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Thema: 100 Jahre Grundschule. Ein Grund zum Feiern?

Umsetzungsprozess ist enttäuschend.

Walter Hirche, Vorsitzender des Fachausschusses

Bildung der Deutschen

UNESCO-Kommission, stellt in seinem

Vorwort zur Bildungsagenda 2030 fest,

dass »zwischen den bildungspolitischen

Bestrebungen in Deutschland und den

Zielen der Bildungsagenda 2030 eine

große Übereinstimmung besteht. Chancengerechtigkeit

und Inklusion sind integraler

Bestandteil deutscher Bildungspolitik.

(…) Die deutsche Bildungspolitik

ist also in vielen Bereichen auf dem

richtigen Weg.«

Umso bemerkenswerter ist es, dass

trotz der systemischen Defizite viele

Schulen, auch und gerade Grundschulen,

für sich Wege suchen und Ansätze

finden, das Miteinander zu leben und

nachhaltiges Denken und Handeln zu

fördern. Auch im außerschulischen Bereich

gibt es positive Initiativen in den

Kommunen, die vernetztes nachhaltiges

Lernen im Umfeld und unter Beteiligung

von Schulen ermöglichen.

»Fridays for Future« – Stresstest

für die Bildungspolitik

Schon die Agenda 21 von Rio de Janeiro

hat die Rolle der Jugend für die

Transformation der Gesellschaft hervorgehoben.

Auch die »Roadmap« der

UNESCO setzt auf die Jugendlichen als

Triebfeder für Veränderung, wenn sie

in der Roadmap feststellt, dass es erforderlich

ist, »diese über die Auswirkungen

ihrer täglichen Entscheidungen und

Handlungen zu informieren, d.h aber

auch ihre Kreativität und Entschlossenheit

anzusprechen, machbare und innovative

Lösungen zu finden« (ebd., 22).

Das Reaktionsmuster der deutschen

KultusministerInnen auf die Schülerstreiks

für die Klimaziele ist bislang

ziemlich gleichförmig ausgefallen.

Vorsichtig wohlwollend wird der gute

Zweck der Demonstration zwar herausgestellt,

aber dann folgt die Ansage, dass

die Schulpflicht dabei nicht verletzt werden

darf. Die engagierten Proteste werden

in »Schulschwänzen« umgedeutet

und Ordnungsmaßnahmen werden angedroht.

Schulen werden in ihren Handlungsmöglichkeiten

eingeschränkt, pädagogisch

angemessen zu reagieren.

Warum erkennen sie nicht, dass die

Proteste berechtigte Reaktionen auf politische

Untätigkeit und schwerwiegende

Versäumnisse in der Klimapolitik sind?

Warum schlägt die KMK, die das Jahr

2018 unter den Schwerpunkt Demokratie

und Menschenrechte gestellt hat, keinen

Jugendgipfel vor, der die Frage behandelt,

wie zukünftig Jugendliche an

gesellschaftlichen Lebens- und Überlebensfragen

angemessen politisch beteiligt

werden?

Warum werden die Schülerstreiks in

den Ländern nicht als bildungspolitische

Aufforderung verstanden, Schulen

darin zu unterstützen, Orte der Demokratie

und der nachhaltigen Entwicklung

zu werden? Warum wird überhaupt

kein Bezug hergestellt zum Weltaktionsprogramm

BNE? Weil all dieses nicht

geschieht, stattdessen zur Ordnung gerufen

wird, muss man sagen: Stresstest

nicht bestanden. Während sich WissenschaftlerInnen,

Eltern und auch Schulen

auf die Seite der SchülerInnen stellen,

machen sich die verantwortlichen

BildungspolitikerInnen unglaubwürdig

und denken Schule in hergebrachten

Ordnungskategorien.

Die inklusive Schule

für alle realisieren!

Auch wenn unsere Bildungspolitik

beteuert, dass sie auf dem Weg zu

Inklusion und zu Bildung für nachhaltige

Entwicklung ist, unser jetziges

Schulsystem erweist sich als dysfunktional

für eine demokratische, menschenrechtliche

und an den gesellschaftlichen

Herausforderungen ausgerichtete Bildung

für das 21. Jahrhundert.

Unsere Gesellschaft braucht dringend

Orte der Vergemeinschaftung, wo das

»Lernen, zusammenzuleben« und das

»Lernen für das Leben« eingeübt werden.

Die inklusive Schule für alle ist ein

solcher Ort, da sie alle Kinder und Jugendlichen

erreichen will und geprägt

ist von einem positiven Wir-Gefühl und

Wir-Bewusstsein, das aus der Anerkennung

der menschlichen Würde und der

gleichberechtigten sozialen Zugehörigkeit

entsteht. Der Grundschulverband

hat mit seinem »Standpunkt nachhaltige

Entwicklung« ein klares Bekenntnis

dazu abgegeben.

Statt faulen Schulfrieden zu predigen,

muss die Politik die Gesellschaft über die

Notwendigkeit einer radikalen Veränderung

des Bildungssystems aufklären und

den Mut aufbringen, strukturelle und inhaltliche

Transformationsschritte einzuschlagen.

Literatur

Deutsche UNESCO-Kommission (2017):

Bildungsagenda 2030. Aktionsrahmen für die

Umsetzung von Sustainable Development

Goal 4. Kurzfassung von: UNESCO (2015):

Education 2030. Framework for Action

Deutsche UNESCO-Kommission (o. J.):

Roadmap zur Umsetzung des Weltaktionsprogramms

»Bildung für nachhaltige

Entwicklung«. Deutsche Übersetzung

Nationaler Aktionsplan Bildung für nachhaltige

Entwicklung. Der deutsche Beitrag

zum UNESCO-Weltaktionsprogramm

(2017).Gefördert vom Bundesministerium

für Bildung und Forschung

Österreichische UNESCO-Kommission (1996):

Pädagogik für besondere Bedürfnisse.

Die Salamanca Erklärung und der Aktionsrahmen

zur Pädagogik der besonderen

Bedürfnisse. Deutsche Übersetzung

Schweizerische, Deutsche und Österreichische

UNESCO-Kommission (2016): Bildung

überdenken. Ein globales Allgemeingut?

Übersetzung von UNESCO (2015): Rethinking

Education: towards a global common

good?

Schumann, Brigitte (2018): Streitschrift

Inklusion, Wochenschau Verlag (Reihe:

Debus Pädagogik)

UNESCO (1996): Learning – the treasure

within; report to UNESCO of the International

Commission on Education for the

Twenty-first Century

30

GS aktuell 146 • Mai 2019

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