Heimat-Rundblick 128

gtozp123

Magazin mit kulturellen und historischen Bezügen zum Elbe-Weser-Raum

Frühjahr 2019 Einzelpreis € 4,50

1/2019 · 32. Jahrgang

ISSN 2191-4257 Nr. 128

RUNDBLICK

AUS DER REGION HAMME, WÜMME, WESER

GESCHICHTE · KULTUR · NATUR

I N H A L T

unter anderem:

Stammen drei Fresken aus einer Hand?

Der Bremer Walfisch

Überraschende Entdeckungen in Daverden

Der Heidkamp

Die Landsknechte am Bremer Rathaus

Haus Windeck in Grohn

Wätjens Park

Die Lübberstedter Mühle

I N H A L T


Redaktionssitzung

Rückblick auf die Redaktionssitzung bei den

Heimatfreunden Neuenkirchen am 19. Januar

2019.

Der Verein hat mit viel Eigenleistung hinter

der alten Schule Vorbruch ihr neues Domizil,

die Heimatstube in der Schulstraße 18,

erbaut. Seit 2004 zeichnet der Verein auch

für die „Baracke Wilhelmine“ verantwortlich,

die auch bereits einmal Ziel unserer

Redaktionssitzung gewesen ist. Wir wurden

freundlich von dem 1. Vorsitzenden, Herrn

Hartmut Bohlmann, begrüßt, der uns auch

einen Einblick in die überaus erfolgreiche

Arbeit des Vereins gönnte. Die Mitgliederzahl

beträgt zur Zeit 290 Personen, davon

sind allein seit 2011 160 (!) dazugekommen.

Im nächsten Jahr steht die Jubiläumsfeier

zum 60. Gründungstag an – wir wünschen

gutes Gelingen.

Der Verein verfügt über 30 Präsentationen

im Archiv, die bei passender Gelegenheit

öffentlich vorgeführt werden können. Dazu

kommen 2000 Bilder und Kartenmaterial.

Mit den Präsentationen ist nicht nur ein

Archiv der Geschichte erschaffen worden,

sondern auch die Möglichkeit gegeben,

jederzeit aus verschiedenen Themenbereichen

der Geschichte und Entwicklung des

Dorfes, Besuchern und Interessierten diese

Werke zu zeigen. Dieses geschieht durch

regelmäßige, vom Verein organisierte, Veranstaltungen

aber auch auf Wunsch vor Ort

bei anderen Vereinen oder Institutionen.

Nach dieser beeindruckenden Übersicht

über das rührigen Schaffens der Vereinsmitglieder

durften wir uns dem durch die

dienstbaren Geister servierten Köstlichkeiten

widmen – dafür vielen Dank!

Nach Stillen des ersten Hungers richtete der

Herausgeber seine Worte an die versammelten

Redakteurinnen und Redakteure, nachfolgend

ein Auszug daraus:

„Leider konnten heute einige Mitglieder

nicht kommen, bei einigen sind es familiäre,

bei anderen gesundheitliche Gründe.

Umsomehr freue ich mich, dass Sie alle den

Weg hierher gefunden haben und wünsche

Ihnen für das nun schon leicht angebrochene

neue Jahr alles Gute – bleiben Sie gesund

und munter und bleiben Sie unserer

gemeinsamen Sache treu.

Mit dabei ist erfreulicherweise auch der Begründer

unserer Zeitschrift, Manfred Simmerung,

der im Dezember seinen 80. Geburtstag

feiern konnte – ich wünsche ihm

alles Gute und weiterhin die gewohnte

Schaffenskraft.

In diesem Heft musste ich auf unseren Artikelfundus

zurückgreifen, deshalb finden

Sie einige Artikel unseres Freundes Rudolf

Matzner, der leider aufgrund seines gesundheitlichen

Zustandes heute nicht dabei

sein kann.

In der vergangenen Woche war ich als Mitglied

des Regionalausschusses Osterholz

zum Neujahrsempfang der IHK Stade eingeladen

– eine große Veranstaltung mit ca.

800-900 Gästen. Die Hauptrede hielt unser

Ministerpräsident, Stephan Weil – und er

hat vom Rohstoff des Nordens fabuliert

– dem Wind, der Turbinen antreiben und

mit deren Strom man Wasserstoff erzeugen

kann, dem Energieträger der Zukunft, der

ja auch schon im Elbe-Weser-Dreieck von

einem Zug genutzt wird – dem ersten weltweit

übrigens.

Das hat mir mal wieder zu denken gegeben;

ich meine, wir sollten uns auch – ich

sage bewußt auch – mit solchen aktuellen

Themen beschäftigen. Wir dürfen, überspitzt

gesagt, nicht nur vom Friedhof, sondern

auch aus dem Kreißsaal berichten –

und von allem, was dazwischen liegt.

Wenn unsere Zeitschrift eine Zukunft haben

soll – und ich gehe davon aus, das wir das

alle wollen, müssen wir uns um Themenvielfalt

bemühen, einmal von den Themen

selbst her, einmal von den regionalen Kulissen

her, die sich momentan immer wieder

gleichen.

Wir brauchen Kontakte – zum Beispiel auch

zu Heimatvereinen in unserer Region, wir

können sie ansprechen, besuchen und um

Mitarbeit bitten.

Ich stelle mir zum Beispiel vor, dass sich jemand

aus unserem Kreis darum bemüht –

vielleicht machen Sie sich einmal Gedanken

dazu.

Zur Lage des Heimat-Rundblicks – die Finanzierung

bewegt sich am Rande des Machbaren,

durch Ableben ausfallende Abos sind

kaum durch neue zu ersetzen. Nachdem ich

2010 von Manfred Simmering die Verantwortung

für seine Verlagsobjekte übernahm

– der Heimat-Rundblick hatte zwischen 24

und 28 Seiten – wurde der Umfang erweitert

und das Heft komplett vierfarbig gedruckt.

Neben den Papier- und Druckkosten

sind die Versand- und natürlich auch

die Lohnkosten erheblich gestiegen – dies

macht eine Preisanpassung unbedingt notwendig,

über deren Höhe noch nachgedacht

wird.

Im Jahr 2018 wurden die Satzarbeiten von

einer Mitarbeiterin betreut, die Ende des

Jahres 2018 unsere Firma verlassen hat.

Wie Sie wissen, erscheinen quartalsmäßig

einige Broschüren bei uns, dazu kommen

Gestaltungs- und Satzarbeiten für externe

Broschüren. Da dies immer zum Ende eines

Vierteljahres kulminieren, möchte ich die Erscheinungstermine

etwas entzerren. Daher

wird der Heimat-Rundblick zukünftig offiziel

erst um den 15. – 20. des ersten Monats

eines Quartals erscheinen – was ja bisher

auch bereits ungewollt geschehen ist. Ich

bitte für beides um Verständnis.“

Nach diesen mehr oder weniger ernsten

Worten ging es mit der Tagesordnung weiter

– Rückschau auf die aktuelle Ausgabe,

Aufnahme von Themen für die nächste

Nummer 128, Aussprache – und dann hieß

es wieder Abschied nehmen. Jürgen Langenbruch

bedankte sich für die gute Arbeit

der Mitstreiter, bedankte sich für die überaus

freundliche Aufnahme der Heimatfreunde

Neuenkirchen und wünschte eine gute

Heimfahrt – bis zum nächsten Mal!

Nächste Redaktionssitzung

Die nächste Redaktionssitzung findet am Samstag, den 11. Mai 2019, 15.00 Uhr,

im „Haus Irmintraut“ in Fischerhude statt.

2 RUNDBLICK Frühjahr 2019


Aus dem Inhalt

Aktuelles

Jürgen Langenbruch

Redaktionssitzung Seite 2

Vorwort Seite 3

BRAS e.V.

Köksch un Qualm Seite 19

Heimatgeschichte

Harald Steinmann

Stammen drei Fresken

aus einer Hand? … Seite 4-6

Dr. Hans Christiansen

Der Bremer Walfisch Seite 7

Prof. Dr. Jürgen Teumer

Überraschende Entdeckungen

in Daverden Seite 8-9

Wilhelm Berger

Der Heidkamp Seite 10-12

Dr. Hans Christiansen

Haus Windeck in Grohn Seite 20-23

Rudolf Matzner

Wätjens Park Seite 24-26

Harry Schumm

Trigonometrische

Messpunkte Seite 26

Manfred Simmering

Die Lübberstedter

Mühle Seite 27

Kultur

Ausstellung im Kreisarchiv

100 Jahre Ende des

1. Weltkrieges Seite 13

Dr. Harro Jenss

Jürgen Teumer:

Das Haus im Schluh Seite 15

Dr. Hans Christiansen

Die Landsknechte

am Bremer Rathaus Seite 16-18

Natur

Maren Arndt

Wollgraszeit im

Teufelsmoor Seite 14

Serie

Peter Richter

’n beten wat op Platt Seite 9

Bauernregeln Seite 15

Unvergessen Seite 18

Redaktionsschluss für die nächste

Ausgabe: 31. Mai 2019

Liebe Leserinnen

und Leser,

der ungemütliche Winter ist nun endgültig

vorbei, „Vom Eise befreit sind

Strom und Bäche durch des Frühlings

holden, belebenden Blick, im Tale grünet

Hoffnungsglück;...“ heißt es bei

Goethe – und so freuen wir uns auf den

frischen grünen Schimmer, der auf den

Bäumen den baldigen maigrünen Blätterwald

ankündigt.

Sie halten den „Heimat-Rundblick“ etwas

später als gewohnt in den Händen

– und das möchte ich Ihnen gerne erklären.

Unser Verlag bringt eine Reihe

von Informationsbroschüren heraus,

die eigentlich alle zum 1. eines Monats

im Quartal erscheinen sollen. Leider

sind unsere Kapazitäten dadurch ausgereizt,

sodass wir beschlossen haben,

die Erscheinungstermine etwas zu entzerren.

Deshalb erscheint unser Magazin

zukünftig erst nach der Mitte des

ersten Monats eines Quartals – ich bitte

Sie dafür um Verständnis. Dieses benötige

ich auch, wenn ich Sie über eine

notwendige Preiserhöhung informiere.

Seit der Übernahme des Heimatrundblicks

vom Verlag Simmering im Jahre

2010 wurde der Umfang des Heftes

erweitert und durchgehend farbig gedruckt.

Druck- und Papierkosten sind

gestiegen, die Post verlangt erheblich

mehr für den Versand, alles dieses ist

kalkulatorisch nicht mehr tragbar. Deshalb

wird der Einzelpreis ab der nächsten

Ausgabe auf 5,25 Euro erhöht.

Ich hoffe auf Verständnis für die Mehrkosten

pro Jahr von 3,– Euro – dafür bedanke

ich mich.

Im Heft finden Sie wieder eine Reihe

von Artikeln, die von unseren rührigen

Redakteurinnen und Redakteuren in

ihrer Freizeit recherchiert und formuliert

werden – für unsere gemeinsame

Sache, der Heimatpflege. Unser Freund

Helmut Strümpler verbringt viel Zeit

damit, gewissenhaft die Artikel auf

Fehler zu untersuchen – auch dafür sei

herzlich gedankt, auch wenn er nach

Erscheinen immer wieder feststellt, dass

sich in nachträglich eingestellten Beiträgen

noch Fehler eingeschlichen haben.

Aber ich hoffe, dass die Leser gütig

darüber hinwegsehen.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß und eine

kurzweilige Erweiterung Ihres Wissens

über unsere Heimat in Bremen und

Niedersachsen!

Ihr Jürgen Langenbruch

Impressum

Herausgeber und Verlag: Druckerpresse-Verlag UG

(haftungsbeschränkt), Scheeren 12, 28865 Lilienthal,

Tel. 04298/46 99 09, Fax 04298/3 04 67,

E-Mail info@heimat-rundblick.de,

Geschäftsführer: Jürgen Langenbruch M.A.,

HRB Amtsgericht Walsrode 202140.

Für unverlangt zugesandte Manuskripte und Bilder

wird keine Haftung übernommen. Kürzungen vorbehalten.

Die veröffentlichten Beiträge werden von

den Autoren selbst verantwortet und geben nicht

unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Wir

behalten uns das Recht vor, Beiträge und auch Anzeigen

nicht zu veröffentlichen.

Leserservice: Tel. 04298/46 99 09, Fax 04298/3 04 67

Korrektur: Helmut Strümpler

Erscheinungsweise: vierteljährlich

Bezugspreis: Einzelheft 5,25 € , Abonnement 21,– €

jährlich frei Haus. Bestellungen nimmt der Verlag

entgegen; bitte Abbuchungsermächtigung beifügen.

Kündigung drei Monate vor Ablauf des Jahresabonnements

möglich.

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Druck: Langenbruch Druck und Medien, Lilienthal

Erfüllungsort: Lilienthal,

Gerichtsstand Osterholz-Scharmbeck

Der HEIMAT-RUNDBLICK ist erhältlich:

Worpswede: Buchhandlung Netzel, Aktiv-Markt,

Barkenhoff, Museumsanlage OHZ

Unser Redaktionsteam:

Maren Arndt, Wilhelm Berger, Dr. Jens Uwe

Böttcher, Johann Brünjes, Dr. Hans Christiansen,

Susanne Eilers, Wilko Jäger, Gabriele Jannowitz-

Heumann, Rupprecht Knoop, Harald Kühn,

Jürgen Langenbruch M.A., Siegfried Makedanz,

Rolf Masemann, Rudolph Matzner, Herbert A.

Peschel, Horst Plambeck, Daniela Platz, Johannes

Rehder-Plümpe, Peter Richter, Anke Schoenhoff-

Prikulis, Harry Schumm, Manfred Simmering,

Harald Steinmann, Dr. Helmut Stelljes,

Helmut Strümpler

Unser Redakteur Wilhelm Berger hat eine

Jahresübersicht für 2018 erstellt. Diese

können Sie bei Interesse als PDF-Datei

zum Ausdrucken bei uns anfordern.

Titelbild:

Gedächtnismonument

für Chr. H. Wätjen

(Quelle: Rainer Frankenberg)

RUNDBLICK Frühjahr 2019

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Stammen drei Fresken aus einer Hand? …

Parallelen bei Wandmalereien in L, Lilienthal und Wildeshausen

Klosterkirche Lilienthal

Klosterkirche Wildeshausen

Dommuseum Bremen

Im Jahr 1997 erschien im „Oldenburger

Jahrbuch“ ein Artikel von Frau Dr. Ingrid

Weibezahn, der ehemaligen Leiterin des

Bremer Dommuseums. Während ihrer Zeit

im Museum muss sie immer wieder auf die

Wandmalerei blicken, die im Jahr 1985 in

einem Anbau entdeckt, der danach zum

Dommuseum wurde. Sie baut eine Brücke

in den ehemaligen Klosterort Lilienthal

vor den Toren Bremens. Die in der Klosterkirche

St. Marien in den Jahren 1974

bis 1976 freigelegten Fresken weisen eine

verblüffende Ähnlichkeit mit den im Jahre

1985 entdeckten Wandmalereien aus dem

Bremer Dom auf! Sie bemerkt noch eine

weitere Auffälligkeit: In der Sakristei der

Kirche St. Alexander in Wildeshausen sind

ebenfalls Fresken freigelegt worden, deren

Ähnlichkeit zu den beiden anderen ihr auffällig

erscheint. Vom biblischen Inhalt, der

Datierung und der Wiedergabe: Die Fresken

könnten einer Werkstatt, nein, eher

einer Hand entstammen! Der Zeitraum der

Schöpfung dieser Kunstwerke bewegt sich

um das Jahr 1400, darauf legt sich Frau Dr.

Weibezahn fest.

In Bremen begann um 1400 eine Blütezeit

der Kunst: So spendete auch Herbord

Schene zu dieser Zeit den ansehnlichen Betrag

von 100 Mark für eine Grabplatte als

Denkmal zu Ehren seiner Schwester Gertrudis,

die als Äbtissin im Kloster Lilienthal von

1351 bis 1379 gemeinsam mit ihren drei

Schwestern lebte. 21 Jahre nach ihrem Tod

muss es also einen Anlass gegeben haben,

einen zweckgebundenen Betrag zu spenden:

Er wusste, dass ein namhafter Bildhauer

und Baumeister auf dem Weg nach

Bremen war – wohl durch die enge Verbindung

zu Johann Hemeling. Gemeinsam mit

ihm und Gerd Rinesberch verfasste er die

älteste Bremer Chronik.

Genau zu diesem Zeitpunkt, im Jahr

1400, beschäftigt sich Johann Hemeling,

Ratsherr und späterer Bürgermeister und

Dombaumeister, mit der Beschaffung eines

Schreins zu Ehren der beiden Arztheiligen

Cosmas und Damian für deren Reliquien,

Schrein, ehemals im Bremer Dom

Historische Darstellung des Bremer Rathauses

4 RUNDBLICK Frühjahr 2019


Grabplatte Äbtissin

1404 Jahre ...“ – Der Roland wurde danach

im Jahr 1405 geschaffen! Die letzten Zweifel

an der Person des Bildhauers schwinden!

Auch dieses Meisterwerk entstammt

den Händen des Meister Johannes, der im

Jahr 1405 mit der Vermessung der Größe

des Rathauses begann. Der Schild wurde

wohl von Westval geschaffen, der ja auch

anschließend im Rathaus seine Schilde gemeinsam

mit Hanse (Meister Johannes.) in

Stroh einpackte.

Die Fingerspitzen der Handschuhe des

Rolands zeugen davon, welches Feingefühl

der Bildhauer in dieses Werk investiert hat.

Ein Stadtführer betrachtet nach Aufforderung

durch die Bullaugen in der Balkonbrüstung

des Rathauses die Konsolfiguren

unter den Kurfürsten, die er vorher nicht

kannte. Auf die Frage: „Wer guckt Dich

an?“, einem Aufschrei gleich: „Roland!“

Konsolfigur Äbtissin

antwortet. – Den Stadtführern allgemein

scheinen die Konsolfiguren unter den sieben

(8) Kurfürsten nicht bekannt zu sein.

– Erst nach der Herausgabe seines Buches

„Das Rathaus in Bremen“ im Jahr 1994

durch Rolf Gramatzki, Studiendirektor am

Hermann-Böse-Gymnasium, waren die

Konsolfiguren anhand einer Spendenliste

entschlüsselt. Mit der Recherche dazu hat

er im Jahr 1969 begonnen, 25 Jahre dauerte

die Suche: Unter dem Markgrafen von

Brandenburg wurde die Äbtissin Margareta

(1386 bis 1418) des Klosters Lilienthal für

eine Spende von 28 Gulden als Konsolfigur

verewigt (außen rechts), eine weitere Brücke

zum Lilienthaler Kloster.

Die Kunstexperten sind sich durchgehend

einig: Es handelt sich um böhmische

Arbeit, böhmische Kunst! Daher musste

man als Konsolfigur unter dem König von

Handschuh der Rolandfigur auf dem Bremer

Marktplatz

was darauf schließen lässt, dass dies ebenfalls

im Hinblick auf das Erscheinen des erwarteten

Könners auf mehreren Gebieten

geschah. Bei eingehender Betrachtung

kann man in dem Schrein durchaus einen

Entwurf, das Modell des geplanten Rathauses

vermuten. Die gedankliche Brücke nach

Roskilde, dem Sarkophag der dänischen

Königin Margarethe I., folgt sofort! Die

Aufteilung, die kleinen Figuren (Skulpturen)

erinnern doch sehr an die Ausstattung

des Bremer Rathauses. Der Abschluss der

kleinen Säulen des Baldachins stimmt mit

denen in Bremen in der Form und den abschließenden

Knospen überein.

Wenn Meister Johannes, dieser begnadete

Künstler, in der Lage war, neben seiner

Arbeit als Steinmetz und Baumeister auch

die Anfertigung eines Schreins zu übernehmen,

um den Bremer Ratmännern ihr

neues Rathaus vorzustellen, dann war sein

Können breit gefächert. Ob nun persönlich

geschaffen oder nach seiner Vorstellung gefertigt,

er muss ein ganz Großer unter den

damaligen Handwerkern gewesen sein!

„Do na ghodes bord weren ghan

M.CCCC unde //// (1404) jar, let de rad

to Bremen buwen Rolande van stene; de

kostede hundert unde seventich bremere

mark, de Clawes Zeelsleghere unde

Jacob Olde deme rade rekenden.“ – Diesen

Worten haben Historiker einer Notiz

auf dem Umschlag des Rechnungsbuches

entnommen, dass es sich um zwei Bremer

Bildhauer handelt, die dem Rat der Stadt

Bremen als Steinmetzen 170 Bremer Mark

in Rechnung stellten. Diese beiden Ratmänner

tauchen im Rechnungsbuch zum Bau

des Bremer Rathauses namentlich nicht

wieder auf, haben keinen handwerklichen

Beitrag beim Bau des Rathauses geleistet,

scheiden somit als Erbauer des Bremer Rolands

aus! … Sie genossen das Vertrauen

des Johann Hemeling, waren ausersehen,

im Auftrag des Rates der Stadt einen begnadeten

Bildhauer und Baumeister nach

Bremen zu holen. Die 170 Mark beinhalteten

Reisekosten und Anzahlung des Lohns

für Planung und Ausführung der vereinbarten

Arbeiten. – „… weren ghan ...“ =

„Da nach Christi Geburt waren vergangen

Schöne Madonna (jetzt Focke Museum)

Schöne Madonna

(Krumau, Tschechien [früher Böhmen])

RUNDBLICK Frühjahr 2019

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Originalkopf Rolands im Fockemuseum

Böhmen den Bildhauer Meister Johannes

erkennen, verbunden durch eine Efeuranke

mit seiner Ehefrau. Die schon erwähnte

Ähnlichkeit mit dem Antlitz des Rolands

ist ein weiterer Hinweis auf diese Theorie.

– Unter ihm brachte Lüder von Bentheim

während der Jahre von 1609 bis 1612

(Umbau des Rathauses) eine Sandsteinverzierung

ein, versehen mit einem Schriftzug.

Rolf Gramatzki: „Fest steht, dass er kein

Bremer Bildhauer ist.“ – Victor Curt Habicht,

deutscher Kunsthistoriker, vermutet,

dass ein Mitglied der Familie Parler in

Meister Johannes zu suchen ist. Vater Peter

Parler hat mit seinen Söhnen Wenzel und

Johann der Bau- und Bildhauerkunst ein

völlig neues Gesicht gegeben: Eines der

Markenzeichen ihres Wirkens waren allein

schon die Konsolfiguren! Die Begriffe „Weicher

Stil“ und „Schöne Madonna“ in der

Kunstgeschichte gehen auf diese drei Mitglieder

der Familie Parler zurück!

In mehreren Quellen wird Johann Hemeling

als Fälscher bezeichnet: „Als Fälscher

lässt sich Johann Hemeling ermitteln, …“

(Autorität Freidank: … Ines Heiser, 2012);

Kopf Johannes an der Bremer Rathausfassade

„… ging der Bremer Dombaumeister Johann

Hemeling daran, die Freiheit der

Stadt Bremen“, „Urkundenfälschungen

und entsprechende Interpolationen in die

Stadtchronik …“ (Fälschungen im Mittelalter,

1988) – Diese und weitere Beispiele

zeigen an, welche Wege Johann Hemeling

ging, um Bremen in der Hanse in einem

besonderen Licht erscheinen zu lassen.

Um 1400 intensivierten die norddeutschen

Hansestädte ihre Handelsbeziehungen

und erweiterten die Macht ihres Rates

im Umkreis ihrer Städte … (Lieselotte Klink,

Johann Hemeling, † 1428).

„Item 8 sware schillinge unde 3 gr, do he

den anderen breef sende tho hus, de synen

wyve ward by Clawese.“

Zum Vergleich: „Item Hermann dem lopere

(dem Läufer) 10 grote 2 sware , do he

Rodewolde den breef brachte tho Hannovere.“

[1 Bremer Mark = 160 sware = 32

grote]

Der andere (zweite) Brief musste einen

langen Weg zurücklegen. Nicht, wie angenommen,

an Brede, seine Hausfrau in

Bremen, war das Schreiben gerichtet. Seine

Ehefrau in der Ferne sollte aus der Hand

von Clawes (Zeelsleghere) den Brief persönlich

empfangen, denn der wusste, wo

er Meister Johannes und seinen Sohn Paul

gemeinsam mit Jacob Olde abgeholt hatte.

Um einen anderen Clawes kann es sich

kaum handeln. – Für Johann Parler wird

als Todesjahr ein Zeitraum zwischen 1405

oder 1406 angegeben.

„Item Hanse (Meister Johannes), Westvale

unde zinen Knechte 10 gr myn 2 sware,

dat se de schilde thozamende setten myt

stro unde for dat stro.“ – Diese Notiz im

Rechnungsbuch, sagt sie auch zusätzlich

etwas aus? Westval musste ebenfalls ein

ausgezeichneter Bildhauer sein, vermutlich

handelte es sich um den Bruder Johann

Parler.

„Item Hanse ...“ Dieser Name für Meister

Johannes wird zum Schluss des Rechnungsbuches

benutzt. Ist das etwa der Hinweis

darauf, dass dieser außergewöhnliche Bildhauer

noch Jahrzehnte als Johannes Junge in

der Hansestadt Lübeck, Roskilde, Vadstena,

Stralsund nachgewiesen werden kann? …

Es ist mehr als ein Verdacht, wir folgen der

Spur in einem der nächsten Hefte.

Mit der letzten Zahlung an Meister Johannes,

zum Schluss nur noch Hanse genannt,

ist dieser spurlos verschwunden.

Wie auch Westval und sein Sohn Paul.

Doch wie aus dem Nichts taucht in der

Hansestadt Lübeck der Bildhauer Johannes

Junge auf, im selben Stil schuf er dort und

später unter diesem Namen in Roskilde

(Dänemark), Kloster Vadstena (Schweden)

und in Stralsund (Junge-Altar) im identischen

Kunststil des Meisters Johannes seine

Werke. In Schweden findet man eine ganze

Reihe von Bildhauerarbeiten, die dem Stil

der Arbeiten des Meisters Johannes nicht

nur ähneln. Sie entstammen einer Werkstatt,

eher einer Hand!

Text und Fotos:

Harald Steinmann

6 RUNDBLICK Frühjahr 2019


Der Bremer Walfisch

– gestrandet 1669 an der Lesummündung

Das Walbild in der Oberen Rathaushalle

(Quelle: Internet)

„Nachdem im Lesum-Strom von den

einwohnenden Landleuten im Lesumer

Bruch ein Geräusch im Wasserstrom,

und folgendes ein großer Fisch, so den

Schwanz herausgestreckt, befunden, hat

ein Bauernknecht mit Hagel darauf Feuer

gegeben, darüber der Fisch sich heftig

geregt und bei abfallendem Wasser auf

einen Sand, hinter Hemelings Erben Vorwerk,

im Lesumerbruch gerathen, davon

er zwar versucht sich abzuwälzen, ist aber

von einem Bauer aus einem Feuerrohr mit

vier Kugeln durchschossen, darauf er der

Landsleute Bericht nach aus den Luftlöchern,

so hoch als die in der Nähe am Ufer

St. Magnus stehenden Bäume, das Wasser

in die Luft gesprützt, darauf er gestorben“.

So beschreibt E. Halenbeck in seinem

Buch „50 Ausflüge in die Umgebung von

Bremen“ aus dem Jahr 1893 ein Ereignis,

welches am 8. Mai 1669 mit der Strandung

eines Wals in der Lesummündung

stattgefunden hatte.

Der Wal, es war ein weibliches Tier, ist

höchstwahrscheinlich auf Nahrungssuche

Lachsen stromaufwärts gefolgt und

wurde dabei von Jägern erschossen. Es

ist erstaunlich, dass dieses Ereignis viel

diplomatischen Staub aufgewirbelt hat,

und zu großen Verwicklungen zwischen

Bremen und Schweden führen sollte. Erstaunlich

ist bei der ganzen Angelegenheit

schon, dass sofort nach Bekanntwerden

dieser Strandung in der Lesum, ein Bremer

Künstler damit beauftragt wurde, ein

Gemälde von dem Vorgang anzufertigen.

Quasi als Ersatz für ein Foto, welches wir

heute machen würden.

Der Maler Franz Wulfhagen schuf noch

im selben Jahr ein Ölgemälde, welches fast

die exakte Länge des Tieres darstellt. Das

Bild bekam eine Länge von 9,55 m, eine

Höhe von 3,55 m und zeigte damit nahezu

die natürlichen Proportionen des Wales,

eines „Nördlicher Zwergwals“. Einzig

unrealistisch ist die große Wasserfontäne,

die das Tier ausstößt. Wichtig bei der Darstellung

des Wals war die Angabe seiner

Lage. Diese Lage wird dargestellt durch

das Blau des Lesum-Wassers und dem

dahinter liegenden sandigem, nördlichen

Geesthang des Flusses. Das Tier liegt auf

einer Sandbank am südlichen Flussufer,

im Lesumbroker Bereich. Diese Lagedarstellung

sollte zukünftig noch sehr wichtig

werden.

Schweden beanspruchte

toten Wal

Denn auch die Schweden hatten ein

Augenmerk auf den Wal geworfen und

beanspruchten das tote Tier, um daraus

vor allem Tran zu machen. Wie kommen

die Schweden nach Bremen und

umzu? Das hatte mit dem 30-Jährigen

Krieg zu tun. Die damalige europäische

Großmacht Schweden hatte während

der kriegerischen Auseinandersetzungen

weite Teile Norddeutschlands besetzt,

u. a. hatten sie auch die Oberhoheit in

zwei Bremisch-Schwedischen Kriegen

(1654 und 1666) über das Herzogtum

Bremen-Verden gewonnen und damit gehörte

ihnen u. a. das nördliche Lesumufer.

Schwedische Truppen, geführt von dem

schwedischen Gouverneur der Herzogtümer

Bremen-Verden, dem Grafen Königsmarck,

besetzen Burg an der Lesum, Vegesack

und das Haus Blomendal. Vegesack

und Neuenkirchen verbleiben zwar bei

Bremen, müssen aber gemeinsam mit der

Stadt Bremen die schwedische Landeshoheit

anerkennen. Bremen lag mit den

Schweden im Dauerzwist. Der tote Kadaver

hatte einen enormen wirtschaftlichen

Wert und insofern pochten die Schweden

ebenfalls auf ihr Recht an der Verwertung

des Tieres. Zum Knackpunkt wurde die

Lage des Wals bei seiner Strandung, denn

beide Seiten behaupteten, der Wal sei auf

ihrer Seite des Flusses Lesum gestrandet.

In Stade gab es 1669 sogar eine Verhandlung

über diese Kontroverse, wozu

extra der Bremer Rechtsgelehrte, Diplomat

und Gesandte Johann Wachmann

(der Jüngere) (1611-1685), ein Sohn des

Bremer Bürgermeisters Hermann Wachmann

(1579-1658), angereist war, um

die Rechtmäßigkeit dieses Besitzes zu verteidigen.

Adam Storck schreibt darüber in

seinen „Ansichten der freien Hansestadt

Bremen und ihrer Umgebung“ von 1822:

„der Wallfisch hätte sich nach empfangenem

ersten Schuß aus dem Gericht Leesum

selbst nach bremischer Seite begeben

und auf den Schlick geworfen, woselbst

er a nostris gänzlich erschossen, occupirt

und nach Bremen geliefert“.

Die Lage des gestrandeten Wals wurde

dementsprechend auf dem Ölgemälde mit

der Südseite der Lesum angegeben, weil

die gemalten Geesthänge der Lesum eindeutig

die Nordseite des Flusses zeigen.

Der Kadaver war ohnehin zwischenzeitlich

von den Bremern zerlegt und zu wertvollem

Tran gemacht worden. Das Skelett des

Tieres wurde nach dem Reinigen wieder

zusammengefügt und hing bis 1815 an

der Decke der Oberen Rathaushalle. Danach

wurde es abgenommen und durch

Segelschiffe ersetzt.

Im Zuge der Renovierung der Oberen

Rathaushalle im Jahre 1965 kam das große

Walbild ins Magazin des Überseemuseums.

Über viele Jahre verblieb es dort und kam

nach umfangreicher Restaurierung im Jahr

2008 mit Befürwortung des Bürgermeisters

Jens Böhrnsen wieder an seinen angestammten

Platz an der Nordseite in der

Oberen Rathaushalle.

Man kann dem Walbild keinen großen

künstlerischen Wert zuordnen. Es zeugt

vor allem von historischem Wert und dem

damit verbundenen Prestige, einem mächtigen

Gegner zu damaligen und auch späteren

Zeiten die Stirn geboten zu haben,

auch wenn der Anlass, gemessen am Wert

des Tieres, relativ klein gewesen ist. Bremer

Lebensart und Bremer Historie werden

durch das Walbild dokumentiert.

Internet-Quellen:

Wikipedia: Großes Walbild

Wikipedia: Johann Wachmann der Jüngere

Dr. Hans Christiansen

RUNDBLICK Frühjahr 2019

7


Überraschende Entdeckungen in Daverden

Das ist das besonders Interessante an der

Heimatforschung: Sie wartet immer wieder

mit Überraschungen auf. Einige, die mir in

letzter Zeit widerfuhren, haben mit Daverden

zu tun. Daverden ist ein etwa 30 km

südöstlich von Bremen gelegener Ort, der

seit 1972 zum Flecken Langwedel im Landkreis

Verden gehört. Meine bis vor etwa

einem Jahr geltende einzige Assoziation zu

diesem Ort und seiner Lage war, dass ich

beim Vorüberfahren an der A27 zwischen

Bremen und Walsrode den Namen der Autobahnausfahrt

Langwedel gelesen hatte.

Aber diese (Un-)Kenntnis sollte sich ändern.

Der Auslöser dafür waren meine

schon seit längerer Zeit durchgeführten

Recherchen zu Leben und Werk des Malers

Fritz Mackensen (1866-1953), vor allem

zu seiner Familie und den verwandtschaftlichen

Beziehungen. Bei meinen Arbeiten im

Worpsweder Archiv (WA), nicht zuletzt beim

recht mühsamen Entschlüsseln seines umfangreichen,

überwiegend handschriftlich

niedergelegten Briefverkehrs, war mir wiederholt

der Ortsname Daverden begegnet.

Interessante Briefe

Begonnen hatte alles mit dem verklausulierten

Hinweis in einem Brief, den Fritz

Mackensen von seinem Schwager Dr. Alex

Stahlschmidt (1882-?) im Jahre 1932 aus

Berlin erhalten hatte. Darin berichtet ihm

dieser davon, dass „Paul und Mipp“ (gemeint

sind damit der jüngere Bruder, Dr.

Paul Stahlschmidt, und dessen Ehefrau Maria)

neuerdings zusammen mit der Mutter

Ottilie in Daverden wohnen würden (vgl.

WA; Brief vom 4. Juni 1932). Bei dieser Gelegenheit

erinnerte ich mich an einen Brief

von Otto Modersohn an Fritz Mackensen.

Hartmut Reineke, Oldenburg, hatte mir

freundlicherweise in Kopie eine Autographensammlung

seines Vaters überlassen

(vgl. Lit.Verz. unter Reineke). Darin ist ein

Brief Modersohns vom 13. Mai 1928 enthalten,

in dem dieser seinem Malerfreund

in Worpswede mitteilt, dass er sich nach

einem Grundstück bzw. Haus in Daverden

umgesehen und bei dieser Gelegenheit

dort auch „das entzückende Haus Deiner

Schwiegermutter gesehen“ hätte. Für mich

enthielt diese Mitteilung gleich zwei Neuigkeiten:

Bislang ahnte ich nichts von diesen

Bestrebungen Modersohns, sich anderswo

niederzulassen. Ich hatte ihn vielmehr

dauerhaft in Fischerhude verortet. Andererseits

wusste ich nichts vom Wohnsitz der

Schwiegermutter Mackensens, den ich

eher in Bonn vermutete, und – wie schon

angedeutet – mit der Örtlichkeit konnte ich

auch nicht viel anfangen.

Allerdings interessierten mich die familiären

Beziehungsverhältnisse Mackensens

insofern schon, weil ich im Rahmen meiner

o. a. Recherchen im Archiv auch Informationen

über Fritz Mackensens Ehefrau Hertha

(1884-1949), geb. Stahlschmidt, und ihre

Familie gesammelt hatte. Dabei war mir

u. a. der erwähnte Paul Stahlschmidt (1887-

1969), Jurist mit Examen an der Universität

Heidelberg, begegnet. Ich wusste über ihn,

dass er sich in Bonn als Privatbankier betätigt

und dort das Bankhaus Stahlschmidt &

Co. gegründet hatte. In den 1920er Jahren

muss er wohl, wie viele andere in jener Zeit,

in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten

sein. Sie hatten ihn veranlasst, Bonn zu verlassen,

das Bankhaus aufzugeben und sich

beruflich neu zu orientieren. Sein bevorzugtes

Ziel war, sich in Bremen umzuschauen.

Hilfestellung erwartete er dabei sowohl

von dem in Bremen ansässigen Schwager,

Kommerzienrat Albert Mackensen, als auch

von Fritz Mackensen in Worpswede. Beide

hatten sich tatsächlich für ihn engagiert,

u. a. bei Roselius nachgefragt, ob der

Schwager im Unternehmen oder in einer

Bank unterzubringen wäre.

Die Stahlschmidt-Familie

Das von der Stahlschmidt-Familie in Daverden bewohnte

Haus

Foto: Jürgen Teumer

Zusätzliche Aufschlüsse in Bezug auf die

Stahlschmidt-Familie in Daverden erhoffte

ich mir durch Kontakte mit dem Verein für

Kultur und Geschichte Daverden, auf den

ich durch das Internet aufmerksam wurde.

Meine Hoffnung trog nicht, lernte ich doch

auf diese Weise u. a. Klaus Fricke kennen,

einen engagierten und seinem Heimatort

Daverden sehr verbundenen Heimatforscher.

Er hatte sich, wie sich herausstellte,

schon vor einigen Jahren intensiver mit der

Familie Stahlschmidt befasst und dabei u. a.

herausgefunden, dass sie am Ortsrand eine

recht repräsentative Villa besessen hätten.

Das auf einem größeren Waldgrundstück

gelegene Haus war in den 1920er Jahren

von einem Bremer Kaufmann erbaut, und

wie aus dem o. a. Brief Modersohns ersichtlich,

wohl spätestens 1928 von Ottilie

Stahlschmidt (1859-1946), der Schwiegermutter

Mackensens, gekauft worden.

Offenbar hatte diese in den ersten Jahren

dort allein gelebt, bevor der Sohn mit der

Schwiegertochter zugezogen waren.

Ältere Mitbürger aus Daverden wussten

sich, wie mir Klaus Fricke auch berichten

konnte, noch daran zu erinnern, dass die

Stahlschmidts im Ort kaum integriert gewesen

seien, als sogenannte „feine Leute“

galten, die sogar Bedienstete im Haus gehabt

hätten. Zudem hätten sie eines der

ersten Autos im Dorf besessen, und zwar

ein größeres, mit dem Paul Stahlschmidt

aus beruflichen Gründen von seiner Frau

nach Bremen gefahren worden wäre. Dort

war er schon seit 1929 mit einer Versicherungsagentur

unter dem Namen Stahlschmidt

& Probst angemeldet. Im Bremer

Branchenverzeichnis firmierte sein Name

meistens unter Versicherungen, auch als

Versicherungs-Generalagent bzw. Grundstücks-

und Hypothekenmakler.

Aber weshalb war die Familie Stahlschmidt

überhaupt in den Fokus von Klaus

Fricke als Heimatforscher und Mitglied im

Verein für Kultur und Geschichte Daverden

geraten? Sicher nicht, um Gerüchten und

Erinnerungen älterer Mitbürger über ehemalige

Einwohner nachzugehen. Nein,

ausgelöst worden war seine Recherche

durch einen ganz anderen Sachverhalt,

von dem ich bei meiner Anfrage überhaupt

noch nichts geahnt hatte. Es war eine weitere,

für mich eine besonders große Überraschung.

Das Gemälde

Klaus Fricke war nämlich um Mithilfe

gebeten worden, die Geschichte eines

besonderen Gemäldes, das seit Jahrzehnten

in der Daverdener St. Sigismund-

Kirche hängt, aufzuklären (vgl. Sommerfeld

2011). Vorausgegangen war die Anfrage

durch einen Buchautor, der über die Kirchen

im Landkreis Verden schreiben wollte

und den das Gemälde und seine Geschichte

interessierten (vgl. Osmers 2015). Klaus

Fricke konnte ihm helfen. Er fand heraus,

dass das Gemälde, das in Daverden unter

dem Titel „Der gute Hirte“ bekannt ist,

von Fritz Mackensen geschaffen worden

war. Wann das genau geschah, konnte er

zwar nicht herausfinden, da das Gemälde

in keinem Werkverzeichnis enthalten und

auf ihm auch kein diesbezüglicher Hinweis

vermerkt ist.

Es spricht vieles dafür, dass das Werk um

1900 oder wenige Jahre danach entstanden

ist. Mackensen hatte zu dieser Zeit –

wie ja auch Heinrich Vogeler beim „Wintermärchen“

(1897); „Mariä Verkündigung“

(1901) oder „Verkündigung“ (1902) – wiederholt

biblische Szenen an den Weyerberg

8 RUNDBLICK Frühjahr 2019


Fritz Mackensen „Der gute Hirte“, Ölgemälde in der

St. Sigismund-Kirche Daverden

Foto: Klaus Fricke, Daverden

und nach Worpswede verlegt. So hatte er

sich bereits über Jahre, wie bei Hamm/Küster

(1990) zu lesen ist, mit der biblischen

Bergpredigt (Matth. 5-7) befasst, mehrere

Studien erstellt und dabei Christus mit

einer grauen Kutte bekleidet predigend an

den Stamm einer mächtigen Eiche (die sogenannte

„Mackensen-Eiche“ in Worpswede?)

gestellt. Interessant ist, dass aus dem

Jahre 1907 ein Ölgemälde auf Pappe mit

den Ausmaßen 92 x 74 cm und dem Titel

„Predigender Christus“ im Werkverzeichnis

bei Hamm/Küster (S. 182) enthalten ist.

Ob es sich beim „guten Hirten“ in Daverden

gar um diese oder eine weitere ähnliche

Studie handelt, deren Kompositionen

allesamt schließlich im Jahre 1907 in die

großformatige Endfassung (Maße: 285 x

405 cm) des Gemäldes „Die Bergpredigt“

einmündeten?

Wenn auch die Entstehung des Gemäldes

nicht ganz genau datiert werden kann,

so konnte Klaus Fricke aber immerhin ermitteln,

dass das Bild mindestens seit einer

Kirchenrenovierung im Jahre 1955 seinen

heutigen Platz bei der sogenannten Brauttür

bekommen hatte. Vorher, so ist in einer

Chronik zu lesen, die der frühere Daverdener

Pastor Hermann Willenbrock 1959

(s. Lit.Verz.) verfasst hatte, soll das Gemälde

an der Orgelprieche gehangen haben.

Die Kirche in Daverden

Und der über mehrere Jahrzehnte in

Daverden tätige Pastor Willenbrock wusste

offenbar auch, weshalb das Ölgemälde

überhaupt in die imposante rote Backsteinkirche,

eine der ältesten Kirchen im

Kirchenkreis Verden, gelangt war. In seiner

Chronik heißt es nämlich, dass das Gemälde

von der mit Mackensen verwandten

Familie Stahlschmidt der Kirche bei ihrem

Fortzug nach Bremen geschenkt worden

St. Sigismund-Kirche Daverden, eine der ältesten

Kirchen des Kirchenkreises Verden, mit Bauteilen

aus dem 12. Jh. Foto: Theda Henken, Daverden

wäre (vgl. Willenbrock 1959, Seite 25).

Aus meinen Arbeiten weiß ich, dass die

Familie Stahlschmidt seit dem 30. September

1939 im Einwohnerverzeichnis in Bremen,

und zwar als Mieter in der Hollerallee

16 vermerkt ist (vgl. Einwohner-Meldekarte,

Staatsarchiv Bremen). Es handelt sich

bei diesem Wohnsitz um eine, gemessen

an Daverden, vergleichsweise bescheidenere

Adresse. Es spricht deshalb einiges

dafür, dass der Fortzug aus Daverden möglicherweise

nicht aus freien Stücken erfolgte,

sondern neben dem aufziehenden Krieg

mit erneuten wirtschaftlichen Problemen

zu tun hatte.

Verstärkt wird diese Vermutung auch

durch Erinnerungen älterer Mitbürger in

Daverden, die Klaus Fricke in Erfahrung

bringen konnte. Danach hätten die Stahlschmidts

das Haus angeblich „für einen

Appel und ein Ei“ verkauft – nach meinen

Recherchen übrigens für 20.000 Mark (vgl.

WA; Brief vom 5. Oktober 1939), ein Betrag,

der jener Erinnerung nicht zuwiderläuft.

In dieses Bild passt auch, dass sich ein

älterer Mitbürger heute noch an wertvollen

geschliffenen Kristallgläsern erfreuen kann,

die seine Eltern damals günstig den Stahlschmidts

abgekauft hätten. Es gibt noch

mancherlei Hinweise in diese Richtung,

die auch durch meine Recherchen gedeckt

werden. Auf diesem Hintergrund mag es

vielleicht fragwürdig erscheinen, dass die

Familie trotzdem der Kirchengemeinde ein

derart großzügiges Geschenk zukommen

ließ. Dennoch wird es wohl so gewesen

sein, zumal die einschlägigen Informationen

unmittelbar vom Zeitzeugen Pastor

Willenbrock stammen.

Ein Besuch lohnt sich

Wenn auch das eine oder andere in diesem

Beitrag ungeklärt geblieben ist, so ist

es dennoch ratsam, bei einer der nächsten

Autofahrten auf der A27 die Ausfahrt

Langwedel für einen Besuch in Daverden

zu nutzen. Der Abstecher lohnt sich in

mehrfacher Hinsicht: Im Kirchenraum der

St. Sigismund-Kirche sind neben dem Gemälde

Mackensens eine reich geschmückte

Kanzel, ein prächtiger Altar sowie eine

schöne Orgel zu bestaunen, allesamt aus

der Mitte des 17. Jahrhunderts. Zudem

ziert ein vergoldeter Radleuchter das ausladende

Sterngewölbe in der Vierung.

Und auch außerhalb der Kirche mit ihrem

mächtigen Turm sind die mehr als hundert

historischen Grabsteine auf der Rasenfläche

des alten Friedhofs sowie das vom rührigen

Verein für Kultur und Geschichte Daverden

jüngst mit großem Engagement renovierte

Küsterhaus beachtenswert. Nicht zuletzt

aber bleibt der Blick vom Rand des Geestrückens

mit seinem Steilabfall über die weite

Aller- und Wesermarsch allemal im Gedächtnis

haften.

Prof. Dr. Jürgen Teumer

Hinweise zu den Quellen:

– Hamm, Ulrike und Küster, Bernd: Fritz

Mackensen 1866-1953. Lilienthal 1990.

– Osmers, Jan: Die Kirchen im Landkreis Verden.

Ein Reiseführer. Bremen 2015.

– Reineke, Hartmut: Autographensammlung

von Dr. Hugo Reineke (Kopien beim Verfasser;

Originale in der Kunsthalle Bremen).

– Sommerfeld, Inka: Rätsel um das Bild „Der

gute Hirte“. In: Achimer Kurier vom 21.

Oktober 2011.

– Staatsarchiv Bremen: Einwohner-Melde-

Karte Stahlschmidt.

– Willenbrock, Hermann: Die Gemeinden im

Kirchspiel Daverden. Langwedel 1959.

– Worpsweder Archiv (WA) im Barkenhoff:

Aktenbestand zu Fritz Mackensen.

‘n beten wat

op Platt

Redensarten unserer

engeren Heimat

Mannigeen söökt Arbeit un dankt

Gott, wenn he keen finn’ deit.

Wat’n Swientrog weern schall, dor

ward sien Levdag keen Vigelin ut.

Dat Geld kummt hinkend in’t Hus un

löppt danzend wedder rut.

Wokeen ’n annern jogen will, mutt

sülbens mitlopen.

Wenn ole Bööm ümplant weert, denn

goht se ut.

Hau den Boom nich um, de di Schatten

gifft.

De Dood hett keenen Kalenner.

(aus H. Lemmermann, „Jan Torf“)

Peter Richter

RUNDBLICK Frühjahr 2019

9


Der Heidkamp

– ein Schiffer-Anbau nahe der Ziegelei (I)

Nach der Realisierung von Neubaugebieten

im Bereich Rübekamp und Kurzer

Kamp durch den Amtmann Conrad Friedrich

Meiners auf der Grundlage von Plänen,

die Jürgen Christian Findorff gezeichnet

hat, war der Flecken Osterholz 1760 um

25 Siedlerstellen angewachsen. 1) Offenbar

genügte dies dem ehrgeizigen Amtmann

nicht, sodass er ein neues Projekt in Angriff

genommen hat, ab 1764 als Oberamtmann.

Angelegt werden sollte ein Hafen für

eine bessere Schiffsanbindung. 2) Im Zusammenhang

damit wurde eine Ansiedlung

geplant, um damit Schiffern, die mit ihren

Schiffen den Hafen ansteuern und ihn als

winterlichen Liegeplatz nutzen sollten, die

Möglichkeit zu geben, einen dauerhaften

und nahe gelegenen Wohnplatz zu erwerben

und zu bebauen.

Ein geeigneter Platz war schnell gefunden;

ein von der Regierung ins Spiel gebrachter

Standort nahe der Einmündung

der Beeck in die Hamme konnte aufgrund

regelmäßiger Überschwemmungen schnell

verworfen werden.

Gelegen am Rand der Hamme-Niederung,

bildete der Heidkamp ein hochwassersicheres

Geest-Plateau, das bei Überflutungen

der Niederung als Zuflucht für

das Weidevieh aufgesucht wurde. Genutzt

wurde es als Ackerland; als herrschaftliches

Pertinens war dieses verpachtet. Die Größe

der Fläche ist für das Jahr 1756 mit rund

15 ¼ Morgen angegeben 3) ; besiedelt war

sie bisher nicht. Jedoch in ihrer Größe beschnitten,

weil bereits zu klösterlicher Zeit

der Scharmbecker Bach zum Kloster hin

umgeleitet und dazu ein Durchstich durch

den Heidkamp vorgenommen worden

war. Im unmittelbaren Anschluss daran

befand sich ein Mühlenteich, der die anliegende

Walkmühle verlässlich mit Wasser

versorgte.

Auf der anderen Seite, südlich des Heidkamps,

erstreckte sich das umfangreiche

Gelände der Ziegelei, die über eine Kanalverbindung

Anschluss an die Hamme besaß.

Ein begleitender Weg, der Scharmbecker

Damm, trennte die Ziegelei vom

Heidkamp; lediglich das Haus des Schleusenwärters

– auch als Wohnung des Ziegelei-Verwalters

4) bezeichnet – befand sich auf

der Heidkamp-Seite.

Erste Pläne Ende 1763

Erste konkrete Planungen liegen vor aus

dem Dezember 1763, basierend auf den

Überlegungen, nahe der Ziegelei einen Hafen

anzulegen. Demnach sollte der Heidkamp,

ein herrschaftliches Stück Saathland,

mit 30 neuen Siedlerstellen besetzt werden

und jede Stelle 57 Quadratruten Land 5)

(knapp ½ Morgen, etwa 1.200 m 2) umfassen,

nur etwa halb so viel wie beim Anbau

1760. Also außer der Hausstelle nur noch

Gartenland zur Selbstversorgung. Insgesamt

wären dies 14 ¼ Morgen; ein Morgen

für Wege u. ä. scheint angemessen.

Meiners hatte bereits sechs Interessenten

(fünf Schiffer und einen Schiffszimmermann)

und war optimistisch, das gesamte

Areal innerhalb von zwei Jahren besiedeln

zu können, wenn denn seitens der Regierung

12 Freijahre, etwas Eichenholz zum

Bau und auch Geld gewährt würden. Dafür

könnten, so rechnete er der Cammer in

Hannover vor, bei 30 Feuerstellen an Zinß

jährlich 70 Reichsthaler eingenommen

werden. Deutlich mehr als die bisher gezahlten

16 Rthl. Denn zusätzlich sei noch

mit Hafen- und Schleusengeldern (insgesamt

etwa 160 Rthl.) zu rechnen.

Der König bezieht Stellung

Der Heidkamp im Jahr 1756. Ausschnitt aus der Karte des Fleckens Osterholz (NLA Stade, Karten Neu Nr.

12929)

Die Ideen sind Ende 1763 bis nach St.

James in London gelangt, von wo aus

Georg III. am 17. Januar 1764 an die Rente-

Cammer zu Hannover Stellung bezogen

hat. 6) Er zeigt sich über Entwicklungen in

seinem Kurfürstentum informiert und ist

bereit, diese wirtschaftlichen Prozesse zu

fördern, die in der hiesigen Region durch

die Moorkultivierung eingeleitet worden

sind.

Es geht um die Anregung, „die neu aufgenommene

Cultur im Bremischen mit

dem gemeinen Landes Gewerbe in Verbindung

zu bringen“, zumal der Handel mit

Torf nach Bremen hin Schätzungen zufolge

rund 38.000 Rthl. umfasse. Einige Einnahmen

hätte das Amt bereits hiervon, könnte

mit eigenen Fahrzeugen jedoch noch mehr

abschöpfen. Begünstigt dadurch, dass „seit

den letzteren Jahren sich eine Schiffer Gesellschaft

sogenannter Työlckenfahrer aus

Ostfriesland zu Osterholtz eingefunden,

welche an jenem Torf- und übrigen Gewerbe

mit Antheil nehmen, und unter dem

bezeigenden Gefallen an der Lage des Orts

und der Hamme Gegend eine Neigung zu

erkennen gegeben, sich darin anzubauen

und mit ihren Familien häuslich niederzulaßen“.

Solche Zuwanderer wolle er unter-

10 RUNDBLICK Frühjahr 2019


vermessenen Plan erstellen, der zu den Akten

eingereicht werde.

Verhandlungen mit den

Siedlungswilligen

Von Findorff erstellte Pläne für Hafen (A), Kanal (B) und Heidkamp (E). (NLA Stade, Karten Neu Nr. 12930)

stützen, wenn sie aus eigenen Kräften ein

Wohnhaus bauen. Dann sollen ihnen „eine

10- oder 12-jährige Erlassung der sonst gewöhnlichen

Dominial-Abgiften“ gewährt

werden; kommen sie gar mit einem eigenen

Schiff im Wert von wenigstens 1.000

Reichsthalern, so wolle der König „die vorgeschlagene

Gratification von 100 Rthl. allemahl

gerne ertheilen.“

Schiffer und Handwerker

melden Interesse an

Doch Hannover hatte Zweifel und verlangte

Belege dafür, dass wirklich die veranschlagte

Zahl von Siedlern erreicht

werden könnte. 7) Im Oktober 1764 hat

Meiners daraufhin eine Namensliste überreicht,

die zudem noch die Herkunft und

die im Besitz befindlichen Schiffe auflistete.

Insgesamt umfasst diese Auflistung 22 Namen.

Bei vier Namen wird Bremen als Herkunft

genannt, bei acht Bewerbern sind es

verschiedene Orte in Holland. An vorhandenen

Schiffen, die mitgebracht werden

und einen Liegeplatz erhalten sollen, sind

notiert: vier Eichen oder Böcke, 15 Tyalcke

und zwei Kähne.

Meiners erwähnt, dass neben Schiffern

auch Handwerker unter den Bewerbern

seien, nämlich zwei Schiffszimmerleute,

ein Schmied, ein Hufmacher, ein Kupferschmied

und ein Strumpfweber. Bei Fremden

wie bei Osterholzern bestünde großes

Interesse, wie „überhaubt zwantzig an

der Zahl fast täglich auf Ausweisung der

Bau-Plätze anfragen“, sodass Meiners vom

Erfolg seines Projekts überzeugt sein konnte.

Diesem Planungsstadium trägt die von

Findorff erstellte Karte Rechnung, in der es

zu E heißt: „ein Stück Saatfeld, der Heidcamp

genannt, welches zu 30 Plätze für so

viel Anbauere welche die Schifffahrt exerciren,

abgetheilet ist, und bekömt einjeder

darauf 57 qRuten“

Ende 1764 erfolgte eine Modifizierung.

Das Saatland von Hinrich Papen (vier Morgen

51 qRuthen) sollte hinzugenommen

und die Zahl der Plätze auf 24 reduziert

werden. Das hieße, dass jeder mehr benötigtes

Gartenland bekäme, aber auch höhere

Abgaben zahlen müsste. Ferner wird

ein Brückenbau für erforderlich gehalten,

um die „Communication mit hiesigem Flecken“,

also mit Osterholz, zu ermöglichen;

dies war u. a. für den Kirchenbesuch erforderlich.

Denn gleichzeitig liefen ja Planungen,

die Kapazität der St.-Marienkirche der

wachsenden Einwohnerzahl anzupassen. 8)

Doch Hannover zeigte sich noch nicht zufrieden.

Das wird jedenfalls aus einem Brief

vom 16. Januar 1765 deutlich, der an den

Oberamtmann Conrad Friedrich Meiners

sowie den Amtschreiber Melchior Siegfried

Hoffmeister gerichtet ist. Die veranschlagten

Abgaben (3 Rthl. 6 gr.) seien zu niedrig,

„in Ansehung der so vortheilhaften Lage

dieses Anbaues“ mindestens 5 Rthl. angemessen.

Auch wolle die Cammer nicht die

gesamten Kosten für die Kirchen-Stände

und Begräbnis-Plätze übernehmen; hieran

sollen sich die Anbauern beteiligen. Und

der Amts-Voigt Findorff möge doch einen

Daraufhin wurden die potenziellen Anbauern

zum 31. Januar 1765 auf das Amt

Osterholz vorgeladen, um die Angelegenheit

zu erörtern. Dabei brachten die sechs

erschienenen Vertreter das Anliegen vor,

größere Plätze zugewiesen zu bekommen,

was als unnötig zurückgewiesen wurde.

Letztlich kam aber ein Kompromiss zustande,

der Hannover übermittelt wurde.

Demnach sollten 10 oder 12 Freijahre gewährt

werden, dazu „Contributions- und

Einquartierungsfreyheit. Wer ein seetüchtiges

Schiff mitbrächte, sollte zudem 100

Rthl. als Geschenk bekommen, um jenes

instand zu setzen. Dafür erklärten die Vertreter

sich bereit, jährlich 4 Rthl. 36 gr. zu

entrichten. Hannover müsste dem jedoch

noch zustimmen.

Die Antwort erfolgte am 7. März 1765.

Zum einen wird Verständnis geäußert für

den Wunsch nach größeren Anbaustellen –

was mit höheren Einnahmen für die Staatskasse

verbunden wäre. Zum anderen wird

angeregt, die Siedlung in einer Reihe auszuführen,

da sonst die Siedler der zweiten

Reihe keine Aussicht auf den Hafen hätten.

Dies wurde den Siedlungswilligen am 22.

März 1765 auf dem Osterholzer Amt vorgestellt.

Die Aussicht, bis 72 qRuten Land

zu bekommen, wurde dankbar zur Kenntnis

genommen; dagegen stieß der Vorschlag

mit einer Siedlungsreihe auf Ablehnung,

weil die Grundstücke dann sehr lang

und schmal würden. An Abgaben seien für

die größeren Flächen 5 ½ Rthl. möglich.

Man wolle, dass die vorgesehenen Plätze

für 34 Feuerstellen in zwei Linien zu je 17

Plätzen von 72 qRuten Größe nach dem

neu gezeichneten Plan von Findorff nun

alsbald nach dem Lose verteilt würden. 9)

Dies konnte dann bereits am Nachmittag

in einem Ortstermin auf dem Heidkamp

geschehen, während dem 13 Bauplätze der

ersten Baulinie ausgelost wurden.

Dies ließ sich alles gut an, sodass Meiners

die versprochenen Zuschüsse beantragen

konnte, da „die im Protocollo nahmhafft

gemachten 13 Schiffere allesamt die intention

haben noch im bevorstehenden Sommer

ihre Gebäude massiv aufzuführen, und

daher bereits umb Auszahlung derjenigen

100 Rthl. angesuchet haben, wozu als eine

Beyhülffe zum Bau, ihnen Hoffnung gemachet

worden.“

Drei Bewerber hatten im Frühjahr 1765

bereits ihre Bau-Materialien größtenteils

angeschafft; dies hat Meiners dazu veranlasst,

ihnen „auf deren inständiges Ansuchen

… 25 Rthl. in Abschlag des zu hoffen

habenden Geschencks der Einhundert

Reichsthaler, gegen Quitung“ auszuzahlen

– wie es scheint, aus eigenen Mitteln.

RUNDBLICK Frühjahr 2019

11


Plan des in der Nähe des Fleckens Osterholtz bey der Herrschaftlichen Ziegeley angelegten Schiffer-Anbaues…

(NLA Stade, Karten Neu Nr. 03266)

Dramatische Ereignisse

machen die Pläne zunichte

Bis hierher (13. Mai 1765) wurden die

Planungen konstruktiv vorangebracht; die

aus Hannover vorgebrachten Einwendungen

darf man als normal bezeichnen. Der

bis dahin erfolgte Schriftverkehr ist nahezu

lückenlos. Jetzt aber fehlt ein ganzes Jahr;

erst vom 14. Mai 1766 liegt wieder ein

Brief vor. 10) In diesem wird die Verpachtung

nicht ausgewiesener Bau-Stellen an einen

ansässigen Landwirt genehmigt. Ein Hinweis,

dass es mit der Besiedlung nicht wie

geplant vorangegangen ist. In der Tat sind

in der Karte von du Plat von 1766 nur sechs

bebaute Grundstücke verzeichnet. 11)

Gleichzeitig weist er in der Karte mit

einem Textkasten auf die Vorzüge der geplanten

und begonnenen Siedlung hin,

was als ein Versuch gesehen werden kann,

die Bemühungen von Meiners und nun

Bacmeister zu unterstützen.

Allerdings erfährt man jetzt von Unstimmigkeiten

und einer Auseinandersetzung

zwischen einem Schiffer und dem Amt

mit gegensätzlichen Aussagen zu einem

Schiffsverkauf.

A. der Schiffer-Anbau (ebd.)

Letztlich wird in einem von Bacmeister

unterzeichneten Bericht vom 30. Dezember

1766 ausführlich Hannover gegenüber

dargelegt, worin die Gründe zu suchen

seien, warum der Anbau nicht wie erhofft

vorangekommen ist. Dies wird unter den

Punkten a) bis d) geschildert.

Zu a): Es ist „eine begründete Wahrheit,

dass die Bremische so genannte Moorfahrer

Societaet sich alle erdenkliche Mühe

giebet den Torff Handel für sich allein zu

behalten“. Alle anderen sollen dementsprechend

ausgeschlossen werden. Und dazu

sei den Eichenfahrern jedes Mittel recht.

So hätten sie in den letzten Jahren den Torf

zu überhöhten Preisen angekauft und den

Torfbauern Vorschuss gezahlt, nur um diese

von sich abhängig zu machen und keinen

Verkauf an andere zustande kommen zu

lassen. Dem könnten die hiesigen Schiffer

mit ihrem nur geringen Vermögen nichts

entgegensetzen.

Zu b): Mit der Behauptung, sie dürften

nur die hiesigen Moorgewässer befahren,

werden die Osterholzer Schiffer daran gehindert,

Richtung Bremen zu fahren.

Zu c): Drei namentlich genannte Schiffer,

die sich ansiedeln wollten, seien von

der Bremischen Schiffer-Gilde abgeworben

und als deren Mitglieder aufgenommen

worden.

Zu d): Vier namentlich

genannte

Schiffer hätten einen

Fracht-Auftrag bekommen

und sollten

Verpflegung für die

Armee transportieren.

Ihr Auftraggeber,

der Commissar

Teuto zu Nienburg 12) ,

sei jedoch nicht in

der Lage gewesen,

für diesen Auftrag

zu haften, sodass

die Schiffer mit ihrer

Ladung für längere

Zeit oberhalb von Bremen in der Gegend

von Achim liegen bleiben mussten. Bei Eisgang

seien die Schiffe dann total zerstört

worden, sodass man die Schiffer „in so bettelarmen

Zustand versetzet fand, daß ihr

Vorhaben, sich allhier niederzulaßen gäntzlich

vereitelt worden“ war. In einem Bericht

an die Cammer vom 23. November 1768

erwähnt Meiners dieses Ereignis nochmals

eindringlich. Die Schiffer „kahmen in ao.

1762 kurtz vor erfolgten Frieden mit Fourage

der alliirten armée destiniret für rechnung

des Commissarii Teuto aus Süd-Holland

auf der weeser in der gegend Achim

an, mußten aber daselbst mit ihrer Ladung

auf ordre des gedachten Teuto, über Jahr

und Tag liegen bleiben, darüber sie dann

ihre fahrzeuge verlohren, als welche mit

voller Ladung im Sturm zu grunde gingen.“

Die so hoffnungsvoll begonnene Planung

für ein neues Dorf am Rande von

Osterholz mit der Aussicht auf einen weiteren

wirtschaftlichen Aufschwung hatte

zunächst also einmal erhebliche Rückschläge

zu verkraften. Unglücksfälle kann man

sicher nicht vollständig vermeiden, aber

die Bremer Eichenschiffer ließen nicht so

ohne weiteres von ihrer Monopolstellung

ab und besaßen die wirtschaftliche Stärke,

sich gegen die unerwünschte Konkurrenz

erfolgreich zu wehren.

Wilhelm Berger

Anmerkungen:

1) Wilhelm Berger, Die Erweiterung des Fleckens

Osterholz 1760; in: HRB Nr. 4/2017, S. 8, 9

2) Die Hafen-Thematik wird zu einem späteren

Zeitpunkt separat dargelegt. Eine grundlegende

Darstellung ist bereits 1927 erschienen. Hermann

Fitschen, Der Bau des Hafens und des Hafenkanals

zu Osterholz in den Jahren 1765/66;

in: Heimatbote Nr. 21/1927, S. 82 – 84.

3) NLA Stade, Karten Neu Nr. 12929, Tabelle

4) NLA Stade, Karten Neu Nr. 13061, Tab. VII

bzw. VI

5) NLA Stade, Rep. 74 Osterholz, Nr. 1334. Dieser

umfangreichen Akte sind auch die folgenden

Informationen und Zitate entnommen –

sofern nicht anderweitig gekennzeichnet.

6) NLA Stade, Rep. 96 Blumenthal Nr. 405. Die

ebenfalls sehr umfangreiche Akte beinhaltet

den Bau des Hafens und Hafen-Kanals.

7) Die Briefe aus Hannover sind unterzeichnet

vom Cammer-Praesidenten Gerlach Adolph

Freiherr von Münchhausen (1688 – 1770),

zuständig für die Finanzen des Kurfürstentums.

Ab 1765 war er Premierminister.

8) Vgl. Wilhelm Berger, Die Klosterkirche St. Marien

in Osterholz…; in: HRB 2/2018, S. 21 – 24

9) Der laut dem Bericht an Hannover eingesandte

überarbeitete, detailliert vermessene Plan

von Findorff ist evtl. verschollen, liegt jedenfalls

nicht vor. In einem späteren Schreiben ist von

32 Feuerstellen die Rede, dann wieder von 34.

10) Amtschreiber in Osterholz war nun Christoph

Philip Bacmeister.

11) Georg Josua du Plat (1722 – 1795), Kartograph

und ab 1763 Chef des kurhannoverschen

Ingenieurkorps. Als solcher hatte er seit

1764 die Leitung der Kurhannoverschen Landesaufnahme

inne.

12) Fitschen (a. a. O., S. 84) spricht vom Konkurs

einer Nienburger Firma. Das geben die Briefe

nicht her. Es geht um Kriegslieferungen kurz

vor Friedensschluss. Damit kann nur das Ende

des Siebenjährigen Krieges 1763 gemeint sein.

12 RUNDBLICK Frühjahr 2019


100 Jahre Ende des 1. Weltkrieges

Aus der Ausstellung im Kreisarchiv Osterholz

Der 1. Weltkrieg dauerte vier Jahre. Er

gilt als der erste „moderne“ Krieg, ein sogenannter

industrieller Massenkrieg. Zum

Einsatz kamen neu entwickelte Waffen, wie

Maschinengewehre und Giftgas. Wurden

Kriege bisher als Bewegungskriege geführt,

wurde im 1. Weltkrieg zunehmend

aus Stellungen heraus gekämpft. Diese

Stellungen waren weder baulich noch hygienisch

für die Soldaten erträglich. In den

vier Jahren wurden etwa zehn Millionen

Soldaten getötet und ca. 20 Millionen verwundet.

Die Anzahl der zivilen Opfer wird

auf 7 Millionen geschätzt.

Das „Märchen vom lieben

Gott“ oder „Der Brief an

den Kaiser“

20. Januar 1918 Auszug:

„Die Götzen aber führten das Volk immer

tiefer ins Elend und erweckten weiter

Hass, Bitternis, Zerstörung und Tod und wie

sie nichts mehr hatten außer blechernen

Schmucksternen und Kreuzen, verschenkten

sie das gestohlene Gut ihrer Völker. Da ging

Gott zu denen die zusammengebrochen waren

unter der Bürde ihrer Leiden, unter Hass

und Lüge: es giebt über euren Götzen einen

„Gott“, es gibt über euren Fahneneid meine

ewigen Gesetze. Es gibt über dem Hass

die „Liebe“. Da gaben die Krüppel ihre blutstinkenden

grauen Kleider, ihre Orden und

Ehrenzeichen zurück an den Gott des Mammons.

Gingen unter das Volk und entheiligten

die Mordwaffen und vernichteten sie.

– Gott aber ging zum Kaiser: „Du bist der

Sklave des Scheins; werde Herr des Lichtes

indem Du der Wahrheit dienst und die Lüge

erkennst! Vernichte die Grenzen, sei der

Menschheit Führer. Erkenne die Eitelkeit des

„Wirkens“ – Sei! – Friedenfürst! Setze an die

Stelle des Wortes die Tat! Demut anstatt Siegereitelkeit

– Wahrheit anstatt Lüge! Aufbau anstatt

Zerstörung. In die Knie vor der Liebe Gottes,

sei Erlöser, habe die Kraft des Dienens. Kaiser!

Unteroffizier Heinrich Vogeler – Worpswede

Kunstmaler“

Die sieben Schalen

des Zorns

Heinrich Vogeler hatte nach dem Absenden

seines Briefes an den Kaiser mit seiner

Erschießung gerechnet, stattdessen wurde

er in die Bremer Psychatrie eingewiesen

und schuf dort die Radierung „Die sieben

Schalen des Zorns“.

„Ich begann zu zeichnen, und zwar

mußte ich mir die Zerstörungen des Krieges

von der Seele malen. Ich malte ein

Heinrich Vogeler

Die sieben Schalen des Zorns, Radierung, 1918

Original im Barkhoff, Worpswede

mystisches Bild mit zerstörten Kirchen,

Leichenfeldern... und alles endete im Himmel,

in den sieben Schalen des Zorns Gottes.“

H. Vogeler, 1918.

APOKALYPSE DES

JOHANNES, 16. Kapitel

Ausgießung der sieben Zornschalen

2.) Und der erste ging hin und goß seine

Schale auf die Erde; und es ward eine böse

und arge Drüse an den Menschen, die das

Malzeichen des Tiers hatten und die sein Bild

anbeteten.

3.) Und der andere Engel goß aus seine

Schale in Meer; und es ward Blut wie eines

Toten, und alle lebendigen Seelen starben in

dem Meer.

Der Niedersachsenstein

Der Niedersachsenstein wurde von 1915

bis 1921 geplant und 1922 gebaut. Als

Bernhard Hoetger 1915 von Professor Fritz

Mackensen gefragt wurde, ein Kriegerdenkmal

für die Gefallenen des 1. Weltkrieges

für das Kirchspiel Worpswede zu

entwerfen, schrieb er an Ludwig Roselius:

„Nur um zu verhüten, dass der Weyerberg

mit dem sogenannten Kriegerdenkmal verunziert

werden sollte, habe ich einen Entwurf

gemacht.“

Die ersten Planungen gingen von einem

siegreichen Kriegsende für Deutschland

aus. Das Denkmal sollte einen Vogel mit

Niedersachsenstein im Heldenhain

ausgestreckten Flügeln zeigen und in dessen

Mitte einen Jüngling als Symbol für die

Auferstehung. Dieser Jüngling ist heute

über dem Eingang zur Bremer Böttjerstraße

zu sehen.

Erinnerungszeichen

Für den Begriff „Erinnerungszeichen“

gibt es keine feste Definition. Es wir unterschieden

zwischen den „sichtbaren“ und

„unsichtbaren“ Erinnerungszeichen.

Zu den für jedermann „sichtbaren“ Erinnerungszeichen

zählen die Denkmäler,

Mahnmale, Monumente und Gedenktafeln.

Sie stehen für das kollektive Erinnern

der Gesellschaft. In fast jeder Gemeinde

des Landkreises Osterholz findet sich ein

Kriegerdenkmal, das an die Gefallenen

des Ortes erinnert. 1926 wurde zum Gedenken

an alle Opfer des 1. Weltkriegs der

Volkstrauertag eingeführt.

Zu den „unsichtbaren“ Erinnerungszeichen

zählen Briefe, Fotos, Kriegtagebücher

und Erinnerungsstücke für das individuelle

Erinnern. Sie machen das Andenken an

die gefallenen Familienmitglieder möglich

und geben ihnen ihren Platz im Familiengedächtnis.

Die Erinnerungszeichen sollen

erlebte Geschichte für jede Generation

erfahrbar machen. Der Brief von Heinrich

Vogeler befindet sich im Haus im Schluh,

Heinrich-Vogeler-Sammlung, Im Schluh

35-37, 27726 Worpswede. Die Originalradierung

von Heinrich Vogeler „Die sieben

Schalen des Zorns“ befindet sich im Barkenhoff

Heinrich-Vogeler-Museum, Ostendorfer

Str. 10, 27726 Worpswede.

Impressum: Das Kreisarchiv Osterholz befindet

sich im Medienhaus im Campus, Am

Barkhof 10 A, 27711 Osterholz-Scharmbeck.

Das Kreisarchiv Osterholz wird von Gabriele

Jannowitz-Heumann geleitet. Sie hatte

mit viel Wissen und Fingerspitzengefühl die

Ausstellung, „100 Jahre Ende des 1. Weltkrieges

1914-1918“ Erinnerungszeichen in

Worpswede, zusammengestellt.

RUNDBLICK Frühjahr 2019

13


Wollgraszeit im Teufelsmoor

Farbtupfer in rauher Landschaft

Scheiden-Wollgras

Wollgrassamen

Wollgras ist eine Hochmoorpflanze und

bildet mit den Torfmoosen den ersten

Pflanzenbesatz auf renaturierten Flächen

nach dem Torfabbau. Es trägt so dazu bei,

dass sich neue Torfflächen bilden können.

Bei uns in den Mooren gibt es zwei Arten

von Wollgras, das Scheiden-Wollgras und

das Schmalblättrige Wollgras. Beide Gräser

blühen recht unscheinbar im April. Es

sind die reifen Samenfrüchte, die den bekannten

wattebauschähnlichen Wollschopf

bilden, der die Moore im Mai schmückt.

Der Samen wird durch den Wind auf die

Reise geschickt, ähnlich wie der Löwenzahn

es mit seinen Pusteblumen macht. Das

Schmalblättrige Wollgras besitzt mehrere

Samenbüschel an einem Stiel, während das

Scheiden-Wollgras nur eine Blüte und später

dann nur einen flauschigen Fruchtstand

ausbildet. Daran kann man diese beiden

Moorgrasarten auch als Laie unterscheiden.

Insgesamt gibt es fünf Wollgrassorten.

Jedes Jahr im Frühling bieten die Moore

dieses besondere Naturschauspiel. Bei

uns in der Region im Hamberger Moor, im

Huvenhoopsmoor und im Hagener Königsmoor

zu erleben. Überall wogt dann ein

weißer Teppich im Sommerwind, ein wunderschöner

Anblick. Zeitgleich schlüpfen

im Moor unzählige Libellen, z. B. Moosjungfern

mit ihren entzückenden weißen

Nasen, die so perfekt zur Wollgraszeit passen.

Das Moor ist ein Naturparadies und

hat so gar nichts Unheimliches an sich,

auch wenn ab und zu Nebel über die Moore

wabern. Moorkommissar Findorff hätte

ruhig ein bisschen mehr Moor übrig lassen

können. Das wäre auch gut fürs Klima,

denn Moore speichern Kohlendioxyd.

Durch stetigen Rückgang der Moore

durch Torfabbau und Landwirtschaft gehen

nicht nur die Wollgrasbestände immer

weiter zurück. Jan Haft hat einen berührenden

Film über Moore gedreht und ihn

bezeichnenderweise „Magie der Moore“

genannt. Sehr zu empfehlen für alle Freunde

der Moore. Man kann erahnen, wie

der Lebensraum Teufelsmoor früher ausgesehen

haben könnte, mit einer großen

Artenvielfalt, von der wir heute nur noch

träumen können. Der Hochmoorgelbling

z. B. ist hier schon lange nicht mehr gesehen

worden, um nur eine verschwundene

Art zu nennen.

Text und Fotos: Maren Arndt

Nordische Moosjungfern am Schmalblättrigen

Wollgras

Schmalblättriges Wollgrasfeld

14 RUNDBLICK Frühjahr 2019


Rezension:

Jürgen Teumer: Das Haus im Schluh

– zur Geschichte der Gebäude

Die Entstehungsgeschichte von Martha

Vogelers „Haus im Schluh“ in Worpswede

war bisher von wenig belegten Erzählungen

umgeben. Jürgen Teumer beschreibt in

seiner 2018 erschienenen 40-seitigen Broschüre

neu entdeckte Details zur Finanzierung

des Grundstückes

im Schluh und zur Herkunft

der beiden Bauernhäuser,

die das heutige

Schluh-Ensemble ausmachen.

Die Broschüre ist von

Holger Lohse typographisch

fein gestaltet und

eindrücklich bebildert.

Der Wert der Schrift ergibt

sich aus der sorgfältigen

Auswertung

primärer Quellen, wobei

der Verfasser u. a.

Dokumente des Grundbuch-

und Katasteramtes

Osterholz-Scharmbeck,

des Niedersächsischen

Landesverwaltungsamtes

Hannover, verschiedener

Stadtarchive (Duisburg,

Düsseldorf, Warburg,

Nort heim) sowie des Archivs

Haus im Schluh und

private Korrespondenzen

herangezogen hat.

Als Martha Vogeler mit

ihren drei Töchtern 1920

den Barkenhoff Heinrich

Vogelers verließ und in

den Schluh am Rande

von Worpswede zog,

befand sie sich in einer

ökonomisch schwierigen

Situation. Teumer dokumentiert

erstmals, dass primär der jüdische

Kaufmann Paul Lehmann, Duisburg, als

Eigentümer des großen Grundstückes im

Schluh im Grundbuch (Februar 1920) eingetragen

war. Er erwarb für Martha Vogeler

nicht nur das Grundstück, sondern stellte

wesentliche Geldmittel für den Aufbau des

Wohnhauses zur Verfügung. Die Verbindung

zur Familie Lehmann wurde durch

den HNO-Arzt Dr. Emil Löhnberg und dessen

Ehefrau Selma, Hamm/Westf., vermittelt,

mit denen Martha und Heinrich Vogeler

in freundschaftlichem Kontakt standen.

Teumer belegt zudem erstmalig, dass Ludwig

Bäumer im Dezember 1921 als Eigentümer

des Schluh-Areals mit Martha Vogelers

Wohnhaus im Grundbuch eingetragen war

und dass diese selbst erst im August 1922

tatsächliche Eigentümerin wurde.

Die Spurensuche nach der Herkunft des

Gebäudes, das Martha Vogeler 1919 auf

Abbruch in dem Dorf Lüningsee erwarb, ergab

einige bisher unbekannte Aspekte: es

handelte sich um die Hofstelle/Moorbauernstelle

Nr. 4 in der „Colonie Lüningsee“,

das Bauernhaus in der Zwei-Ständer-Bauweise

ist nach Teumers Recherchen um

1840 erbaut worden und war bei seinem

Wiederaufbau im Schluh etwa 80 Jahre alt.

Der zweite Teil seiner Schrift enthält

detaillierte Hinweise zur Geschichte des

zweiten großen Gebäudes des Schluh-

Ensembles, des Webhauses. Das Bauernhaus

erwarb Martha Vogeler – ebenfalls auf

Abriss – 1937 in Grasdorf. Im Februar 1938

wurde es im Schluh wieder aufgebaut. Die

Finanzierung der Baumaßnahmen erfolgte

mit einem Darlehen des mit Martha befreundeten

Ehepaares Helene und Wilhelm

Sülter, Inhaber einer Graphischen Kunstanstalt

in Hamburg.

Fazit: Es handelt sich um eine sehr lesenswerte

Broschüre, in der fundiert recherchierte

vielfältige, äußerst interessante

Hinweise zur Geschichte der beiden Hauptgebäude

von Martha Vogelers Haus im

Schluh zu finden sind.

Dr. Harro Jenss, Worpswede

April

Heller Mond in der Aprilnacht

schadet leicht der Blütenpracht.

Bläst der April in sein Horn,

steht’s gut um Heu und Korn.

Bauernregeln

April – Mai – Juni

Mai

Wenn’s Wetter gut am ersten Mai,

gibt es viel und gutes Heu.

Ein Bienenschwarm im Mai

ist wert wie ein Fuder Heu.

Juni

Juni feucht und warm –

macht den Bauern nicht arm.

Gibt’s im Juni Donnerwetter,

wird’s Getreide umso fetter.

RUNDBLICK Frühjahr 2019

15


Die Landsknechte am Bremer Rathaus

Interessantes zu ihrer Entstehung

Denkmäler, Standbilder nebst Inschriften,

Mosaiken und Allegorien bildeten im

19. Jahrhundert ein probates Mittel zur

Darstellung der Vorbildlichkeit von Monarchen,

Dichtern, Denkern oder Unternehmern.

Mit der Zeit geriet diese „Kunst“

erst in Vergessenheit, dann in Verruf. Mit

diesen Zeilen soll über zwei denkmalartige

Figuren berichtet werden, welche fast vier

Jahrzehnte das Westportal des alten Bremer

Rathauses geschmückt haben: zwei

„Landsknechte“, die als Gegenstück zu den

zwei „Herolden“ auf der Ostseite des Rathauses

drei Jahre später aufgestellt wurden.

Den wenigsten dieser Stadt ist überhaupt

noch bekannt, dass auf der Westseite des

alten Rathauses einmal zwei Figuren standen.

Die Entstehungsgeschichte dieser

beiden „Landsknechte“ wird getragen von

nur vier Personen und ist anfangs komisch,

endet später eher tragisch.

Auslöser und Ideengeber war der Reeder

Heinrich Wiegand (1855-1909). Heinrich

Wiegand war Rechtsanwalt und in dieser

Position auch für den Norddeutschen Lloyd

(NDL) tätig. Mit den Jahren brachte er es

Herolde am Bremer Rathaus

über den Direktor bis zum Generaldirektor

des Norddeutschen Lloyd. Unter seiner

Führung wurde der NDL zur zweitgrößten

Reederei der Welt, er war eine der treibenden

Kräfte bei der Industrialisierung von

Bremen und des Unterweserraumes, wobei

er seine Fühler bis weit nach Westfalen

und Basel ausstreckte. Er war ein brillanter

Redner, hatte einen scharfen Verstand und

ein phänomenales Gedächtnis – was er sich

in den Kopf gesetzt hatte, konnte er auch

ausführen, sei es mit Diplomatie oder mit

seinem Dickschädel, er konnte sich auch

Kaiser Wilhelm II widersetzen.

Wiegand versuchte mit anderen Bremer

Kaufleuten, Einfluss auf die Gestaltung des

Bremer Stadtbildes zu nehmen. Schon Jahre

vor der Aufstellung des Bismarck-Denkmals

als Reiterdenkmal dicht neben dem

Dom hatte er mit einem Denkmal dieser

Art sympathisiert und schließlich eine Sachverständigen-Kommission

von diesem geeigneten

Platz überzeugt. Der Direktor der

Kunsthalle Bremen, Gustav Pauli (1866-

1938), Ehemann von Magda Melchers

(Sommer in Lesmona) hat einmal geschrieben,

„um 1900 gäbe es keine künstlerische

Unternehmung in Bremen, an der Wiegand

keinen Anteil genommen hätte“.

Die Idee zur Anfertigung und Aufstellung

zweier Figuren auf der Westseite als Gegenstück

zu den Reiterfiguren auf der Ostseite

des Rathauses kam Heinrich Wiegand,

nachdem die zwei Reiterfiguren (Größe:

3,20 m) an dem Ostportal des Rathauses

im Jahre 1901 aufgestellt worden waren.

Diese zwei Reiterfiguren waren ein Geschenk

des Bankiers Johann (John) Harjes

(1830-1914). Harjes war ein Weltbürger,

wie man heute sagen würde. Er war in

Bremen geboren, wurde amerikanischer

Staatsbürger und arbeitete sich dort zum

Teilhaber eines großen Bankhauses empor,

dem auch Morgan als Geschäftspartner

beigetreten war. Sein Hauptwohnsitz war

dann Paris geworden. 1900 sah er auf der

Pariser Weltausstellung die zwei Reiterfiguren,

angefertigt von dem Münchener

Künstler Rudolf Maison, kaufte diese und

schenkte sie dem Bremer Staat aus Anhänglichkeit.

Paris wurde auch von ihm mit

zwei Denkmälern beschenkt: das Benjamin

Franklin-Denkmal und eine Reiterstatue

von George Washington. Harjes war einer

der bedeutendsten Bankiers seiner Zeit.

Der Senat der Stadt hatte für diese Reiterfiguren

den schönsten Platz, den die Stadt

zu bieten hatte, nämlich das Ostportal des

Rathauses gewählt.

Bei Wiegand kam der Wunsch auf, auch

am Westportal eine ähnliche Ausschmückung

zu erhalten. Er überlegte, wie er mit

der Anhänglichkeit von Harjes für seine

Heimatstadt Bremen eine erneute Schenkung

bewegen könnte. Da eine gelegentliche

Äußerung von ihm Harjes gegenüber

ohne Reaktion geblieben war, kam ihm

der Gedanke, Kaiser Wilhelm II mit in seinen

Plan einzuspannen. Der Kaiser machte

oft auf der Durchreise nach Bremerhaven

in Bremen im Ratskeller Station. Hier

ergab es sich, dass Wiegand den Kaiser

während einer Tafelrunde im Ratskeller in

seinen Plan einweihen konnte. Wiegand

beschreibt die Situation:“ Der Kaiser lachte

fröhlich, indem er sagte: „Es ist kaum zu

glauben, wozu Wiegand gekrönte Häupter

gebraucht, jetzt soll ich ihm sogar helfen,

für das Rathaus in Bremen einen Schmuck

zu bekommen. Aber es ist gut, helfen werde

ich Ihnen, laden Sie den Mann nur ein“.

Sechs Wochen später kam die Gelegenheit

auf dem Dampfer „Kronprinz Wilhelm“.

Harjes wurde dem Kaiser vorgestellt.

Anhand von Fotografien konnte der Kaiser

Harjes für seine Vaterlandstreue loben, insbesondere

für den schönen Schmuck durch

die beiden Reiterfiguren, und fuhr dann fort:

„Aber Sie müssen noch etwas mehr tun, Sie

müssen auch einen Schmuck für die andere

Seite des Rathauses stiften“. Harjes bedankte

sich hocherfreut, dass Seine Majestät ihn

16 RUNDBLICK Frühjahr 2019


Vorläufige Fassung

Endgültige Ausführung

darauf aufmerksam gemacht hatte, und

sagte: „Das werde ich gleich in die Hand

nehmen“. Der Kaiser war nicht minder erfreut

über den Ausgang der Unterredung.

Von Wiegand bekam Harjes dann den Auftrag,

die beiden Figuren als heiliger Michael

und heiliger Georg darzustellen, so wie es

mit dem Kaiser vereinbart worden war. Der

Kaiser trat vergnügt zu Wiegand und sagte:

„Nun sagen Sie mal schön danke. Herr

Harjes ist überglücklich, dass ich ihn darauf

aufmerksam gemacht habe“.

Bis jetzt haben wir drei Personen kennengelernt,

die mit der Entstehungsgeschichte

der Landsknechte zu tun haben: den Generaldirektor

des NDL, Heinrich Wiegand,

Kaiser Wilhelm II und den Bankier John

Harjes. Ab jetzt kommt als vierter Aktiver

der Münchener Künstler Rudolf Maison

(1854-1904) als Ausführender der beiden

Figuren dazu. Maison war ein Meister der

Bildhauerei. Er war ein führender Künstler

im Wilhelminischen Kaiserreich. Maison

war durch den König Ludwig II „geadelt“

worden, als dieser ihn mit der Herstellung

des voluminösen Fama-Brunnen vor dem

Schloss Herrenchiemsee beauftragt hatte.

Seitdem konnte sich Maison seine Auftraggeber

aussuchen. In Berlin hat er für den

damals 1894 fertiggestellten Reichstag drei

Gewerke geschaffen, u.a. standen auf der

Ostseite des Reichstags ebenfalls zwei Reiterfiguren

(Größe: 6,80 m), deren Aussehen

denen in Bremen auf der Ostseite des

Rathauses ähnelten. In Bremen hat er den

Teichmannbrunnen im Jahr 1899 auf dem

ehemaligen Domsplatz erschaffen.

Heinrich Wiegand schreibt in seinen

„Lebenserinnerungen“: „Die Ausführung

der Idee des Kaisers hat dem Künstler und

mir allerdings viel Schmerzen bereitet.

Die beiden Heiligen-Figuren, wie er sie ursprünglich

projektiert hatte, waren wenig

nach unserem Geschmack und lagen dem

Künstler auch wenig glücklich. Erst in allmählicher

Umwandlung sind die Figuren

in der Art entstanden, wie sie jetzt dort

stehen, die allerdings die beiden Heiligen

wenig verraten lassen“.

Bedenken des Kaisers

Wer möchte zwei Drachentöter neben

dem Eingang zum Ratskeller erleben?

Dieser Vorschlag ist desillusionierend und

realitätsfern. Doch eine Änderung wurde

vom Kaiser ungnädig aufgenommen, seine

Majestät bestand auf der Aufstellung der

beiden Heiligen. Über mehrere Jahre versuchte

der Künstler, den Kaiser umzustimmen

und hatte ihm diverse unterschiedliche

Entwürfe vorgelegt. Endlich, im Jahr

1903, hatte er sich mit dem Hof in Berlin

geeinigt, die Figuren ohne Drachen und

Flügel herzustellen. Wiegand war während

der ganzen Zeit über die wechselhafte Geschichte

mit der Anfertigung der Figuren

informiert und agierte im Hintergrund. Er

hatte große Angst, dass Harjes sein Interesse

bei dem Hin und Her verlieren könnte

und trieb Maison zur Eile an. Bei Wiegand

kamen Zweifel hinsichtlich des künstlerischen

Könnens von Maison auf. Wiegand

und Harjes waren während dieser Entscheidungszeit

öfters in München, um Maison

anzuspornen und Zweifel auszuräumen.

Wiegand schreibt:“ Der Drache kann ganz

verschwinden, wir werden ihm keine Träne

nachweinen“. Im Frühjahr 1903 entstanden

die beiden Figuren, die dann auch

zur Aufstellung vor dem Rathaus-Portal gelangten:

zwei stehende Ritter. Größe: etwas

über 2 m.

Rechts vom Rathauseingang stand der

hl. Michael. Seine Erscheinung war jugendlich,

stolz und edel aussehend in einem

gotischen Plattenpanzer mit Eisenschuhen,

Schwert und Schild. Er richtet seinen Blick

wachsam in die Ferne. Auf der anderen

linken Seite stand der hl. Georg, ebenfalls

in voller Rüstung dargestellt mit langem

Speer. Er trägt eine Kesselhaube, dazu Ringelkapuze,

Lederwams, Panzerjacke und

Mantel, welcher am Hals mit einer Spange

zusammengehalten wird. Ein Kreuz verziert

seinen Schild und mit beiden Händen umfasst

er den Speer.

Lange Monate herrschte Schweigen über

das weitere Vorgehen. Unklar ist, wie letzten

Endes das Einverständnis des Kaisers

eingeholt wurde. Auf Wunsch seiner Majestät

wurden die Engels-Flügel des hl. Michael

entfernt, bei dem hl. Georg wurde die Bekleidung

gering verändert. Im November

1903 gab Harjes bekannt, dass alle mit den

beiden Entwürfen einverstanden seien. Bei

all dem Hin und Her um die Ausführung

der Figuren erwies sich einmal mehr, dass

ein als einfach erscheinender Auftrag des

Initiators im Nachhinein in der Ausführung

durch den Künstler unerwartet schwierig

und zeitaufwendig sein konnte. Denn Maison

als ausführender Künstler hatte den kaiserlichen

Auftrag unbekümmert als unausführbar

abgetan und einen Gegenvorschlag

gemacht. Er wollte statt der Heiligen zwei

Bremer Bürger in mittelalterlichem Gewand

vor das Rathausportal aufstellen.

Die jetztfertig gestellten Figuren sind ein

typisches Produkt des Wilhelminischen Kaiserreiches.

Die Gesellschaft war gespalten,

sie war fortschrittlich und rückständig zugleich.

Adel und Großbürgertum standen

dem Liberalismus und der Sozialdemokratie

unversöhnlich gegenüber. Die Künstler

und besonders die Intellektuellen brachen

ab 1890 mit der konservativen Kunst und

Kultur des Kaiserreiches.

RUNDBLICK Frühjahr 2019

17


Die Herstellung der beiden Landsknechte

war im November 1903 abgeschlossen. Sie

war Maisons letzte Arbeit. Bei der geplanten

Präsentation im Februar 1904 war der

Künstler plötzlich im Alter von 50 Jahren

verstorben und konnte so die begeisterte

Zustimmung der Bremer nicht mehr erleben.

Die Beliebtheit der Ritter stand den

Reitern auf der anderen Rathausseite in

nichts nach.

Das Werk vollenden musste jetzt der

langjährige Mitarbeiter und Gießer Hans

Bauer. Am 12. September 1904 wurden die

beiden Landsknechte vor dem westlichen

Rathausportal aufgestellt. Bauer meinte,

dass die bronzenen Ritter wohl Maisons

bestes Werk gewesen seien. Er bedauerte es

sehr, dass die beiden Figuren nach Bremen

kämen: „Ich möchte sie am besten immer

um mich haben“. Von der Bremer Bevölkerung

wurden die beiden neuen Figuren

positiv aufgenommen.

Das Ende dieser zwei Ritter ist tragisch.

Vor dem Rathausportal standen sie nur

knapp 40 Jahre. Der 2. Weltkrieg forderte

seinen Tribut. Auf der Suche nach knappen

Metallressourcen machten die Nationalsozialisten

auch vor vielen Denkmälern

keinen Halt. Die beiden Figuren wurden

daher leider im Jahr 1942 als sogenannte

„Metallspende“ eingeschmolzen, genauso

wie die Denkmäler Kaiser Wilhelms I auf

dem Liebfrauenkirchhof, der Wilhadi-Brunnen

zwischen Dom und Rathaus, sowie der

Teichmann-Brunnen auf dem ehemaligen

Domshof, um nur einige Denkmäler aus

der Innenstadt zu nennen.

Allerdings – es gibt zwei verkleinerte

Nachgüsse der Ritter, die Heinrich Wiegand

für private Zwecke hat anfertigen lassen.

Die knapp 1 m großen Figuren standen in

seinen Privaträumen, bevor sie nach seinem

Tode über mehrere Stationen seit 1933 in

den Besitz des Schütting gelangten. Dort

stehen sie noch heute links und rechts des

Treppenaufganges zum 1. Geschoss und

können von jedermann besichtigt werden.

Die beiden Reiterfiguren vor dem Ostportal

des Rathauses verschwanden ebenfalls

zu Kriegsbeginn. Allerdings blieben sie

erhalten und wurden im Bunker vor dem

Hauptbahnhof eingemauert. Heute stehen

sie wieder vor dem Rathaus. Aber das ist

eine andere Geschichte…

Man hätte über jede dieser vier Personen

eine eigene Biografie schreiben können.

Das Thema zwingt jedoch, Grenzen zu

setzen. Alle Aktivitäten dieser Vier zu beschreiben,

hätte den Rahmen des Berichtes

gesprengt. Wer sich jedoch weiter mit dem

Leben dieser Personen beschäftigen möchte,

dem seien zwei Bücher empfohlen:

1. „Die Lebenserinnerungen des NDL-Direktors

Heinrich Wiegand“ von Jörn Brinkhus,

Schriften des Staatsarchivs Bremen,

Bd. 54, 2017. Amüsanter, abwechslungsreicher

Lesestoff.

2. „Rudolf Maison“ von Karin Geiger u.

Sabine Tausch, Begleitband zur Ausstellung

im Historischen Museum der Stadt Regensburg

vom 18. September 2016 bis zum

2. April 2017. Universitätsverlag Regensburg,

2016. Ein opulentes Werk mit allen

Bremer Gewerken.

Weitere vertiefende Bücher:

3. „Denkmäler, Freiplastiken, Brunnen in

Bremen 1800-1945“ von Beate Mielsch,

Verlag J. H. Schmalfeldt + Co, Bremen. Bremer

Bände zur Kulturpolitik, Bd. 3, 1960.

4. Bremisches Jahrbuch, Bd. 55, 1977,

herausgegeben vom Staatsarchiv Bremen,

S. 305-326 von Heinrich Petzet „Ritter am

Rathaus zu Bremen“.

Wikipedia:

Herolde am Bremer Rathaus, Heinrich Wiegand

(Reeder),Rudolf Maison, Gustav Pauli,

John Harjes (engl.).

Fotos:

Die Darstellung mit der „vorläufigen Fassung“

entstammt dem Begleitband zur

Ausstellung über Rudolf Maison, Katalog-

S. 170.

Die beiden anderen Fotos entstammen dem

Bremischen Jahrbuch, Bd. 55 von 1977 S.

307 und S. 308.

Dr. Hans Christiansen

Unvergessen…

Stimmungsbilder aus Moor und Heide

im Spiegel der Dichtkunst

Sein Werk ist vielgestaltig. Naturalismus

und Romantik prägen seine Gedichte und

Balladen. Seine Lyrik beeinflusste unter anderem

den jungen Rainer Maria Rilke. Auch

heute noch beispielhaft für die Dichtkunst

des 19. Jahrhunderts ist

Detlev von Liliencron

Detlev von Liliencron 1905 (Quelle: wikipedia.org)

Der deutsche Lyriker, Prosa- und Bühnenautor

wurde am 3. Juni 1844 in Kiel geboren.

Nach einer kurzen Militärkarriere und

einigen Jahren Tätigkeit in der Verwaltung

wandte er sich als freier Schriftsteller seiner

Leidenschaft zu, der Dichtkunst. Im Jahre

1883 erschien ein erster Gedichtband, weitere

folgten recht bald. Schon zu Detlev

von Liliencrons Lebzeiten galt seine Lyrik

als bedeutendste für den Naturalismus des

späten 19. Jahrhunderts. Richard Dehmel

(s. Heft Nr. 124, Seite 33) charakterisierte

ihn später in einem Nachruf so: „Wer das

Leben kennt und trotzdem liebt, der muss

ihn lieben. Keiner vor ihm hat es so als buntes

Spiel begriffen.“

Als Paradebeispiele seiner Balladen gelten

auch heute noch „Trutz, blanke Hans“ und

„Pidder Lyng“. Sie sind willkommener Bestandteil

von Vortragsabenden und im

Deutschunterricht.

Detlev von Liliencron starb am 22. Juli

1909 in Alt-Rahlstedt, dem heutigen Stadtteil

von Hamburg. Wir erinnern an einen

Großen der deutschen Lyrik mit zwei Beispielen

(Sommer und Herbst) seiner

Heidebilder

Die Mittagssonne brütet auf der Heide, im

Süden droht ein schwarzer Ring. Verdurstet

hängt das magere Getreide, behaglich

treibt ein Schmetterling.

Ermattet ruhn der Hirt und seine Schafe,

die Ente träumt im Binsenkraut,

die Ringelnatter sonnt in trägem Schlafe

unregbar ihre Tigerhaut.

Im Zickzack zuckt ein Blitz, und Wasserfluten

entstürzen gierig dunklem Zelt.

Es jauchzt der Sturm und peitscht mit seinen

Ruten erlösend meine Heidewelt.

-------------------

In Herbstestagen bricht mit starkem Flügel

der Reiher durch den Nebelduft.

Wie still es ist! Kaum hör‘ ich um den Hügel

noch einen Laut in weiter Luft.

Auf eines Birkenstämmchens schwanker

Krone ruht sich ein Wanderfalke aus.

Doch schläft er nicht, vor seinem leichten

Throne äugt er durchdringend scharf hinaus.

Der alte Bauer mit verhaltnem Schritte

schleicht neben seinem Wagen Torf.

Und holpernd, stolpernd schleppt mit

lahmem Tritte der alte Schimmel ihn ins Dorf.

-------------------

Tiefeinsamkeit, es schlingt um deine Pforte

die Erika das rote Band.

Von Menschen leer, was braucht es noch

der Worte, sei mir gegrüßt, du stilles Land!

Peter Richter

18 RUNDBLICK Frühjahr 2019


Köksch un Qualm – mehr als ein Museum

Donnerstagsprogramm von April bis Juni 2019 bietet für jeden etwas in der Stader Landstr. 46

DO 18.04.19, 14.00 – 17.00 Uhr

FERIENSPEZIAL – Wäschewaschen wie

früher. Große und kleine Helferinnen können

an diesem Nachmittag unseren fleißigen

Waschfrauen zur Hand gehen und

selber ausprobieren, wie früher gewaschen

wurde: Wäschestampfen, auf dem Waschbrett

schrubben und die große Wringe kurbeln.

Zur Belohnung gibt es selbst hergestellte

Seife. (Anmeldungen erbeten)

DO 25.04.19, 15.00 Uhr

Antike Grußkarten leicht gemacht. Wir zeigen

verschiedene Möglichkeiten auf, Grußund

Glückwunschkarten im Stil der früheren

Zeit zu gestalten. Erstellen Sie historische

Unikate für Anlässe jeglicher Art, über welche

sich ihre Liebsten freuen werden. Lassen

Sie sich inspirieren. (Anmeldungen erforderlich

& Kosten nach Materialaufwand)

DO 02.05.19, 15.00 Uhr

Das Taschentuch: Ein kleines Stück Stoff

und eine so große Geschichte. Es erwartet

Sie ein unterhaltsamer Nachmittag, an

welchem sich alles um ein unterschätztes

Stückchen Stoff dreht. Erfahren Sie etwas

über Status, Handarbeit und historische

Symbolik dieses aufwendig angefertigten

Stoffgebildes, welches bereits eine tragende

Rolle in Shakespeare‘s Tragödie „Othello“

spielte. (Anmeldungen erbeten)

DO 09.05.19, 15.30 Uhr

Lesung – Adelheid, es ist so weit!! Meta

Senkpiel (Christine Bongartz) plaudert aus

dem Nähkästchen über ihre Kränzchenfreundinnen

Madda und Kede, die haben

sich nämlich mächtig zerstritten... (Anmeldungen

erbeten)

DO 16.05.19, 15.30 Uhr

Bremen kocht! Leckeres aus Wildkräutern.

Die Natur hat bereits ihren Tisch gedeckt:

Viele schmackhafte Wildkräuter strecken ihre

Köpfe der Sonne entgegen. Wir möchten Sie

heute dazu einladen, mit uns im Handumdrehen

eine kleine Leckerei aus dem Garten

der Natur zu zaubern. Wir laden zum Probieren

ein. (Anmeldungen erforderlich)

fordern wir ihre Geschicklichkeit, ihre Kreativität

und ihr Einfallsreichtum heraus. Spielen

Sie mit uns! Egal ob Mikado, Mensch

ärgere dich nicht oder Scharade, sicherlich

ist für jede/n etwas dabei. (Anmeldungen

erbeten)

DO 13.06.19, 15.30 Uhr

Lesung – Kein Sommer ohne Lesmona!

Christine Bongartz liest als Gesine von Katenkampp

aus den Mädchenbriefen „Sommer

in Lesmona“ von Marga Berck. (Anmeldungen

erbeten)

DO 20.06.19, 15.30 Uhr

Bremen kocht! Aus frischen Zutaten

wohlschmeckende Limonaden herstellen

Passend zu sommerlichen Temperaturen

darf ein erfrischendes Getränk nicht fehlen.

Leider enthalten viele Erfrischungsgetränke

sehr viel Zucker. Die Pflanzenwelt bietet uns

jedoch mit ihrem reichhaltigen Angebot

vielfach gesündere Alternativen. Wir geben

Anregungen, wie man diese mit wenig Aufwand

selber zubereiten kann. Probieren Sie

gern. (Anmeldungen erforderlich)

DO 27.06.19, 15.00 Uhr

Essig – Ein echter Allrounder

Heute dreht sich alles um das Thema Essig.

Wir zeigen Ihnen, wofür Sie Essig alles nutzen

können. Egal ob im Haushalt, bei der

Schädlingsbekämpfung oder für die Schönheit.

Essig ist vielseitiger, als man sich vorstellen

kann. (Anmeldungen erbeten)

Eintritt 3,00 € für das Donnerstagsprogramm;

inklusive szenischer Führung durch

die Ausstellung (auf Wunsch) in Kombination

mit dem jeweiligen Hauptprogramm/

ggf. zzgl. Materialkosten.

Kinder 1,50 €/Kaffee-Menü: 3,80 €. Weitere

Ermäßigungen bitte an der Kasse erfragen.

SONDERVERANSTALTUNGEN

Offene Handarbeitsgruppe

An jedem ersten Montag des Monats trifft

sich von 15.00 – 17.00 Uhr die offene Handarbeitsgruppe

unter der Leitung von Renate

Drögemüller. (Feiertage ausgenommen)

Die nächsten Termine sind am 01.04.2019,

06.05.2019 und 03.06.2019.

Anmeldung erbeten!

Frühstück im Köksch un Qualm

Wir bieten jeden ersten Mittwoch im Monat

ein kleines Frühstück zum Preis von 6,80 €

an, um Ihnen eine außerordentliche Gelegenheit

zu bieten, unser Museum kennenzulernen

und in besonderer Atmosphäre in

den Tag zu starten. Es erwarten Sie Brot und

Brötchen (1 Scheibe Schwarzbrot, 1 Brötchen),

Aufschnitt, Ei, Käse und Marmelade.

Kaffee und Tee stehen Ihnen satt zur Auswahl.

Eine szenische Führung kann nach

Vereinbarung im Anschluss an Ihr Frühstück

für 3,00 € hinzu gebucht werden.

Die nächsten Termine sind am 03.04.2019,

08.05.2019 und 05.06.2019 von 10.00 –

12.00 Uhr. Rechtzeitige Anmeldungen erforderlich!

INDIVIDUELLE BUCHUNGSANFRAGEN

Feiern, Tagen und mehr!

Verbringen Sie im Köksch un Qualm ein

paar schöne Stunden und buchen Sie das

Museum inkl. szenischer Führung und weiterem

Programm auf Anfrage. Wir freuen

uns auf Ihren Besuch, mit Ihrer Schulklasse,

Ihren Freundinnen und Freunden, Ihren

Kindern, anlässlich Ihres Geburtstages, als

Ziel eines Fahrradausfluges oder aber mit

Ihren Arbeitskolleginnen und -kollegen.

DO 23.05.19, 15.30 Uhr

Szenische Reise in das Jahr 1898. Wir laden

Sie zu einer kleinen szenischen Reise in

die Welt des Friedrich Wilhelm Richterings

und seines Dienstpersonals ein. Tauchen Sie

ein in eine Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs.

Erfahren Sie mehr über dadurch

entstandene Träume, Visionen und Gedanken

des Gesindes im Hause Richtering und

ihren Hoffnungen an das Leben. (Anmeldungen

erbeten)

DO 06.06.19, 15.00 Uhr

Wir spielen die Spiele unserer Großeltern

„Oma, was hast du eigentlich früher

als Kind gespielt?“ An diesem Nachmittag

Allgemeine Öffnungszeiten

Sie können unser Museum am Donnerstag in der Zeit von 14.00 – 18.00 Uhr

und jederzeit nach Vereinbarung besuchen.

Anmeldungen

Sie erreichen das Köksch un Qualm-Team

Mo., Di., Mi. und Fr. von 9.00 – 14.00 Uhr sowie Do. von 12.00 – 17.00 Uhr

persönlich unter der Tel.: 0421-636958-66.

Oder per E-Mail unter: zigarrenfabrik@bras-bremen.de

Barrierefreiheit ist bei uns gewährleistet!

RUNDBLICK Frühjahr 2019

19


Haus Windeck in Grohn

Schriftzug an der Westseite

„Fahre ich die Weser von Bremen nach

Vegesack hinab, so grüßt mich, nahe dem

Ziel, noch heute der Turm. Wandere ich

den Deich an der Lesum entlang durch das

Dorf Lesumbrok flussabwärts, so sehe ich

von der Stelle aus, wo er durch das Weideland

zur Weser abbiegt, noch heute die

Wipfel ragen, die das teure Haus umschließen…“

so beginnt der Autor Wilhelm Julius

Robert Tideman (1890-1949) seine kleine

Schrift „Windeck-Buch der Erinnerung“ im

Jahre 1947 mit seinen Kindheitserinnerungen,

welche dann allerdings erst 1968, 20

Jahre nach seinem Tod, von der Tidemanschen

Familienstiftung, Bremen, in Druck

gegeben wurde. Der Professor, Arzt und

Theologe Karl Stoevesandt und seine Frau

schreiben 1947 an Wilhelm Tideman: „Der

kulturgeschichtliche Wert dieser Familienerinnerung

ist beträchtlich. Denn diese

Zeit ist vorbei und wird so nicht wiederkommen.

Dieses Zeitbild mit dem ihm gegebenen

inneren Wert wird überzeitlich

bleiben.“

Schloss „Windeck“ um 1860

Die exponierte Lage dieser Villa mit dem

markanten hohen Tudor-Turm am hohen

Geesthang der Lesum auf ca. 8.000 m 2

großem Grundstück ist schon von weitem

sichtbar. Schräg gegenüber der Grohner

Kirche St. Michael führt von der Friedrich-Humbert-Straße

eine schmale Straße

mit dem Namen „Tidemanstraße“ in Richtung

des Hauses „Windeck“, welches am

Ende der Straße und direkt am Geesthang

gelegen ist.

Der Erbauer

Johannes Tideman

Johannes Tideman ist der Name des Erbauers

dieses großen Komplexes mit dem

weithin sichtbaren Turm. Johannes Tideman

(1799-1887) war ein Bremer Eltermann,

Kaufmann und Reeder (besaß u. a.

drei Schoner mit den Namen GERTRUDE,

HENRIETTE, HERMINE und drei Brigg mit

den Namen DANIEL, GOTTFRIED MEN-

KEN, META). Er war verheiratet mit Henriette

Christiane Meinertzhagen (1803-

1872) aus Bremen. 1847 wurde das Haus

erbaut, über den Architekten ist nichts

bekannt. Die Familie Tideman ist eine im

15. Jahrhundert von Holland nach Bremen

eingewanderte Pastoren-, Juristen-, Ratsherren-

und Senatorenfamilie. Seit 1457

wird das Geschlecht der Tidemans in den

Büchern des Bremer Rats genannt. In der

oberen Rathaushalle ist das Familienwappen

in einem Bleifenster eingelassen. Mit

dem Bau des Hauses „Windeck“ verbunden

ist folgender biblischer Spruch: „Wir

haben hier keine bleibende Statt – sondern

die zukünftige suchen wir!“ Diese Zeilen

waren an der Westseite oberhalb der Loggia

angebracht, heute sind sie allerdings

verschwunden. Leben und Verhalten der

Tidemans war eindeutig geprägt von reformiertem

Christentum, Biblizismus und

bremischer Tradition. Für die geplante

Grohner Kirche St. Michael spendete der

Reeder Johannes Tideman 500 Thaler in

Gold, seine drei Töchter gaben jeweils

10.000 Mark, obwohl alle die Fertigstellung

des Kirchenbaus St. Michael im Jahre

1908 nicht mehr erlebten. 1882 stiftete Johannes

Tideman das nach ihm benannte

„Johannesstift“, welches als roter Klinkerbau

hinter der Volksbank gegenüber dem

Bremer Tauwerk stand und eine Diakonissenstation

sowie eine „Kleinkinderbewahranstalt“

enthielt. Tatsächlich sollte der

Grohner Kindergarten dort in diesem Haus

bis zu seinem Umzug ins Haus „Windeck“

im Jahr 1955 bestehen bleiben.

Einzigartige Lage

und Aussicht

Die Lage auf dem abfallenden Geestrücken

zur Lesum und zur Schönebecker Aue

war einzigartig. Man hatte freie Sicht nach

Süden auf die Lesum und nach Westen auf

die Lesum- und Ochtum-Mündung und

Vegesack. Weiter unten hatte bereits der

Werftbesitzer Johann Lange sein Wohnhaus

gebaut, und sein Sohn Johann Lange

jun. (1804-1876), der nach dem Tod

seines Vaters im Jahr 1844 die florierende

Werft übernahm, ließ den Garten hinter

dem Wohnhaus seines Vaters in einen

prächtigen Park verwandeln und in zeittypischer

Manier mit einer künstlichen, neogotischen

Turmruine ausstatten, welche

noch heute vorhanden ist. Diese Ruine hat

der Erbauer der Villa „Windeck“ gesehen

und gekannt und emotional hat er sich für

den Bau eines Turmes bei seinem Neubau

entschieden. Von diesem Turm kann man

die Kirchtürme Bremens sehen, nach Westen

geht der Blick bis nach Vegesack, zur

alten Ochtum-Mündung bei Lemwerder

und weiter bis nach Blumenthal. Unterhalb

des Windeck-Grundstücks lagen die alten

Fischerhäuser der Erbfischer-Familien.

Blick von der Turmspitze

Über den Bauherren Johannes Tideman

ist die Biografie dürftig. Weitaus bekannter

wurde sein Enkel, Dr. jur., Dr. rer.pol. Regierungsrat

Wilhelm Julius Robert Tideman

(1890-1949), Sohn von Johannes Tideman

(1840-1927) und Selina Lucie Leila Taylor

(1850-1919). Wilhelm war verheiratet mit

Wera Penzig (1892-1984), Tochter eines

Engländers und einer Schweizerin. Wilhelm

hatte sieben Geschwister, er war der

Jüngste. Wilhelm Tideman verlebte seine

Kindheit und Jugend in dem Haus „Windeck“.

Er schreibt, dass der jährliche Umzug

vom Bremer Stadthaus nach Windeck Anfang

April bis Mai stattfand, indem man

den nötigen Hausstand zum Dampfer an

die Schlachte schaffte, um dann nach Vegesack

zu fahren. Man hatte unterhalb des

Hauses Windeck zwar einen kleinen Hafen

angelegt, dieser war aber nur bei Flut

zu benutzen. Wilhelm Tideman heiratete

1913 mit Kapital, welches er von seinen

drei Tanten geerbt hatte. Durch seinen Vater

bekam er zusätzlich Unterstützung. Er

schreibt: „Die verdrehten Nachkriegszustände

haben meinen beruflichen Werdegang

in eine seltsam verbogene Lebens-

20 RUNDBLICK Frühjahr 2019


ahn gebracht“. Das Paar hatte u. a. einen

Sohn Hans-Lüder, der Bluter war und zeit

seines Lebens kränkelte und nur 25 Jahre

alt wurde (1920-1945). Die Erbkrankheit

war mütterlicherseits bedingt.

Der Sohn Wilhelm

Tidemann, ein bekannter

Bremer Dichter

Wilhelm Tideman wurde ein bekannter

Bremer Dichter, Lyriker, Philosoph und

Poet, der mit seiner schriftstellerischen

Art, seinen tiefsinnigen Gedankengängen

und seinem außergewöhnlichem Vokabular

auf seine Zeit eingewirkt hat. Mit den

folgenden Zeilen soll auf diesen herausragenden

Bremer Schriftsteller eingegangen

werden. Die Gründung der „Literarischen

Privatkurse“ durch Wilhelm und Wera Tideman

1919 ging 1924 über in die „Neue

Vortragsgesellschaft“ (1924-1934), eine

besondere Art der Volkshochschule: Schaffung

einer Stätte geistigen Lebens, Gegengewicht

zur geistigen Inanspruchnahme

des Berufslebens zur geistigen-sittlichen

Not. Sein kleines Buch „Erinnerungen“

spiegelt bremische Kultur wider, die auf

Haus „Windeck“ um die Jahrhundertwende

bis zum 1. Weltkrieg gelebt wurde, es zeigt

seinen bremischen Charakter: eine Verbindung

des Kaufmanns mit dem Reeder:

Hanseat genannt. Er zitiert einen großen

Gelehrten, nachdem Bremen „die Stadt

war, in der man Sonntags eine gute Predigt

hören und einen guten Braten essen müsste“.

Das sei bremische Art und Sitte. Dieser

bremische Stil lehrt uns: „Nüchternheit

des Urteils, Wille zur Tat, Echtheit der Gesinnung,

Prunklosigkeit der Lebensführung

und jene Freiheit, in der die in sich selbst sichere

Persönlichkeit gedeiht; er zeigt, dass

Innerlichkeit notwendiger und stärker ist

als äußerer Reichtum“. Sein Hauptaugenmerk

zielte auf das Erfragen der Existenz.

Hölderlin und Kierkegaard bestimmten

seinen Weg. In seinem nicht mehr abgeschlossenen

Werk „Philosophie des Schicksals“

begegnen sich östliche Weisheit und

westliche Tragik. Die Vorträge von ihm

und vielen anderen Mitgliedern sind noch

heute zugänglich, befassen sich hauptsächlich

mit philosophischen Fragen. Andreas

Gildemeister hat 1927 in der „Weser

Zeitung“ über ihn geschrieben: „Eine fest

ausgeprägte, oft schroffe und schwierige

Individualität, furchtlos im Ausdruck seiner

Überzeugung, ehrlich und leidenschaftlich

in Neigung und Abneigung, an Güte und

Treue für seine Freunde unübertroffen.“

Zum Schluss der Ausführungen über seine

schriftstellerische Tätigkeiten zitiere ich

einen Absatz aus den „Erinnerungen“: „Du

Garten der Freude, der Jugendlust, du Haus

der zarten Menschen, der edlen, hochgestimmten

Festlichkeit! Du warst die Heimat,

über der der Abendwind, von der sinkenden

Sonne vergoldet, die Flagge der Freiheit

wehte“. Wilhelm Tideman wurde auf

dem Waller Friedhof beerdigt. Die Grabstelle

von Wilhelm und Wera Tidemann

hat die Lage Nr. Y96. Insgesamt kann man

sagen, dass sein Leben nicht leicht war, er

hat es sich aber auch nicht leicht gemacht.

Schinkel hat einmal zur Aussicht auf die

Landschaft gesagt: „Landschaftliche Aussichten

gewähren ein besonderes Interesse,

wenn man die Spuren des menschlichen

Daseins dar innen wahrnimmt. Der Reiz

der Landschaft wird erhöht, indem man die

Spuren des Menschlichen recht entschieden

darin hervortreten lässt…“ Begehrte

Plätze in der Landschaft werden als „points

de vue“ bezeichnet. Das Haus wird an den

höchsten Punkt gelegt, darunter breiten

sich Garten und Park aus, über sie hinweg

sieht man in die ideale Landschaft, sprich

Lesum- und Weser-Niederung.

Castle Style

Wappen Tideman

Das im „castle style“ (Burgenstil) errichtete

Haus weist eine Reihe Baukörpergruppierungen

in der Wandarchitektur auf, die

dem großen Baublock Leben verleihen, als

da sind eine turmartige Erhöhung, Arkadengalerien

längs der Dachgesimse in der

Horizontalen und natürlich, sehr wichtig,

Zinnen auf Dachrändern und Türmen. Sowohl

in Bremen wie auch in Hamburg ist

ein ausgeprägtes Interesse an Häusern im

„castle style“ zu finden, welches hauptsächlich

durch die traditionellen und jahrzehntelangen

Handelsbeziehungen zu

England vermittelt wurde. Der Wunsch

nach Präsentation führte dazu, dass die

Eingangsfront monumental-symmetrisch

(englisch) gebaut wurde, während die Gartenseite

verspielter und freier (italienisch)

gestaltet wurde.

Ehemaliger Eingangsbereich von „Windeck“

Die Villa „Windeck“ ist das früheste Beispiel

einer Reihe vom „castle style“ beeinflussten

Gebäude. Aus diesem Grund ist die

typische Formenvielfalt dieser englischen

Bauform noch nicht so ausgeprägt, es ist

viel eher noch eine „normännische“ Formensprache

verbaut. Spätere Bauwerke wie

das Schloss in Wätjens Park in Blumenthal

(1858-1864 erbaut), das Landgut Albrecht

in Leuchtenburg (1868 erbaut) oder Schloss

Mühlenthal des Baron Knoop in St. Magnus

(1868-1871 erbaut) zeigen einen reicher

werdenden Stil in allen Detailformen.

Die zweigeschossige Villa wurde im Stil

der Romantik mit gelben Klinkersteinen

erbaut und ähnelt mit seinem Zinnen

bewehrten Turm entfernt einer Burg am

Rhein. Die „alten Grohner“ sprachen früher

immer von ihrem Schloss „Windeck“.

Der gesamte Hauptbaukörper und die

Türmchen an den Ecken waren früher mit

Zinnen bekrönt. Zur Westseite hin führt

eine breite Freitreppe zu einer vorgelagerten

italienisch geprägten Loggia. Zwei

romantische Säulen stützen die Vorderseite

der Loggia, zwischen denen drei Rundbögen

die Loggia überwölben. Auf einem

alten Foto erkennt man, dass die Loggia

mit Glastüren teilverschlossen war. Der

Söller über der Loggia wurde begrenzt von

einem Vegesacker Eisengussgitter. Heute

sind rotgefärbte, verzierte Betongitter eingesetzt.

Die Hausecken sind allesamt verstärkt

und enden in kleinen Ecktürmchen.

Aneinander gereihte, vorgemauerte Dreiecksspitzen

verbinden die Hausecken unter

dem von Konsolen gestützten Hauptgesims.

Neben der beschriebenen westlichen

Loggia gibt es eine Südveranda sowie eine

heute nicht mehr vorhandene Nordveranda.

Diese Nordveranda, die nur von außen

zugänglich war, wurde in den 1930er Jahren

zusammen mit einem Teil des nördlichen

Hauptbaukörpers abgerissen. Dieser

nördliche Teil wurde um ca. 4 m entfernt,

die beiden Fenster links der Loggia fehlen

heute, die vier Fenster an der nördlichen

Wand im 1. Stock sind jetzt auf zwei Fenster

reduziert worden. Der Dacherker ist

ebenfalls entfernt worden. Man kann nur

vermuten, warum man das Haus so stark

verändert hat; wollte man den großen

Festsaal auf diese Weise verkleinern? Seitdem

fehlt dem Bau die Harmonie; die Veränderungen

kann man noch heute gut

an dem etwas veränderten gelben Backstein

erkennen. An dieser nördlichen Seite

steht heute der Kita-Anbau. Ein großer

Störfaktor stellt seit drei Jahren die an der

Rückwand rechts neben der Loggia angebrachte

Feuerleiter mit hässlicher Holzverkleidung

dar. Früher wurde unterschieden

zwischen einem Ober- und Untergarten.

Beide Gärten waren verbunden mit einer

„Brücke“ genannten steinernen Treppe,

welche im Winkel mit Brückenbögen

die Straße „Am Wasser“ überquerte und

durch verschieden größere und kleine Ab-

RUNDBLICK Frühjahr 2019

21


sätze verbunden war. Damals gab es noch

ein Hofmeierhaus, links vor dem Landhaus

„Windeck“, vorne an der Straße mit der

Nr. 37 gelegen, heute ein Mehrfamilienhaus

der 1970er Jahre, ebenso einen Pferdestall-

und ein Remisengebäude sowie

eine Reihe Gewächs- und „Traubenhäuser“.

Im Untergarten zur Lesum hin standen

drei Glashäuser. Zum oberen Grundstück

gehörend standen damals westlich

an der tiefsten Stelle noch zwei niedersächsische

Bauernhäuser mit Strohdächern:

„Altgrohneck“ und „Neugrohneck“

genannt, welche aber frühzeitlich verkauft

wurden. Wilhelm Tideman hat diese Häuser

noch bewohnt. „Neugrohneck“ (erbaut

1834, seit 1981 unter Denkmalschutz

stehend) existiert noch heute und liegt direkt

an der Straße „Am Wasser“ Nr. 10 hinter

dem Havenhöft. „Altgrohneck“ wurde

abgerissen. Bis zu diesen Häusern reichte

früher das Grundstück. Wilhelm Tideman

erwähnt in seinen „Erinnerungen“ auch

zwei große Bäume, die heute noch immer

rechts und links des Eingangs zu dem

Hauptgebäude stehen: rechts eine große

Eiche und links eine Linde, unter der früher

oft gefeiert wurde. Diese Linde musste

leider stark gekürzt werden, da sie nach

einem Rückschnitt in den 1970er Jahren

anfing zu faulen.

Durch die heutige Verwendung des Hauses

als „Kinder- und Familienzentrum“ hat

das Innere trotz strengen Denkmalschutzes

vielfältige Veränderungen erfahren.

Aktuelle Nutzung

Immerhin ist der ehemalige Zustand

noch gut zu erahnen und auch zu sehen.

Bei einer Inspektion mit der Leiterin dieses

Zentrums, Frau Irene Goldschmidt, und

anderen Mitarbeiterinnen, konnte ich alle

Räumlichkeiten einsehen. Das besterhaltene

Zimmer ist das ehemalige Herrenzimmer

links neben dem Eingang. Das große,

mit Blei unterteilte Fenster in dunkelbraunem

Holzfunier zeigt noch heute die ehemalige

Klasse, in gleicher Farbe ist der

Durchgang zur Terrasse nach Süden ausgebaut,

wobei Tür, Oberlicht und seitlicher

Durchblick mit Bleiverglasung ausgefüllt

sind. Früher waren die Wände dieses Raumes

ringsum mit dunkelbraunem Holz verkleidet

Die Heizkörper sind ebenfalls dunkelbraun

verkleidet und bilden hölzerne,

breite Ablagen. Gegenüber dem großen

Fenster befindet sich der große, verzierte

Kamin aus grauem Sandstein, dazu ein

feuerfester Fliesenschutz davor. Die Decke

über dem Kaminbereich ist mit rotbrauen

bemalten Brettern mit weißen Blüten ausgelegt,

unterbrochen von weißen Balken.

rechten Seite noch eine halbrunde Ablage

mit Nische eingebaut wurde. Der ehemalige

Fliesenfußboden mit reich verzierten

einzelnen, kleinen Fliesen ist erhalten und

wird durch eine Auslegware geschützt.

Die auffällig großen, verwendeten Außenfensterscheiben

der Terrasse gab es bereits

damals und waren für die damalige Zeit

etwas Besonderes. Von dieser Terrasse hat

man einen einmaligen Blick auf Lesum und

Weser. Hinter der Südterrasse (Loggia) befindet

sich der große Festsaal, der früher

Schauplatz großer Veranstaltungen war,

aber auch als Esszimmer genutzt wurde.

Kamin mit Balkendecke im Herrenzimmer

Über eine steile Treppe geht es in den

1. Stock. Die Treppe ist neu, das Geländer

stammt noch aus damaliger Zeit. Das

Licht in dieses Treppenhaus fällt durch ein

großes Fenster mit Rundbogen sowie Jugendstilornamenten

in Bleiverglasungen.

Dieser Rundbogen ist Anfang des Jahrhunderts

hinzugefügt worden, was man

deutlich den neuen gelben Backsteinen ansieht.

Früher befanden sich in der 1. Etage

die Schlaf- und Fremdenzimmer sowie ein

Turmzimmer über der Loggia.

Haus „Windeck“ heute, Westseite

Ulf Fiedler berichtete im Nordteil des

„Weser-Kuriers“ vom Verkauf des Gebäudes

im Jahre 1910 an den Reeder Friedrich

Bischoff durch die Erben des Reeders

Tideman. Friedrich Bischoff hatte sein großes

Anwesen in der Weserstraße an die

Enkelin Elisabeth Lange des Schiffbauers

Lange verkauft und wohnte fortan, nach

Heirat der Tochter Marie von Johannes Tideman,

in der Villa „Windeck“, bis er 1920

in Bad Oeynhausen verstarb. Während

der NS-Herrschaft erwarb Dr. Adolf Kunz

das Anwesen. Er gehörte von 1934-1945

dem Vorstand der Norddeutschen Steingut

an. Wegen unmenschlicher Behandlung

der Fremdarbeiter in dieser Firma wurde

er 1945 von den Amerikanern enteignet,

konnte aber noch das Hofmeierhaus kaufen

und weiter bewohnen. Die Amerikaner

machten das Haus „Windeck“ in der Nachkriegszeit

zu ihrem Offizierskasino.

Durchgang zur Terrasse

Fenster im Herrenzimmer

In der dem Wohnzimmer vorgelagerten

Südterrasse fällt sofort die graubraune Fliese

auf, die links und rechts der eben beschriebenen

Durchgangstür gegenüber der

Fensterfront verbaut wurde, wobei auf der

Jugendstilfenster über dem Eingang

Von hier aus, dem 1. Stockwerk, führt

eine steile Treppe nach oben zum Turm.

Auffällig bei allen Räumen ist, dass damals

22 RUNDBLICK Frühjahr 2019


viele Wandschränke eingebaut worden

sind. In fast jedem Raum findet man Wandschränke.

Die Schränke sind alle gut erhalten

und die Außenwände der Schränke

weiß gestrichen. Die Heizkörper sind alle

mit weißgestrichenem Holz teilweise verdeckt.

Unter dem Dach befanden sich die

Zimmer der Angestellten, ein Zimmer zeigt

noch einen Alkoven. Dieser Bereich wird

heute nicht mehr genutzt. Dicke Eichenstämme

stützen und tragen die Dachkonstruktion,

das Ganze macht einen stabilen

Eindruck und bietet viel Platz zur Ablage für

tausend Sachen.

Von dem Dachgeschoss führt eine noch

steilere, gewundene Holztreppe zur Turmplattform

hinauf. Bis man oben angekommen

ist, passiert man noch zwei Zwischenetagen.

Durch die Fenster kommt viel Licht

und die Aussicht wird von Stufe zu Stufe

schöner. Die obere Plattform wird durch

eine Kunststoffkuppel verschlossen. Und

dann steht man plötzlich ganz oben auf

der kleinen Plattform, die malerisch von

Zinnen umrahmt ist. Die Aussicht ist atemberaubend

und beindruckend. Zu Füßen

liegen Bremen-Nord mit Lesum und Weser,

in der Ferne kann man die Bremer Innenstadt

erahnen. Dieser Rundblick ist wirklich

eindrucksvoll und unvergesslich! Das

Mauerwerk und die ganze Konstruktion

machen einen guten und sicheren Eindruck.

Mir wurde berichtet, dass einmal

im Jahr die Kinder nacheinander alle auf

den Turm geführt würden, damit auch sie

in den Genuss dieses herrlichen Ausblicks

kämen. Die Mitarbeiterinnen sowie die Kinder

dieser Einrichtung sind sich durchaus

der herausragenden Stellung ihrer Arbeitsstätte

bewusst. Den Kindern wird versucht,

das Gebäude als etwas Besonderes zu vermitteln,

das sie sonst nirgendwo zu sehen

bekommen würden.

Auf der Turmspitze

Von ganz oben geht es nach ganz unten.

Wir gehen in den Keller. Das Haus ist zu

ca. 80 % unterkellert. Dort unten finden

wir starke Mauergewölbe und dicke eingemauerte

Säulen. Der Fußboden des gesamten

Kellers ist mit großen Sandsteinplatten

ausgelegt. Hier hat man eine moderne Heizung

installiert, es gibt eine große Waschküche,

in der vor allem Handtücher der

vielen Kinder gewaschen und getrocknet

werden.

Seit 1955 wird die Villa „Windeck“ nach

Ersteigerung durch den Bremer Staat als

Kindergarten genutzt. Der Villa ist ein flacher

Anbau 1975 nordseitig angefügt, in

dem auch die Küche untergebracht ist. Ein

weiterer Bungalow steht separat nördlich

des Hauses. Das Ganze wird von der Stadt

Bremen betrieben und nennt sich „Kinder-

und Familienzentrum Haus Windeck“.

Leiterin ist seit Dezember 2017 Frau Irene

Goldschmidt aus Delmenhorst. Die Einrichtung

beherbergt 160 Kinder in zehn Gruppen

mit einem Alter von 1 bis 6 Jahren.

Die ehemaligen Räume sind heute kindgerecht

umbenannt worden und nennen sich

„Gruppenraum der Eulen“ (Esszimmer),

„Schmetterlingsraum“ (Wohnzimmer),

„Katzengruppe“ (Südveranda). Im 1. Stock

heißen die ehemaligen Schlafzimmer heute

„Ballbad“ und „Marienkäfergruppe“. Das

ehemalige Jungmädchenzimmer nennt

sich jetzt „Hängemattenraum“.

Familientreffen

Vor ca. zwei Jahren fand ein Familientreffen

der Tidemans in Bremen statt. Die

Teilnehmer entschieden sich während dieses

Treffens spontan für einen Ausflug zum

Stammsitz der Tidemans, zum Haus „Windeck“.

Dort wurden sie von den Mitarbeiterinnen

der Kitas empfangen.

„Windeck“ sollte nicht das einzige Haus

mit Turm am hohen Grohner Ufer bleiben.

Einige 100 m weiter östlich an der Straße

„Auf dem Berge“ Nr. 10 hat sich der ehemalige

Inhaber der Bremer Tauwerk-Fabrik,

Claus Hinrich Michelsen III ebenfalls ein

großes Haus mit dem Namen „Villa Sorgenfrei“

direkt am Hang im Jahr 1898 mit

hohem, rundem Turm erbaut. Der Bau von

damals ist heute allerdings modern reduziert,

renoviert und umgebaut worden.

Bei den Recherchen zum Haus „Windeck“,

seinem Werdegang und zu den

Jahren der Nachkriegszeit waren mir insbesondere

folgende Mitarbeiterinnen der

„Kita Windeck“ sehr behilflich: Frau Irene

Goldschmidt, Frau Elisabeth Kuhl-Kruse

und Frau Hannelore Wellmann-Witte. Für

die vielen Erklärungen und das erläuternde

Fotomaterial sage ich „vielen herzlichen

Dank!“

So hat der Erbauer dieses schönen Hauses

„Windeck“ einen Besitz hinterlassen,

der wie viele andere Landsitze oder Gärten

in Bremen, Lebensart und Schönheitssinn

seines Eigentümers widerspiegeln und damit

in vielerlei Hinsicht prägend und berührend

wird für nachfolgende Generationen.

Quellennachweis:

– Rudolf Stein: Klassizismus und Romantik

in der Baukunst Bremens II, 1965, Verlag

Hauschild Bremen

– Bremische Biographie 1912-1962, 1969,

Verlag Hauschild Bremen

– Wolfgang Brönner: Die bürgerliche Villa in

Deutschland 1830-1890, 1994, Wernersche

Verlagsgesellschaft Worms

– Agnes Schneider: Grohn – damals und heute,

Verlagshaus Friedrich Pörtner, 1981

– Wilhelm Tideman: Windeck-Buch der Erinnerung,

Hauschild Bremen, 1968

– Wilhelm Tideman; Aufsätze-Gedenkreden-

Briefe-Dokumente. Hauschild Bremen, 1983

– Robert Lamken: Geschichtliches aus Grohn

und Bremen-Nord, Hauschild Bremen 1989

– Sophie Hollanders: Vegesack – Alte Bilder einer

Hafenstadt, Heinrich Döll Verlag, Bremen

1984

– Ulla Schulz, Hannelore Wellmann-Witte:

Geschichte des Hauses Windeck in Bremen

Grohn. 2005

– Landesamt f. Denkmalpflege: Haus Windeck,

Staffage, Wikipedia

– Haus Windeck: Wikipedia

– Eine Villa zeigt Vegesacker Geschichte: Weser-

Kurier, Wikipedia

– Johannes Tideman (1799-1887) – Genealogy

Fotos: Eigene Dateien

Dr. Hans Christiansen, 2019

RUNDBLICK Frühjahr 2019

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Ein Juwel in Bremen-Nord:

Wätjens Park

Die Unternehmensentwicklung

der Reederfamilie

Wätjen

Flagge von D. H. Wätjen und Co.

(Quelle: Wikipedia.org)

Will man die Anfänge des späteren Imperiums

der Familie Wätjen erkunden, dann

muss man bis in das Jahr 1749 und auf den

niedersächsischen Ort auf dem Hollen bei

Martfeld in der Grafschaft Hoya zurückgehen.

Hier wurde der Stammvater der Familie,

Johann Diedrich Heinrich Julius Wätjen

geboren. Wie schon in früheren Zeiten üblich,

heirateten die Besitzerfamilien nach

dem Grundsatz, Hof zu Hof und Geld zu

Geld. So war dann auch die Fami lie Wätjen

durch ihren später erworbenen Reichtum

mit den angesehendsten und wohlhabendsten

Bre mer Reeder- und Kaufmannsfamilien

verwandt schaftlich verbunden.

Doch gehen wir noch einmal zurück

auf den Spross der Wätjen Dynastie, Johann

Diedrich Hein rich Julius Wätjen, der

im Jahre 1793 die einzige Tochter des Peter

Brüning, Rebecca Adelheid, hei ratete

und somit auf einem großen Bauernhof in

Walfangflotte von D. H. Wätjen und Co. um 1840 vom Maler Carl Justus Harmen Fedeler

©Hermann Gutmann

Ochtmanien bei Vilsen sesshaft wurde. Der

Stamm vater der Familie Wätjen verstarb

1829. Drei seiner Söhne wurden Kaufleute

in Bremen. Der älteste Bruder handelte erfolgreich

mit amerikanischen Tabaken und

betrieb nebenbei noch eine Kerzenfab rik.

Die Wätjen-Brüder waren außerordentlich

fleißig, sie gründeten Filialen im Ausland,

lernten Fremdsprachen und blieben untereinander

eng ver bunden. Ihre berufliche

Verbindung zu ausländi schen Handelshäusern

schuf den Einstieg und die Grundlage

zur Entwicklung eines Weltunterneh mens.

Durch die zwischen England und Frankreich

ausgebrochenen Feindseligkeiten Anfang

des 19. Jahrhunderts und der damit

verbundenen Kontinen talsperre kam auch

die bremische Handelsschiffahrt fast zum

Erliegen. Die damals englische Insel Helgoland

diente als wichtiger Handelsplatz.

Wenn auch nicht immer auf legale Weise,

so erwirtschaf ten die Wätjen-Brüder ein beträchtliches

Kapital. Von seinem Vermögen

konnte Diedrich Heinrich Wätjen (1785-

1858) am 22. Januar 1823 den in Konkurs

geratenen elterlichen Hof in Ochtmanien

für 5.000 Taler für die Familie ersteigern.

Mit viel Wagemut schuf Diedrich Heinrich

Wät jen im Jahre 1829 den Grundstein

zu seinem welt umfassenden Handelschiffsunternehmen.

Die eige ne Schiffsflotte

wurde später durch seinen Sohn Christian

Heinrich Wätjen ständig erweitert, sodass

1883 nunmehr 43 Segelschiffe und vier

Dampfschiffe unter der Wätjen-Flagge –

ein weißes W auf blauem Grund – die Weltmeere

befuhren. Der Handel flo rierte mit

Nord- und Südamerika, wobei Kolonialwaren,

Tabak, Zucker, Kaffee und Wein auf

dem Seeweg transportiert wurden. Es war

in der Zeit, in der die Auswanderungsbewegung

einen enormen Aufschwung erreichte.

Auch daran war dieses Un ternehmen

erfolgreich beteiligt.

In den 30er Jahren des vorletzten Jahrhunderts

beteiligte sich die Reederei Wätjen

am Walfang an der Grönländischen

Küste.

Im Jahre 1837 wurde Diedrich Heinrich

Wätjen zum Senator der Freien Hansestadt

Bremen ge wählt. Seine Frau Christina Elisabeth,

geborene Osmers, verstarb kurz nach

der Geburt ihres einzi gen Kindes, Christian

Heinrich Wätjen. Nach einer Schul- und

Berufsausbildung vertrat er die väterliche

Firma in London und New York. Die

Aufent halte im Ausland boten auch die Gelegenheit,

fremdländische Gewächse und

Gehölze für den Park in Bremen-Blumenthal,

fachmännisch beur teilt, auszusuchen.

Vater und Sohn ergänzten sich sowohl in

geschäftlichen Fragen als auch mit der Planung

der Parkgestaltung außerordentlich.

Park und Schloss

in Bremen-Blumenthal

Wie sehr sich doch die Vorgänge ähneln.

Ver gleicht man den Grunderwerb des Baron

Ludwig Knoop in St. Magnus mit den

Kaufinteressen der Familie Wätjen, stellt

man fest, dass in beiden Fällen bäuerliche

Landbesitzer ihre Ländereien für spätere

Parkanlagen veräußert haben. 1830 hat

Diedrich Heinrich Wätjen von dem Landwirt

Johann von Harten vier nebeneinander

liegende, mit alten Bäu men bestandene

Grundstücke, erworben. Dieses Areal befand

sich nach damaliger Bezeichnung

zwischen der Weser und der „Langen Straße“.

Die fachliche Gestaltung dieser Landschaftsparkanlage

wurde dem Bremer Isaak

Hermann Altmann über tragen.

Im Vergleich zu Knoops Park in St. Magnus,

bei dem das Parkgelände – so lange

die Herrschafts familie dort wohnte – für

die Öffentlichkeit nicht zugänglich war,

gewährte man der Bevölkerung in Blumenthal

zu bestimmten Zeiten den Zutritt in

Wätjens Park.

So schrieb die „Norddeutsche Volkszeitung“

mit Datum vom 31. März 1908,

dass nach vorheriger Anmeldung im Pfortenhaus

der Park ab 15. Mai betreten werden

darf. Das Mitführen von Kinder wagen,

Fahrrädern und Hunden war zwar verboten

und Kinder hatten nur in Begleitung Erwachsener

Zutritt. Ein längeres Verweilen

in der Nähe des herrschaftlichen Hauses

sei unstatthaft und sollte vermieden wer-

24 RUNDBLICK Frühjahr 2019


den. Von den gewährten Öffnungs zeiten

wurden die Sonnabende und die Sonntage

ausgenommen.

Wie schon erwähnt, zählte das Unternehmen

der Familie Wätjen zu den weltgrößten

Schiffsreederei en der damaligen Zeit.

So ist es auch nicht verwun derlich, dass

man darauf bedacht war, in einem gro ßen

Schloss und einem schönen Park zu wohnen

und zu leben.

Wätjens Schloss gehörte zu den renommiertesten

Bauten seiner Art in der hiesigen

Region. Kein Geringerer, als der damalige

Stararchitekt Heinrich Müller, konnte für

die Planung dieses aufwendig gestalteten

Landsitzes gewonnen werden.

Nach relativ langer Bauzeit wurde das in

engli scher Gotik errichtete Schloss im Jahre

1864 bezo gen.

Zweifellos bestätigte dieses große Haus

die Zu friedenheit und auch den Stolz des

Bauherrn. Schriftlichen Überlieferungen

zu Folge wurde die herrschaftliche Pracht

unverhohlen zur Schau ge stellt, wodurch

man in den Ruf kam, dass der zusammengetragene

Reichtum schon eine

gewisse Raffgier verriet.

Agnes Duckwitz, geborene Wätjen,

schreibt in ihren Lebenserinnerungen, dass

sie als Kind den Treppenaufgang und das

obere Turmzimmer wie in einem verwunschenen,

märchenhaften Schloss emp fand.

Von dort oben hatte sie einen weiten Blick

ins Oldenburger Land.

Heute steht Wätjens Schloss zwar unter

Denkmal schutz, doch durch einen Brand

in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts

fehlen das spitze Schiefer dach und

z. T. die seitlichen und vorderen Staffelgiebel.

An das unschöne flache Dach hat

man sich beim Anblick gewöhnen müssen.

Eine Wiederher stellung in der Architektur

von 1864 ist in der Pla nung. Der Förderverein

Wätjens Park würde sich freuen,

wenn Behörden, Stiftungen, Firmen und

Privatpersonen sich zur Unterstützung des

Schloß Wätjen auf einer alten Ansichtskarte

Schloss Wätjen im gegenwärtigen Zustand

(Quelle: Rainer Frankenberg)

(Quelle: Rainer Frankenberg)

Vorha bens bereit erklären würden. Nach

erfolgreicher Vollendung der vorgesehenen

baulichen Maßnah men wäre Bremen-Nord

mit Wätjens Schloss und Park um ein beneidenswertes

Landschaftsjuwel reicher.

Im Vergleich zum Schloss Mühlental in

Knoops Park, das 1933 abgerissen worden

ist, wird Wätjens Schloss im gleichnamigen

Park noch weiterhin für Wohnzwecke genutzt.

Des Weiteren befanden sich im Park die

Villa Magdalena mit dem dazu gehörenden

Wasser- und Aussichtsturm sowie das

schöne Schweizerhaus. Bedauerlicherweise

sind beide Häuser der Spitzha cke zum Opfer

gefallen. Lediglich einige ehemalige Bedienstetenunterkünfte

befinden sich noch

auf dem Areal.

Noch heute lässt sich der Wohlstand und

letztlich auch das Geltungsbedürfnis der

Familie Wätjen an dem wiederhergestellten

neoklassizistischen Rund tempel ablesen,

der zur Erinnerung an den Firmen gründer

Christian Heinrich Wätjen im Auftrag sei nes

Sohnes errichtet worden ist.

Die im Jahre 1879 erbaute Blumenthaler

refor mierte Kirche wurde von der Familie

Wätjen mit 200 Tausends Goldmark Baugeld

mitfinanziert, jedoch mit der Auflage,

den alten Turm der dort zuvor gestandenen

Kirche zu erhalten. Man legte Wert darauf,

durch eine Sichtschneise vom Schloss

die Kirche im Blick zu haben.

Bleibt noch zu erwähnen, dass die vor

dem Ein gang zur „Bremer Wollkämmerei“

in Blumenthal befindliche große metallene

Brunnenschale mit Jünglingsfigur ursprünglich

als schmückendes Ele ment im

Park gestanden hat.

Als 1916 durch Konkurs des Wätjen Imperiums

der Park und die Gebäude in andere

Besitzerhände wechselten, wurde das

Areal zweigeteilt. Neben dem „Bremer

Vulkan“ war nun auch die „Bremer Wollkämmerei“

je zur Hälfte Eigentümer. Die

nordbremische Stadtteilbeilage der Tageszeitung

„Weser Kurier“ berichtete im Jahre

2000, dass die Stadtgemeinde die Parkanlage

für 2,95 Millionen DM einem Privatmann

abgekauft hat, der sie 1999 bei der

Zwangsversteigerung für einen deutlich

geringeren Preis erworben hatte.

Dem Vermächtnis von Christian Heinrich

Wätjen folgend, wurden nun wieder beide

Parkhälften ver eint.

Erst die Übertragung an den Bremer Senat

als Eigentümer und die Öffnung für

die Bürger war der Start zur Revitalisierung

dieser rd. 70 ha großen, lange Zeit ungepflegten

Parkanlage. Jahrelang lag dieser

Landschaftsgarten im urwaldähnlichen

Dornröschenschlaf.

Dass in Wätjens Park in den letzten Jahren

viel getan worden ist, erkennt man an

dem schönen Blumengarten an der westlichen

Parkseite. Terras senförmig angelegte

und gepflegte Blumenbeete markieren den

Standort, an dem bis 1987 das er wähnte

Schweizerhaus gestanden hat.

So vielfältig und exotisch die Botanik

und Topo grafie in Wätjens Park auch ist,

so möge man mich von der Erwartung

entbinden, die Bäume, Büsche, Sträucher,

Pflanzen und Blumen einzeln zu beschreiben

und aufzuzählen. Möge es dem

interessierten Leser vorbehalten bleiben,

selber die Schönheiten in diesem neu belebten

Park zu erkun den, denn ein Besuch

RUNDBLICK Frühjahr 2019

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Gedächtnismonument für Chr. H. Wätjen

(Quelle: Rainer Frankenberg)

in diesem nordbremischen Landschaftsgarten

lohnt sich zu jeder Jahreszeit.

Es ist schon kurios, erst der Verfall und

der Un tergang der mit unermesslichem

Reichtum belade nen Familien des Baron

Zu jeder Jahreszeit zeigt der Park seine Reize.

(Quelle: Rainer Frankenberg)

Knoop in St. Magnus und Wätjen in Blumenthal

gaben die Möglichkeit, dass die

Bevölkerung die schönen Parkanlagen zur

Freu de und Erholung nutzen kann.

Ein besonderer Dank gebührt den leitenden

Her ren des Bauamtes Bremen-Nord

und dem im Jahre 2005 gegründeten Förderkreis

Wätjens Park, die sich um diese

Aufgabe verdient gemacht haben.

Abschließend darf ich auf das im Buchhandel

und beim Förderverein Wätjens

Park erhältliche, reich bebilderte Buch

„Wätjens Park, ein Land schaftspark an

der Weser“ aufmerksam machen. Herausgegeben

ist dieses interessante Buch vom

Bauamt Bremen-Nord unter Federführung

seines Leiters, Christof Steuer, sowie unter

sachkundiger Mitarbeit von Rainer Frankenberg.

Benutzte Quellen/Literatur:

– Bauamt Bremen-Nord, Wätjens Park, ein

Landschaftspark a. d. Weser, 2006

– Zahlreiche Aufsätze in verschiedenen Publikationen

Rudolf Matzner/Lesumer Bote

Einige Fotos wurden freundlicherweise vom

Vorsitzenden des Fördervereins, Wätjens Park,

Herr Rainer Frankenberg, zur Verfügung gestellt.

Trigonometrische Messpunkte

Erhaltung ist eine Herzensangelegenheit

Grasberg. Die Trigonometrie (Dreieckmessung)

ist eine jahrhundertealte Methode,

um die Länge einer geraden Strecke zu

ermitteln.

Dieses System wurde auch von Carl Friedrich

Gauß (*1777, †1855) angewandt. Er

war Mathematiker, Astronom, Geodät und

Physiker. Von 1820 bis 1826 übernahm

er die Leitung der Landesvermessung des

Königreichs Hannover 1) (entspricht in etwa

der Größe des heutigen Bundeslandes Niedersachsen).

Auf dem 10-DM-Schein, der

1990 neu eingeführt wurde, ist er mit seinem

Abbild und der Dreieckmessung verewigt.

Als im Jahr 1876 die Katasterämter gegründet

wurden, erfolgte auch die weitere

Einführung der Trigonometrischen Messpunkte

(TP) bis herab zu 1-km-Abständen

(4. Ordnung). Auf der topografischen Karte

werden diese TP-Steine mit einem aufrechten

Dreieck, das in ihrer Mitte einen Punkt

zeigt, markiert. Sie bestehen aus allseitig

geschliffenem Granit, sind 30 x 30 cm im

Geviert und 80 bis 100 cm. lang. Auf deren

Oberfläche ist ein Kreuz eingemeißelt. Seitlich

davon befindet auf gleicher Weise das

aufgerichtete Dreieck und demgegenüber

die Buchstaben TP. Unterirdisch sind sie auf

einer Granit- oder Stahlplatte ausgerichtet,

in der mittig ein Kreuz gemeißelt ist.

In der Gemeinde Grasberg befinden sich

somit sechs dieser TP-Steine: Zwei an der

Adolphsdorfer Straße und an der Seehauser

Straße. Des Weiteren jeweils einer, am

Mühlendamm in Eickedorf, an der Meinershauser

Straße, Rautendorfer Straße und

Rautendorfer Landstraße.

Der Stein in Eickedorf wurde im Jahr

1965 infolge Landbearbeitung aus ihrer Fixierung

gerissen. Daraufhin errichtete das

Katasteramt Osterholz über diesem TP einen

ca. 40 m hohen Holzturm. So konnten

die zum Teil mehrere Kilometer entfernten

TP angepeilt werden, um mittels der Dreieckmessung

den Stein wieder in die erforderliche

Position zu bringen. Im Zeitalter

der Computertechnik übersteigt es sicher

den zukünftigen Generationen deren Vorstellungskraft,

mit welchen aufwendigen

Stein mit Trigonometrischem Messpunkt

Methoden ihren Altvorderen eine Landvermessung

vorgenommenen haben.

Auch wenn das Katasteramt Osterholz

seit mehreren Jahren die Vermessung von

ihrem Schreibtisch aus über Satellit vornimmt,

legt die Behörde Wert darauf, die

alten Trigonometrischen Messpunkt-Steine

an ihrem festgesetzten Platz zu belassen.

So wird eine anschauliche Messtechnik erhalten,

die über viele Jahrhunderte die Regel

war.

Text und Foto: Harry Schumm

1)

Wikipedia

26 RUNDBLICK Frühjahr 2019


Die Lübberstedter Mühle

Ein Kulturdenkmal lädt zum Kennenlernen ein

Sie ist etwas ganz Besonderes. Von der

Größe her. Aber die Landschaft in der sie

steht, hat auch seinen eigentümlichen Reiz.

Nur zufällig findet sie kein Reisender. Man

muß sie finden wollen. Aber der Reihe nach.

Man schreibt in dem kleinen Ort Lübberstedt,

der heute zum Landkreis Osterholz

gehört, das Jahr 1859. Eine Windmühle,

die auf einer Anhöhe gebaut wurde, nimmt

ihren Betrieb auf. Die Flügel drehen und

drehen sich. Nach genau 50 Jahren trifft

die Mühle im Jahre 1909 ein Blitzschlag.

Sie brennt ab. Noch im gleichen Jahr kaufte

die Müllerfamilie für 16.000 Goldmark

in Rostock eine neue Mühle. Sie wurde am

Lübberstedter Bahnhof angeliefert. Den

Rest besorgten viele Pferdefuhrwerke. Der

Aufbau war dann eine logistische Meisterleistung.

Im November 1909 nahm die

Mühle ihren Betrieb wieder auf. Die vielen

umliegenden Landwirte und Bäcker in den

Dörfern konnten aufatmen.

Wilhelm Bullwinkel kann stolz auf seine

Vorfahren sein. Vier Generationen haben

sich um den Mühlbetrieb gesorgt, mit persönlichem

Einsatz die verschiedenen Getreidesorten

gemahlen und auch mit viel

Geld die Mühle in Schuß gehalten.

Julius Bullwinkel in „seiner“ Mühle.

Neben der Mühle befand sich eine Gaststätte

mit einer Brennerei. Nach dem Mahlgang

stärkten sich die Bauern. Sie hatten

sich viel zu erzählen. War doch in den Dörfern

und Familien in den vergangenen Monaten

so einiges geschehen.

Da soll es schon mal vorgekommen sein,

daß ein Bauer zu tief ins Glas geschaut hatte.

Man legte ihn einfach auf die Mühlsäcke

und die Pferde zockelten los. Den Weg nach

Hause kannten sie ja.

Die Mühle. In einem Teil von Lübberstedt.

1956 hat Julius Bullwinkel – wie viele

andere Müller in Deutschland auch – das

Mühlengewerbe abgemeldet. Aber die

Mühle weiter gepflegt, auch mit Hilfe von

Spenden und Freunden in Gang gehalten.

Im Jahr 2000 erfolgte die Übergabe an

die stets rührige Gemeinde Lübberstedt

für eine D-Mark (Wilhelm Bullwinkel meint

sie sei bis heute noch nicht bei ihm eingetroffen).

Und dann machten die Einwohner

und Gemeinde sich für „ihre“ Mühle stark.

Von ca. 750 Einwohnern sind wohl 170 Mitglieder

im Verein Lübberstedt Mühle e.V.

Und dann kommen noch Mitglieder aus

anderen Regionen hinzu.

Überhaupt: Die Einwohner in dem schuldenfreien

Lübberstedt ziehen alle an einem

Strang. Die Landwirte

halten die Wege in

Ordnung. Es wurde

neben der Mühle

eine „Scheune“ gebaut.

Hier finden viele

Veranstaltungen

statt.

Die Fa. Murken

hat sich besonders

hervorgetan. Ernst

Poppe hat sich z. B.

um Holzschindeln

und die Zähne für

das Mühlrad gekümmert.

2016 wurden

die Mühlenflügel

für 26.000 Euro erneuert.

Das war nur

durch Selbsthilfe der Mitglieder möglich.

Haben doch die Mühlenflügel der Mühle in

Bremen 140.000 Euro gekostet.

In der Mühle befindet sich als Besonderheit

ein Standesamt. Im Jahr 2017 haben

sich übrigens 16 Paare „getraut“.

Neben Uwe Tellmann kümmert sich besonders

Fred Ellmers um die Belange des

Mühlenvereins. Seine Kontakt-Telefonnummer

ist 0 47 93 - 95 33 57.

Wilhelm Bullwinkel, der mit seiner Frau

Elke verheiratet und stolzer Vater von drei

Töchtern ist, kümmert sich heute in seinem

50ha-Betrieb um Acker- und Grünflächen.

Manfred Simmering

RUNDBLICK Frühjahr 2019

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