FOCUS_17_062066S_Inner Circle

playboygermany

INNER CIRCLE

Christoph Weigler, 36

Seit Oktober 2015 Chef von Uber Deutschland.

Sein Unternehmen hofft auf eine

Liberalisierung des deutschen Taximarkts,

setzt auch auf E-Bikes im Stadtverkehr

Uwe Hochgeschurtz, 56

Der Deutschland-Chef von

Renault warnt davor, einseitig auf

E-Antriebe zu setzen

Claudia Kemfert, 50

Die Verkehrsexpertin am Deutschen

Institut für Wirtschaftsforschung (DIW)

fordert mehr E-Fahrzeuge und höhere

Abgaben auf Benzin und Diesel

Burkhard Graßmann, 52

Geschäftsführer von BurdaNews

und Gastgeber des FOCUS Inner Circle

Mobility im Berliner „China Club“

David Knower, 57

Deutschland-Chef des US-

Finanzinvestors Cerberus

FOCUS Inner Circle Mobility

„Unsere individuelle Mobilität

müssen wir verteidigen“

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier fordert mehr

Tempo auf dem Weg zu einer neuen Verkehrspolitik

INTERVIEW VON ROBERT SCHNEIDER

TEXT JAN GARVERT UND MARAIKE MIRAU

Peter Altmaier, 60

Der Bundeswirtschaftsminister

sorgt sich um die Zukunft der deutschen

Autoindustrie. Er setzt sich für eine

europäische Batterieproduktion ein

62 FOCUS 17/2019 63


WIRTSCHAFT

INNER CIRCLE

A

ls die Familie Altmaier 1964

ihr erstes Auto bekam, einen

weißen Ford 20 M, spürte

der kleine Peter die große

Freiheit. Eben mal zu den

Großeltern zu fahren war

auf einmal kein Problem

mehr. Sondern ein Vergnügen.

Sein Vater, ein einfacher Bergmann,

dessen Bein amputiert war, musste nicht

mehr zur Bushaltestelle humpeln. „Plötzlich

hatten wir grenzenlose Mobilität“,

erinnert sich 55 Jahre später der große

Peter – Peter Altmaier (CDU), Bundesminister

für Wirtschaft und Energie. Ein klares

Statement fürs Auto zum Auftakt des

FOCUS Inner Circle, bei dem die Mobilitätsexperten

Uwe Hochgeschurtz (Renault

Deutschland), Claudia Kemfert

(Deutsches Institut für

Wirtschaftsforschung), Klaus

Kimmel (Zweirad-Einkaufs-

Genossenschaft) und Christoph

Weigler (Uber Deutschland)

darüber diskutierten,

was uns künftig bewegt.

Denn die automobile Freiheit

aus Altmaiers Kindertagen

stößt längst an ihre

Grenzen. Autos verstopfen

die Innenstädte, verschmutzen

die Luft. Daimler steht

gerade am Pranger wegen

möglicher Diesel-Schummeleien.

Und die Kanzlerin

überlegt, den CO 2 -Ausstoß

von Autos mit Abgaben zu

belegen. „Weiter so“ geht

jedenfalls nicht. Das sehen

Fachleute und Politiker so,

aber vor allem die Wähler:

Deren Gesinnung wird

immer grüner. Eine neue

Mobilität muss her.

Seit 20 Jahren sei klar, so Altmaier, dass

alternative Antriebe wichtig würden. Die

deutsche Autoindustrie warnte er, den

Anschluss nicht zu verpassen. „Die Segelschiffhersteller

haben nicht die Dampfschiffe

gebaut.“ Bei der E-Auto produktion

liegt mit der Batterieherstellung bereits ein

großer Teil der Wertschöpfung im Ausland.

Das gefiel ihm nicht. Ebenso wenig wie

Mobilitätskonzepte, die auf Verzicht setzen.

„Wir sollten das hohe Maß an individueller

Mobilität, das wir errungen haben,

verteidigen“, forderte Altmaier. „Ist das

realistisch?“, fragte FOCUS-Chefredakteur

Robert Schneider, der den Inner Circle

moderierte.

Autonomes Fahren

ermöglicht mehr Autos

auf den Straßen

Frau Kemfert, worauf müssen wir verzichten,

wenn wir eine klimafreundliche

und umweltgerechte Mobilität wollen?

Kemfert: Wir müssen unser Mobilitätsverhalten

ändern. Das geht nur, indem

die Anzahl der umweltschädlichen Fahrzeuge

vermindert wird. Gerade im Straßenverkehr

muss sich dringend etwas

verändern. Wir brauchen weniger Verkehr

auf der Straße, mehr Verkehr auf der

Schiene und mehr E-Mobilität.

Plädoyer für andere Mobilitätsformen – bloß welche?

Klaus Kimmel, Christoph Weigler, Claudia Kemfert, Uwe Hoch geschurtz

und FOCUS-Chefredakteur Robert Schneider (v. l.) diskutieren auf dem

Podium darüber, wie wir uns zukünftig fortbewegen werden

Hochgeschurtz: Einspruch! Ich denke

nicht, dass wir weniger Autos brauchen.

Autos bedeuten Mobilität. Und je größer

die Mobilität, umso leichter können Menschen

gute Jobs ausüben, was zu mehr

Wachstum und Wohlstand führt.

Klar, dass Sie das als Autohersteller

sagen müssen.

Hochgeschurtz: Ich sage das, weil es

stimmt. Durch autonomes Fahren werden

mehr Fahrzeuge im Straßenverkehr möglich.

Das heißt, wir können auch mehr

Menschen und Waren transportieren.

Diese Fahrzeuge dürfen dann natürlich

nicht mit fossilen Brennstoffen unterwegs

sein, sondern mit erneuerbarer Energie.

Weigler: Das sehe ich genauso. Es ist

wichtig, dass wir keine Angst vor Autos

schüren und nicht mit Verboten kommen.

Mobilität muss sich entsprechend der

Bedürfnisse der Menschen entwickeln

und darf nicht verordnet werden.

Wo soll in unseren Städten noch Platz

für weitere Fahrzeuge sein?

Kemfert: Da ist kein Platz mehr. Statistisch

gesehen stehen 90 Prozent der

Fahrzeuge 23 Stunden am Tag nur herum.

Und dann fahre ich statistisch gesehen

20 Kilometer damit. Das heißt, wir haben

keine Fahrzeuge, wir haben Stehzeuge.

Weigler: Wenn wir weniger Autos in den

Städten wollen, müssen wir Alternativen

zur Verfügung stellen, die dazu motivieren,

das eigene Auto auch mal stehen zu

lassen. Dazu gehört ein gut

ausgebauter ÖPNV. Dazu

gehören aber auch Carsharing,

Bikesharing, das klassische

Taxi und eben Fahrdienstvermittler

wie wir.

Kimmel: Vor allem gehört

das Fahrrad immer mehr

dazu. Die Branche hat allein

im vergangenen Jahr über

30 Prozent mehr Elektrofahrräder

verkauft, fast eine

Million. Nicht weil irgendein

Politiker das gefordert

hätte. Sondern weil die

Menschen erkannt haben,

dass das Rad die Probleme

der innerstädtischen Mobilität

lösen kann.

Weigler: Das Fahrrad ist

für die Innenstadt eigentlich

eines der besten Verkehrsmittel.

Deshalb können

unsere Kunden in

Berlin auch bereits seit 2018

per Uber-App unsere Jump-

E-Bikes buchen. Gerade auf kurzen Strecken

ist das attraktiv. Viele Kunden, die

vielleicht früher ein Auto bestellt hätten,

um zwei Kilometer zu fahren, nutzen jetzt

ein Pedelec.

Herr Kimmel, wird es künftig auch

autonome Fahrräder geben?

Kimmel: Als Forschungsprojekte gibt es

die schon. Wir wollen, dass Fahrräder mit

Autos und Fußgängern kommunizieren.

Das macht Fahrradfahren sicherer und

komfortabler. Ich glaube übrigens, beim

Auto wird es noch sehr lange dauern,

bis wir damit autonom und elektrisch

unterwegs sind – vor allem auf langen

Strecken.

Fotos: Benjamin Zibner (7), Jens Oellermann (6)/beide HBM, Markus C. Hurek für FOCUS-Magazin

Fernsehmoderatorin Annika de Buhr

mit Moderator Tim Niedernolte

BurdaNews-Chef Burkhard Graßmann und

Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU)

Fashion-Expertin Gitta Banko und

Fotograf Carsten Sander

Ein Thema – rund 150 Gäste

aus Politik, Wirtschaft und Kultur

Highlights des Abends im Video: http://bit.ly/ficm2019

Marc Sauber (BMW)

und die verkehrspolitische

Sprecherin

von CDU/CSU,

Daniela Ludwig

VDA-Geschäftsführer

Martin

Koers und Tamari

Bulia, Managerin

bei ESMT

Paul Kowitz vom

CDU-Wirtschaftsrat

mit Unternehmenspsychologin

und

Schauspielerin

Michèle Fichtner

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) mit Mario Ohoven, Präsident des

Bundesverbands mittelständische Wirtschaft

FOCUS-Chefredakteur Robert

Schneider und David Knower,

Chef von Cerberus Deutschland

Gero Schließ (Deutsche

Welle) und CDU-Politiker

Christoph Ploß (CDU)

Anja Heyde (ZDF/MDR),

Martin Zimmermann (Renault),

Annika Zimmermann (ZDF)

Andreas Kraus

(Berater RPP),

Joerg Wittemann

(Tesla) und Judith

Kleinemeyer (Ford)

Heinz Scheiner (Burda) mit

Klaus Kimmel (ZEG)

Oliver Santen (Bundesverband

deutscher Banken) und Julian

Geist (Kekst CNC)

64 FOCUS 17/2019 FOCUS 17/2019 65


WIRTSCHAFT

INNER CIRCLE

Kemfert: Autonom fahren auf langen

Strecken geht doch heute schon! Die

Bahn fährt heute vollelektrisch nach

Paris, ohne dass Sie etwas dazu tun müssen.

Aber im Ernst: Wir werden viel früher

autonom fahren, als wir glauben. Die

technischen Fortschritte sind riesig. Gerade

im ländlichen Raum, wo es sich nicht

lohnt, den Schienenverkehr oder ÖPNV

auszubauen, gibt es Pilotvorhaben mit

autonom fahrenden Kleinbussen.

Hochgeschurtz: Die Projekte hören sich

gut an, aber das sind Ausnahmen. In 90

Prozent des ländlichen Raumes tragen

sich solche Angebote nicht. Zudem ist es

nicht für jeden günstiger, mit Carsharing,

Uber oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln

zu fahren. Für eine vierköpfige

Familie mit mittlerem Einkommen,

die auf dem Land

wohnt, gibt es kein günstigeres

Transportmittel als

das eigene Auto.

Kemfert: Aber der Preis

fürs heutige Autofahren bildet

nicht ansatzweise die

Kosten ab, die verursacht

werden. Wenn wir die

Schäden durch fossile Autoemissionen

einpreisen würden,

dann wäre das Bahnfahren

viel billiger.

Brauchen wir also eine CO 2-

Steuer, wie es auch Kanzlerin

Angela Merkel fordert?

Kemfert: Die Ökosteuer

sollte konsequenter an Klimazielen

ausgerichtet sein.

Die Dieselsteuer sollte an

die Benzinsteuer angepasst

werden. Fossile Energien

müssen stärker besteuert

werden, Strom hingegen

muss entlastet werden.

Hochgeschurtz: Widerspruch! Wir dürfen

das nicht über eine Steuer regeln, die

der Staat festsetzt. Das ist nicht effizient.

Ich bevorzuge eine marktwirtschaftliche

Lösung. So erreichen wir, dass dort CO 2

reduziert wird, wo es volkswirtschaftlich

am effektivsten ist. Das ist die gerechteste

und wirksamste Methode für mehr

Klimaschutz.

Die traditionellen Autohersteller hinken

aber bei der E-Mobilität ziemlich hinterher.

Hochgeschurtz: Die Technologie verbessert

sich rasant, allein wenn man auf die

Reichweiten der Batterien schaut. Wir

haben zuerst über 80 bis 100 Kilometer

gesprochen. Jetzt reden wir über 400 bis

E-Lastenräder sind die

Alternative für Logistiker

500 Kilometer. Aber wir sollten auch an

Wasserstoff, Gas und synthetischen Kraftstoffen

weiterforschen. Man muss schon

Technologieoffenheit bewahren, vor allen

Dingen in der Forschung.

Kimmel: Moderne E-Bikes schaffen

bereits bei flachen Strecken im Sport -

modus 120 Kilometer Reichweite. Wir bieten

ein E-Lastenrad an, mit dem Sie 240

Kilogramm transportieren können. Das ist

eine Alternative für Logistiker, um Kleintransporter

von der Straße zu bekommen,

die den Verkehr oft blockieren.

Glauben an die automobile Zukunft

Christoph Weigler, Deutschland-Chef von Uber, und Uwe Hochgeschurtz,

Vorstandsvorsitzender von Renault Deutschland, setzen auf Elektromobilität

und autonomes Fahren, vernetzt mit ÖPNV und Fahrrad

ONLINE

Die Leserdebatte

von FOCUS ONLINE

Hilft eine CO 2 -Steuer,

Umwelt und Klima besser

zu schützen?

In unserem Meinungsforum debattieren

unsere Leser das Thema der Woche.

Eine Auswahl der Texte drucken wir

nächste Woche auf der Leserdebatten-

Seite ab. Bedingung: Sie schreiben

unter Ihrem echten Namen.

Beiträge: www.focus.de/magazin/debatte

Mails an: debatte@focus.de

Kemfert: Es muss einen gesunden Mix

geben, das E-Lastenrad gehört dazu. Das

Elektroauto ist für den Individualverkehr

unschlagbar. Es hat Wirkungsgrade von

80 Prozent. Wenn Sie erst mal Kraftstoffe

herstellen müssen – Wasserstoff, Brennstoffzelle,

Power-to-Gas –, brauchen Sie

achtmal so viel Energie! Das ist nur für

Bereiche sinnvoll, wo es keine Alternativen

gibt: im Schiffsverkehr, teilweise im

Flugverkehr und für schwere Lkws.

Kimmel: Außerdem ist E-Bike-Fahren

gesund. Wer ein E-Bike vor der Tür stehen

hat, steigt eher aufs Fahrrad. Unterm

Strich bewegen sich die Leute mehr – und

verzichten aufs Auto. Dazu machen wir

gerade eine Studie mit der Medizinischen

Hochschule Hannover.

Weigler: Die Kunden nehmen

Elektroautos übrigens

super an. Das haben wir

vergangenes Jahr in München

getestet. Dort konnten

Kunden über unsere

App gezielt ein Elektroauto

bestellen. Die Leute waren

bereit, zu gleichen Kosten

fünf Minuten länger zu warten,

um ein Elektroauto zu

bekommen. Das ist eine

echte Präferenz für Elektromobilität.

Aber haben die europäischen

Autohersteller denn noch

Chancen aufzuholen gegenüber

den Asiaten?

Hochgeschurtz: Wenn Sie

die Batterie einkaufen, die

Elektronik und die Plattform,

dann bleibt Ihnen

am Ende noch ein bisschen

Elektromotor für die Wertschöpfung.

Eine Kupferspule

mit zwei Magneten,

ein ganz, ganz einfaches Objekt. Heißt

also im Klartext, dass wir fast 100 Prozent

der Wertschöpfungskette in der Automobilindustrie

verlieren könnten.

Das klingt bedrohlich!

Hochgeschurtz: Deshalb müssen wir hier

in Forschung investieren. In Forschung an

Feststoffbatterien. Dann lösen wir auch

das Problem, von den Rohstoffen anderer

abhängig zu sein, und müssen uns keine

Sorgen mehr machen, unter welchen sozialen

Bedingungen Rohstoffe wie Lithium

oder Kobalt abgebaut werden. Höhere

Reichweite, niedrigerer Preis. Aber der

Forschungsaufwand ist extrem hoch. Da

muss auch der Staat helfen.

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