25.04.2019 Aufrufe

GSa146_190410-Web-Einzelseiten

Erfolgreiche ePaper selbst erstellen

Machen Sie aus Ihren PDF Publikationen ein blätterbares Flipbook mit unserer einzigartigen Google optimierten e-Paper Software.

Thema: 100 Jahre Grundschule. Ein Grund zum Feiern?

praxis oder interkultureller Pädagogik

als Grundlagen für ein Lernumfeld, in

dem Schüler mit ihrer Heterogenität –

sei sie kulturell oder durch ihre bspw.

physische Ausstattung bestimmt – konstruktiv

miteinander umgehen und

gemeinsam lernen können, weisen in

diese Richtung. Ergänzend kann in der

Geschichte der Grundschule auf lokaler

Ebene und ausgehend von modellhaften

Umsetzungen belegt werden, dass

ausgehend von diesen theoretischen

Bestrebungen gelingende Realisierungen

durchaus möglich sind.

Geht es jedoch in die breitenwirksame

Etablierung einer Grundschule für

alle, so zeichnen sich bildungshistorisch

andere Tendenzen ab: Gesetzestexte wie

die Weimarer Verfassung oder später die

nicht verbindlichen Vorgaben der KMK

weisen Lücken, Interpretationsspielräume

und Ausstiegsklauseln auf, die der

Grundschule für alle entgegenstehen, indem

sie ihre Realisierung nicht zur Notwendigkeit

werden lassen.

Auch die Pädagogik zeigt sich hier in

ihrer Positionierung – wie dies beispielsweise

die Auseinandersetzung mit der

›Grundlegenden Bildung‹ belegt – ambivalent

oder sogar vor unlösbare Probleme

gestellt und gibt deshalb ebenfalls

keine klaren Handlungsanweisungen

vor. Diese Spielräume werden in der

Geschichte der Grundschule auf Länderebene

und damit auf der Ebene der

potenziellen schulpraktischen Realisierung

einer Grundschule für alle vielseitig

über die Aufrechterhaltung bereits

bestehender Strukturen ausgenutzt

– und das im Regelfall mit der Begründung

der mangelnden finanziellen Ressourcen

für eine wirkliche Reform. Die

trotzdem immer wieder bildungshistorisch

nachweisbaren lokalen Modellversuche

und vereinzelten Maßnahmen erscheinen

vor diesem Hintergrund eher

als kostengünstige Beruhigungsmaßnahmen

für einen sich gesellschaftlich aufbauenden

Handlungsdruck anstatt als

ernsthafte Bestrebungen, Schule dauerhaft

zu verändern.

Hat die Grundschule nun aus diesen

wiederkehrenden Mechanismen in ihrer

Vergangenheit gelernt und geht sie mit

den seit 2009 aufkommenden Anforderungen

eines inklusiven Lernens deshalb

souveräner um?

Kann ihr 100-jähriges Bestehen als

Erfolgsgeschichte einer Institution gefeiert

werden, die die bildungshistorisch

immer wieder auftretende Kollision

zwischen grundlegendem heterogenitätsorientiertem

Selbstanspruch

und konkreten umsetzungsbezogenen

Herausforderungen auf real- wie ideengeschichtlicher

Ebene dazu nutzt, sich

kontinuierlich weiterzuentwickeln? Mit

Blick auf die gegenwärtige Inklusionsdebatte

können dies heutige Grundschullehrer

in ihrer Schlüsselposition

zwischen wissenschaftlicher Auseinandersetzung

mit einer inklusiven Schule,

bildungspolitischer (einmal mehr)

ins Feld geführter Mittelknappheit und

schulpraktischer Herausforderung durch

Umsetzungsversuche inklusiven Lernens

– ggf. ohne ausreichende strukturell-systematische

Unterstützung – wohl

am besten beurteilen. Ob bei ihnen dabei

Feierlaune aufkommt?

20

GS aktuell 146 • Mai 2019

Hurra! Ihre Datei wurde hochgeladen und ist bereit für die Veröffentlichung.

Erfolgreich gespeichert!

Leider ist etwas schief gelaufen!