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Thema: 100 Jahre Grundschule. Ein Grund zum Feiern?

umfängliche und theoretisch ausgerichtete

Aufarbeitung der Grundlegenden

Bildung vor und geht dabei auch der

Frage nach, an welche Kindergruppe

sich diese spezielle Form der Bildung

aus Sicht der Grundschulpädagogik

richtet. Es gilt für ihn die Grundforderung,

dass von allen Schülern einer

Nation unabhängig von Unterschieden

zwischen ›Ständen, Klassen, Schichten,

Gruppen, Einzelmenschen‹ die gleichen

Grundbildungsinhalte erworben werden

und dies wünschenswerterweise

gemeinsam in der gleichen Schule.

Gleichzeitig sieht Hans Glöckel für die

Fälle ›starker Abweichung‹ jedoch ergänzend

zur Grundschule eine Sonderschule

als unverzichtbar an, die ebenfalls

Grundlegende Bildung vermittelt. Dies

tut sie passend zu ihrem spezifischen

Profil in differenzierter Form auf einem

potenziell anderen Niveau, da eine ›völlige

Gleichheit eine – letztlich inhumane

– Fiktion‹ ist – sowohl die Bildungsinhalte

als auch die Vermittlungswege betreffend.

Betrachtet man Glöckels Versuch

der Theoretisierung des Terminus der

›Grundlegenden Bildung‹ im Überblick,

so betont der Autor einerseits die Notwendigkeit

ihrer Vermittlung, indem er

theoriebasiert argumentiert, warum sie

– inklusive inhaltlicher Varianzen – allen

Kindern zugänglich gemacht werden

muss. Gleichzeitig spricht er jedoch

der Grundschule die Eignung ab, im Sinne

eines Monopolstatus dieser Vermittlungsaufgabe

für alle Kinder alleine gerecht

werden zu können und legitimiert

hierdurch die Notwendigkeit der Existenz

von Sonderschulen. Er spricht sich

in der Folge letztlich für ein segregatives

Schulsystem aus.

Im weiteren Zeitverlauf bleibt dieses

Dilemma zwischen ›Grundlegender

Bildung‹ für alle und der Frage nach ihrer

institutionellen und generellen Realisierbarkeit

in Abhandlungen anderer

Autoren über den Terminus bestehen.

Zudem gibt es kaum weitere Veröffentlichungen,

die sich mit der Thematik der

›Grundlegenden Bildung‹ erneut in der

von Glöckel gewählten Reflexionstiefe

auseinandersetzen. Entweder wird das

Verhältnis von Grundschule, ›Grundlegender

Bildung‹ und Heterogenität der

Schüler in derartigen Abhandlungen als

ungelöstes Spannungsfeld deklariert,

wie dies bspw. Günther Schorch in seinen

Reflexionen über die Grundschule

als Bildungsinstitution im Jahr 2006 tut.

Alternativ findet die Adressatenfrage in

Auseinandersetzungen mit ›Grundlegender

Bildung‹ als Aufgabe der Grundschule

gar keine Berücksichtigung. Dies

ist bspw. im entsprechenden Artikel von

Wolfgang Einsiedler der Fall, den er

für das seit 2001 mittlerweile in mehreren

Auflagen erschienene Handbuch

Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik

verfasst und immer wieder aktualisiert

hat.

Fallbeispiel 3: Integrationsdebatte

Das dritte Fallbeispiel findet seinen

Ursprung im einsetzenden massiven

Ausbau des differenzierten Sonderschulwesens

ab Beginn der 1960er-Jahre,

der von Empfehlungen der Kultusministerkonferenz

(KMK) aus den Jahren

1960 und 1972 gestützt wird. Beide

Empfehlungen plädieren einstimmig

dafür, jedes Kind mit entsprechender

Bedarfslage in einer behinderungsspezifizierten

Sonderschule zu beschulen,

da die Regelschule keine adäquate Förderung

bieten kann. Auch an statistischen

Daten lässt sich dieser massive

Ausbau des Sonderschulwesens ablesen:

So steigt der Anteil sonderschulbedürftiger

Kinder an der Gesamtzahl

schulpflichtiger Kinder in der Bundesrepublik

von 2,4 Prozent im Jahr

1961 auf 3,6 Prozent im Jahr 1971 und

nimmt auch danach sukzessive noch

bis in die 1980er-Jahre zu, bevor er stagniert.

Zeitgleich zu diesem KMK-gestützten

massiven Ausbau des Sonderschulwesens

setzt Ende der 1960er-Jahre mit

der integrationsbefürwortenden Position

eine gegenläufige Strömung ein. Sie

speist sich u. a. aus einer neu aufkommenden

Toleranz für Verschiedenheit

und einer nationalen Reaktion auf die

internationale Kritik am segregierenden

deutschen Bildungssystem durch die

OECD und schließt auch Vertreter der

Grundschulpädagogik mit ein. Gestützt

wird das Streben nach einer integrativen

Schulpraxis bildungspolitisch durch

die 1974 veröffentlichte Empfehlung des

1965 gegründeten Deutschen Bildungsrates

und führt ab der zweiten Hälfte der

1970er-Jahre u. a. zu Modellversuchen

mit verschiedenen Integrationsvarianten,

die sich in den 1980er-Jahren noch

ausweiten. Ebenso zum Unterstützerkreis

zählen neu gegründete Elterninitiativen

von Eltern behinderter wie nichtbehinderter

Kinder, die sich später auch

bundesweit organisieren.

Betrachtet man die beiden gegeneinanderstehenden

Strömungen im Überblick,

so verfolgen beide letztendlich das

Ziel der gesellschaftlichen Integration,

das jedoch ausgehend von der KMK-gestützten

Perspektive durch schulische

Segregation erreicht werden soll – im

Sinne der Integrationsbefürworter hingegen

durch schulische Integration.

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GS aktuell 146 • Mai 2019

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