LGBB_012014_fritsch

fabianberlin

LATEIN

UND

GRIECHISCH

in Berlin und Brandenburg

ISSN 0945-2257 JAHRGANG LVIII / HEFT 1-2014

©Musée du Louvre, Paris

Säulen des Apollontempel in Side

Mitteilungsblatt des Landesverbandes Berlin

und Brandenburg im Deutschen

Altphilologenverband (DAV) http://davbb.de

Herausgeber:

Der Vorstand des Landesverbandes

1. Vorsitzender:

Dr. Josef Rabl

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2. Vorsitzende:

Prof. Dr. Stefan Kipf

(Schriftführung)

stefan.kipf@staff.hu-berlin.de

Prof. Dr. Ursula Gärtner

ugaert@rz.uni-potsdam.de

Redaktion: Maya Brandl · maya.brandl@gmx.de

Kassenwart: Peggy Wittich · R.P.Wittich@t-online.de

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INHALT

Feier anlässlich der Verleihung

des Bundesverdienstkreuzes

an Prof. Andreas Fritsch

am 2. Dezember 2013

in den Räumen des Instituts

für Klassische Philologie der

Humboldt-Universität zu Berlin

■ Begrüßung durch

Prof. Dr. Ulrich Schmitzer 3

■ Laudatio des Staatssekretärs

für Wissenschaft,

Dr. Knut Nevermann 5

■ Rede von

Prof. Dr. Stefan Kipf 9

■ Rede von Dr. Jürgen Seiffert 13

■ Dankesworte von

Prof. Andreas Fritsch 15

■ Impressum 18

C. C. BUCHNERS VERLAG · BAMBERG


Feier anlässlich der Verleihung

des Bundesverdienstkreuzes

an Prof. Andreas Fritsch

am 2. Dezember 2013

in den Räumen des Instituts für

Klassische Philologie der

Humboldt-Universität zu Berlin

1. Begrüßung durch

Prof. Dr. Ulrich Schmitzer

Sehr geehrter Herr Staatssekretär

Dr. Nevermann,

liebe Kolleginnen und Kollegen aus Schule

und Universität,

liebe Gäste,

liebe Irene –

und vor allem: Lieber Andreas Fritsch!

Die Klassische Philologie der Berliner Universität

hat in ihren Räumen schon vieles erlebt,

aber eine Ordensverleihung dürfte es hier noch

nicht gegeben haben – und für die Verleihung

eines Bundesverdienstkreuzes kann ich das sogar

definitiv ausschließen.

Umso mehr freuen wir uns, dass das Institut für

Klassische Philologie an diesem Nachmittag

Gastgeber sein darf – doch eigentlich stimmt

das auch nicht ganz: Denn Herr Fritsch ist hier

kein Gast, sondern hat hier gewissermaßen

seine akademische Drittheimat – nach der Pädagogischen

Hochschule und der Freien Universität.

Von 2001 bis 2007 hat er ja die Didaktik

der Alten Sprachen an FU und HU in Personalunion

vertreten – eine große Zahl von HU-

Studierenden ist so bestens auf die künftige

Berufspraxis vorbereitet worden -,

und unverändert ist er nach seiner Pensionierung

häufig bei uns, nicht nur als Besucher von

Vorträgen, sondern vor allem auch als spiritus

rector eines Kreises von aktiv die lateinische

Sprache Pflegenden.

Insofern ist es dann doch – wenn schon keine

zwangsläufige – so doch eine keineswegs

überraschende Entscheidung gewesen,

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Andere und Berufenere werden heute

Nachmittag de vita et de moribus sprechen,

das Leben und Werk würdigen – wie es

schon die antike Biographie und Enkomiastik

als regelgerecht fordert – und es muss ja auch

nicht immer alles von allen gesagt werden,

um einmal abzuwandeln, wie Andreas Fritsch

gerne die Debatten in Gremien wie denen des

Deutschen Altphilologenverbandes ironisiert.

Stattdessen möchte ich dir, lieber Andreas – im

Namen von uns allen, im Namen des Instituts

für Klassische Philologie und seiner Mitglieder,

aber auch ganz persönlich – zur Verleihung

des Bundesverdienstkreuzes gratulieren. Sie

wird einem Universitätslehrer zuteil, der – neben

Comenius – sich Phaedrus als Forschungsschwerpunkt

gewählt hat, jenen Vertreter einer

scheinbar kleinen, in Wahrheit großen

Gattung – der Fabel. Bei Phaedrus, wie auch

bei seinen Nachfolgern, gibt es die Geschichte

vom Frosch, der einmal so groß sein wollte

wie ein Ochse und sich deshalb so sehr aufblies,

wie er konnte. Und als er sich schon dem

Ochsen ebenbürtig sah, da zerplatzte er: rana

rupta et bos. Dieser Frosch ist das Gegenteil

zu Matthäus 23:12 in den Worten der Vulgata

qui autem se exaltaverit humiliabitur et qui se

humiliaverit exaltabitur.

den heutigen Spätnachmittag in den Räumen

der Klassischen Philologie an der HU zu

begehen. Nichtsdestoweniger ist das für uns

eine große Ehre. Und ich sehe darin auch

eine Anerkennung dafür, dass für die Klassische

Philologe an der HU die Ausbildung von

Lehramtsstudierenden immer zum essentiellen

Kerngeschäft zählte und zählt, dass wir

das niemals als lästiges Additum betrachtet

haben – mögen auch die Donnerworte des

Ulrich von Wilamowitz gegen die Schulamtskandidaten

und deren Überflüssigkeit für die

Philologie immer noch widerhallen. Nein, die

Philologie hängt in unserem Verständnis sehr

wohl an der Schule, Alte Sprachen an Schule

und Hochschule gehören aufs engste und untrennbar

zusammen.

Du, lieber Andreas, schwebst gewiss nicht

in einer solchen metaphorischen Gefahr, du

brauchst dieses fabula docet nicht. Deine Sache

ist die des gut preußischen Mottos »Mehr

sein als scheinen«, was in Wahrheit auf die

Charakteristik des Cato bei Sallust zurückgeht:

Cato esse quam videri bonus malebat.

Esse quam videri – »sein statt scheinen«: Dafür,

neben vielem anderen, schätzen wir dich, lieber

Andreas, und freuen uns mit dir. Und wünschen

allen in diesen neuen alten Räumen,

dem Sitz des Philologischen Seminars, begründet

von August Boeckh, und des Instituts für

Klassische Philologie, einen wahrhaft gelungenen

Abend.

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2. Laudatio des Staatssekretärs für

Wissenschaft, Dr. Knut Nevermann,

anlässlich der Überreichung des

Verdienstkreuzes 1. Klasse des

Verdienstordens der Bundesrepublik

Deutschland an Herrn Professor

Andreas Fritsch am 2. Dezember 2013

Sehr geehrter Herr Professor Andreas Fritsch,

sehr geehrte Frau Irene Fritsch,

sehr geehrte Familienmitglieder,

sehr geehrte Damen und Herren,

der Bundespräsident hat Ihnen, Herr Fritsch,

das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens

der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Er würdigt damit Ihre außerordentlichen

Verdienste um die Lateinische Sprache und Literatur

und ihre Didaktik. Darüber hinaus würdigt

er Ihr ehrenamtliches Engagement, insbesondere

jenes für die Comenius-Gesellschaft.

Bevor ich Ihnen diese ehrenvolle Auszeichnung

überreiche, lassen Sie uns gemeinsam auf Ihr

Lebenswerk schauen, das weit mehr beinhaltet

als Ihren zweifellos beruflichen Erfolg.

Sie wurden am 2. September 1941 in Guhrau/

Schlesien geboren. Ihre Familie befand sich

wegen des Krieges dort: Ihr Vater (geboren

1898, gestorben 1960) war Journalist in Berlin,

Ihre Mutter (geboren 1911, gestorben

2004) arbeitete als kaufmännische Angestellte

in einem Verlag, später in einem Reisebüro.

Ab 1946 war die Familie wieder in Berlin und

wohnte von 1946–1961 in Friedenau.

Insgesamt waren es zuhause fünf Kinder, Sie

sind der mittlere der Geschwister. Sie haben

einen drei Jahre älteren Bruder, der in Brasilien

lebt, eine um ein Jahr ältere Schwester,

die in Israel lebt und dort auch jetzt noch als

staatlich anerkannte Reiseführerin arbeitet -

und die ich heute sehr herzlich begrüße –,

eine um ein Jahr jüngere Schwester, die in

Frankfurt am Main lebt, und einen um elf Jahre

jüngeren Bruder (Dipl.-Ing.) – auch ihn begrüße

ich sehr herzlich, ebenso seine Frau Gemahlin.

Seit 1965 sind Sie mit Irene Fritsch, geb. Thater,

verheiratet – einer ehemaligen Lehrerin

für Latein und Leiterin der Theater-AG an der

Wald-Oberschule (Gymnasium). Gemeinsam

haben Sie zwei erwachsene Kinder und mehrere

Enkelkinder, die ich, sofern sie anwesend

sind, ebenfalls begrüße.

Sehr geehrter Herr Fritsch, Sie besuchten die

Grundschule und das Gymnasium – das über

Berlin hinaus bekannte Canisius-Kolleg – bis

zum Abitur 1960 in Berlin. Bereits zu Schulzeiten

zeichnete sich Ihre spätere Profession ab:

Ihr Lateinlehrer in der Oberstufe war Johannes

Götte, ein bedeutender Vergilforscher, der den

gesamten Vergil übersetzt hat.

Nach dem Studium in Berlin und Münster

folgte ein Ergänzungsstudium Er-

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ziehungswissenschaft an der Freien Universität.

Ab 1964 waren Sie dann Lehrer an einer

Grundschule in Berlin-Spandau. Sie spezialisierten

sich sehr früh auf Ihr Lieblingsfach

Latein. 1969 wurden Sie Lehrer im Hochschuldienst

an der Pädagogischen Hochschule.

1972 wurden Sie dort zum Professor für Lateinische

Sprache und Literatur und ihre Didaktik

ernannt – und das ohne Promotion und

Habilitation, allein wegen »gleichwertiger Leistungen«

– und lehrten zunächst an der Pädagogischen

Hochschule, seit 1980 an der Freien

Universität Berlin. Von 2001 bis 2006 lehrten

Sie bis zu Ihrer Emeritierung im Rahmen einer

Kooperation beider Universitäten auch an der

Humboldt-Universität zu Berlin.

Neben Ihrer beruflichen Tätigkeit an den Universitäten

unterrichteten Sie auch als Professor

stundenweise Latein an verschiedenen

Grundschulen und Gymnasien in Schöneberg,

Steglitz und Zehlendorf. Hier entwickelten Sie

eine enge Verbindung zwischen Studium und

Unterrichtspraxis, es kam zu zahlreichen Kontakten

mit Schulen in den meisten Berliner

Bezirken. Auch hier haben Sie sich intensiv für

den aktiven Gebrauch des Lateinischen innerhalb

und außerhalb der Schule eingesetzt.

Sehr geehrter Herr Fritsch,

Sie haben mehrere Generationen von Berliner

Lehrerinnen und Lehrern geprägt, Sie haben

mit Ihrer inhaltlich ungemein vielfältigen und

nunmehr schier unüberschaubaren wissenschaftlichen

Publikationstätigkeit dauerhaft

Spuren in Ihrer Fachdisziplin hinterlassen. Und

Sie haben hiermit und mit Ihrem bewundernswerten

ehrenamtlichen Engagement auch weit

über das Fach hinaus erkennbare Wirkungen

in das deutsche Bildungssystem entfaltet.

Hierzu zählen Ihre Arbeiten zur Geschichte

des Lateinunterrichts, die nach wie vor unersetzliche

Grundlagenforschung darstellen

und jenseits aller didaktischen Moden von

bleibendem Wert sind. Darunter befinden insbesondere

jene, mit denen Sie nicht nur einen

wissenschaftlichen, sondern vor allem einen

darüber hinaus gesellschaftlich bedeutsamen

Beitrag zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus

leisteten.

Insgesamt haben Sie in mustergültiger Weise

unter Beweis gestellt, dass eine moderne Fachdidaktik

nur dann nachhaltige Leistungen erbringen

kann, wenn sie auf der Basis ausführlicher

historischer Reflexion agiert. Ein derartig

geschärftes Bewusstsein für die wechselhafte

Geschichte des Lateinunterrichts führt nicht

nur zu größerer Gelassenheit gegenüber didaktischen

Modeströmungen, sondern verschafft

auch eine verlässliche Grundlage für

die Entwicklung von nachhaltigen Zukunftskonzepten.

Dieses historisch fundierte Interesse an Bildung

zeigt sich auch in Ihrem großen ehrenamtlichen

Engagement für die Erforschung

und zeitgemäße Rezeption des Didaktikers

Johann Amos Comenius. Dessen Motto »Omnia

sponte fluant, absit violentia rebus« (Alles

fließt aus eigenem Antrieb, Gewalt sei fern den

Dingen) hat Sie in Ihrem didaktischen und pädagogischen

Denken nachhaltig beeinflusst.

Sie genießen auch auf diesem Gebiet den Ruf

eines national wie international anerkannten

Spezialisten. Seit 2005 leiten Sie mit großem

Erfolg die Deutsche Comenius-Gesellschaft.

Auch hier zeigt sich Ihr ausgeprägter Wille zu

aktivem gesellschaftlichem Engagement, da

sich die Comenius-Gesellschaft nicht nur als

Forum wissenschaftlichen Austausches versteht,

sondern insbesondere auch zur Förderung

der Toleranz, des Friedens und der Völkerverständigung

im Sinne von J.A. Comenius

beitragen will.

Ein weiterer zentraler Schwerpunkt in

Ihrer Vita ist natürlich das gesprochene

6 LGBB 01 / 2014


Latein, zu dessen profiliertesten internationalen

Vertretern Sie ohne jeden Zweifel gehören.

Ihr Einsatz erschöpft sich dabei nicht auf das

Verfassen wissenschaftlicher Beiträge – darunter

zentrale Grundlagenwerke –, sondern

zeigt sich vor allem in Ihrer höchst erfolgreichen

praktischen Betätigung, deren Ziel nicht

zuletzt die Popularisierung der lateinischen

Sprache in einer breiten Öffentlichkeit ist. Ein

Kongress des Deutschen Altphilologenverbandes

ohne die von Ihnen gestaltete Officina Latina

ist schlichtweg nicht vorstellbar.

Immer wieder leiteten Sie in Berlin lateinische

Gesprächskreise und pflegen bis heute den nationalen

wie internationalen Austausch, etwa

als aktives Mitglied der deutschen Societas

Latina sowie der Academia Latinitati Fovendae

in Rom oder als Teilnehmer des Conventiculum

Latinum in Lexington/USA. Des Weiteren

gelten Sie als ein exzellenter Kenner des Fabeldichters

Phaedrus. Sie sind Mitautor der

überaus erfolgreichen Unterrichtswerke Cursus

Continuus und Cursus und haben zahlreiche

Artikel verfasst, die auch in Zukunft zum

unverzichtbaren Grundbestand altsprachlicher

Fachdidaktik gehören werden - beispielsweise

zur Sachkunde im lateinischen Anfangsunterricht.

Darüber hinaus haben Sie die universitäre

Lehre stets als grundlegenden Teil der Lehrerbildung

begriffen und aktiv gestaltet. Es

war Ihnen besonders wichtig, dass bereits

den Studierenden auf theoretisch fundierter

Grundlage eine bewusst reflektierte und auch

eigenständig gestaltete Begegnung mit der

Schulpraxis ermöglicht wird.

Dies dokumentierten Sie am überzeugendsten

dadurch, dass Sie in der vorlesungsfreien Zeit

stets unermüdlich in Berlin unterwegs waren,

um die Studierenden im Rahmen des Unterrichtspraktikums

zu besuchen. Sie sahen

sich stets als Bindeglied zwischen Universität

und Schule und haben nicht zuletzt in

einem weiteren Ehrenamt von 1980 bis 2006

als langjähriger Schriftführer des Landesverbandes

Berlin und Brandenburg im Deutschen

Altphilologenverband ganz entscheidend dazu

beigetragen, dass sich in Berlin auf dem Gebiet

der alten Sprachen eine wohl bundesweit

einmalige Kooperation zwischen Universität,

Schule und Fachverband etablieren konnte. So

planten, koordinierten und gestalteten Sie seit

1980 in enger Zusammenarbeit mit dem Deutschen

Altphilologenverband und der Senatsverwaltung

für Schule bzw. Bildung zahllose

Fortbildungsveranstaltungen mit mehreren

tausend Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

Zugleich engagierten Sie sich über Ihr Fachgebiet

hinaus stets für eine wissenschaftlich

fundierte Lehrerbildung, ob

• als Mitglied im Akademischen Senat der Pädagogischen

Hochschule,

• als Direktor des Zentralinstituts für Fachdidaktiken

an der Freien Universität Berlin und

nicht zuletzt

• seit 1991 als ehrenamtlicher Schriftleiter des

Mitteilungsblattes des Deutschen Altphilologenverbandes

(seit 1997 Forum Classicum).

Mit dieser zeitaufwändigen Tätigkeit, die Sie

bis auf den heutigen Tag mit besonderem Erfolg

versehen, haben Sie sich bleibende Verdienste

um den altsprachlichen Unterricht in

Deutschland, seine lebendige Verankerung in

der Gesellschaft und um die Lehrerbildung

insgesamt erworben. Mit vollem Recht dürfen

Sie daher als überzeugter und begeisternder

Lehrerbildner bezeichnet werden.

Dabei mussten Sie jedoch allzu oft miterleben,

mit welcher Geringschätzung Iehrerbildende

Universitätsstudien von nicht wenigen Verantwortungsträgern

in Hochschule und

Politik behandelt wurden. Gegen derarti-

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ge Ignoranz kämpften Sie stets mit der Ihnen

eigenen Beharrlichkeit, unerschütterlichem

Optimismus und großem taktischem Geschick.

Herr Professor Fritsch, Menschen, die mit Ihnen

lange zusammen gearbeitet haben und die

Sie gut kennen, beschreiben Sie als einen

sehr sozial eingestellen Mitbürger, Kollegen

und Freund. Sie waren und sind beliebt bei

Ihren Schülerinnen und Schülern, bei Kolleginnen

und Kollegen. Es zeichnet Sie aus, dass

Sie sehr umgänglich in Konfliktsituationen

reagieren und sehr hilfsbereit gegenüber Studierenden

waren, gerade in der Examensphase.

Zusätzlich zeigen Sie bürgerschaftliches Engagement

nicht nur in den oben beschriebenen

Kontexten, sondern auch lokal vor Ort gemeinsam

mit Ihrer Ehefrau Irene im Verein »Bürger

für den Lietzensee e.V.«.

Sie sind ein echter Lateinliebhaber durch und

durch, der Latein nicht als Spezialfach verstanden

wissen will, sondern als »Schlüsselfach der

europäischen Tradition« - von der Antike bis

in die Gegenwart, so auch in den Werken des

Comenius im 17. Jahrhundert. Sie machen sich

stark für Latein auch im heutigen internationalen

Verkehr, in der Korrespondenz und auf

Seminaren. Latein lässt Sie auch als Emeritus

nicht los, Sie halten auch jetzt noch lateinische

Colloquien mit interessierten Studierenden an

der Humboldt-Universität zu Berlin sowie regionale

und überregionale Vorträge zur Lehrerfortbildung.

Sehr geehrter Professor Andreas Fritsch, Sie

verkörpern berlinerische Unaufgeregtheit, gepaart

mit vorausschauender Umsicht, hohe

Fachkompetenz mit echtem pädagogischem

Ethos. Sie sind ein Vorbild für vielfältiges gesellschaftliches

Engagement im Ehrenamt

und zeigen immer wieder die sympathische

Menschlichkeit eines zutiefst liberalen Geistes.

Ihnen als herausragendem Altphilologen mit

großer nationaler und internationaler Reputation

und verdienstvollem bürgerschaftlichen

Engagement hat der Bundespräsident der Bundesrepublik

Deutschland das Verdienstkreuz

1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik

Deutschland verliehen. Ich freue mich, Ihnen

nun diese hohe Auszeichnung überreichen

zu dürfen.

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3. Rede von Prof. Dr. Stefan Kipf

Sehr geehrter Herr Staatssekretär

Dr. Nevermann,

sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Irene,

lieber Andreas,

Andreas Fritsch vertrat in seiner langen beruflichen

Tätigkeit als Hochschullehrer eine auch

heute immer noch junge Disziplin, für die es

vielerorts auch am Ende des Jahres 2013 noch

keine dauerhafte akademische Tradition gibt.

Erst die Herausforderungen der Curriculumrevision

seit den späten 60er Jahren führten

zur Ausbildung einer Fachdidaktik, die sich

als anwendungsorientierte wissenschaftliche

Disziplin versteht, angesiedelt zwischen Erziehungs-

und Fachwissenschaft. Aus dieser

Epoche einer grundsätzlichen programmatischen

Neuorientierung, genauer aus dem

Jahr 1985, stammt die wohl beste Definition

der Altsprachlichen Fachdidaktik, die wir übrigens

Andreas Fritsch zu verdanken haben: »Die

Fachdidaktik Latein und Griechisch … ist eine

wissenschaftliche Disziplin, deren Forschungsgegenstand

prinzipiell jeder Unterricht in den

Fächern Latein und Griechisch im gesamten

Schul- und Bildungswesen ist, sowohl im

deutschen Sprachraum als auch in anderen

Ländern, in Geschichte und Gegenwart. Ihre

Hauptaufgabe liegt darin, diesen Unterricht im

Interesse der Lernenden wissenschaftlich zu

begründen und – auf der Grundlage der gewonnenen

Erkenntnisse – zu verbessern. Hierzu

gehört auch, Perspektiven und Konzepte für

die künftige Entwicklung des altsprachlichen

Unterrichts auszuarbeiten.«

Trotz dieser klaren Perspektive hat sich die altsprachliche

Fachdidaktik auf universitärer

Ebene nicht so reibungslos entwickelt, wie

man vielleicht in den achtziger Jahren erhofft

hatte. So ist die aktuelle Lage der altsprachlichen

Didaktik an den deutschen Universitäten

nicht besonders komfortabel: Sie ist

zumeist strukturell und personell unterausgestattet

und kann daher oft mit den z.T. sehr

forschungsstarken Didaktiken anderer Fächer

nicht konkurrieren. Die drei vorhandenen

Lehrstühle in Berlin, Göttingen und

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München unterstreichen diesen Mangel ganz

deutlich. Ich empfinde es daher immer wieder

als großes Ärgernis, dass nicht einmal der Lateinunterricht

als drittstärkste Fremdsprache

im deutschen Bildungswesen fachdidaktisch

angemessen auf Hochschullehrerebene verankert

ist. Dies liegt übrigens zumeist nicht

allein an den gern beschworenen Gegnern des

altsprachlichen Unterrichts, auch mancher

Klassische Philologe muss immer wieder aufs

Neue davon überzeugt werden, dass nicht zuletzt

sein Fach vom Vorhandensein einer wissenschaftlichen

Fachdidaktik profitiert, da die

Lehrerbildung ein wesentliches Standbein seiner

universitären Existenz darstellt.

In Berlin sah dies jedoch schon immer deutlich

besser aus: Hier existiert seit den siebziger Jahren

des 20. Jh. eine Tradition für Professuren

im Bereich altsprachlicher Didaktik: Zunächst

im lateinischen Seminar an der Pädagogischen

Hochschule Berlin (PH) mit Klaus Geleng (seit

1971) und Andreas Fritsch (seit 1972), dann

nach der Integration der PH an der Freien

Universität (Klaus Geleng bis 1987; Andreas

Fritsch bis 2006) sowie an der Humboldt-

Universität mit Friedrich Maier (1993-2000),

Andreas Fritsch (2000-2006, im Rahmen einer

Kooperation von FU und HU) und Stefan Kipf

(seit 2006, ebenfalls verantwortlich für die FU).

Andreas Fritsch hat in seiner Disziplin bleibende

Spuren hinterlassen, nicht nur in Berlin,

sondern auch weit darüber hinaus: Ich verweise

nur auf seine grundlegenden Forschungen

zur Geschichte des Lateinunterrichts, mit denen

er seiner Disziplin zu einem historischen

Bewusstsein verhalf. Ich verweise weiter auf

das gesprochene Latein, zu dessen international

renommiertesten Vertretern er gehört. Wer

einen lateinischen native speaker sucht, findet

ihn in dem Ur-Berliner Andreas Fritsch. Und

schließlich verweise ich auf den überzeugten

Lehrerbildner Andreas Fritsch, der sich

stets als aktives Bindeglied zwischen Universität

und Schule betrachtete. Nicht zuletzt

ihm ist es zu verdanken, dass in Berlin eine so

dauerhafte und belastbare Kooperation zwischen

Universität, Schule und Fachverband

etablieren konnte. Dass im Laufe der Jahre

Fortbildungsveranstaltungen mit mehreren

tausend Teilnehmern durchgeführt werden

konnten, ist auch sein Verdienst.

Nun möchte ich anlässlich dieser Feier nicht

nur in die Vergangenheit zurückblicken, sondern

auch einen Blick in die Gegenwart und

die Zukunft riskieren. Worin bestehen die aktuellen

und zukünftigen Aufgaben der altsprachlichen

Fachdidaktik?

1.

Eine neue Didaktik des altsprachlichen

Unterrichts, die den veränderten schulischen

Rahmenbedingungen Rechnung

trägt und auf wissenschaftlich fundierter

Grundlage Impulse für die weitere Unterrichtsentwicklung

liefert, stellt ein dringendes Desiderat

dar. Ein solches Werk wird freilich nicht

schnell zu erarbeiten sein, jedenfalls nicht so

schnell, wie es unter Umständen die Öffentlichkeit

erwarten dürfte, eine Öffentlichkeit,

die Fachdidaktik zunehmend praktizistisch

versteht, d.h. als serviceorientierten Lieferanten

für kurzfristig und am besten universell

einsetzbare Unterrichtsmaterialien. Gegen

diese überall spürbare Tendenz zur Ökonomisierung

wissenschaftlicher Arbeit muss sich

jede ernstzunehmende Fachdidaktik zur Wehr

setzen, ansonsten wird sie zum Büttel immer

kurzfristigerer Ansprüche Dritter. Unser größtes

Kapital an der Universität ist die Freiheit in

Lehre und Forschung, die beste Versicherung

für unabhängiges Denken und Handeln in der

Lehrerbildung.

2.

Es ist notwendig, sich auf zentrale Themen

des Unterrichts zu konzentrieren:

Dementsprechend wird in unserem Arbeitsbereich

ein deutlicher Schwerpunkt

auf die Spracherwerbsphase gelegt. Ange-

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sichts der durch die Schulzeitverkürzung eingetretenen

Verschärfung in der Stundentafel

– in Berlin ist der effektive Verlust eines Schuljahres

zu beklagen – ist dies auch unbedingt

nötig. Der altsprachliche Unterricht wird nur

dann gute Zukunftsaussichten haben, wenn

es ihm gelingt, sich auch weiterhin als reflexionsbasiertes

Sprachfach zu profilieren, freilich

mit neuen Akzentuierungen. Hierzu werden

tragfähige Konzepte für eine Spracherwerbsphase

benötigt, die der Sprachbildung von

Mutter- wie gerade auch von Zweitsprachlern

dient, die kulturelle Grundorientierungen in einer

multikulturellen Schülerschaft bietet und

eine effektive Vorbereitung auf den Lektüreunterricht

ermöglicht. Die maßgeblichen Projekte

zur Verzahnung des Latein- und Englischunterrichts,

zur Förderung von Schülern nichtdeutscher

Herkunftssprache im Lateinunterricht, zur

Texterschließung sowie zur Entwicklung eines

modernen Unterrichtskonzepts für die Erwachsenenbildung

tragen diesem Schwerpunkt

Rechnung. Der Griechischunterricht ist

in diese Aktivitäten ebenfalls einbezogen:

Seit dem Sommer 2013 existiert eine an der

Humboldt-Universität angesiedelte Arbeitsgemeinschaft,

in der Lehrkräfte und Fachdidaktiker

über mögliche Zukunftskonzepte des

Griechischunterrichts diskutieren.

3.

Im Gegensatz zu den anderen Sprach-

Didaktiken gibt es im Bereich des altsprachlichen

Unterrichts bisher keine

nennenswerte empirisch abgesicherte Forschung.

Insbesondere in zentralen Bereichen

des Unterrichts stoßen wir auf große Lücken:

Wir wissen beispielsweise viel zu wenig über

die tatsächliche Wirksamkeit in der Praxis weit

verbreiteter Texterschließungsmethoden und

das Übersetzen selber. Empirische Unterrichtsforschung

ist daher ein zentrales Entwicklungsgebiet

– angesichts der beschränkten

personellen Ressourcen darf man sich

jedoch keine Illusionen darüber machen,

dass dies nur punktuell und langsam geleistet

werden kann. Daher muss altsprachliche

Fachdidaktik, wie es Andreas Fritsch immer in

vorbildlicher Weise getan hat, den Kontakt zu

anderen Disziplinen suchen. Wenn das Fach

Latein z. B. einen konstruktiven Beitrag zur

Entwicklung der Mehrsprachigkeit leisten soll,

dann benötigen wir hierfür den Dialog mit den

anderen Schulfremdsprachen, um Anschluss

an dieses komplexe Forschungsfeld zu gewinnen.

Dies ist ein anstrengender und zugleich

eminent fruchtbarer Lernprozess, da z. B. die

methodischen Probleme bei der Erarbeitung

eines wissenschaftlich validen Designs empirischer

Studien nicht zu unterschätzen sind.

4.

Eine vertrauensvolle und enge Zusammenarbeit

mit Schulen ist für die altsprachliche

Fachdidaktik unverzichtbar.

Dies gilt nicht nur für die erfolgreiche Durchführung

der Unterrichtspraktika bzw. des bevorstehenden

Praxissemesters oder die direkte

Praxisanbindung von Lehrveranstaltungen.

Vielmehr bilden intensive Schulkontakte eine

unerschöpfliche Inspirationsquelle für fachdidaktische

Forschung, wovon nicht zuletzt die

beteiligten Schulen direkt profitieren sollen,

etwa durch die Entwicklung und Erprobung

von Unterrichtsmaterialien, durch die Gestaltung

passgenauer Fortbildungen oder universitärer

Unterrichtsangebote für Schüler. Denn

das muss immer klar sein: In einer solchen

Partnerschaft müssen beide Seiten profitieren.

Mit unseren Partnerschulen sind wir hier auf

einem guten Weg.

Lieber Andreas, diese kurzen Andeutungen sollen

heute genügen. Bei fast allen Kernaufgaben,

die ich knapp skizziert habe, hast du hier

in Berlin entscheidende Grundlagen gelegt. Ich

gratuliere dir zu dieser großartigen Auszeichnung,

die uns natürlich auch mit großem Stolz

erfüllt, schließlich habe ich die Ehre, mich

deinen Schüler nennen zu dürfen.

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4. Rede von Dr. Jürgen Seiffert

Sehr geehrter Herr Dr. Nevermann,

liebe Festgesellschaft, lieber Andreas,

seit vorgestern, der Vesper zum 1. Adventssonntag,

befinden wir uns wieder in der Zeit des

Adventus domini, das heißt der Zeit der Rückbesinnung

und der Vorfreude. Der Advent ist eine

Umwidmung des Begriffs der Erscheinung von

etwas Herrlichem aus der vorchristlichen Ära

(der Epiphanie).

In der heutigen Feierstunde kommen uns gewiss

Gedanken aus unserer Erinnerung an‚ das gab’s

also schon Vorgestern: also seit der Antike, dem

Mittelalter, der Renaissance und zu Großelterns

Zeiten. Schon die Vitae der 2. Generation vor

uns sind unserer Generation meist nicht mehr

authentisch vermittelbar, da die meisten von

uns zu diesen Vorfahren keinen lebendigen

Kontakt hatten oder haben. Der Bundespräsident

Theodor Heuss hat gegen das Vergessen

von außerordentlichen Leistungen der Mitbürger

unseres Landes den Verdienstorden im Jahre

1951 zur jährlichen Vergabe gestiftet.

»Der Verdienstorden ist die höchste Auszeichnung,

die die Bundesrepublik für Verdienste

um das Gemeinwohl ausspricht und soll eine

Auszeichnung all derer bedeuten, deren Wirken

zum friedlichen Aufstieg der Bundesrepublik

Deutschland beiträgt.«

Fürwahr, eine Feierstunde wäre nur ein passageres

Ereignis, wenn sie nicht für etwas oder für

jemanden bestimmt ist, das bzw. der den Mittelpunkt

einer uns allen dienlichen Angelegenheit

darstellt.

Insignien und Symbole rufen eine Faszination

hervor, die nicht nur die Werbe- und Informationsbranche

euphorisiert, sondern sie schließt

auch deren Träger mit ein, der mit solcher Gewandung

für sein Bemühen um ein hochgeschätztes

Kulturgut ausgezeichnet wird.

Wir haben Grund zur Freude, denn der Abglanz

davon strahlt auf alle, die sich für die Sache

der alten Sprachen in Unterricht, Bildung und

Wissenschaft sowie zur eigenen Enkulturation

engagieren.

Das erste gleichsam adventliche Licht zeigt auf

das heutige Ereignis übertragen an, dass wir unter

dem ‚redivivum‘ des Latein nicht vom Bildnis

eines ‚wiederbelebten Corpus‘, einer ‚Neugeburt‘

und auch nicht vom ‚Auferstehen‘ eines

bewährten Kulturträgers berauscht sein sollten,

sondern dass wir uns (‚confisi sumus‘) an Fackelträger

wie Andreas Fritsch und Friedrich Maier

halten müssen, die uns leiten und uns nicht in

das Dunkel des Unwisssens tappen lassen.

Mit den Worten Senecas ausgedrückt heißt das:

»Was wir empfinden, wollen wir aussprechen,

was wir aussprechen, wollen wir empfinden –

die Rede stimme überein mit den Lehren. Der

hat sein Versprechen erfüllt, von dem du sagen

kannst, wenn du ihn siehst, ist es genauso als ob

du ihn hörst« … et cum videas illum et cum audias,

idem est … (Epistulae morales, Brief 75, 4)

Gaudete, amici mei!

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5. Dankesworte von Prof. Andreas Fritsch

Berlin, den 2.12.2013

Sehr geehrter Herr Staatssekretär

Dr. Nevermann,

sehr geehrter Herr Vizepräsident,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

liebe Familie, liebe Freunde und Kollegen,

zunächst möchte ich Ihnen, Herr Staatssekretär,

und den Professoren Ulrich Schmitzer und

Stefan Kipf für die freundlichen und anerkennenden

Worte ganz herzlich danken. Zugleich

muss ich gestehen, dass ich ein bisschen beschämt

bin. Denn wenn man so geehrt wird,

fallen einem viele Menschen ein, die es eigentlich

noch viel eher verdient hätten, geehrt zu

werden: Menschen aus dem Familien-, Freundes-

und Berufskreis. Ich kann sie jetzt nicht

alle aufzählen, aber sie sind teils hier anwesend,

teils in meinem Gedächtnis verankert.

Bei einer solchen Gelegenheit, die für mich einmalig

ist, denke ich auch dankbar an die vielen

Personen, die mir in meinem curriculum vitae

beigestanden und geholfen haben, meine Eltern

und Geschwister, meine Frau, meine Kinder und

Enkelkinder, meine Lehrer und Mitschüler, meine

Kollegen, meine Schüler und Studenten. Von ihnen

allen habe ich viel gelernt. Ihnen allen habe

ich zu danken. Wenn das, was ich innerhalb und

außerhalb der Hochschule geleistet habe, nun

auch öffentliche, ja staatliche Anerkennung findet,

so habe ich das nicht zuletzt auch denen

zu verdanken, die den Antrag gestellt haben,

mir das Verdienstkreuz zu verleihen. Auch hier

will ich jetzt keine Namen nennen. Das würde

unweigerlich dazu führen, dass ich möglicherweise

wichtige Personen unerwähnt lassen und

deshalb undankbar erscheinen müsste. Ich danke

also allen herzlich, die heute hier sind,

und allen, die mir geschrieben haben.

In dieser Stunde fragt sich vielleicht mancher

von Ihnen: Was ist eigentlich die Leitlinie dieses

Menschen, der hier für seine »Verdienste

um die Lateinische Sprache und Literatur und

ihre Didaktik« geehrt wird. Gibt es ein Motto,

einen Wahlspruch, in dem man das Wichtigste

zusammenfassen kann? – Und da fiel mir als

erstes, so banal das klingen mag, ein Gedicht

von Arthur Schnitzler (1862-1931) ein: 1

Ein Wahlspruch? Lange sinn’ ich hin und her.

Ja, Kinder, wenn die Welt so einfach wär’!

Ich brauche, wie ich mich beschränken mag,

Doch ungefähr ein Dutzend jeden Tag.

Und wollt’ ich je für morgen einen sparen,

Daß er verjährt war, mußt’ ich stets erfahren.

So schrieb am besten ich »von Fall zu Fall«; –

Doch leider gilt auch der nicht überall.

Aber es gibt doch einige Leitgedanken, zu denen

ich mich gerne bekenne. Mein Leben in-

1 Arthur Schnitzler, Aphorismen und Betrachtungen.

Bd. 1, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1967, S. 9.

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nerhalb und außerhalb des Berufes diente den

sog. studia humaniora; es sind die seit der Renaissance

so bezeichneten Bemühungen um

ein »menschlicheres Leben«, das wiederum nur

möglich wird durch die Beschäftigung mit

der Literatur. 2 Wir können nicht alles lesen,

heutzutage schon gar nicht. Es empfiehlt

sich daher, wie der römische Philosoph und

Staatsmann Seneca im 2. Brief an Lucilius

sagt, immer wieder zu den »anerkannten Autoren«

zurückzukehren. Er schreibt dort: »Auch

wenn du Lust hat, einen Abstecher zu anderen

zu machen, kehre doch immer wieder zu den

bewährten Autoren zurück: Probatos itaque

semper lege, … ad priores redi« (Sen. epist. 2,4).

Einer von diesen »bewährten Autoren« ist für

uns der deutsche Philosoph, Pädagoge und

Dichter Johann Gottfried Herder (1744–

1803), zunächst übrigens ein ausgesprochener

Römer- und Lateinfeind, später räumte er den

2 Cf. Seneca, epist. 82,3: Otium sine litteris mors est et

hominis vivi sepultura.

3 Vgl. Wilfried Stroh, Latein ist tot! Es lebe Latein! Berlin

2007, S. 257-259.

4 Herder, Von der Notwendigkeit der Schulzucht zum

Flor einer Schule (1779). Schulreden von J. G. Herder,

hg. von Hermann Michaelis. Leipzig: Reclam o. J.

(nach 1901), S.16. (In der Herder-Ausgabe von Hermann

Nohl, Bd. 6, Anhang, S. 19. SWS XXX 45.)

5 Kritik an Herder bei Nietzsche: „Menschliches, Allzumenschliches“,

2. Bd., 2. Abt., Kap. 118 (Ausgabe von

Karl Schlechta, F. Nietzsche, Werke I, S. 924 f.) Siehe

unten Anm. 7.

6 Sen. nat. 1, praef. 5; vgl. Heinrich Weinstock (1889–

1960). Die Tragödie des Humanismus. Heidelberg, 4.

Aufl. 1960, S. 198.

7 Titel einer Schrift von F. Nietzsche (1886). In der

Ausg. von K. Schlechta, F. Nietzsche, Werke I, S. 435-

1008.

8 Carl Schurz (1829-1906), zit. nach Klaus Franken,

Spruchbrevier für junge Menschen. Kevelaer 1957, S.

95. – Albert Schweitzer: „Die Macht des Ideals ist

unberechenbar“ […]; „das weiche Eisen des Jugendidealismus“

soll sich „zum Stahl des unverlierbaren

Lebensidealismus“ härten (Aus meiner Kindheit und

Jugendzeit, Berlin 1953, S. 61). – Seneca: „Proponamus

oportet finem summi boni, ad quem nitamur,

ad quem omne factum nostrum dictumque respiciat:

veluti navigantibus ad aliquod sidus derigendus est.

Vita sine proposito vaga est.” (epist. 95,45 f.)

9 Herder: Briefe zur Beförderung der Humanität, 57.

Brief. In: Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche

Literatur, S. 396ff.

studia humanitatis und auch dem Lateinischen

doch einen angemessenen Platz in der Jugendbildung

ein. 3 In einer seiner Schulreden sagt er

(und das ist einer meiner Leitgedanken): »Was

soll all der Kram der Wissenschaften und des

Gedächtnislernens, wenn unsere Seele dadurch

nicht zu guten Gesinnungen gebildet,

wenn unser Herz und Leben nicht durch gute

Übungen genährt wird.« 4 Es kommt also auf

die Verwirklichung – oder wie man heute meist

sagt – auf die Umsetzung des Gelesenen und

als richtig Erkannten ins praktische Leben an,

und das gilt erst recht für das pädagogische

Handeln. 5

In der Renaissance sprach man im Sinne Ciceros

von den studia humanitatis. Möglicherweise

geht der später geprägte, auch von Herder

und Immanuel Kant verwendete Ausdruck

(studia) humaniora, also mit der Steigerungsform

humaniora, zumindest inhaltlich auf eine

Stelle bei Seneca zurück: »O quam contempta

res est homo, nisi supra humana se erexerit.

Was für ein verächtliches Ding ist doch der

Mensch, wenn er sich nicht über das Menschliche

hinaus erhebt.« 6

Das ermuntert uns, nicht beim »Menschlich-

Allzumenschlichen« 7 stehen zu bleiben, sondern

uns auch an überzeitlichen Idealen zu

orientieren. Von dem Deutsch-Amerikaner

Carl Schurz stammt das schöne Wort: »Ideale

sind wie Sterne – wir erreichen sie niemals,

aber wie die Seeleute richten wir unseren Kurs

danach.« 8

Herder hat in seinen »Briefen zur Beförderung

der Humanität« den großen Pädagogen des

17. Jahrhunderts, Johann Amos Comenius,

wieder in das kollektive Gedächtnis der Pädagogik

eingeführt. 9 Der Comenius-Rezeption

waren und sind auch jetzt noch viele meiner

Aktivitäten gewidmet. Comenius, aus seiner

böhmischen Heimat vertrieben, hielt sich notgedrungen

viele Jahre in Polen, England, Schweden

und Ungarn auf und verbrachte die

letzten 14 Jahre seines Lebens als Asy-

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lant in Amsterdam. In vielen seiner Schriften

forderte er, dass die Schulen officinae humanitatis,

Werkstätten der Menschlichkeit, sein

sollten. Und das war bei ihm keineswegs

»Festredengeschwätz«! 10 Sein Wahlspruch, den

ich mir als Pädagoge zu eigen gemacht habe,

war seit etwa 1648 »Omnia sponte fluant,

absit violentia rebus. Alles fließe von selbst;

Gewalt sei ferne den Dingen.« Ein Motto, das

über vier Jahrhunderte, bis auf den heutigen

Tag, ganz ohne Zweifel seine Gültigkeit behalten

hat. Es ist ein von ihm selbst komponierter

lateinischer Hexameter.

So hat sich auch mein Werdegang entwickelt:

Zwar floss nicht alles von selbst, aber es hat

sich doch vieles von selbst ergeben. Von meiner

Schulzeit angefangen, in der Latein meine

erste Fremdsprache war und ich mich schon

als Schüler wunderte, dass meine Lehrer diese

Sprache im Unterricht gar nicht sprachen.

Über mein Studium an der Pädagogischen

Hochschule und an der Freien Universität, als

Lehrer an der Grundschule, als Lateinlehrer, als

Hochschullehrer. Innerhalb und außerhalb der

Schule und Universität habe ich das Lateinische

– auch in internationalen Begegnungen –

nach Kräften aktiv gepflegt und gefördert und

sehe bis heute im Lateinunterricht – ganz im

Sinne des von mir hochgeschätzten Manfred

Fuhrmann (1925–2005) – das »Schlüsselfach

der europäischen Tradition«, das übrigens in

Deutschland heute erfreulicherweise besser

dasteht als wohl in jedem anderen Land Europas.

Ich freue mich und bin sehr dankbar,

dass dieses Fach hier im Institut für Klassische

Philologie der Humboldt-Universität zu Berlin

so kompetente und engagierte Vertreter und

Vertreterinnen hat, sowohl in der Fachwissenschaft

als auch in der Fachdidaktik, die in der

schulpolitischen Szene heute von besonderer

Bedeutung ist.

Es kam mir stets darauf an, dass die Kinder

und Jugendlichen an dieser großartigen,

Jahrhunderte und Völker umspannenden

Tradition mit Freude und Interesse und zu

ihrem eigenen geistigen Nutzen teilnehmen

können, indem sie – natürlich exemplarisch –

Zugang zu einigen Originalwerken haben, ad

fontes!, nicht etwa um überholte Bildungsgüter

fortzuschleppen, sondern um selbstständige

Teilhabe an der von Griechen und Römern

geprägten Weltkultur zu gewinnen. Ob Philosophie,

wissenschaftliche Terminologie, Literatur,

Mythologie, Kunstgeschichte oder die

Schrift auf unserer Computertastatur, all das

verbindet uns mit Griechen und Römern und

ihren Nachfolgern in Mittelalter, Neuzeit und

Gegenwart.

Meine Damen und Herren, Sie werden sich

vielleicht wundern, dass ich jetzt hier an der

Humboldt-Universität in Berlin-Mitte ausgerechnet

einen Mitbegründer der kommunistischen

Partei zitiere: Karl Liebknecht (1871-

1919). Aber sie werden gleich verstehen warum.

Liebknecht schrieb im Jahr 1917 aus der

politischen Haft im Zuchthaus Luckau einen

Brief an seinen 16-jährigen Sohn Helmi (Wilhelm),

der Probleme mit der Schule hatte. Ich

zitiere einen Abschnitt daraus: 11

»Und dann Griechisch und Latein. Ist das langweilig?

Sprachen sind die interessantesten

menschlichen Geistesprodukte. Ihre Erkenntnis,

ihre Anatomie, ihre Zergliederung nach

ihrer Struktur, das ist ihre Grammatik und

Syntax; dasselbe was die Anatomie beim Tierkörper.

Hast Du keine Ahnung von der Wunderwelt,

die die vergleichende Sprachwissenschaft

auftut? Ich hatte stets ein so lebendiges

Interesse dafür, daß ich nicht verstand, wie

10 Hildegard Cancik-Lindemaier (Hg.): Vorwort zu Hubert

Cancik: Europa – Antike – Humanismus. Humanistische

Versuche und Vorarbeiten. Bielefeld 2011,

S. 7.

11 Zit. nach Karl Liebknecht: Lebt wohl, ihr lieben Kerlchen!

Briefe an seine Kinder. Hg. von Annelies Laschitza

und Elke Keller. Berlin: Aufbau Taschenbuch

Verlag 1992, S. 101f. [Bespr. v. A. Fritsch in: Mitteilungsblatt

des Deutschen Altphilologenverbandes

36,2 (1993), S. 77-78.]

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von langweilig geredet werden konnte. Aber

vor allem: Herodot, Xenophon, Thukydides,

Demosthenes und der göttliche Plato! Homer,

Hesiod, Äschylus, Sophokles, Sappho usw. –

das waren die Griechen, die wir lasen. – Und

Cornelius Nepos, Cäsar, Livius, Sallust, Tacitus,

Ovid, Vergil, Catull, Horaz – das waren die Römer,

die wir lasen.«

Weiter schreibt Karl Liebknecht in diesem Brief

an seinen Sohn:

»Nimm eine Geschichte der Kultur, der Wissenschaft,

der Kunst, der Literatur zur Hand – diese

Namen leuchten darin. Seit Jahrtausenden

leuchten sie. Und sie werden nach Jahrtausenden

leuchten. […] Lernst Du sie jetzt nicht kennen,

Du wirst sie nie kennenlernen. Verpasse

die Gelegenheit nicht. Sie kommt nicht wieder!

Du verlierst Unendliches fürs ganze Leben. […]

Wie gern hätte ich jetzt meinen Vergil, Horaz,

Homer, Sophokles, Plato hier – wie lebendig

sind mir viele horazische Oden wieder geworden,

sie kommen nachts – in den langen, langen

Nächten und leisten mir Gesellschaft […].

Wie glücklich wäre ich, wäre mein Schatz an

solcher Kenntnis zehnmal größer, lessingisch

groß!«

Soweit also Karl Liebknecht, nach dem in der

DDR zahllose Straßen und Einrichtungen benannt

waren. 12 Und die Fortsetzung der Straße

»Unter den Linden« heißt heute noch »Karl-

Liebknecht-Straße«. Aber diese Worte wurden,

soviel ich weiß, selten oder gar nicht zitiert.

Ich komme zum Schluss und versuche, alles in

einem Wort zusammenzufassen: Ich habe meine

Tätigkeit im weitesten Sinne als »Dienst am

Wort« verstanden, wie es der Evangelist Lukas

für die Verkündigung der Frohen Botschaft formuliert

hat: diakonía tou lógou oder lateinisch

ministerium verbi. 13 Wenn das Verdienstkreuz

auch in diesem Sinne als Anerkennung dieses

meines Dienstes verstanden wird, dann nehme

ich es gern und dankbar an.

12 So auch die Pädagogische Hochschule „Karl Liebknecht“

in Potsdam, der dieser Name am 4. September

1971 verliehen wurde. Sie wurde nach der Wende

(15.7.1991) zur „Universität Potsdam“ umgestaltet.

13 Vgl. Apostelgeschichte 6,4 und Lukas 1,2 (Diener des

Wortes).

Impressum ISSN 0945-2257

Latein und Griechisch in Berlin und Brandenburg erscheint vierteljährlich und wird herausgegeben vom Vorstand

des Landesverbandes Berlin und Brandenburg im Deutschen Altphilologenverband (DAV) www.peirene.de

1. Vorsitzender: StD Dr. Josef Rabl Wald-Oberschule,

Waldschulallee 95 · 14055 Berlin · josef.rabl@t-online.de

2. Vorsitzende: Prof. Dr. Ursula Gärtner Universität Potsdam, Klassische Philologie

Am Neuen Palais 10 · Haus 11 · 14469 Potsdam · ugaert@rz.uni-potsdam.de

2. Vorsitzender Prof. Dr. Stefan Kipf Humboldt Universität zu Berlin,

und Schriftführer: Didaktik Griechisch und Latein · Unter den Linden 6 · 10099 Berlin

stefan.kipf@staff.hu-berlin.de

Schriftleitung des StR Maya Brandl

Mitteilungsblattes: Zehntwerderweg 171 a · 13469 Berlin · maya.brandl@gmx.de

Kassenwartin: StR Peggy Wittich

R.P.Wittich@t-online.de

Grafik / Layout: Fabian Ehlers Karlsruher Straße 12 · 10711 Berlin · fabian.ehlers@web.de

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