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Architektur Fachmagazin April-Mai 2019, Thema: Wie wohnen wir? Wissen, Bildung, Architektur, Information für die Bauwirtschaft, Fachmagazin

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ländlichen Gegend zu einem organischen

und trotzdem dynamischen Wachstum zu

verhelfen. Auch wurde durch diese Maßnahmen

mittlerweile eine neue Generation

moderner Landbewohner angelockt. Zu verdanken

ist diese Entwicklung der sensiblen

Herangehensweise der Architektin. Denn

das Ziel von Xu Tiantian war es, das Bestehende

nicht zu planieren, sondern in der Region

bereichernde Verbindungspunkte zu

schaffen. Hiermit war es möglich, Altes mit

Zeitgemäßem zu verbinden und der Region

zu einer neuen Identität zu verhelfen, ohne

die Tradition zu zerstören.

Diese durchaus positive Entwicklung in

Songyang zeigt auf, dass es nicht immer

Projekte großen Ausmaßes sein müssen, die

einen Wandel in der Region herbeiführen.

Schon kleine Maßnahmen, die es schaffen,

die Eigenschaften der Gegend einzufangen,

und diese in einen modernen Kontext setzen,

können das Problem der Landflucht

lösen. Voraussetzung ist eine Auseinandersetzung

mit der Region und ihren Bewohnern

– auch Beteiligungsprozesse haben

dabei einen hohen Stellenwert. Wichtig ist,

beim Bauen die Bedürfnisse der Menschen

zu berücksichtigen.

Von Songyang lernen

Viel zu lange wurde das Land als Ressource

für die Stadt angesehen. Dabei wurde darauf

vergessen, dass die Stadt ohne einen regionalen

Bezug nicht diskutierbar ist – dies gilt

vor allem in Hinblick auf die Architektur. Nur

dann, wenn das Zusammenspiel von Stadt

und Land berücksichtigt wird, ist es möglich,

durchdachte planerische Übergänge

zu schaffen. Experten sind sich daher einig,

dass Landflucht eine Herausforderung ist,

der sich vor allem die Architektur und Raumplanung

stellen müssen. Immerhin handelt

es sich hier um ein komplexes Phänomen,

das nicht nur Einzelpersonen, sondern auch

Familien und ganze Dörfer und damit den

bebauten Raum betrifft. Dies gilt ebenso für

Österreich, das mit dem Problem der Landflucht

seit den 1970er Jahren zu kämpfen

hat. Mittlerweile sind hierzulande ganze Regionen

vom Problem der Abwanderung betroffen.

Insbesondere für die ortsansässige,

oft ältere Bevölkerung ist diese Tendenz mit

erheblichen Nachteilen verbunden. Nicht

nur ist ein steigender Mangel an Nahversorgern

zu verzeichnen – jede vierte Gemeinde

in Österreich muss ohne Lebensmittelgeschäft

auskommen – auch hinken ländliche

Gegenden den Städten in Bezug auf Barrierefreiheit

hinterher. Des Weiteren sind die

Einfamilienhäuser in vielen Regionen für die

heutigen Wohn- und Lebensverhältnisse zu

groß und weisen daneben schlechte Energiewerte

auf – aus Spargründen können

dann lediglich ein oder zwei Räume beheizt

werden.

Strukturelle Veränderungen dieser Größenordnung

sehen in verschiedenen Ländern

anders aus. Trotzdem gibt es in Bezug auf

die Landflucht einige Gemeinsamkeiten, sodass

sich auch für Staaten auf anderen Kontinenten

die Möglichkeit ergibt, voneinander

zu lernen. Eine Region, die es hierzulande

geschafft hat, der ländlichen Abwanderung

entgegenzuwirken, ist das Rheintal in

Vorarl berg. In diesem Landkreis verschwimmen

die Grenzen zwischen städtisch und

ländlich zusehends. Die Verbindung mehrerer

Gemeinden zu einer Region erwies sich

als guter Lösungsansatz. Im Rheintal konnte

durch gemeindeübergreifende Kooperation

ein Landstrich mit Arbeitsplätzen, guter

Verkehrsinfrastruktur und leistbaren Wohnungen

geschaffen werden. Dies führte zu

einer Belebung der Region, die im Vergleich

zu den 1970er Jahren nun einen deutlichen

Anstieg an Wohnbauten aufweist. Des Weiteren

war es auf diese Weise möglich, eine

regionale Marke und Identität zu schaffen.

Auch zeigt die Geschichte von Songyang,

dass es nicht ausreicht, Dörfer durch neue

Eisenbahnstrecken und Autobahnen zu erschließen.

Damit eine Region floriert, gilt es,

unter Mitarbeit der Bevölkerung bestehende

Ressourcen in den Gemeinden wiederherzustellen

und diese zu integrieren. Nur

so gelingt es, resiliente und (energie)autarke

Dörfer aufzubauen, die sich unabhängig

zu den umliegenden Großstädten eine Identität

aufbauen.

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