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Thema: 100 Jahre Grundschule. Ein Grund zum Feiern?

Kinder in schwierigen Lebenslagen,

Kinder aus schulbildungsfernen Milieus,

Kinder, die langsamer lernen, Kinder,

die sich besonders aggressiv oder besonders

regressiv verhalten, brauchen neben

professionell verständnisvoller Zuwendung

und kundigen Personen auch

mehr Zeit, um Bildungsangebote zu nutzen

und nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten

erfolgreich zu lernen. Die zumeist

verbreitete offene Ganztagsgrundschule

leistet dies nicht, weil sich hier Unterricht

und Betreuung lediglich addieren.

Der gebundene Ganztag an zumindest

drei Tagen von 8 bis 16 Uhr mit der abgestimmten

Arbeit der Pädagoginnen

und Pädagogen könnte diese Zeit bereitstellen.

Der Auftrag, den so verschiedenen

Kindern zur Bildungsgerechtigkeit zu

verhelfen, macht die Widersprüche

im deutschen Schulsystem besonders

offenkundig:

●●

Der Ganztag wurde unter familienpolitischen

und finanziellen Gesichtspunkten

zumeist als offener Ganztag

eingeführt und ermöglicht damit keine

zusätzliche Lernzeit für Kinder, die auf

mehr Bildungszeit angewiesen sind.

●●

Ab Klasse 2 oder 3 müssen an den

meisten Schulen Zensuren erteilt werden,

die an für alle in gleicher Weise

geltenden Anforderungen orientiert

sind. Damit werden individuell wertschätzende

und inhaltlich förderliche

Lern- und Leistungsrückmeldungen

um ihre Wirkung gebracht bzw. unmöglich

gemacht.

●●

Die frühe Platzierung der Kinder,

gleich ob auf fünf Systeme der Sekundarstufe

(Hauptschule, Realschule,

Gymnasium, Gesamtschule, Förderschule)

oder auf »nur« drei, kennzeichnet

das deutsche Schulsystem als primär

exkludierend. Die Auslese schafft

in den Grundschulklassen offenkundige

Leistungshierarchien und damit verbundenen

Stress und Entmutigungen

gerade für leistungsschwächere Schülerinnen

und Schüler, die in besonderer

Weise auf Bildungszeit und Ermutigung

angewiesen sind.

●●

Die Zuweisung von Stellen an

Grundschulen für Förderlehrkräfte

nach Schüler-Lehrer-Relation und gemessen

an der Anzahl der jeweiligen

Förderkinder erbringt häufig nur deren

stundenweise Mitarbeit an der Grundschule.

Dadurch fehlen Kooperationssstunden

und der Zeitrahmen für nachhaltig

wirksame Teamarbeit, die einen

förderlichen und damit inklusiven Effekt

auf das gesamte System bewirken

können.

In der zweiten Hälfte der 2010er-Jahre

führten Fehleinschätzungen der Kultusministerkonferenz

zu einem drastischen

Lehrermangel an Grundschulen.

Seit 2011 stiegen die Geburtenzahlen

an, ab 2013 wanderten mehr Menschen

nach Deutschland zu als ab. Zugleich

gingen mehr Lehrkräfte in den Ruhestand.

Dennoch rechnete die KMK noch

2015 mit einem Überangebot von Lehrkräften

auch im Grundschulbereich. Da

nicht genug Grundschullehrkräfte ausgebildet

wurden, werden seit 2017 schulfremde

Seiteneinsteiger und arbeitslose

Gymnasiallehrkräfte angeworben. Wie

sich diese Entwicklung auf die Qualität

der Grundschularbeit und damit auf die

weitere Bildungsbiografie von Kindern

auswirken wird, ist derzeit noch nicht

zu übersehen.

Der überzeitliche Anspruch an die

Reform zur kindergerechten Grundschule

bleibt die Demokratie-bewusste

Weimarer Option der »für alle gemeinsamen

Grundschule«, das heißt: die individuelle

Förderung jedes Kindes, eingebunden

in das Miteinander der Lerngruppe

und der Schule in der Grundstufe

eines inklusiven Schulsystems. Der

sechste Bundesgrundschulkongress am

13./14. September in Frankfurt/M. muss

hier seine Orientierung haben.

Der Beitrag basiert auf dem neuen Mitgliederband

»Auf dem Weg zur kindergerechten

Grundschule« (siehe Kasten).

Dort sind alle angesprochenen Themen

und Stichwörter ausführlich dargestellt

und mit Quellenhinweisen versehen.

Erscheint im September 2019 zum

Bundesgrundschulkongress

»Ist die Grundschule reformbedürftig?«

Diese Frage stand vor 50 Jahren am Anfang einer im Schulbereich einmaligen Entwicklung,

die bis heute anhält: Differenzierung, offener Unterricht, zensurenfreier Raum,

Ganztag, Inklusion, Lernen auch mit digitalen Medien.

Der Band zeichnet die Entwicklung nach. Dabei wird auch deutlich, wie Reformbemühungen

durch Rahmen bedingungen ausgebremst werden: zu wenig Bildungszeit,

halbherziger Ganztag, Lehrermangel, Zensurengebot, früher Ausleseauftrag,

geringe Unterstützung bei wichtigen neuen Aufgaben.

Dies alles und der entsprechend so mühsame wie lohnenswerte Weg zur kindergerechten

Grundschule wird Jahrzehnt für Jahrzehnt nach gezeichnet und mit Beispielen

und Dokumenten lebendig illustriert.

Seit 1969 ist der Grundschulverband Akteur und kritisch-konstruktiver Zeitzeuge der

Grundschulentwicklung. In seinem Auftrag erarbeitete Horst Bartnitzky diesen Band.

Das Ergebnis ist

l ein einladendes Lesebuch zum Blättern, Stöbern und Entdecken,

l ein Geschichtsbuch über 50 Jahre Grundschule, Bildungspolitik und Pädagogik,

l ein fundiertes Nachschlagewerk zu bildungspolitischen Brennpunkten und

pädagogischen Kernthemen der Grundschule,

l ein Mut machendes Handbuch mit vielen Beispielen für kindergerechte Schulpraxis.

Auf dieser Grundlage erschließt der umfangreiche Band auch Perspektiven für die

Grundschule der Zukunft.

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GS aktuell 146 • Mai 2019

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