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Thema: 100 Jahre Grundschule. Ein Grund zum Feiern?

Ausgestaltung der gemeinsamen Verantwortung

im Kontext der Schule

wird aber in den Länderverfassungen

geregelt. So kommt es zu einem breiten

Spektrum an Mitgestaltungsmöglichkeiten.

Diese sind in der Regel formal

über Gremien organisiert, die sehr

unterschiedliche Rechte haben.

Im historisch gewachsenen hierarchischen

System Schule ist Mitgestaltung

ein schwieriges Thema. Es geht um Gestaltungsmacht

aller Akteure: Schulleitung,

Lehrkräfte und andere Fachkräfte,

Eltern und Schülerinnen und Schüler.

Die Aufgabe, insbesondere Kinder

und Jugendliche an der Gestaltung ihrer

Lebenswelt zu beteiligen, ist noch nicht

flächendeckend umgesetzt. Zur Begründung

einer immer stärkeren Beteiligung

der Kinder und Jugendlichen bieten

die Menschen- und Kinderrechte zum

Glück einen klaren Bezugsrahmen. Bei

allen Fragen der Zusammenarbeit von

Schule und Elternhaus müssen die Subjekte

des Lernens im Zentrum stehen!

Möglichkeiten der Fortbildungen

– Wie und wo kann man

Zusammenarbeit lernen?

Die Möglichkeiten zum Erlernen der

Zusammenarbeit sind bisher noch sehr

begrenzt. In der Lehrerausbildung gibt

es vereinzelt Angebote, die sich explizit

auf die Zusammenarbeit mit dem

Elternhaus beziehen. Zum Teil wird in

Rollenspielen der Umgang mit Eltern

eingeübt. Ich sehe ein großes Potenzial

für den Ausbau der Kenntnisse auf Lehrerseite,

dies umfasst auch Informationen

über die Strukturen des Schulsystems

im jeweiligen Bundesland und die

Entscheidungskompetenzen auf Ebene

der Schule, der Kommune und des

Landes. Wenn Lehrkräfte und Schulleitungen

wissen, an welcher Stelle Entscheidungen

getroffen werden, können

sie viel leichter mit Eltern gemeinsam

für Verbesserungen im Bildungssystem

streiten. Zu oft geraten Eltern und

Lehrkräfte in Konflikte, die an anderer

Stelle gelöst werden können und

müssen.

Die Eltern benötigen ebenfalls Informationen

über die Strukturen und die

Entscheidungsebenen in ihrem Bundesland.

Idealerweise sollten die Kenntnisse

bereits vor dem Schuleintritt der Kinder

in kostenfreien Veranstaltungen erworben

werden können. Es gibt in einigen

Bundesländern bereits Ansätze, die

Fortbildung von Eltern mit Hilfe von

Multiplikatoren zu leisten. Hier besteht

auch die Möglichkeit, bisher benachteiligte

Gruppen gezielt zu fördern, zum

Beispiel Eltern mit Einwanderungsgeschichte.

Aus meiner Sicht sind auch gemeinsame

Fortbildungen für Eltern, Lehrkräfte

und andere Fachkräfte sehr zu begrüßen.

Bei der gemeinsamen Beschäftigung

mit Inhalten aus dem Bildungssystem,

die für alle Beteiligten zumindest

teilweise neu sind, entsteht ein Lernprozess,

bei dem sich auch gegenseitige

Vorurteile thematisieren und schließlich

auflösen lassen. Es besteht die echte

Chance, die historische »Konstante« der

konfliktreichen Beziehung zwischen Elternhaus

und Schule allmählich zu verändern.

Visionen für eine

bessere Zusammenarbeit

Mit Blick auf eine lange, eher konfliktreiche

Geschichte der Zusammenarbeit

möchte ich verschiedene Punkte klarstellen:

●●

Es gab immer auch Beispiele einer

guten Zusammenarbeit. Aus diesen

können und sollten wir lernen. Es geht

dabei vor allem um gute Beziehungen

und klare Rollen.

●●

Die Zusammenarbeit dient dem

Wohle der Schülerinnen und Schüler.

Wir müssen sie in alle Entscheidungsprozesse

mit einbeziehen.

●●

In Schule und Familie geht es auch

um Macht und Verantwortung. Häufig

sieht man den jeweils anderen als

mächtig und sich selbst in den Handlungsmöglichkeiten

beschränkt. Lassen

Sie uns offen über diese Wahrnehmung

sprechen, damit wir unsere Macht gemeinsam

nutzen können.

●●

Neben der persönlichen Ebene brauchen

wir auch eine formale Ebene von

Gremien und Unterstützungssystemen,

damit die Interessen der Eltern, der beteiligten

Erwachsenen in der Schule und

der Schülerinnen und Schüler gehört

werden. Investitionen in diesen Bereich

würden eine große Rendite bringen,

nicht zuletzt durch einen Abbau von

Stress und mehr Freude an gelingenden

Prozessen im Bildungssystem.

Anmerkungen

1) Meine Informationen zur historischen

Entwicklung stammen im Wesentlichen aus

dem Kapitel 1.1 »Geschichtliche Entwicklung«

des Buches »Elternarbeit« von Prof. Dr.

Werner Sacher, im Verlag Julius Klinkhardt,

Bad Heilbrunn, in der Ausgabe von 2008 und

dem Artikel von Mechthild Gomolla mit dem

Titel »Elternbeteiligung in der Schule«, aus

dem Sammelband: «Migration und schulischer

Wandel: Elternbeteiligung«, erschienen

im VS Verlag für Sozialwissenschaften, in

Wiesbaden 2009, auf den Seiten 21 bis 49.

2) Siehe dazu »Zur Reform von Organisation

und Verwaltung im Bildungswesen«,

beschlossen auf der 30. Sitzung der Bildungskommission

am 23. 5. 1973, 21–23, 27–30.

3) »Zur Reform von Organisation und

Verwaltung im Bildungswesen«, 29

4) Näheres zum Gegenstand dieser wissenschaftlichen

Debatte finden Sie unter https://

besondersbegabte.alp.dillingen.de/images/

SacherErwiderung.pdf. Die Veröffentlichungen

von Tanja Betz finden Sie unter https://

www.allgemeine-erziehungswissen

schaft.uni-mainz.de/publikationen-auswahl.

5) Siehe Grundgesetzartikel 6 und 7. Das

Zusammenwirken von Eltern und Schule

wird in einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes

von 1972 besonders betont.

BVerfG, Bd. 34, 165.

GS aktuell 146 • Mai 2019

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