Berner Kulturagenda N°15

kulturagenda

18. – 24. April 2019

Anzeiger Region Bern 31

3

«Jetzt sind wir parat»

Immer vorwärts

TICKETS

Christine Hasler nannte den Klang ihres Musikprojektes

Lia Sells Fish einmal Musik, die «versucht Pop zu sein, es

aber nie ganz schafft». Jetzt ist Lia zur rockigeren Bandformation

angewachsen – und tauft endlich ihr Debütalbum.

Sie wurden «zwischen PJ Harvey,

Fiona Apple und Bon Iver» verortet

und als eine, die sich «durch ihre

Lieder schleppt wie ein abgeschossenes

Reh durchs Unterholz», als

«180%-Frau» mit «Herbststimme»

oder als «langlebigsten Geheimtipp

der Schweizer Musikszene» beschrieben.

Welche Bezeichnung passt

Ihnen am meisten?

Die «Herbststimme» trifft es recht gut,

damit kann ich leben. Sie ist mein Instrument.

Das Reh ist aber nicht mehr

angeschossen, es stellt sich zum Losrennen

hin. Mit meiner Band fiel der

Entschluss, mehr auf die Rockschiene

zu setzen. Meine alten Songs haben es

verdient, ein neues Kleid zu bekommen.

Ich weiss noch nicht ganz, welches

Outfit es ist, aber es ist ein geiles.

Nach über zehn Jahren erscheint das

erste Album von Lia Sells Fish.

Warum so spät? War das Reh

angeschossen?

Nein. Wegen Aufträgen als Theatermusikerin

und sporadischen Existenzängsten

schob ich Lia immer in eine

Ecke, auch wenn ich spürte, dass sie

mehr Platz nötig gehabt hätte. Sie

wäre «abgeserbelt», wenn die vier

Jungs, meine Band, mir keinen Impuls

gegeben hätten. Das war vor anderthalb

Jahren und wir machten vieles

verkehrt.

Was denn?

Wir probten einige Male, dann nahmen

wir gleich auf. Da waren wir noch keine

vertraute Band, die sich wie in einer Beziehung

da stupsen kann, wo es weh

tut. Aber jetzt sind wir parat und wollen

wie Tierchen aus dem Käfig.

Also klingt ihr live anders?

Genau, live wird es deutlich anders abgehen

als noch mit Gitarre und Stimme

alleine. Schliesslich habe ich jetzt

eine Band aus munteren Antihelden

dabei.

Warum verkauft Lia Fische?

Vor gut zehn Jahren fand ich teeniemässig

Lia Selfish recht lustig. Aber

weil es hier schon (Sophie) Hunger,

(Evelinn) Trouble und (Heidi) Happy

gab, habe ich daraus «Sells Fish» gemacht.

Das Bild find ich gut: Fische

sind wie Nahrung aus dem Unbewussten,

also dem Wasser. Du nimmst

sie raus und verkaufst sie. Ob es nun

Fische sind oder Pop – letztlich lebt

Musik vom Verkauf.

Wovon singen Sie am liebsten?

Weltbeobachtungen. Runtergebrochen

könnte man auch sagen, ich singe über

alles und nichts, kleine Sachen, die

mich emotional berühren. Im Song

«This Won’t Stop» zum Beispiel singe

ich von den Streitereien der Familie,

über der ich gewohnt habe. Ich mache

nicht mehr nur Songs über die schlimme

Welt und mein eigenes Gefühlsleben,

sondern versuche Beobachtungen

zu abstrahieren, so dass alle es auf

sich bezogen lesen könnten.

Interview: Katja Zellweger

Rössli in der Reitschule, Bern

Do., 18.4., 22 Uhr

www.souslepont-roessli.ch

Von Alternative-Country hin zu elektronischen Spielereien:

Lambchop ist eine Band, die sich vorzu neu erfindet und

sich doch treu bleibt.

Er machte Alternative-Country und

Americana einst zum interessanten

Accessoire in der coolen Indie-Szene.

Seit den Anfängen seiner Band Lambchop

in den frühen 90er-Jahren entwickelt

Kurt Wagner, Mastermind

und Sänger der Band aus Nashville,

den Musikstil stetig weiter. Für eine

eher rückwärtsgewandte Musikrichtung

schält Wagner immer neue Verästelungen

und Klangfarben heraus.

Seine wehmütigen und assoziativen

Songs sind geprägt von genauen Beobachtungen

und oft skurrilen Wendungen

– auch musikalischen.

Zwischen Club und Folk mit Autotune

Auf dem vor drei Jahren erschienenen

Album «Flotus» erfand sich Wagner

neu: Er entdeckte die elektronische

Musik für sich, verfremdete seine sonore

Stimme mit Autotune- und anderen

Effekten und behielt doch die melancholische

Grundstimmung bei, die

jeden guten Lambchop-Song ausmacht.

«Country für Leute, die Country

nicht mögen», schrieb die «Zeit».

Steve Gullick 2018

Lambchop-Mastermind Kurt Wagner.

Auf dem aktuellen Album «This (Is

What I Wanted To Tell You)» führt

Wagner diese elektronischen Spielereien

neugierig fort. Das klingt mal nach

melancholischem Club und mal nach

Folk im glitzernden Zukunftskleid.

Sarah Sartorius

Dachstock der Reitschule, Bern

Mi., 24.4., 20 Uhr

www.dachstock.ch

Wir verlosen 2 × 2 Tickets:

tickets@bka.ch

Bis zum letzten Knochen

Die neue Ausstellung der Cerny Inuit Collection «Unterwelt:

Aus den Tiefen des Depots» zeigt zeitgenössische

Kunstwerke aus dem hohen Norden.

Nur noch auf dem Foto allein: Lia Sells Fish ist zur Band um Frontfrau Christine Hasler angewachsen.

Melanie Scheuber

«Totem» heisst die aus Speckstein geformte

dreigesichtige Skulptur vom

Inuitkünstler und Kanadier Floyd

Kuptana. Martha Cerny, Leiterin der

über 1000 Objekte umfassenden, privaten

Cerny Inuit Collection, die sich

auf zeitgenössische Kunst und Kultur

aus dem hohen Norden spezialisiert,

nennt die Skulptur liebevoll «unseren

Picasso». Sie ist in der neuen Schau

«Unterwelt: Aus den Tiefen des Depots»

ausgestellt.

Mit Unterwelt ist nicht nur das

Depot im UG des Museums gemeint,

sondern auch die Unterwasserwelt

und mythische Welt der polarnahen

Regionen. So sieht man die Meeresgöttin

Sedna oder den «Vogelhelfer» –

einen Vogel, der seinen Schamanen

bei der Reise in eine andere Welt begleitet

und ihn pickt, wenn die Rückkehr

offen ist. Die Schau zeigt Werke,

die Tradition, Kunsthandwerk und

Probleme wie schmelzendes Eis oder

Alkoholkonsum behandeln. Hier tummeln

sich Mischwesen, die wegen

ihren natürlichen Bestandteilen wie

Zähnen, Fell oder Leder vom Walross,

Narwal oder Mammut nicht ganz einfach

für den Kunstmarkt sind. Doch

gehören sie zu einer Kultur, die bis

zum letzten Knochen alles in Kunst

verwandelt.

Katja Zellweger

Cerny Inuit Collection, Bern

Ausstellung bis 12.10.

www.cernyinuitcollection.com

Dreigesichtige Totem-Skulptur.

Severin Nowacki

Pegelstand

Kolumne

von Christian Pauli

«Wie beurteilen Sie denn das Verhältnis

von Kunst und Nachhaltigkeit?»,

wurde ich neulich von einem Video-

Agenten einer bekannten Kommunikationsagentur

gefragt. Der kurze PR-

Talk trug sich zu an der Verleihung des

Prix Mobilière 2019 im Direktionsgebäude

der Berner Versicherungsgenossenschaft

Mobiliar. Man stand

herum und smalltalkte, nippte an Gläsern,

knabberte an Häppchen und

liess sich von der opulent angerichteten

Licht- und Farbexplosion «Living

In A Painting» der ausgezeichneten

Künstlerin Maya Rochat berauschen.

Kunst und Nachhaltigkeit? Die Frage

bereitet Kopfzerbrechen. In meiner

Vorstellung ist Kunst autonom, eine

ungebundene, unablässige, experimentelle

Kreation und Reflektion,

auch mal verschwenderisch und sinnlos,

gerne auch scheiternd, aber sicher

ohne moralische Vorgabe. Sagen Sie

«Kunst und Nachhaltigkeit?

Die Frage bereitet

Kopfzerbrechen.»

mal, wenn Sie Ihre PET-Flaschen entsorgen,

laut vor sich: Öko-Kunst. Das

tönt so was von grauenhaft! Dabei sind

sich Kunst und Nachhaltigkeit durchaus

nahe. Nachhaltigkeit beschäftigt

viele Künstlerinnen und Künstler, die

Kunstmuseen und Galerien interessieren

sich ebenso für das Thema wie das

Kunstpublikum. Und die globale Klimastreikbewegung

befeuert die Nachhaltigkeit

in der Kunst zusätzlich.

Zurück an die Bundesgasse 35, in

den Räumlichkeiten der Mobiliar, wo

sich die Berner Kunst-Nobility zur

Vernissage eingefunden hat. Wenig

Hinweise in Sachen Nachhaltigkeit,

auch von Maya Rochat. Die Lausanner

Künstlerin, deren grossformatige Werke

im Rahmen der Mobiliar-Ausstellungsreihe

«Kunst und Nachhaltigkeit»

ausgezeichnet und präsentiert

werden, lasse sich von der Energie des

Heavy Metal inspirieren, hiess es.

Klingt für mich auf Anhieb nicht gerade

sehr nachhaltig. Aber egal, es

wäre kleingeistig, hier eine thematisch

zwingende Aussage zu finden.

Die Mobiliar meint es übrigens

ernst mit dem gesellschaftlichen Engagement.

Keine andere Berner Firma

fördert derart intensiv, umfassend und

langfristig Kunst und nachhaltige Projekte.

Und der Besuch der Ausstellung

von Maya Rochat ist zu empfehlen –

egal, wie nachhaltig sie ist.

Christian Pauli ist Kommunikationsleiter

der HKB und Präsident von pakt

bern – das neue musik netzwerk.

Illustration: Rodja Galli, a259

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine