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Thema: 100 Jahre Grundschule. Ein Grund zum Feiern?

gruppen ist falsch und nicht im Interesse

der Schule, der Eltern oder der Kinder.

Auch die Rolle der Lehrer hat sich historisch

gewandelt. Sie waren früher besonders

im ländlichen Raum gering entlohnt

und in der Kaiserzeit und während

des Nationalsozialismus in der Regel als

»Erfüllungsgehilfen« des Staates tätig.

Die Idee vom Lehrer als »autonomem

Staatsbeamten« ist neueren Ursprungs.

Die Mischung von Autonomie und Beamtentum

mag dabei widersprüchlich

anmuten, da man Beamte ja weiterhin

als Vertreter des Staates wahrnimmt,

dessen Interessen sie wahren und unter

dessen Aufsicht sie stehen. Neben dieser

dienenden Funktion ist aber die Freiheit

der Gestaltung von Unterricht und Lernprozessen

ein wesentliches Merkmal des

beruflichen Alltags. Dies soll ganz bewusst

eine ideologische Einflussnahme

der herrschenden Politik erschweren, die

Kinder sollen im Geiste des Grundgesetzes

und der Landesverfassungen gebildet

und begleitet werden. Die Anliegen von

Eltern, ob berechtigt oder nicht, stellen

grundsätzlich eine mögliche Einschränkung

der Autonomie der Lehrenden dar.

Vor allem dann, wenn Eltern ihre Rechte

oder die Rechte der Kinder einfordern.

Diese besondere Stellung der Lehrkräfte

gilt es bei allen Fragen zur Gestaltung

einer Partnerschaft im Sinne der Schülerinnen

und Schüler zu beachten! 1

Elternvertretung in der BRD –

Elternvertretung in der DDR

Michael Töpler

ist Fachreferent

für »Eltern und

Schule« im

Grundschulverband

e. V.

Ein kurzer Blick in beide deutsche Staaten

zeigt, wie unterschiedlich mit den

Mitwirkungsrechten verfahren wurde.

Im Westen beeindruckt vor allem die

Vielfalt der landesgesetzlichen Regelungen,

vom Unterrichtsbesuch über

die Religionsfreiheit bis hin zur Beteiligung

an den Kosten für Lernmittel

sind zahlreiche Unterschiede entstanden.

Ob es sich dabei um einen Wettbewerb

um das beste Schulsystem und die

besten gesetzlichen Regelungen handelt,

der alle Länder zu immer weiteren

Fortschritten anspornt, darf bezweifelt

werden. Immerhin war und ist das

Engagement der Eltern nicht offiziell

an die Linie der regierenden Parteien

geknüpft.

Das war zumindest dem Gesetz nach

in der DDR anders. Hier war Linientreue

ein entscheidendes Kriterium und

das Vorschlagsrecht des Klassenlehrers

zur Elternvertretung sollte genau in diesem

Sinn genutzt werden. Positiv gewendet

könnte man sagen, dass im Sinne des

Sozialismus eine echte Partnerschaft von

Lehrkräften und Eltern gefordert war.

Die Stellung der »Klassenaktive« an den

Schulen der DDR war durchaus wichtig,

die Beteiligung an Klassenkonferenzen

und Hausbesuchen war die Norm. Hier

würde sich ein Blick in die tatsächliche

Praxis lohnen, um mögliche Anregungen

aufzunehmen. Die Unabhängigkeit

der Elternmitwirkung von einer herrschenden

politischen Meinung gilt es

heute unbedingt zu sichern! Wir bewegen

uns auf der Grundlage des Grundgesetzes,

der Landesverfassungen sowie

der Menschen- und Kinderrechte.

Bildungsreformen der 1970er-

Jahre – Bildungsdebatten heute:

Welche Rolle spielen die Eltern?

Im Rahmen der Bildungskommission

des Deutschen Bildungsrates wurden

in der Zeit von 1965 bis 1975 zahlreiche

Dokumente veröffentlicht. Im

Abschlussbericht steht nur wenig zur

Zusammenarbeit mit Eltern, dafür finden

sich im Dokument «Zur Reform

von Organisation und Verwaltung im

Bildungswesen«, beschlossen auf der

30. Sitzung der Bildungskommission

am 23. 5. 1973, wichtige Beschlüsse.

Insgesamt geht es um eine neue Form

des Zusammenwirkens bei der Organisation

von Lernprozessen. Dabei

wird die stärkere Mitwirkung der

Schüler besonders betont, die Eltern

sollen allerdings ebenfalls mehr Einfluss

bekommen. 2 Zur Elternbeteiligung

heißt es unter anderem: »Es geht

also nicht nur um eine Elternberatung

durch Lehrer, sondern gleichermaßen

um eine Lehrerberatung durch

Eltern.« 3 In diesem Sinne sollten wir

die Zusammenarbeit als wechselseitige

Lerngelegenheiten weiter ausbauen.

Viele wegweisende Beschlüsse der

Bildungskommission sind leider bis

heute nicht flächendeckend umgesetzt

worden.

Es ist grundsätzlich positiv, dass sich

die heutige Debatte von einer reinen

Konzentration auf die Elternpflichten

hin zu der Frage nach Elternrechten entwickelt

hat. Bei allen Reformen zur Stärkung

der Eltern muss kritisch betrachtet

werden, welche Eltern oder Elterngruppen

tatsächlich größeren Einfluss

bekommen. Es besteht die Gefahr, ohnehin

bestehende Privilegien weiter zu

verstärken. In der Praxis gibt es bereits

Ansätze, bisher benachteiligte Gruppen

zu unterstützen, wie etwa das »Elternnetzwerk

NRW«, das sich gezielt um die

Interessenvertretung von Eltern mit Einwanderungsgeschichte

kümmert.

An dieser Stelle möchte ich kurz die

sogenannte Kontroverse von Prof. Werner

Sacher und Prof. Tanja Betz aufgreifen.

4 Aus meiner Sicht sind zwei Aspekte

besonders wichtig: Werner Sacher

betont, dass die Rolle der Eltern in der

Partnerschaft vor allem im häuslichen

Umfeld liegt. Die Eltern sollen keine

Lehrer ersetzen, sondern eine gute Lernatmosphäre

schaffen, einen ruhigen Arbeitsplatz

bereitstellen, das eigene Kind

mit positiven Leistungserwartungen

stärken und viel mit dem Kind sprechen

und lesen, gerne auch in der Muttersprache.

Tanja Betz betont, dass wir die gesetzlich

gewünschte Partnerschaft von

Eltern und Lehrkräften oder ErzieherInnen

kritisch hinterfragen müssen, insbesondere

mit Blick auf die hierarchischen

Strukturen im Bildungswesen. In einer

aktuellen Studie hat sie auch Kinder an

Grundschulen befragt, wie diese die Zusammenarbeit

von Eltern und Schule

wahrnehmen. Die Ergebnisse werden in

Kürze vorliegen.

Wir müssen bei der gesamten Debatte

um die Zusammenarbeit der Erwachsenen

auch die Meinung der Kinder und

Jugendlichen mit in den Blick nehmen.

Dem stimmen Werner Sacher und Tanja

Betz ausdrücklich zu.

Rechtlicher Rahmen – Gleichrangigkeit

des Erziehungsauftrages

Der elterliche und der staatliche Erziehungsauftrag

sind im Grundgesetz

gleichrangig verankert. 5 Die konkrete

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GS aktuell 146 • Mai 2019

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