Erna lite & short

sinedi

ERNA KRONSHAGE

Ein Opfer der NS-Krankenmorde

Das Leidensporträt

in einfacher Sprache

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Edward Wieand – 3-2017 – neu durchgesehen und ergänzt 5-2019

Mail: sinedi.art[at]gmail.com

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Ernas Kindheit & Schulzeitr

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Erna wird am 12. Dezember

1922 in der Ortschaft

Senne II geboren (heute

heißt das dort „Bielefeld-

Sennestadt“).

Sie ist das 11. und jüngste

Kind.

Die Familie Kronshage lebt

und arbeitet auf einem

Bauern-Hof in der Senne.

Der Vater arbeitet halbtags

in einer Fabrik als Tischler.

Der Hof liegt dort nahe am

Bahnhof mit Bahn-Steig

und Rangier-Gleisen.

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Damals sieht das Bauern-

Haus so aus.

Das Haus heute:

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Auf diesem Familien-Foto

ist Erna

die 2. von links …

Erna wird als Jüngste

wohl hauptsächlich

von ihren älteren

Geschwistern „erzogen“.

Sie wird als „Nest-

Häkchen“ sicherlich

entsprechend

verwöhnt …

Erna ist ca. 8 Jahre alt.

Ausschnitt aus dem Familien-Foto oben.

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Erna ist eine gute

Schülerin.

Das Lernen

macht

ihr Spaß.

Sie hat sehr gute

Zeugnisse.

In einer

Schul-Klasse

sieht es damals

so aus.

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Ernas Arbeit zu Hause als Haus-Tochter

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Erna arbeitet nach ihrer Schulzeit

als „Haus-Tochter“ zu Hause auf

dem Bauern-Hof.

„Haus-Tochter“ war eine

Tätigkeit für junge Frauen bis zu

ihrer eigenen Hochzeit.

Erna muss oft allein mit ihren

Eltern arbeiten.

Die Brüder sind als Soldaten im

Krieg.

Die älteren Schwestern haben

jetzt eigene Familien.

Erna muss z.B. Kartoffeln ernten.

Und Wäsche waschen am

Brunnen.

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1940 kommt der Krieg zum

ersten mal bis in die Senne.

Ein englischer Flieger wirft

Bomben ab auf den Guts-

Hof gegenüber.

Der Guts-Hof ist nur 100

Meter von Ernas Wohn-

Haus entfernt.

Erna ist tief erschrocken,

denn eine Nachbarin stirbt

dabei.

Die Nachbarin war so alt

wie Erna.

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Aus der Groß-Familie

Kronshage wurde

allmählich eine

Kleinst-Familie.

Erna wohnt allein mit

den Eltern im Haus.

Sie fühlt sich einsam.

Sie sehnt sich nach

Freunden, mit denen

sie quatschen kann.

Ihre Eltern sind 40

Jahre älter als sie.

Für Erna allein ist die

Arbeit zu schwer.

Sie will Ferien machen

und ausspannen.

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Im Herbst 1942 will Erna plötzlich nicht mehr

mitarbeiten.

Sie schimpft mit den Eltern. Sie hat keine Lust

mehr.

Sie will Urlaub machen und sich erholen. Erna

ist schlapp von der schweren Arbeit.

Ernas Mutter muss diese Bummelei an die

Gemeindeschwester melden.

Jetzt im Krieg wird kein „Blau-Machen“ auf

einem Bauern-Hof geduldet. Jeder Bauern-Hof

ist für die Versorgung der Bevölkerung wichtig.

Die Gemeindeschwester

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Die Gemeindeschwester schickt Erna zu

einer amts-ärztlichen Untersuchung.

Erna bittet den Arzt dort, in die Heil-Anstalt

nach Gütersloh zu kommen.

Dort will sie sich erholen und wieder „fit“

werden.

Eine Schwester von Erna hatte sich dort

nach einer Erkrankung in 4 Wochen wieder

gut erholt.

Erna will das genauso.

Sie lässt sich am 24. Oktober 1942 mit einer

Polizei-Streife nach Gütersloh einweisen –

gegen den Willen ihrer Eltern.

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Erna in der Heil-Anstalt Gütersloh

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Die Heil-Anstalt Gütersloh ist damals eine

große „Gesundheits-Fabrik“. –

Sie besteht aus mehreren

Krankenhäusern und Heimen – mit weit

über 1000 Patienten.

Nazi-Ärzte und Krankenschwestern

haben dort das Sagen.

Es gibt getrennte Frauen- und

Männerbereiche.

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In Gütersloh führt ein Arzt eine erste

Untersuchung durch.

Er fragt nach Erkrankungen in der

Verwandtschaft.

Erna ist aufgeregt. Die Situation macht ihr

Angst.

Erna sei an einer Geistesstörung erkrankt, stellt

der Arzt dann fest Diese Störung trage den

Namen „Schizophrenie“.

Bei dieser Störung lassen sich Wirklichkeit,

Traum oder Fantasie nicht unterscheiden. Alles

fließt ineinander.

• Bei einer „Schizophrenie“ wird das Erleben in

viele kleine Stücke zersplittert.

• Man hört auch Stimmen - aber in

Wirklichkeit spricht niemand.

• Das alles sind oft bedrohliche Einbildungen.

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Das Kartoffel-Schälen und die Garten-

Arbeit werden jetzt als Beschäftigung

tagsüber gezielt angeordnet.

Das innere Erleben soll sich wieder

sortieren.

Zusätzlich werden bei Erna noch mit

Medizin künstlich Krampfanfälle

ausgelöst.

Diese Anfälle sollen innere Spannungen

lösen.

Dazu wird das Mittel „Cardiazol“ in die

Arm-Beuge gespritzt.

Erna ist nach einem ausgelösten Anfall

jedesmal verwirrt und schlapp.

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Erna wird “unfruchtbar” gemacht:

sie soll keine Kinder bekommen können

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Die Heil-Anstalt Gütersloh stellt

Anfang 1943 für Erna Kronshage einen

Antrag auf „Unfruchtbarmachung“.

Bei einer solchen „Sterilisations“-

Operation am Unterbauch wird dafür

gesorgt, dass keine Kinder mehr

geboren werden können.

Bestimmte Gesundheitsstörungen

könnten von Eltern auf die Kinder

übertragen werden, meinte man

damals.

Per Gesetz mussten deshalb auch

„Schizophrenie“-Kranke „unfruchtbar“

gemacht werden.

So sollte eine „Weiter-Vererbung“

gestoppt werden.

Ernas Vater hat dagegen beim dafür

zuständigen „Erb-Gericht“ mehrfach

Widerspruch eingelegt.

Erna wird nach 2 Gerichts-

Verhandlungen am 4. August 1943 im

Krankenhaus operiert und

„unfruchtbar“ gemacht. 20


Deportation: Verlegung

in die Heil-Anstalt “Tiegenhof”

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Ab Mitte 1943 sind in

Gütersloh auf Anweisung

Bettenplätze

freizumachen.

Die vielen Kriegsverletzten

in den Städten und an der

Kriegsfront sollen jetzt

dort versorgt werden

Dafür muss in den Heil-

Anstalten genug Platz

geschaffen werden.

Erna Kronshage wird

deshalb mit 99 Mit-

Patienten verlegt.

Am 12.11.1943 bringt sie ein

Sonderzug in die weit

entfernte Anstalt

„Tiegenhof“ bei der Stadt

Gnesen im damals

besetzten Polen. 22


Luft-Aufnahme

Heil-Anstalt

„Tiegenhof“ bei

Gnesen – PL

Dziekanka/Gniezno

Ist der Name vor und

nach der Deutschen

Besetzung:

• rechts oben:

Bucheinband eines

Jubiläumbandes von

1994

• Links unten: Typischer

Anstalts-Pavillon

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Krankentötungen – “Euthanasie”

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Für Nazis sind Menschen mit geistigen Störungen „unnütze

Esser“, die nur Geld kosten.

Mit denen ließe sich nichts verdienen.

Hitler machte deshalb ab 1939 „kurzen Prozess“: er gibt den

Befehl, diese Menschen zu töten.

Er meint damals, der Tod wäre für diese Menschen eine

„Erlösung“.

Er nennt deshalb diese Kranken-Morde „Euthanasie“ – was

übersetzt „schöner Tod“ heißt.

Für diese Kranken-Morde werden die Menschen ausgewählt

mit einem ärztlichen Frage-Bogen:

Um 3 Dinge geht es dabei:

• Wer ist der Kranke?

• Wie stark ist er erkrankt?

• Kann und will der Kranke arbeiten?

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Erna wird ermordet und

zu Hause beerdigt

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Nazi-Ärzte hatten für die

„Euthanasie“-Morde ein

unauffällig schleichendes

Tötungs-Rezept entwickelt:

• fettlose Speisen mit

• beigemischten Schlaf-

Mitteln

• wurden zu einer “Gelben

Suppe” vermischt, die

geschluckt werden

musste

Nach einiger Zeit starben

dann die Menschen durch

Entkräftung oder

Entzündungskrankheiten.

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Erna Kronshage wird damit am 20.02.1944 in „Tiegenhof“ bei Gnesen ermordet.

Es dauerte genau 100 Tage vom Tag der Abreise aus Gütersloh bis zu ihrer Ermordung.

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Die Leiche Erna Kronshages wird auf Antrag der Eltern nach

Senne II überführt.

Ihr Sarg wird in einem Pack-Waggon der Reichs-Bahn bis auf

die Rangier-Gleise des Bahnhofs „Kracks“ gefahren.

Die Familie öffnet heimlich den Sarg.

Sie will wissen, ob Spuren von Gewalt-Anwendung an der

Leiche sichtbar sind.

Am 5.Marz 1944 wird Erna Kronshage auf dem Alten Friedhof

in Senne II – heute Sennestadt – im Familien-Grab beerdigt.

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Gedenken

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Am 6. Dezember 2012

wurde nahe des

Geburtshauses von Erna

Kronshage zum Gedenken

ein „Stolperstein“ gelegt.

In der Klinik-Kapelle in

Gütersloh wird heute mit

einem leuchtenden

Namens-Band den 1.017

„Euthanasie“-Mord-Opfern

gedacht, die von hier in die

Tötungs-Anstalten verlegt

wurden.

Erna‘s Name ist unten links

zu sehen …

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