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Thema: 100 Jahre Grundschule. Ein Grund zum Feiern?

bezogenen Lehrplänen sollen in diesem

schmalen Zeitfenster diffizile Bereiche

möglichst integrativ bearbeitet werden:

Sprechen und Zuhören, Schreiben und

Rechtschreiben, Texte verfassen mit

Planen, Schreiben und Überarbeiten,

Lesen unter Einschluss des Umgangs

mit Medien sowie Sprache und Sprachgebrauch

untersuchen.

Auch die Formen und Arbeitsweisen

eigenaktiven Lernens stoßen mit den zur

Verfügung stehenden Unterrichtsstunden

rasch an die Realisierungsgrenzen.

Da ist es erstaunlich, dass Grundschulen

gegen diese Beschränkungen seit den

1970er-Jahren ein breites Repertoire an

kindergerechten Lernformen entwickelt

haben und ko-konstruktivistisches Lernen

realisieren, wie dies z. B. viele Beiträge

in den Publikationen des Grundschulverbandes

belegen.

Umfassender Bildungsbegriff

Entwicklung

In jedem Lernbereich bzw. Fach entwickelten

sich über die Jahrzehnte didaktische

Konzepte und Curricula, die

beide Pole, Kind und Sache, berücksichtigen.

Insgesamt spannt sich das

Spektrum der Bildungsbereiche über

Sprachen und Kommunikation, Mathematik,

Sachunterricht, Ästhetik und

Bewegung, Religion und Ethik. Sie

tragen auf verschiedenen Ebenen zur

Persönlichkeitsentwicklung bei: durch

Erwerb lernbedeutsamer Kompetenzen

und Kulturfähigkeiten, durch forschendes

Welterkunden, durch Bearbeitung

von Lebensfragen und Wertebezug,

durch die Entwicklung ästhetischen

Wahrnehmens und Gestaltens mit allen

Sinnen.

Überfachlich wurden insbesondere

Möglichkeiten elementarer Mitbestimmung

und demokratischer Lebensformen

als Aufgaben angenommen und

schulpraktisch entwickelt.

Hindernisse

Seit Anfang der 2000er-Jahre wurde der

Bildungsbegriff faktisch verengt. Fachbezogene

Kompetenzen wurden ins

Zentrum gerückt, die von besonderer

Bedeutung für den weiteren Lernerfolg,

für beruflichen Zugang und gesellschaftliche

Teilhabe sein sollen. Das

begann mit der Verkürzung der Lesekompetenz

auf »reading literacy«, die

Horst Bartnitzky

Dr. h. c., Grundschulpädagoge,

Ehrenmitglied des

Grundschulverbands

in den internationalen wie nationalen

Tests weiter auf testbare kognitive Faktoren

begrenzt wurde.

Deutsch und Mathematik wurden

faktisch zu den obligatorischen einzig

bedeutsamen Kernfächern der Grundschule:

durch die » Bildungsstandards«

von 2004, durch die seit 2008 bundesweit

durchgeführten Vergleichsarbeiten

(VERA), durch die Publikation von Aufgabenbeispielen

des IQB, durch die IG-

LU-Leistungsstudien, durch die regelmäßigen

Länderrankings in diesen beiden

Fachbereichen. Entsprechend wurden

die öffentliche Wahrnehmung, die

Medienresonanz und in Folge davon oft

auch die schulischen Schwerpunktsetzungen

auf diese beiden Fächer gerichtet.

Dadurch wurden die anderen Lernbereiche

zu fakultativen Nebenfächern

und die überfachlichen Lernanliegen

bedeutungsärmer. Dies ging zulasten

der umfassenden Bildung der Kinder,

der Mehrdimensionalität bei ihrer Entwicklungsförderung,

der Einführung in

und der Teilhabe an den sozialen und

kulturellen Errungenschaften der Gesellschaft.

Die Angebote im Betreuungsbereich

können das kulturelle Defizit eines solchermaßen

begrenzten Unterrichts nicht

ausgleichen.

Auch hierbei spielt die knapp gehaltene

Unterrichtszeit eine begrenzende

Rolle. Projekte im Bereich Ästhetik,

freies und genießendes Lesen, Theaterspiel,

Konzert brauchen Zeit, die nicht in

das vorgegebene enge Raster von 45-Minuten-Schulstunden

passt. Eine Rhythmisierung

über den ganzen Tag, die in

gebundenen Ganztagsschulen möglich

wäre, könnte hier entzerren und vertiefendes

Lernen ermöglichen.

Bildungsgerechtigkeit

Entwicklung

1969 ging es noch relativ pauschal um

bildungsbenachteiligte, schulschwächere

und um besonders leistungsstarke

Kinder. Inzwischen hat sich der Blick

auf die Verschiedenheit der Kinder differenziert

und mit dem Begriff Heterogenität

oder Diversität einen international

diskutierten Stand erhalten. Mit der

Entscheidung von 2009 zur Inklusion

auch im Bildungsbereich wurde schließlich

Heterogenität auf alle Kinder bezogen.

Bildungsgerechtigkeit meint damit:

allen, wirklich allen Kindern im Rahmen

ihrer Möglichkeiten umfassende

Bildung und einen anschlussfähigen

Schulabschluss ermöglichen.

Die Grundschule konnte hierbei bereits

auf jahrzehntelangen Erfahrungen

mit der Integration behinderter Kinder

aufbauen, in der Schulpraxis und in wissenschaftlichen

Begleituntersuchungen.

Zudem hatte sie längst didaktische Konzepte

und Methoden erarbeitet, die inklusiver

Didaktik entsprechen.

Hindernisse

Hinsichtlich der Leitidee Bildungsgerechtigkeit

durch Schulbildung wirkte sich

in all den Jahren die Unterversorgung

der Grundschule besonders benachteiligend

für viele Kinder aus. Zwar wurde

alle Jahre wieder festgestellt, dass in

Deutschland der Zusammenhang von

sozialer Herkunft und Bildungschancen

besonders groß ist. Doch blieben die

schulpolitischen Konsequenzen weitgehend

aus. Die Förderung in der Bildungssprache,

die besondere Herausforderung

zur Alphabetisierung und Integration

von Kindern mit Fluchterfahrungen, der

kompetente Umgang mit Kindern, die

besondere Hilfe und Zuwendung brauchen,

solche Kompetenzen gehen über

das bisher übliche Berufsbild der Grundschullehrkräfte

hinaus und erfordern

unterrichtliche Entlastungen für Fortbildungen

und unterstützende Kooperationen.

Teamarbeit mit pädagogischem

Personal anderer Professionen erfordert

die kontinuierliche Anwesenheit und

Zusammenarbeit an der Schule: psychologische

und sozialpädagogische Unterstützung

bei Kindern mit besonderen

Lebens- und Entwicklungsproblemen,

Förderlehrkräfte und Integrationshelfer

sowie die sozialpädagogische Arbeit mit

den Familien auch außerhalb der Schule.

GS aktuell 146 • Mai 2019

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