Waldsiedlung Wildpark-West, Ausgabe #2 Frühling/Sommer 2019

berek

Auf 192 Seiten gibt es wieder viel Kultur und Kunst, Informatives und Kritisches. Alles aus und um Wildpark-West. Diese Ausgabe brilliert mit wunderbaren Illustrationen von Georg Jarek, Cartoons von Olaf Thiede, eine handgezeichnete Karte von der Waldsiedlung Wildpark-West – exklusiv angefertigt von PakeTown!
In dieser Ausgabe lesen Sie über vom Umgang mit Mündigen Bürgern, Erinnerungen an Schauspieler Werner Dissel, Eichhörnchen, Ente & Wolf - 15 Junge Seiten, Sieben neue Gesichter zur Kommunalwahl im Mai, Utopia Wildpark-West - Vision einer Waldsiedlung, die Handweberei in Alt-Geltow, was der Morgenstern mit den Galgenberg zu tun hat, wie wir bald mit dem Rad besser von Wildpark-West nach Werder kommen werden, über die Vögel in unserer Region und worüber sich Bienen freuen würden, vom Umgang mit Bäumen, das man auch ohne Wasser im Wald baden sollte, etwas vom höchsten Einfamilienhaus Potsdam und einem Bahnhof ohne halt und sehr viel mehr!
Versäumen Sie nicht die wunderbare vielfallt unserer Region zu entdecken – wir zeigen Ihnen mehr von hier!

Hallo Nachbarn!

Fast hätten wir ihn verpasst, zu

sehr waren wir mit uns, der Familie

oder der Arbeit beschäftigt.

Und doch: Der Frühling

hat Einzug gehalten! Kraniche und

Graugänse sind längst zurück und

haben hinter der Siedlung am Graben

für einige Zeit Rast gemacht. Auch

die Singvögel zwitschern irgendwie

fröhlicher als in den zurückliegenden

grauen und stürmischen Wochen.

Endlich können wir wieder mehr Zeit

im Garten, im Wildpark, am Steg, der

Badestelle, in oder auf dem Wasser

verbringen.

Mehr Kinder als früher spielen nun

in unserem Ort. Alte gehen spazieren,

Hunde bellen, Osterfeuer werden

brennen und an den Wochenenden

steigen die Grillpartys. Bäume und

Sträucher haben ausgeschlagen, alles

ist wie in jedem Jahr. Und doch wird

etwas anders sein: Nachbarn sind ins

Gespräch gekommen, erahnen oder

haben erkannt, dass wir selber etwas

tun müssen, um unser kleines Paradies

zu erhalten.

Lassen Sie uns bei all dem, was

wir Leben nennen, etwas bewusster

sein als im letzten Jahr. Mehr Rücksicht

auf einander nehmen und nicht

nur der Kinder wegen ein klein wenig

langsamer durch Uferstraße und

Fuchsweg fahren. Gönnen wir an den

Wochenenden unseren Nachbarn

die wohlverdiente Mittagsruhe ohne

Rasenmäher, Laubpuster und Kettensäge.

Versuchen wir einfach mal,

durch gegenseitige Wertschätzung

leiser und noch ein kleines bisschen

freundlicher zueinander zu sein.

Lassen Sie uns so gemeinsam unseren

Ort jeden Tag noch ein Stückchen

schöner und lebenswerter für

alle machen. Wir wollen mit unserem

Magazin, von unseren Einwohnern

für Sie gemacht, einen kleinen Teil

dazu beitragen. Lassen Sie sich mitnehmen

in die Welt des Theaters und

des Films, in Carla Schmidt‘s Rosengarten,

in die Handweberei Geltow

und ins Morgensternmuseum in Werder.

Entdecken Sie, wie man im Wildpark

baden kann und welche Vögel

sich in unserer Waldsiedlung heimisch

fühlen.

Erstmals kommen auch unsere

Kinder und Jugendlichen auf ihren

„Jungen Seiten“ zu Wort, erzählen eigene

Geschichten, stellen Lieblingsbücher

vor und wandeln auf historischen

Pfaden.

Also: Seien Sie neugierig und gespannt,

wir sind es auch!

ULLRICH TIETZE & CARSTEN SICORA

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 EDITORIAL 3


20

WIESE GALLIN

52 REPORTAGE

Wildpark-West hat Geburtstag!

In einer Urkunde vom 8. November des

Jahres 1339 wird eine Wiese erwähnt, die

der Insel Werder an der Havel gegenüber

liegt. Die „Wiese Golyn“, das war der

Platz, auf dem sich heute die Waldsiedlung

Wildpark-West befindet.

Grüner Beton

Ob Wildpark-West oder Alt-Geltow:

Ohne gestalterische Vorgaben wurden

die gewachsenen historischen Ortskerne

ihrer Seele beraubt.

24 PORTRÄT

Nachts schlafen die Ratten

Aus dem Leben von Werner Dissel.

9. November 1989 - Premiere des

DEFA-Streifens „coming out“ im Berliner

Kino „International“. Nach der Premiere

ist nichts mehr wie zuvor …

56 REPORTAGE

Das Land des Lächelns

Schein und Sein.

Vom Umgang mit mündigen

Bürgern und Andersdenkenden.

42

AUF DURCHREISE

62 REPORTAGE

Die Poesie

sichtbarer Abwesenheit

Zeit. Raum. Licht.

Über ein Kunstprojekt mit der Camera

Obscura am Havelufer.

Die Akte Schweizer Straße

„Was sind das für Zeiten, wo ein

Gespräch über Bäume fast ein

Verbrechen ist, weil es ein

Schweigen über so viele

Untaten mit einschließt.“


70

KOMMUNALWAHL 2019

142 GARTENFREUND

Neue Gesichter für

Wildpark-West

Sieben Wildparker wollen mit Ihrer Hilfe

Kommunalpolitik für unseren Ort neu gestalten

und die Waldsiedlung erhalten.

Rosen – Carla

Am Zaun, mitten im grünen Rasen, unter

Bäumen, an der Terrasse, überall ragen

kräftige Rosenstöcke und strebsame

Kletterrosen üppig empor. Wie kleine

Inseln verteilen sich die Rosenbeete

über das Grundstück.

82 REPORTAGE

Utopia Wildpark-West

Über Sinn und Realität einer am

Reißbrett geplanten Villenkolonie.

152 ARCHITEKTUR

Weitblick inklusive

Jeder, der vom Kaiserbahnhof kommend,

die asphaltierte Chausseestraße

des Wildparks nach Eiche, Wildpark-West

oder Geltow passiert, muss

an ihm vorbei.

116 REPORTAGE

Das Gewissen

unseres Wohlstandes

Vom Umgang mit Bäumen.

„Die Linde kommt 300 Jahre, steht 300

Jahre und vergeht 300 Jahre.“

Viele große Bäume erreichen nicht

einmal ihre Reifephase.

170

JUNGE SEITEN

Über das Eichhörnchen,

die Ente und den Wolf

Premiere: Auf 15 Seiten kommt unsere

Wildparker Jugendredaktion zu Wort.


DIE KARTE AUF SEITE 92/93

... UND NOCH MEHR INHALT

Die exklusive Karte

Mit der gemeinsamen Leidenschaft

für den Handball fing es an und

künstlerisch ging es weiter. Die

Potsdamer Michael Harnisch, Raik

Dittrich und Pakertharan Jeyabalan

haben sich zusammengetan und

gründeten die PakeTown GmbH.

Das Ziel war klar: Die Zeichnungen

von „Paki“, kreativer Kopf

des Unternehmens, sollten über

den Freundeskreis hinaus, ihren

Weg in die Öffentlichkeit finden.

Handgezeichnet

Was der junge Architekt zu Papier

bringt, sind handgezeichnete

Visualisierungen von aktuellen, zukünftigen

und fiktiven städtischen

Ansichten; filigran, detailverliebt

und präzise dargestellt. Neben Motiven

aus Potsdam, Berlin, Dresden

und Magdeburg oder beispielsweise

auch Paris, lässt Jeyabalan seiner

Kreativität freien Lauf und zeichnet

ebenso Fantasiestädte, die zum

gedanklichen Verweilen einladen.

Interesse geweckt?

Ob Postkarten, individuell gestaltete

Lampen, Drucke oder extra

angefertigte Wunschmotive - bei

PakeTown sind der Vorstellungskraft

keine Grenzen gesetzt.

Interesse geweckt? Dann kontaktieren

Sie uns für Ihre PakeTown.

13 FORUM

19 IMPRESSUM

32 REPORTAGE

Frauen wollen mehr

38 PORTRÄT

Auf den Dächern der Waldsiedlung

46 REPORTAGE

Der Morgenstern

auf dem Galgenberg

75 REPORTAGE

Der Kindergarten am Bruchwald

80 REPORTAGE

Wenn Kinder groß werden

87 REPORTAGE

Eine Vision wird Wirklichkeit

92 DAS BESONDERE BILD

94 NACHGEDACHT

Heimkommen - Unser Wildpark

96 NATURFREUND

Fast alle Vögel sind schon da

104 GARTENFREUND

Bienen würden Cornus pflanzen

106 NATURFREUND

Die Jakobsbuche im Fichtenweg

108 WIESE GALLIN

Historische Alleen in Wildpark-West

2. Teil: Eichenallee (Fuchsweg)

126 INTERVIEW

Der gemeine Baum

130 WISSENSCHAFT

Sport für Pflanzen

134 KOMMENTAR

Das geht uns alle an

136 ESSAY

Vermeiden. Verzichten. Verweigern!

140 GARTENFREUND

Torffreies Gärtnern

146 SILVA HORTULANUS

Sehr viel besser

als sein Ruf - der Efeu

148 MEDICUS SILVAM

Ganzjährig baden im Wildpark

150 REPORTAGE

Bis die Ärztin kommt

151 HORTUS EXPERIENCES

Glück

158 ARCHITEKTUR

Einen verwunschenen

Ort wiederbelebt

164 NACHGEDACHT

Steine werfen vor der Taufe

165 NACHGEDACHT

Der verlorene Schuh

168 WILDPARKER KOCHTÖPFE

Lebuser Saure Eier

183 RÄTSELSPASS

185 SCHACHECKE

Ein König in Bessarabien

186 DES RÄTSELS LÖSUNG

Aus der Ausgabe Herbst 2018

188 KREUZWORTRÄTSEL

190 EPILOG

Eisenhartstraße 1, 14469 Potsdam

email: info(at)paketown.de

phone: +49 178 510 2509

www.paketown.de

UNSERER HEIMAT ALS POSTKARTE

Diese Postkarte wird in limitierter Auflage

von nur 1.000 Stück exklusiv zu erwerben sein.

Diese können Sie bei der Redaktion bestellen oder einfach auf

wildpark-west.de/shop

kaufen. Der Preis beträgt für fünf Stück 5 Euro. Der Gewinn kommt

der Nachpflanzaktion „Rettet die Waldsiedlung!“ 2018-2033 zugute.

8 INHALT WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


LESERBRIEFE

FORUM

Frau Dr. und Herr Dr. R. aus

Wildpark-West:

Wir leben seit über 30 Jahren im

Ort, der sich in dieser Zeit sehr verändert

hat. Veränderungen sind ein

normaler Vorgang, aber nicht alle

Auswirkungen sind erfreulich.

Der Bürgerinitiative ist zu danken,

dass die Erhaltung des Ortsbildes

von den Einwohnern diskutiert wird.

Nach unserer Auffassung liegt der

Schwerpunkt aber zu sehr darauf, das

Ortsbild durch übermäßige Reglementierung

bei Fällgenehmigungen

zu erhalten.

Die das Ortsbild prägenden Gehölze

müssen immer wieder verjüngt

werden. Das ist in der Vergangenheit

mit den Baumschutzsatzungen

wegen ungenügender Kontrolle und

zu laschen Vorgaben nicht gelungen.

Nur wenn die Baumschutzsatzung

Ersatzpflanzungen mit ortstypischen

Gehölzen, die wesentlich größer als

bisher gefordert sind, festlegt und

pro gefälltem Baum eine Baumgruppe

zu pflanzen ist, wird der Ortscharakter

langfristig zu erhalten sein.

Der große Aufwand der Verwaltung

zur Erteilung von Fällgenehmigungen

sollte besser zur Kontrolle der

Nachpflanzungen verwendet werden.

Bei Neubauten sollte es möglich sein,

in der Baugenehmigung Auflagen zur

Nachpflanzung unabhängig von Fällungen

auszusprechen.

Redaktion: „Stürmische Zeiten!“

Die meisten Einwohner wollen, dass

die Siedlung ihren Waldcharakter

erhält. Nur über den Weg dahin

gibt es unterschiedliche Meinungen,

allerdings … mit vielen Schnittmengen.

Was aber übereinstimmend

immer wieder vorgebracht wird,

ist, dass nachgepflanzt werden

muss. Nachpflanzen und den Baumbestand

verjüngen, das ist auch

die übereinstimmende Meinung

unserer Baumsachverständigen.

Also, lassen Sie es uns gemeinsam

anpacken!

Christian Wessel, Caputh:

Der Artikel „Auf dem Weg in die

„Heißzeit?“ bringt es auf den Punkt –

daher auch mein Anliegen, alles zu

tun, was das Radfahren attraktiver

macht.

Redaktion: Was halten Sie denn

von der neuen Fahrradwegbrücke

über den Zernsee?

Die Pläne dazu stellte unsere Redaktion

am 8. Februar 2019 im Rahmen

einer Informationsveranstaltung im

Bürgerclub von Wildpark-West vor.

Auf Seite 87 finden Sie die Gedanken

des Visionärs und Konstrukteurs

Manfred Swoboda dazu.

Andreas von Zadow, Caputh:

Mit großer Begeisterung habe ich

von eurer Familienzeitung gehört

und diese auch digital durchgeblättert.

Phantastisch, herzlichen Glückwunsch!!!

Wie können wir hier eure

Zeitung bekommen?

Redaktion: Ganz einfach: In Caputh,

Ferch, Geltow, Potsdam und Werder ist

unser Magazin an zentralen Punkten

erhältlich; so in Apotheken, Bibliotheken,

Blumenläden, Heimatstuben,

Kirchen oder Arztpraxen. Wenn es dort

vergriffen ist, kontaktieren Sie am besten

die Redaktion. Der sicherste Weg

das Magazin zu bekommen, ist ein

Abo abzuschließen. Damit unterstützen

Sie zudem die Nachpflanzaktion

„Rettet die Waldsiedlung!“ 2018-2033.

In Wildpark-West gibt es

das Magazin frei Haus.

Prof. Dr. - Ing. Reinhard Ludes,

Brandenburg/H.:

Durch Zufall ist mir vor einigen

Wochen Ihr aktuelles Heft in die Hände

gefallen. Wirklich beeindruckend,

mit welchem Engagement sich die

Bürger hier für ihre eigene Sache einsetzen.

Zudem, nebenbei bemerkt,

alles aufbereitet in einer bis ins Detail

professionellen Form, die eher an

ein bundesweit vertriebenes Magazin

von Greenpeace oder vom BUND

denken lässt. Etwas belustigend

empfand ich die ganzseitige Werbung

für erschwingliche Allrad-SUVs

aus Fernost, die nicht wie die „Großen“

Vorbilder täglich die Berliner

Innenstadt lahm legen, sondern mal

so nebenbei, alternativ und ebenso

sinnfrei durch den heimischen Forst

gelenkt werden. Oder war’s doch nur

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 FORUM 13


LESERBRIEFE

Illustration: Georg Jarek

in Fernost? Honi soit qui mal y pense*!

Ansonsten: Weiter so!

Redaktion: Greenpeace? BUND? *Beschämt

sei der, der schlecht denkt.

Aber – wir bemühen uns wenigstens!

Frau Dr. B., Werder/H.:

Es hilft doch, die Zeitung in Papierform

in Händen zu halten, so

kann man beim Frühstück gefahrlos

darin blättern. Der erste Artikel

legt eine interessante Fährte. Um die

Preisfrage zu beantworten: Ich denke,

Sie meinen den PA-Unterricht, auch

„Produktive Arbeit“ genannt. Dieser

war flankiert durch ESP und TZ, „Einführung

in die Sozialistische Produktion“

und „Technisches Zeichnen“. Für

Caputher und Fercher bedeutete diese

Unternehmung, über Jahre in aller

Herrgottsfrühe in einen Schulbus ins

Reichsbahnausbesserungswerk nach

Neuseddin gefahren zu werden. Dort

gab es Baracken zwischen den Gleisen.

Diese Erfahrung gehört tatsächlich

zu meinen einschneidendsten

Erlebnissen der Schulzeit mit sehr

nützlichen Lernerträgen in einigen

handwerklichen Tätigkeiten und

war Grundstein für eine Affinität zu

schweren Maschinen.

Ich bin schon gespannt auf die

nächste Leserunde!

Redaktion: Na, und wir erst!

Frau Dr. und Herr Dr. Z.

aus Wilhelmshorst:

Mit großem Interesse haben

wir Ihre Zeitschrift angeschaut und

„durchstudiert“. Dazu ist zu sagen:

Der erste optische Eindruck ist regelrecht

erstaunlich, bewundernswert.

Wir kennen keine vergleichbare

Gemeindeveröffentlichung:

Umfangreich – 130 Seiten! Gutes

Papier, guter Farbdruck, lebendiges

Layout mit z. T. erstaunlich großen

farbigen Abbildungen. Die Thematik

ist vielseitig, aber dem Titel gemäß

auf Wildpark-West bezogen, vor allem

auch politisch aktuelle Themen

ansprechend und das bedeutet: Die

Zeitschrift müsste im Prinzip alle Einwohner

interessieren. Das Niveau der

Beiträge ist als hoch einzustufen, darum

stellt sich die Frage: Ob die Beiträge

nicht zu wissenschaftlich sind.

Es ist ja schließlich keine spezielle

Fachzeitschrift. Vielmehr stehen die

Namen der Mitarbeiter schon für eine

gehobene (Aus)Bildung.

Vorschläge unsererseits: Hin und

wieder eine Bereicherung durch historische

Stichworte, historische Persönlichkeiten,

Rückgriffe aufs Ortsarchiv,

Vorstellung von Dokumenten

aus der Großgemeinde Schwielowsee.

Interessant wäre sicherlich auch,

einzelne Mitbewohner, die besondere

Leistungen vollbracht haben vorzustellen

… und damit zu würdigen.

Redaktion: Es ist wahrhaftig

eine Kunst, Schwieriges mit einfachen

Worten zu erklären.

Dipl.-Ing. Walter Peters, Priort:

Diese massenhafte Baumfällung

[auf den beiden Grundstücken

Schweizer Straße] ist tatsächlich eine

sehr fragwürdige Angelegenheit und

hat für mich ein „Geschmäckle“. Fakt

ist, dass die Untere Forstbehörde auf

Antrag die Genehmigung zur Umwandlung

von Wald in eine andere

Nutzungsart erteilen kann. Diese

Genehmigung erfordert jedoch die

Beteiligung verschiedener Behörden

und ist natürlich mit Ausgleichsmaßnahmen

verbunden. Welche Behörden

das im konkreten Fall sind, ist mir

nicht bekannt. Mit Sicherheit kann

aber die Forstbehörde alleine kein

Baurecht erteilen. Es ist für mich un-

14 FORUM WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


LESERBRIEFE

denkbar, dass die Gemeinde, in der

diese Flurstücke liegen, an diesem

Genehmigungsverfahren nicht beteiligt

wird.

Es wäre also zu prüfen, wann der

Eigentümer den Antrag auf Umwandlung

in eine andere Nutzungsart gestellt

hat, ob und wann die Gemeinde

Schwielowsee beteiligt wurde und

welche Auflagen die Gemeinde gefordert

hat. Der Appell an den Eigentümer,

„nicht alle Bäume fällen zu

lassen …“ ist nach meiner Auffassung

vollkommen dilettantisch, unzureichend

und lächerlich. Wenn es tatsächlich

nur einen mündlichen Appell

gegeben haben sollte, dann sagt

das eine Menge aus über das enorme

Interesse der Verwaltungschefin am

Erhalt des Waldcharakters. Sie wäre

dann auch für dieses Amt ungeeignet!!

Redaktion: Vielleicht bringt ja unser

Beitrag „Die Akte Schweizer Straße“

auf Seite 62 etwas Licht ins Dunkel?

Dr. B., Wildpark-West:

Meinen nachdrücklichen Wunsch

für ein weiteres Gelingen der „Wildpark-West-Magazine“

und ihre gute

Resonanz. Das mir vorliegende Erstexemplar

ist hervorragend gelungen,

informativ, vielseitig, bestens in Aufmachung

und Illustration; es wird gerne

in der Familie und unter unseren

Gästen herumgereicht.

Redaktion: Ein bisschen

Lob tut jedem gut.

Fam. W., Potsdam/Wildpark-West:

Auch wir haben die Zeitschrift

über die Waldsiedlung erhalten

und haben das dringende Bedürfnis,

uns bei Ihnen für die niveauvollen

aber auch heimatlich in warmen

Worten verbundenen Beiträge

zu bedanken.

Wir ... schätzen sehr das hohe

Niveau Ihrer Worte, deren Sie sich

bedienen ... Auch bei den von mir

gemeinten [Anm. d. R.: historischen]

Beiträgen vermeiden Sie jede Art von

gestylten Sprachgebrauch und, was

noch viel besser ist, Sie nutzen nicht

das unsere Sprache verunglimpfende

sogenannte „NEUDEUTSCH“ … Wenn

ich etwas aus dem Alltag der Waldsiedlung

lese, dann möchte ich mich

zu Hause und nicht in einem Seminar

fühlen. Im Gegenteil: … [Das Magazin]

ist lesbar für Hinz und Kunz, für Doktor

oder Professor oder so einen alten

Rentner mit drei Ing. Abschlüssen, der

die Literatur und die deutsche Sprache

liebt.

Redaktion: Mit dem Inhalt ist

es schon schwer genug …

Maren Simon, Kloster Lehnin:

In den PNN-Artikeln „Erneute

Rodungen in Waldsiedlung“ vom

28. Januar 2019 und „Werders CDU für

Ausbaupläne“ vom 25. Januar 2019

ist zum wiederholten Male davon die

Rede, gesunde und alte Bäume zu fällen.

Ich möchte mich zu der Tatsache

äußern, dass immer häufiger stattliche

Bäume aus ihrem Lebensraum

entnommen werden, weil das angeblich

… nicht anders ginge.

Das bezweifle ich und setze stattdessen

dagegen, dass der zunehmend

unsensible Umgang mit Bäumen Auskunft

über ein schwindendes moralisches

Feingefühl gibt, das sich schleichend

mehr und mehr auszubreiten

scheint. Wer sich dagegen mokiert

und Einwände vorbringt, wird als

antiquierter „grüner“ Nörgler betitelt.

In meinen Augen eine billige Ausrede

und eine zu einfache Sicht der Dinge!

Man sollte wesentlich subtiler über

„Holz“ entscheiden, denn Bäume werden

nun einmal älter als Menschen


LESERBRIEFE

Illustration: Georg Jarek

und sie werden unter den zunehmend

schlechten Umweltbedingungen

vermehrt vor ihrer Zeit krank und

müssen dann entsprechend unterstützend

behandelt (zurechtgestutzt)

und, in letzter Konsequenz, eventuell

auch gefällt werden.

Standfeste und starke Bäume zu

fällen, die gesund sind, empfinde ich

von daher als großen Frevel. Da sollte

gezielt nach Lösungen gesucht werden,

die den Erhalt favorisieren.

Alleen „leben“ besonders eindrucksvoll

von alten Bäumen! Das

Bild Brandenburgs würde zerstört

– was dann? Klar, dann würden sie

von denselben Leuten, die vorher

das zügige Abholzen begünstigt hatten,

in den nächsten Jahren einfach

„neu erfunden“ und diese Tatsache

ließe sich dann, entsprechend wichtig

beworben, sogar vermarkten! Die

aufwendige Anpflanzung und Pflege

dieser noch jungen Bäumchen könnte

dann ordentlich subventioniert

werden. Ist die vermehrte Abholzung

somit womöglich nur eine versteckte

Möglichkeit der Arbeitsbeschaffung

für viele Tätigkeitsbereiche und

diente vorrangig der Verschwendung

finanzieller Mittel? Könnte man sie

später sogar als besonders effektive

„Maßnahme gegen zu heißes Klima“

begründen und damit das „Rad“ neu

erfinden?

Bäume sind Kulturgut und wertvolle

Lebensräume! Fährt man die B1

mit offenen Augen ab, kann man auf

vielen Bäumen so manches imposante

Vogelnest entdecken. Die Baumkronen

leben! Das ist wunderbar,

finde ich, denn die lieben Tiere, sie

bleiben uns treu, obwohl wir immer

mehr Feinstaub produzieren und dafür

die Insekten weniger werden und

es zu Silvester zunehmend lauter und

heftiger knallt. Der rücksichtslose,

dusselige Mensch, dem jede Empathie

und Vorstellungskraft zu fehlen

scheint, ist sich des ewigen Kreislaufs

der Natur, den er zu beherrschen

glaubt, allzu sicher. Ein Baum mehr

oder weniger, was macht das schon?

Aber es werden jetzt in kürzeren

Abständen immer mehr! Das bereitet

mir große Sorge. Es kommt mir so vor,

als hätte ein allgemeiner Abstumpfungsprozess

eingesetzt, der vielen

zu passe kommt.

Müssen denn breitere Straßen tatsächlich

sein? Reicht das Vorhandene

nicht aus und wäre ein Tempolimit

nicht durchaus möglich und auch zumutbar?

Und was ist mit der Optik?

Einen großen und alten Baum kann

man doch durch nichts ersetzen! Zuerst

der Mensch – dann die Natur.

Wie lange wollen wir dieses veraltete

Denkmodell denn noch durchhalten?

Genau andersherum sollte es sein. Es

sollte endlich vernunftbetont und

rücksichtsvoller miteinander umgegangen

werden.

Also erst die Natur und dann, darauf

abgestimmt, der Mensch!

Bäume wehren sich nicht, sie

schreien und gestikulieren nicht – sie

geben nach und fallen dann einfach

um. Die entstandene Lücke nimmt

manch einer von uns gar nicht wahr,

so jemand verspürt keinen Verlust.

Aber es gibt auch andere! Und diejenigen,

die genauer hinschauen und

deren Auftrag es ist „Grün“ im Sinne

der nächsten Generationen zu handeln

– diese Menschen zu verprellen,

das halte ich für sehr instinktlos und

auch für nicht sehr klug. Natürlich ist

es weitaus unbequemer, sich mit anderer

Leute Meinungen auseinander

setzen zu müssen, aber nur so funktioniert

Demokratie, zumal doch jene,

die das „C“ im Namen tragen, alles Lebendige

schon allein deswegen subtiler

betrachten müssten.

Ich behaupte, alles ist eine Frage

der Einstellung und des Wollens, auch

Schönheit, sie ist eine Frage der Betrachtung

und der Geschwindigkeit

des Blicks! Es wäre wichtig, die Dinge

ganz bewusst vom anderen Ende her

zu durchdenken: Was sind wir ohne

Natur, im speziellen Fall, ohne alte

Bäume? Eine Gesellschaft, die lediglich

Wert auf Äußerlichkeiten, Jugend

16 FORUM WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


KLEINANZEIGEN

Liebe Wildpark-Bewohner,

wir möchten gern ein Grundstück in

Wildpark-West kaufen bzw. ein Haus kaufen oder

mieten.

Wir sind ein bodenständiges, naturverbundenes

Paar und suchen einen ruhigen Ort

zum Noch-Älter-Werden.

Bitte melden sie sich,

wenn Sie ein Angebot oder einen Tipp haben.

Telefon 015787343532 oder -33

Neues Zuhause gesucht!

Wegen Eigenbedarf unserer Vermieterin müssen meine Familie

und ich Ende November 2019 aus unserem Häuschen

in Werder ausziehen. Wir suchen nun ein neues Zuhause

- ein Haus oder eine große Wohnung zur Miete.

Wir sind bodenständig und naturverbunden. Am liebsten

wäre uns ein älteres Haus mit Nebengelass und Grün in der

Gemeinde Schwielowsee, Werder und Umgebung.

Wir benötigen sechs Zimmer zum Wohnen und Arbeiten.

Wir freuen uns über jeden Hinweis: 03327 569980

VERANSTALTUNGEN

WILDPARK-WEST VERANSTALTUNGSKALENDER 2019

10. April, 15:00 Uhr

Im Club bei Kaffee & Kuchen

Apothekengespräche

mit Frau Dr. Welle

17. April, 14:30 Uhr

Im Club bei Kaffee & Kuchen

Modenschau, organisiert von

der Volkssolidarität Geltow

23. April, 9:00 Uhr Treff: Am Markt

Tagesfahrt Tulipan – Britzer Garten

Kosten 15,00 €

15. Mai, 15:00 Uhr

Im Club bei Kaffee & Kuchen

22. Mai, 15:00 Uhr

Besuch im Heimatmuseum Geltow

29. Mai, 7:00 Uhr Treff: Am Markt

Tagesfahrt Bad Muskau, Rhododendron

– Blüte, Kosten 50,00 €

19. Juni, 14:30 Uhr

Im Club bei Kaffee & Kuchen

Australien – Vortrag, organisiert

von der Volkssolidarität Geltow

10. Juli, 15:00 Uhr

Im Club bei Kaffee &Kuchen

Frau Hein spricht zum

Thema: „Patientenverfügung“

Termin wird noch bekannt gegeben

„Klatsch und Tratsch“ - Dampferfahrt

mit Familie Kuhl, Kosten: 24,00 €

26. Juli , 9:00 Uhr Treff: Am Markt

Tages-Ausflug zur Landesgartenschau

Wittstock/Dosse,

Kosten: 35,00 €

14. August, 15:00 Uhr

Im Club bei Kaffee & Kuchen

Bürgermeisterin Frau Hoppe

informiert und beantwortet Fragen

18. Sept., 7:00 Uhr Treff: Am Markt

Tagesfahrt nach Naumburg und

Freiburg, Kosten: 50,00 €

23. Oktober, 15:00 Uhr

Im Club bei Kaffee & Kuchen

Spielenachmittag mit

Frau Kellermann

Termin wird noch bekannt gegeben

Fahrt zum Kürbishof Klaistow

14.–18. Oktober

Eine „Fahrt ins Blaue“

20. November 15:00 Uhr

Im Club bei Kaffee & Kuchen

Arztvortrag von Herrn Dr. Skerra

1. Dezember, 11–18 Uhr

14. Weihnachtsmarkt Wildpark-West

Stand der Volkssolidarität,

um Kuchenspenden wird gebeten

12. Juni, 15:00 Uhr

Im Club bei Kaffee & Kuchen,

mit Kräuterhexe Frau Schneider

10. Juni, 10:30 Uhr Treff: Am Markt

Pfingstkonzert im Wildpark,

mit Kutschenfahrt

11. September, 15:00 Uhr

Im Club bei Kaffee & Kuchen

Pilzvortrag durch

Fachfrau Dr. Hutter

18. Dezember, 15:00 Uhr

Im Club bei Kaffee, Kuchen &

Abendbrot, die Weihnachtsfeier

mit buntem Programm

Der Bürger-Club in Wildpark-West

Zum Birkengrund 7a, 14548 Schwielowsee

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 FORUM 17


LESERBRIEFE

Illustration: Georg Jarek

und kühle Effekte legt, dabei jedem

Wildwuchs mit Ablehnung begegnet

und Außenseitern die Achtung versagt,

verliert an natürlichem Charme. Das

Touristenland Brandenburg lebt aber

davon, denn: „Es kann so einfach sein“!

Momentan hängen wir uns daran

auf, wie viel Diesel eine Stadt verträgt,

wir lamentieren herum, weil die

Stickoxide und der Feinstaub zunehmen

und die Pneumologen sich nicht

einigen können, wie schlimm es denn

tatsächlich ist, wir fahren und putzen

aber weiterhin unsere SUVs und fliegen

um die ganze Welt. Wir wollen

mehr Wachstum, bekommen aber immer

nur mehr Verkehr, weil es keine

Definition dafür gibt, die bestimmt,

was da wachsen soll. Die „Freunde“,

die uns währenddessen still das Leben

angenehmer machen, indem sie

bei Hitze Schatten spenden und mit

ihrem Grün lästiges CO2 absorbieren,

dass wir selbst fleißig fabrizieren, die

hacken wir gedankenlos um.

Wir sägen nicht nur den dünnen

Ast ab, auf dem wir sitzen, nein, wir

bringen verlässlich den ganzen Baum

zur Strecke.

„Mein Freund der Baum“, mit diesem

Lied aus dem Jahre 1968 bin ich

aufgewachsen, schon als Kind hat

es mich berührt, „Alexandra“ nannte

sich die Sängerin, die unter merkwürdigen

Umständen starb. Leider, so

habe ich den Eindruck, gibt es eine

zunehmende Tendenz zur Aggression

gegen vieles, was sich still und

wehrlos gibt und keine echte Lobby

hat. Wer oder was auch immer gerade

als „störend“ oder „nicht passend“

und als „nicht dazugehörig“ oder als

„belanglos“ empfunden wird und wenig

Gegenwehr zu leisten in der Lage

ist, darf rüde behandelt werden! Obdachlose,

Tiere, Grünflächen, Unkraut

und Studenten, Hartz IV und Sozialhilfeempfänger,

mitunter auch Künstler

und ja – auch Bäume!

Ihre Widerstandslosigkeit macht

es ganz leicht und darum, so scheint

mir, wird die Fällung – als die vermeintlich

billigste, schnellste und

effektivste Lösung – wenn möglich

rigoros, ohne jede Form von Mitgefühl,

umgesetzt. Dann sind 100 Jahre

Wachstum und mehr, mittels Kettensäge

in kürzester Zeit Geschichte –

ein „Fliegenschiss“ nur …

Redaktion: Sprach da nicht letztens

jemand sogar von „Baummördern“?!

Einen interessanten Fachbeitrag

finden Sie in unserem Heft

auf Seite 116:

„Das Gewissen unseres Wohlstandes“

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18 FORUM WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


IMPRESSUM

Herausgeber Bürgerinitiative „Waldsiedlung Wildpark-West

und „Stiftung Waldsiedlung Wildpark-West

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Wolfgang Gruschke, Erika und Dr. Jürgen Harder, Georg Jarek,

Daniel Jefsen, Friederike Kögler, Klaus Köhler, Nadine Küpfer,

Carola Kuhl, Benjamin Maltry, Brit Merten, Ingo Müller, Manfred

Pohl, Pakertharan Jeyabalan, Albin Pötzsch, Friedhelm Schmitz-

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WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 19


In einer Urkunde vom 8. November des Jahres 1339 wird eine Wiese erwähnt,

die der Insel Werder an der Havel gegenüber liegt. Die „Wiese Golyn“, das war der Platz,

auf dem sich heute die Waldsiedlung Wildpark-West befindet. Bis zum Jahr 1928 trug

der Ort an der Havel die Bezeichnung „Gallin“.

Wildpark-West hat Geburtstag!

VON MARIANNA VON KLINSKI-WETZEL

Die Ersterwähnung der Wiese

im Jahr 1339 bedeutet, dass

sie im Jahr 2019 ganze 680

Jahre alt wird. Wenn wir davon

ausgehen, dass keine weitere und

ältere Urkunde über den Gallin zu

finden sein wird, ist die Urkunde aus

dem Jahr 1339 die Geburtsurkunde

des Gallin.

680 Jahre Wildpark-West

Am 8. November 2019 könnten die

heutigen Bewohner des Gallin, die

Einwohner von Wildpark-West, den

680. Geburtstag der Wiese feierlich

begehen 1 . Die erste urkundliche Erwähnung

der „Wiese Golyn“ führt uns

in die Zeit alter Geschichte der Mark

Brandenburg, in die erste Hälfte des

14. Jahrhunderts. In der Urkunde von

1339 entscheidet der markgräfliche

Hofrichter Johann von Buch in der

Streitsache der Adeligen Koppekinus

und Kilian von der Groeben (Koppekinus

et Kilian de Groben), des Helling

von Gelt (Hellingus de Gelt, des in

Gelt wohnenden Bruders von Koppekinus

und Kilian), sowie ihrer Verwandten

aus Spandau gegen den Abt

Hermann und gegen die Mönche des

Klosters zu Lehnin. Es handelt sich um

den Besitz an der „Wiese Golyn“. Der

markgräfliche Hofrichter spricht die

Wiese dem Abt und den Mönchen des

Klosters zu, geschehen in der Landstadt

Nauen am 8. November 1339 2 .

Der Name des Fleckens Gallin, der

Die Erträge auf der

Sandscholle Gallin

können nur minimal

gewesen sein.

von „Galle“, von der Sandgalle herrührte,

erscheint in der Schreibweise

oder besser Sprechweise des Namens

und vermutlich auch in ortsüblicher

Mundart der deutschen Sprache der

Mönche sowohl mit einem „o“ als

auch mit einem „a“. Die Eigennamen

Waldemar und Baldevinus zum Beispiel

wurden in Mundart beim Diktieren

der Texte häufig auch zu den

Schreibweisen „Woldemar“ und „Boldevinus“.

In einem Dokument des

Jahres 1540 und in den Karten des

Samuel de Suchodoletz (Kartograph

am Hof des Großen Kurfürsten) aus

dem Jahr 1680 erscheint der Flecken

als „Gallin“ und nicht als „Golyn“, wie

Suchodoletz es offensichtlich in alten

Unterlagen fand.

Zuerkannt und zugeschrieben

Der lateinische Text des Dokuments

von 1339 zählt in ausufernder

Breite die Beteiligten an dieser Urkunde

auf. Aber nur in einem einzigen

Satz wird gesagt, und zwar ohne

jede weitere Begründung, dass die

Wiese dem Kloster Lehnin gehöre,

weil sie sich diese Wiese „zuerkannt

und zugeschrieben“ hätten und nun

mal eben in deren körperlichem Besitz

seien. Der Abt Hermann und seine

Klosterbrüder hatten die Wiese

sozusagen für sich „ersessen“ und

aus dem Gewohnheitsrecht nun ein

Eigentum gemacht.

Dieses Gewohnheitsrecht, die

Wiese Golyn zu nutzen, könnte aus

einer Verleihung des Jahres 1242

herrühren. Es hatte nämlich 97 Jahre

vorher der vormalige Lehnsnehmer

von Gelt (Geltt), der Ritter Baldevinus

(Boldevinus) Trest, mit Zustimmung

der askanischen Markgrafen Johann

und Otto vier Hufen von Gelt (Geltt)

zum Seelenheil seiner Gattin dem

Kloster Lehnin zur Nutzung ausleihen

dürfen. Diese vier Hufen waren

ohne Frage die „Wiese Golyn“, Teil

des Lehens des Grundherren von Gelt

(Geltt). In dem lateinischen Regest

(Kurzfassung einer Urkunde) heißt es

übersetzt 3 :

„In dem Ort Jelt (Gelt, Geltt)

hat Baldevinus Trest, Ritter, 4

Hufen mit allen seinen Einkünften

verliehen an das Kloster in

Lenyn für das Heil der Seele

seiner Ehefrau, bestätigt durch

Johann und Otto, Markgrafen,

im Jahre des Herren 1242“.

1) Autoren: M.v.Klinski-Wetzel und G.Mieth, „Wildpark-West a. d. Havel - Die Geschichte der Wiese Gallin“ 1. Aufl. S. 82;

2. Aufl. S. 86; 2) Riedel, Codex dipl. Brandenburgensis, A X, S. 244; 3) Riedel, Codex dipl. Brandenburgensis, A X, S. 202

20 WIESE GALLIN WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Rastplatz auf der Durchreise

Die zu erwirtschaftenden Erträge

auf der Sandscholle Gallin können

nur minimal gewesen sein, deshalb

hat die Verleihung der Wiese im Jahr

1242 an das Kloster Lehnin vermutlich

nur einem Zweck gedient: Der

Nutzung als Rastplatz auf der Durchreise

zum Kloster Spandau und zum

Handelsplatz Spandau.

Der Verkehrsweg der Mönche

über die Insel Werder, über die Havel,

über den Gallin zum Mönchedamm

(dem heutigen Werderschen Damm)

und in Richtung Spandau (und Berlin)

war für das Kloster Lehnin wichtig.

Bei Baumgartenbrück nutzten Reisende

bis zum Jahr 1674 (erster Bau

einer Brücke) die Engstelle der Havel

4) Warnatsch, Kloster Lehnin, S. 223

für die Überfahrt. Man mußte sich von

einem Fährmann zum anderen Ufer

bringen lassen. Der Weg über Baumgartenbrück

wäre für die Mönche

fast um das Zehnfache länger gewesen,

im Vergleich zum direkten Weg

über die Havel. Zudem geriet man bei

Baumgartenbrück auf das Gebiet der

Grundherren von Gelt (Geltt), welche,

wie festgestellt werden konnte, in

heftigen Streitigkeiten mit dem Kloster

lagen. Die Flussüberquerung oder

die Inanspruchnahme des Fährmanns

war entgeltpflichtig. Man bezahlte

die Überfahrt oder Durchquerung

der Furt meistens mit Naturalien (zum

Beispiel Milch oder Getreide), die in

einer „Gelte“ gemessen wurde. Eine

Gelte faßte 100 Becherlein.

Es kommt zu diesem Urteil des

Johann von Buch im Sinne des Klosters

und im Sinne des Abtes Hermann

ein weiterer Aspekt hinzu: Das Kloster

Lehnin und die Familie von der

Groeben hatten seit dem Jahr 1321

einen längeren Streit wegen des Ortes

Töplitz. Bei Stephan Warnatsch in

der „Geschichte des Klosters Lehnin

1180–1542“ ist über die schlechten

Beziehungen zwischen den beiden

Parteien zu lesen 4 :

„1318 und 1321 rundete das

Kloster seine nun beherrschende

Stellung an der Havel mit dem

Kauf zunächst der Insel Töplitz und

danach des gleichnamigen Dorfes

ab. Für den bereits erwähnten

Verkauf des Dorfes Töplitz (durch

Quelle: Archiv v. Klinski-Wetzel

Die Wiese Gallin gehörte vor 680 Jahren dem Abt des Klosters Lehnin und den Klosterbrüdern.

In der Urkunde aus dem Jahr 1339 entscheidet dies der Landrichter Johann von Buch im Auftrag des Markgrafen.


WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 WIESE GALLIN 21


Im Anschluss an dieses erste Gerichtsurteil des Jahres 1339 hat es in

den folgenden rund 325 Jahren bis etwa zum Jahr 1663, als der

Große Kurfürst das Lehnsverhältnis mit den Grundherren von Gelt (Geltt)

aufhob, keinen Frieden mehr wegen der Wegnahme der Wiese Gallin gegeben.

den Herzog Rudolf von Sachsen

an das Kloster Lehnin, d. Verf.)

blieb der Herzog die ausstehende

Rekompensation (Ersatzleistung,

d. Verf.) für die Herren von der

Groeben seinerseits schuldig.“

So kam es zu ständigen Reibereien,

körperlichen Auseinandersetzungen

und sogar zum Totschlag zwischen

den Grundherren von der Groeben

und den Angehörigen des Klosters.

Die Gebrüder Koppekinus und Kilian

von der Groeben sowie ihr Bruder

Helling von Gelt waren im Jahr 1339

Lehnsnehmer auf dem Gut und Dorf

Gelt (Geltt, Geltow), ein Lehen, das sie

von den vorigen Landesherren, den

askanischen Markgrafen, empfangen

hatten. Das Kloster Lehnin hatte sich zu

dieser Zeit, im April 1317, bereits weit

und breit die Fischereirechte an den

Seen der Umgebung von Gelt (Geltt)

vom Markgrafen schenken lassen bzw.

sie käuflich erworben. Der Werderaner

Friedrich Ludwig Schönemann schrieb

1784 in seiner „Geschichtsbeschreibung

von Werder“ dazu 5 :

„Der Schwielower, der Glindower

See, der Plesower, der Lienewitzer

See und der See-Heyde Botzin,

[…] Die Grenze, […], derselben

überlaßenen Fischerey, wurde

von der jetzigen Langen-Brücke

zu Potsdam angenommen, und

erstreckte sich bis an die Dörfer

Paretz und Schorin. Markgraf

Woldemar schenkte 1317 diese

Wässer und die davon einkommenden

Zinsen dem Kloster Lehnin.“

Als sich im September des Jahres

1317 die Eigentumsverhältnisse

auf der Insel Werder änderten und

Markgraf Waldemar (Woldemar) die

Insel mit allen Rechten (auch der Fischereirechte)

an das Kloster Lehnin

verschenkte, hat das Kloster Lehnin,

nach 75 Jahren Nutzungsrecht auf der

Wiese Golyn, diese ganz offensichtlich

ebenfalls zu ihrem Eigentum erklärt.

Warum kam es denn nun erst nach

22 Jahren, im Jahr 1339, zum Prozeß?

Warum haben denn die Grundherren

von Gelt nicht sofort im Jahr 1317 ihr

Lehnsrecht in Bezug auf die Wiese

Golyn bei ihrem Landesherren, dem

askanischen Markgrafen Waldemar

eingefordert? Eine solche Bitte, die

alten Lehnsverhältnisse wieder zu bestätigen,

ist von den Grundherren von

Gelt (Geltt) sicher an den regierenden

Markgrafen herangetragen worden.

Eine Urkunde über eine erneute Bestätigung

des gesamten Gutsumfanges

von Gelt (Geltt) ist jedoch nicht

erhalten. Im Sommer 1319, nach zwei

Jahren Regierungszeit, ist Markgraf

Waldemar verstorben. Auch von seinem

Nachfolger, Heinrich dem Kind, ist

in dessen einjähriger Regierungszeit

eine Lehnsbestätigung für die Grundherren

von Gelt (Geltt) nicht erfolgt.

Es folgte in der Mark Brandenburg

von 1320 bis zum Jahr 1324 eine Zeit

des Übergangs – vier Jahre lang hatte

die Mark keinen Landesherren. Jeder

Fürst im Land, der irgendwie mit dem

Haus der Askanier, das nun ausgestorben

war, verwandt oder verschwägert

war, verkaufte und verschenkte und

bestätigte Rechte und Besitz nach

eigenem Ermessen. Ab dem Jahr

1324 war dann jedoch Ludwig I. aus

dem Hause Wittelsbach zum Markgrafen

in Brandenburg bestimmt worden.

Erst ab diesem Zeitpunkt war es

für die Grundherren von Gelt (Geltt)

möglich, ihren Anspruch anzumelden.

So dauerte es noch weitere 15 Jahre,

bis es zum Prozeß zwischen den

Lehnsnehmern von der Groeben und

dem Kloster Lehnin kam. Die Familie

von der Groeben verlor in dem Prozeß

von 1339 nicht nur die sommerlichen

Weidemöglichkeiten auf dem Gallin,

sie verloren auch in diesem Bereich

an der Havel die Fischereirechte.

Im Anschluß an dieses erste Gerichtsurteil

des Jahres 1339 hat es in

den folgenden rund 325 Jahren bis

etwa zum Jahr 1663, als der Große

Kurfürst das Lehnsverhältnis mit den

Grundherren von Gelt (Geltt) aufhob,

keinen Frieden mehr wegen der Wegnahme

der Wiese Gallin gegeben. Der

Gallin wird als „Wiese Golyn“ oder

auch „Gollyn“ in insgesamt vier Urkunden

1339, 1352, 1355 und 1474

bezeugt. In zwei weiteren gerichtlichen

Verfahren aus den Jahren 1540

und 1609 zeigt sich, dass die Wegnahme

dieser Wiese Gallin mehrere

Generationen und nach der Familie

von der Groeben auch die Familie von

Hake beschäftigt hatte.

Marianna von Klinski-Wetzel wurde

1939 geboren und verbrachte ihre

Kindheit und Jugend in Wildpark-West.

Nach der Grundschule in Geltow und

der Oberschule in Potsdam, Abitur

und Studium in Berlin Charlottenburg.

War als Lehrerin für Kunst

und Werken tätig. Seit 2002 wieder

in Wildpark-West zu Hause. Sie ist

verheiratet und hat drei Kinder.

5) Schönemann, Werder, Abschn. 1, S. 8

22 WIESE GALLIN WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Die Geschichte unserer Region

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9. November 1989

Premiere des DEFA-Streifens „coming out“ im Berliner Kino „International“.

Der Besucheransturm ist so groß, dass zwei Vorstellungen gegeben werden müssen.

Heiner Carows Film mutig – ein Tabubruch. Werner Dissels Rolle gravitätisch

als „alter Mann im Taumel“ zwischen gesellschaftlichen Zwängen.

Und obwohl zwischen Anfang und Ende der Aufführungen nur vier Stunden lagen,

ist nach der Premiere nichts mehr wie zuvor …

Nachts schlafen die Ratten

VON RALPH BEREK

Werner Dissel * 26. August 1912 in Köln; † 22. Januar 2003 in Wildpark-West

Foto: Archiv Dissel


Foto: Archiv Dissel

1988, mit Jung-Regisseur Andreas Dresen (links) und Emanuel Bzsowstowski in „Nachts schlafen die Ratten“

Es gibt Tage, die haben sich unauslöschlich in das

kollektive Gedächtnis einer Nation eingeprägt.

So auch dieser kalte Donnerstag. Fast jeder von

uns Älteren weiß noch genau, was er am Abend

des 9. November 1989 getan hat. Angelika Dissel, studierte

Arabistin und seit 1970 Ehefrau des in der DDR

durch Film und Theater so bekannten Künstlers, erinnert

sich natürlich auch noch genau daran. „Als wir das Kino

verließen, war es schon dunkel, die Crew um die Darsteller

Matthias Freihof, Dirk Kummer, Dagmar Manzel, Charlotte

Lothar Berfelde und Michael Gwisdek wollte noch

in die Schoppenstube zur Premierenfeier. Das Lokal war

einer der Drehorte und befand sich auf der Schönhauser

Allee, in unmittelbarer Nähe zum Grenzübergang Bornholmer

Straße. Während Werner sich der fröhlichen

Truppe anschloss, verabschiedete ich mich – es zog mich

nach Hause, ich hatte einen langen Tag hinter mir. Auf

meinem Weg Richtung Hackescher Markt wunderte ich

mich nur über die vielen Menschen auf den Straßen, die

noch unterwegs waren. Am nächsten Tag wusste ich natürlich,

warum …“

1955 als Questenberg in Schillers „Wallenstein“

am Staatsschauspiel Dresden

Foto: Archiv Dissel

Einen Silberbären auf der Berlinale

„Coming out“ war nicht nur zeitlich gesehen ein Meilenstein

der DDR-Filmgeschichte. Als DEFA-Streifen erhielt

er 1990 auf der Berlinale einen Silberbären, was

Kritiker abwertend der politischen Situation zuschrieben.

Doch der Inhalt des Films war brisanter, als es aus

26 PORTRÄT WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Foto: Archiv Dissel

1980 mit Violetta Sudmann (Mitte) und Lotte Loebinger im Fünfteiler des DDR-Fernsehens „Das Mädchen Störtebeker“

heutiger Sicht erscheint. Dissel bedeutete der Film viel,

denn er behandelte erstmalig die Thematik der Homosexualität.

„Als Heiner Carow mir die Rolle anbot, wollte

ich wissen, was für eine Art von Film das wird, für oder

gegen? Da es darum ging gegen – auch jetzt noch – behauptete

Vorbehalte und die auf Ghetto-Lebensformen

angewiesene Homosexuellenszene anzugehen, nahm

ich gern an und war freudig überrascht, dass der Film inzwischen

als Botschaft für Toleranz, Verständnisbereitschaft

und Humanität verstanden wird, das eigentliche

Thema weit überschreitend. Als Schauspieler fühle ich

mich bestätigt, was mich an meinen Beruf bindet: Die

Aufgabe dem Menschen den Menschen begreiflich zu

machen ...“, sagte er nach der Preisverleihung.

Nachdenklich und doch voller Energie

Werner Dissel war Humanist und Marxist. Diese

streitbaren Ideale verkörperte der 1912 in Kalk bei Köln

als jüngstes von fünf Geschwistern geborene und in

kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsene nicht

nur in vielen seiner Rollen, sondern auch im täglichen

Leben. Nachdenklich und doch voller Energie, galt der

manchmal eigensinnig wirkende Mime, der jedoch immer

umgänglich und freundlich war, besonders seinen

jungen Kollegen ein Vorbild. Andreas Dresen, heute

selbst anerkannter Regisseur, studierte im Sommer

1988 noch an der Hochschule für Film und Fernsehen

und bat ihn für eine Komplexübung im zweiten Studien-

Foto: Archiv Dissel

1962,

der böse Wolf

im DEFA-Klassiker

„Rotkäppchen“

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 PORTRÄT 27


Fotos: Archiv Dissel

Der Mime war vielseitig begabt. Neben Bühnenbildern entwarf er in seiner

Wiesbadener Zeit auch Gebrauchsgrafiken und figurine Kostüme

Die Schauspielpädagogin Lilli Ackermann verhilft ihm mit der Bemerkung

„dass er zu etwas tauge“ zu einer Anstellung beim großen Karlheinz Stroux.

jahr, in einem seiner ersten Kurzfilme, die Hauptrolle zu

übernehmen. Dissel spielt in „Nachts schlafen die Ratten“

mit großem Einfühlungsvermögen einen heimgekehrten,

nun Kaninchen züchtenden Soldaten, der einem allein

gebliebenen Jungen den Sinn des Lebens in schier hoffnungsloser

Situation zu erklären versucht. Einen Sinn, der

sich auch in seinen persönlichen Ansichten wieder fand.

„Werner Dissel wollte immer alles ganz genau wissen, alles

erklärt haben. Und er hatte eine schöne, fast schon intime

Stimme“, meinte der Regisseur später zu diesem kleinen

Streifen. Dresen schätzte Dissel sehr, auch wenn dieser

durchaus, wenn er von einer Sache überzeugt war, ein

Dickkopf sein konnte; pingelig und textgenau.

Journalist und Grafiker

In seiner Jugend prägte besonders der Einfluss des

Klassenleiters am Gymnasium sein späteres Leben: Dieser,

ein Theaterkritiker ersten Ranges, weckte in ihm den

Wunsch, selbst Theaterwissenschaft zu studieren und

Schauspieler zu werden. Doch finanzielle Widrigkeiten

verhinderten dies. Dissel musste eigenes Geld verdienen,

kam als Volontär bei einem Zeitungsverlag unter und erwarb

sich Fertigkeiten als Journalist und Grafiker. Sein Lehrer

prägte aber auch seine politischen Ansichten, Dissel

nannte ihn „Augen- und Ohrenöffner“. Seine Freundschaft

mit dem Oberleutnant im Reichsluftfahrtministerium Harro

Schulze-Boysen führte ihn Mitte der 1930er Jahre in

den Widerstand, in die antifaschistische Gruppe der Roten

Kapelle und des „Gegner“-Kreises, die sich im Umfeld

der gleichnamigen Zeitschrift bewegte. Bis 1937 lebte er

im Untergrund, ehe er durch die Gestapo verhaftet wurde.

Der Kriegsbeginn rettete ihn nach 18 Monaten Haft vor

Ärgerem, denn mit dem Vermerk „Frontbewährung“ durfte

er nun dem deutschen Volke in erster Reihe dienen. Mit

vier Verletzungen kehrt er 1946 aus der Kriegsgefangenschaft

zurück und steht, wie so viele seiner Generation,

vor einem Neubeginn. Ihn zieht es auf die Bretter: Die

Schauspielpädagogin Lilli Ackermann verhilft ihm mit der

Bemerkung „dass er zu etwas tauge“ zu einer Anstellung

beim großen Karlheinz Stroux. So kam er als Bühnenbildassistent

und Kabarettist nach Wiesbaden. Seine politischen

Ansichten fand er aber eher im Ostteil Deutschlands

vertreten, da er der bundesdeutschen Nachkriegspolitik

nichts abgewinnen konnte. Nach seiner Übersiedlung

1950 in die DDR wirkte er als Schauspieler, Regisseur und

Dramaturg in Frankfurt/Oder, Weimar, Dresden, Potsdam

und Berlin. Die Arbeit als Regisseur mochte er dabei besonders.

Sie bot ihm die Möglichkeit, sich kritisch mit den

28 PORTRÄT WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Fotos: Archiv Dissel

Genau bis ins Detail: Ob bei der Zeichnung eines Kastanienzweiges

oder als Regisseur am Potsdamer Hans-Otto-Theater 1957

Seine Auftritte auf der Bühne, im Film und später im Fernsehen

verliehen auch vermeintlich kleinen Rollen Größe.

gesellschaftlichen Gegebenheiten auseinanderzusetzen.

Auch wenn er in seiner Wiesbadener Zeit aus der KPD

ausgetreten ist und Widersprüche hinterfragt, bezieht er

klar Stellung zur DDR, die ihm auf Grund der antifaschistischen

Ordnung stets näher stand als der westliche Teil

Deutschlands. Mit Leidenschaft stellte er die Frage nach

der „Qualität des Friedens“, setzte sich gegen Revanchismus

und atomare Aufrüstung ein. „Ich stand immer wieder

vor der Notwendigkeit meine eigene Haltung zu formulieren.“

Dabei konnte er auf Erfahrungen zurückgreifen, die

er selbst gemacht oder beobachtet hatte. 1959 ruft ihn

ein Telegramm der Intendantin Helene Weigel nach Berlin:

„Wir können Dich als Schauspieler gebrauchen!“ Die

Stadt hat ihn geprägt, er bleibt von 1959 bis 1979 am Berliner

Ensemble, ehe er sich freischaffenden Engagements

widmen kann. Dissel spielte großartig, sein Publikum liebt

ihn. Seine Auftritte auf der Bühne, im Film und später im

Fernsehen verliehen auch vermeintlich kleinen Rollen

Größe. Erst im Alter, als er es eigentlich niemanden mehr

beweisen musste, startet er durch. Er fand Anerkennung

nun auch in großen Rollen. Konnte Gestalten verkörpern,

die er vorher nur vereinzelt übertragen bekam. Scherzhaft

meinte er dazu, dass er sich „auf der untersten Stufe einer

steilen Alterskarriere“ befände.

Die Waldsiedlung war Rückzugsort und Heimat

Seit 1952 war er in Wildpark-West zuhause, wo er mit

seiner damaligen Frau Ellen im Fuchsweg wohnte. Nachdem

er die 35 Jahre jüngere Angelika kennen und lieben

gelernt hatte, zog er zusammen mit ihr in die Waidmannspromenade

und später dann in das Haus Am Ufer. 1970

wurde ihr gemeinsamer Sohn Jan geboren. In der Waldsiedlung

fühlte er sich wohl, sie war ihm Rückzugsort und

Heimat geworden. Das Haus der Dissels stand Besuchern

offen, hier wurde musiziert und diskutiert. Er empfing seine

Freunde zu gemeinsamen Schachabenden oder musizierte

auf dem Banjo, Akkordeon und Spinettino für den

Hausgebrauch. Bei Rotwein, Nordhäuser Korn, Cognac und

Bier wurden viel und laut Ansichten ausgetauscht. Oft war

sein langjähriger Freund, der Theaterkritiker Jochen Gleis,

zu Gast, auch der streitbare Balthasar Otto und Hans Coppi,

dessen Eltern in Plötzensee hingerichtet wurden. Sie

alle bereicherten sein künstlerisches Schaffen dabei ungemein,

denn Dissel selbst war vielseitig begabt. Diese

Vielseitigkeit ermöglichte ihm auch Rollen, die ihm möglicherweise

sonst verwehrt geblieben wären. So spielte er

am BE in Brechts und Weils gemeinsamem Werk, der Dreigroschenoper,

den Moritatensänger, der auf dem Jahrmarkt

von Soho die bekannte Ballade von Mackie Messer

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 PORTRÄT 29


Foto: Archiv Dissel

1958, Neue Bühne Berlin: Uraufführung „Auf verlorenem Posten“.

Dissel gibt Regieanweisungen für Ekkehard Schall (li.) und Willi Norloch (re.)

„Und der Haifisch, der hat Zähne“ sang. Eine Paraderolle für

ihn. Seine Stimme war markant, man hört sie unter hunderten

heraus. Das wusste er und lebte deshalb diszipliniert.

Hatte er sich früher gerne dem Rauchen von Pfeifen und

Zigarren hingegeben, so hörte er eines Tages abrupt mit

dem Rauchen auf, die Schonung seiner Stimmbänder ging

ihm über alles. Seine Rollen gingen in die hunderte, doch

die als Feldkurat in der „Der brave Soldat Schwejk“ schien

ihm selbst die mit am besten gelungenste von allen zu

sein. In der DDR war er als Schauspieler sehr angesehen,

was ihm den Nationalpreis 3. Klasse einbrachte, zusätzlich

aber – auch auf Grund seiner Rolle im Widerstand – durchaus

auch Möglichkeiten der Artikulation bot, die anderen

verwehrt geblieben sind. So schrieb er 1986 an Honecker

einen Brief, in dem er fragte, warum sein junger Sohn

und seine Frau und überhaupt die jungen Leute nicht in

den Westen fahren dürfen, um Stätten des Widerstands

oder die Gedenkstätte in Plötzensee, Hinrichtungsstätte

vieler Widerstandskämpfer wie Harro Schulze-Boysen

und der Geschwister Coppi zu besuchen. Auch wenn im

Ergebnis nicht die von ihm gewünschte Reisefreiheit für

jedermann stand, so konnte doch zumindest seine Familie

ein Visum als Teil der kleinen Reiseerleichterung für sich

beanspruchen. Dennoch – er blieb ein streitbarer Geist.

Seine kleine Freiheit waren ihm die Urlaube mit seiner Familie

an der Ostsee. Zusammen mit seiner Frau Angelika

und seinem Sohn Jan, der später erfolgreich eine Lehre

zum Bootsbauer absolvierte und wohl das handwerkliche

Geschick, die Sorgfalt und Genauigkeit von seinem Vater

hat und noch heute in dem Metier arbeitet, sah man ihn

oft mit seinem kleinen Motorboot „Wal“, einer kleinen

Saga 20, auf der Havel.

In Wildpark-West kulturell sehr aktiv

Im Ort war „der Dissel“ beliebt und kulturell sehr aktiv.

Nach der Wende organisierte er als aktives Clubratmitglied

im Bürgerclub verschiedene Veranstaltungen,

las Jankas „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“ und lud

verschiedene bekannte Schauspieler zu Lesenachmittagen

nach Wildpark-West ein. Auch in der Handweberei

Geltow war er oft zu Gast, mit Henni Jaensch-Zeymer war

er freundschaftlich verbunden. Auch wenn ihm im hohen

Alter die Gesundheit zu schaffen machte, pflanzte er in

seinem letzten Lebensjahr in Werder noch einen Birnenbaum

und spielte mit dem Herrn von Ribbeck im Havelland

seine letzte Rolle. Am 23. Januar 2003 verstarb Werner

Dissel in seinem Haus in Wildpark-West.

Der Autor Ralph Berek, Jahrgang

1966, geboren in Potsdam, hat

einen Sohn und verbringt seit

zehn Jahren die Sommermonate

in Wildpark-West.

Er ist Grafik-Designer und

Verleger dieses Magazins.

30 PORTRÄT WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Neben Modenschauen, Vorträgen, Lesungen und Ausstellungen spielte die Musik

immer eine große Rolle in der Geltower Handweberei. Regelmäßig wird zu Konzerten

mit unterschiedlichen Musikern eingeladen. Höhepunkt ist der jährliche „Jour“.

Frauen wollen mehr

VON JANA FELLENBERG

Es wird nur noch wenige geben, die sich daran erinnern,

dass in Alt-Geltow im Saal hinter dem kleinen, geduckten

gelben Häuschen mit der blauen Eingangstüre,

die schon lange nicht mehr als solche dient, gleich

gegenüber der Kirche und neben dem Friedhof, einmal keine

Webstühle standen. Denn das ist bereits 80 Jahre her.

1939 zog Henni Jaensch-Zeymer in das damals leerstehende

alte Gasthaus und machte aus ihm eine Handweberei,

die heute eingetragenes technisches Denkmal ist.

Ulla Schünemann, übernahm 1987 den Webhof

Webstühle im Tanzsaal

Thomann‘s Festsaal bot genug Raum, um die Werkstatt

mit den großen Webstühlen einzurichten und vor allem

auch zu erweitern, denn die Auftragslage war gut und so

konnte der Webhof von anfangs zwei Webstühlen nach

und nach auf zehn vergrößert werden, heute stehen hier

sogar 16 der hand- und fußbetriebenen historischen Maschinen.

Und auf allen, selbst den beiden mit ihren 300

Jahren dienstältesten, wird noch gewebt.

Damals wie heute wohnt die Meisterin im Haus – die

ehemalige Bühne des Festsaales baute man zur Wohnung

um. Blick in den weitläufigen Garten, der früher intensiv

zur Eigenversorgung und Erholung genutzt wurde, inklusive.

Im Vorderhaus, das heute Büro, „Leinenladen“ und

Gastraum beherbergt, wohnten anfangs die Lehrlinge.

Männer spielten in der langen Geschichte der Handweberei

eher eine Nebenrolle. Selbstbewusst und selbstbestimmt

füllten und füllen die Frauen mit ihrer Kraft und

ihren Ideen den Raum, und wenn wirklich mal ein Mann

gebraucht wurde, war früher in jedem Sommer im Monat

August der Erich da. Der reparierte, spielte, fotografierte

– Ulla Schünemann, die ihn oft begleitete, holte sich in

diesen Ferien ihr handwerkliches Rüstzeug. Heute übernimmt

ihr Ehemann die Reparaturen.

Foto: Jim Kent

Kunst des Weglassens

Und immer noch sind es Frauen, die auf den alten Webstühlen

schlichte, langlebige und wundervolle Stoffe erfinden

und produzieren. Immer weiter im Stile Hennis, wie

sie von allen genannt wurde. Sie, die Künstlerin, ließ sich

Zeit ihres Lebens vom Bauhausgedanken inspirieren und

entwarf getreu der „Kunst des Weglassens“ ihre Stoffe.

Und auch heute noch wird genauso gewebt wie damals.

Einziger Unterschied – die verwendeten Garne sind farbiger

geworden, und öfter wird Leinen als Wolle verarbeitet.

Fast 50 Jahre hielt Henni die Fäden in der Hand. Von

1943 bis zu ihrem Tode 1983 immer an ihrer Seite Annemarie

Schünemann. Ihre Tochter Ulla, auf dem Webhof

Werner Dissel liest 1995 in der Handweberei aus Erwin

Strittmatters „Vor der Verwandlung“

Foto: Jim Kent

32 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Foto: Jana Fellenberg

Auf den 16 historischen Webstühlen im alten Festsaal, die

bis zu 300 Jahre alt sind,werden noch heute Stoffe gewebt.


Foto: „Buch des Hauses“, um 1940

Henni Jaensch-Zeymer schneidet Stoff für Flickerlteppiche klein

... nach einem zweitägigen Kurs kann

man sich bei fleißiger Arbeit ein

Unikat eines Schals um den Hals

legen und mit nach Hause nehmen.

Foto: Jim Kent

aufgewachsen und ebenfalls Meisterin ihres Handwerks

führt seit über 30 Jahren die Geschicke. Wenn man ihr,

die noch bei Henni gelernt hat, zuhört, wenn sie erzählt

von alten und neuen, schweren und guten Zeiten, dann

spürt man, sie ist die Seele des Webhofes und sie lebt

ihn jede Sekunde. Nach der Übernahme der Handweberei

1987, war ihr 1989 sofort klar: „Dit wart mit der Weberei“.

Die Produktion ging von hundert auf Null, niemand

kaufte mehr Altbewährtes, nicht mal, wenn es bereits bestellt

und verschickt war – die Pakete kamen zurück mit

der lapidaren Erklärung: „Aufgrund der Wirtschafts- und

Währungsunion treten wir vom Vertrag zurück“. Nur der

gerade eingestellte Lehrling konnte bleiben, für die acht

Angestellten gab es keine Beschäftigung mehr und das

rhythmische Klappern verebbte. Zwei Jahre vergingen bis

mit der Idee eines „aktiven Museums“, der Webhof aus

dem Dornröschenschlaf erweckt werden konnte, und sich

der kleine Ort nun mit einem touristischen Ziel für Menschen,

die aus aller Welt hierher kommen, schmücken

kann.

Heute lebt die Handweberei wieder vom Verkauf der

gewebten und verarbeiteten Produkte, nur ein Zubrot die

34 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Foto: „Buch des Hauses“, um 1940.

Die Handweberei in Frauenhand, die Kette wird geschlichtet und zum Trocknen aufgehängt

Einnahmen aus dem Museum, auch wenn im Jahr etwa

3.000 Besucher die Handweberei mehr oder weniger aktiv

besichtigen. Während einige Besucher den drei Weberinnen

nur über die Schulter schauen und ob der in vielerlei

Hinsicht anspruchsvollen Arbeit staunen, wollen es

andere selber einmal versuchen. Dazu werden Webkurse

auf den kleineren Webstühlen angeboten – und nach einem

zweitägigen Kurs kann man sich bei fleißiger Arbeit

ein Unikat eines Schals um den Hals legen und mit nach

Hause nehmen. Auch Spinnen kann man lernen.

Laut ist es, sehr laut

Nicht zum ersten Mal bin ich hier; betrete wie immer

ehrfürchtig den großen Saal mit den vielen hölzernen Gerätschaften,

wo neben Webstühlen auch diverse Spinnräder,

Schärrahmen und Spulengestelle stehen.

Laut ist es, wenn an den Webstühlen gearbeitet wird.

Sehr laut. Die Frauen um Ulla Schünemann haben sich

daran gewöhnt. Im Augenblick surrt nur die Spulmaschine.

Bevor gewebt werden kann, müssen die auf großen

Spulen gelieferten Garne umgespult werden. Erst dann

können sie im Schützen durch das Fach geschossen die

Kette kreuzen.

Als begeisterte „Handarbeiterin“ komme ich immer

gerne her, bewundere, wie das Tuch auf dem Webstuhl mit

jedem Schuss akkurat Millimeter um Millimeter wächst,

aus dem in der Schneiderei Hemden, Krawatten und Kleider

werden. Neben Bekleidung entstehen auch Stoffe für

Tischwäsche, Decken und Gardinen, auf Kundenwunsch

Foto: Jim Kent

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 REPORTAGE 35


DIE CHRONIK

1927 Gründung der Handweberei

„Henni Jaensch-Zeymer“ in Gildenhall

1939 Henni zieht mit ihrem Webhof nach Geltow

1943 Annemarie Schünemann kommt nach Geltow

1977 absolviert Ulla Schünemann erfolgreich

ihre Ausbildung zur Handweberin und

arbeitet seitdem im Webhof

1985 Ulla Schünemann wird Meisterin

1987 übernimmt Ulla Schünemann die Handweberei

1990 das Aus für den Webhof

1992 Eröffnung „Aktives Museum für

Handweberei Henni Jaensch-Zeymer“

1996 Eröffnung des kleinen Verkaufsladens

1998 Henni verstirbt 94-jährig

2008 Eröffnung des Cafés

2018 Eintrag ins Goldene Buch der

Gemeinde Schwielowsee

2019 80 Jahre Handweberei

ÖFFNUNGSZEITEN

Museum & Leinenladen

Februar bis etwa 21. Dezember 2019

Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr

Das Café

März bis etwa 21. Dezember 2019

Sammstag & Sonntag von 11 bis 17 Uhr

April bis September 2019

Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr

Osterwochenende, sowie am 3. & 31. Oktober 2019

geschlossen, am 1. Mai, Himmelfahrt

und Pfingsten geöffnet.

VERANSTALTUNGEN 2019

18. Mai Vortrag gewebte Bilder,

Ulla Schünemann

25. Mai 23. Modenschau

26. Oktober Feuer & Flamme für

unsere Museen

26. & 27. Oktober Design trifft Handwerk

(Verkaufsausstellung)

3. Advent Weihnachtsbasar

KURSUS

Web- und Spinnkurse

Jeden 1. Dienstag und Mittwoch im Monat nach

Voranmeldung oder nach individueller Absprache.

Der Spinnkursus beansprucht einen Tag und kostet

etwa 100 Euro, der Webkursus dauert zwei Tage und

kostet ab 200 Euro (abhängig vom Material, inkl. des

selbst gewebten Stoffes).

Spannende Geburtstagsrunde

Jeder Gast webt dem Jubilar ein Stückchen Tuch

und damit entsteht ein ganz individuelles Geschenk.

Endkontrolle des fertigen Tuches

sogar aus selbst gesponnener Wolle und natürlich auf

Maß gearbeitet. Gewebt wird so präzise, dass man kaum

glauben mag, dass die im speziellen Gerstenkorn-Muster

hergestellten Geschirrtücher handgewebt sind, so

gerade ist die Webkante.

Gefragter Drehort

Natürlich gibt es auch in einem aktiven Museum viel

Geschichtliches und Theoretisches zu erfahren – beim

Blättern im reich bebilderten „Buch des Hauses“ und

beim Betrachten der zahlreichen Schautafeln vergeht

die Zeit wie im Fluge.

Ein paar Fragen habe ich aber noch und während

wir es uns an dem alten, gusseisernen Ofen gemütlich

machen, interessiert mich, was denn im letzten Jahr

hier gedreht wurde – da saß nämlich die Schauspielerin

Anna Maria Mühe im Hof, von der kleinen Dorfstraße war

unter den vielen Wagen vom Set kaum mehr etwas zu

sehen, und wir kommen auf Filme, Besucher, Geschichte

und Gegenwart zu sprechen.

Schon mehrfach war der Webhof Filmkulisse – 1998

wurde „Schwester Stephanie“ gedreht – die gelbe Farbe,

mit der damals extra das Gebäude im Innenhof gestrichen

wurde, hielt lange, fängt erst jetzt an, an einigen

Stellen abzublättern.

Auf Jung getrimmt

Lachend erzählt Ulla Schünemann von notlandenden

Flugzeugen, der Haustür, die eigentlich gar nicht aufgeht

und strömendem Regen davor, wo doch das Wetter

in Geltow eher recht beschaulich war. 2009 war es

der Streifen „Frauen wollen mehr“ und letztes Jahr nun

Arbeiten für die sechsteilige Serie „Die neue Zeit“ zum

hundertjährigen Bauhausjubiläum fürs ZDF.

Nur das betagte Arbeitsgerät verträgt sich nicht immer

mit den Ideen von Regisseur und Requisite, die Bedienung

der Webstühle muss gekonnt sein, schnell kann

die Kette reißen und damit wochenlange Arbeit umsonst

sein, denn solange dauert es, bis die geschärte Kette

(bestehend aus hunderten Kettfäden) aufgebäumt und

eingezogen ist und das eigentliche Weben beginnen

kann. Also wurde statt der jungen hübschen Studentin

Foto: „Buch des Hauses“, um 1940

36 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


MEIN HEIMATDORF GELTOW

Foto: Jim Kent, 1994

Tief verwurzelt sind die Ureinwohner in ihrem Dorf –

sie kennen noch den Geruch von frischer Erde und Torf.

Heimaterde sicherte Familien ihren Lebensunterhalt,

auf ihr wurden Menschen und Bäume alt.

Duft von Vergissmeinnicht und frischem Rasen

steckt noch in den Nasen.

Freundschaftlich verbunden:

Henni Jaensch und Werner Dissel

lieber die nicht mehr zwanzigjährige Fachfrau auf jung

getrimmt und für die Aufnahme an den Webstuhl gesetzt.

Arbeitsstätte und Lebensgemeinschaft

Ehe wir uns nun ganz in Erinnerungen an spannende

Begegnungen mit Manfred Krug, Max Mohr und vielen

anderen prominenten Besuchern verlieren, geht es noch

in den kleinen Laden, in dem man alle im Haus gefertigten

Sachen, wie auch Keramik von Hedwig Bollhagen,

Gelbgießerprodukte der Wurzigers aus Geltow und vieles

mehr erwerben kann.

Durch die kleinen, niedrigen Fenster des Ladens

schaut man direkt auf Gehweg und Straße und ist so mitten

im Geltower Leben. Die Kirchenglocken läuten und

während wir all die schönen Dinge begutachten, zieht

draußen ein langer Zug schwarz gekleideter Menschen

vorbei zum Friedhof. Viele vertraute Gesichter – wer war

es wohl, der heute zu Grabe getragen wird und neben

Werner Dissel, Henni Jaensch oder meiner Großmutter

seine letzte Ruhe findet? Ulla Schünemann erzählt, dass

sich inzwischen viele Trauergesellschaften nach der Beerdigung

im kleinen Café zusammen finden und das es

hier im Hof oder im alten Gastraum oft ein besonderer

Abschied vom Verstorbenen wird.

Mit der Eröffnung des Cafés vor elf Jahren durch

Tochter Nadine sind die Frauen der Familie im Webhof

vereint – denn auch Tochter Bianca arbeitet hier – als

Weberin. So ist der Webhof weiter nicht nur Arbeitsstätte,

sondern auch Lebensgemeinschaft.

Kirchenglocken waren Zeitmaß, zählten die Stunden,

als Gärtner und Rosenzüchter

waren sie der heimatlichen Scholle verbunden.

Welcher Boden gibt heutigen Generationen Nahrung,

speist Erinnerung, nährt Erfahrung?

Wer sucht und will, der findet,

was an Scholle und Dorfgemeinschaft bindet.

Manch zartes Pflänzchen erwartet Zuwendung und Pflege,

braucht liebevolle Hege,

will wachsen und gedeihen,

von Alltagssorgen uns befreien.

Freilich ist das Feld ein anderes –

im Handwerk und Gewerbe fließt der Schweiß,

bei Kultur, Gesang und Sport erkämpft man einen Preis.

Gefeiert wird zu allen Jahreszeiten

in Vereinen und beim Straßenfeste –

unser Dorf erwartet viele Gäste.

Drum pflegt es umsichtig und mit Liebe –

es steht nun einmal fest,

wir leben in einem grünen Gartendorf,

das sich von Jahr zu Jahr verschönern lässt.

Am Ende steht der Stolz, der verbindet –

Garantie, dass auch heutige Generation

in ihrer Erinnerung Bleibendes findet.

Juni 2001

Lyrik von Klaus Köhler, Jahrgang 1935,

er lebt in Wildpark-West und ist

Mitglied im Heimatverein Geltow.

Autorin Jana Fellenberg,

1967 in Potsdam geboren,

Dipl.-Informatikerin,

verheiratet, lebt seit ihrer

Kindheit in Wildpark-West.

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 REPORTAGE 37


DER SCHORNSTEINFEGER

Er kommt auf Rädern und auch mit Zylinder

und macht mir meinen Schornstein wieder rein.

Ich freuʼmich als Erwachsner wie die Kinder,

dieweil man sagt, er bringe Glück ins Heim.

Wenn er aufʼs Dach steigt, halt ich ihm die Leiter,

denn falls er fällt, dann fällt das Glück auf mich,

er springt hinauf, fast wie ein Teufelsreiter,

den Blick durchs lichte Grün, wie wahr, den gönnt er sich!

nach Hansgünter Walther

Auf den Dächern der Waldsiedlung

VON CARSTEN SICORA

Elf Uhr, die beiden geben sich

fast die Klinke in die Hand.

Während der Jüngere nach

dem Kehren der Schornsteine

sein unentbehrliches Gerät – den

stachligen Besen mit der aufgeschossenen

Leine und der kleinen Kugel daran

– im altgedienten Wagen mit dem

Zeichen der Schornsteinfeger-Innung

verstaut, kommt sein Chef schon vorgefahren:

„Beschau der Feuerstätten“

ist angesagt. Olaf Greulich (54) geht

voran. Einer muss ja den Hut aufhaben!

Doch statt eines Zylinders sitzt

heute die modisch schwarze Strickmütze

auf seinem Kopf. Seit 20 Jahren

ist Greulich bevollmächtigter

Schornsteinfegermeister. In seinem

Einschreibbuch unterm Arm vermerkt

er alles Wesentliche zu den Öfen und

Kaminen. Das ist wichtig für die Protokollierung.

Aber die meisten Daten hat er eh

im Kopf. Er kennt sich hier aus, betreut

die Waldsiedlung nun schon seit

über 35 Jahren, noch unter den vorherigen

Meistern Rudolf Hannemann,

Erwin Fuchs und Ronald Schwarz. Genau

erinnert er sich an seinen ersten

Arbeitstag:

„Es war im Spätherbst 1983 als ich

das erste Mal in Wildpark-West war.

Wie lange ist das schon her! Damals

wurde in der kalten Jahreszeit noch

viel mit Kohle geheizt und auf den

Dächern ein Film von schmierigem

unsauberen Kohleabbrand und Ruß.

Die Luft roch im Winter immer nach

Kohle.“

Die Luft roch

im Winter immer

nach Kohle.

Heutzutage ist das völlig anders

Den so typischen Kohlegeruch,

der an trüben Nebeltagen schwer

über dem Ort hing, kennen nur noch

die Alten. Kohleöfen gehören der

Vergangenheit an. Inzwischen sind

Gas- und Ölheizungen in den meisten

Wohn- und Wochenendhäusern

verbaut. Mit Kohle heizt heute kaum

einer mehr, das ist viel zu teuer und

für die Umwelt auch nicht besonders

gut. Viele der Einwohner haben für

die gemütlichen Stunden im Herbst

und Winter Kaminöfen, die alten Villen

zum Teil auch noch sehr schöne

offene Kamine, die gelegentlich zur

Anwendung kommen. Auch stilvolle

neue Kachel- oder Lehmöfen finden

sich im Ort.

„Da ist es natürlich besonders

wichtig, dass saubere naturbelassene

Holzscheite verwendet werden, um

einen schadstoffarmen Abbrand zu

garantieren. Anhand des Rußbildes

können wir genau erkennen, ob der

Abbrand tatsächlich funktioniert, ob

z. B. ein Kaminofen genügend Zuluft

bekommt, damit er bei guter Verbrennung

und wenig Abgas ein optimales

Heizergebnis erzielt.“

Falsches Heizverhalten kann also

ganz schnell ins Geld gehen und großen

Schaden anrichten. Wichtig ist

deshalb, dass die Herstellerangaben

der Ofenbauer beachtet und die Öfen

nicht überheizt werden.

„Ich empfehle nur gut abgelagertes,

stückiges und trockenes Holz zu

verwenden. Dass kein Müll in irgendeiner

Form verbrannt wird, sollte

heutzutage eine Selbstverständlichkeit

sein. Das schadet unserer Umwelt,

würde aber auch dem Ofen und

dem Schornstein ungemein zusetzen,

die dafür gar nicht ausgelegt sind und

für die Besitzer mit der Zeit deshalb

eine teure Sache werden. Plastikmüll

Foto: Carsten Sicora , Wildpark-West 2018

38 PORTRÄT WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Bekannte Gesichter, doch nur selten sieht man die beiden zusammen:

Der bevollmächtigte Schornsteinfegermeister Olaf Greulich und sein Mitarbeiter Mario Wüstenhagen


Foto: Chronik Klaus Köhler

Am Fleischstand im Konsum bekam man von Frau Seifert nicht nur ein Lächeln, sondern auch eine heiße Bockwurst.

Meine Stullen, die in der Ledertasche am

‚Star‘ hingen, waren nämlich tiefgefroren …

gehört in den gelben Sack, Laub auf

den Kompost!“

Während Meister Greulich mit

sachkundigem Blick den Kaminofen

mustert und mittels Taschenlampe

und Spiegel den Feuerraum inspiziert,

erzählt er weiter:

„Ich empfand und finde es auch

heute noch immer wieder angenehm,

hier draußen zu sein. Die Siedlung in

Wildpark-West ist wirklich sehr schön

und sollte in ihrer Art so erhalten

bleiben. Vor allem die Lage direkt an

der Havel unter den alten Bäumen

macht den Ort für seine Einwohner

so lebenswert. Die relativ saubere

Luft und vor allem der wenige Autoverkehr

– wo traut man sich den sonst

noch so entspannt über die Straße zu

gehen? Man merkt es ja den Leuten

an, dass sie sich hier wohlfühlen. Und

auch die neuen Einwohner wissen

diese Lebensqualität zu schätzen. Wir

‚Schwarzen‘ sind ja ebenfalls sehr naturverbunden,

der Blick über die Dächer

ins Grüne, der Gesang der Vögel

in den Bäumen begeistert mich immer

wieder. Und einen Sonnenuntergang

über der Havelbrücke zu erleben ist

wirklich einmalig!“

Seit zehn Jahren gehört nun auch

Mario Wüstenhagen mit zu ihm. Auch

er hat einen Meisterabschluss und

kennt praktisch jeden Haushalt, seine

Bewohner und – nicht ganz unwichtig

für seine Arbeit – jeden Hund im Ort.

Kaffee und nette Gespräche

Die zwei könnten mit ihren Erlebnissen

wohl ganze Bücher füllen,

doch Greulich, der erfahrenere der

beiden, winkt bescheiden ab:

„Manch einer wartete damals

schon, um den Schornstein vor dem

Winter wieder gereinigt zu bekommen,

brühte dann eine Tasse Kaffee

und führte nette Gespräche. Besonders

gerne erinnere ich mich an

Willi Neuenhahn, den bekannten

DEFA-Schauspieler aus den siebziger

und achtziger Jahren und seine

außergewöhnliche und unkomplizierte

Art. Auch die Generalität aus dem

Birkengrund holte sich bei mir immer

eine handvoll Glück auf ihrem morgendlichen

Fußweg in die Kaserne.

Einmal bin ich während der Kehrarbeiten

in die Geburtstagsfeier eines

Panzergenerals geraten, eine wirklich

sehr lustige Truppe – aber natürlich

konnte ich nur mit einem Glas Wasser

auf die Gesundheit anstoßen …“

Greulich wirkt nachdenklich, als er

sagt: „Trotzdem denke ich in der heutigen

Zeit auch gerne an früher zurück,

als man mit dem Moped selbst im

Winter bei strengen Minusgraden von

Caputh aus über die Fähre in die Waldsiedlung

übersetzen musste. Bei Kaffee,

einem Brötchen und einer heißen

Bockwurst konnte man sich bei Frau

Augenadel und ihrem Team im Konsum

etwas aufwärmen. Meine Stullen,

die in der Ledertasche am ‚Star‘

hingen, waren nämlich tiefgefroren …

Die damalige Postfrau Frau Schwarz,

die Poststelle war gleich am Marktplatz,

hat mir in meiner Anfangszeit

viele hilfreiche Tipps zu den Örtlichkeiten

gegeben, auch wer wann zu

erreichen war. Heute hat sich unser

40 PORTRÄT WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Foto: Klaus Köhler, um 1992

Historische Poststelle Amselweg 1 am Marktplatz. Hier hat der junge Schornsteinfeger von Frau Schwarz hilfreiche

Tipps zu den örtlichen Gegebenheiten bekommen.

Terminsystem über die Jahre bewährt

und unser Besuch vor der Heizperiode

gehört zu den kleinen Regelmäßigkeiten

im Leben. Meist ist schon

Anfang Herbst der bekannte kleine

Zettel im Briefkasten, mit dem, was

gemacht werden muss. Auf Grund

der Weitläufigkeit – wir betreuen ja

außer Wildpark-West auch noch die

Ortschaften Glindow, Bliesendorf mit

Resau im Wald, Petzow und Teile von

Geltow – schlagen wir deshalb den

Bewohnern einen Termin vor, um effektiv

arbeiten zu können. Das klappt

eigentlich ganz gut. Wenn wirklich

mal was dazwischen kommt, können

uns die Leute einfach anrufen, um einen

anderen Termin zu vereinbaren“,

erklärt er.

Sicherheit ist wichtig

„Wir kontrollieren entsprechend

den gesetzlichen Bestimmungen

natürlich turnusmäßig die Heizungsanlagen

der Bewohner und deren

Feuerstätten, damit nichts passieren

kann. Sind die Scheiben und die

Schamottesteine der Kaminöfen in

Ordnung? Keine Risse? Sind Ofentüren

und Ofenrohre dicht? Werden

alle geforderten Parameter bei den

Messungen der Gasheizungen und

Ölfeuerungsanlagen erfüllt? Wie ist

ihr technischer Zustand?“ Das sind

nur einige von zahlreichen weiteren

Punkten. „Natürlich kehren wir auch

noch klassisch die Schornsteinzüge,“

sagt Mario Wüstenhagen und sein

Chef ergänzt: Das ist wichtig, um sicherzugehen

dass die Feuerstätten

guten Zug haben und die Rußablagerungen

entfernt werden, um z. B. einem

Schornsteinbrand vorzubeugen.

Auf Grund des schlechten Brennstoffs

zu DDR-Zeiten und den nicht lotrecht

gemauerten, sondern gezogenen

Schornsteinen, kam so etwas ab und

zu vor, ist aber längst Geschichte, da

moderne Heizsysteme in den Häusern

Einzug gehalten haben.

Tipps zum richtigen Heizen

Wir beraten aber auch bei der

Planung von Neuanlagen vor Anfang

der Bautätigkeit. Dazu ist es am Besten,

wenn sich der Bauherr mit seinen

Unterlagen bei mir meldet. Wer Fragen

hat oder sich einen neuen Kaminofen

zulegen will, ist bei uns an der

richtigen Adresse, da jede Änderung

oder Erneuerung einer Feuerstätte

beim zuständigen Bezirksschornsteinfegermeister

gemeldet werden

muss. Während der Kehr- und Überprüfungsarbeiten

gibt es bei Bedarf

natürlich auch Tipps zum richtigen

Heizen und Brennstoff durch meinen

Mitarbeiter Herrn Wüstenhagen.“

Ein bisschen Glück

braucht jeder von uns

Er klappt sein kleines Buch zu und

zieht die Schuh-Überzieher wieder

aus. Die beiden sind da sehr sorgfältig,

denn wer will schon Schmutzspuren

auf dem Teppich hinterlassen? Sie

nicken mir freundlich zu. „Alles Bestens!

Also bis zum nächsten Jahr!“ Ein

Händedruck und schon sind sie wieder

unterwegs, der Nachbar wartet

in Sichtweite am Gartenzaun. Gerade

noch so erwische ich eine Fingerspitze

voll Ruß – man weiß ja nie wofür

es gut sein kann – und ein bisschen

Glück braucht jeder von uns …

Autor Carsten Sicora, geboren

1967 in Dresden, verheiratet, lebt

seit 1989 in Wildpark-West

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 PORTRÄT 41


Zeit. Raum. Licht. Das sind Themen, mit denen ich mich seit einigen Jahren beschäftige.

Dem Spannungsverhältnis von Licht und Dunkelheit, der Wechselwirkung von Licht

und Schatten und der Wahrnehmung von Wirklichkeit – gekoppelt an Raum und Zeit.

Die Poesie sichtbarer Abwesenheit

VON ANNEMARIE STRÜMPFLER

Das Prinzip ist einfach und alt

bekannt: In eine dunkle Box

fällt durch eine kleine Blendenöffnung

das Licht in den

Innenraum und projiziert dort spiegelverkehrt

an Wänden, Boden und

Decke das Außen.

Sonne, Mond und Sterne

Wissenschaftler wie Astronomen,

Geologen und Mathematiker nutzten

schon frühzeitig die Funktionsweise

einer Lochkamera, um Erkenntnisse

über Sonne, Mond und Sterne

und – damit meist verbunden – über

mathematisch-optische Gesetze zu

erlangen. Auch Künstler entdeckten

die Lochkamera, die Camera Obscura,

als Hilfsmittel für ihre Arbeit. So

diente sie Vermeer van Deelft, einem

der bedeutendsten niederländischen

Maler des 17. Jahrhunderts, als Hilfsmittel,

um perspektivische Zeichnungen

herzustellen. Schon Leonardo da

Vinci beschrieb sie um 1500.

Auch ich nutze die Camera Obscura

(lat. dunkle Kammer) für mein künstlerisches

Schaffen. Sie ist für mich Medium

meiner Auseinandersetzung mit

dem Spannungsverhältnis von Licht

und Dunkelheit, der Wechselwirkung

von Licht und Schatten und der Wahrnehmung

von Wirklichkeit – gekoppelt

an Raum und Zeit – geworden.

Atelier wird begehbare Kamera

Während meines Arbeitsstipendiums

im Paul-Ernst-Wilke-Haus

in Bremerhaven im März und April

2015 wurde dabei das Atelier

zu einer begehbaren Kamera und

gleichzeitig zu einer Dunkelkammer

umfunktioniert. Dieses erste

Experiment, Kunststätten als

Kamera zu nutzen, thematisierte

das den Arbeitsraum umgebende,

spezifische Milieu des Bremer Vorhafens

und projizierte es in den Innenraum

des Ateliers. Hier wurde

es auf lichtempfindlichem Fotopapier

in der Kamera abgebildet. Ein

faszinierendes Feld!

Seitdem arbeite ich an diversen

Kunstorten und funktioniere

diese zu einer Kamera um: Zu einer

von der jeweiligen Umgebung und

den Lichtverhältnissen abhängigen

42 AUF DURCHREISE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


„Blick auf die Havel 2018“

Durch das Auge der „Camera Obscura“,

Belichtungszeit 2 Monate

Licht-Raum-Installation. Daneben

nutze ich auch andere Kameraformate,

z. B. eine Streichholzschachtel, Dosen

oder auch eine Mülltonne, die alle

nach demselben Prinzip funktionieren,

jedoch von ihrer Wirkungsweise

unterschiedlich sind. Immer auch abhängig

von Form und der Größe der

Kamera, den Lichtverhältnissen und

den Belichtungszeiten.

Licht einzufangen, den jeweiligen

Raum und die Zeit auf diese Art sichtbar

zu machen, ist mein Anliegen. Dabei

kann es Belichtungszeiten von bis

zu einem Jahr geben, so geschehen

im Kunstraum der GEH8 in Dresden,

ein Projekt, welches insgesamt über

zwei Jahre währte. Auch Dosenkameras,

an Bäume und Dächer gehängt,

fangen gleichsam als Zeitraffer den

Sonnenorbit ein, machen sichtbar,

was das menschliche Auge üblicherweise

so nicht sieht – lassen jedoch

auch vieles im vagen, verfremden.

Während eines Spaziergangs im

Spätherbst mit meinem kleinen Enkel

durch Wildpark-West und inspiriert

durch das, mich übrigens auch künstlerisch

sehr ansprechende Magazin

der Waldsiedlung, kam mir die Idee,

auch hier einmal solch ein visuelles

Experiment zu wagen.

Welch eine Helligkeit!

Dank meiner Kinder, die sich vor

einigen Jahren diese romantische

Waldsiedlung als neuen Lebensmittelpunkt

ausgewählt haben und der

für mich damit verbundenen Besuche,

konnte ich diesen Ort nun auch für

mich entdecken. Besonders fasziniert

bin ich von der noch relativ gut erhaltenen

natürlichen Einbettung dieser

Siedlung in die sie umgebende Landschaft

und dem besonderen Licht,

das bei schönem Wetter über der

Havel und durch die bewaldete Siedlung

erstrahlt. Welch eine Helligkeit!

In einigen kleinen Zeichnungen hatte

ich schon versucht, das Licht einzufangen.

Mein Vorschlag, ein kleines

Kunstprojekt „Camera Obscura“ hier

im Ort zu installieren, stieß bei den

Menschen, mit denen ich sprach, auf

Neugier und Interesse. „Nachbarschaft“

ist hier kein leeres Wort, sondern

wird tatsächlich gelebt. Ich war

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 AUF DURCHREISE 43


LIMITED EDITION

Die abgebildeten Original-Zeichnungen, sowie weitere

im Internet auf www.wildpark-west.de dargestellte

Zeichnungen können zum Preis von 25 Euro erworben

werden. Der Erlös kommt zur Hälfte der Nachpflanzaktion

„Rettet die Waldsiedlung!“ 2018-2033 zugute. Das

Foto „Blick auf die Havel 2018“ der Lochbildkamera wird

als Postkarte in limitierter Auflage von 100 Stück im

Format DIN Lang zum Preis von 5 Euro angeboten.

beeindruckt, innerhalb welch kurzer

Zeit die passenden Orte für die kleinen

Dosen-Kameras gefunden waren.

Dabei galt jedoch, außer einigen fototechnischen

Details folgendes zu bedenken:

Lochkameras, auf Grund der

von mir verwendeten Dosenform oft

auch nur schwer als solche zu erkennen,

können – gerade in der heutigen

Zeit – bei Menschen, die unerwartet

mit ihnen konfrontiert werden, Ängste

oder Ablehnung hervorrufen. So ist

es mir zum Jahresende 2015 im Umfeld

der Galerie des Westens passiert,

dass Experten der Polizei anrückten,

die die Kameras für mit Sprengstoff

gefüllte Behälter hielten und bei der

„Entschärfung“ wertvolles Bildmaterial

ungewollt unbrauchbar machten.

Dass es sich dabei nur um visuellen

Sprengstoff handelte, nämlich die

eingefangene Lichtenergie der Sonne,

konnten die Beamten natürlich

nicht ahnen und so war im Polizeibericht

später sinngemäß zu lesen:

Während die Künstlerin im Vorfeld

nicht den Zusammenhang der Dosen

mit Sprengstoff verstanden hatte,

verstanden wir nicht den Zusammenhang

der Dosen mit einer Kamera ...

Aus der Serie „Wildpark-West, auf

Durchreise 2018“

Gefahr des Scheiterns

Auch wenn mir diese Geschichte

mehr öffentliche Aufmerksamkeit bescherte

als ich beabsichtigt hatte, war

für mich diese Episode natürlich auch

sehr lehrreich. Deshalb platzierte ich

die fünf Kameras in der Waldsiedlung

zwischen November 2018 und Januar

2019 auf verschiedenen privaten

Grundstücken. Von einem Fenster, auf

einem Dach, in knorrigen alten Bäumen

und auf einem Steg an der Havel

wurde für zwei Monate das Licht eingefangen.

Anders als es in der heutigen

digitalen Welt selbstverständlich

erscheint, birgt solch ein analoges

Experiment natürlich auch die Gefahr

des Scheiterns. Störende, vorher

nicht bedachte Reflexionen, können

das schönste Motiv zunichte machen.

Dennoch gelangen drei dieser Langzeitaufnahmen

und bilden nun – für

das menschliche Auge im täglichen

Ermessen nicht sichtbar – die Veränderlichkeit

des Sonnenstandes ab.

Durch die Umlaufbahn der Erde um

die Sonne wird dem Betrachtenden

die Ewigkeit des Lichts vor Augen

geführt. Das, was dauerhaft im Bild

dargestellt wird und das, was nur kurz

auftaucht – wie ein Vogel – und deshalb

nicht im Bild bleibt …

Die Autorin Annemarie Strümpfler,

geboren 1949 in Heilbronn,

verheiratet, zwei Kinder und

drei Enkel, studierte Romanistik,

Anglistik und Freie Bildende Kunst

in Heidelberg, Montpellier und

Ottersberg. Ausstellungen u. a. in

Bremen, München, Dresden, Ystad

und Nienburg.

Aus der Serie „Wildpark-West, auf

Durchreise 2018“

VERLOSUNG

Wie lässt sich mit einem einfachen

Experiment die Rotation der Erde nachweisen?

SONNTAG

15

SEPTEMBER

Wer die Frage beantworten kann,

schreibt bitte an redaktion@wildpark-west.de

oder an die Postanschrift

Schweizer Straße 9, 14548

Schwielowsee, GT Wildpark-West,

Kennwort „Experiment“. Einsendeschluss

ist der 15. September

2019. Unter den richtigen Einsendungen

verlosen wir eine Zeichnung

der Künstlerin Annemarie

Strümpfler. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

44 AUF DURCHREISE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


„O Greule, Greule, wüste Greule!

Hört ihr den Huf der Silbergäule?

Es schreit der Kauz: pardauz! pardauz!

da tauts, da grauts, da brauts, da blauts!“

Bundeslied der Galgenbrüder

„Der Silbergaul“

Linde/Acryl, 2012

von Horst Halling,

Wilhelmshorst

46


Zum 100. Geburtstag des Dichters Christian Morgenstern im März 2014

eröffnete das Literatur-Museum auf dem Galgenberg in Werder – dort wo

die Idee einer dichterischen Vereinigung entstand.

Der Morgenstern auf dem Galgenberg

VON JÜRGEN RASSBACH

Obst und Obstwein bestimmen

das Image der Blütenstadt

Werder. Daran kann

und soll auch nicht gerüttelt

werden. Andererseits ist nicht zu

übersehen, dass sich nach der Wende

auch in kultureller Hinsicht einiges

entwickelt hat. Dazu muss auch die

Wiedergewinnung der einst landesweit

berühmten Höhengaststätte

Bismarckhöhe gezählt werden, deren

großzügige Restaurierung nicht nur

dem Baumblütenfest und dem Karnevalstreiben

neue Impulse verliehen,

sondern auch einen ganz neuen kulturellen

Ort geschaffen hat.

Freundeskreis Bismarckhöhe

Zu danken ist das zuvörderst dem

2004 ins Leben gerufenen „Freundeskreis

Bismarckhöhe“, dessen ehrenamtliche

Mitglieder den Museumsturm

neu- und umgestaltet haben.

Neben dem sogenannten Altenkirchzimmer,

das die wechselvolle Geschichte

des Gebäudes dokumentiert,

entstanden eine Kunstgalerie und ein

Gedenkort für den weltberühmten

Dichter und Denker Christian Morgenstern.

Titelbild vom Buch „Galgenlieder“

aus dem Verlag Bruno Cassirer

CHRISTIAN OTTO JOSEF WOLFGANG MORGENSTERN

Christian Morgenstern im Alter von 18 Jahren

Geboren in Bayern

Christian Otto Josef Wolfgang

Morgenstern wurde am 6. Mai

1871 in München geboren.

Umzug nach Berlin

Nach dem Besuch eines Gymnasiums

in Breslau und in Sorau

zog Morgenstern 1894 nach

Berlin und fand eine Anstellung

in der Nationalgalerie.

Erstes Buch

Er arbeitete für die Zeitschriften

„Tägliche Rundschau“ und „Freie

Bühne“ sowie „Der Kunstwart“ und

„Der Zuschauer“. 1895 erschien

dann sein erstes Buch, der Gedichtzyklus

„In Phanta‘s Schloss“.

Galgenlieder

1905 erschienen Morgensterns

„Galgenlieder“. Er hatte sie zuvor im

Kreis seiner Freunde – den Galgenbrüdern

auf dem Galgenberg in

Werder an der Havel – vorgetragen.

Zuerst wollte er die Humoresken

nicht veröffentlichen, aber nach

einer Lesung im Berliner Kabarett

Überbrettl gab er die Gedichte

zur Veröffentlichung frei. Sie

wurden sein größter Erfolg.

Früher Tod

Am 31. März 1914 starb

Morgenstern mit nur

42 Jahren an Tuberkulose.

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 REPORTAGE 47


Bild link: Margareta Gosebruch von

Liechtenstern, Ölgemälde, Jahr und

Maler unbekannt

Bild rechts: In den vier Jahren der Ehe,

die Margareta mit einem Schwerkranken

eingegangen war, ist sie Christian

nicht nur liebende Ehefrau und

Glaubensschwester, auch Mitarbeiterin,

Beraterin, Organisatorin des

gemeinsamen Lebens und Reisens zu

verschiedenen Kurorten und zunehmend

Pflegerin.

DIE KORFSCHE UHR

Korf erfindet eine Uhr,

die mit zwei Paar Zeigern kreist,

und damit nach vorn nicht nur,

sondern auch nach rückwärts weist.

Zeigt sie zwei, - somit auch zehn;

Zeigt sie drei, - somit auch neun,

und man braucht nur hinzusehen,

um die Zeit nicht mehr zu scheun.

Denn auf dieser Uhr von Korfen,

mit dem janushaften Lauf,

(dazu ward sie so entworfen):

Hebt die Zeit sich selber auf.

Das weltweit einzige Museum

Noch immer sind es wenige, die

wissen, warum es gerade Werder ist,

das das weltweit einzige Museum für

Christian Morgenstern besitzt und

seit 2018 sogar eine Morgensterngesellschaft.

Es ist der Galgenberg, dem

Werder diese Attraktion verdankt; sogar

das Blütenfest spielt dabei eine

Rolle. Am 5. Mai 1895 (das haben

Recherchen ergeben), einem sogenannten

„Goldenen Sonntag“, zog es

wieder tausende Berliner in die Havelstadt.

Darunter auch sechs jugendliche

Künstler, Bohemiens, wie man

damals abschätzig zu formulieren

pflegte, angeführt von dem aufstrebenden

Dichter Christian Morgenstern,

der seinen 24. Geburtstag vorfeierte.

Das wie alle vom Genuss des

Obstweins froh beschwingte Sextett

erstieg den Galgenberg und durchzechte

die Nacht im fliederumrankten

Garten, wo der Obstbauer Kassin

einen Ausschank betrieb. In froher

Runde wurde dort der Bund der Galgenbrüder

begründet. Für diese Gemeinschaft

(es kamen dann noch zwei

dazu) schrieb Morgenstern die ersten

Texte: Sie hießen „Galgenlieder“ und

haben ihn später weltberühmt gemacht.

Getroffen haben sich die Galgenbrüder

allerdings nicht wieder auf

dem Galgenberg, sondern in Berlin, in

Hinterzimmern diverser Kneipen. Bei

diesen Gelegenheiten (ein Spuk, der

knapp zwei Jahre dauerte) entwickelte

sich ein gespenstisches Ritual, ein

fiktives Hinrichtungsspiel mit festen

Regeln und unheimlichen Symbolen.

Die acht Mitglieder trugen Decknamen:

Morgenstern z. B. hieß Rabenaas,


„Es war einmal

ein Lattenzaun,

mit Zwischenraum,

hindurchzuschaun.“

Der Lattenzaun

CHRISTIAN MORGENSTERN LITERATURMUSEUM

Geöffnet ist der Turm der Bismarckhöhe

von März bis Oktober

an jedem 2. und 4. Sonntag im Monat,

von 14 Uhr bis 18 Uhr, dazu

an Feiertagen und natürlich in

der Blütenfestwoche. Individuelle

Führungen können (besonders

für Gruppen) telefonisch (03327

71653 ) oder per E-Mail (vorsitzender@bismarckhoehe.de)

vereinbart

werden.

Treffpunkt Galgenberg

Jährlich dreimal treten Künstler

oder Wissenschaftler auf, die das

Werk Christian Morgensterns darstellen,

oft mit musikalischen oder

theatralischen Mitteln. Am letzten

Wochenende im Oktober öffnet der

Turm für die überregionale Veranstaltung

„Feuer und Flamme für unsere

Museen“ und lädt am Vorabend

zum „Literarischen Salon“ ein.

NÄCHSTER ÖFFNUNGSTAG

07. April 2019, 14-18 Uhr

EINTRITT

2,50 Euro, für Kinder frei

ANSCHRIFT

Hoher Weg 150 / Bismarckhöhe

14542 Werder (Havel)

WEB freundeskreis-bismarckhoehe.de

48 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


„Und er kommt zu dem Ergebnis:

Nur ein Traum war das Erlebnis.

Weil, so schließt er messerscharf,

nicht sein kann, was nicht sein darf.“


Die unmögliche Tatsache

sein bester Freund Friedrich Kayssler

nannte sich Gurgeljochem. Alle Texte

wurden gesungen und in einem hufeisenförmigen

Bundesliederbuch gesammelt.

Tiefsinniger Denker und Mystiker

Wer es genau wissen will, dem

sei der Besuch des 2014 eröffneten

Christian Morgenstern Literatur-Museums

empfohlen. Dort, im ersten

Stockwerk des Aussichts- und Museumsturms

der Bismarckhöhe, wird

der Besucher umfassend über diesen

weltberühmten Dichter informiert

und erfährt z. B., dass er nicht nur humoristische

Verse geschrieben hat,

sondern ein tiefsinniger Denker und

Mystiker war. Er kann sich über die

spannende Entstehungsgeschichte

des Museums informieren und sich

einen Überblick über die regelmäßigen

Veranstaltungen verschaffen.

Wer sich direkt engagieren möchte,

hat die Möglichkeit, Mitglied der

2018 gegründeten Christian-Morgenstern-Gesellschaft

e.V. zu werden. Auf

einen besonderen Höhepunkt sei hier

schon hingewiesen: die im Mai 2021

stattfindenden zweitägigen Feierlichkeiten

zum 150. Geburtstag des

Dichters.

Der Autor Jürgen Raßbach,

Jahrgang 1944, geboren in

Thüringen, Lehrer, verh., drei

Töchter, lebt seit 1996 in Werder

(Havel) und ist Museumsleiter

sowie 1. Vorsitzender und

Mitbegründer der Christian-

Morgenstern-Gesellschaft e. V.


VOM IDYLLISCHEN KLEINOD ZUR VORHERSEHBAREN BAUSÜNDE

Ob Wildpark-West oder Alt-Geltow: Ohne mögliche gestalterische Vorgaben

und entgegen den Richtlinien des Textbebauungsplans hinsichtlich der vorhandenen

Vegetation wurden die gewachsenen historischen Ortskerne in beiden

Orten ihrer Seele beraubt. Die Verantwortung dafür trägt die Verwaltung der

Gemeinde Schwielowsee und die Rathauskoalition in der Gemeindevertretung.

Grüner Beton

VON TATJANA GERBER

Monatelang war quer über

unseren Marktplatz in

Wildpark-West ein großes

Plakat gespannt, das mich

aufforderte, 1025 Jahre Geltow zu

feiern. Ich sollte eine Ortsgründung

würdigen, die vor 1.000 Jahren und

weiteren 25 geschah, während in wenigen

Metern Entfernung zu diesem

Plakat das historische Zentrum unseres

Ortes zerstört wurde.

Übermäßig dichte Bebauung

Ganz klar – es geht um die massive

und Natur zerstörende Bebauung

eines Stück Landes, das einmal der

Gründungsursprung unseres kleines

Ortes an der Havel war. Nun stehen

zwölf Bauten einer Bauträgerfirma,

wo vorher Pferde grasten und die Geschichte

der ersten Siedler erlebbar

war.

Andere Gemeinden erhalten ihre

historische Substanz, legen großen

Wert auf die Gestaltung ihrer Ortsmitte

und hätten bestimmt aus einem

alten Schaf- oder Pferdestall (die den

Denkmalschutz wohl verdient hätten)

eine behutsame, kreative und naturverträgliche

Nachnutzung geschaffen.

Die Gemeinde Schwielowsee

konnte das bedauerlicherweise nicht.

Eine solche Helma-Neubausiedlung

könnte überall in Deutschland

stehen. Nun steht sie auch in Wildpark-West

und ist unübersehbar, da

die Bäume vor dieser Siedlung entweder

stark vereinzelt oder komplett

gerodet wurden. Prägend für unsere

Ortsmitte ist nun eine übermäßig

dichte Bebauung.

Dass eine Baufirma nach maximalem

Profit strebt, kann man ihr vorwerfen

– es bringt allerdings nichts.

Wachstum um jeden Preis

Aber dass die Verwaltung und die

Mehrheit unserer Gemeindevertreter

in Schwielowsee sich dem beugt, sich

nicht für ihre Gemeinde engagiert

und jedem Groß-Bauvorhaben brav

zustimmt, sollte man ihr vorwerfen –

und das bringt auch etwas, denn viele

Gemeindevertreter wollen im Mai

diesen Jahres wieder gewählt werden.

Es war völlig egal, dass sich engagierte

Bürger seit über zehn Jahren

um eine dem Ortsbild angepasste

und behutsame Bebauung bemühten.

Schriftstücke der Pioniere des Wildpark

e.V. zeugen davon. Aber vergeblich.

Statt auf Gestaltung setzte die

Gemeinde auf Wachstum um jeden

Preis!

Stolz verkündete Ortsbürgermeister

Heinz Ofcsarik (BBS) im Beisein der

Bürgermeisterin Kerstin Hoppe (CDU)

auf der Ortsbeiratssitzung am 20. August

2018, dass Geltow nun endlich

die Schallmauer von 4.000 Einwohnern

im Juli überschritten habe.

Kein Erhalt des Ortsbildes

Dabei hätte es durchaus die Option

gegeben, dem Bauträger mit

einer Gestaltungssatzung konkrete

Vorgaben zu machen und darin auch

besondere Regelungen vom Erhalt

des Ortsbildes bis hin zum Erhalt von

Bäumen zu treffen. Aber die Chance,

das Areal nachhaltig und im Dialog

mit den Bürgerinnen und Bürgern zu

entwickeln, wurde vertan. Die Zerstörung

von Historischem, von Natur,

pflanzlicher Vielfalt und Artenreichtum

wird eher achselzuckend hingenommen.

Blick vom Marktplatz, kurz vor

Beginn der Bautätigkeit

Fotos: Jim Kent

52 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Charme von grünem Beton

Zurück zur Immobilienträgerfirma

Helma, deren Werbung einem wie

aus vergangenen Zeiten erscheint, als

Klimawandel und Artensterben noch

Fremdwörter waren. In ihren Prospekten

für Wildpark-West sind die Häuser

umgeben von kurz gehaltenem

Rasen, der den Charme von grünem

Beton verströmt. Sträucher oder gar

Bäume findet man selten und wenn,

dann handelt es sich nicht um einheimische

Gehölze. Ich würde mich nicht

wundern, wenn eine Flasche Glyphosat

zum Einzuggeschenk der Firma

gehören würde.

Ein unerwartetes Zugeständnis

soll die Firma laut Frau Simon vom

Fachbereich Bauen der Gemeinde gemacht

haben: Die Pflanzung jeweils

eines Baumes an der Straßenseite der

Grundstücke Am Ufer. Die Gemeindeverwaltung

schien selbst verwundert

über dieses Angebot, denn gefordert

hat sie das nicht.

Der Fachbereich Bauen/Ordnung/

Sicherheit fordert auch sonst nicht

einmal durchgängig die Einhaltung

der eigenen Satzungen. In Gesprächen

wird ständig der Eindruck vermittelt,

zwischen widerstreitenden

Interessen zerrieben zu werden. Da

stellen Bürger einen Baumfällantrag

oder eine Baufirma einen Bauantrag.

Wieder andere beklagen übermäßige

Baumfällungen oder nicht ortstypische

Bebauungen. Man könne es

nun mal nicht allen recht machen und

eine Lösung gebe es nicht. Aber die

Antwort darauf kann doch nur sein,

erstens die gemeinsam festgelegten

Regeln strikt einzuhalten und zweitens

im besten Sinne des Wortes: Bürgerbeteiligung,

bei der die Einwohner

transparent bei der Gestaltung ihres

Wohnortes mitgenommen werden. Ja,

das ist vielleicht anstrengend, aber

alle Mal die Mühe wert. Sich stattdessen

über diejenigen aufzuregen, die

das einfordern, führt dagegen in die

Sackgasse.

Keinen Einfluss auf Gestaltung

Keine Schuld an der Entwicklung

in Wildpark-West tragen selbstverständlich

die neuen Bewohner der

Helma-Siedlung. Sie hatten vorab

keinen Einfluss auf die Gestaltung

des Areals und den Kahlschlag. Jetzt

haben die neuen Wildparker die Möglichkeit,

ihre Grundstücke an den

Waldcharakter unserer Siedlung anzupassen,

die jetzt auch ihre ist. Die

Bürgerinitiative Wildpark-West wird

sie dabei gern unterstützen.

Nachtrag

Die 1.025 Jahre Geltow wollte ich

dann auch nicht mitfeiern, denn direkt

neben dem wirklich einmal schönen

Alt-Geltow mit seiner Kirche, dem

Handwebereimuseum und der alten

Schule wurden ebenso Neubauten

aus dem Boden gestampft, die das

historische Ambiente weitestgehend

zerstört haben.

Die Autorin Tatjana Gerber,

geboren 1972 in Leipzig, ist

Diplom Politik-Wissenschaftlerin.

Sie ist verheiratet und hat zwei

Kinder. Seit 1990 lebt sie mit

Unterbrechungen in Wildpark-West.

„Verboten sind auch alle

Einwirkungen auf den

Wurzelbereich von

geschützten Bäumen ...“


§4 Baumschutzsatzung

Ordnungswidrigkeiten

können mit bis zu

50.000 Euro

geahndet werden.


§8 Baumschutzsatzung

Diese Robinie hat die Bautätigkeiten

nicht überstanden, da ihre Wurzeln bei den

Pflasterarbeiten einfach abgesägt wurden - zum

großem Bedauern der neuen Wildparker.

Foto: Lars Augustin

54 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


VOM UMGANG MIT MÜNDIGEN BÜRGERN

Das Land des Lächelns

So lautet der Titel einer 1929 uraufgeführten romantischen Operette

von Franz Lehár, deren Handlung eigentlich im fernen Asien spielt.

Doch gemeint war mit der Handlung nicht das wirkliche China,

sondern eine Scheinwelt – verborgen hinter einer Maske ewigen Lächelns …

VON CARSTEN SICORA

sprechen mit der Bürgermeisterin!“,

donnert

ungefragt die Stimme des

„Sie

Abgeordneten Hüller (FDP)

durch den Sitzungsraum und unterbricht

in grober Weise die Ausführungen

eines Einwohners, der es gewagt

hatte, mit seiner durchaus höflich

formulierten und sachlich vorgetragenen

kritischen Anmerkung, die ihn

scheinbar umgebende heile Welt in

Frage zu stellen. Heiko Hüller gilt seit

seinen Äußerungen auf der Sitzung

der Gemeindevertretung im Juli 2018

als nicht sehr bürgernah: „Ich lehne

eine Beeinflussung durch einzelne

Bürger oder Bürgerinitiativen ab. [ ... ]

Die Meinungsbildung in Deutschland

geschieht durch Parteien.“ Doch das

sieht nicht jeder so. „Die Menschen

wollen nicht belehrt, sondern gehört

und beteiligt werden [ ... ] Demokratie

ist nichts, was man bei Amazon

bestellen kann und dann wartet bis

es kommt oder nicht kommt und bei

Nichtgefallen wieder zurückschickt.

Ob Demokratie bestehen bleibt,

hängt auch nicht von einzelnen Politikern

ab, sondern davon, ob wir uns

einmischen“, sagte unlängst Bundespräsident

Frank-Walter Steinmeier

in einer vielbeachteten Rede in Krefeld

und schien damit genau den Nagel

auf den Kopf getroffen zu haben:

Warum ist es in der heutigen Zeit so

schwer, kritische Meinungen Andersdenkender

zu ertragen und sich sach-



„Ich lehne eine

Beeinflussung durch

einzelne Bürger oder

Bürgerinitiativen ab.“

Heiko Hüller, FDP

Heile Welt: Bürgermeisterin Kerstin

Hoppe beim Neujahrsempfang Januar

2019 in Ferch

lich mit ihren Argumenten auseinander

zu setzen?

Zwischen den Zeilen lesen

Seien wir doch einmal ehrlich: Wer

hat es schon gern, von jemand anderem

ungefragt einen Spiegel vorgehalten

zu bekommen, vielleicht noch

einen matt gewordenen, mit einem

von Rissen durchzogenen Abbild

der Realität? Wer hat es schon gern,

sich dann noch obendrein anhören

zu müssen, dass Fragen über offensichtliche

Missstände immer noch

unbeantwortet sind oder, anders als

es in den Protokollen nachzulesen ist,

in der Sache unbeantwortet blieben.

Überhaupt ist es mit der Wahrheit

so eine Sache. Nur wer gewohnt ist,

zwischen den Zeilen zu lesen, wird

die tatsächlichen Zusammenhänge

der gegebenen Antworten verstehen

können. Ein Beispiel: Viele Einwohner

in Wildpark-West befürchten, dass

auf dem Gelände des ehemaligen Ferienlagers

Schweizer Straße ein zweiter,

noch größerer Siedlungsbau als

der am Markt entstehen könnte. Die

Sorge scheint nicht ganz unbegründet,

ist dieses Bauvorhaben doch in

der verbindlichen Bauleitplanung der

Gemeinde Schwielowsee verzeichnet.

Bürgermeisterin und Ortsvorsteher,

reagierten übernervös auf die Veröffentlichungen

durch die Bürgerinitiative

im 6. Info-Blatt, wiegelten ab und

unterstellten in einer Stellungnahme,

56 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


IM LAND DES LÄCHELNS

Aus dem Paradies

flog ein Traum mir zu,

Kiefernduft am Havelstrand,

dacht, hier find ich Ruhʼ.

Deine Liebe, meine Liebe,

die beiden sind mir gleich.

Jeder Mensch hat nur ein Herz

und ein Himmelreich.

ganzseitig in der Gemeindezeitung

abgedruckt, die Verbreitung von unrichtigen

und unvollständigen Sachverhalten:

„Soweit […] der Eindruck

erweckt wird, dass für die Fläche des

alten Ferienlagers unmittelbar eine

Siedlungsbebauung ansteht, so ist

auch dieser Eindruck unzutreffend.

Die Bebauung dieser Fläche ist nur

dann möglich, wenn die Gemeindevertretung

der Gemeinde Schwielowsee

einen Bebauungsplan aufstellt,

der eine solche Bebauung zulässt.

Dass die Gemeindevertretung der

Gemeinde Schwielowsee einen Beschluss

zur Aufstellung eines solchen

Bebauungsplanes fassen möchte, ist

derzeit nicht absehbar.“

Die Wortmeldung

„Nicht nur die Kinder speist man

mit Märchen ab“, stellte schon vor

250 Jahren der Schriftsteller und Kritiker

Gotthold Ephraim Lessing fest.

Nun, wenn man unter „unmittelbar“

einen Zeitraum von ein bis zwei

Jahren annimmt, mag diese Aussage

durchaus belastbar sein. Doch was

ist dann? Hat dann vielleicht die Gemeindevertretung

inzwischen doch

einen Beschluss zur Aufstellung eines

Bebauungsplanes gefasst? Hatte

nicht Matthias Fannrich (BBS) selbst,

der in seiner „Wortmeldung“ an alle

Einwohner von Wildpark-West vom

Erhalt der Waldsiedlung sprach, in

der Sitzung der Gemeindevertretung




„Die Menschen

wollen nicht belehrt,

sondern gehört und

beteiligt werden.“

Frank-Walter Steinmeier,

Bundespräsident

am 9. Mai 2018 für den verbindlichen

Bauleitplan der Gemeinde Schwielowsee

gestimmt und dafür gesorgt,

dass in der Prioritätenliste dieses

Gebiet mit Planungsbedarf auf der

Grundlage des Flächennutzungsplanes

der Gemeinde (ausgewiesen als

Bauland) mit Planinhalt Wohngebiet

verzeichnet ist? Hat er damit nicht

auch die Grundlagen geschaffen, dass

Baurecht zustande kommen kann?

„Ehe das umgesetzt ist, vergehen

noch mindestens zehn Jahre“, meinte

er dazu im September 2018 zur

Veranstaltung am Runden Tisch, zu

der die Bürgerinitiative damals die

Gemeindevertreter eingeladen hatte.

Wenn man aber weiß, dass diese

Bauvoranfrage seit 5 Jahren vorliegt,

relativiert sich die Aussage deutlich.

Und um einen Bebauungsplan aufzustellen

braucht es nicht viel – es bedarf

nur der nötigen Mehrheiten in

der Gemeindevertretung.

Wie wunderbar, wie wunderbar

ist dein strahlendʼ Blick.

Lächelst lügend alles weg

nach uns bleibt nichts zurück.

Was bleibt ist wertlos,

nichts von Dauer

Landschaft zerstört,

das Grün nun grauer.

Kein Hauch wird mehr

durch Bäume fächeln,

Der Vorhang fällt –

verlorenes Lächeln.

Ich hab geglaubt an

Menschenglück,

was habt ihr nur getan?

Nie kehrt ein solcher Traum zurück,

vorbei der Irren Wahn.

Unsterblich habt ihr euch gemacht,

die Namen sind eingebrannt.

Damit man Dummheit nie vergisst

im heißen Märkʼschen Sand.

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 REPORTAGE 57


DES KAISERS NEUE KLEIDER

Ei! Wie gut es kleidet, wie

gut es sitzt, sagten alle.

Welche Muster, welche Farben!

Das ist eine köstliche Tracht!

Sitzen sie nicht gut?,

fragte der Kaiser und wendete

sich nochmal dem Spiegel

zu, denn es sollte scheinen,

als ob er alles betrachte.

Die Kammerherren griffen mit

den Händen nach dem Boden,

gerade als ob sie eine prächtige

Schleppe aufhöben, sie gingen

und taten, als ob sie etwas in der

Luft hielten, sie wagten nicht, es

sich merken zu lassen, dass sie

nichts sehen konnten. So ging

der Kaiser in Prozession unter

dem prächtigen Thronhimmel

und alle Menschen auf der

Straße und in den Fenstern

sprachen: „Wie sind des Kaisers

neue Kleider unvergleichlich;

welch Schleppe er am Kleide

hat, wie schön alles sitzt!“

Keiner wollte es sich merken

lassen, dass er nichts sah, denn

dann hätte er ja nicht zu seinem

Amt getaugt oder wäre sehr

dumm gewesen. Keine Kleider

des Kaisers hatten solches

Glück gemacht wie diese.

„Aber er hat ja gar nichts an“,

sagte endlich ein kleines Kind.

„Aber er hat ja gar nichts an!“,

rief zuletzt das ganze Volk.

Das ergriff den Kaiser, denn es

schien ihm, sie hatten recht; aber

er dachte bei sich: „Nun muss

ich die Prozession aushalten.“

Und die Kammerherren gingen

noch straffer und trugen die

Schleppe, die gar nicht da war ...

Ausweisung als Schutzwald

Bauen um jeden Preis, das ist des

Pudels Kern! Naturschutz oder Baumerhalt

in einer Waldsiedlung ist dabei

nur hinderlich und kritische Bürger

erst recht. Am 11. März 2019 hatte

die Bürgerinitiative ihre Bitte an den

Ortsbeirat Geltow herangetragen, das

Ferienlager aus der Bauleitplanung

herauszunehmen, das Gebiet als

Wald auszuweisen und unter Schutz

des Waldgesetzes zu stellen. Die

Abfuhr und die Aussagen zu diesem

Thema von BBS, CDU und UBS waren

deutlich. Auch Bürgermeisterin Kerstin

Hoppe (CDU) erklärte prüfen zu

lassen, ob sie überhaupt verpflichtet

sei, auf solche Fragen von Bürgern

zu antworten. Der von Friedhelm-

Schmitz-Jersch (SPD) darauf hin eingebrachte

Antrag, dass im Flächennutzungsplan

als „Bebauungsfläche“

ausgewiesene Areal in „Waldfläche“

umzuwidmen, fand keine Mehrheit.

BBS, UBS und CDU stimmten dagegen.

Die Bürger hatten die Beruhigungspille,

das angefragte Bauvorhaben

stillschweigend zurückzustellen und

aus der Prioritätenliste zu streichen,

nicht geschluckt. Doch solch ein Antrag

ging dann doch zu weit: „Weiß ich

heute, ob nicht in zehn oder zwanzig

Jahren, meine Nachfolger im Amt

nicht doch dort bauen wollen?“, stellte

Fleischermeister Bothe in seiner

gewohnt offenen Art die Frage in die

Runde der Ortsbeiratsmitglieder. Ja,

genau darum ging es in dem Antrag:

Eine Bebauung im Außenbereich der

Siedlung dauerhaft zu verhindern.

Doch zumindest sind damit die Linien

klar abgesteckt: Wer im Mai zur Kommunalwahl

seine Stimme den Kandidaten

von BBS, CDU oder UBS gibt,

weiß nun, dass er damit perspektivisch

auch den neuen 1,3 Hektar großen

Siedlungsneubau auf dem alten

Ferienlagergelände unterstützt. Vielleicht

ist ja genau das der springende

Punkt, der in die Diskussion gebracht

werden sollte: Welches Konzept verfolgt

die Gemeinde Schwielowsee in

ihrer weiteren Entwicklung? Behutsamer

Ausbau unter Einbeziehung aller

gesellschaftlichen Kräfte oder das

rigorose Umsetzen von Bauvorhaben

ohne Rücksicht auf die uns anvertraute

Natur und Umwelt, auf die wir

– wollen wir die Wohn- und Lebensqualität

erhalten – mehr als angewiesen

sind. Hier muss, bevor vollendete

Tatsachen geschaffen werden, in den

Dialog getreten und gemeinsam nach

Lösungen gesucht werden. Wie ist es

der Gemeinde möglich, den gesellschaftlichen

und klimapolitischen Anforderungen,

die natürlich auch bauliche

Entwicklungen mit einschließen

,und den Erhalt von Umwelt und Natur

unter einen Hut zu bringen? Dabei

gibt es mit dem Textbebauungsplan,

der Baumschutzsatzung und dem

Leitbild Energie und Klimaschutz der

Gemeinde Schwielowsee 2030 bereits

klare Vorgaben, die einfach nur

umgesetzt werden müssten.

Illustration: Georg Jarek

58 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


„Heute bin ich immer noch genauso motiviert wie zu

Beginn und natürlich auch unheimlich stolz unsere

schöne Gemeinde weiterhin führen zu dürfen“


Nicht alles ist kontrollierbar

Eigentlich könnte alles so einfach

sein: Die mit einer demokratischen

Mehrheit gewählte Bürgermeisterin

hätte Zeit sich ihren, auch repräsentativen,

Aufgaben zu widmen:

Bürgernähe, Neujahrsempfang,

Weißes Fest, Fährfest, Festveranstaltung

680 Jahre Wiese Gallin, ein Lächeln

hier – ein Lächeln da …

„Heute bin ich immer noch genauso

motiviert wie zu Beginn und natürlich

auch unheimlich stolz unsere

schöne Gemeinde weiterhin führen

zu dürfen“, verkündete die Bürgermeisterin

im Februar 2019 in der regionalen

Tagespresse.

Doch ganz so einfach ist es eben

nicht, da in den letzten Jahrzehnten

ein „Staat im Staate“ entstanden

ist, eine Verwaltung, die nicht mehr

kontrollierbar erscheint und tun und

lassen kann, was sie will. „Ich habe

keine andere Verwaltung“, gestand

die Bürgermeisterin in dem bisher

einzigen Gespräch mit der Bürgerinitiative

im Vorfeld ihrer Wahl zur

Bürgermeisterin ein. Spielte sie darauf

an, dass gute Fachleute zur Zeit

auf dem Arbeitsmarkt rar sind und bei

der Besoldung vor die Wahl gestellt,

natürlich lieber eine Stelle in der

freien Wirtschaft vorziehen? Nein, im

Fercher Rathaus arbeiten auch gute

Leute. Dennoch ist es für die Bürgermeisterin

ein Spagat, der auf lange

Zeit nicht gut gehen kann, denn nicht

alles ist kontrollierbar für sie. Und

Kerstin Hoppe, Bürgermeisterin

wenn mal wirklich etwas daneben

geht und Prozesse, wie die Musterklagen

des NABU im letzten Jahr, Verwaltungsversagen

bloßstellen, so liegt

es ja nicht an der Gemeinde, dass

zusätzliche Kosten durch die „nicht

erforderlichen Klagen des NABU verursacht

worden sind.“ Denn schließlich

hätte man ja wohl nicht beklagt

werden müssen. „Wir haben da eine

andere Rechtsauffassung“ – diese

oft gehörte Formulierung schiebt die

Forderung nach verwaltungsrechtlichem

Handeln einfach so zur Seite.

Was Recht ist, scheint die Verwaltung

zu entscheiden und ihre mit unseren

Steuergeldern finanzierte Rechtsabteilung.

Vom Umgang mit der Realität

Doch das wahre Leben sieht nun

mal anders aus. Anders als im Havelboten,

der von der Bürgermeisterin

der Gemeinde Schwielowsee herausgegebenen

Heimatzeitung, jeden

Monat neu nachzulesen ist, gibt es

in der Gemeinde gravierende Probleme

im Umgang mit der Realität. Im

Umgang mit der Wahrheit, der Transparenz

und mündigen Bürgern, die es

wagen, offen Missstände zu benennen,

Verwaltungshandeln in Frage zu

stellen und ehrliche Antworten einfordern

– nachdem sie jahrelang mit

Ausflüchten und Verharmlosungen

hingehalten wurden. Dabei scheint

es oberflächlich betrachtet völlig

gleichgültig, weswegen sich Bürger

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WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 REPORTAGE 59


BÜRGERMEISTERWAHL 2018 IN WILDPARK-WEST

Wahlberechtigt: 646 Einwohner Wähler im Wahllokal: 331 (51,2 %)

Hoppe (CDU)

190 Stimmen

29,4 %

19,8 %

Holstein (SPD)

128 Stimmen

Briefwähler

und/oder

Nichtwähler

315 Stimmen*

48,8 %

Ungültige Stimmen

13 Stimmen (2 %)


Quelle: Gemeinde Schwielowsee

* Die genaue Zahl der Briefwähler aus Wildpark-West ist nicht verifizierbar, da

sie nicht veröffentlicht wurde. Es könnten ebenso gut 315 Nichtwähler sein.

in die Kommunalpolitik einmischen.

Ob freier Uferzugang neben der Villa

Maurus, Sorge um sauberes Trinkwasser

in Geltow, das Abholzen einer

Waldsiedlung oder abgehängte Bürger

in Ferch-Flottstelle: Kritische Bürger

scheinen unerwünscht; schon das

Wort Interessengemeinschaft oder

Bürgerinitiative ruft nicht nur im Fercher

Rathaus Verstimmung hervor.

Doch woran liegt das? Und wie ist auf

der anderen Seite der Vertrauensverlust

von großen Teilen der Einwohnerschaft

gegenüber der Verwaltung

entstanden?

Die bröckelnde Fassade

Oft geprägt von eigenen Erfahrungen

der Vergangenheit können Bürger

mittlerweile sehr wohl einschätzen,

was es mit ständig wiederkehrenden

Erfolgsmeldungen im Gemeindeblatt

und in den vom Rathaus herausgegebenen

Pressemitteilungen auf sich

hat. Selbstlob, das kaum noch jemand

ernst nimmt. Doch schaut man einmal

hinter die Kulissen, ist man erstaunt,

wie bröcklig die Fassade eigentlich

ist. Glaubt man den von der Gemeinde

veröffentlichten Berichten zur

Kinderbetreuung, so wird fast jedes

fünfte Kind, das in der Gemeinde

Schwielowsee wohnt, außerhalb oder

in Tagespflege betreut. Die Eltern

wissen es also durchaus zu schätzen,

dass nun endlich zwei neue Kitas entstehen

sollen. Doch bei den Recherchen

zum neuen Kindergarten vor der

Waldsiedlung musste die Redaktion

erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass

bis auf eine Absichtserklärung des

freien Trägers eine Kita zu errichten,

das Projekt Kindergarten eher auf der

Stelle tritt. Während beim Neujahrsempfang

der Bundeswehr Generalleutnant

Pfeffer, Befehlshaber des

Einsatzführungskommandos der Bundeswehr,

und der Oberbürgermeister

der Stadt Potsdam Mike Schubert in

ihren Reden die Leuchtturmwirkung

der über gemeindliche Strukturen

funktionierenden Zusammenarbeit

bei der Umsetzung des Kindergartenneubaus

hervor hoben, zog es

die Bürgermeisterin in Ferch vor, zu

diesem Thema dezent zu schweigen.

Auf der Sitzung der Gemeindevertretung

im Dezember letzten Jahres

forderte die Bürgermeisterin jedoch

alle Gemeindevertreter auf, nach Argumenten

zu suchen, um die durchaus

ernst zu nehmenden Einwendungen

der Naturschutzbehörde zu

entkräften, auch um öffentliche Negativschlagzeilen

zu vermeiden. Ihre

zuständige Fachbereichsleiterin, in

jahrzehntelanger Verwaltungsarbeit

gewohnt, kleine Formfehler in der

Planungsvorbereitung auszubügeln,

sieht das eher unkompliziert, da dass

Argument der Geltendmachung von

„öffentlichem Interesse“, vermutlich

60 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


jedes sachliche Argument der Behörde

im Wasser der Sumpfwiesen versinken

lässt. Längst wird auch kein

Beifall mehr geklatscht, wenn die

Bürgermeisterin berichtet, wie stolz

sie auf den gut voranschreitenden

Bau der Geltower Schule ist und wie

dankbar sie für die tatkräftige Mithilfe

bei der Einrichtung der Container

sei. War denn die Schülerentwicklung

nicht vorhersehbar?

Warum wurde erst so spät mit den

Planungen begonnen? Und basiert

die Kostenexplosion tatsächlich nur

auf dem einen unvorhersehbaren Regenfall

im letzten Sommer?

Vertrauen in die Verwaltung?

Undurchsichtige Auftragsverteilung

und für Außenstehende nicht

nachvollziehbare Geldströme lassen

zudem an der Transparenz der

Arbeit der Verwaltung und der ihr

vorstehenden Verwaltungsbeamtin

zweifeln und beschädigen damit die

Glaubwürdigkeit der mit den Vorgängen

betrauten Personen.

Glaubwürdigkeit und Vertrauen,

sind aber die Grundpfeiler unserer

Kommunalpolitik. Im Jahr 2017

fragte ein Bürger, der in Ferch bauen

wollte bei der Verwaltung an, ob

im Umfeld seines geplanten Hauses

Planungen bestehen, die den Wert

seines Grundstücks und die Wohnqualität

mindern könnten. Die gebührenpflichtige

Auskunft ließ nicht

lange auf sich warten, und die gewählten

Formulierungen erweckten

bei ihm den Eindruck, dass keine Gebäude

vorgesehen waren, die sich

nicht in die vorhandene Bebauung

einfügten. Heute, nach Fertigstellung

seines kleinen Traumhauses, ist

seine Freude über die eigenen vier

Wände in Resignation und Empörung

umgeschlagen: Nur wenige Meter

neben seinem Wohnzimmerfenster

soll ein vierstöckiges Bauvorhaben

mit 22 Wohnungen eines Investors

umgesetzt werden ...

Autor Carsten Sicora, geboren

1967 in Dresden, verheiratet, lebt

seit 1989 in Wildpark-West

WILDPARK-WEST IN ZAHLEN

ALTER

GESAMT

0 bis 5 20 24 44

6 bis 17 45 43 88

18 bis 66 253 265 518

65-79 77 64 141

< 80 33 30 63

Gesamt 428 426 854

JAHR

GEMELDETE EINWOHNER

1938 160

Januar 1945 230

April 1945 mit Flüchtlingen 450

Mai 1991 483

mit Zweitwohnsitz ca. 600

2007 670

mit Zweitwohnsitz 771

November 2018 mit Zweitwohnsitz 808

Januar 2019 777

mit Zweitwohnsitz 854

Quelle: Einwohnermeldeamt Gemeinde Schwielowsee

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 REPORTAGE 61


„Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch

über Bäume fast ein Verbrechen ist,

weil es ein Schweigen über so viele

Untaten mit einschließt“


Berthold Brecht

Die Akte Schweizer Straße

VON CARSTEN SICORA

Ungläubig und fassungslos mussten nicht nur die unmittelbaren

Anwohner an diesem nasskalten Januarmorgen mit ansehen,

wie unserem Ort innerhalb kurzer Zeit eine weitere, wohl kaum

mehr verheilende Wunde zugefügt wurde. Entgegen aller

menschlichen Vernunft und möglicherweise auch entgegen

den gesetzlichen Bestimmungen wurden innerhalb weniger

Stunden die beiden letzten Grundstücke des kleinen

Wäldchens im Ortszentrum völlig baumfrei gemacht.

Ohne Rücksicht auf das Ortsbild

einer ohnehin schon zerzausten

Waldsiedlung wurde ohne ersichtliche

Notwendigkeit völlig

gesunder Baumbestand gerodet, um „Baufreiheit“

zu schaffen. Wie war so etwas

möglich? Hatten nicht erst vor einigen Wochen

die Gemeindevertreter durchgesetzt,

dass konsequent die Bestimmungen der

Baumschutzsatzung in Wildpark-West eingehalten

werden sollten? Wurde nicht sogar

auf Vorschlag der Bürgerinitiative genau zu

diesem Zweck ein externer Sachverständiger

eingesetzt? Doch während auf den

Nachbargrundstücken um jeden Baum gerungen,

das schwierige Für und Wider der

Standfestigkeit alter Bäume abgewogen

wurde, ist hier mit wissentlicher Duldung

der Bürgermeisterin und aktiver Beteiligung

der Gemeindeverwaltung Kahlschlag vollzogen

worden. 91 Bäume waren es diesmal,

davon 35 Bäume, die unter die Baumschutzsatzung

fielen. Nun dürfte auch der letzte

Einwohner begriffen haben, wie ernst es

um die Waldsiedlung bestellt ist. Die Worte

von Frau Hoppe aus dem Frühjahr 2018

dürften denjenigen, die sich seit Jahren

ehrlichen Herzens für den Erhalt der Waldsiedlung

einsetzen, wie Hohn in den Ohren

klingen: „Seien Sie versichert, dass meinem

Fachbereich Bauen, Ordnung und Sicherheit

sowie auch mir der Schutz der Bäume in

Wildpark-West ein großes Anliegen ist.“ In

mehreren Pressemitteilungen und Stellungnahmen,

so auch im Februarheft des von

der Bürgermeisterin herausgegebenen Havelboten,

versicherte die oberste Verwaltungsangestellte,

dass die Gemeinde keine

Einflussmöglichkeit gehabt habe. Doch lassen

wir die Fakten sprechen:

Illustration: Georg Jarek

62 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Foto: Lars Augustin

27. Januar 2019: Gemeinsamer Spaziergang von über 120 Bewohnern der Waldsiedlung Wildpark-West.

„Die Festsetzungen des Textbebauungsplanes

Wildpark-West“ [ … ] , einschließlich seiner grünordnerischen

Festsetzungen sind zu beachten und einzuhalten. […]

Die Baumschutzsatzung der Gemeinde Schwielowsee ist zu beachten.“


Auflagen zur Baugenehmigung Az-Nr.: 00063–18–20 der

Unteren Bauaufsichtsbehörde vom 5. Dezember 2018

16. Januar 2018

Vor-Ort-Besichtigungstermin der

Forst zur Feststellung, ob die Waldeigenschaft

für das Grundstück 5a

gegeben ist. Es wird festgestellt, dass

die beiden Grundstücke Nr. 5a und 5b

mit Forstpflanzen bestockt sind. Da

die Fläche der beiden nebeneinander

liegenden Grundstücke zu klein im

Sinne des Waldgesetzes ist, wird zusätzlich

noch das Grundstück Schweizer

Straße 5c herangezogen, um die

notwendige Flächengröße zur Waldfeststellung

zu erreichen. Ein gängiges

Verfahren aus Sicht der Forstbehörde.

Zwar war das Grundstück 5c

zum Zeitpunkt der Begehung nicht

mehr mit Forstpflanzen bestockt

und alle Bäume gefällt, doch „ ... Da

die Flächengröße in der Gesamtbetrachtung

größer als 2.000 Quadratmeter

ist und die Ausprägung in Form

einer geschlossenen Bestockung mit

Forstpflanzen besteht, wird die Waldeigenschaft

erfüllt.“

31. Januar 2018

Stellungnahme der Unteren Naturschutzbehörde

(UNB) zum Grundstück

5a: „Die Baumschutzsatzung

und das Bundesnaturschutzgesetz

sind zu beachten.“

1. Februar 2018

In einer Stellungnahme der Gemeindeverwaltung

zu den Baugrundstücken

Nr. 5a und 5b der Schweizer

Straße wird bestätigt, dass sich die

Grundstücke im Bereich gemeindlicher

Satzungen befinden, so etwa im

Bereich der Baumschutzsatzung.

5. Februar 2018

Antrag des Bauherren auf Umwandlung

von Wald in eine andere

Nutzungsart für das Grundstück 5a,

Grundstücksgröße: 813 Quadratmeter.

21. Februar 2018

Nachforderung der Forstbehörde

zu Unterlagen der beantragten

Waldumwandlung Grundstück 5a und

Korrektur der zur Umwandlung bean-

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 REPORTAGE 63


„Der Textbebauungsplan soll ermöglichen,

den Baumbestand zu schonen

und bei einer Bebauung den Verlust

einzelner Bäume gering zu halten.“


Textbebauungsplan der Gemeinde Schwielowsee, Mai 2006

tragten Gesamtfläche auf 788 Quadratmeter.

Die Ersatzaufforstungsfläche

befindet sich in der Gemarkung

Niewitz.

8. März 2018

Eine Begehung zur Kontrolle auf

Vorkommen besonders und streng

geschützter Arten bewertet beide

zur Bebauung vorgesehenen Grundstücke.

Dabei wird festgestellt, dass

besonders auf Brutvögel und Fledermäuse

im Rahmen der Planungen zu

achten ist. Zum damaligen Zeitpunkt

wurden keine für Fledermäuse geeigneten

Strukturen entdeckt. Fledermausbestand

in nicht sichtbaren

Spalten des alten Trafohauses wird

jedoch nicht ausgeschlossen und

auf eine besondere Vorgehensweise

beim Abriss durch Baumaßnahmen

hingewiesen.

18. April 2018

Stellungnahme der UNB für Nr. 5a:

Die UNB hat keine naturschutzrechtlichen

Bedenken gegen das Bauvorhaben,

„sofern es keiner Festsetzung

des Textbebauungsplans Wildpark-West

widerspricht. Die Baumschutzsatzung

ist zu beachten.“

25. April 2018

Die erst einige Tage alte Bürgerinitiative

fragt, was die Gemeinde unternommen

habe, um den Baumbestand

auf den zur Bebauung vorgesehenen

Privatgrundstücken Schweizer Straße

im Sinne der Baumschutzsatzung zu

schonen und völligen Kahlschlag zu

verhindern.

9. Mai 2018

Die Gemeinde sei bezüglich einer

erteilten Genehmigung auf Waldumwandlung

der Grundstücke 5c bis

5e nicht widerspruchsbefugt, weswegen

kein Widerspruch eingelegt

wurde, lautet sinngemäß die Antwort

der Gemeindeverwaltung. Es sei versucht

worden, mit den Eigentümern

einvernehmliche Lösungen zu finden,

jedoch hätten einige Eigentümer

bereits alle Bäume gefällt, bevor

die Gemeinde reagieren konnte. Die

Bürgerinitiative stellt fest: Nicht alle

Grundstückseigentümer haben Kahlschlag

vollzogen.

8. Juni 2018

Forstrechtliche Stellungnahme

zur Nr. 5a: Die Waldumwandlungsgenehmigung

ist Bestandteil einer Baugenehmigung.

Sie wird unbeschadet

privater Rechte Dritter erteilt. Sie

lässt auf Grund anderer Vorschriften

bestehende Verpflichtungen zum

Einholen von Genehmigungen und

Zustimmungen unberührt.

22. Oktober & 5. Dezember 2018

Die Baugenehmigungen für die

Grundstücke Schweizer Straße 5b

und 5a werden durch die Untere Bauaufsichtsbehörde

erteilt. Mit der Baugenehmigung

ist bei beiden Grundstücken

eine Umwandlung von Wald

in Bauland möglich, die an die Auflage

gebunden ist, die Baumschutzsatzung

der Gemeinde Schwielowsee

sowie den Textbebauungsplan mit

seinen grünordnerischen Festsetzungen

zu beachten und einzuhalten. Für

das Beseitigen von geschützten Bäumen

ist laut Genehmigungsbescheid

die vorherige Genehmigung der Gemeinde

notwendig. Zudem sind artenschutzrechtliche

Bestimmungen

einzuhalten. Gegen die Bescheide ist

Widerspruch innerhalb eines Monats

nach Zustellung der Unterlagen möglich.

5. Januar 2019

Bei einer Begehung des öffentlich

zugänglichen Wäldchens wird durch

Einwohner festgestellt, dass alle Bäume

des nördlicheren Grundstücks

bereits zur Fällung markiert sind. Daraufhin

wird der Baumbestand von

der Bürgerinitiative im Rahmen der

Baumerhebung protokolliert.

7. Januar 2019

Die Bürgerinitiative äußert auf der

Ortsbeiratssitzung in Geltow Zweifel

an der Rechtmäßigkeit des bekannt

gewordenen und sich abzeichnenden

Illustration: Georg Jarek

64 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Foto: Mario Rietig

„Die bereits bekannten Folgen des Klimawandels [...] sollen bei der Ortsentwicklung und beim Waldumbau zukünftig

Berücksichtigung finden. Der Wald hat eine klimastabilisierende Funktion, die erhalten bzw. gestärkt werden soll.“

Beschluss der Gemeindevertretung zum Leitbild Energie und Klimaschutz der Gemeinde Schwielowsee 2030, April 2014

„Im Geltungsbereich von gemeindlichen Satzungen soll

sich die Untere Forstbehörde mit der Gemeinde verständigen.“


Erlass des Ministeriums für ländliche Entwicklung, Umwelt- und Verbraucherschutz

zur Anwendung des §2 des Waldgesetzes des Landes Brandenburg, Mai 2005

Kahlschlags. Im Beisein des Ortsvorstehers

wird die Bürgermeisterin, in

ihrer Abwesenheit die sie vertretende

Fachbereichsleiterin, aufgefordert,

den geplanten Kahlschlag durch

kommunales Handeln sofort auszusetzen

und zu prüfen, ob tatsächlich

die rechtlichen Grundlagen für eine

Komplettfällung vorliegen. Es ist zu

befürchten, dass auch das Nachbargrundstück,

die Nr. 5a, davon betroffen

sein könnte. Die Fachbereichsleiterin

sichert eine Prüfung zu. Was sie

nicht erwähnt: Zu diesem Zeitpunkt

waren beide Baugenehmigungen für

diese Grundstücke bereits erteilt, aus

denen hervorgeht, dass die Baumschutzsatzung

anzuwenden ist. Laut

Verteilerschlüssel hätten diese ihr

vorliegen müssen.

Nach dem 7. Januar

Laut Gemeindeverwaltung wurde

„unmittelbar“ mit einem Mitarbeiter

der Forst telefonisch Kontakt aufgenommen

und um Aufklärung des

Sachverhalts gebeten. Dieser Mitarbeiter

hat die Gemeinde mangels

eigener Zuständigkeit an den Leiter

der Revierförsterei Potsdam verwiesen

und gebeten, eine schriftliche

Anfrage zu stellen. In den nächsten

zwei Wochen bis zum 22. Januar, so

die Auskunft der Gemeindeverwaltung,

sei der Leiter der Oberförsterei

Potsdam telefonisch aber leider nicht

zu erreichen gewesen.

22. Januar 2019

In den Morgenstunden werden

alle Bäume der Schweizer Straße 5a

zur Fällung gekennzeichnet und es

wird sofort begonnen zu roden. Bis

zum Abend sind bis auf acht große

Kiefern alle Bäume bereits mittels

Bagger herausgerissen oder gefällt

worden.

22. Januar vormittags, die Bürger-

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 REPORTAGE 65


„Für Flächen kleiner

als 0,2 Hektar ist unter den brandenburgischen

Bedingungen die Waldeigenschaft zu verneinen.“



Erste Änderung des Erlasses des Ministeriums für Ländliche


Entwicklung, Umwelt- und Verbraucherschutz


zur Anwendung des §2 des Waldgesetzes

des Landes Brandenburg, Juni 2006.

initiative informiert telefonisch die

UNB und fordert, die Fällungen auszusetzen,

um die Vorgänge zu überprüfen.

Doch nichts geschieht.

Am Tage der Fällung fragt die Gemeindeverwaltung

in einer Mail an

die Forstbehörde nach, warum im

Rahmen der Bauanträge die Waldumwandlung

der Grundstücke genehmigt

wurde.

23. Januar 2019, 0:53 Uhr

Die Bürgerinitiative fordert die

UNB als Sonderordnungsbehörde bis

spätestens 9:00 Uhr zum Einschreiten

auf, da offensichtlich Gesetze verletzt

werden. Auf Nachfrage erklärt die

Sachbearbeiterin: „Wir haben Wichtigeres

zu tun, der Kauz und die Fledermaus

können ja wegfliegen.“ Als

die UNB nicht tätig wird, wendet sich

die Bürgerinitiative um 11:09 Uhr an

das Umweltministerium als oberste

Naturschutzbehörde des Landes. Sie

fordert erneut, sofort einzuschreiten,

um wenigstens die restlichen Kiefern

zu erhalten. Die Bürgerinitiative

fordert die sofortige Einstellung der

Arbeiten, da möglicherweise sowohl

gegen das Naturschutzgesetz §44

(Vernichtung von Lebensraum streng

geschützter Arten) als auch gegen bestehende

kommunale Satzungen verstoßen

werde.

23. Januar 2019, 15:45 Uhr

Das Umweltministerium fordert

die UNB auf, notwendiges Verwaltungshandeln

einzuleiten, zur „Vermeidung

möglicherweise illegaler

Handlungen“ gegen Arten- oder naturschutzrechtliche

Verbote.

17:00 Uhr

Alle Bäume auf dem Grundstück

sind gefällt, relevante Kiefernstämme

werden noch am Abend verbracht.

Es erfolgte keine artenschutzrechtliche

Begleitung während der Rodung,

trotz des Hinweises, dass in einer der

verbleibenden Kiefern ein Kauz seine

Höhlung besitze.

24. Januar 2019

Erklärung der Bürgerinitiative zum

Kahlschlag Schweizer Straße: Bürgerinitiative

kündigt Aufklärung und Veröffentlichung

der Vorgänge an.

Das Dach des Trafohäuschens

wird ohne artenschutzrechtliche Begleitung

abgerissen. Restarbeiten.

25. Januar 2019

Das Umweltministerium stellt

nach der Stellungnahme der UNB fest,

dass „keine Veranlassung daran bestehe,

die Einschätzung der Fachbehörde

anzuzweifeln“.

29. Januar 2019

Nach Prüfung aller vorliegenden

Informationen stellt die Bürgerinitiative

Anzeige gegen Unbekannt wegen

Beihilfe zu einer möglichen Straftat

durch pflichtwidriges Unterlassen und

Anzeige auf Unterlassung durch Nichtanwendung

gemeindlicher Satzungen

gegen die Gemeinde Schwielowsee.

30. Januar 2019

Die Forst bestätigt der Gemeinde

per E-Mail, dass zum Zeitpunkt der

Waldumwandlung alle Vorschriften

eingehalten wurden.

1. Februar 2019

Erste Aktenauskunft der Bürgerinitiative

bei der Unteren Forstbehörde.

13. Februar 2019

Die Bürgerinitiative stellt im

Hauptausschuss der Gemeinde

Schwielowsee Fragen zur Vorgehensweise

der Gemeinde, die nicht sofort

beantwortet werden können.

14. Februar 2019

Der Gemeinde Schwielowsee geht

ein Aktenvermerk einer Mitarbeiterin

des Ministerium für Land- und Forstwirtschaft

zu, der die rechtliche Prüfung

aus Sicht der Forstbehörde beschreibt:

Sie entspricht dem Wortlaut

Illustrationen: Georg Jarek

66 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


der forstrechtlichen grundstücksbezogenen

Stellungnahmen.

Antrag der Bürgerinitiative um

Aufnahme des Themas zur Tagesordnung

der Gemeindevertretung am

27. Februar 2019.

15. Februar 2019

Ablehnung des Antrags durch

den Vorsitzenden der Gemeindevertretung

und Verweis des Antrags in

den Ausschuss für Infrastruktur am

19. März 2019.

19. Februar 2019

Bürgerinitiative nimmt umfangreiche

Akteneinsicht bei der Unteren

Bauaufsichtsbehörde.

20. Februar 2019

Die Gemeinde nimmt Stellung

zur Anfrage der Bürgerinitiative vom

13. Februar 2019 zu ihrer Vorgehensweise

und bestätigt auf Nachfrage,

im Rahmen der Baugenehmigungsverfahren

an den Verfahren beteiligt

gewesen zu sein.

27. Februar 2019

Die Bürgermeisterin erklärt in

einer gemeinsamen Stellungnahme

mit dem Ortsvorsteher Dr. Ofcsarik,

dass die Gemeindeverwaltung

keinen Einfluss auf die Fällung der

Bäume auf den Grundstücken gehabt

habe.

5. März 2019

Zweite Aktenauskunft der Bürgerinitiative

bei der Unteren Forstbehörde.

Die Forst bestätigt bei diesem Gespräch,

dass eine Waldumwandlung

nicht die Anwendung gemeindlicher

Satzungen ausschließt und nicht

zwingend mit einer Fällung aller Bäume

verbunden ist.

11. März 2019

Die Bürgerinitiative fordert eine

Stellungnahme der Verwaltung und

stellt die Frage, was die Gemeinde

konkret seit dem 7. Januar 2019 unternommen

hat, um den Baumbestand

zu schonen und warum gemeindliche

Satzungen nicht angewandt wurden.

13. März 2019

Bürgerinitiative stellt auf der Ortsbeiratssitzung

Geltow den Antrag, das

möglicherweise zur Bebauung vorgesehene

Gebiet des alten Ferienlagers

von der Prioritätenliste der Bauleitplanung

der Gemeinde zu streichen,

das Gebiet im Flächennutzungsplan

als Wald auszuweisen und den Wald

unter Schutz stellen zu lassen.

19. März 2019

Nach Antrag der Bürgerinitiative

soll das Thema nun als Tagesordnungspunkt

im Ausschuss für Infrastruktur

der Gemeinde Schwielowsee

behandelt werden.

Stand 14. März 2019

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 REPORTAGE 67


OFFENER BRIEF

Von: Bürgerinitiative „Waldsiedlung Wildpark-West

im Namen der unterzeichnenden Bürgerinnen und Bürger

An: Bürgermeisterin der Gemeinde Schwielowsee

Frau Kerstin Hoppe

Wildpark-West wird es in seiner jetzigen Form in Zukunft nicht mehr geben!“

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin,

diese Aussage haben einige von uns so oder in ähnlichem Wortlaut nun schon

des Öfteren von Mitarbeiterinnen Ihrer Gemeindeverwaltung gehört, auch

mit dem Zusatz, dass wir uns daran schon mal gewöhnen sollen.

Wir richten nun diesen Brief mit dem deutlichen Hinweis an Sie, dass es sich bei

dem betroffenen Gemeindeteil um unsere Heimat handelt, in der wir uns wohl und

geborgen fühlen, aufgewachsen sind oder in der wir uns aufgrund der Naturnähe

und der damit verbundenen hohen Lebensqualität niedergelassen haben.

Wir wollen uns nicht daran gewöhnen, dass unsere Heimat zerstört wird!

Müsste es nicht vielmehr Ihre Aufgabe sein, alles dafür zu tun,

unsere Heimat zu erhalten, anstatt die Zerstörung hinzunehmen

oder gar zu forcieren?

Wann handeln Sie endlich?

» » Verpflichten Sie Investoren dazu, Eingriffe in die Natur auf

das geringstmögliche Maß zu begrenzen – keine weiteren

den Waldcharakter zerstörenden Siedlungsprojekte!

» » Verhindern Sie Kahlschläge durch Bauvorhaben! Nutzen Sie die

Fachkompetenz eines externen Baumsachverständigen und lassen Sie

seine Gutachten voll umfänglich in die Verwaltungsarbeit einfließen!

Lassen Sie ausreichend nachpflanzen und – kontrollieren Sie dies!

» » Positionieren Sie sich für ein gemeinsames Verkehrskonzept mit Potsdam und

klar gegen den Bau der Umgehungsstraße (Havelspange) durch den Wildpark!

» » Und vor allem, nehmen Sie uns als Bürger/-innen ernst, die

nichts weiter wollen, als ihre Heimat zu bewahren.

Für den Erhalt von Wildpark-West als Waldsiedlung!

Mit freundlichen Grüßen

Die Unterzeichner

68 OFFENER BRIEF WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


KOMMENTAR

DIE UNTERZEICHNER DES OFFENEN BRIEFS

Nicht gegeneinander,

miteinander!

VON ULLRICH TIETZE

Dieser Offene Brief ist ein Ruf

all derer, die wollen, dass Wildpark-West

als Waldsiedlung erhalten

bleibt und die bereit sind, dafür

auch ihre Stimme zu erheben. Ob

dieser Ruf zu laut oder zu leise durch

die Waldsiedlung schallt, mag jeder

aus seiner Perspektive anders bewerten.

Doch es nützt nichts, Andersdenkende

zu diskreditieren, ihnen

Falsch- oder Fehlinformationen vorzuwerfen

und nicht mehr auf ihre berechtigten

Fragen antworten zu wollen.

Allen Unterzeichnern geht es nur um

die Sache. Deshalb laden wir Sie, sehr

geehrte Frau Bürgermeisterin, erneut

ein, mit uns in den Dialog zu treten.

Kommen Sie nach Wildpark-West,

machen sie sich vor Ort ein Bild und

lassen sie uns gemeinsam nach Lösungen

suchen, wie wir die Waldsiedlung

erhalten können. Noch ist es nicht zu

spät! Wir laden Sie ein, sich an unserer

Nachpflanzaktion „Rettet die Waldsiedlung!“

2018–2033 zu beteiligen.

Setzen sie sich gemeinsam mit uns

dafür ein, dass das zur Bebauung

vorgesehene Gebiet des alten Ferienlagers

im Flächennutzungsplan der

Gemeinde Schwielowsee als Wald

ausgewiesen und unter Schutz des

Waldgesetzes gestellt wird.

Man wird Sie später daran messen,

was Sie für unsere Waldsiedlung getan

haben. Deshalb schlagen Sie bitte unser

Angebot nicht aus, sondern setzen

Sie ein Zeichen! Wir laden Sie recht

herzlich ein, mit uns zusammen am

2. Aktionstag am 7. April 2019 in der

Waldsiedlung einen Baum zu pflanzen,

wir würden uns über Ihr Kommen sehr

freuen!

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 69


KOMMUNALWAHL AM 26. MAI 2019

Neue Gesichter für Wildpark-West

In den vergangenen Wochen und Monaten hat sich in unserem Gemeindeteil Wildpark-West

sehr viel getan. Aus einer kleinen Gruppe unnachgiebig nachfragender Bürger hat sich eine

Initiative gegründet, die eine beachtliche Anzahl an Unterstützern vereint, die alle ein

gemeinsames Ziel haben – den Erhalt von Wildpark-West als Waldsiedlung.

70 KOMMUNALWAHL 2019


SONNTAG

26

MAI

Dabei hat sich eine offene Gemeinschaft entwickelt,

die sich durch solche tollen Ergebnisse

wie unsere Heimatzeitschrift „Waldsiedlung

Wildpark-West“, unsere Arbeitsgemeinschaft

„Junge Naturfreunde“ oder auch kulturelle Ereignisse

wie die Weihnachtsmatinee oder den kürzlich aufgetretenen

Froschkönig für unsere Kleinsten auszeichnet.

Leider scheint das Engagement der Bürgerinnen und

Bürger von Wildpark-West vor allem in der Gemeindeverwaltung

und auch bei einigen Gemeindevertretern

in der Gemeinde Schwielowsee eher als Störung anzukommen,

was wir neben den persönlichen Erlebnisberichten

der Beteiligten zuletzt auch sehr öffentlichkeitswirksam

in unseren Briefkästen zu lesen bekamen.

Doch wenn wir wirklich etwas erreichen wollen, um unsere

Waldsiedlung zu erhalten, müssen wir selber mitgestalten.

Deshalb haben wir uns sehr kurzfristig als

eigene Wählergruppe für die bevorstehende Kommunalwahl

am 26. Mai 2019 zusammengeschlossen. Bei

den Aufgaben, die in den nächsten Jahren anstehen, ist

es uns wichtig, dass wir sie gemeinsam mit allen interessierten

Bürgern und Bürgerinnen, mit den gewählten

Vertretern und den Mitarbeitern der Verwaltung angehen.

Wir wollen an den Entscheidungen beteiligt werden

und mitbestimmen, wie sich unser Ort entwickeln

soll. Auch für die SPD und für Bündnis90/Die Grünen

stellen sich zwei neue Gesichter aus Wildpark-West zur

Wahl für den Ortsbeirat Geltow.

Foto: Lars Augustin

KOMMUNALWAHL 2019 71


SONNTAG

26

MAI

KOMMUNALWAHL 2019

Bündnis 90/Die Grünen SPD Bürger_innen für Wildpark-West

Tatjana

Lars

Gerber

X X X

Augustin X X X

Rene

Brausdorf

X X X Ullrich

Tietze

X X X

Jana

Fellenberg

X X X

Elke

Weißbach X X X

Carolin

Schwarzkopf

X X X

Tatjana Gerber, 46, parteilos,

kandidiert auf der Liste von Bündnis

90/Die Grünen.

Ich wohne seit 1990 mit einer mehrjährigen

Unterbrechung in Wildpark-West

und erkenne meine schöne

Waldsiedlung mitunter nicht mehr

wieder. Ein malerischer Ortsteil, zum

Teil versteckt hinter hohen Bäumen

und Sträuchern, weicht einer dichten

Bebauung.

Ich werde mich deshalb im Falle meiner

Wahl für den Erhalt des naturnahen

Charakters von Geltow und Wildpark-West

einsetzen. Ich werde mich

dafür stark machen, dass sich die Bewohnerinnen

und Bewohner und die

Gäste hier wohl fühlen.

Sichere und nachhaltige Mobilität:

Ob Schüler, Pendler oder Gäste – Geltow

braucht einen besseren ÖPNV.

Auch beim Thema sichere Fuß- und

Radwege gibt es viel zu tun.

Bürgerbeteiligung als Bereicherung:

Die Bürgerinnen und Bürger haben

Ideen, oft auch Expertenwissen und

wollen nicht nur am Wahltag mitentscheiden.

Leider habe ich schon oft erlebt,

dass es dafür kaum Verständnis bei

der Mehrheit im Ortsbeirat gibt. Ich will

dazu beitragen, dass sich das ändert.

Entwicklungskonzept für Geltow und

Wildpark-West:

Die Baumaßnahmen der letzten Jahre

bringen es immer deutlicher ans

Tageslicht: Für Geltow und Wildpark-West

gibt es kein visionäres

Entwicklungskonzept. Doch gerade

jetzt stellt sich die Frage, welche Entwicklung

Geltow und Wildpark-West

in den nächsten 10 bis 15 Jahren einschlagen

wollen? Ich will dazu beitragen,

dass dieses Konzept in Angriff

genommen wird.

Tatjana Gerber ist verheiratet, hat

zwei Kinder und arbeitet als Lehrerin.

Rene Braunsdorf, 54, parteilos,

kandidiert auf der Liste der SPD, verheiratet,

hat eine Tochter und arbeitet

als Unternehmer.

Wir alle haben uns hier einen kleinen

Traum erfüllt und das Glück erhalten,

an diesem wunderschönen und

friedlichen Ort leben zu dürfen. Er

wird sich weiter entwickeln, weitere

Häuser werden gebaut, neue Nachbarn

werden unsere Gemeinschaft

stärken und bereichern. Auch wenn

unser Ort grundsätzlich auf einem

guten Weg ist, werden aber aus meiner

Sicht eine Reihe von Problemen

durch die Gemeindeführung derzeit

nicht wahrgenommen oder nicht mit

der notwendigen Sorgfalt bearbeitet,

der Abstand zu uns Bürgern wird immer

größer.

Ich werde mich dafür einsetzen, dass

Ihre Fragen ernst genommen werden,

werde Lösungen suchen, oder in so

manch einem Fall auch Kompromisse

finden, die unser nachbarschaftliches

Zusammenleben befördern und verbinden.

Ich setze mich ein: für nachhaltige

und vorausschauende Planung,

z. B. eine weiterführende Schule in

unserer Gemeinde, breitere Konzepte

für die öffentliche Mobilität, faire

Chancen für alle Betriebe in unserer

Gemeinde bei Vergaben durch die

Gemeindeverwaltung, Stärkung, Anerkennung

und Unterstützung der

Feuerwehren und des Ehrenamtes,

Stopp der weiteren Nutzung von

Schutzgebieten für gewerbliche Zwecke

in Geltow und der Verschmutzung

unseres Grundwassers, Erhalt

und Erweiterung des Lärmschutzwaldes

zwischen Bahndamm und der

Siedlung Wildpark-West, beginnend

ab dem „alten Ferienlager“.

Aktiv für uns alle mitgestalten, eine

starke, unabhängige Vertretung unserer

Einwohnerschaft im Ortsbeirat

und der Gemeindevertretung zu sein,

dieser Aufgabe werde ich mich mit all

meiner Kraft widmen.

Herzliche Grüße, Ihr Rene Braunsdorf,

parteiloser Kandidat auf der Liste der

SPD für Geltow & Wildpark-West

72 KOMMUNALWAHL 2019 WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


ZIELE DER WÄHLERGRUPPE „BÜRGER_INNEN FÜR WILDPARK-WEST“

Wir wollen den naturnahen Ortscharakter

mit seiner hohen Wohn- und

Lebensqualität für alle Einwohner und

Gäste bewahren. Lassen Sie uns Wildpark-West

behutsam gestalten, das für Mensch und Tier

schützen, was wir erhalten können. Keine Zerstörung weiterer

Lebensräume durch großflächige Siedlungsprojekte

oder die Havelspange. Es gibt Alternativen. Wir setzen uns

ein für mehr kulturelles und soziales Miteinander. Alle Generationen

sollen unseren Ort als ihr Zuhause empfinden,

sich darin wohl fühlen.

Es leben immer mehr

SONNTAG

26

MAI

Kinder hier. Für sie muss es neben der

Schule die Möglichkeit geben, sich vor

Ort zu treffen, zu spielen und auch Sport zu treiben. Wir

laden Sie ein, Bürgerinnen und Bürger von Wildpark-West,

bringen Sie sich mit Ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten ein.

Wir alle haben diesen Ort zum Leben gewählt und das ist

auch eine Verpflichtung. Nutzen wir den Neubeginn für das

Verbindende - unseren Ort, unsere Heimat.

Elke Weißbach, 68, Rentnerin

Ich möchte für Sie Ansprechpartner

für konkrete Angebote und Fragen zur

Zusammenarbeit sein.

Ullrich Tietze, 67, Rentner

Wenn ich zurückblicke, sehe ich auf

67 Jahre Leben in Wildpark. Als Kind

Am Teich, dann im Amselweg. Da ging

es noch quer durch freie bewaldete

Grundstücke zum alten Kindergarten.

Nun schon über 30 Jahre im Eigenheim,

im Fichtenweg, mit der Familie

und den Kindern. Angelverein und

Stammtisch in Wildpark, Segelclub in

Geltow. Nun als Rentner habe ich ein

deutlich größeres Blickfeld für Wildpark-West,

welches in den letzten

Jahren eine rasante Entwicklung erfahren

hat, die ich vielfach hinterfragt

habe. Doch ich musste die Erfahrung

machen, dass Nachfragen nicht ausreicht.

Durch Sacharbeit muss die

bisherige Konzept- und Interessenlosigkeit

überwunden werden. Da heißt

es für mich Qualität vor Quantität. Behutsamer

Zuzug, keine wirtschaftlich

orientierte Vermarktung von Filetstücken.

Die Vorarbeit zum Radweg nach

Werder muss weiter begleitet werden.

Der Strand an der Havel braucht nach

der Siedlungsentwicklung ein neues

Konzept, wie auch der Havelweg in

Alt-Geltow und der Weg an der Villa

Maurus. Mit einer, mit meiner Stimme

bei der Gemeindeverwaltung Gehör

verschaffen. Dafür setze ich mich ein.

Jana Fellenberg

51, Dipl.-Informatikerin

seit 50 Jahren in Wildpark-West, immer

der Einmaligkeit dieses Fleckchens

Erde bewusst, ob im Wildpark,

auf der Havel oder über die Felder

nach Geltow, meist mit dem Rad und

auch mal zu Fuß.

Für den nachhaltigen Schutz und Erhalt

der Natur werde ich mich einsetzen

und die Gemeinschaft im Ort

stärken. Konkret bin ich weiter bei der

Arbeit an unserer Heimatzeitschrift

dabei und engagiere mich in der

Arbeitsgemeinschaft „Junge Naturfreunde“,

um die Kinder für die Natur

zu begeistern und zu sensibilisieren.

Lars Augustin

39, Dipl.-Betriebswirt (BA)

Ich lebe nun auch schon im 16. Jahr

in der Waldsiedlung Wildpark-West

und fühle mich mit meiner Familie im

Ortsteil Geltow sehr wohl.

Wir mögen die vielen neuen Bekanntschaften

über die Meusebach-Grundschule,

die SG Geltow und unsere große

Nachbarschaft in Wildpark-West.

Wir genießen die tägliche Heimkehr

in unsere Waldsiedlung.

Die besondere Ruhe gibt uns den

erforderlichen Ausgleich zum hektischen

Arbeitsalltag.

Carolin Schwarzkopf

53, Verwaltungsfachangestellte

Mir ist es wichtig, diesen Ort in seiner

Einmaligkeit zu erhalten.

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 KOMMUNALWAHL 2019 73


Die Kitas in der Gemeinde Schwielowsee platzen aus allen Nähten. Die Wartelisten

sind voll, ein Handeln der Gemeinde ist überfällig. Zwei geplante Kindergartenprojekte

lassen nun viele Eltern hoffen, dass zukünftig auch ihre Sprösslinge gut betreut werden

können und sie so Job und Kinderbetreuung unter einen Hut bekommen.

Der Kindergarten am Bruchwald

VON DR. BEATE GALL


Ein leichtes Aufatmen war zu

vernehmen, als 2017 bekannt

wurde, dass die Gemeinde

Schwielowsee in Kooperation

mit der nahegelegenen Bundeswehr

einen Kita-Neubau direkt

am Werderschen Damm, nahe Wildpark-West,

plant. Neben den Kindern

von Bundeswehrangehörigen sollen

selbstverständlich auch Kinder aus

der Gemeinde Schwielowsee aufgenommen

werden. Das ist ein Lichtschimmer,

denn der Zuzug nach Geltow

wird wohl in den kommenden

Jahren nicht abreißen. Und jeder von

uns Eltern ist froh, wenn er einen

Kitaplatz bekommt. Mit dem Neubau

einer zweiten Kita im Ortsteil Geltow

kommt auch die Gemeinde ihrer gesetzlichen

Pflicht nach, den Rechtsanspruch

der Eltern auf einen Kitaplatz

zu erfüllen.

Foto: Carsten Sicora

Standortauswahl

Im vergangenen Jahr stellte sich

deshalb die Frage, wo genau denn

eigentlich der Kindergarten gebaut

werden soll. In diesem Zusammenhang

schauten sich Redakteure der

Heimatzeitschrift, selbst Einwohner

von Wildpark-West, und ich mir die

Unterlagen genauer an – soweit sie

der Öffentlichkeit zugänglich sind. In

diesem Beitrag möchte ich über den

aktuellen Sach- und Planungsstand

informieren und zugleich einige Fragen

beleuchten, die sich uns stellten.

REPORTAGE 75


BETREUUNG VON 582 KINDERN AUS SCHWIELOWSEE

Geltow

163 Kinder

28 %

21 %

Außerhalb oder Tagespflege

121 Kinder

Ferch

105 Kinder

18 % 33 %

Caputh

193 Kinder

Stand: Dezember 2018

Eine Kita mit 80 Plätzen, davon zwölf Plätze für eine 24 Stunden-Betreuung.

Fördermittel des Bundes in Höhe von 1.000.000 Euro stehen bereit.

Den Unterlagen (unter anderem

Beschlussvorlagen der Gemeinde,

Gutachten und vorhandene Pläne) ist

zu entnehmen, dass das Vorhaben, alle

Voraussetzungen für die Errichtung

der Kita auf dem Bundeswehrgelände

zu schaffen, durch alle Beteiligten

der zu diesem Zweck geschaffenen

Arbeitsgruppe engagiert und zügig

vorangebracht wurde. Die Verfahren

zur Standortklärung, Auswahl eines

freien Trägers, Grundstücksicherung

und Planung liefen fast zeitgleich ab.

Grundstück zum Vorzugspreis

Zu Beginn war die Frage nach

dem Standort zu klären. Sieben Flächen,

die sich im Eigentum des Bundes

befinden, wurden geprüft. Als

geeignet erschien der Parkplatz A1

der Henning-von-Tresckow-Kaserne

zwischen dem Werderschen Damm

und dem Fuchsweg, welcher zum

damaligen Zeitpunkt der Stadt Potsdam

gehörte. Ursprünglich war vorgesehen,

dass der in einem transparenten

Verfahren ausgewählte freie

Träger mit der Bundeswehr einen

Vertrag zum Grundstück abschließt.

Im Januar 2018 erklärte die favorisierte

FRÖBEL Bildung & Erziehung

gGmbH ihre Absicht, unter den Rahmenbedingungen

des Ministeriums

für Verteidigung die Kita zu errichten.

Das Bundesamt für Infrastruktur,

Umweltschutz und Dienstleistungen

der Bundeswehr stellte Mitte März

2018 die Rahmenbedingungen, die

zeitliche Vorstellung zur Realisierung

und die Kosten des Kitaneubaus vor.

Trennstück

ca. 3.736m 2

Bild: geobasis-bb, 2018 / Grafik: Ralph Berek

Blick auf die geplante Baufläche von 3.736 Quadratmeter

76 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Die abgestorbenen Ulmen bieten

Lebensraum für geschützte Insekten

und Kleinsäuger des Waldes.

Foto: Carsten Sicora

Ende März wurde die Entscheidung

bekannt gegeben, dass der Bau der

Kita durch die Bundeswehr auf Kosten

des Trägers nicht realisierbar sei,

da die Kosten weit über dem ortsüblichen

Durchschnitt lägen. Um das

Vorhaben nicht scheitern zu lassen,

schien es nur eine Lösung zu geben:

Die Gemeinde Schwielowsee kauft

das Grundstück zu einem Vorzugspreis

und gibt es über einen Erbbaurechtsvertrag

an den freien Träger

weiter. Dieser beabsichtigt, eine Kita

mit 80 Plätzen, davon zwölf Plätze für

eine 24 Stunden-Betreuung, zu bauen.

Fördermittel des Bundes in Höhe

von 1.000.000 Euro stehen bereit.

Gebietstausch vereinbart

Bei der vorgesehenen Fläche für

den Kita-Neubau handelt es sich um

einen bestehenden Parkplatz, an den

westlich ein Scherrasen sowie ein

feuchter Ulmenlaubwald anschließt.

Circa 40 Ulmen unterschiedlichen

Alters befinden sich auf dem nordwestlichen

Teil des Areals, dessen

Gesamtfläche 3.736 Quadratmeter

beträgt. Davon entfallen etwa 1.645

Quadratmeter auf den bestehenden

Parkplatz. Das Bild links veranschaulicht

die Lage des Teilstücks, das aus

dem Flurstück 246 der Flur 4 der Gemarkung

Golm für den Kitaneubau

abgetrennt werden soll. Die Stadt

Potsdam und die Gemeinde Schwielowsee

vereinbarten zu diesem

Zweck einen Flächentausch. Dieser

Gebietsänderungsvertrag wurde im

Amtsblatt der Gemeinde Schwielowsee

Nr. 11 im Oktober 2018 bekannt

gegeben. Zeitnah soll dieses Teilstück

in die Flur 5 der Gemarkung Geltow

überführt werden.

Stauwasser bis weit ins Frühjahr

Geologisch betrachtet wird die

Fläche von Talsanden gebildet, die

nach Westen und Süden in humusreiche

bis torfige Sedimente der vermoorten

Havelniederung übergehen.

Der Untergrund von Parkplatz und

Scherrasen besteht aus Schmelzwassersedimenten

(Sanden), die oberflächlich

anthropogen mit Sand und

Beimengungen von Bauschutt aufgefüllt

sind. Laut Angaben eines Baugrundgutachtens

bewegt sich das Höhenrelief

der potenziellen Baufläche

zwischen 30,7 und 31,4 Meter über

HN. Am südlichen und westlichen

Rand fällt die Geländehöhe abrupt

auf unter 30 bis 29 Meter über HN

ab, was die künstliche Aufhöhung des

Geländes im Bereich des Parkplatzes

bestätigt. Zwei Bohrungen zur Voruntersuchung

der Tragfähigkeit des

Bodens belegen am Untersuchungstag

19. Juli 2018 einen Grundwasserflurabstand

von 2,50 Meter (= 28,45

Meter über HN).

Das vororientierende Baugrund-Gutachten

bescheinigt eine

ausreichende Tragfähigkeit für ein

Gebäude ohne Keller im Bereich der

versiegelten Parkplatzfläche. Für den

Ulmenwald im westlichen Flächenteil

und dem daran angrenzenden

vermoorten Erlenbruchwald ist diese

nicht gegeben. Je nach Witterungslage

kann der Bruchwald bis in das

Die Autorin bei der Aufnahme des

Baumbestands Foto: Carsten Sicora

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 REPORTAGE 77


„Eine Zustimmung ist hier bereits deshalb ausgeschlossen, da für die

Verwirklichung der mit dem Bauleitplan verfolgten Planungsabsicht

offensichtliche Alternativstandorte außerhalb des LSG bestehen.“



Aus dem Schreiben des Ministeriums für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft

vom 13. Dezember 2018 an die Gemeinde Schwielowsee

späte Frühjahr hinein von hoch anstehendem

Grund- und/oder Stauwasser

überstaut sein. In einigen Planungsunterlagen

ist niedergeschrieben,

dass es sich bei den Waldflächen um

Kieferforst handelt. Dem ist nicht so.

Vergrabener Hausmüll

Sie werden sich sicher fragen, warum

mich die angrenzenden Waldflächen

interessieren. Das hat mehrere

Gründe. Aus den bisherigen Unterlagen

geht nicht klar hervor, ob die

Errichtung des Gebäudes nur auf die

bisher versiegelte Fläche beschränkt

ist und der Spielplatz im Bereich der

Scherrasenfläche errichtet werden

soll. Wenn dem so sei, dann wäre es

sicher in Ordnung. Wenn die Fläche

zu klein ist, dann wäre anzunehmen,

dass auch der westliche Abschnitt

des Grundstücks beansprucht werden

soll. Dieser wird aktuell von

einem Laubwald, hauptsächlich aus

Ulmen bestehend, bewachsen. Dieser

Waldabschnitt ist von menschlicher

Handlung nicht ganz unbeeinflusst.

Beim Durchlaufen und bei

einem Blick auf die vermessenen

und markierten Eckpunkte zeigt sich

viel Hausmüll, der zu Zeiten der DDR

häufig in siedlungsnahen Gruben entsorgt

wurde. Ein Bodenaustausch in

diesem grundwassernahen Bereich

als auch auf der Scherrasenfläche

wäre bei Einrichtung der Spielfläche

also zwingend erforderlich. Sollte

gar die Bebauung bis in diesen Bereich

hineingezogen werden, müsste

der Ulmenwald weichen und „ … tiefgründige

Ertüchtigungsmaßnahmen

stattfinden und besondere Anforderungen

an die Materialien gestellt

werden, da die Fläche in der Trinkwasserschutzzone

IIIb liegt.“ (Auszug

aus dem Baugrund-Gutachten, Dölling

2018). Die Voranfrage der Gemeinde

an die Untere Wasserbehörde

des Landkreises Potsdam Mittelmark

wurde wie folgt beantwortet: „Aus

wasserschutzrechtlicher Sicht ist es

prinzipiell möglich, für den Bau der

Kita eine Befreiung von dem Waldumwandlungsverbot

(WSG-VO Potsdam-Wildpark,

§ 3 Nr. 15) zu erteilen.“

Wäre hier herauszulesen, dass der

Baumbestand gefällt werden soll? Zur

Vermeidung unnötiger Spekulationen

ist es zielführend, zeitnah seitens der

Gemeinde über die aktuellen Pläne

informiert zu werden. Die Untere Naturschutzbehörde

ging zumindest im

Juli 2018 davon aus, dass die Kita auf

dem versiegelten Parkplatz und der

Spielplatz auf der Kulturrasenfläche

entstehen und keine weiteren Lebensräume

beansprucht werden.

Alternativen außerhalb des

Landschaftsschutzgebietes

Im Zuge der Anpassung des Flächennutzungsplanes

(FNP) und

des Landschaftsplanes stellte die

Gemeinde Schwielowsee als Planungsträgerin

eine Voranfrage auf

Zustimmung zu den Änderungsentwürfen,

um das gesamte Flurstück

246 der Flur 4 der Gemarkung Golm

mit einer Größe von 1,01 Hektar aus

dem Landschaftsschutzgebiet „Potsdamer

Wald- und Havelseengebiet“

auszugliedern. Diese Fläche ist größer

als das erworbene Teilstück, was

wohl darauf zurückzuführen ist, dass

nur ganze Flurstücke ausgegliedert

werden können und der Antrag vor

dem besiegelten Flächentausch gestellt

worden war. In der Begründung

des Antragsschreibens vom 26. März

2018 wird dazu ausgeführt, dass insbesondere

im Zusammenhang mit

dem Bundeswehrstandort eine Tagesbetreuung

in unmittelbarer Nähe

benötigt werde, weswegen keine

anderen Standortalternativen in Betracht

kommen. Ein erster Abstimmungstermin

zu den Anträgen auf

Inaussichtstellung einer möglichen

Ausgliederung aus dem Landschaftsschutzgebiet

fand am 16. August

2018 statt, wobei die Argumente der

Gemeinde die Behörde offensichtlich

nicht überzeugten: Das Ministerium

für Ländliche Entwicklung,

Umwelt und Landwirtschaft stimmte

am 13. Dezember 2018 der Voranfrage

mit folgender Begründung nicht

zu: „Eine Zustimmung ist hier bereits

deshalb ausgeschlossen, da für die

Verwirklichung der mit dem Bauleitplan

verfolgten Planungsabsicht

offensichtliche Alternativstandorte

außerhalb des Landschaftsschutzgebiet

(LSG) bestehen. Eine Inanspruchnahme

von Schutzgebietsflächen

kommt nur in Betracht, wenn

zumutbare Alternativen zum Standort

fehlen. Das mit der vorgelegten

Planung beabsichtigte Ziel kann

im Gemeindegebiet auch erreicht

werden, indem beispielsweise eine

Fläche auf der gegenüberliegenden

Seite des Werderschen Damms, die

im Flächennutzungsplan (FNP) bereits

als Sondergebiet ‚Bund‘ dargestellt

ist und aus dem LSG ausgegliedert

wurde, in Anspruch genommen

wird.“ Hier stellt sich tatsächlich

die Frage, warum die Kita nicht auf

der gegenüberliegenden Fläche errichtet

werden könnte. Wurde diese

Variante geprüft? Während die Fachbereichsleiterin

Bauen, Ordnung und

Sicherheit am 15. Januar 2019 auf

Nachfrage mitteilte, dass eine Bebaubarkeit

im Landschaftsschutzgebiet

möglich ist, da die Untere Naturschutzbehörde

eine Befreiung der

Fläche auf Grund von „öffentlichem

Interesse“ in Aussicht gestellt hat,

richtete die Bürgermeisterin persönlich

in der ersten Sitzungsfolge des

Jahres einen Appell an alle Fraktionen

nach Argumenten zu suchen, die

eine Ausgliederung aus dem LSG

ermöglichen. Soweit zum Stand der

Dinge.

78 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Foto: Carsten Sicora

Hinterlassenschaften: Der Hausmüll reicht bis in tiefere Schichten des Erdbodens

Jährliche Mückenplage

Bei allen offenen Fragen zur

Standort- und Planungssicherheit sowie

zum Umwelt- und Naturschutz

sticht jedoch eine Frage hervor, die

wir uns als erstes im Hinblick auf die

Standortwahl gestellt haben. Hat jemand

an die Mücken gedacht? Bruchwälder,

Feuchtwiesen und Teiche

beherbergen von Frühjahr bis zum

Herbst Millionen von Mücken. Nicht

nur die Bewohner des anliegenden

alten Entenfängerhauses, sondern

auch die Einwohner im südöstlichen

Teil der Wildparksiedlung berichteten

jährlich von der „Mückenplage“. Die

sumpfigen Wiesen mit ihrem alten

Baumbestand, welche an den Kindergarten

anschließen, stehen häufig bis

in den Sommer hinein unter Wasser,

und gelten deshalb auch als wichtiges

Jagdgebiet der unter strengem Schutz

stehenden Fledermäuse, die im Gebiet

heimisch sind. Der Einsatz eines

Insektizids verbietet sich von selbst.

Noch keine Planungen

Die Pressesprecherin der Fröbel

gGmbH Beatrice Strübing erklärte

gegenüber der Redaktion, dass es aus

ihrer Sicht zu früh für umfassende

Informationen sei. „Wir haben aktuell

eine Absichtserklärung mit dem

Landkreis Potsdam-Mittelmark unterzeichnet,

am Standort Schwielowsee

eine Kita mit bis zu 80 Plätzen in Kooperation

mit der Bundeswehr zu errichten.

Momentan befinden wir uns

in den Verhandlungen, wie und in

welcher Form das Projekt ausgestaltet

werden soll.

Sobald konkrete Verträge dazu

vorliegen, stehen wir Ihnen sehr gern

für ein ausführlicheres Interview zur

Verfügung.“ Auch Frau Murin von der

Verwaltung bestätigte am 15. Januar

auf Nachfrage, dass „derzeit noch

keine Planung für das Grundstück

vorliegt“. So sieht es wohl auch die

Bürgermeisterin, die auf eine Anfrage

der SPD-Fraktion nach dem Stand

der Dinge einräumen musste, „dass

es derzeit überhaupt keinen neuen

Stand der Dinge gebe ...“

Die Autorin Dr. rer. nat. Beate Gall,

Dipl.-Ing. Landschaftsnutzung

und Naturschutz, geboren 1977 in

Neubrandenburg. Lebt seit 2016

mit ihrem Partner und ihren zwei

Kindern in Werder/Havel. Zuvor war

sie zwölf Jahre in Geltow zuhause.

Sie ist NABU-Mitglied und gärtnert

in einem torffreien

Garten in Geltow

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 REPORTAGE 79


Während besonders für die jungen Eltern der Neubau eines Kindergartens ein interessantes

Gesprächsthema darstellt, erinnern sich die älteren Einwohner der Waldsiedlung gerne daran,

dass es über vierzig Jahre, bis 1996, in Wildpark-West schon einmal einen Kindergarten gab ...

Carola Kuhl, die letzte Leiterin, nimmt uns auf eine Reise in die Vergangenheit mit.

Wenn Kinder groß werden

VON CARSTEN SICORA

Auf dem Stubentisch liegt

das weiße Plaste-Schild mit

der Aufschrift: Kindergarten

„Clara Zetkin“. Viele Jahre

hing es im Eingangsbereich, gleich

neben den herrschaftlichen Treppenstufen

an der Wand. Heute ist es ein

Andenken an längst vergangene, aber

immer noch lebendige Zeiten. Neben

dem Schild, aufgeschlagen, ein dickes

Album mit den visuellen Erinnerungen

aus 36 Jahren Berufstätigkeit.

Oder sollte man bei einer Kindergärtnerin

nicht besser von einer Berufung

sprechen? „Ja, für die Arbeit mit den

Kindern muss man schon geboren

sein“, stimmt mir die schlanke Frau

mit den langen schwarzen Haaren

zu. „Vor allem aber ist es eine gesellschaftlich

wichtige und schöne Aufgabe,

Kinder zu erziehen“, ergänzt sie.

Betrachtet man die Fotos auf den Seiten

im Album genauer, kommen manche

der Kinderaugen selbst mir, der

erst seit Ende der 1980er Jahre in der

Waldsiedlung lebt, merkwürdig bekannt

vor. Natürlich, dass ist doch … !?

Carola Kuhl nickt zustimmend, ein

Lächeln umspielt ihren Mund. „Es ist

schon ein gutes Gefühl, wenn man

jetzt die Kinder der Kinder betreut,

die bei mir vor Jahren im Kindergarten

hier in Wildpark-West aufgewachsen

sind.“ Nachdenklich und sich erinnernd

schlägt sie eine Seite um.

Es fehlte damals an nichts

„Wenn ich zurückblicke, kann ich

für mich sagen, dass es eine gute und

erfüllte Zeit war. Es fehlte damals an

nichts. Als ich 1987 die Leitung des

Kindergartens übernahm, waren wir

zu fünft und Frau Krebs („Tante Lieselotte“)

als pädagogische Hilfskraft

unterstützte uns. Vor mir hatte u.a.

Frau Mieth den Kindergarten geleitet,

der vorher eigentlich ein Wochenheim

für die Kinder war, deren Eltern

außerhalb arbeiteten.

Milchreis und Königsberger Klopse

Der Kindergarten war für damalige

Verhältnisse sehr gut ausgestattet

und wir kochten für die Kinder selber.

Es gab einen wunderschönen Spielplatz

zwischen den Bäumen, den wir

mit Hilfe der Eltern selbst gebaut

hatten. Es war wie eine große Familie.

Kindertag oder Fasching feierten

wir zuerst mit den Kindern und ließen

dann zusammen mit den Eltern den

Abend ausklingen. Jeder kannte noch

jeden. Wir unternahmen mit den Kindern

Waldspaziergänge, fuhren mit

der Kutsche, sangen, spielten und

gingen gemeinsam mit den Kleinen

im Sommer an der Badestelle baden.

Das war wirklich schön und hat den

Kindern viel Spaß bereitet. Wir Erzieherinnen

gingen dabei immer mit

ins Wasser und ab Bauchhöhe hieß es

dann: Bis hierhin und nicht weiter! Wir

hatten alle Unterstützung, die man

sich vorstellen konnte und die Brigade

des „Konsums“ war unsere Patenbrigade,

die uns regelmäßig besuchte.

Frau Schröder, Frau Sigurd und Frau

Seifert hatten jahrelang selbst im

Konsum gearbeitet und Frau Augenadel

kannte ja sowieso jeder im Ort.

Artikel aus einer Potsdamer Tageszeitung, 1965

Große Villa direkt am Wasser

Die Kinder konnten in Gruppen

mit uns einfach so durch den Ort laufen,

denn Wildpark-West war ja früher

sozusagen fast autofrei. Erst unmittelbar

bevor die Kinder in die Schule

kamen, mussten wir sie auf den Verkehr

vorbereiten, so dass sie dann

80 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Kindergarten, Ansicht von der Wasserseite

Fasching 1958, mit der späteren Leiterin Frau Mieth

Hand in Hand in der Gruppe gingen.“

Viele der älteren Einwohner werden

sich noch an die Bilder dieser fröhlichen

Kinderschar erinnern, wenn sie

durch den Ort zog. Der Kindergarten

selbst war in einer alten großen Villa

unweit der Bootswerft Görrissen,

direkt am Wasser gelegen, untergebracht.

Die Kehrseite dieses schönen

alten Hauses zeigte sich dann nach

der Wende: Wie bei vielen anderen

Grundstücken auch gab es Rückübertragungsansprüche

der Alteigentümer.

Hier war es ein älteres Ehepaar,

das uns dann auch einmal besuchte,

aber die Villa verkaufen wollte. Zu

dieser Zeit gab es im Kindergarten

noch 21 Kinder aus Geltow und Wildpark-West.

Für uns und die Kinder bedeutete

das Jahr 1996 das „Aus“ und

ich zog mit ihnen in den Kindergarten

nach Geltow, wo ich erst zwei Jahre

als Erzieherin arbeitete, dann die

kommissarische Leitung innehatte

und später die Leitung der Kindertagesstätte

übernahm. Inzwischen bin

ich nun schon fast 20 Jahre in dieser

Einrichtung und werde deshalb selbst

in dem Wissen, dass vielleicht einmal

ein neuer Kindergarten vor den Toren

von Wildpark-West entstehen wird,

natürlich dortbleiben. Zusammen mit

meinen Erzieherinnen bin ich zur Zeit

für über 165 Kinder, von denen 45 in

diesem Jahr in die Schule kommen

können, verantwortlich. Natürlich

sind alle Kindergärten in der Gemeinde

auf Grund der gewachsenen

Kinderzahlen überbelegt, deshalb

begrüße ich sehr, dass die Gemeinde,

egal wo, einen neuen Kindergarten

bauen will. Ein neuer Kindergarten

ist unbedingt notwendig! Ich halte

den Platz hier vor Wildpark-West

eigentlich für gut und denke, dass

alle Voraussetzungen dafür geschaffen

werden, dass sich die Kinder dort

wohlfühlen können. Natürlich gibt es

in diesem Gebiet auch Mücken, das ist

hier nun mal so, aber ich glaube nicht,

dass das zum Problem wird. Auch früher

sind die Kinder unbeschadet hier

groß geworden. Ob damals von Geltow

aus oder heute: Die Gemeinde

kümmerte und kümmert sich immer

um unsere Kinder. Alle von uns beantragten

Mittel werden ohne Wenn

und Aber genehmigt. Die heute stehenden

zusätzlichen Container sind

perfekt ausgestattet und die Kleinen

kommen auch nicht mit den Schulkindern

zusammen, sondern sind unter

sich. Einzelne Kinder aus dieser Gruppe

kommen ja auch aus unserem Ort

und deshalb ist es schon seit Jahren

eine gute Tradition, dass die ältesten

Kinder unsere Rentner während der

Weihnachtsfeier mit einer selbst gestalteten

Programmvorführung überraschen.

Und wenn die Eltern und

größeren oder kleineren Geschwister

sich die Darbietungen dann mit anschauen

und ich in die stolzen Gesichter

meiner inzwischen zu Eltern

gewordenen Kindern schaue, weiß

ich, dass wir in den letzten Jahrzehnten

etwas Gutes gemacht haben.“

Fotos: Archiv Toralf Tietze

1. Juni, Kindertag

Autor Carsten Sicora, geboren

1967 in Dresden, verheiratet, lebt

seit 1989 in Wildpark-West

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 REPORTAGE 81


IM SPIEGEL VON ZUKUNFTSVISIONEN

Um das Besondere unserer Waldsiedlung in ihrer heutigen Ausdehnung und

der gewachsenen Bevölkerungsstruktur besser verstehen zu können, ist es

erforderlich, sich mit Planspielen verschiedener Generationen und deren

Verwirklichung – oder auch Nichtumsetzung – zu beschäftigen.

Utopia Wildpark-West

1. TEIL

VON PROF. DR. PETER R. WETZEL

Die heutige Waldsiedlung

entstand – über viele Jahrzehnte

behutsam wachsend

– auf dem Gebiet der

Wiese Gallin und liegt mitten im

Landschaftsschutzgebiet „Potsdamer

Wald- und Havelseengebiet.“ Teile

des Ortes – so der Uferstreifen der

Havel oder die Randgebiete – liegen

bereits im Landschaftsschutzgebiet

bzw. unterliegen den noch strengeren

Bestimmungen eines FFH-Gebietes*.

Vereinfacht dargestellt wird die

Siedlung im Norden vom Wäldchen

hinterm Tannenweg mit anschließendem

Bahndamm und Golmer Bruch

(umgangssprachlich auch Golmer

Luch), im Westen durch die Havel, im

Südosten durch den Werderschen

Damm mit den Torfstichteichen und

im Nordosten – im weitesten Sinne

– durch den angrenzenden Wildpark

begrenzt.

Hohe Lebensqualität

Damit ist ihre flächenmäßige Ausdehnung

durch die vorliegenden

Verhältnisse vorgegeben. Eine Ausweitung

durch zusätzliche Bebauung

würde eine unweigerliche Zerstörung

der die Siedlung umgebenden Natur

nach sich ziehen. Genau diese umgebende

Natur und der über Jahrzehnte,

zum Teil Jahrhunderte gewachsene

Baumbestand in und in der Umgebung

der Siedlung, macht diesen Ort

so einmalig und ermöglicht seinen

Bewohnern eine Lebensqualität, wie

man sie in ähnlichen Siedlungen, nur

wenige Kilometer entfernt vom Großraum

Berlin, nicht mehr findet. Andere

vergleichbare Siedlungen wie

es etwa Kleinmachnow oder andere

Waldsiedlungen wie Fichtenwalde

oder Wilhelmshorst sind, können in

Bezug auf Lebensqualität mit Wildpark-West

an der Havel nicht mithalten.

Die Siedlung vereint die Vorzüge

von Natur und Wohnen gleichermaßen

– zumal auf Grund der geografische

Lage der Autoverkehr auf Siedlungsbewohner

und deren Besucher

beschränkt bleibt.

Heute, im Jahr 2019, ist Wildpark-West

eine Waldsiedlung mit

etwa 860 Einwohnern, die im Jahre

1928 im Auftrag des Hauses Hohenzollern

auf dem Reißbrett als „Villenkolonie

Wildpark-West“ konzipiert



„Prognosen sind

dann besonders

schwierig, wenn

sie sich auf die

Zukunft beziehen.“

Mark Twain

wurde. Der Gallin, wie das Gebiet

damals hieß, war das Privateigentum

des vormaligen Königshauses.

1933, Bau der ersten Wohnhäuser

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs

wurde das „Krongut Bornstedt-Gallin“

im November 1918

von der Weimarer Regierung unter

Zwangsverwaltung durch das Finanzministerium

gestellt. Erst ab Oktober

1926 hatte das vormalige Königshaus

wieder die volle Verfügungsgewalt

über ihr Eigentum. Weil die

Beschlagnahme von dringend benötigtem

Siedlungsgelände durch den

Staat auch dem großen Gut „Bornstedt-Gallin“

drohte, entschloss sich

das Haus Hohenzollern, den Gallin

abzutrennen, als Siedlungsgebiet

auszuweisen, in bebaubare Parzellen

einzuteilen und durch eine Siedlungsgesellschaft

vermarkten zu lassen.

Gemäß der ersten Planung aus

dem Jahre 1928 und dem Plan von

1931/32 entstanden im Jahr 1933

die ersten beiden Wohnhäuser in

Wildpark-West.

Das unvollendete Projekt

Mit dem Ausbruch des Zweiten

Weltkrieges im Jahr 1939 waren auf

Grund der wirtschaftlichen und politischen

Situation die Pläne für viele

Kaufinteressenten zunehmend nicht

mehr umsetzbar. So blieb das Projekt

„Villensiedlung Wildpark-West“ un-

* FFH-Gebiete sind spezielle europäische Schutzgebiete in Natur- und Landschaftsschutz, die nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie

ausgewiesen wurden und dem Schutz von Pflanzen (Flora), Tieren (Fauna) und Lebensraumtypen (Habitaten)

dienen, die in mehreren Anhängen zur FFH-Richtlinie aufgelistet sind. Die Richtlinie 92/43/EWG zur Erhaltung

der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen ist eine Naturschutz-Richtlinie der Europäischen

Union. Sie wird umgangssprachlich auch als Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie oder Habitatrichtlinie bezeichnet.

82 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Quelle: Archiv v. Klinski-Wetzel

Von W. Wolff unter architektonischer Mitarbeit von R. Nicklau projektierte Gaststätte mit Hotel am Weißen Steg.

Wildpark-West Terrainverwertungsgesellschaft m.b.H., um 1932.

„Eine der seltsamsten Lücken in der Entwicklung der menschlichen

Kultur ist das mangelnde Verständnis der Beziehung des Menschen

zu seiner physischen Umwelt.“

William Vogt in „Road to Survial“, New York 1950

vollendet. Die Straßenbezeichnungen

„An der Kirche“ und „Schulstraße“

zeugen noch heute von weitergehenden

Plänen. Die in den 1920er Jahren

erstellte Prognose, die vorhergesagte

zukünftige Entwicklung, ist in der

Wirklichkeit also nicht eingetreten.

Die Problematik zwischen Prognose

und Realität zeigt sich aber auch in

vielen anderen Bereichen.

Szenarien erarbeiten

Der amerikanische Autor Mark

Twain (1815–1910) hat einmal scherzhaft

geschrieben: „Prognosen sind

dann besonders schwierig, wenn sie

sich auf die Zukunft beziehen“. Das

ist auch schon das ganze Dilemma,

wir können nicht wissen, was auf uns

zukommt. Wir können aber versuchen,

uns darauf vorzubereiten, indem wir

Szenarien erarbeiten:

» » um Problem-Simulationen durchzuführen,

» » um Annahmen und Modellvorstellungen

in Frage zu stellen,

» » um Strategien zu entwickeln und

Pläne zu erproben,

» » nicht um Prognosen oder Vorhersagen

zu machen.

Szenarien anpassen

Das Unternehmen Shell veröffentlicht

jährlich immer wieder neu

angepasste Szenarien für mögliche

alternative „Zukünfte“. Arie de Geus,

lange Jahre der Chef von Shell’s strategischer

Planungsgruppe, schrieb

dazu: „Die einzig relevanten Fragen

zur Zukunft sind diejenigen, bei denen

es uns gelingt, den Schwerpunkt

der Fragestellung davon, ob etwas

passiert, darauf zu verlagern, was wir

tun würden, wenn etwas passiert.“

Visionäre in der Geschichte

Zukunftsseher hat es in der Vergangenheit

immer wieder gegeben:

» » Weissagen und Prophezeiungen

von Priestern im Altertum,

» » Thomas Morus (1478–1535) „Utopia“,

Roman von der Vision eines

besseren Staates,

» » Nostradamus (1503–1566) „Centuries“,

Prophezeiungen bis 3.000

Jahre n. Chr.,

» » Jules Verne (1828–1905) schrieb

über 90 Zukunftsromane,

» » Erik Jan Hanussen (1889–1933),

Hellseher und Magier,

» » Dennis Meadows (*1942) „Die

Grenzen des Wachstums“, Bericht

an den Club of Rome,

» » sowie diverse Science-Fiction-Autoren

wie Asimov, Lem, Galouye

usw.

Keine Prognose wurde Realität

Dabei haben diese Ausblicke in

die Zukunft fast nie mit den späteren

Realitäten übereingestimmt. Ich habe

einmal die Ausgabe einer deutschen

großen Tageszeitung vom 1. Januar

1900 in die Hand bekommen, in

der versucht wurde, die Umwelt des

Jahres 2000 vorherzusagen. Keine

einzige dieser Prognosen ist Realität

geworden, etwa die: „Die reicheren

Familien wohnen Tag und Nacht

1.000 bis 2.000 Meter hoch in verankerten

Lufthäusern“.

Irrtümer der Zeitgeschichte

Dass selbst die Vertreter der Eliten

(die Macht ausübende Klasse der Gesellschaft)

keine zuverlässigeren Visionen

haben, zeigen diese Beispiele:

» » R. B. Hayes, 19. Präsident der USA,

zum Telefon 1876 „Das ist eine bewundernswerte

Neuheit, aber wer

wird die jemals nutzen wollen?“

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 REPORTAGE 83


84 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 REPORTAGE 85


WILDPARK-WEST-KARTE AUF DER VORSEITE, 1928

Utopie einer Villenkolonie

Kirche, Ortszentrum mit Kreisel, Gaststätte mit

Hotel, Schule mit Wasserturm und Stadion,

Bahnhof mit Zentralgaragen und Handelsgärtnerei,

Sportanlagen mit Fußballplätzen, Eislaufund

Spielwiesen, Badeanstalt und Dampferanlegestelle,

Segel- und Motorbootstände sowie eine Meierei mit

Weidewirtschaft: Der von Walter Wolff ausgeführte

Planungsentwurf sah eine große Villenkolonie mit ausgebauter

Infrastruktur vor.

Bei dem Projektentwurf fanden, trotz der Bedenken

des damaligen Baurats Dr. Wallbrecht, die überplanten

Sumpfwiesen keine Berücksichtigung, was pedologisch

bedenklich schien. Als im März 1939 Kronprinz Wilhelm

sein Erbe an der parzellierten Fläche antrat, schien sich

sein Interesse nicht an einer großen Siedlung auszurichten,

vielmehr dürfte eine Wochenendsiedlung mit

möglichst wenig Dauerbewohnern und Wassersport

treibenden und Erholung suchenden Berlinern seine

Idealvorstellung gewesen sein. Zudem zeigten wirtschaftliche

Gründe und der heraufziehende Krieg die

Unrealisierbarkeit des Vorhabens deutlich auf.


Karte, Quelle: Archiv v. Klinski-Wetzel

» » H. Warner, Vorstandsvorsitzender

der Mediengruppe Warner Brother

Pictures, zum Tonfilm 1927 „Wer

zum Teufel will die Stimme der

Schauspieler hören?“

» » T. J. Watson, Vorstandsvorsitzender

von IBM 1943 „Ich denke, es gibt

einen Weltmarkt von etwa fünf

Computern.“

» » K. Olson, Gründer der Computerfirma

DELL 1977 „Es gibt keinen

Grund für die Menschen, einen

Computer bei sich zu Hause zu

haben.“

Die Delphi-Methode

Die Industrienationen versuchen,

über großangelegte, teure Studien zu

verlässlichen Prognosen zu kommen.

Ein Beispiel ist die Delphi-Methode

(benannt nach dem Orakel von Delphi

im Altertum), bei der Experten unterschiedlicher

Fachgebiete nach einem

festgelegten Schema befragt werden.

Nach dem Vorliegen der Zwischenergebnisse

einer ersten Runde werden

in einer zweiten Runde Stellungnahmen

abgefragt. Die Vorgänge werden

wiederholt, bis hinreichend homogene

Gruppenmeinungen entstanden

sind. Nachteile sind der Zeit- und

Dokumentationsaufwand, die Kosten

und die Reduzierung auf einen kleinsten

gemeinsamen Nenner. Eine Studie

der deutschen Bundesregierung

wurde 1998 durchgeführt, für Japan

gibt es bereits sechs Delphi-Studien.

Beispiele für Megatrends der deutschen

Studie:

» » Alterung der deutschen Bevölkerung

(Demographie-Problem),

» » Technischer Fortschritt und nationale/globale

Umverteilung der

Arbeitsplätze,

» » Übergang von der Industrie- in die

Dienstleistungs-Gesellschaft,

» » Anwachsen der Erdbevölkerung

auf bald zehn Milliarden Menschen,

» » Deutschland als Investitionsstandort?

» » Führungspositionen für Frauen in

Deutschland?

Extrem schwer

Für einige Bereiche sind Prognosen

extrem schwer bis gar nicht möglich:

» » Große Erdbeben, obwohl die Früherkennung

Fortschritte macht.

» » Mögliche große Vulkanausbrüche,

wie bei dem schlummernden Vulkan

unter dem Yellowstone-Nationalpark

der USA.

» » Einschlag eines großem Himmelskörpers,

der nahezu alles Leben

auslöschen könnte.

» » Politische Verwerfungen, die zum

Ausbruch eines Dritten Weltkriegs

führen könnten.

Drei Gruppen

Mögliche Prognosen im wirtschaftlichen

und technologischen Bereich

lassen sich in drei Gruppen einteilen:

» » Ein kurzfristiger Zeitraum von bis

zu fünf Jahren. In diesem Rahmen

sind kaum Fortschrittssprünge zu

erwarten, die Entwicklung ist evolutionär,

vorhandenes Wissen wird

weiterentwickelt.

» » Ein mittelfristiger Zeitraum von

fünf bis 50 Jahren. Für diesen Zeitraum

gibt es oft schon eine wissensbasierte

Vorausschau. Bestenfalls

ist heute schon Grundwissen

vorhanden, Technologiesprünge

sind wahrscheinlich.

» » Ein langfristiger Zeitraum von über

50 Jahren. Basis sind Phantasien

und Zukunftsromane (Science-Fiction).

Die Entwicklung ist mit heutigem

Wissen kaum bis gar nicht

erfassbar. Sehr große Technologiesprünge

sind wahrscheinlich. Eine

realistische Prognose ist nahezu

unmöglich.



Fortsetzung folgt.

Der Autor Prof. Dr. phil.

Peter R. Wetzel, Dipl.-Ing.

Elektrotechnik,

Jahrgang 1934, aufgewachsen

in Potsdam, lebt seit 2002 in

Wildpark-West.

Er ist verheiratet und hat

drei Kinder und sechs Enkel.

86 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Irgendwann wollten wir, meine Frau und ich,

uns einmal Wildpark-West anschauen,

und dachten, die Waldsiedlung wäre ein Zoo!

Dass wir bereits wenige Jahre später selbst

zu den dort lebenden „Tieren“ zählen würden,

konnten wir zum damaligen Zeitpunkt nicht ahnen.

Eine Vision wird

Wirklichkeit

VON MANFRED SWOBODA

Luftbild

Wildpark-West

Quelle: geobasis-bb, 2018


Meine Frau hatte bereits in

unserem Berliner Domizil

die Vision vom Leben

in der Natur! Die Wasserlandschaft

rund um den Schwielowsee

schien die wahre Welt für

unsere Glückseligkeit! Wir tuckerten

vom Müggelsee mit unserem Segelboot

„Marwin“ zum Petzinsee, wo

wir die Datsche mit Bootssteg für

einen Freund hüteten. Wasser und

Wald, das war es, was uns gefiel! Zu

der Zeit sang ich als Tenor im „TAZ-

Chor“. Eines Tages fragte mich eine

neue Mitsängerin, ob ich denn nicht

ihr Nachbar werden wollte, denn sie

plante ein Grundstück in der Waldsiedlung

zu kaufen. Dies machte mich

neugierig, denn Wildpark-West wollte

ich schon lange kennenlernen – der

Freizeitwert schien verlockend!

Einfach Magisch

Statt des erwarteten Wildgeheges,

wurde es dennoch ein spannender

Spaziergang. Obwohl uns kein

kapitales Tier über den Weg lief und

auch der Biber noch nicht gesiedelt

hatte, fanden wir den Charakter der

Siedlung einfach magisch! Geprägt

durch eigenwillig gekrönte Kiefern,

eine bunte Vogelwelt, einer Datschen-

Vielfalt aus Asbestzement und plötzlich

– überraschend – geschmackvoll

gestaltete Wohnhäuser unterschiedlichster

Stile.


„Hier müsste

ein Fahrrad- und

Fußgängerübergang

mit Aussichtsplattform

und Blick zur Insel

Werder hin!“

Renate Kaiser-Swoboda

Ich war elektrisiert!

Plötzlich standen wir vor einem

zum Verkauf stehenden Grundstück

und schauten uns verdutzt an …

Silvester 2003 übernachteten wir

bereits in der eiskalten, frisch erworbenen

Datsche. So kehrten wir nicht

nur dem Jahr 2003 den Rücken, sondern

auch Berlin!

Ein überwältigender Blick

Am Neujahrsmorgen 2004 machten

wir einen ersten Spaziergang an

der Havel Richtung Werder, entlang

eines offensichtlich oft benutzten

Trampelpfads, hin zur Bahnbrücke.

Der Brückenzugang führte über 27

vereiste Treppenstufen, belohnte uns

aber mit einem überwältigenden Blick

auf die Wasserlandschaft. Auf dem

Weg zurück sagte meine Frau, als wir

die glatten Stufen wieder Richtung

Wildpark-West hinabstiegen: „Dieser

Brückenaufgang ist wirklich sehr gefährlich

und nicht mehr zeitgemäß!“

Ganz Unrecht hatte sie nicht, denn

Ein erster Entwurf der geplanten

Radwegbrücke über den Zernsee

(VIC Planen+Beraten GmbH)

88 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


der Übergang an der Bahnbrücke ist

nicht nur im Winter ein Abenteuer!

Ausflügler und Gruppen von Radlern

Über die „Schmalspur“ von 140

Zentimetern und über eine Brückenlänge

von etwa 100 Meter verläuft

eine Sturz gefährliche Metallkante

von 1–2 Zentimetern Höhe. Sie gehört

zum Kabelkanal, der seit vielen Jahren

leer ist, da die Stromkabel unterhalb

des Flussbettes geführt sind.

An warmen Wochenenden stauen

sich an dem Bahnübergang Anwohner,

Ausflügler und Gruppen von Radlern,

so dass eine Brückenüberquerung

manchmal viel Zeit und

auch Nerven kostet, was häufig

eine Herausforderung darstellt!

Genau die richtige Zeit

Renate meinte: „Hier müsste ein

Fahrrad- und Fußgängerübergang mit

Aussichtsplattform und Blick zur Insel

Werder hin!“

Warum eigentlich nicht? Ihre Vision

ließ mich nicht mehr los! Nur wie


sollte das realisiert werden? Eines

Morgens fiel es mir beim Unterqueren

der Bahnbrücke wie Schuppen von

den Augen: Hier war doch ein überlanger

Brückenkopf, auf dem eine separate

Brücke liegen könnte!

Mit den Skizzen einer 117 Meter

langen „Radlerbrücke“ verabredete

ich mich mit dem damaligen Vorsitzende

des „Wildpark e. V.“, der mich

darin bestärkte, meine Entwürfe Entscheidungsträgern

der Region vorzustellen.

Eine spannende Idee in einer

spannenden Zeit! Damals wie heute

ist die so genannte „Havelspange“ ein

großes Thema, was letztlich sogar zur

Gründung des „Wildpark e. V.“ führte.

Es geht darum, dass am Bahndamm

nördlich der Waldsiedlung, eine

mehrspurige Schnellstraße entlang

führen sollte. Quer durch den ganzen

Wildpark bis hinüber nach Phöben!

Doch Ende August 2004 berichtete

die Tageszeitung Potsdamer Neueste

Nachrichten überraschend: „Havelspange

soll vorerst ausgeklammert

werden“. War das Geld ausgegangen?

Genau der richtige Zeitpunkt für eine

Fahrradwegbrücke …

Auf dem Gelände der Grabow-Werft

lud ich deshalb engagierte

Bürger und den damaligen Fahrradbeauftragten

von Potsdam, Axel

Dörrie dazu ein, meine Pläne zu begutachten

und sich vor Ort selbst ein

Bild von meiner Vision zu machen.

Alles sprach dafür, dieses Projekt zu

realisieren! Also machte ich mich in

meiner Freizeit an die Arbeit!

Der Autor Manfred Swoboda, geboren

1954 in Bremen, lebt seit

2004 mit seiner Familie in Wildpark-West.

Er ist Dipl.-Ing. für

Feinwerktechnik-Konstruktion und

pendelt täglich zum Fritz-Haber

Institut der Max-Planck-

Gesellschaft nach Berlin.

DAS BAUPROJEKT

Rad- und Fußwegbrücke über den großen Zernsee

Potsdam beabsichtigt gemeinsam mit Werder (Havel)

eine neue Rad- und Fußwegbrücke über den großen

Zernsee bei Wildpark-West zu bauen. Die Brücke soll

parallel auf der Südseite der Bahnbrücke verlaufen

und den jetzigen Gangsteg auf der nördlichen Seite

ersetzen. Bestandteil der Bauarbeiten sind auch die

Weganbindung nach Werder und die Anbindung des

Fahrradweges nach Wildpark-West.

» » Es ist geplant, den Geh- und Radweg im Zweirichtungsverkehr

in drei Metern Breite behindertengerecht

auszubauen. Auf der Brücke soll die Breite vier

Meter betragen.

» » Der nach Wildpark-West führende Wegabschnitt

verläuft weiter auf dem Bahndamm, um nach Passieren

der Bootshalle an der Werft nach Süden zu

schwenken und weiter am Fuß des Bahndamms bis in

die Höhe der geplanten Anbindung an der Kreuzung

Uferweg und Seesteig zu verlaufen.

» » Die bauliche Umsetzung ist in 16 Monaten von 2020

bis 2021 geplant. Die Brücke selbst soll in 9 Monaten

errichtet sein. Während der gesamten Baumaßnahmen

soll eine Vollsperrung des Geh- und Radwegs

erfolgen.

» » Die wesentliche Baustellenanbindung soll aus Richtung

Golm über den Galliner Damm erfolgen.

» » Als erste bauvorbereitende Maßnahme sollen über

150 Bäume gefällt werden.

» » Die alten Brückenwiderlager sowie die Pfeiler müssen

zurück- und neugebaut werden.

» » Bauwerk und Rampen werden indirekt mit LEDs beleuchtet.

» » Die veranschlagten Gesamtkosten für die Brücke

und die Zuwegung werden derzeit mit etwa 5,6 Millionen

Euro angegeben.

» » Brückenlänge der Stahlbrücke ca. 110,4 Meter, Gesamtflächenbedarf

7.000 Quadratmeter.

» » Auf der Brücke werden zwei Aussichtskanzeln mit

Sitzgelegenheit und Blick auf Werder angebracht.

» » Die zu erhaltenden Solitärbäume sollen geschützt

werden, ebenso soll auf den Biber in seiner Biberburg

und auf Zauneidechsen Rücksicht genommen

werden. Durch den Verlust von Altbäumen mit Fledermaushöhlungen

macht es sich notwendig zwölf

künstliche Ersatzquartiere zu schaffen. Die nur noch

teilweise vitalen Pappeln im südlichen Bereich des

östlichen Brückenwiderlagers bieten Lebensraum

für viele Totholz bewohnende Arten. Zusätzlich

wurde auf den Schutz der jungen Solitäreiche („Ole

Görrissen Eiche“) verwiesen, die eine besondere Herausforderung

bei der Umsetzung des Bau-Projektes

darstellt.

90 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


2005

Anfrage beim Fachbereich Verkehrsund

Grünflächen der Stadt Potsdam

nach einem Planungsentwurf.

Erstentwurf Präsentation in einer

Bürgersprechstunde der Landespolitikin

Saskia Ludwig.

2006

Präsentation der Vision mit

Entwürfen der „Radlerbrücke“

beim Regionalbereichsleiter in

Potsdam der Deutsche Bahn AG.

Dr.-Ing. Joachim Trettin

entscheidet sich für eine

Zusage und gewährt Zugang zum

Archiv der Deutsche Bahn AG.

Erstellung der Entwurfsplanung.

Bekanntgabe der Visionsentwürfe

den Anrainern von Werder,

Schwielowsee sowie dem

neuen Potsdamer

Fahrradbeauftragten.

2007

Die Vision der „Radlerbrücke“

wird der regionalen Presse

bekannt gegeben.

CHRONOLOGIE

zur Zusammenführung

von Land und Stadt“

2014

Pressebeiträge: Potsdam-TV

und RBB berichten.

2015

Machbarkeitsstudie der

Stadtverwaltung Potsdam

www.mobil-potsdam.de/de/

fahrrad/radverkehrskonzept

2016

Planungsgespräch in der

Stadtverwaltung Potsdam.

2017

SUW-Umsetzungsprogramm:

„Radlerbrücke“ steht auf Platz 1 von

13 bewilligten Projekten, so dass Mittel

in Höhe von etwa drei Millionen Euro

für die Erstellung bewilligt werden!

2018

Planungs- und Projektierungsbüros

erstellen Gutachten und Pläne.

2019

Im Rahmen der Bürgerbeteiligung

führt die Redaktion unserer

Heimatzeitschrift „Waldsiedlung

Wildpark-West“ im Februar eine

Informationsveranstaltung im

Bürgerclub Wildpark-West durch.

Zahlreiche Anregungen durch die

Bürger. Auch die Stadt Potsdam

entschließt sich daraufhin mit

den beteiligten Gemeinden zu

einer solchen Veranstaltung,

die nun voraussichtlich im

April 2019 stattfinden soll.

2010

Erstellung einer Machbarkeitsstudie:

Regionalpark-Fahrradroute.

Ortstermin mit dem damaligem

Verkehrsminister Vogelsänger

und Susanne Melior. Absprachen mit

Ingenieuren der Deutsche Bahn AG.

2011

Erstellung eines Entwurfes durch

ein Ingenieurbüro für Brückenbau.

Präsentationsvortrag in Potsdam

im Fachbereich Stadtplanung-Bauordnung,

Stadtentwicklung-

und Verkehrsentwicklung.

2013

Präsentationen beim ADFC-Potsdam,

Ortstermine mit Landes- und Gemeindevertretern.

Auf der Golmer Website,

den Tageszeitungen Märkische

Allgemeine Zeitung und Potsdamer

Neueste Nachrichten, dem ADFC-Magazin

und bei Antenne Brandenburg

wird berichtet, Werder-Live

sendet einen Filmbeitrag.

Teilnahme am EU-Planungswettbewerb

RPW 2013 „Maßnahmen

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


DIE WALDSIEDLUNG WILDPARK-WEST

92 DAS BESONDERE BILD WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 DAS BESONDERE BILD 93


Wer kennt nicht auch das schöne Gefühl, von der Arbeit

oder einer Reise zu kommen und sich auf zu Hause zu freuen?

Heimkommen - Unser Wildpark

VON ELKE WEISSBACH

Von Potsdam rechts ab mit

dem Bus, mit dem Auto, mit

dem Fahrrad – unter dem

Tunnel des Kaiserbahnhofs

hindurch, und schon grüßen die Wildparker

Originale – die großen bronzenen

Hirsche am Eingang des Wildparks.

Ein sichtbares Zeichen der Arbeit

des Wildpark-Vereins, der mit seinen

Aktivitäten den identitätsstiftenden

Zusammenhalt der „alten“ und „neuen“

WildparkerInnen sichtbar werden

lässt. Denken Sie auch noch manchmal

an Ihre ersten Eindrücke vom

Wildpark und unserer Waldsiedlung

zurück? Ich schon.

… Grün, Wasser, Ruhe, schöne Gärten,

freundliche Menschen und … Vogelstimmen.

Die Eichhörnchen, der

Pferdehof von Herrn Zinnow, … die

Schwanenfamilie auf dem Werderschen

Damm. Die Anlege- und die

Badestelle … aber auch die Fäkalienabfuhr.

Wir sind stolz auf unsere Natur,

jeden einzelnen Tag bei Sonne und

bei Regen, mit Schnee und wenn es

stürmt. Denken wir an Lenné, der diesen

herrlichen großen Garten für uns

geschaffen hat, mit Sinn, fachlichem

Können, Verstand und einem Gefühl

für’s Ganze. Denken wir an die vielen

Menschen, die den Wildpark zu dem

gemacht haben, was wir sehen können.

Damit das so bleibt, brauchen wir

alle unseren Verstand und unser Herz.

Menschen und Natur sind auch in

der heutigen Zeit eine Einheit – obwohl

sich „die Zeiten“ geändert haben.

Auch für unseren Wildpark. Kinder

sollen auch in Zukunft hier sicher

und unbeschwert aufwachsen können.

Und es sind viele Kinder inzwischen,

die in Wildpark-West und um

den Wildpark zu Hause sind. Die Senioren

spazieren gern, auch mit Hund,

die Radler sind munter und froh unterwegs,

die Soldaten machen ihre

Übungen und alles ist im Einklang mit

der Natur.

Wenn die Bewohner von der Arbeit

kommen, freuen sie sich auf ihr

Zuhause, den Feierabend. In diese Gedanken,

beim Heimkommen, mischt

sich eine leise Sorge.

Eine Sorge, die lauter wird

Seit Jahren ist, beginnend mit

einer offiziellen Umleitung, der individuelle

Fahrzeugverkehr zu einer

Gefahr für Mensch und Tier geworden.

Seit der Fahrbahneinengung auf

der Zeppelinstraße ist es eine Katastrophe,

von der Havelpromenade auf

den Werderschen Damm einbiegen

zu wollen. Unsere Schwanenfamilie

hat seit Jahren keine Kinder mehr aufgezogen.

Pendler haben uns hier als

Abkürzung kennengelernt und sehen

nicht die Allee und das Refugium. Sie

sehen bei ihren Geschwindigkeiten

natürlich auch nicht das Schild vom

Landschaftsschutzgebiet das rechts

vom Weg steht, gleich nach dem

Parkplatz der Kaserne am Beginn der

Allee. Es gibt Gesetze und Verordnungen,

die etwas zum Gegenstand und

Inhalt eines Schutzgebietes sagen.

Einfache und bequeme

Lösung für andere

Wir müssen uns informieren und

darauf bestehen, dass alles nach

Recht und Ordnung geschieht. Umleitungen

sind darin sicher nicht vorgesehen,

auch wenn es eine einfache

und bequeme Lösung für andere ist.

Doch wer kennt sich damit aus? Wie

können wir erreichen, dass aus dieser

mittlerweile stark frequentierten

Straße, unserer Allee, eine „Anliegerstraße“

wird? Das bedeutet natürlich

auch für uns als Anlieger, dass wir

über unseren Individualverkehr nachdenken

müssen. Die Busanbindung

nach Potsdam ist besser geworden

und wir sollten sie mehr nutzen, damit

sie uns nicht wieder abhanden

kommt - auch wenn die elektronische

Anzeige noch ein wenig üben musste.

Sind Fahrgemeinschaften nicht

auch mal eine nette Möglichkeit mit

den Nachbarn ins Gespräch zu kommen?

Wie können wir vielleicht einen

beleuchteten Fahrradweg bis zum

Ortseingang Potsdam bekommen? In

der anderen Richtung nach Geltow

besteht durchaus auch Bedarf.

Diese Gedanken wollte ich mit Ihnen

teilen und hoffe, dass wir darüber

ins Gespräch und ins Tun kommen.

Unsere Gemeindevertreter frage ich,

ob es für sie einen Weg gibt, diese

Anregungen in die nächsten Gespräche

mit der Verwaltung aufzunehmen.

Es ist für mich als Wildparker wichtig,

nicht zwischen den Zuständigkeiten

von Potsdam, Schwielowsee und

Geltow unterzugehen. Ich möchte

immer wieder die Freude empfinden

heim zu kommen – in den Wildpark,

nach Wildpark-West.

Die Autorin Elke Weißbach, Jahrgang

1951, verheiratet, zwei

erwachsene Töchter, lebt seit 2000

in Wildpark-West, mehr als zehn

Jahre als Geschäftsführerin im

evangelischen Damenstift Kloster

Stift zum Heiligengrabe.

94 NACHGEDACHT WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Foto: Nadine Küpfer

DER WERDERSCHE DAMM

Quelle: Kordonerhebung Potsdam und Potsdam-Mittelmark

Bis 1937 war der KFZ-Verkehr auf

dem Werderschen Damm zwischen

Kuhfort und Fährhaus untersagt.

Der gesamte Verkehr zum entstehenden

Siedlungsgebiet Wildpark-West

verlief über Geltow und

die Straße Am Anger, über Kuhfort

am Forsthaus und am Alten Entenfang-See

vorbei durch die Eichenallee

sowie über Golm und den

Galliner Damm. Nach der Fertigstellung

der ersten Gebäude der neuen

Luftkriegsschule im Wildpark 1936

verstärkte sich aber der Verkehr

dermaßen, dass nach Möglichkeiten

gesucht wurde, diesem Übel zu begegnen.

Nachdem die Eichenallee

auf Grund ihrer schlechten Fahrbahn

für den Autoverkehr bereits

kurzfristig gesperrt werden musste,

ist der Werdersche Damm 1937 für

den Verkehr freigegeben worden.

Im Jahr 2016 betrug die Anzahl der

täglich über den Damm fahrenden

Kraftfahrzeuge 4.820.

Ursprünglich führten vier Wege zum

Privatwald auf dem Gallin. Mit kleinen

Schildern und Schlagbäumen

wurde auf den Privatbesitz aufmerksam

gemacht. Diese Zufahrtswege

befanden sich an der Einmündung

des Werderschen Damms an der Havel,

vor dem Forsthaus Entenfang an

der Wildparker Chaussee durch die

Eichenallee (dem heutigen Fuchsweg),

am Beginn der Wildparker

Chaussee bei Kuhfort in Richtung

Gallin bzw. Kastanienallee (dem heutigen

Amselweg) sowie am Bahnwärterhäuschen

am Bahnübergang nach

Golm am Ende der Pappelallee, wo

sich eine Schranke befand. (heutiger

Endpunkt Schweizer Straße).

LITERATUR

„Kleiner Wildparkführer“

von Adolf Kaschube

Herausgeber: Wildpark

e.V. 2005

WICHTIGER HINWEIS

In den Osterferien (15. bis 26. April

2019) wird der Fahrbahnbelag der

Bundesstraße 1 zwischen Geltow

und Potsdam auf der Zeppelinstraße

durch den Landesbetrieb Straßenwesen

eine Woche lang komplett

erneuert. Dabei ist eine Vollsperrung

der Straße zwischen 22 Uhr

und 6 Uhr geplant. Die Umleitung

wird über die Forststraße und den

Werderschen Damm geführt.

Werdersche Damm

halbseitig gesperrt

Der Werdersche Damm selbst wird

in der Zeit ab 29. April 2019 für vier

Wochen halbseitig gesperrt, da die

Stadtwerke eine Gasleitung verlegen

wollen. Ab Oktober soll dann

noch eine Regenleitung verlegt

werden, was ebenfalls zu halbseitigen

Einschränkungen führt. Aktuelle

Informationen entnehmen Sie

bitte der regionalen Tagespresse.

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 NACHGEDACHT 95


Unsere Singvögel brauchen unsere Hilfe. Die jahrelange Abholzung von

Großgehölzen in der Waldsiedlung ohne entsprechenden Ersatz und

das Vernichten von Rückzugsorten wie Hecken oder Unterholz, setzt

unseren kleinen Sängern mächtig zu. Doch was können wir tun?

Fast alle Vögel sind schon da

VON MANFRED POHL

Im September des Jahres 2018 verweilte

ich auf einen kurzen Abstecher

in der NABU-Geschäftsstelle

des Landesverbandes Brandenburg

in der Potsdamer Lindenstraße 34. Es

war wieder ein heißer Tag und ich blätterte

in einem mir bis dahin unbekannten

Magazin, welches auf dem Tisch lag, als

ich auf einen interessanten Artikel über

Fledermäuse stieß. Verfasst hatte ihn die

Geschäftsführerin des NABU Brandenburg

Christiane Schröder, die gleichzeitig

auch Fachgruppenleiterin Säugetiere

beim NABU-Kreisvorstand Potsdam ist.

Die Erstausgabe der Zeitschrift Waldsiedlung

Wildpark-West war hochinteressant

und machte mich neugierig. Ich

selbst leite in Potsdam die Fachgruppe

Ornithologie vom NABU-Kreisverband

und es reizte mich im Herbst aufzubrechen

um die Vogelwelt in dem beschriebenen

Gebiet einer Waldsiedlung zu

erfassen. Zu diesem Zeitpunkt sind die

Zugvögel natürlich längst über „alle Ber-

»klar, flötend« - Misteldrossel

Aus den hohen Kieferkronen erklingt ab April der laute,

anhaltend einförmige Gesang. Mit schnellem, flatterndem

Fluge eilt der scheue Vogel durch sein Areal oder

hüpft über den Waldboden, um Würmer, Schnecken

und Beeren zu suchen. Durch das Vertilgen von Misteln

trägt er zu deren Verbreitung bei. Deren Kerne fallen

im Gewöll in die Baumrinden und beginnen dann

dort zu keimen. Das Nest ist hoch in den Bäumen.

»klü-klü-klü-klü« - Grünspecht

Die Lieblingsspeise sind Ameisen. Deshalb findet man

den Grünrock so häufig wie keine andere Spechtart am

Erdboden am Rande des Wildparks. Um ein ergiebiges

Mahl zu erhalten, sticht er mit dem Schnabel mehrmals

in den Haufen, worauf die Ameisen beginnen auszuschwärmen.

Diesen Zeitpunkt nutzend, leimt er sie an

seine, mit einem klebrigen Speichel versehene, vorgestreckte

Zunge. Seine Eier legt er in Baumhöhlen ab.

Acht kleine Abbildungen: Carl Ernst Poeschel (1874-1944), aus „Deutschlands Vogelwelt“, Leipzig 1936

96 NATURFREUND WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Wenn die Frühlingssonne hinter den Kiefernstämmen

feurig rot ihren Tageslauf abschließt, und die Farben

der Landschaft langsam schwinden, ertönt aus dem

düsteren Unterholz ein schwermütiges, doch silberhelles

gezwitschertes Lied. Ein zierliches Rotkehlchen

huscht unter tiefen Bücklingen von Zweig zu Zweig und

betrachtet uns mit seinen großen glänzenden Augen

ohne Scheu. Das Nest steht gut versteckt, meist unmittelbar

auf dem Boden unter Böschungen, Wurzeln oder

Steinen. Jeder Wald mit dichtem Unterholz gewährt

ihm Herberge und in seiner Neugier besucht es jedes

Gebüsch und jede Hecke. Gern zeigt es sich auf dem Boden,

nur ungern fliegt es in großer Höhe. Den Menschen

fürchtet es kaum, kennt aber sehr wohl seine Feinde.

Foto: Rio Reiser, Wildpark-West 2018


»zicks« - Kernbeißer: Wie ein dickköpfiger großer Sperling

mutet dieser interessante und selten gewordene

Finkenvogel an. Aus dem Unterholz einer Fichte oder

den dichtbelaubten Bäumen trägt er zur Frühlingszeit

seinen unscheinbaren heiseren Gesang vor. Meist sitzt er

aber in Baumkronen, leise zwitschernd – sein Nest steht

hoch im Wipfel der Bäume. Doch erst zur Kirschernte sehen

wir den sonst so bescheidenen Vogel eine seltsame

Tätigkeit entfalten. Er besucht dann die Kirschbäume,

schält das Fleisch von den Früchten und knackt die Kerne

mit lautem Krachen, um den bitteren Inhalt zu sich zu

nehmen. Am Fuß eines von ihm geplünderten Kirschbaumes

sieht es nachher aus, als ob alles von Blut bespritzt

ist: Hier hat ein Kernbeißer ganze Arbeit geleistet! Doch

der Dickkopf gilt als nützlich: Er vertilgt große Mengen

von schadhaften Kerbtieren und deren Larven.


Der Text wurde 1835 von Hoffmann von Fallersleben geschrieben. Mit der heute gebräuchlichen Melodie

wurde das Lied erstmals 1844 unter dem Titel Frühlingslied veröffentlicht. Der Komponist ist unbekannt.

ge“ und in südlichere Gefilde bis weit

nach Afrika hin aufgebrochen, doch

mein Interesse war geweckt!

Wohl keiner bleibt

ungerührt und ist davon

angetan, wenn er auf

seinem Grundstück

das erste mal im Freien

sitzend oder während

eines Spazierganges auf

unsere gefiederten

Freunde trifft.

Exkursion nach Wildpark-West

Anfang November 2018 schwang

ich mich auf mein Rennrad und wollte

– ausgerüstet mit einem Fernglas und

einer Liste – eine Erfassung der dort

zu diesem Zeitpunkt zu erwartenden

Vögel vornehmen. Ich war mehrere

Stunden sowohl in der Waldsiedlung,

als auch im angrenzenden Wald bis

zur Bahntrasse, in den Feuchtwiesen,

entlang der Entenfängerteiche, bis

zum Ufer der Havel unterwegs. In alphabetischer

Reihenfolge konnte ich

dabei folgende Arten feststellen:

Amsel, Blässhuhn, Blaumeise,

Buchfink, Buntspecht, Eichelhäher,

Erlenzeisig, Feldsperling, Graureiher,

Grünfink, Grünspecht, Haubenmeise,

Haussperling, Kleiber, Kohlmeise,

Kolkrabe, Kormoran, Lachmöwe, Mäusebussard,

Misteldrossel, Nebelkrähe,

Ringeltaube, Rotkehlchen, Stockente,

Sumpfmeise, Tannenmeise und den

Zaunkönig. Mein Kommen hatte sich

gelohnt!

Zu diesem Zeitpunkt fehlten

noch die im Winter hereinbrechenden

Gäste aus Nord und Osteuropa

Foto links: Carsten Sicora, Wildpark-West 2018

»zizibäh zizibäh« - Kohlmeise

Die kleinen geselligen Kohlmeisen sind immer

auf der Suche nach einer leckeren Raupe, einer

Larve oder einem Samenkorn. Mit erstaunlicher

Gewandtheit holen sie mit ihrem nadelspitzen

Schnabel aus Ritzen und Spalten ein Insekt. Sie

brüten 1-2 mal jährlich in den Höhlen unserer

alten Bäume, aber auch in Nist- und behelfsweise

auch in Briefkästen.

»zizi gürrrrrr« - Haubenmeise

Ihre Vorliebe zum Nadelwald bekundet die kleine

Haubenmeise bereits schon im Januar mit ihrem

zirpenden Zwitschern. Als Höhlenbrüter nutzt sie

häufig Spechthöhlen und Baumlöcher für ihren

Nestbau, den sie sehr sorgfältig gestaltet. Jedes

Zweiglein nach Nahrung absuchend, ist sie dem

Forstmann zudem ein treuer Helfer im natürlichen

Kampf gegen Insektenschädlinge.

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 NATURFREUND 99


wie Bergfink, Birkenzeisig, Blessgans,

Gänsesäger, Saatgans, Saatkrähe, Seidenschwanz,

Wacholderdrossel und

der Zwergsäger.

Keiner bleibt davon ungerührt

Jetzt, ab Mitte März erwacht allmählich

wieder das Vogelleben mit

dem Eintreffen der ersten Kurzstreckenzieher

wie Hausrotschwanz,

Mönchsgrasmücke und Zilpzalp, die

mit ihren ersten Gesängen nicht

nur die Herzen der Fachleute höher

schlagen lassen, sondern auch den

„Ungeübten“ die Trübsal des Winters

vergessen machen. Wohl keiner

Jeder sollte bei

sich im eigenen

Ort anfangen.

bleibt davon ungerührt und ist davon

angetan, wenn er auf seinem Grundstück

das erste mal im Freien sitzend

oder während eines Spazierganges

auf unsere gefiederten Freunde trifft.

Stellt sich nun die Frage, wer denn der

größte Feind unserer „gefiederten

Freunde“ ist? Die Antwort ist verblüffend

einfach: Der Mensch! Ich denke

da vor allem an die Landwirtschaft

mit ihren überdimensionalen Maisfeldern,

in dem kein Bodenbrüter eine

Brut hochziehen kann und kein Greifvogel

mehr Nahrung findet. Felder,

die dann auch noch in ungeahnten

Größenordnungen mit Insektiziden

und Pestiziden überzogen werden.

Das rottet die Ackerwildkräuter aus.

Gab es von diesen vor einem Vierteljahrhundert

noch etwa 30 Arten, sind

es jetzt nur noch unter zehn. Bedenkt

man, dass jedes Insekt sich nur an

einem bestimmten Ackerwildkraut

entwickeln kann, so kommt es damit

»pistjü« - Sumpfmeise

Weniger gesellig als andere Meisen findet man sie

hinter der Siedlung im unterholzreichen Bereich

am Entengraben, der von Schilf, Erlen und Weiden

umgeben ist. In alten Weidenstämmen findet man

ihr kunstlos aus Moos, Halmen und Wolle errichtetes

Nest. Sie ist etwas kleiner als ein Sperling,

ernährt sich im Sommer von Insekten und Larven,

im Winter mehr von Sämereien.

»rä grä grä-krää, kräähh« - Lachmöwe

Wenn wir über den Havelseen eine zierliche Möwe

gewandt dahin schweben sehen, handelt es sich

dabei um die Lachmöwe. Im Gegensatz zu ihrer

Schönheit steht die krächzende Stimme. Durch den

Verzehr toter und kranker Fische macht sie sich

sehr nützlich. Zwischen den drei Vorderzehen hat

sie Schwimmhäute, damit kann sie sich problemlos

auf dem Wasser fortbewegen.

100 NATURFREUND WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


unweigerlich auch zur Ausrottung

der Insekten. Doch diese benötigen

die Vögel zum Aufziehen ihrer Jungen!

Durch intensive Landwirtschaft

sind in den letzten 30 Jahren 75%

der Insekten verschwunden. Das „Allheilmittel“

Glyphosat, in Massen auf

die Felder gesprüht, ist hochgradig

Krebserregend. Und trotzdem kommt

es weiter zur Anwendung!

Als Delikatesse angeboten

Noch ein Beispiel warum der Artenschwund

bei den Vögeln drastisch

immer weiter voranschreitet: Nur wenige

von uns wissen, dass fast die

komplette Küste Ägyptens mit Netzen

versehen ist. Doch nicht etwa wie die

Ornithologen es bei uns machen, um

die Vögel zu fangen und mit einem

Ring zu versehen um somit ihre Zugwege,

ihr Alter oder z.B. ihre Überwinterungsgebiete

ausfindig zu machen

Nein! Dort fahren - wie in Fernsehaufnahmen

des ZDF und auf Arte zu

sehen war - Beduinen in weiß gekleideten

Gewändern in einem Mercedes

vor, um die von uns gehegten und

gepflegten Vögel, die gerade erfolgreich

die Strapazen eines Fluges über

das Mittelmeer überstanden hatten,

aus den Netzen zu ziehen. Doch nicht

um sie aus Hunger zu essen – nein!

Sie werden in Restaurants als Delikatesse

angeboten … Abscheulich!

2012 hatte der NABU eine Petition

dazu verfasst und es wurden über

100.000 Unterschriften gesammelt

und der Botschaft Ägyptens in Berlin

übergeben. Ähnlich sieht es in West

und Südeuropa aus. Für mich gilt deshalb:

„Keinen Urlaub dort, wo Vogelmord!“

Fassen wir uns an die eigene

Nase. Jeder sollte bei sich im eigenen

Ort anfangen. Wie schon im Bericht

bei den Fledermäusen zu lesen war,

ist es auch für die Vogelwelt schlecht

bestellt, wenn überdurchschnittlich

»kök« »pix« - Blässhuhn

Vor neugierigen Blicken verborgen hat es am Havelufer

sein Nest, das von Röhricht, Kolbenschilf und Binsen

umstanden ist. Der melodische Ruf ist der Wasserstimmung

reizvoll angepasst. Gewöhnlich schwimmen die

dunklen Vögel mit dem weißen Stirnfeld auf der Wasserfläche

auf der Suche nach Fisch. In strengen Wintern

leiden sie bittere Not und man sieht sie dann unter der

Eisenbahnbrücke an den Wasserlöchern stehen.

»wak wak wak« - Stockente

Kinder des Frühlings sind die Stockenten, wenn sie an

schönen März- und Aprilabenden in kleinen Flügen und

mit pfeifendem Geräusch durch die Dämmerung über die

Havel streichen. Der Erpel hat jetzt sein Hochzeitskleid

angelegt und verfolgt seine Auserwählte in erregtem

Liebesspiel hoch in der Luft. Früher oft bejagt, galt die

Stockente lange Zeit als Wetterprophetin und wurde mit

Hexerei in Verbindung gebracht.

102 NATURFREUND WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


viele Bäume ohne gutachterliche Zustimmung

so dramatisch dezimiert

werden. Bieten Sie den Vögeln Nistkästen,

Nisthilfen ganz gleich welcher

Art an und tragen Sie damit zu einem

wirksamen Schutz bei.

Hitze und Trockenheit

Doch es gibt weitere Feinde unserer

Vögel, das sind die Prädatoren. Darunter

versteht man die, die es schon

immer gab wie Fuchs, Dachs, Marder,

Iltis etc. Seit einigen Jahren zählen

Waschbär, Mink, Marderhund und

weitere dazu, die zum Teil aus Zuchtstationen

absichtlich in die Freiheit

gelangten und den Vögeln unglaublich

zusetzen. Auch andere Faktoren

wirken sich nachteilig aus: Die durch

den Klimawandel bedingte Hitze und

Trockenheit des letzten Jahres führte

dazu, dass beispielsweise die Meisen

nur noch eine Brut hervorbrachten –

normal sind derer aber zwei. Insekten

benötigen eben auch feuchtes Wetter,

um sich entwickeln zu können …

VERANSTALTUNG

Stunde der Gartenvögel

Doch nun freuen Sie sich auf den

erwachenden Frühling und auf die

Rückkehr der Zugvögel! Im Mai beabsichtige

ich zur „Stunde der Gartenvögel“

noch einmal vorbeizukommen.

Vielleicht kreuzen sich ja unsere

Wege und man trifft sich zu einer kleinen

Vogelstimmenexkursion?

Autor Manfred Pohl, geboren 1953 bei Wernigerode im

Harz, lebt heute mit seiner Familie in Potsdam. Er ist

verheiratet und hat zwei Kinder. Der Ornithologe gilt

als ausgewiesener Fachmann und verfasst Fachbeiträge.

Seit 2005 ist er Leiter der Fachgruppe Ornithologie

des NABU-Kreisverbandes Potsdam und setzt sich für

die bedrohte Großvogelart Weißstorch unter der Federführung

des Landesumweltamtes Potsdam ein.

SAMSTAG

11

MAI

Exkursion „Bestimmen von Singvögeln durch Erkennen von Vogelstimmen“

am 11. Mai 2019. Treffpunkt ist um 8.30 Uhr am Bürgerclub Wildpark-West,

Zum Birkengrund 7a. Dauer ca. zwei Stunden, Ferngläser nicht

vergessen! Die Teilnahme ist kostenfrei, um eine kleine Spende für den

NABU wird gebeten.


Sie sind klein, leisten aber Großes: Wildbienen sind wichtig für die Bestäubung.

Sie überwintern im Totholz, wenn der Frühling erwacht, zählen sie zu den Ersten, die mit den

wärmenden Sonnenstrahlen ihre Erkundungsflüge unternehmen. In der Waldsiedlung sind

sie selten geworden. Dabei wären ohne sie Wiesen nicht bunt, im Sommer gäbe es keinen

Eisbecher mit Erdbeeren und im Herbst würde kein Obst an den Bäumen hängen.

Bienen würden Cornus pflanzen

VON BÄRBEL WENDT

Die Kornelkirsche gehört zur

großen Familie der cornaceaen,

den Hartriegelgewächsen.

Ursprünglich stammt

sie aus Kleinasien und Südeuropa.

Schließlich hat sie sich auch Standorte

in Mitteleuropa erobert, wildwachsend

oder wieder verwildert. In Kultur

war sie fester Bestandteil der Klostergärten.

Schon Hildegard von Bingen

wendete sie medizinisch gegen Gicht

und Magenbeschwerden an. Nicht

auszuschließen, dass sie auch zur

Herstellung von Marmeladen, Säften

und Wein diente. Dass die Früchte bekannt

gewesen sein müssen, deuten

ihre volkstümlichen Namen „Herlitze“

und „Dürlitze“ an.

Zierwert und Nutzen

für die Tierwelt

In späteren Jahrhunderten geriet

das Gewächs mehr und mehr in Vergessenheit.

Heute, endlich, besinnt

man sich wieder auf ihren Zierwert

und den Nutzen für die Tierwelt. Als

eine der frühesten Blühpflanzen des

Jahres, spielt sie eine wichtige Rolle

für die Bienen und Schmetterlinge.

Je nach Witterung und lange vor den

Blättern, blüht sie im März, manchmal

schon Ende Februar. Ihre kleinen

goldgelben Dolden wachsen dicht an

dicht an zweijährigen Trieben und

hüllen Baum oder Strauch in einen

zart duftenden Schleier, den unzählige

Bienen als eine ihrer ersten Weiden

ansteuern.

Reich an Vitamin C

Aus den winzigen Einzelblüten

entwickeln sich über acht Monate aus

hellgrünen Winzlingen, die ab August

langsam erröten, etwa zwei mal

eineinhalb Zentimeter große kräftig

rote Früchte, meist in Büscheln, mit

sehr hartem Kern (Bot. Steinbeeren).

Cornus mas ist im Oktober, Cornus

off im November vollreif. Die Früchte

sind reich an Vitamin C. Das Fallen

zieht sich häufig über vier Wochen

hin. Im vollreifen Zustand sind sie,

süß-säuerlich, gut zu essen. Zu früh

gepflückt, sind sie aber sehr hart

und herb. Kommt jedoch früher Frost,

schmecken sie noch besser. Sie werden

auch heute noch zu Marmeladen,

Kompott, Saft und Likör verarbeitet.

Um zu gedeihen stellt Cornus keine

großen Ansprüche. Normaler Gartenboden

und etwas Kalk genügen ihm.

Allerdings braucht er Sonne.

Beliebtes Drechselholz

An heißen Tagen besonders, ist er

auch für Wasser dankbar, obwohl er

sogar in Trockenwäldern anzutreffen

ist. Die meist gepflanzte Sorte ist Cornus

mas, wobei mas (lat.) als männlich,

hart, rauh steht und auf das sehr harte

Holz verweist. Es war ein beliebtes

Drechselholz und diente der Herstellung

von Spazierstöcken, im Altertum

auch von Lanzenschäften. Die etwas

grazilere japanische Schwester, Cornus

offizinalis verweist auf ihre Essbarkeit,

wobei alle essbar sind.

Standorte der Kornelkirsche

In Auwäldern, an Flussufern, in

Trockenwäldern, zwischen trockenen

Gebüschen und in Laubwäldern

sowie in Garten- und Parkanlagen.

Cornus sind Relikte nachweislicher

Wärmephasen und

zählen zu den Obstgehölzen. Sie

werden vorwiegend durch Vögel

verbreitet.

Schnittverträglich und resistent

Eine Kornelkirsche kann sehr ausladend

wachsen. Ein Solitärstrauch

wird zwei bis fünf Meter, ein Baum

bringt es auf sechs Meter Höhe. Sie

ist aber auch, bei entsprechendem

Schnitt, hervorragend als Hecke geeignet.

Cornus ist ein sehr resistentes

Gehölz. Es widersteht sehr tiefen

Temperaturen bis –30 Grad Celsius,

ist stadtverträglich, und zwar rauchfest

und nicht für Ungeziefer anfällig.

Die fünf bis zehn Centimeter großen

Blätter sind elliptisch mit ausgezogener

Spitze, in jungem Stadium leuchtend

grün. Inzwischen hat man auch

schon kleinere Sorten gezüchtet, mit

größeren Früchten. Wenn die Früchte

fallen, sollte man schwarze Fliegengaze

über der Erde ausbreiten, dass

erleichtert das Aufsammeln. Die

großen Nordischen Drosseln, die auf

ihrem Zug nach Süden gern von den

Früchten genascht haben, bleiben

seit Jahren aus, sehr schade.

Die Autorin Bärbel Wendt,

Jahrgang 1931, lebt in Potsdam,

direkt am Wildpark. Sie ist

geschieden, hat zwei Söhne und

arbeitete bis zu ihrer Pensionierung

als Dipl.-Chemikerin im Institut

für Ernährungswissenschaften

Rehbrücke. Seit Anbeginn

unterstützt sie das Anliegen der

Bürgerschaft um den Erhalt der

Waldsiedlung Wildpark-West.

Foto: Jana Fellenberg , Wildpark-West 2018

104 GARTENFREUND WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Die Wildbiene - geht ihnen ob der versiegelten Flächen

und ebenen Rollrasenflächen der Lebensraum aus?


Die 650 Jahre alte

Hubertuseiche im

Wildpark könnte

sehr viel erzählen.


„Ordre an die Mittel-Märkische Amts-Cammer, daß die jungen Ehe-Leute

Bäume pflantzen, und ehender nicht copulieret werden sollen.“

Anweisungen zur Anpflanzung von Bäumen von Kurfürst Friedrich III.,

König in Preußen, Friedrich I. aus dem Jahr 1709

Die Jakobsbuche im Fichtenweg

VON ULLRICH TIETZE

Fotos: Ullrich Tietze, Wildpark 2019

Wann war ich eigentlich

das letzte Mal an der alten

„Hubertuseiche“ im

Wildpark? Muss schon

eine Weile her sein.

An die 650 Jahre Erfahrungen

Ist der alte Baum nach dem Blitzschlag

noch kräftig genug, um mir

weitere Geschichten erzählen zu können?

An die 650 Jahre Erfahrungen,

was hat er nicht alles erlebt.

Wenn man sich zu der Eiche setzt

und sich Zeit nimmt, erfährt man

von den Bäumen in unserem Wildpark.

Man erfährt, von Ochsenkarren

die durch den Wald zogen. Rad und

Deichsel waren noch aus dem Holz

des Waldes gemacht, dessen Eicheln

der Ochse genüsslich verspeiste. Später,

als man mit Pferd und Reisekutsche

durch den Wildpark fuhr, waren

sie als Reisetruhen aufgeschnallt.

Und noch später, als die ersten Züge

auf den Gleisen von Berlin nach Magdeburg

am Waldesrand vorbei fuhren,

dienten sie mit ihrem Holz als Futter

für die Lokomotive, um für die Fahrt

ordentlich Dampf zu erzeugen. Und

heute, frage ich? Wo kann ich dich

in der Blechkarosse, die hier auf der

Straße vorbeirasen, erkennen? Die Eiche

erzählt mir von ihren Vätern und

dessen Vätern, die heute als Öl unsere

Motoren schmieren.

„Jakobsbuche“ & „Gretakastanie“

Ja, das alles hat die Eiche mit erlebt

in diesem wunderbaren Wald, hier im

Wildpark. Oft bin ich schon durch

den Wildpark gelaufen, habe Pilze

gesammelt oder von den Beeren genascht,

ich möchte, dass dies weiterhin

so bleibt. Ich frage die Eiche, was

ich für sie tun kann nach dem Blitzschlag.

Aber sie antwortet mir: „Für

mich nichts mehr, ich bin getroffen“.

Rad und Deichsel

waren noch aus dem

Holz des Waldes

gemacht, dessen

Eicheln der Ochse

genüsslich verspeiste

Die Stelen an der Eiche im Wildpark

zeigen dem aufmerksamen Spaziergänger

den Ort der Hubertuseiche

Nach Minuten der Besinnung ging es

zurück mit dem Rad, vorbei an einem

von Menschenhand gemachten Blitzschlag

in der Schweizer Straße. Zu

Hause angekommen sehe ich, dass

ich schon längst etwas getan habe. In

unserem Garten, die Buche, gepflanzt

zur Geburt unseres ersten Enkelkindes.

Sie gedeiht prächtig, eben eine

richtige „Jakobsbuche“. Und dann

die „Gretakastanie“, erst zwei Jahre

alt und noch nicht sehr groß, aber das

wird noch.

Pflanzt Bäume für jedes Kind

Ich denke, das wird der Hubertuseiche

im Wildpark gefallen. Deshalb

rufe ich Euch, liebe Wildparker auf,

pflanzt für jedes Kind und Enkelkind

hier in unserer schönen Waldsiedlung

Wildpark-West einen Baum. Geht mit

ihnen zu der alten, vom Blitz getroffenen

Eiche und erzählt ihr davon. Sie

wartet auf Euch.

Der Autor Ullrich Tietze,

Jahrgang 1951, aufgewachsen

in Wildpark-West, Dipl.-Ing. für

Tiefbau, verheiratet, zwei Kinder,

zwei Enkel. Mitinitiator der

Nachpflanzaktion „Rettet die

Waldsiedlung!“ 2018-2033.

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 NATURFREUND 107


Vermutlich erst um 1905 wurde der ‚Weg von Bornstädt‘ zwischen dem Entenfänger-

Etablissement und dem Vorwerk Gallin in einer Nachpflanzaktion erneut mit Eichen

in eine Allee verwandelt. Im Situationsplan zur Besiedlung des Vorwerks Gallin vom

24. Oktober 1928 tauchten erstmals die Namen von vier Straßen in Wildpark-West auf.

Das waren die Pappelallee, die Kastanienallee, die Eichenallee und die Havelpromenade.

Historische Alleen in Wildpark-West

2. TEIL: EICHENALLEE (FUCHSWEG)

VON MARIANNA VON KLINSKI-WETZEL


Die Entstehungsgeschichte der

historischen Alleen in Wildpark-West

wird hier im zweiten Teil mit der Geschichte

der Eichenallee, die heute den Namen

Fuchsweg trägt, fortgesetzt.

Aus der Zeit der Erbpacht von Äckern, Wiesen,

Weiden und Feldern einiger Werderaner Bürger,

die auf dem Gallin ihre ‚Kaveln‘ (auch Kabeln

geschrieben, das sind mittels Verlosung zur

Pacht zugeteilte Parzellen) bearbeiteten, konnten bis

zum Jahr 1685 keine Namen für Wege auf dem Gallin

aufgefunden werden.

Postkarte der Eichenallee, etwa 1970

Foto: Archiv K. Köhler


„Die Brautpaare sollten entweder die erforderlichen Bäume pflanzen

oder eine festgelegte Gebühr bezahlen. Die Ortsobrigkeiten

und die Prediger werden aufgefordert, Strenge walten zu lassen.“

1685

Erst zur Zeit der Ansiedlung der

Schweizer Kolonisten wurden von

dem Potsdamer Domänenamt befestigte

Wege zum Gallin angelegt. Wie

bereits im Artikel zur Geschichte der

Kastanienallee beschrieben wurde,

war für die Schweizer Kolonisten auf

dem Gallin ein Dreiseithof entstanden.

Von diesem Dreiseithof aus erreichte

man über einen Weg die weiteren

Schweizer Siedlungsgebiete

im ‚Golmer Bruch‘, das ‚Einhaus‘ und

dann die ‚Vier Häuser‘ (Natte Werder).

Eine Bezeichnung dieses Weges in

Richtung Golmer Bruch konnte in den

alten Akten nicht gefunden werden.

Vermutlich hieß er ‚Weg nach dem

Golmer Bruch‘. Über den daran anschließenden,

später ‚Galliner Damm‘

genannten Weg gelangte man auch

in das alte Dorf Golm.

Die heute und auch schon in alter

Zeit wichtigste und in ihrer Funktion

im Zusammenhang mit der Besiedlung

durch Schweizer Kolonisten älteste

Zufahrtsmöglichkeit aus Richtung

Osten zum Gallin war der Weg,

den wir heute als Eichenallee kennen.

Der Gallin war im Jahr 1685 durch

den Großen Kurfürsten (reg. 1640 bis

1688) aus dem Amt Lehnin herausgelöst

und in das kurfürstlich-königliche

Domänen-Territorium eingegliedert

worden. Er wurde von der Berliner

‚Königlich Churmärkischen Kriegsund

Domainen Cammer‘ als oberste

Instanz verwaltet. Das Amt Potsdam

war ein Unteramt der Berliner ‚Kriegsund

Domainen Cammer‘. Auch zu dieser

Zeit ist ein Name für den Weg von

Potsdam durch den Wildpark nach

Kuhfort, am späteren Kleinen Entenfang

See vorbei direkt an das Ufer der

Havel, wo der Dreiseithof entstanden

war, nicht bekannt.

1691

Der Sohn des Großen Kurfürsten,

Kurfürst Friedrich III., ‚Marggraff zu

Brandenburg‘ (reg. 1688 bis 1713),

erließ am 19. März 1691 ein Edikt, in

dem er seine Landeskinder anwies,

Bäume anzupflanzen. Die wichtigsten

Passagen in diesem Edikt teilten

das Folgende mit:

[Ch. O. Mylius, Corpus Constitutionum

Marchicarum, Ediktensammlung,

Berlin/Halle 1737, 1.

Theil, 2. Abt., Spalte 111/112]

„1. Daß hinfort ein jeder Unterthan

und Einwohner in den kleinen

Städten und Flecken, sonderlich

aber auf den Dörffern, und sonsten

aufm Lande, hinter seinem Wohnhause,

wenn er die Gelegenheit

dazu findet, ihm einen gewissen

Platz abhegen, solchen in zwei

Theile theilen, und den einen Theil

zu Pflantzung allerhand Frucht-tragender

Obstbäume, den anderen

aber zu einem Eichel-Kamp und

Zeugung Mast-tragender Eichen-Bäume

gebrauchen solle, worüber

dann, und daß solches also

zu Werke gerichtet, die Plätze auch

behöriger massen darzu aptiret

(zurechtmachen) und beflantzet

Foto: Archiv K. Köhler

Foto: Archiv v. Klinski-Wetzel

Foto: Archiv v. Klinski-Wetzel

Eichenallee (Fuchsweg)

im Sommer 1992

Eichenallee (Fuchweg)

im Herbst 2008

Blick durch die Eichenallee

in der Villenkolonie, 1932

110 WIESE GALLIN WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


werden mögen, die Gerichts-Obrigkeit

jedes Orts gebührend zu

halten, und die Ungehorsame

durch zureichende Zwangs-Mittel

dahin anzuweisen hat.“ [Der Kamp

ist ein eingehegtes Stück Feld.]

In weiteren Passagen (es sind insgesamt

13 Anordnungen) heißt es,

dass auch bei jedem „Gute in den

Amtsdörfern“ der Anfang mit solchen

Pflanzungen gemacht werden soll.

Allen Pfarrern in den Ämtern und

Domänen wurde aufgetragen, dass

keine Trauung vorgenommen werden

darf, bevor das Brautpaar nicht ein

schriftliches Zeugnis (von der Amtsobrigkeit

ausgestellt) vorlegen kann,

dass man sechs Obstbäume (z. B. Äpfel

und Birnen) und sechs junge Eichen

„an einem bequemen Ort gepflantzet

hat“. Die jungen Pflanzen sollten mit

Fleiß und Umsicht „in die Erde gestecket“

werden, reichlich mit Wasser

angefrischet und stets gegossen werden.

Zum Schutz gegen Wild und Vieh

soll die Pflanzung eingezäunt und mit

Pfählen „verwahret“ werden.

Es dürfen von den jungen Eichen

keinesfalls Ruten für Peitschenstöcke

oder stärkere Triebe abgeschnitten

werden, weil das dem Wachstum des

Baumes Schaden zufügt. Die Pfarrer

und Beamten und Gerichtsobrigkeiten

werden mit ernsthafter Strafe

bedroht, wenn sie ihre Aufsicht nicht

ordnungsgemäß wahrnehmen würden.

Hart bestraft würden diejenigen

Brautpaare, die ihren Pflichten nicht

nachkämen. Die Brautpaare könnten,

wenn bereits genügend Eichen vorhanden

wären, notfalls auch Rüstern,

Linden, Weiden oder Espen pflanzen.

Die Pflanzung von Eichen jedoch war

das Hauptziel.

Bereits im Jahr 1691 wurde die

enorme Wichtigkeit des Erhalts der

Wälder für die Bewohner des Landes

erkannt. Der Erhalt der Wälder

und die Neupflanzung von Bäumen

musste bereits zu dieser Zeit, auch

notfalls unter Androhung heftiger

Strafen bei Nichtbefolgung, durch

die Obrigkeit angeordnet werden.

Es ging um die Schweinemast mit

Eicheln, es ging um das gute Bauholz

der Eichen, es ging um den Schutz

der kleinen Häuser vor Stürmen oder

starkem Wind.

Die Pflanzung von Bäumen, im

Interesse der Viehmast, nahm in den

vergangenen Jahrhunderten einen

hohen Stellenwert ein. Der Begriff

der „Mast-tragenden Eichen-Bäume“

weist gleich zu Beginn, in der ersten

Anordnung des Edikts, darauf hin,

wie wichtig die Pflanzung bestimmter

Bäume für die Viehwirtschaft und

damit auch für die Ernährung der Bevölkerung

war.

In der ‚Oeconomischen Encyclopädie‘

des Autoren J. G. Krünitz im

Band 85 aus dem Jahr 1802 finden

sich unter dem Stichwort ‚Mast‘ die

folgenden Erklärungen:

„Die Speise, der Fraß der wilden

Schweine heißt bey den Jägern die

Mast. Noch häufiger wird derjenige

Fraß, wovon die zahmen

Schweine in den Wäldern fett

werden, die Mast oder Mastung

genannt. Zur Holzmast (oder

Waldmast) gehören die Eichelmast,

Buchmast, Kasten oder Kastanienmast

und Nußmast, d. h. Eicheln,

Bucheicheln, Kastanien und

Nüsse, sofern sie die Schweine fett

machen. Die Benutzung der Mast

geschieht in den Königl. Preuß.

Staaten, auf welche hier vorzüglich

Rücksicht genommen wird

auf zweyerley Art: entweder durch

‚Administration der Fehme‘ (die

Verwaltung der zur Mast verwendeten

Eicheln und Bucheckern)

oder durch eine ‚ein-, sechs- oder

zwölfjährige Verpachtung‘.“

Foto: Archiv v. Klinski-Wetzel

Aus dem Werbeprospekt der „Wildpark-West“ Terrainverwertungsgesellschaft, 1932

WILDPARK 2019 WIESE GALLIN WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 WIESE GALLIN 111


Foto: K. Köhler

Zu Beginn des Jahres 1994 wurden die Ortsschilder in Geltow und Wildpark-West erneuert. Von nun an auch auf den

Schildern die Zuordnung zum Kreis Potsdam-Mittelmark. Damals noch auf der rechten Straßenseite unbebaut.

Aus diesen Berichten des 17. und 18.

Jahrhunderts können wir heute schließen,

dass die Anpflanzung von Eichen

in Form von Wäldern und Alleen

eine vom Landesherren angeordnete

Pflicht für die Landeskinder war.

1694

Kurfürst Friedrich III., Markgraf von

Brandenburg, ließ an diesem Weg von

Potsdam durch den Wildpark bis zum

Ufer der Havel im Jahr 1694 bereits

zahlreiche Eichen pflanzen. Der Kleine

(Alte) Entenfang See wurde angelegt,

um für den Hof in Potsdam schrotfreien

Wildentenbraten angeliefert zu

bekommen. Der künstliche See und

der Verbindungsweg zum Kienwerder

(Kienhorst mit dem heutigen Fliederweg)

wurde mit Eichen umpflanzt. Der

Weg zum Vorwerk Gallin hatte vermutlich

schon im Jahr 1694 den Charakter

einer Eichenallee bekommen.

Ein Name für diesen Weg ließ sich in

den Urkunden nicht finden, aber man

bezeichnete zur damaligen Zeit solche

Verkehrsverbindungen z. B. als ‚Weg

zum Vorwerk‘ oder ‚Weg vom Gallin‘.

1708

Kurfürst Friedrich III., der sich im

Jahr 1700 in Preußen zum ‚König in

Preußen, Friedrich I.‘ krönen ließ, erneuerte

im Jahr 1709 seine Anweisungen

zur Anpflanzung von Bäumen:

„Ordre an die Mittel-Märkische

Amts-Cammer, daß die jungen

Ehe-Leute Bäume pflantzen,

und ehender nicht copulieret

werden sollen.“

König Friedrich I. stellte offenbar fest,

dass seine Anweisungen zur Baumpflanzung

nur sehr unzureichend befolgt

wurden. Er stellte nochmals klar,

dass ohne Baumpflanzung niemand

heiraten dürfe.

1716

König Friedrichs I. Sohn, Friedrich

Wilhelm der Soldatenkönig (reg.

1713 bis 1740), erließ am 14. März

1716 zu Berlin das „Rescript, daß die

Prediger denen wegen Pflanzung

der Bäume von jungen Ehe-Leuten

publicirten Edictis besser nachleben

solle.“ [Mylius, Ediktensammlung,

Berlin/Halle 1737, 1. Theil, 2.

Abt., Spalte 201/202] Die Brautpaare

sollten entweder die erforderlichen

Bäume pflanzen oder eine festgelegte

Gebühr bezahlen. Die Ortsobrigkeiten

und die Prediger werden aufgefordert,

Strenge walten zu lassen.

Die Abnahme des Holzes sei merklich

gestiegen und die Menge der

Obstbäume müsse dringend vergrößert

werden. Von dem Geld sollten

Bäume gepflanzt werden.

1719

Der Soldatenkönig lässt am 21.

Juni 1719 wieder eine Anordnung

veröffentlichen: „Renovatio Edicti,

wegen Pflantzung der Eichen und

Obstbäume.“ Die Ortsobrigkeiten, die

Prediger, die Ober-Forst-Meister haben

ihre Aufgaben nicht erfüllt. Der

König lässt sie ermahnen.

1721

Am 9. April 1721 lässt der König

wiederholen: „Declaration des Edicts

vom 21. Juni 1719 wegen Pflantzung

der Eichen und der Obst-Bäume!“

112 WIESE GALLIN WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Der Soldatenkönig lässt am 21. Juni 1719 wieder eine Anordnung veröffentlichen:

„Renovatio Edicti, wegen Pflantzung der Eichen und Obstbäume.“

Die Ortsobrigkeiten, die Prediger, die Ober-Forst-Meister

haben ihre Aufgaben nicht erfüllt. Der König lässt sie ermahnen.

1722

Am 15. August 1722 erlässt der

König ein Edikt: „worinn das Abschneiden

junger Eichen verbothen

wird.“

1731

Am 8. Oktober 1731 erlässt der

König das Edikt, dass bei höchster

Strafe sich niemand unterstehen soll,

die gepflanzten Weyden, Maulbeer-,

Linden und andere nutzbare Bäume

zu beschädigen.

1739

Der Soldatenkönig lässt ein verschärftes

Edikt veröffentlichen, worin

es heißt, dass das Abschneiden, Abhauen

und die Beschädigung der jungen

anwachsenden Eichen bei harter

Strafe verboten ist.

[Mylius, Corpus Constitutionum

Marchicarum, Ediktensammlung,

Berlin/Halle 1755]

1743 / 1745

Der junge König Friedrich II. (reg.

1740 bis 1786) veröffentlichte für seine

Landeskinder einen Rundbrief (Circular),

in dem er verlangt, dass junge

Bäume gepflanzt werden sollen. Zwei

Jahre später lässt er mitteilen, dass

derjenige hart bestraft wird, der „Plantagen

boshafter Weise“ beschädigt.

Diese vielen Edikte und Circulare,

die die Landesherren verfassen ließen,

sprechen eine deutliche Sprache:

die Bevölkerung hielt sich nicht

an die Gesetze, zum Teil wohl aus Not,

zum Teil wohl auch aus Uneinsichtigkeit.

Die Prediger, die Obrigkeiten und

die Förster haben ihre nötige Aufsicht

oder Arbeit nicht gemacht, und so

manches Stück Holz ist ‚in dunklen

Kanälen‘ verschwunden.

1748 / 1750

Die Zeit der zahlreichen Pächter

auf dem Vorwerk Gallin war im Jahr

1748 beendet. In einem Erbpachtvertrag

mit dem Waisenhausdirektorium

bzw. mit dem ‚Amt Bornstädt‘ wurden

die beiden Vorwerke Geltow und Gallin

aus dem Amt Potsdam herausgenommen

und an das ‚Amt Bornstädt‘

überwiesen. Von diesen Vorwerken

sollten Lebensmittel für die Kinder

im Potsdamer Waisenhaus angeliefert

werden. Die endgültige Erbpacht

begann im Jahr 1750 und dauerte bis

zum Jahr 1803. Interessant in dem

Vertrag ist die folgende Passage, die

die besondere Bedeutung des Waldes

in Geltow und auf dem Gallin hervorhebt,

der im Erbpachtvertrag offensichtlich

nicht auch an Bornstedt

übergeben worden war:

[Wildpark-West a. d. Havel, Die

Geschichte der Wiese Gallin, 1.

Aufl. S. 192; 2. Aufl. S. 199]

„Weiter ist zu lesen, daß dem Vorwerk

(Gallin) von der Kurmärkischen

Kammer (in Berlin) bzw. vom

Amt Potsdam das Holz für »Ackergeräth

und Unterhaltung der Gehege

und Zäune die erforderlichen

Stangen zu bewilligen sind«, und

zwar 40 Fuhren Kiehn- und Brennholz,

fünf Fuhren Eichenholz und

eine halbe Fuhre Birken-Nutzholz.“

Die knapp bemessene Zuteilung von

Holz für das Vorwerk zeigt deutlich,

dass alle königlichen Anordnungen

den Baumbestand des Landes in keiner

Weise hat schützen können. Interessant

ist an diesem Dokument, dass

für den Bereich des Gallin nur diese

drei Baumarten zur Bewirtschaftung

angegeben werden: Kiefern, Eichen

und Birken. Der befestigte Weg, der

nun auch von Bornstedt über Kuhfort,

am Kleinen Entenfang See vorbei

zum Havelufer und dem Vorwerk Gallin

führte, trug nun die Bezeichnung

‚Weg von Bornstädt‘.

1765 / 17 70

In zwei Edikten dieser Jahre wurde

mitgeteilt, was in Bezug auf die Anpflanzung

der wilden Bäume und der

Obst-Bäume im Königreich Preußen

zu beachten ist. Und es wurde erneut

und verschärft darauf hingewiesen,

dass das Abschneiden der jungen

Eichen und der Gebrauch der dar-

DIE EICHENALLEE

Die historische Eichenallee (zum

größten Teil der heutige Fuchsweg)

verläuft beginnend von westlicher

in östlicher Richtung vom „Haus

Gallin“ (Havelpromenade 1) über

den Marktplatz bis zum Ortsausgang

über den Melorationsgraben

in einem nordwestlichen Bogen bis

zum Entenfang-Etablissement.

Die Allee ist 1,5 Kilometer lang

und hat insgesamt 314 Bäume,

davon viele über einhundertjährige

Eichen. Während sich in der

Siedlung die Eichen in einem befriedigenden

bis mäßigen Zustand

befinden, ist der Baumbestand

außerhalb der Ortschaft in einem

sehr schlechten Zustand. Ab 1993

treten in den Baumreihen die ersten

abgestorbenen Exemplare

auf. Im Februar 1994 werden die

Eichen durch eine Firma erstmalig

ausgeschnitten. 2012 und 2015

wurden im Ort einzelne Bäume

durch Einwohner und der Gemeinde

nachgesetzt. Ein Großteil der

nicht angewachsenen Bäume (acht

von zehn) der 2015er Pflanzung

wurden durch die Gemeinde im

Februar 2019 nachgesetzt. Eichenprozessionsspinner

(2017) und Hitzestress

(2003, 2018) setzten den

Bäumen stark zu. Im Vorjahr kam

es in Höhe der Grundstücke 7 und

36 zu Grünholzabbrüchen infolge

Trockenheit.

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 WIESE GALLIN 113


Foto: Ralph Berek, Wildpark-West 2018

Blick vom Marktplatz

1928 tauchten erstmals die Namen von vier Straßen

in Wildpark-West auf. Das waren die Pappelallee,

die Kastanienallee, die Eichenallee und die Havelpromenade

aus gefertigten Peitschenstöcke bei

strengster Strafe verboten ist. [Mylius,

Corpus Constitutionum Marchicarum,

Ediktensammlung, Berlin/Halle 1755]

1803

Über lange Zeit ist in den Dokumenten

zum Gallin über die Holzwirtschaft

keine Notiz zu finden gewesen.

Nach der Beendigung der

Erbpacht des Waisenhauses und des

‚Amtes Bornstädt‘ im Jahr 1803 wurde

in Berichten festgestellt, dass die

Vorwerksgebäude und die landwirtschaftlichen

Flächen auf dem Gallin

in einem äußerst bedauernswerten

Zustand waren. Das ist auch von den

Wegebepflanzungen anzunehmen.

Wenn man aus dem Jahr um 1700

umfangreiche Eichenpflanzungen

und Eichenalleen zu pflegen hatte,

waren diese nach 100 Jahren vermutlich

kaum noch vorhanden. Mit dem

‚Schlächtergewerk Potsdam‘ wurde

nun ein neuer Erbpachtvertrag abgeschlossen.

Der Gallin wurde Zwischenweideplatz

für das Potsdamer

Schlachtvieh. Vieles auf dem Gallin

musste repariert und in Ordnung gebracht

werden. Die Landschaft des

Vorwerks zumindest sollte wieder

in guten Zustand gebracht werden.

Unter anderem war das Vorwerk mit

Weiden zu bepflanzen. Ob auch der

‚Weg von Bornstädt‘ zum Vorwerk,

von dem man annehmen kann, dass er

noch mit Resten von Eichen aus alter

Zeit bestanden war, mit Hilfe neuer

Eichenanpflanzungen repariert wurde,

kann nicht nachgewiesen werden.

[Wildpark-West a. d. Havel, Die

Geschichte der Wiese Gallin, 1.

Aufl. S. 222; 2. Aufl. S. 229]

1854

Als sich König Friedrich Wilhelm

IV. (reg. 1840 bis 1861) im Jahr 1854

einen bepflanzten Fahrweg vom Werderschen

Damm an der Havel entlang,

über die ‚Goldene Aussicht‘, über den

Weg zum ‚Golmer Bruch‘ und zum Galliner

Damm anlegen ließ, wurde auch

die ziemlich baumlose nächste Umgebung

der Vorwerksgebäude durch

umfangreiche Birkenanpflanzungen

wesentlich verschönert.

1864

Das Königshaus der Hohenzollern

erwarb im Jahr 1864 den Gallin

114 WIESE GALLIN WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


vom Schlächtergewerk als Privatbesitz

und überließ diesen ‚Königl.

Gutsbezirk Gallin‘ bis zum Jahr 1877

einem Pächter. Das Kronprinzenpaar

Friedrich III. (*1831, †1888) und

seine englische Gemahlin Victoria

(*1840, †1901) betrieb ab dem Jahr

1867 auf dem Krongut Bornstedt eine

kleine Landwirtschaft. Sie erhielten

ab dem Jahr 1877 den Gallin hinzu,

der nun als Teil des ‚Krongutes Bornstädt-Gallin‘

bezeichnet wurde. Der

Hofgärtner Hermann Sello (*1800 in

Caputh, †1876 in Potsdam), Spross

aus der preußischen Hofgärtner-Dynastie

Sello, wurde bereits im Jahr

1872 vom königlichen Hof damit beauftragt,

einen Plan zu entwerfen,

wie der Gallin für den Anbau von

Obst und Gemüse im Sinne eines ‚Regelmäßigen

Gutsgartens‘ vom Kronprinzenpaar

bewirtschaftet werden

könnte. Auf seinem Plan ist eine Allee

zwischen dem Entenfänger-Etablissement

und dem Vorwerk Gallin an der

Havel nicht zu sehen. Daraus wäre zu

schließen, dass es eine solche, aus

Eichen bestehende Allee zum Ende

des 19. Jahrhunderts nicht mehr gegeben

hat.

1885

Ab 1885 wurde der Gallin landschaftlich

verändert. Ein neu entstehender

Kiefernwald sollte offensichtlich

mit Hilfe von Alleen und

verschiedenen Laubbaumarealen

parkähnlich gestaltet werden. Im Besonderen

wurde das Augenmerk auf

die Verbindung vom Bornstedter Gut

zum Entenfang-Etablissement und

von dort aus auf zwei landschaftlich

attraktiv ausgestaltete Alleen zum

Ufer an der Havel gelegt.

Schon ab 1876 gelangte man

vom Entenfängerhaus durch eine mit

Eichen bestandene Allee zum Kleinen

Entenfang See und weiter durch

eine ebenfalls mit Eichen bestandene

Allee zum Kienwerder (Kienhorst),

auf dem ein mit Eichen bestandener

Wegestern angelegt worden war. Einige

wenige Rieseneichen sind dort

am Wegestern noch zu bewundern.

[Farbfotos in: ‚Wildpark-West

a. d. Havel, Die Geschichte

der Wiese Gallin‘, 2007/2008,

Bilder X bis XIV]

Vermutlich erst um 1905 wurde der

‚Weg von Bornstädt‘ zwischen dem

Entenfänger-Etablissement und dem

Vorwerk Gallin in einer Nachpflanzaktion

erneut mit Eichen in eine Allee

verwandelt. Im Situationsplan zur

Besiedlung des Vorwerks Gallin vom

24. Oktober 1928 tauchten erstmals

die Namen von vier Straßen in Wildpark-West

auf. Das waren die Pappelallee,

die Kastanienallee, die Eichenallee

und die Havelpromenade.

[‚Wildpark-West a. d. Havel, Die

Geschichte der Wiese Gallin‘, 1.

Aufl. S. 267; 2. Aufl. S. 275]

Um eine Verwechslung mit der Eichenallee

in Potsdam zu vermeiden, bekam

im Jahr 1947 die Eichenallee in Wildpark-West

den Namen ‚Fuchsweg‘.

Marianna von Klinski-Wetzel wurde

1939 geboren und verbrachte ihre

Kindheit und Jugend in Wildpark-West.

Nach der Grundschule in Geltow und

der Oberschule in Potsdam, Abitur

und Studium in Berlin Charlottenburg.

War als Lehrerin für Kunst

und Werken tätig. Seit 2002 wieder

in Wildpark-West zu Hause. Sie ist

verheiratet und hat drei Kinder.


VOM UMGANG MIT BÄUMEN

„Die Linde kommt 300 Jahre, steht 300 Jahre und vergeht 300 Jahre.“

Im prosperierenden Geltow, in Werder (Havel) und auch in Wildpark-West erleben

viele große Bäume nicht einmal ihre Reifephase oder werden verstümmelt!

Das Gewissen unseres Wohlstandes

VON JAN EISENFELD

Die beiden etwa 250 Jahre alten

Linden am Tor der Kirche

in Alt-Geltow waren zu stattlichen

Bäumen herangewachsen.

Sie wurden in einer Zeit gepflanzt,

als Ortsbilder noch mit einem

ausgeprägten Bewusstsein für eine

regionale Identität im Sinne eines

kulturellen Erbes geplant und gestaltet

wurden. Neben der Architektur gehörte

die traditionelle Gestaltung mit

heimischen Gehölzen und Stauden,

ob auf Kirchengelände, kommunalen

Flächen oder in privaten Vorgärten,

selbstverständlich dazu. Sicherlich

hat man die zukünftige ökologische

Dimension dieser weitsichtigen Geisteshaltung

nicht geplant – aber vielleicht

geahnt. Ihr verdanken wir heute

unsere Vorstellung von Heimat und

Identität. Dazu kommt die naturräumliche

Lage in einer attraktiven Flussregion

– ein Geschenk der Natur an

uns Menschen. Wir selbst und unsere

heutigen Kommunalverwaltungen

haben dazu nichts beigetragen, doch

ziehen wir aber wirtschaftlichen Nutzen

daraus; sei es durch den Tourismus,

die Gewinnung von Bauland

oder die Schaffung von Freizeit- und

Erholungsangeboten. Dagegen wäre

nichts an sich einzuwenden, wenn die

Verwaltungen in Schwielowsee und

Werder auch in naturschutzfachliche

Strategien und Aufgaben bzw. das

Gemeinwohl gleichermaßen investieren

würden, wie in ihre ökonomischen

Interessen. Doch es werden Bebauungs-

und Flächennutzungspläne

aufgestellt, die in der Hauptsache

nur dem kurzfristigen Investitionsdruck

privatwirtschaftlicher Belange

genügen. Dringender Handlungsbedarf

zu Fragen des Natur- und Artenschutzes

– nennen wir es ruhig Heimatschutz

– wird ausgesessen oder

aufgeschoben. Entsprechend beschränkt

sich die notwendige Öffentlichkeitsarbeit

der Verwaltungen zu

Schutz und Umgang mit unserer Natur,

wenn überhaupt, auf die gesetzlichen

Mindestanforderungen. Viele

Orte oder Ortsteile bilden heute nur

noch die vorübergehenden ökonomischen

Befriedigungen der Menschen

ab, vor allem in den sogenannten

Entwicklungsgebieten. Ich vermisse

in unseren Verwaltungen Demut und

Dankbarkeit im Umgang mit dem anvertrauten

Erbe.

Ich vermisse in

unseren Verwaltungen

Demut und Dankbarkeit

im Umgang mit dem

anvertrauten Erbe.

Baumgutachten & Baumfällungen

Im November 2016 wurden in Geltow

die beiden Kirchenlinden durch

eine massive Kronenkappung auf

etwa acht Meter zurückgeschnitten.

Dafür muss es weitere Gründe gegeben

haben, als einzelne Pilzkörper

unterhalb früher gekappter Starkäste

an einer der Linden. Ohne die Notwendigkeit

dieser Maßnahme an dieser

Stelle hinterfragen zu wollen, gilt

grundsätzlich, dass durch massive

Kronenkappungen zwar für eine Weile

die Verkehrssicherheit gewährleistet

wird, mittel- und langfristig sind

derartig gekappte Bäume aber nicht

selten teurer im Unterhalt und vor allem

kurzlebiger als Bäume, die über

Jahre fachmännisch gepflegt wurden.

Nicht jeder „Baumservice“ gibt diese

Information an seine Kunden weiter.

Wenn ein „Dienstleister“ Baumgutachten

und Baumfällungen gleichzeitig

anbietet, ist das mehr als zweifelhaft

und widerspricht seriösem

Geschäftsgebaren. Solange Bürger

und ihre Verwaltungen dabei keinen

Interessenkonflikt erkennen wollen,

kann an unseren alten Bäumen nach

Belieben herum geschnitten werden.

Die Folgekosten und die irreversiblen,

ökologischen Schäden trägt die Allgemeinheit.

Ortsteil Geltow: Die beiden Linden

am Tor der Kirche vor dem Eingriff

am 22. November 2016.

116 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Ortsteil Geltow, 25. November 2016:

Die beiden Kirchen-Linden nach den massiven

Kronenkappungen von Starkästen durch ein

Kooperationsunternehmen der Gemeinde

Schwielowsee. Dabei wurde die Krone des

vitaleren rechten Baumes aus ästhetischen

Gründen ebenfalls stark eingekürzt.

Fotos: Jan Eisenfeld

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 REPORTAGE 117


Falsche Behandlung

Durch die Kronenkappungen werden

die „erst“ ca. 250 Jahre alten

Linden in 20 oder 30 Jahren keinen

Schatten mehr spenden. Schon heute

ist im Frühling das Summen der

Bienen am Kirchentor nicht mehr zu

hören. Aufgrund von massiven Schäden

wird zur Gewährleistung der Verkehrssicherheit

die vorzeitige Fällung

der Linden notwendig werden. Dann

wird sich nach über 200 Jahren an

dieser Stelle das Ortsbild verändern.

Nicht allen Bewohnern von Alt-Geltow

wird das auffallen. Zuvor wird

den Bäumen vielleicht der rote Punkt

aufgesprüht. Derartige Markierungen

sind in vielen Fällen die Folge falscher

Behandlung eines Baumes in

der Vergangenheit.

Verlust für das Ortsbild

Die zwei Linden an der Kirche in

Alt-Geltow stehen symbolisch für unzählige

andere Großbäume in Schwielowsee

und Werder (Havel), die über

Jahrzehnte falsch behandelt oder

illegal gerodet wurden. Abgesehen

vom Verlust für das Ortsbild, könnten

selbst zwanzig nachgepflanzte Jungbäume

den ökologischen Schaden an

den gekappten Geltower Linden nicht

ausgleichen, sollen aber das Gewissen

der meisten Bürger beruhigen.

Und solche Nachpflanzungen genügen

der aktuellen Gesetzgebung.

Auch 2019 wird dieser Umgang mit

Bäumen weiter praktiziert.

Sperrige Formulierung

Leicht lassen wir uns von den austreibenden

kräftigen Reisern gekappter

Bäume über ihren Sterbeprozess

hinwegtäuschen. Ihr Überlebenswillen

reicht nicht selten für Jahrzehnte,

nachdem ihnen Kronen oder Starkäste

genommen wurden. Auch im Falle

der Kirchenlinden sind die aktuell

austreibenden Reiser nur die Notreaktion

zur Verarbeitung des gespeicherten

Nährstoffvorrates. Sie haben

wenig mit blütenbildenden Kronenästen

gemeinsam! Ein Merkmal sind

die „unnatürlich“ großen Blätter der

Reiser. Die zeitliche Dimension dieses

Sterbens ist für unseren auf Schnelllebigkeit

konditionierten Verstand

unfassbar. Selbst die auf Fakten angewiesene

Rechtsprechung legt sich

nicht auf ein mögliches Höchstalter

von Bäumen in Jahren fest, wenn

es um Schadenersatzleistungen für

geschädigte Großbäume geht. Hier

hat man sich auf die Formel „Dieser

Baum wird aufgrund der Schädigung

nicht so alt, wie er hätte werden können,

hätte man ihn nicht geschädigt“,

verständigt. Diese sperrige Formulierung

markiert einen Meilenstein im

Naturschutz unserer Zeit.

Ich gehöre zu den Menschen, die

Bäumen ein wie auch immer geartetes

Bewusstsein zusprechen. Schließlich

beruht ihre Existenz, wie die unsere,

in der Hauptsache auf den Elementen

Kohlenstoff und Wasser, sichtlich in

unterschiedlicher Anordnung. Bäume

reagieren wie wir auf Verletzungen,

versuchen sich dem Klimawandel anzupassen

und haben einen faszinierenden

Gleichgewichtssinn.

Gleich unseren Kindern gehören

Bäume zuerst sich selbst. Der Umgang

mit unseren Bäumen ist Ausdruck davon,

wie viel selbstbestimmtes Leben

wir neben uns in Zukunft überhaupt

noch zulassen. Für mich haben Bäu-

Schon heute ist im

Frühling das Summen

der Bienen am

Kirchentor nicht

mehr zu hören.

Baumschau und Sägen in einer Hand?

Baumservice und Gemeindeverwaltung

arbeiten seit Jahren eng

zusammen. Über die Art und Weise

der Auftragsvergabe hüllt sich die

Bürgermeisterin aus „datenschutzrechtlichen

Gründen“ in Schweigen.

Schnittflächen der Stamm- und

Astabschnitte der beiden Geltower

Kirchenlinden.

Wildpark-West, November 2018.

Eine Kastanie wurde im Baufeld der

„Helma-Siedlung“ zur Schaffung von

Baufreiheit hergerichtet. Zudem

wurde der Wurzelraum mit schwerem

Baumaterial und Technik zugestellt.

Der Baum leidet unter Bodenverdichtung

und ist nicht eingeschalt. Hier

wurde gleich gegen mehrere Gesetze

und Satzungen verstoßen.

Fotos: Jan Eisenfeld

118 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Im Naturschutzgesetz findet man die Formulierung,

dass Natur auf Grund ihres eigenen Wertes schutzwürdig sei,

so wie „die Würde des Menschen unantastbar ist“.

me einen ihnen selbst gehörenden

Wert, außerhalb wirtschaftlicher Verwertung

und ökologischer Funktionen.

Doch dieser Aspekt überfordert

die Rechtsprechung der wichtigsten

Gesetzbücher unseres Landes. Dass

allein Nutzen, Verwertung und Funktion

bzw. deren Wiederherstellungen

monetär fassbare Gegenwerte besitzen

und zusammen mit dem Begriff

„Eigentum“ für uns Menschen

die entscheidende Rolle spielen,

zeigt unseren archaischen, geistigen

Entwicklungsstand. Im Naturschutzgesetz

findet man die Formulierung,

dass Natur auf Grund ihres eigenen

Wertes schutzwürdig sei, so wie „die

Würde des Menschen unantastbar

ist“. Beides sind vage und vieldeutige

Formulierungen, die erst einmal keinerlei

Verbindlichkeiten einfordern.

Auch im Falle des Naturschutzgesetzes

mag der o. g. Passus für uns Bürger

zukunftsweisend klingen, doch

in der Auslegung ist damit eine fragwürdige

Praxis verbunden. Die sogenannte

„Eingriffsregelung“, die sich

aus dem Naturschutzgesetz ableitet

und Eingriffe in Natur und Landschaft

prüft und entsprechende Maßnahmen

verlangt, impliziert u. a. die „Vermeidung“

von Eingriffen in die Natur.

Doch tatsächlich liegt die Anzahl an

Bescheiden mit „Vermeidung“ eines

Eingriffs in Natur und Landschaft,

nicht nur für Schwielowsee und Werder,

im homöopathischen Bereich. Sie

kommt in der Praxis so gut wie nicht

vor. Die Eingriffsregelung ist nahezu

ausschließlich mit den Instrumenten

„Ersatz“ (Ersatzzahlungen) und „Ausgleich“

von Eingriffen beschäftigt.

Dabei ist die „Ersatzzahlung“ zum

Standard in den auf Wachstum sensibilisierten

Kommunen und ihren Planungsbüros

geworden. Das mit einer

Ersatzzahlung auch unsinnige Projekte

finanziert werden können, liegt im

Wesen des Systems. Auch lässt sich

die zeitliche Dimension, die zur Bildung

unserer Böden, der Entstehung

von Mooren und dem Heranwachsen

von Bäumen nötig ist, nicht ersetzen.

Fruchtbare Böden haben 10.000 Jahre

Entwicklung hinter sich! Zerstört

werden sie trotzdem. Und doch müssen

wir über das Instrument der Eingriffsregelung

froh sein, auch wenn

sie in Teilen unwirksam ist, was das

übergeordnete Schutzziel betrifft.

Nur so ist es erklärbar, dass durch Anmeldung

wirtschaftlicher Interessen

die weitere Versiegelung von Böden,

die Schadstoffeinträge in Äcker und

Gewässer, das Insektensterben, der

Rückgang der Vogelarten und das Beschneiden

und Roden alter Bäume

möglich sind. Ressourcen und Natur

werden trotz besseren Wissens weiter

verbraucht, nur dass unsere Verwaltungen

mit dem Naturschutzgesetz

Rechtssicherheit bekommen haben

Fotos: Jan Eisenfeld

Ortsteil Geltow, Am Wasser 2, 23.

November 2016. Nach Jahren falscher

Behandlung dieser Kastanie ist Pilzbefall

(Fruchtkörper am Stamm oben

im Bild) vorprogrammiert. Inzwischen

wurde dieser Baum entfernt.

„Auenland in Beton“, naturnahe Uferlandschaft

als Graffiti! Werder lebt

sehr gut von der endgültigen wirtschaftlichen

Überprägung eines auf

anthropozentrische Bedarfsbefriedigung

reduzierten Feuchtgebietes,

wobei der Name „Havelauen“ unter

marktstrategischen Gesichtspunkten

beibehalten wird.

Gleichzeitig verfallen seit Jahrzehnten

die, vermutlich mit öffentlichen

Mitteln eingerichteten, Wanderwege

durch die einzigartigen Glindower

Alpen. Das vom „Boom“ profitierende

Gewerbe sieht hier keinen Investitionsbedarf.

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 REPORTAGE 119


und sich mit diesem ökologischen

Ablasshandel beschäftigen müssen.

Ökonomische Profilierung

unserer Landesregierung

Sicherlich gibt es Erfolge beim

Artenschutz und dem Schutz von einzelnen

Gebieten oder Bäumen. Doch

vom Erfolg eines angeblich fortschrittlichen

Gesetzes sind wir meilenweit

entfernt, während die Ökonomie

in ihrer Maßlosigkeit bereits

von einer Überregulierung durch den

Naturschutz spricht. Es ist die selbe

Ökonomie, die vom festgeschriebenen

Schutz natürlicher Ressourcen

am Ende am meisten profitiert. Trotzdem

fragen wir uns, wie wir unsere

Industrie erhalten können, ohne uns

zu fragen, welche Ressourcen unsere

Industrie erhalten. Wir führen sinnlose

„Leitkulturdebatten“, während uns

Insekten und Vögel wegsterben.

1996 wurde ich zusammen mit 53

anderen Studenten vom Präsidenten

des damaligen Landesumweltamtes

Brandenburg, Prof. Dr. Matthias Freude,

auf mein naturschutzfachliches

Studium an der FH Eberswalde, heute

HNE Eberswalde, eingestimmt. „Leute

wie sie, werden in den kommenden

Jahren händeringend gebraucht.

Dafür werden sie hier optimal ausgebildet“.

Ich bin heute noch überzeugt,

dass dies tatsächlich der Vorstellung

unserer Professoren entsprach, die in

Eberswalde unverzichtbare Zukunftsarbeit

geleistet haben und noch leisten.

Wir Studenten konnten uns in

Anbetracht zunehmender Umweltprobleme

zukünftig die Berücksichtigung

der ökologischen Dimension

in allen politischen Entscheidungen

vorstellen. Doch schon bald hatte

ich das Gefühl, dass der Bedarf an

professionell aufgestellten Naturschutzexperten

auf der Ebene von

„Entscheidern“ ausgebremst wurde,

im Wissen um ein Naturschutzgesetz

vorzugsweise inoffiziell. Der

ökonomischen Profilierung unserer

Wir führen sinnlose

„Leitkulturdebatten“,

während uns Insekten

und Vögel wegsterben.

brandenburgischen Landesregierung

nach der Wende durfte und darf bis

heute nichts im Weg stehen.

Nach Ende meines Studiums 2002

waren in den Kommunen und Städten

die Fachbereiche für Naturschutz und

für Bauangelegenheiten noch zwei

verschiedene Instanzen. Später wurden

im Land überall die Fachbereiche

Bauangelegenheiten und Naturschutz

in einem Fachdienst oder -bereich zusammengelegt.

Noch 1996 konnten

sich unsere Professoren bei der Erarbeitung

unseres Lehrplanes kaum vorstellen,

dass die Fächer Landschaftsökologie,

Ökosystemlehre, Bodenkunde,

Pflanzen- und Tierökologie, Gewässernutzung,

Ökotoxikologie, Land- und

Forstwirtschaftliche Nutzung, Praktischer

Naturschutz, Raum- und Landschaftsplanung,

Siedlungsplanung,

Umweltverträglichkeitsprüfung, BWL,

Umweltpolitik, Sozialökologie, Beratungswesen

und Öffentlichkeitsarbeit

uns heute nicht für einen Job in einer

Kommunalverwaltung qualifizieren

würden. Fehlen uns doch die Fächer

Hoch- und Tiefbau, Straßensanierung,

Baulandangelegenheiten, öffentliche

Ordnung und Sicherheit.

„Eiche Nr. 77“: Ausgerechnet im

Dürrejahr 2018, während die Bäume

stark unter Trockenstress litten,

wurden durch massive Einkürzungen

von Starkästen vielen Altbäumen der

Berliner Chaussee zwischen Strengfeldbrücke

und Holländermühle

große Wundflächen zugefügt. Solche

Eingriffe schaden ausgerechnet

denen, die auch in Zukunft Ökosystemleistungen

erbringen und zum

Klimaschutz beitragen sollen.

Berliner Chaussee, 10. Oktober 2018.

Bereits vom Boden und bei voller

Belaubung der Eiche sind die zahlreichen

Kappungen von Starkästen zu

erkennen. Auch im Rahmen der Verkehrssicherung

sind solche massiven

Eingriffe unzulässig.

Mehr Lobbyisten als Beamte

Wichtiger noch ist für mich die

Gewissensfrage. Ich selbst könnte

unter der Prämisse „Entscheide stets

so, dass Du dem Primat des Ökonomischen

und den Ideen seiner Anstifter

heute und in Zukunft keine

Steine in den Weg legst! Alles andere

wächst wieder nach!“ in keiner Verwaltung

arbeiten. Ich müsste in mir

zwei ungleiche Persönlichkeiten vereinen

können. Anderen scheint es

zu gelingen, für naturschutzfachlich

zweifelhafte Vorhaben die Anträge

auf Weisung zu genehmigen, sei es

aus Überlegungen zur eigenen Bürokarriere

oder naturschutzfachlicher

Ahnungslosigkeit, weil man für den

Fachdienst Naturschutz eingeteilt

ist, aber vielleicht Hoch- und Tiefbau

studiert hat. Dabei möchte ich

keinem Mitarbeiter in den Verwaltungen

von Schwielowsee und Werder

eine fehlende Begeisterung oder

Handlungsbereitschaft für den Natur-

Fotos: Jan Eisenfeld

120 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Fotos: Jan Eisenfeld

schutz unterstellen. Doch das allein

reicht aktuell kaum für eine Schadensbegrenzung,

sondern verzögert

lediglich den zerstörerischen Eingriff

in Natur und Landschaft. In den meisten

brandenburgischen Gemeinden

und Städten sind die Vertreter ökonomischer

Interessen ungleich professioneller

aufgestellt. Doch auch den

Kommunen mangelt es nicht an finanziellen

Mitteln für eine effektive Naturschutzstrategie.

Es fehlt vielmehr

am Willen, sie dafür bereitzustellen.

Wie schon erwähnt, sollen naturschutzfachlich

begründete Bedenken

die Vision fortdauernder Prosperität

von Städten und Gemeinden nicht

behindern. Dieses simple Denkmuster

ist eng mit den Viten von Entscheidern

verbunden. Von den Mitgliedern

in Gemeinde- oder Ortsbeiräten abgesehen,

wird man feststellen, dass

auf jeder höheren Ebene bis hin zur

EU-Verwaltung, der Anteil von Juristen

zunimmt, denen es an ökologischer

Allgemeinbildung zu mangeln

scheint. Die Vorstellung von uns

Wählern, dass diese Entscheider im

Sinne von Sachverstand und dem Gemeinwohl

kommender Generationen

entscheiden, ist ein folgenschwerer

Irrtum. Das zeigen die zunehmenden

Umweltprobleme trotz der wissenschaftlichen

Erkenntnisfortschritte

und des dringenden Handlungsbedarfs.

Solange die Mehrheit unserer

Entscheider das Maß der Ökologisierung

unserer Gesellschaft erst festlegt,

nachdem sie dieses Maß mit

den Interessen der Partei bzw. den

Vorstellungen nahestehender Wirtschaftslobbyisten

und mit eigenen

Interessen abgeglichen hat, steuern

wir (alle!) auf die ökologische Katastrophe

zu. Im Übrigen arbeiten in

Brüssel ungleich mehr Lobbyisten

als Beamte und dieses Missverhältnis

lässt sich bis auf die kommunale Ebene

herunterbrechen. Die von Umweltämtern,

Instituten und wissenschaftlichen

Fachbeiräten immer wieder

vorgetragene Dringlichkeit in Sachen

Ökologisierung ist nutzlos, da sich der

forschende Teil dieses zweifelhaften

Systems mit der Finanzierung seiner

Arbeit und seiner technologischen

Zunehmende

Umweltprobleme trotz

der wissenschaftlichen

Erkenntnisfortschritte

und des dringenden

Handlungsbedarfs.

Stadt Werder (Havel), Brandenburger

Straße, Oktober 2018. Linden

Nr. 18,16 und 14 (v.l.) mit langer

Leidensgeschichte! Starke Kroneneinkürzungen,

Bodenverdichtung und

Versiegelung und 2018 Rohrverlegung

durch den Wurzelraum. Obwohl

Handschachtung vorgeschrieben ist,

wurde hier auch mit Baggern gearbeitet.

Im Bodenaushub waren armdicke

Wurzelstücke zu erkennen.

Ideen „ruhig stellen lässt“, während

die praktische Umsetzung von Erkenntnissen

zum Umwelt- und Naturschutz

mehr als schleppend verläuft.

Im Natur- und Klimaschutz haben wir

heute weniger ein Defizit an Wissen,

als vielmehr ein Umsetzungsdefizit

von gesicherten Erkenntnissen.

Grund sind der fehlende Willen der

verantwortlichen Entscheidungsträger

und der Wirtschaftslobby. Immer

wieder wird hier die Sinnhaftigkeit

formulierter Schutzziele öffentlichkeitswirksam

angezweifelt, weil die

Vision andauernden Wirtschaftswachstums

unter der Zielsetzung des

Umwelt- und Naturschutzes weniger

prosperieren könnte.

Kommen wir zurück zu den Bäumen.

Einst waren stattliche Hausbäume

der Stolz und die Visitenkarte

ihrer Besitzer und Vorgärten wurden

attraktiv hergerichtet - Laub harken

war damals noch keine Zumutung.

Heute sind Scher-Rasen, umringt

von habitatfreien Thujahecken, Betonpflaster

und neuerdings flächendeckend

auch Grobkies in Vorgärten

und Einfahrten immer häufiger

zu sehen. Irgendwo steht noch ein

Baum. In Geltow, so muss man annehmen,

hat die Gemeindeverwaltung

dem Unternehmen „Town & Country“

gleich die ganze Verantwortung für

das Ortsbild still übertragen, zu dem

maßgeblich die Vorgärten gehör(t)en.

Wie lange Schwielowsee das Thema

Natur- und Baumschutz noch aussitzen

möchte, ist unklar. Solange bleibt

als Ersatzpflanzung von gerodeten

Großbäumen ein mickriger Rotdorn

(Crataegus laevigata, Kulturform) im

Angebot – blüht schön, macht wenig

Laub und ist einheimisch. Doch bietet

ein Rotdorn für andere Arten nur

einen Bruchteil an Lebensräumen

gegenüber einer Esche oder Linde.

Damit soll nicht die Verwendung

von Rotdorn im besiedelten Bereich

Stadt Werder (Havel), Plantagenplatz,

1. Oktober 2018. Linde mit Kroneneinkürzung

und Kappung von

Starkästen. Auch hier wird in der

nächsten Vegetationsperiode

erkennbar sein, ob die Hauptäste

bereits zurücksterben.

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 REPORTAGE 121


grundsätzlich in Frage stehen. Doch

werden die Innenbereiche zukünftig

eine bedeutende Rolle im Arten- und

Klimaschutz spielen. Schwielowsee

und Werder interessiert das noch

nicht. Den „anerkannten Erholungsort“

verdankt Geltow allein der naturräumlichen

Lage und wirtschaftspolitischem

Filz.

Die Pflege von Altbäumen

Was 2012 öffentlichkeitswirksam

als „Grünes Leitbild der Stadt Werder

(Havel)“ bekanntgegeben wurde, ist

lediglich eine Liste an bevorzugt zu

pflanzenden Gehölzen, die sich aber

in der Realität bis heute nur in Ausnahmen

wiederfindet, wie der vereinzelten

Pflanzung von Hainbuchenhecken

auf Grundstücksgrenzen. Doch

wenn ich mir Vorgärten und öffentliche

Freiräume in Werder anschaue,

insbesondere in den sogenannten

Entwicklungsgebieten, so habe ich

den Eindruck, dass es im Werderaner

Rathaus offensichtlich selbst nach

sieben Jahren niemanden gibt, der

sich mit der Umsetzung der Liste intensiver

befasst. Anreize für Bürger

oder Investoren, die sich mit ihren

Flächen am Grünen Leitbild beteiligen

könnten, gibt es meines Wissens

nicht. Vermutlich haben die meisten

noch nie von diesem Leitbild gehört.

Die Pflege von Altbäumen bei

gleichzeitiger Herstellung der Verkehrssicherung

verlangt viel Professionalität

und Abwägung. Bei dem

Eingriff im Frühjahr 2018 an der Berliner

Chaussee (B1) zwischen Strengfeld

und der Baumgartenbrücke hatte

der Erhalt der Bäume mutmaßlich nur

wenig Gewicht. An verschiedenen

Altbäumen (Eichen, Eschen, Ahorne)

wurden die Kronen mehr als notwendig

eingekürzt und Starkäste gekappt,

um auf lange Sicht der Verkehrssicherungspflicht

zu genügen. In der

* ZTV Baumpflege ist das Standardregelwerk in der Baumpflege. Hier sind

Leistungen und Anforderungen für eine fachgerechte Baumpflege definiert.

Das Regelwerk ist Bestandteil einer seriösen Auftragsvergabe und -ausführung

in der Gehölzpflege.

professionellen Baumpflege sind Eingriffe

„auf Vorrat“ nicht umsonst unzulässig,

auch im sicherungspflichtigen

Bereich (vgl. ZTV 2017 *).

Anfälligkeit der Bäume

Mit den Sturmereignissen wie im

Januar 2018 („Orkantief Friederike“)

hatte man in den Verwaltungen eine

Begründung für massive Eingriffe in

ältere Straßenbäume gefunden, obwohl

das schon vorher aus Kostengründen

jahrelange Praxis war, die

oft erst zur Anfälligkeit der Bäume für

Sturmschäden beigetragen hat. Eine

Gelegenheit, die auch private Grundstücksbesitzer

erkannt haben, die

sich ihrer großen Bäume entledigen

wollen. Der mit der Witterung korrelierende

Stoffwechsel der Bäume

kann bei extremer Trockenheit nur

ungenügend reagieren und Schaderreger

können ungehindert eindringen.

Aufgrund des physiologischen

Ungleichgewichts fördern solche Eingriffe

zudem den Pilzbefall im Wurzelbereich.

Im Übrigen finanzieren wir

alle den Umgang mit Straßenbäumen

durch unsere Steuergelder, auch den

falschen. Beispiele gibt es in Schwielowsee

und im gesamten Stadtgebiet

von Werder in besorgniserregendem

Umfang.

Werder (Havel), Oktober 2018. Selbst

weniger baumkundige Menschen werden

beim Anblick der Bäume auf der

Werderaner Friedrichshöhe und ihrer

Zuwegung feststellen, dass es sich

hierbei um außerordentliches Unvermögen

in der Gehölzpflege oder

wahrscheinlicher um die billigend

in Kauf genommene Schädigung von

über 50 Großbäumen handelt.

Stadt Werder (Havel), Zuwegung Friedrichshöhe,

11. Oktober 2018.

Ahorn, alle Starkäste auf etwa 7 Meter

aufgeastet.

Friedrichshöhe hatte

eine großartige Kulisse

Länger als 100 Jahre waren die

Bäume auf der Friedrichshöhe für

eine großartige Kulisse gut, wovon

Stadt und Bürger bei all den Veranstaltungen

profitiert haben. Das sich

nach dem neuerlichen Verkauf des

denkmalgeschützten Areals mit seinem

Baumbestand mutmaßlich niemand

für die Gehölze interessiert,

stimmt mich traurig. Die rücksichtslosen

Kappungen von Starkästen an

Ahornen, Kastanien und Linden in der

Reifephase und deren Aufastung haben

den Bäumen massiven Schaden

zugefügt. Dabei ist die Standfestigkeit

bei den meisten Bäumen unproblematisch.

Der entstandene Schaden

an über 50 Großbäumen dürfte im

sechsstelligen Bereich liegen.

Fotos: Jan Eisenfeld

122 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Kirschlorbeer und Thuja-Hecken

Das Unternehmen Dolphin Trust

GmbH aus Langenhagen bei Hannover,

aktueller Besitzer der Flächen,

will hier „rund 58 Mio. Euro in den Bau

einer Wohnanlage investieren.“ (www.

thomas-daily.de, 05.11.2018). Diese

Absichtserklärung scheint Werder zu

genügen, der Angelegenheit nicht

weiter nachzugehen. Dass es keinen

festgeschriebenen Gehölzschutz

gibt, der eine Prüfung in der Sache

verlangt, gehört zur strategischen

Ausrichtung der Stadtverwaltung.

Unter dem Slogan “Nur eine Stadt die

baut, blüht auf“ werden nicht nur in

den Entwicklungsgebieten bevorzugt

fremdländischer Kirschlorbeer und

blickdichte Thuja-Hecken gepflanzt,

heimische Gehölze dagegen äußerst

selten. 2012 wurde auf einer Stadtverordnetenversammlung

in Werder

eine Baumschutzsatzung mit folgenden

Wortbeiträgen abgelehnt:

„Es wird in Werder gar

keiner mehr Bäume

pflanzen, wenn er sie

nicht auch wieder

absägen darf.“

W. Gäding, CDU

„Wenn man vom

Weinberg runterschaut,

sieht man keine Häuserzeile

mehr. Es gebe

keinen Grund,

regulierend einzugreifen.“

B. Martin, Freie Bürger

Donnerwetter! Da schaut einer

vom Ufer auf´s Meer und behauptet,

er sehe, dass es Fischen und Korallen

gut geht.

Es ist erschreckend, welchen Mangel

an Sachverstand erkorene Mitglieder

in Ausschüssen, Beiräten und

Gremien offenbaren, wenn sie von

der Materie keine Ahnung haben, aber

angesichts ihrer eigenen Interessen

Quelle: Brandenburgisches Landeshauptarchiv,

Rep. 3B Regierung Frankfurt, I Hb, Nr. 863, datiert 28.08.1912

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 REPORTAGE 123


und ihres Parteibuchs glauben, etwas

dazu sagen zu müssen. Damit sind

wir wieder bei den zuvor erwähnten

simplen Denkmustern der vom ewigen

Wirtschaftswachstum überzeugten

Bürger und „Entscheider“.

Vielleicht müssen wir, der Rest

ganzheitlich denkender Menschen

mit ökologischem und sogar genügend

ökonomischem Sachverstand,

die Generation der Unbelehrbaren

einfach aussitzen und unter erschwerten

Bedingungen eine lebenswerte

Zukunft unserer Kinder vorbereiten.

Dass es eine Zeitenwende geben wird,

bei der sich Wirtschaftsvisionen bedingungslos

ökologischen Vorbehalten

und Verhältnissen unterordnen

müssen, gilt als sicher. Aktuell sieht

man in den Verwaltungen in Schwielowsee

und Werder leider noch keinen

besonderen Handlungsbedarf.

Im Umgang mit dem Naturschutz und

mit „Baumschützern“ muss man taktieren,

da eine nachhaltige Strategie

fehlt. Man lässt die Bürger lieber in

dem Irrglauben, dass der Naturschutz

unseren Wohlstand gefährdet!

Dringender denn je

Gewissen und Mitgefühl werden

jedem von uns in die Wiege gelegt.

Aber moralische Urteilsfähigkeit und

entsprechendes Handeln bedürfen

des lebenslangen Lernens. Dafür

brauchen wir Vorbilder, insbesondere

in den Reihen der Entscheider,

die ein Mindestmaß an ökologischer

Allgemeinbildung und Begeisterungsfähigkeit

für Natur mitbringen,

um Prosperität in eine enkeltaugliche

Verhältnismäßigkeit zum Naturschutzgedanken

zu bringen. Wichtiger

als sanfter Tourismus ist sanftes

Wirtschaftswachstum.

Jeder Anstifter von maßloser Prosperität

sollte einmal in seinem Leben

eine 300-jährige Eiche umarmt haben.

Dringender denn je müssen wir

uns die Gewissensfrage im Umgang

mit unserer Natur stellen. Wenn wir

selbst Naturschutz wieder ernst nehmen,

werden unsere Verwaltungen

reagieren müssen und auch der ökologischen

Bedeutung fachgerechter

Baumpflege einen entsprechenden

Stellenwert einräumen. Es geht um

nichts weniger als den Erhalt von

lebendiger Heimat. Der „günstigste

Anbieter“ ist da erfahrungsgemäß ungeeignet.

Die meisten unserer Kinder kennen

jeden Hersteller von Spielkonsolen

und glauben den Versprechungen

der Industrie zur neuesten Androidversion,

können aber eine Eiche nicht

von einer Linde unterscheiden. Solange

wir dabei nur zuschauen, täuschen

wir unsere Kinder in der Entdeckung

ihrer wahren Bedürfnisse und am

Ende uns selbst. Auch wenn Bäume

sich ungefragt auf unser Bauland gestellt

haben und Äste und Blätter auf

unser Eigentum werfen, sind sie doch

großartige Lebewesen und für den

Klimaschutz unverzichtbar. Solange

wir der Industrie unsere Bereitschaft

signalisieren, dass wir lieber auf unsere

Bäume verzichten, als auf Smartphones,

Erlebnisküchen, schicke SUVs

und tabulose TV-Events, sind wir am

Ende für die Natur verzichtbar. Bis dahin

können wir dem Artensterben auf

unseren Curved-TVs zusehen, doch

Aussterben wird auch durch 8K-Auflösung

nicht schöner. Zeit, um lange

darüber nachzudenken, haben wir

nicht mehr.

Olaf Thiede

Der Autor Jan Eisenfeld, geboren

1966 in Dresden, lebte 12 Jahre in

Geltow, bevor er und seine Familie

2016 nach Werder (Havel) zogen.

Nachdem er zehn Jahre als

Elefantenpfleger im Berliner Zoo

tätig war, studierte er in den 90er

Jahren Naturschutz in Eberswalde.

Heute arbeitet er als Grafikdesigner

für den Naturschutz und als

künstlerischer Fotograf.

124 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


FLUCH UND SEGEN DER WALDSIEDLUNG



Wer Bäume setzt, obwohl er weiß, dass er nie in ihrem Schatten sitzen wird,

hat zumindest angefangen, den Sinn des Lebens zu begreifen.

Der gemeine Baum

Rabindranath Tagore

VON TATJANA GERBER & JANA FELLENBERG

Haben Sie schon einmal im Herbst eines Mastjahres

unter einer alten Eiche vor ihrem Grundstück

Laub und Eicheln zusammen geharkt? Tagelang,

bis der Rücken schmerzt mit Eicheln, deren Größe

jeden Kieselstein erblassen lassen? Kennen

sie das Trommelfeuer der Kastanien des Nachts

bei Herbstwind auf den Carportdächern? Die

Schütte der Kiefern, Tannen und Fichten, deren

Nadeln die Abläufe der Regenrinnen verstopfen?

Birken und Kiefern, deren gelber Staub dass

im ersten Frühlingslicht geputzte Fenster wieder

blind und klebrig zur Milchglasscheibe mutieren

lässt? Erlen, deren Früchte im Herbst auf den

edlen weißen Decks der Boote am Havelufer,

schwarze Zeichnungen ihrer selbst hinterlassen?

Äste knorriger Eichen, die nach den trockenen

und heißen Sommern ohne jede Vorwarnung herab

brechen und die hin und wieder im Frühjahr

von Prozessionen ganzer Völker Spinnfaltern erklommen

werden, dass manchem von uns die

Luft wegbleibt? Kennen sie das Geräusch brechender

Bäume in einem Jahrhundert-Sturm?

Nein? Das alles kennen sie nicht?

Dann brauchen sie nicht weiter lesen, denn

dann berührt sie die Thematik vermutlich kaum.

126 INTERVIEW WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


INTERVIEW

Hallo Herr Zeidler, wie man der Niederschrift der Sitzung der

Gemeindevertretung vom 26. September 2018 entnehmen kann,

haben die Fraktionen der Gemeindevertretung Sie als externen

Baumsachverständigen, mit 20 Ja-Stimmen, bei nur einer Stimmenenthaltung,

beauftragt, ab 1. Oktober 2018 für den Zeitraum von sechs Monaten „unbeeinflusst

und unabhängig die zur Fällung genehmigten Bäume zu kontrollieren

(Baumschau, Artenschutz, Nachpflanzung)“.

Kurz vor Ablauf dieser sechs Monate,

Hand aufs Herz Herr Zeidler:

Wie war der Zustand der von Ihnen begutachteten

Bäume?

Die meisten Bäume waren gesund

und standsicher. Gerade die Kiefern

sind häufiger schon in der Alterungsphase

und haben ab und zu schon einen

Pilzbefall. Diese Kiefern müssen

dann entnommen werden. Betrachtet

man den Baumbestand als Ganzes, ist

er überaltert und schon sehr lückenhaft

geworden. Stürme, Fällungen, unnötige

„Angst-Fällungen“, Bauvorhaben

und zu wenige Nachpflanzungen

setzen dem Gesamtbestand stark zu.

Welche Kriterien ziehen Sie zu Rate um

festzustellen, ob ein Baum standsicher

ist oder nicht?

Wichtige Kriterien für die Standsicherheit

eines Baumes sind: Gibt es

Schadsymptome an der Wurzel, am

Stammfuß, am Stamm oder in der Krone?

Mit der Zusammenfassung aller

Schadsymptome wird der Baum auf

die Bruch- und Standsicherheit bewertet

und folglich Handlungsempfehlungen

abgeleitet.

Der Redakteur des Havelboten

berichtete in seiner Januar-Ausgabe

über einen Vor-Ort-Termin, bei dem

zur Fällung beantragte Bäume

gemeinsam mit Mitarbeiterinnen

der Verwaltung begutachtet wurden.

Wenn man den Beitrag unvoreingenommen

liest, gewinnt man den

Eindruck, dass die verantwortlichen

Mitarbeiterinnen, zusammen mit Ihnen,

den Baumerhalt sehr ernst

nehmen. Teilen Sie diese Meinung?

Ich beantworte die Frage mit ja, aber.

Ich arbeite mit verschiedenen Gemeinden

und Städten zusammen und

muss immer wieder feststellen, wie

unterschiedlich die Einstellungen

der Baumschutzbeauftragten sind.

Das reicht von sehr lax bis extrem

baumschützerisch. In der aktuellen

schnelllebigen Zeit, wo schnell und

viel gebaut wird und wenig Augenmerk

auf das Landschaftsbild gelegt

wird, würde ich mir etwas mehr Baumund

Naturschutz wünschen. Bauvorhaben,

die Bäume oder Grünflächen

einfach wegplanen, heiße ich nicht

für gut. Bäume, Baumgruppen, Grünund

Weideflächen, Hecken, Säume

und andere prägende Strukturen der

Landschaft sollten immer mit in die

Bauplanungen einbezogen werden.

Und diesbezüglich könnte von der

Gemeinde Schwielowsee noch etwas

mehr Kampfgeist für die Erhaltung

der Waldsiedlung Wildpark-West aufgebracht

werden.

Sie sind ein erfahrener Baumkontrolleur,

der in der Vergangenheit

schon tausende Bäume für Potsdam,

Berlin und Gemeinden im Umland

begutachtet hat.

Wie schwer wiegt in der Entscheidungsfindung

Ihr Wort? Werden die

von Ihnen gemachten

Empfehlungen von der Gemeinde

in den Bescheiden umgesetzt?

Bei den gemeinsamen Vor-Ort-Terminen

mit der Gemeinde war man

sich bisher immer einig. Bei schon genehmigten

Bauvorhaben sind Bäume

schon weg geplant und somit liegt es

nicht mehr in meiner Hand auch gesunde

Bäume zu erhalten.

Bei einem der Fällbescheide wurden

neun Bäume auf Grund eines

Bauvorhabens zur Fällung beantragt.

Zwei Kiefern waren außerhalb des

Baufeldes und durften stehen bleiben,

ein Baum stand zu seinem Glück auf

dem Nachbargrundstück. Inwieweit

haben Sie auf den Baumschutz bei

Bauvorhaben Einfluss?

Mein Einfluss ist recht begrenzt.

Wenn ein Baum zufällig am Rand

des Bauvorhabens steht, dann kann

dieser Baum häufig erhalten bleiben.

Wenn jedoch eine Baumgruppe gerade

dort steht, wo ein Carport nach

Bebauungsplan schon genehmigt

wurde, habe ich keinen Einfluss.

Haben Sie Einfluss, was die Art, den

Ort und die Anzahl von Nachpflanzungen

für zur Fällung vorgesehene

Bäume auf den betreffenden Grundstücken

betrifft?

Nein.

In manch Baumhöhlung oder Kobel in

einer Kieferkrone versteckt sich, von

uns oft unbemerkt, der eine oder andere

kleine tierische Waldbewohner. Vor

allem die Fledermäuse in der Winterstarre

haben keine Chance wegzufliegen

und fallen unter Umständen der

Kettensäge zum Opfer.

Inwieweit wird bei den Vor-Ort-Termi-

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 INTERVIEW 127


nen auf den Artenschutz eingegangen?

Können Sie die betreffenden Einwohner

in dieser Hinsicht beraten? Was

passiert, wenn in einem Stamm eines

nicht mehr standsicheren Baums eine

Spechtfamilie wohnt? Muss sie ausziehen?

Beratungen und Empfehlungen

finden immer statt. Wenn ein Baum

nicht mehr standsicher ist, er jedoch

Höhlungen mit artenschutzrechtlicher

Relevanz aufweist, wird der

Baum nicht komplett gefällt. Es wird

ein entsprechend hoher Reststamm

stehen gelassen, um so die möglichen

Höhlenbewohner zu schützen.

Worauf sollten die Einwohner beim

Umgang mit Ihren Bäumen besonders

achten? Können Sie da ein paar Tipps

geben?

In regelmäßigen Abständen nach

Totholz, Astrissen oder Pilzfruchtkörpern

am Baum Ausschau halten. Verletzungen

an Wurzel oder Stamm gilt

es immer zu vermeiden. Sei es durch

Bauarbeiten in Wurzel- oder Stammnähe

oder z. B. durch unsachgemäßes

Anbringen von Hängematten durch

Nägel oder Haken.

Warum sollten Grundstückseigentümer

regelmäßig eine Baumschau

durchführen lassen? Welche Sicherheit

gibt den Grundstückseigentümern ein

Gutachten?

Aufgrund der Gefahrenabwehr ist

eine Baumschau oder ein Gutachten

immer nützlich. Das Schadensrisiko

durch herunterfallendes Totholz,

durch abreißende Astgabelungen

oder eines kranken Baumes kann dadurch

reduziert werden.

Die Bürgerinitiative hat im April

letzten Jahres die Nachpflanzaktion

„Rettet die Waldsiedlung!“ 2018–2033

ins Leben gerufen, die unter der

Schirmherrschaft des NABU steht. Was

meinen Sie: Ist die Waldsiedlung noch

zu retten?

Schön wäre es. Dazu müssten alle

an einem Strang ziehen. Die Planer,

die Entscheider und die Schützer.

Und es sollten Kiefern gepflanzt werden.

Kiefern, Kiefern, Kiefern.

Herzlichen Dank für die

Beantwortung der Fragen

und viel Erfolg bei Ihrer Arbeit!

Stein des Anstoßes: Für mehrere der vom NABU Brandenburg in

Musterprozessen beklagten Fällbescheide begutachtet Mario Zeidler

als externer Sachverständiger die betreffenden Kiefern. Nach seiner

Einschätzung konnten etwa in diesem Fall drei der sechs ursprünglich

von der Gemeindeverwaltung zur Fällung genehmigten Kiefern

erhalten werden. Die vierte, mit einer Fledermaushöhlung versehen,

sollte eigentlich aus Artenschutzgründen als neun Meter hoher

Biotop-Stamm stehen bleiben, wurde aber zwischenzeitlich gefällt.

Foto: Jana Fellenberg

Im Januar 2019 nahmen fünf Gemeindevertreter

zusammen mit

sechs Vertretern der Bürgerinitiative

Akteneinsicht in alle im Zusammenhang

mit der Baumschutzsatzung

seit Oktober 2018 ergangenen Bescheide

der Gemeinde für Wildpark-West.

Die Bürgerinitiative hatte

diese Akteneinsicht beantragt,

um zu überprüfen, ob die Beschlüsse

der Gemeindevertretung von

September 2018 umgesetzt wurden.

Das Fazit

Auch wenn es in der Protokollierung

noch immer ernste Mängel gab und

der externe Sachverständige nicht

an Festlegungen zu Nachpflanzungen

beteiligt wurde, ist doch eine

deutliche Verbesserung der Aktenführung

erkennbar gewesen.

Was auffiel

Die Anzahl der Beantragungen hat

sich im Vergleich zu den beiden Vorjahren

erheblich verringert und die

genehmigten Fällungen sind auffallend

drastisch zurückgegangen. Elf

von 19 zur Fällung beantragte Bäume

wurden nach Einschätzung des

externen Baumsachverständigen

als standsicher eingeschätzt, die

Fällanträge dieser Bäume wurden

abgelehnt.

Von den acht zur Fällung beschiedenen

Bäumen, waren nur zwei

Bäume krank, sechs Bäume fallen

wegen eines Bauvorhabens.

128 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


DOKTOR WALD

Wenn ich an Kopfweh

leide und Neurose,

mich unverstanden fühle

oder alt,

dann konsultiere ich

den Doktor Wald.

Waldkiefer richtig pflanzen

Standort und Boden

Kiefern sind schnellwüchsig, äußerst

frosthart, windfest und hitzetolerant,

brauchen aber einen vollsonnigen

Standort.

Was den Boden betrifft, sind die Ansprüche

hingegen nicht besonders

hoch: Kiefern wachsen selbst auf armen,

mäßig trockenen Sandböden

noch gut.

Pflanzung

Die beste Pflanzzeit liegt in der Vegetationspause

von September bis April

und sollte bei frostfreiem Wetter erfolgen.

Wenn ausreichend gegossen

wird, kann auch im Sommer gepflanzt

werden.

Eine besondere Bodenvorbereitung

ist nicht nötig. Nur sehr schwere, verdichtete

Böden sollten tiefgründig

gelockert und mit Sand oder Humus

gemischt werden.

Pflege

Kiefern sind nach dem Einwurzeln

äußerst pflegeleicht und genügsam.

Sie kommen ohne Dünger und zusätzliche

Bewässerung aus. Mit einer

Kompostgabe im Frühjahr können Sie

das Wachstum jüngerer Pflanzen aber

etwas beschleunigen.

Waldkiefer (Pinus silvéstris).

Familie: Pinaceen. Blütezeit: Mai

1 Männliches Blütenkätzchen. 2, 3

WeiblichesBlütenzäpfchen. 4, 5

Fruchtzapfen in verschiedenem

Reifezustand. 6 Samen mit Flügel.

Tipps zum Pflanzen

» » Pflanztermin für Kiefern: frostfreie

Perioden im Herbst oder Frühling

» » am besten vorgezogene Jungkiefern

pflanzen

» » Boden vor der Pflanzung tiefgründig

auflockern

» » ergänzend Grunddüngung aus Humus

und Kompost untermischen

» » Pflanzloch von doppelter Größe

des Wurzelballens ausheben

» » Jungkiefer zunächst ins Wasser

stellen, danach ins Pflanzloch einsetzen

» » mit Aushub auffüllen und Erde vorsichtig

festtreten

» » abschließend Gießrand anlegen

und Kiefer kräftig angießen

Tipps zum Gießen und Düngen

» » in jungen Jahren und bei anhaltender

Trockenheit Kiefern regelmäßig

gießen

» » Mulchschicht im Wurzelbereich

schützt die Kiefern vor Austrocknung

» » Düngung erfolgt im Frühling und

Sommer

» » Hornspäne und Kompost sind hierfür

am besten geeignet

Quellen: www.gartenanlegen.net,

www.mein-schoener-garten.de, www.wikipedia.de,

www.pinterest.fr

Er wohnt ganz nah,

gleich nebenan.

Er ist mein Augenarzt und

mein Psychiater,

mein Orthopäde und

mein Internist.

Er hilft mir sicher

über jeden Kater,

ob er aus Kummer

oder Kognak ist.

Er hält nicht viel von

Pülverchen und Pille,

doch umso mehr von Luft

und Sonnenschein!

Ist meine Praxis auch

sehr überlaufen,

in seiner Obhut läuft

man sich gesund.

Er bringt uns immer

wieder auf die Beine,

verhindert Fettansatz

und Gallensteine.

Den Blutdruck regelt er

und das Gewicht –

nur Hausbesuche macht

er leider nicht.

Förster Helmut Dagenbach,

1986

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 REPORTAGE 129


Ohne Wasser … merkt Euch das,

wär` unsre Welt ein leeres Fass!

So ließ der italienische Komponist Luigi Cherubini um

1800 den Wasserträger in seiner berühmten Opern-

Arie singen, als dieser seine Armut bitter beklagte.

Doch ist es wirklich so?

Sport für Pflanzen

VON FRIEDERIKE KÖGLER

rastet, der rostet“

heißt es im Volksmund;

körperliche Betätigung

„Wer

wird grundsätzlich als

positiv für die menschliche Gesundheit

gewertet. Im (Leistungs-) Sport

wird dieses Prinzip der „positiven“ Belastung

gezielt genutzt, um die Leistungsfähigkeit

zu steigern. Geht man

beispielsweise in ein Fitness-Studio,

erhält man direkt Hinweise zu einem

gezielten Training einzelner Muskelgruppen

und für die speziellen

Eigenschaften der Muskeln, wie Ausdauer

oder Schnellkraft. Die Theorie

dahinter basiert auf der Beobachtung,

dass ein gezielter Belastungsreiz (beispielshalber

Gewichte heben) von

den Muskeln wahrgenommen und

diese Information für eine begrenzte

Zeit gespeichert wird. Wiederholt

man den selben Belastungsreiz innerhalb

einer bestimmten Frist, kann der

Muskel die vorhandene Information

hierzu abrufen und besser auf die erneute

Belastung reagieren, so dass es

zu einer Leistungssteigerung kommt.

Man kann also ein größeres Gewicht

heben. Das ist die Grundlage für körperliches

Training. Ebenso bekannt

ist allerdings, dass diese Information

In den Versuchen

wurden Pflanzen

gezielt mildem

Wassermangel

ausgesetzt.

in den Muskeln nicht unbegrenzt gespeichert

wird. Wiederholt man den

selben Reiz also nicht innerhalb der

erforderlichen Frist, wird die Information

zu diesem Reiz wieder „vergessen“.

Wie genau die Speicherung der

Information innerhalb der Muskeln

erfolgt, ist noch nicht abschließend

geklärt. Eine Leistungssteigerung ist

zudem nicht unbegrenzt möglich: Je

nach Individuum und Belastung kann

eine maximale Leistungssteigerung

nicht übertroffen werden.

Pflanzen verhalten sich ähnlich

In einem Forschungsprojekt der

Universität Duisburg-Essen wurde

nun eine ähnliche Verhaltensweise

auch für Pflanzen ermittelt. Was

eigentlich auch jedem Hobby-Gärtner

intuitiv klar ist: auch eine Pflanze

kann durch positive Belastung eine

Leistungssteigerung erreichen. In

den Versuchen am Lehrstuhl für Steuerung,

Regelung und Systemdynamik

wurden Pflanzen gezielt mildem

Wassermangel ausgesetzt und das

Pflanzenwachstum gemessen (Blattwachstum).

Der Versuchsaufbau bestand

aus jeweils vier Gruppen von

je fünf Pflanzen, die unter Laborbedingungen

jeweils unterschiedliche

Wassermengen erhielten. Gemessen

wurde dann das Blattwachstum, das

sich aufgrund unterschiedlicher Bewässerung

unterschied. Ein erster,

milder Wassermangel, der zu keinen

sichtbaren Welkesymptomen führte,

resultierte in einer durchschnittlichen

Verminderung des Blattwachstums

um etwa zehn Prozent. Die

Pflanze passt sich im Wachstum also

der vorhandenen Wassermenge an.

Eine Wiederbewässerung nach dem

ersten Wassermangel führt zu einer

Illustration: Georg Jarek

130 WISSENSCHAFT WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Welche Auswirkungen hat der Wassermangel von heißen

Sommern wie 2018 auf unsere Umwelt? Sind Pflanzen

und Bäume nicht doch in der Lage, sich den verändernden

klimatischen Bedingungen anzupassen?

Überkompensation des verringerten

Wachstums mit einer Wachstumsrate,

die fast 50 Prozent höher ist, als unter

nicht-trainierten, vollbewässerten

Bedingungen. Wiederholt man

den gleichen milden Wassermangel

innerhalb von etwa drei Tagen, wurde

keine Wachstumsverringerung

gemessen. Die Pflanze kann also offenbar

die Information über den ersten

erfolgten Wassermangel abrufen

und ihr Wachstum entsprechend effizienter

gestalten. Erfolgte jedoch

der gleiche milde Wassermangel

erst nach Ablauf der ermittelten Gedächtnisdauer

von etwa drei Tagen,

reagierten die Pflanzen ähnlich wie

die untrainierten Vergleichsgruppen,

es lag also keine Erinnerung an die

Belastung mehr vor. Die Ergebnisse

zeigen also, ähnlich wie bei der Erinnerungsfähigkeit

von Muskeln, dass

pflanzliche Strukturen Informationen

über Belastungen, wie Wassermangel,

für eine gewisse Zeit speichern

können. Diese Informationen können

das Verhalten der Pflanzen auf erneute

Belastungen desselben Typs

beeinflussen und zu einer Leistungssteigerung

führen: eben Sport für

Pflanzen. Auch hier sind die physiologischen

Grundlagen für die Speicherung

und das Abrufen der Informationen

noch nicht geklärt, ebenso

wie die genauen Zeiten für die Erinnerungsfähigkeit.


Enorme Einsparungen im Wasserverbrauch

sind möglich

Die Untersuchung zeigt jedoch

das große Potenzial, das eine gezielte

Steuerung dieser Trainierbarkeit von

Pflanzen hat: Weltweit werden 70 Prozent

des Frischwassers für die Bewässerung

von landwirtschaftlichen

Flächen genutzt. Gleichzeitig erfolgt

40 Prozent der landwirtschaftlichen

Produktion im Bewässerungslandbau,

auf lediglich 20 Prozent der Flächen.

Hier sind also enorme Einsparungen

im Wasserverbrauch möglich. Dies

ist vor allem bei zunehmenden Trockenheiten

und einer wachsenden

Weltbevölkerung von Bedeutung.

Die beschriebene Forschungsarbeit

reiht sich ein in eine Serie anderer

Forschungsvorhaben, in denen auch

die Erinnerungsfähigkeit für andere

Belastungen untersucht werden

(wie Kälte, Infektionen). Hier zeigt

sich, dass die pflanzlichen Mechanismen

von den unseren möglicherweise

doch nicht so weit entfernt

sind, wie vielleicht gedacht. Neben

den beschriebenen, kurzfristigen Erinnerungsfähigkeiten,

ist in der Forschung

aber auch eine langfristige

Erinnerungsfähigkeit (beispielsweise

über sogenannte epigenetische Veränderungen)

bekannt, die eine Änderung

des Verhaltens oder der Strukturen

bewirkt, die dauerhaft ist und

teils auch auf folgende Generationen

übertragen wird (ohne Mutation oder

Rekombination von Genen).

Ergebnisse übertragbar

Diese „Erinnerungsfähigkeiten“

sind dann zusätzlich auch für Pflanzen

relevant, die nicht nur einen Sommer

auf dem Feld stehen, sondern

Jahre oder Jahrzehnte leben.

Die Ergebnisse der vorgestellten

Arbeit sind auf andere Pflanzenarten

übertragbar und stellen daher auch

für Bäume eine wichtige Fähigkeit zur

Überwindung unvorteilhafter Umgebungsbedingungen

dar. Ein Training

mit leichten Wassermangelsituationen

kann Bäume dazu anregen, tiefere

Wurzeln auszubilden und damit

tiefere Wasservorkommen zu erreichen.

Zu starke Wassermangelsituationen,

wie beispielsweise im Jahr

2018, sind allerdings auch mit bestem

Training für viele Arten nicht mehr zu

bewältigen.

Die Autorin Friederike Kögler,

Jahrgang 1969, lebt in Velbert bei

Wuppertal. Sie ist Dipl.-Agrar-Ing.,

Dipl.-Wirtsch.-Ing. und Dr.-Ing.

cand., verheiratet und hat 2 Kinder.

Ihre Eltern leben in Wildpark-West.

Mit dem Zukunftspreis ausgezeichnet

Der Vortrag zu dieser Forschungsarbeit

wurde im September 2018

mit dem „Ernst-Klapp-Zukunftspreis“

der Gesellschaft für Pflanzenbauwissenschaften

ausgezeichnet.

Der Preis wird an Nachwuchswissenschaftler/innen

verliehen,

um herausragende wissenschaftliche

Qualität zu honorieren und die

Bedeutung aktueller pflanzenbauwissenschaftlicher

Themen einer

breiteren Öffentlichkeit näher zu

bringen. Zur Preisverleihung 2018

132 WISSENSCHAFT WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Im Gemeindeteil Wildpark-West setzen sich zahlreiche Einwohner für den Erhalt

des Waldcharakters ihrer Siedlung ein. Sachliche Argumentation und die

Benennung von Missständen über unbefriedigendes Verwaltungshandeln

sind kein Populismus – sondern gelebte Demokratie!

Das geht uns alle an

VON FRIEDHELM SCHMITZ-JERSCH

Im Havelboten vom November

letzten Jahres mahnte der Ortsvorsteher

von Geltow zu Zusammenarbeit

und Sachlichkeit.

„Gegenseitige Schuldzuweisungen,

Klagen oder gar Strafandrohungen

bringen uns nicht weiter“, sagte er

dem Havelboten auf Anfrage. Die

Bürgerinitiative „Waldsiedlung Wildpark-West

und der NABU, der gegen

Baumfällgenehmigungen geklagt hat,

sind keine Querulanten. Sie setzen

sich gegen Fehlverhalten der Gemeinde

zur Wehr, für den Erhalt der Waldsiedlung.

Dazu ist eine gehörige Portion

Hartnäckigkeit erforderlich. Ohne

diesen Einsatz würden wohl munter

wie zuvor von der Gemeinde Baumfällgenehmigungen

erteilt.

Eklatante Rechtsfehler

Wie für den Havelboten üblich,

wird in dem Artikel besonders die

Sichtweise der Verwaltung wiedergegeben.

Die Ausführungen der Bürgermeisterin

sind bemerkenswert.

Es wurden „auch bereits erlassene

Baumfällgenehmigungen noch einmal

in den Blick genommen“. In den

Fällen „in denen sich ein ursprünglich

angenommener Gefahrentatbestand

durch einen Baum über einen

längeren Zeitraum nicht verwirklicht“,

könne auch mit Einverständnis des

Grundstückeigentümers eine Baumfällgenehmigung

aufgehoben werden.

Der NABU hatte zunächst musterhaft

gegen eine Baumfällgenehmigung

geklagt, weil die Voraussetzungen

der Baumschutzsatzung nach seiner

Auffassung in eklatanter Weise verletzt

worden waren. Nachdem die Gemeinde

diese Genehmigung von sich

aus aufgehoben hatte, hat der NABU

exemplarisch gegen zwei weitere

Baumfällgenehmigungen Klage erhoben.

Auch diese beiden Genehmigungen

hat die Gemeinde nach Klageerhebung

aufgehoben. Um Ihnen die

Dimensionen zu verdeutlichen: Von

November 2016 bis September 2018

wurden über 310 Baumfällgenehmigungen

in Wildpark-West erteilt, allein

davon von November 2017 bis

Ende Februar 2018 mindestens 160.

Keine ausreichende Verpflichtung

In einem der drei musterhaft beklagten

Fälle ging es etwa um eine gesunde

Kiefer, die nur einen geringen,

für Kiefern typischen Schrägstand

aufwies. Nach Ansicht des Rechtsanwaltes

des NABU waren die beklagten

Baumfällgenehmigungen derart

fehlerhaft, dass die Gemeinde schnell

den Rückzug angetreten hat. Mehr

oder weniger leiden die vielen anderen

Baumfällgenehmigungen an demselben

Rechtsfehler, insbesondere

keine ordnungsgemäße Erfassung des

Zustandes der Bäume und keine ausreichende

Verpflichtung zum Nachpflanzen.

In einem weiteren Fall konnte

durch ein Widerspruchsverfahren

erreicht werden, dass ein Fällbescheid

über sieben Kiefern aufgehoben wurde.

Es ist aber nicht bekannt - und

wohl auch nicht geschehen – dass

über diese vier Fälle hinaus weitere

Genehmigungen durch die Gemeinde

aufgehoben worden sind. Gegen

diese kann der NABU nunmehr nicht

gerichtlich vorgehen, die Klagefristen

sind inzwischen abgelaufen. Die Gemeinde

hat es durch die Aufhebung

der vier Genehmigungen geschafft,

dass ihre Baumfällgenehmigungen

nicht mehr durch das Verwaltunggericht

überprüft werden können!

Eine gesetzliche Änderung muss her

Neues Unheil für die Waldsiedlung

bedeutet der vollständige Kahlschlag

an der Schweizer Straße für

eine Neubebauung. Forstbehörde,

Landkreis und Gemeindeverwaltung

schieben sich gegenseitig die Verantwortung

zu. Die Forstbehörde

genehmigte eine Waldumwandlung,

die den Kahlschlag ermöglichte und

behauptet, die Gemeinde könne die

Belange des Baumerhalts in das Baugenehmigungsverfahren

einbringen.

Es ist zu ermitteln, ob der Landkreis

die Gemeinde beteiligt und wie die

134 KOMMENTAR WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Die beklagten

Baumfällgenehmigungen

waren derart fehlerhaft,

dass die Gemeinde

schnell den Rückzug

angetreten hat

Von Bürgern für Bürger gemacht.

Gemeinde reagiert hat. Das gesamte

Verfahren ist aber mehr als unbefriedigend.

Im Landtag liegen Beschwerdeschreiben

von Initiativen aus dem

Land vor, die von einer ähnlichen Situation

betroffen sind. Eine gesetzliche

Änderung muss her, die für solche innerörtlichen

Waldlagen einen klaren

Vorrang des Baumerhalts festlegt.

Die Bedeutung des Waldes

Ein noch größerer Schaden für die

Waldsiedlung wäre die Bebauung des

ehemaligen Ferienlagers im weiteren

Verlauf der Schweizer Straße. Wenn

dieses Gelände mit 14.000 Quadratmeter

Grundfläche ebenfalls für eine

Bebauung freigemacht würde, wäre

dies ein besonders schwerwiegender

Verlust. Die Aufstellung eines Bebauungsplanes

für diese Wohnbebauung

muss deshalb verhindert werden. Wer

die Bedeutung des Waldes für die

Menschen, für Klimaschutz und Erholung

ernst nimmt, muss der weiteren

Waldvernichtung in Wildpark-West

entgegen treten.

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Wildpark-West ein und fördern zusammen mit anderen Vereinigungen das

kulturelle und soziale Zusammenleben in der Region.

** Waldsiedlung Wildpark-West erscheint im Frühling und Herbst.

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Der zum Jahresende 2018 zum

Vorsitzenden des NABU Brandenburg

wiedergewählte Friedhelm Schmitz-

Jersch ist studierter Jurist. Er ist Jahrgang

1947, verheiratet und hat einen

Sohn. Er lebt in Geltow, wo er Mitglied

des Ortsausschusses ist. Als NABU-

Vorsitzender hat er die Schirmherrschaft

über die von der Bürgerschaft

initiierte Nachpflanzaktion „Rettet die

Waldsiedlung!“ 2018–2033

übernommen.

wildpark-west.de/abo

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WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


KOMPLETTE KEHRTWENDE CONTRA KLIMA-CHAOS

Das ist es nun, das Dilemma unserer Zeit, die solange fortschrittsgläubig und

beseelt von der Idee war, dass „immer mehr“, „immer schneller“ und „immer

besser“ das Nonplusultra, die alternativlose Lösung unserer Probleme sei.

Doch wenn der Fortschritt nur noch ein Voranschreiten, aber eben in die

falsche Richtung, ist, dann sollte man über eine kleine Kehrtwende nachdenken.

Vermeiden. Verzichten. Verweigern!

VON ERIKA UND DR. JÜRGEN HARDER

Na ja, vielleicht nicht komplett,

aber zumindest kreativ…

Wie in der Erstausgabe in

unserem Beitrag „Es rauscht

im Blätterwald“ angedeutet, soll heute

in loser – wohl aber nicht sinnloser

– Folge und zuweilen auch etwas skurril

anmutend beleuchtet werden, was

Mann und Frau so unterlassen kann,

um den uns bevorstehenden Klimawandel

nicht noch zu befördern.

Und

was man

nicht ausgibt,

braucht man

nicht zu

verdienen!

Nichts Bahnbrechendes beschlossen

Schon die vorletzte Weltklimakonferenz

in Paris hat eine Änderung

unseres Lebensstils als wichtigste

Maßnahme zum Klimaschutz gefordert.

Doch dann haben wir gemerkt,

dass zum gleichen Thema in Katowice

wieder nichts Bahnbrechendes beschlossen

wurde. Zu viele scheinbar

national und global wirtschaftliche

Interessen standen dem offenbar wieder

im Wege und somit steuern wir

unaufhaltsam auf die Klima – Katastrophe

zu, die dazu führen kann, dass

noch zu Lebzeiten unserer Kinder und

Enkel unser blauer Planet immer unwirtlicher,

gefährlicher und lebensfeindlicher

werden wird. Wollen wir

das nicht hinnehmen, sollten wir das

scheinbar Unmögliche in Angriff nehmen,

um wenigstens das Mögliche zu

erreichen. Denn so war es schon immer:

Zu erreichen ist nur etwas, wenn

man es trotz aller Bedenken auch anstrebt.

Zielgerichtet und beharrlich,

ohne Aussicht auf schnellen Erfolg

zwar, aber mit einem Vertrauensvorschuss

in die Zukunft. Wir, die Bürgerinnen

und Bürger sind gefordert,

kreativ zu sein und zwar so, dass wir

alle gemeinsam unseren ganz privaten

Alltag von dem befreien, was

überflüssig ist und unsere Umwelt belastet.

Durch Vermeiden, Verzichten

und Verweigern kann jeder Einzelne

dazu beitragen, all das zu reduzieren,

was unserer Welt so schadet.

Nähen, Stricken und Reparieren

Fangen wir also an, und zwar bei

unserer äußeren Erscheinung:

„Die Verpackung muss wechseln,

wenn der Inhalt interessant bleiben

soll“, meinte schon Coco Chanel zum

Thema Frauen und Mode. Stimmt

so sicher, doch sollte unsere Verpackung

– liebe Damen – von hoher

Haltbarkeit, guter Qualität und deshalb

also langlebig sein. Erstens

sieht Frau in guten Sachen nicht nur

besser aus, sondern muss diese auch

nicht so oft waschen wie minderwertige

Ware und braucht bei geschickter

Auswahl mit kleinem Aufwand

nur ab und an neu zu kombinieren

und variieren. Sie erspart sich zudem

Zeit und Geld für Neukäufe. Auch

secondhand ist zu empfehlen, wenn

man denn nahe Potsdam wohnt.

Dank der dortigen Anwesenheit von

Schönen und Reichen bekommt man

eine großzügige Auswahl von kaum

Getragenen in den einschlägigen Läden.

Selbermachen ist dagegen eine

andere Möglichkeit: Nähen, Stricken

und Reparieren kann man lernen

und dabei merken, wie entspannend

Handarbeit oder basteln nach einem

stressigen Tag ist und wie kommunikativ,

wenn man sich dabei mit Freundinnen

oder Freunden zusammentut.

Ist auch billiger, als sich immer nur in

einer „Kneipe“ oder einem gediegenen

Restaurant zu treffen.

Und was man nicht ausgibt, braucht

man nicht zu verdienen! Das gilt natürlich

auch für das umweltbewusste Waschen

unserer nun hoffentlich klimaschonend

ausgewählten Klamotten.

136 ESSAY WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


„Die Verpackung muss wechseln,

wenn der Inhalt interessant bleiben soll“

Coco Chanel

Nicht nur die indischen Waschnüsse

machen schmutzige Wäsche sauber,

sondern auch unsere heimischen Rosskastanien

und sogar Efeu, was z. T. an

unseren Kiefern empor rankt. Also googeln

Sie mal, wie es geht! Es ist übrigens

auch überraschend einfach – und

den Weichspüler spart man sich auch

gleich und damit Chemie und Plastikmüll.

Dabei schleppt man weniger Flaschen

und das entlastet zugleich noch

den Rücken.

Echte Alternative

Unser Äußeres ist uns wichtig und

lieb – teuer muss es uns aber nur ab

und zu sein, zum Beispiel wenn wir

gelegentlich einen Frisör oder ein

Kosmetikstudio besuchen, ansonsten

können wir getrost auf vieles verzichten.

Besonders wenn es sich in

bunten oder gar schwarzen Plastikflaschen

befindet und die gute alte Seife

im Stück oder die Creme im Glastiegel

eine echte Alternative ist. Weil

wir aber nicht asketisch und lustlos

sparen sollten, sondern eher lustvoll,

darf es dann auch sehr gutes Parfüm

sein, anstatt ein billiges Deo aus der

Dose.

Essen hält bekanntlich Leib und

Seele zusammen, bringt viele von

uns aber zunehmend aus der Fassung,

oder besser aus der Form. Dabei haben

wir all das, was sich zunehmend

den Winter über auf unseren Leib

gelegt hat, teuer bezahlt und nun

sollen wir vielleicht wieder bezahlen

und zwar für´s Abnehmen? Nein, das

muss nicht sein! Haben sie einfach

viel Geduld und starten sie selbstbewusst

und gut gelaunt Ihre neue

Ernährungsstrategie: Kaufen Sie möglichst

unverpackt (Korb und viele

Baumwollbeutel immer dabei) und

lokal produziert ein, besuchen Sie die

Frische-Theke und ignorieren Sie das

Kühlregal mit seinen verpackten Angeboten.

Verpackung gleich im

Supermarkt entsorgen

Einen „Coffee to go“ brauchen Sie

beim Einkaufen auch nicht, er ist nur

hinderlich und absolut nicht umweltbewusst.

Kochen Sie selbst, natürlich

mit Hilfe der Familie. Das mögen die

Kids anfangs uncool finden, aber bald

merken, dass es toll ist, gemeinsam

Olaf Thiede

zu kochen und zu essen …; man kann

dabei plaudern, planen und auch den

Schulkram durchgehen. Bewältigen

Sie beim Einkaufen eventuell auftretende

Probleme lässig und zwar

dergestalt, dass Sie zum Beispiel

überflüssige Verpackung gleich mal

im Supermarkt entsorgen und die

Marktleitung mit Fragen nach unver-

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 ESSAY 137


Je reinlicher

es drinnen ist,

umso schmutziger

wird es draußen;

jedenfalls dann,

wenn viel Chemie

zum Einsatz kommt.

packtem und individuell einpackbarem

Gemüse „belästigen“. Vielleicht

folgen auch andere Ihrem Beispiel

und möglicherweise ändern dann

auch unsere Discounter peu à peu

ihre Einkaufs – und Verkaufsstrategie.

Besonders, wenn die Schule

Ihrer lieben Kleinen diesbezügliche

Projekttage direkt vor Ort durchführt,

die Sie sich ausgedacht haben. Vermeiden

Sie all das zu kaufen, wovon

Sie glauben, dass Sie es nicht wirklich

brauchen und verzichten Sie mit

einem Augenzwinkern insbesondere

auf das, an das Sie – fast umsonst –

auch bequemer kommen können, als

durch einen Einkauf im Supermarkt.

Mit Bier geht das natürlich nur schwer,

da kauft man am Besten das Gute

aus dem Brandenburgischen. Aber

wie wir seit der Herbstausgabe dieses

Magazins wissen, kommt Wasser

in bester Qualität aus dem Hahn. Bei

uns in Deutschland ist es das am besten

untersuchte Lebensmittel, wozu

es also schleppen? Vielleicht können

Sie, liebe Hausfrau bzw. lieber Hausmann

– weil es ja nun schon ein etwas

kleinerer Einkauf als üblich sei könnte,

auch gleich klimaschonend selbigen

per Rad transportieren und dabei

sich noch sportlich betätigen?

Muss aber nicht unbedingt sein,

wenn es regnet, macht ja keinen Spaß!

Es sei denn Sie sind Freak und ohnehin

nicht auf´s Gemütliche bedacht.

Du darfst jetzt auffegen

Nun sind wir also schon mal gut

angezogen und gepflegt und ernährt

und wenden uns dem Wohnumfeld zu.

Dazu dürfen und können wir eigentlich

gar nichts sagen, denn das

wäre – ja nun wirklich – unverschämt!

Sie wissen ja selbst, wie und womit

Sie wohnen möchten. Doch eines

möchten wir Ihnen zu bedenken geben:

Je reinlicher es drinnen ist, umso

schmutziger wird es draußen; jedenfalls

dann, wenn viel Chemie zum

Einsatz kommt, um Ihr Heim zu pflegen.

Weniger ist hier mehr: Essigreiniger

und einfaches Spülmittel, Bürste

und Kernseife und schrubb, schrubb

… hurra, macht auch weg, den Dreck;

und dann gibt es ja noch Besen,

Handfeger und Müllschippe. Reicht

zwischendurch völlig, macht keinen

Lärm, verbraucht keinen Strom und

wenn Sie Ihre kleinen, am besten

schon die sehr kleinen, Lieblinge daran

gewöhnt haben, Schippe und Feger

als nettes Spielzeug zu betrachten,

müssen Sie sich nicht mal selbst

bücken. Mutter hat so etwas sehr früh

„erlaubt“ und zwar mit den Worten:

„Du darfst jetzt auffegen.“ Später wurde

daraus mehr … Überhaupt müssen

Sie nicht alle Nase lang den Putzteufel

spielen, sondern können bei schmutzigen

Dachfenstern auch getrost auf

den nächsten Regen warten, was

beim Auto natürlich auch geht, denn

wozu durch die Waschanlage fahren,

wenn Starkregen angesagt ist? Da

reicht es doch völlig, das gute Stück

aus der Garage heraus zu fahren und

zwar dorthin, wo gerade kein (!) Baum

darübersteht, dessen Nadeln sich

Olaf Thiede

138 ESSAY WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


so gern dort festsetzen, wo man sie

kaum wieder weg bekommt. Manch

einer mag dass für übertrieben halten,

bitte, aber uns macht es einfach Spaß,

solche Sachen zu machen. Natürlich

haben wir das nicht selbst erfunden,

sondern von anderen Leuten erzählt

bekommen. Besonders die Holländer

sind im umweltbewussten Sparen

sehr kreativ: Sie wissen, dass Haarwaschmittel

sanft reinigen. Deshalb

waschen einige von Ihnen ihre teuren

Pullover gern im aufgefangenen Wasser

vom Haarewaschen und wischen

zum Schluss mit dem nachhaltig genutzten

Wasser noch den Fußboden.

Man muss es ja nicht gleich übertreiben

mit der Doppel- und Dreifachnutzung,

aber es funktioniert tatsächlich

und für den Pullover braucht man

dann auch keinen Weichspüler mehr.

Wie auch immer man sein trautes

Heim sauber hält und wie man sich

einrichtet, eigentlich ist die Kardinalfrage

nicht, wie man wohnt, sondern

mit wem. Auch unser Freizeitverhalten

zählt zum Konsumverhalten

und ist somit klimarelevant und das

sogar in besonderem Maße, wenn

man bedenkt, dass z. B. die großen

Kreuzfahrtschiffe besonders viele

klimaschädliche Emissionen verursachen.

Nicht nur durch den enormen

Schwerölverbrauchs während des

Törns, sondern vor allem durch die

auch im Hafen stets laufenden Hilfsdiesel,

was die Anwohner von Warnemünde-Hohe

Düne ebenso, wie die in

anderen Häfen besonders betroffen

macht, denn bei ungünstigem Wind

können sie selbst bei tropischen Temperaturen

die Fenster nicht öffnen.

Wer also unbedingt dem Urlaubstrend

schlechthin folgen möchte, na

ja, der kann ja vielleicht noch mal kurz

nachdenken

Wagen Sie mal was

Vielfliegerei ist ja auch nicht gut.

Doch ja – was soll man denn im wohlverdienten

und jedes Jahr heiß ersehnten

Urlaub bloß machen? Vielleicht

ist hier weniger auch mehr? Wie

auch immer Sie, verehrte Leser, sich

entscheiden werden: Lassen Sie sich

auch mal von ungewöhnlichen Ideen

inspirieren. Wagen Sie mal das, was

niemand sonst in Ihrer Nachbarschaft

probiert hat und verschaffen Sie sich

so Urlaubserlebnisse, um die Sie

mancher Massentourist heimlich beneidet.

Das Netz ist voller guter Ideen,

wie man nachhaltigen Urlaub gestalten

kann; mit Kreativität, Spaß, tollem

Erholungseffekt und vergleichsweise

geringem Geldeinsatz.

Autorin Erika Harder, geboren 1956

in Potsdam, verheiratet, eine Tochter,

lebt mit ihrer Familie seit ihrer

Kindheit in Potsdam. Sie ist studierte

Pädagogin für Geschichte und

Germanistik und beschäftigte sich

im Rahmen ihrer Tätigkeit bereits

beim Meteorologischen Dienst in

Potsdam mit der Klimaproblematik.

URLAUBSTIPPS

Hier eine kleine Auswahl ungewöhnlicher,

manchmal auch „tierisch“

guter Ideen für den Sommer:

» » Mit 1 PS und Planwagen durch

Deutschland.

» » Mit Eseln oder Lamas auf Wanderung

durch Brandenburg.

» » Mit dem Boot, Kanu oder Floss

auf blauen Wasserwegen unterwegs.

» » Mit dem Rad auf dem Netz der

Fernradwege ziemlich weit weg

… oder „Kanal-Radeln“ in Brandenburg,

ganz nah.

Und nun noch für den Winter,

in dem man nicht nur in den

sonnigen Süden fliegen, sondern

auch in Skandinavien in´s

Schwitzen kommen kann:

» » Mit Schlittenhunden oder Rentieren

auf Tour.

» » Mit Schneeschuhen tags

durch´s Sami-Land und abends

in die Sauna.

» » Mit dem Eissegler auf zugefrorenen

Seen rasant dahin

flitzen, kann man in manchen

Winter sogar auf der Havel …

Wenn Sie übrigens - und dieses

ist ganzjährig problemlos möglich

– einfach nur faulenzen

mögen, dann machen Sie in

Hinblick auf den Klimaschutz

keinen Fehler, denn „Wer nichts

macht, macht nichts verkehrt.“

Autor Dr. Jürgen Harder, geboren

1943 in Rostock, verheiratet drei

Kinder, lebt mit seiner Familie seit

1988 in Potsdam. Er ist promovierter

Hochschullehrer für Geografie

und Sport.

„Die Klimaproblematik“

von Prof. Dr.

Wolfgang

Böhme, Erika

Harder und

Uwe Feister

Herausgegeben

vom Meteorologischen Dienst der

DDR, Potsdam 1989

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 ESSAY 139


Die ersten warmen Sonnenstrahlen lassen uns ungeduldig werden,

die neue Gartensaison steht vor der Tür! Wohl dem, der einen kleinen

Garten mit eigenem Komposthaufen nutzen kann.

Doch was machen all die anderen, die keine Komposterde haben?

Torffreies Gärtnern

VON DR. BEATE GALL

Heute früh begrüßten mich

die ersten zwei Winterlinge

im Garten. Es geht los! Ich

freue mich auf den Frühling,

seine Farben, sein Licht und die

Kraft, die zu strömen beginnen. Bald

werden viele von uns wieder täglich

in ihren Garten gehen und auch

den Gärtnereien und Gartencentern

mehrere Besuche abstatten. Es gibt

reichlich zu tun. Da wären die ersten

Anzuchtschalen und Beete herzurichten,

die Stauden- und Rosenrabatten

sowie die Balkonkästen und

ersten Kübel zu bepflanzen.

Moore sind wie Schwämme

Für viele dieser Tätigkeiten wird

Erde gebraucht. Wer keine eigene

Komposterde hat, kauft sich Erde.

Diese wird für alle möglichen Pflanzen

angeboten: für Jungpflanzen, für

Balkonpflanzen, Beet-, Stauden- und

Gemüsepflanzen. Wussten Sie aber,

dass die meisten der angebotenen

Erden Torf enthalten? Ein Großteil

des Torfs wird aus dem Baltikum

importiert, wodurch dort wertvolle

Moore zerstört werden.

Torf besteht aus Pflanzenresten

(zum Beispiel Schilf, Seggen und Torfmoos),

die sich in dauerhaft nassen

Mooren anreichern. Die hohe Wassersättigung

und der Sauerstoffmangel

verlangsamen die Zersetzung der

Pflanzenreste durch Bakterien und

Pilze. Über viele Jahrhunderte bis

Jahrtausende können mächtige Torfschichten

aufwachsen.

Naturnahe Moore sind wie

Schwämme. Sie speichern Unmengen

Wasser und bieten zahlreichen

Tier- und Pflanzenarten wertvollen

Lebensraum. Moore sind die größten

terrestrischen Kohlenstoffspeicher.

Werden Moore entwässert, sei es

für die landwirtschaftliche Nutzung

oder wie beim Torfabbau für die gärtnerische

Nutzung, entweichen große

Mengen klimaschädlicher Gase wie

Kohlendioxid, Lachgas und Methan.

Zudem gehen Wasserspeicher und

Lebensräume verloren!

Werden Sie zum Moor- und Klimaschützer!

Entscheiden Sie sich bei

ihrem nächsten Einkauf für torffreie

Erde. Achten Sie auf den Hinweis

„torffrei“. Im Handel ist „Bio“-Erde zu

finden, die auch Torf enthalten kann.

Haben sie Platz im Garten, legen Sie

unbedingt einen Komposthaufen an.

So können Sie Pflanzerde ganz leicht

selbst herstellen. Reden Sie mit Ihren

Gartennachbarn, Freunden und Bekannten

und genießen Sie zusammen

den Frühling, am besten „torffrei“.

Pflanzerde selbst herstellen

Es ist einfacher als sie denken. Wie

das geht, zeigt Ihnen zum Beispiel der

NABU auf seiner Website:

www.nabu.de/natur-und-landschaft/

aktionen-und-projekte/torffrei-gaertnern

Die Autorin Dr. rer. nat. Beate Gall,

Dipl.-Ing. Landschaftsnutzung und

Naturschutz, geboren 1977 in

Neubrandenburg. Lebt seit 2016

mit ihrem Partner und ihren zwei

Kindern in Werder/Havel. Zuvor

war sie zwölf Jahre in Geltow

zuhause. Sie ist NABU-Mitglied

und gärtnert in einem torffreien

Garten in Geltow

Fotos: B. Gall

Illustration: Olaf Thiede

Moorklappsonde: sehr gering zersetzter Braunmoorstorf

Proben von Schilftorf: schwach und mittel zersetzt

140 GARTENFREUND WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


iersch gehört zur Gattung der Doldengewächse. Seinen Blättern, die an

einen Z iegenfuß erinnern, verdankt er den Namen Geißblatt. Einmal im

Garten verwurzelt, lässt sich Giersch wegen seiner unterirdischen Triebe kaum

mehr vertreiben. Man kann ihn aber als würziges und gesundes Wildkraut genießen.

Sein hoher Vitamin C und Eisengehalt machen ihn zur gesunden Ergänzung im Salat

oder auf der Pizza. Allerdings sollte man ihn sicher bestimmen können – da er mit

giftigen Pflanzen verwechselt werden kann – sein dreikantiger Stiel und der Geruch

nach Petersilie, den er beim Z erreiben verströmt, sind seine Alleinstellungsmerkmale.

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 GARTENFREUND 141


SCHÖNE GÄRTEN VORGESTELLT: FUCHSWEG 11A

Am Zaun, mitten im grünen Rasen, unter Bäumen, an der Terrasse,

überall ragen kräftige Rosenstöcke und strebsame Kletterrosen üppig empor.

Wie kleine Inseln verteilen sich die Rosenbeete über das Grundstück.

Rosen – Carla

VON GÄRTNERMEISTER ROSERICH

Die 170 Rosenstöcke, umgeben

von großen Kiefern, das

wollten wir uns anschauen

und trafen uns mit Carla

Schmidt im Fuchsweg. Der Rosengarten

ist eine „Institution“ in Wildpark-West

und wird von Frau Schmidt,

die in diesem Jahr ihren neunzigsten

Geburtstag feierte, mit viel Hingabe

und Sachverstand gepflegt. Anfang

der 1990er Jahre begann sie, die ersten

Rosen in ihren Garten zu setzen.

„Anfangs war es gar nicht so einfach,

an Rosenpflanzen zu kommen“, sagt

sie, „ich habe die Angebote von den

Discountern studiert, kaufe inzwischen

aber hochwertige Pflanzen in

der Gärtnerei.“

Da muss Luft ran

Am Zaun, mitten im grünen Rasen,

unter Bäumen, an der Terrasse, überall

ragen kräftige Rosenstöcke und

strebsame Kletterrosen üppig empor.

Wie kleine Inseln verteilen sich die

Rosenbeete über das Grundstück. „An

die Wurzeln muss Luft ran“, sagt Frau

Schmidt, deshalb lockert sie den Boden

unter den Rosen regelmäßig auf

und hält ihn unkrautfrei. Früher hat

sie die Rosen noch angehäufelt, aber

bei den zunehmend milden Wintern

ist das kaum noch nötig. „Dies erspart

„Aber auch

für das Alter

ist es wichtig,

eine Aufgabe

zu haben.“

mir einiges an Arbeit“, bemerkt sie

augenzwinkernd. Das Frühjahr nutzt

Frau Schmidt, um die letzten kranken

Blätter aus dem Vorjahr zu entfernen

und Rinderpellets als Dünger einzuharken.

Etwa acht Hände voll Pellets

pro Rose ist die Faustregel. Auch der

Zeitpunkt des Rosenschnitts hat sich

mittlerweile nach vorn verschoben,

man muss nicht immer bis zur Forsythienblüte

warten, wie man es früher

getan hat. Für starke Stiele gibt sie

ihren Lieblingen eine Kalium-Magnesium-Mischung.

Viele Blüten sind

groß und schwer, da müssen die Stiele

kräftig sein, sonst hängen sie traurig

herunter.

Tägliche Wassergabe

Mit Rückblick auf den letzten

Sommer erzählt sie: „Rosen brauchen

viel Sonne, aber im letzten Jahr, war

es doch ganz gut, dass einige Kiefern

etwas Schatten gespendet haben.

Dort wo kein Schatten hinkam, sind

die Blätter regelrecht verbrannt“.

Die Rosen mussten fast täglich gewässert

werden. Das Wässern, den

Schnitt und das Rasenmähen macht

„Rosen-Carla“, wie man sie auch gerne

nennt, weitestgehend noch selbst,

nur auf eine Leiter möchte sie nicht

mehr klettern. Dafür findet sich aber

immer eine helfende Hand.

Betörende Düfte

Etwa 60 Prozent der Rosen duften,

erzählt die Seniorin stolz. So

beeindruckende Namen wie „Pariser

Charme“, „Big Purple“ oder „Imperatrice

Farah“ verstärken das Dufterlebnis

noch. Von tiefrot-samtig, über

orange-roséfarbig bis hin zu leuchtendem

Weiß findet sich eine beeindruckende

Farbenvielfalt unter ihren

Schützlingen. Aber die Weißen sind

ihr die Liebsten, sagt Frau Schmidt

und strahlt dabei wie um die Wette

mit ihren Blüten.

Die Gartenarbeit lieben und mit

Herz und Hand dabei sein, ist ihre

Devise. „Aber auch für das Alter ist es

wichtig, eine Aufgabe zu haben und

nicht nur vor dem Fernseher zu sit-

Fotos: Jana Fellenberg

142 GARTENFREUND WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Carla Schmidt in ihrem Rosengarten,

90 Jahre und kein bisschen leise.


Foto: Jim Kent

KANN ES GLÜCK SEIN,

wenn der betörende

Gesang der Nachtigall

durch die Lüfte schwingt,

wenn das Wasser des Flusses

sich leicht kräuselnd

vor dir ausbreitet,

wenn eine blühende Sommerwiese

die Sinne berauscht,

wenn ein warmer Regen

wohltuend über dein Gesicht rinnt,

wenn ein majestätischer Vogel

am sonnenklaren Himmel kreist,

wenn die erste kleine Meise

vorsichtig ins Freie lugt,

wenn wohlige Wärme

zu einem guten Buch einlädt,

wenn man in

altehrwürdigen Gemäuern

die Vergangenheit spürt,

wenn mit guten Freunden

gelacht und geweint werden kann?

Ich dachte, ich hätte es gespürt.


Brigitta Ditkowski


aus Wildpark-West

„Man muss den negativen Tendenzen der heutigen

Zeit bewusst etwas Schönes entgegensetzen.“

zen“, erzählt sie. Sehr am Herzen liegt

ihr auch ihr Ortsteil Wildpark-West.

Die engagierte Seniorin sprudelt vor

Ideen, was man für die Bürgerinnen

und Bürger in unserer schönen Waldsiedlung

Gutes tun könnte. Für die älteren

Bewohner wünscht sie sich zum

Beispiel Unterstützung bei der Laubabfuhr

und für die Mütter und Kinder

eine eigene Arztsprechstunde im Ort.

„Vielleicht kann ich über die Begeisterung

zu den Rosen erreichen, dass die

Menschen miteinander ins Gespräch

kommen und einander kennenlernen“,

sinniert sie. Auch der Erhalt des

Waldcharakters der Siedlung ist ihr

ein großes Anliegen. Sie freut sich

„TAG DER OFFENEN WALDGÄRTEN“ IN WILDPARK-WEST

über das wachsende Engagement im

Ort und die Tatsache, dass mehr und

mehr nachgepflanzt wird. So bat sie

ihre Geburtstagsgäste, statt üppiger

Geschenke, um eine kleine Spende

für die Nachpflanzaktion „Rettet die

Waldsiedlung!“ 2018-2033. So wird

also eines der im Frühjahr im Birkengrund

geplanten und neu zu pflanzenden

Bäumchen von ihr sein. „Man

muss den negativen Tendenzen der

heutigen Zeit bewusst etwas Schönes

entgegensetzen, das findet meine

volle Unterstützung.“

SAMSTAG

1

JUNI

Jeder Garten ist dann schön, wenn

es etwas in ihm zu entdecken gibt.

Eine üppig blühende Staude, ein

alter Rosenstock, duftende Kräuter,

knorrige Bäume oder kleine und

große Kunstobjekte ...

Jedes Auge, ob geübt oder ungeübt,

wird irgendwo verweilen und

feststellen: Das ist für mich ein

schöner Garten!

Wenn Sie finden, dass es in Ihrem

Garten etwas zu entdecken gibt,

an dem fremde Augen gerne hängenbleiben

dürfen; wenn Sie sich

mit anderen Gartenfreunden austauschen

oder fachsimpeln möchten,

dann sind Sie genau richtig

bei unserem „Tag der Offenen

Waldgärten“ von Wildpark-West.

Wir planen bei Interesse von Gartenfreunden,

diesen Tag von und

für Wildparker erstmals am 1. Juni

2019 ins Leben zu rufen. Frau

Schmidt wird mit ihrem Rosengarten

auch dabei sein.

Möchten Sie Ihren Garten für

interessierte Besucher öffnen?

Dann schreiben Sie uns, an:

redaktion@wildpark-west.de

144 GARTENFREUND WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Kräuterwanderungen

MIT DR. BEATE GALL

BOTANISCHE AUSFLÜGE

Die in der Herbstausgabe 2018 der Heimatzeitschrift

angekündigten botanischen Ausflüge

und Kräuterwanderungen mit Frau Dr. Gall rücken

nun in greifbare Nähe.

Auf Wanderungen über Wiesen, Weiden und durch

Wälder in und um Geltow, Wildpark-West und Werder

möchte ich Ihnen die Pflanzenwelt näher bringen und Wissenswertes

vermitteln. Die Wanderungen finden sonntags

Vormittag statt und werden etwa drei Stunden dauern. Bei

schlechter Wetterlage wird der Termin verschoben. Treffpunkt

und Uhrzeit werden rechtzeitig bekanntgegeben.

14. April 2019 Wildkräuter für Salat und Smoothie

26. Mai 2019 Bunte Wiesen

23. Juni 2019Johannikräuter

22. September 2019 Beeren- und Wurzelzeit

27. Oktober 2019 Räuchern mit heimischen Kräutern

Teilnahmegebühr pro Person: 5 Euro

Anmeldungen bitte an: kontakt@naturschutzkonzepte.de

oder telefonisch unter 03327 5670214


SILVA HORTULANUS

Sehr viel besser als

sein Ruf - der Efeu

Schauen Sie mal, sagte der junge Mann von der Baumpflege-Firma,

in dem Loch kann ich meine Säge versenken und sprach dabei von

unserer rund 120 Jahre alten Kiefer, die er zu begutachten hatte.

Das Loch befand sich in etwa

sieben Metern Höhe und

stellte aus Sicht des Experten

beim nächsten Sturm

eine Sollbruchstelle dar. Schweren

Herzens wurde beschlossen, den

Baum in Höhe des Loches kappen zu

lassen. Nur meinem, sagen wir mal

sehr energischen Auftreten war es

zu verdanken, dass der Baum nicht

komplett gefällt wurde. Meine Vehemenz

lag darin begründet, dass zwar

der Baum erkrankt war, aber der den

Stamm umrankende, mindestens 90

Jahre alte Efeu nicht.

Bis zu 450 Jahre alt

Der gewöhnliche Efeu, Hedera

helix ist eine Kletter- und Aufsitzerpflanze.

Diese wächst mit Hilfe ihrer

Haftwurzeln an Gestein und Stämmen

bis zu einer Höhe von 20 Meter

empor und kann bis zu 450 Jahre alt

werden. Die Sprossachsen, an denen

sich die Wurzeln befinden, beginnen

sich nach einigen Jahren zu verholzen

und sind später im Erwachsenenalter,

ab etwa 20 Jahren wurzellos.

Verholzte Stämme können einen

Durchmesser von bis zu 30 Zentimeter

erreichen. Das Dickenwachstum

erfolgt sehr langsam, zehn Zentimeter

dicke Stämme haben oft schon

ein Alter von über 100 Jahren.

Ein einzigartiges Biotop

Die weit verbreitete Ansicht, der

Efeu erdrückt und schädigt den

Baum, wird von Fachleuten nicht

bestätigt. Man kann ihn getrost am

Diese jungen Früchte müssen noch ein paar Wochen reifen bis sie dann als

Winter- und Frühlingsnahrung für die Vögel dienen.

Stamm entlang ranken lassen. Nur in

die Baumkronen sollte er nicht wachsen.

Dies erhöht die Last der Krone

und Baumpfleger können mögliche

Schäden an der Krone nur schwer

entdecken. Baum und Efeu bilden ein

einzigartiges Biotop, welches über

Jahre Bestand hat, ohne dass einer

von beiden Schaden nimmt.

Nektarreiches Insektenparadies

Der Efeu blüht erst ab einem Alter

von zehn Jahren. Die Blütezeit ist

der Spätsommer bis Herbst. Gerade

alte üppige Gewächse sind über und

über mit duftenden grün-gelben fünf

Millimeter großen nektarreichen Blüten

besetzt. Diese ziehen eine große

Zahl verschiedenster Insekten an, die

solch eine späte Nahrungsgabe vor

dem nahenden Winter sehr zu schätzen

wissen. Im zeitigen Frühjahr liefert

der Efeu den Vögeln die ersten

frischen, reifen Früchte des Jahres in

Form von dunkelblauen bis schwarzen

acht bis zehn Millimeter dicken

Beeren. Diese werden insbesondere

von unseren Amseln, aber auch

den Rotkehlchen gern gefressen.

Mit Beginn der Brutzeit suchen sich

unsere gefiederten Freunde im dichten

Gewirr der Ranken und unter einem

schützenden immergrünen Blätterdach

eine Nistmöglichkeit.

Lebensraum im Garten

Unser sieben Meter hohes Efeugewächs

lässt kaum noch erkennen,

dass einst eine Kiefer ihm Halt gegeben

hat. Die Ranken haben mittler-

Fotos: Die Waldgärtnerin, Wildpark-West 2018

146 GARTENFREUND WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Dieser Stamm misst zehn

Zentimeter und ist über

100 Jahre alt, verholzte

Stämme können einen

Durchmesser von bis zu

30 Zentimeter erreichen.

Der Efeu wurde zur

Arzneipflanze des

Jahres 2010 gekürt

weile einen imposanten Durchmesser

von zehn Zentimetern und wirken

sehr dekorativ. Das Totholz wiederum

bildet einen ganz neuen Lebensraum

im Garten. Verschiedene Insektenlarven

zum Beispiel lässt sich der Specht

nur allzu gern schmecken. Pilze beginnen

das Holz zu zersetzen und bilden

attraktive, teils essbare Fruchtkörper.

Bis das Holz nun vollständig

abgebaut ist, werden etwa 30 bis 50

Jahre vergehen.

Pflegeleicht und naturnah

Unterhalb des Efeus kann man

schattenliebende Pflanzen ansiedeln,

wie zum Beispiel die Funkie oder verschiedene

Farne. Pflege benötigt der

Efeu nicht, ist also für pflegeleichte

Gärten, die gleichzeitig naturnah sein

sollen, bestens geeignet.

Behandlung von Husten

Sämtliche Pflanzenteile des gemeinen

Efeus sind giftig. Frischer

Pflanzensaft kann Allergien auslösen.

Efeu wurde zur Arzneipflanze des

Jahres 2010 gekürt, ein Extrakt aus

Efeublättern wird in niedrigen Dosen

zur Behandlung von Husten in Apotheken

angeboten.

Und noch ein kleiner Tipp (die Kinder

hören besser weg), der Osterhase

hat bei üppig rankendem Efeu leichtes

Spiel bei der Verstecksuche.

Ihre Waldgärtnerin

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 GARTENFREUND 147


MEDICUS SILVAM

Der an die Waldsiedlung und Geltow angrenzende Wildpark,

Potsdams grüne Lunge, ist wie geschaffen, um Ruhe und

Entspannung zu finden. Und: Er fördert unsere Gesundheit!

Ganzjährig baden im Wildpark

Dass uns der Aufenthalt und

die Bewegung im Wald Körper

und Seele gut tut, hat

jeder schon erfahren, der

sich im Wald aufhält. Welch enge

Verbindung der Mensch zum Wald,

zur Natur und allem Lebendigen im

Laufe der Evolution entwickelt hat,

wurde schon in den achtziger Jahren

von dem Evolutionsbiologen Edward

O. Wilson mit dem Begriff „Biophilia“

umschrieben – die Natur zu lieben,

liegt quasi schon in unseren Genen

verankert. Die Bedeutung des Waldes

(wenn vielleicht auch nicht immer

nur zur Gesunderhaltung) schienen

schon unsere Vorfahren erkannt

zu haben. So spielte die Erhaltung

und Pflege des Waldes schon bei den

preußischen Königen eine wichtige

Rolle (siehe Artikel S. 108). Wussten

Sie schon, dass eine 150-jährige Buche

pro Tag bis zu 24 Kilogramm CO2

aufnimmt, so viel wie ein Kleinwagen

im Durchschnitt auf 150 Kilometer

in die Luft pustet, sie filtert Schadstoffe

wie Bakterien, Pilzsporen und

Staub aus der Luft und produziert

täglich rund 11.000 Liter Sauerstoff,

was etwa 26 Menschen zum Atmen

benötigen. In der Vergangenheit haben

wir den Wald nicht nur als Wirtschaftsfaktor,

sondern eben auch als

Naturliebhaber in unterschiedlichen

Formen kultiviert und bei vielen Aktivitäten

wie Wandern, Sport oder

auch bei der Jagd erlebt. Und nun

taucht also im 21. Jahrhundert das

„Waldbaden“ als neuer Trend inklusive

der dazu gehörenden „Waldbademeister“

auf. So verständlich die

berechtigte Skepsis gegenüber solch

„neuer“ Gesundheitstrends auch ist,

so interessant ist es aber dennoch etwas

genauer hinzuschauen, was hinter

dem Begriff „Waldbaden“ und den

hiermit verbundenen Gesundheitseffekten

steckt. Denn die Bäume

haben eine Fülle von Möglichkeiten

entwickelt, um sich und alle, die sich

im Wald aufhalten, möglichst gesund

zu erhalten oder bei Erkrankungen zu

heilen.

Waldbaden als

Medizin bei

verschiedenen

Erkrankungen

Wunderbar und gesund

So ist unbestritten ein Spaziergang

oder auch sportliche Bewegung

im Wald wunderbar und gesund –

beim Waldbaden geht es jedoch darum,

ähnlich wie auch beim Baden im

Wasser in diesen speziellen Lebensraum

mit allen Sinnen einzutauchen,

sich von der wunderbaren Vielfalt

des Waldes berühren und verführen

zu lassen und – zu verweilen. Körper

und Geist werden auf angenehme

und ganz unterschiedliche Weise stimuliert

und die Seele hat einen Platz,

wo sie etwas Ruhe und Frieden finden

kann.

Shinrin-yoku

Die hierdurch zu erzielenden gesundheitlichen

Effekte wurden in

Deutschland in der Vergangenheit

kaum wissenschaftlich erforscht

und detaillierte Kenntnisse über

therapeutische Möglichkeiten haben

weder in der Ausbildung noch

im Praxisalltag von Medizinern einen

Platz. International findet das

Thema jedoch seit Jahren wissenschaftlich-medizinisch

deutlich mehr

Beachtung – wie in Südkorea und

insbesondere in Japan, wo sich hinter

dem japanischen Begriff „Shinrin-yoku“

für Wald(luft)bad viel mehr als

nur eine fernöstliche Tradition, sondern

ein moderner naturheilkundlicher

Ansatz zur Vorbeugung und

Therapie einer Vielzahl von Erkrankungen

verbirgt. Hier wurden bereits

seit den achtziger Jahren durch das

japanische Landwirtschaftsministerium

mit großem finanziellem Aufwand

Forschungsprojekte betrieben,

um die Heilkraft der Bäume und des

Waldes systematisch zu erforschen

und deren Wirksamkeit zu belegen.

Der Umweltimmunologe Prof. Qing

Li von der Nippon Medical School gilt

hierzu als die weltweit führende Kapazität.

In seinen wissenschaftlichen

Arbeiten spielen die Botenstoffe mit

denen Bäume untereinander kommunizieren

und auch z.B. schädliche

Insekten abwehren eine zentrale Rolle.

Diese so genannten Terpene (etwa

8.000 verschiedene ätherische Öle/

sekundäre Pflanzenstoffe – ganz besonders

von Kiefern, Fichten, Tannen

und anderen Nadelbäumen!) werden

nach Qing Li über die Schleimhäute

und die Haut von uns aufgenommen

und sind für die unterschiedlichen

Effekte beim Menschen verantwortlich.

Atmen wir diese aus der Waldluft

ein, so reagiert beispielsweise

unser Immunsystem sowohl mit einer

Vermehrung der natürlichen Killer-

148 DER WALDDOKTOR WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Illustration: Georg Jarek

Die Seele hat einen Platz, wo sie

etwas Ruhe und Frieden finden kann

zellen und auch der drei wichtigsten

Anti-Krebs-Proteine. In seiner Publikation

„Die Heilkraft des Waldes

– Der Beitrag der Waldmedizin zur

Naturtherapie“ von 2016 werden die

folgenden vielfältigen und positiven

gesundheitlichen Auswirkungen

beim Menschen beschrieben/nachgewiesen:

1. Verbesserung der Immunabwehr

und eine vorbeugende Wirkung

bei Krebserkrankungen

2. Verbesserung des vegetativen

Nervensystems mit der Senkung

von Stress und Stresshormonen,

Blutdruck und Herzschlag und

somit vorbeugender Wirkung

bei Herz-Kreislauferkrankungen

3. Verbesserung des Stoffwechsels

und vorbeugende Wirkung

bei Typ-2 Diabetes, Adipositas

und metabolischem Syndrom

4. Positive Wirkung auf die Psyche

Auch wenn die beobachteten

psychoneuroendokrinoimmunologischen

Effekte sicherlich multifaktoriell

sind (sogar schon der Blick

in den Wald hat nachweisbar positive

Wirkung) und die Terpene hier

wahrscheinlich nur einen von vielen

Faktoren darstellen bzw. auch eine

Übertragbarkeit der Ergebnisse auf

unsere heimischen Wälder noch zu

untersuchen ist, so deuten diese

wissenschaftlichen Daten doch darauf

hin, dass die Waldtherapie bei

unterschiedlichen Erkrankungen sowohl

in der Vorbeugung/Prävention

positive Effekte zeigt und somit eine

wertvolle und gezielt einsetzbare

Ergänzung in der medizinischen

Versorgung darstellen kann. Daher

bieten japanische Universitäten inzwischen

sogar eine fachärztliche

Spezialisierung in „Waldmedizin“ an.

Im Raum Berlin/Brandenburg plant

das zur Charité gehörende Immanuel-Krankenhaus

offenbar auch einen

Waldbadepfad direkt am Berliner

Wannsee.

Schutz bietender Raum

Also: Der Wald lädt uns über das

ganze Jahr zum „baden“ ein – einfach

mal ohne irgendwelche besonderen

Aktivitäten in diesem speziellen,

vom hektischen Alltag Schutz bietenden

Raum zu sein und achtsam in

ihm zu verweilen. Hierzu braucht es

aber nicht unbedingt einer Anleitung

durch einen „Wald-Bademeister“ – es

reicht einfach alle Sinne zu öffnen

und den Wald mit seiner ganzen Vielfalt

fast wie früher als Kind schlendernd

und ohne bestimmtes Ziel immer

ein Stück mehr zu entdecken und

zu genießen.

Der Wald als Heilort – ohne Risiken

aber mit vielen positiven Nebenwirkungen,

fragen Sie Ihren Arzt

oder Apotheker – und wer in Wildpark-West

wohnt, lebt mitten drin.

Eine wunderschöne

Badesaison wünscht Ihnen

Ihr Walddoktor!

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 DER WALDDOKTOR 149


WAS IST EIGENTLICH EINE HAUSÄRZTIN?

Früher gab es auch in den kleinen Ortsteilen für die Einwohner die Möglichkeit, sich medizinisch

behandeln zu lassen. Zu DDR-Zeiten gab es in Wildpark-West im alten Konsum eine eigene Praxis,

in der an bestimmten Tagen in der Woche kleine Wehwehchen behandelt oder der schmerzende

Zahn ruhig gestellt wurde. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Heute muss man nach Geltow,

Werder oder Potsdam fahren, um ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen zu können.

Doch welche Ärztin ist eigentlich die Richtige?

Bis die Ärztin kommt

VON DR. WINNIE BERLIN

klar, das ist die Ärztin

im Dorf. Die macht erst

mal alles.“ – So habe ich

„Ganz

es erfahren. Meine erste

Hausärztin, Dr. Inge Singemann in Caputh,

war Kinderärztin und praktische

Ärztin und eine äußerst couragierte

Frau, die gelegentlich zu Nadel und

Faden griff und selbstverständlich

auch mal eine Platzwunde versorgte.

Ihren Raum für chirurgische Eingriffe

rieche ich noch heute in der Praxis

Teichmann.

Sie besuchen

also die Leute

stets zu Hause?

Als ich nun meine eigene pädiatrisch-allgemeinmedizinische

Hausarztpraxis

in Werder gründete, war

ich doch erstaunt, welche Schwierigkeiten

die Menschen mit dem Begriff

der Hausärztin hatten. „Sie besuchen

also die Leute stets zu Hause? Ist es

nicht total langweilig, als Allgemeinmedizinerin

nur Überweisungen an

Spezialisten zu schreiben? Als Allgemeinarzt

dürfen Sie keine Kinder

behandeln bzw. abrechnen.“ – Weit

gefehlt!

kann man sich – theoretisch – um

eine kassenärztliche Niederlassung

bewerben. Viele Ärztinnen brauchen

viel länger oder stoßen als Quereinsteiger

aus anderen Fachgebieten zur

Allgemeinmedizin. Hier müssen sie

aber in jedem Fall eine Äquivalenz

ihrer Berufserfahrung nachweisen

bzw. fehlende Erfahrungen in Bezug

auf die Allgemeinmedizin nachholen.

Solche Quereinsteiger bringen oft Erfahrungen

in Spezialgebieten mit, die

auch in der Hausarztpraxis nützlich

sein können.

Breit aufgestellt

Inhaltlich ist das Fach sehr breit

aufgestellt. In der Weiterbildung (etwas

unterschiedlich nach Bundesland)

arbeitet man als Ärztin in ganz

verschiedenen medizinischen Fachgebieten.

Innere Medizin/Altenmedizin

und Chirurgie/Unfallchirurgie

und einige Monate in der Anästhesie/

Rettungsstelle sind Pflicht. Neben

der Arbeit in Krankenhäusern ist auch

mehr als ein Jahr in ambulanten Einrichtungen,

einschließlich der Hausarztpraxis,

obligat. Für weitere Jahre

kann man interessengeleitet weitere

Erfahrungen sammeln, so zum Beispiel

in der Kinderheilkunde, der Naturheilkunde,

Chirotherapie oder Psychotherapie.

Erster Ansprechpartner

Ziel der sehr vielseitigen Ausbildung

ist es, als Grundversorger in der

Nachbarschaft seiner Patienten bei

ziemlich allen gesundheitlichen Fragen

erster Ansprechpartner zu sein.

Dabei kommt es regelmäßig darauf

an, leichtere Leiden, die in der eigenen

Praxis behandelt werden können,

von solchen zu unterscheiden, die

die Aufmerksamkeit des Spezialisten

oder sogar eine Krankenhausbehandlung

benötigen. Die Möglichkeit,

Allgemeinmedizin & Spezialgebiete

Meist ist eine Hausärztin heute

eine Fachärztin für Allgemeinmedizin.

Nach sechs Jahren Medizinstudium

und nochmals fünf Jahren Weiterbildungszeit

in der Allgemeinmedizin

Dr. Winnie Berlin mit ihrer früheren

Kunstlehrerin, der Werderaner Künstlerin

Oda Schielicke, Sommer 2018.

Der Vierjahreszeitenbaum von

Oda Schielicke schmückt das

Wartezimmer der Praxis.

Fotos :Privat

150 REPORTAGE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


HORTUS EXPERIENCES

innerhalb einer Sprechstunde zwischen

einem jungen Mann mit grippalem

Infekt, zu einer älteren Dame

mit Schlafstörungen oder Schwindel,

einem Schulschwänzer, einem Kleinkind

mit Durchfall und plötzlich zu

einem akut luftnötigen Patienten, der

gerade einen Herzinfarkt erlebt, zu

wechseln – macht den besonderen

Reiz, die Herausforderung und Ehrfurcht

vor dem Fach aus. Ein Wechsel

des Behandlungsortes, ein Hausbesuch

oder der Besuch im Seniorenheim,

die Betreuung einer Sportveranstaltung

oder das Angebot von

Schulungen für Patienten, das Schreiben

von Gutachten und vieles mehr

machen eine abwechslungsreiche

Arbeitswoche aus.

WAS TUN, WENN SCHNELLE HILFE NOTWENDIG IST?

Ausbildung wird vernachlässigt

Kinder in der Hausarztpraxis sind

in Brandenburg eher eine Seltenheit

und die Ausbildung in der Kindermedizin

wird von der Weiterbildungsordnung

zur Fachärztin für Allgemeinmedizin

sehr vernachlässigt.

Nicht einmal ein 80h-Stunden-Kurs

oder eine sechsmonatige Arbeitserfahrung

in der Kinderheilkunde, wie

etwa in der Weiterbildungsordnung

im Land Berlin vorgeschrieben, ist

hier verpflichtend. Die Hausärztin der

Kinder sei doch die Kinderärztin! Viele

Kolleginnen haben sich daher auf

die Erwachsenen – naturgemäß ältere

– fokussiert. Aber das ist nicht die

Norm in ganz Deutschland und auch

nicht in unseren europäischen Nachbarländern.

Dort fehlt es an Kinderärzten

und der Allgemeinarzt „hilft

aus“ oder das Gesundheitssystem

sieht gar keine Kinderspezialisten in

der Grundversorgung vor, bildet seine

Hausärzte selbstverständlich auch

ausreichend in der Kindermedizin aus

und lässt sie bei Problemen an die

Spezialistin für die Kinder, die Pädiaterin,

überweisen. Gerade in einem

Flächenland wie Brandenburg machte

es durchaus Sinn, die Kindermedizin

innerhalb der Allgemeinmedizin zu

stärken. In Deutschland jedenfalls ist

es nach wie vor erlaubt und gelegentlich

absolut notwendig als Allgemeinmedizinerin,

Kinder aller Altersstufen

zusammen mit Ihren Familienangehörigen

zu behandeln. Wie so oft, beachte

man die spezifische Qualifikation

der einzelnen Ärztin.

Die Autorin, Dr. Winnie Berlin,

dritte Generation Ostdeutschland,

ist Fachärztin für Allgemeinmedizin,

Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin

und niedergelassene

Kassenärztin in eigener hausärztlicher

Praxis in Werder seit

September 2018. Sie ist verheiratet

und hat zwei Kinder.

Es kommt immer überraschend, denn die ersten Symptome hat man zumeist

übersehen oder nicht ernst genommen. Doch plötzlich bleibt die

Luft weg, der Arm schmerzt bis zum Herzen, kalter Schweiß bricht aus

und vor lauter Übelkeit kann kein klarer Gedanke mehr gefasst werden.

In lebensbedrohlichen Fällen hilft nur schnelle

Hilfe über den Rettungsdienst

112

Zum Glück ist es nicht immer so schlimm, doch von Freitag Nachmittag

bis zum Montag früh kann es lang werden, wenn man sich nicht fühlt.

Der ärztliche Bereitschaftsdienst hilft,

wenn Ihre Hausarztpraxis geschlossen hat

116 117

Glück

„Wir haben nur noch Elstern und

ein paar Spatzen“, höre ich oft, wenn

ich mit Freunden in unserem Garten

sitze und wir die fröhliche Vogelschar

beobachten, die sich an Futterhaus

und Wasserschale vergnügt. Einmal

mehr wird mir bewusst, welches Glück

wir haben, in solch einer artenreichen

Umgebung zu wohnen. Welches Glück

es ist, bei der Küchenarbeit aus dem

Fenster zu schauen und eine Schwanzmeisen-Familie

beim Gezänk um die

letzten Krümel des Meisenknödels

zu beobachten. Mit der Familie beim

Abendbrot auf der Terrasse zu sitzen

und sich daran zu erfreuen, wie sich

der Igel raschelnd aus dem Gebüsch

schält, um sich ebenfalls sein Abendbrot

zu suchen, während aus dem

Baum über uns Schalen von Nüssen

herabrieseln, die dem Eichhörnchen

als Abendspeise dienen. Schließen Sie

einmal in einem Moment der Ruhe die

Augen und nehmen die Vielzahl der

Vogelstimmen wahr, die durch den

Garten klingen. Viel zu oft haben wir

verlernt, zwischen den Alltagsgeräuschen

um uns herum den Gesang der

Natur und das Rauschen der Bäume

wahrzunehmen. Im hektischen Alltag

gehen die kleinen Wunder der Natur

oft unter, dabei haben wir hier in

Wildpark-West das Glück, einfach die

Terrassentür zu öffnen und ihnen unmittelbar

zu begegnen.

Bei all den Privilegien, die wir genießen,

dürfen wir nicht müde werden,

durch den Erhalt der Bäume, das

Pflanzen von heimischen Sträuchern

und bienenfreundlichen Stauden, das

Anlegen von ein paar unaufgeräumten,

wilden Ecken im Garten als Rückzugsmöglichkeit

, …. die uns umgebende

Natur zu bewahren. Das zurückliegende

Jahr der Trockenheit macht uns einmal

mehr bewusst, dass wir etwas tun

müssen. Fangen wir doch im Kleinen

an und geben der Natur in unseren

Gärten mehr Raum. Ein naturnaher

Garten macht weniger Arbeit als Sie

denken und setzt dem Klimawandel

ein kleines Zeichen entgegen.

Ihre Waldgärtnerin

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 REPORTAGE 151


POTSDAMS HÖCHSTES EINFAMILIENHAUS

Jeder, der vom Kaiserbahnhof kommend, die asphaltierte Chausseestraße des

Wildparks nach Eiche, Wildpark-West oder Geltow passiert, muss an ihm vorbei.

Doch die wenigsten wissen um seine historisch-technische Bedeutung oder haben

je seine 91 Treppenstufen erklommen. Dabei lohnt sich die Mühe des Aufstieg durchaus ...

Weitblick inklusive

VON KATRIN WIRTH

Viele der „Wildparkler“ fahren häufig an ihm vorbei

und haben die Veränderungen der letzten

Jahre beobachtet: Der alte Wasserturm wurde

zu neuem Leben erweckt.

Früher diente der Turm den Dampfloks, welche er mit

Wasser versorgte. Gebaut wurde er vermutlich um 1910.

Zu dieser Zeit war gerade der neue Kaiserbahnhof fertiggestellt

worden und ein Ausbau des Bahnknotenpunktes

Wildpark sowie eine Erweiterung des Güterbahnhofs fanden

statt. Atypisch ist die Lage des Wasserturms, da er

recht weit von den Gleisen entfernt steht. Von der Pumpe

ist heute nichts mehr zu sehen, wo sich diese genau befand,

ist unbekannt. Der Wasserturm verlor seine Nutzung

Anfang der 1980er Jahre mit der Umstellung der

Dampf- auf Diesel- und Elektroloks.

Das kleine Häuschen neben dem Turm war in den 60er

und 70er Jahren bewohnt. In den letzten Jahrzehnten

stand es wie der Wasserturm leer.

Einer geplanten Sprengung entging der Wasserturm

nur knapp. Diese wurde glücklicherweise nicht durchgeführt,

da eine Gefährdung des Werderschen Damms

bestand. Über die Jahre verfiel der Turm mehr und mehr.

Als wir, ein deutsch-spanisches Architektenpaar, ihn 2014

kauften, war die Wand um den Wasserbehälter bereits

halb herunter gebrochen und mit Netzen gesichert. Das

Dach war größtenteils abgedeckt, die Ziegel lagen im

Wassertank. Wind und Wetter hatten vor allem den Stahlbauteilen

zugesetzt und zu Korrosionsschäden geführt.

Das Mauerwerk hingegen hatte die Jahrzehnte besser

überstanden.

Offensichtlich hatten

wir eine Ruine gekauft.

Der alte Wasserturm, um 1910 erbaut, verlor seine

Funktion Anfang der 1980er Jahre und war bis 2014 dem

Verfall preisgegeben. Das Turmwärterhäuschen war bis

in d1e 1970er Jahre bewohnt.

Foto: Wirth Alonso

Foto: Wirth Alonso

152 ARCHITEKTUR WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Erstrahlt in neuem Glanz: Der Wassertum

mit Turmwärterhäuschen. Die Sanierung

wurde in einem relativ kurzen Zeitraum

von nur 13 Monaten umgesetzt und der

straffe Kostenrahmen eingehalten.

Foto: Luca Girardini


Foto: Luca Girardini

Der Wasserbehälter beherbergt nun das Wohnzimmer mit großem Panoramafenster in der genieteten Wand,

welches den Blick über den Wildpark frei gibt.

UNESCO Weltkulturerbe

Park Sanssouci und Wildpark

Offensichtlich hatten wir eine Ruine gekauft, aber wir

zweifelten keinen Moment daran, dass der Turm erhaltenswert

war und viel Potential hatte. Mit einem alten Gemäuer

zu arbeiten, ist eine wunderbare Aufgabe. So stand für uns

von Anfang an fest, dass wir so viel wie möglich erhalten

wollten. Der Wasserturm steht nicht unter Denkmalschutz,

jedoch unter Umgebungsschutz aufgrund der Nähe zum

UNESCO Weltkulturerbe Park Sanssouci und Wildpark. Genau

diese Lage macht das ohnehin außergewöhnliche Gebäude

zu einem ganz besonderen Ort. Nicht zu nah an den

Gleisen und mit dem Wildpark direkt vor der Tür schien uns

der Turm für die Umnutzung zu einer Wohnung bestens geeignet.

Querschnitt des Wasserturms

mit sechs Wohnebenen.

In der Planungsphase

wurden nicht nur

Zeichnungen erstellt,

wegen der runden Grundform

und der schrägen

Wände wurden auch

dreidimensionale Pläne

angefertigt.

Alles dreidimensional geplant

Es begann eine ausführliche Planungsphase, in der der

Umbau erst in unseren Köpfen und dann in gezeichneten

Plänen Gestalt annahm. Die runden und zugleich schrägen

Wände waren eine Herausforderung, weshalb alles dreidimensional

geplant werden musste. Der Planungs- und

Genehmigungsprozess nahm zwei Jahre in Anspruch. Die

Sanierung selbst konnte jedoch in einem relativ kurzen

Zeitraum von nur 13 Monaten umgesetzt und der straffe

Kostenrahmen eingehalten werden. Dies war möglich, da

wir fast täglich selbst auf der Baustelle waren, Entscheidungen

mit den Firmen direkt vor Ort treffen konnten und

auch teilweise Eigenleistung erbrachten.

154 ARCHITEKTUR WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Foto: Wirth Alonso

An dem großen Esstisch in der Küche im Erdgeschoss finden bequem acht Personen Platz.

Die alte Stahltreppe wurde aufgearbeitet und führt in die darüber liegenden Ebenen.

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 ARCHITEKTUR 155


Foto: Wirth Alonso

In einer der zwei neuen Ebenen befindet sich ein Schlafbereich mit angrenzendem Bad.

91 Stufen bis zur Dachterrasse

So schritten die Arbeiten auf der Baustelle schnell

voran: die Reste der Tankummantelung und des Daches

wurden entfernt, alle Stahlbauteile wurden sandgestrahlt

und erhielten einen Korrosionsschutz, zwei neue

Holzebenen und drei Bäder wurden eingebaut. Zwei

neue Fenster erfüllen nun die Brandschutzrichtlinien

und bringen zusätzlich Licht in den Turm, ohne die Ansicht

von der Straßenseite zu modifizieren.

Die größte Veränderung betraf wohl den Turmkopf

selbst. Er bekam eine neue Verkleidung aus Trapezlochblech,

welches gleich mehrere Aufgaben erfüllt. Es

erhält die ursprüngliche Volumetrie des Turms, dient

als Sonnen- und Witterungsschutz und lässt durch die

leicht transparente Wirkung das Stahlskelett des alten

Daches durchschimmern. Wer die 91 Stufen überwindet,

steht nun auf der Dachterrasse mit Rundumblick über

den Wildpark und Park Sanssouci, während die Stahlkonstruktion

des ehemaligen Daches ein Schattenspiel

auf den Boden malt.

Drei Bäder wurden im Turm neu geplant und eingebaut.

Nur die Bäder haben Türen. So bleibt die runde Form

überall spürbar.

Foto: Wirth Alonso

Räumliches Erlebnis

Schwerpunkt des Entwurfs war es, den Aufstieg zu

einem räumlichen Erlebnis zu machen. Jeder Raum ist

wie ein eigenes kleines Projekt und unterscheidet sich

in Höhe, Materialität, Nutzung und Belichtung. Im Erdgeschoss

befindet sich unter der gemauerten Kuppel die

Küche. Eine eigens für diesen Raum angefertigte runde

Pendelleuchte erhellt den Raum mit warmem Licht. Die

156 ARCHITEKTUR WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Foto: Luca Girardini

Im Erdgeschoss befindet sich unter der gemauerten Kuppel die Küche. Eine eigens für diesen Raum angefertigte

runde Pendelleuchte erhellt den Raum mit warmem Licht.

Rundumblick

über den Wildpark

und Park Sanssouci.

alte Stahltreppe wurde aufgearbeitet

und führt in die darüber liegenden

Ebenen. Alle Räume sind offen gehalten,

nur die Bäder haben Türen. So

bleibt die runde Form überall spürbar.

Der Wasserbehälter beherbergt nun

das Wohnzimmer mit großem Panoramafenster

in der genieteten Wand,

welches den Blick über den Wildpark

frei gibt. Im Raum der Turmgeschichte

direkt unter dem Wasserbehälter

kann man nicht nur die alten Abfüllregler

sehen, sondern sich auch über

die Baugeschichte informieren und

ein paar Fundstücke betrachten.

Keine alten Pläne und kaum Fotos

Es ist schade, dass es vom Wasserturm

keine alten Pläne und kaum

Fotos gibt. Sollten Sie Aufnahmen des

Turms besitzen, würden wir uns sehr

freuen, diese sehen zu dürfen.

Vor allem in den Sommermonaten

sind wir an den Wochenenden im

Turmwärterhäuschen und im Garten

anzutreffen. Schon während der Bauphase

haben immer wieder Leute am

Gartenzaun angehalten und sich nach

dem Projekt erkundigt. Wenn es die

Zeit zulässt, freuen wir uns über jedes

angeregte Gespräch und zeigen den

Turm interessierten Nachbarn auch

gerne von innen.

Die Autorin Katrin Wirth, Jahrgang

1982 wurde in Limburg an der Lahn

geboren. Sie ist verheiratet und hat

zwei Kinder.

Sie studierte wie auch ihr Mann

Architektur und arbeitet heute als

freie Architektin. Sie ist Mitglied der

Architektenkammer Berlin.

WASSERTURM

Sanierung & Umnutzung

Erbaut um 1910

Sanierung2016-2017

Gesamthöhe ca. 22 Meter

Wohnfläche ca. 130 qm

Etagen 6 Wohnebenen

Dachterrasse in ca. 20 Metern

Höhe mit Blick zum Wildpark

und neuem Palais.

Volumen des ehm. Wassertanks:

ca. 100 Kubikmeter.

Im Nebengebäude, das heute

Wohngebäude ist, befand sich

eventuell früher das Pumpwerk,

welches Grundwasser direkt in

den Turmbehälter förderte.

Vor zwei Jahren wurde der

Umbau des Wasserturms

fertiggestellt und steht nun

für Urlaubsgäste als Ferienwohnung

zur Verfügung. Informationen

und mehr unter

www.wasserturm.holiday

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 ARCHITEKTUR 157


Als Simone und Ralf Blauert den alten Güterbahnhof, unweit des Wasserturmes am Rande

des Wildparks, zum ersten Mal betraten, waren sie verzaubert. Es war im Frühjahr 2007,

das Gelände lag seit Jahren ungenutzt brach, die Fenster des Hauses waren eingeschlagen,

die Wände mit Graffiti beschmiert, Schutt lag in den Räumen. Damals saßen die beiden auf

einer der Rampen, schauten auf die Gleise und beschlossen, den Bahnhof zu kaufen ...

Einen verwunschenen Ort wiederbelebt

VON JANA FELLENBERG

Foto: xxxx

Foto: Ralf Blauert


Zwölf Jahre später sind die

Schuttberge verschwunden,

das Gebäude längst aus seinem

Dornröschenschlaf erwacht.

Der ehemalige Güterbahnhof ist

ein Ort mit über 100-jähriger Geschichte,

die nur lückenhaft dokumentiert

ist. Was ist Wahrheit, was

Legende? Erkenntnisse des bekannten

Chronisten und Autors Adolf Kaschube,

der mit Zeitzeugen gesprochen

und ihre Aussagen gesammelt

hat sowie das Studium alter Potsdamer

Tageszeitungen bringen etwas

Licht ins Dunkel.

Bahnhof mit hölzernen Gebäuden

Schon seit 1846 durchläuft die

Eisenbahnstrecke von Potsdam nach

Magdeburg das kurfürstliche Waldgebiet

bei Potsdam. Nachdem 1847 zuerst

ein Haltepunkt für die königliche

Familie eingerichtet wurde, entstand

1858 am Endpunkt zur Verbindung

nach dem Neuen Palais ein Bahnhof

mit hölzernen Gebäuden, dessen

Gaststätte später auch gern von Berliner

Ausflüglern genutzt wurde. Der

Güterbahnhof, der erst 1910 in seiner

jetzigen Form erbaut wurde, war

einst wichtiger Warenumschlagplatz

für die Brandenburger Vorstadt und

gehörte zum Verbund der drei königlichen

Bahnhöfe, zu dem auch der

nahe und bereits erwähnte Kaiserbahnhof

(heute DB-Akademie) und

der daneben gelegene Bürgerbahnhof

(heute Bahnhof Potsdam Park

Sanssouci, erbaut 1868/69) gehörten.

1906 erfolgte ein Umbau der bis dahin

bestehenden Bahnhofsstationen,

der dem Bahnhof Wildpark durch

die Höherlegung der Ferngleise ein

völlig verändertes Aussehen verlieh.

Simone und Ralf Blauert leben

seit 2001 in Wildpark-West

„Wir fühlen uns

mit dem Ort einfach

sehr verbunden.“

So wurde der hölzerne Pavillon abgerissen

und musste einem monumentalen

Neubau weichen, wobei die

Haltestation für den königlichen Hof

an die Stelle des alten und zu klein

gewordenen Güterbahnhofs verlegt

wurde. So konnte, während sich ein

Hofzug im Bahnhof aufhielt, der sonstige

Verkehr unbehindert auf den

Nachbargleisen abgewickelt werden.

Graue Reiter des

Garde-du-Corps-Regiments

Mehrmals standen die drei Bahnhöfe

im Rampenlicht preußischer

Geschichte, so als im August 1914

auf der dunklen Chausseestraße des

Wildparks die „grauen Reiter des

Garde-du-Corps-Regiments“ in den

ersten Weltkrieg zogen und auch als

im April 1921 der Sarg der im Exil verstorbenen

Kaiserin Auguste Viktoria

im Spalier von über 60.000 Menschen

in den Antikentempel überführt

wurde.

Gleis zum unterirdischen Bunker

In den Jahren vor und während

des 2. Weltkrieges wurde dann Baumaterial

unter anderem für den

Kasernenneubau und den Umbau

angeliefert. So führte ein Anschlussgleis

vom Bahnhof Wildpark zu einem

unterirdischen Bunker oder Bunker-

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 ARCHITEKTUR 159


Dem Wildpark zugewandt: Die langgestreckte Fensterfront nach Süden

bahnhof der Kaserne. Dieser Gleisanschluss

wurde auch für den sogenannten

Göringschen-Robinsonzug

genutzt, ein als Befehlszug zu den

Fronten verkehrender Kommandozug.

Ab 1945 empfing dann die Sowjetarmee

ihre Militärlieferungen auf den

Gleisen des Güterbahnhofs, wobei

mit der Verlegung der Kommandantur

1952 nach Wünsdorf das Bahnhofs-Ensemble

völlig an Bedeutung

verlor. Erst im August 1991, als die

Särge von König Wilhelm Friedrich I.

und Friedrich II. nach Potsdam zurück

überführt werden sollten, wurden

die nutzbaren Gleise des Güterbahnhofs

wieder benötigt, da der Kaiserbahnhof

wegen seines schlechten

Zustandes gesperrt war. Die königlichen

Überreste wurden deshalb zum

Güterbahnhof Wildpark transportiert

und von dort aus auf einer Kutsche

zur letzten Ruhestätte im Park Sanssouci

gefahren. Dabei wurden mit bemerkenswertem

Aufwand potemkinsche

Dörfer, ähnlich der Babelsberger

Filmstadt, erbaut, so dass die Filmaufnahmen

nicht das heruntergekommene

Gebiet um Güterbahnhof und Wasserturm

zeigen mussten. 1994 wurde

der Bahnhof schließlich weitgehend

stillgelegt und verkam ...

2001 waren Simone und Ralf Blauert

zusammen mit ihren Kindern in

die Waldsiedlung gezogen. Dabei hat-

ten sie auf ihr Bauchgefühl vertraut.

„Wir haben immer in Potsdam-West

gelebt“, erzählt Simone Blauert, „und

als wir das Bauland in der Siedlung

betreten haben, wussten wir sofort:

Das ist es.“ Und Ralf Blauert ergänzt:

„Wir fühlen uns mit dem Ort einfach

sehr verbunden.“ 1994 hatte das Ehepaar

auf Hermannswerder ein Catering-

und Veranstaltungsunternehmen

gegründet, war anfangs für die

Schulverpflegung des Gymnasiums

verantwortlich und richtete in einem

gepachteten Haus Events aus.

Dass Familie Blauert beim Güterbahnhof

landete, ist dem Zufall zu

verdanken, sagen sie. Als 2007 ihr

Pachtvertrag auf Hermannswerder

auslief, waren sie wochenlang in Potsdam

und Umgebung unterwegs und

hielten Ausschau nach leerstehenden

Objekten. Keines konnte sie richtig

BUCHEMPFEHLUNG

Der Kaiserbahnhof

Wildpark in Potsdam

Barbara Eggers

Verlag J. Strauss

140 Seiten

ISBN:

3929748177

überzeugen, bis sie eines Nachmittags,

auf dem Weg nach Hause in

die Waldsiedlung, den alten Bahnhof

wiederentdeckten, der so zugewachsen

war, dass man ihn von der Straße

aus nicht mehr sehen konnte.

Zwei Millionen Euro investiert

So standen Blauerts vor dem verwilderten

Gebäude. „Es war ein verwunschener

Ort“, erzählt Ralf Blauert.

„Wir waren verzückt“, ergänzt seine

Frau. Der Güterbahnhof gehörte zu

der Zeit der Deutschen Bahn. „Wir

haben ungefähr ein Jahr lang mit der

Bahn verhandelt“, erinnert sie sich,

„am 8. März 2012 haben wir dann den

Vertrag unterschrieben.“

DONNERSTAG

20

JUNI

SOMMERFEST

Am 20. Juni 2019 feiert BlauArt

Catering und Tagungshaus sein

25-jähriges Bestehen mit einem

großen Sommerfest, bei dem neben

Kunden und Geschäftspartnern auch

Nachbarn und Wildpark-Anwohner

mit ihren Familien willkommen sind.

Wer dabei sein will, meldet sich bitte

per E-Mail unter kontakt@blauart.de

160 ARCHITEKTUR WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Fotos: Ralf Blauert

Der große Saal: Ideal für Veranstaltungen

Freundlich gestaltet: Der Eingangsbereich

Zwei Millionen Euro hat das Ehepaar

seitdem in die Sanierung investiert,

der Dachstuhl musste erneuert,

die Infrastruktur für Wasser, Abwasser,

Strom und Telefon neu angelegt

werden. Es sei eine Herausforderung

gewesen, aus einer kaputten, leeren

Halle ein funktionierendes Tagungshaus

zu machen. „Das ganze Gelände

war stark verfallen. Eigentlich hätte

man abreißen und alles neu bauen

müssen“, sagt Ralf Blauert, „doch wir

wollten so viel wie möglich von der

Substanz erhalten.“ Die originalen

Backsteinmauern erstrahlen heute

wieder in rot und weiß. An einigen

Mauerstücken sind noch kyrillische

Schriftzeichen zu erkennen. „Wir respektieren

die Geschichte dieses

Ortes und schreiben sie behutsam

weiter.“ 2014 war es dann endlich soweit:

Das Paar eröffnete sein eigenes

Tagungshaus am Wildpark. Und man

kann sagen, dass Mühe und Aufwand

der Restaurierung sich wirklich gelohnt

haben.

Die Räume des Tagungshauses

sind hell und mit moderner Technik

ausgestattet, mit hohen Decken und

direktem Zugang zur umlaufenden

Terrasse, es gibt ein Foyer für Empfänge

und ein weitläufiges Außenareal.

Aus den Fenstern blickt man

auf Bäume, der Wildpark liegt gleich

gegenüber. Das Haus ist für gewerbliche

Veranstaltungen – Firmenpräsentationen

und Konferenzen etwa

– ideal ausgestattet, erfreut sich aber

besonders bei Hochzeitsgesellschaften

immer größerer Beliebtheit. „Mit

der großen Nachfrage nach Hochzeitsfeiern

hatten wir gar nicht gerechnet“,

erzählt Simone Blauert.

„Wer in der Hochsaison hier feiern

will, muss zwei Jahre vorher buchen.“

Mittlerweile blicken Simone und Ralf

Blauert auf viele Jahre Erfahrung zurück,

ihre Transporter sind im Stadtbild

gut bekannt; das Unternehmen

liefert täglich 4.000 Mittagessen an

Potsdamer Schulen aus.

Autorin Jana Fellenberg, 1967 in

Potsdam geboren, Dipl. Informatikerin,

verheiratet, lebt seit ihrer

Kindheit in Wildpark-West.

Das alte Bahnhofsgebäude

erstrahlt in neuem Glanz

Foto: Benjamin Maltry

WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 ARCHITEKTUR 161


„Am Anfang müssen alle zusammen große Steine ins Wasser werfen.

Dann steige ich zuerst in den Fluss“, erzählt Oliver Gara den Konfirmandinnen

und Konfirmanden in meiner früheren Gemeinde. Die Jugendlichen hören ihm mit

offenen Mündern zu. Oliver Gara ist Pastor in Simbabwe, er kommt aus einer

Partnergemeinde. An diesem Nachmittag geht es um die Taufe.

Steine werfen vor der Taufe

VON TOBIAS ZIEMANN

Gerade haben wir uns das viele hundert

Jahre alte Taufbecken der Gemeinde angesehen

und über den Taufritus gesprochen,

wie er häufig bei uns stattfindet: Da stehen

Eltern und Paten mit dem Täufling um den Taufstein

herum. Es werden Texte aus der Bibel vorgelesen.

Aus einer Kanne wird Wasser in die Taufschale gegossen.

Und schließlich nimmt der Pfarrer Wasser

und schöpft es mit den Händen über den Kopf des

Täuflings. Dabei spricht er die uralte Formel „Ich taufe

dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des

Heiligen Geistes.“

Es sind dieselben Worte, die Oliver Gara in Simbabwe

bei der Taufe spricht. Es ist ja auch dieselbe

Taufe – eben nur ganz anders: Der Gottesdienst beginnt

in der Kirche. Es wird lange gesungen, gebetet,

in der Bibel gelesen. Und irgendwann setzt sich die

Taufgesellschaft in Bewegung: „Runter zum Fluss!“

Nur kurze Zeit im Jahr, am Ende der Regenzeit,

können hier draußen Taufen stattfinden. Dann, wenn

der Fluss genügend Wasser führt, um hineinzusteigen,

und man trotzdem noch die Krokodile sehen kann, die

sich am Ufer verstecken. Darum nämlich auch die großen

Steine, die ins Wasser geworfen werden:

„Erst wenn ich sicher bin, dass keine Krokodile im

Wasser sind, gehe ich als erster rein“, erzählt Oliver.

„Wie tief?“, fragen die Jugendlichen, die endlich mal

ihr Schulenglisch ausprobieren können. Oliver zeigt

auf seinen Bauch: „So weit“. Die Gemeinde steht am

Ufer, betet und singt Lieder. Ein Helfer steht neben

dem Pastor, wenn der erste der Täuflinge ins Wasser

steigt. Sie sind ungefähr so alt wie unsere Jugendlichen,

13 oder 14. Und im Gespräch mit ihnen hat

Oliver beschlossen: „Ihr seid soweit! Ihr könnt in diesem

Jahr getauft werden.“

„Halt dir die Nase zu!“, fordert er sie dann auf –

und taucht sie rückwärts in den Fluss. Der ganze Körper

muss unter Wasser sein. „Wir wollen das natürlich

nicht zweimal machen“, erzählt Oliver. „Aber wenn

die Füße beim Untertauchen versehentlich aus dem

Wasser ragen, dann hilft nichts, dann wiederholen

wir die Taufe. Der ganze Mensch muss untertauchen

und neu geboren werden.“ „Ist jemand in Christus, so

ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe,

Neues ist geworden.“ So steht es in der Bibel. Natürlich

kennt der Pfarrer aus Simbabwe dieses Wort von

Paulus. Es gilt für Christen hier und in Afrika. Und die

Jugendlichen verstehen intuitiv, was Paulus meinte:

Der ganze Mensch taucht unter – und ist nach dem

Auftauchen ein neues Geschöpf. Das wird bei der

Taufe im Fluss in Simbabwe noch spürbarer als bei

„unserer“ Art der Taufe: Mit der Taufe beginnt nicht

nur ein neuer Lebensabschnitt – es beginnt ein neues

Leben. Taufe bleibt Taufe – egal ob hier bei uns

oder in Simbabwe. Aber in einem Fluss ist die Performance

eindeutig stärker und näher an dem, was

Taufe zur Zeit Jesu bedeutete. Jesus stieg ja auch in

den Jordan und ließ sich von Johannes dem Täufer

ganz untertauchen.

In der Geltower Kirchengemeinde wird das seit

einigen Jahren auch getan, beim großen Tauffest für

die ganze Region. Wie in Simbabwe beginnt der Gottesdienst

in der Kirche und nach einiger Zeit setzt

sich die Gesellschaft in Bewegung runter zum Fluss.

Bis zur Hüfte stehen die Pfarrerin oder der Pfarrer

dann in der Havel – und einige Täuflinge suchen sich

sogar aus, ganz unterzutauchen. Ein neuer Mensch

kommt schließlich aus dem Wasser, ein Mensch mit

einer unzertrennlichen Verbindung zu Gott.

Ich freue mich schon sehr auf das nächste Tauffest

am 19. Mai 2019. Anmeldungen zur Taufe nehmen

wir gerne entgegen, sowohl von Kindern als

auch von Jugendlichen und Erwachsenen. Und es

gibt auch einen kleinen Unterschied zur Taufe in

Simbabwe: In der Havel leben keine Krokodile. Steine

werfen müssen wir nicht.

Ihr Pfarrer

Tobias Ziemann

Tobias Ziemann, 1983 in

Berlin-Mitte geboren,

Studium der Evangelischen

Religionspädagogik in Berlin,

Vikar in Potsdam-Drewitz,

erste Pfarrstelle ab 2010

im Löwenberger Land, seit

November 2017 Pfarrer im

Sprengel Potsdam-Erlöser,

verheiratet, zwei Söhne.

164 NACHGEDACHT WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Sie neigte sich vor dem Königssohn und streckte ihm ihren

entblößten Fuß entgegen. Er sah sie an, zog den goldenen Schuh

aus seinem Wams, und siehe da – er passte wie angegossen!


Aus „Aschenputtel“

Der verlorene Schuh

VON DANIEL JEFSEN

Es war einer dieser trockenen Winter der

letzten Jahre mit wenig Schnee. An diesem

Abend aber fing es in Geltow an zu schneien

und mir war klar, dass ich meine Kinder am

nächsten Morgen mit dem Schlitten zur KITA und zur

Schule fahren werden müsse – egal wie dünn die

Schneedecke auch ist ...

Im Licht der Straßenlaternen

Doch noch schneite es, und eine erste weiße

Schicht auf den Wegen und Straßen, Bäumen

und Dächern tauchte den Ort in eine winterliche

Atmosphäre. Nur wenige Menschen waren an diesem

Abend unterwegs, so wie Frau Altstädter, die

in Alt-Geltow im Licht der Straßenlaternen auf dem

Weg nach Hause war und wir, die wir Altglas zum

Container brachten.

Frau Altstädter querte gerade die Einmündung

einer kleineren Nebenstraße, als sie von einer

schwarzen Limousine erfasst wurde, die trotz der

besonderen Witterung sehr schnell unterwegs war.

Noch heute können meine Frau und ich uns an ihren

kurzen Aufschrei erinnern – wir waren nur 20 Meter

vom Geschehen entfernt. Wir eilten zum Unfallort

und stellten zu unserer großen Erleichterung fest,

dass niemand ernsthaft verletzt worden war. Die

gestürzte alte Frau war inzwischen wieder mühsam

aufgestanden und wir erkannten Frau Altstädter,

deren Wohnung sich in unserer Nachbarschaft befand.

Der Fahrer des Autos, Herr Staupitz, war sichtlich

erleichtert über den glimpflichen Ausgang des

Vorfalls. Er hatte Frau Altstädter schlicht übersehen,

wie er selbst sagte.

Ein ramponierter Damenschuh

Herr Staupitz und auch wir boten Frau Altstädter

an, sie ins Krankenhaus oder nach Hause zu fahren.

Doch Frau Altstädter, gewiss noch unter Schock, hielt

das erst einmal für unnötig. So war der Schaden zunächst

klein, nur ein ramponierter Damenschuh von

Frau Altstädter. Auf dem Heimweg sprachen meine

Frau und ich noch länger über den Vorfall. Uns war

klar, dass so etwas jedem Autofahrer passieren kann,

gerade bei solchem Wetter. Später erzählte mir Frau

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WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019 NACHGEDACHT 165


Altstädter, Knie und Fuß haben nach

dem Unfall noch lange wehgetan und

waren geschwollen.

Auch der kaputte Schuh war ärgerlich,

aber eben nicht zu ändern. Ich

versprach ihr, mit Herrn Staupitz, der

in Geltow nicht unbekannt ist, noch

einmal über den Vorfall zu sprechen.

Das tat ich und bat dabei Herrn Staupitz,

die ältere Dame doch noch einmal

aufzusuchen und mit ihr über das

Geschehene zu sprechen. Entschuldigt

hatte sich Herr Staupitz schon

am Unfallort.

Viele Monate verstrichen, aber

nichts passierte. Ich erinnerte Herrn

Staupitz auf einer Veranstaltung noch

ein zweites Mal an den Vorfall. Schon

hier hatte ich das Gefühl, die Angelegenheit

war für ihn erledigt. Bis heute,

mehr als zwei Jahre nach dem Vorfall,

hat Frau Altstädter nichts von Herrn

Staupitz gehört. Frau Altstädter sagte

mir einige Wochen nach dem Vorfall,

sie wäre mit 25 Euro für neue Schuhe

einverstanden gewesen. Sicherlich

hätte sie sich auch über einen

Blumenstrauß gefreut. Sie gehört zu

den Menschen, denen es niemals in

den Sinn kommen würde, aus solchen

Vorfällen einen monetären Nutzen zu

ziehen. Obwohl die Sache mit dem

Knie, wenn sie öffentlich gemacht

worden wäre, ganz bestimmt die

mickrige Rente von Frau Altstädter für

lange Zeit deutlich aufgestockt hätte.

Viele Monate

verstrichen, aber

nichts passierte

Aber sie wäre eben auch mit 25 Euro

und einem Blumenstrauß einverstanden

gewesen. Doch am Ende geht es

in dieser kleinen Geschichte aus Geltow

nicht ums Geld. Vielmehr sind es

ethische und moralische Grundsätze

menschlichen Zusammenlebens, die

im besonderen Entscheidungsträger

in ihrer Vorbildfunktion besonders

ernst nehmen sollten. Hier geht es vor

allem darum, dass wir diese Grundsätze

vor unseren Kindern auch leben

und sie an kommende Generationen

weitergeben. Soviel ich weiß ist Herr

Staupitz selbst Vater von mehreren

Kindern.

Wäre ich Herr Staupitz, würde

mich noch etwas anderes beunruhigen.

Auch als konfessionsloser und

einigermaßen aufgeklärter Zeitgenosse

kann ich mir nicht sicher sein,

ob es am Ende nicht doch eine höhere

Gerichtsbarkeit gibt. Dort wird dann

für Herrn Staupitz der Name von Frau

Gefährdungshaftung

Die Erkenntnis, dass der Betrieb

eines Kraftfahrzeugs auch erhöhte

Gefahren mit sich bringt, führte

zur – als Gefährdungshaftung

konzipierten – allgemeinen Straßenverkehrshaftung,

die im Straßenverkehrsgesetz

(StVG) festgeschrieben

ist.

§7 des StVG

So regelt §7 des StVG die Frage der

Haftung: „Wird beim Betrieb eines

Kraftfahrzeugs … die Gesundheit

eines Menschen verletzt oder eine

Sache beschädigt, so ist der Halter

verpflichtet, den daraus entstandenen

Schaden zu ersetzen.“ Wobei

auch die Schuld des Fahrers

berücksichtigt wird und die Höhe

der Haftung sich nach seinem

Verschulden richtetet (§ 18 StVG).

Immaterielle Schäden bei Unfällen

können durch Zahlung eines

Schmerzensgeldes ausgeglichen

werden (§ 11 StVG).

166 NACHGEDACHT WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Altstädter zu hören sein – ein Name,

an den sich Herr Staupitz dann vermutlich

wieder erinnert. Weiter wird

festgestellt werden, dass ein solcher

Unfall jedem passieren kann. Diese

Erkenntnis wird in der einen Waagschale

liegen. In der anderen liegt das

Gewissen von Herrn Staupitz. Und

diese Schale ist deutlich schwerer!

Frau Altstädter ist in all den Jahren

seit dem Unfall älter geworden, Herr

Altstädter ist inzwischen verstorben.

Und die Zeit für Herrn Staupitz, seine

Waagschale in dieser Angelegenheit

ins Gleichgewicht zu bringen, ist nicht

unbegrenzt!

Ende gut - alles gut?

Wir alle, aber besonders unsere

Kinder, hoffen auf ein gutes Ende von

Geschichten, auch wenn sie – wie diese

– leider wahr sind. Aber vielleicht

soll auch diese Geschichte ihr gutes

Ende bekommen, was sich in der folgenden

Abfassung dann doch wie ein

Märchen anhört: Herr Staupitz hatte

Frau Altstädter nach langer Zeit noch

einmal besucht. Bei einer Tasse Kaffee

sprachen sie über den Vorfall im

Winter 2016. Frau Altstädter erzählte

Herrn Staupitz, dass sie bis heute Probleme

mit dem „Unfallfuß“ hat. Dann

packte Herr Staupitz ein paar neue

Schuhe für Frau Altstädter auf den

Tisch. Doch erst als er gesagt hatte,

wie leid es ihm tut, und dass er hätte

eher kommen müssen, hat sich die

schwere Waagschale von Herrn Staupitz

hörbar gehoben und er fühlte

sich ungewohnt leicht. Auch Frau Altstädter

fühlte sich gut, was bestimmt

nicht nur an den neuen Schuhen lag,

die ein bisschen teurer waren als 25

Euro. Und so verabschiedeten sich

beide in freundschaftlicher Atmosphäre.

Ihre Meinung ist gefragt:

Was meinen Sie, verehrte Leser?

Hat sich Herr Staupitz nach dem

Unfall korrekt verhalten? Oder

hätte er mit dem späteren Wissen,

dass doch ein Schaden entstanden

ist, anders handeln müssen?

Schreiben Sie uns!

Um Frau Altstädter und Herr Staupitz,

der noch heute hohe Ämter

im Ort bekleidet, nicht in ihrem

Ansehen zu beschädigen, hat sich

die Redaktion entschlossen, alle

Namen der an der Geschichte

beteiligten Personen zu ändern.


BLICK IN WILDPARKER KOCHTÖPFE

Im Jahr 2007 veröffentlichte der hiesige Wildpark e. V. ein

vielbeachtetes kleines Büchlein, in dem dutzende Einwohner

der Waldsiedlung ihre ganz privaten Koch-, Back- und

Bratgeheimnisse lüfteten.

Das Büchlein verfolgte einen guten Zweck:

Die Einnahmen kamen dem Wildpark zugute,

damals noch Lennés vergessenem Garten.

Lebuser Saure Eier

EIN REZEPT VON IRMCHEN GRUSCHKE †

Zutaten

» » 3 Päckchen gewürfelter Schinken

» » 1 Esslöffel Mehl

» » 1 Zwiebel

» » 2–3 Eier pro Person

» » Zucker

» » Salz

» » 2–3 Esslöffel roter

Johannisbeer-Gelee

» » Öl, Essig event. zum Abschmecken

(die Sauce sollte süß sauer sein)

Zubereitung

Speck, Zwiebel und Mehl in Öl anschmoren,

bis das Mehl gut gebräunt

ist. Den Zucker dazu geben, unter

Rühren gut bräunen lassen, die Sauce

soll recht dunkel werden.

Mit Kartoffelwasser ablöschen, Sauce

nicht zu dick werden lassen. Johannisbeer-Gelee

dazu geben. Sauce zum

Kochen bringen, Herdkochfeld herunterschalten

und die entsprechende

Anzahl von Eiern nach und nach über

einen großen Löffel hineingleiten und

stocken lassen.

Tipp

Eine große Pfanne eignet sich sehr

gut - die Eier garen besser. Salzkartoffeln

passen sehr gut, das Kartoffelwasser

gut aufheben - beachten Sie

aber bitte beim Würzen, dass das Kartoffelwasser

schon gesalzen ist.

Fotos: Ralph Berek

168 WILDPARKER KOCHTÖPFE WILDPARK WEST FRÜHLING/SOMMER 2019


Gewürfelter Schinken Johannisbeer-Gelee Kartoffeln und Zwiebeln


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