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Rundschau

Inklusion erfordert Umdenken

Pädagogische Klärungen

für inklusive Lernprozesse

Didaktische Grundlagen für differenzierendes

und individualisierendes

Unterrichten in

spezifischen Lernarrangements sind seit

der »Bewegung Offener Unterricht« 1

verstärkt in den Schulen anzutreffen

und befinden sich in einer stetigen Weiterentwicklung.

Inklusiver Unterricht

benötigt darüber hinaus pädagogische

Klärunge n .

1. Das Menschenbild

der Inklusion klären

Im Artikel 1 der UN-Behindertenrechtskonvention

vom 10. November

1948 wurde die Würde des Menschen

festgeschrieben, die als wichtigste Wertentscheidung

knapp ein halbes Jahr

später im Grundgesetz der Bundesrepublik

Deutschland verabschiedet wurde.

Sie ist dem Menschen schon allein

durch seine Existenz eigen (18).

Ein tragfähiges wissenschaftliches

Menschenbild bietet der Humanismus.

Für Förster (3) bezeichnet dieser die Gesamtheit

der Ideen von Menschlichkeit

und des Strebens danach, das menschliche

Dasein zu verbessern. Seiner Meinung

nach beruht der Humanismus auf

folgenden Grundüberzeugungen:

●●

Das Glück und Wohlergehen des einzelnen

Menschen und der Gesellschaft

bilden den höchsten Wert, an dem sich

jedes Handeln orientieren soll.

●●

Die Würde des Menschen, seine Persönlichkeit

und sein Leben müssen respektiert

werden.

●●

Der Mensch hat die Fähigkeit sich zu

bilden und weiterzuentwickeln.

●●

Die schöpferischen Kräfte des Menschen

sollen sich entfalten können.

●●

Die menschliche Gesellschaft soll

in einer fortschreitenden Höherentwicklung

die Würde und Freiheit des

einzelnen Menschen und somit auch

des Mitmenschen mit Behinderung gewährleisten.

Nach Oerter (19) haben Menschenbilder

»in der Regel handlungsleitende

Funktionen, d. h., sie beeinflussen Planung,

Ausführung und Bewertung des

Handelns« und sie beeinflussen auch –

eher unbewusst –, wie wir anderen Menschen

begegnen.

Für Lindemann und Vossler (10) ist

»ein bestimmender Faktor für den Umgang

mit anderen Menschen das Bild,

das man von ihnen hat«. Die Behinderung

liegt für sie im »Auge des Betrachters«

– besser: im visuellen Cortex –, was

Erkenntnisse der konstruktivistischen

Kognitionspsychologie auch nahelegen.

Die Wahrnehmung von der Behinderung

eines Menschen ist somit Konstruktion

und Interpretation unseres Gehirns (21).

2. Mögliche Bezugsgruppen -

effekte wahrnehmen und

pädagogisch handeln

Das subjektive Befinden von Schülerinnen

und Schülern in einer Schulklasse

beruht auf Selbstbewertungen im

Anschluss an Leistungsvergleiche, welche

diese in einem relativ engen sozialen

Kontext, nämlich ihrer Schulklasse

(➝ sozialer Bezug), vornehmen (22).

Die Bezugsgruppentheorie liefert dazu

die Interpretationsgrundlage (2; 5).

Die in diesen Vergleichsprozessen gewonnenen

Eindrücke können nicht ignoriert

werden, selbst dann nicht, wenn

eine Konzentration auf die eigene Leistungsentwicklung

erfolgt (➝ individueller

Bezug). Für Schülerinnen und Schüler

sind die nächsten Bezugspersonen

ihre Klassenmitglieder. Eng damit zusammen

hängt die subjektive Befindlichkeit

einer Schülerin bzw. eines Schülers.

Diese wiederum bedingt die Entwicklung

des Selbstwertgefühls. Wer

gute Leistungen erzielt – im Allgemeinen

vor dem Hintergrund der Schulklasse

als Bezugsgruppe –, der hat eine

gute Meinung von sich selbst. Wer lediglich

schwache Leistungen erzielt,

nimmt auch eine ungünstigere Selbstbewertung

vor (22).

Im inklusiven Unterricht kommen,

wie etwa auch im Unterricht einer Gemeinschaftsschule,

Kompetenzraster zur

Leistungsbewertung und Selbsteinschätzung

zum Einsatz. Schon bald erkennen

die Schülerinnen und Schüler, dass sich

ihre individuellen Leistungen, dargestellt

in der Niveaustufendifferenzierung von

Kompetenzbeschreibungen, unterscheiden.

Damit ist eine neue Grundlage für

Vergleichsprozesse geschaffen (»Ich habe

C1 erreicht – und du?«).

Vor allem ein Weg erscheint aus diesem

Dilemma zielführend:

Der inklusive Unterricht findet in

jahrgangsübergreifenden Lerngruppen

(»kombinierten Klassen«) statt. Diese ermöglichen

den Schülerinnen und Schülern

das Helfen und die Solidarität mit

den jüngeren und den Umgang mit den

älteren. Die absichtliche Altersmischung

(z. B. Klasse 1 bis 3) stellt einen sozialen

Erfahrungsraum dar, der zugleich didaktische

Veränderungen durch notwendige

binnendifferenzierende Maßnahmen

mit sich bringt – bis hin zu individuellem

Lernen. Letzteres »führt bei

allen Kindern zu besseren Lernergebnissen«

(4) und ist damit die Methode

der Wahl. Lernunterschiede werden und

können dann nicht mehr zur individuellen

Rangplatzbestimmung innerhalb

der Lerngruppe herangezogen werden,

denn es ist völlig normal, unterschiedliche

Lernstände zu haben.

38 GS aktuell 146 • Mai 2019

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