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Thema: 100 Jahre Grundschule. Ein Grund zum Feiern?

klassen sowie u. a. die sinnes-, sprachgestörten

und körperlich beeinträchtigten

Kinder. Der institutionelle Ort ihrer Förderung

blieb offen und sollte in einem

Reichsschulgesetz geregelt werden, das

in der Weimarer Zeit jedoch nicht mehr

zustande kam.

Mit den Verfassungs- und Gesetzesvorgaben

zur Grundschule wird von der

Weimarer Nationalversammlung eine

schulstrukturelle Neuerung eingeführt,

mit der in Abkehr von der Standesbildung

der Kaiserzeit das Gleichheitsversprechen

der Demokratie im schulischen

Bildungssektor eingelöst werden soll. Als

Basiseinrichtung des deutschen Schulwesens

soll die Grundschule allen Kindern

unterschiedslos – mit Ausnahme

der Sonderschulbedürftigen – die gleichen

Zugangschancen zu institutionalisierter

Bildung sichern und mit dem

Pflichtbesuch eine institutionell egalitäre

Ausgangslage für weiterführende Bildungswege

schaffen.

2. Die institutionelle Entwicklung

der Grundschule

Analysiert man jenseits gesetzlicher

Vorgaben die realen Schulverhältnisse

im diachronen Verlauf, so zeichnet sich

eine Entwicklung ab, die noch für lange

Zeit vom Gründungsanspruch der

Grundschule abweicht. Das lässt sich an

den in der ersten Entwicklungsperiode

identifizierbaren Institutionalisierungsmustern

der Grundschule nachvollziehen.

2.1 Institutionelle Entwicklung

von 1919 bis 1945

Nach den historischen Forschungsbefunden

erscheint es problematisch für

den Zeitraum von 1919 bis 1945 von der

Grundschule zu sprechen. Da sie nicht

als besondere Schulgattung eingeführt

wurde, sondern organisatorisch und

professionell zur Volksschule gehörte,

ist sie in deren institutionelle Verschiedenartigkeit

eingebunden. Diese ist u. a.

eine Folge der aus dem 19. Jahrhundert

überkommenen Stadt-Land-Differenz,

die wegen der andauernden Stagnation

des Volksschulausbaus bis nach

1945 weiter besteht. Im Ausbaugrad,

der Stufengliederung, der Lehrerversorgung,

der materiellen und räumlichen

Ausstattung bleibt die ländliche Volksschule

hinter der städtischen zurück.

Prof. Dr. Margarete Götz (i. R.)

Volksschullehrerin, Diplompädagogin,

Promotion (1989) und Habilitation in

Schulpädagogik (1996), Inhaberin des

Lehrstuhls für Grundschulpädagogik

und -didaktik an der Universität

Würzburg (1998–2016). Forschungsschwerpunkt:

historische Grundschulforschung

In ein- und zweiklassigen Landschulen,

die damals die Mehrzahl der Schulpflichtigen

besuchte, ist die Grundschule

vielerorts weder organisatorisch noch

professionell als eigene Bildungsstufe

erkennbar, da ihre Schüler und Schülerinnen

oftmals gemeinsam mit den

oberen Volksschuljahrgängen in einem

Klassenraum von einem Lehrer unterrichtet

werden. In den größeren Städten

existiert die Grundschule dagegen

zumeist als eine Einrichtung, die in vier

aufsteigenden Jahrgangsklassen mit

jeweils einer Lehrkraft ausdifferenziert

ist (vgl. Zymek 1989). Angesichts des

Stadt-Land-Gefälles in der Bildungsversorgung

kann die Grundschule in der

historischen Realität bis in die Nachkriegszeit

hinein keine Startchancengleichheit

für die erste Pflichtschulzeit

sichern. Davon abgesehen ist sie auch

in vielen Regionen nicht die verfassungsmäßig

intendierte gemeinsame

Grundschule für alle schulpflichtigen

Kinder. Das verhindert in den 1920erund

1930er-Jahren der Fortbestand von

Bekenntnisschulen. Wo sie dominieren

wie u. a. in Preußen, Bayern, Württemberg

und Oldenburg erfolgt bereits bei

Schuleintritt eine bekenntnismäßige

Trennung der Kinder (vgl. Zentralinstitut

1928). Ab 1937 beginnen die Nationalsozialisten

verbunden mit massivem

Druck auf Elternkreise die sukzessive

Umwandlung von Bekenntnisschulen

in Gemeinschaftsschulen, ein Prozess,

der etwa 1941 abgeschlossen ist, zu

einem Zeitpunkt, als wegen der Kriegsereignisse

ein vollwertiger Unterrichtsbetrieb

zunehmend zum Ausnahmefall

wird (vgl. Zymek 1989). Zur Separierung

der Schulanfänger und Schulfängerinnen

nach ihrer Konfession

kommt eine sozial bedingte Trennung

in den Gebieten hinzu, in denen wie

in Norddeutschland die den höheren

Schulen direkt angeschlossenen Vorschulen

trotz Verbots weiter existieren.

Ihre endgültige Abschaffung wird 1936

vollzogen, sodass erst unter den Vorzeichen

einer Diktatur die Grundschule

als konkurrenzlose Pflichtschule für

alle 6- bis 10-jährigen Kinder realisiert

wird (vgl. Götz 2007). Institutionell ausgeschlossen

bleiben allerdings schulpflichtige

Kinder mit körperlichen, psychischen

und geistigen Störungen, die

Spezialeinrichtungen besuchen. Unter

ihnen erfahren die Hilfsschulen in der

NS-Zeit eine problematische Aufwertung

(vgl. Hänsel 2006). Eine inklusive

Grundschule, wie sie aktuell angestrebt

wird, ist die Grundschule das ganze 20.

Jahrhundert hindurch nicht. Im Zeitraum

von 1919 bis 1945 haben aus sozialräumlichen

Gründen am ehesten die

wenig gegliederten Landschulen ein

inklusives Profil, weil die nächst gelegene

Hilfsschule zu weit entfernt war.

2.2. Institutionelle Entwicklung

von 1949 bis 1990

Für die 40-jährige Phase der politischen

Zweiteilung Deutschlands etablieren

sich in beiden Staaten unterschiedliche

Strukturmodelle für die schulische

Bildungsorganisation. In der Bundesrepublik

Deutschland (BRD) wird das

aus der Weimarer Republik stammende

dreigliedrige Schulsystem erneut mit

der obligatorischen Grundschule eingeführt.

Eine Verlängerung ihrer Dauer

auf 6 Jahre, wie das 1947 von den

Besatzungsmächten angemahnt wurde,

wird in den frühen 1950er-Jahren historische

Realität in Hamburg, Bremen,

Schleswig-Holstein und im damaligen

Groß-Berlin sogar mit einer 8-jährigen

Dauer. Diese Neuerungen bestehen

allerdings nur kurzzeitig. Lediglich in

Westberlin existiert seit den 1950er-Jahren

die 6-jährige Grundschule bis in

die Gegenwart hinein (vgl. Riege 1995).

Ansonsten ist die Vierjährigkeit der

Regelfall. Mit der Kontinuität in der

Schulstruktur wird auch die institutionelle

Verschiedenartigkeit der Grundschule

aus der Vergangenheit fortge-

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GS aktuell 146 • Mai 2019

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