The Jaguar NR 05/2019 - DE

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INNOVATION

BRENDAN WALKER

ENTWICKLER VON

ACHTERBAHNEN

Wussten Sie, dass es ein

Gen für Abenteuerlust

gibt?“, fragt Brendan

Walker. Wer einen

be stimmten Dopamin-Rezeptor besitze,

suche häufiger den Nervenkitzel, erklärt er.

„Ich habe vor einiger Zeit meine DNA

testen lassen. Ich besitze diesen Rezeptor

– was mich nicht sonderlich wundert.“

Walker, der sich selbst „Nervenkitzel-

Ingenieur“ nennt, war an der Entwicklung

einiger bekannter Achterbahnen

und Vergnügungsparcours in Großbritannien

beteiligt, etwa dem Wicker Man

oder dem Thirteen im Alton Towers. Bei

seinem Luftdesign geht es ihm um

„maßgeschneiderte emotionale Erlebnisse“.

Das ist seine Passion: dem

Phänomen des Nervenkitzels auf die

Spur zu kommen.

„Es ist natürlich höchst subjektiv,

aber für mich steckt im Nervenkitzel

einerseits Vergnügen – wofür das

Dopamin steht – und andererseits die

Erregung – das Adrenalin. Um das

hervorzurufen, müssen beide Aspekte

zusammen schnell und heftig gesteigert

werden“, sagt Walker. „Angst kann das

Erlebnis noch dramatischer machen.“

Bei der Achterbahn beginnt das

emotionale Erlebnis, sobald man davon

erfährt, dass es sie überhaupt gibt – etwa

wenn man eine Fernsehwerbung sieht.

Die Anreise gehört dazu, das Kaufen

der Eintrittskarte und das Schlangestehen.

„Der Moment, in dem der Gurt

zuschnappt, wenn du weißt, es gibt kein

Zurück mehr – das ist der größte

Nervenkitzel überhaupt“, sagt Walker.

Er weiß das, weil er die Emotionen

und physiologischen Veränderungen bei

Tausenden Besuchern von Freizeitparks

aufgezeichnet und analysiert hat, um

den Nervenkitzel gleichsam zu quantifizieren.

Daraus hat er sogar eine eigene

Formel entwickelt, den „Walker Thrill

Factor“. Damit misst und bewertet er

den Nervenkitzel, indem er die Reaktionen

der Mitfahrenden erfasst, unter

anderem Puls und Gesichtsausdruck.

„Das ist mein Tick, meine Wissenschaft.“

In seinem Studio im Osten von London

sitzend, steigt hinter seiner großen

Markenbrille ein Grinsen auf. Walker

hat Ingenieurwissenschaft studiert und

einige Jahre für British Aerospace

gearbeitet, bevor er entschied, dass die

Produktionszeit von Flugzeugen zu lang

für seinen Geschmack war. Er kündigte

und ging auf die Kunstakademie,

wonach er Industriedesign studierte.

„Ich habe immer schon gern experimentiert.

Anfangs habe ich in meinem

Atelier mechanische Skulpturen entworfen.

Es war spannend, wie die

Zuschauer darauf reagiert haben, und

ihre Emotionen zu beobachten. Dann

habe ich mir die psychologischen

Mechanismen dahinter angesehen und

auf dieser Grundlage meine Installationen

im Londoner Science Museum

entwickelt. Daraus erwuchs schließlich

meine Arbeit als Nervenkitzel-Ingenieur.“

Wenn Walker Freizeitparks berät,

plant er Faktoren wie Geschwindigkeit,

g-Kraft oder Änderungen in der

Beschleunigung anhand seiner

Forschungsergebnisse. Er berechnet,

wie weit es im Dunkeln senkrecht nach

unten gehen muss, um einen Nervenkitzel

zu erzeugen – 0,7 Sekunden bzw.

2,40 Meter. Eine Fahrt sollte nicht

einfach nur ein permanenter Adrenalinrausch

sein, sagt er. „Eine Achterbahn

ist wie ein Film oder eine Platte. Wann

muss man das Tempo ändern? Wann die

Stimmung aufhellen? Alfred Hitchcock

war ein Meister darin, dem Zuschauer

eine kurze Atempause zu gönnen,

um ihn dann noch tiefer ins Dunkel

zu führen.“

In seinem aktuellen Projekt verknüpft

Walker virtuelle Realität mit einer

alt hergebrachten Schaukel. Wer darauf

sitzt, der glaubt, sich über Dächer

aufzuschwingen oder wie eine Qualle

durchs Meer zu gleiten. „Ich suche nach

Möglichkeiten, wie ich die Leute

täuschen kann, dass die physischen

Kräfte, die sie während der Fahrt

spüren, von ganz woanders kommen.

Virtual Reality ist dafür natürlich

gut geeignet – vielleicht ist sie die

Zukunft, um Nervenkitzel zu kreieren,

für die man nicht mehr in die Achterbahn

steigen muss.“

60 THE JAGUAR

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