Berliner Zeitung 08.04.2019

BerlinerVerlagGmbH

MONTAG, 8.APRIL 2019 I VERLAGSBEILAGE

LEBENMIT HANDICAP I7

Wer ein Kind aufzieht,

kennt die Verunsicherungen,

die das mit sich

bringt. Ist es normal, dass Julian

mit drei Jahren kaum spricht?

Dass Mia mit elf bereits voll in der

Pubertät ist? Und welche Schule

ist die richtige? Wie unterstütze

ich mein Kind im ersten Liebeskummer,

wie in der Berufswahl?

Noch viel verwirrender ist es, wenn

das eigene Kind ein Handicap hat,

man sich also nicht mal eben mit

Freunden, Nachbarn und Verwandten

beratschlagen kann, wie das

denn bei denen so abläuft.

„Der Informationsbedarf ist

riesig“, sagt Christiane Müller-

Zurek von der Lebenshilfe Berlin.

„Uns ist wichtig, dass Angehörige

sich austauschen können, gut

informiert sind und umfassende

Beratung und Unterstützung bekommen.“

Die Lebenshilfe ist vor

Jahrzehnten gegründet worden

als Selbsthilfegruppe betroffener

Eltern, und neben all ihren anderen

aktuellen Aufgaben begleitet

sie Familien bis heute durch alle

Lebensstadien von Menschen mit

geistigen Beeinträchtigungen.

Orientierung im Dschungel

„Früher sagte man durchaus,

dass die Geburt eines Kindes mit

Behinderung eine Familie in eine

Krise stürzen kann. Heute werden

die Beteiligten viel besser aufgefangen,

sie holen sich die Hilfe,

die sie brauchen“, sagt Müller-Zurek.

Betroffene Eltern und andere

Angehörige haben tausend Fragen:

Von medizinischen Themen

über die Entwicklung des Kindes

Niemand muss die Aufgabe allein schultern

Lebenshilfe informiert, stärkt und unterstützt die Angehörigen von Menschen mit Handicap mit Rat und Tat

bis zu rechtlichen und finanziellen

Aspekten spielen plötzlich so viele

Dinge eine Rolle. „Für Angehörige

ist es oft nicht leicht, sich im

Hilfesystem zurechtzufinden, sie

erleben es häufig als unübersichtlichen

Dschungel.“

Anfangs bilden die Elterngruppen

ein wichtiges Netz. Hier können

sich Betroffene austauschen

und mit der stets anwesenden

Fachkraft von der Lebenshilfe ihre

Sorgen, Ängste und Vorurteile

besprechen. Es geht um Medizinisches,

um Frühförderung, um

Jubiläum in Kreuzberg

200 Menschen arbeiten hier bei „Mosaik“

GETTYIMAGES/VADIMGUZHVA

Gerade am Anfang finden Mütter und Väter den Austasuch mit Familien in derselben Situation hilfreich.

Im Februar 1994 eröffnete

„Mosaik“ mitten in Kreuzberg

eine Werkstatt zur beruflichen

Qualifikation und Inklusion von

Menschen mit Behinderung –

jetzt wurde 25-jähriges Bestehen

gefeiert. Die Räume in den

denkmalgeschützten Gewerbehöfen

am Paul-Lincke-Ufer boten

anfangs viel Platz für die etwa

100 Beschäftigten. Inzwischen

ist die Werkstatt Arbeitsort für

knapp 200 Menschen. Auf über

3000 Quadratmetern produzieren

sie für die Industrie, unterstützen

immer mehr Start-ups im Kiez als

Dienstleister, bewirtschaften eine

Kantine und stellen kunsthandwerkliche

Produkte her.

Ein Beispiel: Das Start-up

„Kaffeeform“, für das das Mosaik-Team

inCafés und Restaurants

Kaffeesatz einsammelt, trocknet

und mithilft, diesen zu Kaffeetassen

weiterzuverarbeiten.

Der Hintergrund: 1965 gründeten

elf Damen des Deutsch-Amerikanischen

Frauenclubs „Das

Mosaik e.V.“ zur Betreuung von

Menschen mit Behinderung. Daraus

entwickelte sich ein Unternehmensverbund,

der mit über 2000

Mitarbeitenden an über 45 Standorten

zu den größeren sozialen

Trägern inDeutschland zählt. Die

Mosaik-Berlin gGmbH widmet sich

der Förderung, beruflichen Qualifikation

und Beschäftigung von

Menschen mit Behinderung. Langfristiges

Ziel ist die Qualifizierung

für den ersten Arbeitsmarkt.

www.mosaik-berlin.de

Motorik, um intellektuelle Fähigkeiten.

Gestärkt wird hier nicht

nur die Kompetenz, mit der Beeinträchtigung

der Kinder umzugehen,

sondern auch der Blick auf

deren Stärken und Ressourcen.

„Und: Eltern müssen verstehen,

dass ihr Kind grundsätzlich genau

wie andere Kinder ist, mit all den

ganz normalen Bedürfnissen“, hat

Müller-Zurek beobachtet. Das Angebot

richtet sich auch an Eltern

älterer Kinder.

Ein weiteres großes Thema:

Die richtige Schule für mein Kind.

„Trotz der vielen guten Entwicklungen

in Richtung Inklusion ist es

für betroffene Eltern immer noch

eine schwierige Frage“, so Müller-

Zurek. „Wir organisieren jeden

Herbst einen ganzen Info-Tag zum

Thema, der sehr gut angenommen

wird. Da kommen auch schon Eltern

mit kleinen Kindern.“

Sehr begehrt sind auch die

Fortbildungen zum Thema „Gebärdenunterstützte

Kommunikation“.

„Wir informieren außerdem

umfassend zu Unterstützungsangeboten,

finanziellen Hilfen und

Inklusive Sportangebote

für Menschen mit und ohne

Beeinträchtigung

selbst. bestimmt.leben.

Mitglied bei

rechtlichen Ansprüchen, zu Übergängen

in den einzelnen Lebensabschnitten,

zu Teilhabe in allen

Lebensbereichen und vermitteln

an weiterführende Beratungsoder

Fachstellen“, zählt Müller-

Zurek auf. Themen, die Eltern

bewegen, sind schließlich auch

Partnerschaft und Sexualität, sexualisierte

Gewalt, gesetzliche

Betreuung und Wohnformen für

erwachsene Kinder. Beratung gibt

es bei Bedarf auch in türkischer

oder arabischer Sprache – von

Mitarbeitern, die selbst in anderen

Kulturen zu Hause sind.

Auszeiten organisieren

Hinzu kommen die Familienentlastenden

Dienste der Lebenshilfe:

Von regelmäßigen Freizeitangeboten

über professionelle

Betreuung stundenweise bis zum

Urlaubsangebot für Kinder, Jugendliche

und Erwachsene mit

Beeinträchtigung bieten sie zahlreiche

Möglichkeiten, Eltern und

Geschwistern Auszeiten zu ermöglichen.

Hier leistet die Pflegeversicherung

oft einen Beitrag.

„Ganz aktuell sind die Änderungen

aus dem Bundesteilhabegesetz.

Der Beratungs- und Informationsbedarf

ist riesengroß,

und die Materie sehr komplex.

Insbesondere für Familien, deren

behinderte Angehörige in stationären

Einrichtungen leben, ändert

sich sehr viel. Aktuell bereiten

wir die ganzen Informationen verständlich

auf. Außerdem führen

wir regelmäßig Angehörigenabende

zu dem Thema durch“, ergänzt

Müller-Zurek. (fwo)

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