

unter anderem Selbstverteidigungs-Kurse.

Die Jugendlichen

können auch ihre eigenen Ideen

ins Angebot einbringen.

Drop In e.V. wird durch Projektförderung

von verschiedenen

Organisationen unterstützt,

so fördert die Katarina Witt-Stiftung

z.B. das Projekt WCMX

goes Berlin. Angebote zur Inklusion,

Arbeit mit Geflüchteten, interkulturelle

Pädagogik sowie

kulturelle Bildung gehören ebenfalls

zum Angebot des Vereins.

www.dropin-ev.de

kann sich jeder in seinem eigenen

Tempo an weitere Herausforderungen

herantasten. „Unter

Rollstuhlfahrern gibt es Sportliche

und weniger Sportliche wie überall

sonst. Wer schon jahrelang

Rollstuhl-Basketball spielt, kommt

natürlich gleich besser klar als jemand,

der noch gar keinen Sport

mit dem Rolli gemacht hat“, sagt

Linda Ritterhoff. Die ersten Übungen

klappen auch mit Allround-

Aktivrollstühlen, dann gibt es

Sportrollstühle sowie spezielle

WCMX-Rollis –meist eine Maßanfertigung.

6000 Euro kann man

für ein Top-Modell leicht loswerden.

Die Krankenkassen machen

meist beim Aktivrollstuhl Schluss.

Jeder kann mitmachen

Zum offenen Training, das gleichzeitig

mit einer Skater-Gruppe

stattfindet und stets ein rundes

Dutzend Aktive anzieht, bringt das

Drop-In-Team Aktivrollis mit, die

von der Katharina-Witt-Stiftung

finanziert wurden. So können

auch Fußgänger mal ausprobieren,

wie es sich damit skatet.

Inklusiv wird hier schließlich groß

geschrieben –injeder Beziehung.

Zum Training kam auch schon

eine Endsechzigerin, die sich fit

und mobil machen wollte für die

Zukunft mit Rollstuhl.

Frauke Wolf

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